“Wenn die Familien nicht in ihre Häuser zurückkehren, wird das Christentum im Irak aussterben”

Trip to Iraq 2016 December 19<br /> Fr. Salar Soulayman Bodagh (Chaldean priests) on the balcony of the presbytery of the Mar Quryaqus (Qeryaqos) church in Batnaya<br /> Mar Quryaqus (Qeryaqos) church in Batnaya<br /> There is a church in Batnaya by the name of Mar Quryaqus (Qeryaqos), the patron of the town. It is a big church in the middle of the town on a high area. In 1944 the Mar Qeryaqos Church was built on the ruins of a monastery by the same name believed to have been built early 15th century. A second but smaller church Mart Maryam was built in 1966, while the church of Mar Gewargis was mentioned in an inscription dating 1745. Besides, there is the Monastery of St. Joseph which looks like a big house. It is inhabited by the Order of the Dominican Sisters. It also contains rooms and halls for catechism and a kindergarten. It is run by the religious and teachers of catechism. It is noteworthy that the sub-diocese of Mar Quryaqus belongs to the Chaldean Diocese of Elqosh.<br /> There is a shrine in the town called Mart Shmooni which lies in the middle of the towns cemetery. It is visited by people on memorial occasions for prayer, religious canticles on such revered occasions for the villagers.<br /> Batnaya is an Assyrian town in northern Iraq located 14 miles north of Mosul and around 3 miles north of Tel Keppe. All of its citizens fled to Iraqi Kurdistan after the ISIS invasion on August 6, 2014. On October 20, 2016, Peshmerga and Assyrian forces drove ISIS out and occupied the town. [2]<br /> Etymology<br /> The name Batnaya is of Syriac origin derived from either "Beth Tnyay" meaning "The House of Mud" or "Beth Tnaya" meaning "The House of Assiduity."<br /> History<br /> Batnaya used to be called "Beth Madaye" meaning the "House of the Medes" where it's believed that a group of the Medes who followed the Assyrian monk Oraham (Abraham) settled there around the seventh century. It's also believed that Christianity reached Batnaya around that time.<br /> Batnaya was attacked by the army of Nader Shah in 1743 wh

Pater Salar Kajo ist einer der Priester, die den mehr als 120.000 Christen zur Seite gestanden haben, die vor der Invasion des «Islamischen Staates» aus ihren Häusern im Irak fliehen mussten und die in den letzten drei Jahren in ihrem eigenen Land als Flüchtlinge gelebt haben.

Er war einer der Ersten, die zurückkehrten, als es den Truppen der irakischen Armee gelang, die Dschihadisten abzuwehren. Pater Salar koordiniert mit Hilfe des Ninive-Wiederaufbau-Komitees die Wiederaufbauarbeiten in den Dörfern in der Ninive-Ebene.

“Die Kirche ist die einzige Institution, die mit den Christen des Irak und anderen Minderheiten zusammenarbeitet, damit sie wieder leben können wie früher. Falls die Familien nicht in ihre Häuser zurückkehren, wird das Christentum im Irak aussterben”, bestätigt er mit Bestimmtheit während seines Besuches des spanischen Nationalbüros der Päpstlichen Stiftung KIRCHE IN NOT.

Wie ist zurzeit die Situation in den Dörfern der Ninive-Ebene?

Im nördlichen Teil der Ninive-Ebene konnten – dank der Unterstützung durch die Kirche, die dies erst ermöglicht hat − einige Tausend Familien in ihre Häuser zurückkehren. Aber man muss weiterarbeiten, damit alle diese Chance haben.

Wie leben diejenigen, denen dies bereits gelungen ist?

In vielen Fällen besteht das große Ziel zurzeit darin, für diese Personen Arbeit zu finden. Sie hatten gedacht, dass es ihnen nicht möglich sein würde, in ihre Häuser zurückzukehren. Sie hatten die Hoffnung verloren, jedoch nicht ihren christlichen Glauben. Beispielhaft für ihren tiefen Glauben ist, dass sie dem «Islamischen Staat» und ihren Nachbarn, die mit den Dschihadisten kollaboriert haben, verzeihen konnten. Sie sind fest davon überzeugt, dass nur die Vergebung die Herzen jener Personen verändern kann, die ihnen gegenüber so gewalttätig waren.

Sie waren unter den Ersten, die wieder vor Ort ankamen. Was fanden Sie vor?

Am selben Tag, an dem Dörfer wie Telleskuf, die sich nahe bei Mossul gelegen sind, befreit wurden, kam ich mit einer Gruppe Jugendlicher an. In Batnaya besuchte ich als Erstes die Kirche und sah, dass alles zerstört war. Auf dem Boden lagen Bibeln und Lektionare −liturgische Bücher−, die unlängst verbrannt worden waren. Bevor die IS-Kämpfer das Dorf verließen, hatten sie ihre Wut besonders an den Kirchen ausgelassen. Danach suchten wir verschiedene Häuser in der Nähe auf, konnten dies aber nicht weiter fortsetzen, da das Dorf voller Minen war. Wir beteten ein Vaterunser in Aramäisch und läuteten die Glocken, die nach drei Jahren zum ersten Mal erklangen.

Was dachten Sie, als sie die zerstörten Kirchen und Häuser sahen?

Ich fühlte einen tiefen Schmerz. Wir erinnern uns ja noch sehr gut an unsere Dörfer und Kirchen. In der Vergangenheit hatten wir hart gearbeitet, um unsere Kirchen schön herzurichten. Aber, ich sagte mir: “Danke, Herr, wir konnten zwar die Bausubstanz unserer Kirchen nicht gut erhalten, dafür aber den Glauben der Menschen”.

Ist der Glaube der Christen im Irak nun stärker als jemals zuvor?

Ich glaube, ja. Wir sehen nun seine Früchte, wie die Nächstenliebe zu denen, die alles verloren haben, wie auch zu Nachbarn anderer Religion, zum Beispiel zu Muslimen aus anderen Dörfern. Ebenso − wie schon zuvor kommentiert − sehen wir, wie Christen Nachbarn vergeben, die dem «Islamischen Staat» halfen, ihre Häuser zu besetzen, zu stehlen und Dörfer niederzubrennen.

Wie ist es möglich, zu verzeihen, nachdem man alles verloren hat? Ist es eine echte Vergebung?

Im Namen Jesu Christi ist alles möglich. Die Menschen haben sehr gelitten, in den drei Jahren, die sie im irakischen Kurdistan verbracht haben, viele Schwierigkeiten erlebt. Aber sie haben einen solchen Glauben, dass sie alles überwinden konnten, obwohl dies nicht leicht war. Dieser Glaube führt auch zu wahrhaftiger Vergebung.

Haben Sie hierfür ein Beispiel?

Nachdem die Familien wieder in ihren Häusern waren, besuchten sie als Erstes ihre muslimischen Nachbarn, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Dabei sagten sie ihnen, dass sie sich wünschten, hier wieder wie früher in Frieden zusammen zu leben. Rein menschlich ist dies unmöglich, in der Logik des Glaubens hingegen schon.

Was braucht ihr besonders?

Es ist wichtig, dass alle wieder in ihre Dörfer zurückkehren können. Dies ist nur dank der Hilfe von Hilfsorganisationen möglich, da die Regierungen uns keinerlei Hilfe bieten. In diesem Jahr des Wiederaufbaus haben wir nur durch die Kirche Hilfe erfahren. Wir wollen zurück in unsere Heimat, um unsere Würde wiederzuerlangen und um zu arbeiten und zu leben wie vor der Invasion des «Islamischen Staates». Es ist unser Land und es ist unsere Identität.

Wie hat sich, nach so viel Zerstörung, für Sie persönlich das Leben verändert?

Die durch den «Islamischen Staat» ausgelöste Krise hat das Bewusstsein für meine priesterliche Berufung noch stärker werden lassen. Der Herr wählt uns Priester aus, damit wir in dieser schwierigen Zeit dem Volk in allen Lebensbereichen noch näher sind, also nicht nur im Hinblick auf pastorale Themen. Dies hat die Beziehungen zwischen der Kirche und den Gläubigen gestärkt. Es ist wichtig, dass weiterhin Christen im Irak leben. Sie haben eine moralische Verantwortung, Frieden zu schließen und die Herzen ihrer Mitbürger zu wandeln. Sie fühlen sich in der Region des Nahen Ostens als Friedensstifter.

Als internationales katholisches Hilfswerk und päpstliche Stiftung setzt KIRCHE IN NOT (ACN) sich zurzeit dafür ein, dass Christen in ihre ehemalige Heimat im Irak zurückkehren können. Mit dem Aufruf „Zurück zu den Wurzeln“ beteiligt sich KIRCHE IN NOT intensiv an einem umfassenden Programm zum Wiederaufbau der Häuser und Kirchen entwurzelter Christen aus der unweit von Mossul gelegenen Ninive-Ebene. Und dies tatsächlich mit einigem Erfolg – bereits ein Drittel der im Exil lebenden Christen sind in ihre Häuser in der Ninive-Ebene zurückgekehrt. Mehr Infos auch unter: www.irak-wiederaufbau.at

Um den Wiederaufbau der christlichen Dörfer im Irak weiter voranzutreiben und der Bevölkerung materiell wie pastoral beistehen zu können, bittet KIRCHE IN NOT um Spenden – entweder online unter: www.kircheinnot.at oder auf folgendes Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
IBAN: AT71 2011 1827 6701 0600
BIC: GIBAATWWXXX
Verwendungszweck: Irak Wiederaufbau

Papst Franziskus – Frühmesse: „Beten wir für die verfolgten Christen in Nahost“

Messe mit Melkiten (Vatican Media)

Statt seiner üblichen Predigt hat der Papst an diesem Dienstag bei der Messe in der Casa Santa Marta über das gemeinsame Gottesdienstfeiern von Christen gesprochen. An der Messe nahmen melkitisch-katholische Bischöfe unter der Leitung des Patriarchen von Antiochien, Youssef Absi, teil.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Jeden Tag dürfen Priester und Bischöfe an der Frühmesse in der Casa Santa Marta teilnehmen – meistens gehören sie allerdings zum römischen Ritus. An diesem Dienstag sah es in der Kapelle hingegen sehr „ostkirchlich“ aus: Die Bischöfe der melkitischen Kirche sind diese Woche anlässlich ihres Ad Limina Besuchs in Rom und hatten bereits am Montag mit dem Papst gesprochen. Nun feierten sie gemeinsam mit ihm den Gottesdienst, und darauf ging Franziskus in seiner kurzen Meditation ein:

„Diese Messe mit unserem Mitbruder, dem Patriarchen Youssef, beinhaltet eine apostolische Verbindung. Er ist nämlich Vater einer Kirche, die sehr alt ist, und kommt hierher, um Petrus zu umarmen, um also zu sagen: Ich stehe in Einheit mit Petrus. Das ist der Sinn der heutigen Feier in dieser Kapelle. Es ist die Umarmung des Vaters einer Kirche mit Petrus.“

Amtssitz des melkitisch griechisch-katholischen Patriarchen ist Damaskus, die Hauptstadt des von Bürgerkrieg und Wirren geprägten Syrien.

„Die melkitische Kirche ist eine reiche Kirche, mit einer eigenen Theologie, die zur katholischen Theologie gehört, mit einer eigenen wunderschönen Liturgie und einem Volk, das in diesem Augenblick gekreuzigt wird, so wie Jesus. Wir wollen diesen Gottesdienst dem leidenden Volk widmen: den Christen, die im Nahen Osten verfolgt werden, wo sie ihr Leben, ihre Güter und Habseligkeiten zurücklassen müssen und weggeschickt werden. Widmen wir diese Messe auch dem Dienst unseres Mitbruders Youssefs.“

Die katholischen Melkiten feiern ihre byzantinische Liturgie nach dem gregorianischen Kalender, und zwar in arabischer Sprache. Gemäß Kirchenstatistik leben rund 1,3 Millionen Melkiten in 26 Diözesen, und zwar in Syrien, Libanon, Israel, Ägypten, Jordanien, den USA, Europa und Australien.

Nach der Ansprache des Papstes bedankte sich Patriarch Youssef für die Gastfreundschaft. Er sei Franziskus besonders dankbar für die Solidarität gegenüber den verfolgten Gläubigen.

Quelle


 

Griechisch-melkitischer Patriarch Youssef Absi

Papst Franziskus wünscht sich, dass die griechisch-melkitischen Priester und Bischöfe ihre Gläubigen zum Verbleib in ihrer Heimat in Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens ermutigen können.

Das sagte der Papst melkitischen Würdenträgern, die er am Montag in Audienz empfing. Franziskus mahnte sie zugleich zur Einheit untereinander und zur Absage an einen luxuriösen Lebensstil.

Die Kirche sei in Syrien und dem Nahen Osten tief verwurzelt und leiste „einen wertvollen Dienst für das Wohl des Volkes Gottes“, sagte der Papst. Indessen hätten sich viele griechisch-melkitische Gläubige auf der Suche nach einem besseren Leben aus ihrer Heimat entfernt; auch ihrer, sagte der Papst, gedenke er im Gebet und mit Zuneigung.

Vor dem Hintergrund der schwierigen Lage ihrer Kirche mahnte Franziskus die griechisch-melkitischen Priester und Bischöfe, die vor kurzem im Libanon ihre Synode abgehalten hatten, zur Einheit und zur Nähe mit den gläubigen. Die Kirche brauche „Hirten, die die Herzen der Gläubigen beleben, sie trösten, sich zu ihnen und ihren Anliegen herabbeugen; hirten, die sie zugleich nach oben begleiten; arme Hirten, die sich nicht an Geld und Luxus hängen inmitten eines leidenden Volkes.“

Der mit Rom verbundenen melkitischen Kirche gehören laut der Stiftung „Pro Oriente“ rund 1,6 Millionen Christen an; etwa die Hälfte lebt in Auslandsgemeinden in Brasilien, Argentinien und Australien. Zum Patriarchen auf Lebenszeit wählte die Synode im Juni 2017 den Syrer Joseph Absi.

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Quelle

Siehe auch:

Rafik Schami – Urchrist, der gerne erzählt

Rafik Schami wurde in Damaskus in Syrien geboren, seine Familie gehört zur Minderheit der aramäischen Christen. 1970 musste er aus seiner Heimat fliehen und kam 1971 nach Deutschland. Heute gehört der ehemalige Chemiker zu den wichtigsten Gegenwartsautoren im deutschen Sprachraum und gilt ein hervorragender Vortragskünstler. Er bewundert Papst Franziskus in vielen Fragen der menschlichen Werte, vor allem seinen Mut.

Herr Suheil Fadél, Sie sind im deutschen Sprachraum unter Ihrem Künstlernamen Rafik Schami bekannt, was Freund aus Damaskus bedeutet. Rafik: Freund und Schami: Damaskus. Mittlerweile leben Sie schon länger in Deutschland als in Syrien. Sind Sie im Herzen Syrer geblieben oder ist Ihre Heimat Deutschland geworden?

Meine Heimat ist Deutschland geworden, aber mein Herz bleibt syrisch, damaszenisch. Genauer gesagt, das christliche Viertel in Damaskus ist sehr verbunden mit meiner Kindheit. Das verändert sich nie. Je älter man wird, umso gültiger ist das, dass man zurückkehrt zur Kindheit. So ist mein Herz dann doch damaszenisch geblieben.

Sie sind vom Beruf promovierter Chemiker, sind aber im Verlauf ein Meister der deutschen Schriftstellerei geworden. Sie haben eine Vielzahl von Romanen, Hörspielen, Essays und Kinderbücher geschrieben, die in 30 verschiedenen Sprachen erschienen sind. Auch in arabischer Sprache?

Erst vor ein paar Jahren, seit dem ich großen Erfolg habe, hat ein libanesischer Verlag den Mut gefunden, meine Bücher unzensiert zu veröffentlichen. Das war ja meine Bedingung: Es gab Anfragen von ägyptischen, jordanischen und marokkanischen  Verlagen, aber die wollten alle zensieren. Ich bestand aber darauf, nicht zu zensieren. Jetzt hat ein libanesischer Verlag die Bücher unzensiert, insgesamt fünf Bücher, hintereinander herausgegeben. Pro zwei Jahre, ein Buch.

Herr Schami, Sie sprechen die Sprache von Jesus von Nazareth – natürlich in der modernen Form und Sie sind aramäischer Christ und gehören dieser Minderheit in Syrien an. Auf Wunsch ihres Vaters, habe ich gelesen, sollten sie Pfarrer werden. Doch das Schicksal hatte für sie  ein  anderes Ziel vorgesehen. Sie sind nach dem Verlassen ihrer Heimat als Rafik Schami einer der erfolgreichsten Autoren der Gegenwartsliteratur geworden. Welche Grunderinnerung, im Herzen, haben Sie aus Syrien, dem 1001Nacht-Märchenland, nach Deutschland mitgenommen?

Viele eigentlich. Viele Erinnerungen und Anregungen begleiten mich, seitdem ich Damaskus verlassen habe. Sie müssen wissen: Das Kloster, das fast jesuitisch ausgerichtet ist,  hat mir ein Geschenk gemacht: Nämlich das Lesen, obwohl ich die großartige Bibliothek nie gesehen habe . Die Liebe zu Büchern habe ich nach Damaskus mitgebracht, nach drei Jahren schwerer Krankheit, der Meningitis, im Kloster.  Von da an lernte ich die Kunst des mündlichen Erzählens. Das habe ich mitgebracht, das mündliche Erzählen eine große, feine Kunst ist, die in unserer Kultur verloren geht. Ich habe mir zur Aufgabe genommen, diese Kunst zu verteidigen. Das hat mir sehr viel Erfolg in Deutschland beschert, dass ich nicht vorlese wie die deutschen Autoren, sondern gehe auf die Bühne wie ein Schauspieler. Dort erzähle ich frei wie ein orientalischer Erzähler – ohne Kitsch. Ich erzähle alle meine Geschichten frei. Das hat mir Damaskus, die Bibliothek des Klosters geschenkt.

Sie sind ja auch berühmt wegen ihrer Vortragskunst. Sie lesen nicht nur vom Text, sondern sprechen frei. Ist das ein Naturtalent oder haben Sie diese Technik der natürlichen Wiedergabe Ihrer Gedanken und Werke angeeignet? Ich meine, schreiben Sie gut, weil Sie gut reden können oder reden Sie gut, weil Sie gut schreiben können?

Das ist eine wunderbare Frage. Eine gewisse Begabung muss sein. Es gibt Autoren, die sehr schüchtern sind, die können nicht erzählen oder haben eine schlechte Stimme oder ein schlechtes Gedächtnis. Sie sind aber geniale Autoren. Das mündliche Erzählen verlangt gutes Gedächtnis, viel Übung, Geduld und äußerst große Freundlichkeit. Ein Schriftsteller muss nicht freundlich sein, wenn er schreibt. Wenn er aber einem Publikum begegnet, muss er sehr freundliche sein, er muss das Publikum lieben. Das können viele Autoren nicht. Davon lebt die Kunst des mündlichen Erzählens. Ich hab erstmal das Zuhören geübt. Zuhören macht die Zunge weise, habe  ich mal gesagt. Die Zunge wird weiser über das Ohr und nicht über das Auge – über das Zuhören. Ich habe von einem Profi-Erzähler in Damaskus gelernt, welche Tricks sie machen, welche Spannung sie aufbauen, damit sie philosophische und theologische, witzige Inhalte liefern – ohne das Publikum zu langweilen.  Das habe ich gelernt, das ist ein Handwerk.

Vielen Dank, dass Sie uns dieses Geheimnis weitergeben. Ich merke,  es handelt sich um eine Kunst, die man nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln kann.
Sie sind ein offener Kritiker des Assad-Regimes. Leben Sie aus diesem Grund in Deutschland gefährlicher als andere Schriftstellerkollegen?

Vielleicht. Aber ich bin erstens in keiner Partei, zweitens bin ich gegen Gewalt und drittens bin ich ein vereinzelter Autor. Von daher stelle ich keine große Gefahr für das Regime dar. Die Regimegegner, die gejagt werden, sind mit anderen Ländern verbunden, die gegen das Regime sind – meinetwegen Saudi-Arabien oder Katar. Ich bin draußen, ich bin ein freier Schriftsteller, der die Würde und Freiheit des Menschen sowie die gute Behandlung von Kindern und Frauen verteidigt. Das gefährdet  das Regime nicht. Ich bin nur gefährdet, Beschimpfungen zu bekommen. Die bekomme ich, ich bekomme leise Bedrohungen. Aber ich war noch nie in Lebensgefahr.

Was unterscheidet Hafiz al-Asad, vor dem Sie geflüchtet sind, vom derzeitigen Regime seines Sohnes Bashar al-Assad?

Als Bashar al-Assad 2001 die Macht übernahm, hat kurze Zeit eine Illusion geherrscht, er sei ein Reformer. Das war gelogen. Die brauchten nur die Zeit, um eine neue Generation an die Führung zu bringen. Die alte Garde musste mit dem Vater ganz friedlich ausscheiden, die war gefährlich. Von daher hatte er so die Nähe des Volkes gespielt sozusagen. Nach zwei Jahren hatte auch er wieder die Gefängnisse voll. Heute, wenn ein Herrscher – ob jung oder alt – mit schöner Frau, sein eigenes Volk mit Giftgas bewirft, hat er alle Grenzen überschritten. Da ist die deutsche Presse manchmal idiotisch. Die loben die Schönheit seiner Frau, als ob wir davon leben könnten.

Man sagt: Nichts wird sich in der arabischen Welt wirklich zum Besseren ändern, solange die Macht der Sippen und Clans nicht gebrochen ist. Wird man diesem Sippensystem jemals Herr werden können?

Eine sehr gute Frage, wieder. Das ist sehr schwer. Diese These vertrete ich in meinen Büchern, Essays und Vorträgen auch. Die Sippe zerstört uns. Sie war zwar die Rettung in der Wüste, weil man zusammenhält, das Brot gemeinsam teilt und einen starken Mann nachfolgt – in die Rettung oder das Verderben. Heute geht das nicht. Die Demokratie ist ein Werk der Mehrheit. Demokratie, mit allen ihren Schwierigkeiten , ist die Freiheit des Menschen. Das ist die neue Zivilisation. Die ist europäisch geprägt, ob das uns, den Asiaten oder Afrikanern gefällt. Der Grundsatz dieser Zivilisation lautet: Menschenrechte, das Individuum steht im Mittelpunkt und kann Erfindungen machen, streiten, Thesen stellen, und um die Wahrheit diskutieren. Das gibt es in der Sippe nicht: Die Sippe hat Loyalität, Sklaven-Gehorsam. Das geht in der Moderne nicht. Leider Gottes, sind die Machtzentren, die Geld haben – Katar, Saudi-Arabien und Bahrain -, die sind dafür, dass die Sippe steht. Wenn ein Land wagt, mit demokratische Strukturen die Sippe abzuschaffen, wird er bekämpft. Das ist auch ein Grund, warum die Opposition in Syrien verseucht durch diese Erdölgelder sind. Die Kämpfer gegen Assad sind nicht besser wie er – abgesehen vom Widerstand der Bevölkerung. Wenn jemand von Katar finanziert wird, verspreche ich mir keine Zukunft mit ihm.

Sie stehen der derzeitigen europäischen Flüchtlingspolitik eher skeptisch gegenüber: Selbstverständlich hätten Menschen aus Kriegsgebieten ein Recht auf Hilfe, sagen Sie. Die Grenzen seien aber unüberlegt geöffnet und später geschlossen worden. Europa bilde ein Bild des Chaos. Voller Bewunderung sehen sie dagegen die unermüdliche Arbeit zahlreicher Ehrenamtlicher  für Flüchtlingshilfe. Was zählt in diesen Zeiten mehr: Barmherzigkeit, Freundschaft, Solidarität? 

Es gab eine kurze Rede vom Kommissar für Flüchtlings- und Menschenrechtsfragen bei der UN. Bei der hat er knallhart gesagt: Es geht nicht um Liebe und Solidarität. Es geht um vielmehr, nämlich das Menschenrecht auf Schutz. Das primitive Recht eines Flüchtlings, geschützt zu werden. Dabei muss man weder die Grenzen fallen lassen, wie die Deutschen das gemacht haben, noch so chauvinistisch werden, dass man mit Stacheldraht gegenüber Kindern und Frauen reagiert. Ich denke, Barmherzigkeit und Solidarität sind Ideale und sogar ganz wunderbare. Aber man muss den Flüchtlingen auch zivilisiert und korrekt helfen und alles im Rahmen halten, sodass kein Chaos entsteht. Wo ist diese europäische Haltung? Es gibt 15 Haltungen. Da hätte man eine gemeinsame Haltung finden müssen. Da wäre dann auch den Flüchtlingen besser geholfen gewesen. Auch wenn das jetzt kalt und zurückweisend wirkt, aber dann hätte man eine gemeinsame Politik. Die Deutschen machen das, die Franzosen was anderes, die Italiener haben die größte Belastung im Süden, die Griechen ersticken und die Länder im Norden schauen zu. Das ist Chaos. Meine Bitte ist: Halten wir die europäische Gemeinschaft aufrecht. Diese wunderbare Leistungen der EU sind nicht zu unterschätzten. Wir sollen wirklich das Menschenrecht auf Schutz in den Vordergrund stellen. Ich habe eine These vertreten, die vollkommen gescheitert ist: Wir sollen Druck auf die Golfstaaten ausüben, die keinen einzigen Flüchtling aufnehmen. Dass sie Gelder zur Verfügung stellen – und die Europäer können Druck ausüben, aber diesmal sind sie schwach.

Würden Sie uns ganz kurz Ihr Urteil über Papst Franziskus abgeben – es waren ja die Werte Barmherzigkeit und Solidarität, die dieser Papst den Menschen von heute ans Gewissen und Herz richtet?

Ich bewundere den Mut von Papst Franziskus und wünsche ihm, langsamen Erfolg. Ich halte nämlich von langsamen Erfolg viel mehr als von spontanen und großem Erfolg, der dann zusammenbricht – ich bin für Evolution statt für Revolution, für langsame Schritte. Wenn wir diese Werte wieder in die Kirche zurückholen, die langsam verloren gegangen sind. Was er sagt, stimmt auch, dass die Kirche eine Organisation geworden ist. Er will sie zurück haben bei den Menschen, übertrieben gesagt: Zurück zu den Armen, wo sie hergekommen ist. Aber zurück zu den Menschen mit diesen Werten der Barmherzigkeit und der bedingungslosen Solidarität. Christus im Wort ist Solidarität, ist Liebe – sogar gegenüber dem Feind. Niemand vor Christus und niemand nach ihm hat das so auf den Punkt gebracht: Liebet Eure Feinde. Wir sollen zunächst einmal anfangen, unsere Brüder und Schwestern zu lieben. Deshalb kann ich die Golf Staaten nicht ausstehen: Die lassen ihre muslimischen Brüder und Schwestern ohne Hilfe.  Das ist nicht nur anti-christlich, sondern auch anti-islamisch, denn: Der Prophet Mohammed hat gesagt „Helft Euch gegenseitig“. Das machen sie aber nicht. Papst Franziskus bringt das Allerschwerste in einer schweren Zeit der Isolierung und des Egoismus, des schnellen Wachstums und der Macht weniger Konzerne weltweit, er bringt es wieder zurück zu den Werten, den Einzelnen zu lieben, ihm zu helfen sein Schwächen zu verlieren. Das bewundere ich sehr.

Unter den zahlreichen Ehrungen, die Ihnen zuteil wurden, ist auch der Preis der ökumenischen Stiftung  „Bibel und Kultur“. Überreicht wurde Ihnen die Auszeichnung von der deutschen Botschaftern beim Heiligen Stuhl, Annette Schavan. Was bedeutet Ihnen der Preis? 

Sehr viel. Ich war sehr gerührt, ich hatte das nicht erwartet. Sie sollen wissen, dass die Bibel einer meiner Lehrerinnen zu Weisheit, zur Liebe an Menschen und zu wunderbaren Texte ist. Dann bekomme ich den Preis – das war ein einmaliges Erlebnis. Ich bin sehr stolz darauf.

Wie würden Sie sich selbst gegenüber den Hörerinnen und Hörern beschreiben?

Ich bin ein Urchrist, der gerne erzählt.

(rv 16.07.2017 ap)

Syrien: Für Christen keine Alternative zum Assad-Regime

Syriens Präsident Assad

Die Christen in Syrien unterstützen das Regime von Präsident Bashar Assad allein aus dem Grund, weil sie keine Alternative haben. Das betont der Salzburger Ostkirchenexperte Dietmar Winkler. „Wenn Assad fällt, was passiert dann? Der Einfluss des fundamentalistischen Islam ist im Land bereits so stark, dass es für die Christen dann ganz düster aussehen würde“, so Winkler wörtlich in einem Interview in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Information Christlicher Orient“. Sogenannte „gemäßigte“ Rebellen gibt es laut Winkler in Syrien de facto nicht.„Im Krieg gibt es keine Waisenknaben“, so Winkler. Kriegsverbrechen würden von allen Seiten begangen. Und wenn von mancher Seite das Assad-Regime als unschuldig dargestellt wird, stimme das natürlich auch nicht. Aber, so Winkler: „Die lokalen Bischöfe sagten und sagen mir immer wieder in Gesprächen: Was ist die Alternative für die Christen? Wer schützt die Christen, wenn nicht das Assad-Regime? Welche Perspektiven gibt es überhaupt?“Natürlich sei das Assad-Regime eine Diktatur mit einer „gefürchteten und brutalen“ Geheimpolizei. Und trotzdem: „Vor dem Krieg war Syrien ein relativ stabiler Staat unter der Herrschaft des säkularen Baath-Regimes. Wer sich an den vorgegebenen politischen Rahmen hielt, konnte seine Religion frei leben.“ Das Verhältnis zwischen den Religionen – Sunniten, Alawiten, Christen oder Drusen – sei ein relativ gutes Nebeneinander und oft auch ein Miteinander gewesen.

Dazu komme die Beobachtung: „Dort, wo das Assad-Regime nach wie vor oder nun wieder an der Macht ist, so wie beispielsweise in Aleppo, dort ist die Lage wieder stabiler geworden.“ Nachdem die Assad-Truppen ganz Aleppo unter Kontrolle gebracht hatten, konnten die Christen dort wieder relativ sicher Ostern feiern. „Das war vorher so nicht der Fall. Und das ist auch der Blickpunkt der Christen“, so Winkler.

Christen sind nicht Kollaborateure, sondern Spielball

Dabei dürfe man aber auf keinen Fall sagen, dass die Christen mit dem Assad-Regime kollaborieren. Dafür seien sie auch eine viel zu kleine Minderheit. „Eigentlich sind sie seit vielen Jahrhunderten ein Spielball in Händen der jeweiligen Herrscher vor Ort. Und irgendwie mussten sie immer das Auskommen mit den Herrschenden suchen.“ Deshalb sei es auch nur allzu verständlich, dass Christen an der Gründung der säkularen Baath-Bewegung in Syrien in den 1940er und 1950er-Jahren beteiligt waren. Eine säkulare Politik, die weitgehend Religionsfreiheit einräumt, sei schließlich in einem muslimischen Umfeld die beste Variante für die Christen, zeigte sich Winkler überzeugt.

Das sei natürlich keine Freiheit bzw. Demokratie nach westlichem Muster, räumte der Ostkirchenexperte ein, Man müsse aber vorsichtig sein, westliche demokratische Vorstellungen auf Länder im Nahen Osten zu projizieren. Winkler: „Europa hat 500 Jahre Aufklärung und Reformation inklusive der damit verbundenen Religionskriege durchgemacht. Das Ergebnis dieser europäischen Entwicklung kann man nicht einem anderen Land und seiner Bevölkerung einfach von heute auf morgen überstülpen. Das funktioniert nicht.“ Die Schaffung eines demokratischen Bewusstseins in der Bevölkerung sei ein langer und schwieriger Prozess.

Kein Bürgerkrieg in Syrien

Die Frage, ob der Syrien-Krieg ein Bürgerkrieg sei, verneinte Winkler. Der Krieg sei von außen in das Land getragen worden. „Und es sind die vielen Mächte von außen, die ihre eigenen Interessen verfolgen: die Amerikaner, denen es um Öl geht, die Russen, die ihre Basis im Mittelmeerraum nicht verlieren wollen, der Iran, der seinen Einfluss zum Mittelmeer ausdehnen will; Saudi Arabien, das seine Art des sunnitischen Islam in Syrien und sich als Regionalmacht etablieren will, oder auch die Türkei, die vor allem auch gegen die Kurden operiert.“

Und von allen Seiten würden Waffen geliefert und werde der Krieg nach wie vor befeuert. Winkler: „Der Unterschied ist, dass wir es bei den Russen genau wissen, dass und wie sie Assad unterstützen. Bei den anderen internationalen Akteuren, militärischen Beratern, Spezialeinheiten und Rebellengruppen ist das nicht so deutlich zu erkennen.“ Deutlich sei aber, „dass der Waffennachschub von außen für alle Seiten nach wie vor funktioniert, sonst wäre der Krieg längst zu Ende.“ Ganz klar sei auch, „dass sich die christlichen Führer wieder und wieder für ein Ende der Gewalt und ein Ende der Interventionen von außen ausgesprochen haben“.

(kap 22.05.2017 pr)

Syrien: Aleppo wird der Maria von Fatima geweiht

Einst eine blühende Stadt: Aleppo heute

Die christliche Gemeinschaft im schwer zerstörten syrischen Aleppo wird am 13. Mai die Stadt der Maria von Fatima weihen. Das solle zeigen, dass der Glauben in schwierigen Zeiten des Bürgerkriegs „stark geblieben ist“, sagte der chaldäische Bischof von Aleppo Antoine Audo der Nachrichtenagentur asianews.

Die Weihe fällt mit der apostolischen Pilgerreise von Papst Franziskus nach Fatima zusammen; er wird dort an den Feiern des 100. Jahrestages der ersten Erscheinung teilnehmen. Der Monat Mai mit seiner Marienverehrung sei generell für alle christlichen Gemeinden in Aleppo wichtig, sagte der Bischof: „Es ist eine Tradition, die tief verwurzelt ist und alle Zeiten überdauert hat.“

Ab Donnerstag bis zum Weihetag solle mit den Gläubigen aller Kirchen für Frieden in Syrien und im Nahen Osten gebetet werden. Das Gebetsinitiative wurde durch die lateinische Gemeinde St. Franziskus der Stadt angestoßen.

Aleppo war vor Beginn des syrischen Bürgerkriegs mit über zwei Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt des Landes. Nach monatelangen Gefechten zwischen Regierungstruppen und Rebellen sind weite Teile der Stadt komplett zerstört, darunter auch die historische Altstadt. Tausende Menschen sind ums Leben gekommen oder geflohen.

(kap/asianews 11.05.2017 fr)

Bischof von Aleppo: „Es gibt ein Projekt, Syrien zu teilen“

Bischof Antoine Audo

Mit seinem Militärschlag in Syrien hat US-Präsident Donald Trump alle überrascht – vielleicht sogar sich selbst. Aber was sagen eigentlich die Menschen in Syrien zu dieser neuen Lage? Macht ihnen Trumps Eingreifen Hoffnung oder eher Sorgen? Das fragten wir den chaldäischen Bischof von Aleppo, Antoine Audo.

„Es war wirklich für alle eine Überraschung! Das ist etwas Neues – es wirkt wie ein Wandel in der Militärpolitik auf internationalem Level. Aber keiner weiß, wohin die Reise geht. Hier in Syrien fragen sich die Leute (ich selbst nicht, aber die Leute): War vielleicht diese Sache mit den Chemiewaffen nur eine Vorbereitung für dieses Eingreifen? Um die öffentliche Meinung in der Welt darauf vorzubereiten? So etwas sagen sie.“

Das muss man sich mal vorstellen: Als wäre Assads Einsatz von Chemiewaffen sozusagen mit den Amerikanern abgesprochen oder ihnen jedenfalls willkommen gewesen, um einen Vorwand zum Angriff zu haben! Einem Beobachter aus dem Westen mag das absurd erscheinen. Aber ist es nicht auch verständlich, dass viele Syrer nach sechs Jahren Bürgerkrieg und Verwicklungen nicht mehr wissen, was sie denken und glauben sollen?

„Die Menschen, die zu den bewaffneten Gruppen halten, sind zufrieden, weil (Trumps Luftschlag) dem syrischen Staat Zerstörungen eingebracht hat. Viele denken so. Die anderen dagegen warten jetzt ab, wie es weitergeht.“ Und was denkt Bischof Audo selbst? Der Jesuit, der auch Caritaschef für Syrien ist, antwortet unumwunden: „Es gibt ein Projekt, Syrien zu teilen. All das bereitet dem irakischen Modell den Boden – das ist eine ständige Mahnung für uns. Wir dachten ja früher immer: Das, was im Irak passierte, kann bei uns nicht passieren. Aber jetzt sehen wir das alles.“

Audo meint damit: Den Christen droht die Vertreibung aus Syrien. Tatsächlich drohen sie in Syrien in eine ähnliche Falle zu geraten wie im Irak. Als Minderheit, die nach Schutz sucht, haben sie sich lange – vielleicht zu lange – an das jeweilige Regime gehalten, Saddam im Irak, Assad in Syrien. Gerät allerdings das Regime ins Wanken, dann schützt niemand mehr die Christen vor dem Zorn der lange unterdrückten sunnitischen Muslime.

„Offenbar hat die syrische Regierung die Kontrolle der Linie wiedererlangt, die sich von Damaskus bis nach Aleppo zieht. Damit hat sie die wichtigsten Städte unter Kontrolle: Damaskus, Aleppo, Homs, Hama und die Städte an der Mittelmeerküste. Aber gleichzeitig gehen die Angriffe weiter. Immer wieder mal gibt es Bombardements in Damaskus, auch in Aleppo und in Homs. Es ist noch nicht vorbei!“„Wir Christen haben schon alles verloren“

Bischof Audo ist fest davon überzeugt, dass der Krieg schon lange vorüber wäre, hätten sich nicht ausländische Akteure eingemischt. Syrer unter sich würden sich schon einig, glaubt er. Aber leider sei der Krieg an Euphrat und Tigris längst ein Bündel aus widerstreitenden internationalen Interessen.

„Ich glaube, es geht da vor allem um wirtschaftliche Interessen. Alles dreht sich um die Frage von Gas und Öl. Das ist das eine. Das andere ist der islamische Level. Da wird dieser Kampf zwischen Schiiten und Sunniten im ganzen Nahen Osten am Leben gehalten, um den Waffenhandel voranzubringen. Innerhalb Syriens wird dann dieses Ungleichgewicht zwischen Minderheiten und Mehrheiten ausgenutzt – ich denke, das ist das Problem.“ Da ist ja nicht nur die christliche Minderheit: Auch Staatschef Baschar al-Assad gehört zu einer islamischen Minderheit, mit der er die Mehrheitsbevölkerung in Schach hält.

In Aleppo können die chaldäischen Christen jetzt zum ersten Mal seit Jahren Ostern ohne Belagerungsring und Bombardements feiern. Dass das Regime die Kontrolle über Aleppo wiedererlangt hat, erlebten die Christen in der früheren Wirtschaftsmetropole als Befreiung. „Ich war am letzten Freitag sehr überrascht: Wir haben da immer nach der Messe noch einen Kreuzweg, und die Kirche war viel voller als sonst! Das war früher, während der Bombardements und der Unruhe und Angst, so gewesen – aber jetzt kommen die Leute wieder en masse in die Kirche. Dieser Glaube ist etwas Außerordentliches… Er ist alles, was wir noch haben, denn wir sind ja ohne politische oder wirtschaftliche Mittel. Wir tun alles, um die christliche Präsenz hier zu sichern. Wir verfolgen keinerlei Eigeninteresse. Alle anderen haben ihre Interessen in diesem syrischen Krieg: international, regional, lokal. Nur wir Christen, wir haben schon als erste alles verloren.“

(rv 11.04.2017 sk)

Kardinal Zenari: In Syrien ist die Hölle los

Syria, Aleppo, East Al Midan, 14. December 2016<br /> On Wednesday, a ceasefire agreement entered into force for the fiercely contested Syrian city of Aleppo. However media reports speak of continued fighting and violence directed against the civil population by Pro-Syrian forces.

Aleppo / © KiN – KIRCHE IN NOT

Der Apostolische Nuntius in Damaskus
nahm seine römische Titelkirche in Besitz

In Syrien ist die Hölle los. Keine anderen Worte könnten die Lage im nahöstlichen Land beschreiben, hat der Apostolische Nuntius in Damaskus, Kardinal Mario Zenari, betont, als er am Samstag seine römische Titelkirche Santa Maria delle Grazie alle Fornaci in Besitz nahm. „Wer nicht an die Hölle glaubt, braucht nur dorthin zu kommen, dann wird er begreifen, was die Hölle ist“, erklärte der Vatikandiplomat und Purpurträger wörtlich.

„400.000 Tote, zwei Millionen Verwundete, darunter viele Verstümmelte, etwa fünf Millionen Flüchtlinge in Ländern außerhalb Syriens, mehr als sechs Millionen Binnenvertriebene, mehr als 600.000 eingekesselte Bürger ohne Möglichkeit eines Zugangs zu humanitärer Hilfe. Tausende Kinder, die bei den Bombardierungen umkamen, Verletzte,  Verstümmelte,  körperlich und geistig zerrissen“, erzählte der Kardinal, der in seiner Predigt von einem „regelrechten Massaker der Unschuldigen“ sprach.

Papst Franziskus, der sich ständig über die Entwicklungen und die Lage im Land informieren lasse, wäre schon bereit, Syrien zu besuchen, aber die Situation sei einfach zu gefährlich. „Wenn der Papst nach Syrien kommt, kann er nicht in der Nuntiatur bleiben, er muss die Menschen treffen, er muss die Mengen treffen“, betonte Zenari, der die Öffentlichkeit dazu aufrief, Druck auf die Regierungen auszuüben. Es gebe die große Gefahr, dass diese Dramen allmählich vergessen werden, unterstrich der Nuntius. (pdm)

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