„Durch Wasser und Blut“

Besuch Bei Tawadros II., 28. April 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papstansprache beim Treffen mit dem
koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II.
Volltext

Am Schluß seines ersten Reisetages besuchte Papst Franziskus am heutigen Freitag, dem 28. April 2017, den koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II. in seiner Residenz bei der Kairoer Markus-KathedraleEr hielt dabei eine Ansprache, die wir hier in der offiziellen Übersetzung übernehmen.

Nach der Unterzeichnung des Entwurfs einer gemeinsamen Erklärung, begaben Franziskus und Tawadros II. sich zur nahegelegenen Boutrosiya-Kirche, die sich auf dem Gelände der Markus-Kathedrale befindet. Bei der Kirche, die am 11. Dezember 2016 Ziel eines blutigen Attentats war, bei dem insgesamt 29 Menschen getötet wurden, hielt Franziskus auf Spanisch ein spontanes Gebet. 

„Herr Jesus, ich bitte Dich, segne uns. Segne meinen Bruder, Papst Tawadros II., und segne alle Brüder, die Bischöfe, die hier sind. Segne alle christlichen Brüder. Führe uns auf den Weg der Nächstenliebe, des Zusammenarbeitens, des gemeinsamen Tisches der Eucharistie. Amen“, so sprach er.

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Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden!
[
Al Massih kam, bilhakika kam!]

Eure Heiligkeit, lieber Bruder,

vor kurzem haben wir das große Hochfest Ostern begangen, die Mitte des christlichen Lebens. Dieses Jahr hatten wir die Gnade, es am selben Tag zu feiern. Wir haben so im Gleichklang die Botschaft der Auferstehung verkündet und dabei auf gewisse Weise wieder die Erfahrung der ersten Jünger gemacht: An jenem Tag »freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen« (Joh 20,20). Diese Osterfreude wird heute durch das Geschenk vermehrt, im Gebet gemeinsam den Auferstandenen anbeten zu können und in seinem Namen einander erneut den heiligen Friedenskuss und den Friedensgruß zu geben. Dafür danke ich sehr: Auf meinem Weg hierher als Pilger war ich gewiss, den Segen eines Bruders zu empfangen, der mich erwartet hat. Groß war die Vorfreude, uns wieder zu treffen: Ich habe nämlich den Besuch Eurer Heiligkeit in Rom kurz nach meiner Wahl, am 10. Mai 2013, in lebendiger Erinnerung. Dieses Datum wurde zum glücklichen Anlass, jedes Jahr den Tag der koptisch-katholischen Freundschaft zu begehen.

In der Freude darüber, unseren ökumenischen Weg brüderlich fortzusetzen, möchte ich vor allem an jenen Meilenstein in den Beziehungen zwischen dem Stuhl Petri und dem Stuhl des Markus erinnern, nämlich die Gemeinsame Erklärung, die vor über vierzig Jahren von unseren Vorgängern am 10. Mai 1973 unterzeichnet wurde. »Nach einer jahrhundertelangen, schwierigen geschichtlichen Entwicklung«, in der »theologische Unterschiede entstanden sind, die von nichttheologischen Faktoren« und von einem zunehmend allgemeinen Misstrauen »genährt und verstärkt wurden«, ist man an jenem Tag mit Gottes Hilfe dazu gelangt, gemeinsam anzuerkennen, dass Christus »vollkommener Gott in Bezug auf seine Gottheit und vollkommener Mensch in Bezug auf seine Menschheit ist« (Gemeinsame Erklärung des Heiligen Vaters Paul VI. und Seiner Heiligkeit Amba Shenouda III., 10. Mai 1973). Aber nicht weniger aktuell und weniger wichtig sind die unmittelbar vorausgehenden Worte, mit denen wir »unseren Herrn und Gott, der unser aller Erlöser und König ist, bekannt haben, Jesus Christus«. Mit diesen Aussagen haben der Stuhl des Markus und der Stuhl Petri die Herrschaft Jesu feierlich verkündet: Gemeinsam haben wir bekannt, dass wir alle Jesus angehören und Er unser alles ist.

Darüber hinaus haben wir verstanden, dass wir als die Seinen nicht mehr daran denken können, jeder für sich auf seinem Weg voranzuschreiten. Denn so würden wir seinen Willen verraten, dass die Seinen »alle […] eins sein« sollen, »damit die Welt glaubt« (Joh17,21). Im Angesicht des Herrn, der wünscht, dass wir »vollendet« sind »in der Einheit« (17,23), ist es uns nicht mehr möglich, uns hinter den Vorwänden unterschiedlicher Interpretationen und auch nicht hinter Jahrhunderten einer Geschichte und von Traditionen, die uns einander entfremdet haben, zu verstecken. Wie Seine Heiligkeit Johannes Paul II. hier sagte: »In dieser Hinsicht dürfen wir keine Zeit verlieren! Unsere Gemeinschaft in dem einen Herrn Jesus Christus, in dem einen Heiligen Geist und in der einen Taufe ist bereits eine tiefe und fundamentale Wirklichkeit« (Ansprache bei der ökumenischen Begegnung, Kairo, 25. Februar 2000). Es gibt in diesem Sinn nicht nur eine Ökumene der Gesten, Worte und Bemühungen, sondern eine schon wirksame Gemeinschaft, die jeden Tag in der lebendigen Beziehung mit dem Herrn Jesus wächst und im Glauben, den wir bekennen, verwurzelt ist sowie in unserer Taufe wahrhaft begründet ist und darin, dass wir in ihm »neue Schöpfung« (2 Kor 5,17) sind: kurzum, es ist »ein Herr, ein Glaube, eine Taufe« (Eph 4,5). Von hier gehen wir immer aus, um das Kommen des so ersehnten Tags zu beschleunigen, an dem wir in voller und sichtbarer Gemeinschaft am Altar des Herrn versammelt sein werden.

Auf diesem leidenschaftlichen Weg, der, wie das Leben, nicht immer einfach und geradlinig ist – der Herr aber fordert uns auf, darauf weiter zu gehen –, sind wir nicht allein. Es begleitet uns eine unermessliche Schar von Heiligen und Märtyrern, die schon in voller Einheit uns dazu drängt, hier unten ein lebendiges Abbild des »Jerusalem oben« (Gal 4,26) zu sein. Unter ihnen freuen sich heute gewiss auf besondere Weise die Heiligen Petrus und Markus über unsere Begegnung. Das Band, das sie vereint, ist groß. Es genügt, daran zu denken, dass der heilige Markus das Glaubensbekenntnis des Petrus in die Mitte seines Evangeliums stellte: »Du bist der Christus!« Es war die Antwort auf die immer aktuelle Frage Jesu: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mk 8,29). Auch heute wissen viele Menschen keine Antwort auf diese Frage zu geben; es fehlt selbst an denen, die sie stellen, und vor allem an denen, die sie mit der Freude, Jesus zu kennen, beantworten – dieselbe Freude, mit der wir in der Gnade ihn gemeinsam bekennen.

Gemeinsam sind wir also gerufen, den Herrn zu bezeugen und der Welt unseren Glauben zu bringen, vor allem in der Weise, die dem Glauben eigen ist: das heißt den Glauben leben, weil die Gegenwart Jesu im Leben vermittelt wird und die Sprache der unentgeltlichen und konkreten Liebe spricht. Als orthodoxe Kopten und Katholiken können wir immer mehr diese gemeinsame Sprache der Liebe sprechen: Bevor wir eine wohltätige Initiative ergreifen, wäre es schön, uns zu fragen, ob wir sie mit unseren Brüdern und Schwestern unternehmen können, mit denen wir den Glauben an Jesus teilen. Wenn wir die Gemeinschaft im konkreten Alltag durch unser gelebtes Zeugnis aufbauen, so wird der Geist es nicht versäumen, von der Vorhersehung bestimmte ungeahnte Wege zur Einheit zu eröffnen.

Eben mit diesem konstruktiven apostolischen Geist fahren Eure Heiligkeit fort, der koptisch-katholischen Kirche eine echte und brüderliche Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Für diese Nähe danke ich sehr. Sie hat ihren lobenswerten Ausdruck im Nationalen Rat der Christlichen Kirchen Ausdruck gefunden, den Sie ins Leben gerufen haben, damit die an Christus Glaubenden immer mehr gemeinsam wirken können zum Wohl der gesamten Gesellschaft Ägyptens. Ich habe auch die großzügige Gastfreundschaft bei der 13. Begegnung der Gemischten Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Katholischen Kirche und den Orthodoxen Orientalischen Kirchen sehr geschätzt, die auf Ihre Einladung hin letztes Jahr hier stattgefunden hat. Es ist ein schönes Zeichen, dass die nächste Begegnung dieses Jahr in Rom abgehalten wird, gleichsam als Ausdruck einer besonderen Kontinuität zwischen den Stühlen des Markus und des Petrus.

In der Heiligen Schrift scheint Petrus irgendwie die Zuneigung des Markus zu erwidern, indem er ihn »mein[en] Sohn« (1 Petr 5,13) nennt. Aber die brüderliche Verbundenheit des Evangelisten und seine apostolische Tätigkeit betreffen auch den heiligen Paulus, der vor seinem Märtyrertod in Rom von der nützlichen Hilfe des Markus zum Dienst spricht (vgl. 2 Tim 4,11) und ihn mehrfach erwähnt (vgl. Phlm 24; Kol 4,10). Brüderliche Liebe und gemeinsame Sendung: das ist die Botschaft, die uns das Wort Gottes und unsere Anfänge übermitteln. Wir haben die Freude, die Saat des Evangeliums weiterhin zu begießen und mit Gottes Hilfe gemeinsam wachsen zu lassen (vgl. 1 Kor 3,6-7).

Das Reifen unseres ökumenischen Weges wird auf geheimnisvolle und mehr denn je aktuelle Weise auch von einer wahren und eigentlichen Ökumene des Blutes getragen. Der heilige Johannes schreibt, dass Jesus »durch Wasser und Blut gekommen ist« (1 Joh 5,6); wer an ihn glaubt, »besiegt die Welt« (1 Joh 5,5). Durch Wasser und Blut: wenn wir ein neues Leben in unserer gemeinsamen Taufe leben, ein Leben in beständiger Liebe für alle, auch auf Kosten der Hingabe des Blutes. Wie viele Märtyrer in diesem Land haben von den ersten Jahrhunderten des Christentums an den Glauben auf heroische Weise bis zum Äußersten gelebt, indem sie lieber ihr Blut vergossen, als den Herrn zu verleugnen und den Verlockungen des Bösen oder auch nur der Versuchung nachzugeben, dem Bösen mit dem Bösen zu antworten. Das ehrwürdige Martyrologium der Koptischen Kirche bezeugt dies gut. Erst kürzlich ist leider das unschuldige Blut wehrloser Gläubiger auf grausame Weise vergossen worden. Lieber Bruder, wie das himmlische Jerusalem eines ist, so ist unser Martyrologium eines; eure Leiden sind auch unsere Leiden, und ihr unschuldiges Blut vereint uns. Setzen wir uns, gestärkt durch euer Zeugnis, dafür ein, uns der Gewalt zu widersetzen, indem wir das Gute predigen und säen und so die Eintracht wachsen lassen und die Einheit bewahren. Beten wir, dass die vielen Opfer den Weg in eine Zukunft in der vollen Einheit untereinander und des Friedens aller auftun.

Die wunderbare Geschichte der Heiligkeit dieses Landes ist nicht nur aufgrund des Opfers der Märtyrer eine besondere. Als kaum die Verfolgungen der Antike zu Ende gegangen waren, kam eine Lebensform auf, die in Hingabe an den Herrn nichts für sich zurückhielt: In der Wüste nahm das Mönchtum seinen Anfang. So folgte auf die großen Zeichen, die Gott in der Vergangenheit in Ägypten und am Roten Meer gewirkt hatte (vgl. Ps 106,21-22), das Wunder eines neuen Lebens, das die Wüste in Heiligkeit erblühen ließ. In Verehrung für dieses gemeinsame Erbe bin ich als Pilger in dieses Land gekommen, wohin der Herr selbst sich gerne hinbegibt: Hier kam er in Herrlichkeit auf den Berg Sinai hinab (vgl. Ex 24,16); hier fand er in Demut Zuflucht als Kind (vgl. Mt 2,14).

Eure Heiligkeit, lieber Bruder, derselbe Herr schenke uns, dass wir uns heute gemeinsam als Pilger der Gemeinschaft und als Verkünder des Friedens aufmachen. Auf diesem Weg möge uns diejenige an der Hand nehmen, die Jesus hierher begleitet hat und die seit dem Altertum von der großen theologischen Tradition Ägyptens als Theotokos – Gottesgebärerin – angerufen wurde. In diesem Ehrentitel verbinden sich auf wunderbare Weise die Menschheit und die Gottheit, denn in der Mutter ist Gott für immer Mensch geworden. Die heilige Jungfrau Maria, die uns immer zu Jesus führt, die vollkommene Symphonie des Göttlichen mit dem Menschlichen, möge weiter ein Stück Himmel auf unsere Erde bringen.

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

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Wie eine Rückkehr ins Haus des Evangelisten Markus

Kairo / Wikimedia Commons – Raduasandei, Public Domain

Erinnerungen an Besuch Papst Johannes Pauls II. am Nil

Papst Franziskus reist am kommenden Freitag nach Ägypten. Der letzte Besuch eines Papstes dort fand im Februar 2000 statt. Im Vorbereitungsteam war damals der Deutsche Monsignore Joachim Schroedel. Fast zwanzig Jahre, bis August 2014, war der Geistliche im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken in Ägypten, zuständig auch noch für acht weitere Länder. Der Monsignore aus dem Bistum Mainz unterstützt nun den Apostolischen Vikar in Alexandria, Bischof Zaki, in der Seelsorge für die Deutschsprachigen. ZENIT-Korrespondentin Michaela Koller befragte ihn nach seinen Erinnerungen an den Besuch Papst Johannes Pauls II. im Land am Nil:

Sie haben im Jahr 2000 den Papstbesuch Johannes Paul II. in Ägypten mit vorbereitet. Was war Ihre Aufgabe?

Msgr. Joachim Schroedel: Vor siebzehn Jahren bedeutete die Vorbereitung eines Papstbesuches vor allem die Kommunikation im Inneren des Landes. Es war immerhin der erste Besuch des Nachfolgers des Apostels Petrus in Ägypten. Hier galt es, nicht zuletzt auch den muslimischen Repräsentanten des Staates und hoher muslimischer Institutionen, Kenntnisse zu vermitteln. Logistisch waren die Probleme sicherlich geringer, denn der Heilige Vater hatte ja mit zwei Übernachtungen und drei Besuchstagen ein eher entzerrtes Programm. Zur Vorbereitung gehörte dann auch die konkrete Durchführung samt Berichterstattung für die Medien.

Wie war damals die Reaktion der Christen auf den Besuch? Sprachen sie mit einer Stimme oder reagierten sie je nach Konfession unterschiedlich?

Msgr. Joachim Schroedel: Alle Christen Ägyptens freuten sich! Und sehr viele Muslime sagten, es sei eine große Ehre, die der Papst auch ihnen erweisen würde. Natürlich freuten sich die etwa 200.000 Katholiken besonders. Immerhin kam ihr Haupt zu ihnen, um ihnen Mut zu machen. Die Beziehungen zwischen den orientalischen Kirchen und der Kirche Roms war damals eher distanziert. Doch hat auch der damals regierende Patriarch der koptisch-orthodoxen Kirche, Shenuda III., bei einem Empfang für die Ökumene Kairos bekannt: ‚Heiliger Vater, wir lieben Ägypten – und wir lieben Sie!‘ Und Johannes Paul II. hatte herzlich bekannt, er käme “nach Hause”, ins Haus des Evangelisten Markus, der ja ein Schüler des Petrus war.

Bemerkenswert war die Bezeichnung der Zehn Gebote als “moralisches Universalgesetz”, gültig zu jeder Zeit und an jedem Ort. Wissen Sie etwas über die muslimischen Reaktionen darauf?

Msgr. Joachim Schroedel: Der Heilige Vater hatte es hervorragend verstanden, auch die muslimische Mehrheit in seinen Besuch einzubeziehen, obwohl anders als beim Besuch von Franziskus, es nur einen “Höflichkeitsbesuch” beim Großscheich der Al Azhar gab. Die 10 Gebote als “Universalgesetz” zu bezeichnen, das für jeden Menschen gilt, war keine neue Theorie. Doch hat dieses Wort neu auch bei den Muslimen gewirkt. Ebenso bemerkenswert war, daß der Papst mehr auf den “Dialog der Kulturen” abhob als auf den “Dialog der Religionen”. Ich hoffe, daß Papst Franziskus auf der gleichen Ebene weiter denkt.

Welche längerfristigen Auswirkungen hatte der Besuch – besonders mit Blick auf die Ökumene und den interreligiösen Dialog?

Msgr. Joachim Schroedel: Nach siebzehn Jahren kann man sagen, die Beziehungen zwischen den Kirchen des Orients und des Okzidents haben sich wesentlich verbessert. Der katholische Patriarch, Ibrahim Sidraq, und der koptisch-orthodoxe Patriarch, Tawadros II., sind, so kann man es sehen, Freunde geworden. Beim kommenden Besuch des Papstes wird auch der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios aus Konstantinopel anwesend sein – ein nochmals größeres Zeichen wachsender Ökumene. Die Gespräche mit den Muslimen werden weiter geführt. Doch sollte dabei wirklich der Ansatz Johannes Pauls II. vom Dialog der Kulturen voran getrieben werden.

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Papst bei Generalaudienz: Christen sollen staunen können

Ein Plädoyer für die Kunst des Staunens machte der Papst bei seiner Generalaudienz

Der Kern des christlichen Glaubens ist die Auferstehung Jesu. Christen bräuchten die Fähigkeit zum Staunen, denn das Christentum ist Gnade und Überraschung, erinnerte Papst Franziskus bei seiner Generalaudienz.In seiner 19. Katechese zum Thema der christlichen Hoffnung und im Licht des eben begangenen Osterfestes wolle er über den Auferstandenen sprechen, so wie ihn der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther beschreibe, leitete Franziskus seine Ausführungen auf dem Petersplatz ein.

Die Auferstehung sei der Reihenfolge nach das letzte Argument, das Paulus in seinem Brief an die junge Gemeinde behandele, doch es sei möglicherweise das wichtigste des gesamten Schreibens. „Alles fußt in der Tat auf dieser Annahme“, betonte der Papst.

Die christliche Botschaft erwachse nicht aus den Gedanken eines Weisen, sondern trete von außen an die Menschheit heran. „Das Christentum hat von hier aus seinen Ursprung. Es ist keine Ideologie, kein philosophisches System, sondern ein Weg des Glaubens, der von einem Ereignis ausgeht, das die ersten Jünger bezeugen. Paulus fasst es auf diese Weise zusammen: Jesus ist für unsere Sünden gestorben, er wurde begraben und am dritten Tag ist er auferstanden und Petrus und den Zwölf erschienen. Das ist die Tatsache. Jesus lebt. Das ist der Kern der christlichen Botschaft.”

Paulus wolle das Unerhörte des Ostergeheimnisses deutlich machen, wenn er hervorhebe, dass Christus für uns nicht nur gestorben sei, so der Papst. Denn wenn alles mit dem Tod Jesu geendet hätte, wäre das zwar ein Beispiel höchster Hingabe gewesen, doch als tragfähiges Fundament für den Glauben hätte das nicht genügt. Vielmehr drehe sich alles um die Auferstehung Jesu. Zur Untermauerung dieses historischen Ereignisses liefert Paulus eine Liste von Zeugen, die das Ereignis weiter verkünden könnten – er selbst sei der unwürdigste all dieser Zeugen, eine „Missgeburt“, wie er sich selbst nennt.

„Paulus benutzt diesen Ausdruck, weil seine persönliche Geschichte dramatisch ist. Er war kein unschuldiger Ministrant, nicht wahr? Er hat die Kirche verfolgt, war stolz auf seine Überzeugungen; er fühlte sich als Mann, der angekommen ist, mit einer sehr klaren Idee davon, was sein Leben und seine Pflicht sei. Aber in diesem perfekten Leben passiert eines Tages etwas vollkommen Unvorhersehbares: Die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus auf der Straße nach Damaskus.“

Und hier, so führte der Papst weiter aus, werde der Verfolger zum Apostel, denn er habe den auferstandenen Jesus gesehen – die Grundlage des Glaubens der Kirche, wie auch unseres eigenen Glaubens.

„Wie schön ist es, zu denken, dass das Christentum im Kern genau das ist. Es ist nicht so sehr unsere Suche nach Gott – eine Suche, die in Wahrheit so zögerlich ist – sondern vielmehr die Suche von Gott nach uns. Das Christentum ist Gnade, Überraschung, und aus diesem Grund setzt es ein Herz voraus, das fähig zum Staunen ist.“

Auch wenn wir Sünder seien – und das seien wir alle, erinnerte der Papst – und unsere guten Vorsätze nicht eingehalten oder viele Misserfolge gesammelt hätten, könnten wir am Ostermorgen das tun, was auch die Menschen taten, von denen das Evangelium spricht: „Zum Grab des Christus gehen, den großen Fels verrückt zu sehen und zu denken, dass Gott für mich, für uns alle, eine unerwartete Zukunft Wirklichkeit werden lässt. Hier ist das Glück, hier ist die Freude und das Leben, wo alle dachten, dass es nur Traurigkeit, Niederlage und Schatten gebe. Gott lässt seine schönsten Blumen inmitten der unwirtlichsten Felsen wachsen.“

(rv 19.04.2017 cs)

Der liebkosende Richter und die innere Finsternis des Judas

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Franziskus in Santa Marta: wer die Liebkosungen des Herrn nicht kennt, kennt die christliche Lehre nicht. Die Macht Gottes – die Zärtlichkeit. ‚Bruder Judas’ – das Bild schlechthin für das ‚verlorene Schaf’.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Das Gleichnis vom verlorenen Schaf stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit von Papst Franziskus in seiner Predigt bei der heiligen Messe in der Kapelle des vatikanischen Gästehauses „Domus Sanctae Marthae“ am Dienstag der 2. Woche im Advent: „Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück und sucht das verirrte? Und wenn er es findet – amen, ich sage euch: er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht“ (Mt 18,12-14).

Der Papst unterstrich die Freude über den Trost des Herrn, der nie aufhöre, uns zu suchen. Er „kommt, doch als ein Richter, der liebkost, ein Richter, der voller Zärtlichkeit ist: er tut alles, um uns zu retten“. Der Herr komme nicht, um uns zu verurteilen, sondern um uns zu retten, er suche einen jeden von uns, er liebe uns persönlich. Gott liebe keine gleichförmige und vage Masse, sondern er liebe uns namentlich und wie wir seien.

Das verlorene Schaf „hatte sich nicht verirrt, weil es keinen Kompass zur Hand gehabt hätte. Es kannte seinen Weg gut. Vielmehr hatte es sich verirrt, weil es ein krankes Herz hatte“, verblendet durch eine innere Spaltung. So fliehe es, um sich vom Herrn zu entfernen, um jene innere Finsternis zu sättigen, die es zu einem Doppelleben geführt habe: in der Herde sein und in das Dunkel weglaufen. Der Herr wisse um diese Dinge und gehe, um es zu suchen.

„Die Gestalt, die mich die Haltung des Herrn gegenüber dem verlorenen Schaf am Besten verstehen lässt“, so Franziskus, „ist die Haltung, die der Herr gegenüber Judas einnimmt“:

„Das vollkommenste verlorene Schaf im Evangelium ist Judas: ein Mann, der immer und allezeit eine Bitternis im Herzen trug, etwas, das an den anderen zu kritisieren war, immer mit einem unbeteiligten Abstand. Er kannte die Süße der Unentgeltlichkeit eines Lebens mit allen anderen nicht. Und da dieses Schaf nicht zufrieden war – Judas war kein zufriedener Mann! –, lief es immer weg. Er lief weg, weil er ein Dieb war, weil er auf diese Seite abrutschte. Andere sind zügellos, andere… Doch immer laufen sie weg, denn da ist jene Finsternis im Herzen, die sie von der Herde absondert. Das ist das Doppelleben, jenes doppelte Leben vieler Christen, auch, und das können wir voll Schmerz sagen, von Priestern, Bischöfen… Und Judas war Bischof, er war einer der ersten Bischöfe, ja? Das verlorene Schaf. Der Ärmste! ‚Der ‚Ärmste’, dieser ‚Bruder Judas’, wie ihn Don Primo Mazzolari in jener so schönen Predigt nannte: ‚Bruder Judas, was geschieht in deinem Herzen?’. Wir müssen die verlorenen Schafe verstehen. Auch wir haben immer etwas von den verlorenen Schafen, etwas Kleines oder auch etwas gar nicht so Kleines“.

Was das verlorene Schaf tue, sei nicht so sehr ein „Fehler“. Vielmehr handle es sich „um eine Krankheit, die im Herzen ist und die der Teufel ausnutzt“. So sei Judas mit seinem gespaltenen Herzen das Bild schlechthin für das verlorene Schaf, das der Hirt suchen gehe. Judas aber begreife nicht, und „als er am Ende sah, was das doppelte Leben in der Gemeinschaft angerichtet hat, das Böse, das er gesät hat, mit seiner inneren Finsternis, die ihn dazu brachte, immer wegzulaufen, um Lichter zu suchen, die nicht das Licht des Herrn waren, sondern Lichter wie beim Christbaumschmuck, künstliche Lichter – da fiel er in Verzweiflung“:

„Es ist da ein Wort in der Bibel – der Herr ist gut, auch zu diesen Schafen, er hört nicht auf, sie zu suchen – es ist da ein Wort, das sagt, Judas habe sich erhängt, er habe sich aufgehängt und ‚bereut’ (vgl. Mt 27,3-5). Ich glaube, dass der Herr jenes Wort nehmen und mit sich tragen wird, ich weiß nicht, es kann sein, aber jenes Wort lässt uns zweifeln. Aber was bedeutet jenes Wort? Dass die Liebe Gottes bis zum Ende in jener Seele arbeitete, bis zum Moment der Verzweiflung. Und das ist die Haltung des guten Hirten gegenüber den verlorenen Schafen. Das ist die Botschaft, die frohe Botschaft, die uns Weihnachten bringt und die von uns jenen aufrechten Jubel fordert, der das Herz ändert, der uns dazu bringt, uns vom Herrn und nicht von den anderen Tröstungen trösten lassen, nach denen wir suchen, um uns abzureagieren, um der Wirklichkeit zu entfliehen, um vor der inneren Qual zu fliehen, vor der inneren Spaltung“.

Als Jesus das verlorene Schaf finde, beschimpfe er es nicht, auch wenn es viel Böses angestellt habe. Im Garten Getsemani nenne er Judas „Freund“ (vgl. Mt 26,50). Dies seien die Liebkosungen Gottes:

„Wer die Liebkosungen des Herrn nicht kennt, kennt die christliche Lehre nicht! Wer sich nicht vom Herrn liebkosen lässt, ist verloren! Das ist die frohe Botschaft, das ist der aufrechte Jubel, den wir heute wollen. Das ist die Freude, das ist die Tröstung, die wir suchen: dass der Herr mit seiner Macht komme, die in den Liebkosungen besteht, dass er komme, um uns zu besuchen, um uns wie das verlorene Schaf zu retten und uns in die Herde seiner Kirche zu bringen. Der Herr schenke uns diese Gnade, Weihnachten mit unseren Wunden, mit unseren ehrlich bekannten Sünden zu erwarten, die Gnade, die Macht dieses Gottes zu erwarten, der kommt, um uns zu trösten, der machtvoll kommt, dessen Macht aber die Zärtlichkeit ist, die Liebkosungen, die aus seinem Herzen hervorgehen, aus seinem so guten Herzen, das sein Leben für uns hingegeben hat“.

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PAPST BENEDIKT XVI.: KATECHESEN ZUM VÖLKERAPOSTEL PAULUS

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Der heilige Apostel Paulus (1): Religiöses und kulturelles Umfeld

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich eine neue Katechesenreihe beginnen, die dem großen Apostel Paulus gewidmet ist. Ihm ist, wie ihr wißt, dieses Jahr geweiht, das vom Hochfest der heiligen Petrus und Paulus am 29. Juni 2008 bis zum selben Fest im Jahr 2009 dauert. Der Apostel Paulus, eine herausragende, fast unnachahmliche, aber dennoch anregende Gestalt, steht vor uns als Beispiel nicht nur der totalen Hingabe an den Herrn und seine Kirche, sondern auch einer großen Öffnung hin zur Menschheit und ihren Kulturen. Es ist also nur recht, daß wir ihm nicht nur in unserer Verehrung einen besonderen Platz einräumen, sondern auch in dem Bemühen zu verstehen, was er auch uns heutigen Christen zu sagen hat. In dieser unserer ersten Begegnung wollen wir dabei verweilen, uns das Umfeld anzuschauen, in dem er lebte und wirkte. Ein solches Thema würde uns, so scheint es, von unserer Zeit weit wegführen, da wir uns in die Welt vor zweitausend Jahren begeben müssen. Und dennoch trifft das nur scheinbar und nur teilweise zu, denn wir werden feststellen können, daß unter verschiedenen Aspekten der sozio-kulturelle Kontext von heute sich nicht sehr von jenem der damaligen Zeit unterscheidet.

Ein wichtiger und grundlegender Faktor, den man sich vergegenwärtigen muß, ist die Beziehung zwischen der Umgebung, in der Paulus geboren wird und sich entwickelt, und dem globalen Kontext, in den er sich später einfügt. Er kommt aus einer sehr genau umschriebenen Minderheitskultur, nämlich jener des Volkes Israel und seiner Tradition. In der antiken Welt und insbesondere innerhalb des Römischen Reiches dürften sich – wie uns die Altertumswissenschaftler lehren – die Juden auf ungefähr zehn Prozent der Gesamtbevölkerung belaufen haben; hier in Rom war ihre Zahl um die Mitte des 1. Jahrhunderts noch geringer und erreichte höchstens drei Prozent der Einwohnerzahl der Stadt. Ihr religiöser Glaube und ihr Lebensstil unterschieden sie, wie das auch heute noch geschieht, klar von ihrer Umgebung; und das konnte zwei Folgen haben: entweder Spott und Verhöhnung, die zur Intoleranz führen konnte, oder die Bewunderung, die sich in verschiedenen Formen von Sympathie äußerte, wie im Fall der »Gottesfürchtigen« oder der »Proselyten«, Heiden, die sich der Synagoge anschlossen und den Glauben an den Gott Israels teilten. Als konkrete Beispiele dieser Doppelhaltung können wir einerseits das scharfe Urteil eines Redners, nämlich Ciceros, anführen, der die Religion der Juden und sogar die Stadt Jerusalem verachtete (vgl. Pro Flacco, 66–69), und andererseits die Haltung der Frau Neros, Poppea, die von Flavius Iosephus als »Sympathisantin« der Juden bezeichnet wird (vgl. Jüdische Altertümer 20, 195.252; Selbstbiographie »Aus meinem Leben« 16), um nicht davon zu sprechen, daß schon Julius Cäsar ihnen offiziell Sonderrechte zuerkannt hatte, die uns von dem erwähnten jüdischen Historiker Flavius Iosephus überliefert sind (vgl. ebd., 14,200–216). Sicher ist, daß die Zahl der Juden – wie das übrigens noch heute der Fall ist – außerhalb des Landes Israel, also in der Diaspora, viel größer war als auf dem Territorium, das die anderen Palästina nannten.

Es verwundert also nicht, daß Paulus selbst Gegenstand der zweifachen, gegensätzlichen Bewertung gewesen ist, von der ich gesprochen habe. Eines ist sicher: Der Partikularismus der jüdischen Kultur und Religion fand unschwer einen Platz innerhalb einer alles durchdringenden Institution, wie sie das Römische Reich war. Schwieriger und leidvoller wird die Lage der Gruppe jener, ob Juden oder Heiden, die sich mit Glauben der Person Jesu von Nazaret soweit anschließen werden, daß sie sich sowohl vom Judentum als auch vom herrschenden Heidentum unterscheiden. In jedem Fall begünstigten zwei Faktoren den Einsatz des Paulus. Der erste Faktor war die griechische oder, richtiger, die hellenistische Kultur, die nach Alexander dem Großen zum gemeinsamen Erbe des östlichen Mittelmeerraums und des Nahen Ostens geworden war, auch wenn sie dabei viele Elemente der Kulturen von traditionell als Barbaren beurteilten Völkern in sich aufnahm. Ein Schriftsteller der Zeit sagt diesbezüglich: Alexander »befahl, daß alle die ganze bewohnte Erde (»oikoumene«) als Heimat ansehen sollten… und daß sich der Grieche und der Barbar nicht mehr voneinander unterscheiden sollten« (Plutarch, De Alexandri Magni fortuna aut virtute, §§ 6.8). Der zweite Faktor war die politisch-administrative Struktur des Römischen Reiches, die von Britannien bis nach Oberägypten Frieden und Stabilität gewährleistete und ein Territorium von vorher nie gesehenen Ausmaßen vereinte. In diesem Raum konnte man sich mit ausreichender Freiheit und Sicherheit bewegen, während man ein außerordentliches Straßensystem nutzte und an jedem Ankunftsort kulturelle Grundmerkmale vorfand, die, ohne auf Kosten der örtlichen Werte zu gehen, ein gemeinsames vereinendes Gewebe »super partes« darstellten, so daß der jüdische Philosoph Philon von Alexandrien, ein Zeitgenosse des Paulus, den Kaiser Augustus lobt, weil er »alle wilden Völker in Einklang gebracht … und sich zum Hüter des Friedens gemacht hat« (Legatio ad Caium, §§ 146–147).

Die universalistische Sicht, die für die Persönlichkeit des Paulus, zumindest des christlichen Paulus nach dem Ereignis auf der Straße vor Damaskus, typisch ist, verdankt ihren Grundimpuls gewiß dem Glauben an Jesus Christus, insofern die Gestalt des Auferstandenen nun jenseits jeder partikularistischen Enge steht; in der Tat, für den Apostel gibt es »nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ›einer‹ in Christus Jesus» (Gal 3,28). Dennoch muß auch die historisch-kulturelle Situation seiner Zeit und seines Umfeldes einen Einfluß auf seine Entscheidungen und seinen Einsatz gehabt haben. Jemand hat Paulus als »Mann dreier Kulturen« bezeichnet und damit seiner jüdischen Herkunft, seiner griechischen Sprache und seinem Vorrecht eines »civis Romanus« Rechnung getragen, wie auch sein Name lateinischen Ursprungs bezeugt. Erwähnt werden muß im besonderen die stoische Philosophie, die zur Zeit des Paulus vorherrschend war und, wenngleich nur am Rande, auch das Christentum beeinflußte. In diesem Zusammenhang können wir einige Namen von stoischen Philosophen, wie die der Begründer Zenon und Kleanthes nicht verschweigen, und sodann jene, die zeitlich näher an Paulus waren, wie Seneca, Musonius und Epiktet: In ihnen finden sich sehr hohe Werte der Menschlichkeit und Weisheit, die natürlich ins Christentum aufgenommen werden. Wie ein Fachgelehrter sehr treffend schreibt, »verkündete die Stoa… ein neues Ideal, das dem Menschen wohl Pflichten gegenüber seinen Mitmenschen auferlegte, ihn aber gleichzeitig von allen körperlichen und nationalen Banden befreite und aus ihm ein rein geistiges Wesen machte« (Max Pohlenz, Die Stoa. Geschichte einer geistigen Bewegung. 2 Bde., 2. Aufl. 1964). Man denke zum Beispiel an die Lehre vom Universum, das als ein einziger großer harmonischer Leib verstanden wird, und folgerichtig an die Lehre von der Gleichheit aller Menschen ohne soziale Unterschiede, an die zumindest prinzipielle Gleichstellung zwischen Mann und Frau, und dann an das Ideal der Genügsamkeit, des rechten Maßes und der Selbstbeherrschung, um jede Ausschweifung zu vermeiden. Als Paulus an die Philipper schreibt: »Was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist, darauf seid bedacht« (Phil 4,8), tut er nichts anderes, als eine rein humanistische Konzeption jener philosophischen Weisheit aufzunehmen.

Zur Zeit des hl. Paulus gab es auch eine Krise der traditionellen Religion, zumindest in ihren mythologischen und auch bürgerlichen Aspekten. Nachdem Lukrez schon ein Jahrhundert zuvor polemisch geäußert hatte, daß »die Religion zu vielen Übeln geführt hat« (De rerum natura, 1,101), lehrte ein Philosoph wie Seneca, indem er weit über jeden äußerlichen Ritualismus hinausging: »Gott ist dir nahe, er ist mit dir, er ist in dir« (Briefe an Lucilius, 41,1). Analog sagt Paulus, als er sich auf dem Areopag in Athen an eine Zuhörerschaft von stoischen und epikureischen Philosophen wendet, wörtlich: »Gott … wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind… Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir« (Apg 17,24.28). Damit läßt er gewiß den jüdischen Glauben an einen Gott anklingen, der nicht in anthropomorphen Begriffen darstellbar ist, aber er stellt sich auch auf eine religiöse Wellenlänge ein, die seine Zuhörer wohl kannten. Darüber hinaus müssen wir der Tatsache Rechnung tragen, daß viele heidnische Kulte von den offiziellen Tempeln der Stadt absahen und an privaten Orten vollzogen wurden, die die Initiation der Adepten begünstigten. Es bot somit keinen Anlaß zur Verwunderung, daß auch die christlichen Versammlungen (die »ekklesíai«), wie uns vor allem die Paulusbriefe bezeugen, in Privathäusern stattfanden. Im übrigen gab es damals noch kein öffentliches Gebäude. Deshalb mußten die Versammlungen der Christen den Zeitgenossen als eine einfache Variante dieser ihrer innersten religiösen Praxis erscheinen. Doch sind die Unterschiede zwischen den heidnischen Kulten und dem christlichen Kult von nicht geringer Bedeutung und betreffen sowohl das Identitätsbewußtsein der Teilnehmer als auch die gemeinsame Teilnahme von Männern und Frauen, die Feier des »Herrenmahles« und die Lesung der Heiligen Schrift.

Abschließend scheint es aus diesem schnellen Blick auf das kulturelle Umfeld des ersten Jahrhunderts der christlichen Zeit klar, daß es nicht möglich ist, den hl. Paulus angemessen zu verstehen, ohne ihn vor den sowohl jüdischen wie heidnischen Hintergrund seiner Zeit zu stellen. Auf diese Weise gewinnt seine Gestalt an historischer und idealer Dichte und offenbart gegenüber dem Umfeld zugleich Teilnahme und Originalität. Aber das gilt ähnlich auch für das Christentum im allgemeinen, dessen erstrangiges Vorbild eben der Apostel Paulus ist, von dem wir alle noch immer viel zu lernen haben. Das ist denn auch der Zweck des Paulusjahres: Vom hl. Paulus lernen, den Glauben lernen, Christus lernen, schließlich den Weg des rechten Lebens lernen.


Heute beginnen wir einen neuen Zyklus von Katechesen über den hl. Apostel Paulus. Wie ihr wißt, haben wir vor wenigen Tagen mit dem Hochfest der heiligen Petrus und Paulus das Paulusjahr eröffnet, das dem Völkerapostel gewidmet ist und bis zum 29. Juni 2009 dauert. In dieser Zeit wollen wir Paulus nicht nur als eine herausragende und geradezu einzigartige Heiligengestalt verehren, sondern uns auch um ein tieferes Verständnis seiner Lehre bemühen. Mit diesem Ziel werfen wir heute einen Blick auf sein religiöses und kulturelles Umfeld. Paulus wird treffend als „ein Mann dreier Kulturen“ bezeichnet: der jüdischen aufgrund seiner Religion, der griechisch-hellenistischen im Hinblick auf die Sprache und das philosophische Gedankengut und schließlich der römischen als Bürger des Römischen Reiches mit den dazugehörigen Rechten. Diese Faktoren hatten einen nicht unbedeutenden Einfluß auf das Denken und Wirken des hl. Paulus, auch nach der radikalen Wende, die sein Leben durch die Begegnung mit Christus erfahren hat. Als Angehöriger einer kleinen Minderheit wurde er sowohl mit Geringschätzung als auch mit neugierigem Interesse bedacht. Zugleich eröffneten ihm die verbreitete hellenistische Kultur sowie die gute Infrastruktur des Römerreiches den Zugang zu den Menschen im gesamten Mittelmeerraum. Auch die authentischen Ideale verschiedener philosophischer Strömungen und die Krise der heidnischen Kulte hatten gewissermaßen den Boden für die christliche Mission bereitet.

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Der Hl. Paulus (2): Das Leben des Hl. Paulus vor und nach Damaskus

Liebe Brüder und Schwestern!

In der letzten Katechese vor den Ferien – vor zwei Monaten, Anfang Juli – hatte ich aus Anlaß des Paulus-Jahres mit einer neuen Themenreihe begonnen, wobei ich mich mit der Welt befaßte, in der der hl. Paulus lebte. Heute möchte ich, hieran anknüpfend, meine Reflexion über den Völkerapostel fortsetzen und kurz seine Biographie vorstellen. Während wir uns am kommenden Mittwoch dem außergewöhnlichen Ereignis widmen werden, das sich auf dem Weg nach Damaskus zutrug, der Bekehrung des Paulus, jenem grundlegenden Wendepunkt in seinem Leben aufgrund der Begegnung mit Christus, wollen wir heute einen kurzen Gesamtüberblick über sein Leben geben. Biographische Angaben über Paulus finden wir im Brief an Philemon, in dem er sich selbst als »alten Mann« bezeichnet (Phlm 9: »presbytes«), und in der Apostelgeschichte, wo er im Augenblick der Steinigung des Stephanus als »junger Mann« beschrieben wird (7,58: »neanías«). Diese beiden Altersangaben zu seiner Person sind offensichtlich recht allgemein gehalten, aber gemäß alten Berechnungen wurde ein Mann als »jung« bezeichnet, wenn er rund 30 Jahre alt war, während er »alt« genannt wurde, wenn er ein Lebensalter von rund 60 Jahren erreicht hatte. Letztlich aber hängt das Geburtsdatum des Paulus zum Großteil von der Datierung des Briefes an Philemon ab. Die Überlieferung datiert dessen Abfassung in die Zeit seiner Gefangenschaft in Rom, Mitte der 60er Jahre. Paulus soll um das Jahr 8 geboren sein, somit wäre er ungefähr sechzig Jahre alt gewesen, und bei der Steinigung des Stephanus rund 30 Jahre. Dies dürfte die richtige zeitliche Reihenfolge sein. Und die Feier des Paulus-Jahres, das wir begehen, folgt genau dieser Chronologie. Das Jahr 2008 wurde in Erinnerung an seine Geburt um das Jahr 8 gewählt. Wie dem auch sei: er wurde in Tarsus in Zilizien geboren (vgl. Apg 22,3). Diese Stadt war das Verwaltungszentrum der Region und hatte im Jahr 51 v. Chr. keinen Geringeren als Marcus Tullius Cicero zum Prokonsul, während Tarsus zehn Jahre später, im Jahr 41, Schauplatz der ersten Begegnung zwischen Marcus Antonius und Kleopatra war. Er war Diasporajude und sprach Griechisch, obwohl er einen Namen lateinischen Ursprungs trug, der übrigens durch Assonanz vom ursprünglichen jüdischen Namen Saul/Saulos abgeleitet ist, und er hatte das römische Bürgerrecht (vgl. Apg 22,25–28). Paulus steht daher an der Grenze zu drei verschiedenen Kulturen – der römischen, griechischen und jüdischen –, und vielleicht war er auch gerade deshalb zu einer fruchtbringenden universalistischen Offenheit, zur Vermittlung zwischen den Kulturen und zur wahren Universalität bereit. Er erlernte auch ein Handwerk, das er vielleicht vom Vater übernommen hatte und bei dem es sich um den Beruf des »Zeltmachers« handelte (vgl. Apg18,3: »skenopoiòs«), worunter wahrscheinlich jemand zu verstehen ist, der Ziegenrohwolle und Leinenfasern bearbeitet, um Matten oder Zelte herzustellen (Apg 20,33–35). Im Alter von 12 bis 13 Jahren, in jenem Alter also, in dem ein jüdischer Junge »bar mizwa« (»Sohn des Gebots«) wird, verließ Paulus Tarsus und siedelte nach Jerusalem über, wo er zu Füßen von Rabbi Gamaliël dem Alten, einem Neffen des großen Rabbi Hillèl, nach den strengsten Vorschriften der Pharisäer ausgebildet wurde und dabei großen Eifer für die mosaische Thora entwickelte (vgl. Gal 1,14; Phil 3,5–6; Apg 22,3; 23,6; 26,5).

Auf der Grundlage dieser hohen Orthodoxie, die er in Jerusalem in der Schule des Hillèl gelernt hatte, sah er in der neuen Bewegung, die sich auf Jesus von Nazaret berief, eine Gefahr, eine Bedrohung für die jüdische Identität und für die wahre Orthodoxie der Väter. Daraus läßt sich die Tatsache erklären, daß er stolz »die Kirche verfolgte«, wie er es dreimal in seinen Briefen zugegeben hat (1 Kor 15,9; Gal 1,13; Phil 3,6). Auch wenn es nicht leicht ist, sich konkret vorzustellen, worin diese Verfolgung bestand, ist auf jeden Fall davon auszugehen, daß seine Haltung von Intoleranz geprägt war. In diesem Kontext steht das Ereignis bei Damaskus, auf das wir in der nächsten Katechese zu sprechen kommen werden. Sicher ist, daß sich von diesem Augenblick an sein Leben änderte und er zu einem unermüdlichen Apostel des Evangeliums wurde. In der Tat ging Paulus mehr durch sein Wirken als Christ, ja als Apostel in die Geschichte ein als durch seine Taten als Pharisäer. Traditionsgemäß wird sein apostolisches Wirken auf der Grundlage seiner drei Missionsreisen untergliedert, zu der als vierte seine Überführung nach Rom als Gefangener hinzukam. Über sie alle berichtet Lukas in der Apostelgeschichte. Bei diesen drei Missionsreisen ist jedoch die erste von den beiden anderen zu unterscheiden.

Während der ersten Reise trug Paulus nämlich nicht direkt die Verantwortung (vgl. Apg 13–14): sie war vielmehr dem Zyprioten Barnabas anvertraut. Gemeinsam brachen sie als Gesandte jener Kirche von Antiochien am Orontes auf (vgl. Apg 13,1–3), und, nachdem sie vom Hafen von Seleuzia an der syrischen Küste aus in See gestochen waren, durchquerten sie die Insel Zypern von Salamis bis nach Paphos; von dort aus gelangten sie an die Südküste Anatoliens, in der heutigen Türkei, und besuchten die Städte Attalia, Perge in Pamphylien, Antiochia in Pisidien, Ikonion, Lystra und Derbe, von wo aus sie an ihren Ausgangsort zurückkehrten. Auf diese Weise ist die Kirche der Völker, die Kirche der Heiden entstanden. In der Zwischenzeit war vor allem in Jerusalem eine heftige Diskussion um die Frage entbrannt, inwieweit die Heidenchristen verpflichtet seien, auch das Leben und Gesetz Israels anzunehmen (verschiedene Regeln und Vorschriften, die Israel von der übrigen Welt trennten), um wirklich an den Verheißungen der Propheten Anteil zu haben und tatsächlich das Erbe Israels zu übernehmen. Zur Lösung dieses für die im Entstehen begriffene Kirche fundamentalen Problems trat in Jerusalem das sogenannte »Apostelkonzil« zusammen, um über dieses Problem zu beraten, von dem die konkrete Entstehung einer universalen Kirche abhing. Es wurde beschlossen, den bekehrten Heiden nicht die Befolgung des mosaischen Gesetzes aufzuerlegen (vgl. Apg 15,6–30): sie waren also nicht an die Vorschriften des jüdischen Glaubens gebunden; die einzige Notwendigkeit bestand darin, Christus zugehörig zu sein und mit Christus und nach seinem Wort zu leben. Wenn sie nämlich Christus zugehörten, gehörten sie auch zu Abraham und zu Gott und hatten Anteil an allen Verheißungen. Nach diesem entscheidenden Ereignis trennte sich Paulus von Barnabas, wählte Silas und begann seine zweite Missionsreise (vgl. Apg15,36–18,22). Nachdem er Syrien und Zilizien durchquert hatte, besuchte er erneut die Stadt Lystra, wo er Timotheus mitnahm (eine sehr wichtige Gestalt für die entstehende Kirche, Sohn einer Jüdin und eines Heiden) und ihn beschneiden ließ. Danach zog er durch Mittelanatolien und erreichte die Stadt Troas an der Nordküste des Ägäischen Meeres. Hier kam es erneut zu einem bedeutenden Ereignis: Im Traum sah er auf der gegenüberliegenden Seite des Meeres, das heißt in Europa, einen Mazedonier, der ihm zurief. »Komm herüber, und hilf uns!« Es war das künftige Europa, das um die Hilfe und das Licht des Evangeliums bat. Von dieser Vision angespornt, machte er sich auf den Weg nach Europa. Er fuhr mit dem Schiff nach Mazedonien und gelangte so nach Europa. In Neapolis ging er an Land und kam nach Philippi, wo er eine schöne Gemeinde gründete. Dann fuhr er weiter nach Thessalonich, mußte aber aufgrund der Schwierigkeiten, die ihm von den Juden bereitet wurden, die Stadt verlassen und gelangte schließlich über Beröa nach Athen. In dieser Hauptstadt der antiken griechischen Kultur predigte er zunächst auf der Agorà und dann auf dem Areopag zu den Heiden und den Griechen. Seine Rede auf dem Areopag, die in der Apostelgeschichte dokumentiert ist, ist ein Vorbild dafür, wie das Evangelium auf die griechische Kultur übertragen wird; wie den Griechen verständlich gemacht werden kann, daß dieser Gott der Christen, der Juden, nicht ein ihrer Kultur fremder Gott ist, sondern der unbekannte, von ihnen erwartete Gott, die wahre Antwort auf die tiefsten Fragen ihrer Kultur. Von Athen aus begab er sich dann nach Korinth, wo er für eineinhalb Jahre blieb. Dort kam es zu einem chronologisch ganz klar einzuordnenden Ereignis, dem am zuverlässigsten belegten seiner ganzen Biographie. Er wurde nämlich bei seinem ersten Aufenthalt in Korinth vom Gouverneur der Senatorenprovinz Achaia, dem Prokonsul Gallio, vorgeladen, da er eines unrechtmäßigen Kultes angeklagt worden war. Über diesen Gallio und seine Zeit in Korinth gibt es eine antike Inschrift, die in Delphi gefunden wurde und dokumentiert, daß er in den Jahren 51 bis 53 Prokonsul von Korinth war. Damit haben wir also eine absolut zuverlässige Zeitangabe. Der Aufenthalt des Paulus muß also in diese Jahre fallen. Wir können davon ausgehen, daß er um das Jahr 50 angekommen und bis 52 geblieben ist. Von Korinth aus fuhr er über Kenchreä, den östlichen Hafen der Stadt, nach Palästina und kam nach Cäsarea, von wo aus er sich nach Jerusalem begab, um schließlich nach Antiochia am Orontes zurückzukehren.

Die dritte Missionsreise (vgl. Apg 18,23– 21,16) begann wie immer in Antiochia, das zum Ausgangspunkt der Kirche der Heiden und der Heidenmission geworden war, und es war auch der Ort, an dem der Begriff »Christen« geprägt wurde. Hier wurden, so berichtet der hl. Lukas, die Jünger Jesu zum ersten Mal »Christen« genannt. Von dort aus steuerte Paulus geradewegs auf Ephesus zu, die Hauptstadt der Provinz Asien, wo er sich zwei Jahre lang aufhielt und einen Dienst leistete, der sich sehr fruchtbringend auf die ganze Region auswirkte. Von Ephesus aus schrieb Paulus seine Briefe an die Thessalonicher und die Korinther. Die Bevölkerung der Stadt wurde aber von den dortigen Silberschmieden gegen ihn aufgewiegelt, die ihre Einnahmen aufgrund des Rückgangs des Artemis-Kultes schwinden sahen (der ihr in Ephesus geweihte Tempel, das Artemysion, war eines der sieben Weltwunder der Antike); daher mußte er nach Norden fliehen. Nachdem er erneut durch Mazedonien gezogen war, fuhr er wieder hinunter nach Griechenland, wahrscheinlich nach Korinth, wo er sich drei Monate lang aufhielt und den berühmten Brief an die Römer schrieb.

Von dort aus kehrte er wieder zurück: er machte sich erneut auf den Weg nach Mazedonien, erreichte mit dem Schiff Troas, streifte die Inseln Mitylene, Chios und Samos und gelangte schließlich nach Milet, wo er eine bedeutende Rede vor den Ältesten der Kirche von Ephesus hielt, in der er ein Bild vom wahren Hirten der Kirche entwarf (vgl. Apg 20). Von dort aus segelte er wieder nach Tyrus, von wo aus er Cäsarea erreichte, um ein weiteres Mal nach Jerusalem hinaufzuziehen. Dort wurde er aufgrund eines Mißverständnisses verhaftet: einige Juden hatten andere Juden griechischer Herkunft, die von Paulus in den ausschließlich den Israeliten vorbehaltenen Bereich des Tempels mitgenommen worden waren, fälschlich für Heiden gehalten. Die dafür vorgesehene Todesstrafe blieb ihm erspart dank des Eingreifens des römischen Tribuns, der den Tempelbereich bewachte (vgl. Apg 21,27– 36); dies ereignete sich, als Antonius Felix kaiserlicher Prokurator in Judäa war. Nach einer gewissen Zeit im Gefängnis (über deren Dauer die Meinungen auseinandergehen) legte Paulus als römischer Bürger beim Kaiser (in jener Zeit regierte Nero) Berufung ein; der nachfolgende Prokurator, Porzius Festius, schickte ihn dann in militärischem Gewahrsam nach Rom.

Auf seiner Reise nach Rom hielt er sich auf den Mittelmeerinseln Kreta und Malta auf und erreichte dann die Städte Syrakus, Rhegion und Puteoli. Die Christen Roms reisten ihm auf der Via Appia bis zum Forum Appii entgegen (das circa 70 Kilometer südlich von der Hauptstadt liegt), und andere bis nach Tres Tabernae (circa 40 Kilometer). In Rom begegnete er den führenden Männern der jüdischen Gemeinde, denen er anvertraute, daß er »um der Hoffnung Israels willen « seine Fesseln trage (Apg 28,20). Der Bericht des Lukas endet mit der Erwähnung der beiden Jahre, die er in Rom, von einem Soldaten bewacht, verbracht hatte, wobei aber weder die Verurteilung durch den Kaiser (Nero) noch der Tod des Angeklagten erwähnt wird. Spätere Überlieferungen berichten von seiner Befreiung, die dann eine Missionsreise nach Spanien sowie einen späteren Abstecher nach Osten möglich gemacht hätte, genauer gesagt nach Kreta, Ephesus und Nikopolis in Epirus. Ebenfalls auf hypothetischer Grundlage vermutet man eine erneute Verhaftung und eine zweite Gefangenschaft in Rom (wo er die drei sogenannten »Pastoralbriefe« geschrieben haben soll, das heißt die beiden Briefe an Timotheus und den an Titus). Auch sei es zu einem zweiten Prozeß gekommen, der zu seinen Ungunsten ausgegangen sei. Trotzdem sehen sich viele Paulus-Forscher aus mehreren Gründen dazu veranlaßt, die Biographie des Apostels mit dem Bericht des Lukas in der Apostelgeschichte enden zu lassen.

Auf sein Martyrium werden wir in unseren Katechesen an späterer Stelle zurückkommen. Bei dieser kurzen Aufzählung der Reisen des Paulus mag es vorerst genügen festzuhalten, daß er sich der Verkündigung des Evangeliums gewidmet hat, ohne seine Kräfte zu schonen. Dabei hat er eine Reihe von schweren Prüfungen auf sich nehmen müssen, die er im zweiten Brief an die Korinther aufzählt (vgl. 11,21–28). Im übrigen schreibt er selbst: »Alles tue ich für das Evangelium« (1 Kor 9,23), und er versuchte, mit vollkommener Großherzigkeit das vorzuleben, was er »Sorge für alle Gemeinden« nennt (2 Kor 11,28). Wir sehen einen Einsatz, der sich einzig und allein erklären läßt durch eine Seele, die wirklich vom Licht des Evangeliums fasziniert und in Christus verliebt ist; eine Seele, die von einer tiefen Überzeugung getragen ist: wir müssen der Welt das Licht Christi bringen und allen das Evangelium verkünden. Dies scheint mir die Quintessenz dieses kurzen Überblicks über die Reisen des hl. Paulus zu sein: seine Leidenschaft für das Evangelium zu sehen und so die Größe, die Schönheit und die tiefe Notwendigkeit des Evangeliums für uns alle zu erkennen. Bitten wir, daß der Herr, der Paulus sein Licht hat schauen lassen, ihn sein Wort hat hören lassen und sein Herz im Innersten angerührt hat, auch uns sein Licht schauen lasse, damit auch unser Herz von seinem Wort berührt werde und auch wir der Welt von heute das Licht des Evangeliums und die Wahrheit Christi, nach der sie so sehr dürstet, bringen können.

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Der Hl. Paulus (3): Das Damaskuserlebnis des Hl. Paulus

Liebe Brüder und Schwestern!

Die heutige Katechese soll dem Erlebnis des hl. Paulus auf dem Weg nach Damaskus gewidmet sein, also jenem Erlebnis, das man gemeinhin seine Bekehrung nennt. Gerade auf der Straße vor Damaskus ereignete sich nämlich Anfang der Dreißigerjahre des 1. Jahrhunderts der entscheidende Augenblick im Leben des Paulus – nach einer Zeit, in der er die Kirche verfolgt hatte. Darüber ist viel und natürlich unter verschiedenen Gesichtspunkten geschrieben worden. Sicher ist, daß dort eine Wende, ja eine Umkehr der Sichtweise erfolgt ist. Ganz unerwartet begann er nun alles, was für ihn bis dahin das höchste Ideal, ja gleichsam den Grund seiner Existenz darstellte, als »Verlust« und »Unrat« anzusehen (vgl. Phil 3,7–8). Was war geschehen?

Wir haben dazu zwei Arten von Quellen. Die erste und bekannteste sind die Berichte aus der Feder des Lukas, der in derApostelgeschichte dreimal von dem Ereignis berichtet (vgl. 9,1–19; 22,3-21; 26,4-23). Der durchschnittlich gebildete Leser ist vielleicht versucht, zu sehr bei einigen Details stehenzubleiben, wie dem Licht vom Himmel, dem Zu-Boden-Stürzen, der Stimme, die ruft, dem neuen Zustand der Blindheit, der Heilung, als fielen gleichsam Schuppen von den Augen, und dem Fasten. Aber alle diese Details beziehen sich auf den Mittelpunkt des Geschehens: Der auferstandene Christus erscheint als ein strahlendes Licht und spricht zu Saulus, verwandelt dessen Denken und Leben. Der Glanz des Auferstandenen läßt ihn erblinden: So tritt auch äußerlich das zutage, was seine innere Wirklichkeit war, seine Blindheit gegenüber der Wahrheit, dem Licht, das Christus ist. Und dann öffnet sein endgültiges »Ja« zu Christus in der Taufe wieder seine Augen, läßt ihn wirklich sehen.

In der frühen Kirche wurde die Taufe auch »Erleuchtung« genannt, weil dieses Sakrament das Licht schenkt und wirklich sehen läßt. Alles, was somit theologisch angedeutet wird, verwirklicht sich in Paulus auch leiblich: Nachdem er von seiner inneren Blindheit geheilt ist, sieht er gut. Der hl. Paulus ist also nicht von einem Gedanken, sondern von einem Ereignis verwandelt worden, von der unwiderstehlichen Gegenwart des Auferstandenen, an der er fortan nie zweifeln können wird, so stark war die Offenkundigkeit des Ereignisses, dieser Begegnung. Sie änderte das Leben des Paulus grundlegend; in diesem Sinn kann und muß man von einer Bekehrung sprechen. Diese Begegnung bildet den Mittelpunkt der Erzählung des hl. Lukas, der möglicherweise einen Bericht benutzt hat, der wahrscheinlich in der Gemeinde von Damaskus entstanden ist. Daran läßt das Lokalkolorit denken, das durch die Gegenwart des Hananias und die Namen sowohl der Straße als auch des Eigentümers des Hauses, in dem Paulus wohnte, vermittelt wird (vgl. Apg 9,11).

Die zweite Art von Quellen über die Bekehrung stellen die Briefe des hl. Paulus dar. Er hat nie im einzelnen über dieses Ereignis gesprochen, weil er, so denke ich, annehmen konnte, daß alle das Wesentliche dieser seiner Geschichte kannten, denn alle wußten ja, daß er vom Verfolger in einen eifrigen Apostel Christi verwandelt worden war. Und das war nicht infolge eines eigenen Nachdenkens geschehen, sondern aufgrund eines bedeutsamen Ereignisses, einer Begegnung mit dem Auferstandenen. Auch wenn er nicht von den Details spricht, spielt er verschiedene Male auf diese äußerst wichtige Tatsache an, daß nämlich auch er Zeuge der Auferstehung Jesu ist, deren Offenbarung er unmittelbar von Jesus selbst empfangen hat, zusammen mit der Sendung als Apostel. Der klarste Text dazu findet sich in seiner Erzählung darüber, was den Mittelpunkt der Heilsgeschichte bildet: der Tod und die Auferstehung Jesu und die Erscheinungen vor den Zeugen (vgl. 1 Kor 15). Mit Worten der ältesten Überlieferung, die auch er von der Kirche von Jerusalem empfangen hat, sagt er, daß der am Kreuz gestorbene, begrabene und auferstandene Jesus nach der Auferstehung zuerst dem Kephas, also Petrus, dann den Zwölf, danach fünfhundert Brüdern erschienen war, die zum Großteil zu jener Zeit noch lebten; dann dem Jakobus, dann allen Aposteln. Und zu dieser aus der Überlieferung empfangenen Erzählung fügt er hinzu: »Als letztem von allen erschien er auch mir« (1 Kor 15,8). So gibt er zu verstehen, daß dies das Fundament seines Apostolats und seines neuen Lebens ist. Es gibt noch andere Texte, in denen dasselbe zum Vorschein kommt: »Durch Jesus Christus haben wir die Gnade des Apostelamts empfangen « (vgl. Röm 1,5); und weiter: »Habe ich nicht Jesus, unseren Herrn, gesehen?« (1Kor 9,1), Worte, mit denen er auf etwas anspielt, das alle wissen. Und schließlich ist in dem am meisten verbreiteten Text (Gal 1,15-17) zu lesen: »Als aber Gott, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat, mir in seiner Güte seinen Sohn offenbarte, damit ich ihn unter den Heiden verkündige, da zog ich keinen Menschen zu Rate; ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück«. In dieser »Selbstverteidigung « hebt er entschieden hervor, daß auch er wahrer Zeuge des Auferstandenen ist, eine eigene Sendung hat, die er unmittelbar vom Auferstandenen empfangen hat.

So können wir sehen, daß die beiden Quellen, die Apostelgeschichte und die Briefe des hl. Paulus, im grundlegenden Punkt zusammengehen und übereinstimmen: Der Auferstandene hat zu Paulus gesprochen, er hat ihn zum Apostolat berufen, aus ihm einen wahren Apostel gemacht, einen Zeugen der Auferstehung, mit dem besonderen Auftrag, das Evangelium den Heiden, der griechisch-römischen Welt, zu verkünden. Und gleichzeitig hat Paulus gelernt, daß er trotz der Unmittelbarkeit seiner Beziehung zum Auferstandenen in die Gemeinschaft der Kirche eintreten muß, daß er sich taufen lassen und im Einklang mit den anderen Aposteln leben muß. Nur in dieser Gemeinschaft mit allen wird er ein wahrer Apostel sein können, wie er im Ersten Brief an die Korinther ausdrücklich schreibt: »Ob nun ich verkündige oder die anderen: das ist unsere Botschaft, und das ist der Glaube, den ihr angenommen habt« (15, 11). Es gibt nur eine Verkündigung des Auferstandenen, denn Christus gibt es nur einen.

Wie man sieht, interpretiert Paulus an allen diesen Stellen diesen Augenblick nie als ein Bekehrungsgeschehen. Warum? Darüber gibt es viele Hypothesen, aber für mich liegt der Grund klar auf der Hand. Diese Wende seines Lebens, diese Verwandlung seines ganzen Seins war nicht das Ergebnis eines psychologischen Prozesses, einer intellektuellen oder moralischen Reifung oder Evolution, sondern sie kam von außen: Sie war nicht das Ergebnis seines Denkens, sondern der Begegnung mit Jesus Christus. In diesem Sinne war es nicht einfach eine Bekehrung, ein Reifwerden seines »Ich«, sondern es war Tod und Auferstehung für ihn selbst: Eine Existenz starb, und eine andere neue entstand daraus mit dem auferstandenen Christus. Auf keine andere Weise kann diese Erneuerung des Paulus erklärt werden. Sämtliche psychologischen Analysen können das Problem weder klären noch lösen. Allein das Ereignis, die starke Begegnung mit Christus, ist der Schlüssel zum Verstehen dessen, was geschehen war: Tod und Auferstehung, Erneuerung durch den, der sich ihm gezeigt und mit ihm gesprochen hatte. In diesem tieferen Sinn können und müssen wir von Bekehrung sprechen. Diese Begegnung ist eine wirkliche Erneuerung, die alle seine Maßstäbe geändert hat. Jetzt kann er sagen, daß das, was vorher für ihn wesentlich und grundlegend war, zu »Unrat« geworden ist; es ist kein »Verdienst« mehr, sondern Verlust, weil nunmehr allein das Leben in Christus zählt.

Dennoch dürfen wir nicht denken, Paulus sei auf diese Weise in ein blindes Geschehen eingeschlossen worden. Wahr ist das Gegenteil, weil der auferstandene Christus das Licht der Wahrheit, das Licht Gottes selbst ist. Das hat sein Herz geweitet, es offen für alle gemacht. In diesem Augenblick hat er nichts von alldem verloren, was es an Gutem und Wahrem in seinem Leben, in seinem Erbe gegeben hat, sondern er hat auf neue Weise die Weisheit, die Wahrheit, die Tiefe des Gesetzes und der Propheten verstanden und hat sich diese auf neue Weise wieder angeeignet. Gleichzeitig hat sich seine Vernunft der Weisheit der Heiden geöffnet; da er sich mit ganzem Herzen Christus geöffnet hatte, ist er zu einem umfassenden Dialog mit allen fähig geworden, fähig, allen alles zu werden. So konnte er wirklich der Apostel der Heiden sein.

Während wir nun zu uns selbst kommen, fragen wir uns: Was will das für uns besagen? Es will heißen, daß auch für uns das Christentum keine neue Philosophie oder eine neue Moral ist. Wir sind nur dann Christen, wenn wir Christus begegnen. Gewiß zeigt er sich uns nicht auf diese unwiderstehliche, leuchtende Art, wie er es mit Paulus getan hat, um aus ihm den Apostel aller Völker zu machen. Aber auch wir können Christus begegnen, in der Lektüre der Heiligen Schrift, im Gebet, im liturgischen Leben der Kirche. Wir können das Herz Christi berühren und spüren, daß er unser Herz berührt. Erst in dieser persönlichen Beziehung mit Christus, erst in dieser Begegnung mit dem Auferstandenen werden wir wirklich Christen. Und so öffnet sich unsere Vernunft, es eröffnet sich uns die ganze Weisheit Christi und der ganze Reichtum der Wahrheit. Wir bitten also den Herrn, daß er uns erleuchte, daß er uns in unserer Welt die Begegnung mit seiner Gegenwart schenke, und uns so einen lebendigen Glauben, ein offenes Herz, eine große Liebe für alle gebe, die fähig ist, die Welt zu erneuern.

In der Reihe der Katechesen über den heiligen Paulus wollen wir uns heute dem sogenannten Damaskuserlebnis zuwenden. Dreimal wird dieses prägende Ereignis in der Apostelgeschichte erzählt. Demnach war Saulus, wie Paulus ursprünglich hieß, mit dem Auftrag unterwegs, die Christen aufzuspüren, zu verhaften und nach Jerusalem zu bringen. In der Nähe von Damaskus wurde er jedoch von einem hellen Licht umstrahlt; er stürzte zur Erde und hörte die Stimme Jesu: „Saul, Saul, warum verfolgst du mich?“ (Apg 9, 4). Nach der Vision war Paulus erblindet, doch als der Christ Hananias ihm in Damaskus die Hände auflegte, fiel es wie Schuppen von seinen Augen und, vom Heiligen Geist erfüllt, ließ er sich taufen. Diese ausführliche Erzählung in der Apostelgeschichte steht in einem gewissen Kontrast zu den eher nüchternen Aussagen darüber in den Paulusbriefen. Dort schildert der Völkerapostel keine Einzelheiten und deutet das Ereignis weniger als seine Bekehrung, sondern als eine persönliche Begegnung mit Christus, die ihm den Anstoß gibt, alles Vorherige als Unrat aufzugeben (Phil 3, 8) und stattdessen unermüdlich als Zeuge des Auferstandenen zu wirken. Paulus zeigt uns die zentrale Bedeutung der Person Christi für unseren Glauben: Ihm ist nicht nur der historische Jesus, sondern der lebendige Christus erschienen. Dieser Christus bestimmt unsere Identität als Christen; in ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, finden wir den tiefsten Sinn unseres Lebens. Wer das erkannt hat, kann diese Wahrheit nicht mehr für sich behalten, er muß sie weitergeben.

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PAPST PAUL VI.: WER IST PETRUS – WAS TUT DER PAPST?

Petrus

Bei der Generalaudienz am 31. August 1977

Eure Anwesenheit erfreut, bewegt und ergreift uns. Sie bringt uns immer wieder unser päpstliches Amt voll zum Bewußt­sein. Obwohl wir euch zum erstenmal treffen, wollen wir euch so­gleich als Brüder, als Söhne und Töchter, als Freunde betrachten. Ehe wir jedoch an euch denken, fühlen wir uns verpflichtet, über uns selbst, über die uns aufgegebene Sendung, die universale Kir­che zu leiten, in Ehrfurcht, Scheu und Verwunderung nachzuden­ken, wobei uns die Worte auf die Lippen kommen, mit denen sich Jesus selbst an die Jünger des Johannes wandte, der sie im Kerker beauftragt hatte, Jesus zu fragen: „Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ (Mt 11, 3). Dieselbe Frage wissen wir auch an uns gerichtet. Obwohl ihr alle die Frage genau beantworten könnt, ist sie bedeutsam und gleichzeitig eng mit der geschuldeten Antwort auf die Probleme verbunden, die unter gewissen Gesichtspunkten jeden von euch, unter anderem aber die großen Probleme sozusagen des Geschickes der Welt be­rühren. Können wir uns in unserer menschlichen Schwachheit der drängenden Frage: Wer bist du? Wer ist der Papst? entziehen und auf eine solche oder ähnliche Frage nicht antworten, auch wenn sie uns noch so in Verlegenheit bringt und sich nicht zureichend be­antworten läßt?

Doch da vernehmen wir in uns die Antwort, ja geradezu die De­finition, die Jesus dem Simon, Sohn des Jonas, selbst überlassen wollte, die wir von Petrus übernommen haben und die wir in den Texten des Ersten Vatikanischen Konzils (vgl. Denz.-Schön. 3050-3060) und erneut in einem Dokument des Zweiten Vatikani­schen Konzils (Lumen gentium, Nr. 18 und 23) lesen: Jesus Chri­stus hat im hl. Petrus ein „immerwährendes Prinzip und Funda­ment der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft eingesetzt. Hier findet sich ein gewaltiges Kapitel katholischer Glaubenslehre aus­gesprochen. Der Glaube, d. h. die Zustimmung zum göttlichen Wort, bekennt sich dazu, und die Theologie beschreibt und erläutert ihn. Hier erfahren wir, wer Petrus und sein rechtmäßiger Nachfolger ist, und es wird uns im Lichte dieses Geheimnisses dar­gelegt, was der Papst tut: dies einmal klargestellt, möchten wir hier einige grundlegende Worte über den zweiten Aspekt, die Sendung des Petrus, sagen, auch weil das Geheimnis Petri in der Tiefe des göttlichen Gedankens gründet, während sein Tun sich offen kund­tut, d. h. wenigstens äußerlich bekannt ist und dem allgemeinen Urteil unterliegt (vgl. Joh 10, 38; 14, 12; usw.).

Beschränken wir uns jetzt auf einen allgemeinen Überblick, wie er in einer solchen einfachen Ansprache möglich ist.

Was tut also die Kirche? Wenn sie ihrem Herrn, dem Geist, der sie leitet, und der Menschheit, in der sie und für die sie lebt, in Treue folgt, vermag sie viele und große Dinge zu tun, vorausge­setzt freilich, daß sie die Freiheit und in bestimmtem Umfang auch die nötigen Mittel dazu hat (vgl. Mt 14, 17; 17, 26; usw.).

Doch hören wir, wie der Herr selbst in seinen Weisungen an die Jünger bei seiner Abschiedsrede ihre Tätigkeit zusammenfaßt. Dabei soll uns für heute ein einziges Wort genügen, ein Wort, dem eine Dynamik entspringt, die das gesamte christliche Leben ent­scheidend bestimmt. Eines der letzten Worte des Mattäus-Evange­liums lautet nämlich: „Geht . .!“ Jesus will keine unbeweglichen Jünger (vgl. Mt 20, 6), er will sie auf dieser Erde in Bewegung se­hen. Deshalb hat er sie ja „Apostel“ genannt (Lk 6, 13), Ausge­sandte, Zeugen, Boten, Verkünder seines Wortes und seines Heilsplans. Mit einer immer wieder aktuellen Bezeichnung kön­nen wir sagen: Jesus wollte, daß seine Jünger Missionare seien. Kardinal Suenens zeigt in einem seiner Bücher, daß jeder Katholik, der dem Evangelium wirklich treu sein will, auf die eine oder an­dere Weise Missionar sein müsse. War etwa eine Heilige wie die in strenger Klausur lebende Theresia vom Kinde Jesu keine glühende Missionarin?

Weder menschlicher Respekt noch geistliche Indifferenz und schon gar nicht aufdringliche Proselytenmacherei dürfen die christliche Ehrfurcht vor dem eigenen Glauben bestimmen, wenn er wirklich christlich und katholisch heißen soll, sondern vielmehr ein ehrliches Gefühl der Verantwortung und der Liebe zur Ver­breitung des Evangeliums, ein Gefühl missionarischer Solidarität. Die Kirche ist der Sauerteig (Mt 13, 33). Prägen wir unseren Her­zen das leidenschaftliche Wort Jesu ein: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen; wie froh wäre ich, wenn es schon brennen würde“ (Lk 12, 49).

Das Evangelium ist ein Feuer, das brennen und leuchten muß. Wir alle sind aufgerufen, es zu entzünden und weiterzutragen. Möge sich jeder von uns daran erinnern!

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Quelle: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1977, Libreria Editrice Vaticana – Butzon & Bercker

Liturgie: Maria Magdalena wird den Aposteln gleichgestellt

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Darstellung der Maria Magdalena

Maria Magdalena wird liturgisch aufgewertet: Ihr „gebotener Gedenktag“ am 22. Juli wird künftig in der ganzen römisch-katholischen Kirche als „Fest“ eingestuft. Ein kleiner Schritt aufwärts im „Who is who“ der Heiligen, aber ein großer Schritt für die Wertschätzung der Rolle von Frauen in der Kirche. Die Gleichstellung Maria Magdalenas mit den Aposteln erfolgt auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Franziskus und soll auch das kirchliche Nachdenken über die Würde der Frau anregen.

Thomas von Aquin nannte sie „Apostolin der Apostel“, denn sie folgte Jesus nicht nur bis unters Kreuz, sondern wurde nach Angaben des Johannes-Evangeliums auch zur ersten Zeugin seiner Auferstehung. So zitiert das Schreiben der Gottesdienstkongregation, welches die Aufwertung erklärt, den großen Theologen. Maria Magdalena sei es auch gewesen, die den verzagten Aposteln die Frohe Botschaft von Jesu Auferstehung brachte – diese Frau sei das entscheidende „missing link“ zwischen der Karfreitags-Bestürzung und dem Osterjubel. Mit einem Dekret vom 3. Juni namens „Apostola Apostolorum“ hat der Papst nun entschieden, sie – zumindest was den Rang ihres Gedenkens im Heiligenkalender betrifft – den Aposteln gleichzustellen.

Paradigma für Rolle von Frauen in der Kirche

Maria Magdalenas Fest bleibt der 22. Juli, auch die Texte in Messfeier und Stundenbuch bleiben. Besonders ist, dass nun ein eigener Präfations-Text hinzu kommt: dies ist der Fall nur bei wenigen anderen Heiligen. So haben alle Apostel bis auf Petrus und Paulus dieselbe Präfation; im deutschen Messbuch haben ausschließlich Elisabeth von Thüringen und Hedwig eine eigene. Die Messbücher werden angepasst, wie das von Kardinal Robert Sarah, Präfekt der Liturgiekongregation, unterzeichnete Dekret festlegt. Maria Magdalena wird in dem lateinischen Text ausdrücklich als „Paradigma für das ministerium von Frauen in der Kirche“ vorgestellt; „ministerium“ bedeutet zunächst „Dienst“, aber auch die Übersetzung „Amt“ schwingt da in manchen Sprachen durchaus mit. Der neugefasste Text der Präfation (also der einleitenden Worte zum Hochgebet an ihrem Fest) formuliert, Christus habe Maria Magdalena „den Aposteln gegenüber mit dem Apostelamt geehrt“. In diesem Fall fällt nicht das Wort „ministerium“, sondern „officium“. Den offiziellen deutschen Wortlaut dieser Präfation müssen die Bischofskonferenzen deutscher Sprache in Zusammenarbeit mit Rom erst noch erstellen.

In dem Begleitschreiben weist Erzbischof Arthur Roche, Sekretär der Liturgiekongregation, darauf hin, dass der „aktuelle kirchliche Kontext“ dazu aufrufe, „tiefer über die Würde der Frau“ nachzudenken. „Maria Magdalena ist das Beispiel einer wahren, authentischen Verkünderin der Frohen Botschaft: einer Evangelistin, die die frohmachende, zentrale Botschaft von Ostern verkündet.“

Diese Rolle der Heiligen unterm Kreuz und am offenen Grab ist das Entscheidende – nicht dagegen, ob Maria aus Magdala mit der Sünderin zu identifizieren ist, die im Haus eines Pharisäers wohlriechendes Öl über die Füße Jesu gegossen hat. Oder ob sie die Schwester von Lazarus und Marta aus Bethanien war. Die kirchliche Tradition der Westkirche hat diese Identifizierungen vorgenommen, was zu vielen Ausformungen in Kunst und Literatur geführt hat, doch viele Forscher sind da skeptisch.

„Sicher ist, dass Maria Magdalena zum Kreis der Jünger Jesu gehörte“, so Roche in dem Schreiben, „dass sie ihm bis zum Kreuz folgte und dass sie im Garten, in dem das Grab Jesu war, zur ersten Zeugin der göttlichen Barmherzigkeit wurde“. Der Erzbischof sieht in dieser Gartenszene sogar eine Parallele zum Garten Eden; Maria Magdalena rückt in dieser Perspektive in den Rang einer neuen Eva. Üblicherweise wird dieser Vergleich zur Stammmutter Eva eher mit Maria, der Mutter Jesu, angestellt.

Erzbischof Roche bekräftigt in seinen Erläuterungen ausdrücklich den Apostelrang von Maria Magdalena. „Sie ist Zeugin des auferstandenen Christus und verkündet die Botschaft von der Auferstehung des Herrn, wie die übrigen Apostel. Darum ist es richtig, dass die liturgische Feier dieser Frau denselben Grad eines Festes erhält wie die Feiern der Apostel im Römischen Generalkalender.“ Zwei Apostel allerdings stechen auch künftig liturgisch hervor: Die sogenannten „Apostelfürsten“ Petrus und Paulus haben, am 29. Juni, ein eigenes Hochfest.

(rv 10.06.2016 sk)

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