Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel XIII

Das Vermächtnis

 

So sterben Heilige

„Ich weiß, dass Wigratzbad echt ist.“ Mit diesen Worten vertraute der Bischof von Augsburg, Dr. Josef Stimpfle, einem Geistlichen seines Bistums, Dr. Dr. Rupert Gläser, sein Urteil über die Gebetsstätte an. Woher dieses Wissen, darüber ließ er sich nicht aus. Es lässt sich nur erahnen. Und es erklärt die Seelenverwandtschaft zwischen der Mystikerin aus einfachem Hause und dem gebildeten Theologen und charismatischen Oberhirten.

Deshalb ließ er es sich nicht nehmen, selbst die Beerdigung der Seherin am 12. Dezember 1991 zu übernehmen. Am 9. Dezember hatte sie die Augen geschlossen. „Nun ist die uns wohlbekannte Stimme verstummt. Ein Herz hat zu schlagen aufgehört, das erfüllt war von der Liebe zu Gott und den Men­schen. Eine Frau der Kirche ist in die ewige Heimat eingegan­gen.“ Mit diesen bewegenden Worten eröffnete der Bischof seine Ansprache. Eine besondere Fügung Gottes sei es sicher­lich, dass sie am Hochfest der Immakulata in die Ewigkeit ge­rufen wurde, das man in diesem Jahr einen Tag später feiere. Dieser Heimgang am Fest der heiligsten Jungfrau und Got­tesmutter Maria sei auch zu einer Begegnung mit ihrem ver­klärten Sohn geworden, den die Seherin Tag für Tag ange­fleht hat: 0 mein Jesus, ich glaube an Dich, ich bete Dich an, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich.

Der Direktor dieser Gebetsstätte, Monsignore Dr. Dr. Ru­pert Gläser, habe ihm berichtet, am 9. Dezember nachmittags gegen 18 Uhr sei auf dem Antlitz der sterbenden Antonie ein Lichtschein zu sehen gewesen. Er lasse sich deuten als ein Wi­derschein der ungeheuren Freude, die Antonie empfunden habe, als sie die Augen für diese Welt schloss, ein Heimgang im Lichtschein himmlischer Herrlichkeit. Wir sollten sie beneiden und brauchten nicht zu trauern. Der Heimgang sei der Abschluss ihres langen Erdenweges, vier Tage später wäre sie 92 Jahre alt geworden. Ihr Heimgang und ihr Lebensweg seien etwas ganz Seltenes gewesen. So würden Heilige sterben.

Was bleibe nun von ihrem Lebenswerk als Vermächtnis übrig – fragte Bischof Stimpfle und versuchte eine Antwort zu geben. Diese nimmt sich aus wie eine weit in die Zukunft ausgreifende Vision.

Betende Frau

An erster Stelle hob der Oberhirte ihr Gebetsleben hervor. Sie sei das Vorbild einer betenden Frau gewesen und habe Menschen bewogen, sich ihr anzuschließen. Eine betende Frau, die auf die Hilfe der Gottesmutter gesetzt habe. Ihm, ihrem Oberhirten, habe sie anvertraut, dass sie sich als junge Frau mit vielen Mädchen in der Pfarrkirche zu Wohmbrechts getroffen habe, um die nationalsozialistische Gewaltherrschaft mit dem Führer „wegzubeten“ (und das in jener Pfarrkirche, in der einmal ein irregeleiteter Priester Lobeshymnen auf ihn singen sollte – Anm. des Verfassers). Das sei der Einsatz ge­wesen für Freiheit und Frieden und für die Zukunft unseres Volkes. Diese Gebete seien nicht vergebens gewesen.

Ihre eigene Mutter, die sich ihr lange gegenüber zurück­haltend verhalten habe, sei von dieser Atmosphäre angesteckt worden. Bei der Schilderung der Biographie der Verstorbenen erwähnte der Bischof ein Versprechen, das die Mutter Rädler Gott gemacht habe: Sie wolle für den Fall, dass ihre Tochter, die ja mehrmals dem Tode überliefert worden war, den Natio­nalsozialismus überlebe, jeden Tag neun Rosenkränze beten. Die Tochter habe das Terrorregime überlebt und die Mutter ihr Gelöbnis eingehalten. Nach Beendigung des Krieges sei sie täglich um 3 Uhr morgens aufgestanden, um die verspro­chenen Rosenkränze zu beten, ehe sie um 6 Uhr zur Früh­messe ging und danach ihre Arbeit aufnahm.

Antonie sei eine Frau der Kirche gewesen und habe für das geistliche Leben der Kirche mehr geleistet als viele andere, die von der Emanzipation der Frau redeten. Diese Worte des Bischofs hallten in eine Zeit hinein, in der das Gebet von end­losen Debatten und Podiumsdiskussionen und das mystische Leben von theologischen Tagungen verdrängt wurden, auf de­nen die Soziologie und die moderne Bibelauslegung als neue Orientierungsdaten dienten.

Das Leben der Urkirche war geprägt von ständigem Gebet. Das muss der Bischof im Sinn gehabt haben, als er diese im­merfort betende Frau an ihrem Grabe allen als nachahmens­wertes Beispiel empfahl. Als der Herausgeber Bischof Stimpf­le gegenüber einmal bekannte, dass er sich seit seinem Besuch in Medjugorje die Empfehlung der Gottesmutter zu eigen ge­macht habe, wenn möglich, täglich den Psalter zu beten, das heißt alle drei Rosenkränze, schaute der Bischof ihn nach­denklich an und sagte: ,,Wenn Sie für das Reich Gottes etwas mehr bewirken wollen, versuchen Sie es auf drei Psalter zu bringen, das heißt auf neun Rosenkränze am Tag. Die Welt wird vom Gebet getragen.“ Das war die mystische Sicht von Wigratzbad, die in diesen seinen Worten durchschimmerte.

Stätte der Sühne

An zweiter Stelle des geistigen Testamentes der Verstorbe­nen nannte der Bischof die Gebetsstätte Wigratzbad. Sie wer­de bleiben. Es war eine Antwort auf die Zweifel jener Fachleute, die bei der Planung und dem Bau der Stätte nicht da­ran glauben wollten und konnten, dass die Stätte den Tod der Antonie Rädler lange überdauern werde. Hier lebe das Charisma des immerwährenden Gebetes.

Aber was dem Oberhirten beinahe noch wichtiger erschien: das Charisma der stellvertretenden Sühne. Und er hatte kei­ne Hemmungen festzustellen, dass man diesen Charakter an anderen Gebetsstätten so nicht finde. Dann fügte er hinzu, was nicht nur ein großes Nein zum Zeitgeist war, auch so­weit dieser sich in die Kirche eingeschlichen hat, sondern ein Nein zu allen theologischen Spekulationen und Versuchen, die Bedeutung der Sühne im Heilswirken Gottes abzuschwä­chen: „Jesus Christus, unser einziger Mittler zwischen Gott und den Menschen, hat durch seinen Tod und seine Aufer­stehung die Sünde der Welt gesühnt ein für allemal. Aber er hat uns, die Getauften, dazu berufen, in seinem Namen seine Sühneleistung Gott dem himmlischen Vater darzubieten für das Heil der Welt.“

Antonie hätte das verstanden und umgesetzt. Das sei das große Motiv für den Bau einer „Herz Jesu- und Herz Mariä-Sühnekirche“ gewesen. „Zur Sühne für die Sünden der Men­schen von heute, insbesondere zur Sühne für die schreckli­chen Verbrechen, die täglich begangen werden, zur Sühne für die sich verbreitende Unsittlichkeit, zur Sühne für die Enthei­ligung des Sonntags, zur Sühne für die Rettung der Sünder.“ Die Kirche sei ausgestattet mit sechs Beichtstühlen. Viele Men­schen kämen, um hier zu beten, viele würden sich bekehren, beichten, empfingen das große Geschenk des auferstandenen Erlösers, die Vergebung der Sünden.

Die säkulare Welt hat zynischerweise die Sühne erst wieder und zwar ausschließlich entdeckt in Verbindung mit den Ver­fehlungen von Geistlichen an Jugendlichen in den USA und in Irland, als sich das über Entschädigungsforderungen in blan­ke Münze umsetzen ließ und viele Bistümer finanziell an den Rand des Ruins gebracht hat und in Irland die Kirche um ih­re ganze, in Jahrhunderten aufgebaute Glaubwürdigkeit.

Ansonsten gilt Sühne als Fremdwort, auch im Rechtswe­sen, auch gegenüber Straftätern, die sich schwerster sexueller Verbrechen schuldig gemacht haben. Nur wenige, wenn über­haupt, kompetente Rechtswissenschaftler, Politiker und Sozio­logen wollen wahrhaben, dass das die Gesellschaft auf lange Sicht in den Zusammenbruch führen wird. Erste Anzeichen sind schon da, wo Jugendliche zu Amokläufern werden oder ihre Familien umbringen, Eheleute bei Konflikten immer häufiger zum Küchenmesser greifen und im wirtschaftlichen Bereich Banken den Ruin herbeiführen, wie es die Welt in den Jahren 2008/9 erleben musste. Sie gehen davon aus, dass für alle diese Vergehen nie wirkliche Sühne von ihnen einge­fordert wird.

Sühne, das wurde an anderer Stelle bereits erläutert, hat nichts mit Rache zu tun, ist nicht die Erfindung eines blut­rünstigen Gottes, sondern bleibt Voraussetzung für die Selbst­achtung des Menschen, der stets Gefahr läuft, in den Sumpf abzugleiten, auf welcher gesellschaftlichen Ebene er sich auch bewegen mag. Erst die Sühne Gottes am Kreuze hat dem Men­schen die Chance gegeben, nicht der Verzweiflung zu verfallen, sondern wieder an sich selbst zu glauben, wie tief er auch ge­fallen sein mag. Darin liegt das Ungewöhnliche der Botschaft von Wigratzbad und ihrer Gültigkeit für alle Zeit.

Es war goldener Herbst, als Bischof Stimpfle uns wieder einmal in der Rhön bei Fulda besuchte, am Ende einer Bi­schofskonferenz. Nach einem langen Gedankenaustausch stand er auf, ging ans Fenster, schaute auf die Bergkette vor uns und meinte: „Wir müssen die Bedeutung der stellvertre­tenden Sühne wieder entdecken. Jesus hat es uns vorgelebt. Einer für alle. Einer für viele sollte es für uns heißen.“

Die Visionen der großen italienischen Mystikerin Maria Valtorta (1897-1961) kamen mir in den Sinn. Im ersten Buch ihrer zwölfbändigen Serie „Der Gottmensch“ (Parvis-Verlag) gibt sie Worte der Gottesmutter wieder, die sie niederschreiben sollte. Im Kapitel „Entzieht euch nie dem Schutz des Gebetes“ sagt sie u.a.: „Die Erde bedarf der Ströme des Gebetes, um sich zu reinigen von ihren Sünden. Und da nur wenige beten, müs­sen diese wenigen viel beten, um das Versagen der vielen aus­zugleichen.“ Auf die Sühne bezogen müsste es heißen: „Da nur wenige sühnen, müssen diese wenigen viel sühnen, um das Versagen der vielen auszugleichen.“

Der Islam hat sich im Wesentlichen bei seiner Verbreitung im Osten, also in Richtung Indien und auf den Fernen Osten, wie in Richtung Westen, Nordafrika und Spanien, auf sieg­reiche Armeen gestützt. Das Christentum wird von einer an­deren Einstellung geleitet: „Gott braucht nicht siegreiche Ar­meen, Er braucht sühnende Armeen“.

Das waren auch die mystischen Schlussfolgerungen der Antonie Rädler, und einem weisen, ja heiligmäßigen Oberhir­ten wurde die Gnade zuteil, sie richtig einzuschätzen und ihr Anliegen zu erkennen. Er hat es zu seinem eigenen gemacht.

Sorge um heilige Priester

Das dritte Anliegen, das Antonie als Vermächtnis hinter­lassen hat und das der Bischof in seiner Rede erwähnte, war die Sorge um heilige und eifrige Priester. Sie wusste um de­ren große Bedeutung für die Menschen. Sie selber ist mehr­fach großen Priesterpersönlichkeiten begegnet, hat Verständnis und Unterstützung bei ihnen erfahren, wie sie auf der an­deren Seite auch das bittere Leiden auskosten musste, das un­sensible oder verirrte Geistliche auslösen können.

1988 errichtete Papst Johannes Paul II. die Petrusbruder­schaft und hielt Ausschau nach einem Ort, wo sie sich nie­derlassen und ihren geistlichen Nachwuchs ausbilden könn­te. Gerade um diese Zeit wurde in Wigratzbad das Pilger­heim fertig. So konnte der Bischof dem Heiligen Stuhl die Stätte als Stützpunkt auch für die neue Gemeinschaft anbieten. Antonie durfte noch erleben, wie ihr diesbezüglicher Traum in Erfüllung ging.

Klares Denken

Die Würdigung des Erzbischofs am Grabe von Antonie Rädler hatte in Teilen auf seine Weise über vierzig Jahre vor­her ein Graphologe vorweggenommen, dem ihre Schrift vor­gelegt worden war. Es war Siegfried Graf von Burgau/Schwa­ben. In der Analyse aus dem Jahre 1949 heißt es u.a.:

„Der Gesamteindruck zeigt uns eine selten klare Zeilen- und Worttrennung, das charakteristische Zeichen für ausgespro­chen klares Denken und Urteilen. Das Ganze ein Bild eines Menschen mit einer seltenen Unternehmungslust, eigener Ini­tiative und Energie. Die Schreiberin kann geschickt mit Geld umgehen. Diese Frau hat eine selten gute eigene Initiative, ein wirklich sehr gutes Organisations- und Dispositionsvermögen, dazu eine seltene Zähigkeit in der Durchsetzung ihrer Ab­sichten. Offensichtlich beschäftigt sich die betreffende Person mit sehr großen Problemen und Unternehmungen, so viel die Einteilung des Textes verrät. Auf alle Fälle könnte ich sie mir vorstellen als Vorstandsdame einer Zweigstelle der Caritas.

Schrift- und Zeilenführung hat etwas Beständiges an sich, lässt ein klares Denk- und Urteilsvermögen erkennen. So schreibt nur ein Mensch, der über ein hübsches Quantum an seelischer Kraft verfügt und eine gute Portion unbedingter Konsequenz im täglichen Leben zeigt, sich also dem Wechsel der Meinungen kühn mit seinen eigenen entgegenstellt, und auf ihnen beharrt, ganz gleich, wie man über ihn urteilt oder denkt. Sie ist und bleibt, die sie ist.“

Der Schriftsachverständige geht auch auf die Möglichkeit einer hysterischen Veranlagung ein und kommt zu folgendem Ergebnis: „Eine hysterische Schrift zeigt ein krankhaftes Gel­tungsbedürfnis, überreizte Erotik, allgemeine Überempfind­lichkeit, Herzstörungen, allgemeine Rhythmusstörungen im Gedankenablauf und Zerstreutheit verbunden mit schlechtem Gedächtnis und Vergesslichkeit, Angst, Unzuverlässigkeit, un­berechenbare Stimmungsschwankungen, Neigung zu Gereizt­heit und Zorn, Arbeitsunlust, Trägheit und Genusssucht. Von all den hier angeführten Merkmalen ist in dieser Schrift kein Anzeichen vorhanden, kann deshalb auch nicht vorhanden sein. Ganz im Gegenteil. Groß- und Kleinbuchstaben zeigen ein untrügliches Symbol für Demut, Bescheidenheit und auf­richtiger selbstloser Hilfsbereitschaft.

Die Art des Druckes sagt uns, dass wir es in der Person der Schreiberin mit einer unbedingt wesensechten, überzeugt frommen Person zu tun haben, die jeder Übertreibung abhold ist. Für sie bedeutet Religion keine Gefühlssache, sondern eine furchtbar reale, tiefernste Angelegenheit, die gelebt sein will.

Verantwortungsbewusst

Insbesondere spricht aus der Schrift keinerlei Geltungsbe­dürfnis, sondern lediglich ein fast überdurchschnittliches Verantwortungsbewusstsein, aufgrund dessen sie in Ermangelung einer anderen passenden Person die eigene Initiative ergreift und handelt, wie man handeln sollte. Bei ihren Handlungen und Unternehmungen ist es ihr nicht darum zu tun, zu zei­gen, was sie alles kann und wie tüchtig und unternehmungs­lustig sie ist, sondern ihr ist es um eine Sache zu tun, die eben ohne sie nicht gefördert und gehoben wird und doch unbe­dingt notwendig ist.

Die Schrift zeigt keinerlei Anzeichen von Rechthaberei, Brutalität, Streitlust, sondern lediglich die Anzeichen konse­quenter Selbstbehauptung und konsequenter Zielstrebigkeit. Das sind Eigenschaften, die an und für sich einen hohen Grad seelischer Festigkeit voraussetzen. Das Christentum verlangt keinen Kadavergehorsam. Bei dieser Frau, dem Menschen mit einem so hohen Verantwortungsbewusstsein, kann kein so genannter blinder Gehorsam verlangt werden, wenn es sich um Dinge handelt, die gleichsam ihre ganze Lebensaufgabe ändern soll.

Die Schrift zeigt, dass es diese Frau hinsichtlich der Askese und Mystik wirklich ernst nimmt und sich nichts schenkt. Mystik ist allerdings ein so hoher Grad von Gnade, dass er wohl aus der Schrift nicht gut ersichtlich sein kann. Diese Gnade kann allerdings nur einsetzen, wenn die entsprechen­den natürlichen Voraussetzungen dazu gegeben sind. Und dass diese gegeben sind, haben wir in vorliegender Schilde­rung hinreichend gesehen.“

Der Schriftsachverständige verrät ein hohes Maß an Ein­fühlungsvermögen. In der Theologie ist die sog. alte Regel bekannt: „gratia supponit naturam“, Gnade setzt die Natur voraus. Sie baut auf den natürlichen Voraussetzungen, die bei einem Menschen gegeben sind, auf, aber sie bedeutet nicht unbedingt eine ungewöhnliche Steigerung natürlicher Befä­higungen und Talente, denn sie ist etwas wesentlich Neues, das jede Natur übersteigt. Gnade ist Teilnahme an der gött­lichen Natur, das heißt etwas, was mit der natürlichen Er­kenntnisfähigkeit nicht wahrgenommen werden kann.

Oberhirte und Graphologe liegen in ihrem Urteil über Antonie Rädler nah beieinander. Religiöse Berufung war für sie eine tiefernste Sache. Sie ließ sich von ihr nicht abbringen, von der Familie nicht, von staatlichen Behörden nicht, von Männern der Kirche nicht, die ihr misstrauten. Was für sie galt, war allein Gott, von den frühen Jahren ihres Lebens bis zu ihrem letzten Atemzug.

 

Kapitel XIV

Der Himmel ist uns immer nah

 

Die Frage nach der Wahrheit allein ist es nicht, die sich heute stellt. Mit ihr beginnt alles Forschen und alles Erken­nen. Aber die Ergebnisse einer fast dreitausend Jahre zurück­reichenden Denkgeschichte haben den Menschen bisher of­fensichtlich nicht befriedigen, geschweige denn befreien kön­nen. Über die Evolutionstheorie hoffte er die Wurzeln seines Daseins zu erkennen und damit der Wahrheit näher zu kom­men. Allein diese Verheißung, politisch umgesetzt, hat im 20. Jahrhundert ein Meer von Leiden zur Folge gehabt. Au­ßerdem haben die vermeintlichen Erkenntnisse, trotz beacht­licher Leistungen des Verstandes auf der einen Seite, den Menschen auf der anderen immer mehr ins Animalische zu­rückfallen lassen, wie der Verzicht auf Ethik und Ästhetik, auf Wahrheit und Liebe in der Gesellschaft uns täglich vor Augen führt.

Im Augenblick dieser Herausforderungen stellt sich für den gläubigen Menschen daher eine andere Frage. Und sie geht auf den bekannten deutschen Theologen Karl Rahner zurück, dem man rationalistisches Denken keineswegs absprechen kann. Offensichtlich hatte dieser Mann des 20. Jahrhunderts eine stille Vorahnung von der Sackgasse, auf die hin sich das aufgeklärte Denken seiner Zeit zubewegte. Sein Rat an die kommende Generation lautete: „Der Christ von morgen wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein.“ Christliche Mystik ist Liebesmystik, Sühnemystik ist Liebesmystik. Vor dem Hin­tergrund seiner ganzen, am rationalistischen Denken orien­tierten Theologie wirkt diese Bemerkung eher überraschend, aber es scheint in der Tat eine prophetische Intuition gewe­sen zu sein, vielleicht die wichtigste, die aus seinem Gedan­kengut Bestand haben wird.

Während Philosophen und die sie bewundernden Theolo­gen sich auf der Suche nach der Wahrheit im Kreise drehen oder Antworten anbieten, die in sich den Keim der Verzweif­lung tragen, waren und sind es Visionäre und Mystiker, die den Menschen wieder Hoffnung geschenkt haben und schen­ken und Licht am Ende eines dunklen Tunnels aufleuchten lassen, durch den sich die auf ihre Vernunft fixierte Mensch­heit quält. Wie anders sind die Massen zu erklären, die all­jährlich an Orten wie Lourdes, Lisieux, Fatima, Guadalupe oder Medjugorje anzutreffen sind und nicht selten gerade dort seelische Weichenstellungen vornehmen, die im Gegen­satz zu dem stehen, was sie bisher gelebt haben. Sie entdecken die Atmosphäre wahrer Liebe.

Eine gütige Hand hat bewirkt, dass der Verfasser im Laufe seines langen Lebens verschiedenen Sehern und Visionären an verschiedenen Stätten begegnet ist, ausgiebig mit ihnen gesprochen und über sie geschrieben hat. Und von allen Per­sönlichkeiten, die er beruflich als Journalist oder privat kennen gelernt hat, waren sie es, die Seherinnen und Seher, die ihm – trotz ihres oft jungen Alters – am nachhaltigsten in Erinne­rung geblieben sind. Karol Wojtyla, der spätere Papst Johannes Paul II., nimmt da allerdings eine Sonderstellung ein.

Der Versuch, Glaube ganz in Vernunft umzusetzen, führt am Ende dazu, alles um uns herum zur Physik zu erklären und seltsamerweise, nach einer kurzen Atempause, zum Schein. Ein Zeichen, wie brüchig diese unsere Erkenntnis der Reali­tät ist, wenn sie nicht in Beziehung steht zu einer anderen, jenseits dieser Realität.

Es sind die Mystiker, die zu dieser vordringen, und der Weg dahin kann nur einer sein. Zum Urgrund allen Seins, der Liebe, führt nur die Liebe, die wie ein Metallkörnchen von einem gewaltigen Magneten angezogen wird. Glaubwürdige Visionäre männlichen und weiblichen Geschlechts werden nicht müde, das zu wiederholen und vorzuleben.

Antonie Rädler war eine. Was sie mit ihrem geistigen Auge vorausgesehen hat, ist eingetreten, der Versuch des Menschen, trotz aller Enttäuschungen und bitterbösen Erfahrungen im 19. und 20. Jahrhundert, sein eigenes Ich zum Maßstab aller Wirklichkeit zu machen, auf den sich alles zu beziehen hat. Eine freudlose Ich-Gesellschaft breitet sich aus rund um den Globus, die alles zertrampelt, was einmal heilig war und dem Menschen den Weg zum Heil gewiesen hat. In dieser Ego-Welt kommt die wahre Liebe unter die Räder. Antonies Ant­wort darauf war, sich selbst aufzuopfern, Sühne zu leisten und auf diese Weise den Menschen das Umdenken zu er­leichtern, die Wiederentdeckung der Frohen Botschaft, dass Gott uns nahe ist und in der Eucharistie als Ewige Liebe un­ter uns wohnt.

Beim Verfassen dieses Buches musste der Autor es erfah­ren. Er blieb von Leiden nicht verschont. Die ersten Zeilen waren kaum geschrieben, als bei seiner Frau Anneliese ein schweres Krebsleiden entdeckt wurde. Über acht Monate schrieb er, ständig unterwegs zwischen Klinik oder Pflege­heim und der Wohnung, die es in Ordnung zu halten galt. Keine der drei indischen Töchter war in der Nähe, sie konn­ten nur sporadisch helfen. Dazwischen galt es versprochene Vorträge zu halten, Medjugorje und Wigratzbad vor Ort im Auge zu behalten.

Nach der Erholung vom Tumor traten bei der Patientin Störungen bei der Wasserzirkulation im Gehirn auf, die zu Sprach- und Gehstörungen führten und zwei operative Ein­griffe notwendig machten. Hinzu kam ein Oberschenkelhals­bruch in der Rehaklinik. In wachen Zuständen zwischen­durch fragte sie stets nach dem Fortschritt des Buchmanu­skriptes über Wigratzbad und erinnerte an das dem Bischof von Augsburg gegebene Versprechen. Mehr unbewusst als be­wusst nahm sie an den Arbeiten intensiven Anteil. Ihr Leiden nahm sie als Sühneleiden an. Am Ende stand sie unter dem Kreuze. „Ich habe zu wenig Gutes getan“, flüsterte sie, eine Frau, die drei Kindern aus Indien mütterliche Geborgenheit gegeben und in Indien ein Kinderheim mit einer Eucharisti­schen Anbetungsstätte gestiftet hatte, das der Gottesmutter geweiht wurde. Auf dem Höhepunkt dieser Prüfungen stattete ihr die Seherin von Heroldsbach, Erika Bachg, einen sponta­nen Besuch ab. Einen Tag später folgte auf der Durchreise der Erzbischof von Bamberg, Dr. Ludwig Schick, und spendete ihr den Krankensegen. „Ein Zeichen“, sagte die Kranke mit leiser Stimme, „die Gottesmutter ruft mich.“ So war es. Ein paar Ta­ge später, am 22. August 2009, bei Sonnenaufgang des Festes „Maria Königin“ hat Gott, die Ewige Liebe, sie zu sich gerufen, ein Wunder der Gnade. Aus traditionsreichem protestanti­schem Hause kommend, war sie durch Stätten wie Medjugorje und Wigratzbad und Oberhirten wie Dr. J. Stimpfle zu einer in­nigen Marienverehrerin geworden und zur katholischen Kirche übergetreten. Ihrem Leitmotiv „Semper simplex – Immer ein­fach“ war sie, die gebildete Studiendirektorin, bis zum Schluss treu geblieben. Das „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“ der Gottesmutter war für ihren Lebensstil prägend geworden. Konzelebrant beim Requiem war Thomas Maria Rimmel, Leiter der marianischen Gebetsstätte Wigratzbad.

Um ein Haar entging während der Arbeiten an diesem Buch der Autor bei einem Autounfall dem Tode. Der Verfas­ser war auf dem Wege von der Klinik in die Apotheke. Der zuständige Unfallarzt sprach hinterher von einem Wunder. Immer sind wir vom Himmel begleitet. Jede geschriebene Zeile dieses Buches ist wie kein anderes zuvor mit Schmerz durchtränkt. Er soll der Botschaft von Wigratzbad dienen. Gnade hat immer ihren Preis.

Ein besonderer Dank gilt zum Ausklang den Ärzten vom Klinikum Fulda, die uns in jener Zeit begleitet und beige­standen haben. Sie waren in ihrem Tun für uns ein wenig der Widerschein einer Liebe nicht von dieser Welt:

Prof. Dr. H.G. Höffkes, Onkologie
Prof. Dr. R. Behr, Neurochirurgie
Prof. Dr. A.H. Jacobs, Neurologie
PD Dr. Martin Hessmann, Unfallchirurgie
Dr. Dr. R. Wächter, MKG-Chirurgie

 

Über den Autor

Geboren im damaligen Freistaat Danzig, wuchs der Autor in einer deutsch-polnischen Kultur auf. 1939 wurde er unter dem NS-Regime mit der Familie in ein Konzentrationslager eingeliefert. Das hat sein Denken für immer geprägt. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er Philosophie, Theologie und Psychologie in Rom, Paris, Posen und Warschau. Seit 1957 lebt er in der Bundesrepublik. Verheiratet mit einer 2009 verstor­benen Historikerin. Sie hatten drei indische Adoptivtöchter. Über vierzig Jahre verfolgte er als kritischer Publizist die in­ternationale Politik. In den 60er Jahren veröffentlichte er das „Polnische Experiment“, eine Vorahnung großer Dinge, die aus Polen kommen sollten. Das erste Exemplar überreichte er in Rom während des Zweiten Vaticanums Erzbischof Karol Woj­tyla aus Krakau, an dem sich einmal die Vision erfüllen sollte.

In den 80er Jahren schlug er mit den Titeln „Ich adoptierte Kinder aus Indien“ und „Komm Thomas, leg‘ deine Hand in meine Seite“ literarische Brücken nach Indien. In den 90er Jahren kam „Auf den Spuren des ungläubigen Thomas“ hinzu. Von den Titeln „Der prophetische Aufbruch von Medjugorje“ und „Medjugorjes Botschaft vom dienenden Gott“ gingen Im­pulse für das theologische und politische Denken aus. „Die Madonna und die Deutschen“, „Die Frau von Marpingen“ und „Leuchtfeuer für Europa“ sind dem Verhältnis der Deutschen zur Madonna gewidmet. „Weine über Deutschland, mein Kind“ gilt der Aussöhnung der Kulturen und der „Jahrhundert­skandal“ rechnet mit den unwissenschaftlichen Forschungs­methoden ab, die sich mit dem Leben Jesu auseinandersetzen. Im Jenseits des Scheins“ schließlich berichtet er über seine geheimnisvolle Heilung vom Blutkrebs, die er auf den Geist von Medjugorje zurückführt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe weiter:

 

Ankunft des Päpstlichen Sondergesandten in Medjugorje

Medjugorje / Wikimedia Commons – Gnuckx, CC BY 2.0

Zukunftsweisende Richtlinien sollen erarbeitet werden

Henryk Hoser, Sondergesandter des Heiligen Stuhls in Medjugorje, Bosnien und Herzegowina, der vom Papst am 11. Februar ernannt wurde, ist am Mittwoch zu seiner pastoralen Mission vor Ort eingetroffen. Der Erzbischof von Warschau sagte, dass der Papst dort „an der Entwicklung der Volksfrömmigkeit sehr interessiert sei“.

Nach einem Zwischenstopp in den Städten Sarajevo und Mostar kam Hoser in die Pfarrkirche Sankt Jakob von Medjugorje, wo er Zeit im Gebet verbrachte. Begleitet von Pater Miljenko Šteko, Provinzial der Franziskaner-Provinz Herzegowina, wurde er von Pater Marinko Šakota, dem Pfarrer von Medjugorje empfangen. Sowie von den Franziskaner-Brüder und Schwestern und von den Pilgern, heißt es auf der offiziellen Internetseite.

Kinder empfingen ihn mit Blumen. Danach sprach der Erzbischof: „Lasst uns zusammen um die Fürsprache der Mutter Gottes bitten, so dass er unsere Herzen und Köpfe der göttlichen Gnade, der Lehre der Kirche und dem Wort Gottes öffne. Der Heilige Geist ist unser Leben und er ist auch die Seele der Kirche. Sucht Gottes Wahrheit über uns selbst und die Wahrheit Gottes für die Menschen.“

Der Gebetsort sei weltweit bekannt und der Heilige Vater sehr interessiert an der Entwicklung der Volksfrömmigkeit in diesem Ort interessiert. Teil seiner Mission sei es, die Seelsorge dieses Ortes zu bewerten und Richtlinien vorzuschlagen, die in der Zukunft weisen.

„Ich komme aus einem Land kommen, das eine große Hingabe an die Mutter Gottes zeigt“, sagte er noch. Maria sei die Königin von Polen. „Ich wünsche Ihnen allen zu Maria zur Königing Ihres Lebens“. Im Moment reichten diese Worte, sagte er.

Die Ernennung eines Sonderbeauftragten folgt den Schlussfolgerungen der Untersuchung durch den Vatikan zu den Berichten über Marienerscheinungen an diesem Ort. Seine Mission sollbis zum Sommer abgeschlossen sein. Dabei ginge es darum, detailliertes Wissen über die pastorale Situation sowie über die Bedürfnisse der Gläubigen, die dorthin pilgern uu erfahren, um auf dieser Grundlage eine Initiative für die Zukunft zu erarbeiten.

Im Jahr 2010 errichtete Papst Benedict XVI. eine internationale Untersuchungskommission in der Kongregation für die Glaubenslehre. Im Juni 2015 gab Papst Franziskus auf einer Pressekonferenz auf dem Rückweg von Sarajevo bekannt, dass die Schlussfolgerungen der Untersuchung ihm vor kurzem vorgelegt wurden.

In einem Schreiben der Glaubenskongregation vo 26. Mai 1998 sind Pilgerfahrten privaten Charakters nach Medjugorje zugelassen, solange sie nicht als Authentifizierung der Berichte über Erscheinungen dort seit 1981 dargestellt werden, da es immer noch einer Untersuchung der Kirche bedarf. (mk)

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Quelle

Freude über die Seligsprechung von Erzbischof Oscar Romero

Bischöfe El Salvador / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

„Ad limina“-Besuch der Bischöfe aus El Salvador

In einem Interview mit ZENIT hat Bischof Fabio Colindres Reynaldo Abarca aus El Salvador ein zweistündiges Gespräch mit Papst Franziskus als „spektakulär“ bezeichnet. Colindres Abarca ist Sprecher der Bischöfe in dem mittelamerikanischen Land, die zum „Ad limina“-Besuch beim Oberhaupt der katholischen Kirche nach Rom gereist waren.

„Der Papst empfing uns fast zwei Stunden lang, zu einem Treffen ohne Tagesordnung. Das Klima war von einer großen Brüderlichkeit und Einheit mit dem Papst geprägt“, sagte der salvadorianische Bischof.

„Jeder von uns hat die Realität seiner Diözese zum Ausdruck gebracht, und der Papst hat uns ermutigt, mit Begeisterung, mit Liebe, weiterzumachen, und er bestand sehr auf der Barmherzigkeit in schwierigen Fällen, über die wir sprechen konnten.“

Der Papst habe auch seine Freude über die Seligsprechung von Erzbischof Oscar Arnulfo Romero gezeigt. In Rom würden derzeit Berichte über ein Wunder aus der Ortskirche geprüft. Er erinnerte daran, dass Erzbischof Romero vor hundert Jahren, im Jahr 1917, geboren wurde und als Erzbischof während der Militärdiktatur Menschenrechtsverletzungen anprangerte. Ein Mitglied der Nationalgarde ermordete ihn am 24. März 1980, während er eine heilige Messe zelebrierte.

Zehn Jahre später begann sein Seligsprechungsprozess. Unter dem Vorsitz von Kardinal Angelo Amato wurde er am 23. Mai 2015 selig gesprochen. Er ist der erste Selige aus El Salvador und der erster Märtyrererzbischof aus Amerika.

Die Bischöfe hätten den Papst zu einem Pastoralbesuch eingeladen und um die Heiligsprechung Romeros gebeten. „Der Papst lächelte mit großer Zuneigung und drückte seine Zufriedenheit aus“, berichtete der Bischof. Auf ein Datum habe er sich jedoch nicht festlegen wollen. Glaubhaft versicherte er wohl seinen Wunsch, dass dies verwirklicht werden möge.

Das Hauptproblem des Landes sei Gewalt, die sehr viel Armut erzeuge sowie soziale Instabilität, die Ehe und Familie betreffe. Der Ortskirche liege daher viel daran, zu einem festen Glauben, einer tiefen Lehre und zur Soziallehre der Kirche zu erziehen. Das grundlegende Thema sei das der Versöhnung in der Mitte dieser Gewalt. Für Bischof Colindres ist dies den „Kriegen“ und „sozialen Problemen“, der „Politisierung und Polarisierung aller Themen auf nationaler Ebene“ geschuldet. (mk)

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Quelle

Aus: Alfons Sarrach: SIEG DER SÜHNE – Wigratzbad: Marias Botschaft an den Menschen

Unbefleckt empfangene Mutter vom Sieg, bitte für uns!

Kapitel II

Unerwünscht

Schlüsselerlebnis

Antonie kam am 15. Dezember 1899 zur Welt, an der Schwelle eines Jahrhunderts, das zu einem blutgetränkten wer­den sollte, ein Jahrhundert des Völkermordes, der Vertreibun­gen, der Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen und des Versuchs, die menschliche Geistes- und Kulturgeschichte um viele Jahrtausende zurückzudrehen.

Sie kam als unerwünschtes Kind zur Welt, genauer gesagt als unerwünschtes Mädchen. Drei Kinder waren den Eltern bereits geschenkt worden, zwei Mädchen und ein Junge. Nun hatte sich Mutter Rädler einen Sohn gewünscht, mit dem sie besondere Vorstellungen verband. Sie hatte darum gebetet, er möge einmal zum Priester berufen werden. Es dauerte lange, bis sie sich damit abgefunden hatte, dass es eine Tochter gewor­den war. Aber gerade das sollte einmal zum Zeichen werden.

Dabei dürfte man annehmen, dass ein tiefreligiöses Ehe­paar, und das waren Andreas (1869-1946) und Maria Rädler (1869-1950), davor bewahrt würden, eigene Wunschvorstel­lungen mit den Dimensionen Gottes zu verwechseln. Auch ganz lautere Seelen sind zuweilen nicht davor gefeit, mehr auf eigene Ideale als auf Gottes Visionen zu setzen. Ihr Bund fürs Leben, den sie am 25. Oktober 1889 schlossen, war auf Rat eines alten, frommen Priesters in Mywiler zustande gekom­men. Er hatte dem Mädchen Maria den jungen Andreas als Mann empfohlen. Gott pflegt manche Lebenswege bis ins De­tail hinein lange vorher zu ebnen und zu lenken.

Der andersgeschlechtliche Elternteil hat einen stark prägen­den, besonderen Einfluss auf das Kind. Das weiß man heute. In diesem Zusammenhang bleibt festzuhalten, dass der Vater von Antonie ein unerschütterliches Gottvertrauen besaß, was ein Ereignis bei der Geburt des sechsten Kindes beleuchtet.

Maria Rädler erkrankte an Kindbettfieber. Ein halbes Jahr quälte sie sich trotz guter Pflege dahin, magerte zum Skelett ab. An einem Samstag hörte dann das Herz plötzlich auf zu schlagen.

Erschrocken stürzte die Krankenschwester in den Metzger­laden, um den Mann zu holen: „Sie ist gestorben, es ist so schnell gegangen!“ Der Mann rannte sofort die Treppe hinauf, aber nicht ans Krankenlager der Frau, sondern in das Schlaf­zimmer des Paares. Dort stand ein Hochzeitsgeschenk der El­tern, eine Lourdesgrotte, vor der sie jeden Abend gebetet ha­ben. Vor dieser warf er sich auf die Knie und begann zu beten. Es war mehr ein Aufschrei zum Himmel als ein Gebet:

„Liebe Mutter Gottes! Hilf! Du hast noch immer geholfen. Du bist allmächtig mit deiner Fürbitte. Wir haben dich immer verehrt. So viele Rosenkränze haben wir gebetet. Das kannst du uns nicht antun, du darfst den Kindern die Mutter nicht nehmen. Du hast ein Kind gehabt. Ich habe sechs. Ruf die Mutter zum Leben zurück! Gib mir ein Zeichen der Erhö­rung. Ich stehe nicht auf, bis du es mir gegeben hast!“

Und da geschah das Unglaubliche. Die Statue in der Grotte erhob ihr Haupt und senkte es zustimmend nieder. Wie immer es gewesen sein mag, noch Jahre danach konnte der nüchter­ne Mann jedenfalls darüber nur unter Tränen berichten.

Erst dann ging er ins Krankenzimmer, ergriff die schon starren Hände der Frau, schüttelte sie zum Entsetzen der Pflegerin und befahl: „Mama, wach auf!“ Alle Kinder standen herum und beobachteten erschüttert, was vor sich ging. Da öffnete die scheinbar oder wirklich Tote die Augen, schaute umher und hauchte: „Hunger!“ Der Ehemann holte eiligst eine Flasche lauwarmer Milch, schob der Frau mit Mühe den Strohhalm zwischen die schon erstarrten Lippen. Sie saugte, trank, trank die Flasche leer.

In diesem Augenblick betrat der Arzt das Haus. Als er hörte, was genau abgelaufen war, meinte er: „So etwas ist nur in Ih­rem Hause möglich!“ Und beide Männer, Arzt und Ehe­mann, sanken weinend vor der Gottesmutter in die Knie.

Antonie war damals drei Jahre jung. Ein sehr aufgeweck­tes, intelligentes Kind. Sie hatte alles verfolgt. Der Vorfall muss in der sensiblen Kinderseele einen tiefen, bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das scheinbare Ableben der Mutter, die Reaktion des Vaters, sein fast beispielloses Gott­vertrauen, die rätselhafte Genesung der Mutter blieben als Ur-, als Grunderlebnisse in ihrer Psyche zurück. Ein frühes Schlüsselerlebnis, das seinen Niederschlag im Leben des spä­teren Mädchens, dann der jungen und schließlich der reifen Frau finden sollte.

Das eher schüchterne Kind zeigte einen besonderen Hang zum Gebet. Mit dem Eintritt ins Schulalter verriet es ein auf­fälliges Organisationstalent. Der mühsame Alltag fing für alle Kinder damals mit dem langen Schulweg an, vorher der Be­such der hl. Messe. Antonie wurde bald Klassenbeste, sonnte sich jedoch nicht in dieser Stellung, sondern versuchte Schwä­cheren zu helfen, oft eine Gelegenheit, die ihr dazu diente, an­dere zum gemeinsamen Gebet des Rosenkranzes einzuladen.

In der vierten Klasse traf sie ein erstes persönliches Un­glück. In der Pause stürzte sie beim Spiel kopfüber aus dem ersten Stock und blieb bewusstlos liegen. Erst nach drei Ta­gen kehrte das Bewusstsein zurück. Der Vorfall bewirkte je­doch, dass das Kind innerlicher und stiller wurde.

Wenig spürbare Liebe erhielt Antonie von der eigenen Mut­ter, im Gegenteil, diese behandelte das Mädchen besonders hart, konnte ihr wohl nicht verzeihen, dass sie als Mädchen auf die Welt gekommen war und nicht als der erwünschte Junge. Als sie eines Tages einen Fleißzettel nach Hause brachte, bemerkte die Mutter missachtend: „Das ist nichts Beson­deres. Das bekommen andere auch.“ Viel Vertrauen ging da­durch bei dem enttäuschten Kind gegenüber der eigenen Mut­ter verloren. Instinktiv wandte es sich einer anderen zu, der Mutter des Herrn, und lud ihre Enttäuschungen bei ihr ab, teilte aber auch alle Freuden mit ihr.

Mit fünfzehn Jahren schickten die Eltern sie in eine Haus­haltsschule der Franziskanerinnen in Bonlanden. Dort wurde die Aufnahme in die Marianische Jungfrauenkongregation für das Mädchen zu einem einschneidenden Erlebnis, es war eine Lebensweihe an Maria: „Ich wurde innerlich von einer solchen Freude und Glückseligkeit erfüllt“, berichtete sie später, „nun Maria zur Mutter zu haben, dass ich den ganzen Tag vor lau­ter Freude weinte.“ Täglich ging sie zur hl. Kommunion.

Nach der Internatszeit kehrte sie ins Elternhaus zurück. Es war mitten im Ersten Weltkrieg, überall galt es zuzupacken, im Hause, im Geschäft, in der Metzgerei, selbst zum Einkauf von Vieh wurde sie herangezogen. Materielle Sorgen drohten Antonie zu vereinnahmen.

„Komm und diene mir!“

1918 schwiegen schließlich die Kanonen, die so viele Men­schenleben gefordert hatten. Niemand ahnte, dass sie nur noch größere Leiden eingeläutet hatten, die den ganzen Erdball überziehen sollten. Zunächst suchte die Spanische Grippe den ganzen Kontinent heim und raffte weitere Millionen Men­schen hinweg. Auch das Haus Rädler blieb davon nicht ver­schont. Antonie pflegte alle mit großer Hingabe, bis auch sie sich ansteckte. Aus dieser Zeit, es war Dezember 1919, be­richtete sie später von einem merkwürdigen Todeserlebnis.

Nach einer Operation an der Brust krampfte sich die Lun­ge zusammen. Das Gehör wurde schwach, das Augenlicht schwand. An einem Nachmittag hatte sie den Eindruck, der Tod betrete das Zimmer, nähere sich ihrem Bett und sage zu ihr: „Geh mit!“ Zwei Schwestern wachten an ihrer Seite und wischten ihr den Todesschweiß von der Stirn.

Spät nach Mitternacht sah sie plötzlich ihr ganzes Leben an sich vorbeiziehen, vom Erwachen der Vernunft in der Kindheit bis zu diesem Augenblick. Sie sah alles Gute, das sie hat tun dürfen, aber auch alle Sünden, jedes Fehlverhalten. Sie durfte das Leiden Christi sehen, den Schmerz für jeden einzelnen Menschen, für jedes Mitglied des ganzen Menschengeschlech­tes. Das bewegte sie zu einer solch tiefen Reue, dass sie bereit war, viele Male ihr Leben hinzugeben, um die Sünden der Welt zu sühnen. Als Trost erkannte sie aber auch alle Akte guten Willens, zu denen sie sich je durchgerungen hatte, und darü­ber empfand sie eine große Freude. Eine glühende Liebe er­fasste sie, ein brennendes Verlangen durchdrang ihre Seele, ganz Jesus zu gehören, ihre Seele ganz in ihn zu versenken. Das Glück über diese Liebe war wie ein Magnet, der sie ganz in das Herz Gottes hineinzog. Sie dachte nur noch daran, Ihn zu besitzen, und wollte nicht mehr in das Leben zurückkeh­ren. In der Frühe wachte sie auf, konnte plötzlich wieder se­hen und hören.

Aber das Leiden blieb. Eine Komplikation folgte der ande­ren: eitrige Hirnhautentzündung, Drüsenschwellungen, Was­sersucht, Lungenentzündung und Nierenblutungen. Die El­tern schleppten sie von einem Spezialisten zum anderen – bis nach Augsburg und München, opferten ein Vermögen. Erst versuchten zwei Ärzte im nahe gelegenen Bregenz ihr zu hel­fen, bis sie resignierten: „Es ist zu spät. Das Mädchen ist verlo­ren.“ Am Ende kam sie nach Wörishofen. Nach drei Monaten erklärte der behandelnde Arzt Dr. Schaller: „Hier ist die ärztli­che Kunst am Ende. Hier gibt es keine Rettung mehr. Ich gebe dem Mädchen im besten Fall noch ein paar Tage.“ Antonie bat die Eltern, sie heim zu nehmen, sie wolle zu Hause sterben. Der Körper war voll Wasser, die Nieren vereitert, Erstickungs­anfälle häuften sich, nur mühsam konnte sie kurze Atemzüge am offenen Fenster machen. Sie ertrug alles mit großer Ge­duld, als Sühne für die Sünden des eignen Lebens und anderer.

Da trat eines Tages eine überraschende Wende ein. Es war gegen Abend. Antonie wandte sich im Gebet an die Gottes­mutter, wohl ein letzter Versuch, eine klärende Antwort von oben zu bekommen: „Liebe himmlische Mutter! Wie freue ich mich, Jesus und dich bald sehen zu dürfen. Wenn du mich aber noch brauchen willst auf Erden, wenn ich hier noch et­was tun kann zu deiner Ehre, so stelle ich mich dir ganz zur Verfügung. Ich werde nicht heiraten. Mein Leben soll einzig Jesus und dir geweiht sein.“

Dieses Gebet verrät – zum Beispiel die Freude auf die bal­dige Anschauung Gottes – bereits mystische Reife. Auf der­selben Linie liegt ihr Angebot der totalen, exklusiven Hingabe an Jesus und seine Mutter. Und die Antwort blieb nicht aus. In der Nacht stand plötzlich die Gottesmutter vor ihr, legte ihr in überströmender Liebe die Hände aufs Haupt und sagte: „Nimm deine Zuflucht allein zu mir. Komm und diene mir!“ Eine wunderbare Kraft durchströmte den ganzen zermarter­ten Körper und heilte ihn. Antonie schlief ein. Es war der erste tiefe Schlaf nach Jahren. Am Morgen stand sie gesund auf und verlangte ihre Arbeitskleider. „Ich bin gesund“, sagte sie. „Gebt mir zu essen, ich habe einen riesigen Hunger.“ Und dann nahm sie ihre Arbeit auf, wie in früheren Jahren.

Die Geburtsstunde einer Gnaden- und Sühnestätte hatte geschlagen, noch von niemandem wahrgenommen, von niemandem erkannt. Es war das Jahr 1923. Der Same wurde in die Seele einer begnadeten jungen Frau gelegt, anders als an­derweitig. Gott wiederholt sich nicht. Die Früchte sollten es eines Tages ans Licht bringen.

Mystische Vermählung

Auf das Versprechen folgten Taten. Sie wollte ihr Wort ein­lösen und begann mit der Gründung einer Mädchenkongre­gation. Der zuständige Ortspfarrer von Wohmbrechts, Josef Basch, willigte gern ein, blieb jedoch skeptisch bezüglich des Erfolges. Er sollte sich geirrt haben.

Antonie begann Mädchen um sich zu sammeln, zunächst Mädchen aus Wangen und Umgebung, die in einem Haus­halt halfen. Ein halbes Dutzend konnte sie zunächst begeis­tern, bald waren es jedoch 70 bis 80. Sie hielt ihnen anregen­de Vorträge. Anfangs beobachtete der Pfarrer sie genau, kam dann zur Überzeugung, dass er sich auf die junge Frau ver­lassen konnte. Der Erfolg ermunterte diese wiederum, eine Kinderkongregation ins Leben zu rufen, eine Gruppe mit jün­geren (zwischen 6 und 13 Jahren) und eine zweite für ältere (13 bis 20 Jahre).

Bedenkt man, was sie alles anstoßen konnte, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Antonie schon in jenen Jahren eine große Ausstrahlung gehabt haben muss. Jeden Monat führte sie die Gruppen zur hl. Kommunion, betete vor der hl. Messe mit ihnen den Rosenkranz und erreichte, dass jeden Montag früh vor der hl. Messe eine Sühnestunde vor dem ausgesetzten Allerheiligsten gehalten wurde. An Sonnta­gen brachen die Gruppen oft zu Wallfahrten auf. Schließlich übertrug der Geistliche ihr sogar die Führung des Frauenbun­des, als die Vorsteherin erkrankte. Eine so rege Aktivität weck­te natürlich – wie immer – auch Neid und gehässigen Wider­spruch bei manchen Menschen in der Gemeinde. Das ist der Preis, den begnadete Seelen zahlen müssen.

In diese Zeit fällt ein mystisches Christuserlebnis, wie es in dieser Art aus dem Leben anderer Mystiker nicht unbekannt ist. In der Stadtpfarrkirche in Wangen nahm sie mit anderen an einem Hochamt teil. Während des Gloria, also am Anfang der hl. Messe, versank die Umwelt um sie herum. Was sie dann erlebte, darüber schwieg sie jahrzehntelang. Als sie es preisgab, hat sie versucht, es mit folgenden Worten wiederzugeben:

„Ich sah mich auf einem Weg vorwärts schreiten. Plötz­lich stand ein König vor mir in wunderbarem Licht und gro­ßer Majestät. Er legte mir die Hand auf das Haupt mit den Worten: ,Sei mein! Ich will dich mir vermählen‘ und küsste mich auf die Stirn. Erst dachte ich, ein irdischer König werbe um meine Hand. Plötzlich aber erkannte ich in ihm Jesus, den König der Könige. Tief beschämt versank ich im Abgrund des eigenen Nichts und konnte nur stammeln: ,Nein, das kann ich nicht. Ich bin doch ein Nichts, ein sündiges armes Ding, deiner unwürdig.‘

Da verwandelte sich die Erscheinung in den kreuztragen­den Heiland, der folgende Worte an mich richtete: ,Folge mir!‘ Ich antwortete: ,Auf den Weg des Kreuzes will ich Dir gern folgen, will die Last des Kreuzes Dir tragen helfen.‘ Da­nach trat Stille ein. Ich kam in ein fremdes Land und musste ganz niedrige Dienste leisten, Opfer bringen und Entsagung üben bis zur Erschöpfung. Keine Demütigung blieb mir er­spart. Dann trat abermals Stille ein. Danach kam Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern auf mich zu. Wieder sagte ich ihm: ,Jetzt will ich Dir helfen und Dir folgen.‘ Jesus sah mich mit einem dankbaren Lächeln an.

Plötzlich stand der Heiland in unbeschreiblicher Schön­heit vor mir, küsste mich mit den Worten auf die Stirn: ,Sei mein und bleibe mein!‘ Dann führte er mich an seiner Seite in himmlische Regionen mit unzähligen mannshohen Lilien, wie ich sie auf Erden noch nie gesehen hatte. Eine unüberseh­bare Menschenmenge schloss sich uns an und sang in tausend Chören, von herrlicher Musik begleitet: ,Heil dem König und der Königin.‘ Wir nahten uns einem Schloss, dessen Tore sich uns öffneten. Der himmlische Vater winkte uns in überströ­mender Freude zu und hieß uns willkommen.

In diesem Augenblick kam ich wieder zu mir. Der amtie­rende Priester gab eben den Schlusssegen. Die hl. Messe war vorbei.“

An die Worte der Offenbarung des Johannes wird man bei diesem Bericht erinnert: „Wer siegt, dem werde ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich gesiegt und mich zu meinem Vater auf seinen Thron gesetzt habe“ (Offb 3,21). In der Vision werden auch die Enttäuschungen, Demütigungen und Leiden angedeutet, die Antonie zu erwar­ten hatte. Vor allem aber erfüllte sie die junge Frau mit tiefer Freude. Sie nahm die mystische Vermählung sehr ernst, eine glühende Liebe erfasste sie, die jede irdische Beziehung in den Schatten stellte.

Zur Erinnerung an dieses Erlebnis trug sie zuerst einen Ring am Finger mit einem roten Stein, der an der Blutreliquie in Weingarten berührt worden war. Diesen Ring liebte An­tonie sehr, bis die Gottesmutter ihr eines Tages zu verstehen gab: „Leg den Ring weg. Es braucht niemand zu wissen, wem du vermählt bist!“ Daraufhin steckte Antonie den Ring der Gottesmutter in der Grotte im Schlafzimmer der Eltern an den Finger und hat ihn nie mehr getragen. Lange hat sie die­ses Geheimnis für sich behalten. Die Auswirkungen sprachen aber ihre eigene Sprache. In den Jahren und Prüfungen, die auf sie zukamen, zeigte sie eine ungewöhnliche Klarheit des Urteils, Sicherheit und Charakterstärke, Mut und Zuversicht.

Verlockende Angebote

Ihre Treue zu Jesus wurde auf eine harte Probe gestellt. Ver­lockende Heiratsanträge wurden ihr gemacht. Eine sehr reiche Dame aus Lindau zum Beispiel versuchte alles, sie für ihren Sohn zu gewinnen. Sie bot ihr eine herrliche Villa am Boden­see an, ein großes Vermögen und versprach, ihr alle Wünsche zu erfüllen, wenn sie nur den Sohn heiraten wollte. Ohne ei­nen Augenblick zu zögern, wies Antonie den Antrag lächelnd zurück. „Ich bin schon vergeben“, war ihre Antwort.

Für diese Haltung der Tochter konnte die eigene Mutter kein Verständnis aufbringen. Sie redete auf sie ein und dräng­te, so glänzende Anträge nicht einfach abzuweisen. Aber An­tonie hatte für alle Überredungskünste nur eine Antwort: „Mutter! Ich kann nicht, ich bin schon vermählt.“

Ein neuer Lebensabschnitt begann für Antonie im Jahre 1927. Er sollte sich fast zehn Jahre hinziehen und für die jun­ge Frau zu einem Kreuzweg werden. Der Vater beschloss, in Lindau eine Filiale seiner Metzgerei einzurichten, und über­trug die Leitung seiner Tochter. Das bedeutete auch, dass sie die Betreuung der jungen Frauen in der Gemeinde abgeben musste.

Dafür vertiefte sie ihr Gebets- und Innenleben. Jede Ge­schäftspause nutzte sie dazu, in der Stadtpfarrkirche in Lin­dau vor dem Tabernakel zu beten. Schließlich erfuhr sie, dass sich im nahe gelegenen Schloss Moos, etwa eine halbe Stunde Fußweg entfernt, über der Familiengruft eine neugotische Kapelle befand. Die Herren von Quadt hatten sie 1882 errichtet. Alle zwei Wochen wurde dort die hl. Messe gefeiert und das Allerheiligste aufbewahrt. Aber die Kapelle blieb die übrige Zeit geschlossen. Antonie erbat sich von der Gräfin, der Schloss­herrin, den Schlüssel, der es ihr ermöglichte, in den kleinen Erker hinaufzusteigen und dort allein zu wachen und zu beten. Erst war es eine halbe Stunde täglich, dann wurden Stunden daraus. In diesen Stunden fühlte sie sich gedrängt, die ver­schiedenen Rosenkränze zusammenzustellen, die später in den Sühnenächten in Wigratzbad viele Male gebetet wurden.

Aber damit nicht genug. Auf dem Wege nach Hause mach­te sie einen Abstecher in die Hauskapelle des Marienheims der Englischen Fräulein. Die verständnisvolle Hausoberin, Mater Maria, überließ Antonie die Schlüssel zur Kapelle, so dass sie jederzeit hinein konnte, ohne jemanden zu stören. In dieser ungeheizten Kapelle verbrachte sie weitere Stunden des Ge­betes, manchmal bis zwei, drei Uhr in der Nacht. Es waren Sühnestunden.

Für die eigentliche Nachtruhe blieben so oft nur drei bis vier Stunden. Dennoch war sie bei der Frühmesse in der Stadtpfarrkirche wieder dabei. Das ist ohne besondere Gna­de, ohne Beistand von oben kaum durchzuhalten. Um diese Gnade, nämlich die der Ausdauer, flehte sie zur Gottesmutter, sie betete für die Frauen und Mädchen, für deren Umkehr, erflehte für sie ein Leben im Sinne Marias.

Ihr vergeistigtes Leben begann auszustrahlen. Immer mehr Frauen fassten Vertrauen zu ihr und suchten mit ihren Sor­gen und Nöten bei ihr Zuflucht. Beim Stadtpfarrer, Prälat Kerler, erreichte sie, dass jeden Abend öffentlich der Rosen­kranz gebetet wurde. Sie selber führte die Frauen an Sonnta­gen betend hinauf zum Gnadenbild der Rosenkranzkönigin von Unterreitnau. Mehrfach unternahm sie den Versuch, in Lindau oder Umgebung eine Lourdesgrotte zu errichten. Der Vorschlag scheiterte am Widerspruch des Pfarrers.

In diesen Jahren lernte Antonie eine sich damals entfalten­de, ganz auf Maria ausgerichtete Bewegung kennen, bei Val­lendar am Rhein ins Leben gerufen von dem charismatischen Priester Josef Kentenich. Sechsmal suchte sie das Kapellchen in Schönstatt auf, um dort an achttägigen Exerzitien teilzu­nehmen. Beim letzten Mal hörte sie während der hl. Messe eine innere Stimme, die ihr sagte: „Von nun an will ich dir einen zweiten Schutzengel als besonderen Beistand und Schutz für das kommende Leben an die Seite stellen, den hl. Erzengel Michael. Rufe ihn oft an und verehre ihn sehr!“

Antonie vertraute sich mit diesem Erlebnis dem Leiter des Kurses an, Pater Michael Kolb, einem reifen Priester, und schloss mit der Bitte, ihr aus dem Städtchen Vallendar einen Strauß weißer Schwertlilien mitzubringen. Sie wollte diese der Gottesmutter schenken. Aber der Pater konnte nur rote auftreiben. Als er ihr die Blumen überreichte, meinte er lä­chelnd, ohne zu ahnen, wie prophetisch seine Worte waren: „Seien Sie künftig auf große Kämpfe in Ihrem Leben gefasst.“ Sie hat den Erzengel zeit ihres Lebens besonders verehrt und ihm am Weg zur großen Kirche ein Denkmal gestiftet. Schönstatt, inzwischen ein weltweit bekanntes Marienheiligtum, stand somit Pate für ein weiteres späteres Heiligtum — in Wi­gratzbad nämlich.

Beschlossener Mord

Einige Jahre vergingen scheinbar gleichförmig. Da gewann ein Mann namens Adolf Hitler in Deutschland immer mehr an Einfluss. In seinem Buch „Mein Kampf“ hatte er der Kirche den Kampf angesagt. Antonie bekam es bald zu spüren. Eines Tages betraten Parteileute den Metzgerladen, brachten ein Bild des Führers Adolf Hitler mit und verlangten, dass es im Verkaufsraum aufgehängt wird. Das Bild der Gottesmut­ter von Schönstatt sollte ihm weichen. Antonie weigerte sich. „Für Ihr Bild ist in diesem Raum, wie Sie selber sehen, kein Platz mehr. Das Bild der Mutter des Allerhöchsten, das Sie dort sehen, hängt schon seit Jahren dort. Ich werde es unter keinen Umständen entfernen.“

Wusste sie, wen sie da herausgefordert hatte, oder handelte sie auf höheren Impuls? Hitler hatte in seinem Buch keinen Zweifel darüber gelassen, wie er mit dem Christentum umzu­gehen gedachte. Am 30. Januar 1933 erlangte er schließlich die Macht, aus der nach dem Tode des Reichspräsidenten Hin­denburg die absolute wurde. In den ersten Ausgaben seiner Kampfschrift hieß es: „Eine Weltanschauung kann mit einer anderen keinen Kompromiss schließen, denn sie ist totalitär. Mit dem Christentum ist ein infernaler Terror in die Welt ge­kommen, der nur überwunden werden kann durch einen Ter­ror, der noch infernaler ist.“ Die Worte ließen keinen Zwei­fel daran, dass Hitler die totale Vernichtung der Kirche, des Christentums zum Ziele hatte.

Für Antonie muss es ein Schock gewesen sein, wie sich die von ihr gegründeten marianischen Gruppen im Jahre 1932 sang- und klanglos auflösten. Nach einem Auftritt des natio­nalsozialistischen Gruppenleiters liefen Frauen und Mädchen zu den Nazis über und traten dem Bund deutscher Mädchen (BdM) und der Frauenschaft bei. Sie wollten in der modernen, neuen Zeit den anderen Frauen nicht nachstehen.

Das hätte Antonie wankend machen müssen. Lohnt sich der Einsatz überhaupt, bleibt man am Ende nicht allein auf weiter Flur, der Lächerlichkeit preisgegeben? Sie musste das Schicksal aller Charismatiker teilen, deren Berufung oft in tiefster Vereinsamung auf den Prüfstand kommt.

Die Weigerung, das Bild des Führers in ihrem Verkaufs­raum aufzuhängen, der sich mit „Heil“-Rufen als neuer Hei­land feiern ließ, musste den Zorn seiner blinden Anhänger he­rausfordern. Sie beschlossen, Antonie Rädler umzubringen.

Man wusste um ihre Gebetsstunden in der Nacht. Ein Be­weis, wie sehr sie bereits bespitzelt worden war und dass es hässliche Zuträger gegeben haben muss. Darin witterten sie ei­ne Gelegenheit, mit ihr abzurechnen. In einem kleinen Wäld­chen gegenüber dem Marienheim lauerten sie ihr auf. Als An­tonie gegen 3 Uhr herauskam, versuchten drei Männer sich auf sie zu stürzen. Da geschah das fast Unglaubliche. Mitten in der Nacht tauchte ein junger Radfahrer im Alter von etwa 20 Jah­ren auf, blendete die Männer mit starkem Licht, umkreiste Antonie in großem Bogen und begleitete sie nach Hause. Die drei Männer waren nicht in der Lage, sich ihr zu nähern.

Antonie wurde jetzt klar, in welcher Gefahr sie schwebte. Aus natürlicher Angst überlegte sie, ob sie die nächtliche An­betung nicht aufgeben sollte. Da glaubte sie, so erzählte sie später, eine Stimme zu hören, die ihr befahl: „Leiste Sühne! Du darfst nicht nachgeben! Du stehst unter dem Schutze Gottes!“ Sie pflegte immer sieben Vaterunser zu Ehren der fünf Wun­den Jesu zu beten. Das gab ihr Kraft. Entgegen ihrer inneren Angst und der offensichtlichen Gefahr suchte sie am nächsten Tag wieder das Marienheim auf, verließ allerdings eine halbe Stunde früher die Kapelle. Kaum hatte sie die Parktüre hin­ter sich geschlossen, sprangen wieder drei Männer auf sie zu. Die Gesichter hatten sie mit einer Zipfelmütze halb verhüllt, wie man es von kriminellen Überfällen her kennt. Da tauch­te der geheimnisvolle Radfahrer wieder auf und blendete die Männer, dann begleitete er Antonie nach Hause.

Aus heutiger Sicht muss man vermerken, dass Fahrradlam­pen damals nur ein ganz schwaches Licht hatten, das kaum die nächsten Meter erhellen konnte. Antonie glaubte, dass dieser Radfahrer ihr Schutzengel gewesen sein muss. Und wieder fällt auf, dass eine geheimnisvolle Stimme, als sie ver­zagen wollte, ihr zuflüsterte: „Leiste Sühne!“ Der Gedanke der Sühne zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben, von der frühen Kindheit an.

Einen dritten Versuch unternahmen ihre fanatisierten Geg­ner. Diesmal warteten sie vor ihrem Hause. Zu ihrer Wohnung führte ein Korridor, der auf der anderen Seite in eine Wasch­küche führte und zum See hin endete. Als sie vor dem Hause stand, sprangen zwei verhüllte Männer wieder auf sie zu; sie hatten einen Sack bei sich, den sie offenbar über sie stülpen wollten. Antonie erschrak zu Tode und streckte instinktiv ab­wehrend die Hände aus. Da stolperten diese, fielen zu Boden und konnten nicht sofort aufstehen. Inzwischen gelang es der bedrohten jungen Frau, die Treppen hinaufzuspringen und hinter sich die Türe zu schließen und zu verriegeln.

In ihrem Zimmer schlief eine Verkäuferin. Sie war entsetzt über das Aussehen ihrer Chefin. „Ich bin krank vor Angst“, stammelte diese, „habe Furchtbares erlebt, aber der Herrgott hat mir geholfen.“

Als sie am nächsten Tag von der Frühmesse heimkam, war­tete überraschenderweise ein Bote auf sie. Er überreichte ihr einen Brief vom Vater mit der dringenden Bitte: „Komme so­fort heim, sofort. Ich werde dir ein Auto entgegenschicken. Warte so lange.“ Kurz vor 7 Uhr stand der Wagen schon vor der Türe. Die Filiale wurde umgehend geschlossen, bis zum Mittag alles zusammengeräumt und heimgefahren.

Was war passiert? Die Familie hatte in diesen Zeiten doch noch gute Freunde. Einer von ihnen war ein gewisser Ministerialrat Rauch bei der Regierung in München. Der schick­te in der Nacht mit dem Schnellzug über einen Boten einen Brief mit der dringenden Warnung: „Nimm deine Tochter so­fort von der Filiale in Lindau weg, sonst wird sie ihres Lebens nicht mehr sicher sein!“ Er hatte aus sicherer Quelle erfahren, dass Antonies Tod beschlossene Sache sei. SS-Leute sollten sie über Nacht überfallen, in den See werfen und anschlie­ßend das Gerücht ausstreuen, sie habe in religiösem Wahn Selbstmord begangen.

Es ist schwer nachzuvollziehen, wie ein übermächtiger Staat sich von einer jungen wehrlosen Frau, Mitte dreißig, so he­rausgefordert sehen kann, dass er sie über Mord aus dem Wege schaffen will. Hier stand mehr dahinter: Die spirituelle Aus­strahlung Antonies war zum Ärgernis geworden für Macht­haber, die ein neues, ein tausendjähriges Reich nach eigenen Vorstellungen, ohne Gott, ohne Jenseitsbezug ins Leben rufen wollten. Sie spürten, dass hinter Antonie eine Welt stand, die ihnen im Wege war und der sie den Kampf angesagt hatten. Es verrät etwas von der hemmungslosen Wut der Hölle im­mer dann, wenn Maria in die Geschichte der Menschen ein­zugreifen beginnt.

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Quelle: Eigener Scan aus meinem persönlichen Exemplar des im Titel genannten (neu nicht mehr erhältlichen) Buches

Siehe auch:

Ich habe meinen Peinigern vergeben

Das Zeugnis von Kardinal Ernest Simoni

Kardinal Simoni bei der Übernahme seiner Titelkirche, der Diakonie Santa Maria della Scala.

Drohungen, Verfolgung, Gewalt, dann die Ketten des Kerkers: Nichts von alldem war in der Lage, die menschliche und geistliche Statur von Ernest Simoni zu schwächen. Der im Konsistorium vom vergangenen 19. November von Papst Franziskus zum Kardinal kreierte 88-jährige Priester aus Albanien ist der zweite Kardinal in der Geschichte des Landes der Adler nach Mikel Koliqi, den das Regime ebenfalls 37 Jahre lang eingekerkert hatte. Kardinal Simoni feierte am Morgen des 11. Februar d.J. gemeinsam mit dem Papst die heilige Messe in Santa Marta und nahm am Nachmittag des folgenden Tages seine Titelkirche, die Diakonie »Santa Maria della Scala«, in Besitz. In diesem Interview mit dem »L’Osservatore Romano« blickt er auf wichtige Etappen seines Lebens zurück.

Woran denken Sie, wenn Sie sich an die Zeit der Verfolgung erinnern?

Kardinal Simoni: Mein erster Gedanke ist, dass es mir gelang, sie mit Hilfe der Gnade des Herrn, der ich mich anvertraut habe, zu überwinden. Alles ist vorübergegangen, während ich gebetet, gehofft und versucht habe, mit der Kraft der Gnade, die aus der Liebe Gottes kommt, bis zum Ende auszuhalten. Ich habe meine Peiniger nie gehasst. Ich wurde am 24. Dezember 1963 verhaftet, in der Weihnachtsnacht, während der Messfeier in der Kirche von Barbullush. Man hat mich mit der Begründung »Agitation und Propaganda« zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Ich habe die Strafe in den Gefängnissen von Rubik, Vlorë, Laç, Elbasan verbüßt und war dann zehn Jahre im Gefängnis von Spaç, wo ich in den Bergwerken gearbeitet habe. Nach 1990 und der wiedergewonnenen Freiheit habe ich in den Pfarreien von Barbullush und Trush, in Fushë Arrëz Dienst getan und überall dort, wohin mich die Gläubigen gerufen haben.

Gab es besonders schwierige Augenblicke?

Kardinal Simoni: Ich erinnere mich, dass auch ich zusammen mit weiteren zwölf Gefangenen 1973 bei der Revolte im Gefängnis von Spaç zum Tod durch Erschießen verurteilt wurde, und zwar aufgrund der – unwahren – Beschuldigung, zu den Verantwortlichen der Unruhen zu gehören. Aber die Sigurimi, die Geheimpolizei, hatte alle Phasen der Revolte gefilmt, so haben sie meine Unschuld erkannt und ich wurde nicht getötet. Ein andere sehr harte Zeit war, als sie mich in Ketten gelegt hatten, und ich fast gestorben wäre. Nachdem ich die ganze Strafe abgebüßt hatte, kam ich 1981 frei und habe bis 1990 in den Abwasserkanälen gearbeitet. Vorher hatte ich in einigen Dorfpfarreien Dienst getan: Kabash, Pukë, Kukël, Gocaj, Barbullush, Mal i Jushit, Torrovicë, Sumë.

Wie ist heute die Situation der Kirche in Albanien?

Kardinal Simoni: In Albanien gab es eine sehr schwierige Zeit, vor allem für die Kirche. Zur Zeit ist die Situation gut, das Volk ist fromm. Ich hoffe, dass es einen erneuerten Elan geben wird, um alle Albaner durch das gemeinsame Gebet zu Gott zu führen. Ich werde weiter dem Volk Gottes dienen, wie ich das immer getan habe, um die Liebe Jesu zu verbreiten und das Heil zu verkünden, das allein von ihm kommt. In der Di­özese engagiere ich mich für einige Treffen. Manchmal feiere ich die heilige Messe in der Kathedrale oder in meiner Pfarrei. Ich bin bereit, wohin auch immer man mich einlädt, Gottesdienst zu feiern und meinen Rat zu geben, damit alle Jesus näherkommen. Ich empfehle immer das Gebet des Rosenkranzes zur Muttergottes, die möchte, dass die ganze Welt gerettet wird.

Wie haben Sie die Ernennung zum Kardinal aufgenommen?

Kardinal Simoni: Für mich war es eine Überraschung. Ich danke der allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Muttergottes und dem Papst für die geistliche Gabe, die mir zum Wohl der Kirche und der Menschen geschenkt worden ist. Alles geschah ganz unerwartet, ich habe nicht damit gerechnet und deshalb bete ich sehr viel, um diese Sendung im Dienst des Volkes Gottes fortsetzen zu können.

Was hat Sie bei Ihren Begegnungen mit Papst Franziskus am meisten beeindruckt?

Kardinal Simoni: Alle Päpste sind groß, aber Franziskus hat ein Herz voller Liebe zu den Armen und Leidenden. In ihnen sieht er Jesus. Er will allen den Frieden und die göttliche Gnade bringen und bezeugen, dass Jesus allein das Heil der Menschen ist. Die Begegnung mit ihm während seines Besuchs in Tirana am 21. September 2014 in der Kathedrale ist mir sehr lebendig im Gedächtnis und im Herzen. Bei der väterlichen Umarmung war der Papst gerührt und ich mit ihm, als er mich an sich gedrückt hat. Und ich habe eine schöne Erinnerung auch an den Besuch in Assisi am 20. September 2016, als ich bei Tisch an seiner Seite saß.

Von Nicola Gori (Orig. ital. in O.R. 12.2.2017)

Vatikan ordnet Sozialengagement neu

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Kurienkardinal Peter Turkson

Der Vatikan stellt nach den Worten von Kurienkardinal Peter Turkson sein humanitäres, menschenrechtliches und entwicklungspolitisches Engagement neu auf. Ziel sei, die kirchliche Sorge für die Sozialordnung neu zu formulieren und „eine gesellschaftliche Vision der Kirche“ zu entwerfen, sagte Turkson am Montag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Rom.

Der 68-jährige Ghanaer, seit 2009 Präsident des Päpstlichen Rats für Gerechtigkeit und Frieden, übernimmt vom 1. Januar die neu geschaffene Behörde „für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen“. Diese vereint die Ressorts Menschenrechte, Migration, Gesundheitsfragen und humanitäre Hilfe. Das Profil der neuen Behörde war auch Thema bei der jüngsten Sitzung des Kardinalsrats, der den Papst bei der Kurienreform berät.

Es gehe nicht darum, „einfach ein Konglomerat“ aus den vier bisherigen Behörden zu bilden, sagte Turkson. Bereits unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. habe sich eine „ganzheitliche Ökologie“ herausgebildet, entsprechen müsse man nun „über eine ganzheitliche soziale Verantwortung nachdenken“, sagte der Kardinal.

Die Reform sei nicht „Ausdruck einer Unzufriedenheit mit den bisherigen Strukturen“, sondern ziele auf eine bessere Abstimmung. Das Profil der neuen Behörde, an dem alle Beteiligten mitarbeiteten, werde voraussichtlich erst um Ostern klarer. Entlassungen oder vorzeitige Pensionierungen werde es nicht geben, versicherte Turkson. „Franziskus will nicht, dass durch den Umbau irgendjemand seinen Job verliert“, so der Kardinal.

(kna 19.12.2016 pdy)

Dein Wille geschehe – wollen wir das wirklich?

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4. Advent / Pixabay CC0 – Myriams-Fotos, Public Domain

Impuls zum 4. Adventssonntag im Jahreskreis A — 18. Dezember 2016

Im Evangelium des 4. Adventssonntags wird von den wenigen Perikopen, die von Maria handeln, die vornehmste und für unser Heil so wichtige vorgelegt: „Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft“ (Lk  1,26-38).

Bei allen vorbereitenden Impulsen, die die Liturgie der Kirche im Advent präsentiert, ist dieser die entscheidende Voraussetzung für das Weihnachtsfest. Hätte Maria, die genauso frei war wie alle Menschen, zu der Botschaft nein gesagt, wäre der Gottessohn nicht in unsere Welt gekommen, wir wären nicht erlöst.

Die Worte des Erzengels Gabriel gaben der Kirche sehr bald Anlass, ihr Gebet – nächst dem trinitarischen Gott – auch an Maria zu richten, um ihre Fürsprache anzurufen, zu der uns der Herr selbst auffordert, wenn er am Kreuz sagt: „Siehe da deine Mutter!“

Nach dem Vaterunser ist das Gegrüßet seist du, Maria das beliebteste Gebet, das Christen sprechen.

Zu allen Zeiten, in allen Religionen, haben Menschen den Zugang zu Gott im Gebet gesucht, und es gibt wunderbare Gebete aus allen Sprachen und Religionen.

Um uns nun aber die Sicherheit zu geben, dass unser Gebet überhaupt bei Gott ankommt, wollte Jesus selbst uns ein Gebet schenken, von dem wir mit Sicherheit sagen können: das hört Gott gern. Das gleiche lässt sich vom Avemaria sagen, enthält es doch im ersten Teil Worte vom Himmel und im zweiten Teil Worte der Demut und des Vertrauens vonseiten des Beters.

Dieser Umstand, wie auch die Art und Weise, wie Jesus uns zu beten empfiehlt, nämlich mit Beharrlichkeit, ist für unsere Zeit besonders wichtig, denn viele Christen sind in ihrem Denken und Handeln dem Irrtum des sog. Modernismus aufgesessen, jener schon von Pius X. abgelehnten Lehre, die in der Praxis dazu führt, dass man nicht Gott sucht, wie er unabhängig von mir selber wirklich ist, sondern dass ich mir letztlich ‚meinen Herrgott selber mache’. In dieser Haltung baut man dann die Kirchen nicht mehr zur Ehre Gottes, sondern für die „religiösen Bedürfnisse“ der Menschen, wobei es dann auch nicht so wichtig ist, ob man Kirchen, Moscheen oder Tempel baut.

Aufgrund der von Christus angezeigten Vorgaben versucht die Kirche seit nunmehr zweitausend Jahren den Menschen zu vermitteln, worauf es ankommt, damit der einzelne Mensch zum ewigen Leben findet. Dass er sich außerdem hier auf Erden wohlfühlt, kann nur begrüßt werden, aber es wäre nicht im Sinne Christi, wenn das die Hauptsache wäre. „Suchet zuerst das Reich Gottes, und alles andere wird euch dazu gegeben werden!“

Oft genug ist es dem Herrn selbst passiert, dass die Leute etwas anderes wollten als er, aber er konnte ihnen nicht immer zu willen sein, denn wir Menschen sind da manchmal wie kleine Kinder, die auch oft Wünsche haben nach etwas, das ihnen gar nicht gut tut. Gott ist der „je ganz andere“, er ist nicht der gute Onkel, der immer tun muss, was wir gerade wünschen. Wenn wir so beten, werden wir häufig enttäuscht, denn wir sind seine Geschöpfe, während wir oft – unbewusst – so tun, als wäre er unser Geschöpf. Das heißt Gotteskindschaft nicht, dass wir über Gott verfügen können.

Immer wieder wird, auch in der Kirche, versucht, größere Probleme einer Volksabstimmung vorzulegen. Das mag im politischen Bereich sinnvoll sein – wenngleich es auch einige Beispiele in letzter Zeit gibt, wo das gründlich daneben gegangen ist – im kirchlichen Milieu ist das aber meistens nicht der richtige Weg, vor allem, wenn es sich um von Gott geoffenbarte Dinge handelt.

Anhänger dieser Richtung meinen, dass das Volk darüber abstimmen sollte, wie bestimmte Probleme zu lösen sind, einschließlich all der Fragen, die schon gelöst sind, die nur nicht immer leicht zu leben sind.

Der Zölibat kommt manchen, vor allem denen, die nichts damit zu tun haben, als schwer erträglich vor. Also soll man diskutieren und beschließen, dass er abgeschafft wird. Gerade in dieser Frage hat Jesus selbst gesagt „Wer es fassen kann, der fasse es“: im Klartext: nicht jeder kann es verstehen, vor allem nicht derjenige, der keine Berufung zur Ehelosigkeit „um des Himmelreiches willen“ hat. Da das die Mehrheit ist, wäre eine solche Frage, wenn sie mehrheitlich entschieden würde, bereits anders beantwortet, als Christus selbst sie gesehen hat. Wenn der Herr nicht so feinfühlig wäre, hätte er vielleicht hinzugefügt: „Und wer es nicht fassen kann, der halte sich da heraus“.

Im Augenblick befinden sich die meisten angesprochenen Probleme noch auf der Ebene des menschlichen Rechtes, d.h. in Zusammenhängen, zu denen Christus nicht direkt Verbindliches gesagt hat. Aber mit Sicherheit würden die Promotoren dieser Bewegung nicht bei Fragen des Zölibats und des Frauendiakonats stehen bleiben. Bei dem heutigen Stil der öffentlich gelenkten Diskussion ist damit zu rechnen, dass im Rahmen eines kirchlichen Volksbegehrens dann auch Probleme der chemischen und mechanischen Geburtenbeschränkung und dann der Abtreibung ‚positiv’ entschieden werden.

Später würde man in einer demokratischen Diskussion auch einzelne Glaubenssätze in Frage stellen können, die Dogmen. Es dürfte nicht schwer sein, einer Mehrheit plausibel zu machen, dass man die Theologie von mythischen und legendären Elementen freimachen müsse, dass Wunder dem modernen (‚gesunden’?) Volksempfinden nicht mehr entsprechen, und man viele Dinge neu interpretieren muss.

Aber verlieren wir uns nicht in Einzelheiten! Es genügt sich grundsätzlich zu fragen: hat Christus die Kirche so gewollt?

Auch im Altertum gab es Demokratie, er hätte die Kirche demokratisch einrichten können. Er hat es aber nicht getan. Er hat das Lehramt, die Aufgabe, das Reich Gottes in seinem Auftrag richtig zu deuten, nicht den Schriftgelehrten, sprich Theologen, Spezialisten, Ausschussvorsitzenden etc. anvertraut, sondern nur den Aposteln. Nur zu ihnen und ihren Nachfolgern, den Bischöfen hat er gesagt: „Wer euch hört, der hört mich, wer euch verwirft, der verwirft mich“ (Lk 10,16). An der Spitze der Apostel Petrus, an der Spitze des Bischofskollegiums der Nachfolger Petri, der Bischof von Rom.

Im Vaterunser beten wir nicht nur: gib uns täglich das Brot, das wir brauchen – gegen diese Bitte hat ganz gewiss niemand etwas einzuwenden. Aber wir beten auch: dein Name werde geheiligt, dein Wille geschehe! Wenn Gott wirklich der Herr ist und nicht wir selber, dann müssen wir auch dahinterstehen: Herr, es kann sein, dass du etwas anderes willst als wir – dann müssen wir uns fügen nicht umgekehrt.

Wir müssen uns auch dieser Frage stellen: will ich überhaupt, dass der Name Gottes geheiligt werde, dass sein Reich komme? Wir leben in einer Welt, die sich fast perfekt ohne Gott eingerichtet hat. Man hat ihn aus allem herauskomplimentiert, oft sogar aus der Kirche. Das ist wahrscheinlich die größte Sünde unserer Zeit: eine Gesellschaft ohne Gott, eine Umwelt ohne Schöpfer, eine Kirche des sozial-karitativen Engagements. Wo wird der Name Gottes denn geheiligt?

Das bevorstehende Weihnachtsfest gibt uns einen guten Anlass, dafür dankbar zu sein, dass Gott die Menschwerdung seines Sohnes in Demut und Armut keinem demokratisch gewählten Gremium vorgelegt hat. Demokratie ist im Prinzip gut, aber das Beispiel zeigt, dass auch gut meinende Parlamentarier diesem Plan Gottes wohl nicht zugestimmt hätten. Denn so hätte sich kaum einer den Erlöser der Welt vorgestellt: in einem Stall geboren, in einer Futterkrippe liegend. Oder gar wie ein Verbrecher hingerichtet.

Nehmen wir das Weihnachtsgeschehen in jenem einfachen Kinderglauben, wie es die Heiligen getan haben!

Der jüngst verstorbene Prälat des Opus Dei, Bischof Echeverría, schrieb in seinem letzten Brief, den er im Monat Dezember veröffentlichte:

„Vom 17. Dezember an erfüllt eine heiligmäßige Ungeduld unser Warten auf Jesus: Der Herr wird kommen, er lässt nicht auf sich warten. Es wird keine Angst mehr sein in der Welt, denn er ist unser Heiland.[9] ‚Wenn wir also von der Geburt Christi reden hören, wollen wir im Schweigen verharren und jenes Kind sprechen lassen; prägen wir seine Worte in unser Herz ein, ohne den Blick von seinem Antlitz abzuwenden. Wenn wir es in die Arme nehmen und uns von ihm umarmen lassen, wird es uns den Herzensfrieden geben, der niemals endet. Dieses Kind lehrt uns, was wirklich wesentlich ist in unserem Leben. Jesus wird in der Armut der Welt geboren, weil für ihn und seine Familie kein Platz in der Herberge ist. In einem Stall findet er Unterschlupf und Rückhalt und wird in eine Futterkrippe für Tiere gelegt. Und doch leuchtet aus diesem Nichts das Licht der Herrlichkeit Gottes auf.‘ (Papst Franziskus, Homilie, 24.12.2015)“

Fest davon überzeugt, dass es uns am besten geht, wenn der Wille Gottes geschieht, fährt der Prälat fort:

„Wenn der Umgang mit Gott so gelassen und froh wird, wie er im Stall zu Bethlehem war, strahlt er – gleichsam als eine reife Frucht – in unsere Familie aus und steckt sie mit der starken mitreißenden Freude an, die so typisch für diese Tage ist. Darum auch drängt uns die Kirche, unser Herz während des Advents gut zu bereiten, und sie ermahnt uns, über jedes wertlose Angebot, jeden ablenkenden Lärm und die Oberflächlichkeit des Soforthinweg zu gehen. Vielleicht treiben uns viele Angelegenheiten um, jedoch fehlt es uns an Gelassenheit im Umgang mit Gott. Wenn wir es schaffen, mit frohem Gleichmut unsere Beziehung zu Gott zu pflegen, dann werden wir diesen auch den anderen vermitteln können; das enge Zusammenleben an den Weihnachtstagen wird uns nicht zu Streitereien, Ärger, Ungeduld oder Hetze verleiten, und wir werden voll Freude zusammen beten und uns erholen, schöne Augenblicke im Kreis der Familie verbringen und alle Vorurteile oder geheimen Groll, die wir noch im Herzen tragen, entschärfen.“

Msgr. Dr. Peter von Steinitz war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den hl. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“, „Leo – Allah mahabba“ (auch als Hörbuch erhältlich) und „Katharina von Ägypten“.

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