Kölner Weihbischof Schwaderlapp steigt aus Synodalforum aus — „Massiver Dissens in Kernfragen“

Dominikus Schwaderlapp, Weihbischof in Köln © Julia Steinbrecht (KNA)

28.05.2020

Der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp stellt seine Mitarbeit in der deutschen katholischen Reformdebatte Synodaler Weg teilweise ein. In einem Interview kündigte er seinen Rückzug aus dem Synodalforum „Leben in gelingenden Beziehungen“ an.

Die dort mehrheitlich verfolgte Linie ziele auf eine Veränderung der kirchlichen Sexualmoral ab, begründete Schwaderlapp seinen Entschluss im Gespräch mit der katholischen Wochenzeitung „Tagespost“ (Donnerstag) in Würzburg. Dieser Weg sei nicht der seine. In die Synodalversammlung wolle er sich „selbstverständlich“ weiter einbringen.

Nach Auskunft der Veranstalter ist der Kölner Weihbischof bisher der einzige Teilnehmer, der sich aus einem der vier Synodalforen zurückgezogen hat.

„In konstruktiver Atmosphäre“

In dem Interview gibt Schwaderlapp an, die bisherigen Gespräche in dem Forum seien bei allen unterschiedlichen Auffassungen „in einer keineswegs aggressiven, sondern konstruktiven Atmosphäre“ verlaufen. Gleichwohl sei ein „massiver Dissens in Kernfragen“ zutage getreten. Im Unterschied zur geltenden kirchlichen Lehre vertrete die Forumsmehrheit die These, dass Sexualität nicht nur Fruchtbarkeit und Liebe, sondern auch andere Werte wie Lust und Identität integriere.

Es gebe demnach auch keine Rangordnung innerhalb dieser Werte, die überdies nicht gleichzeitig verwirklicht sein müssten, erläuterte Schwaderlapp. Dahinter stehe die Absicht, empfängnisverhütende Maßnahmen, homosexuelle Handlungen, Selbstbefriedigung, künstliche Befruchtung und die Situation wiederverheiratet Geschiedener neu zu bewerten. Auf Basis der genannten Grundthese wolle das Forum weiterarbeiten.

„Auf Treibsand gebaut“

Ihm gehe es nicht um das „formale Halten von Positionen“, sagte der Weihbischof. Er sei überzeugt, dass die Lehre der Kirche „zur Freiheit, Liebe und Glück führt“. Die Position der Forumsmehrheit dagegen sei auf „Treibsand“ gebaut.

Gestartet wurde der zunächst auf zwei Jahre angelegte Synodale Weg durch die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Ein Ziel ist, nach dem Missbrauchsskandal verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen.

In vier Foren sollen die zentralen Themen der Initiative behandelt werden: Neben der Sexualmoral sind das der Umgang mit Macht, Fragen zum priesterlichen Leben und zur Rolle der Frauen in der Kirche. Die Ergebnisse sollen auf den Synodalversammlungen beraten werden, dem höchsten beschlussfassenden Gremium des Synodalen Wegs.

(KNA)

D: Bischöfe bekennen Mitschuld ihrer Vorgänger im II. Weltkrieg

Das Wort der Bischöfe wurde am 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau vorgestellt (ANSA)

Die deutschen katholischen Bischöfe haben 75 Jahre nach Kriegsende eine historische Mitschuld ihrer Amtsvorgänger im Zweiten Weltkrieg eingeräumt. „Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges ,Nein‘ entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg“, heißt es in einem nun präsentierten Dokument.
Gudrun Sailer – Vatikanstadt

Das Wort „Deutsche Bischöfe im Weltkrieg“ wurde am Mittwoch in einer Video-Pressekonferenz präsentiert. Viele Aspekte des Themenfelds „Kirche im Nationalsozialismus“ seien heutzutage gut ausgeleuchtet, zu wenig wisse man aber bis heute über die Haltung der katholischen Bischöfe zum Krieg, erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing: „Diesbezüglich gibt es – so sagen viele – eine ,Erinnerungslücke´, wohl auch eine ,Bekenntnislücke´“. Deren Aufarbeitung falle nicht leicht, „denn wir wissen, dass uns die Rolle des Richters über unsere Vorgänger nicht gut zu Gesicht steht“, so Bätzing. „Keine Generation ist frei von zeitbedingten Urteilen und Vorurteilen. Dennoch müssen sich die Nachgeborenen der Geschichte stellen, um aus ihr zu lernen für Gegenwart und Zukunft.“

Der Blickwinkel vieler deutscher Bischöfe habe sich im Lauf des Kriegs verändert, hielt der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer fest, der das Dokument als Vorsitzender der Deutschen Kommission Justitia et Pax federführend betreute. Allerdings hätten die Bischöfe beim Bewerten der Vorgänge auf das Leiden des eigenen Volkes gesehen: „Die Leiden der Anderen kamen nur ungenügend in den Blick.“ Insgesamt ergebe sich „ein Bild der Verstrickung“. Namentlich hätten die Bischöfe Soldaten in berechtigten Gewissenskonflikten nicht unterstützt. Wilmer sprach von einem „ambivalenten und teilweise problematischen Verhalten der Bischöfe“ und zitierte aus dem Dokument:

„Letztlich fanden die Bischöfe keinen Ausweg aus der Spannung, die sich aus der geteilten Vorstellung patriotischer Verpflichtung im Krieg, der Legitimität staatlicher Obrigkeit, den daraus resultierenden Gehorsamspflichten sowie den offenkundigen Verbrechen ergab. Die christlichen Maßstäbe zur Einordnung des Krieges trugen offenkundig nicht mehr. So blieb der Blick für die Fragen der eigenen Soldaten und das Leid der Anderen verstellt.“

„Den teuflischen Verstrickungen in die Verbrechen und den daraus erwachsenen Nöten wurde man damit nicht gerecht.“

„Die Äußerungen der Bischöfe, bei allen den jeweiligen Persönlichkeiten geschuldeten Nuancen, scheiterten an der Realität der verbrecherischen Gewalt. Sie blieben auf die (illusorische) Verhaltensänderung der politischen Führung, auf die Einhaltung der rechtlichen Vereinbarungen sowie auf die tugendhafte Pflichterfüllung der Geführten, gewissermaßen also auf ein richtiges Leben im Falschen (Adorno) gerichtet. Den teuflischen Verstrickungen in die Verbrechen und den daraus erwachsenen Nöten wurde man damit nicht gerecht. Mehr noch: Indem die Bischöfe dem Krieg kein eindeutiges ,Nein‘ entgegenstellten, sondern die meisten von ihnen den Willen zum Durchhalten stärkten, machten sie sich mitschuldig am Krieg.“

Sieben Faktoren prägten die Sicht der Bischöfe

Als Faktoren, die das Verhalten und die Einschätzung der Bischöfe zum Krieg beeinflusst haben, nennt das Dokument insgesamt sieben, darunter die traditionellen Lehren zum „Gerechten Krieg“ und zur Legitimität staatlicher Autorität. Eine Rolle spielte aber auch die grundsätzliche Ablehnung des Kommunismus durch die Kirche sowie die institutionelle Schwäche der Bischofskonferenz und ihre innere Blockade, führt das Dokument aus.

Die Haltung der katholischen Bischöfe zur systematischen Ermordung der Juden im Holocaust steht nicht im Mittelpunkt des neuen Papiers. Das heiße freilich nicht, dass diese Frage nicht wichtig wäre, erklärten Bätzing und Wilmer. Das Dokument konzentriere sich aber  auf die „eng geführte Frage: wie haben sich die deutschen Bischöfe zum Krieg verhalten, nicht einzelne, sondern als Bischofskonferenz.“

Ab 1940 ein inneres Ringen

In der deutschen Bischofskonferenz habe es ab ab 1940 „sehr wohl eine Debatte über die Ausrichtung, ein inneres Ringen“ gegeben, ergänzte der Historiker Christoph Kösters von der Kommission für Zeitgeschichte in Bonn. Er verwies auf das gemeinsame Hirtenwort vom August 1943, das Endpunkt einer langen, kontroversen Debatte unter den Bischöfen gewesen sei. Thema des Hirtenwortes waren „Die Zehn Gebote als Lebensgesetz der Völker“. „Das ist wichtig, weil es darum geht, dass die Kirche nicht nur ihre eigenen Interessen bedenkt, sondern die Bischöfe, die ja an der Spitze einer konfessionellen Minderheit standen, sich zur Stimme gemacht haben für die Gesamt-Bevölkerung“, so Kösters. „Sie machten sich stark für die Verteidigung der Menschenrechte und der Menschenwürde. Das kann man nicht stark genug einschätzen.“

„…damit wir nicht später im Blick der Geschichtsforschung der Fehler bezichtigt werden müssen“

Das Bekenntnis der deutschen Bischöfe für die Mitschuld ihrer Amtsvorgänger im Zweiten Weltkrieg werde Diskussionen anregen, zeigte sich Bischof Bätzing überzeugt. Das Dokument enthalte aber auch einen Auftrag an die deutschen Bischöfe heute und ihr Reden und Handeln in gesellschaftlichen Entwicklungen vor allem Europas, das „in keinem guten Zustand zu sein scheint“, so der Bischof wörtlich. Bätzing verwies namentlich auf neuen Nationalismus, Antisemitismus und „auftretende Irritationen unter europäischen Ländern, wo wir als deutsche Bischof entschieden aus dem Geist des Evangeliums und in Fragen von Gerechtigkeit und Frieden Position beziehen müssen“.

Die Bischöfe hätten 2020 ihre Lehren zu ziehen aus der „beschämenden Erkenntnis“ über das schwache, zögerliche Auftreten der deutschen Bischöfe in Kriegszeiten. „Wir müssen uns selbst fragen, wo sind die Fragen heute, in denen wir zu Stellungnahmen herausgefordert sind, damit wir nicht später im Blick der Geschichtsforschung der Fehler bezichtigt werden müssen.“

(vatican news)

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Deutsche Bischöfe enttäuscht über weiter ausgesetzte Gottesdienste

Leere Kirche – am Ostersonntag (ANSA)

Die deutsche Bischofskonferenz zeigt sich enttäuscht über das weiter anhaltende Verbot von Gottesdiensten aller Religionsgemeinschaften. „Angesichts von ersten Lockerungsmaßnahmen in anderen Bereichen des öffentlichen Lebens kann ich das nicht nachvollziehen”, sagte der Vorsitzende der Konferenz, Bischof Georg Bätzing, laut einer Mitteilung vom Mittwochabend.

Er sprach von einer „Enttäuschung”, zumal das Bundesverfassungsgericht vergangene Woche zu dem Schluss gekommen sei, es handle sich um schwerwiegende Eingriffe in die Religionsfreiheit.

Die katholische Kirche werde in das am Freitag im Innenministerium geplante Gespräch einen Lösungsvorschlag einbringen, der Religionsausübung und Infektionsschutz gleichermaßen gewährleiste. Selbstverständlich wisse sich die Kirche an die Bestimmungen gebunden, die für alle Versammlungen in geschlossenen Räumen geltend, und würde deren Einhaltung kontrollieren”, versicherte Bätzing.

Man habe das Verbot von Versammlungen zur Religionsausübung bisher hingenommen, „weil wir dieses Verbot vorübergehend für angemessen hielten und damit unseren möglichen Beitrag zur Eindämmung der Corona-Virus-Pandemie leisten wollten”, fuhr der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz fort. Das Verbot öffentlicher gemeinsamer Gottesdienste greife allerdings tief in das Recht der freien Religionsausübung ein und sei „während der Kar- und Ostergottesdienste für viele Gläubige nur schwer zu ertragen” gewesen.

Schulen und Geschäfte offen, Kirchen zu

In Deutschland sollen den neuen Beschlüssen zufolge Schulen ab 4. Mai schrittweise wieder öffnen. Auch Geschäfte bis zu 800 Quadratmeter dürfen mit Auflagen wieder öffnen. Religiöse Versammlungen hingegen sollen in Deutschland weiterhin vermieden werden.

(pm/vatican news – gs)

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Deutsche Bischöfe regeln Umgang mit Missbrauch neu

Bischöfe beim Einzug zum Eröffnungsgottesdienst der Herbstvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) am 24. September 2019 im Fuldaer Dom.

Mehr Mitsprache von Betroffenen – Kirchliche Bewegungen im Blick

Nach der MHG-Studie und einem „Motu proprio“ des Papstes reagieren die deutschen Bischöfe: Sie erneuern ihre Richtlinien zum Umgang mit Missbrauch. Demnach sollen Betroffene noch stärker an Prozessen beteiligt werden. Und auch die Neuen Geistlichen Gemeinschaften spielen eine Rolle.

Bonn – 09.12.2019

Die deutschen Bischöfe haben eine Neuregelung ihres Umgangs mit sexuellem Missbrauch und Prävention für ihre Bistümer beschlossen. „Besondere Berücksichtigung findet die Perspektive der Betroffenen sexuellen Missbrauchs“, teilte die Deutsche Bischofskonferenz am Montag in Bonn mit. Außerdem würden Neuen Geistlichen Gemeinschaften, kirchlichen Bewegungen und Initiativen mit Blick auf das Thema Prävention stärker in den Fokus genommen. Mitte November hat der Ständige Rat dazu zwei neue Ordnungen beschlossen, die die bisherigne Leitlinien ersetzen. Mit der Veröffentlichung in den jeweiligen Amtsblättern zum 1. Januar sollen sie in Kraft treten.

Die beiden Dokumente regeln zum einen den Umgang mit Missbrauchsfällen und zum anderen Präventionsmaßnahmen. Vorgesehen sei es, Betroffene noch stärker an den Prozessen zu beteiligen. Sie sollen – neben externen Experten – Teil der Beraterstäbe werden, die die Oberhirten im Umgang mit dem Thema Missbrauch unterstützen. Zudem könnten „weitere fachlich geeignete Personen“ hinzugezogen werden. Das Gremium hat nur beratenden Funktion, die „Verantwortung des Diözesanbischofs bleibt unberührt“, führt das Papier aus.

In der neuen Ordnung komme zudem das Wort „Opfer“ nicht mehr vor, heißt es. Es sei stattdessen durchgängig von „Betroffenen“ die Rede. Ebenso sei das Wort „mutmaßlich“ gestrichen worden, um denjenigen, die Missbrauchshandlungen melden, „nicht mit einer misstrauischen, sondern einer zugewandten Haltung“ zu begegnen. Ein Missbrauchsfall wird nicht mehr als „verabscheuungswürdige Tat“, sondern als „Verbrechen“ bezeichnet. Zudem wird die Verantwortlichkeit der Kirche ausgeweitet; auch Ehrenamtliche und Praktikanten werden als mögliche Täter aufgenommen.

„Erfahrung von Betroffenen“ besonders berücksichtigen

Bei der Planung von Präventionsmaßnahen soll die „Erfahrung von Betroffenen“ ebenfalls besonders berücksichtigt werden. Zudem soll bei der Umsetzung insbesondere mit Kindern und Jugendlichen zusammengearbeitet werden. Erstmals namentlich genannt werden in dem Papier die Neuen Geistlichen Gemeinschaften. „Damit werden sie verbindlicher als bisher zu Präventionsmaßnahmen verpflichtet“, so die Bischofskonferenz. Außerdem neu ist die Einteilung der Präventionsarbeit in Maßnahmen, die sexualisierten Übergriffen vorbeugen sollen (primär), der Gewalterkennung (sekundär) und der Aufarbeitung sowie Nachsorge (tertiär).

Die Dokumente tragen die Titel „Ordnung für den Umgang mit sexuellem Missbrauch Minderjähriger  und schutz- oder hilfebedürftiger Erwachsener durch Kleriker und sonstige Beschäftigte im kirchlichen Dienst“ und „Rahmenordnung – Prävention gegen sexualisierte Gewalt an Minderjährigen und schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“. Beide Richtlinien sind Überarbeitungen bereits bestehender Regelungen und stammen ursprünglich aus dem Jahr 2013. Nach fünf Jahren sollten sie überprüft und gegebenenfalls überarbeitet werden. Die Gültigkeit beider Regelwerke wurde jedoch bis Ende dieses Jahres verlängert. Grund waren die Ergebnisse der im September 2018 veröffentlichten MHG-Studie sowie die von Papst Franziskus im Motu proprio „Vos estis lux mundi“ im Mai dieses Jahres aufgestellten Regelungen zur Missbrauchsbekämpfung. Beide sollten in die überarbeiteten Dokumente einfließen.

„In der aktuellen Fassung spiegeln sich die Erfahrungen und Erkenntnisse wider, die wir den letzten Jahren gewonnen haben“, so der für Missbrauchsfragen zuständige Trierer Bischof Stephan Ackermann. Die nun ausgearbeiteten Regelwerke sollen nach ihrem Inkrafttreten in fünf Jahren erneut überprüft werden. (cph/bod)

Die neuen Ordnungen im Wortlaut

Das überarbeitete Regelwerk zum Umgang mit sexuellem Missbrauch und zur Prävention finden S Deutschen Bischofskonferenz finden Sie hier

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Dokumentiert: Der Wortlaut des Schreibens von Nuntius Eterovic an die deutschen Bischöfe

Erzbischof Nikola Eterovic Foto: Roberta F / Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

BERLIN , 23 September, 2019 / 9:43 PM (CNA Deutsch).-

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut des Grußworts des Apostolischen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, an die deutschen Bischöfe.

Grußwort

von Erzbischof Dr. Nikola Eterović, Apostolischer Nuntius in Deutschland, zur Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz am 23. September 2019 in Fulda

„Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde. Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern;
tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen
Geistes und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“
(Mt 28,18–20).

Eminenzen, Exzellenzen, liebe Mitbrüder im bischöflichen Dienst!

Mit diesen Worten endet das Matthäusevangelium. Der auferstandene Herr gibt seinen Jüngern vor der Auffahrt in den Himmel und zur Rechten des Vaters den Auftrag, das Evangelium allen Geschöpfen zu verkünden. Es handelt sich hierbei um eine wichtige Entscheidung und ist gleichsam das Testament Jesu Christi, das auch die anderen Evangelisten mit ähnlichen Worten überliefern (vgl. Mk 16,15–17; Lk 24,46–47; Joh 20,19–23). Die christliche Urgemeinde hat die Worte Jesu so verstanden. Die Sendung des auferstandenen Herrn war der Anstoß zur Evangelisierung, die von Jerusalem aus die ganze Erde erfasst hat. Evangelisierung ist daher die für die Kirche durch alle Jahrhunderte hin charakteristische Tätigkeit, die bis zur Parusie dauern wird.

Diese Wahrheit wird in unseren Tagen durch den Heiligen Vater Franziskus von Beginn seines Pontifikates an bekräftigt. Im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium, das am 24. November 2013 veröffentlicht wurde, schreibt er:

„Die Evangelisierung folgt dem Missionsauftrag Jesu: ‚Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe‘ (Mt 28,19–20). In diesen Versen ist der Moment dargestellt, in dem der Auferstandene die Seinen aussendet, das Evangelium zu jeder Zeit und an allen Orten zu verkünden, so dass der Glaube an ihn sich bis an alle Enden der Erde ausbreite“ (EG 19).

Diese Aufgabe der Universalkirche gilt auch für die Teilkirchen: „Jede Teilkirche ist als Teil der katholischen Kirche unter der Leitung ihres Bischofs ebenfalls zur missionarischen Neuausrichtung aufgerufen. Sie ist der wichtigste Träger der Evangelisierung, insofern sie der konkrete Ausdruck der einen Kirche an einem Ort der Welt ist und in ihr die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche Christi wahrhaft wirkt und gegenwärtig ist“ (EG 30).

Schreiben des Heiligen Vaters

Am Hochfest der Apostel Petrus und Paulus, dem 29. Juni 2019, hat Papst Franziskus an diese Wahrheit erinnert und ein Schreiben an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland gerichtet. In diesem Brief zitiert der oberste Pontifex gut 15 Mal das Apostolische Schreiben Evangelii gaudium. Dies ist der Schlüssel für das Verständnis des Dokumentes.

Das Schreiben des Heiligen Vaters verdient besondere Aufmerksamkeit. Es ist tatsächlich das erste Mal nach der Enzyklika Pius‘ XI. Mit brennender Sorge, dass der Papst den Gliedern der katholischen Kirche in Deutschland ein eigenes Schreiben widmet. Der Unterschied zwischen den beiden Dokumenten ist groß, denn die Enzyklika vom 14. März 1937 prangert die unzulässigen Eingriffe des nationalsozialistischen Regimes in die Angelegenheiten der Katholischen Kirche an, während das aktuelle Schreiben innerkirchliche Themen aufgreift. Wir danken Gott dafür, dass die Beziehungen zwischen der Kirche und der Bundesrepublik Deutschland sehr gut sind und daher kein Eingreifen seitens des Heiligen Stuhls nötig ist.

Der Synodale Weg

Als Vertreter des Heiligen Vaters in Deutschland freue ich mich darüber, dass der Inhalt des Päpstlichen Schreibens Gegenstand des Studientags während dieser Vollversammlung sein wird. Ich zweifle nicht, dass der Brief des Papstes den sogenannten Synodalen Weg positiv beeinflussen wird, der einer der Gründe für den Brief des Bischofs von Rom war. So bezieht sich der Papst zu Beginn des Schreibens auf den Synodalen Weg, der nach einer Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) unternommen werden soll. Auch wenn man anerkennen muss, dass noch über die konkrete Bedeutung des Synodalen Weges diskutiert wird und darüber, wie er sich entwickeln wird, so stellt der Papst fest:

„Es handelt sich im Kern um einen synodos, einen gemeinsamen Weg unter der Führung des Heiligen Geistes. Das aber bedeutet, sich gemeinsam auf den Weg zu begeben mit der ganzen Kirche unter dem Licht des Heiligen Geistes, unter seiner Führung und seinem Aufrütteln, um das Hinhören zu lernen und den immer neuen Horizont zu erkennen, den er uns schenken möchte. Denn die Synodalität setzt die Einwirkung des Heiligen Geistes voraus und bedarf ihrer“ (Brief von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland Nr. 3).

Beim Empfang der Bischöfe der Synode der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche am 2. September 2019 hat der Heilige Vater Franziskus aus dem Stegreif eine Ansprache gehalten und den wichtigen Zusammenhang zwischen Synode, Synodalität und Heiligem Geist unterstrichen. Mit diesen Worten wird noch klarer sein Denken über die Bedeutung der Synodalität zum Ausdruck gebracht, vor allem, wenn er ausführt:

„Es gibt aber eine Gefahr: zu glauben, heute, einen synodalen Weg zu machen oder eine Haltung von Synodalität zu haben, würde bedeuten, eine Meinungsumfrage zu machen, was denkst du darüber, darüber, darüber, … um dann zusammen zu kommen und einen Beschluss zu fassen. … Nein, die Synode ist kein Parlament! Man muss die Dinge beim Namen nennen und sie diskutieren, wie man es gewöhnlich tut, aber sie ist kein Parlament. Bei einer Synode einigt man sich nicht wie in der Politik: ich gebe dir das, du gibst mir jenes. Nein. Synode ist keine soziologische Erhebung, wie mancher glaubt: Wir schauen mal und lassen eine Gruppe von Laien eine Umfrage machen, ob wir das, das, das ändern müssen… Ihr müsst natürlich wissen, was eure Laien denken, aber das ist keine Befragung, es ist etwas Anderes. Wenn es den Heiligen Geist nicht gibt, gibt es keine Synode. Wenn der Heilige Geist nicht gegenwärtig ist, gibt es keine Synodalität. Mehr noch, es gibt keine Kirche, keine Identität von Kirche. Und was ist die Identität der Kirche? Der Heilige Paul VI. hat klar gesagt: Die Berufung der Kirche ist zu evangelisieren, mehr noch, ihre Identität ist es zu evangelisieren. Geht mit diesem Geist in eure Synode, mit dem Heiligen Geist. Bittet um den Geist. Streitet unter Euch über alles, was ihr wollt. … Denkt an Ephesus und wie sie gestritten haben. Aber sie waren aufrecht. … Und am Ende war es der Heilige Geist, der sie verkünden ließ: ‚Maria, Mutter Gottes‘. Das ist der wahre Weg. Es ist der Heilige Geist. Wir wollen keine kongregationalistische Kirche werden, sondern eine synodale Kirche.“

Mit diesen Worten stellt der Bischof von Rom die Gottesfrage in den Mittelpunkt der synodalen Reflektionen. Es geht um den dreieinen Gott, der uns in seinem eingeborenen Sohn die Wahrheit über Gott und den Menschen geoffenbart hat und alle, Männer und Frauen gleichermaßen, hinführen will zur allgemeinen Berufung zur Heiligkeit in der Kirche, wie das V. Kapitel der Dogmatischen Konstitution Lumen gentium des Zweiten Vatikanischen Konzils lehrt.

Der Primat der Evangelisierung

Aus den Worten des obersten Pontifex folgt klar und deutlich, dass die Finalität des Synodalen Weges die Evangelisierung sein muss. Diese Vision wird besonders in den Nummern 6 und 7 des Päpstlichen Schreibens erarbeitet. Mit den Worten des Heiligen Vaters bedeutet das:

„Pastorale Bekehrung ruft uns in Erinnerung, dass die Evangelisierung unser Leitkriterium schlechthin sein muss, unter dem wir alle Schritte erkennen können, die wir als kirchliche Gemeinschaft in Gang zu setzen gerufen sind; Evangelisieren bildet die eigentliche und wesentliche Sendung der Kirche“ (Brief von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland Nr. 6).

Für die Wirksamkeit der Evangelisierung ist die Einheit zwischen Universalkirche und Teilkirchen wesentlich. Es ist besonders in diesen Zeiten „starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt, die wir treffen, und der alle Ebenen nährt und durchdringt. Es geht um das Leben und das Empfinden mit der Kirche und in der Kirche, das uns in nicht wenigen Situationen auch Leiden in der Kirche und an der Kirche verursachen wird. Die Weltkirche lebt in und aus den Teilkirchen, so wie die Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten. Das hilft uns, die Angst zu überwinden, die uns in uns selbst und in unseren Besonderheiten isoliert, damit wir demjenigen in die Augen schauen und zuhören oder damit wir auf Bedürfnisse verzichten können und so denjenigen zu begleiten vermögen, der am Straßenrand liegen geblieben ist“ (Brief von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland Nr. 9).

Mit dem Päpstlichen Schreiben will der Heilige Vater vor den immer gegenwärtigen Versuchungen einer erstickenden Weltlichkeit (vgl. Nr. 5 Anmerkung 13), eines neuen Pelagianismus (vgl. Nr. 5) und eines neuen Gnostizismus (vgl. Nr. 9) warnen. In den Worten des Heiligen Vaters kann man das Nachdenken über die Ermahnungen des hl. Paulus an die Römer heraushören:

„Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen – als euren geistigen Gottesdienst. Und gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern lasst euch verwandeln durch die Erneuerung des Denkens, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene“ (Röm 12,1–2).

Die Kirche ist auch in unseren Tagen gerufen, die Radikalität des Evangeliums, der guten Nachricht, dem Menschen von heute zu verkünden und in der Kraft des Heiligen Geistes die Weisung des Herrn Jesus vorzutragen: „Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mk 8,34). Der Heilige Vater erinnert uns daran, dass wir uns in Zeiten des Wandels befinden:

„Wir sind uns alle bewusst, dass wir nicht nur in einer Zeit der Veränderungen leben, sondern vielmehr in einer Zeitenwende, die neue und alte Fragen aufwirft, angesichts derer eine Auseinandersetzung berechtigt und notwendig ist“ (Einleitung).

Allerdings kann die in dieser Zeit geforderte Evangelisierung nicht auf das reduziert werden, was Dietrich Bonhoeffer (1906–1945) „billige Gnade“ nennt, sondern braucht, um in seinen Worten zu bleiben, die er durch sein heroisches Zeugnis beglaubigt hat, die Suche nach der „teuren Gnade“. Im Jahr 1937 zum Beispiel schrieb Bonhoeffer: „Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf geht heute um die teure Gnade“ (Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, Kapitel 1). Mit Blick auf die Notwendigkeit der christlichen Botschaft stellt Papst Franziskus fest: „Voll Bewunderung steht man vor den Möglichkeiten, die der Herr eingesetzt hat, um mit seinem Volk ins Gespräch zu kommen, um sein Geheimnis allen zu offenbaren, um die Leute mit so erhabenen und so anspruchsvollen Lehren zu faszinieren“ (EG 141).

Die christliche Hoffnung

Wir kehren abschließend noch einmal zum Schreiben des Heiligen Vaters zurück und halten fest, dass der Papst dazu ermuntert, Mut zur christlichen Hoffnung zu haben, weil es notwendig ist, „den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen, um die Zukunft mit Vertrauen und Hoffnung in den Blick zu nehmen, denn die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst nach dem Evangelium auszurichten. Als Gemeinschaft von Gläubigen, als Gemeinschaft gelebter und gepredigter Hoffnung, als Gemeinschaft brüderlicher Liebe muss die Kirche unablässig selbst vernehmen, was sie glauben muss, welches die Gründe ihrer Hoffnung sind und was das neue Gebot der Liebe ist“ (Brief von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland Nr. 7).

Der auferstandene Herr erfüllt die Herzen seiner Gläubigen auch inmitten von Schwierigkeiten und Verfolgungen mit Vertrauen. Er steht uns zur Seite und ist bereit, uns zu helfen, wenn wir ihn rufen: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt“ (Joh 16,33). Das sind Worte dessen, der uns zusichert: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).

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Quelle

„Wie hältst Du’s mit dem Islam?“

11 Juli 2019, 09:00

Deutsche Bischofskonferenz muss sich bei ihrer „Arbeitshilfe zum kirchlichen Umgang mit rechtspopulistischen Tendenzen“ Vorwurf der Schönfärberei und Geschichtsklitterung gefallen lassen. Gastkommentar von Michael Hesemann

Bonn (kath.net) „Dem Populismus widerstehen“ lautet der Titel der „Arbeitshilfe zum kirchlichen Umgang mit rechtspopulistischen Tendenzen“, die am 25. Juni vom Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz herausgegeben wurde. Auf 74 Seiten werden „Strategien und Inhalte rechtspopulistischer Bewegungen“ ebenso analysiert wie ihre Leitthemen „Flucht und Asyl“, „Islam und Islamfeindlichkeit“, „Familienbilder, Frauenbilder, Geschlechterverhältnisse“ sowie „Identität und Heimat“. Zahlreiche Praxisbeispiele sollen das Engagement der Kirche für eine offene Gesellschaft, Flüchtlingshilfe und Geschlechtergerechtigkeit illustrieren. Verarbeitet werden die Ergebnisse einer 20köpfigen Expertenkommission unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl von der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. Sie zeichnen mit größtmöglicher political correctness ein geradezu manichäisches Bild von den weltoffenen Gutmenschen (einen Begriff, den zu rehabilitieren sie ausgezogen sind) auf der einen und den bösen, gefährlichen, hinterwäldlerischen Rechtspopulisten auf der anderen Seite. Für Differenzierung bleibt da wenig Raum. Wer täglich nur die rosarote Brille aufsetzt, der sieht auch keine Schattierungen mehr, der fragt nicht nach Ursachen, wenn er dem Gegner pauschal „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ (S. 17) vorwirft. Kein Wunder, dass auch der von „rechtspopulistischen Akteuren“ gerne beschworene „gesunde Menschenverstand“ nicht nur angeschwärzt, sondern auch gleich mit entsorgt wird. Wer sich angesichts der „schönen, neuen Welt“ des Globalismus noch Sorgen macht, den können einzig niedere Instinkte dazu treiben, an erster Stelle Verlustängste des Wohlstands-Bürgertums. Historische Parallelen zu den Nazis werden gerne gezogen, auch wenn man eingestehen muss, dass gerade Antisemitismus im modernen Rechtspopulismus „vergleichsweise selten vorkommt“, ja eher bei seinem Feindbild, dem Islam, anzutreffen ist. Und genau hier zeigt sich die ganze Problematik in der Einordnung. Alles, was den Nationalsozialismus ausmachte, fehlt bei jenen, die man so gerne in die rechte Ecke stellen möchte: Der geradezu apokalyptische Glaube an einen „Rassenkampf“ um die Welt, das Bekenntnis zu einem national-sozialistischen „Führerstaat“, der exterminatorische Antisemitismus und der sozialdarwinistische Vernichtungswille gegen alles, was als „minderwertig“ angesehen wurde. Erklärten die Nazis der christlich-jüdischen Mitleidsethik den Krieg, berufen sich moderne „Rechtspopulisten“ auf gerade dieses Erbe, bewunderten Hitler und Himmler den „Heroismus“ des Islam, erschaudern Sarrazin und Gauland vor seiner Gewaltbereitschaft.

Ganze 46 Seiten braucht das Dokument, um sich der Gretchenfrage des „Rechtspopulismus“ zu widmen, der Frage: „Wie hältst Du’s mit dem Islam?“ Faszinierte das Dokument bislang durch seine kompromisslose Blauäugigkeit, verliert es spätestens an dieser Stelle seine Selbstachtung und scheut vor keiner noch so dreisten Schönfärberei zurück. „Aktuell leben schätzungsweise 4,5 Millionen Muslime in Deutschland“, behauptet es und beruft sich dabei auf Zahlen aus dem Jahre 2015, vor dem Zustrom von rund 2 Millionen Flüchtlingen mehrheitlich muslimischen Glaubens. „Islamfeindlichkeit“ wird als „Ressentiment gegen eine gesellschaftliche Minderheit, die mit ethischen, politischen und religiösen Aussagen diskriminiert wird“ definiert. Kein Wort davon, dass die bewusste Bildung von Parallelgesellschaften, verweigerte Integration, Gewaltbereitschaft, Gewalttätigkeit und religiöser Chauvinismus vieler Muslime, die Christen als „Ungläubige“ verachten, auch etwas damit zu tun haben könnten. Angeblich alltägliche „handfeste Gewalt“, „Anschläge auf Moscheengemeinden“, „Angriffe auf kopftuchtragende Mädchen und Frauen“, „Drohungen im Netz“ und „antimuslimische Schmierereien an Hauswänden“ werden nur dem islamkritischen Lager zugeschrieben, gewalttätige Übergriffe auf Juden, Gewalt und Kriminalität von Muslimen oder gar islamistischer Terror dagegen banalisiert. Dass man sogar zur Geschichtsklitterung bereit ist, zeigt sich in der Abhandlung über „Wurzeln und Ursachen von Islamfeindlichkeit“. Das „heutige Feindbild Islam“, so heißt es dort (S. 48), sei das Ergebnis eines großen Missverständnisses, ja der „Unkenntnis“ und christlicher Vorurteile. Die steile These: „Seit dem Aufkommen des Islam im 7. Jahrhundert haben christliche Autoren die konkurrierende neue Religion kritisch betrachtet: sie galt gewissermaßen als Störfaktor der christlichen Heilsgeschichte“. Nur darum sei es zu „einer feindseligen Sicht auf den Koran und den islamischen Propheten Muhammad“ gekommen. Spätestens an dieser Stelle aber muss der Historiker protestieren, ja laut aufschreien, denn das ist schlichtweg Unfug.

Eine theologische Auseinandersetzung mit dem Koran erfolgte erst im frühen 8. Jahrhundert durch den Kirchenlehrer Johannes Damascenus, der im arabisch besetzten Damaskus aufwuchs, also die Sprache Mohammeds perfekt beherrschte. Er stand sogar im Staatsdienst des Kalifen, bevor dieser sich zunehmend christenfeindlich verhielt. Von ihm stammt die Behauptung, die Araber seien Ismaeliten, also Abkömmlinge des Erstgeborenen Abrahams und würden daher auch „Sarazenen“, „Entflohene Saras“ (Sarais kenoi) genannt. In seinem Buch über die Häresien sah er den Islam weder als eigene, konkurrierende Religion noch als „Störfaktor der Heilsgeschichte“, sondern lediglich als Irrlehre, derer es viele gab.

Tatsächlich war die Wahrnehmung damals eine ganz andere, als die „Arbeitshilfe“ es unterstellt. Muhammad hatte nur in zwei Städten missioniert: Zunächst in Mekka, wo man ihn ablehnte, dann in Medina, wo man ihn anerkannte. Als er endlich Krieger hatte, die ihm bedingungslos folgten, änderte er seine Strategie; auch die in Medina „offenbarten“ Suren nahmen plötzlich einen anderen, virulenteren Ton an. Muhammad zog mit seinem Heer gen Mekka und stellte die Stadt vor die Wahl: Islam (wörtlich: „Unterwerfung“) oder Krieg. Erst jetzt erkannte ihn seine Heimatstadt notgedrungen als Prophet an. Die jüdischen Stämme dagegen, die nicht seinen Glauben annehmen wollten, wurden gnadenlos massakriert oder vertrieben. Kaum hatte er seine Herrschaft im Hedschas etabliert, schrieb Muhammad 628 an den byzantinischen Kaiser, die Könige der Perser und Jemeniten, den christlichen Araberkönig von Ghassan, den Negus von Äthiopien und den Statthalter von Ägypten: „Ich lade dich zur Religion des Islam ein: Werde Muslim, dann bist du sicher, und ALLAH gibt dir doppelten Lohn; wenn du dich aber abwendest, so lastet auf dir die Sünde deiner Untergebenen.“ Die Antworten waren, mit Ausnahme der Jemeniten, negativ. Also rief der „Prophet“ 630 den „Heiligen Krieg“ aus, wie in Sure 9 des Koran festgehalten ist: „Kämpft gegen diejenigen, die nicht an Gott und den jüngsten Tag glauben und nicht verbieten, was Gott und sein Gesandter verboten haben, und nicht der wahren Religion angehören – von denen, die die Schrift erhalten haben – (kämpft gegen sie), bis sie kleinlaut aus der Hand Tribut entrichten!“ Doch der erste Feldzug gegen die Byzantiner und ihre ghassanidischen Verbündeten scheiterte. Erst den Erben des „Propheten“ sollte es gelingen, innerhalb eines Jahrhunderts ganz Nordafrika und Vorderasien zu unterwerfen und bis nach Poitiers im Herzen des Frankenreiches vorzudringen.

Dieser islamische Blitzkrieg und nicht die theologische Diskussion um den Koran war es, der das Bild des Islam in der christlichen Welt prägte. So kannten die frühesten christlichen Quellen, etwa Thomas der Presbyter (um 640) oder der Verfasser der Chronika Minora, Muhammad nur als Heerführer, während Johannes bar Penkaye (686/7) ihn als Gesetzgeber beschrieb. Als sich endlich Johannes Damascenus (nach 700) der Lehre des Islam annahm, hatte schon der weitaus größte Teil der christlichen Welt Bekanntschaft mit dem Schwert des Propheten gemacht.

Das war ein Jahrtausend vor den Türkenkriegen, auch wenn die „Experten“ der „Arbeitshilfe“ uns weismachen wollen: „Insbesondere während der ‚Türkenkriege‘ wurden die ‚Sarazenen‘ als feindliche Bedrohung der europäischen Mächte wahrgenommen.“ Eben nicht. Die Sarazenen fielen ab dem 7. Jahrhundert über die christlichen Mittelmeerländer her, die Türken folgten ihnen zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert. Irgendwie haben es beide versäumt, den Europäern das freundliche Gesicht des Islam überzeugend zu vermitteln. Die „ethnische Reinigung“ des Osmanischen Reiches durch den Mord an 2,5 Millionen Christen im frühen 20. Jahrhundert und die Diskriminierung der christlichen Minderheiten in fast allen Ländern der muslimischen Welt sind auch nicht unschuldig am schlechten Image dieser Religion.

Mit Geschichtsfälschung und Schönfärberei ist niemandem gedient, werden echte Probleme nur kurzfristig unter den Teppich gekehrt. Dass ausgerechnet die DBK, die sonst doch jedem Dialogprozess offen gegenübersteht, hier kritische Stimmen marginalisiert, mag bedenklich stimmen. Anders als der Nationalsozialismus ist der moderne „Rechtspopulismus“ weder kirchenfeindlich noch antisemitisch, im Gegenteil: er beruft sich auf die christliche Identität des Abendlandes und ist besorgt um ihren Erhalt. Dass dieser Standpunkt die Sympathie vieler Gläubiger gewinnt, liegt auf der Hand. Soll die Kirche sich tatsächlich als Inquisitorin des politischen Globalismus definieren oder gilt es auch hier, die eigene Stellung zu hinterfragen? Was, wenn der Geschmähte eine Gefahr sieht, für die man, warum auch immer, bislang blind war? Diese Bereitschaft zum Zuhören und aufeinander Zugehen ist die Grundvoraussetzung für einen Dialog. Die Kirche könnte dadurch viele Gläubige zurückgewinnen, die sich, von übergroßer Angepasstheit entfremdet, von ihr abzuwenden drohen. Doch dazu ist, an erster Stelle, Wahrhaftigkeit verlangt.

Michael Hesemann ist Historiker und Autor. In seinem Buch „Hitlers Religion“ (Paulinus-Verlag) setzt er sich dezidiert mit dem Nationalsozialismus, in „Jesus in Ägypten“ und „Völkermord an den Armeniern“ (beide Herbig-Verlag) mit dem Schicksal von Christen unter islamischer Herrschaft auseinander.

kath.net-Buchtipp
Hitlers Religion
Die fatale Heilslehre des Nationalsozialismus
Von Michael Hesemann
Taschenbuch, 464 Seiten; m. Abb.
2012 Paulinus Verlag Gmbh
ISBN 978-3-7902-5766-3
Preis Österreich 22.70 EUR

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Lesen Sie dazu:

„Die Situation ist dramatisch“: Generalvikar Fuchs zum historischen Papstbrief

Generalvikar Michael Fuchs Foto: Bistum Regensburg / Zahlengesichter.de

„Sicher kann es nach diesem Brief des Papstes kein ‚Weiter so‘ für den ‚Synodalen Prozess‘ geben“

Von Generalvikar Michael Fuchs (Bistum Regensburg)

Papst Franziskus schreibt den Katholiken in Deutschland einen Brief. Er, der soviel Wert auf die eigene Kraft der Ortskirche legt und die Subsidiarität und Synodalität betont, sieht sich als Hirte und Vater gezwungen, das Wort zu ergreifen.

Herausgekommen ist ein mahnendes und gleichzeitig ermutigendes Wort, ein Appell mit großem Ernst.

Hintergrund sind die Entwicklungen in der katholischen Kirche in Deutschland in den letzten Jahren und vor allem Monaten, verschiedene Protestaktionen und -schreiben, die aktuellen Planungen für den sogenannten „Synodalen Weg“ (Brief, Abschnitt 3) und die damit einhergehenden Forderungen und Erwartungen. Ihre Richtungen und ihre Heftigkeit dürften den Heiligen Vater zu diesem Wort gedrängt haben.

Dabei hat Franziskus keine Details angegriffen oder Einzelheiten bewertet. Die Kirchenkrise in Deutschland geht viel tiefer, daher musste auch der Brief grundsätzlicher ansetzen. Papst Franziskus knüpft dabei mehrfach an seine Ansprache beim Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe am 20. November 2015 an (s. z.B. Eingangsworte) und will im Zusammenhang mit jener Ansprache gelesen und verstanden werden.

Hier wie dort sieht der Papst – nachdem er die großen Errungenschaften in Deutschland gelobt hat – die äußeren Merkmale der jetzigen Krise deutlich: Weniger Katholiken besuchen die Sonntagsmesse oder gehen zur Beichte. Die Glaubenssubstanz bei vielen ist vertrocknet und die Priester werden weniger. Er verspricht uns seine Nähe und Unterstützung in unseren Bemühungen, diese Krise zu überwinden und neue Wege zu finden, und will uns Mut machen.

Doch dann benennt er einige Tendenzen in der deutschen Suche nach Lösungen, die ihm große Sorge bereiten.

Die Sorge des Papstes um eine „Zerstückelung“ der Kirche

Da ist zunächst die Sorge, dass sich die Kirche in Deutschland von der Weltkirche loslöst und von der umfassenden („katholischen“) Gemeinschaft des Glaubens trennt – die Sorge um einer „Zerstückelung“ der Kirche.

So fordert Papst Franziskus, „sich gemeinsam auf den Weg zu begeben mit der ganzen Kirche“ (3) und spricht die „communio [Gemeinschaft] unter allen Teilkirchen in der Weltkirche“ an (Anm. 7). Er weist darauf hin, „gerade in diesen Zeiten starker Fragmentierung und Polarisierung sicherzustellen, dass der Sensus Ecclesiae auch tatsächlich in jeder Entscheidung lebt“ und dass die „Teilkirchen in und aus der Weltkirche leben und erblühen; falls sie von der Weltkirche getrennt wären, würden sie sich schwächen, verderben und sterben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, die Gemeinschaft mit dem ganzen Leib der Kirche immer lebendig und wirksam zu erhalten“ (9), in dem „Wissen, dass wir wesentlich Teil eines größeren Leibes sind“ (ebd.).

Der Papst warnt weiter – mit Verweis auf ein Buch Papst Benedikts XVI. – vor der „Versuchung der Förderer des Gnostizismus“, die „versucht haben, immer etwas Neues und Anderes zu sagen als das, was das Wort Gottes ihnen geschenkt hat. (…) Gemeint ist damit derjenige, der voraus sein will, der Fortgeschrittene, der vorgibt über das ‚kirchliche Wir‘ hinauszugehen“ (ebd.). Die im Text erwähnte Stelle aus dem Zweiten Johannesbrief (2 Joh 9) ist hier aufschlussreich: „Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht.“ Es gebe eine „Versuchung durch den Vater der Lüge (…), der (…) letztendlich den Leib des heiligen und treuen Volkes Gottes zerstückelt“ (10). Dem stellt Papst Franziskus eine ganzheitliche Sicht von Synodalität entgegen und legt diese dar.

Offensichtlich ist dem Heiligen Vater nicht verborgen geblieben, dass einige Forderungen der Initiatoren des „Synodalen Prozesses“ (wie der „Synodale Weg“ oft auch genannt wird) über die katholischen Glaubensgrundlagen, wie sie weltweit verbindlich gelten, hinausgehen oder diese nicht genügend berücksichtigen. Damit würden sie den gemeinsamen Weg und die umfassende Gemeinschaft der Kirche mindestens gefährden. Die Wortwahl des Papstes ist hier ungewöhnlich deutlich.

Die Warnung vor einer „verweltlichten Geisteshaltung“

Ein zweiter Themenkreis in dem päpstlichen Brief betrifft die Versuchung, nur eine „Reform von Strukturen, Organisationen und Verwaltung“ anzustreben, „eine Art neuen Pelagianismus“ (5), vor dem Papst Franziskus schon 2015 die Deutschen Bischöfe beim Ad-limina-Besuch gewarnt hatte. Der Pelagianismus, der von der Kirche im fünften Jahrhundert verworfen wurde, behauptete, es brauche keine Erlösung durch Christus von den Sünden, der Mensch sei aus sich heraus stark und gut.

2015 wies der Papst schon in diesem Zusammenhang auf die Versuchung hin, „unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat“. Franziskus warnt in seinem Brief vor einer „Verweltlichung und verweltlichter Geisteshaltung“ (5). „Gott befreie uns von einer weltlichen Kirche unter spirituellen oder pastoralen Drapierungen! Diese erstickende Weltlichkeit erfährt Heilung, wenn man die reine Luft des Heiligen Geistes kostet, der uns davon befreit, um uns selbst zu kreisen, verborgen in einem religiösen Anschein über gottloser Leere.“ (Anm. 13)

Vielmehr brauche es einen „theologalen Blickwinkel“: „Das Evangelium der Gnade (…) sei das Licht und der Führer. (…) Sooft eine kirchliche Gemeinschaft versucht hat, alleine aus ihren Problemen herauszukommen, (…) endete das darin, die Übel, die man überwinden wollte, noch zu vermehren“ (6). „Ohne ‚Treue der Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung‘ wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben.“ (ebd.) Daher soll die Kirche nicht einfach auf „äußere Fakten und Notwendigkeiten antworten“, „isoliert vom Geheimnis der Kirche“ (ebd.).

Vieles in Deutschland hat in letzter Zeit beim Papst wohl den Eindruck eines aktivistischen Machens eines politikähnlichen Vereins hinterlassen, einer „frommen Nicht-Regierungs-Organisation“, wie er in anderen Zusammenhängen häufig formulierte. Und einige kirchliche Äußerungen scheinen dieses Machen immer wieder neu zu fordern – ohne Rücksicht auf Voraussetzungen des Glaubens und im Widerspruch zum gläubigen Beschenkt-Werden.

Spannung und Ungleichgewichte statt Anpassung

Papst Franziskus spricht in seinem Brief mehrfach von „Spannung“ und „Anpassung“. Er warnt davor, dass man das kirchliche Leben „der derzeitigen Logik oder jener einer bestimmten Gruppe anpasst“ (5) oder eine „Ordnung findet, die dann die Spannungen beendet, die unserem Mensch-Sein zu eigen sind und die das Evangelium hervorrufen will“ (ebd.). „Wir dürfen nicht vergessen, dass es Spannungen und Ungleichgewichte gibt, die den Geschmack des Evangeliums haben, die beizubehalten sind, weil sie neues Leben verheißen.“ (ebd.) Die Evangelisierung sei „keine ‚Retusche‘, die die Kirche an den Zeitgeist anpasst, sie aber ihre Originalität und ihre prophetische Sendung verlieren lässt“ (7). Es gehe darum, „die Zeichen der Zeit zu erkennen, was nicht gleichbedeutend ist mit einem bloßen Anpassen an den Zeitgeist (vgl. Röm 12,2)“ (8).

Vieles, was im Vorfeld des Synodalen Prozesses geäußert wurde, ist geprägt von der Angst, den Anschluss an die plurale Welt nicht zu verlieren, und der Absicht, die Kluft zwischen Kirche und Lebenswirklichkeit zu schließen. Dieser Argumentation entzieht Papst Franziskus deutlich den Boden.

Primat der Evangelisierung zurückgewinnen

Stattdessen „ist es (…) notwendig, den Primat der Evangelisierung zurückzugewinnen (…), denn die Kirche, Trägerin der Evangelisierung, beginnt damit, sich selbst zu evangelisieren“ (7). Es soll „unser Hauptaugenmerk sein (…), unseren Brüdern und Schwestern zu begegnen, besonders jenen, die an den Schwellen unserer Kirchentüren, auf den Straßen, in den Gefängnissen, in den Krankenhäusern, auf den Plätzen und in den Städten zu finden sind. Der Herr drückte sich klar aus: ‚Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit‘ (Mt 6,33).“ (8). „Die Heiligkeit ‚von nebenan‘ (…) das ist die Heiligkeit, die die Kirche vor jeder ideologischen, pseudo-wissenschaftlichen und manipulativen Reduktion schützt und immer bewahrt hat.“ (ebd.)

Als Grundhaltung verlangt der Papst dazu die „Haltung der Wachsamkeit und Bekehrung“ (12), eine „Haltung der Entäußerung“ (ebd.), und er verweist auf die „wahren geistlichen Heilmittel (Gebet, Buße und Anbetung)“ (ebd.). Prägend sollte dabei die Freude sein: „Die Evangelisierung führt uns dazu, die Freude am Evangelium wiederzugewinnen, die Freude, Christen zu sein.“ (7)

Haben wir also in Deutschland den Primat der Evangelisierung und in Verbissenheit und Protesthaltung die Freude am Glauben verloren? Papst Franziskus legt ausführlich dar, was er unter Evangelisierung und Zugehen auf die Armen versteht, und kritisiert jegliche Verkürzung auf Anpassungen, Verwaltungsreformen und Einigelungs-Tendenzen. Er ruft damit auf, größer zu denken, aus dem eigenen Haus herauszugehen und die Frohbotschaft weiterzutragen in Wort und Tat.

Konflikte nicht mit Abstimmungen niederringen

Der Papst nimmt in seinem Brief nicht zu formal-technischen Details des Synodalen Prozesses (Statut, Abstimmungsregeln, usw.) Stellung, aber folgende Worte stimmen nachdenklich: „Die synodale Sichtweise hebt weder Gegensätze oder Verwirrungen auf, noch werden durch sie Konflikte Beschlüssen eines ‚guten Konsenses‘, die den Glauben kompromittieren, Ergebnissen von Volkszählungen oder Erhebungen, die sich zu diesem oder jenem Thema ergeben, untergeordnet.“ Es gehe vielmehr um die „Zentralität der Evangelisierung und dem Sensus Ecclesiae als bestimmende Elemente unserer kirchlichen DNA“ (11).

Fünfmal gebraucht übrigens Franziskus im Brief den Begriff des „Sensus Ecclesiae“ („Kirchensinn“), den er umfassend versteht, und vermeidet den Begriff des „Sensus fidelium“ („Gläubigensinn“), der zwar theologisch und kirchlich fundiert ist, aber bisweilen als Gruppensinn oder Mehrheitsmeinung missverstanden wird.

Ein synodales Miteinander und der Sensus Ecclesiae bedeutet für Papst Franziskus offensichtlich mehr, als durch Abstimmungen und Beschlüsse oder durch Umfragen Konflikte gleichsam technisch niederzuringen oder sich auf Scheinkompromisse zu verlassen, „die den Glauben kompromittieren“.

Sind die Inhalte des Briefes überraschend?

Nicht für den, der die Äußerungen des Papstes zu den Themen, die im Synodalen Prozess bearbeitet und beschlossen werden sollen, verfolgt hat. Und nicht für den, der dem Papst zu Grundsatzfragen der Erneuerung und Evangelisierung zuhört.

Über die Weihe von Frauen zum Diakonat hat er mehrfach Zurückhaltung angemahnt, auch nach mehreren Studien: „Ich kann kein sakramentales Dekret machen ohne eine theologische, historische Grundlage“, erwiderte er den Forderern.

2016 wurde er auf dem Rückflug von Schweden gefragt, ob er sich die Priesterweihe von Frauen vorstellen könnte. Seine Antwort war klar: Er bezog sich auf seinen Vorgänger Johannes Paul II., der mit seinem Nein das letzte Wort gesprochen habe. „Und das bleibt.“ Auf eine Rückfrage der Journalistin hat Papst Franziskus auf die petrinische und marianische Dimension der Kirche verwiesen und diese kurz dargelegt.

Vielleicht sind manchen noch seine verschiedenen Äußerungen zu den Zulassungsbedingungen für die Priesterweihe im Gedächtnis. So schließt er die Auflösung des allgemeinen Zölibats ausdrücklich aus: „Mir kommt der Satz des heiligen Paul VI. in den Sinn: ‚Ich gebe lieber mein Leben, als das Zölibatsgesetz zu ändern.‘ Das kam mir in den Sinn, und ich möchte es sagen, denn das ist ein mutiger Satz, in einer schwierigeren Zeit als dieser, die Jahre um 1968/70 herum … Ich persönlich meine, dass der Zölibat ein Geschenk für die Kirche ist. Zweitens bin ich nicht damit einverstanden, den optionalen Zölibat zu erlauben, nein. Nur für die entlegensten Orte bliebe manche Möglichkeit…“ (Rückflug von Panama, 27.01.2019). Für das Amazonas-Gebiet wird bekanntlich eine solche Ausnahme diskutiert.

Außerdem hat der Heilige Vater mehrfach homosexuelle Männer in Priesterseminaren problematisiert und eine entsprechende Regelung der zuständigen Kongregation bekräftigt, was in Deutschland zu wochenlangen, heftigen Diskussionen geführt hat.

Das Schreiben „Maschio e femmina li creó“ („Als Mann und Frau schuf er sie“) zur Gender-Problematik, das die Bildungskongregation vor kurzem veröffentlichte, bekam bisher in der deutschen Kirchenöffentlichkeit auch überwiegend Häme und Kritik.

Was bedeutet dies für den „Synodalen Prozess“?

Sicher kann es nach diesem Brief des Papstes kein „Weiter so“ geben, weder in Inhalt noch in Form. Eigentlich drängt der Brief auf eine komplette Neufassung eines solchen Prozesses, der auf Evangelisierung und geistliche Erneuerung ausgerichtet sein soll und auf „die Menschen am Rande“; einen Prozess, der nicht „macht“ oder „anpasst“, sondern auf Gott setzt, der erneuern und bekehren kann und uns die Freude des Evangeliums schenkt; und einen Prozess, der in allen Belangen mit der Gemeinschaft der katholischen Kirche geht, die Zeit und Raum umfasst.

Beim Ad-limina-Besuch schrieb uns Papst Franziskus ins Stammbuch – und damit könnte man vielleicht seinen Brief zusammenfassen: „Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also ‚dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet‘ (Evangelii gaudium, 27)“.

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