Papst Franziskus warnt vor „Lawinen des Hasses“ in Medien

Papst Franziskus bei der Generalaudienz am 7. November 2018 Foto: Daniel Ibanez / CNA Deutsch

VATIKANSTADT , 24 January, 2019 / 5:06 PM (CNA Deutsch).-
Das Timing hätte nicht treffender sein können: Am Tag, nachdem „Leitmedien“ mit falschen Behauptungen – und prominente Stimmen in den Sozialen Medien, auch in Deutschland – vorschnell gegen minderjährige Schüler der Covington Catholic High School hetzten, hat Papst Franziskus in einer neuen Botschaft über den Umgang mit Medien vor „Lawinen des Hasses“ gewarnt.

In der diesjährigen Botschaft zum Welttag der Sozialen Kommunikationsmittel dreht sich für den Pontifex alles um die Frage, wie digitale Medien einer „menschlichen Gemeinschaft“ dienen können.

Franziskus schreibt, es gehe darum, einen Weg zu „öffnen zum Dialog, zur Begegnung, zum Lächeln, zu liebevollen Gesten… Das ist das Netz, das wir wollen“.

Nachdem der tatsächliche Auftrag der Kirche die Verkündigung der Frohen Botschaft ist, verknüpft sich das Netz, das der Papst in den Medien sehen will, mit einem übernatürlichen: „Die Kirche selbst ist ein von der eucharistischen Gemeinschaft geknüpftes Netz, wo die Einheit nicht auf ‚Likes‘, sondern auf der Wahrheit, auf dem ‚Amen‘ beruht, mit dem jeder seine Zugehörigkeit zum Leib Christi zum Ausdruck bringt und die anderen annimmt.“

CNA Deutsch dokumentiert den vollen Wortlaut in deutscher Sprache, wie ihn der Vatikan zur Verfügung gestellt hat.

Liebe Brüder und Schwestern,

seit es das Internet gibt, hat sich die Kirche immer dafür eingesetzt, es in den Dienst der zwischenmenschlichen Begegnung und allumfassender Solidarität zu stellen. Mit dieser Botschaft möchte ich Sie nochmals einladen, über das Fundament und die Bedeutung unseres In-Beziehung-Seins nachzudenken und bei all den Herausforderungen des gegenwärtigen kommunikativen Kontextes den Wunsch des Menschen, der nicht in seiner Einsamkeit bleiben will, neu zu entdecken.

Die Medienwelt ist heute so allgegenwärtig, dass sie sich nicht mehr von der Alltagswelt trennen lässt. Das Internet ist eine Ressource unserer Zeit. Es ist eine Quelle von Wissen und Beziehungen, die einst unvorstellbar waren. Viele Experten weisen jedoch angesichts der tiefgreifenden Veränderungen, die die Technologie für die Logik der Produktion, Verbreitung und Nutzung von Inhalten mit sich bringt, auch auf die Risiken hin, die die Suche nach und den Austausch von authentischen Informationen auf globaler Ebene bedrohen. Wenn das Internet auch eine außerordentliche Möglichkeit des Zugangs zu Wissen darstellt, so ist es zugleich ein Ort, der in besonderer Weise anfällig ist für Desinformation und eine bewusste und gezielte Deformierung von Fakten und zwischenmenschlichen Beziehungen, die oft diskreditierende Züge annehmen.

Es muss anerkannt werden, dass die sozialen Netzwerke, obwohl sie einerseits dazu dienen, uns mehr zu verbinden, uns zueinander zu bringen und einander zu helfen, andererseits aber auch eine manipulative Nutzung personenbezogener Daten ermöglichen, um politische oder wirtschaftliche Vorteile zu erlangen, wobei der gebührende Respekt vor dem Menschen und seinen Rechten oft außen vor bleibt. Verschiedene Statistiken machen deutlich, dass jeder vierte Heranwachsende mit Cybermobbing zu tun hat.

In der Komplexität dieses Szenarios mag es nützlich sein, nochmals über die dem Internet ursprünglich zugrundeliegende Metapher des Netzes nachzudenken, um sein positives Potenzial wieder neu zu entdecken. Die Gestalt des Netzes lädt uns ein, über die Vielzahl von Verbindungslinien und Knoten nachzudenken, die seine Stabilität ohne Zentrum und ohne hierarchische oder vertikale Organisationsstruktur sicherstellen. Das Netz funktioniert dank der gleichmäßigen Beteiligung aller Elemente.

Bezogen auf ihre anthropologische Dimension, erinnert die Metapher des Netzes an ein weiteres bedeutungsvolles Gebilde, nämlich das der Gemeinschaft. Die Stärke einer Gemeinschaft hängt davon ab, wie kohäsiv und solidarisch sie ist, und davon, wie sehr in ihr ein Gefühl des Vertrauens herrscht und wie sehr sie gemeinsame Ziele verfolgt. Die Gemeinschaft als Netz der Solidarität erfordert gegenseitiges Zuhören und einen Dialog, der auf einem verantwortungsvollen Umgang mit der Sprache basiert.

So, wie es sich momentan darstellt, ist jedem klar, dass Social Network Community nicht automatisch dasselbe bedeutet wie Gemeinschaft. Im besten Fall können solche Communities Zusammenhalt und Solidarität vorweisen, oft aber sind sie nur Ansammlungen von Individuen, die sich um Interessen oder Themen herum bilden und für die eine schwache Bindung der Einzelnen charakteristisch ist. Außerdem basiert die Identität in den sozialen Netzwerken zu oft auf Abgrenzung gegenüber anderen, gegenüber denen, die nicht zur Gruppe gehören. Man definiert sich über das, was trennt, und nicht über das, was eint. Damit schafft man eine Plattform für Verdächtigungen und die Äußerung aller Arten von Vorurteilen (ethnische, sexuelle, religiöse und andere). Dieser Trend ist ein Nährboden für Gruppierungen, die Heterogenität ausschließen und auch im digitalen Bereich einen ungezügelten Individualismus nähren, ja manchmal sogar regelrechte Lawinen des Hasses lostreten. Das, was ein Fenster zur Welt sein sollte, wird so zu einem Schaufenster, in dem man den eigenen Narzissmus zur Schau stellt.

Das Internet ist eine Gelegenheit, die Begegnung mit anderen zu fördern, es kann uns aber auch immer tiefer in die Selbstisolation führen und wie das Netz einer Spinne zur Falle werden. Besonders junge Menschen sind anfällig für die Illusion, dass die Sozialen Netzwerke ihnen in Sachen Beziehungen alles geben könnten, was sie brauchen. Das kann schließlich sogar zum gefährlichen Phänomen jugendlicher „Sozialeremiten“ führen, die Gefahr laufen, sich völlig von der Gesellschaft zu entfremden. Diese dramatische Dynamik offenbart einen schweren Riss im Beziehungsgefüge der Gesellschaft, einen Riss, den wir nicht ignorieren können.

Diese vielgestaltige und tückische Realität wirft verschiedene Fragen ethischer, sozialer, rechtlicher, politischer und wirtschaftlicher Natur auf und ist auch eine Anfrage an die Kirche. Während die Regierungen nach rechtlichen Regulierungsmaßnahmen suchen, um die ursprüngliche Vision eines freien, offenen und sicheren Netzes zu bewahren, haben wir alle die Möglichkeit und die Verantwortung, eine positive Nutzung des Internets zu fördern.

Es ist klar, dass die Multiplikation von Verbindungen nicht ausreicht, um ein gegenseitiges Verständnis zu fördern. Wie aber können wir, im Bewusstsein, dass wir auch im Internet eine Verantwortung füreinander haben, unsere wahre gemeinschaftliche Identität finden?

Eine mögliche Antwort kann ausgehend von einer dritten Metapher skizziert werden, von der Metapher des Leibes und seiner Glieder, mit deren Hilfe der heilige Paulus das Verhältnis der Gegenseitigkeit zwischen den Menschen beschreibt, das in einem Organismus begründet liegt, der sie vereint. „Legt deshalb die Lüge ab und redet die Wahrheit, jeder mit seinem Nächsten; denn wir sind als Glieder miteinander verbunden“ (Eph 4,25). Das Als-Glieder-miteinander-verbunden-sein ist die tiefe Motivation, mit der der Apostel uns auffordert, die Lüge abzulegen und die Wahrheit zu sagen: Die Verpflichtung zur Bewahrung der Wahrheit ergibt sich aus der Notwendigkeit, das gegenseitige Gemeinschaftsverhältnis nicht zu leugnen. Tatsächlich offenbart sich die Wahrheit in der Gemeinschaft. Die Lüge hingegen besteht in der egoistischen Weigerung, die eigene Zugehörigkeit zum Leib anzuerkennen und in der Weigerung, sich anderen hinzugeben, womit man jedoch auch den einzigen Weg der Selbstfindung verliert.

Die Metapher des Leibes und seiner Glieder lässt uns über unsere Identität nachdenken, die auf Gemeinschaft und Verschiedenheit basiert. Als Christen verstehen wir uns alle als Glieder des einen Leibes, dessen Haupt Christus ist. Das hilft uns, andere Menschen nicht als potenzielle Konkurrenten zu sehen, sondern auch unsere Feinde als Mitmenschen zu betrachten. Dann müssen wir uns nicht länger über einen Gegner definieren, denn aus der Perspektive der Inklusion, die wir von Christus lernen, können wir das Anderssein neu entdecken, nämlich als integralen Bestandteil und Bedingung für Beziehung und Nähe.

Diese Fähigkeit zum Verständnis und zur zwischenmenschlichen Kommunikation hat ihre Grundlage in der Liebesgemeinschaft der göttlichen Personen. Gott ist nicht Einsamkeit, sondern Gemeinschaft; er ist Liebe und damit Kommunikation, denn die Liebe kommuniziert immer, ja sie kommuniziert sich selbst, um dem anderen zu begegnen. Um mit uns zu kommunizieren und sich uns mitzuteilen, passt Gott sich unserer Sprache an und begründet in der Geschichte einen echten Dialog mit der Menschheit (vgl. Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 2).

Weil wir als Ebenbilder Gottes geschaffen sind, der Gemeinschaft und Mitteilung seiner selbst ist, tragen wir immer ein gewisses Heimweh nach einem Leben in Gemeinschaft und nach Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft im Herzen. „Denn Nichts ist unserer Natur so eigentümlich wie dieses, dass wir gesellig miteinander leben und einander bedürfen“, sagt der heilige Basilius.

Der aktuelle Kontext fordert uns alle auf, in Beziehungen zu investieren und auch im Internet und durch das Internet den zwischenmenschlichen Charakter unseres Menschseins zu bekräftigen. Noch mehr sind wir Christen aufgerufen, jene Gemeinschaft sichtbar werden zu lassen, die unsere Identität als Gläubige kennzeichnet. Der Glaube ist schließlich selbst Beziehung und Begegnung. Unter dem Einfluss der Liebe Gottes können wir das Geschenk, das der Andere ist, mitteilen, annehmen, verstehen und darauf reagieren.

Gerade die Gemeinschaft nach dem Bild der Dreifaltigkeit unterscheidet die Person vom Individuum. Aus dem Glauben an einen Gott, der dreifaltig ist, folgt, dass ich den anderen brauche, um ich selbst sein zu können. Ich bin nur dann wirklich Mensch, wirklich Person, wenn ich mit anderen in Beziehung trete. Der Begriff Person bezeichnet den Menschen als „Gesicht“, das dem anderen zugewandt ist und mit den anderen interagiert. Mit dem Übergang von der Individualität zur Personalität gewinnt unser Leben an Menschlichkeit. Der wahre Weg der Menschwerdung führt vom Individuum, das den anderen als Rivalen wahrnimmt, zur Person, der ihn als Weggefährten anerkennt.

Das Bild des Leibes und seiner Glieder erinnert uns daran, dass die Nutzung der sozialen Netzwerke eine Ergänzung zur leibhaftigen Begegnung ist, die sich durch den Körper, das Herz, die Augen, den Blick, und den Atem des anderen verwirklicht. Wenn das Netz zur Erweiterung oder in Erwartung einer solchen Begegnung genutzt wird, entspricht es seinem eigentlichen Wesen und bleibt eine Ressource für die Gemeinschaft. Wenn eine Familie das Internet nutzt, um besser verbunden zu sein, und sich dann an einen Tisch setzt und sich gegenseitig in die Augen schaut, dann ist es eine Ressource. Wenn eine kirchliche Gemeinschaft ihre Aktivitäten durch das Internet koordiniert und dann gemeinsam Eucharistie feiert, dann ist es eine Ressource. Wenn das Netz einem die schönen oder leidvollen Ereignisse und Erfahrungen anderer nahebringt, wenn es uns hilft gemeinsam zu beten und das Gute wiederzuentdecken in dem, was uns verbindet, dann ist es eine Ressource.

So können wir von der Diagnose zur Therapie übergehen, indem wir den Weg öffnen zum Dialog, zur Begegnung, zum Lächeln, zu liebevollen Gesten… Das ist das Netz, das wir wollen. Ein Netz, das nicht als Falle genutzt wird, sondern der Freiheit und dem Schutz einer Gemeinschaft freier Menschen dient. Die Kirche selbst ist ein von der eucharistischen Gemeinschaft geknüpftes Netz, wo die Einheit nicht auf „Likes“, sondern auf der Wahrheit, auf dem „Amen“ beruht, mit dem jeder seine Zugehörigkeit zum Leib Christi zum Ausdruck bringt und die anderen annimmt.

Aus dem Vatikan, am 24. Januar 2019

Im Wortlaut: Papstrede zum Kongress über Kindeswürde im Internet

An der päpstlichen Universität Gregoriana tagte der Kongress über Kinderschutz im Internet – RV

Hier lesen Sie die offizielle Übersetzung der Papstrede an die Teilnehmer des internationalen Kongresses „Kindeswürde in der digitalen Welt“ an der Päpstlichen Universität Gregoriana anlässlich der Audienz an diesem Freitag im Vatikan. (rv)

Eminenzen,sehr verehrter Herr Präsident des Senats, werte Frau Ministerin,Exzellenzen, Magnifizenz,sehr geehrte Damen und Herren Botschafter, geschätzte Autoritäten und Professoren, meine Damen und Herren,

mein Dank gilt dem Rektor der Universität Gregoriana, P. Nuno da Silva Gonçalves, und der Vertreterin der Jugendlichen für ihre freundlichen und interessanten Worte der Einführung zu unserer Begegnung. Ich danke Ihnen allen für Ihre Anwesenheit heute Morgen, für Ihren Bericht über die Ergebnisse Ihrer Arbeit und vor allem dafür, dass Sie Ihre Sorgen und Ihren Einsatz geteilt haben, um gemeinsam zugunsten der Minderjährigen auf der ganzen Welt ein neues und außerordentlich schwieriges, für unsere Zeit charakteristisches Problem anzugehen. Ein Problem, das bisher noch nicht gemeinschaftlich unter Einbeziehung so vieler verschiedener Fachleute und Verantwortungsbereiche untersucht und diskutiert worden war, wie es in den vergangenen Tagen geschehen ist: das Problem des wirksamen Schutzes der Würde von Minderjährigen in der digitalen Welt.

Die Anerkennung und die Verteidigung der Würde der menschlichen Person ist Prinzip und Fundament jeder gerechten gesellschaftlichen und politischen Ordnung. Die Kirche hat die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948) als einen „wahren Meilenstein auf dem Weg des moralischen Fortschritts der Menschheit“ (vgl. Ansprachen von Johannes Paul II. an die UNO in den Jahren 1979 und 1995) anerkannt. Auf derselben Linie hat der Heilige Stuhl im Bewusstsein, dass die Kinder zu den Ersten gehören, die Aufmerksamkeit und Schutz brauchen, die Erklärung der Rechte des Kindes (1959) sehr begrüßt und ist der entsprechenden Konvention (1990) und den zwei Fakultativprotokollen (2001) beigetreten. Die Würde und die Rechte der Kinder müssen in der Tat von den Rechtsordnungen als höchst wertvolle Güter für die ganze Menschheitsfamilie geschützt werden (vgl. Kompendium der Soziallehre der Kirche, Nrn. 244-245).

Hinsichtlich dieser Prinzipien besteht also ein volles und stabiles Einvernehmen; auf deren Grundlage müssen wir auch einmütig handeln, und zwar mit Entschlossenheit und echter Leidenschaft. Dabei schauen wir liebevoll auf all die Kinder, die täglich auf der ganzen Welt geboren werden und vor allem Achtung brauchen, aber auch Fürsorge und Zuneigung, um den ganzen wunderbaren Reichtum ihrer Anlagen zu entfalten.

Die Schrift spricht von der menschlichen Person als von Gott nach seinem Ebenbild geschaffen. Was kann man Größeres über ihre Würde sagen? Das Evangelium erzählt von der Zuneigung Jesu zu den Kindern und wie er sie aufnimmt, wenn er sie in seine Arme nimmt und segnet (vgl. Mk 10,16), »denn Menschen wie ihnen gehört das Himmelreich« (Mt 19,14). Die härtesten Worte Jesu gelten dem, der den Kleinsten Ärgernis gibt: Für ihn »wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde« (Mt 18,6). Wir müssen uns also für den Schutz der Würde von Minderjährigen liebevoll, aber auch ganz entschieden einsetzen, indem wir mit allen Kräften jener Wegwerfkultur entgegenwirken, die heute auf vielfache Weise gerade den Schwächsten und Verwundbarsten, wie es eben die Minderjährigen sind, schadet.

Wir erleben eine neue Welt, die wir uns in unserer Jugend nicht einmal hätten vorstellen können. Wir definieren sie mit zwei einfachen Worten – „digitale Welt“ / „digital world“ –, aber sie ist Frucht einer unglaublichen Entwicklung in Wissenschaft und Technik, die in wenigen Jahrzehnten unser Umfeld und unsere Kommunikations- und Lebensweise verwandelt hat. Sie ist auf gewisse Weise dabei, selbst unsere Denk- und Seinsweise zu verändern, nämlich dadurch dass sie die Wahrnehmung unserer Möglichkeiten und unserer Identität tiefgreifend beeinflusst.

Einerseits sind wir voll Bewunderung und Faszination für die großartigen Möglichkeiten, die sie uns eröffnet. Andererseits ruft sie in uns Furcht und vielleicht sogar Angst hervor, wenn wir die Schnelligkeit dieser Entwicklung sehen, die neuen unvorhergesehenen Probleme und die meist ungewollten, aber doch realen negativen Folgen, die sie mit sich bringt. Zu Recht fragen wir uns, ob wir fähig sind, die Prozesse, die wir selbst initiiert haben, zu steuern, ob sie uns nicht entgleiten, ob wir genug tun, um sie unter Kontrolle zu behalten.

Das ist die große existentielle Frage der heutigen Menschheit angesichts verschiedener Aspekte der globalen Krise, die sich in den Bereichen Umwelt, Gesellschaft, Wirtschaft, Politik sowie im moralischen und geistlichen Bereich zugleich zeigt.

Als Vertreter verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen und unterschiedlicher Einsatzfelder in der digitalen Kommunikation, im Recht und in der Politik haben Sie sich versammelt, gerade weil Sie sich des Ernstes der Herausforderungen im Zusammenhang mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt bewusst sind. Mit Weitsicht haben Sie sich auf die Herausforderung konzentriert, die vermutlich am entscheidendsten ist für die Zukunft der menschlichen Familie: der Schutz der Würde der jungen Menschen, ihres gesunden Wachstums, ihres Frohmuts und ihrer Hoffnung.

Wir wissen, dass heute mehr als ein Viertel der über drei Milliarden Internetnutzer minderjährig sind; das heißt, dass über 800 Millionen Minderjährige im Netz surfen. Wir wissen, dass allein in Indien innerhalb der nächsten zwei Jahre über 500 Millionen Personen Zugang zum Netz haben werden, die Hälfte davon minderjährig. Was finden sie im Netz? Und wie werden sie von denen, die auf verschiedene Weise Macht über das Netz haben, eingeschätzt?

Wir müssen die Augen offen halten und dürfen uns nicht vor einer Tatsache verstecken, die unerfreulich ist und die wir lieber nicht sehen wollen. Haben wir in diesen Jahren denn nicht zu Genüge gelernt, dass das Verstecken der Realität von sexuellen Missbräuchen ein äußerst schwerwiegender Fehler und Ursache vieler Übel ist? Schauen wir also auf die Wirklichkeit, so wie Sie es in den letzten Tagen getan haben. Im Netz nehmen sehr schlimme Erscheinungen Überhand: die Verbreitung von immer extremeren pornographischen Bildern, da durch Gewöhnung die Reizschwelle immer höher wird; das wachsende Phänomen des Sexting unter Jungen und Mädchen in den Social Media; das Mobbing, das immer mehr online stattfindet und eine echte moralische und physische Gewalt gegen die Würde der anderen jungen Menschen darstellt; die Sextortion, die sexuelle Verführung Minderjähriger im Netz ist bereits eine Tatsache, von der in den Nachrichten ständig die Rede ist. Das geht bis zu den schlimmsten und schrecklichsten Verbrechen der Organisation von Menschenhandel online, der Prostitution und sogar der Bestellung und der Liveübertragung von an Minderjährigen in anderen Teilen der Welt verübten Vergewaltigungen und Gewalttaten über das Internet. Das Netz hat also auch eine dunkle Seite und dunkle Bereiche (das Darknet), wo das Böse immer neuere, wirksamere, durchdringendere und feinmaschigere Weisen des Vorgehens und der Verbreitung findet. Die frühere Verbreitung der Pornographie durch die Presse war eine Erscheinung von geringem Ausmaß im Vergleich zu dem, was sich heute im Netz rasant verbreitet. Über all dies haben Sie deutlich gesprochen und die Zusammenhänge eingehend und mit Belegen studiert; wir sind Ihnen dafür dankbar.

Angesichts all dessen sind wir natürlich entsetzt, verlieren aber leider auch den Überblick. Wie Sie wissen und sagen, besteht eine Eigenart des Netzes gerade in seiner globalen Natur, die den Planeten grenzüberschreitend umfasst und so immer engmaschiger wird, um überall jede Art von Nutzer, auch Kinder, durch immer handlichere und anwenderfreundlichere mobile Geräte zu erreichen. Deshalb sieht sich heute niemand auf der Welt, keine nationale Autorität allein in der Lage, das Ausmaß und die Entwicklung dieses Phänomens angemessen zu erfassen und zu kontrollieren. Alles ist miteinander verflochten; dazu gesellen sich weitere dramatische Probleme im Zusammenhang mit dem Internet, wie illegaler Handel, Wirtschafts- und Finanzkriminalität, internationaler Terrorismus. Auch vom erzieherischen Gesichtspunkt her sind wir verunsichert; denn das rasante Tempo der Entwicklung stellt die älteren Generationen „ins Abseits“ und macht den Dialog zwischen den Generationen und eine ausgewogene Weitergabe von Regeln und der in jahrelanger Erfahrung erworbenen Lebensweisheit schwierig oder nahezu unmöglich.

Aber wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen; Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Wir dürfen uns auch nicht vom Gefühl der Ohnmacht angesichts der Schwierigkeiten der Aufgabe lähmen lassen. Vielmehr müssen wir gemeinsam aktiv werden im Wissen, dass wir aufeinander angewiesen sind, um angemessene Wege und Haltungen zu suchen und zu finden, um wirksame Antworten zu geben. Wir müssen darauf vertrauen, dass es möglich ist »den Blick wieder zu weiten. Die menschliche Freiheit ist in der Lage, die Technik zu beschränken, sie zu lenken und in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher ist« (Enzyklika Laudato si’, 112).

Damit diese Mobilisierung erfolgreich ist, lade ich Sie ein, einigen möglichen Fehleinschätzungen entschieden entgegenzuwirken. Ich beschränke mich darauf, derer drei aufzuzeigen.

Die erste besteht darin, den Schaden, der den Minderjährigen durch die oben genannten Erscheinungen zugefügt wird, zu unterschätzen. Die Schwierigkeit, ihnen Einhalt zu gebieten, kann uns in Versuchung führen zu sagen: „Eigentlich ist die Lage nicht so schlimm …“ Doch die Fortschritte in der Neurobiologie, der Psychologie, der Psychiatrie lassen hingegen die tiefgreifende Wirkung von gewalttätigen und sexuellen Bildern auf den formbaren Geist von Kindern erkennen: psychologische Reifestörungen, Abhängigkeitssituationen oder -verhaltensmuster, regelrechte Sucht durch den Missbrauch an Konsum provokanter und gewalttätiger Bilder. Das sind Störungen, die das ganze Leben der Kinder von heute schwer belasten werden.

Hier sei mir eine Bemerkung erlaubt. Zu Recht unterstreicht man die Schwere dieser Probleme für Minderjährige. Dabei kann man aber unwillkürlich unterschätzen oder will vergessen, dass auch Probleme für Erwachsene bestehen und das Unterscheidungskriterium zwischen Minder- und Volljährigen für die rechtlichen Normen notwendig ist, aber nicht geeignet ist, um sich den Herausforderungen zu stellen. Die Verbreitung immer extremerer Pornographie und anderer missbräuchlicher Nutzungen des Netzes führt nämlich auch bei Erwachsenen nicht nur zu Störungen, Abhängigkeiten und schwerwiegenden Schäden, sondern wirkt sich ebenso auf die Vorstellungen von Liebe und auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern aus. Es wäre eine schlimme Täuschung zu glauben, eine Gesellschaft, in der der abnorme Konsum von Sexualität im Netz unter den Erwachsenen überhandnimmt, könnte fähig sein, Minderjährige wirksam zu schützen.

Die zweite Fehleinschätzung besteht darin zu glauben, dass zur Bewältigung der Probleme automatische technische Lösungen, etwa die mit immer ausgeklügelteren Algorithmen erstellten Filter zur Erkennung und Blockierung der Verbreitung missbräuchlicher und schädlicher Bilder, ausreichen. Gewiss handelt es sich dabei um notwendige Maßnahmen. Sicher müssen Unternehmen, die Millionen von Menschen soziale Medien und immer bessere, detailliertere und schnellere digitale Instrumente zur Verfügung stellen, einen verhältnismäßig großen Anteil ihrer hohen wirtschaftlichen Erträge darin investieren. Doch ist es ebenso notwendig, dass die Hauptakteure der technischen Entwicklung das große ethische Anliegen innerhalb der Dynamik dieser Entwicklung mit höchster Dringlichkeit, umfassend und mit Blick auf die verschiedenen möglichen Folgen wahrnehmen.

Und an dieser Stelle müssen wir uns mit der dritten möglichen Fehleinschätzung auseinandersetzen, die in einer ideologischen und utopischen Sicht des Internets als Reich der grenzenlosen Freiheit besteht. Zu Recht sind unter Ihnen auch jene vertreten, deren Aufgabe es ist, zur Sicherheit und zum Schutz des Gemeinwohls und der einzelnen Personen Gesetze zu erlassen oder für deren Einhaltung Sorge zu tragen. Das Netz hat einen neuen gewaltigen Raum für die freie Äußerung und den Austausch von Ideen und Informationen eröffnet. Dies ist gewiss gut, hat aber, wie wir sehen, auch neue Werkzeuge für abscheuliche widerrechtliche Aktivitäten bereitgestellt; im Bereich, der uns beschäftigt, für den Missbrauch und die Verletzung der Würde Minderjähriger, zur Verführung ihres Geistes und zur Gewalt an ihrem Leib. Hier handelt es sich nicht um die Ausübung von Freiheit, sondern um Straftaten, gegen die man durchdacht und entschieden vorgehen muss, indem man die Zusammenarbeit von Regierungen und Sicherheitskräften auf globaler Ebene ausweitet, so wie das Netz global geworden ist.

Über all dies haben Sie miteinander diskutiert. In der mir eben vorgestellten „Erklärung“ haben Sie verschiedene Richtungen aufgezeigt, in welche die konkrete Zusammenarbeit zwischen all den Akteuren gehen muss, deren Aufgabe es ist, sich der großen Herausforderung der Verteidigung der Würde Minderjähriger in der digitalen Welt zu stellen. Ich unterstütze ganz entschlossen und nachdrücklich die von Ihnen eingegangenen Verpflichtungen.

Es geht darum, den Ernst der Probleme wieder ins Bewusstsein zu rufen, entsprechende Gesetze zu erlassen, die Entwicklungen der Technologie zu überwachen, die Opfer zu finden und die einer Straftat Schuldigen zu verfolgen; es geht darum, die betroffenen Minderjährigen in ihrer Rehabilitation zu unterstützen, Erziehern und Familien bei ihren Aufgaben beizustehen sowie kreativ zu sein in der Erziehung der Jugendlichen zu einem angemessenen – für sie selbst und die anderen Minderjährigen gesunden – Gebrauch des Internets; ferner die Feinfühligkeit und moralische Reife zu entwickeln und die wissenschaftliche Forschung in allen mit dieser Herausforderung verbundenen Bereichen fortzusetzen.

Zu Recht bringen Sie den Wunsch zum Ausdruck, dass sich auch Religionsführer und Glaubensgemeinschaften an diesen gemeinsamen Bemühungen beteiligen und ihre gesamte Erfahrung, ihre Autorität und Fähigkeit im Bereich der Ausbildung und der moralischen wie geistlichen Erziehung einbringen. Tatsächlich können wir uns nur durch das Licht und die Kraft, die von Gott her kommen, den neuen Herausforderungen stellen. Was die katholische Kirche betrifft, so möchte ich ihre Bereitschaft und ihren Einsatz dafür bekräftigen. Wie wir alle wissen, wurde der katholischen Kirche in den vergangenen Jahren immer mehr bewusst, in ihrem Innern nicht genügend für den Schutz von Minderjährigen gesorgt zu haben: Es sind sehr schwerwiegende Taten ans Licht gekommen, für die wir die Verantwortung gegenüber Gott, den Opfern und der öffentlichen Meinung eingestehen mussten. Gerade wegen dieser dramatischen Erfahrungen und der durch die Verpflichtung zu Umkehr und Reinigung erworbenen Kompetenzen fühlt sich die Kirche heute besonders stark verpflichtet, sich immer engagierter und mit größerem Weitblick für den Schutz Minderjähriger und ihrer Würde nicht nur in ihrem Inneren, sondern auch in der gesamten Gesellschaft und in der ganzen Welt einzusetzen; und dies nicht alleine – das wäre offensichtlich nicht ausreichend –, sondern indem sie ihre tatkräftige und aufrichtige Zusammenarbeit allen Kräften und Teilen der Gesellschaft anbietet, die sich in dieser Richtung engagieren wollen. Damit schließt sie sich dem Ziel an, das von den Vereinten Nationen in der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung formuliert wurde: »Missbrauch und Ausbeutung von Kindern, den Kinderhandel, Folter und alle Formen von Gewalt gegen Kinder beenden« (Ziel 16.2).

Bei zahlreichen Gelegenheiten und in vielen verschiedenen Ländern begegnet mein Blick dem der Kinder, der armen und reichen, gesunden und kranken, frohen und leidenden. Von Kinderaugen angeschaut zu werden ist eine uns allen bekannte Erfahrung, die uns tief im Herzen berührt und uns auch zu einer Gewissenerforschung verpflichtet. Was tun wir, damit uns diese Kinder mit einem Lächeln anschauen können und sich einen reinen Blick voll Vertrauen und Hoffnung bewahren? Was tun wir, damit ihnen dieses Licht nicht geraubt wird, damit diese Augen nicht von dem verwirrt und verdorben werden, was sie im Internet sehen werden, das ein integraler und außerordentlich wichtiger Bestandteil ihres Lebensumfeldes sein wird?

Arbeiten wir also zusammen, um immer das Recht, den Mut und die Freude zu haben, den Kindern auf der Welt in die Augen zu schauen.

_______

Quelle

Alle Formen des Rassismus überwinden

Twitter / Pixabay CC0 – Mizter_x94, Public Domain

Papst-Tweet am Dienstag, dem 18. Juli 2017

„Es gilt, alle Formen des Rassismus, der Intoleranz und der Instrumentalisierung der menschlichen Person zu überwinden.“ So lautet die von Papst Franziskus am gestrigen Dienstag, dem 18. Juli 2017, auf seinem Account @Pontifex_de veröffentlichte Kurzbotschaft oder Tweet.

Gestern beging die Welt den im Jahr 2009 von den Vereinten Nationen eingeführten und 2010 erstmals gefeierten „Nelson Mandela International Day“ oder kurz „Mandela Day“, d.h. „Mandela-Tag“.

Obwohl die Zahl der Papst-Tweets im Monat Juli leicht zurückgegangen ist, bleibt Franziskus aktiv und aktuell.

Am Samstag, dem 8. Juli, dem vierten Jahrestag seines Besuchs auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa, veröffentlichte er folgendes Tweet: „Die Migranten sind unsere Brüder und Schwestern, die ein besseres Leben suchen fern von Armut, Hunger und Krieg“.

Am Sonntag, dem 9. Juli, „Sea Sunday“, vertraute er die Seeleute der Gottesmutter an. „Ich empfehle die Seeleute, Fischer und alle, die in Schwierigkeiten und fern der Heimat sind, dem mütterlichen Schutz Mariens an“, so lautete das Tweet.

Und am jüngsten Sonntag, dem 16. Juli, war das Papst-Tweet der Muttergottes vom Berge Karmel gewidmet: „Lassen wir uns von der Jungfrau Maria zu dem heiligen Berg führen, der Christus ist und wo sich Gott und der Mensch treffen“. (pdm)

_______

Quelle

„Kastration der Meinungsfreiheit“

Die Kritiker zum Schweigen gebracht. Justizminister Heiko Maas beendet das „verbale Faustrecht“ im Internet. Foto: dpa

Drei auf einen Streich: Neben der „Ehe für alle“ verabschiedeten die Abgeordneten auch ein Überwachungs- und das Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Von Stefan Meetschen

Es war ein denkwürdiger Tag, Freitag der 30. Juni 2017. Sintflutartig fiel der Regen auf die deutsche Hauptstadt nieder, riss vielen Passanten und Transportmitteln den sicheren Boden weg, während die Abgeordneten des Bundestags im trockenen Reichstagsgebäude zügig drei Gesetze durchwunken, deren Auswirkungen auf die Freiheit und die Rechte der Bürger nicht zu unterschätzen sind.

Im Fokus der medialen Aufmerksamkeit stand der Beschluss der „Ehe für alle“; dann gab es aber auch noch das „Gesetz zur effektiveren und praxistauglicheren Ausgestaltung des Strafverfahrens“, das aus Sicht des bekannten Rechtsanwalts und „Tagesspiegel Causa“-Kolumnisten Heinrich Schmitz „das Ende jeglicher Datensicherheit für die Bürger einläutet“, weil „der bisher nur dem BKA zur Prävention von internationalem Terrorismus zugestandene Staatstrojaner zum Alltagswerkzeug der Ermittlungsbehörden“ wird. Und, nicht zu vergessen: Auch das sogenannte „Netzwerkdurchsetzungsgesetz“ von Justizminister Heiko Maas (SPD), über das in den vergangenen Wochen und Monaten nicht nur von Politikern, sondern auch von Journalisten sowie Vertretern der Wirtschaft und verschiedener Nichtregierungsorganisationen kontrovers diskutiert worden war, passierte am Freitag geradezu im Windschatten des Aufsehen erregenden „Ehe für alle“-Beschlusses den Bundestag.

„Wir bringen heute ein wichtiges Gesetzgebungsprojekt nach einem anspruchsvollen parlamentarischen Verfahren zu einem guten Abschluss“, erklärte die rechtspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Elisabeth Winkelmeier-Becker laut dpa. „Wir haben den Gesetzentwurf von Bundesjustizminister Heiko Maas vom Kopf auf die Füße gestellt.“ Der ursprüngliche Gesetzentwurf, der Netzwerkbetreiber wie Facebook oder Twitter unter Androhung von Bußgeld zu einem rigoroseren Umgang mit strafbaren Textinhalten der User verpflichtet, sei „in nicht weniger als 30 Punkten geändert worden“, erläuterte Winkelmeier-Becker die eigene Zustimmung und bekräftigte: „Die Rechtsordnung gilt auch im Internet! Der Rechtsstaat sendet ein klares Signal.“ Bei der Opposition sieht man das anders. Das Gesetz sei „verfassungswidrig“, kritisiert FDP-Generalsekretärin Nicola Beer laut „Bild-Zeitung“ auch die überarbeitete Fassung scharf. „Jetzt drohen wegen der hohen Strafen für die Plattformen präventive Löschorgien bis hin zur Kastration der Meinungsfreiheit.“ Auch die Internet-affine „Piraten“-Partei sieht durch das Gesetz „das Recht auf freie Meinungsäußerung“ bedroht. Der Minister wolle „gegen Hass im Internet vorgehen, tatsächlich schafft er aber nur ein Gesetz zur Privatisierung von Zensur“, heißt es in einer von dpa wiedergegebenen Stellungnahme der Partei. Diese Entwicklung sei „brandgefährlich“. Auch bei der „Alternative für Deutschland“ (AfD) blickt man laut dpa mit Sorge auf das frisch verabschiedete Gesetz des Justizministers. „Obwohl der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages, der UN-Sonderbotschafter David Kayes und unzählige Sachverständige das Gesetz als Zensurvorhaben entlarvten und ablehnen“, sei das Netzwerkdurchsetzungsgesetz „ohne große Diskussion im Bundestag durchgewunken“ worden, so die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel. Dem „Überwachungsstaat“ seien nun „keine Grenzen mehr gesetzt“. Man werde „mit Hochdruck an der Prüfung einer Verfassungsklage gegen dieses Zensurgesetz arbeiten“. Bei den Social Media-Nutzern scheint sich derweil so etwas wie eine subversive Stimmung auszubreiten. Der katholische Bestseller-Autor Michael Hesemann („Der Papst, der Hitler trotzte“) etwa, der im Zuge eines Postings zur „Ehe für alle“ gesperrt wurde, weil es aus Sicht von facebook gegen die Gemeinschaftsstandards verstoße, lässt sich derweil von seinem Hund Lucy Hesemann auf der Plattform vertreten, die ihm hilft, sich während der Sperrung weiterhin digital zu artikulieren („Herrchen meint …“).

Der Schauspieler und Autor Gerd Buurmann hingegen fordert Facebook und den Rechtsstaat, wie auf seinem Blog „Tapfer im Nirgendwo“ zu lesen, zum Duell auf. Am 4. Juli um 12 Uhr wolle er zwei Postings veröffentlichen, für die er bereits von Facebook gesperrt worden sei. Beide Sperrungen entbehren aus seiner Sicht und der seines Anwalts Joachim Steinhöfel „jeder Grundlage und betrafen Beiträge, die nicht nur in den USA vom ersten Verfassungszusatz, sondern auch in Deutschland ohne jeden Zweifel durch Art. 5 GG (Meinungs- und Pressefreiheit) geschützt“ seien. Buurmann weiter zum High Noon: „Sollte ich am 4. Juli 2017 oder danach für dieses Posting oder die zuvor gelöschten Berichte wieder gesperrt oder auch nur eines dieser drei Postings gelöscht werden, werden wir gerichtlich klären lassen, ob ein so ungeheuerlicher Eingriff in meine Grundrechte in Deutschland tatsächlich möglich ist. Gewinnen wir, ist das ein Sieg für die Meinungsfreiheit. Sollten wir unterliegen und der Gesetzgeber nicht unverzüglich handeln, wissen wir, was die Stunde in Deutschland geschlagen hat. Venceremos!“

Justizminister Maas hatte am Freitag im Bundestag laut tagesschau.de erklärt, das „verbale Faustrecht“ im Internet werde durch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz beendet.

_______

Quelle

Angelus: „Die Bibel so oft benutzen wie das Handy“

010170d2201-2-740x493

Papst Franziskus beim Angelus – REUTERS

Nicht nur das Mobiltelefon, sondern auch eine kleine Bibel immer bei uns tragen: Das hat Papst Franziskus den katholischen Gläubigen an diesem ersten Fastensonntag ans Herz gelegt. „Was würde geschehen, wenn wir die Bibel genauso behandeln wie unser Handy? Wenn wir umkehren, um sie zu holen, weil wir sie zu Hause haben liegen lassen, wenn wir sie mehrmals am Tag zur Hand nehmen, wenn wir die Botschaften Gottes in der Bibel lesen, wie wir die Botschaften auf dem Handy lesen?“ Das sei ein paradoxer Vergleich, bringe aber zum Nachdenken, sagte Franziskus beim Angelus.

Der Papst bezog sich auf das Sonntagsevangelium, in dem Satan Jesus in Versuchung führt, dieser ihn aber „mit dem Schild des Wortes Gottes“ pariert. Die 40 Tage Jesu in der Wüste sind das Vorbild der christlichen Fastenzeit, in der der Christen dazu aufgerufen sind, „den Spuren Jesu zu folgen und den geistlichen Kampf gegen das Böse mit dem Wort Gottes zu führen“, so Franziskus. Aus diesem Grund brauche es Vertrautheit mit der Bibel. „Wirklich: hätten wir das Wort Gottes immer im Herzen, dann könnte uns keine Versuchung von Gott entfernen; wir verstünden es, die täglichen Einflüsterungen des Bösen zu besiegen, das in uns und rund um uns ist.“

Nach dem Angelus bat Franziskus die Gläubigen auf dem Petersplatz um das Gebet für seine Fastenexerzitien, die er an diesem Sonntagabend gemeinsam mit den Spitzen der Kurie in Ariccia beginnt. Exerzitienmeister ist in diesem Jahr der italienische Franziskaner Giulio Michelini. Die Fastenzeit sei „der Weg des Gottesvolkes auf Ostern hin, ein Weg der Umkehr, des Kampfs gegen das Böse mit den Waffen des Gebets, des Fastens und der Werke der Nächstenliebe. „Ich wünsche allen, dass ihr Weg der Fastenzeit reiche Frucht trägt.“

 

(rv 05.03.2017 gs)

Kardinal Rainer Maria Woelki mahnt zu behutsamem Umgang mit neuen Medien

epa1426775_articoloDer Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki hat zu einer fairen Kommunikation in den sozialen Netzwerken aufgerufen. Bei der traditionellen Kölner Domwallfahrt sagte Woelki am Sonntag: „Wir brauchen ein Gefühl für den Anderen.“

„Wir leben in einer Zeit, in der jeder seine Meinung in Echtzeit öffentlich machen kann. Wir leben in einer Zeit, in der Tausende von Followern mit einem Klick ihre Be- oder Abwertungen kundtun können, zu der uns Menschen jederzeit erreichen können“, erklärte Woelki. Das könne sehr anstrengend sein.

„Wir sind heute schnell mit unserer Meinung dabei“, so Woelki weiter. Schnell werden man online nach der Meinung gefragt, etwa zu einem möglichen Rücktritt von Politikern. Das sei im wahrsten Sinne des Wortes gnadenlos. „Das hat für uns keine unmittelbare Konsequenzen, aber für den Menschen, über den geurteilt wird, eine enorme.“ Wir befänden uns in einer enormen Verantwortung und Spannung. Zwar brauche es Öffentlichkeit und Transparenz. „Auf der anderen Seite darf öffentliche Kritik nicht anonym und gnadenlos werden.“

„Brauchen menschliches Maß“

Der einfache Klick am Computer – Daumen rauf oder runter – , der schnelle Tweet gegen jemanden, für einen selbst sei dies schnell vergessen. Für den Betroffenen sei dies dagegen „ein Shitstorm, Vorahnung des Fegefeuers, ein Albtraum“. „Nun werden wir die sozialen und bisweilen auch asozialen Netzwerke nicht ändern“, sagte Woelki. „Wir brauchen vernetzte und globale Kommunikation. Aber wir brauchen auch unter veränderten kommunikativen Bedingungen ein menschliches Maß. Wir brauchen ein Gefühl für den Anderen. Wo Kommunikation sich der unmittelbaren Begegnung zunehmend entzieht, steht sie in der Gefahr, den Respekt vor dem Gegegüber zu verlieren, in der Gefahr, ihn nur noch als ein lästiges, als ein anders denkendes Etwas wahrzunehmen. Davor müssten wir uns hüten.“

Dreh- und Angelpunkt der jährlichen Domwallfahrt ist der Weihetag des Kölner Domes am 27. September. An diesem Tag im Jahr 1322 wurde der Chorraum des Gotteshauses geweiht und damit seiner liturgischen Bestimmung übergeben.

(domradio 26.09.2016 sk)

Nicht jedes provokante „Meinungs-Kunstwerk“ toll finden, aber tolerieren

internet-1181586_1280-740x493

Internet / Pixabay CC0 – PeteLinforth, Public Domain

Hassrede und Meinungsfreiheit:
Interview mit Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM)
in Frankfurt

Facebook, Twitter, YouTube und Microsoft haben kürzlich mit der Europäischen Kommission einen Verhaltenskodex gegen sogenannte Hass-Rede präsentiert. Sie wollen – im Namen von Freiheit, Toleranz und Nichtdiskriminierung – Anträge auf Entfernung von solchen Beiträgen im Internet künftig binnen 24 Stunden prüfen. Michaela Koller befragte Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt, über die Mode, Deutschland und seine demokratischen Institutionen schlecht zu machen und zur Toleranz, die notwendig ist, um weiter in Freiheit zu leben.

Nun ist zunächst nicht klar, was der Begriff Hassrede konkret bedeutet. Kritik an den Blasphemiegesetzen in Pakistan wurde auch schon in der Vergangenheit als Hassrede abgestempelt…

Martin Lessenthin: Wir sind als freiheitlich denkende Menschen selbstverständlich für die Abschaffung der Blasphemiegesetze, Antikonversionsgesetze, Verfolgungsfatwas und ähnlicher, die Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit aushebelnder Gesetze. Salman Rushdie, van Gogh, die dänischen Mohammed Karikaturen und Charlie Hebdo müssen möglich sein. Im Einzelfall kann auch ich nicht jedes provokante „Meinungs-Kunstwerk“ toll finden, aber ich kann, ja muss, es tolerieren.

Verbessern wir nicht die Menschenrechtssituation, indem wir Radikalen einen Maulkorb verpassen?

Martin Lessenthin: Wir arbeiten auf der Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und stehen in Deutschland mit beiden Beinen auf dem Boden des Grundgesetzes. Wir treten für die Meinungsfreiheit auch derjenigen ein, die eine andere Meinung haben als wir. Auch wer wie PEGIDA, Recep Erdogan, NPD-Vertreter, diverse Verschwörungstheoretiker oder die Milli Göres und Salafisten in irriger Weise unterstellt, dass in Deutschland „Meinungsdiktatur“ herrsche, darf diese schräge Auffassung vertreten, verkünden, drucken, senden, verbreiten.

Einer der Schwerpunkte der Arbeit der IGFM ist die Überwachung der Meinungsfreiheit. Ist diese also in Deutschland nicht in Gefahr? 

Martin Lessenthin: Von unserem Standpunkt als Menschenrechtsorganisation aus sehen wir die Meinungsfreiheit in Deutschland nicht in Gefahr. Die Behauptung, dass dies gravierend der Fall wäre, bedeutet Staaten zu verharmlosen, die tatsächliche Meinungen und Informationen diktatorisch lenken.

Woher kommt Ihrer Auffassung nach der Vorwurf, es herrsche hier eine Meinungsdiktatur?

Martin Lessenthin: Von den politischen Rändern, aus dem Ausland sowie von Verschwörungstheoretikern. Es hat sich mittlerweile eine Mode eingestellt, dass man Deutschland schlecht macht. Es wird von angeblicher Lügenpresse gesprochen und der Eindruck erweckt, alles sei gelenkt und insbesondere die öffentliche Meinung. Medien, die kritisch berichten, werden mit ihrer Kritik nicht reflektiert, sondern abgelehnt. Die Kritik wird nicht erwünscht.

Welche Medien ignorieren diese Kritiker? 

Martin Lessenthin: Ein Beispiel könnte die Berichterstattung über Pegida sein. Pegida hat sich den Vorwurf von angeblicher Lügenpresse und Meinungsdiktatur auf die Fahnen geschrieben und ganz wesentlich meinungsbildend gewirkt. Indem die Organisation gezeigt hat, dass auch die abstrusen Thesen eines Lutz Bachmann ein weites Echo in Deutschland finden, ist aber das Gegenteil bewiesen, nämlich das doch Meinungsfreiheit herrscht. Trotzdem behaupten die Aktivisten paradoxerweise, die Medien würden die Berichterstattung über sie unterbinden oder verzerren. Ich sehe eher, dass sie eine überproportionale Beachtung genossen haben.

Wie erleben Menschenrechtler eine tatsächliche Meinungsdiktatur? Welche Erfahrungen machen sie konkret? 

Martin Lessenthin: Was Meinungsdiktatur wirklich bedeuten kann, erleben Menschen auf Kuba, in der Volksrepublik China oder auch in Staaten wie Saudi-Arabien oder dem Iran. Dort gibt es Internetpolizei und Überwachung. Die Sperrung des Zugangs zu freier Information und Meinung sowie eine von oben diktatorisch verordnete Staatsmeinung, die jeder zu übernehmen hat. Tut er oder sie dies nicht, muss er oder sie die Folgen der staatlichen Verfolgung in Kauf nehmen.

Es wird beklagt, dass gerade Christen mit Schwierigkeiten rechnen müssen, wenn sie ihre Positionen öffentlich kundtun…

Martin Lessenthin: Das gilt zum Beispiel für Saudi-Arabien, Pakistan, den Iran und die Türkei, ebenso für Nordkorea oder China. Sie werden aber in Deutschland bei ihren Meinungsäußerungen nicht beschränkt. Im Gegenteil: Es gibt bei uns sogar eine Vielzahl von christlichen Medien die großen Einfluss haben, hervorragende christliche Medien, der beiden großen Konfessionen, ebenso die von kleineren christlichen Gemeinden und Bewegungen.

_______

Quelle