PAPST JOHANNES XXIII. ENZYKLIKA: DAS KATHOLISCHE PRIESTERTUM

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III.

ERFOLGREICHE SEELSORGE

 

Was Wir bis jetzt über das herrliche Beispiel der priesterlichen Aszese und des Gebetslebens gesagt haben, Ehrwürdige Brüder, zeigt euch klar, aus wel­cher Quelle der heilige Johannes Maria Vianney sei­nen seelsorglichen Eifer geschöpft hat, und woher jener erstaunliche übernatürliche Erfolg seines Wir­kens kommt. Mit Rücksicht darauf gab Unser Vor­gänger Pius XII. die weise Mahnung: „Der Priester möge wissen, daß der ihm anvertraute wichtige Dienst um so fruchtbarer sein wird, je enger er selbst mit Christus verbunden und von seinem Geiste ge­führt arbeitet“. In der Tat bestätigt das Leben des Pfarrers von Ars von neuem und eindrucksvoll jenes höchste, auf den Worten Jesu Christi gegründete Ge­setz der apostolischen Arbeit: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“71.

Ohne Zweifel brauchen wir hier nicht alle bewun­dernswerten Taten dieses Dorfpfarrers anzuführen, der dreißig Jahre lang im Beichtstuhl von unzähligen Scharen so belagert wurde, daß er von einigen ver­ächtlich „der Volksaufwiegler des 19. Jahrhunderts“ genannt wurde72. Auch halten Wir es nicht für nötig, alle seine seelsorglichen Methoden darzulegen, die für unsere Zeit nicht immer brauchbar sind. Es möge nur das erwähnt werden, daß dieser Heilige für seine Zeit ein Beispiel pastoralen Eifers gewesen ist, und zwar in einem schlichten Dorfe, wo Glaube und Sit­ten noch unter den Nachwirkungen der französischen Revolution daniederlagen. Vor dem Antritt seines Amtes erhielt er nämlich den Auftrag: „Du wirst wenig Liebe zu Gott in jener Pfarrei finden; sorge dafür, daß sie durch dich erweckt wird“73. Ein uner­müdlicher Arbeiter Gottes, geschickt und scharfsinnig bei der Gewinnung der Jugend und der Verchrist­lichung der Familie, aufgeschlossen für die mensch­lichen Nöte seiner Herde und nicht fremd gegenüber ihrer Lebensweise, voll tätiger Sorge für das christ­liche Schulwesen und die Volksmissionen, hat der heilige Johannes Maria Vianney bei dieser kleinen ihm anvertrauten Herde offenkundig das Bild des guten Hirten verwirklicht, der seine Schafe kennt, Gefahren von ihnen fernhält und sie stark und milde zugleich leitet. Er hat unbewußt sein eigenes Lob verkündet, als er einst bei einer Ansprache vor dem Volke sagte: „Ein guter Hirt! Das ist ein Hirt, der den Befehlen und Wünschen Jesu Christi ganz ent­spricht. Das ist das größte Geschenk, das der gütige Gott einer Pfarrei geben kann“74.

Das Beispiel dieses heiligen Mannes hat nun im wesentlichen unter einem dreifachen Gesichtspunkt dauernden und universalen Wert, worauf Wir, Ehr­würdige Brüder, aufmerksam machen möchten.

Es ist zunächst das Bewußtsein der Verantwortung für seine seelsorglichen Aufgaben. So groß war seine Demut, so hoch stand bei ihm im Lichte des Glaubens der Wert des menschlichen Heiles, daß er niemals ohne Furcht das Pfarramt hätte übernehmen können. „Mein Freund“, so sagte er ganz offen einem Mit­bruder, „du weißt nicht, wie furchtbar es ist, wenn ein Priester aus der Seelsorge vor das Gericht Gottes gestellt wird“75. Es ist übrigens schon aus Unseren Darlegungen bekannt, wie lange ihn das Verlangen erfaßt hatte, in die Einsamkeit zu gehen und dort, wie er sagte, sein armseliges Leben zu beweinen und dafür Sühne zu leisten. Auch steht fest, daß ihn nur der Gehorsam und sein Seeleneifer auf das verlassene Feld des Apostolates wieder zurückführen konnten.

Wenn er die große Schwere dieser Last derartig empfand, daß er zuweilen davon fast erdrückt schien, kam es daher, weil er von seinem Amt und der Seelsorge eine so heroische Vorstellung hatte, daß sie nur durch entschlossenes Handeln verwirklicht werden konnte. Zu Beginn seiner pfarrlichen Tätig­keit betete er zu Gott: „Mein Gott, schenke mir die Bekehrung meiner Pfarrei. Ich bin zeitlebens bereit, alles nach deinem Willen zu leiden“76. Gott hat dieses inständige Flehen gewiß erhört, denn später konnte er bekennen: „Wenn mir bei meiner Ankunft in Ars die Leiden, die mich erwarteten, bekannt gewesen wären, wäre ich ohne Zweifel vor Schrecken sofort gestorben“77. Aber nach dem Vorbild apostolischer Männer aller Zeiten sah er vorzüglich im Kreuz das wirksame Mittel, um für das Heil der ihm anver­trauten Seelen zu arbeiten. Für sie ertrug er ohne Klage Verleumdungen, Vorurteile, Widerwärtigkei­ten aller Art; für sie übernahm er gern und täglich ein wahres Martyrium körperlicher und seelischer Art in der fast ununterbrochenen Verwaltung des Bußsakramentes während dreißig Jahren. Für sie brachte er seinen Leib durch freiwillige Abtötungen in Knechtschaft. Sehr bekannt ist seine Antwort an einen Priester, der sich bei ihm über die Unfrucht­barkeit seiner seelsorglichen Tätigkeit beklagte: „Hast du flehentlich zu Gott gebetet, hast du geweint und geseufzt, hast du auch Fasten, Nachtwachen, Schlafen auf dem Erdboden und körperliche Kastei­ungen übernommen? Solange du dazu noch nicht gekommen bist, glaube nicht, alles getan zu haben“78.

Wir wenden Uns wiederum an alle Seelsorger und bitten sie dringend, die Bedeutung dieser gewich­tigen Worte zu erfassen. Ein jeder möge entsprechend der übernatürlichen Klugheit, durch die alle unsere Handlungen geregelt werden müssen, über sein eigenes Verhalten nachdenken, ob es nämlich so ist, wie es die pastorale Sorge für das anvertraute Volk verlangt. Im Vertrauen auf die Hilfe der gött­lichen Barmherzigkeit, die niemals der menschlichen Schwachheit fehlt, mögen die Diener des Heiligtums über die übernommenen Aufgaben und Ämter nach­denken, indem sie auf den heiligen Johannes Maria Vianney wie in einen Spiegel schauen. „Das große Unglück für uns Pfarrer“, klagte dieser heilige Mann, „ist es, daß wir in Trägheit und Erschlaffung untätig werden.“ Mit diesen Worten wollte er auf den gefährlichen Geisteszustand jener Pfarrer hin­weisen, die sich an die Knechtschaft der Sünde ihrer Herde gewöhnt haben. Wenn die Priester aber mehr nach dem Beispiel des Pfarrers von Ars leben wollen, „nach dessen Überzeugung die Menschen geliebt wer­den müssen, damit wir ihnen Gutes tun können“79, mögen sie sich erforschen, wie sie jene lieben, deren Sorge ihnen Gott anvertraut hat, und für die Chri­stus gestorben ist.

Es ist sicher wahr, daß wegen der Freiheit der Menschen und gewisser Ereignisse, die unabhängig sind vom Willen der Menschen, zuweilen auch die Bemühungen der größten Heiligen erfolglos bleiben. Nichtsdestoweniger soll der Priester bedenken, daß nach den geheimen Plänen der göttlichen Vorsehung das ewige Heil der meisten Menschen von seiner Hirtensorge und dem Beispiel seines priesterlichen Lebens abhängt. Ist dieser Gedanke aber nicht von solcher Bedeutung, daß er die Nachlässigen heilsam bewegt und die eifrigen Arbeiter Christi zu noch größerem Eifer antreibt?

„Immer bereit für die Nöte der Seelen“80, hat sich der heilige Johannes Maria Vianney als guter Hirt auch dadurch ausgezeichnet, daß er seine Herde mit religiöser Wahrheit in reicher Fülle genährt hat. Sein ganzes Leben war er Prediger und Katechet.

Es ist allgemein bekannt, welch große und ständige Mühe er auf die gute Erfüllung dieser Aufgabe verwendet hat, die vom Konzil von Trient als die erste und größte Aufgabe bezeichnet wird. Denn der Stu­diengang, erst im späteren Alter vollendet, war für ihn beschwerlich, und die ersten Predigten vor dem Volke verlangten von ihm sehr viele durchwachte Nächte. Welch ein Beispiel für die Verwalter des Wortes Gottes! Einige von ihnen möchten sich für ihre fast gänzliche Vernachlässigung der Studien gern entschuldigen mit der geringen Gelehrsamkeit des Pfarrers von Ars, aber mit Unrecht. Diese mögen sich lieber die feste Ausdauer des Pfarrers von Ars zum Beispiel nehmen, mit der er sich entsprechend seinen geistigen Anlagen für diese Aufgabe fähig machte. Diese Anlagen waren nämlich nicht so ge­ring, wie man gewöhnlich meint, da er reich war an klarem Verstand und richtigem Urteil81.

Jedenfalls müssen sich die Priester jene allgemei­nen Kenntnisse der menschlichen Verhältnisse und jene volle theologische Bildung erwerben, die ihrer Anlage und ihrem Dienst entsprechen. Möchten doch die Hirten der Seelen in dieser Sache soviel Eifer zeigen wie der Pfarrer von Ars, um die Hindernisse und Schwierigkeiten beim Studium zu überwinden, das Gedächtnis durch Übung zu stärken und beson­ders aus dem wichtigsten Buche Wissen zu schöpfen, dem Kreuze des Herrn. Sein Bischof konnte gewissen Widersachern antworten: „Ich weiß nicht, ob er ge­lehrt ist; jedoch ist er übernatürlich erleuchtet“82.

Deshalb hat Unser Vorgänger, Pius XII., mit vollem Recht und ohne Zögern diesen schlichten Landpfarrer den Predigern Roms als Vorbild vor Augen gestellt: „Der heilige Pfarrer von Ars hatte keineswegs das natürliche Redetalent eines Segneri oder Bossuet. Aber die lebendige und lichtvolle Klar­heit der Lehre, die ihm eigen war, strömte aus dem Klang seiner Stimme, leuchtete aus seinen Augen, und so bot er dem Verstande und der Phantasie seiner Zuhörer passende Bilder und anmutige Gleichnisse; auch ein heiliger Franz von Sales hätte von Bewun­derung erfaßt werden können. Das sind die Redner, welche die Herzen der Gläubigen für sich gewinnen. Wer von Christus erfüllt ist, findet ohne Schwierig­keit alle Wege, um andere mit Christus zu verbin­den“83. Mit diesen Worten ist der Pfarrer von Ars als Katechet und heiliger Prediger wunderbar gezeichnet. Als aber beim Nahen des Todes seine zu schwache Stimme die Zuhörer nicht mehr erreichen konnte, be­wegte er die Gläubigen, die seine Kanzel umgaben, zum Guten durch das Feuer seiner Augen, durch Tränen und Gottesliebe ausströmende Seufzer und Zeichen tiefer Trauer bei dem Gedanken an die Sünde. Wie hätten nicht alle heftig bewegt werden müssen, da ihnen ein solches Leben, das ganz Christus geweiht war, so hell voranleuchtete?

Bis zu seinem frommen Tode war der heilige Johannes Maria Vianney ein treuer Lehrer seiner Gläubigen oder der frommen Pilger, die seine Kirche füllten; „gelegen oder ungelegen“84, nannte er offen alle Übel, unter welchem Schein sie auch verborgen waren, suchte aber vor allem, die Seelen zu Gott emporzuheben; denn „er wünschte mehr die Schön­heit der Tugend als die Häßlichkeit des Lasters vor Augen zu führen“85. Dieser demütige Priester er­kannte nämlich die Würde und Erhabenheit des Pre­digtamtes. „Unser Herr“, so sagte er, „der selbst die Wahrheit ist, schätzte sein Wort nicht weniger als seinen Leib.“

Es ist deshalb leicht begreiflich, daß Unsere Vor­gänger mit großer Freude den Vorstehern des christ­lichen Volkes ein solches Beispiel zur Nachahmung empfahlen; denn es ist von großer Bedeutung, daß der Klerus das heilige Lehramt sorgfältig verwaltet. Der heilige Pius X. erklärte mit Bezug darauf, „man möge danach streben und darauf dringen, daß der Priester durch keine andere Aufgabe so schwer verpflichtet, durch kein anderes Band so eng gebunden werde“86. Diese Mahnung haben Unsere Vorgänger immer wieder erneuert, und sie ist unter die Vor­schriften des Kirchlichen Gesetzbuches87 aufgenom­men. Auch Wir richten sie an euch, Ehrwürdige Brü­der, bei Gelegenheit der Zentenarfeier zu Ehren des heiligen Katecheten und Predigers von Ars. Wir loben die Bemühungen, die in kluger Weise unter eurer Führung in verschiedenen Ländern unternom­men sind, um die religiöse Unterweisung der Jugend und der Erwachsenen in ihren verschiedenen Formen mit Berücksichtigung der jeweiligen örtlichen Ver­hältnisse zu verbessern. Solche Versuche sind zwar nützlich, aber bei dieser Zentenarfeier soll nach Gottes Willen die staunenswerte und unüberwind­liche apostolische Macht eines Priesters von neuem ins Licht gerückt werden, der durch Wort und Tat Zeugnis von dem gekreuzigten Christus abgelegt hat: „nicht mit überredenden Worten menschlicher Weis­heit, sondern im Erweis von Geist und Kraft“88.

Wir müssen jetzt noch jene seelsorgliche Tätigkeit des heiligen Johannes Maria Vianney betrachten, die für ihn täglich ein langes Martyrium war, nämlich die Verwaltung des Bußsakraments, die besonderes Lob verdient und überaus reiche und heilsame Früchte hervorbrachte. „Er war durchschnittlich 15 Stunden täglich mit Geduld im Beichtstuhl. Diese Tagesarbeit begann schon sehr früh am Morgen und endete erst tief in der Nacht“89. Als er fünf Stunden vor dem Tode vor Übermüdung zusammenbrach, drängten sich die letzten Pönitenten um sein Sterbebett. Man schätzt, daß gegen Ende seines Lebens jährlich 80 000 Pilger zu ihm kamen90.

Kaum vorstellbar sind die Härten, Unannehm­lichkeiten, körperlichen Beschwerden dieses Mannes während der langen Sitzungen bei der Verwaltung des Bußsakramentes. Das ist um so bewunderns­werter, wenn man bedenkt, daß er durch Fasten, Abtötungen, Nachtwachen und Mangel an Schlaf aufgerieben war. Besonders aber wurde er dabei durch seelische Ängste gequält und ganz niederge­drückt. Man höre seine Klage: „So viel Böses wird gegen Gott getan“, sagte er, „daß man zuweilen das Ende der Welt herbeiwünschen möchte. Man muß nach Ars kommen, um die Schwere und fast unend­liche Menge der Sünden zu erfahren… Wir wissen leider nicht, was wir tun sollen; wir glauben nichts anderes tun zu müssen, als voll Trauer unser Gebet zu Gott zu richten.“ Außerdem konnte dieser heilige Mann hinzufügen, er übernehme freiwillig einen Teil der Sühne für die Sünden. Er sagte nämlich denen, die ihn in dieser Sache befragten: „Ich lege den Beichtkindern, die ihre Sünden rechtmäßig bekannt haben, nur eine kleine Buße auf; das übrige über­nehme ich an ihrer Stelle“91.

Der heilige Johannes Vianney hatte wahrlich, wie er sagte, die armen Sünder immer vor Augen und im Herzen, in der Hoffnung, es schließlich zu erleben, daß sie sich zu Gott bekehrten und ihre Sünden be­weinten. Darauf waren alle seine Sorgen und Ge­danken gerichtet, dafür verwendete er fast alle seine Zeit und alle seine Kräfte92. Aus den Erfahrungen bei der Verwaltung des heiligen Bußsakramentes, bei der er die Bande der Schuld löste, erkannte er, wie­viel Bosheit in der Sünde steckt und welch schreck­liche Verwüstungen sie in den Herzen der Menschen anrichtet93. Er pflegte das in düsteren Farben zu schildern: „Wenn wir“, so versicherte er, „die von schwerer Schuld befleckte Seele im Lichte des Glau­bens betrachten würden, müßten wir vor Schrecken sterben.“

Aber die Heftigkeit seines Schmerzes und seiner Worte kamen weniger aus der Furcht vor den ewigen Strafen, die den unbußfertigen Sünder bedrohen, als aus der angstvollen Sorge, daß die göttliche Liebe nicht erkannt oder aber beleidigt wird. Wegen der Hartnäckigkeit des Sünders und seiner Undankbar­keit gegen einen so guten Gott flossen reichlich Tränen aus seinen Augen! „O mein Freund“, sagte er, „ich weine deshalb, weil ihr nicht weint“94. An­dererseits verstand er es, mit Güte die Hoffnung in den Herzen der reumütigen Sünder wieder wachzu­rufen. Für sie wurde er unermüdlich der Verwalter der göttlichen Barmherzigkeit, sie ist nach seinen Worten „mächtig wie ein reißender Strom und zieht die Herzen mit sich“95, sie ist zarter als die Sorge einer Mutter, „weil Gott mehr bereit ist zu verzeihen, als eine Mutter bereit ist, eines ihrer Kinder aus dem Feuer zu holen“96.

Die Seelsorger mögen sich daher nach dem Bei­spiel des heiligen Pfarrers von Ars dieser so wichtigen Aufgabe eifrig und mit dem notwendigen Wissen widmen, weil hier vorzüglich die göttliche Barmherzigkeit über die Bosheit der Menschen trium­phiert und die Sünder frei von Schuld mit Gott ver­söhnt werden. Man möge auch das bedenken, daß Unser Vorgänger, Pius XII., „mit sehr bedeutungs­vollen Worten“ jene Ansicht verurteilt hat, wonach das häufige Bekenntnis der läßlichen Sünden in der Beichte nicht von Bedeutung sei; der Papst sagt näm­lich: „Für einen täglich größeren Fortschritt in der Tugend empfehlen Wir dringend den frommen Brauch der öfteren Beichte, der von der Kirche nicht ohne Eingebung des Heiligen Geistes eingeführt ist“97. Wir vertrauen zuversichtlich darauf, daß vor allen anderen die Priester die Vorschriften des kirch­lichen Rechts98 treu befolgen, daß sie nämlich das für die Heiligung so notwendige Sakrament der Buße fromm und zu bestimmten Zeiten benutzen. Sie mögen auch jene dringenden Mahnungen mit Hoch­achtung und durch die Tat befolgen, die von Unserem Vorgänger »betrübten Herzens“ öfter ausgesprochen worden sind99.

 

SCHLUSSWORT

Am Schluß dieses Rundschreibens möchten Wir, Ehrwürdige Brüder, noch Unsere Hoffnung aus­drücken, daß mit der Gnade Gottes diese Zentenar­feier in jedem Priester das Verlangen erwecke, mit brennenderem Eifer den heiligen Dienst zu versehen und vor allem auf die »erste priesterliche Pflicht, die eigene Heiligung“, bedacht zu sein100. Wenn Wir von der Höhe der päpstlichen Würde, zu der Uns die göttliche Vorsehung geführt hat, Unseren Geist auf das richten, was im Bereich der Seelsorge noch auf Erfüllung wartet, nämlich auf so viele Gebiete des Erdkreises, die noch nicht vom Lichte des Evan­geliums erleuchtet sind, oder auf die zahllosen Be­dürfnisse des christlichen Volkes, begegnet Uns im­mer wieder die Gestalt des Priesters. Was würden ohne ihn, ohne seine tägliche Arbeit alle aposto­lischen Unternehmungen, auch die scheinbar sehr zeitgemäßen, nützen? Was auch könnten die Laien erreichen, die großmütig das Apostolat unterstützen? Deshalb möchten Wir ohne Zögern alle Priester, denen Wir mit großer Liebe zugetan sind und auf welche die Kirche eine so große Hoffnung setzt, im Namen Jesu Christi und in väterlicher Gesinnung dazu aufrufen, daß sie mit größter Gewissenhaftig­keit alles das leisten, was ihre hohe kirchliche Würde von ihnen verlangt. Dieser Unser Aufruf möge durch die weisen Worte des heiligen Pius X. noch verstärkt werden: „Zur Ausbreitung des Reiches Christi auf Erden ist nichts mehr notwendig als die Heiligkeit der Priester, so daß sie als Führer durch Beispiel, Wort und Lehre den Gläubigen vorangehen“101. Etwas Ähnliches sagte der heilige Johannes Maria Vianney zu seinem Bischof: „Wenn ihr eure Diözese bekehren wollt, müßt ihr dafür sorgen, daß alle eure Pfarrer heilig werden.“

Euch aber, Ehrwürdige Brüder, die ihr vorzüglich verantwortlich seid für die Heiligung eurer Priester, empfehlen Wir, ihnen in ihren zuweilen großen Schwierigkeiten persönlicher oder amtlicher Art zur Seite zu stehen. Was vermag nicht ein Bischof, der seinen Klerus liebt, mit ihm fest verbunden ist, ihn wirklich kennt und ihm in ständiger Sorge nahe ist und ihn fest und väterlich zugleich leitet? Ihr seid Hirten der ganzen Diözese, aber seid es vor allem in besonderer Sorge für jene, die durch die heilige Weihe eure engsten Mitarbeiter und mit so heiligen Banden mit euch verbunden sind.

Auch an alle Gläubigen richten Wir bei Gelegen­heit der Zentenarfeier die väterliche Mahnung, daß sie ihre Priester in ihr Gebet einschließen und so zu ihrer Heiligung nach Kräften beitragen. Heute schauen die eifrigen Christen mit großen Erwartun­gen auf den Priester. In einer Welt, in der überall das Geld herrscht, die Sinnlichkeit und eine Überschätzung der Technik, möchten sie im Priester einen Mann sehen, der im Namen Gottes spricht, der von festem Glauben beseelt ist und selbstlos von Liebe zum Nächsten brennt. Alle Gläubigen mögen deshalb wissen, daß sie viel dazu beitragen können, den Priestern die Erreichung dieses erhabenen Zieles zu erleichtern, wenn sie der priesterlichen Würde Ehr­furcht erweisen, ihre seelsorglichen Aufgaben und Schwierigkeiten richtig einschätzen und den Priestern mit größerem Eifer als bisher zur Seite stehen.

Mit väterlicher Gesinnung möchten Wir Uns auch noch an die Jungmänner wenden, die wir mit großer Liebe umfassen und auf deren Hilfe die Kirche ihre Hoffnung für die Zukunft setzt. „Die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige“102. In vielen Gegen­den warten die Boten des Evangeliums, von Arbei­ten überlastet, sehnlichst auf diejenigen, die ihre Auf­gaben übernehmen. Nicht wenige Völker werden mehr durch Hunger nach himmlischer als nach irdischer Nahrung schlaff. Wer wird ihnen die über­natürliche Nahrung des Lebens und der Wahrheit bringen? Wir vertrauen fest darauf, daß die jungen Männer unserer Zeit nicht weniger als früher der Einladung des göttlichen Meisters großmütig ent­sprechen und bei dieser notwendigen Aufgabe mit­helfen.

Die Priester leben oft unter schwierigen Verhält­nissen. Kein Wunder, denn die Feinde der Kirche gehen mit Schmähungen und Nachstellungen zuerst gegen die Priester feindlich vor; wie auch der Pfarrer von Ars sagte, richten die Feinde der Religion ihre Angriffe zuerst gegen den Priester. Aber in dieser schweren Notlage erfahren die eifrigen Priester große und wahre Befriedigung im Bewußtsein ihrer Auf­gabe; sie wissen nämlich, daß sie vom göttlichen Er­löser dazu berufen sind, für eine ganz heilige An­gelegenheit einzutreten, nämlich für die Erlösung der Menschen und das Wachstum des mystischen Leibes Christi. Deshalb mögen die christlichen Familien es als Ehrensache ansehen, der Kirche Priester zu schen­ken; sie mögen freudig und dankbar ihre Söhne für den heiligen Dienst opfern.

Weil aber Unsere Mahnung auch euch heftig be­wegt, Ehrwürdige Brüder, ist es nicht notwendig, länger dabei zu verweilen. Wir sind davon über­zeugt, daß ihr Unsere Sorge klar erkennt und wirk­sam daran teilnehmt. Inzwischen aber übergeben Wir dieses bedeutungsvolle Anliegen der Fürbitte des heiligen Johannes Maria Vianney, mit dem das Heil unzähliger Menschen so eng verbunden ist.

Wir wenden Uns auch an die unbefleckt geblie­bene Gottesgebärerin. Kurz bevor der heilige Pfarrer von Ars sein irdisches Leben, das reich war an über­natürlichen Verdiensten, vollendet hat, erschien sie in einer anderen Gegend Frankreichs einem unschul­digen und demütigen Mädchen und ließ die Menschen zum Gebet und zu christlicher Buße in mütterlicher Weise einladen. Diese erhabene Stimme bewegt noch nach dem Verlauf eines Jahrhunderts die Seelen und hat weithin ein gewaltiges Echo. In Wahrheit war das Leben und die Lehre jenes unter die Heiligen aufgenommenen Priesters, dessen Säkularfeier wir begehen, im voraus eine Illustration jener über­natürlichen Wahrheiten, die in der Grotte von Lour­des dem unschuldigen Mädchen mitgeteilt wurden. Er hatte eine große Verehrung für die unbefleckt empfangene Jungfrau, weihte im Jahre 1836 die Pfarrkirche der unbefleckten Jungfrau Maria und nahm mit größter Pietät und Freude im Jahre 1854 die unfehlbare dogmatische Definition dieser Wahr­heit auf103.

Mit dem schuldigen Dank gegen Gott verbinden Wir deshalb diese beiden Zentenarfeiern von Lour­des und Ars, die aufeinander folgen und sehr ehren­voll für die uns teure Nation sind, die sich jener heiligen Orte rühmt. Eingedenk so vieler Wohltaten und im Vertrauen auf neue Segnungen für Uns und die ganze Kirche, bedienen Wir Uns jener Bitte, die so oft von den Lippen des heiligen Pfarrers kam: „Gepriesen sei die heiligste und unbefleckte Emp­fängnis der seligen Jungfrau Maria und Mutter Gottes. Alle Nationen, alle Länder der Erde mögen dein unbeflecktes Herz loben, anrufen und preisen“104.

Wir haben das feste Vertrauen, daß diese Hundert­jahrfeier zu Ehren des heiligen Johannes Maria Vianney überall frommen Eifer weckt, sowohl bei den Priestern als auch bei denen, die durch Gottes Gnade zum Priestertum berufen werden, und daß sie auch alle Gläubigen zu tätigem Interesse für das Leben und den Dienst der Priester anregt.

In diesem Vertrauen erteilen Wir allen und be­sonders euch, Ehrwürdige Brüder, als Unterpfand himmlischer Gnade und zum Zeugnis Unseres Wohl­wollens liebevoll den apostolischen Segen.

Gegegeben zu Rom beim heiligen Petrus, am 1. August 1959, im ersten Jahre Unseres Pontifikats.

PAPST JOHANNES XXIII.

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ANMERKUNGEN

 

71 Io. 15,5

72 Arch. Secret. Vat. t. 227, 629

73 Ibidem t. 227, 15

74 Sermons, 1. c. t. 2, 86

75 Arch. Secret. Vat. t. 227, 1210

76 Arch. Secret. Vat. t. 227, 53

77 Ibidem t. 227, 991

78 Ibidem t. 227, 991

79 Arch. Secret. Vat. t. 227, 1002

80 Ibidem t. 227, 580

81 Arch.Secret. Vat. t. 3897, 444

82 Ibidem t. 3897, 272

83 Discorso 16. 3. 1946; AAS XXXVIII 1946, 186

84 Ibidem 2 Tim. 4,2

85 Arch. Secret. Vat. t. 227, 185

86 Litt. Enc. Acerbo nimis; Acta Pii X, II 75

87 CIC can. 1330-1332

88 1 Cor. 2,4

89 Arch. Secret. Vat. t. 227, 18

90 Ibidem

91 Ibidem t. 227, 1018

92 Ibidem t. 227, 18

93 Ibidem t. 227, 290

94 Ibidem t. 227, 999

95 Ibidem t. 227, 978 96

96 Ibidem t. 3900, 1554

97 Litt. Enc. Mystici Corporis; AAS XXXV 1943, 235

98 CIC can. 125 5 1

99 Litt. Enc. Mystici Corporis; AAS XXXV 1943, 235. Litt. Enc. Mediator Dei; AAS XXXIX 1947, 585. Adhort. Apost. Menti Nostrae; AAS XLII, 1950, 674

100 Adhort. Apost. Menti Nostrae; AAS XLII 1950, 677

101 Epist. La ristorazione; Acta Pii X, I 257

102 Matth. 9,37

103 Arch. Secret. Vat. t. 227, 90

104 Ibidem t. 227, 1021

PAPST JOHANNES XXIII. ENZYKLIKA: DAS KATHOLISCHE PRIESTERTUM

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Heiliger Pfarrer von Ars, beschütze das Oberhaupt der Kirche und alle Pfarrer/Priester der ganzen Welt! (http://sacerdos-viennensis.blogspot.ch/)

II.

GEBETSLEBEN UND EUCHARISTISCHER KULT

 

Der heilige Johannes Maria Vianney, ein Vorbild der Abtötung, war auch davon überzeugt, „daß der Priester vor allem ein Mann ständigen Gebetes sein muß“46. Es ist bekannt, daß er als junger Pfarrer eines Dorfes, wo das christliche Leben ganz erschlafft war, zur Zeit der nächtlichen Ruhe viele Stunden andächtig dazu verwendet hat, Jesus im Sakramente seiner Liebe zu verehren; der heilige Tabernakel war offenbar die Quelle, aus der er ständig göttliche Kräfte schöpfte, mit denen er seine Frömmigkeit nährte und sein apostolisches Wirken befruchtete. Deshalb paßt auf das Dorf Ars zur Zeit dieses heiligen Mannes das Bild, das Unser Vorgänger Pius XII. von einer christlichen Pfarrei entworfen hat: „In der Mitte steht die Kirche; in der Mitte der Kirche der heilige Tabernakel und an seinen Seiten die Beicht­stühle, wo das christliche Volk das übernatürliche Leben oder die seelische Gesundheit findet“47.

Für jene Priester unserer Zeit, welche zuweilen die äußere Betriebsamkeit, mehr als recht ist, preisen und zum Schaden ihres geistlichen Amtes solchem Tun so leicht zuviel nachgeben, ist das Beispiel des ständigen Gebetes dieses Mannes, der sich ganz für das Heil der Seelen opferte, sehr zeitgemäß und heilsam: „Was unsere Priester an ihrer Heiligung hindert, ist – nach den Worten des Pfarrers von Ars – der Mangel an Besinnung. Wir haben keine Lust, unseren Geist von den äußeren Dingen abzulenken, wir wissen nicht, was wir tun müssen. Wir bedürfen intensiver Überlegung, ständigen Gebetes, inniger Vereinigung mit Gott.“ Wie aus den Zeugnissen seines Lebens hervorgeht, war er ständig im Gebet, von dem ihn weder die Bürde des Beichthörens noch andere seel­sorgliche Aufgaben irgendwie ablenken konnten. „Mit sehr vielen Arbeiten überlastet, setzte er nicht das Gebet aus“48. Hören wir ihn selbst sprechen, denn mit unerschöpflicher Beredsamkeit sprach er über die aus dem Gebet fließende Seligkeit und den Nutzen des Gebetes: „Wir sind Bettler, die wir alles von Gott erbitten müssen“49. „Wie viele können wir durch unser Gebet zu Gott zurückführen“50. Er pflegte oft zu sagen: „Das glühende Gebet zu Gott ist hier auf Erden das vollkommene Glück des Menschen“51. Diese Seligkeit genoß er in reicher Fülle, wenn er seinen übernatürlich erleuchteten Geist auf die Be­trachtung himmlischer Dinge richtete und seine reine und einfache Seele von dem Geheimnis des menschgewordenen Gottes bis zu den Höhen der Heiligsten Dreifaltigkeit, an der er mit besonderer Liebe hing, erhob. Und die Scharen der Pilger, die ihn in der Kirche umgaben, fühlten es, wie etwas aus dem Innersten dieses demütigen Priesters nach außen strömte, wenn aus seinem brennenden Herzen diese Worte sehr häufig laut wurden: „Geliebt werden von Gott, verbunden sein mit Gott, vor Gott wandeln, für Gott leben: o seliges Leben, o seliger Tod!“52

Wir wünschen dringend, Ehrwürdige Brüder, daß die eurer Wachsamkeit anvertrauten Priester durch dieses Beispiel des heiligen Johannes Maria Vianney zu der Überzeugung kommen, daß sie mit allen Kräften daran arbeiten müssen, sich im Gebetsleben auszuzeichnen, und daß dieses in der Tat möglich ist, obwohl sie durch apostolische Arbeiten abgelenkt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, muß sich ihr Leben ganz nach den Vorschriften des Glaubens richten, von dem durchdrungen Johannes Maria Vianney so Wunderbares geleistet hat. „O wunder­barer Glaube dieses Priesters!“, so versicherte einer seiner Mitbrüder, „dieser Glaube ist so groß, daß er alle Seelen der Diözese bereichern könnte“53.

Diese ständige Vereinigung mit Gott wird erreicht und geschützt durch verschiedene Übungen der prie­sterlichen Frömmigkeit. Einige von größerer Bedeu­tung hat die Kirche sehr weise gesetzlich vorgeschrie­ben, besonders die tägliche Betrachtung, den an­dächtigen Besuch vor dem Tabernakel, den mariani­schen Rosenkranz, die sorgfältige Gewissenserfor­schung54. An das Stundengebet sind die Priester infolge der übernommenen schweren Verpflichtung gegen die Kirche gebunden55. Weil eine von diesen Vorschriften vielleicht vernachlässigt worden ist, werden die Kleriker von dem Wirbel äußerer Dinge oft ganz mitgerissen, entbehren nach und nach des göttlichen Anrufes und geraten schließlich, angezogen durch die Lockungen dieser Welt, in große Gefahr, während sie schon jeglichen geistlichen Schutzes beraubt sind. Anders Johannes Maria Vianney, „der die Sorge für sein eigenes Heil nicht vernachlässigte, während er sich für das Heil anderer ganz opferte. Er war für die eigene Heiligkeit ganz besorgt, damit er um so leichter andere heiligen konnte“56. Mit dem heiligen Pius X. haben Wir „die Gewißheit, daß ein Priester besonders großen Eifer im Gebet haben muß, um auf der Höhe seines Stan­des und seines Amtes bleiben zu können … Denn der Priester muß viel mehr als andere der Vorschrift Christi folgen: ,Man muß immer beten.‘ Entspre­chend gab Paulus den dringenden Rat: ,Widmet euch eifrig dem Gebete, wachet in Danksagungen, betet ohne Unterlaß'“57. Außerdem machen Wir Uns gern die Worte zu eigen, mit denen Unser unmittelbarer Vorgänger im Anfang seines Pontifikats den Prie­stern gleichsam eine Losung gab: „Betet, betet immer mehr und immer inständiger“58.

Das Gebetsleben des heiligen Johannes Maria Vianney, das in den letzten 30 Jahren seines Lebens fast immer im Gotteshause verlief, wo er durch die große Menge der Pönitenten festgehalten wurde, hat ein besonders auszeichnendes Merkmal: es war näm­lich vorzüglich auf die heilige Eucharistie gerichtet. Es ist kaum glaublich, mit welch glühender Fröm­migkeit er den unter dem eucharistischen Schleier verborgenen Christus den Herrn verehrte. „Dort ist derjenige“, so sagte er, „der uns so sehr liebt; wes­halb sollten wir ihn nicht wieder lieben?“59 Er hing mit brennender Liebe an dem anbetungswürdigen Sakrament des Altares, und er wurde wie mit über­natürlicher, unwiderstehlicher Gewalt zum Taber­nakel hingezogen. Seine Gläubigen lehrte er so beten: „Viele Worte sind für ein gutes Gebet nicht notwen­dig. Wir glauben fest, daß dort im Tabernakel der gütigste Herr gegenwärtig ist; ihm öffnen wir unsere Seele; wir freuen uns über seine Gegenwart; das ist die beste Art zu beten“60. Bei jeder Gelegenheit ent­zündete er in den Gläubigen die Ehrfurcht und Liebe gegen den im Sakrament der Eucharistie verborgenen Christus und rief sie zum heiligen Mahle. Mit dem Beispiel seiner Frömmigkeit ging er den anderen vor­an. „Um sich davon zu überzeugen, genügte es“ – nach Angabe von Zeugen -, „ihn bei der Darbringung des heiligen Opfers zu sehen oder wie er die Kniebeuge machte, wenn er am Tabernakel vorbeiging“61.

Nach den Worten Unseres Vorgängers Pius XII. „behält das herrliche Beispiel des heiligen Johannes Maria Vianney auch für unsere Zeit seinen vollen Wert“62. Denn das längere Gebet des Priesters vor dem anbetungswürdigen Sakrament des Altares hat solche Würde und Kraft, daß es durch nichts anderes ersetzt werden könnte. Der Priester nämlich, der Christus den Herrn anbetet und ihm Dank sagt, oder Genugtuung leistet für seine und der anderen Fehler, oder auch inständig seine Anliegen Gott empfiehlt, wird entzündet von heißerer Liebe zum göttlichen Erlöser, dem er Treue gelobt hat, und auch von Liebe zu den Menschen, denen er seine pastorale Sorge zu­wendet. Durch die eucharistische Frömmigkeit, wenn sie brennend und voll tätigen Eifers ist, wird das innere geistliche Leben des Priesters genährt und ge­fördert, und daraus fließen ihm bei der Seelsorge übernatürliche, stärkste Kräfte zu, mit denen die Arbeiter Christi immer ausgestattet sein müssen.

Wir wollen auch nicht mit Schweigen den Nutzen übergehen, den die Gläubigen davon haben, wenn sie Zeugen der priesterlichen Frömmigkeit sind und durch ihr Beispiel angezogen werden. „Wenn ihr wünscht, daß die euch anvertrauten Gläubigen fromm und gern beten“, sagte Unser Vorgänger Pius XII. zum römischen Klerus, „muß ihnen euer Beispiel im Gotteshause voranleuchten, indem sie euch selbst betend sehen. Der Priester, der vor dem heiligen Tabernakel knieend in würdiger Haltung und tiefer Sammlung betet, ist ein herrliches Beispiel für das christliche Volk, eine Mahnung und Ein­ladung zu ähnlichem Gebetseifer“63.

Das war das Schutzmittel des jungen Pfarrers von Ars bei der Ausübung seines Apostolats; es ist ohne Zweifel zu jeder Zeit und an allen Orten von höchstem Wert.

Wir dürfen aber nicht vergessen, daß die vorzüg­lichste Form des eucharistischen Gebetes das heilige Meßopfer ist. Das ist, Ehrwürdige Brüder, nach Unserer Meinung einer näheren Betrachtung wert, weil es etwas Wesentliches und sehr Notwendiges für das priesterliche Leben berührt.

Wir beabsichtigen hier nun nicht, die überlieferte Lehre der Kirche über das Priestertum und das eucharistische Opfer näher darzulegen. Unsere Vor­gänger Pius XI. und Pius XII. haben das schon in gewichtigen und lichtvollen Dokumenten behandelt, und Wir ermahnen euch, eifrig dafür zu sorgen, daß eure Priester und Gläubigen diese Lehren besser ken­nenlernen. Auf diese Weise werden gewisse Zweifel verschwinden, gewagte Ansichten über diese Fragen wieder in die rechte Ordnung gebracht.

Wir halten es jedoch für nützlich, in diesem Rund­schreiben zu zeigen, weshalb vorzüglich der heilige Pfarrer von Ars, in heroischer Weise treu gegen die priesterlichen Pflichten, es wohl verdient, als vor­treffliches Beispiel herrlichster Tugend den Hirten vorgestellt und von ihnen als ihr himmlischer Patron verehrt zu werden. Wenn es wahr ist, daß der Prie­ster die Priesterweihe für den Dienst am Altare emp­fangen und die Ausübung seines Priestertums mit dem eucharistischen Opfer begonnen hat, so ent­spricht es auch der Wahrheit, daß das eucharistische Opfer für den Diener Gottes während seines ganzen Lebens Grund und Quelle seiner persönlichen Heilig­keit wie auch seiner apostolischen Arbeit bleibt. Das ist bei dem heiligen Johannes Maria Vianney in bester Weise verwirklicht.

Was nämlich ist der Höhepunkt des priesterlichen Apostolats in seiner wesentlichen Tätigkeit, wenn nicht die Aufgabe, überall, wo die Kirche lebt, das Volk um den heiligen Altar zu sammeln, verbunden durch das Band des Glaubens, durch die heilige Taufe wiedergeboren, von Schuld gereinigt? Dann nämlich vollzieht der Priester kraft heiliger Voll­macht das heilige Opfer, wo Jesus Christus die ein­malige Opferung erneuert, die er zur Erlösung der Menschen und zur Ehre des himmlischen Vaters auf Kaivaria vollbracht hat. Dann bringen die mitein­ander verbundenen Christen durch den Priester dem höchsten und ewigen Gott das göttliche Opfer dar und opfern sich selbst als „lebendige, heilige, Gott angenehme Opfergabe“64. Dort findet das Volk Got­tes, belehrt durch die Wahrheiten und Vorschriften des Glaubens und genährt durch den Leib Christi, sein übernatürliches Leben und Wachstum und, wenn nötig, seine Einigkeit. Dort wächst überall auf Erden im Ablauf der Zeiten in geistlicher Weise der mystische Leib Christi, die Kirche.

Da nun der heilige Johannes Maria Vianney im Laufe der Jahre immer mehr seine Zeit für die Ver­kündigung der religiösen Wahrheiten und die Reini­gung der Seelen von ihren Fehlern verwandt und sich bei jeder Ausübung seines heiligen Dienstes zum Altare wandte, muß sein Leben mit vollem Recht als ein hervorragend priesterliches und pastorales be­zeichnet werden. Ohne Zweifel kamen immer wieder von neuem und gern die Sünder zur Kirche von Ars, angezogen durch den Ruf des heiligen Pfarrers. Viele andere Priester dagegen sammeln nur unter großen Schwierigkeiten das ihnen anvertraute Volk um sich oder können nur nach Art der Missionare die ersten Grundlagen der christlichen Lehre vermitteln. Diese apostolischen Aufgaben, die notwendig und zuweilen schwer sind, dürfen die Diener Gottes nicht hindern, des hohen Zieles eingedenk zu bleiben, das der heilige Johannes Vianney verfolgte, wenn er sich in seiner einfachen Dorfkirche den Hauptaufgaben der Seelsorge ganz widmete.

Dabei ist vor allem zu beachten: Was immer der Priester für seine persönliche Heiligung im Sinne hat, wünscht und tut, muß sich nach dem eucharistischen Opfer ausrichten, entsprechend der Mahnung des Pontificale Romanum: „Erkennet, was ihr tut, ahmet nach, was ihr verwaltet.“ Hierzu mögen die passenden Worte Unseres unmittelbaren Vorgängers in der Apostolischen Mahnung Menti nostrae ange­führt werden: „Wie das ganze Leben unseres Erlösers auf sein eigenes Opfer hingeordnet war, so muß auch das Leben des Priesters, der das Bild Christi in sich darstellen soll, mit ihm, in ihm und durch ihn ein wohlgefälliges Opfer werden … Deshalb möge er das eucharistische Opfer nicht nur darbringen, son­dern es auch tief innerlich mitleben; so nämlich kann er jene übernatürliche Kraft daraus schöpfen, durch die er ganz umgewandelt wird und an dem Opfer­leben des göttlichen Erlösers teilnimmt65. Es ist also notwendig, daß der Priester sich bemüht, das, was auf dem Opferaltar vollzogen wird, in sich selbst darzustellen; wie nämlich Jesus Christus sich selbst opfert, so muß sich auch sein Diener mit ihm opfern; wie Jesus Sühne leistet für die Sünden der Menschen, so soll der Priester auf dem Höhenweg christlicher Aszese zur Läuterung seiner selbst und des Nächsten kommen“66.

Diese erhabene Lehre hat die Kirche im Auge, wenn sie mit mütterlicher Einladung ihren Priestern die Pflege der Aszese und die ehrfürchtige Feier des eucharistischen Opfers empfiehlt. Ist das nicht auch der Grund, weshalb sich Priester allmählich von ihrer ersten Liebe, die sie bei der heiligen Weihe beseelte, entfernen, weil sie nämlich nicht genügend begriffen haben, daß die Hingabe ihres eigenen Ich und die Opfergabe miteinander verbunden sein müssen? Das hat der heilige Johannes Vianney durch Erfahrung gelernt und mit diesen Worten bezeugt: „Der Grund, weshalb das sittliche Leben der Priester laxer wird, ist dieser: weil sie nicht in frommer Andacht das heilige Opfer feiern.“ „Er selbst aber, der mit höchst tugendhafter Gewohnheit sich für die Sünder zum Opfer anbot67, vergoß Tränen, wenn er an die un­glücklichen Priester dachte, die nicht der Heiligkeit ihres Berufes entsprechen“68.

Mit väterlicher Mahnung bitten Wir unsere ge­liebten Priester, daß sie sich von Zeit zu Zeit darüber erforschen, wie sie die heiligen Geheimnisse feiern, mit welcher Gesinnung sie zum Altare hinaufsteigen, und welche Frucht sie davon haben möchten. Die Jahrhundertfeier zu Ehren des hervorragenden und bewundernswerten Priesters, der „aus dem Trost und dem Glück, die heilige Messe zu feiern“69, den Mut zur Opferung seines eigenen Ichs schöpfte, möge die Priester auch dazu bewegen; seine Fürbitte aber möge ihnen, so vertrauen Wir fest, Licht und Kraft in reichem Maße erflehen.

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46 Ibidem t. 227, 33

47 Discorsi e Radiomessaggi di S. S. Pio XII, t. 14, 452

48 Arch. Secret. Vat. t. 227, 131

49 Ibidem t. 227, 1100 50 Ibidem t. 227, 54

51 Ibidem t. 227, 45

52 Ibidem t. 227, 29

53 Ibidem t. 227, 976 54 CIC can. 125

55 Ibidem can. 135

56 Arch. Secret. Vat. t. 227, 36

57 Exhort. Haerent animo; Acta Pii X, IV 248-249

58 Discorso 24. 6. 1939; AAS XXXI 1939, 249

59 Arch. Secret. Vat. t. 227, 1103

60 Ibidem t. 227, 45

61 Ibidem t. 227, 459

62 Message 25. 6. 1956; AAS XLVIII 1956, 579

63 Discorso 13. 3. 1943; AAS XXXV 1943, 114-115

64 Rom. 12,1 65

65 Adhort. Apost. Menti Nostrae; AAS XLII 1950, 666-667

66 Ibidem 667-668

67 Arch. Secret. Vat. t. 227, 319

68 Ibidem t. 227, 47

69 Ibidem t. 227, 181

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Link zum 1. Teil der Enzyklika

PAPST BENEDIKT XVI., Predigt zum Abschluss des Priesterjahres (11. Juni 2010).

Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst,

liebe Brüder und Schwestern!

 

Das Priesterjahr, das wir 150 Jahre nach dem Tod des heiligen Pfarrers von Ars, dem Vorbild priesterlichen Dienens in unserer Welt, begangen haben, geht zu Ende. Vom Pfarrer von Ars haben wir uns führen lassen, um Größe und Schönheit des priesterlichen Dienstes neu zu verstehen. Der Priester ist nicht einfach ein Amtsträger wie ihn jede Gesellschaft braucht, damit gewisse Funktionen in ihr erfüllt werden können. Er tut vielmehr etwas, das kein Mensch aus sich heraus kann: Er spricht in Christi Namen das Wort der Vergebung für unsere Sünden und ändert so von Gott her den Zustand unseres Lebens. Er spricht über die Gaben von Brot und Wein die Dankesworte Christi, die Wandlungsworte sind – ihn selbst, den Auferstandenen, sein Fleisch und sein Blut gegenwärtig werden lassen und so die Elemente der Welt verändern: die Welt auf Gott hin aufreißen und mit ihm zusammenfügen. So ist Priestertum nicht einfach „Amt“, sondern Sakrament: Gott bedient sich eines armseligen Menschen, um durch ihn für die Menschen da zu sein und zu handeln. Diese Kühnheit Gottes, der sich Menschen anvertraut, Menschen zutraut, für ihn zu handeln und da zu sein, obwohl er unsere Schwächen kennt – die ist das wirklich Große, das sich im Wort Priestertum verbirgt. Daß Gott uns dies zutraut, daß er Menschen so in seinen Dienst ruft und so sich ihnen von innen her verbindet, das wollten wir in diesem Jahr neu bedenken und verstehen. Wir wollten die Freude neu aufleben lassen, daß Gott uns so nahe ist und die Dankbarkeit dafür, daß er sich unserer Schwachheit anvertraut. Daß er uns führt und hält, Tag um Tag. So wollten wir auch jungen Menschen wieder zeigen, daß es diese Berufung, diese Dienstgemeinschaft für Gott und mit Gott gibt – ja, daß Gott auf unser Ja wartet. Mit der Kirche wollten wir wieder darauf hinweisen, daß wir Gott um diese Berufung bitten müssen. Wir bitten um Arbeiter in der Ernte Gottes, und dieser Ruf an Gott ist zugleich ein Anklopfen Gottes ans Herz junger Menschen, die sich zutrauen, was Gott ihnen zutraut. Es war zu erwarten, daß dem bösen Feind dieses neue Leuchten des Priestertums nicht gefallen würde, das er lieber aussterben sehen möchte, damit letztlich Gott aus der Welt hinausgedrängt wird. So ist es geschehen, daß gerade in diesem Jahr der Freude über das Sakrament des Priestertums die Sünden von Priestern bekannt wurden – vor allem der Mißbrauch der Kleinen, in dem das Priestertum als Auftrag der Sorge Gottes um den Menschen in sein Gegenteil verkehrt wird. Auch wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, daß wir alles tun wollen, um solchen Mißbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen; daß wir bei der Zulassung zum priesterlichen Dienst und bei der Formung auf dem Weg dahin alles tun werden, was wir können, um die Rechtheit der Berufung zu prüfen, und daß wir die Priester mehr noch auf ihrem Weg begleiten wollen, damit der Herr sie in Bedrängnissen und Gefahren des Lebens schütze und behüte. Wenn das Priesterjahr eine Rühmung unserer eigenen menschlichen Leistung hätte sein sollen, dann wäre es durch diese Vorgänge zerstört worden. Aber es ging uns gerade um das Gegenteil: Das Dankbar-Werden für die Gabe Gottes, die sich „in irdenen Gefäßen“ birgt und die immer wieder durch alle menschliche Schwachheit hindurch seine Liebe in dieser Welt praktisch werden läßt. So sehen wir das Geschehene als Auftrag zur Reinigung an, der uns in die Zukunft begleitet und der uns erst recht die große Gabe Gottes erkennen und lieben läßt. So wird sie zum Auftrag, dem Mut und der Demut Gottes mit unserem Mut und unserer Demut zu antworten. Das Wort Christi, das wir in der Liturgie als Eröffnungsvers gesungen haben, kann uns in dieser Stunde sagen, was es heißt, Priester zu werden und zu sein: „Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig“ (Mt 11, 29).

Wir feiern das Herz-Jesu-Fest und schauen mit der Liturgie der Kirche gleichsam in das Herz Jesu hinein, das im Tod von der Lanze des römischen Soldaten geöffnet wurde. Ja, sein Herz ist offen für uns und vor uns – und damit das Herz Gottes selbst. Die Liturgie legt uns die Sprache des Herzens Jesu aus, die vor allem von Gott als dem Hirten der Menschen spricht und uns damit das Priestertum Jesu zeigt, das im Innersten seines Herzens verankert ist und den immerwährenden Grund wie den gültigen Maßstab alles priesterlichen Dienstes zeigt, der immer im Herzen Jesu verankert sein und von daher gelebt werden muß. Ich möchte heute vor allem die Texte auslegen, mit denen die betende Kirche auf das in den Lesungen ausgebreitete Wort Gottes antwortet. In diesen Gesängen gehen Wort und Antwort ineinander über. Sie sind einerseits selbst aus Gottes Wort genommen, sind aber zugleich schon Antwort des Menschen darauf, in der das Wort sich mitteilt und in unser Leben eintritt. Am wichtigsten unter diesen Texten ist in der Liturgie von heute der Psalm 23 (22): „Der Herr ist mein Hirte“, in dem das betende Israel die Selbstoffenbarung Gottes als Hirten aufgenommen und zur Wegweisung im eigenen Leben gemacht hat. „Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen“ – in diesem ersten Vers spricht sich Freude und Dankbarkeit dafür aus, daß Gott da ist und sich um uns sorgt. Die Lesung aus Ezechiel beginnt mit dem gleichen Motiv: „Ich will mich selber um meine Schafe kümmern“ (Ez 34, 11). Gott kümmert sich persönlich um mich, um uns, um die Menschheit. Ich bin nicht allein gelassen, nicht verloren im Weltall und in einer immer verwirrender werdenden Gesellschaft. ER kümmert sich um mich. Er ist kein ferner Gott, dem mein Leben zu unwichtig wäre. Die Religionen der Welt haben, soweit wir sehen können, immer gewußt, daß es letztlich nur einen Gott gibt. Aber dieser Gott war weit weg. Er überließ allem Anschein nach die Welt anderen Mächten und Gewalten, anderen Gottheiten. Mit ihnen mußte man sich arrangieren. Der eine Gott war gut, aber doch fern. Er war nicht gefährlich, aber auch nicht hilfreich. So brauchte man sich mit ihm nicht zu beschäftigen. Er herrschte nicht. In der Aufklärung ist merkwürdigerweise dieser Gedanke zurückgekehrt. Man verstand noch, daß die Welt einen Schöpfer voraussetzt. Aber dieser Gott hatte die Welt gebaut und sich offensichtlich von ihr zurückgezogen. Nun hatte sie ihre Gesetzmäßigkeiten, nach denen sie ablief, in die Gott nicht eingriff, nicht eingreifen konnte. Gott war nur ein ferner Anfang. Viele wollten vielleicht auch gar nicht, daß Gott sich um sie kümmere. Sie wollten nicht gestört sein durch Gott. Wo aber Gottes Sorge und Liebe als Störung empfunden wird, da ist der Mensch verkehrt. Es ist schön und tröstlich zu wissen, daß ein Mensch mir gut ist und sich um mich kümmert. Aber noch viel entscheidender ist, daß es den Gott gibt, der mich kennt, mich liebt und sich um mich sorgt. „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich“ (Joh 10,14), betet die Kirche vor dem Evangelium mit einem Wort des Herrn. Gott kennt mich, sorgt sich um mich. Dieser Gedanke sollte uns richtig froh werden lassen. Lassen wir ihn tief in uns eindringen. Dann begreifen wir auch, was es bedeutet: Gott will, daß wir als Priester seine Sorgen um die Menschen an einem kleinen Punkt der Geschichte mittragen. Wir wollen als Priester Mitsorgende mit seiner Sorge um die Menschen sein, sie dieses Sich-Kümmern Gottes praktisch erlebbar werden lassen. Und mit dem Herrn sollte der Priester für seinen ihm anvertrauten Bereich sagen können: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich.“ „Kennen“ ist im Sinne der Heiligen Schrift nie bloß ein äußeres Wissen, wie man die Telefonnummer eines Menschen kennt. „Kennen“ heißt: dem anderen innerlich nah sein. Ihm gut sein. Wir sollten versuchen, die Menschen von Gott her und auf Gott hin zu „kennen“, mit ihnen den Weg der Freundschaft Gottes zu gehen.

Kehren wir zu unserem Psalm zurück. Da heißt es: „Er leitet mich auf rechten Pfaden, treu seinem Namen. Muß ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil – denn du bist bei mir. Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“ (23 [22], 3f). Der Hirte zeigt den ihm Anvertrauten den rechten Weg. Er geht voraus und führt sie. Sagen wir es anders: Der Herr zeigt uns, wie man das Menschsein richtig macht. Er zeigt uns die Kunst, ein Mensch zu sein. Was muß ich tun, damit ich nicht abstürze, im Sinnlosen mein Leben vertue? Das ist doch die Frage, die sich jeder Mensch stellen muß und die zu allen Zeiten des Lebens gilt. Und wieviel Dunkel gibt es zu dieser Frage in unserer Zeit! Immer wieder kommt uns das Wort Jesu in den Sinn, der Mitleid mit den Menschen hatte, weil sie wie Schafe ohne Hirten waren. Herr, hab Mitleid auch mit uns! Zeige uns den Weg! Aus dem Evangelium wissen wir es: Er selbst ist der Weg. Mit Christus leben, ihm nachgehen – das heißt: den richtigen Weg finden, damit unser Leben sinnvoll wird und damit wir einmal sagen können: Ja, es war gut zu leben. Israel war und ist Gott dankbar, daß er in den Geboten den Weg des Lebens gezeigt hat. Der große Psalm 119 (118) ist ein einziger Ausdruck der Freude darüber: Wir tappen nicht im Dunkeln. Gott hat uns gezeigt, was der Weg ist, wie wir recht gehen können. Was die Gebote sagen, ist im Leben Jesu zusammengefaßt und zu lebendiger Gestalt geworden. So erkennen wir, daß diese Weisungen Gottes nicht Fesseln sind, sondern Weg, den er uns zeigt. Wir dürfen ihrer froh sein, und wir dürfen uns freuen, daß sie in Christus als gelebte Wirklichkeit vor uns stehen. Er selbst hat uns froh gemacht. Im Mitgehen mit Christus geht uns die Freude der Offenbarung auf, und als Priester sollen wir den Menschen die Freude darüber schenken, daß uns der rechte Lebensweg gezeigt ist.

Da ist dann das Wort von der „finsteren Schlucht“, durch die der Herr den Menschen geleitet. Unser aller Weg führt uns einmal in die finstere Schlucht des Todes, in der uns niemand begleiten kann. Und ER ist da. Christus ist selbst in die finstere Nacht des Todes hinabgestiegen. Auch dort verläßt er uns nicht. Auch dort führt er uns. „Bette ich mich in der Unterwelt, du bist zugegen“, sagt der Psalm 139 (138). Ja, du bist zugegen auch in der letzten Not, und so kann unser Antwort-Psalm sagen: Auch dort, in finsterer Schlucht, fürchte ich kein Unheil. Bei der Rede von der finsteren Schlucht können wir aber auch an die dunklen Täler der Versuchung, der Mutlosigkeit, der Prüfung denken, die jeder Mensch durchschreiten muß. Auch in diesen finsteren Tälern des Lebens ist ER da. Ja, Herr, zeige mir in den Dunkelheiten der Versuchung, in den Stunden der Verfinsterung, in denen alle Lichter zu erlöschen scheinen, daß du da bist. Hilf uns Priestern, daß wir den uns anvertrauten Menschen in diesen dunklen Nächten beistehen können. Ihnen dein Licht zeigen dürfen.

„Dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht“: Der Hirte braucht den Stock gegen die wilden Tiere, die in die Herde einbrechen möchten; gegen die Räuber, die sich ihre Beute suchen. Neben dem Stock steht der Stab, der Halt schenkt und schwierige Passagen zu durchschreiten hilft. Beides gehört auch zum Dienst der Kirche, zum Dienst des Priesters. Auch die Kirche muß den Stock des Hirten gebrauchen, mit dem sie den Glauben schützt gegen die Verfälscher, gegen die Führungen, die Verführungen sind. Gerade der Gebrauch des Stockes kann ein Dienst der Liebe sein. Heute sehen wir es, daß es keine Liebe ist, wenn ein für das priesterliche Leben unwürdiges Verhalten geduldet wird. So ist es auch nicht Liebe, wenn man die Irrlehre, die Entstellung und Auflösung des Glaubens wuchern läßt, als ob wir den Glauben selbst erfänden. Als ob er nicht mehr Gottes Geschenk, die kostbare Perle wäre, die wir uns nicht nehmen lassen. Zugleich freilich muß der Stock immer wieder Stab des Hirten werden, der den Menschen hilft, auf schwierigen Wegen gehen zu können und dem Herrn nachzufolgen.

Am Ende des Psalms ist die Rede vom gedeckten Tisch, vom Öl, mit dem das Haupt gesalbt wird, vom übervollen Becher, vom Wohnen-Dürfen beim Herrn. Im Psalm ist das zunächst Ausblick auf die Festesfreude, mit Gott im Tempel zu sein, von ihm selbst bewirtet zu werden, bei ihm wohnen zu dürfen. Für uns, die wir den Psalm mit Christus und mit seinem Leib, der Kirche, beten, hat dieser Blick der Hoffnung noch eine größere Weite und Tiefe gewonnen. Wir sehen in diesen Worten gleichsam einen prophetischen Vorgriff auf das Geheimnis der Eucharistie, in der Gott selbst uns bewirtet und sich selbst als Speise für uns gibt – als jenes Brot und als jenen köstlichen Wein, der allein die letzte Antwort auf den innersten Hunger und Durst des Menschen sein kann. Wie sollten wir uns da nicht darüber freuen, daß wir täglich zu Gast an Gottes eigenem Tisch sein, bei ihm wohnen dürfen. Wie sollten wir uns nicht freuen, daß er uns aufgetragen hat: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Daß er uns schenkt, Gottes Tisch den Menschen zu decken; ihnen seinen Leib und sein Blut zu reichen, ihnen das kostbare Geschenk seiner eigenen Gegenwart zu geben. Ja, wir können mit ganzem Herzen die Wort des Psalms mitbeten: „Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang“ (23 [22], 6).

Am Ende werfen wir noch einen kurzen Blick auf die beiden Kommunionlieder, die uns die Kirche heute in ihrer Liturgie vorschlägt. Da ist zunächst das Wort, mit dem der heilige Johannes den Bericht von der Kreuzigung Jesu abschließt: „Ein Soldat stieß mit der Lanze in seine Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus“ (Joh 19, 34). Das Herz Jesu wird von der Lanze durchbohrt. Es wird geöffnet, und es wird zur Quelle: Blut und Wasser, die herausströmen, verweisen auf die beiden Grundsakramente, von denen die Kirche lebt: Taufe und Eucharistie. Aus der geöffneten Seite des Herrn, aus seinem geöffneten Herzen entspringt der lebendige Quell, der die Jahrhunderte hindurch strömt und die Kirche schafft. Das offene Herz ist Quell eines neuen Lebensstroms; Johannes hat dabei gewiß auch an die Prophezeiung des Ezechiel gedacht, der aus dem neuen Tempel einen Strom hervorkommen sieht, der Fruchtbarkeit und Leben schenkt (Ez 47): Jesus selbst ist der neue Tempel, und sein offenes Herz ist die Quelle, aus der ein Strom neuen Lebens kommt, das sich uns in der Taufe und in der Eucharistie mitteilt.

Die Liturgie des Herz-Jesu-Festes sieht aber auch ein anderes verwandtes Wort aus dem Johannes-Evangelium als Kommunionvers vor: Wer Durst hat, komme zu mir. Es trinke, wer an mich glaubt. Die Schrift sagt: „Aus seinem Innern werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh 7, 37f). Im Glauben trinken wir gleichsam aus dem lebendigen Wasser von Gottes Wort. Der Glaubende wird so selbst zu einer Quelle, schenkt dem dürstenden Land der Geschichte lebendiges Wasser. Wir sehen es an den Heiligen. Wir sehen es an Maria, die als die große Glaubende und Liebende alle Jahrhunderte hindurch zur Quelle von Glaube, Liebe und Leben geworden ist. Jeder Christ und jeder Priester sollten von Christus her Quelle werden, die anderen Leben mitteilt. Wir sollten einer dürstenden Welt Wasser des Lebens schenken. Herr, wir danken dir, daß du dein Herz für uns aufgetan hast. Daß du in deinem Tod und in deiner Auferstehung Quelle des Lebens wurdest. Laß uns lebende Menschen sein, von deiner Quelle lebend, und schenke uns, daß auch wir Quellen sein dürfen, die dieser unserer Zeit Wasser des Lebens zu schenken vermögen. Wir danken dir für die Gnade des priesterlichen Dienstes. Herr, segne uns und segne alle dürstenden und suchenden Menschen dieser Zeit. Amen.

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Quelle: Congregatio pro clericis – Weltgebetstag zur Heiligung der Priester