BENEDIKT XVI.: Ein leidenschaftlicher Wahrheitssucher – Fünf Katechesen über den heiligen Augustinus

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1. Ein leidenschaftlicher Mann des Glaubens

(Generalaudienz am 9.1.2008)

Liebe Brüder und Schwestern!

Nach den großen weihnachtlichen Feiertagen möchte ich meine Betrachtungen über die Kirchenväter wieder aufnehmen und heute über den bedeutendsten lateinischen Kirchenvater, den heiligen Augustinus sprechen: als ein leidenschaftlicher Mann des Glaubens, als Mann von höchster Intelligenz und unermüdlichem pastoralem Eifer ist dieser große Heilige und Kirchenlehrer häufig – wenigstens dem Namen nach – auch denen bekannt, die das Christentum nicht kennen oder nicht mit ihm vertraut sind, da er das kulturelle Leben des Abendlandes und der ganzen Welt tief geprägt hat. Durch seine einzigartige Bedeutung hat der heilige Augustinus einen besonders weitreichenden Einfluss ausgeübt, und man könnte einerseits behaupten, dass alle Wege der lateinischen christlichen Literatur nach Hippo (heute Annaba an der Küste Algeriens) führen, dem Ort, an dem er Bischof war, und andererseits, dass von dieser Stadt der römischen Provinz Africa, deren Bischof Augustinus vom Jahr 395 bis zu seinem Tod im Jahr 430 war, in der Folge viele andere Straßen des Christentums sowie der gesamten abendländischen Kultur ausgehen.

Der produktivste unter den Kirchenvätern

Selten ist in einer Kultur ein so großer Geist anzutreffen, ein Geist, der ihre Werte zu erfassen und den ihr innewohnenden Reichtum durch das Hervorbringen von Ideen und Formen herauszustellen weiß, von denen die Nachfahren zehren sollten, wie auch Paul VI. herausgestellt hat: «Man kann sagen, dass das gesamte Denken des Altertums in seinem Werk zusammenfließt und dass aus ihm Denkströmungen entspringen, welche die gesamte Lehrtradition der folgenden Jahrhunderte durchdringen» (AAS, 62, 1970, S. 426).

Augustinus ist außerdem der Kirchenvater, der das umfangreichste Werk hinterlassen hat. Sein Biograph Possidius sagt: es scheine unmöglich, dass ein einziger Mann so viele Dinge in seinem Leben schreiben könne. Über diese Werke werden wir bei einer der nächsten Begegnungen sprechen. Heute wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf seinen Lebenslauf beschränken, der sich gut aus seinen Schriften und vor allem aus den «Bekenntnissen» rekonstruieren lässt, jener außergewöhnlichen, zum Lobe Gottes geschriebenen geistigen Autobiographie, die sein berühmtestes Werk ist. Zu Recht, denn gerade   die «Bekenntnisse» des Augustinus stellen durch ihre Betonung von Innerlichkeit und Psychologie ein einzigartiges Beispiel in der abendländischen Literatur dar – nicht nur der abendländischen, auch der nicht religiösen Literatur, bis hin zur Moderne. Diese Betonung des geistigen Lebens, des Geheimnisses des Ich, des Geheimnisses Gottes, das sich im Ich verbirgt, ist etwas ganz Außergewöhnliches und Einzigartiges und wird immer ein geistiger Höhepunkt bleiben.

Doch wir wollen auf sein Leben zu sprechen kommen: Augustinus wurde am 13. November 354 in Thagaste – in der römischen Provinz Numidien in Afrika – als Sohn des Patrizius, eines Heiden, der dann Katechumene wurde, und der Monika, einer eifrigen Christin, geboren. Diese leidenschaftlich glaubende Frau, die als Heilige verehrt wird, hat einen äußerst großen Einfluss auf ihren Sohn ausgeübt und ihn im christlichen Glauben erzogen. Augustinus hatte auch das Salz als Zeichen der Aufnahme in das Katechumenat empfangen. Er war immer von der Figur Jesu Christi fasziniert, er sagt sogar, er habe Jesus stets geliebt, doch sich immer mehr vom Glauben der Kirche und von der kirchlichen Praxis entfernt, wie es auch heute noch bei vielen Jugendlichen geschieht.

Augustinus hatte auch einen Bruder, Navigius, und eine Schwester, deren Namen wir nicht kennen und die, nachdem sie verwitwet war, einem Frauenkloster vorgestanden hat. Der Junge von lebhaftester Intelligenz erhielt eine gute Ausbildung, auch wenn er nicht immer ein vorbildlicher Schüler war. Er hat zunächst in seiner Heimatstadt und dann in Madaura gründlich die Grammatik studiert sowie von 370 an Rhetorik in Karthago, der Hauptstadt der römischen Provinz Africa: Er lernte die perfekte Beherrschung der lateinischen Sprache, während es ihm nicht gelang, die gleiche Meisterschaft im Griechischen zu erreichen, und die punische Sprache, die von seinen Landsleuten gesprochen wurde, erlernte er nicht. In Karthago hat Augustinus zum ersten Mal den «Hortensius» gelesen, ein später verlorengegangenes Werk von Cicero, das am Beginn seines Weges zur Bekehrung steht. Der Text Ciceros hat die Liebe zur Weisheit in ihm hervorgerufen, wie er – nunmehr Bischof – in seinen «Bekenntnissen» schreibt: «Dieses Buch gab meiner ganzen Sinnesart eine andere Richtung… Plötzlich sanken mir alle eitlen Hoffnungen in nichts zusammen; mit unglaublicher innerer Glut verlangte ich nach unsterblicher Weisheit» (III, 4, 7).

Ein Bekenntnis, das Karriereaussichten eröffnete

Doch da er überzeugt war, dass die Wahrheit ohne Jesus nicht wirklich zu finden sei und da ihm der Name Jesu in diesem Buch, das ihn begeisterte, fehlte, hat er gleich nach dessen Lektüre damit begonnen die Schrift, die Bibel zu lesen. Doch sie enttäuschte ihn. Nicht nur, weil der lateinische Stil der Bibelübersetzung Mängel aufwies, sondern auch weil der Inhalt ihm wenig befriedigend schien. In den biblischen Erzählungen von Kriegen und menschlichen Schicksalen fand er nicht die Größe der Philosophie, den Glanz der Suche nach der Wahrheit, der ihr innewohnt. Dennoch wollte er nicht ohne Gott leben, und so suchte er nach einer Religion, die sowohl seinem Wunsch nach Wahrheit entsprach als auch seinem Wunsch, sich Jesus anzunähern. So geriet er in das Netz der Manichäer, die sich als Christen präsentierten und eine durch und durch rationale Religion versprachen. Sie behaupteten, die Welt sei in zwei Prinzipien aufgeteilt: das Böse und das Gute. So sei die ganze Komplexität der Menschheitsgeschichte zu erklären. Dem heiligen Augustinus gefiel auch die dualistische Moral, da sie für die Erwählten mit besonders hochstehenden Moralanforderungen verbunden war: jemandem, der wie er dieser Lehre anhing, wurde ein der zeitlichen Situation ausgesprochen angemessenes Leben ermöglicht, vor allem wenn es sich um einen jungen Mann handelte. Er wurde also Manichäer und war in jenem Moment davon überzeugt, er habe die Synthese von Vernünftigkeit, Wahrheitssuche und Liebe zu Jesus Christus gefunden. Für sein Leben hatte das auch einen konkreten Vorteil: das Bekenntnis zum Manichäismus eröffnete ihm gute Karriereaussichten. Das Bekenntnis zu jener Religion, der zahlreiche einflussreiche Persönlichkeiten anhingen, gestattete ihm, die mit einer Frau eingegangene Beziehung beizubehalten und weiter an seiner beruflichen Karriere zu arbeiten. Von dieser Frau hatte er einen sehr intelligenten Sohn, Adeodatus, der ihm sehr am Herzen lag und der bei der Taufvorbereitung am Comer See dabei sein und an jenen «Dialogen» teilnehmen sollte, die der heilige Augustinus uns hinterlassen hat. Der Junge ist leider frühzeitig verstorben. Mit etwa zwanzig Jahren war Augustinus Grammatiklehrer in seiner Heimatstadt, doch bald kehrte er nach Karthago zurück, wo er ein brillanter und berühmter Rhetoriklehrer wurde. Mit der Zeit begann er sich jedoch vom Glauben der Manichäer abzuwenden, die ihn gerade in geistiger Hinsicht enttäuscht hatten, da es ihnen nicht gelungen war, seine Zweifel auszuräumen, und er begab sich nach Rom und schließlich nach Mailand, wo damals der Sitz des Kaiserhofes war und wo er, dank der Bemühungen und der Empfehlungen des Präfekten von Rom, des Heiden Symmachus, der dem Bischof von Mailand, dem heiligen Ambrosius, feindlich gegenüberstand, einen angesehenen Posten erhalten hatte.

In Mailand machte Augustinus es sich zur Gewohnheit – zu Beginn mit der Absicht, seinen rhetorischen Wissensschatz zu bereichern –, die wundervollen Predigten des Bischofs Ambrosius zu hören, der Vertreter der Kaisers in Norditalien gewesen war, und von den Worten des großen Mailänder Bischofs ließ sich der afrikanische Rhetor begeistern. Doch nicht nur die Rhetorik, vor allem der Inhalt hat sein Herz zunehmend berührt. Das große Problem des Alten Testaments, des Mangels an sprachlicher Schönheit und philosophischer Größe, wurde dank der typologischen Auslegung des Alten Testaments in den Predigten des heiligen Ambrosius gelöst: Augustinus erkannte, dass das gesamte Alte Testament zu Jesus Christus führt. So fand er den Schlüssel, um die Schönheit und auch die philosophische Tiefe des Alten Testaments zu verstehen sowie die Einheit des Geheimnisses Christi in der Geschichte und auch die Synthese von Philosophie, Vernünftigkeit und Glauben im «Logos», in Christus, dem Ewigen Wort, das Mensch geworden war.

In kurzer Zeit war er sich darüber im klaren, dass die allegorische Lesart der Bibel und die neuplatonische Philosophie des Bischofs von Mailand ihm ermöglichten, die gedanklichen Schwierigkeiten zu lösen, die ihm in jüngeren Jahren bei seiner ersten Begegnung mit den biblischen Texten als unüberwindbar erschienen waren. Der Lektüre der philosophischen Schriften ließ Augustinus so die erneuerte Lektüre der Bibel und vor allem der paulinischen Briefe folgen. Die Bekehrung zum Christentum am 15. August 386 stellt also den Höhepunkt eines langen und qualvollen inneren Weges dar, von dem wir in einer der nächsten Katechesen noch eingehender sprechen werden, und der Afrikaner zog – mit der Mutter Monika, dem Sohn Adeodatus und einer kleinen Gruppe von Freunden – nördlich von Mailand beim Comer See aufs Land, um sich auf die Taufe vorzubereiten. So wurde Augustinus im Alter von 32 Jahren am 24. April 387 während der Osternacht von Ambrosius in der Kathedrale von Mailand getauft.

Augustinus fühlte sich nicht zum Leben als Hirte berufen

Nach der Taufe beschloss Augustinus, mit den Freunden nach Afrika zurückzukehren und dort im Dienst für Gott nach klösterlichem Vorbild ein Leben in Gemeinschaft zu führen. Doch während sie in Ostia auf die Überfahrt  warteten, wurde seine Mutter plötzlich krank und starb kurz darauf, was dem Sohn das Herz brach. Als der Bekehrte endlich in seine Heimat zurückkehrte, ließ er sich in Hippo nieder, um dort ein Kloster zu gründen. In dieser Stadt an der afrikanischen Küste wurde er trotz seines Widerstands im Jahr 391 zum Priester geweiht und nahm mit einigen seiner Gefährten das klösterliche Leben auf, an das er schon seit längerem dachte, um seine Zeit dem Gebet, dem Studium und der Verkündigung zu widmen. Er fühlte sich nicht zum Leben als Hirte berufen, sondern wollte sich ausschließlich in den Dienst der Wahrheit stellen, doch dann hat er eingesehen, dass Gott ihn dazu berufen hatte, als Hirte unter den anderen zu wirken und ihnen so das Geschenk der Wahrheit zu bringen. Vier Jahre später, im Jahr 395, wurde er in Hippo zum Bischof geweiht.

Während Augustinus weiterhin das Studium der Bibel und der anderen Texte der christlichen Überlieferung vertiefte, war er in seinem unermüdlichen pastoralen Einsatz als Bischof beispielhaft: Mehrmals in der Woche predigte er den Gläubigen, er unterstützte die Armen und Waisen und sorgte sich um die Ausbildung des Klerus sowie um die Organisation der Männer- und Frauenklöster. In kurzer Zeit behauptete sich der ehemalige Rhetoriklehrer als einer der wichtigsten Vertreter des Christentums jener Zeit: Der Bischof von Hippo, der äußerst engagiert seine Diözese leitete – was sich auch im zivilen Leben auf bemerkenswerte Weise auswirkte –, hat in den mehr als 35 Jahren seines Episkopats tatsächlich einen tiefen Einfluss auf die Führung der katholischen Kirche im römischen Afrika sowie im allgemeinen auf das Christentum seiner Zeit ausgeübt und ist den hartnäckigen und zersetzenden religiösen Strömun- gen und Irrlehren – wie dem Manichäismus, dem Donatismus und dem Pelagianismus – entgegengetreten, die eine Gefahr für den christlichen Glauben an den einen und barmherzigen Gott darstellten.

Jeden Tag bis zum Ende seines Lebens hat Augustinus sich Gott anvertraut: Als der Bischof unter Fieber litt, während sein Hippo seit etwa drei Monaten von einfallenden Vandalen belagert war – so erzählt der Freund Possidius in der «Vita Augustini» – bat er darum, die Bußpsalmen mit großen Buchstaben aufzuschreiben, «und ließ die Blätter an die Wand hängen, so dass er sie, während er krank im Bett lag, sehen und lesen konnte, wobei er ununterbrochen heiße Tränen vergoss» (31, 2). So gingen die letzten Tage im Leben des Augustinus dahin, der noch vor der Vollendung seines 76. Lebensjahres am 28. August 430 verstarb. Unsere nächsten Begegnungen werden wir seinem Werk, seiner Botschaft und seiner inneren Entwicklung widmen.

Die Pilger deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

Von Herzen begrüße ich die Pilger und Besucher aus den deutschsprachigen Ländern. Der heilige Augustinus lebte immer in der Suche nach Gott, in der Suche, Jesus Christus näher und ähnlicher zu werden. Auch wir wollen stets die Nähe des Schöpfers und die Nähe Jesu Christi suchen, in dem Gott menschliches Antlitz hat, und Ihm helfen, dass er uns bereit macht, das Gute selber zu tun und es in der Welt zu verbreiten. Der Herr geleite euch auf allen Wegen dieses noch jungen Jahres!

 

2. Mit Christus jünger werden

(Generalaudienz am 16.1.2008)

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich, wie am vergangenen Mittwoch, über den großen Bischof von Hippo, den heiligen Augustinus sprechen. Vier Jahre vor seinem Tod wollte er seinen Nachfolger ernennen. Am 26. September 426 hat er daher das Volk in der Friedensbasilika in Hippo versammelt, um den Gläubigen denjenigen vorzustellen, den er für diese Aufgabe bestimmt hatte. Er sagte: «In diesem Leben sind wir alle sterblich, doch jeder Mensch lebt mit der dauernden Ungewissheit, wann der letzte Tag in seinem Leben kommen wird. In der Kindheit hofft er, das Alter des Heranwachsenden zu erreichen; im Alter des Heranwachsenden das der Jugend; im Alter der Jugend das des Erwachsenen, im Alter des Erwachsenen das Alter der Reife; im Alter der Reife schließlich das Alter. Man hat keine Gewissheit, es zu erreichen, aber man hofft es. Das Alter hingegen hat keinen Zeitraum mehr vor sich, auf den es hoffen kann; und seine eigene Dauer ist ungewiss… Durch den Willen Gottes bin ich in der Blüte meines Lebens in diese Stadt gekommen; doch jetzt ist meine Jugend vorbei und ich bin nunmehr alt» (Ep. 213, 1).

Förderer des Friedens in den afrikanischen Provinzen

An diesem Punkt hat Augustinus dann den Namen des von ihm bestimmten Nachfolgers, des Priesters Heraklius genannt. Die Versammlung ist darauf in zustimmenden Beifall ausgebrochen und hat dreiundzwanzigmal wiederholt:

«Dank sei Gott! Gelobt sei Christus!» Mit anderen Zurufen haben die Gläubigen auch den Plänen des Augustinus hinsichtlich seiner Zukunft zugestimmt: er wollte die Jahre, die ihm verblieben, einem intensiveren Studium der Heiligen Schrift widmen (vgl. Ep. 213, 6).

Tatsächlich handelt es sich bei den vier folgenden Jahren um Jahre außerordentlichen geistigen Schaffens: er brachte bedeutende Werke zum Abschluss, begann andere, die nicht weniger anspruchsvoll waren, führte öffentliche Debatten mit den Häretikern – er suchte immer den Dialog –, und er griff ein, um den Frieden in den afrikanischen Provinzen zu fördern, der durch Barbarenstämme aus dem Süden gefährdet war. In diesem Sinne schrieb er dem Comes Darius, der nach Afrika gereist war, um die Meinungsverschiedenheit zwischen dem Patricius Bonifatius und dem Kaiserhof beizulegen, die von   den Maurenstämmen für ihre Überfälle ausgenutzt wurde: «Der größte Ruhmestitel – erklärte er in diesem Brief – besteht darin, den Krieg mit Worten zu ersticken, statt Menschen durch das Schwert zu töten, und darin, den Frieden durch Frieden zu schaffen oder beizubehalten und nicht durch Krieg. Gewiss, auch jene, die kämpfen, suchen, wenn sie gute Menschen sind, zweifellos den Frieden, doch um den Preis des Blutvergießens. Du hingegen bist gesandt worden, um zu verhindern, dass man versucht, das Blut von Menschen zu vergießen» (Ep. 229, 2).

Leider wurde die Hoffnung auf eine Befriedung der afrikanischen Gebiete enttäuscht: im Mai 429 überquerten die Vandalen – die von Bonifatius aus Rache nach Afrika eingeladen worden waren – die Meerenge von Gibraltar und fielen in Mauretanien ein. Die Invasion drang schnell bis zu den anderen reichen afrikanischen Provinzen vor. Im Mai oder Juni 430 waren «die Zerstörer des Römischen Reiches», wie Possidius jene Barbaren bezeichnet (Vita 30,1), vor Hippo und belagerten die Stadt.

Auch Bonifatius, der sich zu spät mit dem Hof versöhnt hatte und nun vergebens versuchte, das weitere Vordringen der Invasoren zu verhindern, hatte in der Stadt Zuflucht gesucht. Der Biograph Possidius beschreibt den Schmerz von Augustinus: «Die Tränen waren öfter als gewöhnlich sein tägliches – und nächtliches – Brot, und er musste, nunmehr am Ende seines Lebens angekommen, in seinem Alter mehr Kummer und Trauer als andere ertragen» (Vita 28, 6). Er erklärt: «Denn jener Mann Gottes sah das Gemetzel und die Zerstörung der Städte; er sah, wie die Häuser auf dem Land niedergerissen und ihre Bewohner von den Feinden getötet oder zur Flucht gezwungen und versprengt wurden; er sah die Kirchen ihrer Priester und Diener beraubt, er sah die heiligen Jungfrauen und die Ordensleute, die überallhin verstreut wurden; er sah wie einige von ihnen unter der Folter starben, andere durch das Schwert getö- tet wurden, wieder andere gefangengenommen und nach Verlust ihrer seelischen und körperlichen Unversehrtheit sowie auch des Glaubens, von den Feinden zu langer und schmerzvoller Sklaverei verurteilt wurden» (ebd. 28, 8). Obwohl Augustinus alt und erschöpft war, stand er immer noch an vorderster Front und verschaffte sich und den anderen Trost durch das Gebet und das Nachdenken über die geheimnisvollen Pläne der Vorsehung. In dieser Beziehung sprach er vom «Alter der Welt» – und diese römische Welt war wirklich alt –, und er sprach über dieses Alter so, wie bereits Jahre zuvor, als er die aus Italien kommenden Flüchtlinge getröstet hatte, nachdem die Goten Alarichs im Jahr 410 in die Stadt Rom eingedrungen waren. Im Alter, so sagte er, gibt es reichlich Krankheiten: Husten, Katarrh, triefende Augen, Ängstlichkeit, Erschöpfung. Doch während die Welt älter wird, bleibt Christus immer jung. Daher die Aufforderung: «Lehne nicht ab, auch in der alten Welt gemeinsam mit Christus jünger zu werden. Er sagt zu dir: Habe keine Angst, deine Jugend wird sich wie die des Adlers erneuern» (vgl. Serm. 81, 8).

Der Christ soll also auch in schwierigen Situationen nicht verzagen, sondern sich darum bemühen, denen zu helfen, die in Not sind. Das gibt der große Kirchenlehrer dem Bischof von Thiava, Honoratus, zur Antwort, der ihn gefragt hatte, ob ein Bischof oder ein Priester oder sonst ein Mann der Kirche angesichts des drohenden Einfalls der Barbaren fliehen dürfe, um sein Leben zu retten: «Wenn für alle die gleiche Gefahr besteht, also für Bischöfe, Geistliche und Laien, dann sollen diejenigen, die der anderen bedürfen, nicht von denen verlassen werden, derer sie bedürfen.

In diesem Fall mögen sich ruhig alle an einen sicheren Ort begeben; doch wenn einige bleiben müssen, sollen sie nicht von denen verlassen werden, welche die Pflicht haben, ihnen mit dem heiligen Dienst beizustehen, so dass sie sich entweder gemeinsam retten oder gemeinsam das Unglück erleiden mögen, von dem der Familienvater möchte, dass sie es erleiden» (Ep. 228, 2). Und er schließt: «Das ist der höchste Liebesbeweis» (ebd. 3). Wie sollte man in diesen Worten nicht die heldenhafte Botschaft erkennen, die so viele Priester im Laufe der Jahrhunderte aufgenommen und sich zu eigen gemacht ha- ben?

Vorläufig hielt die Stadt Hippo stand. Das klösterliche Haus von Augustinus hatte seine Pforten geöffnet, um die Kollegen im Bischofsamt aufzunehmen, die um Unterkunft baten. Unter ihnen befand sich auch Possidius, der bereits sein Schüler war, und der uns auf diese Weise das direkte Zeugnis jener letzten, dramatischen Tage überliefern konnte: «Im dritten Monat jener Belagerung – so berichtet er – legte er sich mit Fieber ins Bett: es war seine letzte Krankheit» (Vita 29, 3). Der heilige alte Mann nutzte diese endlich freie Zeit, um sich intensiver dem Gebet zu widmen. Er pflegte zu erklären, dass niemand, gleich ob Bischof, Geistlicher oder Laienchrist und gleich wie untadelig sein Verhalten scheinen möge, dem Tod ohne richtige Reue begegnen könne. Daher wiederholte er unablässig unter Tränen die Bußpsalmen, die er so häufig mit dem Volk gebetet hatte (vgl. ebd. 31, 2).

Je schlimmer die Krankheit wurde, desto stärker verspürte der sterbende Bischof das Bedürfnis nach Alleinsein und Gebet: «Um von niemandem in seiner inneren Sammlung gestört zu werden bat er uns Anwesende etwa zehn Tage, bevor er seinen Körper verließ, außerhalb der Stunden, während der die Ärzte kamen, um ihn zu untersuchen oder man ihm seine Mahlzeiten brachte, niemanden in sein Zimmer einzulassen. Sein Wille wurde genau befolgt, und während dieser ganzen Zeit widmete er sich dem Gebet» (ebd. 31, 1). Er verstarb am 28. August 430: Sein großes Herz hatte endlich bei Gott seine Ruhe gefunden.

«Zur Grablegung seines Leibes – so berichtet Possidius – wurde Gott das Opfer dargebracht, an dem wir teilnahmen, und dann wurde er bestattet» (Vita 31, 5). Sein Leib wurde zu einem nicht bekannten Zeitpunkt nach Sardinien überführt und von dort um das Jahr 725 nach Pavia, in die Basilika San Pietro in Ciel d’Oro, wo er auch heute noch ruht. Sein erster Biograph gibt folgendes abschließendes Urteil über ihn ab: «Er hat der Kirche eine große Zahl an Geistlichen hinterlassen, sowie auch Männer- und Frauenklöster voller Menschen, die sich der Enthaltsamkeit und der Gehorsamkeit gegenüber ihren Oberen geweiht hatten – außerdem Bibliotheken mit Büchern und Reden von ihm und von anderen Heiligen, aus denen man erkennen kann, wie groß durch die Gnade Gottes sein Verdienst und seine Bedeutung für die Kirche waren, und in denen er für die Gläubigen immer noch lebendig ist» (Possidius, Vita 31, 8). Diesem Urteil können wir uns anschließen: In seinen Schriften ist er auch für uns «noch lebendig».

Wenn ich die Schriften des heiligen Augustinus lese, habe ich nicht den Eindruck, dass es sich um einen Mann handelt, der vor etwa 1 600 Jahren gestorben ist, sondern ich empfinde ihn als einen Mann von heute: einen Freund, einen Zeitgenossen, der mit seinem frischen aktuellen Glauben zu mir, zu uns spricht. Im heiligen Augustinus, der durch seine Schriften zu uns, zu mir spricht, sehen wir die beständige Aktualität seines Glaubens; des Glaubens, der von Christus kommt, des ewigen menschgewordenen Wortes, des Sohnes Gottes und Menschensohnes. Und wir können sehen, dass dieser Glaube nicht von gestern ist, auch wenn er gestern verkündet wurde; er ist immer heutig, da Christus wirklich gestern, heute und immerdar ist. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. So ermutigt uns der heilige Augustinus, uns diesem immer lebendigen Christus anzuvertrauen und so den Weg des Lebens zu finden.

Die Pilger deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

Gerne grüße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache. Sein Einsatz bis zum Lebensende und sein Sterben führen uns nochmals die Größe des heiligen Augustinus vor Augen. Sein Beispiel und seine Lehre, stets lebendig in seinen Schriften, sind Licht und Stärkung auch für uns heute. Wie er wollen wir im Vertrauen auf Gottes helfende Gnade unseren Weg gehen. Der Herr segne und geleite euch alle.

 

3. Glaube und Vernunft
müssen immer gemeinsam gesehen werden

(Generalaudienz am 30.1.2008)

Liebe Freunde!

Nach der Gebetswoche für die Einheit der Christen wollen wir heute zur großen Gestalt des heiligen Augustinus zurückkehren. Mein lieber Vorgänger, Johannes Paul II., hat ihm im Jahr 1986, also zum sechzehnhundertsten Jahrestag der Bekehrung des heiligen Augustinus, ein langes und inhaltlich dichtes Dokument gewidmet: das Apostolische Schreiben «Augustinum Hipponensem». Der Papst selbst hat diesen Text als «Dank an Gott für das Geschenk, das mit jener wunderbaren Bekehrung der Kirche und durch sie der ganzen Menschheit zuteil geworden ist» (AAS, 74, 1982, S. 802), bezeichnet. Auf das Thema der Bekehrung möchte ich in einer der nächsten Audienzen zurückkommen. Es ist ein wesentliches Thema – nicht nur für sein, sondern auch für unser Leben. Im Evangelium des vergangenen Sonntags hat der Herr selbst seine Verkündigung in den Worten zusammengefasst: «Kehrt um». Während wir dem Weg des heiligen Augustinus folgen, könnten wir darüber nachdenken, was diese Umkehr bedeutet: sie ist etwas Definitives, Entscheidendes, doch diese grundlegende Entscheidung muss sich entwickeln, sie muss sich in unserem ganzen Leben verwirklichen.

Die heutige Katechese ist hingegen dem Thema Glaube und Vernunft gewidmet, welches ein entscheidendes Thema, oder besser, das entscheidende Thema für die Biographie des heiligen Augustinus ist. Als Kind hatte seine Mutter Monika ihn den katholischen Glauben gelehrt. Doch als junger Mann hat er sich von diesem Glauben abgekehrt, weil er seine Vernünftigkeit nicht mehr erkennen konnte und keine Religion wollte, die nicht auch Ausdruck der Vernunft, also der Wahrheit für ihn sei. Sein Verlangen nach Wahrheit war tief verwurzelt und hat schließlich dazu geführt, dass er sich vom katholischen Glauben entfernte. Dieses Verlangen war so tief verwurzelt, dass er sich nicht mit Philosophien zufrieden geben konnte, die nicht bis zur Wahrheit selbst, die nicht bis zu Gott vordrangen. Und zwar zu einem Gott, der nicht nur eine letzte kosmologische Hypothese war, sondern der wahre Gott, der Gott, der das Leben schenkt und in unser persönliches Leben eintritt. So stellt der gesamte geistige und geistliche Weg des heiligen Augustinus auch heute noch ein gültiges Modell im Verhältnis von Glauben und Vernunft dar – ein Thema nicht nur für die gläubigen Menschen, sondern auch für jeden Menschen, der nach der Wahrheit sucht, das zentrale Thema für das innere Gleichgewicht und das Schicksal jedes Menschen. Diese beiden Dimensionen, Glaube und Vernunft, dürfen weder getrennt noch einander entgegengesetzt werden, sondern sie müssen vielmehr immer gemeinsam gesehen werden. Wie der heilige Augustinus selbst nach seiner Bekehrung geschrieben hat, sind Glaube und Vernunft «die beiden Kräfte, die uns zur Erkenntnis führen» (Contra Academicos, III, 20, 43). Diesbezüglich sind die beiden augustinischen Wendungen immer noch zu Recht berühmt (Sermones, 43, 9), welche diese logisch kohärente Synthese zwischen Glauben und Vernunft zum Ausdruck bringen: «crede ut intelligas» (glaube, um zu verstehen) – Glauben öffnet den Weg, um die Pforte der Wahrheit zu durchschreiten – aber auch, und zwar damit untrennbar verbunden, «intellige ut credas» (verstehe, um zu glauben), forsche nach der Wahrheit, um Gott zu finden und zu glauben.

Die beiden Aussagen von Augustinus bringen mit eindrucksvoller Unmittelbarkeit und mit einer ebensolchen geistigen Tiefe die Synthese dieses Problems zum Ausdruck, in dem die katholische Kirche ihren eigenen Weg ausgedrückt sieht. Historisch bildet sich diese Synthese noch vor dem Kommen Christi in der Begegnung zwischen dem jüdischen Glauben und dem griechischen Denken im hellenistischen Judentum. Diese Synthese ist später in der Geschichte von vielen christlichen Denkern aufgenommen und entwickelt worden. Die Harmonie zwischen Glauben und Vernunft bedeutet vor allem, dass Gott nicht fern ist: er ist unserer Vernunft und unserem Leben nicht fern; er ist jedem Menschen nahe, er ist unserem Herzen und unserem Verstand nahe, wenn wir uns wirklich auf den Weg machen.

Im Inneren des Menschen wohnt die Wahrheit

Gerade diese Nähe Gottes zum Menschen wurde von Augustinus mit außergewöhnlicher Intensität empfunden. Die Gegenwart Gottes im Menschen ist tief und gleichzeitig geheimnisvoll, doch sie kann im eigenen Inneren entdeckt und erkannt werden: Geh nicht hinaus – erklärt der Bekehrte –, sondern «kehre zu dir selbst zurück; im Inneren des Menschen wohnt die Wahrheit; und wenn du entdeckst, dass deine Natur wandelbar ist, dann gehe über dich hinaus. Doch denk daran, dass du, wenn du über dich selbst hinausgehst, über eine vernünftig denkende Seele hinausgehst. Strebe also dorthin, wo sich das Licht der Vernunft entzündet». (De vera religione, 39,72). Genau wie er selbst es in einer ganz berühmten Aussage betont, die sich am Anfang der «Bekenntnisse» findet, einer geistigen Autobiographie, die zum Lob Gottes geschrieben wurde: «Geschaffen hast Du uns im Hinblick auf Dich, und unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir» (I, 1, 1).

Das Fernsein Gottes entspricht also dem Fernsein von sich selbst: «Du aber – erkennt Augustinus (Bekenntnisse, III, 6, 11), wobei er sich direkt an Gott wendet – warst innerlicher als mein Innerstes und höher als mein Höchstes», «interior intimo meo et superior summo meo»; so dass – wie er in einem anderen Abschnitt hinzufügt, in dem er sich an die Zeit vor seiner Bekehrung erinnert – «Du … vor mir (warst), ich aber hatte mich selbst verlassen und fand mich nicht, geschweige denn dich» (Bekenntnisse V, 2, 2). Gerade weil Augustinus persönlich diesen geistigen und geistlichen Werdegang erlebt hat, hat er ihn in seinen Werken mit solcher Unmittelbarkeit, geistiger Tiefe und Weisheit wiedergeben können, und in zwei anderen berühmten Abschnitten der «Bekenntnisse» (IV, 4, 9 und 14, 22) erklärt, dass der Mensch ein «großes Rätsel» (magna quaestio) und ein «unendlicher Abgrund» (grande profundum) sei, Rätsel und Abgrund, die nur Christus erhellt und rettet. Das ist wichtig: ein Mensch, der Gott fern steht, steht auch sich selbst fern, er ist sich selbst entfremdet und kann sich selbst nur in der Begegnung mit Gott wiederfinden. So findet er auch zu sich selbst, zu seinem wahren Ich, zu seiner wahren Identität.

Der Mensch – unterstreicht Augustinus dann in «Über den Gottesstaat» (XII, 27) – ist von Natur aus gesellig, aber ungesellig durch seine Sünden, und er wird von Christus erlöst, dem einzigen Vermittler zwischen Gott und der Menschheit und «dem universalen Weg der Freiheit und des Heiles», wie mein Vorgänger Johannes Paul II. wiederholt hat (Augustinum Hipponensem, 21): außerhalb dieses Weges, welcher der Menschheit nie gefehlt hat – so erklärt Augustinus im selben Werk weiter –, «ist niemand befreit worden, wird niemand befreit und wird niemand befreit werden» (Über den Gottesstaat, X, 32, 2). Als einziger Vermittler des Heils ist Christus das Haupt der Kirche und auf geheimnisvolle Weise mit ihr verbunden, so dass Augustinus erklären kann: «Wir sind Christus geworden. Denn wenn er das Haupt ist und wir seine Glieder, dann ist der ganze Mensch er und wir» (In Iohannis evangelium tractatus, 21, 8).

Als Volk Gottes und als Haus Gottes ist die Kirche in der Sicht von Augustinus folglich eng mit der Vorstellung des Leibes Christi verbunden, die auf der christologischen Lektüre des Alten Testaments gründet sowie auf dem sakramentalen Leben, in deren Mittelpunkt die Eucharistie steht, in welcher der Herr uns seinen Leib schenkt und uns in seinen Leib verwandelt. Es ist also ganz wesentlich, dass die Kirche, das Volk Gottes in einem christologischen und nicht in einem soziologischen Sinne, wirklich in Christus ist, der – so erklärt Augustinus in einem wunderschönen Abschnitt – «für uns betet, in uns betet, und von uns angebetet wird. Er betet für uns als unser Priester; er betet in uns als unser Haupt; er wird von uns angebetet als unser Gott. Erkennen wir daher in ihm unsere Stimme und in uns seine Stimme» (Enarrationes in Psalmos, 85, 1). Zum Schluss des Apostolischen Schreibens «Augustinum Hipponensem» hat Johannes Paul II. den Heiligen selbst dazu befragen wollen, was er den Menschen von heute zu sagen hätte, und er antwortet vor allem mit den Worten, die Augustinus einem Brief anvertraut hat, den er kurz vor seiner Bekehrung diktiert hat: «Mir scheint, die Menschen müssten sich auf die Hoffnung zurückziehen, die Wahrheit zu finden» (Epistulae, 1, 1); jene Wahrheit, die Christus selbst ist, der wahre Gott, an den sich eines der schönsten und bekanntesten Gebete aus den Bekenntnissen (X, 27, 38) richtet: «Spät habe ich Dich geliebt, o Schönheit, so alt und doch immer neu, spät habe ich Dich geliebt. Und siehe, Du warst in meinem Innern und ich draußen; und draußen suchte ich Dich und stürzte mich in meiner Hässlichkeit auf die schönen Gebilde, die Du geschaffen. Du warst bei mir, aber ich nicht bei dir. Weit weg von dir zog mich, was doch keinen Bestand hätte, wenn es nicht in Dir wäre. Du hast mich laut gerufen und meine Taubheit zerrissen; Du hast geblitzt und geleuchtet und meine Blindheit verscheucht. Du hast mir süßen Duft zugeweht; ich habe ihn eingesogen, und nun seufze ich nach Dir. Ich habe Dich geschmeckt, und nun hungere und dürste ich nach Dir. Du hast mich berührt, und ich bin entbrannt in Deinem Frieden».

Hier sehen wir: Augustinus ist Gott begegnet und im Laufe seines gesamten Lebens hat er ihn so intensiv erfahren, dass diese Wirklichkeit – die vor allem Begegnung mit einer Person, Jesus, ist – sein Leben verändert hat, so wie sie das Leben so vieler Menschen, Männer und Frauen, zu jeder Zeit verändert, welche die Gnade erfahren, ihm zu begegnen. Beten wir, dass der Herr uns diese Gnade gewähre und uns so seinen Frieden finden lasse.

Die Pilger deutscher Sprache begrüßte der Papst mit den Worten:

Ganz herzlich grüße ich die Pilger und Besucher deutscher Zunge, insbesondere die Bereichsverantwortlichen für die Vorbereitung meines Apostolischen Besuchs in Mariazell im letzten Jahr. «Du hast uns auf Dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet Dir». Dieses Gebet des heiligen Augustinus zu Gott begleite auch euch bei all eurem Tun. Der Heilige Geist schenke euch seine Liebe!

 

4. Den Glauben verständlich verkündigt

(Generalaudienz am 20.2.2008)

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Nach der Unterbrechung wegen der geistlichen Exerzitien in der vergangenen Woche kehren wir heute zur großen Gestalt des heiligen Augustinus zurück, über den ich während der Mittwochskatechesen bereits wiederholt gesprochen habe. Er ist der Kirchenvater, der uns die größte Anzahl von Werken hinter- lassen hat, und über diese Werke möchte ich heute kurz sprechen. Einige der augustinischen Schriften sind von grundlegender Bedeutung, und zwar nicht nur für die Geschichte des Christentums, sondern für die Entstehung der gesamten abendländischen Kultur: das deutlichste Beispiel hierfür sind die «Bekenntnisse», zweifellos auch heute noch eines der am häufigsten gelesenen Bücher des christlichen Altertums. Wie verschiedene Kirchenväter aus den ersten Jahrhunderten hat auch der Bischof von Hippo – allerdings in einem unvergleichbar größeren Maß – einen weitreichenden und nachhaltigen Einfluss ausgeübt, was bereits die reiche handschriftliche Überlieferung seiner Werke zeigt – es sind wirklich außerordentlich viele.

Er selbst hat sie einige Jahre vor seinem Tod nochmals in den «Retractationes» aufgezählt, und kurz nach seinem Tod sind sie im «Indiculus» (Verzeichnis) genau aufgeführt worden, das der treue Freund Possidius seiner Biographie über den heiligen Augustinus, «Vita Augustini», hinzugefügt hat. Das Verzeichnis der Werke von Augustinus wurde – während mittlerweile alle römischen Provinzen Afrikas von den Vandalen bedrängt wurden – mit der ausdrücklichen Absicht verfasst, die Erinnerung an sie zu bewahren, und es zählt gut eintausenddreißig von ihrem Verfasser numerierte Schriften, nebst anderen, «die nicht numeriert werden können, weil er keine Zahl angegeben hat». Als Bischof einer nahegelegenen Stadt hat Possidius diese Worte in Hippo diktiert – wohin er sich geflüchtet hatte und wo er dem Tod des Freundes beiwohnte – und sich dabei mit ziemlicher Sicherheit auf den Katalog der persönlichen Bibliothek von Augustinus gestützt. Heute sind fast dreihundert Briefe des Bischofs von Hippo überliefert, sowie fast sechshundert Predigten, derer es ursprünglich jedoch weitaus mehr gegeben hatte, möglicherweise sogar zwischen drei- und viertausend, Frucht einer vierzigjährigen Verkündigungszeit dieses Redners aus dem Altertum, der beschlossen hatte, Jesus nachzufolgen und nicht mehr zu den hochstehenden Personen am Kaiserhof zu reden, sondern zur einfachen Bevölkerung von Hippo.

Noch in den letzten Jahren hat die Entdeckung einer Reihe von Briefen und einiger  Predigten  unsere  Kenntnis  dieses großen Kirchenvaters  bereichert.

«Viele Bücher – so hat Possidius geschrieben – wurden von ihm verfasst und veröffentlicht, viele Predigten wurden in der Kirche gehalten, aufgeschrieben und anschließend korrigiert, sowohl um verschiedene Irrlehrer zu widerlegen, als auch um die Heilige Schrift zur Erbauung der heiligen Söhne und Töchter der Kirche auszulegen. Diese Werke – so unterstreicht der befreundete Bischof – sind so zahlreich, dass ein Gelehrter Mühe hat, sie alle zu lesen und kennenzulernen» (Vita Augustini, 18,9).

Die «Bekenntnisse» erinnern an eine ungewöhnliche Biographie

Unter dem literarischen Schaffen des Augustinus – also mehr als tausend Publikationen, die in Schriften über Philosophie, Apologetik, Doktrin, Moral, Mönchswesen, Exegese und gegen die Irrlehren sowie natürlich in die Briefe und Predigten unterteilt sind – ragen einige außergewöhnliche Werke von großer theologischer und philosophischer Vielfalt besonders heraus. Vor allem muss man an die bereits erwähnten «Bekenntnisse» erinnern, die zwischen 397 und 400 zum Lob Gottes in dreizehn Büchern niedergeschrieben wurden. Sie sind eine Art Autobiographie in Form eines Dialogs mit Gott. Diese literarische Gattung spiegelt deutlich das Leben des heiligen Augustinus wider, das nicht in sich verschlossen oder unzähligen Dingen zugewandt war, sondern das im wesentlichen als ein Dialog mit Gott und somit als ein Leben mit den anderen gelebt wurde.

Schon der Titel «Bekenntnisse» weist auf die Besonderheit dieser Biographie hin. Das Wort «confessiones» (Bekenntnisse) hat im christlichen Latein, das sich aus der Tradition der Psalmen entwickelt hat, zwei Bedeutungen, die jedoch miteinander verbunden sind. «Bekenntnisse» zeigt zunächst das Bekenntnis der eigenen Schwächen, des Elends der Sünden an; doch gleichzeitig bedeutet «Bekenntnisse» das Lob Gottes, die Würdigung Gottes. Das eigene Elend im Licht Gottes zu sehen, wird Lob Gottes und Dank, weil Gott uns liebt und annimmt, uns verwandelt und zu sich selbst erhebt. Der heilige Augustinus selbst hat über diese «Bekenntnisse», die bereits zu seinen Lebzeiten großen Erfolg hatten, geschrieben: «Sie haben große Wirkung auf mich ausgeübt, als ich sie geschrieben habe, und wenn ich sie wiederlese, dann üben sie immer noch große Wirkung auf mich aus. Es gibt zahlreiche Brüder, denen diese Werke gefallen» (Retractationes, II, 6): und ich muss sagen, dass auch ich einer dieser «Brüder» bin. Dank der Bekenntnisse können wir Schritt für Schritt den inneren Werdegang dieses außergewöhnlichen und von Gott begeisterten Mannes verfolgen. Weniger verbreitet, aber genauso einmalig und bedeutend sind dann die «Retractationes», die um das Jahr 427 in zwei Büchern verfasst wurden, in denen der heilige Augustinus als nunmehr alter Mann ein Werk der «Revision» (retractatio) seiner gesamten schriftlichen Arbeit durchführt und uns somit ein einzigartiges und kostbares literarisches Dokument, aber auch eine Lehre der Aufrichtigkeit und intellektueller Bescheidenheit hinterlässt.

«De civitate Dei» – ein eindrucksvolles und für die Entwicklung des politischen Denkens im Abendland sowie für die christliche Geschichtstheologie entscheidendes Werk – wurde zwischen 413 und 426 in zweiundzwanzig Büchern niedergeschrieben. Anlass war der Sacco di Roma, die Plünderung Roms durch die Goten im Jahr 410. Zahlreiche Heiden, die noch am Leben waren, aber auch viele Christen hatten gesagt: Rom ist gefallen, der christliche Gott und die Apostel können die Stadt nicht beschützen. Als die heidnischen Gottheiten da waren, war Rom «caput mundi», die Hauptstadt der Welt, und niemandem wäre der Gedanke gekommen, sie könne in die Hand der Feinde fallen. Jetzt, mit dem Gott der Christen, schien diese große Stadt nicht mehr sicher. Der Gott der Christen gewährte keinen Schutz, es konnte also kein Gott sein, dem man vertraut. Auf diesen Einwand, der auch das Herz der Christen zutiefst berührte, antwortet der heilige Augustinus mit seinem großartigen Werk «De civitate Dei» und erklärt, was wir von Gott erwarten können und was nicht, welches die Beziehung zwischen dem politischen Bereich und dem Bereich des Glaubens, der Kirche ist. Auch heute noch ist dieses Buch eine Quelle, um die wahre Laizität und die Zuständigkeit der Kirche, die große wahre Hoffnung, die der Glaube uns schenkt, genau zu definieren.

Dieses bedeutende Buch stellt die von der göttlichen Vorsehung beherrschte Geschichte der Menschheit dar, die jedoch gegenwärtig durch zwei Arten der Liebe entzweit wird. Das ist das zugrundliegende Muster, die Interpretation der Geschichte als Kampf zwischen zwei Arten der Liebe: die Eigenliebe «bis hin zur Gleichgültigkeit gegenüber Gott» und die Gottesliebe «bis hin zur Gleichgültigkeit gegenüber sich selbst» (De civitate Dei, XIV, 28), zur vollen Freiheit von sich selbst für die anderen im Licht Gottes. Das ist also vielleicht das wichtigste Buch des heiligen Augustinus, das von bleibender Bedeutung ist. Gleichermaßen wichtig ist «De Trinitate», ein Werk in fünfzehn Büchern über den Kerngedanken des christlichen Glaubens, den Glauben an den drei-einigen Gott, das zu zwei verschiedenen Zeiten geschrieben wurde: die ersten zwölf Bücher entstanden zwischen 399 und 412 und wurden ohne Wissen von Augustinus veröffentlicht, der sie dann um das Jahr 420 vervollständigt und das gesamte Werk überarbeitet hat. Hier denkt er über das Antlitz Gottes nach und versucht dieses Geheimnis Gottes zu verstehen, der einzig ist, der einzige Schöpfer der Welt und Schöpfer von uns allen, und dass gerade dieser einzige Gott dennoch dreifaltig ist, ein Kreis der Liebe. Er versucht das unergründliche Geheimnis zu verstehen: gerade das dreifaltige Sein, in drei Personen, stellt die wirklichste und tiefste Einheit des einzigen Gottes dar. «De doctrina Christiana» ist hingegen eine wirkliche kulturelle Einführung in die Auslegung der Bibel und schließlich in das Christentum selbst, das eine entscheidende Bedeutung in der Entstehung der abendländischen Kultur hatte.

Trotz aller Bescheidenheit war sich Augustinus seiner eigenen geistigen Größe sicher bewusst. Wichtiger jedoch, als große Werke von tiefer theologischer Bedeutung zu verfassen, war es ihm, den einfachen Menschen die christliche Botschaft zu bringen. Dieses tiefe Bestreben, das ihn sein ganzes Leben lang geleitet hat, geht aus einem Brief hervor, den er an seinen Kollegen Evodius geschrieben hat und in dem er diesem seine Entscheidung mitteilt, das Diktieren der Bücher von «De Trinitate» für den Augenblick zu unterbrechen, «da sie zu mühsam sind und ich glaube, dass sie nur von wenigen verstanden werden können; daher sind solche Texte dringender nötig, von denen wir hoffen, dass sie vielen nutzen mögen» (Epistulae, 169, 1, 1). Es schien ihm also von größerem Nutzen, allen den Glauben auf verständliche Weise zu vermitteln, als bedeutende theologische Werke zu verfassen. Die stark empfundene Verantwortung hinsichtlich der Verbreitung der christlichen Botschaft steht dann auch am Ursprung von Schriften wie «De catechizandis rudibus», eine Theorie und auch eine praktische Anleitung zur Katechese, oder «Psalmus contra partem Donati». Die Donatisten – ein bewusst afrikanisches Schisma – waren das große Problem im Afrika des heiligen Augustinus. Sie behaupteten: das afrikanische Christentum ist das wahre Christentum. Sie widersetzten sich der Einheit der Kirche. Gegen dieses Schisma hat der große Bischof sein ganzes Leben lang gekämpft und versucht, die Donatisten davon zu überzeugen, dass es nur in der Einheit auch wahre Afrikanität geben kann. Und um sich den einfachen Menschen verständlich zu machen, die das gewählte Latein des Redners nicht verstehen konnten, hat er gesagt: Ich muss auch mit grammatikalischen Fehlern schreiben, in einem äußerst vereinfachten Latein. Das hat er vor allem in diesem «Psalmus» getan, einer Art einfachem Gedicht gegen die Donatisten, um allen Menschen verstehen zu helfen, dass sich nur in der Einheit der Kirche für alle tatsächlich unsere Beziehung zu Gott verwirklicht und der Frieden in der Welt zunimmt.

Viele Priester schöpften aus den Predigten des Heiligen

In diesen Arbeiten, die für ein größeres Publikum bestimmt waren, kommt der Menge der Predigten eine besondere Bedeutung zu, die, häufig «aus dem Stegreif» formuliert, von Stenographen während der Predigt aufgeschrieben und gleich in Umlauf gebracht wurden. Unter ihnen stechen vor allem die wunderschönen «Enarrationes in Psalmos» hervor, die im Mittelalter viel gelesen wurden. Gerade die Publikationspraxis der Tausenden von Predigten des Augustinus – häufig ohne Überprüfung des Verfassers – erklärt ihre Verbreitung und den folgenden Verlust, aber auch ihre Lebendigkeit. So wur- den die Predigten des Bischofs von Hippo, durch die Berühmtheit ihres Autors, sofort zu gesuchten Texten und sie dienten auch anderen Bischöfen und Priestern als Vorbilder, die an immer neue Zusammenhänge angepasst wurden.

Die ikonographische Tradition stellt den heiligen Augustinus bereits in einem Fresko im Lateran, das auf das sechste Jahrhundert zurückgeht, mit einem Buch in der Hand dar – sicher um sein literarisches Schaffen zum Ausdruck zu bringen, welches die christliche Mentalität und das christliche Denken so stark beeinflusst hat, aber auch um seine Liebe zu den Büchern, zur Lektüre sowie seine Kenntnis der großen, ihm vorhergehenden Kultur auszudrücken. Bei seinem Tod hat er nichts hinterlassen, berichtet Possidius, doch «er empfahl stets, die Bibliothek der Kirche mit allen Handschriften sorgfältig für die Nachfahren zu bewahren», vor allem die Handschriften seiner Werke. In diesen, so unterstreicht Possidius, ist Augustinus «stets lebendig» und bringt denen Nutzen, die seine Schriften lesen, auch wenn, so schließt er, «ich glaube, dass diejenigen, die ihn persönlich sehen und hören konnten, als er in der Kirche gesprochen hat und vor allem diejenigen, die mit seinem täglichen Leben unter den Menschen vertraut waren, größeren Nutzen aus dem Kontakt mit ihm ziehen konnten» (Vita Augustini, 31). Ja, auch für uns wäre es schön gewesen, wenn wir ihn tatsächlich hätten hören können. Doch in seinen Schriften ist er wirklich lebendig, er ist in uns gegenwärtig und so sehen wir auch die stete Lebendigkeit des Glaubens, für den er sein ganzes Leben hingegeben hat.

Die Pilger deutscher Sprache in der Audienzhalle grüßte der Papst nach der Katechese mit den Worten:

Einen frohen Gruß richte ich an die deutschsprachigen Pilger und Besucher. Unter ihnen grüße ich besonders die Kirchenrechtsstudenten der Universitäten München, Augsburg und Potsdam. – In seinen Schriften zeigt Augustinus uns auch heute Wege, den Glauben tiefer zu verstehen. Wie er wollen wir nicht müde werden, Gott zu suchen und immer mehr zu lieben. Von Herzen segne ich euch alle.

Bereits zuvor hatte der Heilige Vater im Petersdom die Pilger begrüßt, die in der Audienzhalle keinen Platz mehr gefunden hatten. Auf deutsch sagte er:

Mit Freude grüße ich die Audienzteilnehmer aus den Ländern deutscher Sprache hier im Petersdom. Die Fastenzeit, die österliche Bußzeit, bietet eine gute Gelegenheit, den Weg der Umkehr entschieden weiterzugehen und sich um eine geistliche Erneuerung zu bemühen für eine Neubelebung des Glaubens und unserer Beziehung zu Gott sowie für einen großherzigen Einsatz im Geist des Evangeliums. Die Liebe ist der Lebensstil, der den glaubenden Menschen auszeichnet. Werdet nicht müde, überall Zeugnis für die Nächstenliebe zu geben. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Aufenthalt hier in Rom.

 

5. Leidenschaftliche Suche nach der Wahrheit

(Generalaudienz am 27.2.2008)

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Mit der heutigen Begegnung möchte ich die Vorstellung der Gestalt des heiligen Augustinus zum Abschluss bringen. Nachdem wir uns mit seinem Leben, seinen Werken und einigen Aspekten seines Denkens beschäftigt haben, möchte ich heute auf seine innere Veränderung zurückkommen, die ihn zu einem der größten Bekehrten der christlichen Geschichte gemacht hat. Dieser Erfahrung des Augustinus hatte ich im besonderen meine Überlegungen bei der Pilgerreise gewidmet, die ich im vergangenen Jahr nach Pavia unternommen habe, um den sterblichen Überresten dieses Kirchenvaters meine Verehrung zu entbieten. Auf diese Weise wollte ich ihm gegenüber die Hochachtung der gesamten katholischen Kirche zum Ausdruck bringen, aber auch meine persönliche Verehrung und Dankbarkeit gegenüber einer Figur sichtbar machen, der ich mich aufgrund der Rolle, die sie in meinem Leben als Theologe, Priester und Hirte gespielt hat, sehr verbunden fühle.

Sein Bekehrungsweg dauerte bis ans Lebensende

Noch heute ist es möglich, den Werdegang des heiligen Augustinus nachzuempfinden – vor allem dank seiner «Bekenntnisse», die zum Lob Gottes geschrieben wurden und die den Ursprung einer der für das Abendland charakteristischsten literarischen Formen bilden: der Autobiographie, also dem persönlichen Ausdruck des Bewusstseins seiner selbst. Nun, wer immer mit diesem meisterhaften und faszinierenden Buch Bekanntschaft macht, das auch heute noch viel gelesen wird, der wird schnell erkennen, dass die Bekehrung des Augustinus weder plötzlich erfolgt ist, noch von Anfang an vollständig er- reicht war, sondern dass sie eher wie ein wirklicher Weg definiert werden kann, der für jeden von uns ein Vorbild bleibt. Dieser Weg findet seinen Höhepunkt sicher in der Bekehrung und dann in der Taufe, doch er war in jener Osternacht des Jahres 387, als der afrikanische Redner von Bischof Ambrosius in Mailand getauft wurde, nicht zu Ende. Der Bekehrungsweg des Augustinus dauerte vielmehr bis an sein Lebensende, so dass man wirklich sagen kann, dass die einzelnen Etappen dieses Weges – von denen drei deutlich aus- gemacht werden können – eine einzige große Bekehrung darstellen.

Der heilige Augustinus hat leidenschaftlich nach der Wahrheit gesucht: von Anfang an und weiter sein ganzes Leben lang. Die erste Etappe seines Bekehrungsweges hat sich gerade in der allmählichen Annäherung an das Christen- tum erfüllt. Tatsächlich war er von seiner Mutter Monika, der er immer sehr verbunden bleiben sollte, christlich erzogen worden und obwohl er während seiner Jugendjahre ein ungeregeltes Leben geführt hatte, fühlte er sich immer tief zu Christus hingezogen, da er die Liebe zum Namen des Herrn mit der Muttermilch aufgenommen hatte, wie er selbst unterstreicht (vgl. Bekenntnis- se, III, 4,8). Doch auch die Philosophie, vor allem die Philosophie platonischer Prägung, hatte dazu beigetragen, ihn näher zu Christus zu führen, indem sie ihm die Existenz des Logos, der schöpferischen Vernunft darlegte. Die Bücher der Philosophen zeigten ihm, dass es die Vernunft gibt, aus der dann die ganze Welt hervorgeht, doch sie sagten ihm nicht, wie er diesen Logos erreichen könnte, der so weit entfernt schien. Nur die Lektüre der Briefe des heiligen Paulus, im Glauben der katholischen Kirche, hat ihm die Wahrheit vollständig offenbart.

Diese Erfahrung wurde von Augustinus auf einer der berühmtesten Seiten der «Bekenntnisse» zusammengefasst: er berichtet, dass er sich mit seinen quälen- den Betrachtungen in einen Garten zurückgezogen habe, wo er plötzlich eine kindliche Stimme hörte, die leise eine Melodie vor sich hin sang, die er noch nie zuvor gehört hatte: «tolle, lege, tolle, lege – nimm und lies, nimm und lies» (VIII, 12,29). Da hat er sich an die Bekehrung des Antonius, des Vaters des Mönchtums, erinnert und ist eilig zu der Paulushandschrift zurückgekehrt, die er kurz zuvor in der Hand gehabt hatte, er hat sie geöffnet und sein Blick fiel auf den Abschnitt aus dem Brief an die Römer, in dem der Apostel dazu ermahnt, die leiblichen Dinge abzulegen und sich mit Christus zu bekleiden (13,13-14). Er hatte verstanden, dass dieses Wort in jenem Moment an ihn persönlich gerichtet war, dass es durch den Apostel von Gott kam und ihm anzeigte, was er in jenem Moment zu tun hatte. So spürte er, wie sich die Finsternis des Zweifels zerstreute, und endlich fand er sich frei, sich ganz Christus zu schenken: «Du hattest mein Sein zu Dir bekehrt», kommentiert er (Bekenntnisse, VIII, 12,30). Das war die erste und entscheidende Bekehrung.

Diese grundlegende Etappe seines langen Weges hatte der afrikanische Redner dank seiner Begeisterung für den Menschen und für die Wahrheit erreicht, eine Begeisterung, die ihn Gott, der groß und unzugänglich ist, suchen ließ. Der Glaube an Christus ließ ihn verstehen, dass Gott, der scheinbar so fern war, in Wahrheit nicht so fern war. Er ist uns vielmehr nahe gekommen, indem er einer von uns geworden ist. In diesem Sinne brachte der Glaube an Christus die lange Suche des Augustinus auf dem Weg der Wahrheit zu ihrer Erfüllung. Nur ein Gott, der sich «berührbar», der sich zu einem von uns ge- macht hatte, war endlich ein Gott, zu dem man beten konnte, für den und mit dem man leben konnte. Das ist ein Weg, der voller Mut und gleichzeitig voller Demut verfolgt werden muss, in der Offenheit auf eine ständige Läuterung hin, derer jeder von uns stets bedarf. Doch mit jener Osternacht des Jahres 387 war, wie wir bereits gesagt haben, der Weg des Augustinus nicht abgeschlossen. Er kehrte nach Afrika zurück und gründete dort ein kleines Kloster, in das er sich mit wenigen Freunden zurückzog, um sich dem kontemplativen Leben und dem Studium zu widmen. Das war der Traum seines Lebens. Jetzt war er dazu berufen, ganz für die Wahrheit, mit der Wahrheit, in der Freundschaft zu Christus, der die Wahrheit ist, zu leben.

Ein schöner Traum, der drei Jahre dauerte, bis er – gegen seinen Willen – in Hippo zum Priester geweiht und zum Dienst für die Gläubigen bestimmt wurde, indem er zwar weiterhin mit Christus und für Christus lebte, allerdings im Dienste aller. Das fiel ihm sehr schwer, doch er begriff von Anfang an, dass er nur im Leben für die anderen – und nicht einfach nur in der privaten Betrachtung – wirklich mit Christus und für Christus leben konnte. Auf diese Weise, indem er auf ein Leben reiner Meditation verzichtete, lernte Augustinus, häufig unter Schwierigkeiten, die Frucht seiner Intelligenz zum Nutzen der anderen zur Verfügung zu stellen.

Er lernte, den einfachen Menschen seinen Glauben mitzuteilen und so in dem Ort, der seine Stadt wurde, für sie zu leben und unermüdlich eine selbstlose und schwierige Tätigkeit auszuüben, die er in einer seiner wunderschönen Predigten folgendermaßen beschreibt: «Ständig predigen, diskutieren, ermah- nen, erbauen, allen zur Verfügung stehen – das ist eine ungeheure Belastung, eine große Bürde, eine ungeheure Mühsal» (Serm. 339,4). Doch er hat diese Bürde auf sich genommen, da er verstand, dass er gerade auf diese Weise Christus näher sein konnte. Zu verstehen, dass man mit Bescheidenheit und Demut die anderen erreichen kann, das war seine wahre und zweite Bekehrung. Doch es gibt eine letzte Etappe auf dem Weg des Augustinus, eine dritte Bekehrung: diejenige, die ihn jeden Tag seines Lebens dazu bewegte, Gott um Vergebung zu bitten. Anfänglich hatte er gedacht, dass er, wenn er erst einmal getauft sei, im Leben der Gemeinschaft mit Christus, in den Sakramenten, in der Feier der Eucharistie, das Leben erlangt hätte, das in der Bergpredigt vor- geschlagen wird: ein Leben der Vollkommenheit, die in der Taufe geschenkt und in der Eucharistie bestätigt wird.

Im letzten Abschnitt seines Lebens hat er verstanden, dass das, was er in sei- nen ersten Predigten über die Bergpredigt gesagt hatte – nämlich dass wir als Christen dieses Ideal nunmehr ständig leben –, falsch war. Nur Christus selbst kann die Bergpredigt wirklich und vollständig verwirklichen. Wir bedürfen stets der Reinigung durch Christus, der uns die Füße wäscht, und der Erneuerung durch Ihn. Wir bedürfen einer ständigen Bekehrung. Bis zum Ende bedürfen wir dieser Demut, die anerkennt, dass wir als Sünder unterwegs sind, bis der Herr uns endgültig die Hand reicht und uns in das Ewige Leben führt. In dieser letzten Haltung der Demut, die Tag für Tag gelebt wurde, ist Augustinus gestorben.

Diese Haltung tiefer Demut gegenüber dem einen Herrn Jesus hat ihn auch zur Erfahrung geistiger Bescheidenheit geführt. So wollte Augustinus, eine der großen Gestalten der Geistesgeschichte, alle seine zahlreichen Werke in den letzten Jahren seines Lebens einer klaren, kritischen Prüfung unterziehen. Auf diese Weise entstanden die «Retractationes» (Revisionen), die auf diese Weise sein wirklich großartiges theologisches Denken in den demütigen und heiligen Glauben dessen einfügen, was er einfach mit dem Namen «Catholica», also der Kirche, bezeichnet. «Ich habe verstanden – so schreibt er in diesem ganz besonderen Buch (I, 19, 1–3) –, dass einer allein wirklich vollkommen ist und dass die Worte der Bergpredigt nur in einem allein ganz und gar verwirklicht werden: in Jesus Christus selbst. Die gesamte Kirche hingegen – wir alle, einschließlich der Apostel – müssen jeden Tag beten: vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern».

Zu Christus bekehrt, der die Wahrheit und die Liebe ist, ist Augustinus Ihm sein ganzes Leben lang gefolgt und ein Vorbild für alle Menschen, für uns alle, die wir auf der Suche nach Gott sind, geworden. Daher habe ich meine Pilgerfahrt nach Pavia damit abschließen wollen, meine erste Enzyklika, mit dem Titel «Deus caritas est», der Kirche und der Welt vor dem Grab dieses großen Gott liebenden Mannes gedanklich zu überreichen. Denn vor allem in ihrem ersten Teil hat sie dem Denken des heiligen Augustinus viel zu verdanken. Auch heute, wie zu seiner Zeit, muss die Menschheit diese fundamentale Wahrheit erkennen und vor allem leben: Gott ist die Liebe, und die Begegnung mit ihm ist die einzige Antwort auf die Unruhe des menschlichen  Herzens. Ein Herz, das von der Hoffnung bewohnt wird, die in vielen unserer Zeitgenossen noch dunkel und unbewusst sein mag, die jedoch uns Christen schon heute auf eine Zukunft hin öffnet, so dass der heilige Paulus geschrieben hat: «Denn wir sind gerettet, doch in der Hoffnung» (Röm 8,24). Der Hoffnung habe ich meine zweite Enzyklika «Spe salvi» widmen wollen und auch sie hat Augustinus und seiner Begegnung mit Gott vieles zu verdanken. In einem wunderschönen Text definiert der heilige Augustinus das Gebet als Ausdruck des Verlangens und erklärt, dass Gott antwortet, indem er unser Herz zu Ihm hin ausweitet. Unsererseits müssen wir unsere Wünsche und Hoffnungen läutern, um die zärtliche Liebe Gottes zu empfangen (vgl. In Ioannis, 4,6). Sie allein – indem sie uns auch den anderen öffnet – rettet uns. Beten wir also, dass es uns in unserem Leben jeden Tag gewährt werde, dem Vorbild dieses großen Bekehrten zu folgen und wie er in jedem Moment unse- res Lebens dem Herrn Jesus zu begegnen, dem einzigen, der uns rettet, uns läutert und uns die wahre Freude, das wahre Leben schenkt.

Die Fastenzeit lädt uns ein, unser Herz für die Not zu öffnen

Die Pilger deutscher Sprache in der Audienzhalle grüßte der Papst nach der Katechese mit den Worten:

Von Herzen begrüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Zunge. Besonders heiße ich die Konferenz der deutschsprachigen Seminarregenten und Konviktsdirektoren willkommen. Mögen die Schriften und das Vorbild des heiligen Augustinus für uns alle ein Ansporn auf unserem persönlichen Weg der Bekehrung sein. Dabei bestärke uns der Allmächtige Gott mit seinem Segen.

Bereits zuvor hatte der Heilige Vater im Petersdom die Pilger begrüßt, die in der Audienzhalle keinen Platz mehr gefunden hatten. Auf deutsch sagte er:

Ganz herzlich heiße ich die Audienzteilnehmer aus den deutschsprachigen Ländern hier im Petersdom willkommen. Eure Wallfahrt zum Grab des Apostels Petrus stärke euch im Glauben und in der Liebe, damit ihr Zeugnis geben könnt für die Frohbotschaft des Evangeliums. Die Fastenzeit lädt uns zudem ein, unser Herz für die materielle und seelische Not unserer Mitmenschen zu öffnen, in denen uns Christus selbst begegnet. Er ist es, der uns um unsere Zuwendung und unsere Solidarität bittet. Seien wir großzügig und teilen  wir unsere Zeit, unsere Güter und auch unseren Glauben mit unseren bedürftigen

Brüdern und Schwestern. Der Herr segne euch und eure Familien.

 

ANHANG: PILGERREISE NACH PAVIA

Einer der größten Bekehrten der Kirchengeschichte: Augustinus
(Predigt am Grab des Heiligen in der Augustinerkirche S. Pietro in Ciel d’Oro, 22.4.2007)

 

Liebe Brüder und Schwestern!

In der Osterzeit führt uns die Kirche Sonntag für Sonntag einige Verse aus den Predigten vor Augen, mit denen die Apostel, vor allem Petrus, nach dem Osterfest Israel zum Glauben an Jesus Christus, den Auferstandenen, einladen und so die Kirche gründen. In der heutigen Lesung stehen die Apostel vor dem Hohen Rat, dem Gremium, das Jesus des Todes schuldig erklärt hatte.

Der Hohe Rat konnte nicht tolerieren, dass dieser Jesus mittels der Predigten der Apostel jetzt anfinge neu zu wirken, er konnte nicht tolerieren, dass seine Heil bringende Kraft wieder gegenwärtig werde und sich Menschen zusammenscharten, die an Ihn als den verheißenen Retter glaubten.

Die Apostel werden angeklagt. Der Vorwurf lautet: «Ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen.» Petrus antwortet auf diese Anklage mit einer kurzen Katechese über den Kern des christlichen Glaubens: «Nein, wir wollen nicht sein Blut über euch bringen. Die Wirkung des Todes und der Auferstehung Jesu ist gänzlich anders. Gott hat ihn zum ‹Herrscher und Retter› für alle gemacht, auch und gerade für euch, für sein Volk Israel.»

Und wohin führt dieser Herrscher? Was bringt dieser «Retter»? Er führt uns zur Umkehr, schafft den Raum und die Möglichkeit, sich zu besinnen, zu bereuen und neu anzufangen. Er gibt die Vergebung der Sünden, er führt uns in die rechte Beziehung zu Gott und so auch jeden einzelnen in die rechte Beziehung zu sich selbst und damit zu den anderen.

Diese kurze Katechese des Petrus galt nicht nur für den Hohen Rat. Sie gilt uns allen. Denn Jesus, der Auferstandene, lebt auch heute. Für alle Generationen, für alle Menschen ist er der «Herrscher», der auf dem Weg vorangeht, und der «Retter», der unser Leben recht macht. Die zwei Worte «Umkehr» und «Vergebung der Sünden» entsprechen den beiden Jesustiteln «Herrscher» und «Retter», und sie sind die Schlüsselwörter der Predigt des Petrus, Worte, die in dieser Stunde auch unser Herz erreichen wollen. Der Weg, den wir gehen müssen, der Weg, den Jesus uns aufzeigt, heißt «Umkehr». Aber was ist das? Was müssen wir dafür tun? In jedem Leben hat Umkehr ihre eigene Form, denn jeder Mensch ist etwas Neues und keiner ist nur die Kopie  eines anderen. Aber im Lauf der Geschichte des Christentums hat der Herr uns Bei- spiele für Umkehr geschenkt, und mit Blick auf diese können wir Orientierung finden. Wir könnten auf Petrus selbst schauen, dem der Herr im Abendmahlssaal gesagt hatte: «Wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder» (Lk 22,32). Wir könnten auf Paulus schauen, einen großen Bekehrten. Die Stadt Pavia spricht von einem der größten Bekehrten der Kirchengeschichte: der heilige Aurelius Augustinus. Er starb am 28. August 430 in der Hafenstadt Hippo, damals von den Vandalen umzingelt und besetzt. Nach einigen Unruhen einer bewegten Geschichte gewann der König der Langobarden seine sterblichen Überreste für die Stadt Pavia, so dass er jetzt auf besondere Weise zu dieser Stadt gehört und in ihr und durch sie zu uns allen in besonderer Weise spricht.

In seiner Schrift «Bekenntnisse» zeigt uns Augustinus auf anrührende Weise den Weg seiner Bekehrung, die mit seiner Taufe durch Bischof Ambrosius im Dom von Mailand ihr Ziel erreicht hatte. Wer die Bekenntnisse liest, kann den Weg mitgehen, den Augustinus in einem langen inneren Kampf gehen musste, um in der Osternacht 387 am Taufbecken endlich das Sakrament zu erhalten, das die große Wende seines Lebens markiert. Aufmerksam dem Lebenslauf des Heiligen Augustinus folgend kann man sehen, dass die Bekehrung nicht ein Momentereignis war, sondern wirklich ein Weg. Man kann sehen, dass dieser Weg am Taufbecken noch nicht zu Ende war. So wie vor der Taufe ist das Leben des Augustinus auch nach der Taufe ein Weg der Umkehr geblieben, wenn auch auf andere Weise, bis zu seiner letzten Krankheit, als er auf die Wand die Bußpsalmen aufschreiben ließ, um sie immer vor Augen zu haben; als er sich selbst vom Empfang der Eucharistie ausschloss, um noch einmal den Weg des Büßers zu gehen und aus den Händen Christi das Heil zu empfangen als Geschenk der Barmherzigkeit Gottes. So können wir von  den «Bekehrungen» des Augustinus sprechen, die tatsächlich eine einzige große Umkehr waren auf der Suche nach dem Antlitz Christi und dann im gemeinsamen Gehen mit Ihm.

Ich möchte von den drei großen Etappen auf diesem Weg der Bekehrung sprechen, von drei «Bekehrungen». Die erste grundlegende Bekehrung war der innere Weg hin zum Christentum, hin zum «Ja» des Glaubens und der Taufe. Was war der wesentliche Aspekt dieses Weges? Augustinus, auf der einen Seite, war Sohn seiner Zeit, zutiefst bedingt von den Gewohnheiten und Leidenschaften, die sie dominierten, aber auch von all den Fragen und Problemen eines Heranwachsenden. Er lebte wie alle anderen, und dennoch war in ihm etwas Besonderes: Er blieb immer ein suchender Mensch. Er gab sich nicht zufrieden mit dem Leben, wie es war und wie alle es lebten. Er war immer geplagt von der Frage nach Wahrheit. Er wollte die Wahrheit finden. Er wollte herausfinden, wer der Mensch ist, woher die Welt kommt, woher wir selbst kommen, wohin wir gehen und wo wir das wahre Leben finden können. Er wollte das rechte Leben finden und nicht blind ohne Sinn und ohne Ziel vor sich hin leben. Die Leidenschaft für die Wahrheit ist das wirkliche Schlüssel- wort für sein Leben. Und es gibt noch eine Besonderheit: Alles, was nicht den Namen Christi trug, genügte ihm nicht. Die Liebe zu diesem Namen – sagt er uns – hatte er mit der Muttermilch aufgesogen (vgl. Conf. 3,4,8). Er hatte im- mer geglaubt – mal eher vage, mal sehr konkret –, dass Gott existiert und dass er für uns sorgt. Aber diesen Gott wahrhaft zu kennen, sich wirklich mit die- sem Christus vertraut zu machen und dazu zu kommen, «Ja» zu Ihm zu sagen, mit allen Konsequenzen – das war der große innere Kampf seiner Jugendjahre. Er erzählt uns, dass er mittels der platonischen Philosophie gelernt und erkannt hatte, dass «im Anfang das Wort war» – der Logos, die schöpferische Vernunft. Aber die Philosophie zeigte ihm keinen einzigen Weg, um zu ihm zu gelangen; dieser Logos blieb fern und unantastbar. Nur im Glauben der Kirche fand er dann die zweite Grundwahrheit: das Wort ist Fleisch geworden. Und so berührt es uns, und wir berühren es. Der Demut der Menschwerdung Gottes muss die Demut unseres Glaubens entsprechen, der Hochmut und Besserwisserei ablegt und sich beugt, wenn er in die Gemeinschaft des Leibes Christi eintritt und Teil von ihm wird; dieser Glaube, der mit der Kirche lebt und nur so in die konkrete, die leibliche Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott eintritt. Ich muss nicht eigens sagen, wie sehr das uns alle angeht: suchende Menschen bleiben, sich nicht mit dem zufrieden geben, was alle sagen und tun, den Blick nicht vom ewigen Gott und von Jesus Christus abwenden, immer wieder neu die Demut des Glaubens in der leibhaften Kirche Jesu Christi lernen.

Seine zweite Bekehrung beschreibt uns Augustinus am Ende des zehnten Buches seiner Bekenntnisse mit den Worten: «Von meinen Sünden geschreckt und von der Last meines Elends bewegte ich es in meinem Herzen, dachte darüber nach und floh in die Einsamkeit; aber du hieltest mich auf und befestigtest mich mit den Worten: ‹Er ist für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb.›» (2 Kor 5,15;

Conf. 10,43,70). Was war geschehen? Nach seiner Taufe hatte Augustinus beschlossen, nach Afrika zurückzukehren, und hatte dort gemeinsam mit seinen Gefährten ein kleines Kloster gegründet. Sein Leben sollte jetzt ganz der Zwiesprache mit Gott gewidmet sein, dem Nachdenken und der Betrachtung der Schönheit und der Wahrheit seines Wortes. So verbrachte er drei glückliche Jahre, in denen er glaubte, am Ziel seines Lebens angekommen zu sein. In dieser Zeit entstand eine Vielzahl philosophischer Werke. Im Jahr 391 besuchte er in der Hafenstadt Hippo einen Freund, den er für das klösterliche Leben gewinnen wollte. Aber in der sonntäglichen Liturgie, an der er in der Kathedralkirche teilnahm, wurde er erkannt. Der Bischof der Stadt, ein Mann griechischer Herkunft, der nicht gut Latein sprach und dem das Predigen Mühe machte, sagte in seiner Predigt nicht zufällig, dass er vorhabe, einen Priester auszuwählen, dem er die Aufgabe des Predigens übertragen wolle. Sofort ergriffen die Menschen Augustinus und zerrten ihn nach vorne, damit er zum Priester im Dienst der Stadt geweiht werden würde. Sofort nach seiner erzwungenen Weihe schrieb Augustinus an Bischof Valerius: «Ich fühlte mich wie einer, der das Ruder nicht halten kann und der dennoch zum zweiten Steuermann gemacht wurde … Daher rührten die Tränen, die einige meiner Brüder mich in der Stadt vergießen sahen, als ich geweiht wurde» (Ep. 21,1s). Der schöne Traum vom kontemplativen Leben war hinfällig. Das Leben Augustinus’ hatte sich völlig verändert. Nun musste er für alle mit Christus leben. Er musste sein Wissen und seine erhabenen Gedanken in das Denken und die Worte der einfachen Menschen seiner Stadt übersetzen. Das große philosophische Werk eines ganzen Lebens, das er erträumt hatte, würde ungeschrieben bleiben. An seine Stelle wurde etwas Kostbareres gerückt: das Evangelium übersetzt in die Alltagssprache. Das, was jetzt seinen Alltag ausmachte, hat er so beschrieben: «Die Undisziplinierten ändern, die Kleinmütigen stärken, die Schwachen unterstützen, die Gegner widerlegen… die Nachlässigen anspornen, die Streitenden bremsen, den Bedürftigen helfen, die Unterdrückten befreien, den Guten Zustimmung zeigen, die Schlechten tolerieren und alle lieben» (vgl. Serm. 340,3). «Unablässig predigen, diskutieren, tadeln, aufbauen, allen zur Verfügung stehen – es ist eine riesige Aufgabe, eine große Last, eine enorme Mühe» (Serm. 339,4). Das war die zweite Bekehrung dieses Menschen, der kämpfte und litt, der immer wieder versuchte, seine Pflicht zu tun: für alle da sein; immer wieder neu mit Christus gemeinsam sein eigenes Leben hingeben, damit die anderen ihn, das wahre Leben, finden können.

Es gibt noch eine dritte entscheidende Etappe auf dem Weg der Bekehrung des Heiligen Augustinus. Nach seiner Priesterweihe hatte er um einige Zeit Urlaub gebeten, um die Heiligen Schriften grundlegender studieren zu können. Sein erster Predigtzyklus nach dieser Reflexionspause behandelte die Bergpredigt; er erklärte das rechte Leben, «das vollkommene Leben» von Christus auf neue Weise gezeigt, er führte es als Pilgerweg auf den Heiligen Berg des Wortes Gottes vor Augen. In diesen Predigten kann man noch den ganzen Enthusiasmus des gerade gefundenen und erfahrenen Glaubens spüren: die feste Überzeugung, dass der Getaufte, voll und ganz nach der Botschaft Christi lebend, wirklich «vollkommen» sein kann. Rund zwanzig Jahre später schrieb Augustinus ein Buch mit dem Titel «Die Widerrufe», in dem er sich kritisch mit seinen bis dato verfassten Werken auseinandersetzte und Korrek- turen anbrachte, wo er inzwischen anderes erlernt und erfahren hatte. Mit Blick auf das Ideal des vollkommenen Lebens in seinen Auslegungen zur Bergpredigt merkte er an: «In der Zwischenzeit hatte ich verstanden, dass einer allein wahrhaft vollkommen ist und dass die Worte der Bergpredigt in einem allein vollkommen wirklich geworden sind: in Jesus Christus selbst. Die ganze Kirche hingegen, wir alle, die Apostel eingeschlossen, müssen je- den Tag beten: Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern» (vgl. Retract. I 19,1-3). Augustinus hatte den letzten Grad der Demut angenommen – nicht nur die Demut, sein großes Denken in den Glauben der Kirche einzufügen, nicht nur die Demut, sein großes Wissen in die Einfachheit der Verkündigung zu übersetzen, sondern auch die Demut, dass er selbst und die ganze pilgernde Kirche stets der barmherzigen Güte eines vergebenden Gottes bedarf; und wir – so fügte er hinzu – werden Christus, dem einzig Vollkommenen, im größtmöglichen Maß ähnlich, wenn wir wie er barmherzige Menschen werden.

In dieser Stunde danken wir Gott für das große Licht, das aus der Weisheit und der Demut des heiligen Augustinus aufstrahlt, und wir bitten den Herrn, dass er uns allen Tag für Tag die notwendige Umkehr schenkt und uns so zum wahren Leben führt. Amen.

 

Beim anschließenden Regina Coeli wandte sich Benedikt XVI. vor allem an die Jugendlichen – mit einem Verweis auf sein Jesusbuch:

Liebe Jungen und Mädchen, ich wünsche Euch, dass ihr immer mehr die Freude entdecken könnt, Jesus zu folgen und seine Freunde zu werden. Es ist die Freude des Petrus und der anderen Apostel, der Heiligen aller Zeiten. Diese Freude hat mich auch dazu angestiftet, das Buch «Jesus von Nazareth» zu schreiben, das soeben veröffentlicht wurde. Für die ganz jungen ist es ein wenig anspruchsvoll, aber ideellerweise vertraue ich es euch an, damit es den Weg des Glaubens der künftigen Generationen begleiten möge.

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Veröffentlichungsnachweise

1.   Katechese: Die Tagespost vom 12.01.2008
2.   Katechese: Die Tagespost vom 19.01.2008
3.   Katechese: Die Tagespost vom 02.02.2008
4.   Katechese: Die Tagespost vom 23.02.2008
5.   Katechese: Die Tagespost vom 01.03.2008

Aus dem Italienischen übersetzt von Claudia Reimüller

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Quelle

Der heilige Augustinus: „Ich glaube an die eine, heilige Kirche“

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Hauptteil einer Predigt von
P. Raniero Cantalamessa, OFMCap

Nach den Lehren von Athanasius, Basilius von Caesarea, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa über die Göttlichkeit Christi, den Heiligen Geist, die Dreifaltigkeit und die Gotteskenntnis hätte man glauben können, dass den lateinischen Kirchenvätern nicht mehr viel zu tun blieb, um am Gebäude des christlichen Dogmas mitzuwirken. Aber ein flüchtiger Blick auf die Geschichte der Theologie wird uns schnell vom Gegenteil überzeugen.

Angetrieben von ihrer Kultur, die ihnen einen starken Hang zur Spekulation vermittelt hatte, und bedingt durch die Häresien gegen die sie kämpfen mussten (Arianismus, Apollinarismus, Nestorianismus, Monophysitismus), hatten die griechischen Kirchenväter ihre Aufmerksamkeit vor allem auf die ontologischen Aspekte des Dogmas gerichtet: die Göttlichkeit Christi, seine zwei Naturen und die Art ihrer Verbindung, die Einheit und Dreifaltigkeit Gottes. Die Themen, die Paulus so lieb waren – die Rechtfertigung, das Verhältnis zwischen Gesetz und Evangelium, die Kirche als Leib Christi – waren am Rande ihrer Aufmerksamkeit geblieben oder nur flüchtig behandelt worden. Für ihre Zwecke war Johannes, mit seinem Augenmerk für das Mysterium der Menschwerdung, viel brauchbarer als Paulus, der dem Ostergeheimnis, das heißt dem Wirken Christi, den Vorrang gegenüber der Frage nach seinem Wesen gibt.

Der Charakter der lateinischen Väter, die (mit Ausnahme von Augustinus) mehr dazu neigten, sich mit konkreten, juristischen und praktischen Fragen zu befassen, als mit Spekulationen, verbunden mit dem Aufkeimen neuer Häresien, wie dem Donatismus und dem Pelagianismus, förderten eine neue, originelle Besinnung auf die paulinischen Themen der Gnade, der Kirche, der Sakramente und der Heiligen Schrift. Das ist die geschichtliche Epoche, die wir zum Gegenstand dieser Predigt machen wollen.

Was ist die Kirche?

Wir wollen unsere Vorführung mit dem größten unter den lateinischen Vätern, mit Augustinus beginnen. Der Meister aus Hippo hat seine Spur in fast allen Debatten der Theologie hinterlassen, ganz besonders jedoch in zweien: der über die Gnade und der über die Kirche. Mit dem ersten Thema befasste er sich aufgrund seines Kampfes gegen den Pelagianismus, mit dem zweiten aufgrund seines Kampfes gegen den Donatismus.

Der Lehre Augustins über die Gnade ist seit dem 16. Jahrhundert viel Aufmerksamkeit gewidmet worden, sowohl in protestantischen Kreisen (Luthers Rechtfertigungslehre und Calvins Prädestinationslehre knüpfen an ihr an), als auch im katholischen Lager, vor allem als Antwort auf die von Jansen und Bajus aufgeworfenen Kontroversen[2]. Das Interesse für seine Sichtweise der Kirche ist hingegen typisch für die Moderne, auch weil das Zweite Vatikanische Konzil die Kirche zu ihrem Hauptthema gemacht hat und die ökumenische Bewegung der Definition des Begriffs „Kirche“ eine große Bedeutung beimisst. Da wir in den Kirchenvätern Hilfe und Anregung für die Gegenwart des Glaubens suchen, werden auch wir uns mit diesem zweiten Interessengebiet des heiligen Augustinus befassen, mit der Kirche.

Die Kirche als Betrachtungsgegenstand war den griechischen Vätern nicht unbekannt gewesen, und auch die lateinischen Autoren vor Augustinus (Cyprian, Hilarius, Ambrosius) hatten sich mit ihr befasst. Doch beschränkten ihre Betrachtungen sich im Wesentlichen darauf, Begriffe und Sinnbilder der Heiligen Schrift zu wiederholen und zu kommentieren. Die Kirche ist das neue Volk Gottes; ihr ist die Unfehlbarkeit versprochen worden; sie ist die „tragende Säule der Wahrheit“; der Heilige Geist ist ihr oberster Meister; die Kirche ist „katholisch“, weil sie sich auf alle Völker ausdehnt, alle Dogmen lehrt und alle Charismen besitzt; in Anlehnung an Paulus ist von der Kirche als dem Mysterium unserer Einverleibung in Christus durch die Taufe und die Gabe des Heiligen Geistes die Rede; sie ist aus der Seitenwunde des gekreuzigten Christus geboren worden, so wie Eva aus der Seite des schlafenden Adams geboren wurde[3].

Das alles jedoch wird nebenbei bemerkt; die Kirche ist noch kein Betrachtungsgegenstand für sich. Wer gezwungen sein wird, sie zu einem solchen zu machen, ist eben Augustinus, der fast sein ganzes Leben lang gegen das Schisma der Donatisten ankämpfen musste. Diese nordafrikanische Sekte wäre heute vielleicht längst vergessen, wenn sie nicht zum Anlass für die Geburt der Ekklesiologie geworden wäre, der Reflexion über das Wesen der Kirche, ihrem Auftrag im Plan Gottes und ihrer Struktur.

Um das Jahr 311 weigerte sich ein gewisser Donatus, Bischof von Numidien, jene Gläubigen wieder in die kirchliche Gemeinschaft aufzunehmen, die während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian den staatlichen Behörden ihre heiligen Bücher ausgehändigt und ihrem Glauben abgeschworen hatten, um ihr Leben zu retten. 311 wurde ein gewisser Caecilianus zum Bischof von Karthago gewählt, dem vorgeworfen wurde (zu Unrecht, nach katholischer Auffassung), den Glauben während der Verfolgung unter Diokletian verraten zu haben. Diese Wahl wurde von einer Gruppe von siebzig nordafrikanischen Bischöfen unter der Leitung des Donatus nicht anerkannt. Sie setzten Caecilianus ab und ernannten an seiner Stelle Donatus zum neuen Bischof von Karthago. Von Papst Miltiades 313 exkommuniziert, blieb Donatus auf seinem Posten und löste dadurch ein Schisma aus, das zur Entstehung einer nordafrikanischen Parallelkirche führte, die bis zur Eroberung durch die Vandalen etwa hundert Jahre später existierte.

Im Laufe dieses Streits hatten die Donatisten versucht, ihre Position durch theologische Argumente zu untermauern. Durch den Versuch, eben diese Argumente zu widerlegen, gelangte Augustinus schrittweise zu seinem soliden Gedankengebäude über das Wesen der Kirche. Seine Gedanken legt er in zwei verschiedenen Arten von Schriften dar: in den Werken, die er unmittelbar gegen die Donatisten richtet, und in seinen Kommentaren zur Heiligen Schrift und Ansprachen ans Volk. Es ist wichtig, zwischen diesen zwei Kontexten zu unterscheiden, denn je nachdem, an welche Adressaten seine Schriften gerichtet waren, betont Augustinus manche Aspekte seiner Lehre über die Kirche mehr als andere, und nur aus der Gesamtheit dieser Schriften können wir uns ein Bild seiner Ekklesiologie machen. Wir wollen also die Schlussfolgerungen, zu denen der Heilige gelangt, nach diesen beiden Kontexten getrennt betrachten und dabei mit den antidonatistischen Streitschriften beginnen.

a. Die Kirche als Gemeinschaft in den Sakramenten und Gesellschaft von Heiligen. Das Schisma der Donatisten war von einer Überzeugung ausgegangen: Die Gnade des Herrn kann nicht von einem Priester vermittelt werden, der sie nicht besitzt; die Sakramente, die ein unwürdiger Priester erteilt, sind daher ungültig und unwirksam. Dieses Argument, das sich ursprünglich gegen die Bischofsweihe von Caecilianus richtete, wurde sehr bald auf alle Sakramente ausgedehnt, besonders auch auf die Taufe. Dadurch rechtfertigten die Donatisten ihre Abspaltung von den Katholiken und die Praxis, alle, die zu ihnen überliefen, neu zu taufen.

Im Gegenzug entwickelte Augustinus ein Prinzip, das zu einer bleibenden Errungenschaft der Theologie werden sollte und die Grundlage für das spätere Traktat De sacramentiis schuf: die Unterscheidung zwischen Potestas und Ministerium, das heißt, zwischen der Gnade und ihrem Verwalter. Die Gnade, die durch die Sakramente erteilt wird, ist ausschließlich das Werk Gottes und Christi; der Priester ist nur ihr Werkzeug: „Wenn Petrus tauft, ist es Christus, der getauft hat; wenn Johannes tauft, ist es Christus, der getauft hat; wenn Judas tauft, ist es ebenfalls Christus, der getauft hat.“[4] Die Gültigkeit und Wirksamkeit eines Sakraments wird von der Unwürdigkeit eines Priesters nicht verhindert. Das ist eine Wahrheit, die auch für die Christen von heute sehr aktuell ist…

Nachdem er auf diese Weise die stärkste Waffe seiner Gegner neutralisiert hat, kann Augustinus seine großartige Vision der Kirche ausarbeiten. Er beginnt mit einer grundlegenden Unterscheidung zwischen der gegenwärtigen, irdischen Kirche und der zukünftigen, himmlischen Kirche. Nur letztere wird eine Kirche sein, die einzig und allein aus Heiligen besteht; die Kirche der Gegenwart ist ein Feld, in dem Weizen und Unkraut untrennbar zusammen wachsen; ein Netz, das gute und schlechte Fische zugleich einfängt, das heißt Heilige und Sünder.

Innerhalb der irdischen Kirche unterscheidet Augustinus zusätzlich zwischen der „Gemeinschaft in den Sakramenten“ (communio sacramentorum) und der „Gesellschaft von Heiligen“ (societas sanctorum). Die erste wird durch die Teilhabe an den äußeren Zeichen – Sakramente, Heilige Schrift, kirchliche Autorität – sichtbar zusammengehalten; die zweite umschließt nur jene Menschen, die zusätzlich zu diesen äußeren Zeichen auch an der unsichtbaren Wirklichkeit teilhaben, die hinter diesen Zeichen steht: die res sacramentorum, das heißt, der Heilige Geist, die Gnade, die Nächstenliebe.

Da es auf Erden immer unmöglich bleiben wird, mit Gewissheit zu sagen, wer den Heiligen Geist und die Gnade besitzt – und noch mehr, ob er auch bis zu seinem Tod an ihnen festhält –, identifiziert Augustinus letztendlich die echte und endgültige Gemeinschaft der Heiligen mit der himmlischen Kirche der Auserwählten. „Wie viele Lämmer, die heute drin sind, werden dann draußen sein; und wie viele Wölfe, die heute draußen sind, werden dann drin sein!“[5]

Die Neuigkeit, auch gegenüber Cyprian, besteht darin, dass während dieser die Einheit der Kirche mit etwas Äußerlichem und Sichtbarem gleichsetzte – der Eintracht aller Bischöfe untereinander –, sie für Augustinus in etwas Innerlichem besteht: dem Heiligen Geist. Die Einheit der Kirche ist daher das Werk derselben Person, die auch die Einheit der Dreifaltigkeit hervorruft. „Der Vater und der Sohn haben gewollt, dass wir untereinander und mit ihnen durch dasselbe Band verbunden werden, das auch sie zusammenhält, nämlich dem Band der Liebe, das der Heilige Geist ist.“ [6] Der Heilige Geist erfüllt in der Kirche dieselbe Funktion, die unsere Seele im Leib erfüllt: Er belebt sie und macht sie zu einer Einheit. „Was die Seele für den menschlichen Leib ist, das ist der Heilige Geist für den Leib Christi, die Kirche.“ [7]

Die volle Zugehörigkeit zur Kirche erfordert beides zugleich: die sichtbare Gemeinschaft in den sakramentalen Zeichen und die unsichtbare Einheit in der Gnade. Doch besitzt sie viele Abstufungen, weshalb es nicht gesagt ist, dass jemand notwendigerweise entweder drinnen oder draußen sein muss. Man kann teilweise drinnen und zugleich teilweise draußen sein. Es gibt eine äußerliche Zugehörigkeit in den sakramentalen Zeichen, an der auch die schismatischen Donatisten und alle schlechten Katholiken teilhaben, und eine volle und uneingeschränkte Zugehörigkeit. Erstere besteht im Besitz des äußerlichen Zeichens der Gnade (sacramentum), ohne jedoch die innere Gnade zu empfangen, die von diesen Zeichen ausgeht (res sacramenti), wie es im Fall der von den Schismatikern erteilten Taufe oder der von unwürdigen Katholiken empfangenen Eucharistie geschieht.

b. Die Kirche als vom Heiligen Geist beseelter Leib Christi. In den exegetischen Schriften Augustins und in seinen Ansprachen für das Volk finden wir dieselben grundlegenden Prinzipien der Ekklesiologie wieder; doch steht Augustinus hier weniger unter dem Druck des Streits und spricht gewissermaßen zu seiner Familie; daher kann er gewissen inneren und geistigen Aspekten der Kirche, die ihm am Herzen liegen, mehr Raum widmen. In diesen Schriften stellt Augustinus, in oft sehr lyrischen und gerührten Tönen, die Kirche als den Leib Christi dar (das Attribut „mystisch“ fehlt zur Zeit noch und wird erst später hinzukommen), der vom Heiligen Geist beseelt ist und so sehr dem eucharistischen Leib ähnelt, dass er manchmal fast mit diesem gleichgesetzt wird. Lasst uns die Worte hören, die seine Gläubigen einst an einem Pfingstfest zu diesem Thema zu hören bekamen:

„Wenn du den Leib Christi begreifen willst, höre auf den Apostel, der zu den Gläubigen sagt: ‚Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm‘ (1 Kor 12,27). Wenn ihr also der Leib und die Glieder Christi seid, dann liegt auf der Tafel des Herrn euer eigenes Mysterium. Empfangt daher euer Mysterium! Sagt Amen zu dem, was ihr seid, und bejaht es dadurch. Denn man sagt dir: ‚Der Leib Christi‘, und du wirst antworten: ‚Amen‘. Sei ein Glied des Leibes Christi, damit dein Amen wahr ist… Seid das, was ihr seht und empfangt das, was ihr seid!“ [8]

Die Analogie zwischen den beiden Leibern Christi besteht für Augustinus in der symbolischen Übereinstimmung in der Art ihres Entstehens. Das Brot der Eucharistie ist das Ergebnis einer Verschmelzung zahlreicher Weizenkörner, und den Wein erhält man aus der Pressung zahlreicher Weinbeeren; so wird auch die Kirche von zahlreichen Menschen gebildet, die durch das Band der Liebe, das heißt durch dem Heiligen Geist, zusammengehalten und verschmolzen werden.[9] So wie der Weizen am Anfang auf den Feldern stand und von dort durch die Ernte eingebracht, dann gemahlen, zu Teig geknetet und im Ofen gebacken wurde, so waren auch die Gläubigen am Anfang über die ganze Welt verstreut und wurden durch das Wort Gottes zusammengeführt, durch die Buße und die Exorzismen, die der Taufe vorangehen, gemahlen, um schließlich durch das Wasser der Taufe und das Feuer des Heiligen Geistes zu gehen. Auch über die Kirche kann man sagen, dass das Sakrament „significando causat“ (dadurch, dass es Zeichen ist, zur Ursache wird): Weil die Eucharistie die Vereinigung von zahlreichen Personen in einer einzigen darstellt, verwirklicht sie diese Vereinigung auch, wird zu ihrer Ursache. In diesem Sinne kann man zurecht sagen, dass die Eucharistie die Kirche „macht“.

Die Aktualität der Ekklesiologie des heiligen Augustinus

Versuchen wir jetzt zu verstehen, auf welche Weise die Ideen des heiligen Augustinus über die Kirche dazu beitragen können, Licht auf die Probleme zu werfen, mit denen die Kirche in unserer Zeit konfrontiert wird. Ich möchte mich besonders auf die Bedeutung konzentrieren, die seine Ekklesiologie für den ökumenischen Dialog hat. Diese Wahl habe ich aus einem ganz bestimmten Grund getroffen. Die christliche Welt bereitet sich darauf vor, den fünfhundertsten Jahrestag der protestantischen Reformation zu begehen. Es sind schon erste Dokumente und gemeinsame Erklärungen zu diesem Ereignis im Umlauf [10]. Es ist für die ganze Kirche von größter Wichtigkeit, dass diese Gelegenheit nicht verloren geht, dass wir nicht Gefangene unserer Vergangenheit bleiben und versuchen, wenn auch mit mehr Objektivität und Friedfertigkeit als früher, festzustellen, wer worin Recht hatte und wer welche Schuld auf sich geladen hat. Stattdessen müssen wir einen entschiedenen Schritt voran gehen, wie es durch die „Klause“ eines Flusses oder Kanals geschieht, die es Schiffen ermöglicht, auf einer höheren Ebene weiterzufahren.

Die Lage der Welt, der Kirche und der Theologie hat sich seit damals sehr verändert. Es geht heute darum, bei der Person Jesu Christi neu zu beginnen und in Demut unseren Zeitgenossen zu helfen, Christus wiederzuentdecken. Wir müssen uns an der Zeit der Apostel orientieren. Sie hatten eine vorchristliche Welt vor sich; wir haben eine größtenteils nachchristliche Welt vor uns. Wenn Paulus den Kern der christlichen Botschaft in einem Satz zusammenfassen möchte, dann sagt er nicht: „Wir verkündigen euch folgende Lehre“; sondern: „Wir verkündigen Christus als den Gekreuzigten“ (1 Kor 1,23), oder auch: „Wir verkündigen Jesus Christus als den Herrn“ (2 Kor 4,5).

Das bedeutet nicht, dass wir die große theologische und geistliche Bereicherung, die aus der Reformation hervorgegangen ist, ignorieren sollen oder die Uhr zurückdrehen wollen; es bedeutet vielmehr, ihre Errungenschaften der gesamten Christenheit zur Verfügung zu stellen, sobald sie von gewissen Radikalismen befreit werden, die durch das erhitzte Klima der damaligen Zeit oder durch spätere Streite entstanden sind. Die unverdiente Rechtfertigung durch den Glauben, zum Beispiel, müsste heute mit mehr Nachdruck denn je gepredigt werden; nicht jedoch als Verneinung des Werts der guten Taten, denn solche Argumente sind überholt, sondern als Gegengewicht zur Anmaßung des modernen Menschen, er könne sich selbst retten und benötige weder Gott noch Christus dazu. Ich bin überzeugt, dass, wenn er heute lebte, diese würde die Weise sein, in welcher auch Luther die Rechtfertigung durch den Glauben predigen würde.

Wie kann die Theologie des Augustinus uns helfen, diese jahrhundertealten Schranken zu überbrücken? Der Weg, den wir heute gehen müssen, folgt gewissermaßen einer Richtung, die der, die er gegenüber den Donatisten einschlug, genau entgegengesetzt ist. Augustinus musste den Weg von der Gemeinschaft in den Sakramenten zur Gemeinschaft in der Gnade des Heiligen Geistes und in der Liebe gehen; wir heute müssen uns von der geistigen Gemeinschaft in der Liebe zur vollen Gemeinschaft in den Sakramenten bewegen, vor allem in der Eucharistie.

Die Unterscheidung zwischen den zwei Verwirklichungsebenen der wahren Kirche – die äußere Ebene der Zeichen und die innere Ebene der Gnade – erlaubt es Augustinus, ein Prinzip auszusprechen, das vor ihm undenkbar gewesen wäre: „Es kann daher innerhalb der katholischen Kirche Dinge geben, die nicht katholisch sind, so wie es außerhalb der katholischen Kirche etwas geben kann, das katholisch ist.“[11] Die zwei Aspekte der Kirche – der sichtbare und institutionelle einerseits, der unsichtbare und geistige andererseits – können nicht voneinander getrennt werden. Diese Wahrheit hat auch Pius XII. in seiner Enzyklika Mystici corporis, sowie das Zweite Vatikanische Konzil in der Konstitution Lumen gentium wieder bekräftigt. Doch solange diese beiden Aspekte der Kirche, aufgrund von historischen Konflikten und der Sünde der Menschen, leider nicht übereinstimmen, kann man der institutionellen Einheit keinen höheren Wert beimessen als der geistigen.

Diese Überlegung konfrontiert mich mit einer ernsthaften Frage. Kann ich als Katholik mich mehr mit der großen Menge derer in Gemeinschaft fühlen, die zwar in meiner selben Kirche getauft wurden, sich aber kein bisschen für Christus und die Kirche interessieren, oder wenn dann nur, um Kritik zu üben, als ich mich mit denen in Gemeinschaft fühle, die zwar anderen christlichen Konfessionen angehören, jedoch an dieselben grundsätzlichen Wahrheiten glauben wie ich auch, Jesus Christus lieben bis zur Bereitschaft, ihr Leben für ihn hinzugeben, sein Evangelium verbreiten, sich bemühen, den Armen der Welt zu helfen, und über dieselben Gaben des Heiligen Geistes verfügen, wie wir auch? Die Verfolgungen, die in manchen Gegenden der Welt heute so häufig geworden sind, machen keinen Unterschied: Sie verbrennen Kirchen und töten Menschen, nicht, weil sie Katholiken oder Protestanten sind, sondern weil sie Christen sind. Für sie sind wir bereits geeint!

Diese Frage müssten sich natürlich auch die Christen anderer Konfessionen in Hinblick auf ihre Beziehung zu den Katholiken stellen, und Gott sei Dank geschieht dies auch tatsächlich, im Verborgenen zwar, aber in viel stärkerem Maße, als die Nachrichten erahnen lassen. Ich bin überzeugt davon, dass man sich eines Tages wundern wird, wieso wir nicht schon früher gemerkt haben, was der Heilige Geist im Verborgenen unter den Christen unserer Zeit gewirkt hat. Außerhalb der katholischen Kirche gibt es unzählige Christen, die sie mit anderen Augen betrachten als früher und anfangen, in ihr die Wurzeln ihres eigenen Glaubens zu erkennen.

Die modernste und fruchtbarste Intuition des heiligen Augustinus zum Thema Kirche liegt also in der Erkenntnis, dass ihr einigendes Prinzip der Heilige Geist ist, und nicht die Eintracht unter den Bischöfen oder zwischen den Bischöfen und dem Papst. So, wie die Einheit des menschlichen Körpers von der Seele herrührt, die alle Glieder belebt und bewegt, so verhält es sich auch mit der Einheit des Leibes Christi. Sie ist in erster Linie eine mystische Tatsache, und dann erst ein Umstand, der in der Gesellschaft sichtbar wird. Sie spiegelt die vollkommene Einheit des Vaters mit dem Sohn durch das Wirken des Heiligen Geistes wider. Jesus hat diese mystische Grundlage unserer Einheit ein für allemal festgelegt, als er sagte: „Sie sollen eins sein, wie wir eins sind“ (Joh 17,22). Die Einheit in der Lehre und in den Regeln wird als Folge dieser mystischen und geistigen Einheit kommen; auf keinen Fall kann sie deren Ursache sein.

Deshalb sind die wichtigsten Schritte zur Einheit nicht die, die man am Verhandlungstisch oder in den gemeinsamen Erklärungen vollbringt (so wichtig diese Dinge auch sind), sondern die, die gemacht werden, wenn Gläubige unterschiedlicher Konfessionen sich zusammenfinden, um gemeinsam in brüderlicher Eintracht Jesus als den Herrn zu verkündigen, indem sich jeder seines spezifischen Charismas bewusst ist und die anderen als Brüder in Christus anerkennt.

Glieder des Leibes Christi, vom Heiligen Geist bewegt!

In seinen Ansprachen fürs Volk legt Augustinus seine Ideen über die Kirche nie dar, ohne zugleich praktische Anweisungen für das Alltagsleben der Gläubigen daraus abzuleiten. Genau das wollen auch wir nun tun, bevor wir unsere Meditation beenden. Dabei werden wir uns gleichsam unter die Reihen seiner Zuhörer von damals stellen.

Das Bild der Kirche als Leib Christi hat nicht erst Augustinus erdacht. Was neu ist an seinem Denken sind die praktischen Schlüsse, die er aus diesem Bild für das Leben der Gläubigen zieht. Einer davon ist, dass wir keinen Grund haben können, um uns gegenseitig mit Neid und Eifersucht zu betrachten. Das, was ich nicht besitze und die anderen hingegen schon, gehört in Wirklichkeit auch mir. Du hörst den Apostel all diese wunderbaren Charismen auflisten: Apostolat, Prophetie, die Macht der Heilungen… und vielleicht wirst du dann traurig, weil du merkst, dass du keines davon besitzt. Doch gib acht, ermahnt uns Augustinus: „Wenn du liebst, ist es nicht wenig, was du besitzt. Wenn du zum Beispiel die Einheit liebst, dann ist alles, was irgendjemand in ihr besitzt, zugleich auch dein Eigentum! Vertreibe den Neid, und was mein ist, wird auch dein sein; und wenn ich den Neid von mir vertreibe, wird das, was dir gehört, auch mir gehören.“ [12]

Nur das Auge hat im Leib die Macht, zu sehen. Aber sieht das Auge etwa nur für sich selbst? Zieht nicht der ganze Leib Nutzen aus seiner Fähigkeit, zu sehen? Nur die Hand handelt; doch handelt sie etwa nur für sich selbst? Wenn ein Stein das Auge treffen will, wird dann die Hand untätig bleiben und sagen, der Schlag gehe sie nichts an? Dasselbe geschieht im Leib Christi: Was jedes einzelne Glied ist und tut, ist es und tut es für alle!

Das ist der Grund, weshalb die Liebe „ein Weg ist, der alles übersteigt“ (vgl. 1 Kor 12,31): Wenn ich die Kirche liebe, oder die Gemeinde, deren Mitglied ich bin, dann gehören mir in dieser Einheit alle Charismen, und nicht nur einige. Mehr noch: Wenn du die Einheit mehr liebst als ich, dann wird das Charisma, das ich besitze, dir mehr gehören als mir! Angenommen, ich besäße das Charisma, evangelisieren zu können, aber ich wäre eitel und würde damit prahlen: dann wäre ich nur „eine lärmende Pauke“ (1 Kor 13,1). Mein Charisma würde mir nichts nützen; denen die mir zuhören jedoch würde es nützen, trotz meiner Sünde. Die Liebe vervielfältigt die Charismen tatsächlich; sie macht aus dem Charisma eines Menschen das Charisma aller.

Bist du ein Glied des einen Leines Christi? Liebst du die Einheit der Kirche? So fragte Augustinus seine Zuhörer. Wenn dich also ein Heide fragt, warum du nicht alle Sprachen sprichst, obwohl doch geschrieben steht, dass die, die den Heiligen Geist empfingen, alle Sprachen konnten, dann antworte ohne zu zögern: „Aber natürlich spreche ich alle Sprachen! Denn ich gehöre jenem Leib an, der Kirche, die alle Sprachen spricht und in allen Sprachen die großen Werke Gottes verkündet!“ [13]

Wenn wir eines Tages fähig sein werden, diese Wahrheit nicht nur auf die Beziehungen innerhalb unserer Gemeinde und unserer Kirche anzuwenden, sondern auch auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen, dann wird die Einheit der Christen an jenem Tag praktisch eine vollendete Tatsache sein.

Lasst uns mit dem Aufruf enden, mit dem Augustinus viele seiner Reden über die Kirche schließt: „Wenn ihr also vom Heiligen Geist leben wollt, bewahrt euch die Liebe und liebt die Wahrheit; auf diesem Weg werdet ihr die Ewigkeit erreichen. Amen.“ [14]

[Aus dem Italienischen übersetzt von Alexander Wagensommer]

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FUSSNOTEN

[1] Bernhard von Chartres, in Johannes von Salisbury, Metalogicon, III, 4 (Corpus Chr. Cont. Med., 98, S.116).

[2] Mit diesem Bereich des theologischen Einflusses Augustins befasst sich das Buch von H. de Lubac, Augustinisme et théologie moderne, Paris, Aubier 1965.

[3] Vgl. J.N.D. Kelly, Early Christian Doctrines, London 1968, Kap. XV.

[4] Augustinus, Contra Epist. Parmeniani II,15,34; vgl. auch den ganzen Sermo 266.

[5] Augustinus, In Ioh. Evang. 45,12: “Quam multae oves foris, quam multi lupi intus!”

[6] Augustinus, Discorsi, 71, 12, 18 (PL 38,454).

[7] Augustinus, Sermo 267, 4 (PL 38, 1231)

[8] Augustinus, Sermo 272 (PL 38, 1247 f.)

[9] Ebda.

[10] Vgl. das gemeinsame lutherisch-katholische Dokument „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ (Italienisch: “Dal conflitto alla comunione”)

[11] Augustinus, De Baptismo, VII, 39, 77.

[12] Augustinus, Abhandlungen über Johannes, 32,8.

[13] Vgl. Augustinus, Discorsi, 269, 1.2 (PL 38, 1235 f.).

[14] Augustinus, Sermo 267, 4 (PL 38, 1231).

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(21. März 2014) © Innovative Media Inc. (ZENIT.org)

GEBET VON JOHANNES PAUL II. AN DEN HL. AUGUSTINUS

ZUM 1650. JAHRESTAG DER GEBURT DES HL. AUGUSTINUS, BISCHOF VON IPPONA

O großer Augustinus, unser Vater und Lehrer,
der du die lichtreichen Wege Gottes kennst
und auch die gewundenen Wege der Menschen,
wir staunen über die Wunder,
die die göttliche Gnade
in dir gewirkt hat.
Sie machte aus dir einen leidenschaftlichen Zeugen
der Wahrheit und des Guten im Dienst am Nächsten.

Lehre uns am Beginn dieses neuen Jahrtausends,
das vom Kreuz Christi gezeichnet ist,
die Geschichte im Licht
der göttlichen Vorsehung zu verstehen,
die alle Ereignisse zur letzten Begegnung mit dem Vater führt.
Führe uns hin zu Zielen des Friedens.
Nähre in unseren Herzen
deine Sehnsucht nach jenen Werten,
auf die mit der Kraft, die von Gott kommt,
der »Staat« gebaut werden kann, der dem Menschen entspricht.

Die tiefgründige Lehre, die du in liebevollem und geduldigem Studium
aus den immer lebendigen Quellen
der Heiligen Schrift geschöpft hast,
möge heute alle erleuchten,
die von entfremdendem Blendwerk versucht werden.
Erwirke ihnen den Mut,
den Weg zu gehen zu jenem »inneren Menschen«,
in dem ihn Derjenige erwartet,
der allein unserem unruhigen Herzen
Frieden geben kann.

Viele unserer Zeitgenossen
scheinen die Hoffnung verloren zu haben,
unter den vielen gegensätzlichen Ideologien
die Wahrheit zu finden,
nach der sie dennoch in ihrem Innersten
eine quälende Sehnsucht bewahren.
Lehre sie, die Suche nie aufzugeben,
in der Gewißheit, daß schließlich ihre Mühe
durch die erfüllende Begegnung
mit jener höchsten Wahrheit belohnt wird,
die der Quell aller geschaffenen Wahrheit ist.

O heiliger Augustinus, vermittle auch
uns einen Funken jener glühenden Liebe
zur Kirche, der »Catholica«, der Mutter der Heiligen,
die alle Mühen deines langen Dienstes
unterstützt und beseelt hat.
Laß uns gemeinsam unter der Führung
der rechtmäßigen Hirten vorangehen
und zur Herrlichkeit des himmlischen Vaterhauses gelangen,
wo wir mit allen Seligen
in den neuen Gesang des nicht enden wollenden Halleluja
einstimmen können. Amen.

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Quelle

Siehe ferner: