TOD, EINBETTUNG UND BEISETZUNG VON JOHANNES PAUL II. SELIGEN ANGEDENKENS

A banner depicting Blessed John Paul II hangs from the facade of St. Peter's Basilica at the Vatican April 25. The banner was hung the morning of April 25 in advance of the April 27 canonization of Blesseds John XXIII and John Paul. At left is a statue of St. Peter. (CNS photo/Paul Haring) (April 25, 2014)

A banner depicting Blessed John Paul II hangs from the facade of St. Peter’s Basilica at the Vatican April 25. The banner was hung the morning of April 25 in advance of the April 27 canonization of Blesseds John XXIII and John Paul. At left is a statue of St. Peter. (CNS photo/Paul Haring) (April 25, 2014)

Im Licht des von den Toten auferstandenen Christus ist am 2. April im Jahr des Herrn 2005 abends um 21.37 Uhr, als sich der Samstag schon dem Ende zuneigte und wir in den Tag des Herrn, den zweiten Sonntag der Osterzeit oder Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit, eingetreten sind, der geliebte Hirte der Kirche, Johannes Paul II., von dieser Welt zum Vater heimgegangen. Die ganze Kirche hat sein Hinscheiden betend begleitet, besonders die jungen Menschen.

Johannes Paul II. war der 264. Papst. Die Erinnerung an ihn bleibt im Herzen der ganzen Kirche und aller Menschen lebendig.

Karol Wojtyla, der am 16. Oktober 1978 zum Papst gewählt wurde, ist am 18. Mai 1920 in Wadowice, einer Stadt fünfzig Kilometer von Krakau entfernt, geboren und zwei Tage später in der Pfarrkirche von dem Priester Franciszek Zak getauft worden.

Mit neun Jahren empfing er die Erstkommunion, und mit achtzehn Jahren wurde er gefirmt. Auf diese Sakramente stützte er sich, als er nach Aussetzung des Studiums, weil die nationalsozialistische Besatzungsmacht die Universität geschlossen hatte, von 1940 bis 1944 zuerst in einem Steinbruch und dann in der Chemiefabrik Solvay arbeitete.

Da er sich zum Priestertum berufen fühlte, besuchte er ab 1942 das geheime Priesterseminar von Krakau. Am 1. November 1946 erhielt er in Krakau durch Handauflegung von Kardinal Adam Sapieha die Priesterweihe. Danach wurde er nach Rom geschickt, wo er zuerst die Lizenz, dann das Doktorat in Theologie erwarb; seine Dissertation hatte die Glaubenslehre beim heiligen Johannes vom Kreuz zum Thema: Doctrina de fide apud Sanctum Ioannem a Cruce.

Danach kehrte er nach Polen zurück, wo er verschiedene pastorale Aufgaben wahrnahm und einige theologische Disziplinen lehrte. Am 4. Juli 1958 wurde er von Pius XII. zum Weihbischof von Krakau ernannt und im Jahr 1964 von Paul VI. zum Erzbischof für eben diesen Sitz bestimmt. Als Erzbischof von Krakau nahm er am Zweiten Vatikanischen Konzil teil. Am 26. Juni 1967 hat ihn Paul VI. in das Kardinalskollegium aufgenommen.

Im Konklave wurde er am 16. Oktober 1978 von den Kardinälen zum Papst gewählt und nahm den Namen Johannes Paul II. an. Am 22. Oktober, Tag des Herrn, trat er feierlich sein Petrusamt an.

Das Pontifikat Johannes Pauls II. war eines der längsten in der Geschichte der Kirche. In diesem Zeitraum hat es in verschiedenen Gegenden der Welt große Veränderungen gegeben. Dazu zählt der Fall der kommunistischen Regime einiger Nationen, wozu der Papst selbst viel beigetragen hat. Um das Evangelium zu verkündigen, unternahm er viele Reisen in verschiedene Nationen.

Das Petrusamt hat er mit seinem entschlossenen missionarischen Geist ausgeübt, indem er alle seine Kräfte einsetzte, wenn ihn die sollicitudo omnium Ecclesiarum – die Sorge um alle Kirchen – und ebenso die Liebe zu allen Menschen dazu anhielten. Mehr als jeder seiner Vorgänger ist er mit dem Volk Gottes und mit den Amtsträgern der Nationen bei Gottesdiensten, bei den General- und Sonderaudienzen und bei den Pastoralbesuchen persönlich zusammengetroffen.

Seine Liebe zu den jungen Menschen bewog ihn, die Weltjugendtage einzuführen, zu denen sich Millionen von Jugendlichen aus allen Teilen der Welt einfanden.

Er hat den Dialog mit den Juden und mit vielen Repräsentanten anderer Religionen gefördert und ihre Anhänger bisweilen, vornehmlich in Assisi, zu Gebetstreffen für den Frieden zusammengerufen.

Das Kardinalskollegium hat er durch die Ernennung von 231 Kardinälen (und einen »in pectore«) beträchtlich erweitert. Er hat fünfzehn Versammlungen der Bischofssynode einberufen, nämlich sieben ordentliche Vollversammlungen und acht Sondersynoden. Er hat zahlreiche Diözesen und Kirchenbezirke vor allem in Osteuropa errichtet.

Er hat die Reform des Codex des kanonischen Rechtes und des Gesetzbuches der katholischen Ostkirchen abgeschlossen und die Römische Kurie neu geordnet.

Als »sacerdos magnus« hat er in der Diözese Rom und auf dem ganzen Erdkreis den Dienst der heiligen Liturgie in voller Treue gegenüber dem Zweiten Vatikanischen Konzil ausgeübt. Auf beeindruckende Weise hat er liturgisches Leben und Spiritualität sowie das kontemplative Gebet, besonders die eucharistische Anbetung und das Gebet des heiligen Rosenkranzes, gefördert (vgl. Apostolisches Schreiben Rosarium Virginis Mariae).

Unter der Führung des Papstes hat sich die Kirche gemäß den von ihm selbst mit dem Apostolischen Schreiben Tertio millennio adveniente vorgegebenen Richtlinien dem dritten Jahrtausend genähert und das Große Jubiläum des Jahres 2000 gefeiert. Hierauf ist sie in das neue Zeitalter eingetreten, wofür sie Ratschläge und Anleitungen in dem Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte erhielt, mit dem der Papst den Gläubigen den Weg in die Zukunft zeigte.

Durch das Jahr der Erlösung, das Marianische Jahr und das Jahr der Eucharistie hat er die spirituelle Erneuerung der Kirche gefördert. In hohem Maße galten seine Bemühungen den Selig- und Heiligsprechungen, um auf unzählige Beispiele von Heiligkeit in der heutigen Zeit hinzuweisen, die ein Ansporn für die Menschen unserer Zeit sein sollen. Die heilige Theresia vom Kinde Jesu hat er zur Kirchenlehrerin erklärt.

Das Lehramt hat Johannes Paul II. in reichhaltiger Weise ausgeübt. Als Bewahrer des Glaubensgutes hat er sich klug und mutig um die Förderung der katholischen theologischen, moralischen und geistlichen Lehre bemüht und sich während seines gesamten Pontifikats gegen Tendenzen gewandt, die im Gegensatz zur wahren Tradition der Kirche stehen.

Zu den wichtigsten Dokumenten zählen vierzehn Enzykliken, fünfzehn Nachsynodale Apostolische Schreiben, elf Apostolische Konstitutionen, fünfundvierzig Apostolische Schreiben, außerdem die Katechesen bei den Generalaudienzen und die in allen Teilen der Welt gehaltenen Ansprachen. Durch sein Lehramt hat Johannes Paul II. das Gottesvolk gestärkt und ihm die theologische Lehre (vor allem in den drei wichtigen Enzykliken Redemptor hominis, Dives in misericordia, Dominum et vivificantem), die Lehre über den Menschen und die Soziallehre (in den Enzykliken Laborem exercens, Sollicitudo rei socialis, Centesimus annus), die Morallehre (in den Enzykliken Veritatis splendor, Evangelium vitae), die Lehre über den Ökumenismus (in der Enzyklika Ut unum sint), die Lehre über die Mission (in der Enzyklika Redemptoris missio), die Mariologie (in der Enzyklika Redemptoris Mater) vermittelt.

Er veranlaßte die Herausgabe des Katechismus der Katholischen Kirche im Licht der Offenbarung, wie das Zweite Vatikanische Konzil sie maßgebend erhellt hat. Er hat auch einige Bücher als Privatgelehrter veröffentlicht.

Den Höhepunkt hat sein Lehramt in der Enzyklika Ecclesia de Eucharistia und in dem Apostolischen Schreiben Mane nobiscum Domine im Jahr der Eucharistie erreicht.

Johannes Paul II. hat allen Menschen ein bewundernswertes Zeugnis an Frömmigkeit, heiligmäßigem Leben und universaler Väterlichkeit hinterlassen.

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(Die Zeugen der Exequien und der Beisetzung…)

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CORPUS IOANNIS PAULI II P.M.
VIXIT ANNOS LXXXIV, MENSES X DIES XV
ECCLESIAE UNIVERSAE PRAEFUIT
ANNOS XXVI MENSES V DIES XVII

Semper in Christo vivas, Pater Sancte!

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Quelle

Die Päpste und die kleine Theresia vom Kinde Jesus

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Alle Päpste des 20. Jahrhunderts waren von dem einfachen Glauben der Heiligen aus Lisieux beeindruckt. Einem auf der absoluten Notwendigkeit der Gnade basierenden.

Von Giovanni Ricciardi

Theresia vom Kinde Jesus

Am 20. November 1887 begegnete die hl. Theresia vom Kinde Jesus – sie war damals 15 Jahre alt – Papst Leo XIII. (1878-1903) im Rahmen einer von der Diözese Lisieux organisierten Wallfahrt. Sie bat den Papst unverfroren, vor Erreichung des vorgeschriebenen Alters in den Karmel eintreten zu dürfen. Worauf dieser lapidar geantwortet hatte: „Nun gut. Tretet ein, so Gott will.“ Der alte Papst konnte nicht ahnen, daß gerade dieses Mädchen die Pontifkate seiner Nachfolger so nachhaltig prägen sollte. Alle Päpste des 20. Jahrhunderts sind nämlich, auf die eine oder andere Weise, von der „Berührung“ mit Theresia geprägt. Zuallerst einmal Pius XI., der sie 1923 selig- und zwei Jahre später heiligsprach, sie 1927 zur Patronin der Missionen erklärte. Die Geschichte Theresias ist auch eng mit der Papst Montini verknüpft, der am Todestag der kleinen Schwester aus Lisieux getauft wurde. Aber die erste Intuition davon, wie außergewöhnlich Theresia war, hatte zweifellos Pius X. (1903-1914), der Papst, dessen Wahl genau vor 100 Jahren stattgefunden hat (4. August).

Pius X.: „Die größte Heilige aller Zeiten“
Es waren kaum 10 Jahre seit dem Tod Theresias vergangen, als Pius X. die französische Ausgabe der Histoire d´une âme geschenkt wurde und, drei Jahre später, 1910, die italienische Übersetzung der Autobiographie der Heiligen. Eine Übersetzung, die damals schon in zweiter Auflage erschien. Pius X. hatte keinerlei Bedenken, was Theresia anging, und beeilte sich, den Seligsprechungsprozess voranzutreiben, der eine der ersten Handlungen seines Pontifikats sein sollte. Aber schon einige Jahre zuvor, als er einem Bischof begegnet war, der ihm ein Bildnis Theresias schenkte, hatte der Papst festgestellt: „Das ist die größte Heilige unserer Zeit!“. Ein Urteil, das gewagt erscheinen mochte, und das schon allein deshalb, weil Theresia, damals wie auch heute, nicht immer ungeteilte Bewunderung auslöst. Über die Einfachheit ihrer geistlichen Lehre, die einfach nur von der absoluten Notwendigkeit der Gnade durchdrungen war, konnten viele Kirchenmänner nur die Nase rümpfen. Im Klima eines vom Jansenismus durchdrungenen Katholizismus erschien eine Spiritualität, die ganz im Zeichen des Vertrauens auf und die geduldige Hingabe an die Barmherzigkeit Gottes stand, als Kontrast zur Strenge einer auf Verzicht und Selbstaufopferung konzentrierten Askese. Diese „Zweifel“ an der Lehre Theresias kamen auch dem Papst zu Ohren. Der dem einmal mit Nachdruck entgegnete: „Ihre extreme Einfachheit ist das Außergewöhnlichste an dieser Seele, das, was am meisten Aufmerksamkeit verdient. Nehmt euch eure Theologie wieder vor!“
Pius X. war u.a. besonders von einem Brief beeindruckt, den Theresia am 30. Mai 1889 an ihre Cousine Maria Guérin geschrieben hatte, die, weil sie gewisse Bedenken hatte, nicht zur Kommunion ging: „Jesus ist dort im Tabernakel gerade für dich, für dich allein, sehnt sich danach, in dein Herz einzudringen […]. Empfange oft die Kommunion, sehr oft. Das ist das einzige Heilmittel, wenn du genesen willst.“ Viele Menschen hatten damals übertriebene Bedenken, die Eucharistie zu empfangen, und die Antwort Theresias erschien dem Papst als Ermutigung, dagegen vorzugehen. Es ist leicht möglich, daß die beiden Dekrete von Pius X., Sacra Tridentina Synodus über die häufige Kommunion, und Quam singulari über die Kinderkommunion, von der Lektüre der Schriften Theresias beeinflußt waren.

Benedikt XV.: „Gegen die Anmaßung, mit menschlichen Mitteln einen übernatürlichen Zweck erreichen zu wollen“
Pius X. blieb nicht die Zeit, den iter des Seligsprechungsprozesses zu verfolgen. Sein Nachfolger, Benedikt XV. (1914-1922), trieb ihn deutlich voran. Am 14. August 1921 verkündete er das Dekret über die heroischen Tugenden der kleinen Theresia, und zum ersten Mal sprach ein Papst, auf die „Lehre“ der Heiligen aus Lisieux bezogen, von einer „geistlichen Kindschaft“. „Die geistliche Kindschaft,“ meinte der Papst, „ist aus Gottvertrauen und dem blinden Sich-in-seine-Hände-Geben gemacht. […] Es ist nicht schwer, die Vorzüge dieser geistlichen Kindschaft auszumachen, sowohl nach dem, was sie ausschließt, als auch nach dem, was sie voraussetzt. In der Tat schließt sie ein übertriebenes Selbstwertgefühl aus, die Anmaßung, mit menschlichen Mitteln einen übernatürlichen Zweck erreichen zu wollen und auch die, sich selbst in der Stunde der Gefahr und der Versuchung genug sein zu wollen. Auf der anderen Seite setzt sie den lebendigen Glauben an die Existenz Gottes voraus. Setzt praktische Ehrerbietung an Seine Kraft und Barmherzigkeit voraus; das zuversichtliche Vertrauen auf die Vorsehung dessen, von dem wir die Gnade erhalten, alles Böse vermeiden und alles Gute erlangen zu können […]. Hoffen wir darauf, daß das Geheimnis der Heiligkeit Schwester Theresias vom Kinde Jesus niemandem verborgen bleibt.“

Pius XI.: „Der Stern in meinem Pontifikat“
Pius XI. (1922-1939) hegte, mehr als jeder andere Papst, sein ganzes Leben lang, schon bevor er Papst wurde, eine tiefe Verehrung für die kleine Theresia. Als er noch Apostolischer Nuntius in Warschau war, lag das Büchlein Storia di un´anima immer griffbereit auf seinem Tisch; und daran änderte sich auch nichts, als er Erzbischof von Mailand geworden war. Unter seinem Pontifikat kam es schon bald zur Heiligsprechung Theresias. Theresia wurde am 29. April 1923 selig-, am 17. Mai des Heiligen Jahres 1925 heiliggesprochen; am 14. Dezember 1927 wurde sie, zusammen mit dem hl. Franz Xaver, zur universalen Patronin der katholischen Missionen erklärt. Sowohl die Selig- als auch die Heiligsprechung waren die ersten des Pontifikats von Achille Ratti. Bereits am 11. Februar 1923, bei der Ansprache anläßlich der Anerkennung der für die Seligsprechung notwendigen Wunder, stellte er fest: „Ein Wunder der Tugend in dieser großen Seele, das uns mit den Worten des Göttlichen Dichters ausrufen läßt: ‚was vom Himmel auf die Erd’ gekommen ist, uns Wunder zu zeigen‘ […]. Die kleine Theresia ist selbst zu einem Wort Gottes geworden […]. Die kleine Theresia vom Kinde Jesus will uns sagen, daß es durch das Gebet ein Leichtes ist, an den allergrößten und heroischen Werken des apostolischen Eifers teilzuhaben.“ Zu den französischen Pilgern, die zur Seligsprechung Theresias nach Rom gekommen waren, sagte er: „Da steht ihr nun im Licht dieses Sterns – wie wir sie so gerne nennen –, den die Hand Gottes am Beginn unseres Pontifikats erstrahlen lassen wollte, Vorbote und Versprechen eines Schutzes, den wir erfahren durften.“
Der Fürsprache Theresias schrieb Papst Ratti in der Folge einen besonderen Schutz in den wesentlichen Momenten seines Pontifikats zu. 1927, in einem der dunkelsten Momente der Verfolgung der katholischen Kirche in Mexiko, vertraute er dieses Land dem Schutz Theresias an: „Wenn die Religion in Mexiko wieder ausgeübt werden kann,“ schrieb er an die Bischöfe, „wünsche ich, daß die hl. Theresia vom Kinde Jesus als Vermittlerin des religiösen Friedens in eurem Land anerkannt wird.“ Von ihr erflehte er die Lösung der starken Kontraste zwischen Hl. Stuhl und faschistischem Regime im Jahr 1931, denen die italienische Katholische Aktion um ein Haar zum Opfer gefallen wäre: „Meine kleine Heilige, mach’, daß bis zum Fest der Madonna alles wieder ins Lot kommt.“ Der Streitfall wurde noch am 15. August desselben Jahres beigelegt. Bereits gegen Ende des Heiligen Jahres 1925 hatte Papst Ratti an den Rand eines seiner Fotos, das er nach Lisieux geschickt hatte, geschrieben: „Per intercessionem S. Theresiae ab Infante Iesu protectricis nostrae singularis benedicat vos omnipotens et misericors Deus.“ Und dann, im Jahr 1937, in den letzten Jahren seines Pontifikats, dankte er öffentlich, „derjenigen, die auf so geschätzte und offensichtliche Weise dem Papst zu Hilfe gekommen ist und immer noch geneigt scheint, ihm helfen zu wollen: die hl. Theresia von Lisieux.“ Er konnte sich den Wunsch nicht mehr erfüllen, sich in den letzten Monaten seines Lebens nach Lisieux zu begeben. Kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Pius XII. sein Nachfolger (1939-1958), der die kleine Heilige nur allzu gut kannte und schätzte.

Pius XII.: „Vor Gott die geistliche Armut eines sündigen Geschöpfes geltend machen“
„Als Tochter eines vorbildlichen Christen hat Theresia auf dem Schoß ihres Vaters sitzend die Schätze der Vergebung und des Mitgefühls kennengelernt, die im Herzen des Herrn verborgen sind! […] Gott ist ein Vater, dessen Arme stets offen sind für seine Kinder. Warum sollen wir nicht auf diese Geste antworten? Warum sollen wir ihm nicht ohne Unterlaß unsere große Furcht entgegenrufen? Man muß auf das Wort Theresias vertrauen, wenn sie sowohl den Erbärmlichsten als auch den Vollkommensten einlädt, vor Gott nichts anderes geltend zu machen als die radikale Schwäche und die geistliche Armut eines sündigen Geschöpfes.“ So beschrieb Papst Pacelli in der Radiobotschaft vom 11. Juli 1954, anläßlich der Weihe der Basilika von Lisieux, das Wesen des von Theresia aufgezeigten „Weges der geistlichen Kindschaft“. Sein Briefkontakt mit dem Karmel von Lisieux riß sein ganzes Leben lang nicht ab. Begonnen hatte diese Korrespondenz im Jahr 1929, als er apostolischer Nuntius in Berlin war und nach Lisieux einen Brief schickte, in dem er sich für die erste deutsche Ausgabe der Autobiographie Theresias bedankte. Er wurde dann von Pius XI. mehrfach beauftragt, den Karmel Theresias aufzusuchen, um einige besondere Gottesdienste für ihn zu leiten. Als er 1934 in seiner Eigenschaft als Päpstlicher Legat zum internationalen eucharistischen Kongress nach Buenos Aires reiste, hatte er eine Reliquie Theresias dabei, der er seine Mission anvertraute. Während der gesamten Zeit seines Pontifikats hielt er den Kontakt zu Schwester Agnes und Schwester Celine aufrecht, den Schwestern Theresias, die noch im Karmel von Lisieux lebten.

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Johannes XXIII

Johannes XXIII.: „Die kleine Theresia führt uns ans Ufer“
Theresia die Große [Teresa von Avila, Anm.d.Red.] liebe ich sehr… aber die Kleine: die führt uns ans Ufer […]. Wir müssen ihre so notwendige Lehre predigen.“ So Johannes XXIII. (1958-1963) zu einem Priester, der ihm eine Sammlung von Gemälden der kleinen Theresia geschenkt hatte. Angelo Roncalli begab sich fünfmal nach Lisieux, vor allem in seiner Zeit in der Nuntiatur von Paris, aber auch, als er Apostolischer Delegat von Bulgarien war. Als Papst sprach er lange über Theresia bei der Generalaudienz vom 16. Oktober 1960: „Groß war Theresia von Lisieux, weil sie es verstanden hatte, in der Demut, in der Einfachheit, in ständiger Entsagung, zu den Unterfangen und dem Wirken der Gnade beizutragen, zum Wohl von zahllosen Gläubigen. Dazu will der Heilige Vater eine Episode erzählen, die er im Hafen von Konstantinopel selbst beobachten konnte. Dort kamen riesige Frachtschiffe an, die sich wegen der geringen Wassertiefe aber nicht dem Ufer nähern konnten. So konnte man dann neben jedem Frachter ein kleines Schiffchen beobachten, das auf den ersten Blick überflüssig zu sein schien, in Wahrheit aber überaus wertvoll war: denn seine Aufgabe war es, die Ladung sicher ans Ufer zu bringen.“

Paul VI.: „Ich wurde der Kirche an dem Tag geboren, an dem die Heilige dem Himmel geboren wurde“
Während eines Adlimina-Besuches des Bischofs von Sées, der Diözese, in der Theresia geboren worden war, sagte Papst Montini (1963-1978): „Ich wurde der Kirche an dem Tag geboren, an dem die Heilige dem Himmel geboren wurde. Daran läßt sich erkennen, welches besondere Band mich mit ihr verbindet. Meine Mutter hat mir die hl. Theresia vom Kinde Jesus nahegebracht, die sie sehr liebte. Ich habe die Histoire d´une âme oft gelesen, zum ersten Mal in meiner Jugendzeit.“ Schon 1938 schrieb er an die Nonnen des Karmels von Lisieux und gestand, „schon seit geraumer Zeit und mit regem Interesse die Entwicklung des Karmels von Lisieux zu verfolgen.“ Und fügte hinzu, „die hl. Theresia tief zu verehren“, „eine kleine Reliquie von ihr auf seinem Arbeitstisch“ zu haben.
Das allein erklärt schon das innige Band, das zwischen Paul VI. und Theresia bestand. Als Papst äußerte er sich wiederholt zu Gestalt und Lehre der Heiligen aus Lisieux. Im Jahr 1973, anläßlich des hundertsten Jahrestages der Geburt der Heiligen, schrieb er einen Brief an Msgr. Badré, damals Bischof von Bayeux und Lisieux, in dem er auf wenigen Seiten zusammenfaßte, was er über Theresia dachte. Der Realismus und die Demut Theresias sind die von Papst Montini am meisten herausgestellten Konzepte. „Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz lehrt, nicht auf uns selbst zu bauen, weder, was die Tugend, noch die eigenen Grenzen betrifft, sondern auf die barmherzige Liebe Christi, die größer ist als unser Herz und uns vereint mit dem Opfer seines Leidens und der Dynamik seines Lebens.“ Das Leben Theresias, die die menschlichen und kulturellen Grenzen des Klosters akzeptierte, lehrt uns Paul VI. zufolge, daß „die realistische Einfügung in die christliche Gemeinschaft, in der man gerufen ist, den gegenwärtigen Augenblick zu leben, als eine für unsere Zeit zutiefst wünschenswerte Gnade erscheint.“ Theresia lebte ihren persönlichen Weg der Heiligkeit inmitten vieler Beschränkungen. Und doch „erwartete sie nicht, um ihr Handeln beginnen zu können, eine ideale Lebensweise, ein vollkommeneres Zusammenleben: sie hat vielmehr sozusagen damit begonnen, von innen her zu verändern. Die Demut ist der Raum der Liebe. Ihre Suche nach dem Absoluten und die Transzendenz ihrer Nächstenliebe haben es ihr ermöglicht, die Hindernisse zu überwinden, bzw. ihre Grenzen verklärend umzuwandeln.“
Paul VI. hatte das Thema der Demut bei Theresia bereits in seiner Audienz vom 29. Dezember 1971 angesprochen: „Eine Demut, die umso angebrachter ist, je mehr das Geschöpf etwas ist, weil alles von Gott abhängt und der Vergleich aller unserer Maße mit dem Unendlichen dazu verpflichtet, die Stirn zu beugen.“ Diese Demut ist in Theresia nicht von einer „Kindschaft voller Vertrauen und Hingabe“ getrennt.
In der Ansprache, die der Papst am 16. Februar 1964 in der Pfarrei San Pio X hielt, legte er mit großer Klarheit dar, was die hl. Theresia vom Kinde Jesus bezüglich des Vertrauens, das wir in die Güte Gottes haben müssen, selbst gelebt und gelehrt hat, vollkommen auf seine barmherzige Vorsehung bauend: „Ein namhafter Schriftsteller der Moderne schließt eines seiner Bücher mit den Worten: alles ist Gnade. Von wem stammt dieser Satz? Nicht etwa von besagtem Schriftsteller selbst, nein, er hat – wie er auch zugibt – aus einer anderen Quelle geschöpft. Die hl. Theresia vom Kinde Jesus hat diesen Satz geprägt. Er steht in ihren Tagebüchern geschrieben: „Tout est grâce.“ Alles kann sich in Gnade auflösen. Außerdem tat auch die heilige Karmelitin nichts anderes als einen wunderschönen Satz des Paulus zu wiederholen: „Diligentibus Deum omnia cooperantur in bonum.“ Unser ganzes Leben kann sich zum Guten wenden, wenn wir den Herrn lieben. Und das ist es, was der Oberste Hirte all denen wünscht, die ihm zuhören.“

Johannes Paul I.: „Mit äußerster Einfachheit und auf das Wesentliche konzentriert“
Papst Luciani hatte in seinem nur 33 Tage dauernden Pontifikat nicht die Zeit, über Theresia zu sprechen. Was er allerdings schon bei zwei wichtigen Anlässen in seiner Zeit als Patriarch von Venedig getan hatte: am 10. Oktober 1973, als er einen Vortrag zum 100. Jahrestag der Geburt Theresias hielt, sowie in dem an sie geschriebenen Brief in dem Buch Illustrissimi. Darin berichtet Albino Luciani, zum ersten Mal die Storia di un ánima gelesen zu haben, als er 17 Jahre alt war: „Für mich war es Liebe auf den ersten Blick,“ schrieb er. Und berichtet, wie ihm Theresia geholfen hatte, als er, ein junger Priester, wegen einer schweren Tuberkulose ins Sanatorium eingeliefert worden war. „Ich schämte mich dafür, daß ich ein wenig Angst hatte,“ erinnerte sich Luciani. „Die 23jährige Theresia, die immer gesund und voller Vitalität gewesen war – sagte ich mir –, wurde von Freude und Hoffnung erfüllt, als sie zum ersten Mal Blut hustete. Und damit nicht genug: wenn der Anfall vorbei war, gelang es ihr mit Hilfe von Wasser und trocken Brot, das strenge Regime des Fastens durchzuhalten. Und du dagegen kannst deiner Angst nicht Herr werden? Du bist ein Priester, wach auf, benimm dich nicht wie ein Dummkopf!“. In seinem 1973 gehaltenen Vortrag sprach der zukünftige Johannes Paul I. über die Lehre Theresias: „Mit ihrem scharfen Verstand und ihren besonderen Gaben hat sie in den Dingen Gottes klar gesehen und hat sich auch mit größter Klarheit ausgedrückt, d.h. mit äußerster Einfachheit, und auf das Wesentliche konzentriert.“ Theresia suchte keine anderen Erfahrungen als die, die ihr das Christentum ihrer Zeit bot. Wie Pater Mario Caprioli schrieb, suchte sie nicht nach außergewöhnlichen Erfahrungen: „Beichte im Alter von sechs Jahren, Vorbereitung auf die Erstkommunion in der Familie, Wallfahrten – die für Theresia überaus lehrreich waren –, das Kloster, d.h. das religiöse Leben mit Gelübden, der Regel, der Enthaltsamkeit“ (M. Caprioli, I papi del XX secolo e Teresa di Lisieux, S. 349). Lucianis Kommentar dazu lautete wie folgt: „Unter dem Vorwand der Erneuerung neigt man heute manchmal dazu, all diese Dinge ihrer Werte zu entleeren. Damit wäre Theresia, wie ich meine, sicher nicht einverstanden.“

Johannes Paul II.: Theresia von Lisieux Lehrerin der universalen Kirche
Als Johannes Paul II. Theresia von Lisieux 1997 zur Lehrerin der universalen Kirche erklärte – als dritte Frau nach Teresa von Avila und Katherina von Siena – trat er sozusagen das Erbe seiner Vorgänger an.
Die Aktualität dieser Geste kann mit den Worten ausgedrückt werden, die Don Luigi Giussani bei der Begegnung der kirchlichen Bewegungen am 30. Mai 1998 an den Papst richtete: „Auf die verzweifelte Bitte des Helden Brand in Ibsens gleichnamigem Drama (Antworte mir, o Herr, in der Stunde, in der mich der Tod verschlingt: ist denn der ganze Wille des Menschen nicht ausreichend, um nur einen Teil des Heils zu erlangen?) antwortet die einfache Positivität der hl. Theresia vom Kinde Jesus, wenn sie schreibt: ‚Wenn ich wohltätig bin, dann ist das nur Jesus, der in mir wirkt.‘“

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Quelle

Papstmesse: Georgiens Frauen Vorbild einer Kirche des Trostes

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Franziskus bei der Messe im Stadion von Tiflis

Franziskus hat in Georgien zu einer Kirche der Nächstenliebe aufgerufen und die Katholiken des Landes zu Offenheit und Dialog aufgefordert. An der Messe im Micheil-Meschi-Stadion nahm entgegen den Ankündigungen doch keine offizielle Delegation der georgisch-orthodoxen Kirche teil, auch Patriarch Ilia II. blieb dem Gottesdienst fern. Es war das bislang größte Treffen des Papstes mit Katholiken in Georgien.

Herzlicher Empfang im überschaubaren Rahmen: Das für rund 30.000 Menschen ausgelegte Sportstadion war lange nicht bis auf den letzten Platz gefüllt, doch war die Freude der anwesenden Katholiken hör- und sichtbar: Franziskus-Rufe, viele Fotos und Winken begleiteten die Papst-Einfahrt ins Sportstadion im offenen Papamobil. In seiner Predigt zeichnete der Papst einmal mehr die Vision einer barmherzigen Kirche, die für die Menschen da sein und hinausgehen muss. Kirche soll Trost spenden – ausgehend vom Buch Jesaja erinnerte Franziskus an den Auftrag der Nächstenliebe und rief zur Gewissenserforschung auf. Jeder Christ solle sich fragen: „Ich bin in der Kirche, bin ich auch Überbringer des Trostes Gottes? Verstehe ich es, den anderen als Gast aufzunehmen und den zu trösten, den ich müde und enttäuscht sehe? Auch wenn er Betrübnis erleidet und auf Verschlossenheit stößt, ist der Christ immer aufgerufen, dem, der sich aufgegeben hat, Hoffnung zuzusprechen, den Entmutigten aufzurichten, das Licht Jesu zu bringen, die Wärme seiner Gegenwart, die Stärkung seiner Vergebung. (…) Den Trost Gottes empfangen und bringen: dieser Auftrag der Kirche ist dringend.“

Gleichgültigkeit angesichts menschlichen Leids erteilte Franziskus ebenso entschieden eine Absage wie einer negativen Weltsicht, die Menschen in Erstarrung verfallen lasse und den Glauben an Gott schwäche: „Wenn sich (…) die Tür des Herzens schließt, kommt Sein Licht nicht an und man bleibt im Dunkel. Dann gewöhnen wir uns an den Pessimismus, an die Dinge, die nicht in Ordnung sind, an die Gegebenheiten, die sich nie ändern werden. Und am Ende verschließen wir uns in der Traurigkeit, in den Katakomben der Angst, allein in uns selbst. Wenn wir hingegen die Türen des Trostes aufreißen, tritt das Licht des Herrn ein!“

Absage an kirchliches Mikroklima

Die Kirche und jeder Christ müssten Hoffnung spenden, schärfte Franziskus seinen Zuhörern ein. Wer Trost suche, müsse Gott in seinem Leben „die Türen öffnen“. In der Glaubenspraxis seien diese „Türen des Trostes“ das Evangelium, Gebet und Anbetung sowie Beichte und Eucharistie. Die Kirche dürfe sich bei ihrem Auftrag aber nicht in sich selbst verschließen, mahnte der Jesuit: „Es tut nicht gut, sich an ein in sich geschlossenes kirchliches „Mikroklima“ zu gewöhnen; es tut uns gut, weite und offene Horizonte der Hoffnung miteinander zu teilen, indem wir in unserem Leben den demütigen Mut aufbringen, die Türen zu öffnen und aus uns selbst hinauszugehen.“ Ebenso dürfe die Institution heute nicht zum Sklaven einer Unternehmenslogik werden, die am eigentlichen Auftrag der Kirche vorbeigehe: „Selig die Hirten, die sich nicht auf das hohe Ross der Logik des weltlichen Erfolgs setzen, sondern dem Gesetz der Liebe folgen: durch Aufnahme, Zuhören und Dienen. Selig die Kirche, die sich nicht auf die Kriterien des Funktionalismus und der Organisationseffizienz verlässt und sich nicht um Imagepflege kümmert.“

Voraussetzung für diesen Modus des Dienens sei Demut, so Franziskus, „Kleinheit im Herzen“. So bestehe die „wahre Größe“ des Menschen doch darin, „sich vor Gott klein zu machen“, klein wie ein Kind. „Die Kinder, die keine Probleme haben, Gott zu verstehen, können uns vieles lehren: Sie sagen uns, dass er große Dinge mit dem vollbringt, der ihm keinen Widerstand leistet, der einfach und ehrlich ist und ohne Falschheit. Das zeigt uns das Evangelium, wo große Wunder mit kleinen Dingen gewirkt werden.“

Georgiens Frauen machen es vor

Am Gedenktag der heiligen Theresia vom Kinde Jesu hob der Papst die große Bedeutung der georgischen Frauen für die Glaubensgemeinschaft hervor. In einer Region, die bis heute mit politischen und ethnischen Spannungen zu kämpfen hat, seien es „Großmütter und Mütter“, „die beständig den Glauben, der von der heiligen Nino in diesem Land ausgesät wurde, hüten und weitergeben und das frische Wasser der Tröstung Gottes in viele Situationen der Wüste und des Konflikts hineintragen.“ Theresia stehe für einen solchen „kleinen Weg“ zu Gott, führte der Papst aus. Die junge Heilige und Kirchenlehrerin habe mit Demut, Hingabe und Dankbarkeit für den Nächsten gewirkt und sei so zu einer Expertin in der „Wissenschaft der Liebe“ geworden. Und er appellierte an die Pilger: „Kleine, geliebte Herde von Georgien, die du dich so der Nächstenliebe und der Bildung widmest, nimm die Ermutigung des Guten Hirten an, vertrau dich ihm an, der dich auf die Schultern nimmt und dich tröstet!“

(rv 01.10.2016 pr)

2 WEIHNACHTSPREDIGTEN VON BISCHOF VITUS HUONDER, CHUR

Theresia vom Kinde Jesu 01

Predigt von Bischof Vitus in der Heiligen Nacht von Weihnachten 2015

Brüder und Schwestern im Herrn,

das Zeichen dieser Nacht, das Zeichen des Heiles und der Erlösung, das Gott uns schenkt, ist das Kind, das Kind in der Krippe: „Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt“ (Lk 2,12).

Das Kind in der Krippe hat eine unserer beliebtesten Heiligen angezogen und verwandelt, nämlich die heilige Theresia von Lisieux. Deshalb trägt sie den Namen Theresia vom Kinde Jesus, im Gegensatz zu ihrer Ordensmutter, der Theresia von Ávila, der Theresia von Jesus. Schon früh, nämlich mit 14 Jahren, spricht Theresia von Lisieux immer wieder vom Jesuskind, welches sie im Kloster haben will.

Nun, die Verehrung des Jesuskindes hat bei Theresia einen Zusammenhang mit einem Weihnachtsfest, mit der Christnacht von 1886. Es sind heute 129 Jahre seither. Theresia sagt dazu: „Die Weihnachtsnacht 1886 war für meine Berufung entscheidend; um es deutlich zu sagen, muss ich sie die Nacht meiner Bekehrung nennen. In jener gesegneten Nacht … würdigte mich Jesus, der aus Liebe zu mir Kind wurde, mich aus den Windeln und Unvollkommenheiten der Kindheit herauszulösen. Er verwandelte mich so, dass ich mich selbst nicht wieder erkannte“. Wir müssen wissen, dass Theresia damals dreizehnjährig war.

Was ist in Theresia in jener Nacht wohl vorgegangen? Was hat die Gnade Gottes in ihr in jener Nacht bewirkt? Theresia muss in jener Nacht erkannt haben, dass im Kind Jesus die unendliche Liebe Gottes zu uns Menschen verwirklicht ist. Im Jahr der Barmherzigkeit können wir von der unendlichen Barmherzigkeit Gottes uns Menschen gegenüber sprechen.

Diese unendliche Liebe Gottes offenbart sich für Theresia vor allem darin, dass Gott Mensch wird. Sie offenbart sich also im Gegensatz Gott – Mensch und in der Vereinigung dieses Gegensatzpaares in der Person von Jesus Christus. Es beeindruckt Theresia die Tatsache, dass der allmächtige Gott, der allmächtige Sohn Gottes, Mensch wird und sein Erscheinen in dieser Welt mit dem Kindsein beginnt; dass sein Erscheinen nicht ein Erscheinen in Herrlichkeit, Vollkommenheit und Macht ist, sondern ein Erscheinen auf dem ordentliche Lebensweg eines Menschen, mit der Empfängnis und der Geburt beginnend. Das beeindruckt die Heilige derart, dass Weihnachten für ihre Berufung entscheidend wird. Immer wieder schreibt sie unter Bildern, welche das Jesuskind darstellen, die Worte: „Jesus, wer hat dich so klein gemacht? – Die Liebe“.

Es ist aufschlussreich, dass Theresia oft davon spricht, dass Jesus Kind wurde in Gegenüberstellung zum großen Glaubensbekenntnis, welches festhält, dass Jesus Mensch wurde.  Jesus wurde Kind. Diese Ausdrucksweise macht uns wie keine andere bewusst, und deshalb kommt die heilige Theresia immer wieder darauf zu sprechen, wie sehr sich Gottes Sohn erniedrigt und entäußert hat. Und dies, um unser Erlöser zu werden. So ist die Menschwerdung des Sohnes Gottes wirklich der größte Erweise von Gottes Barmherzigkeit, von Gottes erbarmender Liebe, von Gottes Mitleid mit dem gefallenen und durch die Sünde in Not geratenen Menschen. Er hat dafür selbst die Hilflosigkeit und gänzliche Abhängigkeit eines Kindes auf sich genommen.

Möge die Betrachtung des Kindes in der Krippe auch in uns jene Bekehrung bewirken, welche die heilige Theresia so sehr verwandelte, dass sie sich ganz Gott geweiht und Gott gefällig gelebt hat. – „Jesus, was hat dich so klein gemacht? – Die Liebe“. Amen.


Predigt von Bischof Vitus am Hochfest von Weihnachten 2015

Brüder und Schwestern im Herrn, die Heilige Nacht 1886 wurde für die heilige Theresia von Lisieux zur Nacht der sogenannten Bekehrung. Das haben wir in der Weihnachtsmette vernommen. Deshalb nennt Theresia Weihnachten den Gnadentag aller Gnadentage. Weihnachten hat sie wohl nicht ihre Berufung erkennen lassen. Denn die Berufung hatte sie nach eigenen Aussagen von der Wiege an. Doch Weihnachten hat ihr die Kraft, die Gnade geschenkt, die Berufung anzunehmen und zu verwirklichen. Dazu sagt sie die folgenden starken und für uns wohl ungewöhnlich klingenden Worte: „Die heilige Theresia (sie meint damit ihre Ordensmutter Theresia von Ávila) sagte zu ihren Töchtern (also zu den Ordenfrauen ihres Klosters): ‘Ich will, dass ihr in nichts Frauen seid, sondern in allem starken Männern gleicht’. Sie hätte mich daher nicht als ihre Tochter anerkennen können, wenn der Herr mich nicht mit seiner göttlichen Kraft bekleidet hätte, wenn er mich nicht selbst für den Krieg ausgerüstet hätte“. Mit den Worten von Theresia hat der Herr die damals Dreizehnjährige an jenem Weihnachtsfest „für den Krieg ausgerüstet“. Das bedeutet in unser Denken und Sprechen übersetzt: Der Herr hat ihr die Gnade und die Kraft geschenkt, sich für das Kloster zu entscheiden und das strenge Ordensleben im Karmel auf sich zu nehmen.

Wir hörten eben im Evangelium, durch Moses sei das Gesetz gegeben worden, durch Jesus Christus aber seien Gnade und Wahrheit gekommen (Joh 1,17). Im Jahr der Barmherzigkeit könnten wir von Barmherzigkeit sprechen. Durch Jesus Christus ist Barmherzigkeit gekommen. Denn Gnade und Wahrheit sind ein Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit.

Nun, das Gesetz ist die Grundordnung Gottes. Es ist zunächst die Grundordnung der Schöpfung. Die Forderungen des Gesetzes sind ja, so sagt es uns der heilige Paulus, dem Menschen ins Herz geschrieben (vgl. Röm 2,15). So ist das Gesetz die Grundordnung der Schöpfung. Das Gesetz ist alsdann die Grundordnung des Bundes Gottes mit seinem Volk. Um dies zu verstehen, müssen wir die fünf Bücher des Moses lesen, die fünf ersten Schriften des Wortes Gottes, der Bibel. Sie enthalten das Gesetz des Bundes Gottes mit Israel. Deshalb sagt Johannes, das Gesetz sei durch Moses gegeben worden.

Das Gesetz als göttliche Grundordnung ist unabänderlich. Es muss eingehalten werden. Wir können auch sagen, das Gesetz sei unerbittlich. Da beginnt für den Menschen aber die Schwierigkeit. Er ist, von der Sünde gezeichnet, nicht in der Lage, das Gesetz vollkommen einzuhalten. Das bedeutet mit anderen Worten: Der Mensch braucht Hilfe, um der Grundordnung Gottes zu entsprechen. Das heißt: Der Mensch braucht Hilfe, um sein Ziel in Gott zu erreichen. Mit dem heutigen Evangelium können wir sagen: Der Mensch bedarf der Gnade und der Wahrheit um Gott zu finden und in Gott zu leben: Der Mensch bedarf der Barmherzigkeit, der Barmherzigkeit, welche sich in der Gnade und in der Wahrheit offenbart.

Die Gnade ist Gottes Zuwendung, welche sich in der Heiligung unserer Seele auswirkt. Die Wahrheit ist Gott selber. Die Wahrheit ist Gottes Werk. Die Wahrheit ist Gottes Wille. Die Wahrheit ist eine Eigenschaft Gottes, welche der Unwahrheit, der Lüge entgegensteht. Die Wahrheit ist das Leben in Gott.  Die Wahrheit ist Gott in seiner Lauterkeit, Heiligkeit und Unbedingtheit. Der Mensch findet seine Erfüllung nur in dieser Wahrheit. Er bedarf dieser Wahrheit, um das zu werden und zu sein, was Gottes Plan mit ihm ist. Dass er, der von der Sünde gezeichnet ist, dieses Ziel erreicht, bedarf er der Gnade, jener Hilfe und Zuwendung, welche nur Gott dem Menschen gewähren kann, damit er an sein Ziel kommt. – Diese Hilfe und Zuwendung ist durch Jesus Christus gekommen. Das ist Weihnachten. Jesus Christus ist Gnade und Wahrheit. Jesus Christus ist Gottes Barmherzigkeit. Wir drücken es im Credo mit den Worten aus: Propter nos homines et propter nostram salutem descendit de caelis, et incarnatus est de Spiritu Sancto ex Maria virgine et homo factus est. – Für uns Menschen und zu unserem Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.

Theresia durfte diese Hilfe und Zuwendung in der Heiligen Nacht erfahren. Wie sie sagt, wurde sie in dieser Nacht „für den Krieg“ ausgerüstet, sie wurde für ihre Berufung ausgerüstet. Möge auch uns Gnade und Wahrheit so zuteil werden, dass wir bereit sind, unsere Berufung, als Kinder Gottes zu leben. Mögen wir dem Geheimnis der Menschwerdung Gottes gegenüber jene Offenheit und Empfänglichkeit haben, welche in uns das Leben der Kinder Gottes bewirkt: „Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind“ (Joh 1,12-13). Amen.

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