Johannes Paul II.: Gebet zur Muttergottes in der Kapelle der Wunderbaren Medaille an der Rue du Bac am 31. Mai 1980

Paris Rue du Bac

Gegrüßt seist du, Maria!

Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unse­res Todes. Amen.

O Maria, ohne Sünde empfangen, bitte für uns, die wir zu dir unsere Zuflucht nehmen!

Das ist das Gebet, das du, Maria, hier an diesem Ort vor nunmehr einhundert­fünfzig Jahren der hl. Katharina Labouré eingegeben hast; und diese Anrufung, die dann in die Medaille eingeprägt wurde, wird nun von so vielen Gläubigen in die ganze Welt getragen und verkündet!

Am heutigen Tag, an dem die Kirche das Fest deines Besuches bei Elisabeth feiert, als Gottes Sohn bereits in deinem Schoß Fleisch angenommen hatte, soll unser erstes Gebet dich loben und preisen. Du bist gebenedeit, unter allen Frauen! Selig, die du geglaubt hast! Wunderbares hat der Allmächtige an dir vollbracht! Das Wunder deiner göttlichen Mutterschaft! Und daher das Wun­der deiner unbefleckten Empfängnis! Das Wunder deines „Fiat“! Du warst so eng mit dem ganzen Werk unseres Erlösers verbunden; dein Herz wurde durch­bohrt an der Seite seines Herzens. Und nun, in der Herrlichkeit deines Sohnes, hörst du nicht auf für uns arme Sünder einzutreten. Du wachst über die Kirche, deren Mutter du bist. Du wachst über jedes deiner Kinder. Du erhältst von Gott für uns alle Gnaden, die die Lichtstrahlen symbolisieren, die von deinen geöff­neten Händen ausgehen. Unter der einzigen Bedingung, daß wir den Mut ha­ben, dich darum zu bitten, daß wir uns dir mit dem Vertrauen, der Kühnheit und der Unbefangenheit eines Kindes nähern. Und so führst du uns unaufhör­lich zu deinem göttlichen Sohn.

Und an diesem gesegneten Ort möchte ich selbst dir heute erneut das Ver­trauen aussprechen, die ganz tiefe Zuneigung, die du mir stets gnädig ge­schenkt hast. „Totus tuus.“ Ich komme als Pilgernach all denen, die seit einhun­dertfünfzig Jahren in diese Kapelle gekommen sind, wie das ganze christliche Volk, das sich hier Tag für Tag drängt, um dir seine Freude, sein Vertrauen, sei­ne inständige Bitte auszusprechen. Ich komme wie der selige Maximilian Kol­be: vor seiner Missionsreise nach Japan, vor genau fünfzig Jahren, kam er hier­her, um deine besondere Hilfe zu erbitten für die Verbreitung seiner „Heer­schar der Unbefleckten“, wie er sie später nannte, und um unter deinem Schutz sein wunderbares Werk geistlicher Erneuerung auszuführen, ehe er sein Leben für seine Brüder hingab. Christus verlangt heute von seiner Kirche ein großes Werk geistlicher Erneuerung. Und ich, demütiger Nachfolger des Petrus, kom­me, um dir dieses große Werk anzuvertrauen, wie ich es in Jasna Gora, bei Un­serer Lieben Frau in Guadalupe, in Knoch, in Pomp eji, in Ephesus getan habe und wie ich es im kommenden Jahr in Lourdes tun werde.

Wir weihen dir unsere Kräfte und unsere Bereitschaft, dem Heilsplan zu die­nen, den dein Sohn ausgeführt hat. Wir bitten dich, daß durch den Heiligen Geist im ganzen christlichen Volk der Glaube sich vertiefen und festigen möge, daß die Gemeinschaft sich über alle Keime der Spaltung hinweg setze und daß in allen, die entmutigt sind, die Hoffnung neu auflebe. Wir bitten dich beson­ders für dieses französische Volk, für die Kirche in Frankreich, für ihre Hirten, für die gottgeweihten Seelen, für die Familienväter und -mütter, für die Kinder und Jugendlichen, für die Männer und Frauen des dritten Lebensalters. Wir bitten dich für alle, die an einem besonderen physischen oder moralischen Ge­brechen leiden, die die Versuchung der Untreue kennenlernen, die in einem Klima des Unglaubens vom Zweifel erschüttert werden; wir bitten auch für jene, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden. Wir vertrauen dir das Apostolat der Laien an, den Dienst der Priester, das Zeugnis der Ordensfrauen. Wir bitten dich, daß der Anruf zum Priester- und Ordensberuf weithin gehört und befolgt werde zur Ehre Gottes und für die Lebensfähigkeit der Kirche in diesem Land und in den Ländern, die immer noch missionarische Hilfe er­warten.

Wir empfehlen dir ganz besonders die große Zahl der Töchter der Liebe, deren Mutterhaus hier ist, und die im Geiste ihres Gründers, des hl. Vinzenz von Paul, und der hl. Louise de Marillac zum Dienst an der Kirche und an den Ar­men in allen Schichten und in allen Ländern so bereit sind. Wir bitten dich für jene, die in diesem Hause wohnen und die im Herzen dieser fieberhaft-hekti­schen Großstadt alle Pilger aufnehmen, die um den Wert des Schweigens und des Gebetes wissen.

Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unse­res Todes. Amen.


Das Ordensleben ist nicht euer Eigentum

Ansprache an die Ordensfrauen

von Paris in der Rue du Bac am 31. Mai 1980

Meine lieben Schwestern!

1. Im Verlauf meiner apostolischen Reisen empfinde ich es als sehr tiefes und immer neues Glück, mit den Ordensfrauen zusammenzutreffen, deren durch die drei evangelischen Räte geweihter Stand „unerschütterlich zum Leben und zur Heiligkeit der Kirche gehört“ (Lumen gentium, Nr. 44). Loben wir gemein­sam den Herrn, der uns diese Begegnung gewährt hat! Loben wir ihn für die Früchte, die in eurem persönlichen Leben, in euren Kongregationen, im Volk Gottes daraus hervorgehen werden! Habt Dank, daß ihr in so großer Zahl aus allen Stadtvierteln und der Umgebung von Paris, ja sogar aus der Provinz ge­kommen seid. Ich bin glücklich, euch, die ihr hier anwesend seid, sowie allen Ordensfrauen Frankreichs meine Wertschätzung, meine Liebe, meine Ermuti­gung zum Ausdruck zu bringen.

Diese Versammlung in beinahe ländlicher Umgebung läßt mich an jene Stun­den der Ruhe und Entspannung denken, die Christus selbst seinen ersten Jün­gern nach der Rückkehr von bestimmten apostolischen „Reisen“ vorbehielt. Auch ihr, liebe Schwestern, kommt aus euren Häusern und euren Arbeitsstät­ten im Dienst des Evangeliums: Kliniken oder Krankenhäusern, Schulen oder Kollegien, Zentren der Katechese oder Jugendheimen, Pfarrdiensten oder Ar­beit im Elendsmilieu. Ich möchte euch gern die Worte des Herrn wiederholen: „Kommt mit … und ruht ein wenig aus“ (Mk 6, 31). Miteinander wollen wir über das Mysterium und die evangelischen Räte meditieren, die Motiv eurer Beru­fung sind.

2. Das Ordensleben ist nicht euer Eigentum noch ist es es Eigentum eines Insti­tuts. Es ist ,,die göttliche Gabe, welche die Kirche von ihrem Herrn empfangen hat und in seiner Gnade immer bewahrt“ (Lumen gentium, 43). Mit einem Wort, das Ordensleben ist ein Erbe, eine in der Kirche seit Jahrhunderten von einer Vielzahl von Männern und Frauen gelebte Wirklichkeit. Und die Erfah­rung, die sie gemacht haben, geht über die gesellschaftlichen und kulturellen Unterschiede hinaus, die von einem Land zum andern bestehen können, sie übersteigt auch die Niederschriften, die sie hinterlassen haben, und liegt jen­seits der Mannigfaltigkeit heutiger Verwirklichungen und Untersuchungen. Dieses reiche geistliche Erbe gilt es zu achten und zu lieben. Es gilt, diejenigen Männer und Frauen zu hören und nachzuahmen, die das Ideal der evangeli­schen Vollkommenheit am besten verkörpert haben und die in so großer Zahl Frankreich geheiligt und berühmt gemacht haben.

Bis an den Abend eures Lebens bleibt ihr in dem Staunen und Wirken der Gna­de nach dem geheimnisvollen Anruf, der eines Tages in der Tiefe eures Her­zens zu vernehmen war: „Folge mir nach!“ (vgl. Mt 9, 9; Joh 1, 43). „Geh, ver­kauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen, so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!“ (Mt 19, 21). Ihr habt diesen Anruf zunächst als ein Geheimnis mit euch getragen, dann habt ihr ihn dem Urteil der Kirche unterstellt. Es ist in der Tat ein sehr großes Wagnis, alles zu verlassen, um Christus zu folgen. Aber ihr fühltet bereits – und ihr habt es später erfahren –, daß Er euer Herz erfüllen kann. Das Ordensleben ist eine Freundschaft, ein intimes Vertrauensverhältnis mystischer Art mit Christus. Euer persönlicher Lebensweg muß gleichsam eine originale Neuausgabe des berühmten Hohenliedes Salomos sein. Liebe Schwestern, im „Herz zu Herz“ des Gebets, das für jede von euch absolut lebensnotwendig ist, sowie bei euren verschiedenen apostolischen Einsätzen hört ihr, wie der Herr denselben Anruf an euch richtet: „Folge mir nach!“ Die Glut eurer Antwort wird euch in der Le­bendigkeit und Frische eurer ersten Bereitschaft erhalten. Ihr werdet auf diese Weise von Tag zu Tag treuer und zuverlässiger werden!

3. Nachfolge Christi ist etwas ganz anderes als die Bewunderung eines Vorbil­des, selbst wenn ihr gute Kenntnisse der Schrift und der Theologie besitzt. Die Nachfolge Christi ist etwas Existentielles. Ihm so nachfolgen wollen heißt, daß man ihm gleichgestaltet, ihm ähnlich wird bis zu dem Punkt, wo man – nach den Worten von Schwester Elisabeth von der Dreifaltigkeit – „sein Menschsein fortsetzt“. Und das durch das Geheimnis der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams. Ein solches Ideal übersteigt das Fassungsvermögen und die Kräfte des Menschen! Es ist nur mit Hilfe von festgesetzten Zeiten schweigender und glühender Betrachtung des Herrn Jesus zu verwirklichen. Die sogenannten „aktiven“ Ordensfrauen müssen von Zeit zu Zeit zu „kontemplativen“ werden nach dem Beispiel der Nonnen, an die ich mich in Lisieux wenden werde. Die Keuschheit des Ordenslebens, meine Schwestern, heißt, wirklich werden wollen wie Christus; alle Gründe, die man sonst noch vorbringen kann, wer­den unbedeutend vor dem einen wesentlichen Grund: Jesus war keusch. Dieser Stand Christi war nicht nur eine Überwindung der menschlichen Ge­schlechtlichkeit, die auf die künftige Welt hindeutete, sondern ebenso eine Bekundung, eine „Epiphanie“ des universalen Charakters seines Erlösungs­opfers. Das Evangelium zeigt unablässig, wie Jesus die Keuschheit gelebt hat. In seinen menschlichen Beziehungen, die im Verhältnis zu den Traditionen seiner Umgebung und seiner Zeit einzigartig weit waren, geht er vollkommen auf die tiefe Persönlichkeit des anderen ein. Seine Einfachheit, seine Achtung, seine Güte, seine Kunst, im Herzen der Menschen, die ihm begegneten, das Be­ste zu wecken, bringen die Samariterin, die Ehebrecherin und viele andere Menschen aus der Fassung und zur Umkehr. Möge euer Gelübde der Jungfräu­lichkeit – vertieft und gelebt im Geheimnis der Keuschheit Christi –, das schon eure Persönlichkeit verwandelt hat, euch veranlassen, wirklich euren Brüdern und Schwestern in ihren jeweiligen konkreten Situationen in Menschlichkeit zu begegnen! Wie viele Menschen in unserer Welt sind in irgendeiner Weise verwirrt, niedergedrückt, verzweifelt! Laßt sie, unter Beachtung der Regeln der Klugheit, fühlen, daß ihr sie in der Weise Christi liebt, indem ihr aus seinem Herzen die menschliche und göttliche Liebe schöpft, die er ihnen entgegen­bringt.

Ebenso habt ihr Christus gelobt, wie er und mit ihm arm zu sein. Sicher, die In­dustrie- und Konsumgesellschaft stellt die evangelische Armutspraxis vor komplizierte Probleme. Hier ist nicht der Ort und die Zeit darüber zu sprechen. Mir scheint, daß jede Kongregation in diesem Wirtschaftsphänomen eine Auf­forderung der Vorsehung erblicken sollte, dem armen Christus eine Antwort zu geben, die althergebracht und trotzdem neu ist. Das heißt, wenn ihr häufig und ausführlich über sein radikal armes Leben nachdenkt, wenn ihr oft und eifrig die einfachen und armen Leute besucht, die auch sein Gesicht tragen, werdet ihr fähig sein, alles, was ihr seid, und alles, was ihr habt, hinzugeben. Die Kirche muß an eurem Zeugnis lernen. Ermeßt eure Verantwortung!

Was den Gehorsam Jesu angeht, so nimmt er in seinem Erlösungswerk eine zentrale Stelle ein. Ihr habt oft die Abschnitte meditiert, wo der hl. Paulus vom Ungehorsam des Anfangs spricht, der gleichsam das Eingangstor der Sünde und des Todes in der Welt war; und er spricht vom Geheimnis des Gehorsams Christi, der die Rückkehr der Menschheit zu Gott einleitet. Die Selbstentäuße­rung, die Demut fallen unserer Generation, die sich für Autonomie und auch Phantasie begeistert, nicht leicht. Man kann sich j edoch ein Ordensleben ohne Gehorsam gegenüber den Oberinnen, die die Hüterinnen über das treue Fest­halten am Ideal des Instituts sind, nicht vorstellen. Der hl. Paulus unterstreicht den Zusammenhang von Ursache und Wirkung zwischen dem Gehorsam Chri­sti bis zum Tod am Kreuz (Phil 2, 6-11) und seiner Verherrlichung als der Auf­erstandene und Herr des Universums. Ebenso trägt der Gehorsam jeder Ordensfrau – der immer ein Opfer des Willens aus Liebe ist – reiche Früchte des Heils für die ganze Welt.

4. Ihr habt es also auf euch genommen, Christus zu folgen und ihm ähnlich zu werden, um denen, die es schon kennen, wie auch denen, die es noch nicht ken­nen, sein wahres Gesicht deutlich zu machen. Und das durch all die apostoli­schen Tätigkeiten, auf die ich zu Beginn unserer Begegnung angespielt hatte. Was diesen Tätigkeitsbereich anbelangt, so fordere ich euch lebhaft auf, unter Wahrung der besonderen Spiritualität eurer Institute euch in das ausgedehnte Netz pastoraler Aufgaben der Gesamtkirche und der Diözesen einzuschalten (vgl. Perfectae caritatis, Nr. 20). Ich weiß, daß Kongregationen – aus Mangel an Mitgliedern – nicht alle Appelle, die ihnen von den Bischöfen und ihren Prie­stern zugehen, erwidern können. Tut dennoch das Unmögliche, um die lebens­wichtigen Dienste der Pfarreien und der Diözesen sicherzustellen. Ordens­frauen sollten, entsprechend vorbereitet, an der Pastoral neuer Gegebenheiten mitarbeiten, die so zahlreich sind. Mit einem Wort, setzt in höchstem Maß all eure natürlichen und übernatürlichen Gaben und Fähigkeiten in der heutigen Evangelisierung ein. Seid immer und überall in der Welt gegenwärtig, ohne selbst von der Welt zu sein (vgl. Joh 17, 15-16).

Habt keine Angst, euer Selbstverständnis als dem Herrn geweihte Frauen klar erkennen zu lassen! Die Christen und die, die es nicht sind, haben ein Recht, zu wissen, wer ihr seid. Christus, unser Meister in allem, hat sein Leben zu einer mutigen Enthüllung seines Selbstverständnisses gemacht (vgl. Lk 9, 26).

Mut und Vertrauen, meine lieben Schwestern! Ich weiß, daß ihr seit Jahren viel über das Ordensleben, über eure Konstitutionen nachgedacht habt. Die Zeit ist gekommen, in der Treue zum Herrn und zu euren apostolischen Aufgaben zu leben. Ich bete aus ganzem Herzen, daß das Zeugnis eures geweihten Lebens und das Gesicht eurer Ordensgemeinschaften im Herzen zahlreicher junger Mädchen den Vorsatz wecken möge, wie ihr Christus zu folgen. Ich segne euch sowie alle Ordensfrauen Frankreichs, die auf dem Boden der Heimat oder in an­deren Kontinenten tätig sind. Und ich segne alle, die eurem Herzen und eurem Gebet nahestehen.

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Quelle: Verlautbarungen des Apostolischen Stuhls, 21, Predigten und Ansprachen von Papst Johannes Paul II. bei seiner Pilgerfahrt nach Frankreich , 30. Mai bis 2. Juni 1980