„Durch Wasser und Blut“

Besuch Bei Tawadros II., 28. April 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papstansprache beim Treffen mit dem
koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II.
Volltext

Am Schluß seines ersten Reisetages besuchte Papst Franziskus am heutigen Freitag, dem 28. April 2017, den koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II. in seiner Residenz bei der Kairoer Markus-KathedraleEr hielt dabei eine Ansprache, die wir hier in der offiziellen Übersetzung übernehmen.

Nach der Unterzeichnung des Entwurfs einer gemeinsamen Erklärung, begaben Franziskus und Tawadros II. sich zur nahegelegenen Boutrosiya-Kirche, die sich auf dem Gelände der Markus-Kathedrale befindet. Bei der Kirche, die am 11. Dezember 2016 Ziel eines blutigen Attentats war, bei dem insgesamt 29 Menschen getötet wurden, hielt Franziskus auf Spanisch ein spontanes Gebet. 

„Herr Jesus, ich bitte Dich, segne uns. Segne meinen Bruder, Papst Tawadros II., und segne alle Brüder, die Bischöfe, die hier sind. Segne alle christlichen Brüder. Führe uns auf den Weg der Nächstenliebe, des Zusammenarbeitens, des gemeinsamen Tisches der Eucharistie. Amen“, so sprach er.

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Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden!
[
Al Massih kam, bilhakika kam!]

Eure Heiligkeit, lieber Bruder,

vor kurzem haben wir das große Hochfest Ostern begangen, die Mitte des christlichen Lebens. Dieses Jahr hatten wir die Gnade, es am selben Tag zu feiern. Wir haben so im Gleichklang die Botschaft der Auferstehung verkündet und dabei auf gewisse Weise wieder die Erfahrung der ersten Jünger gemacht: An jenem Tag »freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen« (Joh 20,20). Diese Osterfreude wird heute durch das Geschenk vermehrt, im Gebet gemeinsam den Auferstandenen anbeten zu können und in seinem Namen einander erneut den heiligen Friedenskuss und den Friedensgruß zu geben. Dafür danke ich sehr: Auf meinem Weg hierher als Pilger war ich gewiss, den Segen eines Bruders zu empfangen, der mich erwartet hat. Groß war die Vorfreude, uns wieder zu treffen: Ich habe nämlich den Besuch Eurer Heiligkeit in Rom kurz nach meiner Wahl, am 10. Mai 2013, in lebendiger Erinnerung. Dieses Datum wurde zum glücklichen Anlass, jedes Jahr den Tag der koptisch-katholischen Freundschaft zu begehen.

In der Freude darüber, unseren ökumenischen Weg brüderlich fortzusetzen, möchte ich vor allem an jenen Meilenstein in den Beziehungen zwischen dem Stuhl Petri und dem Stuhl des Markus erinnern, nämlich die Gemeinsame Erklärung, die vor über vierzig Jahren von unseren Vorgängern am 10. Mai 1973 unterzeichnet wurde. »Nach einer jahrhundertelangen, schwierigen geschichtlichen Entwicklung«, in der »theologische Unterschiede entstanden sind, die von nichttheologischen Faktoren« und von einem zunehmend allgemeinen Misstrauen »genährt und verstärkt wurden«, ist man an jenem Tag mit Gottes Hilfe dazu gelangt, gemeinsam anzuerkennen, dass Christus »vollkommener Gott in Bezug auf seine Gottheit und vollkommener Mensch in Bezug auf seine Menschheit ist« (Gemeinsame Erklärung des Heiligen Vaters Paul VI. und Seiner Heiligkeit Amba Shenouda III., 10. Mai 1973). Aber nicht weniger aktuell und weniger wichtig sind die unmittelbar vorausgehenden Worte, mit denen wir »unseren Herrn und Gott, der unser aller Erlöser und König ist, bekannt haben, Jesus Christus«. Mit diesen Aussagen haben der Stuhl des Markus und der Stuhl Petri die Herrschaft Jesu feierlich verkündet: Gemeinsam haben wir bekannt, dass wir alle Jesus angehören und Er unser alles ist.

Darüber hinaus haben wir verstanden, dass wir als die Seinen nicht mehr daran denken können, jeder für sich auf seinem Weg voranzuschreiten. Denn so würden wir seinen Willen verraten, dass die Seinen »alle […] eins sein« sollen, »damit die Welt glaubt« (Joh17,21). Im Angesicht des Herrn, der wünscht, dass wir »vollendet« sind »in der Einheit« (17,23), ist es uns nicht mehr möglich, uns hinter den Vorwänden unterschiedlicher Interpretationen und auch nicht hinter Jahrhunderten einer Geschichte und von Traditionen, die uns einander entfremdet haben, zu verstecken. Wie Seine Heiligkeit Johannes Paul II. hier sagte: »In dieser Hinsicht dürfen wir keine Zeit verlieren! Unsere Gemeinschaft in dem einen Herrn Jesus Christus, in dem einen Heiligen Geist und in der einen Taufe ist bereits eine tiefe und fundamentale Wirklichkeit« (Ansprache bei der ökumenischen Begegnung, Kairo, 25. Februar 2000). Es gibt in diesem Sinn nicht nur eine Ökumene der Gesten, Worte und Bemühungen, sondern eine schon wirksame Gemeinschaft, die jeden Tag in der lebendigen Beziehung mit dem Herrn Jesus wächst und im Glauben, den wir bekennen, verwurzelt ist sowie in unserer Taufe wahrhaft begründet ist und darin, dass wir in ihm »neue Schöpfung« (2 Kor 5,17) sind: kurzum, es ist »ein Herr, ein Glaube, eine Taufe« (Eph 4,5). Von hier gehen wir immer aus, um das Kommen des so ersehnten Tags zu beschleunigen, an dem wir in voller und sichtbarer Gemeinschaft am Altar des Herrn versammelt sein werden.

Auf diesem leidenschaftlichen Weg, der, wie das Leben, nicht immer einfach und geradlinig ist – der Herr aber fordert uns auf, darauf weiter zu gehen –, sind wir nicht allein. Es begleitet uns eine unermessliche Schar von Heiligen und Märtyrern, die schon in voller Einheit uns dazu drängt, hier unten ein lebendiges Abbild des »Jerusalem oben« (Gal 4,26) zu sein. Unter ihnen freuen sich heute gewiss auf besondere Weise die Heiligen Petrus und Markus über unsere Begegnung. Das Band, das sie vereint, ist groß. Es genügt, daran zu denken, dass der heilige Markus das Glaubensbekenntnis des Petrus in die Mitte seines Evangeliums stellte: »Du bist der Christus!« Es war die Antwort auf die immer aktuelle Frage Jesu: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (Mk 8,29). Auch heute wissen viele Menschen keine Antwort auf diese Frage zu geben; es fehlt selbst an denen, die sie stellen, und vor allem an denen, die sie mit der Freude, Jesus zu kennen, beantworten – dieselbe Freude, mit der wir in der Gnade ihn gemeinsam bekennen.

Gemeinsam sind wir also gerufen, den Herrn zu bezeugen und der Welt unseren Glauben zu bringen, vor allem in der Weise, die dem Glauben eigen ist: das heißt den Glauben leben, weil die Gegenwart Jesu im Leben vermittelt wird und die Sprache der unentgeltlichen und konkreten Liebe spricht. Als orthodoxe Kopten und Katholiken können wir immer mehr diese gemeinsame Sprache der Liebe sprechen: Bevor wir eine wohltätige Initiative ergreifen, wäre es schön, uns zu fragen, ob wir sie mit unseren Brüdern und Schwestern unternehmen können, mit denen wir den Glauben an Jesus teilen. Wenn wir die Gemeinschaft im konkreten Alltag durch unser gelebtes Zeugnis aufbauen, so wird der Geist es nicht versäumen, von der Vorhersehung bestimmte ungeahnte Wege zur Einheit zu eröffnen.

Eben mit diesem konstruktiven apostolischen Geist fahren Eure Heiligkeit fort, der koptisch-katholischen Kirche eine echte und brüderliche Aufmerksamkeit entgegenzubringen. Für diese Nähe danke ich sehr. Sie hat ihren lobenswerten Ausdruck im Nationalen Rat der Christlichen Kirchen Ausdruck gefunden, den Sie ins Leben gerufen haben, damit die an Christus Glaubenden immer mehr gemeinsam wirken können zum Wohl der gesamten Gesellschaft Ägyptens. Ich habe auch die großzügige Gastfreundschaft bei der 13. Begegnung der Gemischten Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Katholischen Kirche und den Orthodoxen Orientalischen Kirchen sehr geschätzt, die auf Ihre Einladung hin letztes Jahr hier stattgefunden hat. Es ist ein schönes Zeichen, dass die nächste Begegnung dieses Jahr in Rom abgehalten wird, gleichsam als Ausdruck einer besonderen Kontinuität zwischen den Stühlen des Markus und des Petrus.

In der Heiligen Schrift scheint Petrus irgendwie die Zuneigung des Markus zu erwidern, indem er ihn »mein[en] Sohn« (1 Petr 5,13) nennt. Aber die brüderliche Verbundenheit des Evangelisten und seine apostolische Tätigkeit betreffen auch den heiligen Paulus, der vor seinem Märtyrertod in Rom von der nützlichen Hilfe des Markus zum Dienst spricht (vgl. 2 Tim 4,11) und ihn mehrfach erwähnt (vgl. Phlm 24; Kol 4,10). Brüderliche Liebe und gemeinsame Sendung: das ist die Botschaft, die uns das Wort Gottes und unsere Anfänge übermitteln. Wir haben die Freude, die Saat des Evangeliums weiterhin zu begießen und mit Gottes Hilfe gemeinsam wachsen zu lassen (vgl. 1 Kor 3,6-7).

Das Reifen unseres ökumenischen Weges wird auf geheimnisvolle und mehr denn je aktuelle Weise auch von einer wahren und eigentlichen Ökumene des Blutes getragen. Der heilige Johannes schreibt, dass Jesus »durch Wasser und Blut gekommen ist« (1 Joh 5,6); wer an ihn glaubt, »besiegt die Welt« (1 Joh 5,5). Durch Wasser und Blut: wenn wir ein neues Leben in unserer gemeinsamen Taufe leben, ein Leben in beständiger Liebe für alle, auch auf Kosten der Hingabe des Blutes. Wie viele Märtyrer in diesem Land haben von den ersten Jahrhunderten des Christentums an den Glauben auf heroische Weise bis zum Äußersten gelebt, indem sie lieber ihr Blut vergossen, als den Herrn zu verleugnen und den Verlockungen des Bösen oder auch nur der Versuchung nachzugeben, dem Bösen mit dem Bösen zu antworten. Das ehrwürdige Martyrologium der Koptischen Kirche bezeugt dies gut. Erst kürzlich ist leider das unschuldige Blut wehrloser Gläubiger auf grausame Weise vergossen worden. Lieber Bruder, wie das himmlische Jerusalem eines ist, so ist unser Martyrologium eines; eure Leiden sind auch unsere Leiden, und ihr unschuldiges Blut vereint uns. Setzen wir uns, gestärkt durch euer Zeugnis, dafür ein, uns der Gewalt zu widersetzen, indem wir das Gute predigen und säen und so die Eintracht wachsen lassen und die Einheit bewahren. Beten wir, dass die vielen Opfer den Weg in eine Zukunft in der vollen Einheit untereinander und des Friedens aller auftun.

Die wunderbare Geschichte der Heiligkeit dieses Landes ist nicht nur aufgrund des Opfers der Märtyrer eine besondere. Als kaum die Verfolgungen der Antike zu Ende gegangen waren, kam eine Lebensform auf, die in Hingabe an den Herrn nichts für sich zurückhielt: In der Wüste nahm das Mönchtum seinen Anfang. So folgte auf die großen Zeichen, die Gott in der Vergangenheit in Ägypten und am Roten Meer gewirkt hatte (vgl. Ps 106,21-22), das Wunder eines neuen Lebens, das die Wüste in Heiligkeit erblühen ließ. In Verehrung für dieses gemeinsame Erbe bin ich als Pilger in dieses Land gekommen, wohin der Herr selbst sich gerne hinbegibt: Hier kam er in Herrlichkeit auf den Berg Sinai hinab (vgl. Ex 24,16); hier fand er in Demut Zuflucht als Kind (vgl. Mt 2,14).

Eure Heiligkeit, lieber Bruder, derselbe Herr schenke uns, dass wir uns heute gemeinsam als Pilger der Gemeinschaft und als Verkünder des Friedens aufmachen. Auf diesem Weg möge uns diejenige an der Hand nehmen, die Jesus hierher begleitet hat und die seit dem Altertum von der großen theologischen Tradition Ägyptens als Theotokos – Gottesgebärerin – angerufen wurde. In diesem Ehrentitel verbinden sich auf wunderbare Weise die Menschheit und die Gottheit, denn in der Mutter ist Gott für immer Mensch geworden. Die heilige Jungfrau Maria, die uns immer zu Jesus führt, die vollkommene Symphonie des Göttlichen mit dem Menschlichen, möge weiter ein Stück Himmel auf unsere Erde bringen.

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

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Wie eine Rückkehr ins Haus des Evangelisten Markus

Kairo / Wikimedia Commons – Raduasandei, Public Domain

Erinnerungen an Besuch Papst Johannes Pauls II. am Nil

Papst Franziskus reist am kommenden Freitag nach Ägypten. Der letzte Besuch eines Papstes dort fand im Februar 2000 statt. Im Vorbereitungsteam war damals der Deutsche Monsignore Joachim Schroedel. Fast zwanzig Jahre, bis August 2014, war der Geistliche im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz der Seelsorger der deutschsprachigen Katholiken in Ägypten, zuständig auch noch für acht weitere Länder. Der Monsignore aus dem Bistum Mainz unterstützt nun den Apostolischen Vikar in Alexandria, Bischof Zaki, in der Seelsorge für die Deutschsprachigen. ZENIT-Korrespondentin Michaela Koller befragte ihn nach seinen Erinnerungen an den Besuch Papst Johannes Pauls II. im Land am Nil:

Sie haben im Jahr 2000 den Papstbesuch Johannes Paul II. in Ägypten mit vorbereitet. Was war Ihre Aufgabe?

Msgr. Joachim Schroedel: Vor siebzehn Jahren bedeutete die Vorbereitung eines Papstbesuches vor allem die Kommunikation im Inneren des Landes. Es war immerhin der erste Besuch des Nachfolgers des Apostels Petrus in Ägypten. Hier galt es, nicht zuletzt auch den muslimischen Repräsentanten des Staates und hoher muslimischer Institutionen, Kenntnisse zu vermitteln. Logistisch waren die Probleme sicherlich geringer, denn der Heilige Vater hatte ja mit zwei Übernachtungen und drei Besuchstagen ein eher entzerrtes Programm. Zur Vorbereitung gehörte dann auch die konkrete Durchführung samt Berichterstattung für die Medien.

Wie war damals die Reaktion der Christen auf den Besuch? Sprachen sie mit einer Stimme oder reagierten sie je nach Konfession unterschiedlich?

Msgr. Joachim Schroedel: Alle Christen Ägyptens freuten sich! Und sehr viele Muslime sagten, es sei eine große Ehre, die der Papst auch ihnen erweisen würde. Natürlich freuten sich die etwa 200.000 Katholiken besonders. Immerhin kam ihr Haupt zu ihnen, um ihnen Mut zu machen. Die Beziehungen zwischen den orientalischen Kirchen und der Kirche Roms war damals eher distanziert. Doch hat auch der damals regierende Patriarch der koptisch-orthodoxen Kirche, Shenuda III., bei einem Empfang für die Ökumene Kairos bekannt: ‚Heiliger Vater, wir lieben Ägypten – und wir lieben Sie!‘ Und Johannes Paul II. hatte herzlich bekannt, er käme “nach Hause”, ins Haus des Evangelisten Markus, der ja ein Schüler des Petrus war.

Bemerkenswert war die Bezeichnung der Zehn Gebote als “moralisches Universalgesetz”, gültig zu jeder Zeit und an jedem Ort. Wissen Sie etwas über die muslimischen Reaktionen darauf?

Msgr. Joachim Schroedel: Der Heilige Vater hatte es hervorragend verstanden, auch die muslimische Mehrheit in seinen Besuch einzubeziehen, obwohl anders als beim Besuch von Franziskus, es nur einen “Höflichkeitsbesuch” beim Großscheich der Al Azhar gab. Die 10 Gebote als “Universalgesetz” zu bezeichnen, das für jeden Menschen gilt, war keine neue Theorie. Doch hat dieses Wort neu auch bei den Muslimen gewirkt. Ebenso bemerkenswert war, daß der Papst mehr auf den “Dialog der Kulturen” abhob als auf den “Dialog der Religionen”. Ich hoffe, daß Papst Franziskus auf der gleichen Ebene weiter denkt.

Welche längerfristigen Auswirkungen hatte der Besuch – besonders mit Blick auf die Ökumene und den interreligiösen Dialog?

Msgr. Joachim Schroedel: Nach siebzehn Jahren kann man sagen, die Beziehungen zwischen den Kirchen des Orients und des Okzidents haben sich wesentlich verbessert. Der katholische Patriarch, Ibrahim Sidraq, und der koptisch-orthodoxe Patriarch, Tawadros II., sind, so kann man es sehen, Freunde geworden. Beim kommenden Besuch des Papstes wird auch der griechisch-orthodoxe Patriarch Bartholomaios aus Konstantinopel anwesend sein – ein nochmals größeres Zeichen wachsender Ökumene. Die Gespräche mit den Muslimen werden weiter geführt. Doch sollte dabei wirklich der Ansatz Johannes Pauls II. vom Dialog der Kulturen voran getrieben werden.

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Ägypten: Christen aus dem Sinai bitten um Hilfe

Auf der Flucht: Kopten vom Sinai bei der Ankunft in Ismailia

Die Christen aus dem Sinai bitten um Hilfe: Unversehens sind sie ins Visier islamistischer Terroristen gerückt. Viele Kopten verlassen deshalb Arish, die Hauptstadt der ägyptischen Halbinsel. Ganze Familien sind auf der Flucht. Erstes Ziel: Kairo oder Alexandrien. Der koptisch-katholische Bischof von Gizeh, Antonios Aziz Mina, spricht von einer gezielten Christenverfolgung durch islamistische Terroristen. Im Gespräch mit Radio Vatikan sagt er aber auch, dass nicht nur Christen das Ziel der Angriffe seien.

„Sie führen diese Attentate gegen alle aus, also nicht nur gegen Christen. Es geht den Terroristen darum, Ägypten ins Chaos zu stürzen und eine Destabilisierung herbeizuführen. Sie wollen die Touristen fernhalten, denn sie wissen genau, dass Ägypten vom Tourismus abhängig ist.“

Im Sinai sei der sogenannte Sinai-IS präsent. Es handele sich um eine Gruppe von Terroristen, die mit dem sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) in Verbindung steht. Diese Terroristen ziehen durch die Dörfer im Norden des Sinai und brandmarken alle von Christen bewohnten Häusern mit dem arabischen Buchstaben „N“ für Nazarener – also die Umschreibung für Christen.

„Die geflüchteten Christen kommen zu uns und befinden sich im Schock-Zustand“, sagt der armenisch-katholische Bischof von Alexandrien, Krikor Koussa im Gespräch mit Radio Vatikan. „Es gibt unter ihnen viele Kinder, Jugendliche und ältere Menschen. Alle haben Angst, dass aus dem Sinai das wird, was wir im Irak und in Syrien erlebt haben. Sie kommen zu uns und haben nichts mehr, kein Haus und keine Güter. Wir nehmen sie mit Liebe auf, und gerade in diesem Augenblick der Fastenzeit betrachten wir es als Pflicht, ihnen beizustehen, wie uns Christus gelehrt hat.“

Die Gewalt gegenüber Christen sei brutal und „eines Menschen nicht würdig“, pflichtet der koptisch-katholische Bischof Aziz Mina bei. „Mehr denn je ist es wichtig, wie uns Papst Franziskus lehrt, für die verfolgten Christen zu beten. Diese Kultur des Hasses muss ein Ende finden.“ Die ägyptische Regierung bekämpft seit Jahren islamistische Terroristen auf dem Sinai – mit eher mäßigem Erfolg.

(rv 04.03.2017 mg)

Ägypten: Christen zwischen Angst und Gottvertrauen Koptischer Bischof zur aktuellen Lage nach Anschlag in Kairo

Coptic Orthodox Pope Tawadros II led the funeral for the victims of the bomb that exploded on 11.12.2016 during Sunday Mass in a chapel at Cairo's main Coptic Cathedral. Please always watermark these pictures when using them online.

Coptic Orthodox Pope Tawadros II led the funeral for the victims of the bomb that exploded on 11.12.2016 during Sunday Mass in a chapel at Cairo’s main Coptic Cathedral.
Please always watermark these pictures when using them online.

Pressemitteilung von KIRCHE IN NOT vom 30. Dezember 2016

Der jüngste Anschlag auf die Gottesdienstbesucher in der Kirche St. Peter und Paul in Kairo hat nach Einschätzung des koptisch-katholischen Bischofs Kyrillos William Samaan die Angst vor weiteren Terroranschlägen unter den Christen des Landes entfacht. Am dritten Adventssonntag war in dem Gotteshaus in der ägyptischen Hauptstadt eine Bombe detoniert. Sie riss 26 Menschen in den Tod, 35 wurden schwer verletzt. Wenig später bekannte sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu dem Anschlag. Obwohl seine Bischofsstadt Assiut gut fünf Autostunden von Kairo entfernt liegt, seien die Auswirkungen des Attentats auch dort zu spüren, berichtet Samaan. Mit Andrea Krogmann sprach er über die Folgen und die politische Aufarbeitung des Anschlags.

Andrea Krogmann: Bischof Kyrillos, wie bewerten Sie die gegenwärtige Lage in Ägypten?
Bischof Kyrillos William Samaan: Der brutale Anschlag auf Gläubige in Kairo hat bei allen Christen große Trauer ausgelöst. Wir sind sehr betroffen. Am Dienstag vor Weihnachten hat die koptische Kirche den 26. Märtyrer des jüngsten Anschlags erhalten: Ein zehnjähriges Mädchen ist seinen Verletzungen erlegen. Trauer und Angst sind groß. Gleichzeitig erleben wir viel Gottvertrauen und Stärke. Wie schon bei vorhergehenden Anschlägen ist es auch diesmal so: Wenn Terror verübt wird, um Menschen vom Gottesdienst abzuhalten, kommen noch mehr als sonst.

Wie haben die Muslime und die Regierung auf den Anschlag reagiert?
Wir erfahren viel Solidarität und Mitgefühl! Viele haben angerufen oder sind vorbeigekommen, um uns ihr Mitgefühl auszusprechen. Der Staat hat sofort reagiert und Untersuchungen aufgenommen. Das ist sehr bedeutsam. Denn viele Menschen denken, dass die Polizei und der Staat christenfeindliche Anschläge billigen. Das ist diesmal anders. Ein Präsident, der selbst zur Trauerfeier kommt und jedem Angehörigen der getöteten Christen und allen Kirchenvertretern die Hand schüttelt, das ist ein starkes Zeichen!

Hat der Anschlag in Kairo die Angst vor weiteren Anschlägen geschürt?
Ja, die Angst wächst. Der „Islamische Staat“ hat weitere Anschläge angekündigt. Wir Kopten feiern Weihnachten – nach westlichem Kalender – ja erst am 7. Januar. Was dann passieren wird, wissen wir nicht.

Gibt es besondere Sicherheitsmaßnahmen?
Die verantwortlichen Kräfte sind zu uns gekommen und haben uns um Zusammenarbeit gebeten. Zusätzlich zum äußeren Schutz, der in ihrer Hand liegt, wollen sie unsere Leute trainieren und ihnen zeigen, auf was sie achten müssen. Unter anderem sollen unsere Pfadfinder, die an den kirchlichen Hochfesten die Ordnungsdienste in der Kirche übernehmen, ein ziviles Sicherheitstraining von den Behörden erhalten. Vor unserer Kathedrale wurden Metalldetektoren aufgestellt. Das ist teuer, aber wichtig. Zwar kennen wir unsere Gemeindemitglieder, aber gerade zu Festen kommen viele Fremde.

Fühlen sich die Christen damit ausreichend geschützt?
Vor vielen Kirchen sind schon seit Jahren Soldaten postiert. Das Problem ist aber, dass sie nicht sehr gut ausgerüstet sind. Das muss jetzt besser werden. Aber an den großen Festtagen gibt es natürlich auch außergewöhnliche Maßnahmen wie Straßensperren und erhöhtes Sicherheitsaufgebot. Das erhöht das Sicherheitsgefühl. Aber einen vollkommenen Schutz gibt es nicht.

Welchen Weihnachtswunsch haben Sie für Ihr Land und Ihre Gläubigen?
Natürlich wünsche ich mir Frieden für unser Land. Wir sehen die Anstrengungen unseres Präsidenten, der eine gute, sichere Zukunft für Ägypten will. Diese Bemühungen werden untergraben durch die Terrorakte. Das Land braucht Ruhe, auch wegen des Tourismus, der eine unserer wichtigsten Einnahmequellen ist. Ohne diese Ruhe kommen keine Touristen. Ohne ausländische Gäste und Wirtschaftspartner steigt die Armut. Und Armut erzeugt immer mehr Extremismus.

Rund zehn Prozent der Einwohner Ägyptens sind Christen, die meisten von ihnen sind koptisch-orthodox. Gut eine Viertelmillion Katholiken leben im Land, sie gehören mehrheitlich der koptisch-katholischen Kirche an. Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ unterstützt die christliche Minderheit Ägyptens seit vielen Jahren. Neben dem Bau und dem Unterhalt von Kirchen fördert das Hilfswerk auch Jugendprojekte und setzt sich für benachteiligte Frauen ein. Um weiter helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter www.spendenhut.deoder an:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Ägypten

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Kardinal Schönborn besucht „Müllmenschen“ von Kairo

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Der Wiener Erzbischof bei Treffen mit den christlichen Müllmenschen
vom Mukattam von deren Glauben tief beeindruckt.

Kardinal Christoph Schönborn hat bei seinem Besuch in Ägypten am Dienstag, 25. Oktober 2016 die „Zabbaleen“, die christlichen Müllsammler, von Kairo besucht. Am Fuße des Mukattam, einem Steinplateau im Südosten Kairos, leben rund 30.000 dieser Menschen. Sie tragen die Hauptlast der Müllentsorgung in der mit knapp acht Millionen Einwohnern größten Stadt der arabischen Welt. Der gesammelte Müll wird von den Menschen in und vor ihren Wohnhäusern meist mit bloßen Händen sortiert und danach einer Wiederverwertung zugeführt. Die hygienischen Bedingungen in der Stadt der Müllmenschen ist denkbar schlecht, Krankheiten sind entsprechend häufig.

Insgesamt gibt es in Kairo sieben solcher christlicher Siedlungen wie am Mukattam. Die Besonderheit der von Kardinal Schönborn besuchten Ansiedlung der „Zabbaleen“: Sie haben in das umliegende Kalksteinmassiv beeindruckende Kirchen und Grotten gegraben. Am größten ist die Grottenkirche der Jungfrau Maria und des Heiligen Sama’an. Sie bietet Platz für mehr als 10.000 Gläubige. Insgesamt gibt es in dem Komplex fünf Kirchen und mehrere weitere unterirdische Versammlungsräume. 25 koptische Priester mit einem eigenen Bischof an der Spitze sorgen für die Seelsorge. Alle Kirchen und Grotten entstanden zwischen 1974 und 1992.

Kardinal Schönborn zeigte sich von den Kirchen und Grotten beeindruckt, noch mehr aber von der tiefen Frömmigkeit der Menschen. „Sie alle leben davon, was andere wegwerfen“, so der Wiener Erzbischof bei der Begegnung mit mehreren hundert Müllsammlern. Dass diese Menschen trotz ihrer so schwierigen Lebensbedingungen nicht verzweifeln, sondern so tief im Glauben verwurzelt sind, sei ein wertvolles Zeugnis für alle Christen, sagte Schönborn.

Bekannt wurden die Müllsammler von Kairo durch die belgisch-französische katholische Ordensfrau Sr. Emmanuelle Cinquin (1908-2008). Sie hat für die „Zabbaleen“ ein großes Sozialwerk ins Leben gerufen, das heute von der koptisch-orthodoxen Ordensfrau Sr. Sarah geleitet wird. Sr. Emmanuelle wurde als „Mutter der Müllmenschen“ bekannt, mehr als zwei Jahrzehnte lang lebte sie zwischen 1971 und 1993 in einer Müllsiedlung mit den Menschen.

Ägyptische Wüstenklöster

Kardinal Schönborn hält sich derzeit zu einem mehrtägigen Besuch in Ägypten auf. Begleitet wird er u.a. vom koptischen Bischof von Österreich Anba Gabriel. Die Reise dient vor allem der Vertiefung der Beziehungen zwischen der katholischen und koptischen Kirche.

Auf dem Besuchsprogramm standen auch mehrere der bis ins 4. Jahrhundert zurückreichenden Wüstenklöster, darunter das Kloster Mar Mina westlich von Alexandrien. Das heutige Kloster wurde ab 1959 nahe den Ruinen der einstigen „Stadt des Heiligen Minas“ errichtet, die in der Spätantike eine der wichtigsten christlichen Pilgerstätten des Mittelmeerraums war. Im 13. Jahrhundert wurde der umfangreiche Klosterkomplex zerstört. Die Ausgrabungen der historischen Stätte begannen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das neu errichtete Kloster dürfte seinem antiken Vorgänger aber kaum nachstehen. Der Klosterkomplex umfasst zahlreiche Kirchen, Beherbergungsgebäude und Wirtschaftsbetriebe. 120 Mönche leben in Mar Minas, das jedes Jahr von hunderttausenden Gläubigen verschiedener Konfessionen besucht wird. An hohen Feiertagen werden in den zahlreichen Kirchen bis zu 50 Gottesdienste gefeiert.

Der Wiener Erzbischof war auch im Makarius-Kloster im Wadi Natrun zu Gast. Dieses Mitte des 4. Jahrhunderts gegründete Kloster zählt ebenfalls zu den ältesten und bedeutendsten Klöstern Ägyptens. Vor rund 50 Jahren lebten nur mehr sechs alte Mönche in der umfangreichen Klosteranlage, bevor es ab Ende der 1960er-Jahre wiederbelebt wurde. Heute gehören dem Kloster rund 150 Mönche an, es besitzt Betriebe sowie große landwirtschaftliche Flächen und beschäftigt hunderte Arbeitnehmer.

Kardinal Schönborn besuchte außerdem die Bibliothek von Alexandria sowie die koptische Markuskathedrale in der zweitgrößten Stadt Ägyptens. Der erste Vorgängerbau der Kathedrale geht auf das Jahr 311 zurück. Im Verlauf der Zeit wurde das Gotteshaus immer wieder zerstört und wiederaufgebaut. Alexandria ist der historische Sitz des Papst-Patriarchen der koptischen Kirche. Das jeweilige Oberhaupt – derzeit ist es Papst-Patriarch Tawadros II. – trägt deshalb auch offiziell den Titel „Patriarch von Alexandria“.

Die koptisch-orthodoxe Kirche ist eine der ältesten Kirchen der Welt. Ihre Wurzeln liegen in Ägypten, weltweit gehören ihr laut Schätzungen bis zu 14 Millionen Gläubige, von denen 12 Millionen in Ägypten leben. Der Sitz des Patriarchats ist Kairo. In Österreich, wo die koptisch-orthodoxe Kirche staatlich seit April 2003 anerkannt ist, gibt es aktuell etwas mehr als 10.000 koptisch-orthodoxe Christen – die meisten davon in Wien – mit mittlerweile rund 15 Priestern, elf Kirchen sowie einem Kloster im niederösterreichischen Obersiebenbrunn.

erstellt von: red/kap, 26.10.2016
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Ägypten: Heisses Pflaster im Nahen Osten

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Ägypten: Heisses Pflaster im Nahen Osten

Pressemitteilung von Kirche in Not
(Schweiz/Fürstentum Lichtenstein) vom 3. August 2016

Der koptisch-katholische Bischof von Assiut, Kyrillos Kamal William Samaan, aus Ägypten besucht zwischen dem 6. und 14. August 2016 die Schweiz. Am Sonntag, 7. August feiert er die Gottesdienste im Wallfahrtsort Mariastein SO. Ansonsten feiert er in verschiedenen Pfarreien Gottesdienste und hält Vorträge über die Lage der Christen in Ägypten. Das Land am Nil erlebte in den vergangenen Jahren eine Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit. Christen wurden oft Opfer wegen ihres Glaubens.

Das Christentum war im Gebiet des heutigen Ägyptens vor der Islamisierung im 7. Jahrhundert die dominierende Religion. Der Evangelist Markus soll um das Jahr 50 in Ägypten missioniert haben. Heute bezeichnen sich je nach Quellen zwischen 6% und 12% der Bevölkerung Ägyptens als Christen. Die meisten Christen gehören zur koptisch-orthodoxen Kirche, der ein Papst vorsteht. Seit 2012 ist dies Tawadros II. Die römisch-katholischen Christen machen weniger als 1% der Bevölkerung aus.

Christen bis anhin Bürger zweiter Klasse

Ägypten wurde zur Zeit Nassers nicht als religiöser, sondern als sozialistischer Nationalstaat definiert. Viele Ägypter emigrierten als Arbeitssuchende in den 1980er- und den 1990er-Jahren in das erdölreiche Saudi-Arabien, wo sie mit dem islamisch-wahabitischem Gedankengut in Kontakt kamen und es nach Ägypten brachten. Ägyptische Christen werden seither in der Gesellschaft verstärkt ausgegrenzt. In den Medien werden alle Nichtmuslime als „Kuffar“ (Ungläubige) bezeichnet. In der Politik sind wichtige strategische Schlüsselpositionen ausschließlich Muslimen vorbehalten.

Tote bei Übergriffen

Bei Übergriffen von Muslimen auf Christen gibt es immer wieder Tote. Bei einem Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandria kamen am Neujahrstag 2011 mindestens 21 Menschen ums Leben. Am 7. April 2013 war es am Sitz des koptisch-orthodoxen Patriarchen zu Übergriffen auf koptische Christen gekommen, die ihre tags zuvor in Khasus nahe Kairo ums Leben gekommenen Glaubensbrüder zu Grabe trugen. Unbekannte hatten die Trauernden mit Steinen und Molotow-Cocktails angegriffen. Zwischen Sommer 2012 und Sommer 2013 waren die Muslimbrüder mit Präsident Mohammed Mursi an der Macht. Die Christen hatten es unter ihnen besonders schwer – sie machten die Christen zu Fremden im eigenen Land. Seit der Präsidentschaft von Abd al-Fattah as-Sisi sieht es für die Christen wieder besser aus, so dürfen Kirchen wieder gebaut werden.

Bischof Kyrillos Samaan

Er wurde am 1. Oktober 1946 in Shanaynah, Ägypten, geboren und empfing am 10. Juni 1974 das Sakrament der Priesterweihe. Am 16. Mai 1990 wählte ich die Synode der koptischen katholische zum Bischof der Eparchie Assiut. Kyrillos Samaan spricht unter anderem sehr gut Deutsch und setzt sich sehr für den Dialog mit Christen und Muslimen in Ägypten ein. Gemäss Bischof Samaan hat sich die Situation der Christen in Ägypten unter Präsident Abd al-Fattah as-Sisi stark verbessert: „Heute ist dieses Gefühl der Bedrohung weg. Wir blicken mit Sisi positiv in die Zukunft.“

Die koptisch-katholische Kirche

Die koptisch-katholische Kirche gleicht der koptisch-orthodoxen Kirche des Landes in Liturgie und Spiritualität, steht aber in Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl in Rom. Derzeit gehören der Kirche, die über eine kleine Diaspora verfügt, etwa 200 000 Gläubige an. Sie sind in sieben Diözesen organisiert und werden von etwa 240 Priestern betreut. KIRCHE IN NOT unterstützt die katholische Kirche des Landes sowohl durch Stipendien für die Priesterausbildung als auch durch die Förderung pastoraler Projekte wie Sommerlager für Jugendliche. Jährlich werden für Projekte rund CHF 700 000 zur Verfügung gestellt.

KIRCHE IN NOT ist ein internationales katholisches Hilfswerk päpstlichen Rechts, das 1947 von Pater Werenfried van Straaten (Speckpater) als „Ostpriesterhilfe“ gegründet wurde. Es steht mit Hilfsaktionen, Informationstätigkeit und Gebet für bedrängte und Not leidende Christen in rund 140 Ländern ein. Seine Projekte sind ausschliesslich privat finanziert. Das Hilfswerk wird von der Schweizer Bischofskonferenz für Spenden empfohlen.

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WÄHREND DER JUBILÄUMSPILGERFAHRT VON JOHANNES PAUL II. ZUM BERG SINAI

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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
WÄHREND DER ÖKUMENISCHEN BEGEGNUNG
IN DER NEUEN KATHEDRALE UNSERER LIEBEN FRAU VON ÄGYPTEN

Kairo, 25. Februar 2000

 

»Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!« (2 Kor13,13).

Eure Heiligkeit Papst Shenouda,
Eure Seligkeit Patriarch Stephanos,
verehrte Bischöfe und Würdenträger der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften Ägyptens!

1. Mit diesen Segensworten des hl. Paulus, der uns unmittelbar zum Kernpunkt des Mysteriums der trinitarischen Gemeinschaft führt, grüße ich euch alle von ganzem Herzen und in den Banden der Liebe, die uns im Herrn verbinden.

Es ist mir eine große Freude, als Pilger in diesem Land zu sein, das unserem Herrn Jesus Christus und der Heiligen Familie Aufnahme und Schutz gewährt hat, denn im Matthäusevangelium heißt es: »Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen« (Mt 2,14–15).

Von ihren Anfängen her war die Kirche in Ägypten vertreten. Begründet auf der apostolischen Lehre und Autorität des hl. Markus, zählte die Kirche von Alexandrien bald zu den führenden Gemeinden der frühchristlichen Welt. Ehrwürdige Bischöfe wie der hl. Athanasius und der hl. Cyrillos bezeugten den Glauben an den dreieinigen Gott und Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, wie die ersten ökumenischen Konzile erklärten.

In der Wüste Ägyptens nahm unter der geistlichen Vaterschaft des hl. Antonius und des hl. Pachomius das monastische Leben seinen Anfang, sowohl als Einsiedlerleben wie auch in seiner gemeinschaftlichen Form. Ihnen und dem großen Einfluß ihrer geistlichen Schriften verdanken wir es, wenn das monastische Leben Bestandteil unseres gemeinsamen Erbes geworden ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebten wir eine neue Blüte dieses monastischen Charismas, dessen lebendige spirituelle Botschaft weit über die Grenzen Ägyptens hinausgeht.

2. Heute danken wir Gott für das stets wachsende Bewußtsein unseres gemeinsamen Erbes im Glauben und im Reichtum des sakramentalen Lebens. Ferner teilen wir jene kindliche Verehrung für die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, für die die koptische und alle orientalischen Kirchen bekannt sind. Und »wenn man von einem gemeinsamen Erbgut spricht, muß man dazu nicht nur die Einrichtungen, die Riten, die Heilsmittel und die Traditionen zählen, die alle Gemeinschaften bewahrt haben und von denen sie geformt worden sind, sondern an erster Stelle und vor allem diese Tatsache der Heiligkeit« (Ut unum sint)

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Um dieses Erbe treu zu wahren und zu lehren, brachte und bringt die Kirche in Ägypten große Opfer. Von wie vielen Märtyrern berichtet das ehrwürdige Martyrologium der koptischen Kirche, die bis auf die grausamen Verfolgungen von 283–284 zurückgeht! Hier in Ägypten verherrlichten sie Gott durch ihr unbeugsames Zeugnis bis in den Tod!

3. Von Anfang an wurde diese gemeinsame apostolische Tradition, dieses Erbe, unter Berücksichtigung des jeweiligen kulturellen Charakters der einzelnen Völker in verschiedenen Formen vermittelt und erklärt. Doch bereits im fünften Jahrhundert führten theologische und nichttheologische Faktoren wie auch der Mangel an brüderlicher Liebe und Verständnis zu schmerzlichen Spaltungen in der einen Kirche Christi. Mißtrauen und Feindseligkeit kamen unter den Christen auf, was dem innigen Wunsch unseres Herrn Jesus Christus: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21) widersprach.

Nun, während des zwanzigsten Jahrhunderts, erwirkte der Heilige Geist in einem Moment der Versöhnung eine Annäherung der christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Mit Dankbarkeit erinnere ich mich an das Treffen von 1973 zwischen Papst Paul VI. und Seiner Heiligkeit Papst Shenouda III. und die Gemeinsame Christologische Erklärung, die sie damals unterzeichneten. Meine Dankbarkeit gilt allen, die zu dieser wichtigen Errungenschaft beigetragen haben, insbesondere der Stiftung »Pro Oriente« in Wien und der »Internationalen gemischten Kommission der römisch-katholischen und der koptisch-orthodoxen Kirche«. So Gott will, werden diese »Internationale gemischte Kommission« und die »Gemischte internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche in ihrer Gesamtheit« bald ihre normale Tätigkeit wieder aufnehmen, insbesondere im Hinblick auf gewisse grundlegende ekklesiologische Fragen, die geklärt werden müssen.

4. Wiederholt betone ich das, was ich bereits in meiner Enzyklika Ut unum sint schrieb: »Was die Einheit aller christlichen Gemeinschaften betrifft, gehört natürlich in den Bereich der Sorgen des Primats des Bischofs von Rom« (vgl. Nr. 95).

Daher möchte ich erneut alle »kirchlichen Verantwortlichen und ihre Theologen dazu veranlassen, über dieses Thema mit mir einen brüderlichen, geduldigen Dialog aufzunehmen, bei dem wir jenseits fruchtloser Polemiken einander anhören könnten, wobei wir einzig und allein den Willen Christi für seine Kirche im Sinne haben« (vgl. Nr. 96).

Im Hinblick auf das Amt des Bischofs von Rom bitte ich den Heiligen Geist, uns sein Licht zu schenken und alle Bischöfe und Theologen unserer Kirchen zu erleuchten, damit wir miteinander die Formen finden können, in denen dieser Dienst einen von allen Beteiligten anerkannten Dienst der Liebe zu verwirklichen vermag« (vgl. Predigt, 6. Dezember 1987, 3; Ut unum sint)

Liebe Brüder, in dieser Hinsicht dürfen wir keine Zeit verlieren!

5. Unsere Gemeinschaft in dem einen Herrn Jesus Christus, in dem einen Heiligen Geist und in der einen Taufe ist bereits eine tiefe und fundamentale Wirklichkeit. Diese Gemeinschaft ermöglicht uns das gemeinsame Zeugnis unseres Glaubens in vieler Hinsicht und verlangt, daß wir gemeinsam das Licht Christi in eine Welt tragen, die Rettung braucht. Dieses gemeinschaftliche Zeugnis ist um so wichtiger auf der Schwelle eines neuen Jahrhunderts und dieses neuen Jahrtausends, die die menschliche Familie mit enormen Herausforderungen konfrontieren. Auch aus diesem Grund dürfen wir keine Zeit verlieren! Neue Ansätze praktischer Zusammenarbeit.

Eine grundlegende Bedingung dieses gemeinsamen Zeugnisses ist, alles zu vermeiden, was erneut zu Mißtrauen und Uneinigkeit führen könnte. Wir sind übereingekommen, jede Form von Proselytismus zu vermeiden, wie auch Methoden und Haltungen, die gegen die Anforderungen christlicher Liebe und das verstoßen, was die Beziehungen zwischen den Kirchen kennzeichnen sollte (vgl.Gemeinsame Erklärung von Papst Paul VI. und Papst Shenouda III., 1973). Und wir erinnern daran, daß echte Nächstenliebe, begründet auf absoluter Treue zu dem einen Herrn Jesus Christus und gegenseitiger Achtung der jeweiligen kirchlichen Traditionen und sakramentalen Praxis, ein wesentliches Element auf dem Weg zu vollkommener Gemeinschaft ist (vgl. ebd.).

Wir kennen einander nicht genug: daher sollten wir Möglichkeiten der Begegnung finden! Laßt uns nach realisierbaren Formen spiritueller Einheit suchen, wie gemeinsames Beten und Fasten oder gegenseitige Initiativen des Austauschs und der Gastfreundschaft von Klöstern. Laßt uns nach Formen praktischer Zusammenarbeit suchen, insbesondere um den geistigen Durst so vieler Menschen heute zu stillen, zur Linderung ihrer Not, auf dem Gebiet der Jugenderziehung, zur Gewährleistung menschlicher Lebensbedingungen, zum Aufbau von gegenseitiger Achtung, Gerechtigkeit und Frieden und zur Förderung von Religionsfreiheit, dem Grundrecht jedes Menschen.

6. Am 18. Januar, zu Beginn der Gebetswoche für die Einheit der Christen, öffnete ich die Heilige Pforte der Basilika St. Paul vor den Mauern in Rom und überschritt ihre Schwelle zusammen mit den Vertretern vieler Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Gemeinsam mit mir erhoben Seine Exzellenz Amba Bishoi der koptischen Kirche und die Vertreter der orthodoxen und der lutherischen Kirche das Evangelium gegen die vier Himmelsrichtungen, ein zutiefst symbolischer Ausdruck unserer gemeinsamen Sendung im neuen Jahrtausend: gemeinsam müssen wir das Evangelium Jesu Christi bezeugen, die Heilsbotschaft vom Leben, von Liebe und Hoffnung für die Welt.

Während der gleichen Liturgiefeier wurde das Apostolische Glaubensbekenntnis von drei Vertretern verschiedener Kirchen und kirchlichen Gemeinden verkündet – den ersten Teil verkündete der Abgesandte des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Alexandrien. Anschließend tauschten wir den Friedensgruß aus, und für mich war dieser frohe Augenblick Vorbote und Vorgeschmack jener vollen Gemeinschaft, für deren Verwirklichung unter allen Anhängern Christi wir uns einsetzen. Möge der Geist Gottes uns bald jene vollkommene und sichtbare Einheit gewähren, nach der wir uns sehnen!

7. Ihr, der Gottesgebärerin, dem Urbild der Kirche, und ihrer wirksamen Fürsprache vertraue ich diese Hoffnung an. Sie ist jenes gänzlich reine, schöne und heilige Geschöpf, das Inbild der Kirche ist, wie es kein anderes jemals sein wird. Von ihrer mütterlichen Gegenwart gestützt, werden wir den Mut haben, unsere Fehler und unser Zaudern zu bekennen und nach jener Versöhnung trachten, die uns erlauben wird, »einander zu lieben, wie Christus uns geliebt hat« (vgl. Eph 5,2). Verehrte Brüder, möge das dritte christliche Jahrtausend das Jahrtausend unserer vollen Einheit im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist sein. Schließlich möchte ich mich bei Papst Shenouda bedanken für die bewegenden Worte, die er an mich gerichtet hat. Ich teile die Hoffnungen, die er zum Ausdruck gebracht hat und möchte so darauf antworten: »Auch wir lieben euch.«

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