Ägypten: Christen zwischen Angst und Gottvertrauen Koptischer Bischof zur aktuellen Lage nach Anschlag in Kairo

Coptic Orthodox Pope Tawadros II led the funeral for the victims of the bomb that exploded on 11.12.2016 during Sunday Mass in a chapel at Cairo's main Coptic Cathedral. Please always watermark these pictures when using them online.

Coptic Orthodox Pope Tawadros II led the funeral for the victims of the bomb that exploded on 11.12.2016 during Sunday Mass in a chapel at Cairo’s main Coptic Cathedral.
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Pressemitteilung von KIRCHE IN NOT vom 30. Dezember 2016

Der jüngste Anschlag auf die Gottesdienstbesucher in der Kirche St. Peter und Paul in Kairo hat nach Einschätzung des koptisch-katholischen Bischofs Kyrillos William Samaan die Angst vor weiteren Terroranschlägen unter den Christen des Landes entfacht. Am dritten Adventssonntag war in dem Gotteshaus in der ägyptischen Hauptstadt eine Bombe detoniert. Sie riss 26 Menschen in den Tod, 35 wurden schwer verletzt. Wenig später bekannte sich die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu dem Anschlag. Obwohl seine Bischofsstadt Assiut gut fünf Autostunden von Kairo entfernt liegt, seien die Auswirkungen des Attentats auch dort zu spüren, berichtet Samaan. Mit Andrea Krogmann sprach er über die Folgen und die politische Aufarbeitung des Anschlags.

Andrea Krogmann: Bischof Kyrillos, wie bewerten Sie die gegenwärtige Lage in Ägypten?
Bischof Kyrillos William Samaan: Der brutale Anschlag auf Gläubige in Kairo hat bei allen Christen große Trauer ausgelöst. Wir sind sehr betroffen. Am Dienstag vor Weihnachten hat die koptische Kirche den 26. Märtyrer des jüngsten Anschlags erhalten: Ein zehnjähriges Mädchen ist seinen Verletzungen erlegen. Trauer und Angst sind groß. Gleichzeitig erleben wir viel Gottvertrauen und Stärke. Wie schon bei vorhergehenden Anschlägen ist es auch diesmal so: Wenn Terror verübt wird, um Menschen vom Gottesdienst abzuhalten, kommen noch mehr als sonst.

Wie haben die Muslime und die Regierung auf den Anschlag reagiert?
Wir erfahren viel Solidarität und Mitgefühl! Viele haben angerufen oder sind vorbeigekommen, um uns ihr Mitgefühl auszusprechen. Der Staat hat sofort reagiert und Untersuchungen aufgenommen. Das ist sehr bedeutsam. Denn viele Menschen denken, dass die Polizei und der Staat christenfeindliche Anschläge billigen. Das ist diesmal anders. Ein Präsident, der selbst zur Trauerfeier kommt und jedem Angehörigen der getöteten Christen und allen Kirchenvertretern die Hand schüttelt, das ist ein starkes Zeichen!

Hat der Anschlag in Kairo die Angst vor weiteren Anschlägen geschürt?
Ja, die Angst wächst. Der „Islamische Staat“ hat weitere Anschläge angekündigt. Wir Kopten feiern Weihnachten – nach westlichem Kalender – ja erst am 7. Januar. Was dann passieren wird, wissen wir nicht.

Gibt es besondere Sicherheitsmaßnahmen?
Die verantwortlichen Kräfte sind zu uns gekommen und haben uns um Zusammenarbeit gebeten. Zusätzlich zum äußeren Schutz, der in ihrer Hand liegt, wollen sie unsere Leute trainieren und ihnen zeigen, auf was sie achten müssen. Unter anderem sollen unsere Pfadfinder, die an den kirchlichen Hochfesten die Ordnungsdienste in der Kirche übernehmen, ein ziviles Sicherheitstraining von den Behörden erhalten. Vor unserer Kathedrale wurden Metalldetektoren aufgestellt. Das ist teuer, aber wichtig. Zwar kennen wir unsere Gemeindemitglieder, aber gerade zu Festen kommen viele Fremde.

Fühlen sich die Christen damit ausreichend geschützt?
Vor vielen Kirchen sind schon seit Jahren Soldaten postiert. Das Problem ist aber, dass sie nicht sehr gut ausgerüstet sind. Das muss jetzt besser werden. Aber an den großen Festtagen gibt es natürlich auch außergewöhnliche Maßnahmen wie Straßensperren und erhöhtes Sicherheitsaufgebot. Das erhöht das Sicherheitsgefühl. Aber einen vollkommenen Schutz gibt es nicht.

Welchen Weihnachtswunsch haben Sie für Ihr Land und Ihre Gläubigen?
Natürlich wünsche ich mir Frieden für unser Land. Wir sehen die Anstrengungen unseres Präsidenten, der eine gute, sichere Zukunft für Ägypten will. Diese Bemühungen werden untergraben durch die Terrorakte. Das Land braucht Ruhe, auch wegen des Tourismus, der eine unserer wichtigsten Einnahmequellen ist. Ohne diese Ruhe kommen keine Touristen. Ohne ausländische Gäste und Wirtschaftspartner steigt die Armut. Und Armut erzeugt immer mehr Extremismus.

Rund zehn Prozent der Einwohner Ägyptens sind Christen, die meisten von ihnen sind koptisch-orthodox. Gut eine Viertelmillion Katholiken leben im Land, sie gehören mehrheitlich der koptisch-katholischen Kirche an. Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ unterstützt die christliche Minderheit Ägyptens seit vielen Jahren. Neben dem Bau und dem Unterhalt von Kirchen fördert das Hilfswerk auch Jugendprojekte und setzt sich für benachteiligte Frauen ein. Um weiter helfen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden – online unter www.spendenhut.deoder an:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05
Verwendungszweck: Ägypten

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Quelle

Kardinal Schönborn besucht „Müllmenschen“ von Kairo

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Der Wiener Erzbischof bei Treffen mit den christlichen Müllmenschen
vom Mukattam von deren Glauben tief beeindruckt.

Kardinal Christoph Schönborn hat bei seinem Besuch in Ägypten am Dienstag, 25. Oktober 2016 die „Zabbaleen“, die christlichen Müllsammler, von Kairo besucht. Am Fuße des Mukattam, einem Steinplateau im Südosten Kairos, leben rund 30.000 dieser Menschen. Sie tragen die Hauptlast der Müllentsorgung in der mit knapp acht Millionen Einwohnern größten Stadt der arabischen Welt. Der gesammelte Müll wird von den Menschen in und vor ihren Wohnhäusern meist mit bloßen Händen sortiert und danach einer Wiederverwertung zugeführt. Die hygienischen Bedingungen in der Stadt der Müllmenschen ist denkbar schlecht, Krankheiten sind entsprechend häufig.

Insgesamt gibt es in Kairo sieben solcher christlicher Siedlungen wie am Mukattam. Die Besonderheit der von Kardinal Schönborn besuchten Ansiedlung der „Zabbaleen“: Sie haben in das umliegende Kalksteinmassiv beeindruckende Kirchen und Grotten gegraben. Am größten ist die Grottenkirche der Jungfrau Maria und des Heiligen Sama’an. Sie bietet Platz für mehr als 10.000 Gläubige. Insgesamt gibt es in dem Komplex fünf Kirchen und mehrere weitere unterirdische Versammlungsräume. 25 koptische Priester mit einem eigenen Bischof an der Spitze sorgen für die Seelsorge. Alle Kirchen und Grotten entstanden zwischen 1974 und 1992.

Kardinal Schönborn zeigte sich von den Kirchen und Grotten beeindruckt, noch mehr aber von der tiefen Frömmigkeit der Menschen. „Sie alle leben davon, was andere wegwerfen“, so der Wiener Erzbischof bei der Begegnung mit mehreren hundert Müllsammlern. Dass diese Menschen trotz ihrer so schwierigen Lebensbedingungen nicht verzweifeln, sondern so tief im Glauben verwurzelt sind, sei ein wertvolles Zeugnis für alle Christen, sagte Schönborn.

Bekannt wurden die Müllsammler von Kairo durch die belgisch-französische katholische Ordensfrau Sr. Emmanuelle Cinquin (1908-2008). Sie hat für die „Zabbaleen“ ein großes Sozialwerk ins Leben gerufen, das heute von der koptisch-orthodoxen Ordensfrau Sr. Sarah geleitet wird. Sr. Emmanuelle wurde als „Mutter der Müllmenschen“ bekannt, mehr als zwei Jahrzehnte lang lebte sie zwischen 1971 und 1993 in einer Müllsiedlung mit den Menschen.

Ägyptische Wüstenklöster

Kardinal Schönborn hält sich derzeit zu einem mehrtägigen Besuch in Ägypten auf. Begleitet wird er u.a. vom koptischen Bischof von Österreich Anba Gabriel. Die Reise dient vor allem der Vertiefung der Beziehungen zwischen der katholischen und koptischen Kirche.

Auf dem Besuchsprogramm standen auch mehrere der bis ins 4. Jahrhundert zurückreichenden Wüstenklöster, darunter das Kloster Mar Mina westlich von Alexandrien. Das heutige Kloster wurde ab 1959 nahe den Ruinen der einstigen „Stadt des Heiligen Minas“ errichtet, die in der Spätantike eine der wichtigsten christlichen Pilgerstätten des Mittelmeerraums war. Im 13. Jahrhundert wurde der umfangreiche Klosterkomplex zerstört. Die Ausgrabungen der historischen Stätte begannen Anfang des 20. Jahrhunderts.

Das neu errichtete Kloster dürfte seinem antiken Vorgänger aber kaum nachstehen. Der Klosterkomplex umfasst zahlreiche Kirchen, Beherbergungsgebäude und Wirtschaftsbetriebe. 120 Mönche leben in Mar Minas, das jedes Jahr von hunderttausenden Gläubigen verschiedener Konfessionen besucht wird. An hohen Feiertagen werden in den zahlreichen Kirchen bis zu 50 Gottesdienste gefeiert.

Der Wiener Erzbischof war auch im Makarius-Kloster im Wadi Natrun zu Gast. Dieses Mitte des 4. Jahrhunderts gegründete Kloster zählt ebenfalls zu den ältesten und bedeutendsten Klöstern Ägyptens. Vor rund 50 Jahren lebten nur mehr sechs alte Mönche in der umfangreichen Klosteranlage, bevor es ab Ende der 1960er-Jahre wiederbelebt wurde. Heute gehören dem Kloster rund 150 Mönche an, es besitzt Betriebe sowie große landwirtschaftliche Flächen und beschäftigt hunderte Arbeitnehmer.

Kardinal Schönborn besuchte außerdem die Bibliothek von Alexandria sowie die koptische Markuskathedrale in der zweitgrößten Stadt Ägyptens. Der erste Vorgängerbau der Kathedrale geht auf das Jahr 311 zurück. Im Verlauf der Zeit wurde das Gotteshaus immer wieder zerstört und wiederaufgebaut. Alexandria ist der historische Sitz des Papst-Patriarchen der koptischen Kirche. Das jeweilige Oberhaupt – derzeit ist es Papst-Patriarch Tawadros II. – trägt deshalb auch offiziell den Titel „Patriarch von Alexandria“.

Die koptisch-orthodoxe Kirche ist eine der ältesten Kirchen der Welt. Ihre Wurzeln liegen in Ägypten, weltweit gehören ihr laut Schätzungen bis zu 14 Millionen Gläubige, von denen 12 Millionen in Ägypten leben. Der Sitz des Patriarchats ist Kairo. In Österreich, wo die koptisch-orthodoxe Kirche staatlich seit April 2003 anerkannt ist, gibt es aktuell etwas mehr als 10.000 koptisch-orthodoxe Christen – die meisten davon in Wien – mit mittlerweile rund 15 Priestern, elf Kirchen sowie einem Kloster im niederösterreichischen Obersiebenbrunn.

erstellt von: red/kap, 26.10.2016
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Quelle

Ägypten: Heisses Pflaster im Nahen Osten

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Ägypten: Heisses Pflaster im Nahen Osten

Pressemitteilung von Kirche in Not
(Schweiz/Fürstentum Lichtenstein) vom 3. August 2016

Der koptisch-katholische Bischof von Assiut, Kyrillos Kamal William Samaan, aus Ägypten besucht zwischen dem 6. und 14. August 2016 die Schweiz. Am Sonntag, 7. August feiert er die Gottesdienste im Wallfahrtsort Mariastein SO. Ansonsten feiert er in verschiedenen Pfarreien Gottesdienste und hält Vorträge über die Lage der Christen in Ägypten. Das Land am Nil erlebte in den vergangenen Jahren eine Zeit des Umbruchs und der Unsicherheit. Christen wurden oft Opfer wegen ihres Glaubens.

Das Christentum war im Gebiet des heutigen Ägyptens vor der Islamisierung im 7. Jahrhundert die dominierende Religion. Der Evangelist Markus soll um das Jahr 50 in Ägypten missioniert haben. Heute bezeichnen sich je nach Quellen zwischen 6% und 12% der Bevölkerung Ägyptens als Christen. Die meisten Christen gehören zur koptisch-orthodoxen Kirche, der ein Papst vorsteht. Seit 2012 ist dies Tawadros II. Die römisch-katholischen Christen machen weniger als 1% der Bevölkerung aus.

Christen bis anhin Bürger zweiter Klasse

Ägypten wurde zur Zeit Nassers nicht als religiöser, sondern als sozialistischer Nationalstaat definiert. Viele Ägypter emigrierten als Arbeitssuchende in den 1980er- und den 1990er-Jahren in das erdölreiche Saudi-Arabien, wo sie mit dem islamisch-wahabitischem Gedankengut in Kontakt kamen und es nach Ägypten brachten. Ägyptische Christen werden seither in der Gesellschaft verstärkt ausgegrenzt. In den Medien werden alle Nichtmuslime als „Kuffar“ (Ungläubige) bezeichnet. In der Politik sind wichtige strategische Schlüsselpositionen ausschließlich Muslimen vorbehalten.

Tote bei Übergriffen

Bei Übergriffen von Muslimen auf Christen gibt es immer wieder Tote. Bei einem Bombenanschlag auf eine Kirche in Alexandria kamen am Neujahrstag 2011 mindestens 21 Menschen ums Leben. Am 7. April 2013 war es am Sitz des koptisch-orthodoxen Patriarchen zu Übergriffen auf koptische Christen gekommen, die ihre tags zuvor in Khasus nahe Kairo ums Leben gekommenen Glaubensbrüder zu Grabe trugen. Unbekannte hatten die Trauernden mit Steinen und Molotow-Cocktails angegriffen. Zwischen Sommer 2012 und Sommer 2013 waren die Muslimbrüder mit Präsident Mohammed Mursi an der Macht. Die Christen hatten es unter ihnen besonders schwer – sie machten die Christen zu Fremden im eigenen Land. Seit der Präsidentschaft von Abd al-Fattah as-Sisi sieht es für die Christen wieder besser aus, so dürfen Kirchen wieder gebaut werden.

Bischof Kyrillos Samaan

Er wurde am 1. Oktober 1946 in Shanaynah, Ägypten, geboren und empfing am 10. Juni 1974 das Sakrament der Priesterweihe. Am 16. Mai 1990 wählte ich die Synode der koptischen katholische zum Bischof der Eparchie Assiut. Kyrillos Samaan spricht unter anderem sehr gut Deutsch und setzt sich sehr für den Dialog mit Christen und Muslimen in Ägypten ein. Gemäss Bischof Samaan hat sich die Situation der Christen in Ägypten unter Präsident Abd al-Fattah as-Sisi stark verbessert: „Heute ist dieses Gefühl der Bedrohung weg. Wir blicken mit Sisi positiv in die Zukunft.“

Die koptisch-katholische Kirche

Die koptisch-katholische Kirche gleicht der koptisch-orthodoxen Kirche des Landes in Liturgie und Spiritualität, steht aber in Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl in Rom. Derzeit gehören der Kirche, die über eine kleine Diaspora verfügt, etwa 200 000 Gläubige an. Sie sind in sieben Diözesen organisiert und werden von etwa 240 Priestern betreut. KIRCHE IN NOT unterstützt die katholische Kirche des Landes sowohl durch Stipendien für die Priesterausbildung als auch durch die Förderung pastoraler Projekte wie Sommerlager für Jugendliche. Jährlich werden für Projekte rund CHF 700 000 zur Verfügung gestellt.

KIRCHE IN NOT ist ein internationales katholisches Hilfswerk päpstlichen Rechts, das 1947 von Pater Werenfried van Straaten (Speckpater) als „Ostpriesterhilfe“ gegründet wurde. Es steht mit Hilfsaktionen, Informationstätigkeit und Gebet für bedrängte und Not leidende Christen in rund 140 Ländern ein. Seine Projekte sind ausschliesslich privat finanziert. Das Hilfswerk wird von der Schweizer Bischofskonferenz für Spenden empfohlen.

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Quelle

WÄHREND DER JUBILÄUMSPILGERFAHRT VON JOHANNES PAUL II. ZUM BERG SINAI

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ANSPRACHE VON JOHANNES PAUL II.
WÄHREND DER ÖKUMENISCHEN BEGEGNUNG
IN DER NEUEN KATHEDRALE UNSERER LIEBEN FRAU VON ÄGYPTEN

Kairo, 25. Februar 2000

 

»Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!« (2 Kor13,13).

Eure Heiligkeit Papst Shenouda,
Eure Seligkeit Patriarch Stephanos,
verehrte Bischöfe und Würdenträger der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften Ägyptens!

1. Mit diesen Segensworten des hl. Paulus, der uns unmittelbar zum Kernpunkt des Mysteriums der trinitarischen Gemeinschaft führt, grüße ich euch alle von ganzem Herzen und in den Banden der Liebe, die uns im Herrn verbinden.

Es ist mir eine große Freude, als Pilger in diesem Land zu sein, das unserem Herrn Jesus Christus und der Heiligen Familie Aufnahme und Schutz gewährt hat, denn im Matthäusevangelium heißt es: »Da stand Josef in der Nacht auf und floh mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen« (Mt 2,14–15).

Von ihren Anfängen her war die Kirche in Ägypten vertreten. Begründet auf der apostolischen Lehre und Autorität des hl. Markus, zählte die Kirche von Alexandrien bald zu den führenden Gemeinden der frühchristlichen Welt. Ehrwürdige Bischöfe wie der hl. Athanasius und der hl. Cyrillos bezeugten den Glauben an den dreieinigen Gott und Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch, wie die ersten ökumenischen Konzile erklärten.

In der Wüste Ägyptens nahm unter der geistlichen Vaterschaft des hl. Antonius und des hl. Pachomius das monastische Leben seinen Anfang, sowohl als Einsiedlerleben wie auch in seiner gemeinschaftlichen Form. Ihnen und dem großen Einfluß ihrer geistlichen Schriften verdanken wir es, wenn das monastische Leben Bestandteil unseres gemeinsamen Erbes geworden ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebten wir eine neue Blüte dieses monastischen Charismas, dessen lebendige spirituelle Botschaft weit über die Grenzen Ägyptens hinausgeht.

2. Heute danken wir Gott für das stets wachsende Bewußtsein unseres gemeinsamen Erbes im Glauben und im Reichtum des sakramentalen Lebens. Ferner teilen wir jene kindliche Verehrung für die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, für die die koptische und alle orientalischen Kirchen bekannt sind. Und »wenn man von einem gemeinsamen Erbgut spricht, muß man dazu nicht nur die Einrichtungen, die Riten, die Heilsmittel und die Traditionen zählen, die alle Gemeinschaften bewahrt haben und von denen sie geformt worden sind, sondern an erster Stelle und vor allem diese Tatsache der Heiligkeit« (Ut unum sint)

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Um dieses Erbe treu zu wahren und zu lehren, brachte und bringt die Kirche in Ägypten große Opfer. Von wie vielen Märtyrern berichtet das ehrwürdige Martyrologium der koptischen Kirche, die bis auf die grausamen Verfolgungen von 283–284 zurückgeht! Hier in Ägypten verherrlichten sie Gott durch ihr unbeugsames Zeugnis bis in den Tod!

3. Von Anfang an wurde diese gemeinsame apostolische Tradition, dieses Erbe, unter Berücksichtigung des jeweiligen kulturellen Charakters der einzelnen Völker in verschiedenen Formen vermittelt und erklärt. Doch bereits im fünften Jahrhundert führten theologische und nichttheologische Faktoren wie auch der Mangel an brüderlicher Liebe und Verständnis zu schmerzlichen Spaltungen in der einen Kirche Christi. Mißtrauen und Feindseligkeit kamen unter den Christen auf, was dem innigen Wunsch unseres Herrn Jesus Christus: »Alle sollen eins sein« (Joh 17,21) widersprach.

Nun, während des zwanzigsten Jahrhunderts, erwirkte der Heilige Geist in einem Moment der Versöhnung eine Annäherung der christlichen Kirchen und Gemeinschaften. Mit Dankbarkeit erinnere ich mich an das Treffen von 1973 zwischen Papst Paul VI. und Seiner Heiligkeit Papst Shenouda III. und die Gemeinsame Christologische Erklärung, die sie damals unterzeichneten. Meine Dankbarkeit gilt allen, die zu dieser wichtigen Errungenschaft beigetragen haben, insbesondere der Stiftung »Pro Oriente« in Wien und der »Internationalen gemischten Kommission der römisch-katholischen und der koptisch-orthodoxen Kirche«. So Gott will, werden diese »Internationale gemischte Kommission« und die »Gemischte internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche in ihrer Gesamtheit« bald ihre normale Tätigkeit wieder aufnehmen, insbesondere im Hinblick auf gewisse grundlegende ekklesiologische Fragen, die geklärt werden müssen.

4. Wiederholt betone ich das, was ich bereits in meiner Enzyklika Ut unum sint schrieb: »Was die Einheit aller christlichen Gemeinschaften betrifft, gehört natürlich in den Bereich der Sorgen des Primats des Bischofs von Rom« (vgl. Nr. 95).

Daher möchte ich erneut alle »kirchlichen Verantwortlichen und ihre Theologen dazu veranlassen, über dieses Thema mit mir einen brüderlichen, geduldigen Dialog aufzunehmen, bei dem wir jenseits fruchtloser Polemiken einander anhören könnten, wobei wir einzig und allein den Willen Christi für seine Kirche im Sinne haben« (vgl. Nr. 96).

Im Hinblick auf das Amt des Bischofs von Rom bitte ich den Heiligen Geist, uns sein Licht zu schenken und alle Bischöfe und Theologen unserer Kirchen zu erleuchten, damit wir miteinander die Formen finden können, in denen dieser Dienst einen von allen Beteiligten anerkannten Dienst der Liebe zu verwirklichen vermag« (vgl. Predigt, 6. Dezember 1987, 3; Ut unum sint)

Liebe Brüder, in dieser Hinsicht dürfen wir keine Zeit verlieren!

5. Unsere Gemeinschaft in dem einen Herrn Jesus Christus, in dem einen Heiligen Geist und in der einen Taufe ist bereits eine tiefe und fundamentale Wirklichkeit. Diese Gemeinschaft ermöglicht uns das gemeinsame Zeugnis unseres Glaubens in vieler Hinsicht und verlangt, daß wir gemeinsam das Licht Christi in eine Welt tragen, die Rettung braucht. Dieses gemeinschaftliche Zeugnis ist um so wichtiger auf der Schwelle eines neuen Jahrhunderts und dieses neuen Jahrtausends, die die menschliche Familie mit enormen Herausforderungen konfrontieren. Auch aus diesem Grund dürfen wir keine Zeit verlieren! Neue Ansätze praktischer Zusammenarbeit.

Eine grundlegende Bedingung dieses gemeinsamen Zeugnisses ist, alles zu vermeiden, was erneut zu Mißtrauen und Uneinigkeit führen könnte. Wir sind übereingekommen, jede Form von Proselytismus zu vermeiden, wie auch Methoden und Haltungen, die gegen die Anforderungen christlicher Liebe und das verstoßen, was die Beziehungen zwischen den Kirchen kennzeichnen sollte (vgl.Gemeinsame Erklärung von Papst Paul VI. und Papst Shenouda III., 1973). Und wir erinnern daran, daß echte Nächstenliebe, begründet auf absoluter Treue zu dem einen Herrn Jesus Christus und gegenseitiger Achtung der jeweiligen kirchlichen Traditionen und sakramentalen Praxis, ein wesentliches Element auf dem Weg zu vollkommener Gemeinschaft ist (vgl. ebd.).

Wir kennen einander nicht genug: daher sollten wir Möglichkeiten der Begegnung finden! Laßt uns nach realisierbaren Formen spiritueller Einheit suchen, wie gemeinsames Beten und Fasten oder gegenseitige Initiativen des Austauschs und der Gastfreundschaft von Klöstern. Laßt uns nach Formen praktischer Zusammenarbeit suchen, insbesondere um den geistigen Durst so vieler Menschen heute zu stillen, zur Linderung ihrer Not, auf dem Gebiet der Jugenderziehung, zur Gewährleistung menschlicher Lebensbedingungen, zum Aufbau von gegenseitiger Achtung, Gerechtigkeit und Frieden und zur Förderung von Religionsfreiheit, dem Grundrecht jedes Menschen.

6. Am 18. Januar, zu Beginn der Gebetswoche für die Einheit der Christen, öffnete ich die Heilige Pforte der Basilika St. Paul vor den Mauern in Rom und überschritt ihre Schwelle zusammen mit den Vertretern vieler Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Gemeinsam mit mir erhoben Seine Exzellenz Amba Bishoi der koptischen Kirche und die Vertreter der orthodoxen und der lutherischen Kirche das Evangelium gegen die vier Himmelsrichtungen, ein zutiefst symbolischer Ausdruck unserer gemeinsamen Sendung im neuen Jahrtausend: gemeinsam müssen wir das Evangelium Jesu Christi bezeugen, die Heilsbotschaft vom Leben, von Liebe und Hoffnung für die Welt.

Während der gleichen Liturgiefeier wurde das Apostolische Glaubensbekenntnis von drei Vertretern verschiedener Kirchen und kirchlichen Gemeinden verkündet – den ersten Teil verkündete der Abgesandte des griechisch-orthodoxen Patriarchats von Alexandrien. Anschließend tauschten wir den Friedensgruß aus, und für mich war dieser frohe Augenblick Vorbote und Vorgeschmack jener vollen Gemeinschaft, für deren Verwirklichung unter allen Anhängern Christi wir uns einsetzen. Möge der Geist Gottes uns bald jene vollkommene und sichtbare Einheit gewähren, nach der wir uns sehnen!

7. Ihr, der Gottesgebärerin, dem Urbild der Kirche, und ihrer wirksamen Fürsprache vertraue ich diese Hoffnung an. Sie ist jenes gänzlich reine, schöne und heilige Geschöpf, das Inbild der Kirche ist, wie es kein anderes jemals sein wird. Von ihrer mütterlichen Gegenwart gestützt, werden wir den Mut haben, unsere Fehler und unser Zaudern zu bekennen und nach jener Versöhnung trachten, die uns erlauben wird, »einander zu lieben, wie Christus uns geliebt hat« (vgl. Eph 5,2). Verehrte Brüder, möge das dritte christliche Jahrtausend das Jahrtausend unserer vollen Einheit im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist sein. Schließlich möchte ich mich bei Papst Shenouda bedanken für die bewegenden Worte, die er an mich gerichtet hat. Ich teile die Hoffnungen, die er zum Ausdruck gebracht hat und möchte so darauf antworten: »Auch wir lieben euch.«

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