Papst Benedikt XVI. über die hl. Katharina von Genua und das Fegefeuer

Mausoleo di S. Caterina da Genova di Francesco Schiaffino, 1737-38

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte ich euch von einer weiteren Heiligen berichten, die den Namen »Katharina« trägt, nach Katharina von Siena und Katharina von Bologna. Ich spreche von Katharina von Genua, die vor allem durch ihre Gedanken über das Fegefeuer bekannt ist. Der Text, der ihr Leben und Denken beschreibt, wurde 1551 in der ligurischen Stadt veröffentlicht. Er ist in drei Teile unterteilt: die Vita im eigentlichen Sinne, die Dimostratione et dechiaratione del purgatorio – bekannt als der Traktat vom Fegefeuer – und den Dialog zwischen der Seele und dem Leib (Vgl. Libro de la Vita mirabile et dottrina santa, de la beata Caterinetta da Genoa. Nel quale si contiene una utile et catholica dimostratione et dechiaratione del purgatorio, Genua 1551 [dt. Lilli Sertorius, Katharina von Genua, Lebensbild und geistige Gestalt, ihre Werke (Der Dialog Buch I–IV), München 1939]. Der eigentliche Verfasser war Katharinas Beichtvater, der Priester Cattaneo Marabotto.

Katharina wurde 1447 in Genua geboren, als jüngstes von fünf Kindern. Bereits im zarten Alter verlor sie ihren Vater, Giacomo Fieschi. Ihre Mutter, Francesca di Negro, gab den Kindern eine gute christliche Erziehung, und die ältere der beiden Töchter wurde Ordensfrau. Katharina wurde mit 16 Jahren Giuliano Adorno zur Ehefrau gegeben, einem Mann, der verschiedene Erfahrungen im Handel und im Militär im Nahen Osten gemacht hatte und dann nach Genua zurückgekehrt war, um zu heiraten. Das Eheleben war nicht einfach, auch wegen des Charakters des Ehemannes, der dem Glücksspiel verfallen war. Katharina selbst sah sich zunächst veranlaßt, ein mondänes Leben zu führen, konnte darin jedoch keinen inneren Frieden finden. Nach zehn Jahren spürte sie in ihrem Herzen tiefe Leere und Bitterkeit.

Die Bekehrung begann am 20. März 1473, dank einer einzigartigen Erfahrung. Sie hatte sich in die Kirche »San Benedetto« und das Kloster »Nostra ora delle Grazie« begeben, um zu beichten. Als sie vor dem Priester niedergekniet war, »empfing sie« – wie sie selbst schreibt – »eine Wunde im Herzen, von einer überwältigenden Liebe Gottes«. Sie erkannte so deutlich ihre Armseligkeit und ihre Fehler und gleichzeitig die Güte Gottes, daß sie fast ohnmächtig wurde. Sie wurde im Herzen berührt von dieser Erkenntnis ihrer selbst, des leeren Lebens, das sie führte, und der Güte Gottes. Aus dieser Erfahrung heraus kam die Entscheidung, die ihrem ganzen Leben Orientierung gab und die sie mit folgenden Worten ausdrückte: »Keine Mondänität mehr und keine Sünde mehr« (vgl. Vita mirabile, 3rv). Daraufhin floh Katharina und verschob die Beichte. Nach Hause zurückgekehrt ging sie in die hinterste Kammer und weinte lange. In diesem Augenblick wurde sie über das Gebet belehrt, und die unendliche Liebe Gottes zu ihr, einer Sünderin, kam ihr zu Bewußtsein: eine geistliche Erfahrung, die sie nicht in Worte fassen konnte (vgl. Vita mirabile, 4r). Bei dieser Gelegenheit erschien ihr der leidende Jesus mit dem Kreuz auf den Schultern, wie er oft auf Abbildungen dieser Heiligen dargestellt ist. Wenige Tage später kehrte sie zu dem Priester zurück, um endlich eine gute Beichte abzulegen. Hier begann jenes »Leben der Läuterung«, das sie lange Zeit einen ständigen Schmerz empfinden ließ um der begangenen Sünden willen und das sie drängte, sich Bußen und Opfer aufzuerlegen, um Gott ihre Liebe zu zeigen.

Auf diesem Weg näherte sich Katharina dem Herrn immer mehr an, bis sie schließlich eintrat in die sogenannte »vita unitiva«, eine Beziehung tiefen Einsseins mit Gott. In der Vita steht geschrieben, daß ihre Seele einzig und allein von der zärtlichen Liebe Gottes innerlich geführt und unterwiesen wurde – er gab ihr alles, was sie brauchte. Katharina überließ sich so vollkommen den Händen des Herrn, daß sie etwa 25 Jahre lang – wie sie schreibt – »ohne die Mittlerschaft irgendeines Geschöpfes lebte, von Gott allein unterwiesen und geführt« (vgl. Vita, 117r–118r), genährt vor allem vom unablässigen Gebet und von der heiligen Kommunion, die sie jeden Tag empfing, was damals ungewöhnlich war. Erst viele Jahre später gab ihr der Herr einen Priester, der für ihre Seele Sorge trug.

Katharina widerstrebte es stets, ihre Erfahrung der mystischen Vereinigung mit Gott anderen anzuvertrauen und zu offenbaren, vor allem aufgrund der tiefen Demut, die sie angesichts der Gnaden des Herrn empfand. Nur die Aussicht, ihn zu verherrlichen und dem geistlichen Weg anderer zu nützen, bewegte sie dazu, das wiederzugeben, was in ihr geschah, angefangen beim Augenblick ihrer Bekehrung, ihrer ursprünglichen und grundlegenden Erfahrung. Der Ort ihres Aufstiegs in mystische Höhen war das Spital »Pammatone«, der größte Krankenhauskomplex von Genua, den sie leitete und beseelte. Katharina lebte also eine ganz aktive Existenz, trotz der Tiefe ihres inneren Lebens. In Pammatone scharte sich eine Gruppe von Nachfolgern, Schülern und Mitarbeitern um sie, angezogen von ihrem Glaubensleben und von ihrer Nächstenliebe. Auch ihr Ehemann, Giuliano Adorno, war davon so eingenommen, daß er seine Leichtlebigkeit aufgab, Franziskanerterziar wurde und in das Spital ging, um seiner Frau zur Seite zu stehen. Katharina setzte ihre Arbeit in der Krankenpflege fort bis ans Ende ihres irdischen Weges am 15. September 1510. Von der Bekehrung bis zum Tod gab es keine außerordentlichen Ereignisse, aber zwei Elemente kennzeichneten ihr ganzes Leben: auf der einen Seite die mystische Erfahrung, also die tiefe Gemeinschaft mit Gott, die sie wie eine bräutliche Vereinigung empfand, und auf der anderen Seite die Krankenpflege, die Organisation des Spitals, der Dienst am Nächsten, besonders an den Notleidenden und Verlassenen. Diese beiden Pole – Gott und der Nächste – erfüllten ihr Leben vollkommen; es wurde praktisch innerhalb der Spitalmauern geführt.

Liebe Freunde, wir dürfen nie vergessen: Je mehr wir Gott lieben und je beständiger wir im Gebet sind, desto mehr wird es uns gelingen, wirklich diejenigen zu lieben, die bei uns sind, die uns nahe sind, weil wir fähig sein werden, in jeder Person das Antlitz des Herrn zu sehen, der ohne Grenzen und Unterscheidungen liebt. Die Mystik schafft keine Entfernung zum anderen, sie bringt kein abstraktes Leben hervor, sondern sie nähert uns vielmehr dem anderen an, weil man beginnt, mit den Augen und mit dem Herzen Gottes zu sehen und zu handeln.

Katharinas Gedanken über das Fegefeuer, für das sie besonders bekannt ist, ist zusammengefaßt in den letzten beiden Teilen des eingangs zitierten Buches: dem Traktat vom Fegefeuer und dem Dialog zwischen der Seele und dem Leib. Es muß erwähnt werden, daß Katharina in ihrer mystischen Erfahrung nie besondere Offenbarungen hat über das Fegefeuer oder über die Seelen, die dort geläutert werden. In den inspirierten Schriften unserer Heiligen ist es jedoch ein zentrales Element, und ihre Art, es zu beschreiben, hat für ihre Zeit originelle Wesensmerkmale. Der erste originelle Zug betrifft den »Ort« der Läuterung der Seelen. In ihrer Zeit beschrieb man ihn in erster Linie mit Rückgriff auf Bilder, die an den Raum gebunden sind: Man dachte an einen bestimmten Raum, wo sich das Fegefeuer befände. Bei Katharina dagegen wird das Fegefeuer nicht als Element der unterirdischen Welt dargestellt. Es ist kein äußeres, sondern ein inneres Feuer. Das ist das Fegefeuer: ein inneres Feuer. Die Heilige spricht vom Weg der Läuterung der Seele auf die volle Gemeinschaft mit Gott hin, ausgehend von ihrer eigenen Erfahrung des tiefen Schmerzes aufgrund der begangenen Sünden angesichts der unendlichen Liebe Gottes (vgl. Vita mirabile, 171v). Wir haben vom Augenblick der Bekehrung gehört, wo Katharina plötzlich die Güte Gottes spürt, die unendliche Ferne des eigenen Lebens von dieser Güte und das brennende Feuer in ihrem Innern. Und das ist das läuternde Feuer, das innere Feuer des Fegefeuers. Auch hier befindet sich ein origineller Zug im Vergleich zum zeitgenössischen Denken. Denn es wird nicht mit dem Jenseits begonnen, um die Qualen des Fegefeuers zu beschreiben – wie es damals üblich war und vielleicht auch heute noch üblich ist –, um dann den Weg zur Läuterung oder Bekehrung aufzuzeigen, sondern unsere Heilige beginnt bei der eigenen inneren Erfahrung ihres Lebens auf dem Weg zur Ewigkeit. Die Seele – so Katharina – zeigt sich Gott noch gebunden an die Wünsche und die Qual, die aus der Sünde hervorgehen, und das macht es ihr unmöglich, die selige Gottesschau zu genießen. Katharina sagt, daß Gott so rein und heilig ist, daß die Seele, die mit den Makeln der Sünde behaftet ist, nicht in Gegenwart der göttlichen Majestät sein kann (vgl. Vita mirabile, 177r). Und auch wir spüren, wie fern wir davon sind, wie sehr wir von so vielen Dingen erfüllt sind, daß wir Gott nicht sehen können. Die Seele weiß um die unendliche Liebe und die vollkommene Gerechtigkeit Gottes, und daher leidet sie darunter, nicht richtig und vollkommen auf diese Liebe geantwortet zu haben. Und die Liebe zu Gott wird selbst zur Flamme, die Liebe selbst läutert die Seele von den Schlacken der Sünde.

In Katharina entdeckt man das Vorhandensein theologischer und mystischer Quellen, aus denen man zu ihrer Zeit gewöhnlich schöpfte. Insbesondere findet sich ein typisches Bild von Dionysios Areopagita: die goldene Schnur, die das menschliche Herz mit Gott verbindet. Wenn Gott den Menschen geläutert hat, dann bindet er ihn mit einer hauchdünnen goldenen Schnur, die seine Liebe ist, und zieht ihn zu sich mit so starker Liebe, daß der Mensch gleichsam »besiegt und überwunden und ganz außer sich« ist. So dringt in das Herz des Menschen die Liebe Gottes ein, der zum einzigen Wegweiser, zum einzigen Beweggrund seiner Existenz wird (vgl. Vita mirabile, 246rv). Diese Situation des Aufstiegs zu Gott und der Hingabe an seinen Willen, die im Bild von der Schnur zum Ausdruck kommt, gebraucht Katharina, um das Wirken des göttlichen Lichts auf die Seelen im Fegefeuer zum Ausdruck zu bringen – ein Licht, das die Seelen reinigt und sie zum Glanz der gleißenden Strahlen Gottes erhebt (vgl. Vita mirabile, 179r).

Liebe Freunde, die Heiligen erlangen in ihrer Erfahrung der Vereinigung mit Gott ein so tiefgehendes »Wissen« um die göttlichen Geheimnisse, in dem Liebe und Erkenntnis einander durchdringen, daß sie auch den Theologen eine Hilfe sind in ihrem Bemühen um das Studium, um die »intelligentia fidei«, um die »intelligentia« der Geheimnisse des Glaubens, um die wirkliche Vertiefung der Geheimnisse – zum Beispiel dessen, was das Fegefeuer ist. Mit ihrem Leben lehrt uns die hl. Katharina: Je mehr wir Gott lieben und in die Vertrautheit mit ihm im Gebet eintreten, desto mehr läßt er sich erkennen und entflammt unser Herz mit seiner Liebe. Indem sie über das Fegefeuer schreibt, ruft uns die Heilige eine grundlegende Glaubenswahrheit in Erinnerung, die für uns zur Einladung wird, für die Verstorbenen zu beten, damit sie zur beseligenden Gottesschau in der Gemeinschaft der Heiligen gelangen können (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, 1032). Der demütige, treue und großherzige Dienst, den die Heilige ihr ganzes Leben lang im Spital »Pammatone « leistete, ist außerdem ein leuchtendes Beispiel der Nächstenliebe gegenüber allen Menschen und eine Ermutigung besonders für die Frauen, die einen wesentlichen Beitrag für Gesellschaft und Kirche leisten durch ihr wertvolles Wirken, das bereichert wird durch ihre Einfühlsamkeit und durch die Fürsorge für die Ärmsten und Notleidenden. Danke.

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ZUR FEGFEUERLEHRE DER HEILIGEN KATHARINA VON GENUA

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Schlußüberlegungen zur Fegfeuerlehre der heiligen Catharina

Wenn man nach der Lektüre des “Traktats über das Fegfeuer” überlegt, worin das Wesen des Zustandes der Armen Seelen im Fegfeuer in der Sicht der hl. Catharina von Genua besteht, so ist folgendes zusagen:

Die Seele hat das furchtbare Gericht Gottes glücklich hinter sich gebracht; sie konnte, weil im Gnadenstand befunden, vor dem ewigen Richter bestehen. In der ersten Begegnung mit dem göttlichen Richter ist die Seele durch das Licht der ewigen Wahrheit erleuchtet worden. Sie erkennt einerseits die unendliche Güte Gottes, seine strenge Gerechtigkeit, seine wahrhaft göttliche Reinheit und Heiligkeit, anderseits aber auch die Tatsache, daß sie selbst noch nicht würdig ist, vor dem Angesicht ihres Herrn und Geliebten zu erscheinen. Auf seiten Gottes gibt es zwar kein Hindernis für den Eintritt der Seele in die ewige Seligkeit als nur seine unendliche, ganz vollkommene und absolut reine und heilige Wesenheit, die im Kontrast steht zu der noch vorhandenen Unvollkommenheit der Seele, die in ihrer Liebe zu Gott, dem höchsten und liebenswürdigsten Gut, noch gehemmt ist und noch behindert wird in der ersehnten, über alles beglückenden Vereinigung mit Gott. Die im Erdenleben begangenen Sünden sind zwar vergeben, aber sie haben in der Seele Wunden zurückgelassen, “Rostflecken” gleichsam, die noch aus dem Gold der von Gott ganz rein und schön geschaffenen Seele herausgebrannt werden müssen. Eine geheimnisvolle Kraft zieht zwar die im Gnadenstand ins Jenseits hinübergegangene Seele zu Gott hin, gleichzeitig aber wird sie durch eine innere Kraft noch von Gott zurückgehalten. Aus dieser Verzögerung der Vereinigung der Gott liebenden, im Gnadenstand befindlichen Seele mit dem liebenden, aber sie ganz rein und vollkommen erwartenden Gott entsteht in der Seele eine Art Feuer, das zwar dem in der Hölle ähnlich und doch von diesem wieder ganz verschieden ist. Dieses Feuer reinigt und läutert die Seele von allem “Rost der Sünde”. Wenn man eine Art Psychologie der Seelen im Fegfeuer entwerfen sollte, könnte man etwa folgendes skizzieren:

  1. Es gibt in den Armen Seelen schmerzvollste Pein und dennoch zugleich heilige Freude: Die Ursache der schmerzvollen Pein ist eine dreifache: a) das Wissen darum, noch etwas an sich zu haben, das Gott mißfällt, b) das Wissen darum, daß Gottes Liebe die Seele schon bei sich im ewigen Glück haben möchte, daß aber in ihr noch jenes Hindernis vorhanden ist, das durch die Sünde der Vereinigung mit Gott entgegengestellt wurde, c) das Wissen darum, daß die Erlangung der beseligenden Anschauung Gottes, die von der Seele so glühend herbeigesehnt wird und ihr schon gewiß ist, durch sie selbst noch eine Verzögerung erfährt. Eigenartig ist, daß die schmerzliche Pein der Seelen im Fegfeuer nicht etwa mehr und mehr ab-nimmt, sondern in der Sicht der hl. Catharina von Genua immer stärker und stärker wird, je mehr es der Befreiung aus dem Fegfeuer entgegengeht: Die immer mehr wachsende Erkenntnis Gottes, mit der wachsenden Sehnsucht, Ihn zu schauen, und wachsende Liebe verbunden sind, verstärkt den Schmerz über die Verzögerung der Anschauung Gottes. Zusammen mit schmerzvollster Pein gibt es in den Seelen aber ganz große Freude. Auch diese wächst immer mehr, je mehr es Gott entgegengeht. Quelle der Freude in den Armen Seelen ist neben der zweifelsfreien Gewißheit, das ewige Heil sicher zu erlangen, das Wissen darum, daß der liebende Gott in großer Barmherzigkeit die Läuterung der Seele verfügt hat, um so seiner Gerechtigkeit Genugtuung zu verschaffen.
  2. Es gibt in den Armen Seelen im Fegfeuer eine ganz große Gottesliebe. Diese Liebe zu Gott, der mit sanfter Gewalt die von Ihm geliebte Seele an sich zieht, bringt in der Seele im Fegfeuer eine sechsfache Wirkung hervor: a) Diese Liebe bewirkt eine Umgestaltung der Seele, die immer mehr Gott ähnlich wird. b) Diese Liebe bewirkt völlige Ergebung in die vom liebenden Gott für sie getroffene Anordnung und damit eine immer vollständigere Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes. c) Diese Liebe adelt die Seele, die von jedem Egoismus frei wird, sich selbst ganz vergißt, dem Leiden gegenüber ganz indifferent wird, vielmehr sich sogar immer stärker nach dem läuternden Leiden sehnt. d) Diese Liebe reinigt die Seele immer mehr: Den von Gott ausgehenden reinigenden Strahlen des Feuers göttlicher Liebe antwortet die Seele mit immer intensiverer Gegenliebe. So wird die Seele von allen Rostflecken begangener Sünden frei. f) Diese Liebe vernichtet schließlich alles in der Seele, was noch unvollkommen in ihr ist. g) Diese Liebe weckt in der von falscher Eigenliebe völlig frei gewordenen Seele ganz große Freude, die der Vorgeschmack der ihr zuteil werdenden ewigen Freude der beseligenden Anschauung Gottes ist. Weil sich die Seele ganz und gar vergessen hat und ganz von Gott beschlagnahmt ist durch die Liebe, erträgt sie auch die schmerzvollste Pein des Fegfeuers mit größter Freude.

Aus allen Überlegungen der hl. Catharina von Genua über das Fegfeuer spürt man heraus, daß hier jede ungute Materialisierung des Ortes (sofern man überhaupt davon sprechen kann) und des Zustandes des Fegfeuers fehlt; sie sieht alles vergeistigt im Feuer der Liebe, das von Gott, der die Liebe selber ist, ausgeht und das in der noch nicht ganz reinen, noch nicht ganz vollkommenen und der lautersten Reinheit und Heiligkeit Gottes noch nicht voll entsprechenden Seele vollkommene Läuterung schafft.

Hl. Catharina von Genua — Die Theologin des Fegfeuers

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