Die letzten Nachfolger Petri und das Ökumenische Konzil Vatikanum II -10

Pope John Paul II.

SECHSTER TEIL

DIE GÖTTLICHE OFFENBARUNG

„Darum will die Synode in Nachfolge des Trienter und des Ersten Vati­kanischen Konzils die echte Lehre über die Offenbarung und Weitergabe vorlegen“ (DV 1).

Im 16. Jahrhundert hat das Ökumenische Konzil von Trient (1545-1563) den einseitigen Standpunkt des Protestantismus zurückgewiesen, der allein die Heilige Schrift als göttliche Offenbarung anerkannte. Im 18. Jahrhundert hat der Deismus, der zwar die Existenz Gottes bejaht, den Weg für eine Leugnung der übernatürlichen Offenbarung freigemacht. Im 19. Jahrhundert hat sich das Erste Vatikanische Konzil (1869-1870) gegen den modernen Rationalismus (Naturalismus) gewandt, der mit allen M­itteln den übernatürlichen Charakter der christlichen Religion angriff. Indem der Rationalismus versuchte, das Reich der reinen Vernunft zu errichten, erklärte er jede übernatürliche Offenbarung für unmöglich, ja sogar für unnütz. Das Erste Vatikanische Konzil hat die Historizität, die Nützlichkeit und Notwendigkeit der übernatürlichen Offenbarung betont.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich mit einem weit verbreiteten Atheismus auseinandergesetzt, mit einer radikalen Ablehnung einer jeden Religion. In Kontinuität zu den beiden vorhergehenden Konzilien hat es eine neue umfassende Sicht der göttlichen Offenbarung eröffnet. Diese Sicht ist vor allem im ersten Kapitel der dogmatischen Konstitution „Dei Verbum“ enthalten.

 

I. DIE MENSCHLICHE PERSON IN DER WELT

1. Die menschliche Person – ein Wesen nach dem Abbild Gottes

„Der Mensch übersteigt in seiner Innerlichkeit die Gesamtheit der Dinge. In diese Tiefe kehrt er zurück, wenn er in sein Herz einkehrt, wo Gott ihn erwar­tet, der die Herzen durchforscht, und wo er selbst unter den Augen Gottes über sein eigenes Geschick entscheidet“ (GS 14).

(Ps 103,1). (…) Ich wähle diese Worte, weil sie von unserem menschlichen Herzen sprechen — worauf der Psalm mit »alles in mir« Bezug nimmt: Es ist genau das, was wir meinen, wenn wir vom Herzen sprechen: Unser gan­zes Dasein, alles das, was in jedem von uns ist. Alles, was uns im Innern, in der Tiefe unseres Wesens formt. Alles, was unsere ganze Menschheit, unsere ganze Person in ihrer geistigen und physischen Dimension bildet. Alles, was sich als einmalige und unwiederholbare Person in ihrem »inneren Selbst« und zur gleichen Zeit in ihrer »Transzendenz« ausdrückt.“1

Das Wort „Herz“ hat verschiedene Bedeutungen. Das Herz ist ein phy­sisches Organ des menschlichen Körpers. Das Herz ist das ganze mensch­liche Sein seinem Wesen (die Natur) oder seiner Existenz (die Person) nach. Das Herz ist vor allem der innere (metaphysische) Mensch: der Mensch in seinem metaphysischen Wesen. Das Herz ist vor allem die in­nere menschliche (metaphysische) Person: der Mensch in seiner metaphy­sischen Existenz.

Der äußere Mensch ist der physische Mensch. Die äußere menschliche Person ist die physische Person. Die innere Person übersteigt die äußere Person, die sichtbare Erde und das sichtbare Universum, und sie ist auf die Unendlichkeit und die Ewigkeit hin geöffnet: auf Gott.

„Die Heilige Schrift lehrt nämlich, daß der Mensch »nach dem Bild Got­tes« geschaffen ist, fähig, seinen Schöpfer zu erkennen und zu lieben, von ihm zum Herrn über alle irdischen Geschöpfe gesetzt (vgl. Gen 1,16; Weish 3,23), um sie zur Verherrlichung Gottes zu beherrschen und zu nutzen (vgl. Sir 17,3-10)“ (GS 12).

Der Glaube entdeckt „mit großer Bewunderung und Staunen die ganze Wahrheit des Menschen als Wesen, das in Jesus Christus geschaffen, Gott ebenbildlich und ähnlich ist: dem Gott, der Person ist, der Liebe ist, die sich gibt (vgl. Mulieris dignitatem, Nr. 7).“2

Der in Jesus Christus nach dem Bild und Gleichnis des unendlichen und ewigen Gottes geschaffene Mensch ist eine Person und ein großes Geheim­nis. Die menschliche Person ist ein theologisches (theozentrisches) und anthropologisches (anthropozentrisches) Sein. In der inneren Person be-

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1 Johannes Paul II., Ansprache vom 18. 9. 1984, 2, 598; vgl. ders., Ansprache vom 1. 11. 1989, 2,1143.

2 Ders., Ansprache vom 2. 3. 1990, 1, 570; vgl. ders., Ansprache vom 2. 2. 1984, 1, 221; ders., Ansprache vom 23. 4. 1986, 1,1111-1112.

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findet sich das Zentrum der Gottebenbildlichkeit der menschlichen Per­son.

Der Mensch als Subjekt (als konkretes „Ich“) ist mit verstandesmäßiger Erkenntnis und intellektuellem Bewußtsein sowie mit Freiheit ausgestat­tet. Die Fähigkeit zu verstandesmäßiger Erkenntnis unterscheidet die menschliche Person radikal von der gesamten Tierwelt. Die Person er­kennt die Wirklichkeit und unterscheidet zwischen Wahrheit und Un­wahrheit. Sie besitzt in sich einen wesentlichen Bezug zur Wahrheit, die sie als transzendentales Wesen kennzeichnet.

Aufgrund der „Geistigkeit und Unsterblichkeit seiner Seele“ (GS 14) und ihrer geistigen Fähigkeiten von Verstand und Wille ist die Person mit Freiheit ausgestattet, die „ein erhabenes Kennzeichen des Bildes Gottes im Menschen ist“ (GS 17).

Mit der verstandesmäßigen Erkenntnis der Wahrheit und ihrer Bezie­hung zur Wahrheit ist die Willensfreiheit, die zuinnerst auf das Gute aus­gerichtet ist, verbunden. Die Handlungen der menschlichen Person sind in sich Zeichen ihrer Selbstbestimmung (ihres Wollens) und ihrer Wahl. Daraus entsteht die gesamte Moral: die Person ist fähig, zwischen Gut und Böse zu wählen. Die Stimme des Gewissens legt ihr das Gute vor und fordert, es zu tun; sie warnt vor dem Bösen und hält sie davon zurück. Auch die innere Hinordnung des freien Willens auf das Gute bestimmt den transzendentalen Charakter der Person.

„Denn dank seiner Geistnatur, der Fähigkeit der Verstandeserkenntnis, der Wahl- und Handlungsfreiheit befindet sich der Mensch von Anfang an in einer besonderen Beziehung zu Gott. Der Schöpfungsbericht (vgl. Gen 1-3) läßt uns erkennen, daß das Abbild Gottes sich vor allem in der Beziehung des menschlichen Ich zum göttlichen Du zeigt. Der Mensch erkennt Gott; sein Herz und sein Wille sind imstande, sich mit Gott zu verbinden (homo est capax Dei: der Mensch ist „Gottes fähig“). Der Mensch kann zu Gott Ja sagen, er kann aber auch Nein zu ihm sagen. Er besitzt die Fähigkeit, Gott und seinen Willen anzunehmen, aber auch die Fähigkeit, sich ihm zu widersetzen.“3

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3 Ders., Ansprache vom 23. 4. 1986, 1, 1112; vgl. ders., Ansprache vom 19. 12. 1980, 2,1733; ders., Ansprache vom 13. 9. 1980, 2, 611-612; ders., Ansprache vom 13. 3. 1986, 1, 702: „Philosophie, Wissenschaft, Kunst, Literatur, Musik belegen die Existenz des Geistes in der Welt und beweisen, daß es im Herzen des Menschen eine unendliche und unerfüllte Sehnsucht nach Wahrheit, Schönheit, Ordnung, Harmonie und Liebe gibt, die in den irdischen Wirklich­keiten keine erschöpfende Antwort findet“; ders., Ansprache vom 19. 2. 1989, 1, 384: „Als Ebenbild Gottes trägt der Mensch in sich den Raum der Unsterblichkeit, den nur Gott mit seiner Gegenwart, mit seinem unaussprechlichen Leben ausfüllen kann, in dem er sich dem Menschen in der ganzen Wahrheit seiner Gottheit schenkt.“

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Die menschliche Person ist zum Weltbezug „fähig“. Sie ist auf die Welt hin offen und fähig, in der Erkenntnis und in der Liebe die Welt der Per­son (der Personen) und die apersonale Welt aufzunehmen.

Die menschliche Person ist vor allem „Gottes fähig“. Sie ist auf Gott hin offen und fähig, in der Erkenntnis und in der Liebe Gott selbst aufzuneh­men. Die Person ist eine Fähigkeit, die nur der lebendige Gott ausfüllen kann. Sie dürstet und hungert nach Unendlichkeit und Ewigkeit; ihre Schwerkraft fällt auf Gott zu und strebt von Natur aus auf ihn zu. Deshalb kann sie sich niemals mit einem Teil des Wahren, Guten und Schönen, das sie erlangt hat, begnügen. Sie strebt immer „darüber hinaus“, und dieses Streben offenbart ihren transzendentalen Charakter. Dennoch kann die Person mit ihrem freien Willen Gott entweder bejahen oder ablehnen.

„Zum Dialog mit Gott ist der Mensch schon von seinem Ursprung her aufgerufen“ (GS 19).

„»Person sein« heißt sowohl »Subjekt sein« als auch »in Beziehung sein«.“4

„Er (der Mensch) weiß darum, daß er ein Wesen ist, dem Gott begegnen und mit dem er ins Gespräch kommen möchte. Mehr noch: Im Menschen möchte er der ganzen Schöpfung begegnen.

Der Mensch ist für Gott ein »Jemand« : einmalig und unwiederholbar. Er ist jenes »einzige Geschöpf auf Erden, das Gott um seiner selbst willen er­schaffen wollte« (vgl. GS 24). (…) Der Mensch ist jenes Wesen, das Gott beim Namen ruft. Er ist für Gott das geschaffene »Du«. Er ist inmitten der Geschöp­fe jenes personale »Ich«, das sich an Gott wenden und auch ihn beim Na­men rufen kann. Gott will im Menschen jenen Partner haben, der sich an ihn wendet als seinen Schöpfer und Vater: »Du, mein Herr und mein Gott«: an das göttliche »Du «.“5

Der einzelne Mensch, von Gott „um seiner selbst willen“ gewollt, ist eine einmalige und unwiederholbare Person in der Welt. Er ist immer Subjekt und ist niemals reines „Objekt“ und kann auch nie zu einem sol­chen werden. Die menschliche Person ist eine lebendige Beziehung: ein „Ich“, das für das „Du“ des anderen offen ist. Sie ist vor allem für das göttliche „Du“

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4 Ders., Ansprache vom 30.5. 1984, 1, 1561.

5 Ders., Ansprache vom 14. 6. 1988, 2, 2133-2134; ders., Ansprache vom 5. 6. 1991, 1, 1497: „Der Mensch war von Anfang an Gottes »Gesprächspartner « — er ist ein geschaffenes »Du«, dem sich das göttliche »Ich« zuwendet. Er ist der Gesprächspartner Gottes, weil er nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen wurde.“

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und demzufolge auch für das „Du“ einer anderen Person und für die Welt der geschaffenen Personen offen. Schließlich ist die menschliche Person für die nicht-personale oder genauer apersonale Welt offen.

Die menschliche Person als lebendige Beziehung ist ein dialogisches Wesen. Sie lebt zunächst im Dialog mit Gott und dann mit den anderen Personen. Da sie die apersonalen Geschöpfe kennt und liebt, steht sie in gewissem Sinne mit ihnen im Dialog. Sie wird sogar zu deren Wortführe­rin, indem sie sie mit dem Schöpfer in Beziehung bringt und ihn in ihrem Namen lobt.

 

2. Die menschliche Person –
ein geschichtliches und geographisches Wesen

„Die Erde der Menschen“ (GS 38) ist die Welt der menschlichen Perso­nen. Die äußeren menschlichen Personen bilden die äußere Erde; die inne­ren bilden die innere Erde. Diese Erde ist in ihrem derzeitigen Zustand die theologische und anthropologische Welt.

Die äußere Person ist in die Ordnung des sichtbaren Universums einge­bettet, genauer gesagt in die Ordnung der sichtbaren Erde. Sie ist ein geographisches Wesen. Sie befindet sich zu einem gegebenen Moment auf der Erde, an einem Ort, der durch die geographischen Längen- und Breiten­grade bestimmt ist.

Die menschliche Person ist auch in einem anderen Sinn ein geographi­sches Wesen. Die inneren Personen bilden die beiden Hemisphären der theologischen und anthropologischen Welt. Die innere Person befindet sich entweder in der einen oder in der anderen Hemisphäre. Sie befindet sich zu einem gegebenen Moment an einem Ort, der durch die theologi­schen und anthropologischen Längen- und Breitengrade bestimmt ist.

„Der Mensch ist ein »geschichtliches Wesen«. Das bedeutet nicht nur, daß er wie alle anderen Lebewesen dieser Welt der Zeit unterworfen ist. Der Mensch ist ein geschichtliches Wesen, weil er fähig ist, die Zeit, den Übergang, den Vorübergang zu einem besonderen Inhalt seiner Existenz, zu einer besonderen Dimension seiner »Zeitlichkeit« zu machen. All dies geschieht in den verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens. Jeder von uns hat seit dem Tag seiner Geburt seine eigene Geschichte. Gleich­zeitig gehört jeder von uns im Lauf der Geschichte zu einer Gemeinschaft. Die Zugehörigkeit eines jeden von uns als »soziales Wesen« zu einer ge­wissen Gruppe und zu einer bestimmten Gesellschaft verwirklicht sich immer durch die Geschichte. Sie verwirklicht sich in einer gewissen Skala der Geschichte.“6

Die menschliche Person ist in den Strom der irdischen Zeit eingefügt, die mit der Rotation der sichtbaren Erde verbunden ist. Als innere Person übersteigt sie jedoch diesen Strom. Die Person hat horizontal und vertikal am Angelpunkt des Ewigen teil. Die erste Art ist die vergängliche Dimen­sion ihrer Zeit; die zweite Art ist die endgültige (eschatologische) Dimen­sion ihrer Zeit.

Die Geschichtlichkeit unterscheidet sich wesentlich von der durch die Zeit verursachten Begrenzung. Geschichtlichkeit bedeutet, daß der Mensch in der Welt geschichtlich existiert. Da er nach dem Abbild Gottes geschaffen ist, hat er eine geistige und unsterbliche Seele (vgl. GS 14) und übersteigt den Übergangscharakter der Zeit und alle der Vergänglichkeit unterworfenen Geschöpfe. Die Geschichtlichkeit ist auch die Existenz von jemandem der, obwohl er „vergeht“, seine Identität bewahrt.

Die menschliche Person ist sich darüber bewußt, daß sie sich selbst in der vorübergehenden Zeit verwirklichen muß. Sie ist ein geschichtliches Wesen: sie ist im Werden und formt sich Tag für Tag dank eines mannig­faltigen und fortschreitenden Einsatzes. Nur die Person hat eine Ge­schichte, und nur sie schafft diese. Sie webt ihre Geschichte in der vertika­len und horizontalen Dimension. Die Person hat eine bestimmte Vergan­genheit, lebt in der Gegenwart und richtet sich auf die Zukunft aus. Die Tiere haben keine Geschichte im eigentlichen Sinn des Wortes.

„In der Welt, die unter der transzendenten Weisheit und Macht Gottes steht, ist der Mensch, wenn auch auf Gott hin bestimmt, jedoch zugleich ein Wesen, das Selbstzweck ist: er besitzt als Person eine eigene Finalität (eine selbständige Zielgerichtetheit), kraft welcher er nach Selbstverwirkli­chung strebt.“7

Gott der Schöpfer ist die erste Ursache für das Sein und Wirken der Ge­schöpfe, auch für das freie Handeln der geschaffenen Personen. Die Ge­schöpfe besitzen eine relative Autonomie (vgl. GS 36). Sie wirken in ihrer Ordnung als Zweitursachen in vollkommener Abhängigkeit von der Erst­ursache. Die Geschöpfe (auch die geschaffenen Personen) sind der gött-

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6 Ders., Ansprache vom 25. 4. 1979, 1, 971; vgl. Frossard A. dialogo, 70f.

7 Ders., Ansprache vom 21. 5. 1986, 1, 1647; vgl. ders., Ansprache vom 14. 5. 1986, 1, 1411; ders., Ansprache vom 17. 11. 1979, 2,1187: Thomas von Aquin hat uns „eine genaue und immer gültige Definition dessen geliefert, in dem die wesentliche Größe des Menschen besteht: »Ipse est sibi providens» – Der Mensch sorgt für sich“ (Contra gentiles, III, 81).

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lichen Vorsehung unterstellt, denn „machtvoll entfaltet sie ihre Kraft von einem Ende zum andern und durchwaltet voll Güte das All“ (Weish 8,1). Die menschliche Person handelt in ihrer Ordnung frei als Zweitursache. Wenn sich die Person im freien Handeln dem Wirken Gottes entzieht, dann mißbraucht sie ihre Freiheit. Dieser Mißbrauch ist eine schuldhafte Unzu­länglichkeit, ein moralisches Übel, eine Sünde der Person. Das einzig wahre Übel, das vollkommene Übel, ist für die menschliche Person das moralische Übel. Es ist das Übel der Person als solcher.

Die menschliche Person, nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen, ist auf Gott ausgerichtet: Gott ist das letzte Ziel ihrer Existenz. Von Gott „um ihrer selbst willen“ gewollt, besitzt die Person auch ein eigenes Ziel. Sie sorgt für sich selbst und strebt danach, sich selbst zu verwirklichen.

Es gibt äußere Ereignisse des Lebens eines Menschen, „die man fotogra­fieren und in einem Buch präsentieren kann, doch in diesen äußeren und sichtbaren Ereignissen gibt es einen geheimen Weg, einen Weg des Her­zens, einen Weg des Gewissens, einen inneren Weg.“8

Die von der Erkenntnis der Güter (der Werte) erleuchtete Person richtet sich mit dem freien Willen auf diese Güter. Ihr Gewissen offenbart ihr die Forderungen des Guten, des Höchsten Guts (des Höchsten Wertes): des Pols des Absoluten. Es zeigt ihr die Forderungen des Sittengesetzes und somit das moralisch Gute (den moralischen Wert). Da es sich dabei um das Gut der Person als solches handelt, verpflichtet es die Person moralisch dazu, es zu verwirklichen. Die Person wendet sich frei in eine bestimmte Richtung (die Wahl, die Entscheidung) und bewegt sich in diese durch ihre Handlung. Die Handlung der Person ist positiv (gut) oder negativ (böse). Sie ist positiv, wenn die Person moralisch Gutes tut (einen mora­lischen Wert verwirklicht); sie ist negativ (zerstörerisch), wenn die Person gegen das moralisch Gute handelt.

Die menschliche Person lebt nur ein einziges Mal auf der Erde. Ihre Handlungen sind gleichsam Schritte, mit denen sie sich bewegt. Mit den positiven Schritten schreitet sie in der eschatologischen Dimension dem Pol des höchsten Gutes entgegen. Auf diese Weise entwickelt und vervoll­kommnet sich die Person. Mit den negativen Schritten geht sie in der eschatologischen Dimension auf den Pol des Nichts und des Sterns des

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8 Ders. Ansprache vom 15.9.1985, 2, 675; vgl. Paul VI., Ansprache vom 23.8.1972, 829f; Johannes Paul II., Schreiben vom 31.3.1985, 1, 810-811.

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höllischen Abgrundes zu. Auf diese Weise deformiert und degradiert sich die Person. Die Person (die Personen) ist (sind) für die Ewigkeit ihres existentiellen und unwiederholbaren Weges in der Welt verantwortlich.

„Denn der Mensch, das menschliche Leben und alles Menschliche wird vom Innern gebildet. Der Mensch gestaltet dann sein ganzes äußeres Le­ben und sein Zusammenleben mit den anderen Menschen gemäß dem, was »in seinem Innern« ist, in seinem Gewissen, in seinem Herzen. Wenn im Menschen das Gute, Sinn für Gerechtigkeit, Liebe, Reinheit, Güte ge­genüber den anderen, ein gesundes Verlangen nach Würde herrschen, dann strahlt das Gute auch nach außen; es prägt das Gesicht der Familien, der Umgebung und der Einrichtungen.“9

Die Geschichte der menschlichen Person auf der Erde ist theologisch und anthropologisch, eschatologisch und zeitlich, innerlich und äußer­lich. Die Geographie der menschlichen Person auf der Erde ist theolo­gisch und anthropologisch, innerlich und äußerlich. Die Beziehung der Person zum Pol, zu Gott, dem Schöpfer und Erlöser, bestimmt ihren „Ort“ und somit ihre geschichtlichen und geographischen Längen- und Breitengrade in der theologischen und anthropologischen Welt. Ihr inne­rer „Ort“ ist zu einem gegebenen Moment ein Geheimnis. Die Bewegung der inneren Person von einem Ort zum anderen bleibt ein Geheimnis, auch wenn sie sie in gewisser Weise durch eine Bewegung der äußeren Person veräußerlicht. Und auch der Weg der inneren Person von einer Region zur anderen, von einer Zone der Welt zur anderen, bleibt ein Geheimnis.

Indem die innere Person in Beziehung zum göttlichen Pol dahinschrei­tet, formt sie ihre Geschichte und Geographie in der Erde der inneren Personen. Indem sie sich bewegt, verändert sie ihre theologischen und anthropologischen und ihre historischen und geographischen Längen-und Breitengrade. Die Geschichte und Geographie der inneren Personen ändern sich ständig. Und dementsprechend ändern sich die Geschichte

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9 Ders., Ansprache vom 18. 2. 1979, 1, 423-424; vgl. Paul VI., Ansprache vom 25. 12. 1967, 659: Der Papst spricht von der „menschlichen Geographie“; zur Geographie der Existenz der Völker verweisen wir auf Johannes Paul II., Ansprache vom 3. 10. 1982, 3, 675; vgl. ders., Ansprache vom 6. 8. 1980, 2, 338: Der Papst spricht von der inneren Erfahrung des „geschichtlichen“ Menschen (er versteht dieses Adjektiv vor allem theologisch) auf allen geographischen Längen- und Breitengraden, in den verschiedenen Epochen, in den verschiedenen kulturellen und sozialen Voraussetzungen; ders., Ansprache vom 3. 12. 1980, 2,1575: Die Ethik des Evangeliums ist für jeden Menschen „neu“, unabhängig von jedem geographischen und geschichtlichen Breitengrad; ders., Ansprache vom 8. 10. 1980, 2, 811: „Das menschliche Leben ist von seiner Natur her »koedukativ«, und seine Würde, sein Gleichgewicht hängen in jedem Augenblick der Geschichte und an jedem Punkt geographischer Länge und Breite davon ab, was sie für ihn und er für sie wird.“

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und Geographie der äußeren Personen.

3. Die natürliche Gotteserkenntnis

„Gott, der durch das Wort alles erschafft (vgl. Joh 1,3) und erhält, gibt dem Menschen jederzeit in den geschaffenen Dingen Zeugnis von sich (vgl. Röm 1,19-20)“ (DV 3).

„Die Heilige Synode bekennt, »daß Gott, aller Dinge Ursprung und Ziel, mit dem natürlichen Licht der menschlichen Vernunft aus den geschaffe­nen Dingen sicher erkannt werden kann (vgl. Röm 1,20)« (I. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über den katholischen Glauben, in: DzH 3004)“ (DV 6).

„Gott könnte sich dem Menschen aber überhaupt nicht mitteilen, wenn dieser nicht fähig wäre, ihn schon von Natur aus – also vor jeder Offenba­rung – in gewisser Weise zu erkennen.10

Nach Gott zu streben ist ein Gesetz der Existenz der menschlichen Per­son. In der Person bleibt eine Offenheit für die unendliche Wahrheit, die unendliche Schönheit, die unendliche Gerechtigkeit, d. h. für das Geheim­nis Gottes, die der Schöpfer beständig durch sein Wirken wachruft. Von Gott und auf Gott hin geschaffen sucht die Person in der Welt unermüd­lich nach dem höchsten Sein. Die Geschichte und Geographie der Mensch­heit zeugen weitreichend von dieser Suche. Schon bevor die Person ihr „Ich glaube an Gott“ bekennt, besitzt sie einen gewissen Gottesbegriff, zu dem sie mit der Kraft des eigenen Verstandes gekommen ist.

Die Heilige Schrift, die Tradition und das Lehramt bestätigen die Mög­lichkeit einer sicheren, rein verstandesmäßigen Gotteserkenntnis. Durch die Schöpfung der Welt offenbart sich der unsichtbare Gott in gewisser Weise in der Welt. Er wird in gewissem Sinn „sichtbar in seinen Werken“ (vgl. Röm 1,19-20). Der menschliche Geist besitzt die Fähigkeit und die Mög­lichkeit, den unsichtbaren Schöpfer zu erkennen, und zwar aufgrund des sichtbaren Universums. Er kann seine Existenz und bis zu einem gewissen

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10 Ders., Ansprache vom 20.3. 1985, 1, 675; vgl. ders., Ansprache vom 31. 7. 1985, 2,176; ders., Ansprache vom 6. 4. 1982, 1, 1122; Pius XII., Ansprache vom 3. 12. 1939, in: Discorsi I, 403: „Der Mensch steigt auf den Stufen des Universums bis zu Gott empor: Der Astronom, der bis zum Himmel, dem Schemel des Thrones Gottes, gelangt, kann gegenüber der Stimme des Firmamentes nicht ungläubig bleiben; sein Denken übersteigt die Sonnen und Sternennebel und ihm folgen Liebe und Anbetung. Und so segelt er einer Sonne entgegen, die nicht den Lehm des Menschen anstrahlt und erwärmt, sondern den Geist, der ihn belebt.“

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Grad auch sein Wesen erfassen.

Die rationale Gotteserkenntnis ist Teil der natürlichen Ordnung der menschlichen Erkenntnis: sie stellt genau seinen „aufsteigenden“ Weg dar. Dieser Weg hat in gewissem Sinne seinen Anfang im Geist der Per­son. Die Person steigt in ihrer Erkenntnis von „unten“ und vom Äußeren auf, d. h. von der Grundlage der sichtbaren Geschöpfe. Sie steigt mit dem Gedanken „nach oben“, dem ersten Prinzip und dem letzten Ziel des Uni­versums entgegen und erreicht es durch die Analogie des Verstandes.

„Nicht nur die Welt (oder das Universum) ist die Grundlage für die rationale Gotteserkenntnis, sondern auch und vielleicht vor allem der Mensch in der Welt selbst, der Mensch in seiner Geschichtlichkeit, das heißt gleichzeitig in dem, was sie übersteigt.“11

Auf dem existentiellen Weg erfährt die menschliche Person ihre eigenen Grenzen und ihre Endlichkeit. Sie begegnet den Grundfragen: Was ist der Mensch? Was ist der Sinn von Gut und Böse, des Schmerzes und des To­des? Wieviel ist vergängliches Gut wert, und was kommt nach diesem Leben? (vgl. GS 10; NA 1).

In diesen unabwendbaren Fragen tritt beständig Gott, der wahre und einzige Gott, das Geheimnis, in dem alles seinen Anfang und Sinn hat, am Horizont der Person auf. Gott gibt sich der Person durch die innere Stim­me des Gewissens zu erkennen. Gott ruft in der Person eine innige und heilbringende Sehnsucht hervor. Die Person fühlt das Bedürfnis nach dem Absoluten. In ihrer Geschichtlichkeit wird sie dazu getrieben, ein Wesen zu suchen, das all das verwirklicht, was in ihr der Vergänglichkeit wider­steht; das heißt das letzte Transzendente ihrer Transzendenz. In der eige­nen komplexen Geographie weiß die Person, daß sie nicht die Wahrheit ist, sondern daß sie sie vielmehr tastend suchen muß. Indem sie mit der folgerichtigen Logik des Verstandes und mit aufrichtigem Herzen tief darüber nachdenkt, macht sie sich auf den Weg einer möglichen Begeg­nung mit Gott.

„Wenn auch die menschliche Vernunft, um es einfach zu sagen, durch ihre natürlichen Kräfte und ihr Licht tatsächlich zur wahren und sicheren

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11 Ders., in: Frossard A. dialogo, 72; ders., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, 58: „Die Antwort auf die Frage »An Deus sit?« (Existiert Gott?) ist nicht nur eine Angelegenheit des Verstandes; vielmehr handelt es sich um eine Frage, die gleichzeitig die gesamte menschliche Existenz angeht. Sie hängt von vielerlei Situationen ab, in denen der Mensch die Bedeutung und den Sinn der eigenen Existenz sucht. Die Frage nach der Existenz Gottes ist eng mit dem Ziel der menschlichen Existenz verbunden. Es ist nicht nur eine Frage des Verstandes, sondern auch eine Frage des menschlichen Willens; oder besser: eine Frage des menschlichen Herzens.“

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Erkenntnis des einen personalen Gottes, der die Welt durch seine Vorse­hung schützt und leitet, sowie des natürlichen Gesetzes, das vom Schöpfer in unser Herz gelegt wurde, gelangen kann, so hindert doch nicht weni­ges, daß dieselbe Vernunft diese ihre angeborene Fähigkeit wirksam und fruchtbar benütze. Was sich nämlich auf Gott erstreckt und die Beziehun­gen angeht, die zwischen dem Menschen und Gott bestehen, das sind Wahrheiten, die die Ordnung der sinnenhaften Dinge gänzlich überstei­gen; wenn sie auf die Lebensführung angewandt werden und diese gestal­ten, verlangen sie Selbstaufopferung und Selbstverleugnung. Der mensch­liche Verstand aber ist sowohl wegen des Antriebes der Sinne und der Einbildung als auch wegen der verkehrten Begierden, die aus der Ursün­de herrühren, beim Erwerb solcher Wahrheiten Schwierigkeiten unterwor­fen. So kommt es, daß die Menschen sich in solchen Dingen gerne ein­reden, es sei falsch oder wenigstens zweifelhaft, von dem sie selbst nicht wollen, daß es wahr sei.“12

Die Geschichte der theologischen Geographie der Menschheit zeigt, welche Grade die Menschen in der Gotteserkenntnis erreicht haben. Sie macht auch die Tatsache deutlich, daß die in Adam gefallenen mensch­lichen Personen nicht selten in der Erkenntnis des höchsten Wesens irrten. Wegen der vielfachen Vermischung von Wahrheit und Irrtum in dieser Erkenntnis waren viele von ihnen oftmals unsicher und voller Zweifel. Deshalb versteht man, daß die göttliche Offenbarung moralisch notwen­dig ist, damit, „»was im Bereich des Göttlichen der menschlichen Vernunft an sich nicht unzugänglich ist, auch in der gegenwärtigen Lage des Men­schengeschlechtes von allen leicht, mit sicherer Gewißheit und ohne Bei­mischung von Irrtum erkannt werden kann« (I. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über den katholischen Glauben, in: DzH 3005)“

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12 Pius XII., Humani generis, in: DzH 3875; vgl. Paul VI., Ansprache vorn 12. 1 .1972, 39f; Johannes Paul II., An­sprache vom 5. 9. 1993, 2, 644-645: „Aber warum – so könnte man sich vernünftigerweise fragen – sind dann gerade von zahlreichen Denkern die systematischsten und radikalsten Leugnungen Gottes vertreten worden? Auf diese verwirrende Frage besitzt die Kirche die Antwort: Wenn auch wahr bleibt, daß die Existenz Gottes mit der bloßen Vernunft erkannt werden kann, so ist diese doch in der heutigen Situation des Menschengeschlechtes, auf dem die Sünde lastet, durch eine große Schwäche gekennzeichnet (vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 37). Der Weg des Denkens vollzieht sich nicht als ein einsames Arbeiten des Gehirns, er ist vielmehr tief gebunden an den existentiellen Weg der Person.

Will man also, daß das Denken seine reifsten Früchte, zumal auf der Suche nach den metaphysischen Wahr­heiten, erntet, muß man eine Ethik des Denkens pflegen, die sich auf das Bemühen um logische Exaktheit beschränkt, sondern die Arbeit des Geistes in einem geistlichen Klima vollzieht, das reich ist an Demut, Aufrich­tigkeit, Mut, Ehrenhaftigkeit, Vertrauen, Aufmerksamkeit für die anderen und Offenheit für das Geheimnis. Diese umfassende Ethik »des Denkens« entbindet nicht von der Mühe der Forschung, sondern erleichtert sie vielmehr und trägt sie, und was die mit dem Geheimnis verbundenen Dinge betrifft, gibt sie ihm sogar die Ausrichtung, weil das Wahre und das Gute, die in Gott mit seinem Dasein zusammenfallen, innerlich verbunden sind“; vgl. ders., Ansprache vom 20. 3. 1985, 1, 675; ders., Ansprache vom 29. 11. 1978, 240.

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(DV 6).

Die natürliche Gotteserkenntnis ist die Grundlage für die natürliche Religiosität und den Theismus. Als Weltauffassung ist der Theismus das Ergebnis einer rationalen Überlegung oder einer bestimmten Art, das Universum zu begreifen.

Auch der Atheismus bleibt im Kreis eines gewissen Bezugs zum Got­tesbegriff. Der Atheismus hat nur dann Sinn, wenn man voraussetzt, daß er die Bedeutung des Begriffes „Theos“ und das heißt Gott, kennt. Wenn er die Existenz Gottes ablehnt, muß er wissen, wessen Existenz er ab­lehnt. Viele Formen des Atheismus sind durch das Fehlen einer ange­messenen Beziehung zum Gottesbegriff entstanden. Sie waren und sind also, oder können es zumindest sein, Leugnungen von irgend etwas und mehr noch von jemand anderem, der nicht mit dem wahren Gott über­einstimmt.

II. DIE SELBSTOFFENBARUNG GOTTES
UND DIE ERDE DER PERSONEN

1. Der Gott des Bundes

„In Wahrheit gibt es letztlich nur eine Berufung des Menschen, die göttliche“ (GS 22).

„Der Mensch als Person hat seine besondere Würde, weil er eine ewige Berufung hat.“13

Als Gott in seiner unendlichen Güte die menschliche Person erschuf, hat er sie auf ein übernatürliches Ziel hingeordnet. Das heißt, er hat sie zur Teilhabe an seinem inneren Leben und folglich auch an seinem grenzenlo­sen Glück bestimmt. Damit die Person dieses Ziel erkennen und erreichen kann, ist die göttliche Offenbarung absolut notwendig.

„Durch die göttliche Offenbarung wollte Gott sich selbst und die ewigen Entscheidungen seines Willens über das Heil der Menschen kundtun und mitteilen, »um ihnen Anteil zu geben am göttlichen Reichtum, der die Fassungs­kraft des menschlichen Geistes schlechthin übersteigt« (I. Vatikanisches Konzil,

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13 Johannes Paul II., Ansprache vom 17. 8. 1991, 2, 318.

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Dogmatische Konstitution über den Glauben, in: DzH 3005)“ (DV 6).

„Die Offenbarung ist zunächst die väterliche vertrauliche Mitteilung, die Gott dem Menschen über seine Geheimnisse, über die Geheimnisse seiner Natur und seines Lebens, seiner Vollkommenheiten, seiner Herr­lichkeit, seiner Werke und seiner Pläne schenkt.“14

Das Erste Ökumenische Vatikanische Konzil lehrt, daß es zwei Wege (Ordnungen) zur Gotteserkenntnis gibt. Der erste Weg ist die natürliche Erkenntnis. Der zweite Weg ist der Weg der übernatürlichen Erkenntnis, der in der göttlichen Offenbarung gründet. Es handelt sich um einen über­natürlichen Weg, weil er die Fähigkeit und die Kräfte der menschlichen Vernunft, ja jeder geschaffenen Person, vollkommen übersteigt. Gott wohnt „in unzugänglichem Licht“ (1 Tim 6,16). Durch die übernatürliche Offenbarung tut Gott das Geheimnis seiner selbst und die Ratschlüsse seines Willens kund, die der Erkenntnis der menschlichen Person und aller geschaffenen Personen vollkommen unzugänglich sind.

„Ein besonderer Wesenszug der Würde des Menschen liegt in seiner Berufung zur Gemeinschaft mit Gott“ (GS 19).

„Der Mensch ist das für den Bund geeignete Subjekt, weil er als »Abbild Gottes« geschaffen wurde und die Fähigkeit der Erkenntnis und der Frei­heit besitzt. Das christliche Denken hat in der »Gleichnishaftigkeit« des Men­schen mit Gott die Grundlage für dessen Berufung erblickt, teilzuhaben am inneren Leben Gottes: seine Offenheit für das Übernatürliche.“15

Der Mensch ist als Subjekt nicht nur dazu aufgerufen, die apersonale Welt nach seinen berechtigten Bedürfnissen umzugestalten, und er ist auch nicht nur zur Gemeinschaft der Personen, die der Ehe und der Ge­sellschaft eigen ist, berufen. Er ist vor allem zur persönlichen Gemein­schaft mit Gott berufen. Diese verwirklicht sich im Rahmen des Bundes, den Gott dem Menschen anbietet.

Der Bund ist eine völlig souveräne und freie Initiative Gottes in bezug auf die Person. Indem Gott die Person nach seinem Bild und Gleichnis erschuf, hat er es ihr ermöglicht, seine Heilsinitiative und somit das Ge­schenk seines Bundes anzunehmen; er hat es ihr ermöglicht, den Ruf zur

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14 Pius XII., Ansprache vom 5.5. 1943, in: Discorsi V, 54.

15 Johannes Paul II., Ansprache vom 23. 4. 1986, 1, 1113; vgl. ders., Ansprache vom 19. 2. 1988, 1, 384.

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Teilhabe an seinem göttlichen Leben zu vernehmen; er hat es ihr ermög­licht, die Erhebung in die übernatürliche Ordnung anzunehmen. Die Of­fenbarung begegnet so der transzendenten Fähigkeit des Geistes der Per­son, sich dem Wort Gottes zu öffnen.

„Der Gott des Bundes ist der Gott, der sich auf geheimnisvolle Weise an den Menschen »verschenkt«: der Gott der Offenbarung und der Gnade. Er gibt sich dem Menschen nicht nur zu erkennen, sondern er läßt ihn an seiner göttlichen Natur teilhaben (vgl. 2 Petr 1,4).“16

Der Gott des Bundes teilt sich durch die Offenbarung und die Gnade der Person (den Personen) mit. Die Offenbarung des Alten und noch mehr des Neuen Testamentes zeigt Gott, der den Menschen sucht: nämlich den Menschen, der ein kurzsichtiger Suchender ist und unfähig, in das Reich Gottes hinaufzusteigen. Gott möchte mit dem Menschen einen Bund schließen, weil er ihn liebt und erlösen will: „Ich bin euer Gott, und ihr seid mein Volk“ (Lev 26,12). In seinem unsagbaren Herabsteigen ernied­rigt sich Gott, geht entgegen, offenbart sich und teilt sich der Person (den Personen) mit. Und er tut dies, um sie zur Teilhabe an seiner Natur und an seinem inneren Leben zu erheben: um sie auf die Ebene des Bundes zu heben.

„Gott, das unendliche Gut, der die absolute Fülle der Wahrheit ist, »est diffusivum sui« (Er teilt sich selbst mit) (Summa theol. I, q. 5, a. 4, ad 2). Auch deswegen hat Gott sich geoffenbart: die Offenbarung ist das Höchste Gut selbst, das sich als Wahrheit mitteilt.

Dieser Gott, der sich selbst geoffenbart hat, will sich auf unaussprechli­che und unvergleichliche Weise mitteilen, ja hingeben! Das ist der Gott des Bundes und der Gnade.“17

Dank der göttlichen Offenbarung und der göttlichen Gnade wird die menschliche Person (die menschlichen Personen) zur Ordnung des überna­türlichen Bundes mit Gott erhoben. Nach Ablauf ihrer irdischen Existenz im Bund wird sie endgültig ihr übernatürliches Ziel im himmlischen Paradies erreichen: in der beseligenden Schau Gottes von Angesicht zu Angesicht und in der Gemeinschaft mit den Heiligen und den Engeln.

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16 Ders., Ansprache vom 25. 9. 1985, 2, 763-764; vgl. Paul VI., Ansprache vom 22. 12. 1971, 1111; ders., Ansprache vom 28.5. 1964, 355.

17 Ders., Ansprache vom 11. 9. 1985, 2, 650.

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2. Die Selbstoffenbarung Gottes

„Gott hat es in seiner Güte und Weisheit gefallen, sich selbst zu offenba­ren und das Geheimnis seines Willens kundzutun (vgl. Eph 1,9): durch das die Menschen durch Christus, das fleischgewordene Wort, im Heili­gen Geist Zugang zum Vater haben und der göttlichen Natur teilhaftig werden (vgl. Eph 2,18; 2 Petr 1,4)“ (DV 2).

„Wer ist Gott? Die Antwort auf diese Frage ist für das Leben des Men­schen zweifellos von erstrangiger und grundlegender Bedeutung. Die Antworten auf die Fragen: »Existiert Gott?« und: »Wer ist Gott?« sind im Überfluß in der von Christus verkündeten Frohbotschaft zu finden. »Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht« (Joh 1,18). Er hat uns Gott in seiner unendlichen Herrlichkeit offenbart. Ob­wohl er für uns Menschen stets ein Geheimnis bleiben wird, erlaubt uns dieser Gott – der Vater, der Sohn und der Heilige Geist – ihn beim Namen zu nennen. Bereits im Alten Bund wurde sein Name den Menschen offen­bart: Jahwe, »Der, der ist«.

In der Offenbarung des Evangeliums wird dieser Name Gottes, ohne seine ursprüngliche Identität zu verlieren, dem Menschen gewissermaßen auf noch einleuchtendere Weise verständlich gemacht: »Der, der ist«, ist Vater, Sohn und Heiliger Geist.“18

Am Fuße des Berges Horeb offenbart sich der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs dem Mose. Er beauftragt ihn, sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten zu befreien. Nachdem Mose diesen Auftrag erhalten hat, fragt er Gott nach seinem Namen. Und er bekommt zur Antwort: „Ich bin der, der ich bin“ (Jahwe). Dieser Name offenbart Gott als das „Sein“. In Anbetracht der Heilsgeschichte und der Heilsgeographie kann man sagen, daß Gott – Jahwe – sich vor allem als Gott des Bundes offenbart: „Ich bin der, der ich für euch bin“; ich bin hier als Gott, der sich nach dem Bund und dem

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18 Ders., Ansprache vom 9. 5. 1993, 1, 1153; vgl. ders., Ansprache vom 25. 9. 1985, 2, 762f; Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 51-52; Pius XII., Ansprache vom 5. 5. 1943, in: Discorsi V, 57-58: „Die Botschaft Christi, des Lehrers seines Volkes und aller Völker, erhebt auf unvergleichliche Weise den Geist über die rohen Gottes­begriffe des Heidentums, über das zwar sehr erhabene, aber unzulängliche Denken über die Gottheit, zu dem sich die Vernunft eines Sokrates, Platon, Aristoteles und Cicero erhebt, über die alte und heilige, aber unvoll­ständige Offenbarung, die Gott seinem auserwählten Volk gewährte, und enthüllt uns den lebendigen Gott nicht in einer kühlen Einsamkeit, sondern in der innigen Glückseligkeit seines Denkens und seiner fruchtbaren Liebe, irn Glanz seiner unaussprechlichen Dreifaltigkeit“; ders., Ansprache vom 12.5.1943, in: Discorsi V, 63: „Christus, der Sohn Gottes hat uns die Geheimnisse des himmlischen Vaters enthüllt, die er, die Weisheit Gottes, so kennt, wie einer, der vom Gipfel eines sehr hohen Berges die Ausdehnung der fernen Meere betrachtet, sie denen zeigt, die in der Tiefe des Tales leben und der Wahrheit seines Wortes glauben.“

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Heil sehnt, als Gott, der euch liebt und erlöst. Dieser Ansatz offenbart Gott als ein personales Wesen, das sich selbst den Personen offenbart und sie als solche behandelt. In der Offenbarung des Namens „Ich bin der, der ich bin“ (Jahwe) scheint sich vor allem die Wahrheit zu zeigen, daß Gott das personale Wesen ist, das die Menschen kennt, liebt und an sich zieht; daß er der Gott des Bundes ist und somit der Gott der Offenbarung und der Gnade.

Im Neuen Testament hat Jesus Christus die Sendung, die gesamte Menschheit aus der Sklaverei des Irrtums, des Bösen, der Sünde und des Todes herauszuführen. Er offenbart in unvergleichlicher Fülle das Ge­heimnis Gottes: Gott ist in seiner Gottheit (in seinem Wesen) ein einziger, und dieser Eine – der Einzige – ist auch Vater, Sohn und Heiliger Geist. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind die drei göttlichen Personen des einen Gottes. Sie sind unendlich Personen, und sie sind in der unendlich perso­nalen und beseligenden Gemeinschaft vereinigt.

Das Konzil betont den personalen Charakter der Offenbarung. Sie ist wesentlich eine Offenbarung von Personen: des Geheimnisses der drei göttlichen Personen, des Geheimnisses der Person Christi, des Geheim­nisses der menschlichen Person (der menschlichen Personen), die dazu berufen ist, in die Lebensgemeinschaft der drei göttlichen Personen ein­zutreten.

„In dieser Offenbarung redet der unsichtbare Gott (vgl. Kol 1,15; 2 Tim 1, 17) aus überströmender Liebe die Menschen wie Freunde an (vgl. Ex 33, 2; Joh 15,14-15) und verkehrt mit ihnen (vgl. Bar 3,38), um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen“ (DV 2).

Der Begriff „offenbaren“ bedeutet, den Schleier, die Bedeckung weg­nehmen und somit das zu entdecken, was verhüllt war, – das zu zeigen, was verborgen war, – das offenzulegen und öffentlich zu machen, was geheim war, – das sichtbar zu machen, was unsichtbar war. Indem der unsichtbare Gott die Welt erschuf, ist er in gewissem Sinne aus der eige­nen „Einsamkeit“ herausgetreten, um sich selbst mitzuteilen, um sich der Welt und vor allem den nach seinem Bild und Gleichnis geschaffenen Menschen zu erschließen (vgl. Gen 1,26). Durch die Offenbarung ist Gott zutiefst auf die menschliche Person hin (auf die Welt der menschlichen Personen) „offen“. Er offenbart sein eigenes Geheimnis und gleichzeitig das Geheimnis seines Willens: seinen Heilsplan in bezug auf die Per­son(en).

„Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; in dieser Endzeit aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn“ (Hebr 1,1-2). Die Offenbarung ist „locutio Dei“: das „Wort Gottes“, die „Sprache Gottes“, die „Ansprache Gottes“ usw.

Die Offenbarung ist nicht zwingend; sie ist nicht mit einem wissen­schaftlichen Beweis vergleichbar; sie ist vielmehr ein Angebot, das die Freiheit der menschlichen Person respektiert. Sie ist durch die unaus­sprechliche und transzendente Natur verhüllt, die dem göttlichen Denken eigen ist. Und sie ist auch durch die Art und Weise verhüllt, in der sie sich darbietet. Die Wahrheit, die göttliche Wirklichkeit, tut sich durch Zeichen kund. Es gibt verschiedene Arten der Selbstmitteilung Gottes an die Per­son, der er sich offenbart: die sinnliche, die imaginative, die intellektuelle Schau, die Erleuchtung usw. Das Wort ist eine höhere Kommunikations­form zwischen den Personen. Im Einklang mit dem Alten und Neuen Testament erhellt das Konzil die Analogie des Wortes als privilegierte Art der Offenbarung.

„Das wesentliche Wort der Offenbarung ist Gott in seiner göttlichen Wahrheit. »Offenbarung« heißt, Gott spricht zu den Menschen von sich selbst. Er teilt sich selbst in einer den Menschen verständlichen Weise mit, indem er sich ihren Erkenntnismöglichkeiten und Erkenntnisfähigkeiten anpaßt. Aber: er teilt sich selbst mit. Und er will, daß der Mensch ihn so annimmt, wie er ist, – daß er an ihn denkt als den, der – Gott – wirklich ist!“19

Die Offenbarung ist „Gott, der sich mitteilt“, „die heilbringende Selbst­mitteilung Gottes“. Indem Gott sich selbst offenbart, teilt er sich selbst der menschlichen Person (den Personen) mit. Die Offenbarung hat also Geschenk- und Gnadencharakter. Eine völlig ungeschuldete und freie Gabe, die man nur mit Liebe erklären kann.

Die Offenbarung eröffnet der Person „den Weg des übernatürlichen Heiles“ (DV 3); einen Weg, der mit einem „Geschenk an die Person, das Gott selbst ist“, verbunden ist. Indem Gott sich der menschlichen Person mitteilt, bietet er ihr das ewige Heil an.

„Wenn es sich um das Erkennen und Mitteilen unter den Personen han-

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19 Ders., Ansprache vom 17. 3. 1983, 1, 727; vgl. Paul VI., Ansprache vom 2. 6. 1969, 972f; Johannes Paul II., An­sprache vom 27. 3. 1985, 1, 840: „Der Inhalt der Offenbarung ist die heilbringende Selbstmitteilung Gottes“; ders., Ansprache vom 3. 5. 1992, 1, 1323-1324: „Was heißt Gnade? Gnade heißt: Gott teilt sich mit (…). Gott teilt sich auf vielerlei Weise mit.“ Es gibt folglich verschiedene Weisen der Selbstmitteilung Gottes. Die Selbstoffenbarung Gottes ist eine von ihnen.

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delt, hat der Atem eine natürliche Verbindung mit dem Wort. Wenn wir nämlich sprechen, gebrauchen wir unseren Atem, der den Klang der Wor­te vermittelt. Von dieser Tatsache getragen, setzt die Bibel gern Wort und Hauch (vgl. Jes 11,4) oder Wort und Geist nebeneinander. Dank dem Hauch verbreitet sich das Wort; vom Atem bekommt es Kraft und Dyna­mik. Psalm 33 wendet diese Parallele auf das Urgeschehen der Schöpfung an und sagt: »Durch das Wort des Herrn wurden die Himmel geschaffen, ihr ganzes Heer durch den Hauch seines Mundes« (Vers 6).“20

Die Dreieinigkeit der göttlichen Personen ist der Ursprung der trinitari­schen Ökonomie der Offenbarung. Nur im Neuen Testament wird explizit das Geheimnis der Heiligen Dreieinigkeit und damit die trinitarische Of­fenbarungsökonomie enthüllt. Die trinitarische Ökonomie aber ist in der ganzen Offenbarung gegenwärtig.

Das ewige Leben Gottes verwirklicht sich im Sprechen des Wortes, wel­ches das personale Wort des Vaters ist, und in der Hauchung des Heiligen Geistes, der die personale Liebe von Vater und Sohn ist. In der Offenba­rung handeln die drei göttlichen Personen gemeinsam, jede jedoch in der ihr eigenen Weise. Gott, der Vater, ist der Ursprung der Offenbarung. Er verwirklicht sie durch sein Wort (durch seinen Sohn) und durch seinen Hauch (durch den Heiligen Geist).

Indem Gott das Wort spricht, offenbart er das Geheimnis seiner selbst und das Geheimnis von allen Wirklichkeiten. Indem Gott das ewige Wort spricht und die ewige Liebe haucht, spricht er mit den Menschen wie mit Freunden und unterhält sich mit ihnen. Indem Gott das Wort (den Logos) spricht, eröffnet er damit den Heilsdialog mit den menschlichen Personen. Gott unterhält sich tatsächlich mit den Menschen, um sie zur Gemein­schaft mit ihm einzuladen und aufzunehmen. Jesus Christus ist der Höhe­punkt der göttlichen Offenbarung. In ihm werden die Menschen durch das Werk des Heiligen Geistes zu Adoptivkindern des Vaters. So treten sie in die Lebensgemeinschaft der drei göttlichen Personen ein.

Durch die Offenbarung wird Gott in bezug auf die Welt in gewisser Weise immanent. Er bewahrt jedoch seine ganze Transzendenz. Der sich offen­barende Gott ist allerdings auch weiterhin ein „verborgener Gott“ (Jes 45,15), ein geheimnisvoller und unbegreifbarer Gott. Durch die Offenba­rung „schließt“ sich Gott noch tiefer in seine Gottheit ein. Der offenbarte,

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20 Ders., Ansprache vom 3. 1. 1990, 1, 12-13; vgl. Paul VI., Ecclesiam suam, in: Encicliche 11, 1708f; Johannes Paul Ansprache vom 18. 12. 1988, 4,1886f.

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der menschgewordene Gott, und noch mehr der gekreuzigte Gott, bleibt nicht nur ein unbegreifbarer und unaussprechlicher Gott, sondern er wird noch unbegreifbarer und unaussprechlicher, insofern er sich als Gott einer unendlichen, unergründlichen Liebe erweist.

„Gott hat in seiner Güte und Weisheit beschlossen, sich selbst zu offen­baren“ (DV 2).

„»Aus der Ferne ist mir der Herr erschienen: Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt, darum habe ich dir so lange meine Barmherzigkeit bewahrt« (Jer 31,3). Die ganze großartige Geschichte der Offenbarung ist Liebe, ist Barmherzigkeit, ist Ausgießen der Liebe Gottes zu uns. Die Geschichte Christi ist in dem berühmten Wort des heiligen Paulus zusammengefaßt: »Ich lebe im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat« (Gal 2,20). Man muß es verstehen! Wir empfehlen dem aufmerksamen Geist eine weitere wunderbare Seite des Apostels: »Ihr sollt zusammen mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe (heute würden wir sagen die Dimensionen und hier sind es vier!) zu ermessen und die Liebe Christi zu verstehen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr mehr und mehr von der ganzen Fülle Gottes erfüllt« (Eph 3,18-19).“21

Die Offenbarung entspringt der Güte und Weisheit des Vaters, seiner ewigen Liebe. Sie verwirklicht sich durch das Wort, das Gott in seiner Liebe zu den Menschen spricht und am Ende selbst Mensch wird. Die Offenbarung erfüllt sich im Heiligen Geist, das heißt in der personalen Liebe des Vaters und des Sohnes. Der sich offenbarende Gott umarmt mit seiner grenzenlosen Liebe die Erde der Personen, er steigt sogar auf ge­heimnisvolle Weise in ihre Länge und Breite, in ihre Höhe und Tiefe her­ab. Das Herabsteigen des sich offenbarenden Gottes übersteigt das Wissen aller menschlichen Personen und Generationen von den Personen der Erde.

3. Die Ökonomie der Offenbarung und die Erde der Personen

Gott der Schöpfer und Gott der Erlöser sind immer ein und derselbe Gott, und so sind auch der Herr der Menschheitsgeschichte und der Herr

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21 Paul VI., Ansprache vom 2. 6. 1969, 973.

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der Heilsgeschichte identisch (vgl. GS 41).

„Wie ist dein Name? – fragte Mose eines Tages am Fuße des Berges Ho­reb. Mein Name ist: »Ich bin der, der ich bin« (Ex 3,14). Der Autor der Gehei­men Offenbarung wird sagen: »Der ist und der war und der kommt« (Offb 1,8). Dennoch ist Gott weder der Vergangenheit noch der Zukunft unter­worfen. Für uns, für die Geschöpfe, war er, ist er und kommt er. In sich selbst ist Er. Er steht außerhalb jedweder »Vergänglichkeit der Zeit«. Er ist die Existenz und die Ewigkeit.“22

„Neben der »Heilsgeschichte« gibt es auch eine »Heilsgeographie«.“23

Der Schöpfer ist außerhalb der geschaffenen Welt. Er ist jedoch auch in der geschaffenen Welt gegenwärtig. Seine Gegenwart durchdringt und erhält die Welt in ihrer Existenz. Gott ist in besonderer Weise in der Ge­schichte und Geographie der Menschheit gegenwärtig. Dies ist (wenn man so sagen kann) eine mehr „personale“ Gegenwart Gottes: seine Gegenwart durch die Gnade, deren Fülle die Menschheit in Jesus Christus erhalten hat (vgl. Joh 1,16-17).

Das Christentum ist keine Religion des „Absoluten schlechthin“, noch des „einsamen Absoluten“. Der Gott, an den wir glauben, ist ein lebendi­ger Gott und ein Gott der Geschichte. Er ist ein Gott, der in seinem bewun­dernswerten Herabsteigen sich der Erde der Personen annähert und sogar in ihre Geschichte und Geographie eintritt. Dieser Eintritt (das Kommen) Gottes bildet die „Heilsgeschichte“ und die „Heilsgeographie“.

„Die Heilsgeschichte ist die einzige Dimension der Geschichte des Men­schen, in der die Zukunft sich nicht von der Vergangenheit aufhalten läßt, sondern sie »absorbiert«, indem sie sie im Lauf der Zeit, die kommen wird, verpflichtet und sie zum Gegenstand der Zukunft macht. Durch den Auf­trag im Buch Genesis (»Macht euch die Erde untertan«), die Erwartung des Messias und die Heilshoffnung der Menschen konnte das Judenchristen­tum als erstes einer Geschichte Sinn verleihen, die im heidnischen Denken

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22 Johannes Paul II., Ansprache vom 21. 5. 1989, 1, 1320-1321.

23 Ders., Ansprache vom 21. 6. 1990, 1, 1664; vgl. Paul VI., Ansprache vom 25. 12. 1967, 659; Johannes Paul II., Ansprache vom 18. 9. 1985, 2, 690-691; Paul VI., vom Ansprache 13. 11. 1965, 619: „Gott offenbart sich, wirkt und ist gegenwärtig in der Heilsgeschichte“; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 31. 3. 1990, 1, 802: Unermüdlich ist der Weg Gottes in der Geschichte der Menschheit.

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überhaupt keinen Sinn hatte.“24

Die Selbstmitteilung Gottes schafft das innerste, transzendenteste und endgültige Gewebe der Geschichte und Geographie der Person und der Erde der Personen. Sie gibt dieser Geschichte und dieser Geographie ihren tiefsten und endgültigen Sinn. Indem die Person auf die Selbstmitteilung Gottes antwortet, verknüpft sie ihre Geschichte und Geographie mit der Geschichte und Geographie Gottes, des Erlösers.

Die Heilsgeschichte ist zuallererst eine Geschichte von Gott dem Erlö­ser und dann erst eine Heilsgeschichte der Person und der Erde der Perso­nen. Die Heilsgeschichte ist theologisch und anthropologisch, eschatolo­gisch und zeitlich. Die Heilsgeographie ist vor allem eine Geographie Gottes des Erlösers und dann erst eine Heilsgeographie der Person und der Erde der Personen. Die Heilsgeographie ist theologisch und anthro­pologisch, innerlich und äußerlich.

Die Geschichte und Geographie des antiken Heidentums waren der Sklaverei der Eitelkeit unterstellt. Die Geschichte und Geographie des Neu-Heidentums sind noch mehr der gleichen Sklaverei unterstellt, aber auf eine andere Art. In der Heilsgeschichte und Heilsgeographie befreit Gott die Person(en) von ihrer inneren Ausrichtung und ihrem inneren Weg zum Pol des Nichts: von der Sklaverei der Eitelkeit. So öffnet sich die Person für die absolute Zukunft des verheißenen Landes (für die Ewigkeit Gottes und in Gott) und läßt sich in diesem Land (im Reich des unendli­chen Gottes) nieder.

„Die Konzilskonstitution Dei Verbum weist darauf hin, daß diese Offen­barungsökonomie sich seit Beginn der Menschheitsgeschichte entfaltet. Sie »ereignet sich in Tat und Wort, die innerlich miteinander verknüpft sind: die Werke nämlich, die Gott im Verlauf der Heilsgeschichte wirkt, of­fenbaren und bekräftigen die Lehre und die durch die Worte bezeichneten Wirklichkeiten; die Worte verkündigen die Werke und lassen das Geheim­nis, das sie enthalten, ans Licht treten« (DV 2). (…) Zugleich vollzieht sich

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24 Johannes Paul II., in: Frossard A. dialogo 196-7; ders., Ansprache vom 18. 3. 1991, 1, 571; ders., Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, 86: „Wie Sie sehen, ist die Heilsgeschichte sehr einfach. Sie spielt sich innerhalb der irdischen Geschichte der Menschheit ab, angefangen beim ersten über die Offenbarung des zweiten Adams, Jesu Christi (vgl. 1 Kor 15,45), bis hin zur endgültigen Vollendung der Weltgeschichte in Gott, wenn Er «alles in allem« (1 Kor 15,28) sein wird.

Gleichzeitig nimmt diese Geschichte die Dimension des Lebens aller Menschen an. In gewissem Sinne ist sie gänzlich im Gleichnis vom verlorenen Sohn enthalten oder auch in den Worten Christi an die Ehebrecherin: »Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr« (Joh 8,11).“

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die ganze Offenbarungsökonomie als Heilsgeschichte, deren Entwicklung und Fortgang die Geschichte der Menschheit von Anbeginn durch­dringt.25

Indem Gott sich offenbart, handelt er in Worten und Taten auf der Erde der Personen. Die Offenbarung verwirklicht sich als „Heilsgeschichte“ und als „Heilsgeographie“. Sie vollzieht sich gemäß der „Ökonomie des Geheimnisses“ (vgl. Eph 3,9), das heißt gemäß dem Heilsplan Gottes und somit gemäß der von seiner ewigen Weisheit und Liebe festgesetzten Ord­nung und Weise.

Der Begriff „Tat“, den das Konzil gebraucht, hat eine personalere Prä­gung als „Ereignis“ oder „Tatsache“. Die „Tat“ ist vor allem eine Hand­lung der Person und demzufolge auch ein Werk, ein Ereignis, eine Tatsa­che. Die Taten (Werke) Gottes sind zum Beispiel der Auszug des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten, die Errichtung des Tempels in Jerusa­lem, die Wunder Christi, usw. Die Taten Gottes bezeugen und bestätigen die Lehre, die er offenbart. So bestätigt beispielsweise der Auszug Israels aus Ägypten, daß Gott mit Mose gesprochen hat und daß diese Unter­weisung eine offenbarte ist.

Die Handlungen des unendlichen und ewigen Gottes in der Heilsge­schichte und Heilsgeographie sind „Gottes große Taten“ (Apg 2,11: „ma­gnalia Dei“). Diese Werke sind reich an Herrlichkeit, Glanz und Geheim­nis, an übernatürlichen theologischen und anthropologischen Bedeutun­gen usw. Gott selbst klärt ihr Geheimnis und ihre Bedeutungen mit den Worten. So erklärt Gott beispielsweise durch Mose, die Propheten und Christus den tiefen theologischen und anthropologischen Sinn des Auszu­ges Israels aus der Sklaverei in Ägypten; Christus offenbart durch die Worte den Sinn seiner Handlungen und seiner Werke.

„Man kann sagen, daß diese Offenbarungsökonomie eine besondere »göttliche Pädagogik« in sich schließt. Gott teilt sich dem Menschen schritt­weise mit, indem er ihn nach und nach in seine übernatürliche »Selbstoffen­barung« einführt, bis zu dem Gipfel, der Jesus Christus ist.“26

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25 Johannes Paul II., Ansprache vom 3. 4. 1985, 1, 901; ders., in: Frossard A. dialoga, 70-71: „Die ganze Offenbarung ist geschichtlich, insofern sie sich auf die »Geschichtlichkeit« als Existenzweise des Menschen in dieser Welt bezieht. Sie verkündet »Gottes Großtaten«, das heißt die Wirkungen seines transzendenten Wirkens beziehungs­weise seiner Gabe an den Menschen. Diese Werke erscheinen in der Geschichte im allgemeinen in der konkreten Form der Heilsgeschichte.“

26 Ders., Ansprache vom 3. 4. 1985, 1, 902; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 53.

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Die Offenbarung besitzt eine innere Struktur und hat in der Geschichte und Geographie der Menschheit auch eine Entwicklung durchgemacht. Der geheimnisvolle und absteigende Weg des offenbarenden Gottes voll­zieht sich etappenweise. Diesen Etappen entsprechen jene des ansteigen­den Weges der Personen. Gott offenbart sich Adam im irdischen Paradies stufenweise. Nach dem Fall Adams offenbart er sich etappenweise den Menschen. Diese Etappen sind auf die höchste Offenbarung Gottes in Jesus Christus gerichtet und bereiten diese vor.

„Die tiefe Wahrheit über Gott und das Heil des Menschen“ (DV 2) sind die hauptsächlichen Gegenstände der Offenbarung.

„Gott und der Mensch ist der hauptsächliche und zentrale Inhalt der Offenbarung. „27

In seiner Selbstoffenbarung enthüllt Gott dem Menschen (der menschlichen Person) das Geheimnis des Menschen (der menschlichen Person). Die Offenbarung des Geheimnisses von Gott und die Offenba­rung des Geheimnisses vom Menschen (von der Erde der Personen) schreiten in der Offenbarungsgeschichte und der Offenbarungsgeogra­phie, und damit auch in der Heilsgeschichte und Heilsgeographie, zu­gleich voran.

4. Die Antwort der Person auf den sich offenbarenden Gott

„Dem offenbarenden Gott ist der »Gehorsam des Glaubens« (Röm 16,26; vgl. Röm 1,5; 2 Kor 10,5-6) zu leisten. Darin überantwortet sich der Mensch Gott als ganzer in Freiheit, indem er sich »dem offenbarenden Gott mit Verstand und Willen voll unterwirft« (I. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über den Glauben, in: DzH 3008) und seiner Offenbarung willig zustimmt“ (DV 5).

„Wenn es zutrifft, daß der Glaube darin besteht, als wahr anzunehmen, was Gott geoffenbart hat, so hat das Zweite Vatikanische Konzil in pas-

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27 Paul VI., Ansprache vom 9. 3. 1969, 1256; Johannes Paul II., Ansprache vom 6. 6. 1990, 1, 1532: „Die Erkenntnis des wahren Gottes ist der Grund und der Zweck der ganzen Offenbarungs- und Heilsgeschichte“; ders., Ansprache vom 14. 6. 1992, 1, 1817: „»Die Großtaten Gottes« (Apg 2,11) — seine Selbstoffenbarung im unaus­sprechlichen Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit — sprechen zugleich auch vom Menschen; denn der Mensch ist ein Subjekt, dem Gott sein Geheimnis anvertrauen wollte.“

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sender Weise hervorgehoben, daß der Glaube eine Antwort des ganzen Menschen ist, und dessen existentielle und personale Dimension unter­strichen. Denn wenn Gott »sich selbst offenbart« und dem Menschen das heilbringende »Geheimnis seines Willens« kundtut, ist es recht, dem sich offenbarenden Gott einen »Gehorsam des Glaubens« zu leisten, durch den sich der ganze Mensch aus freien Stücken Gott überläßt, indem er sich ihm »mit Verstand und Willen voll unterwirft« (I. Vatikanum) und »seiner Of­fenbarung willig zustimmt« (DV 5).“28

Die angemessene Antwort der Person auf den sich offenbarenden Gott ist der Glaube. Der Glaube läßt die Person in eine zutiefst personale Bezie­hung mit Gott eintreten. „Der Gehorsam des Glaubens“ erreicht die perso­nale Struktur der Person, ihre ganze geistige Dynamik. Die Person ant­wortet auf die Selbstoffenbarung und die Selbsthingabe Gottes mit Hinga­be, mit großem Vertrauen, das heißt mit einer Selbsthingabe an ihn. Der Glaube schließt die Zustimmung der Vernunft und des Willens der Person zur Selbstoffenbarung Gottes ein, die er durch seine Worte und Taten macht.

Die Offenbarung – und somit auch der Glaube – „übersteigt“ die menschliche Person, weil sie ihr übernatürliche Perspektiven eröffnet. Aber in diesen Perspektiven liegt die tiefste Erfüllung der in ihrer geistigen Natur verwurzelten Bestrebungen und Wünsche: die Wahrheit, das Gute, die Liebe, die Freude, der Friede. Der heilige Augustinus hat diese Reali­tät in einem berühmten Satz ausgedrückt: „Unruhig ist unser Herz, bis es

Ruhe findet in Dir“ (Confessiones 1,1).

..Dieser Glaube kann nicht vollzogen werden ohne die zuvorkommende und helfende Gnade Gottes und ohne den inneren Beistand des Heiligen Geistes, der das Herz bewegt und es Gott zuwendet, die Augen des Verstandes öffnet und »es jedem leicht macht, der Wahrheit zuzustimmen und zu glauben« (II. Konzil von Oranges, Can. 7, in: DzH 377)“ (DV 5).

„Die Antwort auf die Selbstoffenbarung Gottes und insbesondere auf die endgültige Selbstoffenbarung in Jesus Christus bildet sich innerlich unter dem erleuchtenden Beistand Gottes selbst, der in der Tiefe auf die geistigen Fähigkeiten des Menschen und in gewisser Weise auf die Gesamtheit sei­ner Kräfte und Anlagen einwirkt. Dieser göttliche Beistand heißt Gnade,

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28 Ders., Ansprache vom 27.3.1985, 1, 840; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 142-143; Frossard A., dialogo, 77.

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insbesondere: die Gnade des Glaubens.“29

Die zitierte Stelle aus dem Konzilstext spiegelt die Lehre Jesu wider, der sagte: „Niemand kann zu mir kommen, wenn ihn nicht der Vater, der mich gesandt hat, zieht“ (Joh 6,44). Die Gnade des Glaubens ist gerade „die­ses Ziehen“, das Gott im inneren Wesen des Menschen und indirekt in der ganzen menschlichen Subjektivität bewirkt. Durch die Anregung des Heiligen Geistes kann die Person in der Hingabe ihrer selbst vollständig auf die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus antworten. Der Heilige Geist erhebt die Person in die übernatürliche Ordnung. Die Gnade kommt dem Akt des Glaubens zuvor, erweckt, trägt und leitet ihn: ihre Frucht ist, daß die Person vor allem fähig wird, „Gott zu glauben“ und auch tatsächlich an ihn glaubt.

Der Akt des Glaubens ist eine unvergleichliche Frucht der Gnade. Der Glaube ist, als eine von Gott eingegossene übernatürliche Tugend (eine theologische Tugend), eine beständige Veranlagung der Seele, das heißt ein Habitus oder eine dauerhafte innere Haltung. Dies verlangt deshalb, daß der Gläubige sie beständig pflegt, indem er aktiv und bewußt mit der Gnade, die Gott ihm anbietet, zusammenwirkt.

Der Glaube ist der Gehorsam der Vernunft und des Willens gegenüber dem sich offenbarenden Gott. Dieser Gehorsam besteht zunächst in der Annahme dessen, was Gott „als Wahrheit“ offenbart. Der Akt des Glaubens ist die Frucht der Gnade und gleichzeitig ein bewußter und freier (freiwil­liger) Akt des menschlichen Subjektes. Der Beweggrund zu glauben besteht nicht in der Tatsache, daß die offenbarten Wahrheiten im Licht der natür­lichen Vernunft der Person als wahr und verständlich erscheinen. Der Beweggrund ist vielmehr die Autorität des sich offenbarenden Gottes selbst, der weder sich selbst noch andere täuschen kann.

Damit der Glaubensgehorsam vernünftig ist, wollte Gott, daß bei seiner Offenbarung die inneren Hilfen des Heiligen Geistes von äußeren Bewei­sen begleitet werden. Diese Beweise sind in erster Linie die Wunder und die Prophetien. Diese Beweise, die ganz eindeutig die Allmacht und das unendliche Wissen Gottes bezeugen, sind die Gründe der Glaubwürdig­keit. Diese Beweise zeigen, daß die Zustimmung zum Glauben keinesfalls eine blinde Bewegung des menschlichen Geistes der Person ist. Der Glau­be ist sicher, und zwar mehr als jede andere menschliche Erkenntnis, da er

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29 Johannes Paul II., Ansprache vom 10.4.1985, 1, 955; vgl. ders., Ansprache vom 17.4.1985, 1, 1058f; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 153f.

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auf dem Wort Gottes gründet.

„Der Glaube ist das Fundament für den Bund Gottes mit dem Men­schen: diejenigen, die das Wort Gottes im Glauben aufnehmen, treten in den Bund mit ihm ein.“30

Durch die zuvorkommende und mitwirkende Gnade entsteht eine über­natürliche „Gemeinschaft“ zwischen Gott und der menschlichen Person, die die lebendige und tragende Struktur des Glaubens ist. Durch den Akt des Glaubens nimmt der Mensch Gott, der sich ihm schenkt, auf und ant­wortet mit der Hingabe der eigenen Person an Gott. Auf diese Weise tritt die Person in den Bund mit Gott ein. Es ändert sich also ihre frühere Grundoption. Im Glauben glaubt die Person Gott und nimmt an seinem ewigen Leben teil, und durch die Liebe tritt sie mit ihm in eine freund­schaftliche Beziehung. Der Glaube findet seine Vollendung in der geleb­ten Liebe. In der Liebe gewinnt die vertrauensvolle Hingabe der Person an Gott ihren wahren Charakter und jene gegenseitige Dimension der Hinga­be, deren Anfang der Glaube ist.

„Ohne Glauben aber ist es unmöglich, Gott zu gefallen“ (Hebr 11,6). Ohne den Glauben kann die Person nicht gerechtfertigt werden, und sie kann nicht einmal das ewige Heil erlangen. Der Glaube ist der Anfang des ewigen Heiles der Person. Mit dem Glauben beginnt eine neue Existenz­weise der gesamten Person in Beziehung zu Gott und deshalb auch eine neue Erkenntnis- und Handlungsweise. „Mein Gerechter aber wird durch den Glauben leben“ (Hebr 10,38). Durch den Glauben erfaßt und verwirk­licht der Mensch seine göttliche Berufung, jenen ewigen Plan, den Gott der Schöpfer und Erlöser von ihm hat.

„Dieser Geist vervollkommnet den Glauben ständig durch seine Ga­ben, um das Verständnis der Offenbarung mehr und mehr zu vertiefen“ (DV 5).

Die Gnade des Glaubens ist „die Quelle der übernatürlichen Erleuch­tung, die »die Augen des Verstandes öffnet« (DV 5): Demzufolge umfaßt die Gnade des Glaubens besonders die Erkenntnisebene des Menschen und konzentriert sich auf sie. Daraus folgt die Zustimmung zu allen Inhalten der Offenbarung, in denen sich die Geheimnisse Gottes und die Elemente

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30 Johannes Paul II., Ansprache vom 19.2.1989, 1, 384; vgl. ders., Ansprache vom 27.3.1985, 1, 839; Paul VI., Ansprache vom 11.10.1972, 1042: „Das Neue Testament gründet nicht weniger als das Alte auf dem Glauben.“

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seines Heilsplanes in bezug auf den Menschen enthüllen. Doch die Er­kenntnisfähigkeit des Menschen strebt zugleich unter dem Einfluß der Gnade des Glaubens nach einem immer tieferen Verständnis der geoffenbar­ten Inhalte und, ausgestreckt wie sie ist, nach der ganzen Wahrheit, die Christus verheißen hat (Joh 16,13), nach dem »ewigen Leben«. Und in die­sem wachsenden Bemühen um Verständnis findet sie Unterstützung in den Gaben des Heiligen Geistes, insbesondere in denjenigen, die die über­natürliche Erkenntnis des Glaubens vervollkommnen: Weisheit, Einsicht, Erkenntnis …

Die Ursprünglichkeit des Glaubens erweist sich als übernatürliches Leben, durch das die »Selbstoffenbarung« Gottes im menschlichen Ver­stand Wurzel faßt, indem sie zur übernatürlichen Quelle des Lichtes wird, durch das der Mensch zwar nach menschlichem Maß, aber auf einer Ebene der göttlichen Gemeinschaft, an der Erkenntnis teilhat, mit der Gott von Ewigkeit her sich selbst und jede andere Wirklichkeit in sich selbst er­kennt. „31

Neben und jenseits des Weges der natürlichen Gotteserkenntnis gibt es einen zweiten Weg: den Weg des „Glaubens“, der seinen Anfang ausschließ­lich in Gott hat. Der Weg des Glaubens ist „absteigend“: Im Glauben nimmt die menschliche Person das Wort Gottes auf. Im Glauben lebt die Person vom Wort Gottes. Im Glauben lebend, schreitet die Person in der Erkenntnis der göttlichen Offenbarung voran.

Die Initiative des Gottes des Bundes bestimmt die Heilsgeschichte und Heilsgeographie durch zahlreiche Ereignisse. Die Kirche bekennt in der Liturgie: „Immer wieder hast du den Menschen deinen Bund angeboten. „32

Der Glaube ist korrelativ zur Offenbarung. Den Etappen der Offenba­rung entsprechen die Etappen des Glaubens, des „Credo“ der Menschen. Durch die endgültige Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus ist der Glaube in die endgültige Phase eingetreten.

„Glauben im christlichen Sinn heißt die endgültige Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus aufnehmen und sie mit der »Hingabe an Gott« zu beantworten, deren Fundament, lebendiges Beispiel und Heilsmittler

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31 Johannes Paul II., Ansprache vom 10. 4. 1985, 1, 956-957.

32 Missale Romanum, Viertes Eucharistisches Hochgebet.

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Christus selbst ist.

Ein solcher Glaube schließt daher die Zustimmung zur gesamten »christ­lichen Heilsökonomie« als neuem und endgültigem Bund, der »nie vergehen wird«, ein. Wie das Konzil sagt: »Es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus in Herrlichkeit (vgl. 1 Tim 6,14; Tit 2,13)« (DV 4).“33

 

III. DIE ETAPPEN DER OFFENBARUNG

1. Die ursprüngliche Offenbarung

„Da Gott aber den Weg des übernatürlichen Heiles eröffnen wollte, hat er sich am Anfang den Stammeltern kundgetan“ (DV 3).

„Im Licht der Bibel erscheint der Stand des Menschen vor dem Sünden­fall als ursprünglicher Stand der Vollkommenheit, der in gewisser Weise im Bild vom »Paradies« zum Ausdruck kommt, das uns das Buch Genesis bietet.“34

Gott, die unendliche Glückseligkeit, hat den Menschen geschaffen, um ihn an seiner Glückseligkeit teilhaben zu lassen, zunächst im irdischen Paradies und dann für alle Ewigkeit im himmlischen Paradies. Der Stand der mensch­lichen Person im irdischen Paradies ist jener des ursprünglichen Bundes. Der Gott des Bundes gibt durch seine Initiative der Geschichte und Geographie der Person von Anfang an den Ausblick auf das Heil. Das Heil ist die ewige Lebensgemeinschaft der Person mit Gott, deren Symbol der „Baum des Le­bens“ (vgl. Gen 2,9) war. In die übernatürliche Ordnung der Gnade erhoben, hatte die Person an der Natur und dem Leben Gottes teil. Der sündenlose Adam „war ein Adoptivkind Gottes“ (vgl. Lk 3,38).

Im „ursprünglichen Gnadenstand“ war Adam eine „geistige Person“ (der „geistige Mensch“): er war eine übernatürliche und natürliche, himm-

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33 Ders., Ansprache vom 3.4. 1985, 1, 902; ders., Ansprache vom 24. 7. 1985, 2,159-160: „“Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus« (Röm 15,6) erweist sich vor unserem Glauben als personaler Gott, als unerforschliches göttliches »Ich« gegenüber unserem menschlichen »Ich«, gegenüber einem jeden von uns und gegenüber allen. Er ist in der Tiefe seines Geheimnisses gewiß ein unerforschliches »Ich«, aber er hat sich uns in der Offenbarung »eröffnet«, so daß wir uns an ihn als allerheiligstes göttliches »Du« wenden können.“

34 Ders., Ansprache vom 3. 9. 1986, 2, 526; vgl. ders., Ansprache vom 2. 9. 1979, 2, 218-219; ders., Ansprache vom 30. 1. 1980, 1, 218f; ders., Ansprache vom 14. 5. 1980, 1, 1367-1368; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 374f.

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lische und irdische Person. Die göttliche Gnade durchdrang in hohem Maße die innere und die äußere Person. Die Person besaß die präterna­turalen Gaben: die Freiheit von Tod und von Schmerz, die Rechtschaffen­heit, eine vollkommene Harmonie ihrer Fähigkeiten usw.

Im Zustand der „ursprünglichen Gerechtigkeit“ befand sich die innere Person in vollkommener Harmonie und Freundschaft mit Gott, mit der äußeren Person und mit dem Himmelreich. Die Gott ergebene innere Per­son stand vollkommen über der äußeren Person, über der sichtbaren Erde und der sichtbaren Welt. Die äußere Person war in vollkommener Übereinstimmung mit der inneren Person und mit der äußeren Welt. Es herrschte eine vollkommene Harmonie und Freundschaft zwischen Mann und Frau.

„Der Mensch (…) kann sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden“ (GS 24). Indem Adam die Selbstmit­teilung Gottes aufnahm, empfing er von ihm auch sich selbst als Ge­schenk und schenkte sich seinerseits Gott hin. Er empfing darüber hinaus von ihm auch die ganze Schöpfung, und insbesondere die andere Person, als Geschenk: Eva. Adam und Eva, das erste Ehepaar und auch der erste Kern der menschlichen Gesellschaft, lebten im irdischen Paradies in einer vollkommenen, personalen Gemeinschaft. Obwohl sie nackt waren, schämten sich Mann und Frau nicht voreinander (vgl. Gen 2,25), weil sie frei von aller Begehrlichkeit waren.

In Adam waren die übernatürliche und natürliche Erkenntnis voll­kommen vereinigt. Gott teilte sich Adam im Heiligen Geist durch sein Wort in sehr hohem Maß mit und offenbarte sich ihm. Adam war ganz in den ewigen Gott eingetaucht, und das solare, polare und globale gött­liche Licht durchdrang seine natürliche Erkenntnis. Adam erfreute sich einer sehr hohen und symphonischen Gesamtsicht aller Wirklichkeiten.

Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse im irdischen Paradies (vgl. Gen 2,17) „erinnert symbolisch an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf anerkennen und respektieren muß. Der Mensch hängt von seinem Schöpfer ab und ist seinen Gesetzen unterworfen, auf denen der Schöpfer die Ordnung der von ihm geschaffenen Welt errichtet hat, die wesentliche Ordnung der Existenz (ordo rerum: die Ordnung der Wirklichkeiten); und demzufolge auch die moralischen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln.“35

Der Gott des Bundes ist Gesetzgeber. Er fügt tatsächlich sein Gesetz in den Zusammenhang des Bundes mit dem Menschen ein, indem er es zur Hauptbedingung dieses Bundes macht. Der Gott des Bundes offenbarte sich Adam auch als Quelle des Guten und somit der Unterscheidung von Gut und Böse in moralischem Sinne. Er offenbarte sich als Quelle des Sit­tengesetzes.

In Adam herrschte eine vollkommene Ordnung der übernatürlichen und natürlichen, der theologischen (theozentrischen) und anthropologi­schen (anthropozentrischen) Längengrade (die „Linien“ der Existenz) und der übernatürlichen und natürlichen, der theologischen (theozen­trischen) und anthropologischen (anthropozentrischen) Breitengrade (die „Linien“ des Wesens). Adam handelte in Übereinstimmung zum Sitten­gesetz und lebte deshalb in Einklang mit der Quelle der Ordnung (mit Gott), und gleichzeitig mit sich selbst und mit der Ordnung der geschaf­fenen Wirklichkeiten, insbesondere mit der anderen Person. Er schritt auf sehr vollkommene Weise in der Heilsgeschichte und Heilsgeographie fort. Deshalb wurden das Glück und die Schönheit seines Seins größer ­und somit auch der Glanz der Ordnung seiner übernatürlichen und na­türlichen Breiten- und Längengrade.

Die Erzählung vom Sündenfall (vgl. Gen 3) benutzt zwar eine bildhafte Sprache, aber sie stellt eine Tatsache dar, die am Beginn der Heilsgeschichte und Heilsgeographie geschehen ist. „Obwohl in Gerechtigkeit von Gott be­gründet, hat der Mensch unter dem Einfluß des Bösen gleich von Anfang der Geschichte an durch Auflehnung gegen Gott und den Willen, sein Ziel außerhalb Gottes zu erreichen, seine Freiheit mißbraucht“ (GS 13).

„Gott hatte zwar den Menschen »aus Erde vom Ackerboden geformt«, doch in seinen Schöpferplänen hatte er auch »in seine Nase den Lebens­atem« geblasen (vgl. Gen 2,7), damit die materielle und irdische Dimen­sion des menschlichen Seins durch den »Hauch« jenes geistigen Lebens beseelt und geleitet werde, das die menschliche Person »zum Bild und Gleichnis Gottes« macht (vgl. Gen 1,26-27).

Durch die Sünde hat sich diese göttliche »Ikone« gleichsam verdunkelt, und der Mensch verlor jene »Gerechtigkeit« und Unsterblichkeit, die er im

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35 Johannes Paul II., Ansprache vom 3.9.1986, 2, 527; vgl. ders., Dominum et vivificantem, Nr. 36; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 396f.

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Garten von Eden besessen hatte, und setzte den »irdischen« Aspekt seines Seins an die erste Stelle – den Paulus das »Fleisch« nennen sollte – im Ge­gensatz zu dem geistigen Aspekt. Der Mensch wurde »Erde«, das heißt eine gebrechliche, vergängliche und sterbliche Wirklichkeit. Sein Durst nach dem Unendlichen, nach einem bleibenden und dauerhaften Leben wurde zunichte gemacht. Der Geist wurde Sklave der niederen Kräfte. Der »Mensch der Begehrlichkeit« wurde geboren.“36

Das „Nicht-an-Gott-Glauben“ ist in gewissem Sinne die erste und fun­damentale Form der Sünde, die die menschliche Person gegen den Gott des Bundes begeht. Die Sünde Adams war der „Ungehorsam“ (vgl. Röm 5,19). Adam stellte sich mit seinem Willen gegen den Willen Gottes. Die­ser ursprüngliche Ungehorsam setzt die Ablehnung (den Widerspruch) oder zumindest die Entfernung von der im Wort Gottes des Schöpfers enthaltenen Wahrheit voraus. Adam glaubte Gott nicht. Durch die Zu­rückweisung des Wortes Gottes nahm Adam das Anti-Wort (die Lüge) des „Vaters der Lüge“ (vgl. Joh 8,44) auf, das heißt des Sterns des höl­lischen Abgrundes. Durch seinen Ungehorsam handelte er dem Sittenge­setz zuwider und verletzte den Bund mit Gott.

Der Bruch des Bundes der Person mit Gott brachte andere Brüche mit sich: einen Bruch (und Unausgeglichenheit[en]) zwischen der inneren und äußeren Person, einen Bruch zwischen den Personen (einen Bruch zwischen Mann und Frau) und einen Bruch zwischen der Person und der apersonalen Schöpfung. Indem sich Adam als innere Person rein aus ei­gener Kraft auf die Höhe Gottes erheben (vgl. Gen 3,5: „wie Gott“ sein) wollte, wandte er Gott den Rücken zu und verdrehte sich völlig. Er als innere Person fiel unter die Ebene seiner selbst als äußere Person hinab, sowie unter die Ebene der sichtbaren Erde und der sichtbaren Welt.

„Alle stehen unter der Herrschaft der Sünde“ (Röm 3,9).

„Als der Mensch dem Versucher nachgegeben hat, begeht er eine persön-

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36 Johannes Paul II., Ansprache vom 20. 2. 1985, 1, 528-529; vgl. Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 385f; Johannes Paul II., Dominum et vivcantem, Nr. 33f; ders., Ansprache vom 9. 6. 1987, 2, 2060: „Der Mensch muß auch im Namen der Wahrheit über sich selbst einer zweifachen Versuchung widerstehen: der Versuchung, die Wahrheit über sich selbst der eigenen Freiheit zu unterwerfen, und der Versuchung, sich zum Knecht der Welt der Dinge zu machen. Er muß sowohl der Versuchung der Selbstvergöttlichung als auch der Versuchung der Selbsterniedrigung widerstehen.“

Augustinus, Enarratio in psalmum 68,10, in: PL 36, 759: „»Viele trachten mir ohne Grund nach dem Leben, aber sie müssen hinabfahren in die Tiefen der Erde« (Ps 63,10). Jeder Mensch, der gegen sein Heil nach den irdischen Dingen verlangt, ist unter der Erde. Wenn er der Erde den Vorzug gibt, hat er die Erde über sich selbst und sich selbst unter die Erde gebracht.“

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liche Sünde und führt die menschliche Natur in den Stand der Ursünde.“37

Mit dem Verlust des ursprünglichen Gnadenstandes brachte Adam in sich selbst und in die Welt den übernatürlichen und natürlichen Tod. Da Adam sich von einer „geistigen Person“ in eine „animalische Person“ (irdische und unterirdische Person) verwandelte, war er keine übernatür­liche Person mehr; er verlor die präternaturalen Gaben und war nur noch eine natürliche Person – aber eine verwundete, natürliche Person. Die animalische Person („die fleischliche Person“) steht unter dem Einfluß der dreifachen Begehrlichkeit (vgl. 1 Joh 2,16) und gibt sich ihr sehr leicht hin. Die animalische Person ist Sklavin der Sünde, des Todes und des Polarsterns des höllischen Abgrundes.

Indem Adam und Eva den Bund mit Gott brachen, stellten sie innerlich sich selbst und die gesamte Menschheit auf den Kopf. Sie verloren für sich selbst und ihre Nachkommenschaft die heiligmachende Gnade und die präternaturalen Gaben. Und sie verloren die ursprüngliche Offenba­rung. Sie schufen einen neuen Zustand: jenen der Erbsünde, das heißt den Zustand der gefallenen menschlichen Natur. Jede menschliche Per­son wird in diesem Zustand geboren und ist deshalb ohne die ursprüng­liche heiligmachende Gnade.

Mit der Sünde der Stammeltern trat in die Erde der Personen die „ge­heime Macht der Gesetzwidrigkeit“ (2 Thess 2,7) ein. Jede Sünde des Menschen richtet sich „gegen“ Gott und gleichzeitig „gegen“ den Men­schen (die Menschheit). Die vertikale und horizontale Dimension bilden zusammen das Kreuz der Sünde: das negative Kreuz. Adam und Eva brachten in die Geschichte und Geographie der Erde der Personen die Herrschaft des negativen Kreuzes und damit die Herrschaft des Bösen und der Mächte der Finsternis. Das negative Kreuz beherrscht die untere Hemisphäre der Erde der Personen, die nach dem Fall Adams sich zu bilden begann. Und mit dem negativen Kreuz begann das Leiden in der menschlichen Person und in der Welt der menschlichen Personen zu wachsen.

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37 Johannes Paul II., Ansprache vom 10. 9. 1986, 2, 587; vgl. ders., Ansprache vom 17. 9. 1986, 2, 628f; ders., Ansprache vom 24. 9. 1986, 2, 701f; Pius XII., Ansprache vom 22. 12. 1957, in: Discorsi XIX, 677; Paul VI., Ansprache vom 11. 7. 1966, 361f; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 401: „Die Schrift und die Überliefe­rung der Kirche erinnern immer wieder daran, daß es Sünde gibt und daß sie in der Geschichte des Menschen allgemein verbreitet ist“; vgl. Pius XII., Ansprache vom 23. 6. 1952, in: Discorsi XIV, 228: Die Begehrlichkeit der Augen neigt die Person den irdischen Gütern zu; die des Fleisches führt sie zu den fleischlichen Vergnügungen, und der Hochmut des Lebens (die Begehrlichkeit des Geistes) weckt das Verlangen nach Unabhängigkeit von Gott.

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2. Der Bund mit Noach

„Nach ihrem Fall hat er sie wieder aufgerichtet in der Hoffnung auf das Heil, indem er die Erlösung versprach (vgl. Gen 3,15). Ohne Unterlaß hat er für das Menschengeschlecht gesorgt, um allen das ewige Leben zu geben, die das Heil suchen durch Ausdauer im guten Handeln (vgl. Röm 2,6-7)“ (DV 3).

„Als durch die Sünde die Einheit des Menschengeschlechtes zerbro­chen war, suchte Gott die Menschheit zunächst auf dem Weg über jedes einzelne Bruchstück zu retten. Im Bund, den er nach der Sintflut mit No­ach schloß (vgl. Gen 9,9), äußert sich die göttliche Heilsökonomie gegen­über den »Völkern«, das heißt gegenüber den Menschen, die »in ihren verschiedenen Ländern (…), jedes nach seiner Sprache und seinen Sippen­verbänden« (Gen 10,5) geordnet sind (Gen 10,20-31). (…) Der Bund Gottes mit Noach bleibt so lange in Kraft, wie die Zeit der Völker dauert (vgl. Lk 21,24), bis zur Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt.“38

Im sogenannten „Proto-Evangelium“ (vgl. Gen 3,15) verheißt Gott nach dem Fall Adams das Kommen des Messias als Erlöser der Welt, als Sieger über Tod, Sünde und Satan, wobei er ihn als „Sproß“ ankündigt, das heißt als Sohn der Frau. Das schöpferische und positive Wirken Gottes, die Auflehnung des Menschen und die Verheißung des Messias und der neuen Welt (einer von der Herrschaft der Sünde befreiten Welt) bilden schon von Anfang an den Stoff der Heilsgeschichte und Heilsgeographie des Alten Testamentes.

Die biblische Sintflut war die Strafe für eine andere Sintflut: für die Sint­flut der Sünde, die die Erde der Personen von damals verdarb (vgl. Gen 6). Indem Gott nach der Sintflut den Bund mit Noach schloß, wollte er die zerrissene Menschheit retten, und zwar auf dem Weg über ihre einzelnen Bruchstücke, über jede Nation. Gott wollte außerdem einen Bund mit der ganzen Schöpfung schließen, die den Menschen in der sichtbaren Welt umgibt (vgl. Gen 9, 9-10). Gottes Bund mit Noach war ein Zeichen der Vergebung und der Gnade von seiten Gottes.

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38 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 56.58; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 10.5. 1993, 1, 1170; ders., Ansprache vom 8. 1. 1986, 1, 39; ders., Ansprache vom 21.2. 1988, 1, 490f; ders., Ansprache vom 2. 8. 1989, 2,164; ders., Ansprache vom 5. 6. 1985, 1, 1720f; ders., Ansprache vom 22. 2. 1985, 1, 1720f; ders., Ansprache vom 22. 2. 1985,1, 560; ders., Redemptoris missio, Nr. 10.28; ders., Ansprache vom 9. 9. 1992, 2,146: „Die Gebetserfahrung ist als Grundakt des Glaubenden allen Religionen gemeinsam, auch denen, wo der Glaube an einen Gott als Person ziemlich verschwommen oder durch falsche Vorstellungen verdunkelt ist.“

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Die Religionen der Nationen „lassen nicht selten einen Strahl jener Wahr­heit erkennen, die alle Menschen erleuchtet“ (NA 2).

Die Nationen der gefallenen Menschheit sind Objekt einer ganz beson­deren Ökonomie der Offenbarung. Aus dieser Ökonomie ragt die uni­verselle Erleuchtung des Wortes Gottes hervor, das in den Religionen der Nationen wirkt und in ihnen seine „Keime“ („Samen“) zeugt. Und es ragt auch das universelle Wirken des Geistes Gottes empor, der in den Reli­gionen die „Samen des Wortes“ ausstreut und sie darauf vorbereitet, in Christus zu reifen. Der Geist führt die Herzen religiöser Menschen zu Christus und zu Gott. Die Religionen spiegeln eine tausendjährige Suche nach dem Heil wider, sie sind übersät von unzähligen „Keimen des Wor­tes“ und können eine authentische „Vorbereitung“ auf das Evangelium darstellen.

Die Religionen nehmen innerlich verschiedene theologische und an­thropologische Längen- und Breitengrade der unteren Hemisphäre der Erde der Personen ein. Die religiösen Menschen der Nationen bilden die aufsteigende Spirale der gefallenen Menschheit. Sie kommen der Erleuch­tung des Wortes Gottes und der Anregung durch den Geist Gottes nach. Als innere Menschen steigen sie persönlich von den unteren Zonen der Hemisphäre in die oberen hinauf. Gott schließt mit denen den Bund No­achs, die innerlich die Ebene der sichtbaren Erde und der sichtbaren Welt übersteigen und in die obere Hemisphäre der Menschheit eintreten. In­dem sie im Glauben die geheimnisvolle Selbstmitteilung Gottes anneh­men und in einem Bund mit Gott leben, erbauen sie sich die Arche ihres ewigen Heiles.

„Von den ersten Jahrhunderten des Christentums an sah man gerne die unaussprechliche Gegenwart des Wortes im menschlichen Geist und in den Errungenschaften der Kultur und Zivilisation: Alle Schriftsteller konnten in der Tat durch den angeborenen Samen des Logos, der ihnen innewohnte, die Wirklichkeit dunkel erahnen, wie Justin hervorhebt (Apologie II, 13, 3), der mit anderen Kirchenvätern ohne Zögern in der Philosophie eine Art »kleinerer Offenbarung« sah.“39

Der Geist Gottes streut den „Samen des Wortes“ auch in den Kulturen und Zivilisationen der Nationen aus. Einige Kirchenväter der ersten Jahr­hunderte sprechen vom „Samen des Logos“ in der griechisch-römischen Kultur und Zivilisation. Besonders die aufsteigende Spirale der antiken

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39 Johannes Paul II., Ansprache vom 5. 6. 1985, 1, 1721.

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griechischen Philosophie war von unzähligen „Samen des Logos“ übersät und bildete dank dieser eine Art von „kleinerer Offenbarung“. Gott hatte der griechischen Nation diese „kleinere Offenbarung“ geschenkt und durch sie der Menschheit. Die aufsteigende Spirale der griechisch-römi­schen Kultur und Zivilisation stellte für viele Völker des Altertums eine „Vorbereitung auf das Evangelium“ dar.

„Die Menschen, durch die Erbschuld geschwächt, erlagen oft mannig­fachen Irrtümern bezüglich des wahren Wesens Gottes, der Natur des Menschen und der Prinzipien des Sittengesetzes. Das führte zu einem Verfall der Sitten und der menschlichen Einrichtungen, ja die mensch­lichen Personen selbst wurden mit Füßen getreten“ (AA 7).

In der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute hat das Konzil auch zum Thema Ungläubigkeit und Atheismus Stellung bezogen (vgl. GS 19-21).

Die Erbauer des Turmes (der Stadt) zu Babel wollen „ohne Gott, wenn nicht sogar gegen Gott stark und mächtig sein. (…) Ausschluß Gottes, Bruch mit Gott, Ungehorsam gegen Gott: Das war und ist die Sünde der ganzen Menschheitsgeschichte, in ihren verschiedenen Formen bis hin zur Vernei­nung Gottes und seiner Existenz. Das ist die Wirklichkeit, die Atheismus genannt wird.“40

Die Religionen der Nationen enthalten Mängel, Unzulänglichkeiten und Irrtümer, was den wahren Gott, die Natur und das Geschick des Menschen, die Prinzipien des Sittengesetzes, die Welt usw. betrifft. Nach der biblischen Sintflut erbaut die absteigende Spirale der Erde der gefal­lenen Personen den Turm (die Stadt) von Babel (vgl. Gen 11,1-9). Sie er­baut ihn in der äußeren Ordnung der Erde. Sie erbaut ihn vor allem in der inneren Ordnung: unter der Ebene der sichtbaren Erde und der sicht­baren Welt erbaut sie die Stockwerke der unteren Hemisphäre der Erde der Personen von damals. So erreicht sie sogar das polare Stockwerk der Hemisphäre und baut es. Dieses höchste Stockwerk des Turmes ist die Polarstadt von Babel (Babylon), die die geistige Hauptstadt der unteren Hemisphäre der Erde der Personen ist.

Die absteigende Spirale der Erde der gefallenen Personen wird von der

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40 Ders., Reconciliatio et paenitentia, Nr. 14; vgl. ders., Ansprache vom 12.6.1985, 1, 1773f; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2123f.

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dreifachen Begehrlichkeit, vom Götzendienst und von falschen Religions­formen verführt. Die Polarstadt von Babylon lehnt systematisch die na­türliche Gotteserkenntnis und jene durch die Offenbarung ab und han­delt hartnäckig gegen das Sittengesetz (vgl. Röm 1,18f). Diese Stadt ist die Hauptstadt des Götzendienstes und des Atheismus in der Geschichte und Geographie der Menschheit eines jeden Zeitalters. Im engen Bund mit der höllischen Stadt, kämpft sie für den Triumph des Irrtums, der Lüge, des Bösen, des Götzendienstes, der Gottlosigkeit usw.

Die in den höllischen Abgrund absteigende Spirale wird immer neue Formen des „Turmes von Babel“ in der Geschichte und Geographie der Menschheit erbauen. Und damit wird sie immer neue Formen der babylo­nischen Verwirrung, Zerstreuung und Spaltung unter den Menschen in der Gesellschaft und in den Nationen hervorrufen.

 

3. Der Bund mit Abraham und mit dem Volk Israel

a) Die göttliche Offenbarung des Alten Testamentes

„Später berief er Abraham, um ihn zu einem großen Volk zu machen (vgl. Gen 12,2), das er dann nach den Patriarchen durch Mose und die Propheten erzog, ihn allein als lebendigen und wahren Gott, als fürsor­genden Vater und gerechten Richter anzuerkennen und auf den verspro­chenen Erlöser zu harren“ (DV 3).

Um die zerstreute Menschheit wieder zu vereinen, erwählte Gott Abra­ham und teilt sich ihm mit: Damit beginnt die Offenbarungsökonomie des Alten Testamentes. Die Selbstoffenbarung Gottes an die Patriarchen ist die Einführung in seine Offenbarung für das Volk Israel. Gott wählt dieses Volk unter allen Völkern der Erde aus und offenbart sich ihm durch Mose und die Propheten. Gott offenbart sich „so durch Wort und Tat als einziger, wahrer und lebendiger Gott, daß Israel Gottes Wege mit den Menschen an sich erfuhr, daß es sie durch Gottes Wort aus der Pro­pheten Mund allmählich voller und klarer erkannte und sie unter den Völkern mehr und mehr sichtbar machte (vgl. Ps 21,28-29; 95,1-3; Jes 2,1­4; Jer 3,17)“ (DV 14).

Die fortschreitende Offenbarung des Alten Testamentes macht eine wahre göttliche Pädagogik deutlich. Diese Offenbarung eröffnet schritt­weise das Geheimnis Gottes und das Geheimnis seines Heilsplanes. Und zugleich eröffnet sie den Horizont des Geheimnisses der Erlösung des Menschen und der Menschheit. In diesem Rahmen wird mehr und mehr das Geheimnis des verheißenen Erlösers dargestellt: des Messias, das heißt des Gesalbten, des Christus.

Das Hauptziel der Offenbarungsökonomie (und des Heiles) des Alten Testamentes ist es, auf das Erscheinen Christi, des Erlösers des Universums und des messianischen Reiches, „vorzubereiten“, es prophetisch anzukün­digen (vgl. Lk 24,44; Joh 5,39; 1 Petr 1,10) und auf verschiedene Art (vgl. 1 Kor 10,11) anzudeuten (vgl. DV 15). Diese Offenbarung wird ihre Erfül­lung in Christus finden.

b) Der Bund mit Abraham

„»An diesem Tag schloß der Herr mit Abraham folgenden Bund« (Gen 15, 18). Gott sprach zu ihm: »Ich bin der Herr, der dich aus Ur in Chaldäa her­ausgeführt hat, um dir dieses Land zu eigen zu geben« (Gen 15,7). Das Land erstreckt sich »vom Grenzbach Ägyptens bis zum großen Strom, dem Euphrat« (Gen 15,18). Das ist die Wiege des Volkes des Bundes — der Nachkommen Abrahams, vor allem aller Erben seines Glaubens. Gott weist auf die Sterne am Himmel und spricht zum Patriarchen: »So zahl­reich werden deine Nachkommen sein« (Gen 15,5).„41

„Auf dem Glauben Abrahams entsteht die übernatürliche Religion, die sich in Christus vervollkommnet.“42

„Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus in das Land, das ich dir zeigen werde“ (Gen 12,1). Der Befehl Got­tes an Abraham bezeichnet den Anfang seiner Wanderung von Haran, aus dem Land Ur, in das Land Kanaan, das für ihn das von Gott verheißene Land wurde. Abraham reist vom Fluß Euphrat bis zum Fluß von Ägypten. Er durchzieht selbst der Länge und Breite nach das verheißene Land (vgl. Gen 13,17), das heißt er durchzieht es seiner geographischen Längen- und Breitengrade nach.

Die vom lebendigen Gott an Abraham gerichteten Worte (vgl. Gen 12,1) eröffnen vor ihm die Aussicht auf das Himmelreich als „verheißenes Land“. Das verheißene Land ist vor allem Gott selbst, dann die obere Hemisphäre der Erde der menschlichen Personen, dann die intelligible Welt, die inner-

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41 Johannes Paul II., Ansprache vom 19. 2. 1989, 1, 383.

42 Paul VI., Ansprache vom 11. 10. 1972, 1042; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 8.5. 1985, 1, 1229-1230; ders., Ansprache vom 19. 6. 1993, 1, 1593-1594; ders., Ansprache vom 18. 3. 1984, 1, 699f; ders., Botschaft vom 4. 10. 1988, 3,10251; Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 59f.

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lich über der wahrnehmbaren Welt steht und dann das intelligible Uni­versum, dessen Hauptteil das himmlische Paradies ist.

Indem Gott sich Abraham offenbart, zieht er ihn aus seiner Geburts­geographie heraus. Er zieht ihn als innere Person aus einer Region der unteren Hemisphäre der Erde der Menschen von damals heraus. Gott erhebt ihn als innere Person in die übernatürliche und natürliche Ord­nung und gleichzeitig auf die obere Hemisphäre der Welt der Erde der Personen. Er läßt ihn auf der neuen Erde und im neuen Himmel wohnen.

Indem Abraham im Glaubensgehorsam wandert, lebt er Tag für Tag im Bund mit Gott dem Höchsten. Als innere Person durchzieht er dann das verheißene Land der Länge und der Breite nach. Er dringt in das Geheim­nis des lebendigen Gottes ein und gleichzeitig in die Längen- und Brei­tengrade des Geheimnisses des Menschen. Und er erforscht die Längen-und Breitengrade der Erde der Menschen in seiner Zeit.

„Der Bund Gottes mit Abraham war ein Weg der Vorbereitung auf das Kommen Christi.“43

„Durch dich sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen“ (Gen 12,3 LXX). Abraham hat von Gott die wunderbare Verheißung erhalten, daß der Messias einer seiner Nachkommen sein wird (vgl. Gal 3,16). Abraham geht im Glauben, in der Hoffnung, in der Liebe und mit Freude dem Messias entgegen. Der Messias ist das verheißene Land, in dem sich die Heilsverheißungen Gottes erfüllen werden.

Abraham hat beispielhaft auf die Selbstoffenbarung Gottes geantwor­tet. Er pilgerte heldenhaft im Glaubensgehorsam und wurde zum „Vater aller Gläubigen“ (vgl. Gen 15,6; Gal 3,6-7; Röm 4,16-17). Die Pilgerschaft im Glaubensgehorsam wird das Geschick seiner gesamten geistigen Nachkommenschaft sein. Sie wird das Geschick der Patriarchen Isaak und Jakob sowie aller Generationen des Volkes Israel sein. Der Glaubens­gehorsam gegenüber der göttlichen Offenbarung des Alten und des Neu­en Testamentes und die damit verbundene Pilgerschaft werden das Ge­schick aller Generationen der Kirche sein.

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43 Johannes Paul II., Ansprache vom 5. 4. 1979, 1, 805; vgl. ders., Ansprache vom 17. 2. 1981, 1, 1151-1152.

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c) Der Bund mit Israel

„Der Bund Gottes mit Abraham war die Hinführung zum Bund mit einem ganzen Volk, mit Israel, im Hinblick auf den Messias, der aus diesem Volk, von Gott eben dazu erwählten Volk hervorgehen sollte.“44

„In der Zeit nach den Patriarchen machte Gott Israel zu seinem Volk. Er befreite es aus der Sklaverei in Ägypten, schloß mit ihm den Sinaibund und gab ihm durch Mose sein Gesetz, damit es ihn als den einzigen, lebendigen und wahren Gott, den fürsorglichen Vater und gerechten Richter anerkenne, ihm diene und den verheißenen Erlöser erwarte (vgl. DV 3).“45

Die Nachkommen der zwölf Söhne Jakobs haben sich in Ägypten ver­mehrt und sind zu den zwölf Stämmen Israels geworden oder besser noch zu dem „Volk der Israeliten“ (Ex 1,9). Dieses Volk jedoch befindet sich im Ägypten des Pharao in der Sklaverei. Gott erwählt Mose als Mitt­ler zwischen ihm und dem Volk und führt es aus der Sklaverei heraus. Durch die Theophanie auf dem Sinai, als „der Berg (Sinai) brannte: Feuer, hoch bis in den Himmel hinauf“ (Dtn 4,11), schloß Gott, der Herr, den Bund mit Israel: „Ich bin euer Gott, und ihr seid mein Volk“ (Lev 26,12). Der Bund mit Gott ist für Israel eine besondere Erhöhung: Es wird zu einem dem Herrn, seinem Gott, geweihten Volk (vgl. Dtn 26,19), ein „hei­liges Volk“. Es gehört jetzt Gott, und Gott gehört zu ihm: Es ist das Volk Gottes, ja ein priesterliches Volk Gottes (vgl. Ex 19,6).

Der Herr ermahnt sein Volk zur Befolgung der Gebote: „Jetzt aber, wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr un­ter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde. Ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören“ (Ex 19, 5-6). Der Bund mit Abraham enthielt kein wirkli­ches Gesetz. Der Bund am Berg Sinai basiert auf dem Gesetz: in seinem Zen­trum steht der Dekalog (vgl. Ex 20; Dtn 5).

Die Gebote des Dekaloges bilden die fundamentalen und unveräußerli­chen Prinzipien des Verhaltens (das heißt der freien Bewegung) jeder menschlichen Person. Die erste Tafel des Dekaloges (die ersten drei Gebote) bestimmt die freie (aber moralisch verpflichtende) Bewegung der Person in vertikaler Richtung: auf Gott hin. Die zweite Tafel des Dekalo-

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44 Ders., Ansprache vom 2. 8. 1989, 2,164.

45 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 62; vgl. Johannes Paul II., Ansprache vom 9. 8. 1989, 2, 181f; ders., Ansprache vom 29. 10. 1986, 2,1288f; ders., Ansprache vom 14. 3. 1982, 1, 866f; ders., Ansprache vom 30. 10. 1991, 2,.1028f; Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 62-64.2070-2071.

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ges (die übrigen sieben Gebote) bestimmt die freie (aber moralisch ver­pflichtende) Bewegung der Person in horizontaler Richtung: zu den Ge­schöpfen und in erster Linie zum anderen Menschen hin. Die erwähnten moralischen Prinzipien sind unabhängig von der an Israel ergangenen Offenbarung auch in das Herz und das Gewissen eines jeden Menschen eingeschrieben (vgl. Röm 2,14-15). Dennoch brauchte die gefallene Menschheit die Offenbarung, um ein vollständiges und sicheres Wissen von den Forderungen des natürlichen Sittengesetzes zu erwerben.

„Das aus Abraham hervorgegangene Volk wird zum Träger der den Patriarchen gemachten Verheißung, zum auserwählten Volk (vgl. Röm 11,28), das dazu berufen ist, die Sammlung aller Kinder Gottes in der Ein­heit der Kirche (vgl. Joh 11,52; 10,16) vorzubereiten. Dieses Volk wird zum Wurzelstock, dem die gläubig gewordenen Heiden eingepfropft werden (vgl. Röm 11,17-18. 24).“46

„Die Geschichte führte das auserwählte Volk auf allen Wegen seiner Spiri­tualität, seiner Überlieferung, seines Kultes geradewegs zum Messias.“47

Mit dem Bund am Berg Sinai beginnt Gott, sich das auserwählte Volk des Alten Testamentes zu bilden. So bereitet und entwirft er das Heil des gesamten menschlichen Geschlechtes. Gott offenbart sich seinem Volk durch Mose und die Propheten als Schöpfer und Erlöser: als einziger wahrer Gott. Die Offenbarung eines einzigen Gottes (der Monotheismus), die an das Volk Israel erging, war für die gesamte Menschheit bestimmt. Gott offenbarte sich dem Volk Israel immer deutlicher und bereitete es so auf das Kommen des Messias vor. Die Erwartung des verheißenen Messi­as erleuchtet den Weg des auserwählten Volkes durch die Jahrhunderte.

Dank des heilbringenden Eingreifens Gottes trat das Volk Israel äußer­lich und innerlich aus der Sklaverei in Ägypten heraus. In der inneren Ordnung hat Gott es aus der Sklaverei der unteren Hemisphäre der menschlichen Personen der damaligen Zeit befreit. Insofern Israel die Selbstoffenbarung Gottes im Glauben annahm, wurde es nicht zu einer Summe von Individuen, sondern zu einer Gemeinschaft von Gläubigen, zum pilgernden Volk Gottes.

Indem das auserwählte Volk im Bund mit Gott lebte, befolgte es das

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46 Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 60.

47 Johannes Paul II., Ansprache vom 8. 4. 1979, 1, 824.

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Gesetz Gottes und zog in das verheißene Land ein. Genauer gesagt, es nahm als Gemeinschaft von inneren Personen das verheißene Land in Besitz: es entdeckte die Längen- und Breitengrade des Geheimnisses Got­tes, des Schöpfers und Erlösers, des Heilsgeheimnisses des Menschen und der Erde der Menschen seiner Zeit. Auf der Pilgerschaft im Glauben schritt das Volk dem Messias entgegen: dem Land, in dem nicht nur Isra­el, sondern „alle Menschen das Heil sehen werden, das von Gott kommt“ (Lk 3,6; vgl. Jes 40,5).

In der Geschichte und Geographie des auserwählten Volkes verflech­ten sich die Wege der ansteigenden und der absteigenden Spirale. In der ersten gingen die „Armen Jahwes“ an der Spitze, Erben der messia­nischen Verheißung und Träger der Hoffnungen des Gottesvolkes (vgl. Zef 2,3; 3,12). Die ansteigende Spirale, der Selbstoffenbarung Gottes gefü­gig, erbaute in der inneren Ordnung die Stockwerke (die Schichten) der oberen Hemisphäre der Erde der Personen. Die „Ärmsten Jahwes“ er­reichten die polare Ebene der Hemisphäre und erbauten dort die Stadt Jerusalem. Dieses polare Jerusalem war die geistige Hauptstadt des Vol­kes Israel und der oberen Hemisphäre der Erde der Personen jener Zeit. Dem diametralen Gegensatz zwischen dem polaren Jerusalem und dem polaren Babylon entsprang der Kampf zwischen den beiden Hauptstäd­ten der Erde (Welt) der damaligen Personen.

„Die Propheten erinnerten Israel und Juda an ihre größte Sünde: den Abfall vom einzigen und wahren Gott und die Anbetung der verschiede­nen Götzen, die das erwählte Volk im Kontakt mit den anderen Völkern sich leichtfertig und unüberlegt zu eigen machte.“48

Ein Teil des erwählten Volkes verweigerte dem offenbarenden Gott den Gehorsam des Glaubens und ging so auf seinem inneren Weg zu­rück. Dieser Teil bildete eine absteigende Spirale vom polaren Jerusalem bis hin zur Ebene der sichtbaren Erde und der sichtbaren Welt. Indem ein Teil dieser Spirale den Bund mit Gott brach, wandte er sich um. Er stieg dann mit dem Herzen nach „Ägypten“ und nach „Babylon“ hinab, das heißt in die Sklaverei der gefallenen Menschheit. Dort verfiel er wieder dem Götzendienst, das heißt dem Kult der falschen Götter der Völker. Mit der Dynamik seines Götzendienstes erbaute der ungläubige und

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48 Ders., Ansprache vom 20.8.1980, 2, 418; vgl. ders., Ansprache vom 2.8.1989, 2, 165f; ders., Ansprache vom 31.1.1985, 1, 316; ders., Ansprache vom 21.3.1990, 1, 722f.

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treulose Teil des erwählten Volkes die „Stadt Babel“.

Durch die Propheten verhieß Gott einen neuen und ewigen Bund, der für alle Völker bestimmt ist (vgl. Jes 2,2-4) und in die Herzen geschrieben wird (vgl. Jer 31,31-34). Gott selbst wird den Messias als „Bund des Vol­kes“ (vgl. Jes 42,6) einsetzen, und er wird ihn zum „Licht für die Völker“ machen, „damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht“ (Jes 49,6).

„Die Gemeinschaft des Alten Bundes war nur die Vorgestalt des neuen Israel.“49

Die Geschichte, die Geographie und die Institutionen des Volkes Israel waren auch Bild und Vorbereitung für die Zukunft (vgl. 1 Kor 10,11; 1 Petr 3,21; Hebr 9,24), das heißt für die Wirklichkeiten des neuen und ewi­gen Bundes, für die Wirklichkeiten der Kirche. Durch die besondere Aus­erwählung des Volkes des Alten Bundes, bereitete Gott auch das neue Israel vor: die Kirche. In der Kirche wird er auf ganz besondere Weise die Menschen jeder Rasse und jeder Nation der Erde versammeln und zu einem Volk heranbilden.

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49 Ders., Ansprache vom 24. 9. 1989, 2, 661.

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Quelle: Ivan Pojavnik: DAS MYSTERIUM DES KONZILS – Erster Band – Meckenheim – 1996 – Maximilian-Kolbe-Verlag – ISBN 3-924413-13-4