Predigt von Bischof Vitus Huonder am Pfingstsonntag, 20. Mai 2018, in der Kathedrale in Chur

Brüder und Schwestern im Herrn

Kampf, Wachsamkeit und Unterscheidung! Das tönt ganz kriegerisch. Ist es aber nicht. Denn die Worte stammen aus dem jüngsten Apostolischen Schreiben Gaudete et exultate von Papst Franziskus über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute. Papst Franziskus ist alles andere als ein Befürworter von Krieg und Gewalt. Deshalb müssen wir die Worte Kampf, Wach­samkeit und Unterscheidung richtig einordnen.

Was meint der Heilige Vater mit Kampf? Um das zu erfahren, müssen wir das fünfte Kapitel des Apostolischen Schreibens lesen. Gleich zu beginn lesen wir: „Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden“ (158). Mit Kampf meint der Heilige Vater den Widerstand gegen den Teufel. Einige Zeilen später bekräftigt er nämlich: „Es ist auch ein beständiger Kampf gegen den Teufel, welcher der Fürst des Bösen ist“ (159). Nochmals einige Zeilen später lesen wir: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen. Der dort benutzte Ausdruck bezieht sich nicht auf etwas Böses im abstrakten Sinn, sondern lässt sich genauer mit ‘der Böse’ übersetzen. Er weist auf ein personales Wesen hin, das uns bedrängt. Jesus lehrt uns, täglich um diese Befreiung zu bitten, damit die Macht Satans uns nicht beherrsche“ (160). Und, darf ich nochmals den Papst zitieren. Deutlich sagt er: „Wir sollen also nicht denken, dass dies ein Mythos, ein Schauspiel, ein Symbol, ein Bild oder eine Idee ist“ (161). Mit anderen Worten sagt der Heilige Vater, dass Satan existiert und sein Unwesen in unserer Welt treibt. Der Kampf, von welchem der Papst spricht, ist daher ein Kampf gegen Satan und seine Anhänger.

Nun werdet Ihr fragen: Ist das ein Thema für Pfingsten? Sehr wohl ist dies ein Thema für Pfingsten. Denn im Kampf mit dem Satan brauchen wir das Gegengewicht. Da Satan nicht ein körperliches Wesen ist, sondern ein geistiges, brauchen wir im Kampf gegen Satan ein geistiges Gegengewicht. Nochmals zum Wort des Papstes zum Vaterunser: „Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen“. Der Papst macht uns eigens auf diese letzte Bitte des Gebetes unseres Herrn aufmerksam. Wir dürfen sagen, an Pfingsten hat sich diese Bitte erfüllt, genauer ausgedrückt, sie hat sich in einem besonderen Maß erfüllt: Das Kommen des Heiligen Geistes am Tag von Pfingsten bedeutet in besonderer Weise die Erlösung vom Bösen, die Erlösung von Satan. Denn die Kirche hat den Geist der Wahrheit empfangen, wie es Jesus im heutigen Evangelium verheißen hat: „Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wann aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganze Wahrheit leiten“ (Joh 16,12-13).

Die Wahrheit ist das Gegenteil des Bösen, des Verderblichen, der Lüge. Deshalb macht sie uns frei (vgl. Joh  8,32). Sie befreit uns. Sie erlöst uns. Denn Wahrheit ist an und für sich ein anderer Begriff für die Wirklichkeit Gottes, für alles, was Gott ist und was Gott tut. In Gott und durch Gottes Wirken sind wir frei. Durch den Geist der Wahrheit sind wir frei, befreit, oder werden wir frei, sofern wir die Wahrheit zur Grund­lage unseres Lebens nehmen.

Ist Ostern der Anfang unserer Erlösung und unserer Freiheit, die sich vor allem im auferstandenen Herrn erweisen, so ist Pfingsten deren Vollendung in der von Gott neu geschaffenen Menschheit, im Volk Gottes, in der Kirche. Aber es ist noch eine Erlösung und eine Freiheit unter dem Banner des Kampfes, der Wachsamkeit und der Unterscheidung. Deshalb dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen und nachlässig werden (vgl. Gaudete et exultate 161). Das bedeutet: Wir müssen uns immer wieder in den Schutz des Heiligen Geistes begeben und unser Leben unter diesem Schutz gestalten, im Schut­z des Geistes der Wahr­heit, im Schutz seiner Liebe und seiner Lehre. Beten wir daher mit der Pfingstsequenz häufig: O lux beatissima, reple cordis intima tuorum fidelium. Sine tuo numine nihil est in homine, nihil est innoxium. – Komm, o du glückselig Licht, fülle Herz und Angesicht, dring bis auf der Seele GrundOhne dein lebendig Wehn kann im Menschen nichts bestehn , kann nichts heil sein noch gesund.  Amen.

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Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

Kardinal Kurt Koch Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der „Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche“ gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die „Gnadenvolle“, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?  

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, „von jener Stunde an“ habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem „ökumenischen Ja“ zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi?

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Papst Franziskus: Die Kraft der Veränderung des Heiligen Geistes

Papst Franziskus – Heilige Messe am Pfingstfest 20.5.2018

Franziskus an Pfingsten: der Geist ist die Ruhe in der Unrast; der Trost in Leid und Tod. Er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens

Rom (kath.net) Am Hochfest Pfingsten feierte Papst Franziskus die heilige Messe in der Petersbasilika.

„Der Geist befreit die von der Angst versiegelten Seelen. Er überwindet Widerstände. Diejenigen, die sich mit dem Mittelmäßigen begnügen, konfrontiert er mit einem Überschwang an Gaben. Er weitet die engen Herzen. Er drängt diejenigen zum Dienst, die es sich bequem gemacht haben. Er bringt die zum Gehen, die meinen, sie seien am Ziel angekommen. Er lässt diejenigen träumen, die von Lauheit befallen sind. Darin also besteht die Verwandlung der Herzen.

Viele versprechen Zeiten der Veränderung, Neuanfänge, grandiose Neuerungen, aber die Erfahrung zeigt, dass kein irdischer Versuch, die Dinge zu verändern, das menschliche Herz vollständig befriedigt. Die Verwandlung durch den Geist ist anders: Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen, ohne jemals des Lebens müde zu werden. Der Geist hält das Herz jung.“

„Außer den Herzen verändert der Geist das Zeitgeschehen. Wie der Wind überall weht, so bahnt auch er sich seinen Weg in die unwahrscheinlichsten Situationen hinein. In der Apostelgeschichte – einem Buch, das es wirklich zu entdecken gilt und in dem der Geist die Hauptrolle spielt – erleben wir eine kontinuierliche Dynamik voller Überraschungen.“

„Er wird seine Kraft der Veränderung mit sich bringen, eine einzigartige Kraft, die sozusagen gleichzeitig zentripetal als auch zentrifugal ist. Sie ist zentripetal, d.h. sie ist auf das Zentrum hin ausgerichtet, weil sie im Inneren des Herzens wirkt. Sie führt zu Einheit in der Zersplitterung, zu Frieden in der Not, zu Standhaftigkeit in der Versuchung. Paulus erinnert in der Zweiten Lesung daran, wenn er schreibt, dass die Frucht des Geistes Freude, Friede, Treue und Selbstbeherrschung ist (vgl. Gal 5,22). Der Geist schenkt Intimität mit Gott, die innere Kraft um weiterzukommen. Aber gleichzeitig ist er eine Zentrifugalkraft, die nach außen wirkt. Derjenige, der zum Zentrum führt, ist derselbe, der an die Peripherie sendet, an jede menschliche Peripherie. Er, der uns Gott offenbart, drängt uns zu unseren Brüdern und Schwestern. Er sendet uns, er macht uns zu Zeugen und dazu gießt er uns – wie Paulus schreibt – Liebe, Wohlwollen, Güte und Sanftmut ein.

Nur im Geist, der unser Beistand ist, sagen wir Worte des Lebens und ermutigen wir andere wirklich. Wer nach dem Geist lebt, steht in dieser geistlichen Spannung: er steht gleichzeitig in Beziehung zu Gott und zur Welt.“

„Heiliger Geist, Gottes heftiger Sturm, erfasse uns. Wehe in unseren Herzen und lass uns die Zärtlichkeit des Vaters atmen. Erfasse die Kirche und treibe sie bis zu den Enden der Erde, damit sie von dir getragen, nichts Anderes bringe als dich. Hauche der Welt die sanfte Frühlingswärme des Friedens und die frische Erquickung der Hoffnung ein. Komm, Heiliger Geist, verwandle unser Inneres und erneuere das Antlitz der Erde.“

kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Franziskus bei der heiligen Messe in der Petersbasilika am Hochfest Pfingsten 2018: 

In der ersten Lesung wird das Kommen des Heiligen Geistes an Pfingsten mit einem heftigen Sturm (vgl. Apg 2,2) verglichen. Was sagt uns dieses Bild? Der heftige Sturm lässt uns an eine große Kraft denken, die aber nicht um ihrer selbst willen da ist: Es ist eine Kraft, die die Wirklichkeit verändert. Der Wind bringt tatsächlich Veränderung: warme Strömungen bei Kälte, kühle Strömungen bei Hitze, Regen bei Trockenheit… Auch der Heilige Geist bewirkt solches, wenn auch auf einer anderen Ebene: Er ist die göttliche Kraft, die die Welt verwandelt. Die Sequenz hat uns daran erinnert. Der Geist ist die Ruhe in der Unrast; der Trost in Leid und Tod; und so bitten wir ihn: »Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält«. Er begibt sich in Situationen hinein und verwandelt sie; er verwandelt die Herzen und verändert das Zeitgeschehen.

Er verwandelt die Herzen. Jesus hatte zu seinen Aposteln gesagt: Ihr »werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen […] und ihr werdet meine Zeugen sein« (Apg 1,8). Und genau so ist es geschehen: Die Jünger, die anfangs ängstlich waren und sich auch nach der Auferstehung des Meisters hinter verschlossenen Türen versteckt hielten, werden vom Geist verwandelt und, wie Jesus im heutigen Evangelium verkündet, »legen für ihn Zeugnis ab« (vgl. Joh 15,27). Aus zaudernden werden mutige Jünger, und von Jerusalem aus machen sie sich auf bis zu den Enden der Erde. Als Jesus unter ihnen war, waren sie furchtsam, ohne ihn nun sind sie mutig, denn der Geist hat ihre Herzen verwandelt.

Der Geist befreit die von der Angst versiegelten Seelen. Er überwindet Widerstände. Diejenigen, die sich mit dem Mittelmäßigen begnügen, konfrontiert er mit einem Überschwang an Gaben. Er weitet die engen Herzen. Er drängt diejenigen zum Dienst, die es sich bequem gemacht haben. Er bringt die zum Gehen, die meinen, sie seien am Ziel angekommen. Er lässt diejenigen träumen, die von Lauheit befallen sind. Darin also besteht die Verwandlung der Herzen. Viele versprechen Zeiten der Veränderung, Neuanfänge, grandiose Neuerungen, aber die Erfahrung zeigt, dass kein irdischer Versuch, die Dinge zu verändern, das menschliche Herz vollständig befriedigt. Die Verwandlung durch den Geist ist anders: Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen, ohne jemals des Lebens müde zu werden. Der Geist hält das Herz jung.

Früher oder später vergeht die Jugendzeit trotz aller Versuche, sie zu verlängern; der Geist hingegen ist es, der das einzig ungesunde Altern, nämlich das innere, verhindert. Wie macht er das? Indem er das Herz erneuert und dem sündigen Herzen Vergebung zuteilwerden lässt.

Das ist die große Veränderung: Uns Schuldige macht er zu Gerechten, und so ändert sich alles, denn aus Sklaven der Sünde werden wir zu freien Menschen, aus Knechten zu Söhnen, aus Verworfenen zu geschätzten Freunden, aus Enttäuschten zu Hoffenden. Auf diese Weise lässt der Heilige Geist die Freude neu erstehen und im Herzen den Frieden erblühen.

Wir lernen also heute, was zu tun ist, wenn wir echter Veränderungen bedürfen. Wer von uns braucht sie nicht? Vor allem, wenn wir am Boden sind, wenn wir unter der Last des Lebens stöhnen, wenn unsere Schwächen uns bedrücken, wenn es schwierig ist vorwärts zu gehen und wenn es unmöglich erscheint zu lieben. Dann brauchen wir einen kräftiges „Stärkungsmittel“: Und das ist Er, das ist die Kraft Gottes. Der Geist ist es, der „Leben gibt“, wie wir im „Credo“ bekennen. Wie gut täte es uns, jeden Tag dieses Stärkungsmittel des Lebens zu uns zu nehmen und etwa beim Aufwachen zu sagen: „Komm, Heiliger Geist, komm in mein Herz, komm in meinen Tag“.

Außer den Herzen verändert der Geist das Zeitgeschehen. Wie der Wind überall weht, so bahnt auch er sich seinen Weg in die unwahrscheinlichsten Situationen hinein. In der Apostelgeschichte – einem Buch, das es wirklich zu entdecken gilt und in dem der Geist die Hauptrolle spielt – erleben wir eine kontinuierliche Dynamik voller Überraschungen.

Als die Jünger es nicht erwarten, sendet der Geist sie zu den Heiden. Er eröffnet neue Wege, wie in der Begebenheit mit dem Diakon Philippus. Der Geist führt ihn auf eine verlassene Straße zwischen Jerusalem und Gaza – Was für einen traurigen Klang dieser Name heute hat! Der Geist verändere die Herzen und die Verhältnisse und bringe Frieden ins Heilige Land –. Auf diesem Weg predigt Philippus dem äthiopischen Beamten und tauft ihn; dann führt ihn der Geist nach Aschdot und nach Cäsarea: immer in neue Situationen, damit er Gottes Botschaft verbreite. Dann ist da auch Paulus, der »gebunden durch den Geist« (Apg 20,22), bis an die Enden der Erde reist und Völkern das Evangelium bringt, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Wenn der Geist da ist, geschieht immer etwas; wenn er weht, gibt es keine Flaute.

Wenn das Leben unserer Gemeinschaften durch Zeiten der „Mattheit“ geht, in denen die häusliche Idylle der Neuheit Gottes vorgezogen wird, ist das ein schlechtes Zeichen. Es bedeutet nämlich, dass man Schutz vor dem Wind des Geistes sucht. Wenn man für die Selbsterhaltung lebt und darüber nicht hinauskommt, ist das kein schönes Zeichen. Der Geist weht, aber wir holen die Segel ein. Und doch haben wir viele Male gesehen, wie er Wunderbares bewirkt.

Oft, gerade in den dunkelsten Zeiten, hat der Geist die strahlendste Heiligkeit hervorgebracht! Er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens. Es ist, wie wenn in einer Familie ein Kind geboren wird: Es bringt den Zeitplan durcheinander, lässt einen nicht schlafen, schenkt dafür aber eine Freude, die das Leben erneuert, die ihm Antrieb verleiht und es in der Liebe weit macht. Ja, der Geist bringt ein „Aroma“ von Kindheit in die Kirche. Er bewirkt ein beständiges Wiederaufleben. Er frischt die Liebe des Anfangs wieder auf.

Der Geist erinnert die Kirche daran, dass sie trotz ihrer jahrhundertealten Geschichte immer eine zwanzigjährige ist, die junge Braut, in die der Herr hoffnungslos verliebt ist. So lasst uns nicht müde werden, den Geist in unser Lebensumfeld einzuladen, und ihn vor jeder Tätigkeit unsererseits anzurufen: „Komm, Heiliger Geist!“.

Er wird seine Kraft der Veränderung mit sich bringen, eine einzigartige Kraft, die sozusagen gleichzeitig zentripetal als auch zentrifugal ist. Sie ist zentripetal, d.h. sie ist auf das Zentrum hin ausgerichtet, weil sie im Inneren des Herzens wirkt. Sie führt zu Einheit in der Zersplitterung, zu Frieden in der Not, zu Standhaftigkeit in der Versuchung. Paulus erinnert in der Zweiten Lesung daran, wenn er schreibt, dass die Frucht des Geistes Freude, Friede, Treue und Selbstbeherrschung ist (vgl. Gal 5,22). Der Geist schenkt Intimität mit Gott, die innere Kraft um weiterzukommen. Aber gleichzeitig ist er eine Zentrifugalkraft, die nach außen wirkt.

Derjenige, der zum Zentrum führt, ist derselbe, der an die Peripherie sendet, an jede menschliche Peripherie. Er, der uns Gott offenbart, drängt uns zu unseren Brüdern und Schwestern. Er sendet uns, er macht uns zu Zeugen und dazu gießt er uns – wie Paulus schreibt – Liebe, Wohlwollen, Güte und Sanftmut ein. Nur im Geist, der unser Beistand ist, sagen wir Worte des Lebens und ermutigen wir andere wirklich. Wer nach dem Geist lebt, steht in dieser geistlichen Spannung: er steht gleichzeitig in Beziehung zu Gott und zur Welt.

Bitten wir ihn darum, so sein zu dürfen. Heiliger Geist, Gottes heftiger Sturm, erfasse uns. Wehe in unseren Herzen und lass uns die Zärtlichkeit des Vaters atmen. Erfasse die Kirche und treibe sie bis zu den Enden der Erde, damit sie von dir getragen, nichts Anderes bringe als dich. Hauche der Welt die sanfte Frühlingswärme des Friedens und die frische Erquickung der Hoffnung ein. Komm, Heiliger Geist, verwandle unser Inneres und erneuere das Antlitz der Erde. Amen.

 

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PAPST PAUL VI.: DIE KIRCHE KANN NIE ALT WERDEN

April 1976: Pope Paul VI, Giovanni Battista Montini, at his Easter Address on the balcony of St Peter’s Basilica. (Photo by Keystone/Getty Images)

Bei der Generalaudienz am 12. Juni 1974

Während uns noch Pfingsten, das Fest zur Erinnerung an die Belebung der Kirche durch den Heiligen Geist, Erleuchtung und Freude schenkt, ergibt sich ein für unser Le­ben wesentlicher Aspekt dieses Ereignisses, nämlich der seiner Fortdauer. Pfingsten ist ja nicht eine ferne und schon in die Geschichte eingegangene Begebenheit. Es ist ein Ereignis, das bleibt; fortdauernde Geschichte. Die Kirche lebt noch immer aus der Kraft dieser wunderbaren Ausgießung der göttlichen Gnade, aus der Liebe, die ausgegossen ist in unsere Herzen (vgl. Röm 5, 5). Die zur Kirche gewordene Menschheit wird von dem Geist belebt, den Christus als das Haupt nach seinem Aufstieg in die Herrlichkeit des Vaters seinem in Welt und Zeit zurückgebliebenen Leib sendet (vgl. Joh 16, 7: „Wenn ich fortgehe“, sagte er in der denkwürdigen Nacht des Letzten Abendmahles, „werde ich euch einen Beistand senden, damit er immer bei euch bleibt. Es ist der Geist der Wahrheit“; vgl. Joh 14, 16-17). Dies ist das großartige Geheimnis vom mysti­schen Leib Christi, das Geheimnis im Mittelpunkt lebendigen und wahren Christentums, über das wir nachdenken und das wir eifersüchtig hüten müssen. Immer noch ist uns der hl. Augustinus Lehrmeister, wenn er schreibt: „Nur die katholische Kirche ist der Leib Christi, dessen Haupt und Erlöser er ist (Eph 5, 23). Außerhalb dieses Leibes schenkt der Heilige Geist niemandem Leben… Wer sich der Einheit widersetzt, hat kei­nen Teil an der göttlichen Liebe. Wer außerhalb der Kirche steht, hat nicht den Heiligen Geist… Wer den Heiligen Geist haben will, gebe sorgfältig acht, daß er nicht außerhalb der Kirche bleibt!“ Epist. 185, C. XI, 50; PL 33, 815; vgl. Tract. in Ioannem 27, 6; PL 35, 1618: „Denn nichts soll der Christ mehr fürchten, als vom Leib Christi getrennt zu werden. Denn wenn er vom Leib Christi getrennt wird, ist er nicht mehr ein Glied von ihm; ist er aber nicht ein Glied von ihm, dann wird er nicht am Leben erhalten von Seinem Geist“.

Das könnte uns zum Nachdenken darüber veranlassen, daß wir unbedingt auf entsprechende Weise in die Strukturen der Institution eingefügt sein müssen, die der Kirche Bestand als Leib verleihen. Hier werden sie als Vorbedingung dafür aus­gesprochen, daß wir an der Belebung durch den Heiligen Geist Anteil bekommen, wie sie eben diesem Leib der Kirche, dem mystischen Leib Christi, eigen ist.

Aber wir wollen uns nun einer anderen charakteristischen Auswirkung von Pfingsten zuwenden, dem Fest dieser geheim­nisvollen und wunderbaren übernatürlichen Beseelung, gesche­hen durch die Ausgießung des Heiligen Geistes in den sicht­baren, sozialen, menschlichen Leib der Jünger Christi hinein. Wir meinen das ewige Jungsein der Kirche. „Durch die Kraft des Evangeliums läßt der Heilige Geist die Kirche allezeit sich verjüngen, erneuert sie immerfort …“ (Lumen gentium, Nr. 4). Wie in einem Springbrunnen der Strahl immer quicklebendig und frisch hochschießt, solange ihm Wasser zuströmt, auch wenn dieses danach herabfällt und sich unten verteilt, so wird zwar die zur Kirche gewordene Menschheit, dem Los dieser Zeit unterworfen, unausweichlich vom irdischen Tod ereilt, aber dadurch wird das Zeugnis der Kirche die Jahrhunderte hindurch weder aufgehoben noch unterbrochen. So hat es Christus vorhergesagt und versprochen : „Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“ (Mt 28, 20). Das ließ er auch den Simon erkennen, als er ihm einen Namen gab, der Unvergänglichkeit bedeutet : „Du bist Petrus, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte des To­des werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16, 18).

Mit vielen Menschen unserer Zeit kann man sogleich ein­wenden: mag sein, daß die Kirche fortdauert; sie besteht schon fast zweitausend Jahre; aber gerade wegen ihres langen Beste­hens ist sie alt, antik. Weiterbestehen bedeutet nicht schon Jugend. Die Menschen von heute lieben das Moderne, Be­wegliche, das für den Tag Gemachte am meisten; nicht alte Dinge. Sie bringen vielleicht Achtung vor der Geschichte auf, sie bewundern die Archäologie. Aber ihre Vorliebe gilt dem Aktuellen. Die Kirche mag also aufgrund ihres Alters und ihrer besonders gearteten Beständigkeit im Wechsel der Zeiten verehrungswürdig sein. Aber, so sagen sie, die Kirche lebt nicht aus dem Atem der heutigen Zeit, der immer neu ist; sie ist einfach nicht jung.

Der Einwand wiegt schwer und würde als Antwort eine lange Abhandlung verdienen mit vielen Seiten voll kosmischer, theologischer, philosophischer, historischer, anthropologischer, phänomenologischer und anderer Darlegungen. Dagegen kann aber die Gleichsetzung von ewiger Dauer und Jugend einem für die Wahrheit geöffneten Geist von sich aus genügen. Denn es ist genau so, und „es ist ein Wunder in unseren Augen“ (Mt 21, 42) : die Kirche ist jung! Und was noch mehr Staunen erregt, ist die Tatsache, daß ihre Jugendkraft von ihrem un­veränderlichen Bestehen die Zeiten hindurch herkommt. Die Zeit läßt die Kirche nicht alt werden; sie läßt sie wachsen, sie fordert sie zum Leben, zur Fülle heraus. Sagen wir es ge­nauer: Der menschliche Teil der Kirche kann den unerbittli­chen Gesetzen der Geschichte und der Zeit unterliegen, und so ist es tatsächlich: ihre menschliche Gestalt kann verfallen, kann altern, kann absterben. Es sterben ja in der Tat viele Glieder der Kirche; ganzen Völkern ist es gelungen, das irdi­sche Leben der Kirche zu ersticken, ihre geschichtliche Gegen­wart zu unterdrücken. Und dann sterben natürlich, wie alle Menschen (und vielleicht aus einfacheren und handgreiflicheren Gründen), alle die, welche als Menschen die Kirche bilden. Aber die Kirche hat in sich selbst nicht nur einen unbesieg­baren, übernatürlichen und übergeschichtlichen Quellgrund der Unvergänglichkeit, sondern sie verfügt außerdem auch über unabsehbare Kräfte zur Erneuerung.

Hat man in der Zeit des Konzils nicht vor allem vom „ag­giornamento“ gesprochen, was nichts anderes heißt als Ver­jüngung? Und legt uns das Heilige Jahr nicht vor allem ein Programm der Erneuerung vor? Dabei muß die Kirche heute aber viele ihrer Kinder ermahnen, nicht einem Mißverständnis zu verfallen und zu glauben, Erneuerung bedeute Anpassung an die Welt, die ja dem Gesetz des Todes, der jeden rein irdi­schen Wert anfällt und vernichtet, nicht anders zu entfliehen weiß, als daß sie ihren Lauf beschleunigt, eine Bewegung, die oft eine Flucht vor eben den Dingen ist, die sie kennzeichnen.

Damit haben wir dann die Revolution als unerschöpfliches Programm des politischen und sozialen Lebens. Damit haben wir die „Mode“, bei der nichts länger als „einen Morgen“ leben darf … Gewiß darf sich die Kirche, wenn sie von Er­neuerung spricht und für ihre Verjüngung sorgt, keinesfalls den schwindelerregenden Veränderungen der sichtbaren Welt an­passen, und doch lebt in ihr die Kirche ihr geschichtliches und irdischzeitliches Sein. Sie kann zahlreiche Formen modernen menschlichen Lebens übernehmen und sich zu eigen machen. Sie kann mitgehen mit den sozialen Gewohnheiten, solange diese nicht die Grundbedingungen ihres Lebens verletzen, wel­ches sie aus dem Evangelium und anderen unantastbaren, stets fruchtbaren Überlieferungen für sich ableiten muß.

Zugleich steht aber auch fest, daß die Kirche, in Treue zu ihrer inneren religiösen Einstellung, den Menschen, auch den modernen Menschen versteht, und sie ist heute vielleicht mehr denn je imstande, ihm näherzukommen, ihn anzuhören, ihn zu stärken und ihm jene Botschaft der Wahrheit auszurichten, die allein das Geheimnis für jede Zeit, für jedes Volk und für jeden Menschen in sich trägt: das Geheimnis des Lebens (vgl. Gaudium et spes). Dieses Leben ist das Jungsein der Kirche! Das sei besonders den jungen Menschen gesagt, damit sie Ver­trauen in die Kirche haben.

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Quelle: PAPST PAUL VI. WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano.

PAPST PAUL VI.: PFINGSTEN – GEBURTSSTUNDE DER KIRCHE

Bei der Generalaudienz am 5. Juni 1974

Unsere Gedanken und Herzen sind noch beim Pfingstfest, und wir wissen auch warum. Pfingsten ist ein Fest, das nicht enden darf; es geht weiter, ja es wird immer fortdauern. Wir haben gesagt, daß Pfingsten das Geburtsfest der Kirche ist. Solange also die Kirche lebt, geht das für Pfingsten cha­rakteristische Ereignis weiter: Gott haucht einer gläubigen Menschheit durch die Ausgießung des Heiligen Geistes Leben ein, und das wird — wir wiederholen es noch einmal — im­mer fortdauern. Das ist ein geschichtliches und zugleich über­geschichtliches Ereignis, denn es geschah zu einem bestimmten Zeitpunkt, 50 Tage nach dem jüdischen Paschafest bzw. für uns nach der Auferstehung Christi, und es geschah entspre­chend der Vorherbestimmung des göttlichen Heilsplanes eben bei jener Gelegenheit, als der himmlische Vater beschloß, uns das Geheimnis seines Willens kundzutun, nämlich in Christus alles zu vereinen (vgl. Eph 1, 9-10) und die Kirche zu grün­den, die „auf das Fundament der Apostel und Propheten ge­baut ist; der Schlußstein ist Christus Jesus selbst. Durch ihn wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn“. Auch wir sind ein Teil dieses Baues, „im Geist zu einer Wohnung Gottes erbaut“ (Eph 2, 20-21).

Diese geheimnisvolle Seite der Kirche verleiht ihr in der Heiligen Schrift und in der Sprache der Frömmigkeit verschie­dene symbolische Bezeichnungen: mystischer Leib, Volk Got­tes, Braut Christi, wahrer Weinstock, Herde des guten Hirten, Tempel der wahren Religion, Bundeslade, Reich Christi, Fa­milie Gottes und andere (vgl. Lumen gentium, Nr. 6). Der ety­mologischen Bedeutung nach heißt Kirche jedoch „einberufene Versammlung“, Gemeinde, Gesellschaft (vgl. Y. CONGAR, Hei­lige Kirche, Seite 16 ff, Stuttgart 1966). Der Augenblick nun, in dem diese einzigartige göttlichmenschliche Gemeinschaft zu leben und zu handeln begann, sich ihrer selbst bewußt wurde und merkte, daß sie von einer prophetischen, übernatürlichen, ganz besonderen, neuen und unbezwingbaren Kraft, nämlich vom Heiligen Geist, beseelt war, dieser Augenblick war Pfing­sten. Es war wie das Entzünden eines Feuers im Inneren jedes einzelnen, das auch nach außen seine Flammen schlug; wie ein Sturmwind, wie gewaltiges Brausen und ein Beben der Erde. Es war, als ob eine Menschenmenge gleichzeitig er­wachte, ein Ausbruch heftiger Freude, ein überquellen des Geistes in sprudelnder Beredsamkeit, das sich sogleich als Wun­der erwies, da es allen Zuhörern, die doch aus verschiedensten Ländern stammten, verständlich und offensichtlich für die ge­samte Menschheit bestimmt war. Das war die überraschende Geburtsstunde der Kirche, die wir an ihren vier wesentlichen Merkmalen erkennen: die heilige, apostolische, die eine und universale, d. h. katholische Kirche.

Eine einzigartige, immer noch bestehende Wirklichkeit, die fortdauern wird bis zur Wiederkunft Christi in Herrlichkeit, wenn auch nicht mehr von solch sichtbaren äußeren Wunder­zeichen begleitet.

Wir tun gut daran, den Bericht über dieses außergewöhn­liche Ereignis zu lesen, wie es im 2. Kapitel des ersten Buches der Geschichte der Kirche, der vom hl. Lukas geschriebenen sogenannten Apostelgeschichte, geschildert wird. Dieses Buch wird von manchen Gelehrten und Gläubigen sogar das Evangelium des Heiligen Geistes genannt oder auch die erste Verkündigung des Evangeliums durch den hl. Petrus (2, 14 ff) und dann durch den hl. Paulus (9, 20 ff). Ein sehr schönes und hochin­teressantes Buch (vgl. E. JACQUIER, Les Actes des Apôtres, Ga­balda 1926. Ein umfangreiches, nicht gerade neues, aber noch immer gültiges Werk).

Wir möchten gern, daß die Gläubigen heutzutage, noch bevor sie sich mit der Ekklesiologie befassen, dem anziehend­sten Kapitel der modernen Theologie (man denke nur an das Konzil! vgl. Y. Congar) und noch bevor sie eine Einteilung in die eigentlich theologischen Begriffe über die Kirche vor­nehmen gemäß den vier großen Kapiteln der erwähnten Merk­male dieser Kirche: die eine, heilige, katholische und aposto­lische Kirche (vgl. das umfang- und inhaltreiche Werk von Kard. C. Journet), imstande wären, gleichsam zusammenfas­send den unmittelbaren Eindruck zu erfahren, den die geistlich-spirituelle Gesamtschau der Kirche in unseren Herzen erzeugt. Es ist ein Eindruck von ursprunghafter Schönheit.

Ja, wem es gelingt, sich ein Bild von der Wesensgestalt der Kirche zu machen, der vermag sich dem einzigartigen Ein­druck der Schönheit, den sie auf unsere Herzen ausübt, nicht zu entziehen. Es ist die herrliche und vollkommene Gestalt, die Christus seiner Kirche geben wollte. Nicht umsonst schil­dert sie der hl. Paulus mit den Zügen einer durch die Liebe verzauberten Schönheit: „Christus hat die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben, um sie im Wasser und durch das Wort rein und heilig zu machen. So will er die Kirche in ihrer gan­zen Herrlichkeit vor sich erscheinen lassen, ohne Flecken, ohne Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos“ (Eph 5, 25-27). Diese Schönheit ist freilich nur ein Abglanz der Herrlichkeit Christi (vgl. HL AUGUSTINUS, Enarr. in Ps. 44; PL 36, 495-496).

Ist das etwa nur ein Wunschbild, ganz anders als die irdisch-zeitliche Gestalt der Kirche, die wir gut kennen? Dies irdische Bild läßt die Kirche in mancher Hinsicht gewiß nicht so wohl­gestaltet und anziehend erscheinen; besteht sie doch aus lauter Menschen, die noch in dieser Zeit dahinpilgern; diese Kirche hat in ihrer Geschichte auch traurige Kapitel zu verzeichnen; ihr Bild hebt sich um so stärker von dem einer ideal vollkom­menen Kirche ab, je größer der Unterschied zwischen ihrer engelgleich verklärten Gestalt und ihrem gewöhnlichen Ausse­hen ist, das uns die Erfahrung häufig bietet. So haben viele ihrer Gegner es sich zur Gewohnheit gemacht, die Kirche mit Verachtung, Feindseligkeit, bitterem Spott und sogar mit Ver­leumdung zu überschütten. Wir wollen hier weder Fehler noch Schuld der Menschen verteidigen, die die Kirche in dieser Er­denzeit ausmachen (vgl. Lumen gentium, Nr. 48). Wir wollen hier nur von jener Gestalt sprechen, mit der Christus das men­schliche Antlitz der Kirche überkleidet hat, indem er ihr eine neue Gestalt gab, die der Wiedergeburt aus der Taufe (vgl. S. AMBROSIUS, De Mysteriis, 7, 53; S. AUGUSTINUS, De doctr. ch., 32; PL 34, 83), und indem er ihr heiligmachende Kraft verlieh im Wort, in der Gnade, in dem unermüdlichen Streben, selber dem Evangelium getreu zu leben, und in dem Be­mühen, von der Liebe geleitet, gerade im Antlitz des unglück­lichen Menschen die ausdrucksvollsten Züge ihres eigenen my­stischen göttlichen Aussehens zu entdecken. Die Kirche ist In­begriff des Schönen, schon wegen ihrer Aufgabe, die Sakra­mente zu spenden, wobei sie das Unsichtbare in den sichtbaren Zeichen ihrer Riten zum Ausdruck bringt (vgl. THOMAS V. A., S. Th. I-II, 101, 2 ad 3). Sie ist schön in dem, was sie auf den Gebieten der Kunst, Liturgie und Symbolik, dem Geistlichen zugewandt, schöpferisch hervorgebracht hat. Und sie ist schön vor allem wegen der unschuldigen, reinen und geläuterten See­len, die sie hervorzubringen vermag. Denkt an den Pfingst­hymnus von Manzoni! Lest seine Heiligenbiographien ! Wo bietet uns die Menschheit sonst Gestalten, die unserer Bewun­derung und Verehrung würdiger wären? (vgl. S. AUGUSTINUS, Serm. 112; PL 38, 1012; vgl. R. CHATEAUBRIAND, Le Génie du Christianisme).

Wenn wir die Schönheit der Kirche entdecken, die sich in unserem irdischen Leben zwar kaum abzeichnet, aber doch schon irgendwie den Glanz des künftigen Lebens durchscheinen läßt, dann lernen wir die Kirche lieben, eine gute Menschheit, eine ideal gesinnte Menschheit, eine heilige Menschheit, die der Geist Jesu in dieser irdischen Zeit darauf vorbereitet, daß sie in der ewigen Herrlichkeit in vollem Glanz erstrahlen kann (vgl. H. DE LUBAC, Betrachtungen über die Kirche, Graz 1954).

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Quelle: PAPST PAUL VI. – WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974 – Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano

Kardinal Giovanni Battista Montini – als Erzbischof von Mailand: Pfingstansprache vom 9. Juni 1957 im Mailänder Dom

PFINGSTEN

DIE ENTSTEHUNG DER KIRCHE

Denken wir an Pfingsten zurück als an das Ereignis, das das Erlösungswerk vervollständigt und es — von Christus aus — über die Welt verbreitet hat. Mit ihm hat die Fortdauer Christi begonnen, es hat die Kirche ins Leben gerufen und wirkt und dauert somit erleuchtend, stärkend, belebend und heiligend fort.

Der auf dieser Erde gegenwärtige Christus hatte schon die Ge­meinschaft der Seinen begründet, die zusammengesetzt war aus einer Gruppe von Jüngern, von denen er zwölfen den Rang von Aposteln verlieh, »quos et apostolos nominavit — die er Apostel nannte« (Luk. 6,13), und aus jenen, die, mit den Aposteln vereinigt, sein Predigen aufgenommen hatten und sich vorbereitet zeigten, das »Reich Gottes« zu empfangen, und dieser entstehenden Gemein­schaft hatte er selbst den prophetischen Namen gegeben: »meine Kirche — ecclesiam meam« (Matth. 16,18). Er selbst hatte die Lehre verkündet, das Evangelium, durch welches diese Gemeinschaft unterwiesen und geleitet werden sollte. Er selbst hatte die norma­tiven Grundsätze bezeichnet, um damit der Lebensführung seiner Nachfolger Inhalt und Richtung zu geben, und Er hatte besondere Gnadenmittel eingesetzt, um seine Gläubigen zu kennzeichnen und für jene Form des Lebens zu rüsten, die seine Nachfolge verlangt. Er selbst hatte der »kleinen Schar« befohlen, sich, ausgerüstet nur mit den Waffen des Wortes und der Gnade, aufzumachen, um die Welt zu erobern, und hatte die wunderbare, aber gleichzeitig mühselige und befehdete Verbreitung seiner Botschaft vorausge­sagt.

Aber all das, wie einzigartig und ermutigend es auch war, schien der Gruppe der ersten Nachfolger doch keine andere Organisation und keine andere Aktionsfähigkeit zu verleihen als die, über welche auch sonst menschliche Vereine bei ihrem Entstehen verfügen. Al­lerdings kam dazu die erschwerende Last der offenbaren Mißver­hältnisse zwischen der kleinen Anzahl von Menschen, aus denen der von Christus zusammengefügte Kern bestand, und den unermeß­lichen, steilen, schwer erkennbaren und noch obendrein dem spontanen menschlichen Gefühl unangenehmen Zielen, die es zu verfolgen galt. Bis zum letzten Tag, an dem Christus bei ihnen war, hatten nicht einmal die Apostel eine klare Vorstellung davon, was sie tun sollten und was sie erwartete. Noch knapp vor der Himmelfahrt Christi, als sie erfaßten, daß sich etwas Entscheidendes ereignen würde, fragten sie Ihn: »Herr, richtest du in dieser Zeit das Reich Israel wieder auf?« (Apg. 1,6). Das heißt, daß die Kirche zwar schon existierte, daß es ihr aber noch an Bewußtheit, an innerem Zusammenhalt, an ihrem ureigenen Leben mangelte, die sie in eine religiöse von Christus ausgehende Gemeinschaft verwandelte — von Christus nicht nur als ihrem Begründer, sondern auch als ihrem Lebensprinzip; es fehlte der Heilige Geist. Die Kirche war ein Leib, aber noch der Seele bar.

Ein frommer und tiefschürfender Schriftsteller sagt zu dieser Frage: »Obwohl Jesus Christus nach der Auferstehung unseren Augen unsichtbar geworden ist, fühlen wir dennoch, daß er mit uns lebt — weil wir seinen Atem verspüren. Ich nenne Atem Jesu Christi die Ausgießung des Heiligen Geistes … Am Morgen des Pfingstfestes hat das Menschengeschlecht diesen mächtigen Atem zum erstenmal verspürt.«

Die Seele der Kirche ist der Heilige Geist, das will sagen: Das unsichtbare und übernatürliche Prinzip, das die Kirche Christi leben macht, indem es in ihr die gewohnte, alle ihre Glieder durchfließende Gnade verbreitet, ist der ständige Beistand des Heiligen Geistes, der die Kirche zu der mit Christus verbundenen Menschheit macht, zum Mystischen Leib Christi, und ihr Fähigkeit und Gnaden verleiht, kraft deren er ihr Wissen von sich selbst erzeugt und alle Geschicke lenkt und leitet.

Diese Lehre wird wunderbar erläutert durch die Enzyklika des Papstes Pius XII. (1943) über den Mystischen Leib: »Christus der Herr läßt die Kirche an seinem übernatürlichen Leben teilnehmen, durchdringt ihren ganzen Leib mit seiner göttlichen Kraft und nährt und erhält die einzelnen Glieder gemäß dem Rang, den sie im Leibe einnehmen, ungefähr in der Weise, in welcher der Weinstock die mit ihm verbundenen Rebzweige nährt und fruchtbar macht. Wenn wir nun aufmerksam dieses göttliche von Christus gegebene Lebens- und Kraftprinzip in sich selbst betrachten, insofern es die Quelle einer jeden geschaffenen Gabe und Gnade bildet, werden wir leicht verstehen, daß es nichts anderes ist als der Tröster Geist, der vom Vater und vom Sohne ausgeht und der in besonderer Weise Geist Christi und Geist des Sohnes genannt wird.«

So erscheint uns der Heilige Geist als belebendes Prinzip der Kirche. Lebensspender nennen wir ihn im Glaubensbekenntnis. Er ist das vereinigende Prinzip. »Dem Geist Christi als dem unsichtbaren Prinzip«, sagt die genannte Enzyklika noch, »kommt auch die Aufgabe zu, alle Teile des Leibes untereinander sowie mit ihrem erhabenen Haupte zu verbinden.« Er ist das Prinzip, das die verschiedenen Teile des Mystischen Leibes differenziert, indem er jedem seine besondere Funktion gibt: »All die vielen Glieder des Leibes«, schreibt der hl. Paulus, »bilden jedoch zusammen einen Leib. So ist es auch bei Christus. Wir alle sind durch die Taufe in einem Geist zu einem Leib geworden … Der Leib besteht ja auch nicht aus nur einem Glied, sondern aus vielen … So aber gibt es viele Glieder, jedoch nur einen Leib« (1. Kor. 12,12 ff.). Er (der Heilige Geist) ist das wirksame und heiligende Prinzip. » Jedem einzelnen«, lehrt der hl. Paulus (1. Kor. 12,7 ff.), »wird die Offenbarung des Geistes zum Nutzen aller verliehen. Dem einen nämlich wird durch den Geist das Wort der Weisheit verliehen, dem anderen das Wort der Erkenntnis nach demselben Geist, einem anderen der Glaube in demselben Geist.«

»Das, was die Seele für den Leib des Menschen ist«, so schließen wir mit dem hl. Augustinus, »ist der Heilige Geist für den Leib Christi, für die Kirche.«

Diese erstaunliche Lehre, die sich durch die Existenz und Geschichte der Kirche bestätigt, stellt heute einen besonders wichtigen Aspekt im Rahmen der Bemühungen um die allgemeine und gemeinschaftliche Belebung des ganzen Mystischen Leibes dar, die dahin geht, daß sie auch die einfachen Gläubigen mit Funktionen betraut und zu lebendigen Gliedern der Kirche macht, ihnen ihre besondere Würde und eine nicht mehr nur rein passive Haltung in bezug auf das Gute der Kirche verleiht.

Wir wissen sehr wohl, daß sich die Kirche Christi in ihrer kämpferischen Phase auf dieser Erde zu einer sichtbaren, organischen und somit hierarchischen Form zusammenfügt und daß auch diese hierarchische Beschaffenheit eine glänzende Darstellung ihres Wesens ist, die nicht nur die verschiedene Verteilung der Gewalten im Schoß der Kirche an deren Gliedern aufzeigt, sondern auch ihre konstitutiven Merkmale wunderbar ins Licht setzt: ihre Einheit und Heiligkeit, ihre Katholizität und Apostolizität. Die Kirche setzt sich in der Tat aus zwei deutlich unterschiedenen Kategorien von Gläubigen zusammen: aus dem Klerus und aus den Laien. Der ersten Kategorie, welche bestimmte, sich auf den ganzen Leib der Kirche beziehende Funktionen hat, gehören jene an, die kraft des Sakraments der Priesterweihe und des kirchlichen Auftrages besondere Macht ausüben — Lehre, Kult, Lenkung — und die in den Abstufungen der Fülle dieser Macht eben die kirchliche Hierarchie bilden. Eine aktive Gruppe, die Lehrende Kirche, Menschen, die in der Kraft des Heiligen Geistes eine Aufgabe an den anderen Gliedern der Kirche zu erfüllen haben, an der Hörenden Kirche, dem gläubigen Volk; sie zu lehren, zu heiligen und zu lenken.

Aber wenn dennoch die Funktionen der Kleriker gegenüber denen der Laien verschieden sind, so wissen wir doch auch zwei andere Dinge, denen moderne Theologie ihre Aufmerksamkeit gerne zuwendet. Das erste betrifft die völlig unterschiedslose Gleichheit aller Glieder der Kirche in bezug auf die übernatürliche Berufung: alle, Kleriker wie Laien, sind gleichermaßen Gläubige, alle sind die gleichen Christen, alle in gleicher Weise Schuldner Gottes in der Gnade, im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe; alle sind zum gleichen ewigen Schicksal berufen, und alle sind sie Brüder: »Omnes autem vos fratres estis — Ihr aber seid alle Brüder« (Matth. 23,8). Wenn Verschiedenheit der Talente und Kräfte die Gläubigen voneinander unterscheidet, erwartet sie doch dort oben das gleiche Urteil; ja ein anspruchsvolleres und strengeres dort, wo höherer Reichtum an weit umfassenderen Gaben eine weit höhere Verantwortlichkeit erzeugt, die alle Leistung ins richtige Maß rückt.

Die zweite Sache betrifft die Stellung der Laien in der Kirche und die ihnen zukommende Rolle in der großen Familie Christi. Wenn wir sie so klar vom Klerus getrennt betrachten, überkommt uns die Freude darüber, daß auch sie eine so große, ihren Stand begründende Würde haben. Durch die bloße Tatsache, daß sie Christen sind, sind auch sie, durch die Taufe, Gotteskinder, sind sie durch die Firmung vollkommene Christen und Soldaten Christi, also lebendige und aktive Glieder der Kirche, nicht nur passive und untätige, ohne Rechte und Ehren; auch nicht ausgeschlossen von der großen Berufung zur Vollkommenheit und Heiligkeit, sondern Bürger des Reiches Gottes, Gegenstand der Sorge und der Achtung der ganzen christlichen Gemeinschaft und insbesondere dessen, der verpflichtet ist, für das allgemeine Heil zu sorgen.

»Die Heiligen« (vgl. 1. Petr. 1,15) nannten sich einst die Gläubigen, ganz gleich, welchen Status sie in der Kirche einnahmen; sie waren und sind unentbehrliche Mitglieder der christlichen Gemeinschaft, sie genießen, was die Art ihrer Heiligung im Schoß der Kirche anlangt, große Freiheit und disziplinierte, aber weitläufige Initiative: Das religiöse Leben erwächst daraus. Ja man hat noch mehr gesehen in diesen Beziehungen der Gläubigen zum übernatürlichen Zustand; der Apostel Petrus hat es ein »sacerdotium sanctum«, ein »regale sacerdotium« genannt — ein »heiliges Priestertum«, ein »königliches Priesterum« (1. Petr. 2,7-9), das dem ganzen christlichen Volke gemein ist.

Der hl. Ambrosius sagt, daß jeder von uns geheiligter Priester ist, und der hl. Johannes Chrysostomus erklärt, daß es jeder in der Taufe wird; denn mit der Taufe werden wir Glieder Christi, und — wie Augustinus sagt — »alle sind Priester, insofern sie Glieder des einzigen Priesters sind«, während der hl. Thomas hinzufügt, daß »jeder gute Mensch sich im mystischen Sinne Priester nennen kann, weil er sich selbst als mystisches Opfer Gott darbietet, das heißt als lebendige Hostie für Gott«. Nicht daß diese Teilhaftigkeit am Priesteramt Christi und diese Fähigkeit, sich seinem Opfer zu vereinigen, die dem Sakrament der Priesterweihe eigentümlichen liturgischen Kräfte verleihen, sie schenken jedoch dem Christen, auch dem einfachen Gläubigen, den eigentümlichen Charakter des priesterlichen Leibes Christi und machen so aus der christlichen Gemeinschaft eine »priesterliche Stadt«, das heißt, heilig und zum göttlichen Kult fähig.

In der Enzyklika über den Mystischen Leib preist ein lichtvoller Abschnitt die Würde eines jeden Christen: »Man darf etwa nicht glauben, die organische Struktur der Kirche erschöpfe sich in hierarchischen Stufungen … Mit vollem Recht haben die Kirchenväter, wenn sie die Dienstleistungen, Stufen, Berufe, Stellungen, Ordnungen und Ämter dieses Leibes hervorheben, nicht nur jene vor Augen, die heilige Weihen empfangen haben, sondern auch alle jene, die nach Befolgung der evangelischen Räte ein tätiges Leben unter den Menschen oder ein in der Stille verborgenes führen, oder auch beides je nach ihrer besonderen Verfassung zu verwirklichen trachten; ferner jene, die, obgleich in der Welt lebend, doch sich eifrig in Werken der Barmherzigkeit betätigen, um anderen seelische oder leibliche Hilfe zu leisten; endlich auch jene, die in keuscher Ehe vermählt sind. Ja es ist zu beachten, daß zumal in den gegenwärtigen Zeitverhältnissen die Familienväter und -mütter, auch die Taufpaten und namentlich jene, die als Laien zur Ausbreitung des Reiches Christi der kirchlichen Hierarchie hilfreiche Hand bieten, einen ehrenvollen, wenn auch oft bescheidenen Platz in der christlichen Gemeinschaft einnehmen, ja daß auch sie mit Gottes Huld und Hilfe zur höchsten Heiligkeit aufsteigen können.«

Diese Erläuterung der adeligen und lebendigen Stellung des Laientums in der Kirche bejaht und rechtfertigt das Interesse, das sich heute durch die Mitarbeit des Laientums selbst äußert: Was kann es tun? Was soll es tun?

In diesen Jahren haben einige Erscheinungen von immensen Maßen ein dramatisches und wunderbares Kapitel im geschichtlichen Epos der modernen Kirche angezeigt. Diese Phänomene versetzen die Mutter Kirche einerseits in Leid und Angst: Das moderne Leben scheint gegen sie zu revoltieren, und zwar durch die Ungläubigkeit, zu der es sich bekennt, durch die im Menschen erzeugte Illusion, in allem hinreichend befriedigt zu sein, ferner durch den Laizismus und Atheismus, die der immer agnostizistischeren und materialistischeren Geistigkeit der zeitgenössischen Auffassung vom Menschen den Charakter ihrer düsteren Kräfte verleihen. Auf dies alles folgt — von seiten ganzer Völker und der neuen Generation — der Abfall von den heiligen und erhabenen religiösen Überlieferungen, die doch das kostbarste und umsorgteste Erbe unseres Zeitalters darstellen müßten; und mit diesem Abfall die peinliche Unzulänglichkeit des Klerus, sei es an Zahl wie auch an Kraft, um ihr Rettungswerk in einer Gesellschaft durchzuführen, die ihre wahre und letzte Bestimmung vergessen hat. Daraus resultiert ein Zustand, den man als Krise des Katholizismus bezeichnen könnte. Aber andererseits bestätigen Phänomene, die wert sind, daß man sie festhält, eine mächtige Lebenskraft der Kirche; immer mehr der Hilfsmittel und Privilegien beraubt, die ihr aus der umgebenden Gesellschaft zukommen, holt sie aus ihrem eigenen Schoß die Kräfte, sich zu verteidigen und zu gedeihen. Die Kirche, möchte man sagen, beugt sich unter dem ungeheuren Druck der modernen Irreligiosität auf sich selbst zurück, und in dieser inneren Sammlung, ich will sagen: in diesem Zurückgreifen auf die in ihr vorhandenen übernatürlichen Quellen, erprobt sie, wie stark sich ihr Selbstvertrauen, ihre Energie und ihre Eroberungsfähigkeit vervielfältigen. Es ist der Strom des Heiligen Geistes, der nach wie vor in ihre Glieder eindringt, sie beweglich macht und kräftigt. Es ist der Pfingststurm, der in die Segel des mystischen Bootes fährt, das keine Unwetter mehr fürchtet. Es ist, unter sichtbarem und sozialem Aspekt, der Eintritt des katholischen Laientums in eine kräftigere und betonte Zusammenarbeit mit dem hierarchischen Apostolat.

Man hat von der »Mission der Laien«, der »Stunde des Laientums« und der »apostolischen Funktion des Laien« gesprochen; doch hat man damit nicht eine von unten her aufsteigende demokratische Bewegung gemeint, die der Hierarchie Teile ihrer Macht streitig machen oder die Gläubigen von der Vormundschaft der Hierarchie befreien sollte durch Bewußtmachen eines eigenen Vermögens und durch Ausschauhalten nach einer eigenen Autonomie; noch viel weniger hat man dabei den schismatischen Versuch im Auge gehabt, parallel zur kirchlichen eine Hierarchie der Laien her-vorzubringen, und schon gar nicht die Übertragung von besonderen sakralen oder richterlichen Machtvollkommenheiten von der Hierarchie auf die Laien, so als würden diese gleichsam an der Ausübung der priesterlichen Obliegenheit beteiligt werden.

Wir meinen vielmehr die Mitarbeit, welche die Laien als solche als bewußte und großmütige Kinder der Kirche — ihr in dieser schrecklichen und wunderbaren Stunde leihen können. Die Kirche ruft sie, die Kirche ermuntert sie, die Kirche mobilisiert sie, schafft ihnen die modernen und geeigneten Formen, besonders in der Katholischen und sozialen Aktion, damit sie so in die Möglichkeit und in den ehrenvollen Stand gesetzt werden, wirksam und kämpferisch, aktiv und freudig mitzuhalten bei dem wagemutigen Unter-nehmen der modernen Glaubensverkündigung.

Eine große Stunde ist das, die den Gläubigen Gelegenheit bietet, das katholische Leben als Würde und Glück, als Adel und Berufung aufzufassen; eine große Stunde, die das christliche Bewußtsein aus der gewohnten trägen Schläfrigkeit aufweckt, in die es für so viele hineingeraten ist, und ihm das Licht neuer Rechte und neuer Pflichten schenkt. Eine große Stunde, die nicht gestattet, daß einer sich Christ nennt und zugleich moralisch ein schlaffes, mittelmäßiges, abgesondertes und egoistisches Dasein führt, das lediglich durch die kümmerliche Befolgung irgendeiner religiösen Vorschrift gekennzeichnet ist, anstatt verwandelt zu sein durch den positiven, ritterlichen und bisweilen heroischen, immer aber demütigen und zähen Willen, den eigenen Glauben aus voller Überzeugung und ganzem Vorsatz zu leben. Groß ist diese Stunde, die dem christlichen Volk seine Schüchternheit und Furcht nimmt, es befreit vom Dämon der Zwietracht und des Individualismus und von der Feigheit der alle geistigen Ziele vergewaltigenden zeitlichen Interessen. Große Stunde, die sogar aus den Kindern, aus den Jugendlichen, aus den Frauen, selbst aus Denkern und Geschäftsleuten wie auch aus den Kranken Scharen von lebendigen Seelen macht, die brennen für den Messianismus des Reiches Gottes, der weder phantastisch noch illusionistisch ist. Eine große Stunde, in der das Christenvolk so verschmilzt, daß es in einem erneuerten hierarchischen und brüderlichen Sinn »ein Herz und eine Seele« wird rund um den Altar Christi: überzeugt der Klerus, gemeinsam mit allen Gläubigen zu beten, und die Gläubigen davon durchdrungen, an der geheimnisvollen und überwältigenden Liturgie der Kirche teilzunehmen. Groß ist diese Stunde, in der das Pfingstfest den Mystischen Leib Christi mit dem Heiligen Geist erfüllt und ihm von neuem prophetischen Geist gibt entsprechend der Botschaft des Apostels Petrus in der ersten christlichen Predigt, die die Menschheit hörte: »Dann werden eure Söhne und Töchter weissagen, eure Jünglinge Gesichte schauen und eure Greise Traumgesichte haben. Selbst über meine Knechte und Mägde werde ich ausgießen meinen Geist in jenen Tagen, und sie werden weissagen« (Apg. 2, 17-18); das heißt, sie werden innere geistige Fülle genießen und die Fähigkeit haben, davon wunderbare äußere Zeugenschaft abzulegen.

Die Einladung der Kirche ist dringlich und vertrauensvoll, doch darf man nicht verschweigen, daß sie schlecht aufgenommen und interpretiert werden kann. Die aktive Einbeziehung des Laientums in das Leben der Kirche kann ihre Gefahren haben und Entgleisungen mit sich bringen, worauf Wir deshalb sofort verweisen, damit verhindert werde, daß eine so schöne und segensreiche Sache ausarte und schwierige Verbesserungen nötig mache. Wir weisen zum Beispiel auf die doppelte Gefahr des Temporalismus und des Laizismus hin.

Des Temporalismus, sagten wir; das ist die Gefahr, daß die Laien in der Kirche in wachsendem Maße Aufgaben übernehmen und so den Namen und die Verantwortlichkeit der Kirche in profane Bereiche und Angelegenheiten hineinziehen. Solche Bereiche und Angelegenheiten sind mehr Sache des Laientums, dem es nicht, wie dem Klerus, untersagt ist, sich mit den Dingen dieser Welt um ihrer selbst, also um rein irdischer Ziele willen abzugeben, etwa mit weltlichen und politischen Belangen. Daraus kann die Gefahr entstehen, daß, wie man heute zu sagen pflegt, das Heilige mit dem Profanen vermengt wird. Deshalb wird es ratsam sein, zu unterscheiden zwischen der eigentlichen religiösen, katholischen und kirchlichen und der rein sozialen und politischen Aktion der Katholiken; eine Unterscheidung, die immer betont werden muß, sobald man auf dem Feld der Aktion — in bezug auf die Prinzipien, die stets allen bewußt bleiben und für alle gemeinsam sein müssen — mehr die Mittel als die Zwecke und eher die zeitliche als die moralische und geistige Ordnung im Auge hat.

Vom Laizismus droht — an zweiter Stelle — noch eine andere Gefahr; wir wollen von dieser Tendenz sagen, daß sie sich manchmal bei den Katholiken selbst äußert, die sich gegenüber der kirchlichen Hierarchie mitunter ihre eigenen unabhängigen Rechte anmaßen; sie denken, der Klerus möge sich auf die bloße Ausübung des Kultes beschränken und darauf, die christliche Lehre theoretisch darzulegen, wenn es dem selbstgenügsamen Laizismus gerade gefällt, die Geistlichen dazu einzuladen, ihre heiligen Funktionen zu erfüllen; auf diese Art spricht er dem Geistlichen das Recht ab, dort dauernden Beistand zu leisten, Rat zu erteilen und die moralische Führung innezuhaben, wo es ständig darum geht, die Prinzipien zu behaupten, und wo die praktische Steuerung allen Wirkens und die Lenkung der im christlichen Namen und für die christliche Sache geschaffenen Organisationen auf Schritt und Tritt die moralische Mitverantwortlichkeit und geistige Teilnahme auch des Klerus miteinschließt. Das katholische Laientum muß verstehen, daß seine Würde und Aktionsfähigkeit sich nicht herleiten dürfen von einer fortschreitenden Verselbständigung gegenüber der kirchlichen Autorität, sondern davon, daß die Laien die unaufhebbare Sendung derer, die der Heilige Geist zur Leitung der Kirche Gottes eingesetzt hat, wie Söhne unterstützen und sich in Liebe mit ihr solidarisch erklären (vgl. Apg. 20,28).

Es sind dies ernsthafte Gefahren, die neue Probleme, seien es theoretische oder praktische, ins Leben rufen, an deren Lösung auch die Zeit und die Erfahrung — über die Logik der Prinzipien und das Lehramt der Kirche hinaus — noch arbeiten müssen. Sie sind aber mit der menschlichen Natur und mit eben dem Phänomen, das wir gerade feiern, eng verknüpft; mit der Erneuerung des Pfingstereignisses unter den neuen, aufrüttelnden geschichtlichen und geistigen Bedingungen unserer Gegenwart.

Und es sind keine solchen Gefahren, daß sie den Klerus und die Gläubigen von der großen Aufgabe unserer Tage abbrächten, von jener nämlich, die kämpferische Kirche durch die Mobilisierung der zusammenarbeitenden Kräfte, die aus dem Laientum kommen können, zu beleben.

Und wolle Gott, daß das Pfingstereignis, das in den Reihen des Laientunis großartige aktive und bekennende Kräfte weckt, auch weiterhin der Kirche Scharen von katholischen Laien zuführen möge, die tief vom christlichen Geist durchdrungen sind, die bereit sind zu Verteidigung und Eroberung, sich in den vielfältigen Werken der geistigen und zivilen Erneuerung fügsam und mutig erweisen und immer brüderlich vereint und solidarisch sind.

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Quelle: Papst Paul VI. – Christus und der Mensch von heute – Ansprachen und Aufsätze, ausgewählt und eingeleitet von Don Virgilio Levi – Wilhelm Goldmann Verlag, München.

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner Predigt zum Hohen Pfingstfest 2013 im Hohen Dom zu Köln am 19. Mai 2013

 

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Der Heilige Geist ist der Lebensatem Gottes, der den Sohn Gottes mit seinem
himmlischen Vater verbindet. Man empfängt ihn als Christ, indem man in die
Atemnähe des Sohnes herantritt, wenn man sich gleichsam von Jesus Christus
beatmen lässt. Je näher am Herrn, desto näher an der Quelle des Heiligen Geistes.
Der Heilige Geist wohnt im Worte Christi. Nicht im Weggehen vom Wort begegne
ich dem Geist, sondern im Zugehen auf sein Wort. Das Wort Christi ist die Stätte
des Heiligen Geistes. Jesus ist die Gegenwart des Geistes Gottes. Je näher wir an
ihn herantreten, desto realer treten wir in den Geist, und je realer tritt der Geist in
uns ein. Der Geist Gottes wird nicht ansichtig im Weggehen vom Sohne Gottes, von
Christus, sondern im Herantreten an den Sohn. In der Atemnähe Jesu empfange
ich den Heiligen Geist. Die Kirche Christi ist gleichsam die Atemnähe des Herrn in
unserer Welt. Heute ist das besonders spürbar in der Feier des Pfingstfestes, das
auch Fest des Heiligen Geistes genannt wird.

1. Der Heilige Geist offenbart sich am Pfingsttag im Sturm, der über den
Aposteln spürbar wird. Das ganze Haus in Jerusalem wurde vom Sturm des Heiligen
Geistes am Pfingsttag erfüllt. Sturm ist intensiver Atem. Sturm ist vor allen
Dingen ein Ausdruck für Macht, in der alten Welt immer für die Macht Gottes, der
die Welt herumwirbelt und die Sterne bewegt, als ob sie Sandkörner wären. Der
Sturm ist aber auch Ausdruck für das Element Luft, das diese Erde von allen anderen
Gestirnen unterscheidet und sie damit ausdrücklich zum Stern des Lebens
werden lässt. Nur wo Luft ist, haben Lungen einen Sinn. Und wo Luft ist, kann geatmet
werden. Und nur dort, wo geatmet werden kann, ist Leben möglich. Was
dieses geheimnisvolle Element der Luft für das biologische Leben bedeutet, das ist
der Heilige Geist für jedweden Geist. Nur wo er geatmet wird, kann das Menschsein
in seiner Würde bestehen, kann Humanität gedeihen, kann menschlicher Geist
sich wirklich entfalten und selbst kreativ werden.
Heute muss leider viel von Umweltverschmutzung und Umweltvergiftung
gesprochen werden. Es gibt aber auch eine geistige Umweltvergiftung, in der die
Herzen der Menschen nicht mehr atmen können. Kinder, Jugendliche und Erwachsene
leben heute auch unter den Einflusssphären des unheiligen Geistes, etwa was
alles in Internet, in Funk und Fernsehen, in Film und Theater, in Schule und Freizeit
auf Menschen heute einwirken kann. Das ist ja nicht immer alles gut und hilfreich.
Wenn der gesellschaftliche Konsens heute in Westeuropa davon ausgeht,
dass die Naturwissenschaft Gott im Labor nicht nachgewiesen hat und es ihn darum
nicht gibt, dann werden Räume für die Götter und Götzen frei, die mit ihrem
unseligen Geist die Herzen der Menschen umnebeln. Unsere Berufung als Jünger
Jesu besteht darin, uns um die reine Luft des Heiligen Geistes zu mühen und in der
Gemeinschaft der Glaubenden, in Familie, Gemeinde und wo auch immer, heilige
Oasen des Atmens und des Aufatmens für Herz und Seele zu schaffen.

2. Der Heilige Geist ist der Geist der Furchtlosigkeit. Der Heilige Geist überwindet
immer die Furcht der Menschen. Die Jünger hatten sich in Jerusalem hinter
verschlossenen Türen vor den Juden versteckt, weil sie ihren Herrn gekreuzigt
hatten und sie selbst verhaftet und hingerichtet werden konnten. Jetzt aber verkünden
sie furchtlos die Frohe Botschaft vom Gekreuzigten und von seiner Auferstehung,
weil sie sich nun in den Händen des Stärkeren wissen. Der Heilige Geist
überwindet die Furcht. Eine Welt des Heiligen Geistes ist nicht geprägt durch unbekannte
Geister und Mächte, sondern durch den Geist, der die Liebe ist und als
die Liebe Gottes Ausdruck seiner göttlichen Allmacht darstellt. Deswegen ist
Furchtlosigkeit immer das Zeichen für den Heiligen Geist, der uns in die Hände der
allmächtigen Liebe Gottes stellt. Darum kann auch der Glaube, wo er gesund ist,
sich furchtlos und tapfer den Mächten und Gewalten dieser Welt entgegenstellen,
weil er sich von dem geführt und gehütet weiß, der als der Stärkere den Starken
überwunden hat. Es ist nicht so, als ob in einer Welt, die den Glauben endgültig
beiseite gewischt hat, dann endlich die reine Vernunft und die reine Furchtlosigkeit
aufstünde. Ganz im Gegenteil! Wo das geschieht, da muss der Mensch wieder
das Fürchten und Gruseln lernen. In einer solchen Umwelt lernt man das Heulen
und Zähneknirschen, wie die Heilige Schrift die Gottferne umschreibt. Wo der
Geist Gottes aber weht, dort ist die Liebe Gottes. Und „Furcht gibt es in der Liebe
nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht“ (1 Joh 4,18), schreibt
Johannes in seinem ersten Brief. Die Geschichte der Heiligen ist eine Geschichte
des Heiligen Geistes und damit auch eine Darstellung christlicher Furchtlosigkeit
in allen Jahrhunderten, unter allen möglichen und unmöglichen Situation. Das ist
der Sieg, der die Welt überwindet: unser Osterglaube. Er verleiht uns Mut und
Furchtlosigkeit. Gott lebt, Christus ist auferstanden! Vor wem sollten wir uns dann
noch fürchten? Das ist die Botschaft des Heiligen Geistes am Pfingstfest.

3. Der Heilige Geist stellt sich uns in brennenden Feuerzungen über den
Aposteln in Jerusalem dar. Christus ist eigentlich der wahre Prometheus, der das
Feuer vom Himmel geholt hat. Dieses Feuer als Kraft des Heiles bringt nicht der
Titan, der Gott beiseiteschiebt, sondern der Sohn des lebendigen Gottes selbst
hervor, der sich dem Feuer der Liebe aussetzt und damit die Mauern der Feindschaft
verbrennt. So wird das Feuer zur Kraft der Verwandlung, der Liebe und einer
neuen Welt. Christentum ist wie Feuer. Es gibt ein außerbiblisches Herrenwort,
das heißt: „Wer mir nahe ist, ist nahe dem Feuer“. Das Christentum ist keine langweilige,
farblose oder laue Angelegenheit. Das Evangelium ist kein frommer Wortschwall,
mit dem wir uns an jeden Wagen anhängen könnten, um immer noch dabei
zu sein. Christentum verlangt von uns die Leidenschaft des Glaubens, die sich
zur Leidenschaft Jesu Christi stellt und von ihr her die Welt erneuert. Darum sagt
der Apostel Paulus ausdrücklich: „Lasst euch vom Geist entflammen!“ (Röm
12,11), oder „Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,19). Die großen Feuerpropheten
des Alten Bundes sind schon pfingstliche Gestalten vor dem eigentlichen
Pfingsten. Ein geistlicher Mensch ist immer ein feuriger Mensch. In seiner Umgebung
können die Funken sprühen, und die Funken können überspringen. Feuer
steckt an.

Am Pfingstfest hat keiner das Recht, kein Optimist zu sein. Heute hat niemand
das Recht, mit seiner Freude zurückzuhalten. Wem könnten wir denn glauben
machen, dass Gott sich uns geschenkt hat, dass wir Gott in unseren Herzen, in
unseren Händen und auf unseren Lippen tragen, wenn wir darüber nicht begeistert
wären? Gott ist so nahe zu uns gekommen, wie sollte er da nicht unsere leidenschaftliche
Liebe erweckt haben? Dieser Gott wird schlecht verkündet, wenn er
von uns nicht leidenschaftlich verkündet wird. Uns alle beauftragt Gott heute, ihn
zu verkünden. Uns alle schickt er heute hinaus, wie einst die Apostel aus dem
Abendmahlsaal, wo sie sich eingeschlossen hielten. Und er jagt uns gleichsam vor
die Tür auf die Straße, damit wir unsere Welt erschüttern durch unsere große und
unglaubliche Neuigkeit: Wir sind keine Waisen mehr! Gott ist wirklich zu uns wiedergekommen!
Auch wir werden nun bewohnt, bevölkert und durchdrungen von
seinem Geist der Stärke und der Weisheit, von seinem Geist der Freude und des
Glaubens. Der Glaube sagt uns ausdrücklich: Der Geist Gottes ist die einzige Wirklichkeit,
die zählt. Alles Übrige ist Schatten. Öffnen wir unser Leben dem Schöpfergeist
Gottes, und er wird durch uns das Angesicht der Erde erneuern. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln

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Quelle