Ansprache von Papst Franziskus während der Audienz anlässlich der Konferenz „(Re)thinking Europe“ am 28. Oktober 2017 im Vatikan

„Rethinking Europe“: COMECE traf sich mit Papst Franziskus

 

Eminenzen, Exzellenzen,

sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens, meine Damen und Herren, es freut mich, bei dieser abschließenden Zusammenkunft des von der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) veranstalteten Diskussionsforums (Re)Thinking Europe. Ein christlicher Beitrag zur Zukunft des europäischen Projekts teilzunehmen. Ich grüße insbesondere den Präsidenten, Seine Eminenz Kardinal Reinhard Marx, wie auch den Präsidenten des Europäischen Parlaments Antonio Tajani und ich danke ihnen für die ehrerbietigen Worte, die sie vorhin an mich gerichtet haben. Jedem von Ihnen möchte ich meine große Wertschätzung dafür zum Ausdruck bringen, dass Sie sich so zahlreich in diese wichtige Diskussionsrunde eingebracht haben.

Der Dialog dieser Tage hat die Gelegenheit dazu gegeben, dank der Anwesenheit von verschiedenen Personen unter Ihnen aus dem kirchlichen, politischen, akademischen Bereich oder einfach aus der zivilen Gesellschaft auf umfassende Weise über die Zukunft Europas aus einer Vielzahl von Blickwinkeln nachzudenken. Die Jungen haben ihre Erwartungen und Hoffnungen vorbringen und sie mit den Älteren diskutieren können, die ihrerseits die Möglichkeit hatten, ihnen ihren Erfahrungsschatz und ihre Überlegungen mitzuteilen. Es ist bezeichnend, dass diese Begegnung vor allem ein Dialog im Geist einer freien und offenen Auseinandersetzung sein wollte, durch den eine gegenseitige Bereicherung stattfinden und der Zukunftsweg Europas beleuchtet werden sollte, oder vielmehr der Weg, den wir alle zusammen aufgerufen sind zu beschreiten, um die Krisen zu überwinden, die wir durchmachen, und uns den Herausforderungen zu stellen, die auf uns warten.

Von einem christlichen Beitrag zur Zukunft des Kontinents zu sprechen, bedeutet vor allem, sich die Frage unserer Aufgabe als Christen heute in diesen im Lauf der Jahrhunderte so reich durch den Glauben geprägten Ländern zu stellen. Welche Verantwortung haben wir in einer Zeit, in der das Angesicht Europas immer mehr von einer Pluralität von Kulturen und Religionen gekennzeichnet ist, während das Christentum für viele als ein fernes und fremdes Element aus der Vergangenheit wahrgenommen wird?

Person und Gemeinschaft

Als die antike Zivilisation unterging und die Herrlichkeiten Roms zu jenen Ruinen wurden, die wir heute noch in der Stadt bewundern können, als die neuen Völker über die Grenzen des alten Reichs drängten, ließ ein junger Mann die Stimme des Psalmisten widerhallen: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“1. Mit der Formulierung dieser Fragestellung im Prolog der Regula lenkte der heilige Benedikt die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen und die unsere auf eine Auffassung vom Menschen, die sich von derjenigen der griechisch-römischen Klassik und noch mehr von jener gewalttätigen, die für die einfallenden Barbaren charakteristisch war, radikal unterschied. Der Mensch ist nicht mehr einfach ein civis, ein mit Vorrechten ausgestatteter Bürger, an denen er sich in der Muße erfreuen kann; er ist nicht mehr ein miles, ein kämpferischer Diener des jeweiligen Machthabers; vor allem ist er nicht mehr ein servus, eine Tauschware, die der Freiheit beraubt ist und einzig für die Arbeit und die Anstrengung bestimmt ist.

Der heilige Benedikt achtet nicht auf den sozialen Stand oder auf den Reichtum oder die Macht, die jemand innehat. Er wendet sich an die gemeinsame Natur jedes Menschen, der – gleich welchen Standes – sich nach dem Leben sehnt und sich glückliche Tage wünscht. Für Benedikt gibt es keine Rollen, sondern Personen. Gerade dies ist einer der Grundwerte, den das Christentum gebracht hat: der Sinn für die Person, die nach dem Ebenbild Gottes gebildet ist. Ausgehend von diesem Grundsatz wird man Klöster bauen, die über die Zeit zur Wiege der menschlichen, kulturellen und religiösen und auch wirtschaftlichen Renaissance des Kontinents werden.

Der erste und vielleicht größte Beitrag, den die Christen dem heutigen Europa bringen können, ist es, daran zu erinnern, dass es nicht eine Ansammlung von Zahlen oder Institutionen ist, sondern aus Menschen besteht. Leider ist festzustellen, wie sich jegliche Debatte oft leicht auf eine Diskussion über Zahlen reduziert. Es gibt nicht die Bürger, es gibt die Stimmen bei Wahlen. Es gibt nicht die Migranten, es gibt die Quoten. Es gibt nicht die Arbeiter, es gibt die Wirtschaftsindikatoren. Es gibt nicht die Armen, es gibt die Armutsgrenzen. Die konkrete menschliche Person wird so auf ein abstraktes, bequemeres und beruhigenderes Prinzip reduziert. Der Grund hierfür ist verständlich: Die Personen haben Gesichter, sie verpflichten uns zu einer realen, tatkräftigen „persönlichen“ Verantwortung; die Zahlen beschäftigen uns mit Gedankengängen, die auch nützlich und wichtig sind, aber sie werden immer seelenlos bleiben. Sie bieten uns den Vorwand, um uns nicht zu engagieren, weil sie niemals unser Fleisch anrühren.

Zu erkennen, dass der andere vor allem eine Person ist, bedeutet, das wertzuschätzen, was mich mit ihm verbindet. Das Personensein bindet uns an die anderen, lässt uns Gemeinschaft werden. Der zweite Beitrag, den die Christen zur Zukunft Europas beisteuern können, ist also die Wiederentdeckung des Sinns für die Zugehörigkeit zu seiner Gemeinschaft. Nicht von ungefähr haben die Gründerväter des europäischen Projekts gerade dieses Wort gewählt, um dem neuen politischen Subjekt, das sich gerade bildete, seine Identität zu geben. Die Gemeinschaft ist das stärkste Gegengift gegen die Individualismen, die unsere Zeit kennzeichnen, gegen die heute im Westen verbreitete Tendenz, sich als Einzelwesen zu begreifen und demgemäß zu leben. Man missversteht den Begriff der Freiheit, indem man ihn so auslegt, als wäre er die Pflicht zum Alleinsein, losgelöst von jeder Bindung. Infolgedessen hat sich eine entwurzelte Gesellschaft entwickelt, der der Sinn für die Zugehörigkeit und für das Erbe fehlt.

Die Christen erkennen, dass ihre Identität vor allem relational ist. Sie sind als Glieder eines Leibes, der Kirche (vgl. 1 Kor 12,12), zusammengefügt, in dem jeder mit seiner Identität und Eigenart frei am gemeinsamen Aufbau teilnimmt. Analog gestaltet sich dieses Verhältnis auch im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen und der zivilen Gesellschaft. Gegenüber dem anderen entdeckt jeder seine Vorzüge und seine Mängel; seine starken Seiten und seine Schwächen; mit anderen Worten, er entdeckt sein Angesicht, er begreift seine Identität.

Die Familie bleibt als erste Gemeinschaft der grundlegendste Ort dieser Entdeckung. In ihr wird die Verschiedenheit hochgehalten und zugleich in der Einheit wieder zusammengefasst. Die Familie ist die harmonische Einheit der Unterschiede zwischen Mann und Frau, die umso wahrer und tiefer ist, je mehr sie fruchtbar und fähig ist, sich für das Leben und für die anderen zu öffnen. Ebenso ist eine zivile Gemeinschaft lebendig, wenn sie offen sein kann, wenn sie die Unterschiedlichkeit und die Gaben eines jeden aufnehmen kann und zugleich neues Leben hervorzubringen vermag wie auch Entwicklung, Arbeit, Erneuerung und Kultur.

Person und Gemeinschaft sind also die Fundamente des Europas, zu dessen Aufbau wir als Christen beitragen wollen und können. Die Mauersteine dieses Baus heißen: Dialog, Inklusion, Solidarität, Entwicklung und Frieden.

Ein Ort des Dialogs

Heute muss ganz Europa, vom Atlantik zum Ural, vom Nordpol bis zum Mittelmeer, die Gelegenheit ergreifen, vor allem ein Ort des Dialogs zu sein, ehrlich und konstruktiv zugleich, in dem allen Beteiligten die gleiche Würde zukommt. Wir sind aufgerufen, ein Europa zu erbauen,  in dem man sich auf allen Ebenen begegnen und auseinandersetzen kann – gewissermaßen wie die Agora der Antike. Diese war ja der Stadtplatz der polis. Sie fungierte nicht nur als Raum für den Handel, sondern auch als Herzmitte der Politik, als Ort, an dem man die Gesetze zum Wohl aller ausarbeitete; als Ort, an dem der Tempel emporragte, so dass der horizontalen Dimension des Alltags niemals der transzendente Atem fehlte, der über das Flüchtige, das Vergängliche und Vorläufige hinausblicken lässt.

Dies treibt uns dazu an, die positive und konstruktive Rolle zu betrachten, die der Religion im Allgemeinen beim Aufbau der Gesellschaft zukommt. Ich denke beispielsweise an den Beitrag zum interreligiösen Dialog, um das gegenseitige Kennenlernen zwischen Christen und Muslimen in Europa zu fördern. Leider ist ein gewisses laizistisches Vorurteil immer noch verbreitet. Es ist nicht fähig, den positiven Wert der öffentlichen und objektiven Rolle der Religion für die Gesellschaft wahrzunehmen, und zieht es vor, sie in eine rein private und gefühlsmäßige Sphäre zu verbannen. So setzt sich auch die Vorherrschaft eines gewissen Einheitsdenkens2 durch, das in den internationalen Vereinigungen überaus verbreitet ist und in der Bejahung einer religiösen Identität für sich und die eigene Vorherrschaft eine Gefahr erblickt, so dass schließlich das Recht auf Religionsfreiheit und andere Grundrechte künstlich gegeneinander ausgespielt werden.

Den Dialog fördern – jeglichen Dialog – ist eine Grundverantwortung der Politik. Leider ist allzu oft zu beobachten, wie sie sich eher in einen Ort des Zusammenstoßes von gegensätzlichen Kräften verwandelt. Die Stimme des Dialogs wird durch die Racheschreie ersetzt. Von mehreren Seiten gewinnt man den Eindruck, dass das Gemeinwohl nicht mehr das primäre Ziel ist und dieses Desinteresse wird von vielen Bürgern wahrgenommen. So finden in vielen Ländern die extremistischen oder populistischen Bewegungen fruchtbaren Boden, die aus dem Protest das Herzstück ihrer politischen Botschaft machen, ohne jedoch die Alternative eines konstruktiven politischen Projekts anzubieten. Der Dialog wird entweder durch eine fruchtlose Konfrontation, die auch das zivile Zusammenleben gefährden kann, oder durch eine Vorherrschaft der politischen Macht ersetzt, die ein wahres demokratisches Leben eingesperrt und verhindert. Im ersten Fall werden die Brücken zerstört und im zweiten Fall errichtet man Mauern.

Die Christen sind aufgerufen, den politischen Dialog zu fördern, besonders dort, wo er bedroht ist und die Konfrontation sich durchzusetzen scheint. Die Christen sind aufgerufen, der Politik wieder Würde zu verleihen, die als höchster Dienst am Gemeinwohl und nicht als Aneignung der Macht zu verstehen ist. Dies verlangt auch eine angemessene Bildung, da die Politik nicht „die Kunst der Improvisation ist“, sondern vielmehr ein hoher Ausdruck der Selbstverleugnung und der persönlichen Hingabe zum Vorteil der Gemeinschaft. Verantwortungsträger zu sein erfordert Studium, Vorbereitung und Erfahrung.

Ein inklusiver Raum

Es ist die gemeinsame Verpflichtung der Verantwortungsträger, ein Europa zu fördern, das eine inklusive Gemeinschaft ist. Man hüte sich hier vor einem grundsätzlichen Missverständnis: Inklusion ist nicht Synonym für eine undifferenzierte Verflachung. Im Gegenteil, man ist wahrhaft inklusiv, wenn man die Unterschiede in ihrem Wert erkennt und sie als gemeinsames und bereicherndes Kapital annimmt. In dieser Sichtweise sind die Migranten eher eine Ressource als eine Last. Die Christen sind aufgerufen, ernsthaft die Aussage Jesu zu betrachten: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Vor allem angesichts des Flüchtlingsdramas darf man die Tatsache nicht vergessen, dass es sich um Personen handelt, die nicht nach eigenem Belieben, entsprechend politischer, wirtschaftlicher oder sogar religiöser Gesichtspunkte ausgewählt oder abgewiesen werden können.

Dennoch steht dies nicht im Widerspruch zur Pflicht jeder Regierungsgewalt, die Flüchtlingsfrage mit der Tugend zu behandeln, die dem Regieren eigen ist, d. h. mit Klugheit3, die sowohl der Notwendigkeit, ein offenes Herz zu haben, als auch der Möglichkeiten, diejenigen auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene voll zu integrieren, die in das Land kommen, Rechnung tragen muss. Man kann das Flüchtlingsphänomen nicht als einen unterschiedslosen und ungeregelten Vorgang verstehen, aber man kann auch nicht Mauern der Gleichgültigkeit und der Angst errichten. Ihrerseits dürfen die Migranten selbst die schwerwiegende Verpflichtung nicht versäumen, die Kultur und die Traditionen der aufnehmenden Nation kennenzulernen, zu achten und sich auch anzueignen.

Ein Raum der Solidarität

Sich für eine inklusive Gemeinschaft einzusetzen, bedeutet, einen Raum der Solidarität aufzubauen. Gemeinschaft sein schließt nämlich ein, dass man sich gegenseitig unterstützt und es somit nicht nur einige sein können, die Lasten tragen und außerordentliche Opfer vollbringen, während andere sich zur Verteidigung ihrer bevorzugten Positionen verschanzen. Eine Europäische Union, die in der Bewältigung ihrer Krisen nicht den Sinn dafür wiederentdecken würde, eine einzige Gemeinschaft zu sein, die sich stützt und hilft – und nicht eine Gesamtheit von kleinen Interessengruppen – würde nicht nur vor einer der wichtigsten Herausforderungen ihrer Geschichte versagen, sondern auch eine der größten Chancen für ihre Zukunft verpassen.

Die Solidarität, die in der christlichen Perspektive ihren Daseinsgrund im Liebesgebot findet (vgl. Mt 22,37 –40), kann nichts anderes als der Lebenssaft einer lebendigen und reifen Gemeinschaft sein. Diese bezieht sich zusammen mit dem anderen Grundprinzip der Subsidiarität nicht nur auf die Beziehungen zwischen den Staaten und den Regionen Europas. Eine solidarische Gemeinschaft zu sein, bedeutet, sich um die Schwächsten der Gesellschaft, die Armen, die von den wirtschaftlichen und sozialen Systemen Ausgegrenzten, angefangen von den alten Menschen und den Arbeitslosen, zu sorgen. Aber die Solidarität verlangt auch, dass man die Zusammenarbeit und die gegenseitige Unterstützung unter den Generationen wiederfindet.

Seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist ein beispielloser Generationenkonflikt im Gang. Man kann übertreibend sagen, dass man bei der Weitergabe der Ideale, die das große Europa gebildet haben, dem Vermächtnis den Verrat vorgezogen hat. Auf die Ablehnung dessen, was von den Vätern kam, folgte so die Zeit einer dramatischen Unfruchtbarkeit und dies nicht nur weil in Europa wenig Kinder gezeugt werden und es allzu viele sind, die ihres Rechtes, geboren zu werden, beraubt worden sind, sondern auch weil man sich als unfähig erwiesen hat, den jungen Menschen die materiellen und kulturellen Werkzeuge zu übergeben, um sich der Zukunft zu stellen. Europa erlebt eine Art Gedächtnisverlust. Dazu zurückzukehren, eine solidarische Gemeinschaft zu sein, bedeutet, den Wert der eigenen Vergangenheit wiederzuentdecken, um die eigene Gegenwart zu bereichern und den nachfolgenden Generationen eine Zukunft der Hoffnung zu übergeben.

Viele junge Menschen fühlen sich hingegen angesichts des Fehlens von Wurzeln und Perspektiven verloren, „ein Spiel der Wellen, geschaukelt und getrieben von jedem Widerstreit der Lehrmeinungen“ (Eph 4,14); zuweilen auch „Gefangene“ von dominierenden Erwachsenen, die Mühe haben, die ihnen zukommende Aufgabe zu bewältigen. Die Pflicht zur Bildung ist schwerwiegend: Dabei soll nicht nur eine Gesamtheit von technischen und wissenschaftlichen Kenntnissen vermittelt werden, sondern man muss sich vor allem für die „Vervollkommnung der menschlichen Persönlichkeit, zum Wohl der irdischen Gesellschaft und zum Aufbau einer Welt, die menschlicher gestaltet werden muss“4 einsetzen. Dies erfordert, dass man die ganze Gesellschaft mit einbezieht. Die Bildung ist eine gemeinsame Aufgabe, die die aktive Beteiligung der Eltern, der Schulen und der Universitäten, der religiösen Einrichtungen und der zivilen Gesellschaft zugleich verlangt. Ohne Bildung bringt man keine Kultur hervor, und das lebensnotwendige Gewebe der Gemeinschaften vertrocknet.

Eine Quelle der Entwicklung

Das Europa, das sich als Gemeinschaft wiederentdeckt, wird gewiss eine Quelle der Entwicklung für sich und für die ganze Welt sein. Entwicklung ist in der Bedeutung zu verstehen, die der selige Paul VI. diesem Wort gab: »Wahre Entwicklung muss umfassend sein, sie muss jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben, wie ein Fachmann auf diesem Gebiet geschrieben hat:

„Wir lehnen es ab, die Wirtschaft vom Menschlichen zu trennen, von der Entwicklung der Kultur, zu der sie gehört. Was für uns zählt, ist der Mensch, jeder Mensch, jede Gruppe von Menschen bis hin zur gesamten Menschheit“.5

Gewiss trägt die Arbeit zur Entwicklung des Menschen bei, die ein wesentlicher Faktor für die Würde und die Reifung der menschlichen Person ist. Es braucht Arbeit und es braucht angemessene Arbeitsbedingungen. Im vergangenen Jahrhundert hat es nicht an ansprechenden Beispielen von christlichen Unternehmern gefehlt, die verstanden haben, wie der Erfolg ihrer Initiativen vor allem von der Möglichkeit abhing, Arbeitsplätze und würdige Anstellungsbedingungen anzubieten. Es ist notwendig, wieder vom Geist dieser Initiativen auszugehen, die auch das beste Gegengift gegen die von einer seelenlosen Globalisierung hervorgerufenen Unausgeglichenheiten sind, die mehr auf den Gewinn als auf die Personen achtet und so weit verbreitete Enklaven der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Ausbeutung und sozialen Elends geschaffen hat.

Es wäre angemessen, auch den Bedarf an konkreter Arbeit wiederzuentdecken, vor allem für die jungen Menschen. Heute neigen viele dazu, Arbeiten in einst entscheidenden Bereichen zu meiden, weil sie als zu anstrengend und zu wenig bezahlt angesehen werden, wobei vergessen wird, wie unverzichtbar diese für die menschliche Entwicklung sind. Wie würde es um  uns stehen, ohne den Einsatz der Personen, die mit der Arbeit zu unserer täglichen Ernährung beitragen? Wie würde es ohne die geduldige und einfallsreiche Arbeit dessen um uns stehen, der die Kleidung näht, die wir tragen, oder die Häuser baut, in denen wir wohnen? Viele heute als zweitrangig betrachtete Berufe sind grundlegend. Sie sind es vom sozialen Gesichtspunkt aus, aber vor allem aufgrund der Genugtuung, die die Arbeiter aus der Erfahrung empfangen, durch ihren täglichen Einsatz nützlich für sich und die anderen zu sein.

Ebenso kommt es den Regierungen zu, die wirtschaftlichen Bedingungen zu schaffen, die eine gesunde Unternehmerschaft und angemessene Beschäftigungsniveaus fördern. Der Politik kommt es insbesondere zu, einen positiven Kreislauf erneut in Gang zu bringen, der ausgehend von Investitionen zugunsten der Familie und der Bildung die harmonische und friedliche Entwicklung der gesamten zivilen Gesellschaft ermöglicht.

Eine Friedensverheißung

Schließlich muss der Einsatz der Christen in Europa eine Friedensverheißung darstellen. Dies war der Hauptgedanke, der die Unterzeichner der Römischen Verträge beseelt hat. Nach zwei Weltkriegen und grauenhafter Gewalt von Volk gegen Volk war die Zeit zur Geltendmachung des Rechtes auf Frieden gekommen.6 Noch heute sehen wir aber, wie der Frieden ein zerbrechliches Gut ist und die Sonderinteressen der Nationen die mutigen Träume der Gründer Europas zu vereiteln drohen.7

Dennoch bedeutet Friedensstifter zu sein (vgl. Mt 5,9) nicht nur, sich um die Vermeidung von internen Spannungen zu bemühen, für die Beendigung von zahlreichen Konflikten zu arbeiten, die die Welt mit Blut beflecken, oder den Leidenden Erleichterung zu verschaffen. Friedensstifter zu sein bedeutet, Förderer einer Kultur des Friedens zu sein. Dies erfordert Liebe zur Wahrheit, ohne die es keine echten menschlichen Beziehungen geben kann, und Suche nach Gerechtigkeit, ohne die jedwede Gesellschaft die Unterdrückung als die vorherrschende Norm akzeptiert.

Der Friede erfordert auch Kreativität. Die Europäische Union wird ihrer Friedensverpflichtung in dem Maße treu sein, wie sie die Hoffnung nicht verliert und sich erneuern kann, um den Bedürfnissen und Erwartungen seiner Bürger nachzukommen. Vor hundert Jahren begann genau in diesen Tagen die Schlacht von Caporetto, die zu den dramatischsten des Ersten Weltkrieges gehört. Es war der Höhepunkt eines Zermürbungskriegs, dieses ersten weltweiten Konflikts, dem der traurige Vorrang zukam, unzählige Opfer angesichts von lächerlich geringen Geländeeroberungen zu fordern. Von diesem Ereignis lernen wir, dass wenn man sich hinter den eigenen Positionen verschanzt, man am Ende unterliegt. Dies ist also nicht die Zeit, um Schützengraben auszuheben, sondern um den Mut zu haben, für die volle Verwirklichung des Traums der Väter von einem geeinten und einträchtigen Europa als einer Gemeinschaft von Völkern zu arbeiten, die sich nach einem gemeinsamen Ziel der Entwicklung und des Friedens sehnen.

Seele Europas sein

Eminenzen, Exzellenzen, verehrte Gäste, der Verfasser des Briefs an Diognet erklärt: „Was die Seele im Leibe ist, das sind die Christen in der Welt“.8 Heute sind sie aufgerufen, Europa wieder eine Seele zu geben, sein Gewissen wieder wachzurufen, nicht um Räume zu besetzen, sondern um Prozesse in Gang zu bringen9, die neue Dynamiken in der Gesellschaft erzeugen. Genau dies tat der heilige Benedikt, der von Paul VI. nicht von ungefähr zum Patron Europas ausgerufen wurde: Er kümmerte sich nicht darum, die Räume einer verlorenen und verworrenen Welt zu besetzen. Vom Glauben aufrechterhalten schaute er weiter und von einer kleinen Höhle in Subiaco aus rief er eine ansteckende und unaufhaltbare Bewegung ins Leben, die das Angesicht Europas neu gestaltete. Er, der „Bote des Friedens, Friedensstifter, Lehrmeister der Kultur“10 war, möge auch uns Christen von heute zeigen, wie aus dem Glauben immer eine frohe Hoffnung entspringt, die fähig ist, die Welt zu verändern.

Danke.

 

 

1 Benedikt, Regula, Prolog, 14. Vgl. Ps 34,13.

2 Die Diktatur des Einheitsdenkens. Morgendliche Meditation in der Kapelle der Domus Sanctae Marthae,

  1. April 2014

3 Vgl. Pressekonferenz auf dem Rückflug von Kolumbien, 10. September 2017.

4 Zweites Vatikanisches Konzil Erklärung Gravissimum educationis, 28. Oktober 1965, 3.

5 Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 26. März 1967, 14.

6 Vgl. Ansprache an die Studenten und die akademische Welt, Bologna, 1. Oktober 2017, Nr. 3.

7 Vgl. ebd.

8 Brief an Diognet¸VI.

9 Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 223.

10 Paul VI., Apostolisches Schreiben Pacis Nuntius, 24. Oktober 1964.

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Quelle

Kard. Bagnasco: “Europa: ein lebendiger Körper, eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft”

Kard. Bagnasco & Vorstand CCEE / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Vorrede des Präsidenten des CCEE
bei der Eröffnung der Vollversammlung
in Minsk, Weißrussland — Volltext

Wir dokumentieren im Folgenden die Vorrede des Präsidenten des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) bei der Eröffnung der Vollversammlung, die vom 28. September bis zum 1. Oktober 2017 in MinskWeißrussland, stattfindet.

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Einführung

„Der weltlich-profane Humanismus ist schließlich in seiner schrecklichen Statur erschienen und hat, in gewissem Sinn, das Konzil herausgefordert. Die Religion Gottes, der Mensch geworden ist, begegnete der Religion (denn das ist sie) des Menschen, der sich zum Gott macht“.  Die Worte, die  Paul VI. zum Abschluss des II. Vatikanischen Konzils sprach (07.12.1965) klingen immer noch aktuell und helfen uns und  unseren Arbeiten auf den Weg. Welchen Ausgang hatte diese Begegnung, die auch zum Zusammenprall hätte werden können? „Die alte Geschichte des barmherzigen Samariters war das Paradigma der Spiritualität des Konzils. Eine grenzenlose Sympathie hat es ganz durchdrungen“, lautet die Antwort des seligen Papstes (ibid.).

Dieser Geist evangelischer Sympathie fand seinen Widerhall auch in den häufigen Appellen von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. an Europa, und Papst Franziskus hat in verschiedenen Reden eben diesen pastoralen und prophetischen Blickwinkel wieder aufgenommen und „diesem geliebten Kontinent einen neuen und kräftigen Schwung“ gewünscht. Der geliebte Kontinent ist Europa, und die Gelegenheit war die Verleihung des prestigeträchtigen Karlspreises am 16.05.2016. Wir, die wir die Ehre und die Aufgabe haben, die Hirten der katholischen Kirche in Europa zu repräsentieren, schließen uns diesem Wunsch an und stellen ihn in den Mittelpunkt besonders unseres Gebets, in dem Bewusstsein, dass die Spaltung zwischen dem Glauben und dem täglichen Leben  „zu den schweren Verirrungen unserer Zeit gehört“ (Conc. Vat. II, GS 43). Gleichzeitig bestätigen wir unseren größtmöglichen Einsatz zur Verkündung des Evangeliums Christi mit Wahrhaftigkeit und Offenheit, und so erneuern wir die Liebe, die ein jeder von uns nicht nur zu seinem eigenen Volk, sondern zu jedem Volk und jeder Nation hegt, in dem universellen Atemhauch, der dem Evangelium eigen ist.

Auch sind wir, zusammen mit dem Papst, der festen Überzeugung, dass Europa „eine Kraft, eine Kultur, eine Geschichte hat, die nicht vergeudet werden dürfen“ (Papst Franziskus, Pressekonferenz auf dem Rückflug von Mexiko am 17.02.2016); dass „die Kirche am Wiederaufblühen eines zwar müden, aber immer noch an Energien und Kapazitäten reichen Europas mitwirken kann und soll. Ihre Aufgabe fällt mit ihrer Mission zusammen“ (Papst Franziskus, Karlspreiscit.), und dass der unverzichtbare Reichtum der „beiden Lungenflügel des Kontinents, des östlichen und des westlichen“ (Papst Franziskus, Grußbotschaft an die Vollversammlung 2016) immer wieder von neuem hervorgehoben werden muss.

Europa darf sich also nicht vergeuden, und nicht die zweitausendjährige Geschichte, die es mit dem Christentum verbindet und die – ungeachtet der Schatten, die die Menschen werfen – Früchte der Zivilisation und der Kultur hervorgebracht hat; Europa muss sich selbst mehr mögen, es muss an seine Möglichkeiten glauben in dem Bewusstsein, „dass seine Geschichte in großen Teilen noch geschrieben werden muss“ (Papst Franziskus, Ansprache an das Europaparlament am 25.11.2014). Auch wenn Europa ein wenig müde und vielleicht auch heimlich desillusioniert ist, so darf es sich doch nicht geschlagen geben, sondern muss die Begeisterung seiner Ursprünge wiederfinden – sicherlich nicht die Wahrnehmung der Vergangenheit, nämlich der Mittelpunkt der Welt zu sein, sondern die Vorstellung, der Menschheit etwas Schönes und Besonderes zu bieten zu haben. Jede Region der Erde hat etwas Großes und Eigenes, das sie anderen bringen kann: Alle müssen lernen, sich innerhalb eines Geflechts von Beziehungen zu den anderen zu sehen, in einer positiven Dynamik von Geben und Nehmen.

1. Die Vollversammlung

Eines der zentralen Themen unserer Vollversammlung bildet, wie von der Vollversammlung in Monaco im vergangenen Jahr vorgeschlagen, das Verhältnis zwischen dem CCEE und dem Kontinent: Ein Verhältnis, das wir zwar anhand unserer Statuten kennen, das wir aber angesichts des Flusses der historischen Gegebenheiten  von neuem in den Fokus rücken sollten, um einen wirkungsvollen Dienst leisten zu können – im Geiste Jesu, der den Aposteln die Füße wäscht. Das zweite Thema der Vollversammlung und Gegenstand unserer Überlegungen und vergleichenden Beobachtungen, sind die Jugendlichen, auch schon im Hinblick auf die Synode im nächsten Jahr.

Liebe Mitbrüder, erlauben Sie mir, Ihnen am Beginn der ersten Vollversammlung, bei der ich die Ehre habe, den Vorsitz zu führen, meine Dankbarkeit – und die der Vizepräsidenten – auszusprechen,  und zwar für das Vertrauen, das Sie uns entgegen bringen, indem Sie uns für unsere jeweiligen Aufgaben gewählt haben. Wir möchten Ihnen sagen, dass wir uns unverzüglich an die Arbeit gemacht haben, mit Begeisterung und Überzeugung, um im Dienste des Rates unser Bestes zu tun. Auch wollen wir einen Gruß an Kardinal Peter Erdö richten, der unsere Organisation 10 Jahre lang mit Hingabe und Sachkenntnis geführt hat, und ebenso an diejenigen Mitbrüder, die sich im Amt des Vizepräsidenten abgewechselt haben.

2. Der Säkularismus, der isoliert

Um auf Europa zurückzukommen: Die Erfahrung der Hirten, die das Gnadenprivileg haben, unter den Menschen zu leben, zeigt uns, dass der Säkularismus überall auf dem Vormarsch ist und jene „allgegenwärtige Kultur, jenen einzigen und gleichmachenden Gedanken“ bildet, von dem der Heilige Vater oft spricht und den er als eine „ideologische Kolonisierung“ bezeichnet. Auf den Synoden des letzten Jahrzehnts haben die Hirten dieses Phänomen überall festgestellt, in jedweder Gesellschaft und Kultur. Zeitpunkt und Modus mögen verschieden sein, aber die Absicht ist immer die gleiche: Ein Leben ohne Gott zu führen und nicht selten auch glauben zu machen, Religion stehe dem Glück des Menschen im Weg; sie verhindere seine Freiheit, die Demokratie und die gesunde Laizität des Staates. Was ist das Ziel dieser Ideologie, die sich als absolute Autonomie des Individuums präsentiert? Die von jedem menschlichen und religiösen Bezugspunkt abgekoppelt ist? Die alle zwischenmenschlichen, sozialen und internationalen Beziehungen auflöst? Welche Früchte trägt ein solcher Baum? Ist der Mensch denn heute glücklicher, sind die Gesellschaften humaner und unseren Lebensbedürfnissen angemessener? In Wirklichkeit, so zahlreiche Beobachter, wohnt Verlorenheit, wenn nicht gar Angst in vielen Herzen: „Europa ist der Orientierungslosigkeit müde“, sagt Papst Franziskus (Ansprache an die Vollversammlung des CCEE 2014). Und die Geschichte lehrt, dass Orientierungslosigkeit, wenn sie weit verbreitet und anhaltend ist, sehr weit führen kann!

Trotzdem kennen wir Hirten auch eine andere Wirklichkeit, die wir als „Volkskultur“ bezeichnen könnten – nicht nur im Sinne des Volkes oder des ganzen Volkes, sondern in dem Sinne, dass sie sich hauptsächlich im Empfinden des Volkes zu finden scheint, in seinen grundlegenden, einfachsten Befindlichkeiten, die vielleicht gerade deshalb der Wirklichkeit und dem Menschsein am nächsten kommen. In der Tat: Wenn wir einerseits sehen, dass eine bestimmte Darstellung der Dinge glauben machen will, alles sei schlecht und es gebe keine Hoffnung mehr, so sehen wir andererseits auch, dass die schlimmen Nachrichten kaum die konkreten Lebenserfahrungen der Menschen abbilden. Ja, wenn wir den Schleier all der Angst erregenden Narrative lüften, so finden wir darunter das wimmelnde, das echte Leben, das Leben zahlloser einfacher Menschen, die jeden Tag mit Würde angehen, sich liebe- und aufopferungsvoll mit ihrer Familie beschäftigen, sich gewissenhaft der Erziehung ihrer Kinder widmen, die in bewundernswerter Weise ihre Kranken pflegen und sich um die Nachbarn kümmern… Kurz gesagt, unter der schäumenden Oberfläche liegt ein normales, alltägliches Heldentum, und wir Hirten halten dieses edle Erbe in Ehren, das zwar keine Schlagzeilen, dafür aber Geschichte macht.

3. Wieder Hoffnung machen

Was können wir tun, die wir Hirten der Kirchen in Europa sind? Mit unterschiedlichen Worten haben die Päpste uns den Weg gewiesen und von einer „neuen Evangelisierung“ gesprochen. Nun spricht Papst Franziskus von der „Kirche, die aus sich herausgeht“: Leidenschaft, Glut und Dringlichkeit bilden den Nährboden, aus dem die fortgesetzten, kummervollen Aufforderungen an eine in der Welt präsente Kirche aufsteigen.

Wenn wir auf unseren Kontinent schauen, so können wir vielleicht sagen, dass der Auftrag zur Evangelisierung heute von einem Ton der Hoffnung beherrscht sein muss. Europa kann nicht so deprimiert, sich seiner Seele so unsicher, so beschwert von tragischen Erinnerungen sein, dass es seine Vergangenheit zugunsten einer unmöglichen, traurigen Wiedergeburt auslöschen will, im Zuge derer man vorgibt, alles neu denken und schreiben zu wollen, auch das menschliche Alphabet. Das Christentum hat, wie die Seele für den Körper, die Aufgabe, die europäischen Wurzeln wiederzubeleben; es sind sehr alte Wurzeln, die aber immer noch, auch heute noch, fruchtbar keimen können. Es muss wieder Hoffnung machen!

Wenn der Papst so aufschlussreich Bezug nimmt auf den Brief an Diognet, so stellt er damit die Kirche sozusagen wie die Hefe im Teig dar, und zeigt uns ein Bild voller Anregungen und Richtungsweisung. Unsere Hoffnung stellt keine menschliche Weisheit dar; sie ist Jesus Christus, das ewige Wort des Mensch gewordenen Gottes, des Retters der Welt. Aus der Hoffnung entsprangen Jahrtausende lang die besten Energien, die Macht der Ideale, unsere Fähigkeit, Opfer zu bringen und die Unternehmungslust, mit der man die Natur untersuchte und technologische Eroberungen machte; aus ihr gingen der Geschmack an Philosophie, Literatur und Wissenschaft ebenso hervor wie das kollektive Bewusstsein, sie inspirierte unsere Art des Zusammenlebens und legte den Keim zur Demokratie, sie fand ihren Ausdruck in den Meisterwerken von Schönheit und Kunst. Allerdings leugnet auch niemand, dass all dies das Entstehen von Schatten und Verzögerungen nicht verhindern konnte.

Dem allen scheint heute ein Kontinent den Rücken zu drehen, der wohl vergesslich geworden ist, steril, unfähig, Kinder zu zeugen, die sich als Brüder und Schwestern innerhalb einer „Familie von Völkern“ sehen (Papst Franziskus, Rede vor dem Europaparlament, cit.).

4. „Jesus“ sagen

„Das ist nicht das Ende. Ich glaube, Europa hat viele Ressourcen, um weiterzumachen (…) Und die größte Ressource ist Jesus. Europa, kehr zurück zu Jesus! Kehr zurück zu jenem Jesus, von dem du gesagt hast, er gehöre nicht zu deinen Wurzeln. Das ist die Aufgabe der Hirten: Jesus zu predigen“ (Papst Franziskus, Ansprache an die Vollversammlung des CCEE,03.10. 2014, cit.).

Lässt der Säkularismus es noch zu, dass Jesus als der Herr verkündet wird? Oder hat er das Gewissen der Einzelnen und der Völker schon soweit verdunkelt und eingeschläfert, dass sie nicht mehr sehen und hören können? Hat sich die vom kirchlichen Lehramt bestätigte gesunde Laizität vielleicht schon in einen ideologischen Laizismus verwandelt? Stehen wir vor etwas Verhängnisvollem und nicht mehr Umkehrbarem? Vielleicht halten gewisse Strömungen den Säkularismus für ein unumkehrbares Phänomen, aber er repräsentiert sicherlich keinen verhängnisvollen, das heißt zufälligen und daher unaufhaltsamen Prozess. Wie können wir es also zuwege bringen, dass der Name Jesu von neuem im Herzen unserer Zeitgenossen Widerhall findet? Und was können wir tun, damit klar wird, dass Gott Jemand ist und dass der Glaube nicht mit freundlichen Gefühlen zu verwechseln ist? Dass es noch Dinge gibt, für die es sich zu leiden lohnt? Unsere Auseinandersetzung hier wird fruchtbar sein, angefangen bei dem Wort des Apostels Paulus: „Fürchte dich nicht, sondern rede und schweige nicht! Denn ich bin mit dir (…) denn ich habe ein großes Volk in dieser Stadt“ (Apostelgesch.18, 9-10).

Ja, liebe Mitbrüder, diese Worte richten sich auch an uns, damit nicht die Entmutigung angesichts der Schwierigkeit des Auftrags siegt, denn wir wissen, dass unsere Schwäche, wenn sie zu Gott ruft, zum Ort des starken Gottes wird. In dem Bewusstsein, dass wir nicht Eroberer, sondern Eroberte sein müssen; dass wir in die Welt geschickt wurden, aber nicht von der Welt sind; dass es Liebe braucht, um die Welt zu sehen und Freiheit, um nicht von ihr vereinnahmt zu werden. Und in dem Bewusstsein, dass der entscheidende Blick auf die Menschheit nur Christi Blick ist. Er ist es, der uns erlaubt, in der Welt zu sein und nicht von der Weltlichkeit assimiliert zu werden.

5. Die Stunde des Erwachens

Die besten Verbündeten des Evangeliums sind nicht unsere Organisationen, Ressourcen oder Programme, sondern es sind die Menschen – zu jeder Zeit, in jeder Kultur. Die heutige Kultur mag keine Ideen hören, die von ihren eigenen abweichen – sie ist überzeugt, dass die gesamte Zivilisation neu zu erfinden und auch die elementarsten Wahrheiten wie Leben und Tod, Liebe und Freiheit, neu zu definieren seien. Die Menschen jedoch haben einen heimlichen Wunsch: Sie hoffen darauf, jemandem zu begegnen, der ihr Gewissen wach ruft, der die entscheidenden Fragen stellt nach der Existenz, dem Schicksal und der Zukunft über den Tod hinaus, jenseits des den Menschen verletzenden  Bösen und jenseits der Übel, die das Leben und den Kosmos vergewaltigen: „Angesichts des Todes wird das Rätsel des menschlichen Daseins am größten (…) Der Keim der Ewigkeit im Menschen läßt sich nicht auf die bloße Materie zurückführen und wehrt sich gegen den Tod“ (Conc. Vat. II, GS 18).

Auch angesichts der schönsten Dinge des Lebens, mitten in den freudigsten Erfahrungen und der innigsten Zuneigung spürt der Mensch, dass ihm immer zwei Dinge entgleiten: das „alles“ und das „für immer“. Er wünscht sich eine unverfälschte und immerwährende Freude und spürt vielleicht gerade deshalb, dass er Teil einer großartigen, aber unvollendeten Symphonie ist, eine Kreatur an der Grenze zwischen Zeit und Ewigkeit, gezeichnet von einer unterschwelligen Sehnsucht nach „noch etwas“, das er nicht immer entziffern kann und von dem er weiß, dass es nicht in seinen Händen liegt. Eine Sehnsucht, die keine Strafe, sondern eine Gnade ist!

Wir können sagen, dass der westliche Mensch unsicher zu sein scheint, was seine Identität und den Sinn seines Lebens betrifft, aber inmitten all der Verwirrung tut sich auch eine Möglichkeit auf, gibt es einen Raum, der, obzwar vielleicht noch klein, aber doch existiert und ein Erwachen signalisiert, oft langsam und unsicher, manchmal unverhofft wie ein Blitz. Der Prozess ist nunmehr eingeleitet und niemand wird ihn aufhalten können, denn der Mensch kann nicht leben ohne Wahrheit, in radikaler Einsamkeit. Es ist das Erwachen der Seele! Ist das etwa nicht der kairòs der Stunde? Hier dürfen wir nicht fehlen, hier wollen wir die Frühwache sein, wachsam und bereit, den neuen Tag anzuzeigen.

Vielleicht spüren wir jedoch noch ein weiteres Signal, das auf die Gegenwart des Geistes hindeutet: Die Menschen, und ganz besonders die Kinder, beginnen Phänomene zu hinterfragen, die so ungewöhnlich sind, dass sie spirituelle, ethische, kulturelle und soziale Fragestellungen mit sich bringen. Auch dies ist ein Zeichen und ein Appell an uns Hirten. Der Heilige Vater erinnert daran, dass der Mensch, der die Schöpfung von Gott erhalten hat, damit er sie beherrsche und zur „Kultur“ werden lasse, irgendwann „beginnt, sich selbst zum Schöpfer einer anderen, eigenen Kultur zu machen, und den Platz des göttlichen Schöpfers einnimmt“; „der selbstgenügsame Mensch“ gelangt so zu einem Laizismus „wie jener, den uns die Aufklärung als Erbe hinterlassen hat“ (Papst Franziskus, Pressekonferenz auf dem Rückflug von Schweden am 01.11.2016). An der Wurzel der heutigen Situation macht Papst Franziskus zwei Faktoren aus: „ein wenig die Selbstgenügsamkeit des Menschen als Schöpfer von Kultur, der aber die Grenzen überschreitet und sich als Gott fühlt; und dann auch etwas eine Schwäche bei der Evangelisierung, die lau wird. Und die Christen sind lau“ (ibid.). Und daher besteht er auf der Notwendigkeit, den Sinn der „gesunden Autonomie“ zu klären, von der das letzte Konzil spricht, und erwähnt die Schönheit „der Abhängigkeit, dass wir Geschöpf und nicht Gott sind“ (ibid.).

Zusammenfassend gesagt, handelt es sich darum, jene Fragen wachzurufen, die auf dem Grund der Seele schlummern; sie können zwar betäubt werden, aber sie werden niemals sterben, denn der Schöpfer hat sie uns ins Gewissen geschrieben wie einen wohltätigen Schmerz, sodass der Mensch sich nicht mit weniger als Gott selbst zufriedengeben kann.  Zur Evangelisierung gehört es also, sowohl die entscheidenden Fragen wachzurufen, als auch den Herrn des Lebens und der Hoffnung zu verkünden.

Ebenfalls im Fokus unserer Arbeiten stehen die Jugendlichen; wir werden das Thema sowohl in den Arbeitsgruppen als auch gemeinsam intensiv besprechen. Hier sei nur daran erinnert, dass die jungen Generationen bereits am Horizont des europäischen Kontinents stehen; auf sie schaut die Kirche mit besonderer Zuneigung, nicht aus Eigeninteresse, sondern um ihres Lebens und der europäischen Zivilisation willen. Wir werden Gelegenheit haben zu einer kurzen Vorstellung bei dieser faszinierenden Altersgruppe, um die es uns hier geht und die die Zukunft in ihren Händen hält.

6. Die Europäische Union

Auch die Europäische Union liegt uns allen am Herzen, die wir Hirten dieses Kontinents sind. Und so wenden wir uns mit Respekt und Überzeugung an alle Bürger dieses großen Landes, welches auch immer die Rolle eines jeden sein mag. Der Traum von der Union, die als „Familie von Völkern“, als „Haus der Nationen“, ist immer noch aktuell, umso mehr, wenn wir die Welt und die „alten und neuen Giganten“ betrachten. Es steht uns nicht zu, Berechnungen wirtschaftlicher oder kommerzieller Art anzustellen, aber wir haben die Pflicht, alle daran zu erinnern, dass Europa kein rein geografischer Komplex und auch nicht nur eine Gruppe von Völkern ist, sondern eine spirituelle und ethische Aufgabe; es ist kein Organigramm, sondern ein lebendiger Körper, eine Lebens- und Schicksalsgemeinschaft.

Das europäische Menschenbild ist zutiefst durch das Christentum geprägt: Das Evangelium war das Bett, in dem die verschiedenen Beiträge der Geschichte des Kontinents zur Synthese gerieten. Indem er den Menschen zum Kind Gottes machte, hat Jesus der Herr ihm eine einzigartige Würde verliehen und ihm als Kriterium der Freiheit die Wahrheit gegeben, sodass die Menschenwürde – sollte die alles verwandelnde Wurzel Jesus Christus gekappt werden – ihre Grundlage zu verlieren droht. Daher insistiert der Heilige Vater auf der „transzendenten Würde“ des Menschen  (Papst Franziskus, Ansprache an das Europaparlament am 25.11.2014, cit.), wobei „transzendent“ die Quelle und die Garantie des unwiederholbaren Wertes eines jeden Menschen meint, und auch seine Eigenschaft als relationales, jeder Kultur  der Exklusion widersprechendes Wesen mit einbezieht.

Am Ursprung Europas finden wir also nicht nur eine allgemein spirituelle, sondern vielmehr die spezifisch christliche Dimension. Aus diesem Grunde schrieb Novalis bereits 1799: „Wenn Europa sich ganz und gar von Christus lösen würde, dann gäbe es kein Europa mehr“ (Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment) (1). Und der jüdische Philosoph Karl Löwith stellt mit Weitsicht fest: „Die historische Welt, in der sich das ‚Vorurteil‘ bilden konnte, dass jedermann mit einem menschlichen Gesicht auch die ‚Würde‘ und das ‚Schicksal‘, Mensch zu sein, besäße, ist ursprünglich nicht die Welt (…) der Renaissance, sondern die des Christentums, in der der Mensch – durch den Gott-Menschen, Jesus Christus – seine Position vor sich selbst und vor dem Nächsten wieder gefunden hat (…) Mit dem Schwächerwerden des Christentums ist auch das Menschsein problematisch geworden“ (Von Hegel zu Nietzsche, 1941) (2).

Wird der europäische David er selbst sein können? Wir glauben: Ja – wenn der Traum der echten Gründerväter wieder zum Tragen kommt, der Traum von Männern, die in der Wahrheit frei und daher realistisch waren, ohne jedwedes Vorurteil, auch nicht gegen die Religion. Wir glauben: Ja – nicht, damit Europa die anderen überwältigen kann, sondern weil es der Völkergemeinschaft dank seiner immer noch fruchtbaren Geschichte etwas Entscheidendes zu bieten hat.

Liebe Freunde, unsere bescheidenen Stimmen tragen das Echo der Jahrhunderte: Gerade deshalb können wir zu dem modernen Menschen sprechen, der auch inmitten von epochalen Veränderungen immer derselbe bleibt.

Ich bedanke mich, dass ihr mir in Brüderlichkeit zugehört habt. Gehen wir nun voller Vertrauen und mit Überzeugung an die Arbeit, unter den Augen Marias, der Mutter der Kirche und der Schutzheiligen dieses geliebten Kontinents.

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FUSSNOTEN

(1)   Anm. d. Ü: Der Novalis-Text heißt in der italienischen Übersetzung: La Cristianità, ossia l’Europa, auf Deutsch: Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment. Weder hier noch dort habe ich die von S. E. Kardinal Bagnasco zitierte Textstelle gefunden. Sie wurde daher von mir selbst übersetzt.

(2)  Anm. d. Ü: Übersetzung der Textstelle aus dem Italienischen von der Übersetzerin.

(Quelle: CCEE)

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Quelle

„Eine Erneuerung der Kirche durch eine pastorale Umkehr“

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Schließung Hl. Pforte Petersdom, 20. November 2016

Kommuniqué des CCEE Vorsitzes zum Apostolischen Schreiben «Misericordia et misera»

«Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden» (Ps. 22,23)

Die katholische Kirche in Europa ging mit grosser Freude und Hoffnung durch das Jubeljahr, das gerade seinen Abschluss fand.  Viel Gnade wurde während des Heiligen Jahres empfangen und miteinander geteilt. Wir sind fest davon überzeugt, dass die Früchte dieser heiligen Zeit weiterhin den Weg des Glaubens in der Kirche in Europa bereichern werden.

Der Ohren betäubende Lärm der Kriege, die ideologischen Kämpfe, die Konfrontationen, die kulturellen Abweichungen und immer mehr Formen der sozialen Ausgrenzung und Armut haben in den europäischen Gesellschaften das Gefühl der Richtungslosigkeit verstärkt. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass all dem die Auflösung der wichtigen Werte zu Grunde lag, die das Evangelium förderte, die ihnen Halt gab und die die europäische Kultur inspirierten.

Heute muss man die Hoffnung unterstützen und den Blick mit Vertrauen auf die Zukunft, die Erneuerung der christlichen memoria lenken, die der europäischen Geschichte menschliche Züge gegeben hat. Zu der konkreten Hoffnung auf göttliche Barmherzigkeit, in der wir im Heiligen Jahr gelebt haben, kommt das Engagement der Bischöfe Europas für eine neue Evangelisierung, die den Herzen neue Hoffnung einzuflössen vermag und neue Formen der Solidarität anregt.

Dieses Engagement soll auch eine konkrete Antwort auf den im apostolischen Schreiben „Misericordia et misera“ enthaltenen Vorschlag von Papst Franziskus geben, welches zum Abschluss des ausserordentlichen Jubeljahres der Barmherzigkeit veröffentlicht worden ist. Wir greifen mit Begeisterung seine Einladung auf, unsere Kenntnis des Wortes Gottes und die Ausübung unserer Sakramente zu stärken, und entdecken so insbesondere das Sakrament der Versöhnung neu.

In den kommenden Monaten wird man die CCEE ersuchen, den Bischofskonferenzen zu helfen, die besten Wege zu finden, um auf die verschiedenen konkreten Vorschläge, die der Heilige Vater sowohl für die Seelsorge wie auch das soziale Engagement jedes Gläubigen und jeder lokalen Gemeinschaft machte, Antwort zu geben. Den Gedanken von Papst Franziskus folgend wünscht man sich eine Erneuerung der Kirche durch eine pastorale Umkehr, die eine „Kultur der Barmherzigkeit“ (vgl. Misericordia et misera“) aufleuchten lässt.

Wir sind dem Heiligen Vater dankbar, der diesen Gedanken hatte, uns zusammenzurufen, um gemeinsam diese Zeit der Gnade unter dem Zeichen der Barmherzigkeit zu feiern. Wir versichern ihm, dass wir als Söhne in unseren Gebeten und unserem Willen zu ihm stehen und weiterhin mit Begeisterung den pastoralen Aufgaben nachgehen werden, die uns im Dienste der Kirche in Europa anvertraut wurden.

Kard. Angelo Bagnasco, Erzbischof von Genua,
Präsident der italienischen Bischofskonferenz, Präsident CCEE

Kard. Vincent Nichols, Erzbischof von Westminster,
Präsident der Bischofskonferenz von England und Wales, Vize-Präsident CCEE

S.E. Mgr Stanisław Gądecki, Erzbischof von Posen,
Präsident der polnischen Bischofskonferenz, Vize-Präsident CCEE

(Quelle: Pressemitteilung CCEE)

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