Angelus: die „goldene Regel“ Gottes

Angelus, 29. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Papst beim Mariengebet von Sonntag, dem 3. September 2017

„Die goldene Regel, die Gott in die in Christus geschaffene menschliche Natur eingeschrieben hat“, ist diese: „nur die Liebe schenkt dem Leben Sinn und Glück“. Dies betonte Papst Franziskus in seiner Katechese vor dem Angelusgebet vom heutigen Sonntag, dem 3. September 2017, in der er über das Tagesevangelium (Matthäus 16, 21-27) meditierte.

„Seine eigenen Talente, seine eigenen Energien und seine eigene Zeit nur zu verwenden, um sich selbst zu retten, zu bewahren und zu verwirklichen, führt in Wirklichkeit nur dazu, dass man sich verliert, d.h. zu einer traurigen und sterilen Existenz“, erklärte der Papst, während er sich vom Fenster seines Arbeitszimmer im Vatikan an die Pilger auf dem Petersplatz richtete.

„Leben wir dagegen für den Herrn und richten wir — wie Jesus getan hat — unser Leben auf die Liebe aus, dann werden wir die authentische Freude kosten, und unser Leben wird nicht steril, sondern fruchtbar sein“, so rief er aus.

Der Heilige Vater warnte die Getauften auch ausdrücklich vor der Versuchung, „einem Christus ohne Kreuz folgen zu wollen, ja sogar Gott den richtigen Weg lehren zu wollen“. Dies habe Petrus getan, sei aber von Christus energisch zurückgewiesen worden.

„Jesus aber erinnert uns daran, dass sein Weg der Weg der Liebe ist und es keine wahre Liebe gibt ohne das Opfer seiner selbst“, so erklärte der Papst.

„Wir sind dazu aufgerufen — betonte Franziskus –, uns nicht von der Sicht dieser Welt absorbieren zu lassen, sondern uns immer mehr der Notwendigkeit und der Anstrengung bewusst zu sein, dass wir als Christen stromaufwärts und bergauf zu gehen haben.“

Nach dem Angelus betete Papst Franziskus für die Flutopfer in Texas. „Ich möchte tiefen Anteil an den Leiden der von einem Hurrikan und von außergewöhnlichen Regenfällen betroffenen Einwohner von Texas und Louisiana nehmen”, so sagte er.

Der Hurrikan „Harvey“ hat im US-Bundesstaat etwa 50 Todesopfer und eine Million Vertriebene verursacht.

„Ich bitte die Allerheiligste Maria, Trösterin der Betrübten, sie erlange vom Herrn die Gnade des Trostes für diese unsere so schwer getroffenen Brüder“, so Jorge Bergoglio.

Papst Franziskus, der erneut seine „geistige Nähe“ zu den Flutopfern in Südasien ausdrückte, bedankte sich zum Schluss bei einigen Pilgern auf dem Petersplatz, die ihm auf einem Transparent eine „gute Reise“ gewünscht hatten. Am Mittwoch beginnt der Papst seine Kolumbien-Reise.

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Quelle

Was ist wahre christliche Liebe?

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Santa Marta, 11. November 2016

Frühmesse mit Papst Franziskus in der Domus Sanctae Marthae

Papst Franziskus legte in der heutigen Frühmesse den Unterschied zwischen wahrer und „lauer“ christlicher Liebe dar. Heutzutage werde mit dem Begriff „Liebe“ oft leichtfertig umgegangen, gab der Papst zu Bedenken und definierte die christliche Liebe. „Sie ist die Inkarnation des Wortes.“ Wer das verneine oder nicht anerkenne, sei der Antichrist.
Die christliche Liebe grenzte Papst Franziskus deutlich von der weltlichen, abstrakten, philosophischen Liebe ab, die er als „amore soft“, weiche Liebe, bezeichnete und nochmals wiederholte, dass die christliche Liebe die Inkarnation des Wortes sei. „Und das ist unsere Wahrheit: Gott sandte seinen Sohn, er ist Fleisch geworden und lebte wie wir. Lieben wie Jesus liebte; lieben, wie es uns Jesus lehrte; lieben nach dem Beispiel Jesu; lieben, indem man dem Weg Jesu folgt. Und der Weg Jesu ist Leben schenken.“

Lieben bedeute, den eigenen Egoismus zu überwinden und sich in den Dienst der anderen zu stellen. Das sei eine konkrete und christliche Liebe. Wer darüber hinausgehe, verlasse das Geheimnis der Fleischwerdung; daraus entstünden so viele Ideologien, warnte Papst Franziskus.

Bitten wir den Herrn, dass er unsere Liebe „niemals, niemals eine abstrakte Liebe werden läßt.“ In den Werken der Barmherzigkeit werde die Liebe konkret. In den Armen werde das Leid Christi deutlich, erklärte der Papst, der an diesem Wochenende die aus der Gesellschaft ausgeschlossenen Menschen in Audienz empfangen und mit ihnen am Sonntag die Heilige Messe feiern wird. Abschließend warnte der Papst vor dem „traurigen Schauspiel eines Gottes ohne Christus, eines Christus ohne Kirche und einer Kirche ohne Volk“.

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Quelle

Katechese für die Haupt- und Ehrenamtlichen im Dienst der Barmherzigkeit

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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Petersplatz
3. September 2016

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Wir haben das Hohelied der Liebe gehört, das der Apostel Paulus für die Gemeinde in Korinth geschrieben hat und das eine der schönsten und anspruchsvollsten Seiten für das Zeugnis unseres Glaubens darstellt (1 Kor 13,1-13). Wie oft hat der heilige Paulus in seinen Schriften über die Liebe und den Glauben gesprochen; in diesem Text jedoch wird uns etwas außerordentlich Großes und Einzigartiges vorgelegt. Die Liebe, im Unterschied zum Glauben und zur Hoffnung, »hört niemals auf« (V. 8), sagt er, sie bleibt für immer. Diese Lehre muss für uns eine unerschütterliche Gewissheit bilden; die Liebe Gottes wird in unserem Leben und in der Geschichte der Welt niemals aufhören. Es ist eine Liebe, die immer jung, tätig und dynamisch ist und auf unvergleichliche Weise an sich zieht. Es ist eine treue Liebe, die nicht betrügt, trotz unserer Widersprüche. Es ist eine fruchtbare Liebe, die wirkt und über unsere Faulheit hinausgeht. Wir sind Zeugen dieser Liebe. Denn die Liebe Gottes kommt uns entgegen; sie ist wie ein stark Wasser führender Fluss, der uns fortreißt, aber ohne uns zu bezwingen; sie ist vielmehr Bedingung des Lebens: „Hätte [ich] aber die Liebe nicht, wäre ich nichts“, sagt der heilige Paulus (V. 2). Umso mehr wir uns von dieser Liebe ergreifen lassen, desto mehr wird unser Leben neu geboren. Wir könnten wahrlichen mit all unser Kraft sagen: Ich bin geliebt, daher lebe ich!

Die Liebe, von der der Apostel spricht, ist nicht etwas Abstraktes oder Unbestimmtes; sie ist vielmehr eine Liebe, die man persönlichsieht, berührt und erfährt. Die größte und ausdruckstärkste Form dieser Liebe ist Jesus. Seine ganze Person und sein ganzes Leben sind nichts anderes als ein konkreter Ausdruck der Liebe des Vaters und gipfeln in diesem Moment: »Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren« (Röm 5,8). Das ist Liebe! Es sind nicht Worte, es ist Liebe. Vom Berg Kalvaria, wo das Leiden des Gottessohns seinen Höhepunkt erreicht, entspringt der Quell der Liebe, der jede Sünde tilgt und alles zu einem neuen Leben erschafft. Auf unauslöschliche Weise tragen wir immer diese Gewissheit des Glaubens mit uns: Christus hat »mich geliebt und sich für mich hingegeben« (Gal 2,20). Dies ist die große Gewissheit: Christus hat mich geliebt, und er hat sich selbst hingegeben für mich, für dich und für dich und für dich, für alle, für einen jeden von uns! Nichts und niemand kann uns von der Liebe Gottes scheiden (vgl. Röm 8,35-39). Die Liebe ist also der höchste Ausdruck des ganzen Lebens und macht es uns möglich zu leben!

Angesichts dieses so wesentlichen Inhalts des Glaubens kann die Kirche es sich niemals erlauben, so zu handeln, wie es der Priester und der Levit gegenüber dem halbtot am Boden liegen gelassenen Mann getan haben (vgl. Lk 10,25-36). Man kann nicht den Blick abwenden und auf die andere Seite gehen, um die vielen Formen der Armut, die nach Barmherzigkeit verlangen, nicht zu sehen. Und dieses Auf-die-andere-Seite-Gehen, um nicht den Hunger, die Krankheiten, die ausgebeuteten Menschen zu sehen … – das ist eine schwere Sünde! Es ist auch eine moderne Sünde, eine Sünde von heute! Wir Christen dürfen uns dies nicht erlauben. Es wäre weder der Kirche noch eines Christen würdig, „weiterzugehen“ und vermeintlich ein gutes Gewissen zu haben, nur weil wir gebetet haben oder weil ich am Sonntag zur Messe gegangen bin. Nein! Der Berg Kalvaria ist stets aktuell; er ist weder verschwunden, noch bleibt er ein schönes Gemälde in unseren Kirchen. Dieser Gipfel des Mit-leidens, von dem die Liebe Gottes gegenüber unserem menschlichen Elend entspringt, spricht auch in unseren Tagen zu uns und drängt uns, immer neue Zeichen der Barmherzigkeit zu setzen. Ich werde nie müde werden zu sagen, dass die Barmherzigkeit Gottes keine schöne Idee ist, sondern eine konkrete Aktion. Barmherzigkeit ist immer konkret. Die Barmherzigkeit ist nicht ein „beiläufiges“ Tun; es ist dort ergriffen sein, wo das Böse, wo die Krankheit, wo der Hunger, wo menschliche Ausbeutung ist. Und auch die menschliche Barmherzigkeit ist keine Barmherzigkeit – d. h. menschlich und Barmherzigkeit –, solange sie nicht im täglichen Handeln konkret geworden ist. Die Mahnung des Apostels Johannes bleibt stets gültig: »Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit« (1 Joh 3,18). Denn die Wahrheit der Barmherzigkeit stellt man in unseren täglichen Taten fest, die das Handeln Gottes in unserer Mitte sichtbar machen.

Brüder und Schwestern, ihr vertretet hier die große und bunte Welt der ehrenamtlichen Dienste. Gerade ihr gehört zu den wertvollsten Realitäten der Kirche. Jeden Tag, oft im Stillen und Verborgenen, gebt ihr der Barmherzigkeit Gestalt und macht sie sichtbar. Ihr seid Baumeister der Barmherzigkeit: mit euren Händen, mit euren Augen, mit euren Ohren, mit eurer Nähe, mit eurer Liebenswürdigkeit… Baumeister! Ihr bringt einen der schönsten Wünsche des menschlichen Herzens zum Ausdruck, nämlich den, dass ein Mensch, der leidet, sich geliebt fühlt. In den verschiedenen Bedürfnissen und Notsituationen vieler Menschen stellt eure Anwesenheit die ausgestreckte Hand Christi dar, die alle erreicht. Ihr seid die ausgestreckte Hand Christi. Habt ihr daran gedacht? Die Glaubwürdigkeit der Kirche geht auf überzeugende Weise auch über euren Dienst zugunsten von verlassenen Kindern, von Kranken, von Armen ohne Essen und Arbeit, von Alten, Obdachlosen, Gefangenen, Flüchtlingen und Immigranten, von Opfern von Naturkatastrophen … Wo immer also Bedarf an Hilfe besteht, da gelangt euer aktives und uneigennütziges Zeugnis hin. Ihr macht das Gesetz Christi sichtbar, dass nämlich einer des anderen Last tragen soll (vgl. Gal 6,2; Joh 13,34). Liebe Brüder und Schwestern, ihr berührt das Fleisch Christi mit euren Händen. Vergesst das nicht. Ihr berührt das Fleisch Christi mit euren Händen. Seid in eurer Solidarität stets verfügbar, schenkt großzügig eure Nähe, seid voll Eifer, Freude zu wecken, und seid überzeugend im Trösten. Die Welt braucht konkrete Zeichen der Solidarität, vor allem gegenüber der Versuchung der Gleichgültigkeit. Sie verlangt nach Menschen, die fähig sind, mit ihrem Leben dem Individualismus und dem Geist, nur an sich zu denken und sich nicht mehr um die Brüder und Schwestern in Not zu kümmern, entgegenzuwirken. Seid immer zufrieden und voller Freude wegen eures Dienstes, aber macht daraus nie einen Grund zur Überheblichkeit, die dazu führt, sich besser als die anderen zu fühlen. Euer Werk der Barmherzigkeit sei hingegen die demütige und beredte Weiterführung Jesu Christi, der sich weiter zu den Leidenden hinunterbeugt und sich ihrer annimmt. Denn die Liebe »baut auf« (1 Kor 8,1) und macht es unseren Gemeinden Tag für Tag möglich, Zeichen geschwisterlicher Gemeinschaft zu sein.

Sprecht zu Christus über diese Dinge. Ruft zu ihm. Macht es wie Sister Preyma, wie uns die Schwester erzählt hat: Sie hat an den Tabernakel geklopft. So mutig! Der Herr erhört uns. Ruft zu ihm! Herr, schau da… Schau, so viel Armut, so viel Gleichgültigkeit, so viel Auf-die-andere-Seite-Schauen: „Das berührt mich nicht, es interessiert mich nicht.“ Sprecht darüber mit dem Herrn: „Herr, warum? Herr, warum? Warum bin ich so schwach und du hast mich gerufen, diesen Dienst zu tun? Hilf mir und gib mir Kraft und gib mir Demut!“ Der Kern der Barmherzigkeit ist dieser Dialog mit dem barmherzigen Herzen Jesu.

Morgen werden wir mit Freude sehen, dass Mutter Teresa heiliggesprochen wird. Dieses Zeugnis der Barmherzigkeit unserer Zeit kommt zur unzähligen Schar von Männern und Frauen hinzu, die mit ihrer Heiligkeit die Liebe Christi sichtbar gemacht haben. Ahmen auch wir ihr Beispiel nach und bitten wir darum, demütige Werkzeuge in der Hand Gottes zu sein, um das Leid der Welt zu lindern und die Freude und Hoffnung der Auferstehung zu schenken. Danke.

Und bevor ich euch den Segen gebe, lade ich euch ein, schweigend für die vielen, vielen Menschen zu beten, die leiden. Für so viel Leid, für so viele, die von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Betet auch für die vielen freiwilligen Helfer wie euch, dass sie zur Begegnung mit dem Fleisch Christi kommen, um es zu berühren, es zu umsorgen, um seine Nähe zu spüren. Und betet auch für so viele, viele, die angesichts so vielen Elends auf die andere Seite schauen und in ihrem Herzen eine Stimme hören, die ihnen sagt: „Das berührt mich nicht, es interessiert mich nicht.“ Beten wir schweigend.

[silenzio]

Beten wir auch zur Madonna: Gegrüßet seist Du Maria …

[Segen]

Papst Franziskus: Die Liebe ist das Maß des Glaubens

Papst Franziskus beim Angelus

Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern sei das sichtbare Zeichen, das der Christ vorweisen kann, um gegenüber der Welt und den anderen, seiner Familie, die Liebe zu Gott zu bezeugen, sagte der Papst beim Angelusgebet vor den Pilgern und Besuchern, die auf den Petersplatz gekommen waren.

Liebe Brüder und Schwestern,

guten Tag!

Das heutige Evangelium ruft uns in Erinnerung, dass das ganze göttliche Gesetz in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zusammengefasst ist. Der Evangelist Matthäus berichtet, dass einige Pharisäer übereinkamen, Jesus auf die Probe zu stellen (vgl. 22,34-35). Einer von diesen, ein Gesetzeslehrer, wandte sich an ihn mit der Frage: »Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?« (V. 36). Jesus antwortete, indem er das Buch Deuteronomium zitierte: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot« (V. 37-38). Und er hätte es dabei belassen können. Indessen fügt Jesus etwas hinzu, wonach ihn der Gesetzeslehrer nicht gefragt hatte. Er sagt nämlich: »Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (V. 39). Auch dieses zweite Gebot erfindet Jesus nicht, sondern er entnimmt es dem Buch Levitikus. Seine Neuheit besteht gerade darin, dass er diese beiden Gebote – die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten – zusammenführt und offenbart, dass sie untrennbar sind und einander ergänzen, sie sind die zwei Seiten derselben Medaille. Man kann Gott nicht lieben, ohne den Nächsten zu lieben, und man kann den Nächsten nicht lieben, ohne Gott zu lieben. Papst Benedikt hat uns dazu in seiner ersten Enzyklika Deus caritas est (Nr. 16-18) einen wunderschönen Kommentar geschenkt.

In der Tat ist die Liebe zu den Brüdern und Schwestern das sichtbare Zeichen, das der Christ vorweisen kann, um gegenüber der Welt und den anderen, seiner Familie, die Liebe zu Gott zu bezeugen. Das Gebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten ist nicht das erste, weil es ganz oben auf der Liste der Gebote steht. Jesus stellt es nicht an die Spitze, sondern in die Mitte, da es das Herz ist, von dem alles ausgehen, zu dem alles zurückkehren und auf das alles Bezug nehmen muss.

Bereits im Alten Testament umfasste die Forderung, heilig zu sein, nach dem Bild Gottes, der heilig ist, auch die Pflicht, sich der schwächsten Menschen wie des Fremden, des Waisen, der Witwe anzunehmen (vgl. Ex 22,20-26). Jesus bringt dieses Gesetz des Bundes zur Erfüllung, er, der in sich selbst, in seinem Fleisch, Gottheit und Menschheit in einem einzigen Geheimnis der Liebe eint.

Im Licht dieses Wortes Jesu ist nun die Liebe das Maß des Glaubens, und der Glaube ist die Seele der Liebe. Wir können das religiöse Leben, das Leben der Frömmigkeit nicht mehr vom Dienst an den Brüdern und Schwestern trennen, an jenen konkreten Brüdern und Schwestern, denen wir begegnen. Wir können das Gebet, die Begegnung mit Gott in den Sakramenten nicht mehr vom Hören auf den Anderen, von der Nähe zu seinem Leben, besonders zu dessen Wunden, trennen. Vergesst das nicht: Die Liebe ist das Maß des Glaubens. Du, wie sehr liebst du? Und ein jeder gebe sich die Antwort. Wie ist dein Glaube? Mein Glaube ist so, wie ich liebe. Und der Glaube ist die Seele der Liebe.

Inmitten des Dickichts von Geboten und Vorschriften – inmitten des Legalismus von gestern und heute – reißt Jesus etwas auf, so dass es möglich ist, zwei Gesichter auszumachen: das Antlitz des Vaters und das Gesicht des Bruders. Er übergibt uns nicht zwei Formeln oder zwei Vorschriften: Es handelt sich nicht um Vorschriften oder Formeln. Er übergibt uns zwei Gesichter, vielmehr: ein einziges Gesicht, das Antlitz Gottes, das sich in vielen anderen Gesichtern widerspiegelt, da im Gesicht eines jeden Bruders und einer jeden Schwester, besonders in den kleinsten, gebrechlichsten, wehrlosesten und bedürftigsten, das Bild Gottes selbst gegenwärtig ist. Und wenn wir einem dieser Brüder und Schwestern begegnen, sollten wir uns fragen, ob wir fähig sind, in ihm oder in ihr das Antlitz Gottes zu erkennen: Sind wir dazu fähig?

Auf diese Weise bietet Jesus einem jeden Menschen das Grundkriterium, an dem wir unser Leben ausrichten sollen. Doch vor allem hat er uns den Heiligen Geist geschenkt, der es uns gestattet, wie er Gott und den Nächsten mit einem freien und großmütigen Herzen zu lieben. Auf die Fürsprache Mariens, unserer Mutter, wollen wir uns öffnen, um dieses Geschenk der Liebe zu empfangen und immer auf dem Weg dieses Gesetzes der beiden Gesichter zu gehen, die ein einziges Antlitz sind: dem Gesetz der Liebe.

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Quelle: L´Osservatore Romano 44/2014 (44. Jahrgang)
[Worte von Papst Franziskus beim Angelusgebet am Sonntag, 26. Oktober 2014]