KARDINAL SARAH: »GOTT ODER NICHTS« (2)

maxresdefault

(Fortsetzung zum 1. Beitrag)

II

DER STERN DER HEILIGEN
DREI KÖNIGE

»Zufall, sagt man. Doch der Zufall ähnelt uns.
Die wahre Demut, das ist zunächst der Anstand.«
Georges Bernanos, Unter der Sonne Satans

NICOLAS DIAT: Sind Sie nach Ihrer Priesterweihe sofort nach Rom gegangen?

KARDINAL ROBERT SARAH: Da Erzbischof Tchidimbo meinem Wunsch zustimmte, Biblische Studien zu studie­ren, war es zunächst notwendig, ein Lizenziat in dogmati­scher Theologie zu erwerben. Da traf ich im September 1969 in Rom ein, um die Gregorianische Universität zu besuchen.

Der Unterricht war auf Latein. Parallel dazu besuchte ich im Pontificium institutum Biblicum Veranstaltungen für Hebräisch, Aramäisch und biblisches Griechisch. Die Kurse waren wunderbar, da sie mir die Möglichkeit gaben, einen di­rekteren Zugang zum Wort Gottes und zu den Kirchenvätern zu bekommen, die es kommentierten.

Ich blieb bis 1974 in Rom, unterbrochen von einem einjäh­rigen Zwischenaufenthalt in Jerusalem.

Erzbischof Tchidimbo hatte zur selben Zeit wie mich zwei Seminaristen nach Rom geschickt, André Mamadouba Camara und Jérôme Téa, sowie zwei guineische Novizinnen, Ma­rie-Renée Boiro und Eugénie Kadouna. Er legte Wert darauf, dass wir eine solide menschliche, intellektuelle und spirituelle Ausbildung erwerben konnten.

Das ist der letzte Brief, den er uns am 14. Dezember 1970 schrieb, zehn Tage vor seiner Festnahme und seiner Haft: »Die wenige Zeit, über die ich noch verfüge, wird es mir nicht mehr gestatten, in diesem Jahr an jeden Einzelnen von euch eine Weihnachtsbotschaft zu richten; bitte seid so gut und ver­zeiht mir das! Doch ich bin getrost, dass ihr in diesen Zeilen die Tiefe meiner Gefühle für einen jeden von euch entdecken könnt, angesichts eurer Ausbildung für ein überzeugendes Apostolat in diesem uns kostbaren Guinea. Die Sorge für den Aufbau eurer Leute ist für mich ein Problem, das mich jeden Tag umtreibt; ich weiß, dass ihr mir helft, dieses Problem mit großherzigen Anstrengungen zu lösen, die ihr tagtäglich auf­bietet, um all das, was ihr imstande seid, euch sowohl auf spiri­tueller als auch auf intellektueller Ebene anzueignen; und da­für bin ich euch unendlich dankbar. Ich möchte, dass das Jahr 1971 im Interesse der Kirche Guineas ein Jahr der noch grö­ßeren Anstrengung werde; das sind meine sehnlichsten Wün­sche, die ich für jeden von euch zum Ausdruck bringe. Möge das Kind in der Krippe diese Wünsche aufnehmen und ihnen in einer nahen Zukunft Konsistenz verleihen. Ich weiß, dass ich auf eure Gebete zählen kann; meine Gebete begleiten euch jeden Tag mit allem, was ich darüber hinaus an Zuneigung für jeden Einzelnen von euch habe.«

Dieses Brieftestament hat mich während meiner gesamten römischen Studien begleitet.

Doch als ich mich darauf vorbereitete, meine Doktorarbeit in biblischer Exegese über das Thema »Isaias Kap. 9-11 im Licht der nordwestlichen semitischen Linguistik: ugaritisch, phöni­zisch (s. u.) und punisch« unter der Leitung meines Professors, P. Mitchell Dahood, zu schreiben, bat mich Pater Louis Barry, der Apostolischer Administrator der Erzdiözese Conakry geworden war, wegen Priestermangels nach Guinea zurückzukehren.

Gegenstand dieser Forschungsarbeit war es, eine kritische Einschätzung bestimmter textueller Schwierigkeiten des ma­soretischen Textes aus dem Buch Isaias vorzunehmen, aus­gehend von der ugaritischen Literatur und phönizischer und punischer Inschriften. Diese Methodik der modernen Exe­gese legt zur Klärung schwieriger Texte den Akzent auf Über­legungen syntaktischer, lexigrafischer und stilistischer Art, die von den komparativen Studien in Bezug auf die nordwestliche semitische Literatur geboten wird. Ich möchte nochmals be­tonen, wie wertvoll die Methode von P. Dahood war. Er hat es geschafft, einen großen Teil der Wissenschaftsgemeinde da­von zu überzeugen, dass die Kopisten des hebräischen Tex­tes des Alten Testaments dem Originaltext peinlich genau treu geblieben sind, zumindest in seiner konsonantischen Form.

Heute wäre es sicher wichtig, dass wir denselben Respekt und dieselbe Treue dem Wort Gottes gegenüber bewahrten, um es nicht in Abhängigkeit von historischen, politischen und ideologischen Umständen zu manipulieren, um den Menschen zu gefallen und uns damit den Ruf eines avantgar­distischen Wissenschaftlers oder Theologen zu erwerben … »Wir sind jedenfalls nicht«, sagt der heilige Paulus, »wie die vielen anderen, die mit dem Wort Gottes ein Geschäft ma­chen« (2 Kor 2,17), und »wir handeln nicht hinterhältig und verfälschen das Wort Gottes nicht« (2 Kor 4,2). Diese Sorge um ein gewissenhaftes Bewahren des Wortes Gottes und um seine Anwendung in unserem Leben erinnert mich an eine Mahnrede von Johannes Albrecht Bengel (1687-1752), ei­nes protestantischen Theologen, der die Aufmerksamkeit, die wir der Heiligen Schrift entgegenbringen müssen, bündeln wollte: » Te totum applica ad textum, rem totam applica ad te« (»Wende dich ganz dem Text zu, wende den Inhalt ganz auf dich an«).

Der wahre Diener im biblischen Bereich, der wahre Theo­loge, ist derjenige, der jeden Tag durch sein Leben und durch seine Handlungen die Worte des Psalmisten zum Ausdruck bringt: »Wie lieb ist mir deine Weisung; / ich sinne über sie nach den ganzen Tag. […] Ich wurde klüger als alle meine Lehrer; / denn über deine Vorschriften sinne ich nach. Mehr Einsicht habe ich als die Alten; / denn ich beachte deine Be­fehle. Von jedem bösen Weg halte ich meinen Fuß zurück; / denn ich will dein Wort befolgen. Ich weiche nicht ab von dei­nen Entscheiden, / du hast mich ja selbst unterwiesen« (Ps 119, 97. 99-102).

Ist Ihnen diese Zeit des Bibelstudiums schwer erschienen?

Diese Jahre des Bibelstudiums können lang und anspruchs­voll erscheinen. Sie erfordern tatsächlich die Kenntnis zahl­reicher Sprachen und eine komplexe Arbeit, um die Heilige Schrift im Kontext der großen Kulturen zu sehen, die das Volk Israel beeinflusst haben, besonders die sumerische, die ägyptische, die babylonische, die kanaanäische, die griechi­sche und römische Kultur, ohne dabei den geopolitischen Rahmen der Geschichte Israels zu vernachlässigen. Doch diese Jahre sind nötig, um das Wort Gottes wie ein Schwert mit zwei Schneiden in uns eindringen zu lassen. Unser Herz, das so hart wie ein Stein ist, braucht Zeit, um das Wort Got­tes aufzunehmen, damit dieses wirklich das Wort des Bun­des wird. Wir können also, wie Baudouin de Fort in einer sei­ner Homilien sagt, erfahren, dass »das Wort Gottes, die auch die Weisheit Gottes ist, wirklich eindringlicher wird, wenn es mit Glaube und Liebe aufgenommen wird. Was ist tatsäch­lich unmöglich für jemanden, der glaubt? Und was ist streng für denjenigen, der liebt? Wenn sich die Stimme des Wortes erhebt, rammt sie sich im Herzen ein, wie die Kampfpfeile, die einen zerreißen wie tief eingeschlagene Nägel. Und die Stimme dringt so tief ein, dass sie den verborgensten Grund erreicht. Ja, dieses Wort reicht viel weiter als ein Schwert mit zwei Schneiden, denn weder Macht noch Kraft können der­art wahrnehmbare Stiche versetzen und auch der menschli­che Geist kann keine ebenso subtile und treffsichere Pointe ersinnen. Die ganze menschliche Weisheit, die gesamte Fein­fühligkeit des natürlichen Wissens sind weit davon entfernt, seine Schärfe zu erreichen.«

Man muss demütig zugeben, dass ein ganzes Leben not­wendig ist, um das Wort Gottes zu studieren und um die Weisheit zu erlangen, die zur Liebe führt.

Die Tatsache, in Rom zu wohnen, dürfte für Sie eine außerge­wöhnliche Erfahrung gewesen sein?

Als ich noch in Afrika war, stellte ich mir vor, dass Rom ein wenig dem Paradies ähnelte … Die Stadt des Papstes schien mir weit entfernt und unerreichbar.

Meine Ankunft in der urbs aeterna bleibt in meinem Ge­dächtnis eingeprägt. Jeder Schritt lud ein zum Staunen. Ich wohnte in der Viale delle Mura Aurelie im Kolleg San Pietro, nicht weit vom Vatikan. Als ich zum ersten Mal die majestä­tische Basilika Sankt Petrus betrat — wie hätte ich mir vorstel­len können, dass ich eines Tages an diesem heiligen Ort die Messe als Kardinal feiern sollte? Ich erinnere mich noch sehr genau an mein erstes Gebet am Grab des Apostelfürsten. Auf sehr lebendige Art und Weise empfand ich einen tiefen Glau­ben, Liebe für Gott und himmlische Inspiration, die ich in al­len Kunstwerken wahrnahm. Während dieser Zeit habe ich das antike Rom, das Kolosseum, das Forum, die Katakom­ben und alle Erinnerungen an die ersten christlichen Märty­rer entdeckt. Häufig sagte ich mir, dass ich auf dem Weg der Heiligen unterwegs sei, denen ich es schuldig bin, ein beschei­dener Schüler zu sein.

Doch das Studium füllte die meiste Zeit unserer Tage … Wir hatten große Professoren, die auf ihrem Gebiet häufig die besten Fachleute waren. Damals war Carlo Maria Martini Rektor des Biblicum. Ich erinnere mich besonders an die Vor­lesungen von Ignace de La Potterie, Stanislas Lyonnet, Etienne Vogt und Albert Vanhoye, der später ebenfalls zum Kardinal kreiert wurde. Diese fachkundigen Hochschullehrer wa­ren von einem leuchtenden inneren Leben durchdrungen. Sie vermittelten uns hier Wissen und ihren Glauben an Gott.

Als Sie 1969 in Rom eintreffen, werden Sie zum Zeugen der De­batten über die Liturgiereform in der Stadt des Papstes …

Ja, aber ich wurde dennoch im Juli 1969 im alten Ritus ge­weiht, denn der neue Ritus war noch nicht in Kraft getreten. Seit meiner Ankunft in Rom habe ich jedoch nach dem neuen Missale von Paul VI. zelebriert. Damals hatten wir noch je­der einen eigenen Altar. Die Praxis der Konzelebration war selten. Ich persönlich war wirklich sehr auf die Feier meiner täglichen Messe bedacht. Doch es entging mir nicht, dass ei­nige Priester in meiner Umgebung Schwierigkeiten hatten, ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem Umgang mit ihrer Freizeit, ihrem persönlichen Leben mit dem Herrn und der Verpflichtung, das priesterliche Gemeinschaftsleben zu pfle­gen. Für andere lag der Schwerpunkt auf dem Studium, wo­bei sie ein wenig das spirituelle Leben vernachlässigten. Ich erinnere mich noch sehr gut an das, was mir der afrikanische Priester, der mich in meine Wohnung führte, sagte: »Hier ist deine Bude: Komm und geh, wann du willst!« Für einen jun­gen Priester war es sehr aufschlussreich, eine solche Ermah­nung zu hören …

Ich entschloss mich, morgens früher aufzustehen, damit ich noch ohne große Eile zelebrieren konnte. Mir war be­wusst, dass die Messe der wichtigste Augenblick meines Ta­gesverlaufs war, denn ohne Eucharistie konnte meine Bezie­hung zu Christus nicht die große Vertrautheit erfahren, die sich jeder Christ wünscht. Ich war nicht mehr im Seminar; es fiel mir also zu, meinen Tagesablauf in aller Freiheit zu struk­turieren und meine Zeiten der Begegnung mit dem Herrn zu organisieren, um meinen Bund mit Gott wachsen zu lassen. Der Priester, der die Feier seiner Messe vernachlässigt, kann nicht mehr erfassen, wie sehr Gott uns bis hin zur Aufgabe seines Lebens liebt.

Seit dieser Zeit wusste ich, dass die Liturgie der kostbarste heilige Augenblick war, in dem die Kirche uns ermöglicht, Gott auf einzigartige Weise zu begegnen. Wir dürfen niemals vergessen, die Liturgie mit dem tragischen Ereignis des Todes Jesu am Kreuz zu vereinen.

Woher kommt die starke und frühe liturgische Sensibilität, die Ihnen offenbar gegeben ist?

Danke für dieses schöne Kompliment! Ich bin sicher, dass das Vorbild der Spiritaner entscheidend gewesen war. Als ich noch Messdiener war, habe ich mit einer großen Aufmerk­samkeit die Feinheit und den Eifer beobachtet, mit denen die Priester meines Dorfes ihre täglichen Messen feierten. In die­sem Sinne ist es nicht falsch, zu sagen, dass ich schon in sehr jungen Jahren die Notwendigkeit verstehen konnte, einen Kult spirituell, heilig und für Gott angenehm zu machen. In der Messe sind wir zunächst für Gott gegenwärtig. Wenn wir unseren Blick nicht auf radikale Weise auf Gott richten, wird unser Glaube lau, unstet und ungewiss. In Ourous habe ich als Ministrant schrittweise gelernt, in das eucharistische Myste­rium einzutreten und zu verstehen, dass die Messe ein einzig­artiger Augenblick im Leben der Priester und der Gläubigen war. Der Gottesdienst holte uns aus dem Alltäglichen heraus. Als ich das mit meinen Kinderaugen sah, hatte ich das Ge­fühl, dass der Priester von Christus in dem Augenblick förm­lich aufgesaugt wurde, als er – in Richtung Osten gewandt – ­die konsekrierte Hostie zum Himmel erhob.

Ich konnte zudem die Bedeutung der Zeiten der Stille wäh­rend der Liturgie verstehen. Ein Priester sollte sich in seinem Leben größtenteils der Stille widmen, weil es äußerst wichtig ist, dass er an Gott und den Seelen, die ihm anvertraut sind, dran­bleibt. Für einen Priester in der Schule der Mönche ist es ungemein wichtig zu lernen, nicht ohne Grund zu reden. Denn das Predigen setzt die Stille voraus. Im Lärm verliert der Pries­ter seine Zeit; das Getöse ist ein saurer Regen, der unsere Me­ditation ruiniert. Das Schweigen Gottes sollte uns lehren, wann wir reden und wann wir schweigen sollten. Diese Stille, die uns in die wahre Liturgie eintreten lässt, ist ein Moment, um Gott zu loben, ihn vor den Menschen zu bekennen und seinen Ruhm zu verkünden. Ich erinnere mich, wie sich am Sonntag alle Dorfbe­wohner sehr für die Einhaltung der langen Zeiten des persönli­chen Gebetes einsetzten. Wir waren im Beisein der Realpräsenz.

Schließlich hat mein Sinn für die Liturgie eine Reife und Tiefe erworben, je älter ich wurde, besonders während der Jahre im Seminar. Als Afrikaner habe ich sicherlich die frohe Angst vor jeder heiligen Realität geerbt. Bei den heidnischen religiösen Zelebrationen kommen nach den Tänzen und dem Lärm der Fröhlichkeit die heiligen Augenblicke der Trankop­fer, die eine absolute Stille vorschreiben.

Im Laufe meiner Jahre als Seminarist, dann nach meiner Weihe, hat sich meine Gewissheit verstärkt. Ich verstand, dass die hervorragendste Art und Weise mit dem menschgewor­denen Sohn Gottes zusammen zu sein, die Liturgie bleibt. In der Messe steht der Priester Gott gegenüber. Die Messe ist das, was für uns am wichtigsten zu leben ist. Und das Stundenge­bet des Breviers bereitet uns darauf vor.

Während meiner gesamten Jugend hatte ich nicht das Glück, den liturgischen Reichtum kennenzulernen, der in den Klöstern vorhanden sein kann. Es könnte sein, dass viele Christen in Europa gar nicht ermessen, wie viele Abteien ein unvergleichlicher Schatz sind. Dennoch haben die liturgische Langsamkeit und der Sinn für das Heilige der Spiritaner mei­ner Kindheit mir ermöglicht, die unvergleichliche Schönheit der benediktinischen Zelebrationen vorauszusehen.

Im Alten Testament näherten sich die Hebräer Gott stets mit Furcht und Verehrung. Schließlich versuchte ich, ihnen nachzueifern. Der beste Weg, um dabei erfolgreich zu sein ­das ist die Liturgie.

Zuweilen hat man das Gefühl, als ob bei Ihrem Werdegang eine Art Wunder mit im Spiel sei.

Ich hatte das Glück, auf geistliche Väter hohen Niveaus zäh­len zu können. In Nancy oder im Senegal legten die Priester, die mich begleiteten, einen großen Akzent auf die Bedeutung des inneren Lebens. Erzbischof Tchidimbo, der jahrelang in einem Gefängnis eingesperrt und gefoltert worden war, blieb stets in meinem Herzen. Ein Seminarist ist zuallererst das Werk der Priester, die ihn begleiteten. Gott hat mir die Kraft gegeben, mich auf Hirten verlassen zu können, die ihr Leben wirklich Christus weihten.

Am 20. Juli 1969, am Tag meiner Priesterweihe durch Erz­bischof Tchidimbo in der Kathedrale der Unbefleckten Emp­fängnis von Conakry, wurde ich alleine geweiht. Im Laufe die­ser Jahre haben alle meine Mitseminaristen aus Guinea, die mit mir zusammen in Bingerville, in Nancy und in Sébikho­tane waren, nach und nach das Seminar verlassen.

An diesem Tag im Sommer 1969, nach so viel Drangsal und so vielen Zwischenfällen, nach politischen Unruhen in mei­nem Land, nach Reisen, nach Strapazen und Freuden, war ich der einzige »Überlebende« dieses Abenteuers. Warum hat Gott mir eine so große Aufmerksamkeit gewidmet? Wa­rum hat Gott mich verwöhnt, indem er mir die übernatür­liche Kraft schenkte, seinen Kurs beizubehalten? Warum hat Gott gewollt, dass ich der letzte geweihte Priester vor der Ver­haftung von Erzbischof Tchidimbo im Dezember 1970 war? Es fällt mir sehr schwer, auf diese Fragen zu antworten. Meine Gefährten sind einer nach dem anderen abgereist und ich stand alleine vor dem Altar der Kathedrale.

Tatsächlich habe ich niemals an meiner Berufung gezwei­felt. Auch wenn Vorkommnisse mich traurig machen konn­ten, stellten sie stets nur kleine Blessuren dar, die meiner Liebe zu Gott keinen Abbruch taten. Ich bin treu geblieben, denn ich liebte Gott tatsächlich so sehr, wie ein armer Sünder ihn in seinen eigenen Grenzen lieben kann. In meinem Herzen habe ich stets die Zuversicht bewahrt, dass Gott mich liebte. In un­serem Leben ist alles ein Geschenk seiner Liebe. Wie sollte ich also einem so großen Mysterium gegenüber gleichgültig blei­ben? Wie sollte ich nicht auf den himmlischen Vater mit ei­nem Leben antworten, das ich ganz ihm schenkte?

Am 21. Juli 1969 feierte ich meine erste Messe in der Ka­thedrale von Conakry. Und erst am darauffolgenden Sonn­tag, am 27. Juli, konnte ich meine erste Eucharistiefeier in der Pfarrei Sainte-Rose-d’Ourous zelebrieren. Sie können sich unschwer meine Ergriffenheit vorstellen und auch die meiner Eltern und aller Bewohner meines Dorfes. Die Freude war außergewöhnlich. Ich hatte das Gefühl, eine regelrechte Be­lohnung für alle Spiritaner zu sein, die für uns so sehr gelit­ten hatten. Dennoch wollte die Vorsehung, dass sie aufgrund der Verfolgungen von Sékou Toure nicht an diesem Tag teil­haben konnten.

Die Spiritaner, die in Guinea das Zeitliche gesegnet haben, sind trotz der schwierigen Umstände nicht vergeblich gestor­ben. Diesen Tag im Juli begannen wir mit einer Prozession zwischen dem Friedhof und der Kirche, nach einer langen Zeit des Gebets vor den Gräbern der ersten Missionare.

Im Laufe der darauffolgenden Wochen hatte ich bei der Ab­solvierung eines von Erzbischof Tchidimbo zusammengestell­ten Programms die Freude, mehrere Messen in verschiede­nen Pfarreien der Erzdiözese Conakry zu feiern, dann ging ich nach Rom.

1971 gingen Sie während Ihrer römischen Phase nach Jerusa­lem, um Ihr Bibelstudium zu vertiefen …

Ja, ich blieb ein ganzes Jahr in der Heiligen Stadt. Im Bibli­schen Institut von Jerusalem hatte ich das Gefühl, dass meine Verbundenheit mit Christus noch stärker wurde. Es war nicht nur eine Gemütsregung. Meine Andacht wurde spürbar – so anschaulich sind die Stätten, an denen der Sohn Gottes anwesend war, geblieben. Im Heiligen Land ist die Erinnerung an Jesus unauslöschlich.

Das Privileg, das Heilige Land, das Land Gottes, zu betre­ten, das Land, in dem Jesus geboren wurde, rief in mir eine unbeschreibliche Emotion und das Gefühl hervor, in der Wohnung Gottes hier auf Erden zu leben. Wie Jakob, der, als er das Heilige Land betritt, sagen kann: »Wirklich, der Herr ist an diesem Ort und ich wusste es nicht. […] Hier ist nichts anderes als das Haus Gottes und das Tor des Himmels« (Gen 28,16-17). Jerusalem ist tatsächlich der Ort seiner Ruhe, aber auch der Ort von Golgota und seiner Tränen.

Warum ist das Leben in dieser Stadt so komplex? In Jeru­salem vergeht kein einziger Augenblick, in dem ein Mensch nicht betet, denn an diesem Ort gibt es alle monotheistischen Religionen. Und dennoch – die Gewalt bleibt.

Am Morgen des 24. Dezember 1971 nahm ich an der Messe in der Basilika von Betlehem teil. Die Zeremonien der ver­schiedenen christlichen Traditionen überschnitten sich und manche feierten gleichzeitig in ihrem eigenen Ritus, in ih­rer Sprache und mit ihren Gesängen. Das konnte ein gewalti­ges Durcheinander ergeben, das der Andacht wenig förderlich war. Die Christen sind nicht imstande, gemeinsam zu beten; im Gegenteil, sie behindern sich gegenseitig. Die Liturgien wer­den zu Grenzen, die unüberwindbar scheinen. Wieso können die Menschen nicht verstehen, dass in den Augen Gottes diese Hindernisse das Herz des Vaters schmerzhaft bluten lassen?

In diesem Jahr war ich bei den Jesuiten in einem gro­ßen Haus untergebracht, in dem auch die Patres Ludovicus Semkowski, R. M. Mackwoski, James Kelly sowie herausra­gende Professoren der Exegese untergekommen waren. Diese menschliche und intellektuelle Erfahrung war sehr wertvoll, lebendig und besonders anregend.

Zu dieser Zeit habe ich mich gefragt, ob ich nicht die Beru­fung hatte, mich einem kontemplativen Orden anzuschließen. Doch ich wollte nicht mein Land verlassen, dem es so sehr an Priestern fehlte.

Nachdem Sie durch Jerusalem und durch Rom gekommen sind, kehrten sie nach Guinea zurück, um Gemeindepfarrer zu wer­den …

Nach dem Erwerb meiner Lizenziate in Theologie und in Exe­gese bin ich zum Pfarrer von Boké ernannt worden, das an der Küste Guineas liegt. Dieses Amt war die schönste priesterliche Erfahrung meines Lebens. Die Pfarrei war riesig, die am meis­ten entfernten Gläubigen wohnten an der Grenze zum Sene­gal. Mein Vikar, Jean-David Soumah, und ich besaßen kein Auto …

Ich erinnere mich an die Missionare meiner Kindheit, die fast täglich zu Fuß losgingen, um die entlegensten Landbe­wohner zu evangelisieren. Von nun an konnte ich ihnen voll und ganz nacheifern … Ich wanderte stundenlang, stets von zwei oder drei Katechisten begleitet, mit einem Messkoffer auf dem Kopf in der prallen Sonne; manchmal kam mir ein mit Waren beladener Lastwagen entgegen, der sich bereit erklärte, mir meine Reise zu erleichtern. Als ich zu den Sumpfgebie­ten in der Mitte der Lagunen aufbrach, nahm ich eine Piroge. Es kam regelmäßig vor, dass wir sehr gefährliche Gebirgsbä­che überqueren mussten, wie den von Kakoulkoul. Wir hiel­ten unseren Atem an – vor Angst, von einem Strudel in die Tiefe gerissen zu werden …

Häufig entschied ich mich dafür, in die entlegensten Dör­fer zu reisen, denn ich wusste, dass deren Bewohner seit der Ausweisung der Missionare 1967 keinen Besuch eines Pries­ters mehr bekommen hatten. Fast zehn Jahre später pflegten die Dorfbewohner, ohne Priester auch weiterhin den Kin­dern alleine den Katechismus zu lehren, die Tagesgebete zu sprechen, mit einer unendlichen kindlichen Verehrung für die Jungfrau Maria den Rosenkranz zu beten und sonntags das Wort Gottes zu hören. Ich hatte die Gnade, diese Men­schen, die den Glauben – mangels Priester – ohne irgendeine sakramentale Unterstützung bewahrten, zu unterstützen. Ich werde niemals ihre unvorstellbare Freude vergessen können, als ich die Messe feierte, die sie seit so langer Zeit nicht mehr erlebt hatten. Wie sollte man dabei nicht eine große Dankbar­keit verspüren, wenn man die Katechisten beobachtet, wie sie stundenlang von Dorf zu Dorf wandern und diese kleine ent­zündete Flamme am Lodern erhalten? Ihre Opferbereitschaft ist für immer in meinem Herzen geblieben.

Sehr schnell habe ich festgestellt, dass meine missionari­sche Arbeit im Wesentlichen in der Intensivierung der Aus­bildung der Katechisten bestehen müsse. Sie waren die wah­ren Erbauer unserer Gemeinden.

Nach kurzer Zeit habe ich auch begriffen, dass ich einer engmaschigen Überwachung durch die Männer des Regi­mes von Sékou Touré unterworfen war. Beispielsweise wur­den meine Homilien und die Predigten anderer Priester sys­tematisch von Spionen angehört, die alle unsere öffentlichen Äußerungen den regionalen Kadern der Revolutionspartei hinterbrachten. Ich musste mich davor hüten, die Lehre des Parteistaates offen infrage zu stellen. Zu dieser Zeit saß Erzbi­schof Tchidimbo seit vier Jahren im Gefängnis und die Dikta­tur hörte nicht auf, sich immer weiter zu verschärfen. Täglich versuchten Tausende von Guineern, das Land zu verlassen. Sämtliche religiösen Güter waren konfisziert und verstaatlicht worden; wir lebten in einer großen Armut. Im Namen der na­tionalen Unabhängigkeit und infolge drastischer Bestimmun­gen seitens Sékou Tourés war die Kirche von Guinea von der katholischen Welt total abgeschnitten, wodurch dem Heiligen Stuhl verwehrt war, ihr auch nur die geringste Unterstützung zuteilwerden zu lassen. Diese Situation machte unseren All­tag beschwerlich, doch ich dachte, dass diese Leiden es uns er­möglichten, dass wir als Priester in derselben Mittellosigkeit wie die Gläubigen lebten. Ich lebte von schmaler Kost, denn ich war fast ausschließlich auf die Hilfe der Gemeindemitglie­der angewiesen, denen es selbst an allem mangelte.

Eines Tages, als ich nach Zéroun aufbrach – in eines der am entlegensten Dörfer der »Bassari« der Pfarrei von Ourous, nicht weit entfernt von der senegalesischen Grenze –, um dort die Messe zu feiern, traf ich einen Mann, der die Umgebung zu kennen schien. Ich fragte ihn, ob er mir den Weg zeigen könne. Er bot sich an, uns zu begleiten … Tatsächlich han­delte es sich aber um einen als einfachen Bauern verkleide­ten Milizsoldaten, der dachte, dass ich versuchte, Guinea zu verlassen. Indem er mir weismachte, dass er mir half, mein Ziel zu finden, ließ mich dieser Mann einen ganzen Nachmit­tag herumlaufen, um mich in das Militärlager von Négaré zu führen … Ich brauchte eine ganze Weile, um mich zu recht­fertigen, denn der Lagerkommandant dachte ebenfalls, dass ich heimlich die Grenze überschreiten wollte! Nach und nach gelang es mir, seine Ängste zu besänftigen. Doch die Nacht brach herein und ich wusste überhaupt nicht mehr, wo ich mich befand. Der Kommandant hat schließlich zwei Solda­ten befohlen, mich in das Dorf, nach dem ich suchte, zu füh­ren. Gegen Mitternacht bin ich dann mit meinen Katechisten am Ziel angekommen.

Die Freude der Bewohner war unbeschreiblich. Den Tradi­tionen zufolge tötet man das Schaf, die Ziege oder irgendein anderes Tier, das zum Essen serviert wird, erst dann, nach­dem es dem Fremden lebend präsentiert wurde. Erst nach dem Empfang und dem Ritus der Präsentation begeben sich die Frauen ans Kochen. Als das Abendessen und die Tänze zu Ende waren, habe ich mich in der mir vorbehaltenen Hütte schlafen gelegt, doch die beiden Soldaten, die mich beglei­tet hatten, sind vor dem Eingang eingeschlummert, denn sie hatten weiterhin Zweifel … Schon am nächsten Tag konnte ich die kleine Kapelle weihen, die die christliche Gemein­schaft gebaut hatte, wie auch die Hütte, in der ich die Nacht verbracht hatte und die sie als das »Pfarrhaus« bezeichneten. Seitdem soll diese Hütte dem Priester vorbehalten sein, der sich auf Besuch im Dorf befindet. Nach dem Frühstück kehr­ten die beiden Soldaten wieder ins Militärlager zurück. Mit den Katechisten wanderten wir drei Tage lang im Busch, um den Menschen zu begegnen, die am abgelegensten leben. Auf dem Rückweg wollte ich in das Militärlager zurückkehren, um zu beweisen, dass ich nicht das Land verlassen wollte. Die Soldaten entschuldigten sich und boten mir zum Zeichen der Versöhnung ein Huhn an!

Wie könnte ich diese Männer und Frauen vergessen, die fast nichts besaßen, die sich an die örtlichen Gepflogenheiten – an die Kleidung, Nahrung und das sonstige Leben – anpass­ten, die jedoch inmitten ihrer animistisch gebliebenen Mit­bürger das radikale Zeugnis ihres Glaubens an Jesus zum Aus­druck brachten? Sie sind stets in meinem Herzen, denn sie sind Vorbilder für die Treue und das Durchhaltevermögen, das Christus von uns auf dieser Erde fordert.

Während dieser beiden Jahre konnte ich feststellen, wie sehr Guinea unter einem diktatorischen Regime leiden konnte, das ihm keinerlei Perspektive bot. Die Lüge und die Gewalt wa­ren die bevorzugten Waffen eines Systems, das auf einer zer­störerischen marxistischen Ideologie beruhte. Die Wirtschaft des Landes war zusammengebrochen und die Einwohner der Städte erlebten eine extreme Armut. Auf dem Land machte die gegenseitige Unterstützung unter den Dorfbewohnern es möglich, für die allernötigsten Bedürfnisse zu sorgen. Sékou Touré war besessen von der Realisierung seines messia­nischen Planes und fiel immer mehr in eine Paranoia, bei der er meinte, dass die Feinde der Revolution sich an seinem Un­tergang zu schaffen machten. Guinea war schwer angeschla­gen, ausgetrocknet und zerstört. Das Innerste seiner Seele schrumpfte allmählich zusammen.

1976 wurden Sie zum Professor und anschließend zum Leiter des Kleinen Seminars Johannes‘ XXIII. von Conakry ernannt.

Ja und es gab viele Seminaristen, fast hundert; doch den Do­zenten und den Erziehern, die mir vorausgegangen waren, fehlte es sicherlich an Strenge. Es herrschte eine Form der mo­ralischen Auflösung. Außerdem handelte es sich um eine Ein­richtung, in der wir die kleinen Seminaristen nur außerhalb des Unterrichts aufnehmen konnten, denn Sékou Touré hatte verlangt, dass die Jugendlichen den Schulunterricht in öffent­lichen Institutionen besuchen müssen.

Ich wollte sehr schnell eine richtige Disziplin wiederherstel­len. Leider haben die Schüler, die sich monatelang sich selbst überlassen waren, diese Strenge nicht akzeptiert, die ich ein­führen wollte. Ich musste zunächst mit einer kleinen Revolte fertigwerden. Doch der Mangel an einer spirituellen Ausbil­dung wirkte sich viel schlimmer aus, als ich es mir vorstellen konnte.

Eines Nachts zündete ein Schüler oder eine Gruppe von Schülern die Kapelle an … Ich bat daher die Schuldigen, sich öffentlich zu stellen. Niemand wollte die Verantwortung über­nehmen. In einem zweiten Schritt rief ich diejenigen herbei, die die Urheber dieses schweren Vergehens kannten, um sie anzuzeigen. Ich bin sogar so weit gegangen zu sagen, dass, wenn diese entsetzliche Tat mein eigenes Zimmer zum Ziel gehabt hätte, ich das hätte verzeihen können. Doch die Ka­pelle war das Haus des Herrn. Trotz meinem Beharren da­rauf, dass der Schuldige seine Verantwortung auf sich neh­men solle, wollte kein Schüler irgendetwas sagen … Folglich erklärte ich, dass ich die Entscheidung treffen werde, das Se­minar zu schließen, falls über die Brandursache weiterhin ge­schwiegen werde. Ich dachte dabei an die Ausbildung, die ich von Erzbischof Tchidimbo erhalten hatte, und ich wusste, dass er die gleiche Entscheidung getroffen hätte.

Die Präfektur von Kindia ließ mich kommen und erteilte mir den Befehl, einen Rückzieher zu machen; denn einzig ein konterrevolutionärer Akt hätte mich ermächtigt, das Seminar zu schließen. Doch ich gab nicht klein bei, denn ich meinte, dass eine durch einen Seminaristen begangene Entweihung nicht ohne Bestrafung bleiben konnte. Die Regierungsbe­hörden drängten darauf, dass ich die Tore des Seminars so schnell wie möglich wieder öffnen solle … Erneut erklärte ich, dass ich meine Entscheidung nicht überdenken würde. Es ist nicht hinnehmbar, dass zukünftige Priester, und damit Män­ner Gottes, gotteslästerliche Handlungen begehen. Angesichts meiner Entschlossenheit und meiner Erläuterungen verstand der Präfekt von Kindia besser, dass die Gründe meiner Ent­scheidung unanfechtbar waren. Letzten Endes schloss er sich meiner Entscheidung an. In diesem Jahr, das gerade begann, blieb das Kleine Seminar daher geschlossen.

Für das folgende Schuljahr bat ich die Priester, mir ein Füh­rungszeugnis für jedes der Kinder zukommen zu lassen, das sich in unseren vier Wänden einfand. Die Klassenstärken ha­ben sich auf die Hälfte reduziert, doch ich war sicher, dass es sich um Jugendliche handelte, die fähig waren, einen Weg im Dienste Gottes einzuschlagen.

Trotz dieser Episode behielt ich an mein Leben als Leiter des Seminars Johannes‘ XXIII. gute Erinnerungen. Ich hatte das Gefühl, die Kenntnisse weiterzuvermitteln, die so viele Lehrer mir mit Strenge, Mut und Opferbereitschaft weiterge­geben hatten.

Wird das Jahr 1978 eine radikale Wende in Ihrem Leben dar­stellen?

Am Abend des 18. April 1978 traf Msgr. Louis Barry, der da­mals seit der Inhaftierung von Erzbischof Tchidimbo Apo­stolischer Administrator war, unerwartet am Seminar von Kindia ein. Während des Essens erzählte er uns von dem überraschenden Erlebnis, das er gerade an diesem Morgen er­lebt hatte.

Durch einen seltsamen Zufall hatte er einen der Emissäre des Heiligen Stuhls getroffen. Tatsächlich musste sich Louis Barry nach Kissidougou begeben, und als er am Flughafen von Conakry vorbeifuhr, sah er ein kleines Privatflugzeug, dem »Violette Bauchbinden« entstiegen. Erstaunt hielt er an und machte kehrt, um dem Wagen zu folgen, in den die bei­den Bischöfe gestiegen waren. Msgr. Barry sah dann, wie das Fahrzeug beim Präsidentenamt der Republik vorfuhr… Zunehmend verblüfft beschloss er, bei den Schwestern von Saint-Joseph-de-Cluny zu halten, deren Haus sich etwa 50 Meter vom Präsidentenamt entfernt befand. Ein wenig später kamen die Emissäre vom Haus des Präsidenten Sékou Touré wieder heraus, um sich zu den Schwestern zu begeben. Msgr. Barry empfing die beiden Bischöfe und sprach ihnen seine Freude und seine Überraschung aus, sie in Conakry zu sehen. Es handelte sich um den damaligen Bischof und späteren Kardi­nal Simon B. Lourdusamy, Sekretär der Kongregation für die Evangelisierung der Völker, und um Bischof Luigi Barbarito, Apostolischer Nuntius in Dakar. Sie kamen, um Erzbischof Tchidimbo mitzunehmen. Doch zu gut unterrichtete Journa­listen hatten die Nachricht von der Freilassung bereits vor­weggenommen. Daher hatte der über diese Indiskretion auf­gebrachte Präsident Sékou Touré beschlossen, die Entlassung aus der Haft auf unbestimmte Zeit hinauszuzögern. Es han­delte sich um eine erneute Niederlage bei den Verhandlungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der guineischen Regierung.

Noch schlimmer war, dass der Präsident sich der Entschei­dung des Heiligen Stuhls im Hinblick auf den Namen des neuen Erzbischofs von Conakry strikt widersetzte. Ungeach­tet der Position der guineischen Regierung beauftragte Bi­schof Lourdusamy Msgr. Barry mit einer geheimen Mission; er sollte Abbé Robert Sarah fragen, ob er damit einverstanden sei, der nächste Erzbischof von Conakry zu werden …

Nachdem er uns am Tisch seinen Bericht gegeben hatte, hatte Louis Barry noch nichts von der Mission gesagt, die ihm anvertraut war – wegen der Anwesenheit meiner beiden As­sistenten im Seminar, Désiré Roland Bangoura und Apolli­naire Cècé Kolié. Nach dem Essen bat er, mich unter vier Au­gen zu sprechen; wir sind in mein Zimmer gegangen. Da teilte mir Louis Barry mit, dass Papst Paul VI. mich zum Erzbischof von Conakry ernannt hatte und dass ich so schnell wie mög­lich meine Antwort geben müsste. Diese Nachricht brachte mich völlig aus der Fassung. Zunächst protestierte ich und lehnte diese Ernennung ab, mir meines offensichtlichen Un­vermögens bewusst, ein derartiges Amt zu übernehmen. Die Schwierigkeiten in der Diözese waren gewaltig, und die Spannungen zwischen der Kirche Guineas und dem Staat nahezu konstant. Meine pastorale Erfahrung war nach wie vor unzureichend und vor allem hatte ich noch nicht einmal mein 33 Lebensjahr erreicht …

Darauf erwiderte Msgr. Barry unverzüglich: »Ich werde mit deine schriftliche Antwort in drei Tagen abholen kommen Wenn du ablehnst, wird Erzbischof Raymond-Marie Tchidi­mbo jedenfalls im Gefängnis bleiben, denn Sékou Touré hat für seine Freilassung als Bedingung die sofortige Neubeset­zung des Bischofsstuhls von Conakry durch die Ernennung eines neuen Erzbischofs gestellt.« Erzbischof Tchidimbo hatte sein Schreiben, in dem er seinen Verzicht auf das Bischofsami von Conakry erklärte, bereits übergeben. Der Sitz des Erzbis­tums von Conakry war daher ab sofort vakant.

Das zweite Argument von Msgr. Barry lautete folgender­maßen: »Du kannst nicht ablehnen, dem Papst zu gehorchen, der dir vertraut. Er spricht im Namen Gottes zu dir; du musst ihm absolut gehorchen, wie ein Sohn seinem Vater gehorcht.« Dann beendete er unser Gespräch, indem er mir sagte: »Der Dienst und die Mission, die Gott dir mit diesem Amt anver­traut, erfordern das Kreuz. Doch Gott wird mit dir sein, um dir Halt zu geben.« Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, dass ich völlig niedergeschlagen war.

Ich konnte nicht verstehen, warum Paul VI. einen einfachen und jungen Unbekannten wie mich erwählt hatte. Warum er­nannte der Heilige Stuhl nicht Msgr. Barry, der die ganze er­forderliche Reife besaß? Ich hatte das Gefühl, in einem un­glaublichen Sturm hineingeraten zu sein und ich konnte an dieser Entscheidung nichts verstehen. Ich wollte für meine Kirche ja leiden, doch ich blieb durch diese Wahl, die mir be­sonders schwerwiegend erschien, wie gelähmt.

Auch wenn ich verstehen konnte, dass Msgr. Barry der Nun­tiatur eine schnelle Antwort vermitteln wollte, war ich doch regelrecht bestürzt über die kurze zur Verfügung stehende Zeit, die er mir zum Überlegen ließ. Während dieser drei lan­gen Tage blieb ich niedergeschlagen. Schließlich schrieb ich einen Brief an den Papst, in dem ich ihm erklärte, dass ich unwürdig und unfähig sei, seine Entscheidung aber dennoch annähme. Noch am selben Tag wählte ich meinen bischöfli­chen Wahlspruch: »Sufficit tibi gratia mea«, »Meine Gnade ge­nügt dir«, entnommen dem zweiten Brief an die Korinther. Der Apostolische Administrator kam, um meinen Brief mit­zunehmen, und die Verhandlungen zwischen dem Heiligen Stuhl und Sékou Touré gingen noch ein ganzes Jahr weiter.

Bereits im Monat September 1978 bat mich Msgr. Barry, das Seminar zu verlassen, um sein Privatsekretär zu werden. Er wollte mir damit helfen, mich auf mein schweres Amt vor­zubereiten, und mir damit ermöglichen, mich mit der Stim­mung in der Stadt Conakry vertraut zu machen, die ich nur wenig kannte.

Das Jahr 1978-1979 im Erzbistum war für mich wie lange Exerzitien in der Wüste, eine Zeit des Gebets, der lautlosen Tränen und des Lernens. Ich wollte alles in die Hände Gottes legen. Zur selben Zeit, wie ich meine Funktion als Privatse­kretär von Msgr. Barry ausübte, übernahm ich die Pfarrstelle an der Gemeinde Saint-Joseph-Ouvrier sowie die Seelsorge an der katholischen Internatsschule Sainte-Thérèse-de-l’Enfant-Jésus der Kongregation der Kleinen Schwestern von Notre-Dame-de-Guinée.

Ein Jahr und vier Monate lang war ich mit Msgr. Barry der einzige, der die Bürde des päpstlichen Geheimnisses sowie die schreckliche Furcht, die dies in mir hervorrief, trug. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen, noch nicht einmal mit meinen Eltern.

Dann wurde, wie durch ein Wunder, Erzbischof Tchidimbo freigelassen und am 7. August 1979 des Landes verwiesen …

Am 18. und am 19. August 1979 kam eine päpstliche De­legation, um den Präsidenten erneut zu treffen. Sékou Touré stimmte schließlich meiner Ernennung zu und die Zeit schritt immer schneller voran … Die römischen Prälaten baten mich, innerhalb von wenigen Tagen für Donnerstag, den 23. Au­gust, eine Dankmesse in der Kathedrale vorzubereiten, ohne irgendeine weitere Erklärung, als die Freude über eine Feier anlässlich der Anwesenheit eines Sondergesandten des Heili­gen Stuhls …

Ich erlebte einen seltsamen Traum! Gott wollte also, dass ich mit 34 Jahren Erzbischof würde, während das Land eine noch nie da gewesene Krise durchmachte und alle Güter der Kirche konfisziert waren. Die Messe wurde um 10:00 Uhr in der Kathedrale gefeiert und die Ernennung vom Bischof von N’Zérékoré, Philippe Kourouma, wurde zur selben Zeit wie die meine bekannt gegeben. Im selben Augenblick wurde ich überdies zum Apostolischen Administrator der Diözese Kan­kan berufen.

An diesem Augusttag weinten die wenigen in aller Eile ver­sammelten Gläubigen vor lauter Freude und Ergriffenheit. Seit jenem schrecklichen Tag im Dezember 1970 hatten wir keinen Bischof mehr in irgendeiner der Diözesen Guineas. Ich wusste, dass die Prüfungen und das Leiden von Erzbischof Tchidimbo unermesslich waren. Jahrelang brachte ihm eine seiner Cousinen, Mutter Louis Curtis, unter absoluter Ge­heimhaltung Hostien in das Lager, in dem er sich aufhielt, die er konsekrieren und heimlich zu sich nehmen konnte, bevor seine Zellengenossen aufwachten. In seinem Buch »Noviciat d’un évèque« (»Noviziat eines Bischofs«), das er uns als Tes­tament hinterließ, schrieb er mit diesem für seine Persönlich­keit so charakteristischen Zartgefühl: »Diese kurzen, in der größten Stille gegen 5:00 Uhr morgens gefeierten Messen wer­den die ergreifendsten meines priesterlichen Daseins sein.«

Am 7. August 1979 wurde Erzbischof Tchidimbo freigelas­sen und unverzüglich zum Flughafen zur Abreise nach Rom gebracht. Ich habe die Nachricht im Radio gehört und nieman­dem war es erlaubt, ihn vor seinem Verlassen des Territoriums zu verabschieden. Das war ein unbeschreibliches Gefühl.

Als meine Ernennung am 23. August 1979 bekannt gege­ben wurde, befanden sich zwei Spiritaner-Patres, die Patres Robert Haffmans und Michel Legrain, in Ourous. Sie hörten die Nachricht zufällig im Radio und liefen zu meinen Eltern, um ihnen die Ernennung mitzuteilen. Statt in Freude und Be­geisterung fanden sie meine Eltern angsterfüllt vor: »Sie müs­sen doch glücklich sein, wenn Ihr Sohn in der Kirche zu ei­ner so hohen Verantwortung berufen wird! Warum sind Sie denn traurig?«, fragten die beiden Missionare … Und Papa und Mama antworteten ihnen: »Wissen Sie, wer sein Vorgän­ger war?« Sie fürchteten, dass ich schnell das gleiche Schicksal wie Erzbischof Tchidimbo erleiden würde …

Nach der Dankmesse baten wir beim Präsidenten um eine Audienz, der auch damit einverstanden war, uns zu empfan­gen. Damals war es wichtig, das Gefühl zu vermitteln, dass wir das Werk der Revolution achteten. Sékou Touré wollte schon gern, dass wir Bischöfe aus Afrika und Europa anlässlich unse­rer Bischofsweihe einladen konnten, was für das Regime eine wichtige Innovation darstellte. Am 8. Dezember 1979, dem Tag meiner Weihe, sind zum ersten Mal Bischöfe, Priester und Or­densleute nach Guinea zurückgekommen; Kardinal Giovanni Benelli weihte mich, assistiert vom Erzbischof von Bamako, Luc Sangaré, und vom Bischof von Angers, Jean Orchampt, be­gleitet von 27 weiteren Bischöfen, in den Gärten des Sitzes des Erzbistums in Gegenwart von sieben guineischen Ministern, die vom Premierminister, Lansana Béavogui, sowie der Ehe­frau des Präsidenten, Andrée Touré, angeführt wurden.

Sékou Touré hatte alles unternommen, um sich meiner Er­nennung zu widersetzen, doch er schien von nun an mein Bischofsamt zu akzeptieren; die Mobilisierung des Vatikan, Liberias und zahlreicher internationaler Organisationen zu­gunsten der Freilassung von Erzbischof Tchidimbo hatte das Regime äußerst gekränkt. Darüber hinaus wollte der Revoluti­onsführer nicht erneut den Vatikan attackieren, indem er da­ran festhielt, die Entscheidungen Roms abzulehnen. Für mich war das dennoch die Ruhe vor dem Sturm.

Sehr schnell begriff ich, dass das große Problem mit mei­nem Amt die Beziehung zu meinen Priestern sein sollte. Das Priestertum, die Familien, die Jugend und die evangeliumsge­mäße Ausstrahlung der Kirche bildeten die vier Prioritäten zu Beginn meines Bischofsamtes.

Seit den ersten Tagen bat ich darum, meine Mahlzeiten mit allen Priestern der Diözese, die in den Büros der Erzdiözese arbeiteten, teilen zu können. Ich wollte eine familiäre Atmo­sphäre schaffen. Doch Laien sind zu mir gekommen, um mich zu warnen: Sämtliche meiner Aussagen würden dem Kabinett von Sékou Touré gemeldet. Mit Betrübnis fand ich mich da­mit ab, alle meine Mahlzeiten allein einzunehmen.

Weist Ihr Leben als Bischof nicht eine gewisse Parallele zu dem Leben von Karol Wojtyla in Krakau auf als er gegen den Kom­munismus kämpfte?

Ich würde nicht wagen, mich mit dem heiligen Johannes Paul II. zu vergleichen, doch das war tatsächlich eine Zeit, die zu­gleich bereichernd und bedrückend war. Bis zu seinem Tod am 26. März 1984 hat Sékou Touré immer wieder jegliches Tun und Handeln von mir überwacht. Einige Monate vor sei­nem Tod hatte er nach den geheimen Informationen, die mir nach seiner Beerdigung kundgetan wurden, sogar noch pein­lich genau meine Verhaftung und meine Hinrichtung geplant.

Nach der Weihe riet mir Msgr. Barry, mich sofort auf die Straßen der Diözese zu begeben, um den Gläubigen zu be­gegnen. Zwei Jahre lang durchstreifte ich daher mein Kir­chenterritorium, um nicht von der Realität abgekoppelt zu sein. Mir wurde bewusst, dass die Revolution des Parteistaa­tes sämtliche Stützen des Landes buchstäblich zerstörte. Ins­besondere befand sich die Schule in einem chaotischen Zu­stand; nur die Verbreitung der offiziellen, vom sowjetischen Marxismus-Leninismus inspirierte Propaganda war wichtig. Die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen und die Kranken­häuser waren praktisch verschwunden oder befanden sich in einem hygienisch bedauernswerten Zustand. Die Schwächsten, vor allem die Kinder und die alten Menschen, waren in ihrem schrecklichen Leid sich selbst überlassen.

Die politischen Gegner hatten kein Heimatrecht. Allein die Tatsache, eine bloße Kritik über das Elend des Volkes zu äu­ßern, konnte zu einer Haftstrafe im Lager Boiro führen, in dem die Soldaten unsägliche Folterungen praktizierten, über die ich nicht sprechen möchte.

Im Grunde genommen versank das Land in einer teufli­schen Spirale und nichts schien den ideologischen Wahn von Sékou Touré aufhalten zu können. Trotz der Risiken fasste ich den Entschluss zu sprechen. Angesichts einer so dramatischen Situation konnte ich nicht schweigen. Mehrmals habe ich mei­nen Standpunkt über die Not des Volkes über die Angst oder die Lügen der Führungsebene und über die politische und ka­tastrophale wirtschaftliche Verwaltung unseres Landes zum Ausdruck gebracht. Bei einer öffentlichen Ansprache habe ich sogar diesen Satz von mir gegeben, den Sékou Touré mir niemals verziehen hat: »Die Macht ruiniert jene, die nicht die Weisheit haben, sie zu teilen!«

Für mich selbst argumentierte ich folgendermaßen: »Ich bin 35 Jahre alt. In Afrika ist das mehr als die Hälfte eines Le­bens. Es gibt viele Kinder, die bei der Geburt sterben und un­zählige Menschen, die ihr Leben mit 50 Jahren beenden oder sogar noch bevor sie 20 Jahre alt sind. Ich sollte mich vom Herrn gesegnet schätzen, mein Alter erreicht zu haben. Nun ist es wichtig, dass ich mich ganz Gott und seinem Volk weihe. Was könnte man besseres erhoffen als einen Tod für Gott und die Verteidigung der Wahrheit, für die Würde der menschli­chen Person und der Gewissensfreiheit! Man muss bereit sein, diese Erde für das Evangelium zu verlassen. Jesus ist gestor­ben, um für die Wahrheit Zeugnis abzulegen: ›Ich bin dazu geboren‹, sagte er, ›und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört auf meine Stimme‹ (Joh 18,37).«

Nach Hunderten von Stunden des Gebetes bin ich zu dem Schluss gelangt, dass das Schlimmste, das mir passie­ren konnte, der Tod war; mein Leben war nichts angesichts des schreienden Unrechts, der entsetzlichen Not und der un­beschreiblichen Schrecken, die ich täglich sah. Der Terror herrschte bis in die Familien hinein, in denen ein Vater fürch­ten musste, dass seine Kinder aus Opportunismus mit der Diktatur gemeinsame Sache machten. Ich musste also reden, auch wenn meine Existenz damit auf dem Spiel stand.

Ich fasste daher den Entschluss, meine Homilien in der Ka­thedrale und die Neujahrsfeier zu nutzen – bei der der Erz­bischof dem Präsidenten traditionell alles Gute wünscht –, um Anmerkungen über den Verfall des Landes zu machen. So formulierte ich ohne Provokation und mit einem großen Respekt einige Vorschläge, damit das Volk in den Genuss we­niger beschwerlicher Lebensbedingungen kommen könnte. Ebenso appellierte ich an das Regime, den Guineern eine grö­ßere Freiheit zu gewähren. Die Katholiken und viele Muslime wussten nicht mehr, was ich tun sollte, um weniger Risiken einzugehen. Ich hatte keine Angst – falls ich verhaftet werden sollte, wäre der Anlass es wert gewesen.

Natürlich kann niemand Lust darauf haben, in einem Kon­zentrationslager gefoltert zu werden. Ich wusste auch nicht, dass Sékou Touré gegenüber einem Gegner zum Schlimmsten bereit war. Dennoch meinte ich weiterhin, dass mein Kampf wichtiger als mein eigenes Überleben war. Wenn Gott mich lieber im Himmel hätte, fühlte ich mich dazu bereit, ihn zu treffen, nachdem ich mein Volk gegen die Unterdrückung ver­teidigt hatte.

Außerdem versuchte ich, Werke für die Jugend aufzubauen. Sékou Touré lehnte es tatsächlich ab, dass sich irgendjemand um die jungen Leute kümmerte. Die Zuständigkeit für die Erziehung lag allein beim Parteistaat. Im Jahr 1959 hatte Sé­kou Touré die »Jugend der demokratischen Revolution Afri­kas« gegründet, die alle künstlerischen, kulturellen und sport­lichen Aktivitäten der Jugendlichen unterstützen sollte. Alle anderen Jugendbewegungen waren verboten.

Ich wollte, dass die jungen Menschen über eine Ansicht verfügen, die sich von der der revolutionären Kräfte unter­schied. Daher startete ich eine Meinungsumfrage und bat die Priester, junge Leute anzusprechen, damit sie mir schrieben und mir ihre Beschwerden mitteilten. Bei den weitaus meis­ten Briefen, die ich erhielt, stellte sich ein Bedürfnis nach spi­ritueller und humaner Bildung heraus. Seitdem, so beschloss ich, jedes Jahr Ende August die jungen Leute, die es wün­schen, zwei Wochen lang zu biblischen und humanen Schu­lungen zusammenzubringen. Ich befasste mich mit religiösen Fragen und Fachleute gaben Antworten auf häufig sehr kon­krete Fragen wie der Arbeit, der Verwaltung, der Ehe und der Familie. Der menschliche und finanzielle Aufwand war sehr hoch, denn meine Diözese war nicht reich. Doch ich erkannte schnell, wie tiefgründig die Sehnsüchte dieser jungen Leute waren. Ich muss wohl nicht betonen, dass Sékou Touré meine Initiative sehr argwöhnisch beobachtete …

Ich versuchte zudem, den Familien zu helfen; ich stellte fest, wie sehr der Kommunismus ihnen schaden konnte. Oftmals hatte man innerhalb ein und desselben Haushaltes Angst vor dem, was einer der Ehegatten tun konnte. Die Kinder entglit­ten förmlich der Erziehung ihrer Eltern.

In der Regel treffen die wichtigsten Maßnahmen revolutio­närer Regierungen immer die Familie. Daher waren alle meine Hirtenbriefe während der fünf ersten Jahre meines Episkopats der Verteidigung der christlichen Familie gewidmet.

Wussten Sie, was Sékou Touré über Sie dachte?

Zunächst war er sehr erstaunt über die Freiheit meiner Spra­che. Er wusste darüber hinaus, dass ich die protokollarischen Formen des Regimes einhielt. So versäumte ich beispielsweise niemals die langen Feierlichkeiten am Nationalfeiertag und auch keine andere vom Parteistaat angeordnete öffentliche Veranstaltung, und wenn Sékou Touré mich in den Präsiden­tenpalast eingeladen hatte, entzog ich mich nicht.

Bei mehreren Gelegenheiten legte er Wert darauf, dass ich mitten unter seinen Ministern an seiner Seite saß, und er präsentierte mich als Vorbild der Treue zur Politik des Parteistaats. Er verkündete, dass er sich voll und ganz auf mich verlasse … Mehrere Personen kamen zu mir, um mich vor der Falle zu warnen, die mir der Präsident bestimmt stellen würde.

Bei unseren Unterredungen unter vier Augen hörte er sich meine Bemerkungen aufmerksam an und der Ton unserer Gespräche war herzlich. Dennoch kannte er meine Meinung, denn ich wusste, dass die Geheimdienste eine große Anzahl meine Gespräche abhörte.

Eigentlich war ich durch die Krise, die das ganze Land ver­giftete, sehr besorgt. Das moralische Gewissen der Guineer war besonders beeinträchtigt. Der Terror herrschte überall und eine kleine Minderheit von Guineern berauschte sich an politischen Parolen und irreführenden revolutionären Einsät­zen. Sékou Touré ließ in den Herzen der Menschen eine so tiefe Angst entstehen, dass es vieler Jahre bedurfte, bevor das Volk den Mut fand, wieder aufzustehen. Leider ist es einfa­cher, ein Land zu zerstören als es wieder aufzubauen.

Im Januar 1984, als sich Omar Bongo, der Präsident der Republik Gabun, in unserem Land auf Besuch befand, wollte Sékou Touré mir die Ehre erweisen, mich seinem Gast vor­zustellen. Erneut beglückwünschte er mich herzlichst zu mei­ner Zustimmung zu den Grundsätzen der Revolution … Die Strategie des Diktators war klar. Indem er mich ermunterte und öffentlich seine Wertschätzung zeigte, würde mich Sékou Touré sodann besser bezichtigen können, sein Vertrauen zu brechen wie auch die Ideale des Regimes zu verraten.

Einige Wochen später warnten mich mehrere europäische Botschafter sowie mein Generalvikar, P. André Mamadouba Camara, über die vertraulichen Mitteilungen dem Präsiden­ten nahestehender Minister. Diese Honoratioren des Regi­mes behaupteten, dass die Kirche nicht mehr dieselbe Welt­anschauung wie der Parteistaat habe. Tatsächlich wollte Sékou Touré die Leute auf meine Verhaftung vorbereiten. Doch Gott legte seine Hand auf mich, um mich zu schützen und zu be­wahren.

Im Dezember 1983 erschütterte ein Erdbeben Guinea; die Schäden waren äußerst beträchtlich.

Die für die internationale Opferhilfe Zuständigen, die mit dieser Naturkatastrophe konfrontiert waren, wurden von dem für das Lager Boiro verantwortlichen Kommandanten Siaka Touré empfangen. Als er am Flughafen von Conakry die An­kunft eines Flugzeugs erwartete, rutschte er aus und brach sich beim Sturz ein Bein … Er wurde sofort nach Marokko abtransportiert. Nach den Plänen von Sékou Touré sollte die­ser Mann mich einige Wochen später verhaften …

Dann bat ich die Regierung anlässlich der ersten in Rom veranstalteten Weltjugendtage im März 1984 um die Er­laubnis, mich nach Italien zu begeben, um der Einladung des Papstes zu folgen. Üblicherweise war dafür nur ein Be­scheid des Innenministers und der nationalen Sicherheit er­forderlich. Dieses Visum war schon fast eine einfache Forma­lität. Für diese Reise forderte der Minister jedoch außerdem das Einverständnis des Präsidenten. Er telefonierte mit Sékou Touré, der sich über das Datum meiner Rückkehr erkundigte und, als er erfuhr, dass ich im April zurückkommen würde, seine Erlaubnis für diese Reise erteilte. Joseph Hyzazi, der mit der Verwaltung der Diözese und meiner Reisen beauftragt war, berichtete mir von der Diskussion des Präsidenten mit dem Minister. Diese Anordnungen schienen seltsam und ein schlechtes Omen!

Doch einige Tage später erlitt Sékou Touré einen Schlagan­fall. Saudi-Arabien sandte sogleich ein Sanitätsflugzeug. Als die Maschine in Conakry eintraf, nahm der Kontrollturm ge­mäß der Vorgehensweise Kontakt mit dem Präsidenten auf, um dessen Genehmigung zu erhalten. Da er jedoch keine Ver­bindung mit Sékou Touré, dessen kritischer Zustand geheim gehalten wurde, herstellen konnte, verweigerte der Turm der Maschine das Landerecht, die nun nach Dakar flog. Erst am nächsten Tag, als sich der Premierminister – von Beruf Arzt – nach der Ankunft des Rettungsflugzeuges erkundigte, lan­dete die Maschine schließlich in Conakry. Sékou Touré wurde nach Marokko und anschließend in die Vereinigten Staaten ausgeflogen.

So konnten der Präsident, der geplant hatte, mich zu ver­haften, und Siaka Touré, der diesen Plan ausführen sollte, beide keinen Schaden mehr anrichten!

Trotz der Intensivpflege, die er erhielt, starb der Diktator am 26. März 1984 in Cleveland in den Vereinigten Staaten nach einer Herzoperation.

Der Premierminister Lansana Beavogui wurde Übergangs­präsident in der Erwartung von Neuwahlen, die innerhalb von 45 Tagen stattfinden sollten. Doch nun übernahmen am 3. April die Streitkräfte die Macht und prangerten die letzten Jahre des Regimes als »blutige und erbarmungslose« Oligar­chie an. Die Verfassung wurde außer Kraft gesetzt, die Nati­onalversammlung wie auch die Einheitspartei aufgelöst. Der Anführer des Putsches, Oberst Lansana Conté, übernahm am 5. April die Präsidentschaft an der Spitze des Militärkomitees zum nationalen Wiederaufbau – des CMRN (Comité militaire de redressement national). Als Beweis des guten Willens wur­den mehr als 2000 politische Gefangene aus dem grauenvol­len Lager Boiro freigelassen. Bei der Bevölkerung herrschte Jubelstimmung.

Einige Tage nach der Machtergreifung durch Lansana Conté teilte mir der Botschafter der Bundesrepublik Deutsch­land, Bernhard Zimmermann, mit, dass die Dokumente, die eine Liste mit den Namen von Persönlichkeiten enthielten, die exekutiert werden sollten, im Büro von Sékou Touré aufge­funden wurden. Ich stand auf dieser Liste ganz oben … Sé­kou Touré hatte meine heimliche Verhaftung und meine Er­mordung für den April geplant. Gott war schneller als Sékou Touré! Der Herr wollte, dass ich noch ein bisschen länger auf dieser Erde bleibe.


Wie hat Ihr Land nach dem Tod von Sékou Touré reagiert?

Ich glaube wirklich, dass das Militär nicht darauf vorbereitet war, die höchste Staatsverantwortung zu übernehmen, was im Übrigen ja auch nicht seine Aufgabe ist. Es konnte das Land nicht reformieren, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln und die Armut zu bekämpfen. Die Freiheitsrechte wurden zwar ge­stärkt, doch die politische Opposition wurde zu Unrecht schi­kaniert. Wir sind von einem marxistischen Regime zu einer Militärjunta übergegangen. Natürlich war das Land weniger von der Welt abgeschnitten, als es das unter Sékou Touré ge­wesen wäre. Doch im Grunde genommen haben sich die Rah­menbedingungen des Landes nicht verändert. Dieselbe einge­rostete Maschine funktionierte wie eh und je. Wie hätte man den neuen Wein der Wahrheit und der Freiheiten in die alten Schläuche der Revolution füllen können?

Auch wenn das Verhältnis zwischen dem neuen Präsiden­ten und mir zunächst herzlich war, wurden unsere Beziehun­gen schnell angespannt, denn ich bewahrte die Freiheit in meiner Ausdrucksweise. Eines Tages lehnte ich mich öffent­lich dagegen auf, dass Guinea der Wasserturm Afrikas sein sollte, während die Hauptstadt Conakry praktisch keinen Zu­gang zum Strom hatte und Trinkwasser knapp war …

Haben Sie sich in das politische Leben Guineas eingebracht?

Nein, aber ich hatte das Gefühl, dass es wichtig sei, dass ich die Stimme erhebe, um die Würde der menschlichen Person und die Ehrfurcht vor dem Leben der Menschen dieses Landes zu verteidigen. Ich war der einzige Verantwortliche, der gegen das Abgleiten eines Militärregimes protestieren konnte, das sich regelrechter Morde schuldig machen konnte. Mit Sicher­heit hatte ich niemals Angst, die Rechte und die politischen Positionen des Hauptgegners dieser Zeit, des derzeitigen Prä­sidenten der Republik, Dr. Alpha Condé, zu verteidigen. Als er sich im Exil in Paris befand, besuchte ich ihn in seiner Wohnung an der Place d’Italie, was der CMRN ganz und gar nicht gefiel.

Die Kirche befand sich in einer Minderheitenposition, doch sie war die einzige wirklich freie Institution. Ich wusste, dass die Christen wie die Muslime mit Ungeduld darauf war­teten, dass ich mich über die alltäglichen Themen des Lebens des Volkes äußere. Nach dem gescheiterten Umsturzversuch durch Diarra Traoré wurden die Gewalttätigkeiten, Verhaf­tungen und Morde erneut entfesselt.

Der italienische Botschafter Roberto Rosellini, der durch einen Landsmann darüber informiert war, dass Oberst Di­arra Traoré und drei weitere Personen sich in dem Haus ei­nes italienischen Staatsangehörigen versteckten, sah sich ge­zwungen zu intervenieren, um jegliche Verwicklung Italiens zu vermeiden. Er machte Diarra Traoré in seinem Versteck ausfindig. Dieser bat ihn um Benzin und einen Geländewa­gen, um damit nach Mali flüchten zu können. Der Botschaf­ter lehnte seine Forderung ab, da eine solche Handlung Ita­lien in den Putschversuch mit hineinzuziehen drohte. Der Botschafter entschied daher, Diarra Traoré und die drei an­deren gesuchten Personen dem damaligen Außenminister Facinet Touré anzuvertrauen. Er wollte, dass das internati­onale Recht angewandt würde, um ein Blutvergießen zu ver­meiden.

Herr Rosellini kam dann zu mir, allerdings nicht in seiner Eigenschaft als Botschafter, sondern als Katholik, damit wir unsere Bemühungen koordinieren und Menschenleben retten konnten. Diarra Traoré selbst schrieb mir am 7. Juli 1985 einen Brief: »Monsignore, zutiefst verletzt, möchte ich heute diesen Brief an Sie richten, um Sie zu bitten, doch künftig im Na­men der katholischen Kirche beim Staatsoberhaupt zu inter­venieren und um eine außergewöhnliche Milde zu bitten. Ich habe den schwersten Fehler meines Lebens begangen, doch ich weiß, dass ich so handeln musste, denn für einen Gläubi­gen ist jedes Los vorherbestimmt. Ich bitte Sie, dies für mich zu tun – Sie haben dafür jede Möglichkeit; denn ich kenne Ih­ren legendären Humanismus. Lassen Sie mich nicht umkom­men, denn als Mensch, so glaube ich, bin ich noch resozia­lisierbar. Ich werde Ihnen nichts sagen, was Sie nicht bereits wissen, doch verhindern Sie, dass mein Bruder die endgültige Entscheidung trifft. Ich bin Vater einer kinderreichen Familie mit vierzehn Kindern, die noch sehr klein sind. Ich vertraue Ihnen vollkommen und zähle auf die Güte ihres Herzens. Gott schenke Ihnen eine kräftige Gesundheit und ein langes Leben. Amen. Diarra.«

Er vertraute seinen Brief Leutnant Bangoura Panival Sama an, der ihn mir am 11. Juli 1985 um 22:30 Uhr übergab. Be­vor wir uns trennten, sagte mir Leutnant Bangoura Panival: »Sie wissen, Monsignore, dass ich katholisch bin und dass ein Katholik nicht lügt und niemanden betrügt. Ich habe Diarra Traoré versprochen, dass ich Ihnen diesen Brief überreiche. Wie soll ich ihm beweisen, dass ich mein Versprechen gehal­ten habe?« Ich gab ihm das Erinnerungsbild meiner Bischofsweihe; auf der Rückseite dieses Bildes notierte ich unter mei­ner Unterschrift: »Ich habe Ihren Brief wohl erhalten. Ich bete für Sie und segne Sie. Nur Mut, ich vertraue Sie Gott an.«

Am 28. Juli 1985 erreichte mich ein weiterer Brief, der die Unterschriften von 21 Personen trug, allen voran standen dort die Signaturen der Kommandanten Kabassan Abraham Keita und Abdourahamane Kaba wie auch der Hauptmänner Ka­rifa Traoré, Fodé Sangare und Ahmadou Kouyaté. In diesem Brief stand: »Wir Unterzeichner des vorliegenden Schreibens möchten Ihnen achtungsvoll unsere tiefe Dankbarkeit und unendliche Anerkennung für Ihre edle Aufgabe der nationa­len Versöhnung aussprechen, zu deren unbestrittenen Helden Sie gehören. In Ihrer Eigenschaft als Mann Gottes seien Sie versichert, dass wir vor dem Hintergrund unseres Kreises sehr betroffen über das Resultat Ihrer Bemühungen als Pilger des Friedens und des Humanismus gewesen waren, um diesem Land die Neuauflage des Dramas der jüngsten Vergangenheit zu ersparen.«

Um alle Soldaten zu retten zu versuchen, die bei diesem gescheiterten Komplott verhaftet worden waren, suchte ich um eine Begegnung mit dem Präsidenten, General Lansana Conté, nach, wie auch mit seiner Frau Henriette Conté, um sie an das Gebot Gottes zu erinnern: »Du sollst nicht töten!« Da ich die erbetenen Termine nicht erhielt, beschloss ich, ih­nen einen Brief zu schreiben, damit Guinea sich nicht wieder in der Hölle des Regimes von Sékou Touré zurückfand, das so viel Blut vergossen hatte. Sehr viel später haben mir Ho­noratioren des Regimes geantwortet, dass das Militärgesetz verlangte, dass die Verräter erschossen würden. Darüber hi­naus fanden die für den Putsch vom Juli 1985 Verantwortli­chen oder mutmaßlich Beschuldigten, aber auch die Mitglie­der der ehemaligen Regierung von Sékou Touré alle den Tod. Ich war bestürzt und ratlos.

Ohne selbst Politik zu machen, hat sich die Kirche in Gui­nea stets stark engagiert, um die Rechte Gottes und des Men­schen zu verkünden, sowie für die Verteidigung der mensch­lichen und moralischen Werte. Ohne Wahrheit wandelt ein Land in der Finsternis und bringt das schlimmste Unheil für sein Volk hervor. Die Kirche muss sich in das konkrete Le­ben der Menschen einbringen. Kein Christ kann sich von der »conditio humana« und den historischen Bedingungen seiner Zeitgenossen loslösen.

Abgesehen von diesem Umsturz scheint es, dass auch Ihr übriges Leben nicht gerade ein Spaziergang war …

Natürlich gab es zuweilen äußerst schwierige Momente. Auch ich hatte das zu tragen, was der heilige Augustinus die »sarcina episcopalis« nannte. Dieser aus der Militärsprache bekannte Begriff bezeichnet das Gepäck des Soldaten, die »barda«, die lästige und schwere Ausrüstung, die auf ihm lastet. Recht häu­fig ist es eine besonders schwere »barda«, die der Bischof je­den Tag auf seine Schultern laden muss und die – je nachdem wie sein Amt auf Hindernisse stößt – immer schwerer wird, vor allem dann, wenn diese Hindernisse aus dem Inneren der Kirche und seinen engsten Mitarbeitern stammen.

Ich erlebte Momente der Entmutigung und sogar des Zu­sammenbruchs. So im Februar 1990, als ich am Ende meiner Kräfte ein Schreiben an den Papst aufsetzte, in dem ich mei­nen Verzicht auf das Amt des Erzbischofs von Conakry er­klärte. Ich wollte mich in eine kleine Pfarrei zurückziehen, um als einfacher Pfarrer zu dienen. Vor dem Abschicken an den Heiligen Vater wollte ich gerne Pater Barry darüber informie­ren, damit er mir seinen Rat gebe und mir helfe, umsichtig nachzudenken. Ich hatte auch dieses kleine Wort als Beilage geschrieben, das einen kleinen bitteren Beigeschmack hatte: »Warum schreibe ich Ihnen, um Ihnen meine Entscheidung mitzuteilen? Nicht um meinen Kummer zur Schau zu stellen oder um mich zu beklagen. Nein! Einfach nur deshalb, weil ich Ihnen vor elf Jahren, im April 1978, meine zustimmende Antwort für Papst Johannes Paul II. übergab, der mich gebe­ten hatte, den pastoralen Dienst in der Erzdiözese Conakry zu übernehmen. Aber auch deshalb, weil ich Sie stets als ei­nen Vater, als einen Leiter und Berater betrachtete. Ich könnte wie der heilige Paulus sagen: ›Gott aber kennt uns durch und durch. Ich hoffe, dass auch euer Urteil über mich sich zur vol­len Wahrheit durchgerungen hat. […]; unser Herz ist weit ge­worden‹ (2 Kor 5,11; 6,11).

Er war dagegen und erwiderte, dass das Kreuz keine Ange­legenheit für einen Tag oder für eine Woche sei, sondern für ein ganzes Leben. Er riet mir stark davon ab, meinen Brief an den Papst zu schicken … Und er hat ihn behalten. Erst im Jahr 2010 gab er ihn mir in Ourous nach meiner Dankmesse für die Kardinalswürde wieder zurück!

Der geheime, fast ununterbrochene Kampf mit der politi­schen Macht – von der Diktatur von Sékou Touré bis hin zum Militärregime von Lansana Conté – war beschwerlich. Doch es waren nicht diese äußeren Schwierigkeiten, die an meinem Mut und meiner Entschlossenheit, Gott zu dienen, nagten. Es waren vielmehr die inneren Kämpfe, denen ich die Stirn bie­ten musste, die mich zugrunde richteten, indem sie mir im­mer deutlicher meine objektive Unfähigkeit zeigten, die Kir­che von Conakry zu leiten.

Um mich dieser Situation zu stellen, hatte ich ein Pro­gramm für regelmäßige Exerzitien aufgestellt. Alle zwei Mo­nate brach ich alleine an einen völlig abgeschiedenen Ort auf. Ich verpflichtete mich zu einem dreitägigen absoluten Fasten, ohne Wasser und irgendwelche Nahrung. Ich wollte mit Gott zusammen sein, um mit ihm unter vier Augen zu sprechen. Wenn ich von Conakry losfuhr, nahm ich nichts weiter mit, nur eine Bibel, einen kleinen Messkoffer und ein Buch spiri­tueller Lektüre. Die Eucharistie war mein einziges Lebensmit­tel und mein einziger Begleiter. Dieses Leben der Einsamkeit und des Gebetes erlaubte mir, neue Kraft zu schöpfen und er­neut in den Kampf aufzubrechen.

Damit ein Bischof sein Amt wahrnehmen kann, denke ich, dass er Buße tun, fasten, dem Herrn zuhören und lange in der Stille und Einsamkeit beten muss. Christus zog sich 40 Tage in die Wüste zurück; die Nachfolger der Apostel haben die Ver­pflichtung, so getreu wie möglich Christus nachzuahmen.

Meine Erfahrung und meine Überzeugung als Christ gin­gen aus dem Kontakt mit den Spiritanerpatres meines Dorfes hervor. Wenn sie auf Schwierigkeiten stießen, flüchteten sich die Missionare ins Gebet. Der Mensch braucht eine lange Zeit, um auf die Welt zu kommen, und seine Geburt ist kein punk­tueller Akt. Sie findet in jedem Augenblick statt. Es gab Pha­sen, die meinem Leben eine entscheidende Richtung gegeben haben. Doch diese Wendepunkte – das sind diese Stunden, diese Augenblicke des Tages, in denen ich mir – ganz allein mit dem Herrn – über seinen Willen für mich bewusst wurde. Die großen Augenblicke des Lebens, das sind die Stunden des Gebetes und der Anbetung. Sie bringen das Sein hervor, sie gestalten unsere wahre Identität, sie verwurzeln eine Exis­tenz im Mysterium. Die tägliche Begegnung mit dem Herrn im Gebet und in der Betrachtung – das ist der Sockel meines Lebens. Seit meiner Kindheit habe ich begonnen, auf diese Augenblicke zu achten – in der Familie und im Umgang mit den Spiritanern von Ourous. Als wir die Passion durchleben mussten, mussten wir uns in den Garten von Getsemani, in die Einsamkeit der Nacht, zurückziehen.

Ich habe daher noch einmal gebetet und war einverstan­den, dieses Verzichtsschreiben zurückzuhalten.

Zwei Jahre später begibt sich Papst Johannes Paul II. nach Gui­nea. Für Ihr Land handelt es sich natürlich um einen histori­schen Besuch?

Ursprünglich sollte Johannes Paul II. Sierra Leone, Liberia und Guinea besuchen. Der Krieg in Sierra Leone hat dieses Programm abgeändert. Der Heilige Stuhl entschied sich da­her, eine Apostolische Reise zu veranstalten, und suchte dieses Mal den Senegal, Gambia und Guinea aus. Damals hatte der Erzbischof immer noch keinen eigenen Amtssitz; infolgedes­sen wussten die Veranstalter der Papstreise nicht, wie sie den Heiligen Vater unterbringen sollten, vor allem, da dieser un­bedingt Guinea besichtigen wollte. Er wusste, dass das Land unter dem revolutionären kommunistischen Regime große Schwierigkeiten durchgemacht hatte.

Tatsächlich war der Amtssitz nach der Verhaftung von Erz­bischof Tchidimbo von Sékou Touré konfisziert worden. Er war zum Haus des Gouverneurs von Conakry, sodann die Re­sidenz des Premierministers, des Oberst Diarra Traoré, gewor­den. Von dieser Residenz aus hatte Traoré seinen gescheiter­ten Putschversuch unternommen … Das Haus wurde folglich von den Soldaten, die dem Präsidenten Conté ergeben waren, geplündert, zerstört und in Brand gesetzt.

Angesichts einer derartigen Situation sahen die Mitarbeiter des Papstes nur eine einzige Lösung: Johannes Paul II. sollte von Dakar im Senegal aus kommen, den Tag in Conakry ver­bringen und zum Schlafen nach Dakar zurückkehren.

Frustriert und enttäuscht bat ich Präsident Conté um eine Audienz, um ihm zu erklären, wie erniedrigt Guinea wäre, wenn man dem Papst kein Haus anbieten könne, weil der Staat nicht willens sei und auch niemals sein Gut der Kir­che überlassen wolle. Der Staatschef beschloss daher, dieses Haus nach einer kompletten Renovierung zurückzugeben. Dann erfuhren wir, dass der Papst selbst drei Tage in Gui­nea bleiben wollte, um uns über all die Mühsale, die wir un­ter der Diktatur von Sékou Touré zu erleiden hatten, hinweg­zutrösten.

Johannes Paul II. traf am 24. Februar 1992 ein. Ich fürchtete schon, dass die Menschenmengen mager ausfallen könnten, denn Guinea ist ein mehrheitlich muslimisches Land. Doch im Gegensatz zu meinen Befürchtungen kamen die Katholi­ken und zahlreiche Muslime, um ihre Freude zum Ausdruck zu bringen, den Nachfolger Petri zu empfangen. Die musli­mischen Gläubigen sagten mir ganz im Ernst: »Zur Zeit der Revolution wurden wir gezwungen, die Führer der UdSSR zu empfangen; es gibt keinen Grund, dass wir uns für einen gro­ßen Gläubigen und einen Mann Gottes nicht auf die Straßen begeben sollten!«

Vom Flughafen bis ins Zentrum von Conakry waren die Straßen immer voll. Bei der ersten Messe in der Kathedrale war die Freude der Gläubigen unermesslich. Am Nachmittag fand im Kolleg Sainte-Marie-de Dixinn die Begegnung mit den Katechisten und den Pfarrgemeinderäten statt, die die ­der Priester lange Zeit beraubten – christlichen Gemeinden aufrechterhalten hatten. Der Tag endete mit der Einweihung des Krankenhauses, das heute den Namen des Pontifex Maxi­mus trägt. Am nächsten Tag weihte Johannes Paul II. bei ei­ner zweiten Messe im großen Stadion des »28. September« drei Priester. Nach dem Mittagessen begegnete er den jungen Guineern im Palast des Volkes. Einige Stunden später wollte ich auch, dass er mit den Vertretern der Muslime sprechen konnte. Schließlich sahen wir für den Abend eine Zeit des Ge­bets in der Grotte von Notre-Dame de Lourdes vor, die sich in den Gärten des erzbischöflichen Palastes befindet. Die An­dacht der Gläubigen war äußerst beeindruckend.

Nachdem er die heilige Jungfrau gekrönt hatte, kniete sich der Papst nieder und verharrte andächtig einen langen Au­genblick. Die Tiefe und die Dauer seines langen Gebetes be­eindruckten die anwesenden Menschenmengen sehr. Nach­dem er sich wieder erhoben hatte, kam er langsam auf mich zu und legte mir die schöne Stola, die er trug, auf meine eigenen Schultern. Ich war völlig durcheinander, denn ich verstand nicht den Grund seiner Geste, die nicht vorgesehen war. Als er wieder zu der Residenz hochging, nahm er mich in seine Arme und sagte mir mit fester Stimme: »Das ist ein sehr schö­ner Abschluss.« Am nächsten Tag, dem letzten Tag seines Be­suchs, feierte er in der Kapelle der Residenz Stella Maris eine Privatmesse.

Einige Tage später erfuhr ich, dass er von der Schlichtheit des Empfangs der Bevölkerung wirklich sehr beeindruckt war. Um uns zu danken, bat er Kardinal Francis Arinze, den da­maligen Präsidenten des Päpstlichen Rates für den interre­ligiösen Dialog, in die besuchten Länder zu reisen, um der christlichen und der muslimischen Bevölkerung wie auch den Regierungen zu danken.

Die Aktivierung der Laien war außergewöhnlich gewesen. Ohne sie hätte ich die Reise des Papstes niemals derart wir­kungsvoll vorbereiten können.

Im November 2001 ist Ihre Abschiedsrede vor Ihrem Weggang von Guinea nach Rom ein Augenblick geblieben, der die Ge­schichte des Landes geprägt hat. Es handelt sich dabei um eine besonders unsanfte Anklagerede gegen das Regime von Gene­ral Lansana Cont … Wie sind Sie darauf gekommen, derartige Äußerungen vorzubringen?

Die Situation war paradox. Der Präsident war stolz über meine Berufung nach Rom und er wollte unbedingt ein großes Festbankett zu meinen Ehren mit allen staatlichen Vertre­tern veranstalten. Doch ich wollte nicht in die Falle einer sol­chen weltlichen Atmosphäre tappen. So beschloss ich daher am 17. November 2001, diese Rednertribüne zu nutzen, um meine Besorgnis zu äußern.

Mein Beitrag wurde nicht im nationalen Fernsehen ausge­strahlt und die Aufzeichnung wurde vom Informationsminis­ter beschlagnahmt. Präsident Conté wurde bei der Zeremonie durch seinen Premierminister Lamine Sidimé vertreten, der in Begleitung von zahlreichen Mitgliedern seiner Regierung war. Doch im Laufe meiner Ansprache hatten mehrere von ih­nen fluchtartig den Festsaal verlassen …

Da mir der Premierminister soeben das höchste Ehrenab­zeichen des Staates Guinea verliehen hatte, konnte ich eine lange Rede halten. Daher konnte ich verkünden: »Ich sorge mich um die Gesellschaft Guineas, die sich auf der Unterdrü­ckung der Kleinen durch die Mächtigen aufbaut, auf der Ver­achtung des Armen und des Schwachen, auf der Raffinesse der schlechten Verwalter der öffentlichen Angelegenheiten, auf der Käuflichkeit und der Korruption der republikanischen Administration und Verwaltungen. […] Ich wende mich an Sie, Herr Präsident der Republik, auch wenn Sie hier nicht zu­gegen sind. Guinea, das vom Herrn mit allen natürlichen und kulturellen Ressourcen überhäuft wurde, vegetiert paradoxer­weise in der Armut dahin. […] Ich sorge mich um die Jugend, die keine Zukunft hat, weil sie von Dauerarbeitslosigkeit ge­lähmt wird. Ich bin ferner besorgt um die nationale Einheit, den Zusammenhalt und die Eintracht, die durch den Man­gel eines politischen Dialogs und die Ablehnung einer Ak­zeptanz der Verschiedenheit ernsthaft beeinträchtigt sind. In Guinea stellen das Gesetz, die Gerechtigkeit, die Ethik und die menschlichen Werte nicht mehr den Bezugspunkt dar und sind keine Garantie mehr für die Regelung des sozialen, öko­nomischen und politischen Lebens. Die demokratischen Frei­heiten wurden durch ideologische Abwege, die zur Intoleranz und Diktatur führen konnten, außer Kraft gesetzt. In früheren Zeiten war ein Versprechen ein heiliges Wort. Es stimmt, dass der Wert des Menschen sich an der Fähigkeit bemisst, seinem Wort treu zu bleiben. Heute werden die Medien, die Demagogie, die Methoden der mentalen Konditionierung und alle Verfahren dafür eingesetzt, um die öffentliche Mei­nung zu missbrauchen und den Geist zu manipulieren, indem man somit den Eindruck einer Gruppenvergewaltigung der Gewissen und einer schweren Einschränkung der Freiheiten und des Denkens vermittelt.«

Der Informationsminister war wütend. Er verordnete eine Sperre über alle meine Reden. Am folgenden Tag war bei der Abschiedsmesse in den Gärten des erzbischöflichen Palais ein einziges Regierungsmitglied anwesend, der Energieminister, Herr Niankoye Fassou Sagno, derzeit Kabinettsleiter des Pre­mierministers. Die Frau des Präsidenten, Henriette Condé, und Elisabeth Sidimé, die Gattin des Premierministers, hat­ten ebenfalls Wert darauf gelegt, nicht zu erscheinen. Doch ich war sehr enttäuscht, denn kein einziger christlicher Minis­ter war bei dieser Abschiedsrede anwesend.

Erneut beschloss ich, laut und deutlich meine Stimme zu ergeben. Zum Abschluss meiner Homilie konnte ich nicht die Realität verschweigen: »Ich weiß, dass das Volk von Guinea mich sehr schätzt und achtet. Doch ich verlasse Guinea mit dem Eindruck, dass ich von meiner Regierung gehasst werde, weil ich die Wahrheit sage.«

Am Ende der Messe traf der Premierminister noch in gro­ßer Eile ein … Er versicherte mir, dass die Regierung meiner Position große Aufmerksamkeit schenke. Doch in Wirklich­keit wusste ich genau, dass der Minister für die nationale Si­cherheit sein Möglichstes tat, um das Volk davon abzubrin­gen, mich am nächsten Tag bei meiner Abreise am Flughafen zu verabschieden.

Dennoch waren die Straßen von einer unbeschreiblichen Menschenmenge bevölkert, die mich vor dem großen Auf­bruch noch treffen wollte. Die Polizei versuchte sie auseinan­derzutreiben, doch das war vergebliche Mühe … In der großen Eingangshalle des Flughafens hielt ich eine letzte und kurze improvisierte Rede, in der ich zur Ruhe aufrief, wäh­rend viele Menschen Tränen in den Augen hatten. Schweren Herzens stieg ich ins Flugzeug und aus dem Seitenfenster be­trachtete ich noch lange diese gigantische Menschenmenge, die mir hinterherwinkte. Ich erinnerte mich an Erzbischof Tchidimbo und an diese Nacht im April 1978, in der Msgr. Barry gekommen war, um mir zu sagen, dass der Papst an den unbekanntesten Priester Guinea gedacht hatte, um diesen zum Erzbischof zu machen …

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihren ersten Schritten in Rom als Sekretär der Kongregation für die Evangelisierung der Völker?

Ich traf am 19. November 2001 in Rom ein. Als Bernadin Gan­tin, der wie ich zum Sekretär der Kongregation berufen wor­den war, den römischen Boden betrat, war er gekränkt, dass er am Flughafen von niemandem empfangen wurde. Daher legte er unbedingt Wert darauf, dass ich nicht dasselbe Schicksal er­litt … Mit diesem Feingefühl, das er stets für mich hatte, ließ der Kardinal die Ordensschwestern, die sich um seine Woh­nung kümmerten, mit seinem eigenen Wagen nach Fiumicino kommen, um die Beförderung zu meinem neuen Domizil si­cherzustellen. Doch Kardinal Sepe, der damals das Dikaste­rium leitete, in das ich berufen worden war, hatte ebenfalls seinen Vertreter in der Person des Untersekretärs geschickt. Ich wurde also außergewöhnlich umsorgt!

Es muss deutlich werden, wie umfangreich die Zuständig­keitsbereiche der Kongregation für die Evangelisierung der Völker sind. Dieses Dikasterium trägt die Verantwortung für die Ernennung sämtlicher Bischöfe Afrikas, Asiens, Ozeani­ens, vieler bedeutender Apostolischer Vikariate Lateinameri­kas sowie einiger Diözesen Nordkanadas. Es war eine außer­gewöhnliche Erfahrung, denn ich hatte die Möglichkeit, mit allen Völkern, allen Missionsländern, allen Kulturen und mit so vielen aufschlussreichen pastoralen Erfahrungen in Kontakt zu sein. Ich konnte mich jeden Tag mit den missionarischen Gemeinschaften und Instituten der ganzen Welt austauschen. Die Arbeit zur Vorbereitung der Bischofsernennungen ist ab­solut gigantisch. Im Laufe dieser Jahre lernte ich, die Stärken und Schwächen der meisten Diözesen der Welt zu verstehen.

In Europa haben wir stets den Eindruck, dass der Katholi­zismus in seinen Todeskampf eingetreten ist. Doch es genügt, eine Woche in der Kongregation zu verbringen, um zu ver­stehen, dass die Kirche – ganz im Gegenteil – eine außerge­wöhnliche Vitalität besitzt. Wir erleben einen »neuen Früh­ling des Christentums«, wie Johannes Paul II. immer so gern sagte. Im Jahr 1900 gab es zwei Millionen afrikanische Katho­liken; heute sind es 185 Millionen. In Asien verkörpert der von der Tradition verschiedener Mystiker ausgelöste und be­flügelte Katholizismus die Moderne. Ich würde noch hinzufü­gen, dass die Schönheit der Kirche nicht auf der Anzahl ihrer Gläubigen, sondern auf deren Heiligkeit beruht.

Ich konnte die Arbeit von mehr als 1000 Diözesen und un­zähliger Missionare verfolgen, die sich großherzig den ande­ren in den trockensten und entlegensten Regionen dieser Erde hingeben; mit einem geradezu lächerlichen Umfang der Mit­tel bringen sie der Menschheit die ganze Güte Gottes. Oftmals sind die Missionseinrichtungen die Einzigen, die sich um die Armen und die Kranken kümmern, die niemand mehr an­schauen möchte. Wenn verantwortungslose Regierungen, grausame Armeen oder nach Profit dürstende Lobbys Terror und Verzweiflung gesät haben, bleiben nur noch die geöffne­ten Hände Gottes übrig, die durch die Boten des Evangeliums die Ärmsten der Armen zu trösten kommen. Unter diesen Missionaren gibt es Heilige. Viele werden unbekannt bleiben und dennoch ist ihre Heiligkeit beeindruckend.

Schließlich ging ich stets mit besonderer Sorgfalt bei der Unterstützung vor, die wir zur Ausbildung der Seminaristen in den benachteiligten Ländern beitragen konnten. In diesem großen Dikasterium hatte ich das Gefühl, die wesentlichen In­tuitionen von Johannes Paul II. zu verstehen. Im Abendland, wo alles dem Anschein nach erstirbt und wo das Christentum unweigerlich zu verdunsten scheint, gibt es dennoch außerge­wöhnliche Blumen im Verborgenen. Denn der wahre Früh­ling der Kirche, das sind die Heiligen! Wie könnte man Johan­nes Paul II. und Mutter Teresa vergessen und alle Heiligen der modernen Zeit?

Natürlich ist das Amt des Sekretärs der Kongregation nicht einfach, doch es ist auch ein guter Lernprozess. Ich habe sehr gerne mit Kardinal Creszenzio Sepe gearbeitet, der mit einem besonders eindrucksvollen Organisationstalent begabt war, sodann mit Kardinal Ivan Dias, der so edle spirituelle Eigen­schaften unter Beweis stellte, und die während meines Aufent­halts nacheinander das Amt des Präfekten der Kongregation bekleideten. Sie waren beide sehr verschieden und ich behielt von diesen Jahren sehr viel zurück.

Seit dem Jahr 2008 vertrat ich Kardinal Dias zunehmend bei einer Reihe von Zusammenkünften, denn er litt an einer ihn immer mehr einschränkenden Krankheit. In diesem Zu­sammenhang hatte ich das Glück, viele Arbeitssitzungen mit Papst Benedikt XVI. zu haben, insbesondere für die Bischofs­ernennungen. Seine Demut, sein offenes Ohr und seine Intel­ligenz haben mich stets beeindruckt.

2010 sind Sie nach neun Jahren bei der Kongregation für die Evangelisierung der Völker zum Präsidenten des Päpstlichen Rates Cor Unum ernannt worden. Markiert das eine neue Etappe Ihres Lebens?

Tatsächlich rief mich am Morgen des 7. Oktober 2010 Kardi­nal Tarcisio Bertone an, um mir mitzuteilen, dass Papst Bene­dikt XVI. an mich dachte, dass ich den Vorsitz des Päpstlichen Rates Cor Unum übernehmen sollte. Ich war erstaunt, da ich absolut nichts beantragt hatte. Kardinal Dias war über meine Ernennung froh und zugleich spürte ich, dass er traurig war, mich weggehen zu sehen. Am nächsten Tag verließ ich Rom zu einer Reise nach Indien, die schon lange geplant war.

Am 20. Oktober, als ich meinen Indienurlaub mit einem Besuch in Goa beendete, versuchte Kardinal Bertone mich zu erreichen. Schließlich schafften wir es, miteinander zu spre­chen. So kam es, dass der Staatssekretär mir sagte, dass der Heilige Vater ein Konsistorium für die Kreierung neue Kar­dinäle plane. Tarcisio Bertone verriet mir damals, dass ich bei dieser Gelegenheit in den Kardinalsstand erhoben würde.

Ich kann nicht sagen, dass ich stolz war. Das Vertrauen von Benedikt XVI. berührte mich, doch ich hatte das Gefühl, dass diese Beförderung unverdient war. Sofort dachte ich an meine Eltern, die darüber so glücklich gewesen wären! Ich betete, damit Gott mir helfe, dieses Amt nicht wie eine Ehre zu leben, sondern wie einen schweren und schwierigen Beweis, um Christus zu verteidigen. Meine Eltern hätten sich eine derar­tige so seltene Ernennung niemals erträumt. Ich habe auch an Erzbischof Tchidimbo gedacht, der diese Würde so viel mehr als ich verdient hätte.

Ich weiß nicht, warum, aber Gott ist immer zu mir gekom­men, um mir die Hand zu reichen, um mich auf den wichtigs­ten Wegen zu begleiten. In meinem Leben hat Gott alles ge­tan; von meiner Seite aus wollte ich nichts anderes als beten. Ich bin sicher, dass das Rot meiner Kardinalswürde tatsäch­lich der Widerschein des Blutes vom Leiden der Missionare ist, die bis ans Ende Afrikas kamen, um in meinem Dorf das Evangelium zu verkünden.

Als ich nach Rom zurückkam, gewährte Benedikt XVI. mir eine Privataudienz. Während dieser Begegnung sagte der Papst diesen Satz, den ich nie mehr vergessen werde: »Exzel­lenz, ich habe Sie zu Cor Unum berufen, denn ich weiß, dass unter allen Sie die Erfahrung des Leidens und des Antlitzes der Armut haben. Sie werden der Beste sein, um mit Feinfüh­ligkeit das Mitgefühl und die Nähe der Kirche bei den Ärms­ten zum Ausdruck zu bringen.«

Wir können uns gut vorstellen, wie sehr die Zeremonie, in der Benedikt XVI. Sie zum Kardinal kreierte, ein großer Augenblick war …

Am 20. November 2010 hat Gott viele Prüfungen und Op­fer gekrönt. Eine Sache lag mir tatsächlich am Herzen: Ich wollte, dass die Spiritaner meiner Kindheit am Tag meiner Er­hebung in den Kardinalsrang in der Basilika Sankt Peter von Rom anwesend sind. Gott hat in meinem Leben viele schöne Früchte reifen lassen, doch es sind die Spiritaner, die die Zeu­gen des ersten Hauches Gottes auf mein Herz waren. Wäh­rend mir selbst kein Verdienst zukommt, hat Gott stets Ver­trauen in mich gesetzt. Ebenso bin ich weit davon entfernt, all das geschafft zu haben, was die Kirche von mir erwarten konnte – die verschiedenen Päpste haben mir seit Paul VI. im­mer wichtige Ämter anvertraut. Auch wenn wir die Frucht ei­nes menschlichen Erbes sind, so sind wir noch weitaus tief­gründiger zunächst das Werk Gottes.

Die Ehren, die die Kirche manchen ihrer Söhne gewähren kann, sind zuerst eine Gnade Gottes, damit der Glaube, die Hoffnung und die Liebe noch mehr erstrahlen. Die weltliche Versuchung ist eine Plage. In der Kirche gibt es keinen Auf­stieg des Menschen, sondern einfach nur eine Nachahmung des Sohnes Gottes. Die Freuden der religiösen Salons sind trügerische Deckmäntelchen. Franziskus erinnert häufig zu Recht an den Hang des Satans zur mondänen Welt.

Auch heute noch bemühe ich mich, wenn ich aufgrund meines Amtes Privilegien unterliege, durch ein tiefes inneres Gebet in Einheit mit Gott zu bleiben. Wenn wir alles vor Gott tragen, kommt die Demut von selbst. Die einem Kardinal ge­gebene Ehre kann nur zum Ruhm Gottes sein. Nichts wird je­mals schöner für ihn sein.

Worin bestand Ihre tägliche Arbeit beim Rat Cor Unum?

Meine Aufgabe bestand darin, das Mitgefühl, die spirituelle und materielle Nähe der Kirche für diejenigen Menschen be­sonders gut zum Ausdruck zu bringen, die unter den schwie­rigsten Prüfungen dieser Welt leiden. Sehr schnell habe ich bei meinen Reisen in die am meisten gebeutelten Länder un­serer Zeit verstanden, dass das größte Elend nicht unbedingt die materielle Armut ist. Das größte Elend besteht darin, Gott zu verfehlen. Er kann abwesend sein, weil die Menschen zu sehr im Materialismus eingesperrt und tief verzweifelt sind; sie haben ihn aufgegeben oder weisen ihn zurück. Oft gibt es einen Hunger nach Brot, aber auch einen Hunger nach Gott.

Cor Unum war als Vertreter der Nächstenliebe des Nach­folgers Petri an allen Schauplätzen des Krieges, der Natur­katastrophen, der Hungersnöte und der Epidemien systema­tisch präsent. Oftmals spielt sich hinter den unermesslichen Dramen eine Abwendung von Gott ab. Daher versuchte Cor Unum immer auch eine materielle Nothilfe zu leisten, ohne dabei den Trost Gottes zu vergessen. Die Nächstenliebe ist der Dienst am Menschen, doch es ist nicht möglich, den Menschen zu dienen, ohne ihnen von Gott zu erzählen. Da­rin wird die Kirche niemals eine Arbeit leisten können, die mit den humanitären Organisationen verglichen werden kann, die häufig von Ideologien geleitet und beherrscht wer­den.

In der Enzyklika Deus Caritas est erinnert Benedikt XVI. mit Recht daran: »Das christliche Liebeshandeln muss unab­hängig sein von Parteien und Ideologien. Es ist nicht ein Mit­tel ideologisch gesteuerter Weltveränderung und steht nicht im Dienst weltlicher Strategien, sondern ist hier und jetzt Vergegenwärtigung der Liebe, deren der Mensch immer be­darf …« Und die Quelle dieser Liebe ist Gott selbst. Wir müs­sen über die Liebe eine theologische Betrachtung führen, damit die katholischen karitativen Strukturen nicht dem Sä­kularismus verfallen.

Das Wesen der Kirche liegt in der Liebe Gottes und die Ca­ritas der Kirche ist zunächst die Caritas Gottes. Die wahre Ca­ritas ist weder ein Almosen noch eine humanistische Solidari­tät und auch keine Philanthropie: Die Caritas ist der Ausdruck Gottes und eine Fortsetzung der Anwesenheit Christi in un­serer Welt. Die Caritas ist keine punktuelle Funktion, sondern das tiefste Wesen der Kirche, Intima Ecclesiae Natura.

Sie drängt uns dazu, das Evangelium zu verkünden; die Kir­che offenbart einfach nur die Liebe Gottes. Oft ist es die Ab­wesenheit Gottes, die die tiefste Wurzel für das menschliche Leiden ist. Daher schenkt die Kirche die Liebe Gottes allen Menschen. Infolgedessen kann ein Christ nicht nur einzig sei­nen Brüdern in Christus, sondern allen Menschen gegenüber, ohne Ansehen der Person, Nächstenliebe üben.

Welche Erinnerungen haben Sie in diesen vier Jahren am stärks­ten geprägt?

Die Reise nach Japan war eine außergewöhnliche Zeit. Am 11. März 2011 hatte ein schweres Erdbeben der Stärke neun, ge­folgt von einem Tsunami, den Osten von Töhoku in der Um­gebung von Sendai getroffen und den Tod von mehreren Tausend Menschen gefordert und sehr schwere Schäden im gesamten nordwestlichen Teil von Honshu sowie den nukle­aren Unfall von Fukushima verursacht. Ich traf am 13. Mai 2011 im Land ein. Zwei Monate nach der Naturkatastrophe musste alles wieder aufgebaut werden. Ich war beeindruckt von der Aufnahme durch die vorwiegend buddhistische Be­völkerung, die ratlos und stark zugleich war. Im Laufe dieser Tage verstand ich, wie sehr die Menschen, die ich besuchte, von mir nicht nur eine materielle Unterstützung erwarteten; trotz der Verschiedenheit unserer religiösen Glaubensüber­zeugungen wollten sie, dass ich ihnen die Hoffnung gebe, die von Gott kommt. Nachdem ich die logistische und finanzi­elle Unterstützung des Papstes verteilt hatte, war das Größte, das ich tun musste, inmitten dieser ganzen so leidgeprüften Bevölkerung lange zu beten. Es war entscheidend, dass ich mich Gott zuwandte – für diese Waisenkinder, deren Blicke so traurig waren, für diese Männer und Frauen, die versuch­ten, ihre Häuser wieder aufzubauen, und für diese vor Müdig­keit erschöpften Greise. Erschüttert kehrte ich zurück, denn ich wusste, dass nur Gott allein all den Japanern zu Hilfe wirk­lich kommen konnte, indem er aufs Tiefste in ihre Herzen ein­dringt. Das Geld ist zwar notwendig, doch es gibt eine innige Liebe, die nur von Gott kommen kann.

Der Brief einer jungen Buddhistin, die mir zwei Monate nach meiner Rückkehr aus Japan schrieb, hat mich zutiefst erschüttert. Sie teilte mir mit: »Nach dem schrecklichen Tsu­nami, bei dem wir viele Mitglieder unserer Familie und fast unsere gesamte Habe verloren, wollte ich mir das Leben neh­men. Doch nachdem ich Sie im Fernsehen hörte, fand ich den Frieden und die Ausgeglichenheit wieder, als ich Sie für die Überlebenden und für die Toten beten sah. Ihre Andacht und Ihr stilles Gebet an der Küste wirkten auf mich und schließ­lich auch die bewegende Geste, als Sie Blumen in das Meer der Erinnerung all jener warfen, die von den Fluten verschlun­gen worden waren. Ich nahm davon Abstand, mir das Leben zu nehmen. Dank Ihnen verstand ich und ich weiß nun, dass trotz dieser Katastrophe uns jemand liebt, dass er an meiner Seite lebt und unsere Leiden teilt, weil wir in seinen Augen si­cher sehr wertvoll sein müssen. Dieser Jemand, das ist Gott. Ich habe seine Gegenwart gespürt und sein Mitgefühl durch den Heiligen Vater, den Papst, und durch Sie. Ich bin nicht ka­tholisch, doch ich schreibe Ihnen diese Zeilen, um Ihnen zu danken und um dem Heiligen Vater, Papst Benedikt XVI., für diesen unendlichen Trost, den er mir gespendet hat, zu dan­ken. Ich weiß, dass andere Personen wie ich diese wertvolle spirituelle Unterstützung bekommen haben, die wir alle brau­chen, vor allem in Zeiten großer und furchtbarer Prüfungen.«

Ich habe diese Person, die mir diesen Brief schrieb, nie­mals gesehen. Sie hat von meiner Seite keinerlei konkrete ma­terielle Unterstützung erhalten. Dennoch hat diese Buddhis­tin mir ermöglicht, besser zu verstehen, dass die Caritas einen Wert in sich besitzt – als Zeugnis Gottes jenseits ihrer tech­nischen, wirtschaftlichen, politischen oder soziologischen Ef­fizienz. Sie gehört zur Mission der Kirche, die darin besteht, die Liebe und die Zärtlichkeit Gottes zu offenbaren, um die Gegenwart, das Mitgefühl und die barmherzige Liebe des Va­ters inmitten unserer Leiden wiederzuentdecken. Diese Japa­nerin hat mir zutiefst geholfen, meine Aufgabe als Präsident des Päpstlichen Rates Cor Unum zu erfassen.

Eine echte Erleichterung, die wir den armen und den leid­geprüften Menschen bringen sollen, ist nicht nur materieller, sondern geistlicher Art. Man muss ihnen die Liebe, das Mit­gefühl und die Nähe Gottes aufzeigen. Gott ist bei uns in jeder Prüfung. Er ist mit uns auf dem Weg nach Emmaus, auf dem Weg der Enttäuschung, des Leidens und der Entmutigung.

Bestimmte katholische Einrichtungen schämen sich für ih­ren Glauben und lehnen es ab, ihn nach außen hin zu ver­treten. Sie wollen bei ihren karitativen Aktivitäten unter dem Vorwand des Proselytismus nicht mehr von Gott reden. Trotz­dem schrieb Papst Franziskus auf eine noch energischere Art in Evangelii Gaudium: »Da dieses Schreiben an die Mitglieder der katholischen Kirche gerichtet ist, möchte ich die schmerz­liche Feststellung machen, dass die schlimmste Diskriminie­rung, unter der die Armen leiden, der Mangel an geistlicher Zuwendung ist. Die riesige Mehrheit der Armen ist beson­ders offen für den Glauben; sie brauchen Gott und wir dürfen es nicht unterlassen, ihnen seine Freundschaft, seinen Segen, sein Wort, die Feier der Sakramente anzubieten und ihnen ei­nen Weg des Wachstums und der Reifung im Glauben auf­zuzeigen. Die bevorzugte Option für die Armen muss sich hauptsächlich in einer außerordentlichen und vorrangigen re­ligiösen Zuwendung zeigen.«

Vor einigen Monaten schrie in Jordanien in den syrischen Flüchtlingslagern ein kleiner siebenjähriger muslimischer Bürger vor meinen Augen: »Gibt es Allah? Gibt es Allah? Warum hat er es zugelassen, dass mein Papa getötet wurde?« Sei­nem Vater war nämlich von den islamistischen Rebellen in seiner Anwesenheit die Kehle durchgeschnitten worden und er war zutiefst schockiert. Wir versuchten, ihm vom lieben Gott, vom Vater und Schöpfer aller wundervollen Dinge zu erzählen, der das Böse hasst, um zu versuchen, ihm aus sei­nem Trauma herauszuhelfen. Wie lässt sich ein solches Leid vergessen, das allein aufgrund der Barbarei von Menschen entsteht, die die Religion entstellt haben? Dieses Kind hatte jegliche notwendige materielle Unterstützung, nichts fehlte ihm – es hatte Kleidung, Nahrung, gesundheitliche Betreu­ung und eine Unterkunft. Doch das reicht nicht, um es zu trösten. Einzig die Nähe Gottes und die Erfahrung, dass Er uns liebt und mit uns und in uns leidet, offenbart das Ge­heimnis des Leidens und spenden Trost, Halt und inneren Frieden.

Auf Haiti stand die Bevölkerung 2010 nach den Erdbe­ben vor äußerst starken Orkanen. In meinem Leben habe ich schon oft große Armut erlebt. Ich erinnere mich an so viele Tragödien in Afrika, die sich mit einer erschreckenden Re­gelmäßigkeit aneinandergereiht haben. Doch ich kann versi­chern, dass ich noch niemals solches Leiden wie auf Haiti ge­sehen habe. Ich hatte das Gefühl, dass ein ganzes Volk von den über die Menschen hereingebrochenen Naturkatastro­phen überwältigt wurde. Die Niedergeschlagenheit schien das Gemüt einer ganzen Nation zu befallen. Ich arbeitete viel, da­mit unsere Hilfe so viel wie möglich bewirkte. Darüber hinaus lernte ich eine Bevölkerung mit einem ungeheuren Glauben und einem unbedingten Vertrauen zu Gott inmitten seiner zahlreichen Leiden kennen.

Wenn wir die Liebe zum Nächsten praktizieren, vereh­ren wir Gott und wir begeben uns auf den Weg zur Ewigkeit. Durch die Nächstenliebe lassen wir Gott in uns sein Werk vollenden. Durch die Liebe überlassen wir uns ganz Gott. Und es ist Er, der in uns handelt, und wir sind es, die in Ihm und durch Ihn und mit Ihm handeln.

Es gab nie eine Beziehung zu Gott, die authentischer gewe­sen wäre als in der Begegnung mit den Armen. Denn hier ist die Quelle des Lebens in Gott: die Armut.

Unser Vater ist arm. Das ist womöglich ein Antlitz Gottes, das uns entgleitet und uns widerstrebt, weil wir dem »Men­schensohn«, der keinen »Ort [hat], wo er sein Haupt hinlegen kann« (Mt 8,20), noch nicht wirklich begegnet sind.

_______

Quelle: Robert Kardinal Sarah und Nicolas Diat: GOTT oder Nichts – Ein Gespräch über den Glauben – mit einem Vorwort von Georg Gänswein. fe-medienverlag GmbH, D-88353 Kißlegg. ISBN 978-3-86357-133-7. 1. Auflage 2015

KARDINAL SARAH: »GOTT ODER NICHTS« (1)

Download

ZU DEN WURZELN

Vorwort von Erzbischof Georg Gänswein

 

Dieses Buch ist radikal. Natürlich nicht in dem Sinne, in dem wir das Wort heute oft benutzen, etwa mit Blick auf Protestformen und extreme politische Ansichten. Nein, es ist die Radikalität des Evangeliums, die dieses Buch inspiriert, die Radikalität, die schon so viele Glaubenszeugen bewegt und angetrieben hat, die Radikalität einer unausweichlichen Entscheidung, vor der letztlich jeder einzelne Mensch steht, wenn er, früher oder später in seinem Leben, den Ruf Christi hört, ihn ernst nimmt, ihm nicht länger ausweichen will und endlich darauf antworten muss. Dann versteht er, dass seine ganze menschliche Existenz auf diese eine Frage zuläuft: Gott oder nichts!

Robert Kardinal Sarah hat keine Scheu, über die Radikalität des Evangeliums zu sprechen und ihr eine schonungslose Zeitanalyse gegenüberzustellen. Überzeugend zeigt er auf, dass es sich bei den neuen Formen des Atheismus und der Gottesgleichgültigkeit nicht einfach um gedankliche Irrwege handelt, die man auf sich beruhen lassen könnte. Vielmehr sieht er in den tiefgreifenden moralischen Transformationen unserer Gesellschaften eine existenzielle Bedrohung nicht nur des Christentums, sondern der menschlichen Zivilisation schlechthin. Erst verschwindet Gott, dann macht sich der Mensch selbst zu Gott: »Heute führt die Gottesfinsternis in den reichen und mächtigen Ländern den Menschen zu einem praktischen Materialismus, zu einem chaotischen oder übermäßigen Konsum und zur Schaffung von falschen mora-lischen Normen. Das materielle Gut und die sofortige Befrie-digung werden zum alleinigen Lebensinhalt. Am Ende dieser Entwicklung geht es noch nicht einmal mehr darum, gegen Gott zu kämpfen; Christus und der Vater werden ignoriert. (…) Die neue Regel lautet: den Himmel zu vergessen, damit der Mensch total frei und autonom sei.«

Dass in dieser prekären Lage der Auftrag, das Evangelium glaubwürdig zu verkünden, an Dringlichkeit gewinnt, steht für Kardinal Sarah außer Frage. Hier steht einer auf, der eine müde gewordene Glaubenswelt wieder wachrütteln will, indem er unumwunden sagt, worum es für die Kirche in dieser dramatischen Situation tatsächlich geht: »Um eine radikale Änderung des konkreten Lebens zu bewirken, muss die Lehre Jesu und der Kirche das Herz des Menschen erreichen.« Wo ihr das nicht gelingt, sieht er die Lösung nicht etwa in Anpassung an die Lehren des Hier und Jetzt, sondern in einer selbstkritischen Reflexion über die Mängel der Verkündigung: »Dabei geht es nicht darum, die Forderungen des Evangeliums aufzuweichen oder die Lehre Jesu und der Apostel zu än¬dern, um sich an die sich verflüchtigenden Moden anzupassen, sondern um uns selbst über die Art und Weise infrage zu stellen, wie wir das Evangelium Jesu leben und das Dogma präsentieren.«

Es wäre falsch, dieses Buch als einen Beitrag zu einer ganz bestimmten Debatte oder eine Erwiderung auf konkrete Standpunkte anderer zu lesen. Damit würde man der Tiefe dieser Theologie und der Strahlkraft dieses bewegenden Glau-benszeugnisses nicht gerecht. Kardinal Sarah geht es gerade nicht um die einzelne Konfliktfrage, sondern um das Ganze des Glaubens; er beweist, wie aus dem richtig verstandenen Ganzen auch das Einzelne zu verstehen ist – und wie, umgekehrt, mit jedem theologischen Versuch, Teilfragen zu isolieren, auch das Ganze beschädigt und geschwächt wird. Mag sein, dass Politik die Kunst des Machbaren ist, die Fertigkeit des Kompromisses unter sich ständig wandelnden Bedingungen; die christliche Botschaft aber kann niemals Verhandlungsmasse sein. Sie ist uns anvertraut und kann nur unverfälscht ihre heilbringende Wirkung in der Welt entfalten – auch und gerade in der Welt von heute.

»Gott oder nichts« – im Titel dieses Buches hallen berühmte Glaubenszeugnisse aus der Kirchengeschichte nach, zumal aus der Geschichte der Mystiker. Auf dem kleinen handschriftlichen Zettel, den man nach dem Tod Teresa von Ävilas in ihrem Brevier fand, stand schon der Gedanke in ähnlich leidenschaftlicher Diktion: »Solo Dios basta« – Gott allein genügt! Und die heilige Margareta Maria Alacoque, deren Visionen wir die Herz-Jesu-Verehrung verdanken, bekannte schon früh in ihrem Leben: »Ich brauche nichts außer Gott.« Man kann Kardinal Sarahs in diesem Buch skizzierte Theologie durchaus in diese Traditionslinien stellen, aber nicht als Anknüpfung an spätmittelalterliche Mystik, sondern als eine Theologie, die mit dem eigenen Leben und dem persönlichen Bekenntnis untrennbar verbunden ist, wie die fesselnden Kindheits- und Jugenderinnerungen im ersten Teil des Buches zeigen.

Ich will gestehen, dass mir bei der Lektüre dieses langen Ge-sprächs zwischen Kardinal Sarah und Nicolas Diat mehr als einmal jener Brief in den Sinn kam, mit dem Papst Gelasius I. aus Afrika im Jahr 494 von Rom aus dem Allmachtstreben Kaiser Anastasios‘ I. in Konstantinopel entgegentrat. Achtzehn Jahre zuvor hatten germanische Stämme die alte Hauptstadt überrannt; West-Rom existierte nicht mehr. Hier hatte nur die katholische Kirche überlebt, deren Oberhaupt dem mächtigsten Herrscher des Erdkreises in diesen Jahren nun unerschrocken das Recht absprach, auch über die Seelen seiner Untertanen herrschen zu wollen. Europas staunenswerte Geschichte und die Geschichte der katholischen Kirche als zivilisatorischer Kraft ist undenkbar ohne jene Spur, die Gelasius I. damals mit seinem entschlossenen Widerspruch legte.

Die totalitäre Versuchung hat unsere Geschichte seither weiter begleitet. Jede Generation kennt sie, auch wenn sie in jeder Epoche in neuer Gestalt und Sprache auftritt. Es ist im Kern auch heute noch dieselbe totalitäre Versuchung, der Kardinal Sarah hier so einsam, freimütig und furchtlos entgegentritt wie Papst Gelasius I. vor über 1500 Jahren.

Dieses Buch ist radikal – ganz im Sinne des Wortursprungs: Das lateinische Radix heißt im Deutschen »Wurzel«. Und genau dorthin, zu den Wurzeln unseres Glaubens, zu den Wurzeln des Evangeliums, führt uns Robert Kardinal Sarah in diesem Buch. Ihn auf diesem Weg mitlesend, mitdenkend, mitbetend zu begleiten, ist eine große Ermutigung für jeden, der sich mit wachem Verstand und offenem Herzen darauf einlässt.

Vatikanstadt, am Gedenktag Jean-Marie Vianneys,
des heiligen Pfarrers von Ars, am 4. August 2015

+ Georg Gänswein

 

EINLEITUNG

»Gott findet sich in den Erprobungen des Lebens.«
Père Gérôme, Car toujours dure longtemps

Es gibt radikale Begegnungen, die einen Teil unserer Wahrnehmung verändern. Die Begegnung mit Kardinal Sarah gehört auf jeden Fall dazu. Es gibt kein Vorher und kein Nachher, sondern nur die Gewissheit, einem Mann Gottes gegenüberzustehen.

In L’Art d’être disciple schrieb Père Jérôme, Mönch der Abtei Notre-Dame de Sept-Fons, vom Zisterzienserorden der strengen Observanz: »Bittet euren Meister, nicht zu sprechen, um nichts zu sagen. Befragt ihn lieber über die Probleme der Geschicke des Menschen und über die damit zusammenhängenden Probleme, über die stets aktuellen Probleme. Und wie er selbst sie sieht. Wie er es anstellt, um sie couragiert und beschaulich hinzunehmen. Fragt ihn, was er mit Gewissheit kennt, was für ihn keine Frage mehr ist, was er für indiskutabel und unverrückbar hält. Lasst ihn über das Drama seiner eigenen Persönlichkeit reden, nicht über die artifizielle Komödie, die ihm vielleicht die Zeitumstände auferlegt haben. Lasst ihn über seine Unzufriedenheit und seine Hoffnungen, über seinen Glauben, über sein Vertrauen in Gott, über sein Gebet sprechen. Fragt ihn, wie und inwieweit er sich durch seine Begabung von sich selbst befreit hat. Informiert euch darüber, woher die Scharfsinnigkeit seiner Verweigerung kommt. Er vertraue euch an, was er in seinem Schweigen entdeckt. Er sage euch, was die Ursache seiner Tränen und der Grund seines Lächelns ist. Konzentriert euch bei diesem Mann auf das Wesentliche. Und wenn er bereit ist, erneut zu seinen Heften aus der Grundschulzeit und zu seinen Lehrlingswerkzeugen zu greifen, um euch zu helfen, dann dankt ihm durch eure Folgsamkeit.«

Im Laufe dieser Monate, in denen ich mit Kardinal Robert Sarah Gespräche führte, habe ich versucht, die einfachen und anspruchsvollen Grundsätze von Père Jérôme zu befolgen. Dieser heilige Trappistenmönch richtete sich an einen Novizen, um ihn aufzufordern, die Ratschläge und Bitten seines Meisters immer besser zu verstehen.

Kardinal Robert Sarah ist ein außergewöhnlicher spiritueller Meister. Ein Mann, der durch seine Demut groß ist, ein sanfter und standhafter Ratgeber, ein Priester, der nie aufhört, von dem Gott zu reden, den er liebt.

Kardinal Sarah hatte ein außergewöhnliches Leben, selbst wenn er wirklich der Meinung ist, dass sein Leben im Grunde recht alltäglich verläuft.

Kardinal Robert Sarah ist ein Gefährte Gottes, ein Mann der Barmherzigkeit und der Vergebung, ein Mann des Schweigens, ein guter Mensch.

Wenn ich an die langen Stunden zurückdenke, die wir mit der Arbeit zu diesem Buch gemeinsam verbracht haben, fallen mir immer wieder die ersten Momente ein, als er mir von seiner Kindheit erzählte – in einer besonders entlegenen Region Guineas, tief im Busch, am Ende der Welt, von dem kleinen Dorf Ourous, vom Halbdunkel in der Kirche, von den Missionaren, von seinen Eltern und seinem Volk, den Coniagui.

Ich bin sicher, dass Gott auf den Kardinal einen besonderen Blick geworfen hat – und ich denke auch, dass seine Erwartung enorm ist. Doch Gott kann beruhigt sein, denn der Kardinal liebt ihn auf die allerschönste Weise – so wie ein Mensch seinen Vater nur lieben kann.

In diesem Buch spricht der neue Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung viel von Benedikt XVI. Mit Bewunderung, Dankbarkeit und Freude.

Doch der Papst, dem sich Kardinal Robert Sarah am meisten verbunden fühlt, ist Paul VI. Zwischen Giovanni Battista Montini und dem Kind Afrikas besteht so etwas wie eine mystische Übereinstimmung. Ihre beiden Spiritualitäten, ihre beiden Mystiken und ihre beiden Theologien richten sich auf die gleiche, einfache und aszetische Weise auf Gott hin.

In den letzten Stunden seiner Regentschaft entschied sich Paul VI. zugegebenermaßen für einen Priester mit wenig Erfahrung, um aus ihm den jüngsten Bischof der Welt zu machen. Dieser Mann hieß Abbé Sarah. Doch ihre Beziehung ist enger, verborgener, tiefer. Die Verbindung zwischen Paul VI. und Kardinal Sarah lässt sich im Hinblick auf eine spirituelle Kindschaft verorten, auf Folgsamkeit, Radikalität, Wahrheitsanspruch, was auch immer es koste.

So konnte Paul VI. bei einer Generalsaudienz am 1. September 1976 sagen: »Um die Kirche aufzubauen, muss man sich Mühe geben, man muss leiden. Die Kirche muss ein Volk von starken Menschen sein, ein Volk von mutigen Zeugen, ein Volk, das für seinen Glauben und für seine Verbreitung in der Welt leiden kann – schweigend, umsonst und stets aus Liebe.« Zwei Jahre später verließ Paul VI. diese Welt; doch diese wenigen Worte werden gegebenenfalls erneut von Kardinal Sarah ausgesprochen werden, von ihm, der niemals vergisst, dass »die Kirche ein starkes Volk sein muss«, da in seinem Leben nichts jemals weder leicht noch umsonst gewesen war. Ein Mann, der eines der blutigsten diktatorischen Regimes Afrikas erlitten hat, ermisst besser als jeder andere diese Überlegung Pauls VI., die von 1963 stammt, als der Nachfolger Petri seine Laufbahn beginnt: »Spricht Gott zur rastlosen Seele oder zur friedlichen Seele? Um dieser Stimme zu lauschen, das wissen wir ganz genau, muss etwas Stille, etwas Ruhe herrschen. Wir müssen uns von jeder bedrohlichen Aufregung oder Nervosität fernhalten, wir müssen wir selbst sein. Und genau das ist die essenzielle Grundlage: in uns selbst zu sein! Daher findet die Begegnung nicht außerhalb, sondern in uns selbst statt.«

Und wenn man nur einen einzigen Abschnitt dieses Buches im Gedächtnis behalten müsste, dann wäre es ohne Zweifel das Vertrauen des Kardinals, das sich auf den Augenblick richtete, als es unmöglich erschien, dass er angesichts aller politischen, ökonomischen und sozialen Schwierigkeiten Guineas sein Bischofsamt antreten könnte. Damals ging Robert Sarah in eine Einsiedelei, um fernab von Lärm und Raserei mit Gott alleine zu sein, fastend, ohne Nahrung oder Wasser, während mehrerer Tage einzig in Begleitung der Eucharistie und der Bibel. Die ganze Persönlichkeit des von den Spiritaner-Missionaren geführten Kindes von Ourous findet sich hier. Und nirgendwo anders. Seine Botschaft ist tatsächlich die Botschaft von Paul VI., der sich nicht scheute, 1970 zu betonen: »Jeder muss lernen, in sich und aus sich heraus zu beten. Der Christ muss ein persönliches Gebet besitzen können. Jede Seele ist ein Tempel. Und wenn wir diesen Tempel unseres Gewissens betreten, um hier Gott anzubeten, wer ist hier anwesend? Werden wir leere, obwohl christliche Seelen sein, Seelen, die sich selbst fernbleiben und die die geheimnisvolle und unsagbare Begegnung, den kindlichen und trunken machenden Dialog vergessen, den Gott – der eine Gott in drei Personen – die Güte hat, uns in uns selbst anzubieten?«

Es gibt viele ungewöhnliche Ereignisse im Leben von Kardinal Sarah, insbesondere die Ursachen seiner priesterlichen Berufung. Nichts in seinem animistischen Umfeld schuf bei ihm die Voraussetzungen, um sein Dorf zu verlassen, um mit elf Jahren in das kleine Seminar einzutreten. An dem Tag, als er seine Eltern mit einem kleinen Gepäckstück verließ, markierte den Beginn einer langen und stürmischen Wegstrecke, als ob dunkle Mächte mit allen möglichen Mitteln versuchten, einen jungen Heranwachsenden daran zu hindern, Priester zu werden: Armut, die Abwesenheit einer Familie, die marxistische Diktatur, die Verfolgung durch das Militär, der Sturm, der durch die Kirche fegte, die Gegenwinde der Ideologie … Doch dieser Mann hat durchgehalten, denn er dachte daran, dass Gott immer in seiner Nähe sei.

Wie die Mönche weiß auch er, dass die Monotonie und die Wiederholung an den vorbeiziehenden Tagen auch die verborgene Triebfeder der authentischen Begegnung mit Gott ist. Wie oft konnte der Fortgang seines Lebens ihm beweisen, dass Gott stets noch weit entfernter auf ihn wartete …

Ausgehend von einer Naturreligion, hat Robert Sarah die Gipfel des Christentums erreicht.

Heute ist er noch immer absolut derselbe: demütig, aufmerksam und entschlossen. Johannes Paul II. sagte oft, dass man mit seinen Kräften auf dieser Erde nicht haushalten müsse, denn wir hätten ja die Ewigkeit, um uns auszuruhen. Robert Sarah denkt ebenfalls, dass seine Arbeit erst im Augenblick seines Todes zu Ende sein wird. Er ist auf Erden, um Gott zu dienen und den Menschen zu helfen.

Im Jahr 2010 vertraute Benedikt XVI. ihm den Päpstlichen Rat Cor Unum an, der die Aufgabe hat, die karitativen Aktivitäten des Papstes durchzuführen. Er fasste diese Entscheidung, da er sich sicher war, dass dieser Mann aus einem kleinen schwachen Land besser als jeder andere das Leben der Armen verstehen könne. Und damit hatte der ehemalige Papst recht! Denn Robert Sarah hat das Elend nicht aus Büchern kennengelernt, in bürgerlichen Salons, die nach einem guten Gewissen gieren, in unruhigen Hörsälen, die die Welt durch den Willen verrückt spielender und aufgeblähter Egos verändern wollen … Er ist in eine andere Familie hineingeboren, die fast nichts besaß, und seine Studien konnte er dank der Unterstützung französischer Missionare fortsetzen, die ihm alles gegeben haben.

Zuweilen scheint das Denken des Kardinals schroff und zu anspruchsvoll zu sein. Gewiss gibt es da ein großes Mysterium, wenn man so radikal ist, um schließlich doch nur den Weg der goldenen Mitte aufzuzeigen. Robert Sarah legt bei jeder Sache einen sanften und engelhaften Eigensinn an den Tag.

»Tröste dich, du würdest mich nicht suchen, wenn du mich nicht gefunden hättest«, schrieb Pascal in seinen Gedanken. Der Wille des Kardinals hat sich stets nur auf Gott hin ausgerichtet. Denn es ist der beständige Wunsch von Robert Sarah, Gott durch das Gebet zu erreichen. Das ist einfach zu sagen, doch für diesen Mann geht es um die Herzschläge eines ganzen Lebens. Ja, mehr noch, der geistliche Sohn unerschrockener Missionare denkt, dass das Gebet nicht nur eine wunderbare Umsetzung der Taten der Freundschaft ist. Mit Paul VI. – auf Reisen auf den Philippinen – kann er zudem sagen: »Die Liebe Gottes ist untrennbar, so lehrt Jesus Christus, mit der Liebe zum Nächsten verbunden. Dem Apostel muss es nach einer stets realeren, universaleren Liebe dürsten. Seine Liebe seinen Brüdern und besonders den Schwächsten und Ärmsten gegenüber ist in der Liebe verwurzelt, die Gott allen entgegenbringt, vor allem ›den geringsten unter ihnen‹. Die Liebe zu Gott ist keine Versicherung für einen selbst: Sie ist ein Erfordernis des Teilens.«

Fern von seiner Heimat ist das Herz von Robert Sarah in Rom seinen afrikanischen Brüdern stets nahe geblieben – all jenen, die am Krieg, an Krankheit und Hunger leiden. Als Papst Franziskus ihn im Herbst 2014 in seine neuen Ämter berief, war der Kardinal traurig. Andere hätten sich über eine derart glänzende Beförderung gefreut, sie wären wie die Pfauen entlangstolziert und hätten ihr Rad geschlagen … doch nichts davon bei Robert Sarah. Er wollte einfach nur weiterhin den Armen dienen.

Robert Sarah tritt mit seiner unkomplizierten Persönlichkeit den Beweis für einen nicht spektakulären, dafür aber nachhaltigen Erfolg an. Das sehr differenzierte Mitgefühl dieses Mannes ist von einer Natürlichkeit, die kein Alter kennt. Seine Beziehung zu Gott ist offensichtlich, denn sie nährt sich aus einem ganzen Dasein der Treue, der Beständigkeit, der Liebe und des Vertrauens. Er ist ein Partisan, der zu einem Meister in der Kunst geworden ist, die Aufmerksamkeit nicht auf sich zu ziehen – nichtsdestotrotz trägt er eine unbeschreibliche Kraft in sich.

Der Sohn von Claire und Alexandre Sarah ähnelt manchmal einem Mönch, der sich auf die große Reise macht, um seinem Gott, seiner Liebe zu begegnen. Er ist ruhig und vertrauensselig – ein Anflug von Besorgnis und Kummer wird mit der glühenden Klinge seines Glaubens in Windeseile zerschlagen.

Die Freunde Gottes sind natürlich immer in seinem Schatten verborgen. Robert Sarah ist ein Vertrauter des Hauses Gottes und er kennt zu diesem viele Eingänge.

Nicolas Diat
Rom, am 25. Januar 2015

I

DIE ZEICHEN GOTTES IM LEBEN
EINES KINDES AFRIKAS

»Was mich erstaunt, spricht Gott, ist die Hoffnung.
Das wundert mich über die Maßen.
Diese kleine Hoffnung, die nach so gar nichts aussieht.
Dieses kleine Mädchen Hoffnung. Die Unsterbliche.«

Charles Péguy,
Le Porche du mystère de la deuxième vertu

 

NICOLAS DIAT: In der ersten Frage unseres Gesprächs geht es um Ihre Geburt in Ourous in den Hochebenen im Herzen Guineas. Es ist offenbar nicht so leicht zu verstehen, wie das Kind aus einer afrikanischen ländlichen Umgebung Kardinal werden konnte …

KARDINAL ROBERT SARAH: Da haben Sie vollkommen recht! Es ist schwer zu begreifen, was aus mir heute in Anbetracht meiner so bescheidenen Wurzeln geworden ist.

Wenn ich an das animistische Umfeld denke, das zutiefst an seinen Sitten und Gebräuchen hängt und aus dem mich der Herr herausgezogen hat, um aus mir einen Christen, einen Priester, einen Bischof, einen Kardinal und einen der nahstehendsten Mitarbeiter des Papstes zu machen, werde ich von einer großen Ergriffenheit überwältigt.

Ich wurde am 15. Juni 1945 in Ourous, einem der kleinsten Dörfer Guineas, im Norden des Landes geboren, nahe der Grenze zum Senegal. Es ist eine Mittelgebirgsregion, weit entfernt von der Hauptstadt Conakry, und wird von den politischen Stellen und den Verwaltungsbehörden oftmals für wenig bedeutend gehalten.

Mein Heimatdorf ist tatsächlich etwa 500 Kilometer von Conakry entfernt. Die Fahrt dorthin nimmt einen ganzen Tag auf besonders schwierigen Wegen in Anspruch. Zeitweise – in der Regenzeit – passiert es, dass die Wagen auf der Strecke stecken bleiben. Es kann sein, dass die Reise viele Stunden lang unterbrochen werden muss, sodass es viel Zeit braucht, um das Fahrzeug aus dem Schlamm wieder herauszubekommen, dafür, dass es wenig später erneut im Morast stecken bleibt. Als ich auf die Welt kam, waren die meisten Verkehrsrouten lediglich einfache Feldwege.

Ourous steht für die wertvollste Epoche meines Daseins in Guinea. Ich bin an diesem von der Welt abgeschnittenen Ort aufgewachsen, an dem ich zur Schule ging, um hier meine Grundschulausbildung zu absolvieren. Wir wurden nach demselben Lehrplan wie die kleinen Franzosen unterrichtet und so habe ich erfahren, dass meine Vorfahren Gallier waren …

Zu dieser Zeit hatten die Spiritanerpatres – die der im 18. Jahrhundert von Claude Poullart des Places gegründeten und im 19. Jahrhundert von Pater Franz Maria Paul Libermann reformierten Kongregation vom Heiligen Geist angehörten – bereits zahlreiche Animisten zum christlichen Glauben bekehrt. Diese Missionare waren in unsere Gegend gekommen, da der Islam hier wenig präsent war. Hier sahen sie mögliche Felder zur Evangelisierung. In Conakry beispielsweise blieb das Werk der Bekehrung annähernd fruchtlos, da sich die Muslime hier bereits seit Langem in einer dominierenden Position befanden.

Heute ist mein Dorf fast völlig christlich und zählt fast 1000 Einwohner.

Der Häuptling von Ourous hat die Spiritaner zu Beginn des 20. Jahrhunderts – die Mission wurde 1912 gegründet – wahrlich großzügig aufgenommen. Er hat ihnen ein Grundstück von mehr als vierzig Hektar Fläche überlassen, um die Ansiedlung des katholischen Kultes zu fördern. Die Bewirtschaftung dieses Geländes ermöglichte den Missionaren, sich an Ort und Stelle die nötigen Existenzgrundlagen zu verschaffen, um für den gesamten Unterhalt der Mission und der Internatsschüler zu sorgen. Sechs Monate nach dem Eintreffen der Spiritaner wurde einer von ihnen durch einen vorzeitigen Tod hinweggerafft. Man darf nicht vergessen, dass die Hygiene damals sehr mangelhaft war. Besonders Malariafälle waren häufig.

In einem solchen Umfeld nahmen diese Männer Gottes große Opfer auf sich und sie ertrugen auch viele Entbehrungen mit einem unermesslichen Großmut, ohne sich jemals zu beklagen. Die Dorfbewohner haben ihnen beim Bau ihrer Hütten geholfen. Dann errichteten sie gemeinsam nach und nach eine Kirche. Diese Gottesdienststätte wurde von Pater Fautrard ausgeschmückt, den Bischof Raymond Lerouge, der erste Apostolische Vikar von Conakry, gerade nach Ourous berufen hatte.

Mein Vater hat den Aufbau der Mission und der Kirche noch miterlebt. Er hat mir erzählt, dass er mit sieben weiteren Jungen – die wie er Animisten waren – ausersehen war, die in Conakry per Schiff eingetroffene Glocke ins Dorf zu transportieren. Dadurch, dass sie sich im Laufe einer Woche regelmäßig ablösten, haben sie diese anstrengende Reise hinter sich gebracht.

Später ist mein Vater Alexandre getauft worden und hat noch am selben Tag, am 13. April 1947, das heißt, zwei Jahre nach meiner Geburt, geheiratet.
Wie sah das Leben Ihres Volkes, der Coniagui, dieser kleinen Ethnie im Norden Guineas, aus?
Die Coniagui sind ein Volk, das sich nahezu ausschließlich aus Bauern und Viehzüchtern zusammensetzt, die es geschafft haben, ihre Traditionen zu bewahren. Nach Ansicht einiger Forscher sind die Coniagui die Vorfahren der Diola aus der Casamance-Region, deren Sprache mit ihrer fast identisch sein soll. Nach der mündlichen Überlieferung sind die Diola die Söhne von Guélowar Bamana. Und in der Tat – am Ufer des Flusses Geba gegenüber von Bissau leben die Diola, deren Territorium sich bis nach Koli erstreckt und das an das der Ethnie der Bassari angrenzt. Nach der mündlichen Überlie-ferung der Griots (berufsmäßige Sänger und Dichter in Teilen Westafrikas, Anm. d. 0.) soll Guélowar Bamana, ein junges Mädchen aus dem Volk der Coniagui, die Ahnherrin der Dynastien von Gabu oder Kaabu sein, die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen, sowie aller Bewohner der Region Sine-Saloum, zu der der Senegal, Guinea-Bissau, Gambia und der Nordwesten von Guinea-Cokray gehören: »Zu dieser Zeit heiratete der Sohn des Königs ein junges Mädchen, das er auf geheimnisvolle Art und Weise im Busch fand: Sie fuhr von den Geistern herab und sprach kein Mandinka. Man lehrte sie, diese Sprache zu sprechen und wie die Mandinka zu essen, das heißt, wie eine Malinke. Aus ihrer Ehe gingen vier Töchter hervor, die jeweils die Könige von Djimana, Pinda, Sama und Sine heirateten. Kaiser von Gabu können nur die männlichen Abkömmlinge sein, doch nur durch die mütterliche Linie.«

Meine Vorfahren waren prinzipiell Animisten, treu den Riten und den jahrhundertealten Festen ergeben, die noch immer ihr Dasein bestimmen.
Während meiner Kindheit lebten wir in runden, aus Ziegelsteinen errichteten und mit einem Lehmstrohdach bedeckten einräumigen Hütten, die von einer »Veranda« umgeben waren, auf der wir in der Regel unsere Mahlzeiten einnahmen. Nebenan besaßen wir eine oder zwei weitere kleine Hütten, in denen wir den Reis, den Fonio (eine Hirseart, Anm. d. Ü.), die Erdnüsse, die Hirse und die Ernten lagerten. Wir hatten Getreide- und Reisfelder – der Ertrag der Erde diente dazu, die Familien zu ernähren – und der Überschuss wurde auf den Märkten verkauft. Es war ein einfaches Leben, ohne Zwischenfälle – demütig und vertrauensvoll. Es war ein Leben in der Gemeinschaft, bei dem jeder auf die Bedürfnisse des anderen achtete – all das war von großer Bedeutung.

Um sich bei der Arbeit auf den Feldern gegenseitig zu helfen, teilten sich die Dorfbewohner in Gruppen zu fünfzehn bis zwanzig Personen auf. Während der gesamten Vegetations- und Erntezeit verpflichtete sich jede Gruppe, an festgelegten Tagen nach einem gemeinsam vereinbarten Kalender abwechselnd auf dem Feld eines ihrer Mitglieder zu arbeiten. Wenn ein Zyklus dieser Arbeiten beendet war und jeder seine Gruppe auf seinem Feld hat arbeiten lassen, fingen wir von vorne an, bis zum Ende der Vegetationszeiten. Diese Solidarität ermöglichte es einem jeden – wenn er dann an der Reihe war -, dass ihm durch seine Gruppe effizient geholfen wurde. Es kam auch vor, dass eine Familie einige Leute aus dem Dorf zusätzlich baten, dass diese sie bei ihren Feldarbeiten unterstützen. Sie bot den Freunden, die ihrer Bitte gefolgt waren, dann Hirsebier oder Honigwein oder eine Mittagsmahlzeit an.

Können Sie uns die alten religiösen Riten Ihrer Vorfahren schildern, vor allem den wichtigen Ritus des Übergangs in das Erwachsenenalter?

Das Volk der Coniagui ist sehr religiös, es glaubt an einen Gott namens Ounou. Doch es kann mit ihm nur durch die Vorfahren in Kontakt treten.

Der Gott meiner Ahnen ist der Schöpfer des Universums und von allem, was existiert. Es ist ein höchstes Wesen, unaussprechlich, unbegreiflich, unsichtbar und unergründlich. Dennoch steht es im Mittelpunkt unseres Lebens und prägt unser ganzes Dasein. Nicht selten begegnet man bei den Co-niagui theophorischen Namen wie Mpoon (»Der zweite von Gott«), »Taoun« (»Der dritte von Gott«), »Ounoted« (»Gott ist es, der weiß«) oder Ounoubayerou (»Bist du Gott?«).

Das Wesentliche im religiösen und rituellen Lebensvollzug kommt in einem zweifachen System zum Ausdruck: einerseits in den Begräbnis- und andererseits in den Initiationsriten.

Die Begräbnisriten bestehen aus Opferdarbringungen von Trankopfern von Tierblut oder Hirsebier. Diese Opfergaben werden auf dem Boden oder am Fuße eines heiligen Baumes, auf einem Altar oder einer die Ahnen repräsentierenden Holzstele ausgebreitet. Sie zielen darauf ab, die Geister zu be-sänftigen, Gott Dank zu sagen und von den übernatürlichen Mächten deren Gunst zu erbitten. Es gibt drei Riten oder drei Arten von Opfergaben. Der »rhavanhë« ist für das Begräbnis ein unumgänglicher Augenblick, denn er öffnet den Eingang des Dorfes der Ahnen den Verstorbenen eines bestimmten Alters; den »rhavanhë« feiert man nicht für jene, die jung gestorben sind, vermutlich tut man es nicht wegen ihrer Un-schuld, das heißt wegen ihrer Unfähigkeit, etwas sehr Böses und das freiwillig zu tun – nach ihrem Dahinscheiden werden sie in das Dorf der Ahnen aufgenommen, ohne dass es eines Opfers bedarf. Dann gibt es den »sadhëkha«, der wie ein Dankesopfer für die empfangenen Wohltaten gefeiert wird, beispielsweise bei einer Geburt oder um den Segen für wichtige Handlungen zu erbitten. Schließlich bezweckt der »tchëva« das Ende von Katastrophen, wie etwa von Dürren und der Invasion von verheerenden Heuschreckenplagen, die über die Felder herfallen und die Blätter und die Früchte der Bäume verschlingen. Dabei handelt es sich um eine nächtliche Prozession durch das Dorf und über die Felder, um den Schutz Gottes über die angebauten Pflanzen und die Arbeiten zu erbitten. Dieser Ritus ähnelt den Bittprozessionen, wie sie in der katholischen Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil praktiziert wurden und die noch heute in verschiedenen Ländern existieren, beispielsweise in Mexiko. Der Ritus wird von den Frauen durchgeführt und von dem »loukoutha« geleitet, der aus einer speziellen Maske für diese Zeremonie besteht; der »loukoutha« ist ein Geist in menschlicher Form, der mit Fasern oder Blättern bekleidet ist, damit er von den Frauen und den noch nicht initiierten Kindern weder gesehen noch erkannt wird.

Außerdem stellt die Initiationszeremonie eines jungen Mannes tatsächlich einen entscheidenden Augenblick im Leben des Volkes der Coniagui dar. Ihr geht der Beschneidungsritus voran, der als ein Beweis physischer Ausdauer verstanden wird. Tatsächlich ist es so, dass der Junge bei der Beschneidung, die etwa im Alter von zwölf Jahren ohne Anästhesie durchgeführt wird, nicht weinen darf, wie stark auch immer die Schmerzen seien, die er dabei empfindet. Diese Operation ist der Anfang einer Übergangsperiode von zwei bis drei Jahren, um den Jungen auf seine Initiation vorzubereiten – sie zielt darauf ab, eine radikale Umwandlung der Persönlichkeit zu erreichen, um diese von der Kindheit in den Zustand eines Erwachsenen passieren zu lassen. Der Heranwachsende wird damit zu einem Mann, der für sich selbst und die Gesellschaft voll verantwortlich ist.

Nach den Folkloretänzen, die am Samstagnachmittag beginnen und die ganze Nacht andauern, werden die Jugendlichen in den Wald geführt, dann eine Woche interniert, um ins Leiden eingeübt, zur Ausdauer, zum Verzicht zugunsten des Gemeinwohls sowie zur gewissenhaften Ehrfurcht gegenüber den älteren Personen und den Frauen erzogen zu werden. Eigentlich ist die Initiation eine Zeit zum Erlernen der Gebräuche, der Traditionen sowie des guten Benehmens in der Gesellschaft. Der junge Mann lernt zugleich die gesundheitsfördernden Eigenschaften der Pflanzen, um bestimmte Krankheiten zu behandeln.

Die Initiation könnte den Anschein haben, als sei sie etwas Positives – doch in Wirklichkeit ist dieser Ritus eine Finte, eine Verschleierung, die sich die Lüge, die Gewalt und die Angst zunutze macht. Die körperlichen Prüfungen oder die Erniedrigungen führen weder zu einer wirklichen Umwandlung noch zu einer freien Verinnerlichung der Unterweisungen, bei der der Verstand, das Gewissen und das Herz in Anspruch genommen werden sollten. Stattdessen wird hier eine sklavische Unterwerfung unter die Traditionen aus Angst kul­tiviert, ausgeschlossen zu werden, wenn man sich nicht an die Anweisungen hält. Im Laufe des Initiationsritus lassen die Hüter der Bräuche die Frauen glauben, dass der junge He­ranwachsende stirbt und zu einem neuen Leben wiedergebo­ren wird. Der Initiierte wird von einem Geist, dem »nh’ëmba«, gegessen und nach den animistischen Glaubensvorstellungen wird er der Gesellschaft mit einem neuen Geist zurückgege­ben. Die Zeremonie der Rückkehr ins Dorf ist besonders fei­erlich, denn der junge Mann taucht nun zum ersten Mal vor der Gesellschaft auf, indem er so tut, körperlich ein ganz an­derer Mensch zu sein – ausgestattet mit neuen Fähigkeiten.

Die Initiation ist ein überholter Ritus, der unfähig ist, die fundamentalen Fragen unseres Daseins zu beantworten und aufzuzeigen, wie der Guineer sich in angemessener Weise in eine Welt voller Herausforderungen integrieren kann.

Eine Kultur, die Innovationsfähigkeit und eine Öffnung ge­genüber anderen gesellschaftlichen Realitäten nicht fördert, um auf ihre eigene innere Umwandlung seelenruhig zu re­agieren, verschließt sich in der Tat in sich selbst. Doch die In­itiation macht uns zu Sklaven unseres eigenen Umfeldes, die sich in der Vergangenheit und der Angst einigeln.

Die Spiritaner-Missionare haben es meinem Volk möglich gemacht, zu verstehen, dass einzig Jesus uns das Geschenk macht, neu geboren zu werden, aus »Wasser und Geist neu ge­boren zu werden«, wie es Christus zu Nikodemus sagt (Joh 3,5).

Die Initiation ist schon immer ein geheimer Ritus gewesen, der Erkenntnisse und Praktiken beinhaltet, die ausschließlich den einzelnen Initiierten vorbehalten sind. Eine esoterische Erziehung in einem geheimen Kreis Initiierter kann nur Zwei­fel wecken über ihren Wert, ihre Grundlage sowie ihr Vermö­gen, einen Menschen wirklich zu verwandeln. Die Kirche hat sich dieser Art Gnosis stets widersetzt. Noch schlimmer ist, was die Initiation der Mädchen betrifft – manche Praktiken müssten verboten werden; der Ritus ist tatsächlich ein schwe­rer Verstoß gegen die Würde der Frau: Auf perverse Art und Weise läuft die Initiation darauf hinaus, ihre innerste Unver­sehrtheit zu Grunde zu richten. Ich meinerseits wurde von meinem Onkel, Samuel Mpouna Coline, der noch lebt, in den Wald geführt.

Papa hatte tatsächlich zugestimmt, mich unter der Voraus­setzung einweihen zu lassen, dass die Zeremonie kurz sei. Für mich als Seminaristen war es undenkbar, dass ich eine ganze Woche lang der Messe fern bliebe. Für Papa und für mich selbst stellte die Messe bereits den einzigen Augenblick dar, die den Menschen auf dieser Erde verwandelt. Meine Initia­tion hat daher einfach nur drei Tage gedauert …

Wie sehen Sie Ihre Kindheit in Ourous heute? Wie sah damals Ihr Alltag aus?

Zweifellos ist meine Kindheit sehr glücklich gewesen. Ich bin im Frieden und in der unschuldigen Natürlichkeit eines klei­nen Dorfes aufgewachsen, in dessen Zentrum sich die Mis­sion der Spiritaner befand.

Ich lebte in einer frommen, heiteren und friedlichen Fami­lie, in der Gott gegenwärtig war und in der die Jungfrau Maria kindlich verehrt wurde.

Wie viele Dorfbewohner waren auch meine Eltern Bauern. Ich habe mir eine große Ehrfurcht vor guter Arbeit bewahrt, als ich sie beobachtete, wie gründlich und fröhlich sie waren. Sie standen früh am Morgen auf, um auf die Felder zu gehen, wohin ich mit ihnen schon um 6:00 Uhr aufbrach. Etwa im Alter von sieben Jahren ist es mir nicht mehr möglich gewe­sen, sie zu begleiten, denn ich musste nach der Messe in die Schule gehen. Ich muss dazu sagen, dass wir nicht reich ge­wesen waren; der Ertrag unserer Arbeit ermöglichte es uns, uns davon zu ernähren und zu kleiden und das Existenzmini­mum zu sichern. Die Weite ihres Herzens, die Ehrlichkeit, die Demut, die Großzügigkeit und die edlen Gefühle meiner El­tern, ihr Glaube und ihr reiches Gebetsleben, vor allem aber ihr Vertrauen in Gott, haben mich sehr beeindruckt. Ich habe sie nie mit irgendjemandem einen Konflikt eingehen gesehen.

Ich erinnere mich außerdem an Fußball- und Versteckspiele, an Reifen und vor allem an endlose Tänze im Mondlicht. Wie könnte man die langen Augenblicke vergessen, die ich mit den Alten verbracht habe, mit meinen Kameraden, um den Erzählungen und den Legenden der Kultur der Coniagui zu lauschen? Für uns Kinder war das wie eine Schule, es waren wunderbare Momente, die uns da angeboten wurden, um die Werte und die Traditionen besser zu verinnerlichen. Die festlichen Zeremonien fanden regelmäßig statt und waren farbenfroh. Ganz genau behalte ich die großen Feste zum Zeit-punkt der Ernten im Gedächtnis. Wir leerten die Speicher, ohne uns darüber Gedanken zu machen, ob uns jemals etwas fehlen könnte …

Jeder konnte in unsere Hütte kommen, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Alle waren willkommen, um mit uns die Mahlzeiten zu teilen. Das größte Glück für Papa und Mama, ihre größte innere Freude war es, unsere Gäste glücklich zu sehen, wie sie in unserem kleinen Haus königlich empfangen wurden. Für sie lag ein Segen Gottes und eine enorme Freude in der einfachen Tatsache, die anderen aufzunehmen; unsere kleine Familie mit den drei Personen erlebte sich während einiger Tage dann so »zahlreich wie die Sterne am Himmel« (Hebr 11,12).

Die Liebe, die Großzügigkeit und die Freude, die Türen seines Hauses den Nachbarn oder Fremden zu öffnen, tragen stets dazu bei, die Kammern unseres Herzens zu öffnen; »unser Herz ist weit geworden«, sagte der heilige Paulus den Korinthern (2 Kor 6,11). Die Nächstenliebe stand im Zentrum aller Dinge. So erinnere ich mich beispielsweise noch daran, dass Papa einen Freund hatte, der jedes Jahr von weit her kam, um die Weihnachtsfeiertage bei uns zuhause zu verbringen und dann auch die Osterfeiertage. Er blieb mit seiner Familie, solange er wollte; Mama war immer daheim, mit einem gleichbleibenden Lächeln und besonderem Feingefühl.

Wie haben sich die Jahre an der französischen Schule in Ihrem Dorf abgespielt?

Ab dem Alter von sieben Jahren bin ich nach der Morgenmesse in die Grundschule gegangen. Zu dieser Zeit durften wir unsere Muttersprache nur zuhause und Französisch im Klassenraum oder auf dem Schulhof sprechen. Wenn wir gegen diese Regel verstießen, wurden wir mit der »Marke« bestraft, einer Art kleiner Halskette aus unbehandeltem Holz, die unser Vergehen symbolisierte … Doch eigentlich waren die Kinder stolz, zur Schule zu gehen, die französische Sprache und Kultur zu erlernen. Unser Ehrgeiz bestand wirklich darin, uns allem zu öffnen, was uns zur Erkenntnis und zur Welt der Wissenschaft führte.

Die Freundschaft mit den Schulkameraden war innig; unter den jungen Leuten bestand sogar eine große Geschlossenheit. Wir konnten miteinander raufen, aber nichts ist jemals ernst gewesen. Inzwischen habe ich viele dieser Freunde verloren, die schon recht jung verstorben sind; manche von ihnen leben noch immer im Dorf oder in anderen Regionen Guineas. Ich habe viele Erinnerungen an diese so reine, vom Heldenmut der Missionare geprägte Zeit, deren Leben ganz von Gott erfüllt gewesen war.

Ich war ein Einzelkind, von großer Zuneigung umgeben, ohne überbehütet gewesen zu sein. Meine Eltern haben mich niemals bestraft; ich empfand für sie eine unerschöpfliche Zärtlichkeit und eine liebevolle Verehrung. Trotz ihrer Rückkehr in das Haus des Vaters, spüre ich noch immer die Liebe, die uns zutiefst verbunden hält.

Ich erinnere mich auch an meine Großmutter mütterlicherseits, die am Ende ihres Lebens getauft wurde – gerade im Augenblick ihres Todes. Sie wurde auf den Namen Rose getauft – auf den Namen der Heiligen, der die Pfarrei geweiht war. Meine Großmutter hat sich zu der Taufe bereit erklärt, als der Priester ihr erklärte, dass sie uns so im Himmel wiedersehen werde.

Zu Anfang verstand sie nicht den Sinn der Taufe; es war eine große Freude, dass sie ein Kind Gottes geworden war, denn ich war nun sicher, dass wir eines Tages aufbrechen, um gemeinsam im Himmel Seite an Seite zu leben.

In Ourous stehen offenbar die Spiritaner im Zentrum Ihres Lebens …

In der Tat, denn ich bin ja, wie ich Ihnen gesagt habe, am 15. Juni 1945 geboren und habe das Sakrament der Firmung am 15. Juni 1958 in Bingerville aus den Händen von Mgr. Jean-Baptiste Boivin empfangen, der damals Erzbischof von Abidjan gewesen war. Ich wurde im Alter von zwei Jahren, am 20. Juli 1947, von einem Spiritaner getauft und am 20. Juli 1969 wurde ich von einem Spiritaner-Bischof, von Bischof Raymond-Marie Tchidimbo, zum Priester geweiht.

Mein Eintritt in die Familie Christi verdankt sich völlig der außergewöhnlichen Hingabe der Spiritaner-Patres. Mein ganzes Leben lang werde ich eine unermessliche Bewunderung für diese Männer haben, die Frankreich, ihre Familie und ihre Kontakte aufgegeben haben, um die Liebe Gottes bis ans Ende der Welt zu bringen.

Die ersten drei Missionare, die die Mission Sainte-Rose d’Ourous gründeten, waren die Patres Joseph Orcel, Antoine Reeb und Firmin Montels. Sie trafen um die Osterfeiertage des Jahres 1912 ein und stellten sich dem Kommandanten des »Cercle français« von Youkounkoun vor, der es ablehnte, sie zu empfangen. Sie setzten ihre Reise fort und erreichten Ithiou. Von da aus überquerten sie den Fluss und kamen nach Ourous, wo sie mit offenen Armen empfangen wurden.

Drei Monate lang haben sie im Wald ihr Lager aufgeschlagen. Ihnen fehlte es an allem, sie litten Hunger und unter der Feindseligkeit des Kommandanten des »Cercle«, der anderthalb Kilometer von Ourous entfernt wohnte. Jeden Morgen errichtete Pater Orcel nach der Messe mit Hammer und Maurerkelle in der Hand die provisorische Hütte, die ihnen Unterkunft gewähren sollte. Sechs Monate später wurde Pater Montels – körperlich erschöpft – schwer krank; er wurde am 2. September 1912 von Gott abberufen und wurde somit zum »Eck«-Stein der Mission.

Jeden Abend versammelten die Patres von Ourous die Kinder neben einem großen Kreuz, das im Hof der Mission aufgestellt war, um das Herz und das Zentrum des Dorfes zu symbolisieren; wir konnten es schon von Weitem sehen: Es war die Orientierung für unser ganzes Leben! Um dieses Kreuz herum vollzog sich unsere akademische und geistliche Erziehung. Während die Sonne abends scheinbar nicht aufhörte unterzugehen, führten die Missionare uns hier in die christlichen Mysterien ein.

Unter dem Schutz des gewaltigen Kreuzes von Ourous bereitete uns Gott auf die schmerzlichen Ereignisse der revolutionären Verfolgung vor, die die Kirche meines Landes während des gesamten Zeitraumes des Regimes von Sékou Touré noch erleben sollte. Diese diktatorische Regierung hat die Bevölkerung in den Stumpfsinn, die Lüge, die Brutalität, die Armseligkeit und das geistliche Elend getrieben.

Die Kirche in Guinea hat einen schrecklichen Kreuzweg durchgemacht. Die ganze junge Nation hat sich in ein Tal der Tränen verwandelt. Auch wenn wir Sékou Touré für seine Rolle bei der Erringung unserer Unabhängigkeit eine gewisse Dankbarkeit schulden – wie kann man die entsetzlichen Ver-brechen und das Lager Boiro vergessen, in dem viele Häftlinge umkamen, bestialisch gefoltert, erniedrigt und beseitigt wurden im Namen einer Revolution, die von einer blutrünstigen Macht inszeniert und vom Gespenst der Verschwörung besessen war?

Die physische Erfahrung des Kreuzes ist eine absolut not-wendige Gnade für unser Wachstum im christlichen Glauben sowie eine segensreiche Gelegenheit, Christus gleichförmig zu werden, um in die Tiefen des Unaussprechlichen einzutreten. Wir verstehen dann, dass die Lanze des Soldaten mit dem Durchbohren des Herzens Jesu ein großes Mysterium eröffnet hat, denn sie ist sozusagen sogar bis in die Mitte der Dreifaltigkeit vorgedrungen.

Ich danke den Missionaren, die mir zu verstehen gegeben haben, dass das Kreuz das Zentrum der Welt ist, das Herz der Menschheit und der Ankerpunkt unserer Standfestigkeit. Schließlich gibt es keinen einzigen festen Punkt auf dieser Welt, der das Gleichgewicht und das Gefüge des Menschen sichern könnte. Alles andere wandelt sich ständig, ändert sich, ist vergänglich und ungewiss: »Stat Crux, dum volvitur orbis«, »das Kreuz steht fest, während die Welt sich dreht.« Der Kalvarienberg ist der höchste Punkt der Erde, von dem aus wir alles mit neuen Augen sehen können, mit den Augen des Glaubens, der Liebe und des Martyriums: mit den Augen Christi.

In Ourous sind wir durch diese Gegenwart des Kreuzes geprägt worden, das bei der Revolution von Sékou Touré weggeschafft und durch die Nationalfahne ersetzt wurde, nach dem Tod des Diktators seinen Platz jedoch wiedergefunden hat.

Als das Kreuz fiel, bedeutete das für die gläubigen Christen ein unbeschreibliches Leid. Zu diesem Zeitpunkt waren die Krankenstation, das Haus der Patres und das der Schwestern der Kongregation der Dienerinnen des heiligsten Herzens Jesu von Versailles, die Schule und der Friedhof bereits konfisziert und verstaatlicht.

Während meiner Kindheit lehrten uns die Patres den Katechismus von Pius X. in unserer Muttersprache, anschließend in Französisch – anlässlich der beiden letzten Vorbereitungsjahre auf den Schulabschluss. Sie erzählten uns von der Bibel oder der Kirchengeschichte. Die Kinder stellten viele Fragen und die Spiritaner schilderten ihre Missionen in anderen Ländern. In der Abenddämmerung sangen wir die Abendgebete; dann segneten sie uns und wir gingen wieder in unsere Hütten zurück. Sie denken vielleicht, dass ich eine idyllische Welt beschreibe, dennoch war das die Realität.

Meine Eltern versäumten niemals den Sonntagsgottesdienst. Ich bin Messdiener gewesen, zunächst am Sonntag, und dann bat mich Pater Marcel Braquemond, täglich bei der Sechs-Uhr-Messe zu dienen. Er hatte bemerkt, dass ich den Gottesdienst sehr mochte. Um uns zu helfen, unsere Funktion als Messdiener zu erfüllen, hatte der Superior, Pater Martin Martinière, einen unserer Ältesten, Barnabé Martin Tany, dazu bestimmt, uns die Kenntnisse der ersten Stufengebete beizubringen. Dann, als die Messe zu Ende war, ging ich zum Frühstück wieder zurück nach Hause und begab mich dann in die Schule.

Woraus sind Ihre priesterliche Berufung und die Entscheidung, in das Seminar einzutreten, hervorgegangen?

Wenn ich nach der Quelle meiner priesterlichen Berufung suche, wie sollte ich nicht erkennen, wie der heilige Johannes Paul II., dass sie »dort pulsiert, im Abendmahlssaal von Jerusalem«? Aus dem Abendmahlssaal, im Laufe des letzten Mahls, das Jesus mit seinen Jüngern einnahm, »in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde« (1 Kor 11,23), »der unermesslichen Nacht der Ursprünge«, sowie aus dieser ersten Eucharistiefeier quillt der Saft, der jegliche Berufung nährt — jene der Apostel und ihrer Nachfolger, wie jene jedes Menschen. In dieser ersten Eucharistie findet sich meine priesterliche Berufung und auch die aller Priester. Daher wurde ich auch ausgesondert, dazu gerufen, Gott und der Kirche zu dienen, und das vom Mutterleib an. Bei jeder meiner täglichen Eucharistiefeiern höre ich in meinem Herzen die Worte widerhallen, die Jesus an die Apostel richtete, an diesem denkwürdigen Tag der Fußwaschung und der Einsetzung des Priestertums und der Eucharistie, als ob diese Worte auch an mich gerichtet gewesen waren: »Begreift ihr, was ich an euch getan habe? Ihr sagt zu mir Meister und Herr und ihr nennt mich mit Recht so; denn ich bin es. Wenn nun ich, der Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, dann müsst auch ihr einander die Füße waschen. Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe« (Joh 13,12-15). Ich bin sicher, dass Jesus in dieser Nacht auch an mich gedacht und seine Hand bereits auf meinen Kopf gelegt hatte.

Im Rahmen der täglichen Eucharistie fragte mich Pater Braquemond, der wahrscheinlich meine brennende Sehnsucht bemerkte, Gott zu erfahren, und vermutlich auch beeindruckt von meiner Liebe zum Gebet und meiner Treue zur täglichen Messe war, ob ich in das Seminar eintreten wollte. Mit Erstaunen und der Unbefangenheit, die den Kindern zu eigen ist, antwortete ich, dass ich gerne wollte, obwohl ich überhaupt nicht wusste, auf was ich mich da einließ, denn ich hatte noch nie mein kleines Dorf verlassen und wusste nichts vom Leben in einem Seminar …

Er erklärte mir, dass dies ein von dem Gebet und der Verbundenheit der gesamten Kirche getragenes Haus sei. Diese Stätte, so sagte er, würde mich mit anderen jungen Leuten darauf vorbereiten, Priester wie er zu werden. Mit dieser einfachen Erklärung hat meine Freude, eines Tages Priester zu werden, mein Herz doppelt so groß werden lassen — vor Entzücken und vor »Verrücktheit«!

Der Pater bat mich, mit meinen Eltern darüber zu sprechen, mit Alexandre und Claire, die er ausgezeichnet kannte.

Ich bin zunächst zu Mama gegangen, um ihr zu sagen, dass ich vielleicht ins Seminar eintreten könnte. Sie wusste nicht im Geringsten, was das Seminar war, war jedoch neugierig zu erfahren, warum ich dahingehen wollte. Ich erklärte ihr, dass es sich dabei um den Eintritt in eine besondere Schule handelte, die mich darauf vorbereiten würde, Priester zu werden, um wie die Spiritaner-Patres für Gott geweiht zu sein … Nun antwortete sie mir mit weit geöffneten Augen, dass ich wohl den Verstand verloren hätte, wenn ich so etwas sagte oder einfach nicht die Worte des Paters verstanden hätte. Für meine Mutter und die Dorfbewohner waren alle Priester natürlich Weiße … Tatsächlich schien es ihr unmöglich, dass ein Schwarzer Priester werden könnte! Somit war offensichtlich, dass ich die Worte von Pater Marcel Bracquemond falsch erfasst hatte. Daher riet sie mir, darüber mit meinem Vater zu sprechen, da sie überzeugt war, dass ich gerade eine riesige Dummheit gesagt hatte.

Noch am selben Tag bin ich zu Papa aufs Feld gegangen und er zeigte dieselbe Reaktion … Ich versuchte ihm zu sagen, dass es wirklich Pater Bracquemond gewesen war, der mich überzeugt hatte: Ja, ich könnte werden wie er. Mit einem Lächeln voll Zärtlichkeit und Spott zugleich umarmte er mich ganz fest, als ob er mich über seine Skepsis hinwegtrösten wollte. Er war sich ganz sicher, dass ich gerade dabei war, einen Traum von der vorhergehenden Nacht zu erzählen! Auch für ihn war mein Wunsch unmöglich; ein Schwarzer kann schließlich nicht Priester der katholischen Kirche werden. Eine solche Schnapsidee, so dachte er, konnte nur meiner kindlichen Naivität entsprungen sein. Doch ich bestand darauf und beteuerte, dass es sich um die eigenen Worte von Pater Bracquemond handelte … So beschlossen meine Eltern also, sich von ihm die Echtheit der Nachricht überprüfen zu lassen. Der Pater bestätigte ihnen, dass ich nicht gelogen und dass er mir tatsächlich diesen Vorschlag gemacht hatte: Priester zu werden und zunächst in das kleine Seminar einzutreten, um mich auszubilden! Meine Eltern fielen buchstäblich aus allen Wolken. Am Abend schlugen sie mir im Mondlicht vor, ein Jahr wegzugehen, womit sie erkennen ließen, dass sie überhaupt nicht wussten, wie viele Studienjahre das Seminar beanspruchen konnte …

Ich war elf Jahre alt und hatte gerade meinen Schulabschluss gemacht. Damals mussten die kleinen Seminaristen aus Guinea sich in der Elfenbeinküste ausbilden lassen. Ich war in Hochstimmung, glücklich, stolz, ohne irgendetwas von dem Leben zu wissen, das mich im Seminar Saint-Augustin von Bingerville erwartete.

Als ich meine Eltern verließ, spürte ich, dass der Lauf der Zeit sich wandelte. Ich erkannte, dass sich die Bande mit Ourous allmählich lösten, während andere im Entstehen begriffen waren zwischen dem Herrn und mir, der nichts weiter als ein ganz kleines Herz besaß, das bereits für Ihn entflammt war. Ich war ihr einziges Kind und ich verstand, dass das Opfer für sie sehr schwer war. Sie hatten für mich eigenhändig einen kleinen Koffer angefertigt, der zwei oder drei Hosen enthielt sowie einige Hemden, nichts weiter. Die Patres halfen mir, die Reise zu organisieren, und einer von ihnen begleitete mich bis Labé einer kleinen Stadt 250 km von Ourous entfernt. Dort nahm ich einen Lastwagen, der mich nach Conakry fahren sollte. Ich hatte das Glück, mit einem anderen Seminaristen, mit Alphonse Sara Tylé, zu reisen, der kurze Zeit zuvor in Bingerville eingetreten war. Er ist mir ein wertvoller Begleiter gewesen und beruhigte mich zu Beginn dieses außergewöhnlichen Abenteuers.

Ich hatte noch nie mein Dorf verlassen. Außer den Bewohnern von Ourous kannte ich ganz einfach niemanden. In Conakry fühlte ich mich verloren. Dennoch war ich auf diesem Weg, der uns zu Gott führte, stets getragen durch die Freude, in das Seminar einzutreten, sowie durch die Aufmunterung von Alphonse, meinem älteren Freund. Ich sagte mir, wenn er gegangen und dann zurückgekommen war, müsste das unbedingt eine großartige Erfahrung sein. Wir nahmen ein großes Schiff, die Foucault, für eine viertägige Reise, die uns nach Abidjan führte, nachdem wir an den Los-Inseln und den Küsten von Sierra Leone und Liberias vorbeigefahren waren. Natürlich konnte ich nicht schwimmen. Daher war ich sehr überrascht, als ich sah, wie eine so schwer mit Waren und Passagieren beladene Maschine im Wasser »lief«. Was für eine Entdeckung! Es gab viele Reisende und viel Gepäck und es herrschte eine große Hektik. Ich bin mit etwa zehn Seminaristen aus Guinea an Bord gegangen, deren Namen ich nicht vergessen kann: Adrien Tambassa, Pascal Lys, Maximin Bangoura, Richard Bangoura, Camille Camara, Alphonse Sara Tylé, Joseph Mamidou, Yves Da Costa und Jean-Marie Tour. Ich war der Jüngste …

Wir sind im Laderaum gereist, wo eine brütende Hitze herrschte. Es war unmöglich zu essen. Durch den Geruch der Maschinen wurde uns schlecht; das Wenige, das wir an zu fetter Nahrung zu uns nehmen konnten, fand schnell Verwendung als Fischfutter! Nichts blieb in unserem Magen. Die einzigen angenehmen und wunderbaren Augenblicke während dieser vier Reisetage waren die Stunde der heiligen Messe, die vom Schiffspfarrer in einer Kapelle im Bereich der ersten Klasse gefeiert wurde. In diesem vom Schlingerkurs des Schiffes befreiten Ambiente des Luxus und Wohlstandes wünschten wir uns, dass die Messe stundenlang dauerte. Leider konnten wir, als die Messe vorüber war, nur eine kurze Zeit auf der Brücke spazieren gehen und stiegen dann wieder in den Laderaum hinab, der zu einer regelrechten Hölle geworden war.

Im Hafen von Abidjan kamen wir sehr müde an. Ein Wagen fuhr uns sofort in das kleine Seminar Saint-Augustin. Nach dieser beschwerlichen Reise fing das wirkliche Abenteuer erst an.

War der Aufbruch in das kleine Seminar nicht ein wenig plötzlich gewesen, bei dieser großen Entfernung von ihrer familiären Umgebung?

Durch ein widriges Zusammentreffen der Ereignisse ist das erste Jahr sehr schlecht gewesen. Bis Weihnachten sind meine Studien gut verlaufen. Dann bin ich krank geworden. Blutarm und geschwächt wurde ich gepflegt, ohne dass man wirklich wusste, an welcher Krankheit ich litt. Die Oberen drohten mir, mich zu meiner Familie zurückzuschicken, da meine Gesundheit nicht ausreichend robust war. Damals forderte man von den Seminaristen die »3 S«: la sainteté la science und la santé (Heiligkeit, Gelehrsamkeit und Gesundheit), um die Ausbildung zum Priestertum fortzusetzen … Ich muss gestehen, dass ich keines dieser drei „S“ besaß!

Da ich befürchtete, wegen meiner Unzulänglichkeiten vom Seminar wieder nach Hause geschickt zu werden, bat ich die Krankenschwester, dem Ordensoberen zu sagen, dass es mir schon besser gehe, doch das war nur eine fromme und groß-herzige Lüge. Ich wollte wegen eines solchen Versagens nicht zurück nach Hause. Im Grunde behandelten mich die Ärzte aufs Geratewohl. Der Ordensobere bat schließlich Spezialisten, bestimmte eingehendere Untersuchungen durchzuführen. Dabei fand man heraus, dass ich von Hakenwürmern heimgesucht war, die mich nach und nach in meinem Innern verschlangen. Eine entsprechende Behandlung hat mich von diesen Parasiten befreit und ich fing an, neue Kraft zu schöpfen. Im Juni erlaubte mir der Obere mit Zustimmung der Lehrer, nach den Ferien zum zweiten Schuljahr unter der ausdrücklichen Bedingung wiederzukommen, den Rückstand meines ersten Jahres wiederaufzuholen und im zweiten Jahr gute Ergebnisse zu erzielen.

So kam also die Zeit der großen Ferien und wir nahmen das Schiff nach Guinea. Ich hütete mich davor, meinen Eltern einzugestehen, dass ich so krank gewesen war, denn ich hatte Angst, dass sie mir mit einem strengen Ton sagen: »Robert, es kommt überhaupt nicht infrage, dass du nach Bingerville zurückkehrst!« Vor diesem schrecklichen Satz graute es mir … Doch bei meiner Rückkehr fand mich meine Mutter schwach und abgemagert vor. Doch ich fand schon die richtigen Worte, um meinen körperlichen Zustand zu rechtfertigen: »Das kommt von den sportlichen Anforderungen und der täglichen körperlichen Arbeit, von den Härten des Lebens im Seminar, durch die ich so abgebaut habe«, traute ich mich zu rechtfertigen; und dreist fuhr ich fort: »Aber ich bin da sehr glücklich und habe dort sehr gute Freunde unter meinen Kameraden. Und außerdem, Mama, muss ich mich ja auch all-mählich an dieses neue Leben gewöhnen, das sehr schön ist, auch wenn es enorme Anstrengungen erfordert!«

Ich hatte viel Glück, denn meine Eltern haben sich meiner Berufung niemals entgegengestellt. Dennoch versuchten einige ihrer Freunde, die sich wegen ihres Alters Sorgen machten, sie davon zu überzeugen, dass sie leichtsinnig seien, wenn sie ihr einziges Kind Priester werden ließen. Sie gingen sogar so weit, sie zu provozieren, ihnen durch heikle Fragen Angst einzujagen: Habt ihr an euer Alter gedacht? Wer wird sich dann um euch kümmern, wenn die Zeit kommt, dass ihr nicht mehr arbeiten könnt, um euch selbst zu versorgen? Außerdem werdet ihr niemals Enkelkinder haben … Habt ihr schon mal daran gedacht?

Doch Gott hilft und so haben mir Papa und Mama, unterstützt durch das tägliche Gebet, nie ihre Vorbehalte gezeigt, denn sie wollten sich nicht dem Wunsch widersetzen, der in meinem Herzen war. Meine Eltern verstanden meine tiefe Freude und sie haben in keiner Weise den Plan Gottes für mich durchkreuzt. Als Christen haben sie gedacht: Wenn mein Weg mich wirklich zum Seminar führte, würde mich der Herr auch bis ans Ende leiten.

Nach den Ferien war ich froh, erneut mit dem Schiff nach Bingerville fahren zu können, auf dem Weg zum zweiten Seminarjahr. Es war der 27. September 1958 an Bord der Mermoz.

Zu jener Zeit war es unruhig in Guinea, das seine Autonomie erlangen wollte. Überall im Land schrie man: »Wir wollen lieber die Freiheit in der Armut als den Reichtum in der Sklaverei.« Mein Heimatland brach alle Verbindungen mit Frankreich ab, nachdem es sich für die sofortige Unabhängigkeit entschieden hatte. Viele meiner Landsleute glaubten, dass die ersten Sonnenstrahlen der Freiheit von nun an am Horizont aufleuchten würden. Das Frankreich von General de Gaulle, nervös und unzufrieden mit dieser Entscheidung der guineischen Regierung, traf daraufhin Vorbereitungen, mit Waffen und Gepäck abzuziehen. Es war eine Atmosphäre der Freude und der Traurigkeit, der Begeisterung und des quälenden Realismus zugleich.

In dieser ungewissen Stimmung haben wir das Schiff nach Abidjan und Bingerville zurück genommen. Das Schuljahr 1958-1959 ist normal verlaufen; meine Ergebnisse sind sehr gut gewesen – ohne exzellent gewesen zu sein. Es war mir weitgehend gelungen, meine Lücken zu schließen, und ich wurde zugelassen, meine Ausbildung zum Priester fortzusetzen.

Dann zeichneten sich erneut die großen Ferien in Guinea ab, denen stets vier Tage des Fastens und der Buße vorangingen. Denn für die meisten von uns war die Reise auf dem Schiff ein wahres Kalvaria. Die Seekrankheit blieb unser treuer Reisebegleiter. Wir hassten sie, doch sie hatte eine Vorliebe für uns und ließ uns überhaupt nicht in Ruhe!

Das Schuljahr 1959 bis 1960 war für uns guineischen Seminaristen das letzte Jahr in Saint-Augustin-de-Bingerville. Pater Thépaut war durch Pater Messner ersetzt worden, der jetzt das Seminar leitete. Nun wurden auch afrikanische Priester, Jacques Nomel, Louis Grandouillet und Pierre-Marie Coty, zu Lehrern des Seminars ernannt. Wir waren glücklich und stolz, unter unseren Ausbildern afrikanische Vorbilder zu haben! Diese jungen Priester waren der Stolz und der Trost der weißen Missionare, die damit die Früchte ihrer Opfer genossen. Diejenigen, die sie unterrichtet hatten, beteiligten sich jetzt an der Ausbildung des afrikanischen Klerus. Ich erinnere mich, dass es in Bingerville eine hervorragende Arbeitsatmosphäre und eine ausgezeichnete kirchliche Gemeinschaft gab. Doch wir, die Guineer, wir mussten das Schuljahr ein wenig abkürzen … Wegen der revolutionären Politik von Sékou Touré der sich radikalisierte und Guinea nach außen hin abriegelte, gab es nur noch wenige Schiffe, die nach Conakry abfuhren. Anfang Juni mussten wir die Elfenbeinküste an Bord der General Mangin verlassen, die aus Libreville kam.

Was ist Ihnen von diesen Jahren in der Elfenbeinküste in Erinnerung geblieben?

Mein Aufenthalt im kleinen Seminar Saint-Augustin hat nur drei Jahre, von 1957 bis 1960, gedauert. Der Lehrplan war absolut mit dem der französischen Schulen und Gymnasien identisch, da die Seminaristen dieselben offiziellen Examen ablegen mussten wie ihre Studienkollegen. Die Lehrer gestanden der intellektuellen, menschlichen und spirituellen Bildung jeweils den gleichen Anteil zu. Die sportlichen Aktivitäten und die tägliche körperliche Arbeit waren ebenfalls von Bedeutung.

Doch im Mittelpunkt jeden Tages stand die heilige Messe. Sie wurde mit Sorgfalt vorbereitet, mit Eifer und Feierlichkeit zelebriert, vor allem am Sonntag. Damit wir den Mysterien folgen konnten, war die liturgische Ausbildung Gegenstand einer besonderen Aufmerksamkeit. Die Lehre des Schweigens, der Disziplin und des Gemeinschaftslebens trugen dazu bei, die Seminaristen zu formen, um sie darauf vorzubereiten, sich ihr inneres persönliches Leben aufzubauen und wahre Verwalter der Mysterien Gottes zu werden. Wir lernten wie eine Familie zusammenzuleben, indem wir das stammes- und regionsgebundene Denken vermieden. Bei den Spaziergängen oder in der Pause mussten wir ständig unsere Begleiter wechseln, um uns daran zu gewöhnen, mit allen brüderlich zusammenzuleben, ohne irgendjemanden zu bevorzugen. So konnten wir uns darin einüben, die künftigen Priester multikultureller, multiethnischer und multirassischer christlicher Gemeinschaften zu sein. Die Patres wollten, dass die Eucharistie aus uns Blutsverwandte machte, die eine einzige Familie, ein einziges Volk, eine einzige Rasse sein sollte – die der Kinder Gottes.

Der derzeitige Erzbischof von Abidjan, Kardinal Jean-Pierre Kutwa, war mein Klassenkamerad.

Nach der Unabhängigkeit Guineas im Oktober 1958 mussten wir aufgrund schwieriger Beziehungen und der schlechten Zusammenarbeit . zwischen Sékou Touré und Félix Houphouët-Boigny nach Guinea in ein von den Spiritanern geführtes Kollegseminar zurückkehren.

Von welchem Zeitpunkt an war Ihre Ausbildung im Seminar von den Schwierigkeiten des politischen Lebens in Guinea abhängig?

Natürlich hängen wir alle von der gesellschaftspolitischen und historischen Lage ab, in der wir leben. Und Gott formt uns in einem bestimmten Umfeld durch mehr oder weniger günstige Ereignisse sowie durch Vermittler seiner Wahl. Er versteht es, uns durch die Wechselfälle der Geschichte zu leiten.

Angesichts der politischen Schwierigkeiten beschloss der damalige Erzbischof von Conakry, Mgr. Gérard de Milleville, uns vom Seminar in Bingerville ins Kollegseminar Sainte-Marie-de-Dixinn zu bringen. Dieses befindet sich in einem Stadtteil von Conakry, der denselben Namen trägt. Um uns ein Leben als künftige Priester, eine Urteilsfähigkeit in unserer Berufung sowie die intellektuelle, menschliche und spirituelle Ausbildung in einer Umgebung mit einer gewissen Abgeschiedenheit zu ermöglichen, brachte er uns im Noviziat der Schwestern von Saint-Joseph-de-Cluny unter, das sich in der Nähe des Kollegs von Dixinn befand. Die Schwestern von Cluny hatten keine Novizinnen mehr; das Gebäude stand daher leer und war bereit, eine kleine Gruppe von Seminaristen aufzunehmen. In einem Kolleg, in dem junge Christen, Muslime oder Afrikaner der traditionellen Religion anwesend wa-ren, war es wichtig, den Seminaristen die Gewohnheit häufiger »Begegnungen« mit Jesus zu vermitteln. So hat sich das Noviziat der Schwestern zu einem Seminar verwandelt, deren Leitung Pater Louis Barry anvertraut wurde.

Als Hauptverantwortlicher des Seminars hatte er dafür Sorge zu tragen, ein Vorbild dafür zu sein, dass unsere Disziplin, unser Mitgefühl und auch unser Verlangen, Gott immer besser kennenzulernen, jeden Tag etwas größer wurden. Er wollte uns die Liebe zur Aufrichtigkeit und zur Demut einprägen. Unauffällig mahnte er uns in der Nachfolge des heiligen Paulus durch sein Beispiel, uns an das zu halten, »was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist«, wie es im Brief an die Philipper heißt; denn der Völkerapostel sagt auch: »Was ihr gelernt und angenommen, gehört und an mir gesehen habt, das tut!« (Phil 4,9).

Wie ich später in meiner eigenen priesterlichen Erfahrung noch entdecken sollte, wollte er aus uns bereits von frühem Alter an – mit all unseren Schwächen – nicht nur einen alter Christus, sondern vielmehr einen ipse Christus, Christus selbst, machen.

Wir besuchten den Unterricht mit den anderen Schülern, wie es die guineische Regierung forderte. Leider wurde das Kolleg nach einem Jahr vom Staat konfisziert und verstaatlicht, wie alle Schulen, die Sozialwerke sowie die Immobilien der Kirche. Diese Maßnahme der guineischen Revolutionsregierung führte sofort zum energischen Protest von Erzbischof Milleville. Er wurde daher unverzüglich des Landes verwiesen, weil er die Rechte der Kirche verteidigt hatte. Seitdem waren die Seminaristen mehrere Monate lang gezwungen, in ihrer Pfarrei zu bleiben bzw. dort, wo die Patres versuchten, ihnen einigen Unterricht zu geben. Unter dem Druck des Regimes und wegen unterschiedlichster, in Verbindung mit den Verfolgungen stehender Schwierigkeiten haben viele Seminaristen ihre Berufung aufgegeben, um in die staatlichen Schulen aufgenommen zu werden.

Mit einigen Kameraden, die gewillt waren, sich dem Herrn zu weihen, habe ich durchgehalten, denn ich glaubte wirklich, dass mein Weg das Priestertum war. Nach zahlreichen Verhandlungen gelang es unserem neuen Bischof, Msgr. Tchidimbo, uns im staatlichen Kolleg von Kindia anzumelden, da-mit wir dort wieder ein normales Studienleben aufnehmen konnten.

Das Jahr war bereits weit vorangeschritten und wir mussten die Prüfung absolvieren. Wie hätten wir das Examen schaffen können, wenn wir mehr als sechs Monate Unterricht versäumt hatten? Denn erst im Monat März 1962 konnten etwa zwölf Seminaristen, der kärgliche Rest der Gruppe aus Dixinn, wieder nach Kindia kommen, 150 km von Conakry entfernt. Wir setzten uns dafür ein, die völlig überalterten Einrichtungen des ehemaligen Jugendheims in ein bewohnbares Haus mit Studienräumen, Spielzimmern und Speisesaal umzugestalten. Die Selbstlosigkeit der Patres machte es möglich, die beiden größten Räume in kurzer Zeit in Schlafsäle umzuwandeln. Unter dem Patronat des heiligen Josef und unter der Leitung von Pater Alphonse Gilbert kehrte das Leben wieder in das Seminar zurück.

Pater Gilbert, dessen Herz vor Innigkeit für jeden Einzelnen von uns überströmte, gelang es, unserem Leben als künftige Priester wieder einen Sinn zu geben. Seine Feinfühligkeit und seine Predigten führten uns zu Jesus hin und trieben uns zu einer echten, immer enger werdenden Beziehung zu Gott. Ich persönlich wurde durch das Vorbild, die menschlichen Qualitäten und das intensive innere Leben dieses Missionars geprägt. Wenn einer von uns vom Fieber der Wut und von Groll gepackt wurde oder Verhaltensweisen zeigte, die eines Christen wenig würdig sind, bat ihn Pater Gilbert, vor dem Allerheiligsten zu beten, damit er sich Jesus gegenüberstellt und sein Gewissen erforscht und sich darauf einlässt, durch Jesu sanfte Gegenwart den Frieden wiederzufinden.

Nach langen Monaten des Wartens erreichte Erzbischof Tchidimbo zudem, eine Genehmigung zu erhalten, um das Seminar wiederzueröffnen und den Unterricht der Seminaristen der zehnten und elften Jahrgänge, das heißt die Vorbereitung auf das Abitur, zu gewährleisten. Und so kam jede Woche mit großer Hingabe und dem Wunsch, auf solide Art den afrikanischen Klerus von morgen aufzubauen, Pater Gérard Vieira aus Conakray zum Mathematikunterricht wie auch Abbé Maurice de Chalendar für die Latein- und Griechischstunden. Alle beide verbrachten einen ganzen Tag mit uns. Darüber hinaus waren sie große Vorbilder priesterlichen Lebens und intellektueller Rechtschaffenheit. Auf Nachfrage des Erzbischofs hatte Pater Lein, der Pfarrer von Mamou, seine Bereitschaft bekundet, die ältesten Schüler in Philosophie und die jüngsten in Latein zu unterrichten. 1963 kam eine echte Verstärkung aus der französischen Diözese Luçon mit den Abbés Joseph Bregeon und Emmanuel Rabaud. So kamen wir in den Genuss eines guten Teams von Priestern, die kompetent und aufopferungsvoll waren, um uns nicht nur beim Erlernen des menschlichen Wissens zu begleiten, sondern vor allem dabei, den Willen Gottes zu erkennen.

Nochmals begegnen wir dem hohen Stellenwert der Spiritaner in Ihrem Leben. Wie würden Sie die Spiritualität beschreiben, die sie Ihnen vermittelt haben?

Seit meiner frühesten Kindheit, sogar noch vor den Jahren des Katechismusunterrichts, ist das, was mich meiner Meinung nach bei den Spiritanern am tiefsten beeindruckt hat, die Regelmäßigkeit des Gebetslebens. Ich könnte niemals die spirituelle Strenge ihres Alltags vergessen.

Der Tagesablauf der Spiritaner war wie bei den Mönchen eingeteilt. Morgens waren sie schon sehr früh in der Kirche, um in der Gemeinschaft sowie einzeln zu beten. Dann feierte jeder an seinem Altar die Messe, assistiert von einem Ministranten. Nach dem Frühstück gingen sie ihren Arbeiten nach. Mittags versammelten sie sich zum Mittagsgebet und zum Angelus wieder in der Kirche. Sobald das Essen beendet war, kehrten sie zum Dankgebet und zum Besuch des Allerheiligsten erneut in die Kirche zurück. Nach einer Ruhepause sah ich ihnen neugierig dabei zu, wie sie einzeln gegen 16:00 Uhr beteten und dabei ein kleines Buch lasen. Sie haben es wohl erraten, dass sie das Brevier beteten … Am Ende des Tages, etwa gegen 19:00 Uhr, kam das Abendgebet mit allen, dann das Abendessen. Um 21:20 Uhr trat einer der Patres am großen Kreuz in unsere Mitte, antwortete auf unsere Fragen und versuchte, uns in das christliche Leben einzuführen, in die menschlichen Werte und die biblische Geschichte. Wir beendeten unseren Abend immer mit einem Gesang. Ich erinnere mich noch an den Gesang, der jedes Mal unseren Tag beschloss und der den Titel trug »Bevor man sich unter den Sternen schlafen legt«. Dieses Lied brachte uns dazu, demütig vor Gott in die Knie zu gehen, um seine Vergebung und seinen Schutz während der Nacht zu erlangen. Noch heute ist der Gesang in meinem Herzen lebendig.

Ourous ist bekannt für seine großen und heiligen Missionare; sie wurden alle vom Feuer der Liebe Gottes aufgezehrt. Ihre menschlichen, intellektuellen und spirituellen Eigenschaften waren außergewöhnlich, doch alle starben sehr jung.

Wie ich Ihnen bereits sagte, segnete der Gründer, Pater Firmin Montels, am 2. September 1912 das Zeitliche, nur sechs Monate nach der Gründung der Pfarrei. In dem Augenblick, als er verschied, sang er: »O Salutaris Hostia, quae caeli pandis ostium. Bella praemunt hostilia, da robur, fer auxilium«, »O heilbringende Hostie, die du die Tür des Himmels öffnest, feindliche Kriege drängen: gib Kraft, bringe Hilfe.« Dieser Pater war ein großer Künstler und, zahlreichen Aussagen zufolge, ein Heiliger. Seine Tage waren ausgefüllt mit vier Stunden Unterricht täglich, in denen er den Katechismus lehrte. Er verpflichtete sich zu einem täglichen Kreuzweg und jede Woche zu mehreren Stunden der Anbetung vor dem Allerheiligsten. Ganz zu schweigen von dem Erlernen unserer Regionalsprache, die seine tägliche Übung war.

Wenn ich meinen Blick in die Vergangenheit und auf die Anfänge der Mission richte – oder auf Guinea im Allgemeinen -, wenn ich die außerordentlichen Gaben der Vorsehung nacheinander bedenke, dann weiß ich, dass Gott uns wirklich geführt und angenommen hat. Ich erinnere mich, wie ich in den Bann gezogen war, als ich die Spiritaner jeden Nachmittag in ihrem Brevier lesend entlangschreiten sah … Voller Bewunderung wurde ich nicht müde, sie anzuschauen. Ein halbes Jahrhundert später mag das naiv erscheinen, doch ich leugne nicht, was Gott mir kundgetan hat.

Tag für Tag lebten die Spiritaner im Rhythmus der Gottesdienste, der Messe, der Arbeit und des Rosenkranzes und niemals verstießen sie gegen ihre Verpflichtungen als Männer Gottes. Als kleines Kind, das ich war, sagte ich mir: Wenn die Patres so regelmäßig in die Kirche gehen, dann deshalb, weil sie sich sicher sind, hier jemanden zu treffen und mit ihm in vollstem Vertrauen zu sprechen. Auf beinahe selbstverständliche Weise war mein Ehrgeiz dahin ausgerichtet, dass auch ich Christus begegnen konnte. Als ich ins Seminar eintrat, ist meine Zustimmung aus der Gewissheit heraus entstanden, dass es auch mir eines Tages, wie den Missionaren, gegeben wäre, Jesus Christus im Gebet zu begegnen.

Wie viele Male bin ich zutiefst ergriffen worden von der Stille, die während des Gebetes der Patres in der Kirche herrschte? Anfangs schaute ich, im hinteren Teil des Gebäudes niedergelassen, diese Männer nur an und fragte mich, was sie da im Dämmerlicht auf Knien oder sitzend taten, da sie nichts sagten … Doch sie schienen zu lauschen und sich mit jemandem in diesem Halbdunkel der Kirche zu unterhalten, das von Kerzen erleuchtet war. Ich war tatsächlich fasziniert von der Praxis des Gebets und der Atmosphäre des Friedens, die sie erzeugt. Ich finde es richtig zu behaupten, dass es in diesem regelmäßigen Gebetsleben eine authentische Form des Heroismus gibt, der Größe und der Erhabenheit. Der Mensch ist erst dann groß, wenn er vor Gott kniet.

Natürlich waren sie nicht perfekt. Diese Männer hatten ihre Launen und ihre menschlichen Grenzen, doch ich möchte die großzügige Hingabe ihres Lebens, die Askese und die Demut dieser Ordensleute würdigen. In allen Seminaren der Missionare, wie beispielsweise im Seminar von Sebikhotane, habe ich diesen Wunsch wiedergefunden, Christus in diesem täglichen Herzensgebet in aller Tiefe zu suchen. Die Art und Weise, mit der sie mit der Bevölkerung in Kontakt getreten sind, war ein Vorbild der Feinfühligkeit und der praktischen Vernunft. Ohne diese Vertrautheit mit dem Himmel hätte die missionarische Arbeit nicht fruchtbar sein können.

Die Leiden, die sie angenommen haben, waren nicht vergeblich. Meine Pfarrei, die abgeschiedenste des Landes, brachte die größte Anzahl an Berufungen in Guinea hervor! Das bestätigt die prophetischen Worte, die Pater Orcel am 15. August 1925 an seinen Bischof schrieb – dreizehn Jahre nach der Gründung von Sainte-Rose: »Ich wäre nicht im Geringsten überrascht, wenn sich unter unseren Kindern Berufungen abzeichneten. Ich jedenfalls glaube, dass die Berufungen die Belohnung für eine gewissenhafte Ausbildung in der Familie und in der Mission sind.«

Der guineische Katholizismus ist zutiefst von den Spiritanern geprägt. Wie sollte man sich nicht daran erinnern, wie sich die Patres um uns alle gekümmert haben, sogar um die hinfälligsten Leprakranken? Sie berührten sie und sie pflegten sie, während die Kranken einen unerträglichen Geruch ausströmten. Sie gaben ihnen Katechismusunterricht, weil sie meinten, dass auch die Kranken das Recht hatten, in den christlichen Mysterien unterwiesen zu werden und die Sakra-mente Christi zu empfangen.

Trotz der politischen Leiden, die mit der marxistischen Diktatur von Sékou Touré folgten, hat sich die Kirche in Guinea erhalten, denn sie war auf dem Felsen, auf den Opfern der Missionare und auf der Freude des Evangeliums gegründet. Die kommunistische Lehre hat diese Priester, die die kleinsten Dörfer zu Fuß durchwanderten – begleitet von einigen Katechisten, die ihren Messkoffer auf dem Kopf trugen -, nie überwinden können! Die Demut des christlichen Glaubens der Spiritaner war der größte Schutzwall gegenüber den egalitären geistigen Verwirrungen der revolutionären marxistischen Ideologie des Parteistaats Guineas. Eine kleine Handvoll eifriger und tapferer guineischer Priester hielt die Flamme des Evangeliums aufrecht.

Haben Sie den Kontakt mit den Spiritanern von damals aufrechterhalten?

Freilich. Der bedeutendste Priester, dessen Gott sich bediente, um meine Berufung zu erwecken, war Pater Marcel Braquemond. Er lebt noch immer in Frankreich. Im Jahr 2012 habe ich ihn eingeladen, mit uns die Hundertjahrfeier der Pfarrei von Ourous zu feiern, und im August 2014 habe ich ihn in seinem bretonischen Seniorenheim besucht.

Meine Einladung zum Jubiläum von Ourous hatte er wegen seines Alters und wegen langer, noch sehr schwer zu überwindender Strecken nicht annehmen können. Doch hier ist der schöne Brief, den ich von ihm bekommen habe: »Über meine Ordensoberen erreichte mich ihre entzückende Einladung zu den Feierlichkeiten der Hundertjahrfeier der Pfarrei Sainte-Rose-d’Ourous, die ich in guter Erinnerung behalte, denn ich habe Ihren Mut als Messdiener gesehen, wie Sie die Messkänn-chen, bedroht von einer Schlange, unter der Kredenz suchten. Vielleicht ist es dieser Mut, der Ihnen die Aufmerksamkeit des Heiligen Vaters Benedikt XVI. einbringt. Die Ausweisung im Jahr 1967 hat uns getrennt … Ich wurde auf andere Posten versetzt … Jetzt im Alter von 86 Jahren, mit ausreichender Gesundheit bedacht, dass ich noch im Pfarrdienst in der Bretagne, einer ungemein fesselnden Region, helfen kann, sehen Sie mir bitte meine abschlägige Antwort auf die Einladung nach – wegen hunderten von Kilometern von Wegen, die Ourous von Conakry trennen, und aufgrund der Haltung bestimmter, heute einflussreicher- , Christen in den unglücklichen Umständen, die der Ausweisung vorangingen … Doch noch eine Sache: Sagen Sie bitte Ihrem Onkel Samuel Coline, dessen Ehe mit Marie Panaré ich gesegnet habe, dass mir seine Frau in den Stunden des Gebets oft vor Augen ist, dass ihr eine Ruhestätte im Reich Christi gewährt werde. Kardinal Sarah, ich versichere Sie meines Gebetes: damit Sie noch lange so tapfer bleiben, wie ich Sie gekannt habe, und dass der Wille Gottes im Rahmen der Befugnisse, die die Kirche Ihnen verleiht, geschehe.«

Wie könnte ich diesen jungen Priester vergessen, der mir als Erster vom Seminar und von meiner Berufung erzählt hat? Wie könnte ich vergessen, dass er meinen Eltern half, die große Reise in ein neues Leben und auf einem Weg zu organisieren, der noch immer nicht zu Ende ist?

Ihre Eltern haben Sie all die Jahre lang offenbar intensiv begleitet …

Ja, meine Eltern haben mit ihren demütigen und starken Gebeten erst meine Berufung, dann meinen priesterlichen Dienst stets unterstützt. Auch wenn sie jetzt gestorben sind, wachen Papa und Mama vom Himmel aus weiterhin über mich. Sie sind tatsächlich das deutlichste Zeichen der Gegenwart Gottes in meinem Leben.

Um die unerschütterliche Unterstützung seiner zärtlichen Liebe zu zeigen, wollte Gott, dass sie am Vorabend oder am Folgetag meines Weihejubiläums starben. Dieses von der Vorsehung gelenkte Zusammentreffen überzeugte mich, dass sie auch im Himmel beständig an meiner Seite sein werden und mich unablässig mit ihren Gebeten umgeben, wie sie es schon auf Erden getan hatten. Ich bin am 8. Dezember 1979 zum Bischof von Conakry geweiht worden und Papa ist am 7. Dezember 1991 gestorben, genau in dem Augenblick, in dem ich die Eucharistie zu meinem zwölften Bischofsjubiläum zelebrierte. Ich bin am 20. Juli 1969 zum Priester geweiht worden und Mama ist am 21. Juli 2007 gestorben, am Folgetag meines 38. Jahrestages der Priesterweihe.

Ja, ihr Weggang hat mich schwer mitgenommen. Noch nie habe ich in meinem Leben so sehr gelitten. Ich fühlte mich plötzlich völlig allein. Ich hielt mich zu geistlichen Exerzitien in den Abruzzen auf, als Mama in Conakry verschied. Noch am Morgen ihres Todes versuchte sie, mich am Telefon zu erreichen, doch ich befand mich außerhalb Roms. Spät am Nachmittag begab sie sich in den Armen einer Ordensschwester, in den Armen von Schwester Marie-Rene, ruhig und gelassen in das Haus des Vaters.

Einige Stunden nach ihrem Heimgang hat mir der Erzbischof von Conakry, Vinzent Coulibaly, die Nachricht übermittelt. An diesem Abend des 21. Juli 2007 hatte ich das Gefühl, von den Wurzeln meines ganzen Lebens abgetrennt worden zu sein. Meine Trauer schien unüberwindbar. Wieder zurück in Rom, konnte ich am Montag, den 23. Juli, nach Conakry abreisen. Der Empfang und das Mitgefühl der ganzen Bevölkerung, der Christen wie der Muslime, waren so brüderlich, dass ich den Eindruck hatte, dass Gott mich mit einem Schwall des Trostes überschüttete. Niemals werde ich diese freundschaftliche Unterstützung der gesamten Bevölkerung meines Landes vergessen. Die Verbundenheit und die Zeichen der Anteilnahme waren zutiefst brüderlich, als wenn mein Volk mir die Geschwister ersetzen wollte, die ich niemals hatte. Die zärtliche Liebe ganz Guineas zog tief in mein Herz hinein.

Ich kehrte im Frieden nach Rom zurück, denn ich spürte, dass meine Eltern auch weiterhin im Mittelpunkt meines Lebens sein werden. Sie haben immer als sehr gute Christen gelebt, folgsam dem Willen Gottes.

Bei meiner Abreise 2011 nach Rom hat sich Mama absolut bewundernswert verhalten. Ich hatte große Angst, sie alleinzulassen, da sie anfing, alt zu werden. Ich vertraute daher einer Ordensschwester und einer Freundin die schwierige Aufgabe an, ihr meine neue Funktion in Rom als Sekretär der Kongregation für die Evangelisierung der Völker kundzutun. Ich war so traurig, dass ich nicht die nötige Kraft hatte, es ihr selbst zu verkünden. Bei der Ankündigung meiner künftigen Aufgabe im Dienst der Weltkirche antwortete Mama mit einem reinen Glauben: »Ich danke Gott, der mir nur ein Kind geschenkt hat, und der Herr führt es immer weit weg von mir, um seine Arbeit zu tun. Ich danke dem Papst, denn es gibt viele Bischöfe auf der Welt und er hat an meinen Sohn gedacht, damit er bei ihm sein kann. Doch wird Robert der Aufgabe gewachsen sein, zu der ihn der Pontifex Maximus berufen wird? Wird er die Funktion korrekt ausüben können, die der Papst ihm anvertrauen will? Und wer wird ihm im Erzbistum Conakry folgen? Ich bitte Gott, für ihn einen guten Nachfolger zu finden.« Dieser Glaubensakt von Mama hat mich erschüttert und mir in dem Augenblick Flügel verliehen, als ich zur Ehre Gottes weit von ihr wegflog. Während ich mich noch widersetzte, um in Guinea zu bleiben, ermutigte Mama mich zur Folgsamkeit.

Eine Woche, nachdem ich Conakry verlassen hatte, ist sie gestürzt und hat sich den Oberschenkelhals gebrochen … Sie musste sofort in ein Krankenhaus gebracht werden. Als ich per Telefon davon erfuhr, war ich hilflos; trotz der Schmerzen des Bruchs wollte sie mich noch immer beruhigen. Im Grunde genommen haben meine Eltern um meine Berufung eine Stimmung des Friedens, der ruhigen Gelassenheit und des religiösen Respekts verbreitet, um mir zu ermöglichen, mit Gott unterwegs zu sein, damit ich nur diese Stimme höre, die wie zu Abraham auch mir in jedem Augenblick zuflüstert: »Geh deinen Weg vor mir und sei rechtschaffen« (Gen 17,1).

Papa und Mama waren für mich ein großer Segen und ein kostbarer Schatz; Gott hat sie reichlich gesegnet, indem er ihnen die unermessliche Freude gewährte, an den Zeremonien meiner Priester- und dann Bischofsweihe teilzunehmen. Das einzige Traurige war, dass Papa mit uns nicht mehr den außergewöhnlichen Pastoralbesuch von Johannes Paul II. in Guinea miterlebte. Er ist zwei Monate vor der Ankunft des Papstes, im Februar 1992, gestorben. Mama hingegen hatte die Ehre, ihn zu sehen und ihn zu begrüßen.

Für all diese großzügigen Gaben Gottes sage ich Gott Dank. Ich habe nichts verdient, doch Gott nimmt oft das, was nichts ist. Er hatte die Güte, seinen Blick auf einen kleinen Jungen eines armen Dorfes zu werfen. Ich war weit davon entfernt, mir vorzustellen, dass Gott all das wahrmachen konnte, was Er für mich getan hat. Doch wer könnte wissen, wohin Gott uns führt? Schauen Sie den heiligen Paulus an: Wusste er in seiner Wut gegen die Christen, wohin er ging, als er die Straße nach Damaskus nahm? Und der heilige Augustinus, der nach Ehren und Vergnügungen begierige junge Mann – dazu übertrieben ehrgeizig und zerrissen zwischen seinen Wünschen und Sehnsüchten, zwischen seinem Fleisch und seinem Geist -, verstand er das, was er suchte, als er Afrika verließ, um nach Mailand zu gelangen? Wir alle sind diesem außerordentlichen Zeichen der Barmherzigkeit Gottes ausgesetzt. Sein Wohlwollen uns gegenüber kennt keine Grenzen!

Mit dem Abitur in der Tasche gingen Sie sehr schnell zurück nach Frankreich?

Erzbischof Tchidimbo hatte tatsächlich beschlossen, dass ich die Entscheidung über meine Berufung in Frankreich fortsetzen sollte. Im September 1964 reiste ich nach dem Abitur aus Conakry ab, um meine Studien der Philosophie und der Theologie im Großen Seminar von Nancy zu beginnen. Der damalige Bischof von Lothringen, Msgr. Pirolet, war damit einverstanden, Seminaristen aus unterschiedlichen Ländern aufzunehmen; wir waren drei Guineer, aber es gab auch einen Jungen aus Laos, Antoine Biengta, sowie einen weiteren aus Korea, Joseph Ho.

Wir waren etwa zehn Seminaristen und es herrschte eine sehr gute Atmosphäre. Auch wenn ich weitgehend in die französische Kultur eingeführt worden war, musste ich mich physisch und kulturell doch noch akklimatisieren … Der Unterschied zu Afrika war groß. Es war sehr kalt und ich sah zum ersten Mal voller Bewunderung mit großen Augen Schnee fallen.

Ich musste feststellen, dass die menschlichen Beziehungen anders gelebt wurden, bei Weitem nicht so warmherzig wie in meinem Land. Dennoch waren diese Jahre der scholastischen Philosophie eine schöne Erfahrung in einer bereichernden interkulturellen Atmosphäre. Die Professoren setzten sich sehr für unsere Ausbildung ein.

Als ich in Nancy ankam, zeichneten sich bereits die ersten Anzeichen des Widerspruchs vom Mai 1968 am Horizont ab … Die Konstitution Sacrosanctum Concilium über die heilige Liturgie war im Jahr zuvor, am 4. Dezember 1963, veröffentlicht worden. Man dachte bereits daran, diesen Text als ein Dokument zu verwenden, das die Schlüssel enthielt, die zu einer modernen Neuanpassung der Liturgie dienen könnten. Das Tragen kirchlicher Gewänder wurde nicht mehr unbedingt eingehalten – der römische Kragen wurde durch einen Pullover mit Rollkragen ersetzt – und damit verlor schließlich die priesterliche Identität ihre Sichtbarkeit, indem sie in der Anonymität verschwand; die Soutane verwandelte sich all-mählich in ein liturgisches Gewand, dessen man sich sogleich nach dem Ende der Eucharistiefeier entledigte. Dennoch war ich mir über diese ersten Anzeichen des Umsturzes nicht unbedingt im Klaren, denn wir gingen recht großzügig miteinander um, was ein sehnlicher Wunsch unseres Gebets war. Für uns Ausländer war die Aufnahme wirklich rührend. Wir fühlten uns in die Familie Gottes vollständig integriert.

Im Laufe der Ferien wurden wir auf den Bauernhöfen oder bei den Familien unserer Klassenkameraden aufgenommen um hier zu arbeiten, ein wenig Geld zu verdienen und unsere persönlichen Ausgaben des laufenden Schuljahres zu decken, wie es Erzbischof Tchidimbo wünschte.

Rassismus habe ich während all dieser Jahre nie gespürt. Ein einziges Mal hat mich jemand auf der Straße in Compiègne, als mich die Eltern eines guten Klassenkameraden – Gilles Silvy-Leligois – aufgenommen hatten, als schmutzigen Neger be-handelt. Mein Freund war wütend und er wollte seinen Vater eingreifen lassen. Ich musste seinen Zorn beruhigen und ihn inständig bitten, diese irrationale und ungerechte Aggression zu ignorieren. Und um ihn aufzulockern, fügte ich hinzu: »Ich bin zwar zweifellos ein Neger, allerdings bin ich nicht schmutzig!« Es war mir wohl bewusst, dass es sich sicher um einen Franzosen handelte, der Afrika mit einer großen Verbitterung und einigen persönlichen Blessuren verlassen haben musste. Ehrlich gesagt war das meine absolut einzige persönliche Erfahrung eines rassistischen Angriffs in Frankreich.

Gab es während dieser französischen Phase Ereignisse, die Sie besonders geprägt haben?

Ich werde meinen geistlichen Leiter, Pater Louis Denis, nie vergessen, einen heiligen Priester von großer Milde. Sein Herz und sein Verstand quollen über von Weisheit! Er war sehr wertvoll bei meinem priesterlichen Werdegang -, während dieser Phase, in der ich von meinen Eltern ohne jede Nachricht getrennt war. Ich erinnere mich auch, dass es in Nancy gewesen war, dass ich zum ersten Mal einen Kardinal sah … Es handelte sich dabei um einen großen Diener des Heiligen Stuhls, um Kardinal Eugene Tisserant, der sich mit seinen lothringischen Wurzeln solide Grundlagen bewahrt hatte. Immer wenn er nach Nancy fuhr, übernachtete er in unserem Seminar. Der Kardinal hatte mich durch seine umfassende Kultur stark beeindruckt; dennoch war er nicht distanziert. Im Gegenteil, seine Homilien waren vorbildhaft. Seine Statur schreckte uns nicht und sie überwältigte uns auch nicht, denn er verstand es, unkompliziert und zugänglich zu bleiben.

Die größte Freude in dieser Zeit war es, der Familie von André und Françoise Mallard mit ihren drei Töchtern Claire, Agnes und Beatrice, die mich als ihren älteren Bruder ansahen, begegnet zu sein. Ihre Liebe für mich war so groß, dass mich meine Adoptiveltern überall, wohin mich meine Studien auch geführt haben – von Nancy nach Jerusalem über Sébikhotane in den Senegal und über Rom -, besuchten, um mir ihre herzliche Nähe zu zeigen. Sie waren natürlich bei meiner Bischofsweihe in Conakry anwesend.

Ich bin gefühlsmäßig wie einer der Ihren angenommen und liebevoll umsorgt worden. Das Vakuum, das mit der Ent-fernung von meinen Eltern verbunden war, wurde durch ihre Feinfühligkeit, ihre Unterstützung und die Barmherzigkeit ausgeglichen, mit der ich geliebt wurde. Es war wirklich eine zweite Familie; die Verbindung ist bis heute geblieben und wird von Jahr zu Jahr stärker.

Wie sind Sie mit Ihren Eltern in Kontakt geblieben, die nie aus Ourous fortgezogen sind?

Man muss natürlich wissen, dass ich während der Schulferien, einschließlich der großen Ferien, nie nach Hause fuhr. Guinea befand sich mitten in der Revolution und die Fahrtkosten wa-ren sehr hoch. Nach der Unabhängigkeit unseres Landes hatten die Spiritaner quasi kein Recht mehr, irgendeine Tätigkeit im sozialen Bereich, im Bildungswesen, im Krankenhaus oder woanders auszuüben. Sie wurden alle im Mai 1967 aus Guinea ausgewiesen.

Die Trennung von meiner Familie wurde noch tragischer. Ich konnte nicht schreiben, um meine Eltern nicht zu gefährden, die verdächtigt worden wären, eine Verbindung zum Ausland zu haben. Sie hätten angeklagt, dann verhaftet und vielleicht ins Gefängnis gebracht werden können – als Ver-schwörer, die von feindlichen ausländischen Mächten benutzt wurden, die nach Aussage der Regierung regelmäßig Pläne schmiedeten, um das revolutionäre Regime Guineas zu stürzen …

Die einzige Möglichkeit, Nachrichten zu erhalten, waren die Besuche von Erzbischof Tchidimbo in Nancy. Er gab uns Informationen über die Entwicklung der Lage in Guinea. Unser Bischof brachte uns von unseren Angehörigen Briefe mit; wir konnten ihm auch persönliche Botschaften mitgeben. Doch während dieser drei Jahre im Seminar von Nancy, als meine Eltern auch noch 500 km von der Hauptstadt Guineas entfernt wohnten, konnte er mir keinen einzigen Brief von ihnen überreichen! Ohne die geringste Kommunikation mit meinen Angehörigen wurde mir die Zeit sehr lang.

Während der Ferien arbeiteten wir auf den Bauernhöfen oder in den Werkstätten, um ein wenig Geld zu verdienen, was uns erlaubte, die Kosten zu decken, die mit unseren persönlichen Bedürfnissen verbunden waren. So habe ich auf einem Bauernhof nicht weit von Nancy gearbeitet, aber auch in Longwy. Erzbischof Tchidimbo zeigte sich unerbittlich bei der Verwaltung der Summen, die wir verdienten; er wollte nicht, dass wir auch nur einen Centime unseres Lohnes behalten konnten.

Eines Tages hat sich der älteste von uns dreien nicht an die Anweisung des Bischofs gehalten und das Geld für sich behalten, um sich ein Motorrad zu kaufen! Als Erzbischof Tchidimbo erfuhr, dass unser Schulkamerad die Ersparnisse des Sommers für diesen Kauf benutzt hatte, wurde er von einem unvergesslichen Zorn gepackt, der schwer zu überwinden war … Was noch schlimmer war: Unser Bischof war auf die ganze Gruppe wütend, einschließlich derjenigen, die sich wie ich an seine Anweisungen gehalten hatten … Heute schmunzle ich darüber, doch damals war ich völlig deprimiert. Wir hatten nichts von unseren Eltern gehört und, anstatt uns zu ermutigen, hielt uns unser Hirte gerade eine drastische Strafpredigt, ohne einen Unterschied zwischen den Schuldigen und den Unschuldigen zu machen.

Dann machte ich eine Zeit des Zweifels durch. In einer tiefen Verwirrung zog ich vage in Erwägung, das Seminar zu verlassen. Ich besuchte meinen spirituellen Vater, Pater Denis, um ihm meine Enttäuschung vorzutragen. Er erklärte mir: »Hör mir gut zu, Robert! Ich habe in Nancy vier Bischöfe erlebt, jeder hatte seine Fehler, manchmal waren sie schwierig und sie hatten ihre – sehr beispielhaften – Qualitäten. Du wirst nicht Priester für den Bischof, sondern für Christus und für die Kirche. Du musst gelassen und voll Vertrauen weitermachen, mit und für Christus, trotz deines Bischofs oder mit deinem Bischof. Natürlich ist er es, der dich zum Priestertum ernennen wird, doch du wirst Priester für die Kirche sein. Heute musst du mit Erzbischof Tchidimbo Kompromisse eingehen und morgen wirst du lernen müssen, die Persönlichkeit seines Nachfolgers für dich zu gewinnen.« Die einzige Überraschung war, dass sich herausstellen sollte, dass der Nachfolger von Erzbischof Tchidimbo durch den geheimnisvollen Willen Gottes ich sein sollte …

Jedenfalls habe ich meinen Aufenthalt im Seminar mit Freude und Begeisterung fortgesetzt. Es stimmt, Erzbischof Tchidimbo war von einer großen Strenge, einer starken Rechtschaffenheit und einem grenzenlosen Anspruch. Er kam uns im Kleinen Seminar von Kindia besuchen. Ich erinnere mich, dass er die spirituellen Eigenschaften betonte und vor allem die menschlichen Werte, die moralische Integrität und die Ehrlichkeit. Ich höre ihn noch immer im Saal wettern: »Die erste Möglichkeit für einen Seminaristen, einen Schulverweis zu erhalten, das ist die Verlogenheit, die zweite Möglichkeit ist die Verlogenheit und die dritte Möglichkeit ist die Verlogenheit.« Seine unnachgiebige Sprache war für uns ein wenig beängstigend, doch er wollte, dass ein zur Priesterweihe berufener Mann anständig und integer war. Der heilige Gregor der Große schrieb in einer Homilie: »Unglücklich der Sünder, der auf zwei Pfaden wandelt.« Der Sünder wandelt auf zwei Wegen, da sein Verhalten seiner Rede widerspricht, da sonst das, was er sucht, unweigerlich der Welt und ihren Lastern angehört.

Erzbischof Tchidimbo meinte, dass die Ehrlichkeit eine unerlässliche Eigenschaft darstelle, bei der ein Bischof es genau nehmen müsse. Er wurde in Chevilly-Larue von den Spiritanern ausgebildet und er gehörte der tapferen Gesellschaft von Pater Libermann an. Trotz seiner Härte spielte er für mich eine große Rolle; er besaß ein großzügiges Herz, das liebevoll und sehr aufmerksam sein konnte.

Warum haben Sie Nancy vor dem Abschluss Ihres Theologiestudiums verlassen?

Natürlich hätte ich mein Theologiestudium in Nancy beenden müssen. Übrigens erinnere ich mich, dass ich am Ende meiner Ausbildung in Philosophie ernsthaft in Erwägung zog, in diesem Fach, das ich sehr mochte, ein Lizenziat zu erwerben. Dennoch bat mich Erzbischof Tchidimbo, diese Idee nicht weiterzuverfolgen.

Der Gehorsam hat mir geholfen, ein reifer Mensch zu werden. Er lenkte meine Aufmerksamkeit und den Elan meines Herzens auf die Heilige Schrift. Im Übrigen stand mein Wunsch, Priester zu werden, eher im Einklang mit meinem neuen Bestreben, das Wort Gottes zu studieren. Dank eines neuen deutschen protestantischen Freundes, Horst Bültzingslöwen, entdeckte ich schrittweise das Bibelstudium. Horst studierte damals Bibelexegese an der Universität Tübingen und wir verbrachten häufig die Ferien gemeinsam bei der Familie Mallard, die eine Zweitwohnung am Strand in der Nähe von Arromanches-les-Bains besaß. Nach und nach wurde ich vom Virus der Biblischen Studien befallen und die Ansteckung hat sich in mir bis zum Ende meines Theologiestudiums weiter ausgebreitet!

Dennoch wurden die Beziehungen zwischen Guinea und Frankreich so kompliziert, besonders das Verhältnis zwischen Sékou Touré und General de Gaulle, dass ich gezwungen gewesen war, Nancy zu verlassen. Erneut zwangen mich die politischen Probleme meines Landes, meinen Studienort sprunghaft zu wechseln; ich bin daher für meine beiden letzten Seminarjahre von Oktober 1967 bis Juni 1969 in den Senegal gegangen, in das Große Seminar von Sébikhotane, nicht weit von Dakar. Doch selbst dort konnte man den Wind der revolutionären Bewegung vom Mai 68 spüren.

Während meines Aufenthalts in Sébikhotane wurde ich zum Subdiakon geweiht. Die Zeremonie fand im Januar 1969 in der Kathedrale von Dakar statt und wurde von Kardinal Hyacinthe Thiandoum geleitet. Die Diakonatsweihe wurde mir anschließend in Brin im Senegal in der Diözese Ziguinchor im April 1969 von Bischof Augustin Sagna verliehen. Wir waren etwa zehn Diakone, die glücklich und entschlossen waren, Gott zu lieben. Die meisten der jungen Diakone kamen aus den Diözesen Dakar, Thiès und Ziguinchor. Wir waren zwei Guineer, Abbé Augustin Tounkara und ich. Die Atmosphäre in Sébikhotane war sehr warmherzig und arbeitsam in einem afrikanischen Umfeld, das von der spirituellen Nähe und dem liturgischen Niveau der Benediktinerabtei von Keur Mouusa profitierte, die zur Kongregation von Solesmes gehörte.

Im Grunde genommen war das Diakonatsjahr sehr aufregend – voller Besorgnis und innerlichem Schaudern. Ich sah bereits die Stunde der Priesterweihe und den großen Augenblick meiner ersten Messe heranrücken. Priester zu sein, wie Christus zu sein, dieselben Worte wie er auszusprechen — wie sollte man davor nicht erzittern? Genau zu dieser Zeit teilte mir Erzbischof Tchidimbo mit, dass er mich sogleich nach meiner Priesterweihe nach Rom senden werde, damit ich dort die Heilige Schrift studierte.

Sie ahnen meine Freude und mein Glück bei der Ankündigung dieser Nachricht. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich eines Tages in Rom sein würde, neben dem Grab Petri, und dass ich mit eigenen Augen den Papst sehen könnte! Er war so weit entfernt von dem kleinen Jungen aus Ourous, der zuschaute, wie die Priester in die Kirche des Dorfes einzogen … Und dennoch, in mir hatte sich nichts wirklich verändert.

_______

Quelle: Robert Kardinal Sarah und Nicolas Diat: GOTT oder Nichts – Ein Gespräch über den Glauben – mit einem Vorwort von Georg Gänswein. fe-medienverlag GmbH, D-88353 Kißlegg. ISBN 978-3-86357-133-7. 1. Auflage 2015