13. JUNI: DER HEILIGE ANTONIUS VON PADUA

Von Br. Andreas-Pazifikus Alkofer OFM Conv.

Der hl. Antonius von Padua wird ca. 1195 – das genaue Geburtsdatum ist nicht bekannt – in Lissabon geboren. Er entstammt einer adeligen Familie. Seine Eltern, Martin und Maria Bulhoes y Taveira de Azevedo (diesen Familiennamen überliefert eine nicht gesicherte Tradition) lassen den späteren Antonius auf den Namen Fernando taufen.

Die Zeit, in die Antonius hineingeboren wird, ist eine politisch, wirtschaftlich und kirchlich turbulente Zeit des Umbruchs, dessen Zentrum vor allem in Italien liegt, an dem gemessen Portugal tiefste Provinz ist. Das Land selbst ist erst seit kurzen von den Arabern zurückerobert worden. Neben der Reconquista der iberischen Halbinsel, die erst 300 Jahre später beendet sein wird, und neben der Vielzahl lokaler politischer Konflikte sorgt auch eine Vielzahl neu entstehender radikaler Armutsbewegungen in der Kirche für Spannungen. Zudem sind diese knapp vier Jahrzehnte der Lebenszeit des Antonius überschattet von immer neuen Ausbrüchen des Kreuzzugsfiebers. Der wirtschaftliche Umbruch, vor allem in Italien und Südfrankreich, der den Namen ‚Frühkapitalismus‘ trägt, tut ein übriges und lässt durch das Wiederaufkommen der Geldwirtschaft und intensivierter Handelsbeziehungen soziale Stände- und Gesellschaftsordnungen in Bewegung geraten. Mit den Folgen all dessen auf das Leben der einfachen Leute wird Antonius sein Leben lang konfrontiert sein.

Von den ersten Lebensjahren, von Kindheit und Jugend des hl. Antonius wissen wir wenig. Sicher ist nur, dass er relativ behütet und in gesicherten Verhältnissen aufwächst und an der Kathedralschule in Lissabon Lesen und Schreiben lernt, was für damalige Verhältnisse keine Selbstverständlichkeit ist. Um 1210, also mit ca. 15. Jahren, tritt Antonius bei den Augustiner-Chorherren in Lissabon ins Kloster ein. Er bleibt dort etwa zwei Jahre, bevor er 1212/13 von Lissabon aus in das Augustiner-Chorherren-Kloster von Coimbra, der damaligen Hauptstadt des Königreiches Portugal, wechselt. Die Gründe für den Wechsel sind nicht gesichert, aber es steht zu vermuten, dass ein zu enger Kontakt mit Familie und Freunden das Klosterleben des Antonius zu häufig gestört hat.

In Coimbra, wo Antonius bis 1220 bleiben wird, erhält er eine gediegene theologische Ausbildung und eignet sich dabei eine außerordentliche Kenntnis der Heiligen Schrift und der Kirchenväter an. Zudem wird er dort, wohl in der letzten Phase seines Aufenthaltes, zum Priester geweiht.

In dieser Zeit lernt Antonius eine Gruppe von Minderbrüdern kennen – so heißen die Mitbrüder der noch jungen Bewegung des hl. Franziskus, die im Gefolge des Heiligen aus Assisi ein Leben in radikaler Evangelium gemäßer Armut leben wollen, ohne persönlichen und gemeinschaftlichen Besitz, ohne festen Wohnsitz. Die Brüder leben seit 1217 in einer kleinen Einsiedelei bei Coimbra, die dem Einsiedler und Wüstenvater Antonius (* 251/252) geweiht ist und ihnen von der Königin auf Zeit zur Verfügung gestellt ist. Ein maßgebliches Moment für den Wechsel des hl. Antonius von den Chorherren in die junge Franziskaner-Gemeinschaft, neben den persönlichen Kontakten mit den Brüdern vor Ort, ist der Martertod einer Gruppe von Franziskanern um den hl. Berard Anfang 1220 in Marokko. Sie waren dorthin über Portugal aufgebrochen, um bei den Moslems zu missionieren. Ihr Tod hinterlässt in Portugal einen tiefen Eindruck und bewegt Antonius zum Übertritt zu den Minderbrüdern. Er nimmt erst jetzt den Namen an, unter dem er später berühmt wird und entlehnt ihn sich von dem Heiligen, an dessen Kapelle die Brüder bei Coimbra leben. Antonius bricht mit dem Ziel, zu missionieren und ebenfalls den Martertod zu finden, sofort nach Nordafrika auf. Doch seine Pläne scheitern. Er erkrankt und wird über den Umweg über Sizilien statt nach Portugal nach Italien verschlagen.

Dort ist er 1221 im Mai beim Mattenkapitel der Franziskaner anwesend (der jährlichen Versammlung aller Brüder an Pfingsten). Allerdings spielt er dort eine untergeordnete Rolle. Man findet keine Aufgabe für ihn, den ausgebildeten Theologen und Priester, von denen es im Orden eigentlich noch nur wenige gibt. So wird er zunächst in eine kleine Einsiedelei bei Forli in Oberitalien geschickt.

In Forlì ändert sich dann auch das Schicksal des Antonius, als er angelegentlich einer Priesterweihe aus dem Stegreif eine staunenerregende Ansprache hält (alle anderen gaben vor, nicht genug vorbereitet zu sein). Von diesem Augenblick an ist der weitere Weg des Antonius vorbestimmt: Er wird Ausbilder, Organisator in Teilen des jungen Ordens und vor allem Prediger. Schon um 1223 beauftragt Franziskus ihn damit, den Brüdern Theologie zu lehren. Dieser Brief des Franziskus an Antonius ist erhalten! Von da an ist Antonius als ‚Theologieprofessor‘ (wenn man das unzeitgemäße Wort verwenden will) und als Prediger in Oberitalien unterwegs. Von 1224 bis 1227 finden wir ihn in Südfrankreich, wo er sich als Kustos um die Neuorganisation der Ordensprovinz kümmert und als Prediger – wie in Italien – vor einen teilweise sehr desolaten und verwirrenden innerkirchlichen Zustand steht. Auch hier gibt es viele Armutsbewegungen, die in ihrer Radikalität die Kirche kritisieren und einfache Gläubige verunsichern. Antonius versucht durch ein authentisches Leben und durch kraftvolle Predigten, dem gegenzusteuern.

1227 kehrt Antonius aus Frankreich nach Italien zurück und wird beim Mattenkapitel in der Nähe von Assisi zum Provinzialminister der Ordensprovinz der Romagna gewählt. In diesen letzten Jahren bis 1231, in denen er sich unermüdlich um die ihm anvertrauten Mitbrüder kümmert, neue Konvente gründet, bestehende besucht, entstehen seine beiden Predigtwerke, die Sonntagspredigten (1227-1228) und die Festtagspredigten (1230-1231). Letztere kann Antonius nicht mehr vollenden. Beide Reihen, als Handbücher konzipiert, offenbaren deutlich die profunde Kenntnis der Bibel und der Texte der Kirchenväter, die sich Antonius angeeignet hat.

In diesen letzten Lebensjahren entwickelt sich auch immer mehr die Beziehung des Antonius zu Padua, die so etwas wie seine ‚Lieblingsstadt‘ in Norditalien wird. Immer wieder macht er dort Halt bei seinen vielen Reisen. Er sucht die Ruhe und die Erholung, die er als kranker Mann braucht, denn seit 1220 begleiten ihn ständig gesundheitliche Probleme. Diese Beziehung zu Padua erreicht ihren Gipfelpunkt in der Fastenzeit 1231. Antonius predigt jeden Tag in einer der Kirchen Paduas und, als die Kirche zu klein werden, um die Scharen der Hörer zu fassen, auf den Plätzen der Stadt. Diese Fastenpredigten machen Antonius zum untrennbaren Teil der Geschichte dieser Stadt und sind ein durchschlagender Erfolg. Er erreicht sogar, dass ein Gesetz erlassen wird, dass die Schuldner in der Stadt vor dem Verlust ihrer Freiheit bewahren und sie vor Übergriffen von Wucherern schützen soll.

Nach Ostern 1231 zieht sich Antonius, erschöpft und ermüdet von dieser großen Anstrengung, in eine Einsiedelei außerhalb Paduas zurück: nach Camposampiero, wo ein den Franziskanern verbundener Graf, ihm und zwei Begleitern das nötigste zur Verfügung stellt. Am 13. Juni 1231 verschlechtert sich der Zustand des Antonius dramatisch. Die Brüder versuchen, ihn nach Padua zurückzubringen, aber am Abend dieses Tages stirbt Antonius in dem kleinen Vorort Arcella. Die Nachricht vom Tod des Antonius verbreitet sich wie ein Lauffeuer und es setzt, vor allem in Padua, unmittelbar seine Verehrung als Heiliger ein.

Nicht einmal ein Jahr nach seinem Tod wird Antonius von Padua am 30. Mai 1232 durch Papst Gregor IX. in Spoleto dann offiziell heiliggesprochen. 1946 erklärt ihn Papst Pius XII. zum Kirchenlehrer und verleiht ihm den Titel ‚doctor evangelicus‘.

Antonius ist in der Basilika, die man zu seinen Ehren in Padua errichtet, bestattet, die seither zum Ziel für Abertausende von Pilgern geworden ist, die Antonius als ihrem Fürsprecher vertrauen.

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Quelle

Siehe ferner:

„Kind vor Maria werden“ – Ein Gespräch mit Pater Karl Wallner

Von Georg Denicolo

„Ohne Maria kein Christentum“: Zu diesem Thema hat Pater Karl Wallner, Zisterzienser des österreichischen Stiftes Heiligenkreuz, Professor für Dogmatik, Rektor der Hochschule Benedikt XVI. und Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, auf Einladung des Pfarrgemeinderates Plankstetten einen Vortrag gehalten.

Im anschließenden Gespräch nahm Pater Karl Wallner auch Stellung zur Marienverehrung aus ökumenischer Sicht und zu Fatima.

Welche Rolle spielt Maria persönlich in Ihrem Leben?

Ich bin durch eine marianische Apostolatsgruppe der Legion Mariens gläubig geworden. Maria gibt vor allem das Weibliche, das Mütterliche, die Wärme und die Geborgenheit, die in der Frömmigkeit ohne Maria sonst zu kurz kommen würde. Wenn Gott vor Maria Kind werden wollte, warum soll ich mich dann genieren, Kind vor Maria zu werden.

Wie begründet sich die explizit marianische Ausrichtung Ihres Ordens?

Der eigentliche Grund ist, dass das Ziel des menschlichen Lebens die Ewigkeit bei Gott ist. Die Zisterzienser haben alle ihre Klöster der in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter Maria geweiht, denn sie hatten das Bild des in Gott vollendeten Menschen vor Augen. Das Klosterleben wurde verstanden als ein Leben auf dieses Ziel zu, so wie Maria in die Vollendung gelangt ist. Ein zweiter Grund ist, dass Maria Christus geboren hat. Mit den Zisterziensern beginnt ein sehr starkes Hinschauen auf die Menschheit Christi, sie entwickeln von dort her natürlich auch eine Liebe zu der Frau, die Jesus als Menschen geboren hat.

Welche Bedeutung messen Sie dem Marienwallfahrtsort Fatima bei?

Fatima ist deshalb wichtig, weil dort eine Grundbotschaft des Christentums wiederholt wird, nämlich die Einladung Gottes, an der Erlösung der Welt mitzuwirken. Gott möchte, dass wir selbst die Haltung annehmen, die sein Sohn am Kreuz hatte: eine leidensbereite Liebe. Deshalb lädt die Mutter Gottes dort die Kinder zum Gebet und zur Sühne ein und stellt ihnen auch die Dramatik vor Augen, wenn wir auf dieses Mitarbeiten mit der Erlösung Gottes vergessen. Die Trost- und Freudenbotschaft von Fatima lautet ja: „Am Ende wird mein unbeflecktes Herz triumphieren.“ Das unbefleckte Herz ist das Herz der Frau, die wirklich bei Gott ist und damit in ihrem Leben diesen Sieg Gottes konkretisiert hat. Deshalb ist es in einer Welt, die ins Chaos gerät, wo wir Terror, Gewalt, Christenverfolgung und Glaubensabfall über weite Strecken erleben, eine sehr wichtige Botschaft, damit wir Gläubige aufgerüttelt werden. Christentum ist nicht eine belanglose Sache, sondern wir sind wirklich gerufen, mit Maria mitzuwirken, damit alle Menschen gerettet werden. Das ist der Heilswille Gottes.

Was antworten Sie unseren evangelischen Schwestern und Brüdern, die Maria als unnötigen Umweg zu Christus sehen und die Marienverehrung ablehnen?

Der Unterschied liegt in der Art und Weise begründet, wie Martin Luther – und mit ihm die evangelische Tradition – den Menschen sieht. Während wir Katholiken glauben, dass Gott innerhalb der menschlichen Kräfte wirkt und den Menschen durch seine Gnade befähigt, Gutes, Richtiges und Heiliges zu tun, hat man bei den Protestanten den Eindruck, dass die Gnade Gottes etwas dem Menschen bloß Äußerliches ist – und auch der von Gott begnadete Mensch immer Sünder bleibt. In der Anthropologie Luthers wird die Unfähigkeit des Menschen zum Guten sehr betont. Wir dagegen glauben, dass Gott sich im und durch den Menschen verherrlicht. Deshalb ist für uns alle Heiligen- und Marienverehrung mittelbare Gottesverehrung, die Gott absolut nichts wegnimmt. Im Gegenteil: Wir ehren das Gnadenwirken Gottes in den Heiligen; Heiligenverehrung ist Christusverehrung. Wir teilen die Angst der protestantischen Theologie überhaupt nicht, dass es eine Konkurrenz zwischen Christus und Maria bzw. den Heiligen gibt, da wir ja in den Heiligen eben gerade die Gnade Christi verehren. Für uns ist das Hinschauen und das Verehren der Mutter Gottes ein Hinschauen auf Gottes Gnade, Wirken und Heilshandeln.

Wie nehmen Sie die Tatsache wahr, dass auch in der katholischen Kirche eine lebendige Marienverehrung zum Teil nicht mehr ernst genommen wird?

Marianische Kälte finde ich mittlerweile nur mehr in den Bereichen der katholischen Kirche, die am Schrumpfen oder Absterben sind. Dort wo bei uns Aufbruch und Leben, Hoffnung auf Zukunft ist, da nehme ich hingegen sehr viel Marienverehrung wahr: Etwa in den Jugendbewegungen, in den Movimenti, in einer gesunden Charismatik, auch in den neuen Orden und in den blühenden Klöstern. Ich wüsste nicht eine wirklich auf die Zukunft ausgerichtete Gemeinschaft, Bewegung oder Strömung in der Kirche, die nicht zutiefst marianisch ist. Maria ist ja immer spiritueller Frühling und gottoffener Anfang. Sicherlich gibt es auch Formen der Marienverehrung, die übertrieben und daher abschreckend sind. Das hat mit der Affektivität der Marienverehrung zu tun, denn bei der Liebe zur „Mutter“ geht es per se um Emotionalität, – die uns aber in anderen Bereichen kirchlichen Lebens leider fehlt. Man muss Übertreibungen gelassen zur Kenntnis nehmen und nüchtern korrigieren. Aber ich habe den Eindruck, dass gerade das Marianische von unten, von den Movimenti her, wächst, aber auch von oben, durch die Päpste, die wir in den letzten Jahrzehnten hatten, gefördert wird, insbesondere natürlich durch Johannes Paul II, aber auch durch Papst Franziskus, der in einer tiefen persönlichen Weise, in seiner südamerikanischen, geradezu heißblütigen Weise marianisch ist.

Im Lukas-Evangelium heißt es: „Maria aber bewahrte alles, was geschehen war, in ihrem Herzen und dachte darüber nach.“ (LK 2,19). Gilt es, in unserer Zeit besonders auf Maria zu schauen, weil die Kontemplation und die Stille in unserer Kirche verlorengegangen sind und sich ein gewisser Aktionismus ausgebreitet hat?

Es stimmt auf jeden Fall, dass es hier Defizite gibt. Ich würde aber sagen, dass wir über Maria eine Ausgeglichenheit erfahren. Sie bewahrt in ihrem Herzen, sie ist aber nicht passiv. Da ich eher ein aktiver Mensch bin, brauche ich den Rhythmus zwischen Gebet und Arbeit. Wir sind auch nirgendwo eingeladen, nur zu beten, nur still oder nur kontemplativ zu sein. Im Gegenteil: in dem Augenblick, wo Maria das Wort in ihrem Herzen empfängt, wo Christus unter ihrem Herzen Mensch wird, macht sie sich auf und eilt in das Bergland von Judäa, um ihrer Verwandten Elisabeth beizustehen. Das war harte Frauenarbeit, die sie dort verrichten musste. Wir dürfen nicht ein Marienbild des Nichtstuns entwickeln, im Gegenteil: die heutige Kirche braucht Apostolat, sie braucht aktive Menschen, die ihre Talente nicht begraben, sondern damit wuchern. Mutter Teresa hat gerade dieses Bild von Maria, die sich sofort nach der Verkündigung aufmacht und in das Bergland eilt, zum Marienbild schlechthin gemacht. Sie hat mit ihren Schwestern genau diesen Rhythmus gefunden: anbeten, hinschauen auf Jesus, in die Stille gehen, aber dann sogleich sehr aktiv in der Arbeit für die Ärmsten der Armen sein. Ich glaube, dass wir diesen Rhythmus sehr gut von Maria lernen können.

Welche Rolle spielt die Gottesmutter bei der Neuevangelisierung, auch im Hinblick auf junge Menschen?

Wir haben in der Geschichte der Kirche sehr viele Beispiele dafür, dass gerade der Rosenkranz Weltbewegendes bewirken kann, z.B. 1571 in der Seeschlacht von Lepanto oder auch 1683, als Österreich von den Türken befreit wurde. Die Unterzeichnung des österreichischen Staatsvertrages 1955 hat uns von der sowjetischen Besatzungsmacht freigemacht, ansonsten wären wir wohl auch ein kommunistischer Satellitenstaat geworden. Das ist vom Rosenkranz-Sühnekreuzzug erbetet worden. Das heutige Problem ist der schnell fortschreitende Glaubensabfall, die Glaubenslosigkeit, die Nichtweitergabe des Glaubens trotz aller Pastoralpläne und Konzepte, die man in den letzten Jahren entwickelt hat. Wir haben da eine sehr große Unfruchtbarkeit. Wenn man evaluieren würden, was in den letzten 40 Jahren in der Kirche des deutschen Sprachraums gelaufen ist – keine Firma könnte sich eine derartige Misswirtschaft leisten. Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wir Matthäus 7,7 nicht erst nehmen, wo es heißt: „Bittet und euch wird gegeben, sucht und ihr werdet empfangen, klopft an und euch wird aufgetan.“ Ich habe das als einen persönlichen Auftrag von Papst Franziskus empfunden, der den Nationaldirektoren von Missio am 4. Juni 2016 gesagt hat: Ihr seid nicht bloß eine spendensammelnde Organisation für die armen Länder, wo ohnehin sehr viel lebendiger Glaube und ein unglaubliches Wachstum da ist, sondern bitte entzündet in euren eigenen Ländern einen missionarischen Eifer und fangt mit dem Gebet an. Ich habe dann lange überlegt, bis mir die Idee kam: wir laden ein, täglich ein Gesätzchen Rosenkranz für einen konkreten jungen Menschen zu beten, der glaubensfern oder noch nicht getauft ist. Wir haben mittlerweile durch die Migration eine große Zahl von Nichtgetauften bei uns, die aber durch unser Gebet für die Gnade geöffnet werden könnten. Ganz sicher werden wir durch diese Initiative auch Wunder erleben. Der Name der Initiative, „Gott kann“, ist abgeleitet von dem Wort des Engels an Maria: für Gott ist nichts unmöglich, Gott kann alles.

Wie haben Ihre Reisen im Rahmen Ihrer Tätigkeit bei Missio Ihren Blick auf die Kirche verändert?

Ich bin im Augenblick in einer Mischung zwischen Euphorie und Verzweiflung. Ich habe bei meinen Projektreisen eine sehr gläubige und lebendige Kirche erlebt, aber man ist auch mit atemberaubender Not und Elend und mit einem Erstarken des Islamismus in allen Ländern konfrontiert, sogar in den christlichen Kernländern, wie etwa Haiti in Lateinamerika. Selbst dort drängt jetzt der Islamismus hinein, zieht hoffnungslose junge Menschen an und schult sie in Fanatismus. Das ist wirklich erschütternd. Meine Euphorie kommt aber vor allem daher, dass ich dort eine Kirche erlebe, die absolut Zukunft hat.  Christen leben dort in großer Armut, aber immer aus einem apostolischen Eifer heraus. Ich habe Bischöfe erlebt, die schon um 5 Uhr in der Früh in ihren vom Hurrikan niedergerissenen Bischofshäusern knien, um den Barmherzigkeitsrosenkranz zu beten. Ich glaube, dass wir einerseits von diesen jungen Kirchen sehr viel an Glaubensdynamik und -eifer lernen können. Andererseits ist es notwendig, ihnen mit Spenden zu helfen und sie zu stabilisieren. In unseren Kirchen und Gesellschaften wird ja viel Geld für Fruchtloses verwendet, ja verschwendet! Mit den Projekten von Missio kann man dort dagegen wirklich den Aufbau der Kirche fördern. Die Kirche trägt in vielen Ländern vor allem die Bildung und die Sozialleistungen, sie ist führend bei der Sorge für Arme, Alte, Kinder und Waisen. Die päpstlichen Missionswerke sind eine der besten Hilfsorganisationen und leisten – wie ich selbst feststellen konnte – eine geradezu sensationelle Arbeit. Wir fördern die Verbreitung des katholischen Glaubens, und das ist äußerst nachhaltig! Denn wo Menschen zu Christus gefunden haben, da werden sie selbst für Nächstenliebe, soziale Gerechtigkeit, den Ausbau der Sozialsysteme und ökologische Nachhaltigkeit sorgen. Die Förderung des christlichen Glaubens mit seiner Betonung von Gottes- und Nächstenliebe ist zugleich die beste Prophylaxe gegen den Islamismus, der leider überall auf der Welt im Vormarsch ist. In meiner Begeisterung für meine neue Aufgabe für die Armen bin ich zugleich deprimiert, wie wenig die Päpstlichen Missionswerke „Missio“ in Österreich bekannt sind. Die Spenden sind bei uns seit Jahren sehr stark rückläufig, so dass bei weitem nicht alle Projektanträge finanziert werden können. Aber ich werde mit Gottes Hilfe und im Vertrauen auf die Gottesmutter Maria mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alles tun, damit Missio stärker für die Ausbreitung des Glaubens und die Ärmsten der Armen wirken kann.

PLANKSTETTEN , 07 May, 2017 / 2:45 PM (CNA Deutsch).-

Papstansprache vor Priestern und Ordensleuten

Papst Franziskus beim Gebetratreffen mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen

Ansprache von Papst Franziskus
beim Gebet mit Priestern, Ordensleuten und Seminaristen.
(rv)

Seligkeiten,
liebe Brüder und Schwestern,
Al Salamò Alaikum! [Der Friede sei mit euch!]

„Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; wir wollen uns über ihn freuen. Christus hat den Tod für immer besiegt, wir wollen uns über ihn freuen!“ (vgl.Ps 118,24).

Ich freue mich, bei euch an diesem Ort zu sein, an dem die Priester ausgebildet werden und der das Herz der katholischen Kirche in Ägypten bildet. Ich freue mich, in euch, den Priestern, Ordensmännern und Ordensfrauen der kleinen katholischen Herde in Ägypten, den „Sauerteig“ zu grüßen, den Gott für dieses gesegnete Land bereitet, damit in ihm – in Gemeinschaft mit unseren orthodoxen Brüdern – sein Reich wachse (vgl. Mt 13,13).

Ich möchte euch vor allem für euer Zeugnis und für all das Gute danken, das ihr jeden Tag mit eurer Tätigkeit inmitten vieler Herausforderungen und oft unter geringem Trost vollbringt. Ich möchte euch auch ermutigen! Habt keine Angst vor der Last des Alltags, vor der Last der schwierigen Umstände, die einige von euch ertragen müssen. Wir verehren das heilige Kreuz, Werkzeug und Zeichen unserer Erlösung. Wer vor dem Kreuz wegläuft, läuft vor der Auferstehung weg.

„Fürchte dich nicht, du kleine Herde! Denn euer Vater hat beschlossen, euch das Reich zu geben“ (Lk 12,32).

So geht es darum, zu glauben, die Wahrheit zu bezeugen, auszusäen und zu pflegen, ohne auf die Ernte zu spekulieren. Wir sammeln nämlich die Früchte einer Reihe von anderen Gottgeweihten und Laien, die großmütig im Weinberg des Herrn gearbeitet haben: Eure Geschichte ist voll davon!

Und inmitten vieler Gründe zur Entmutigung, inmitten vieler Propheten der Zerstörung und der Verdammung, inmitten vieler negativer und verzweifelter Stimmen sollt ihr eine positive Kraft, sollt ihr Licht und Salz dieser Gesellschaft sein; seid ihr die Lokomotive, die einen Zug vorwärts zieht, geradeaus, dem Ziel entgegen; seid ihr Aussäer der Hoffnung, Brückenbauer und Arbeiter des Dialogs und der Eintracht.

Dies ist möglich, wenn die Gottgeweihten den Versuchungen, denen sie tagtäglich auf ihrem Weg begegnen, nicht nachgeben. Ich will einige unter den bedeutsamsten hervorheben.

1. Die Versuchung, sich mitreißen zu lassen und nicht zu führen. Der Gute Hirt hat die Pflicht, die Herde zu leiten (vgl. Joh 10,3-4), sie auf die saftige Weide und zu den Wasserquellen zu führen (vgl. Ps 23). Er darf sich nicht von der Enttäuschung und vom Pessimismus mitreißen lassen: „Was kann ich schon tun?“ Er ist immer voller Entschlossenheit und Tatkraft, wie eine Quelle, die sprudelt, selbst wenn sie ausgetrocknet ist; er besitzt immer die Herzlichkeit zu trösten, selbst wenn sein Herz niedergeschlagen ist; er ist ein Vater, wenn ihn seine Kinder dankbar behandeln, aber vor allem auch, wenn sie ihm keine Anerkennung erweisen (vgl. Lk 15,11-32). Unsere Treue dem Herrn gegenüber darf nie von menschlicher Dankbarkeit abhängen. „Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten“ (Mt 6,4.6.18).

2. Die Versuchung, sich immerfort zu beklagen. Es ist leicht, stets die anderen anzuklagen – wegen der Versäumnisse der Vorgesetzten, wegen der kirchlichen und gesellschaftlichen Zustände, wegen des Mangels an Möglichkeiten… Die Gottgeweihten aber sind jene, die mit der Salbung des Heiligen Geistes jedes Hindernis in eine Gelegenheit verwandeln und nicht jede Schwierigkeit in eine Entschuldigung! Wer sich ständig beklagt, ist in Wirklichkeit einer, der nicht arbeiten will. Daher wandte sich der Herr an die Hirten mit den Worten: „Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark“ (Hebr 12,12; vgl. Jes 35,3).

3. Die Versuchung der Geschwätzigkeit und des Neids. Die Gefahr ist ernst, wenn sich die Gottgeweihten vom Neid beherrschen lassen und zu solchen werden, die die anderen mit Geschwätz verletzen, anstatt den Kleinen behilflich zu sein zu wachsen und sich über die Erfolge der Brüder und Schwestern zu freuen. Wenn sie anfangen, jene zu niederzumachen, die gerade wachsen, anstatt sich selbst um das Wachstum zu bemühen; anstatt den guten Beispielen zu folgen, verurteilen sie diese und bringen ihnen Geringschätzung entgegen. Der Neid ist ein Krebsgeschwür, der in kurzer Zeit jeden Körper zerstört: „Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben“ (Mk 3,24-25). In der Tat, „Durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt“ (Weish 2,24). Und das Geschwätz ist dabei das Mittel und die Waffe.

4. Die Versuchung, sich mit den anderen zu vergleichen. Der Reichtum besteht in der Verschiedenheit und der Einzigartigkeit eines jeden von uns. Das Vergleichen mit jenen, denen es besser geht, führt uns oft dazu, in Groll zu verfallen; das Vergleichen mit jenen, denen es schlechter geht, führt uns oft dazu, in Hochmut und Faulheit zu verfallen. Wer dazu neigt, sich immer mit den anderen zu vergleichen, lähmt sich am Ende selbst. Lernen wir vom heiligen Petrus und vom heiligen Paulus, die Verschiedenheit der Charaktere, der Charismen und der Meinungen im Hinhören und in der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist zu leben.

5. Die Versuchung des „Pharaonismus“, das heißt das Herz zu verhärten und sich gegenüber dem Herrn sowie den Brüdern und Schwestern zu verschließen. Es ist die Versuchung zu denken, über den anderen zu stehen und sie sich so aus Geltungsbedürfnis unterzuordnen; die Überheblichkeit zu besitzen, sich bedienen zu lassen, statt zu dienen. Von Anfang an ist das eine allgemeine Versuchung unter den Jüngern, die – so sagt es das Evangelium – „auf dem Weg miteinander darüber gesprochen hatten, wer der Größte sei“ (Mk 9,34). Das Gegenmittel für dieses Gift ist: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35).

6. Die Versuchung des Individualismus. Wie ein bekanntes ägyptisches Sprichwort sagt: „Ich, und nach mir die Sintflut“. Es ist die Versuchung der Egoisten, die auf dem Weg ihr Ziel verlieren und anstelle der anderen an sich selbst denken und dabei keinerlei Scham empfinden, ja vielmehr sich selbst rechtfertigen. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, der Leib Christi, in dem die Rettung eines Gliedes mit der Heiligkeit aller verknüpft ist (vgl. 1 Kor 12,12-27; Lumen gentium, 7). Der Individualist hingegen gibt Grund zum Ärgernis und zum Konflikt.

7. Die Versuchung, ohne Kompass und ohne Ziel zu laufen. Die Gottgeweihten verlieren ihre Identität und beginnen „weder Fisch, noch Fleisch“ zu sein. Sie leben mit einem zwischen Gott und der Weltlichkeit geteiltem Herzen. Sie vergessen ihre erste Liebe (vgl. Offb 2,4). Ohne eine klare und feste Identität zu haben, laufen diese Gottgeweihten in Wirklichkeit ohne Orientierung und zerstreuen die anderen, anstatt sie zu führen. Eure Identität als Söhne und Töchter der Kirche ist jene, Kopten zu sein – das heißt, in euren ehrwürdigen und alten Wurzeln verankert zu sein – und Katholiken zu sein – das heißt, Teil der einen und universalen Kirche zu sein: wie ein Baum – je tiefer er in der Erde verwurzelt ist, desto höher ragt er in den Himmel!

 

Liebe Gottgeweihte, diesen Versuchungen zu widerstehen, ist nicht einfach, aber es ist möglich, wenn wir in Jesus eingepfropft sind: „Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt“ (Joh 15,4). Je mehr wir in Christus verwurzelt sind, desto lebendiger und fruchtbarer sind wir! Nur so können die Gottgeweihten das Wunder, die Leidenschaft der ersten Begegnung bewahren, die Attraktivität und die Dankbarkeit in ihrem Leben mit Gott und in ihrer Mission. Von der Qualität unseres geistlichen Lebens hängt jene unserer Weihe ab.

Ägypten hat die Kirche mit dem unvergleichlichen Schatz des monastischen Lebens bereichert. Ich ermahne euch deshalb, euch ein Beispiel am heiligen Eremiten Paulus zu nehmen, am heiligen Antonius, an den heiligen Wüstenvätern, den zahlreichen Mönchen, die mit ihrem Leben und ihrem Beispiel die Tore des Himmels für viele Brüder und Schwestern geöffnet haben; und so könnt auch ihr Licht und Salz sein, das heißt Ursache des Heiles für euch selbst und für alle anderen, gläubig und nichtgläubig, insbesondere für die Geringsten, die Notleidenden, die Verlassenen und die Ausgegrenzten.

Die Heilige Familie beschütze und segne euch alle, euer Land und alle seine Bewohner. Aus der Tiefe meines Herzens wünsche ich einem jeden von euch alles Gute und durch euch grüße ich alle Gläubigen, die Gott eurer Sorge anvertraut hat. Der Herr gewähre euch die Früchte seines Heiligen Geistes: „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“ (Gal 5,22-23).

Ihr werdet in meinem Herzen und in meinem Gebet immer gegenwärtig sein. Nur Mut und weiter mit dem Heiligen Geist! „Dies ist der Tag den der Herr gemacht hat, wir wollen uns an ihm freuen“ (Ps 118,24) Und vergesst bitte nicht, für mich zu beten!

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Quelle

Teresa de Los Andes (1900-1920)

Heiligtum, Auco, Chile / Wikimedia Commons – Rodrigo Pizarro, CC BY-SA 2.0

Karmelitin und Heilige

Teresa de Los Andes ist nicht nur die erste chilenische Heilige, sondern auch die erste Heilige aus dem Karmeliterorden außerhalb Europas.

Juanita Fernández Solar wurde am 13. Juli 1900 in Santiago geboren. Sie wuchs in einer wohlhabenden, gläubigen Familie auf und wurde im christlichen Glauben erzogen. Schon als Jugendliche fühlte sie die Berufung zu einem gottgeweihten Leben. Sie studierte die Heilige Schrift und die Schriften der Heiligen, so z.B. der heiligen Theresa von Lisieux, und verspürte immer stärker den Wunsch, sich einer Ordensgemeinschaft anzuschließen. Sie nahm schließlich Kontakt zu Mutter Angelica, der Priorin der Karmeliterinnen in Los Andes, auf.

Als ihre Mutter von ihren Plänen erfuhr, versuchte sie, ihre Tochter von der Idee abzubringen. Auch die restlichen Familienmitglieder sprachen ihre Zweifel aus. Am 7. Mai 1919 trat sie dennoch den Karmeliterinnen bei und nahm den Namen Teresa de Jesus an. Schnell gewöhnte sie sich in die Ordensgemeinschaft und das Klosterleben ein.

In der Osterwoche des Jahres 1920 erkrankte Teresa de Los Andes schwer und starb am 12. April. Sie wurde am 3. April 1987 vom heiligen Johannes Paul II. in Santiago heiliggesprochen. Jährlich pilgern rund 100.000 Gläubige zu ihrem Heiligtum in Auco.

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Papst: Das Evangelium in der Sprache von heute verkünden

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Papst traf Ordensleute

Das Evangelium muss den Menschen von heute „in einer Sprache und auf eine Weise verkündet werden, die sie verstehen können“. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag zu Ordensleuten. Die Menschen seien heute umgeben von „Prozessen rascher sozialer und kultureller Veränderung“. Das sei eine Herausforderung zur Kreativität für alle, die das Evangelium wirklich in unserer Zeit einheimisch machen wollten.

„Den Menschen nahe sein, die wie wir sind, den einfachen Menschen… Mir gefällt dieser Abschnitt aus dem Brief des Paulus an Timotheus, in dem er ihn an den Glauben erinnert, den er von seiner Mamma und seiner Oma empfangen hat. Die Einfachheit der Mamma, der Oma… Das ist das Fundament, nicht wahr? Wir sind keine Prinzen, Söhne von Prinzen oder Grafen oder Baronen, wir sind einfache Leute, Volk. Und darum gehen wir mit dieser Einfachheit zu den Einfachen und den Leidenden, den Kranken, den Kindern, den alleingelassenen Alten, den Armen, zu allen. Und diese Armut ist im Zentrum des Evangeliums, weil sie die Armut Jesu ist. Keine soziologische Armut – die Armut Jesu.“

Auch die Mittel der Evangelisierer seien „ganz kleine, einfache“, fuhr der Papst fort. Wir seien doch alle nur „klein“ und „unwürdig“: „Aber wir haben einen großen Horizont, das ist unser Glaube an die Macht des Herrn.“ Mit unserem Kleinsein verhalte es sich wie mit dem Samen aus dem biblischen Gleichnis, der immer größer werde und den der Herr wachsen lasse.

„Die Horizonte der Evangelisierung und die dringende Notwendigkeit, die Botschaft des Evangeliums allen ohne Ausnahme zu bringen, sind ein weites Feld für das Apostolat. So viele Menschen warten heute noch darauf, Jesus kennenzulernen, den einzigen Erlöser des Menschen, und viele ungerechte oder prekäre Situationen können glaubende Menschen nicht ruhig lassen!“

Die Evangelisierung sei heute eine „sehr dringende Mission“, und Voraussetzung für sie sei „die eigene Umkehr und die Umkehr der Gemeinschaft“. „Nur Herzen, die völlig offen sind für die Gnade, können die Zeichen unserer Zeit deuten und den Schrei der Menschheit nach Hoffnung und Frieden aufnehmen!“ Mut und Risikobereitschaft brauche es heute, „um auf die neuen Herausforderungen zu antworten und die Mission neu anzupacken“.

(rv 18.02.2017 sk)

Papst an Dominikaner: Nein zur Gesellschaft des Scheins

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Der Papst und die Dominikaner im Lateran

Papst Franziskus hat mit Mitgliedern des Dominikanerordens in der römischen Papstbasilika San Giovanni in Laterano das 800jährige Bestehen des Ordens gefeiert. In seiner Predigt ging der Papst auf den Gegensatz zwischen dem „Karneval der weltlichen Neugier“ und der Verherrlichung Gottes durch gute Werke ein.

„Es ist interessant zu sehen, dass sich die Apostel des Evangeliums schon damals, vor 2.000 Jahren, diesem Szenario gegenüber sahen, das sich in unseren Tagen – durch die Verführung des Relativismus – weiterentwickelt und globalisiert hat. Die Tendenz, nach Neuem zu suchen, die dem Menschen eigen ist, findet ihr ideales Ambiente in der Gesellschaft des Scheins, des Konsums, in der häufig Altes recycelt wird, Hauptsache es wirkt neu, anziehend, betörend. Auch die Wahrheit ist geschminkt. Wir bewegen uns in der sogenannten „flüssigen Gesellschaft“: ohne Fixpunkte, aus dem Koordinatensystem herausgefallen, ohne solide, stabile Bezugspunkte. In der Kultur des Ephimeren, des Wegwerfens nach Gebrauch.“

Der Begriff der „flüssigen Gesellschaft“ stammt von dem vor kurzem verstorbenen polnischen Denker Zygmunt Bauman; auch Benedikt XVI. ist bei seinem Venedig-Besuch im Mai 2011 auf diesen Punkt in Baumans Denken eingegangen. Dem weltlichen „Karneval“ stellte Franziskus an diesem Samstagabend ein klares Gegenszenario gegenüber. Dieses werde durch die Worte Jesu illustriert, man solle gute Werke vollbringen, um Gott zu verherrlichen und so bei ihm zu sein.

Am Schluss der Feier dankte der Generalobere der Dominikaner, Pater Bruno Cadoré, dem Papst und versicherte ihm das Gebet aller Angehörigen der dominikanischen Ordensfamilie. Am 21. Januar 1217 hatte der damalige Papst die Regel des sogenannten Predigerordens genehmigt.

(rv 21.01.2017 mg)


Papstpredigt an Dominikaner im vollen Wortlaut

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Papstmesse mit Dominikanern

Das Wort Gottes stellt uns heute zwei menschliche Szenarien vor Augen, die gegensätzlich sind: Auf der einen Seite den „Karneval“ der weltlichen Neugier, auf der anderen Seite die Verherrlichung des Vaters durch gute Werke. Und unser Leben spielt sich immer zwischen diesen beiden Szenarien ab. Sie gehören zu jeder Epoche, wie die Worte des hl. Paulus an Timotheus (vgl. 2 Tim 4,1-5) zeigen. Und auch der hl. Dominikus bewegte sich vor 800 Jahren zwischen diesen beiden Szenarien.

Paulus mahnt Timotheus, er müsse das Evangelium in einem Umfeld verkünden, wo die Menschen nach immer neuen „Meistern“, „Märchen“, Lehren und Ideologien suchen… (vgl. 2 Tim 4,3). Das ist der „Karneval“ der weltlichen Neugier, der Verführung. Darum instruiert der Apostel seinen Schüler auch mit durchaus starken Verben, etwa „insistieren“, „ermahnen“, „vorwerfen“ und „wachsam sein“, „Leiden ertragen“.

Es ist interessant zu sehen, dass sich die Apostel des Evangeliums schon damals, vor 2.000 Jahren, diesem Szenario gegenüber sahen, das sich in unseren Tagen – durch die Verführung des Relativismus – weiterentwickelt und globalisiert hat. Die Tendenz, nach Neuem zu suchen, die dem Menschen eigen ist, findet ihr ideales Ambiente in der Gesellschaft des Scheins, des Konsums, in der häufig Altes recycelt wird, Hauptsache es wirkt neu, anziehend, betörend. Auch die Wahrheit ist geschminkt. Wir bewegen uns in der sogenannten „flüssigen Gesellschaft“: ohne Fixpunkte, aus dem Koordinatensystem herausgefallen, ohne solide, stabile Bezugspunkte. In der Kultur des Ephimeren, des Wegwerfens nach Gebrauch.

Diesem weltlichen „Karneval“ steht deutlich das Gegenszenario gegenüber, das wir in den Worten Jesu finden, die wir gerade gehört haben: „euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist“ (vgl. Mt 5,16). Und wie kommt es zu diesem Übergang von der scheinbar ausgelassenen Oberflächlichkeit zum Verherrlichen? Das geschieht durch die guten Werke derer, die Jünger Jesu werden und damit auch „Salz“ und „Licht“. „So soll euer Licht unter den Menschen leuchten“, sagt Jesus, „damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist.“

Inmitten des „Karnevals“ von gestern und heute ist dies die Antwort Jesu und der Kirche, dies ist die sichere Stütze mitten in diesem „flüssigen“ Ambiente: die guten Werke, die wir dank Christus und seinem Heiligen Geist vollbringen können und die im Herzen Dank an Gottvater aufsteigen lassen, Lob – oder zumindest das Sich-Wundern und die Frage: Warum? Warum benimmt dieser Mensch sich so? Also die Unruhe der Welt angesichts des Zeugnisses des Evangeliums.

Aber damit dieser „Stoss“ gelingen kann, darf das Salz nicht seinen Geschmack verlieren und das Licht nicht unter den Scheffel gestellt werden. Jesus sagt das sehr deutlich: Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, dient es zu nichts mehr. Weh dem Salz, das seinen Geschmack verliert! Weh der Kirche, die ihren Geschmack verliert! Weh dem Priester, dem Ordensmenschen, der Gemeinschaft, die ihren Geschmack verliert!

Heute danken wir dem Vater für das Werk des hl. Dominikus, das er voll Licht und Salz Christi vor 800 Jahren gewirkt hat: ein Werk im Dienst am Evangelium, gepredigt mit dem Wort, aber auch mit dem Leben. Ein Werk, das durch die Gnade des Heiligen Geistes dazu geführt hat, dass viele Männer und Frauen Hilfe bekamen, um sich nicht zu zerstreuen angesichts des „Karnevals“ der weltlichen Neugier, sondern um den Geschmack der gesunden Lehre zu spüren, den Geschmack des Evangeliums, und um ebenfalls Licht und Salz zu werden, Handwerker guter Taten… und wahre Brüder und Schwestern, die Gott verherrlichen und andere lehren, Gott zu verherrlichen, mit den guten Taten des Lebens.

(rv 21.01.2017 sk)

„Dankbar auf das Geschenk unserer Berufung schauen“ – 800 Jahre Dominikaner

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P. Thomas G. Brogl OP / Courtesy Süddt.-Österreichische Dominikanerprovinz

Interview mit dem Provinzial der Dominikaner
Pater Thomas Gabriel Brogl

441 Tage lang feierte der Predigerordner sein Jubiläum, das am 21. Januar 2017 in der Basilika San Giovanni in Laterano in Rom feierlich beendet wird. Aus diesem Anlass erzählt P. Thomas Gabriel Brogl, der Provinzial der süddeutsch-österreichischen Provinz, über die Entstehung, Tradition, Spiritualität, Aufgaben sowie Schattenseiten der dominikanischen Gemeinschaft.

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Pater Provinzial, das 800-jährige Jubiläum des Dominikanerordens neigt sich dem Ende zu. Am 21. Januar 2017 wird Papst Franziskus in der römischen Lateranbasilika das Jubiläumsjahr feierlich abschließen. Was geschah am 21. Januar 1217?

Pater Brogl: Eigentlich wurde der Orden durch vier Bullen des Papstes gegründet, die von Ende 1215 bis Anfang 1217 erlassen wurden. Deshalb feiern wir auch schon mehr als ein Jahr unser Jubiläum. Der hl. Dominikus war in dieser Zeit in Rom und erbat beim Papst die Bewilligung zu einem Orden, der mobil und flexibel auf die Bedürfnisse der Zeit antworten konnte und ganz der Predigt (und dem Studium) geweiht war. Das Entscheidende der Bulle vom 21. Januar 1217 war, dass zum ersten Mal die Brüder des Dominikus „Praedicatores“ – „Prediger“ genannt werden: Predigt quasi als Amt und nicht nur als Tätigkeit. Man kann auf der Originalbulle sogar noch sehen, dass der Text der Bulle an dieser Stelle ausgebessert wurde: von den „Predigenden“ zu den „Predigern“. Und das ist ja unser eigentlicher Name bis heute: Ordo Praedicatorum – Predigerorden (auch wenn wir seit dem 15. Jahrhundert im Volksmund „Dominikaner“ heißen). Dominikus war dieser Name „Predigerorden“ sehr wichtig und deshalb ist es auch gut, dass mit der Erinnerung an dieses wichtige Ereignis auch unser Jubiläum endet.

Dieses Datum wird als die offizielle „Geburtsstunde“ des Ordens genannt. Angefangen hat alles jedoch zehn Jahre früher, als der hl. Dominikus ein Frauenkloster in Prouille in Südfrankreich gründete …

Pater Brogl: Richtig. Eigentlich war eine Frauengemeinschaft die erste dominikanische Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft in Prouille war ursprünglich ein Stützpunkt der Katharer. Das war eine gnostisch-esoterische Bewegung, die gerade in Südfrankreich und Norditalien sehr verbreitet war und durch ihren bescheidenen Lebensstil auf die Leute sehr glaubwürdig wirkte. Dominikus merkte, wie gefährlich diese Sekte mit ihrer dualistischen Lehre und ihrer Ablehnung alles Irdischen war, und wollte ihnen etwas entgegenhalten. Dabei wollte er nicht mit „Feuer und Schwert“ kämpfen, sondern mit der Kraft des Wortes und des Argumentes. Deshalb ist das Studium bei den Dominikanern so wichtig – und deshalb steht auf unserem Wappen „Veritas“ – „Wahrheit“. Zudem war von Bedeutung, dass die Predigt durch ein armes Leben glaubwürdig sein sollte. Später wurde die Idee des Dominikus in den Satz gegossen: „Leben wie die Ketzer, lehren wie die Kirche“. Die Frauengemeinschaft von Prouille wurde von Dominikus bekehrt und so die erste dominikanische Gemeinschaft.

Welche sind die wesentlichen Elemente des dominikanischen Lebens heute? Ist die Sendung des männlichen Ordens anders als die der Dominikanerinnen?

Pater Brogl: Der Orden hat vier Säulen: Gebet, Gemeinschaft, Studium und Predigt – mit dem Wort und dem Beispiel des eigenen Lebens. Alle diese Elemente sind stark ineinander verwoben: Die Predigt soll aus Betrachtung und Gebet wachsen (berühmt ist die Beschreibung des Thomas von Aquin über das Ideal seines Ordens: „contemplari et contemplata aliis tradere“ – „Betrachten und das Betrachtete (und Studierte) Anderen weitergeben“). Auch die konkrete Konventsgemeinschaft will letztlich „Predigt“ sein. An ihr soll sichtbar werden, dass wir in Gott verbunden sind und diese Verbundenheit auch in der brüderlichen Liebe leben wollen.

Diese Grundelemente bestimmen uns auch heute noch – immer hingerichtet auf das Grundanliegen des Dominikus: dort, wo der Glaube infrage steht (heute würde man sagen: „an den Rändern der Kirche“), ihn zu verkündigen – und ihn vernünftig zu begründen.

Zu der anderen Frage bezüglich unseres weiblichen Zweiges: Es gibt letztlich zwei Frauenzweige – einen kontemplativen, der sich ganz dem Gebet hingibt und die Verkündigung des Evangeliums mit dem Gebet trägt, und einen apostolischen. Bei Letzterem widmen sich die Schwestern oft einem bestimmten Werk: z. B. einer Schule (gerade viele Mädchenschulen gehen auf die Initiative von Schwestern zurück) oder einem geistlichen Haus. Den männlichen Orden unterscheidet von den Frauen vom Grundauftrag her nichts; höchstens, dass die Brüder weniger Institutionen haben als die Schwestern.

Und es gibt übrigens noch einen vierten Zweig: die Dominikanischen Laien. Ein Zweig, der gerade stark im Wachsen ist. Dadurch wird ein wichtiges Anliegen des II. Vatikanischen Konzils konkret: dass auch die Laien an ihrem Ort den Glauben bezeugen und verkündigen.

Kann man noch im 21. Jahrhundert den Dominikanerorden als Bettelorden bezeichnen? Worin unterscheidet er sich von den anderen Bettelorden?

Pater Brogl: Die Grundidee des Bettelordens ist: Wir versuchen den Menschen das Evangelium zu verkünden und sie unterstützen uns dafür. Heute hat sich diese Idee etwas verändert.

In vielen Ländern der Welt ist diese Idee weiter so verwirklicht. Bei uns ist das durch Kirchensteuer und Kirchenbeitrag allerdings schwierig, weil die Leute sagen: „Ich habe doch schon etwas für die Kirche gegeben!“. Die Menschen wissen meistens nicht, dass wir nichts von der Kirchensteuer zugeteilt bekommen.

Wir verdienen in der Regel unser Geld durch die Institutionen, bei denen wir angestellt sind. Das ist meistens die Kirche (und damit ist natürlich die Kirchensteuer doch eine wichtige Quelle für uns), aber auch der Staat z. B. in den Universitäten oder Schulen, an denen wir unterrichten.

Es ist absehbar, dass sich auch bei uns in Bezug auf die Kirchensteuer in den nächsten Jahren einiges ändern wird und in dieser Frage wohl der Weg stärker wieder zu unseren Wurzeln geht.

Die Bettelorden verbindet eine gemeinsame Idee: Arm von dem zu leben, was die Menschen einem geben. Der Unterschied liegt im Charisma, d.h. in der Grundausrichtung. Bei den Franziskanern und Karmeliten ist dies ein anderes als bei uns, wo zum Beispiel Studium und Lehre stärker im Zentrum stehen.

Das Jubiläum Ihres Ordens fiel mit dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zusammen, das am 20. November 2016 von Papst Franziskus beendet wurde. Welchen Platz hat die Barmherzigkeit in der Spiritualität des Dominikanerordens?

Pater Brogl: Bei unserer Aufnahme in den Orden werden wir gefragt: „Was erbittest Du?“, und wir antworteten: „Gottes Barmherzigkeit und die Eure“. Somit könnte man sagen, die Barmherzigkeit ist das, worauf wir unser Leben und unser Gemeinschaftsleben gründen.

Außerdem war das Mitleid zu den Menschen, die im Irrtum gefangen sind, der Grundimpuls, der Dominikus dazu brachte, den Orden zu gründen. Der hl. Thomas von Aquin schreibt bei den Werken der Barmherzigkeit, dass für jedes der sieben Tonarten der Barmherzigkeit ein Orden gegründet werden könne. Der Dominikanerorden sei für das Werk der „Unterweisung“ gegründet. Die geistige und geistliche Not wahrnehmen und das Evangelium zu lehren, ist letztlich ein Werk der Barmherzigkeit.

Es gibt auch andere Beispiele außerhalb des Lehrens. Der Gründungsimpuls der Dominikanerinnen von Bethanien war, dass der sel. Jean-Joseph Lataste als Gefängnispfarrer auf den Gesichtern der Gefängnisinsassinnen den Widerschein der Barmherzigkeit Gottes entdeckte. Daraufhin gründete er einen Frauenorden für ehemalige Gefängnisinsassen, der bis heute besteht.

Zur Geschichte der Dominikaner gehört auch ein dunkles Kapitel – die Inquisition. Wie geht die Ordensgemeinschaft damit um?

Pater Brogl: Der Orden hat – auf unterschiedlichen Ebenen – schon vor längerer Zeit in Angriff genommen, dies umfassend aufzuarbeiten: durch Forschung, Kongresse und Schuldbekenntnisse. Allerdings bleibt dies für uns ein bleibender Auftrag, den wir uns übrigens auch im Jubiläumsjahr als wichtigen Akzent gesetzt haben: diese Schattenseiten nicht auszublenden, sondern im Blick zu behalten. Das heißt: für die Wahrheit einzustehen und nicht die Menschen billig mit Halbwahrheiten oder Floskeln abzuspeisen, aber dabei nicht die Würde und Freiheit des Einzelnen zu übersehen. Das bleibt gerade in Zeiten, wo religiöser Fanatismus und Relativismus sehr stark sind, ein bleibender Auftrag.

Der bedeutendste Theologe und Philosoph des Mittelalters war zweifellos der Dominikaner Thomas von Aquin. Welche Rolle spielte der Thomismus damals und welche Bedeutung hat er heute?

Pater Brogl: Thomas ist und bleibt nicht nur der bedeutendste Dominikaner, sondern auch die zentrale Grundlage unserer theologischen Beschäftigung. Er ist in seiner auch heute noch bewundernswerten Weite und Tiefe immer wieder Inspiration und Korrektiv für unser theologisches Nachdenken.

Wie wichtig Thomas für uns ist, zeigt sich nicht nur in den zahlreichen Brüdern und Schwestern, die sich mit ihm geistlich und wissenschaftlich beschäftigen, sondern auch daran, dass z. B. unsere jungen Brüder zusätzlich zum Studium regelmäßige „Extra-Einheiten“ zum Aquinaten haben, da Thomas an der Universität momentan etwas zu kurz kommt. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich an den Unis das auch wieder ändern wird …

Als Erneuerer des Thomismus gilt der französische Dominikanertheologe Marie-Dominique Chenu (1895-1990). Sein Einfluss auf das Zweite Vatikanische Konzil war, wie der seines Mitbruders Yves Congar (1904-1995), groß. Können Sie etwas dazu erzählen?

Pater Brogl: Beide gehören zu einer Gruppe, die eine neue Art des Theologietreibens geprägt hat: die sogenannte „nouvelle théologie“, die zwar vor dem II. Vatikanum sehr umstritten war und von der Kirchenleitung in Rom vielfach mit Lehrverboten belegt worden ist, aber gerade über das II. Vatikanische Konzil große Wirkung entfaltet hat.

Chenu hat – wie übrigens die dominikanische Theologie insgesamt – die Inkarnation in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt. Theologie ist für ihn kein vom Himmel gefallenes Wissen, sondern tief verbunden mit der Geschichte Gottes mit der Welt. Eine inkarnatorische Theologie überwindet deshalb die Dualismen von Ewigem und Zeitlichem, Sakralem und Profanem und sucht Gott inmitten den „Zeichen der Zeit“ – ein wichtiges Wort für das II. Vatikanum. Hier sieht man übrigens schön, wie gut die Theologie Chenus das vorher geschilderte Anliegen des hl. Dominikus aufnimmt und theologisch ausformt.

Yves Congar hat an den wichtigsten Dokumenten des II. Vatikanums mitgearbeitet. Wie Chenu war ihm die Geschichtlichkeit des Glaubens und auch die Fundierung der Theologie in der hl. Schrift und den Kirchenvätern wichtig. Gerade seine Arbeiten über die Ekklesiologie, eine trinitarische Verankerung der Kirche und die Aspekte, dass Kirche ihrem Wesen nach missionarisch ist, sowie das Nachdenken über die Bedeutung des Laien in der Kirche waren von großer Bedeutung.

Als Predigerorden sehen Dominikaner ihre Aufgabe in der Verkündigung des Wortes Gottes. Gibt es ein Rezept für eine gute Predigt?

Pater Brogl: Erstens: Aktuell, zweitens: theologisch und geistlich tief fundiert und drittens: konkret. Benedikt XVI. hat bei seinem Besuch in Freiburg den Seminaristen damals etwas Schönes mitgegeben, was gut für die Predigt passt: „Das Heute in Seinem Wort erlernen“. Dazu muss man sich als Prediger in der Vorbereitung doppelt bekehren: zum Heute – dorthin, wo es „brennt“ – und zum „ewigen Heute“ Gottes. Wenn das in der Vorbereitung passiert ist, merkt man das in der Predigt.

Was hat Sie persönlich dazu gebracht, Dominikaner zu werden?

Pater Brogl: Für mich waren drei Punkte entscheidend: Erstens haben mich die dominikanischen Mystiker sehr beeindruckt und geprägt, allen voran Katharina von Siena und Meister Eckhart. Ein weiterer wichtiger Punkt war für mich das Studium. Ich war damals am Abschluss meines Theologiestudiums und habe sehr gerne studiert. Das Ideal des „semper studere“ – immer zu studieren und an den Fragen der Zeit und der Theologie dran zu bleiben, war und ist für mich sehr attraktiv. Ein dritter Punkt war die Gemeinschaft: Die Rückbindung in eine betende und miteinander denkende und diskutierende Gemeinschaft war für mich sehr anziehend; nicht zuletzt, dass wir auch von unseren Persönlichkeiten und Charismen sehr unterschiedlich sind und dass dieser „Buntheit“ auch Raum gegeben wird; und dass die Dominikaner die Dinge sehr ernsthaft angehen und dennoch auch eine sehr fröhliche „Truppe“ sind, in der auch viel gelacht wird.

Welche Bedeutung hatte das Jubiläumsjahr für Sie und für Ihre Ordensgemeinschaft?

Pater Brogl: Das Jubiläumsjahr war für uns eine schöne Gelegenheit, dankbar auf das Geschenk unserer Berufung zu schauen: dass wir in dieser Gemeinschaft sein und aus dieser Tradition schöpfen dürfen. Man nimmt ja vieles oft zu selbstverständlich: unsere Wurzeln, unseren Glauben, unsere Berufung. „Was Gewohnheit ist, ist tot“, hat einmal ein geistlicher Meister unserer Zeit gesagt. Das Gegenteil von Gewohnheit ist Dankbarkeit.

Zudem hat es in den verschiedenen Zweigen des Ordens viele Initiativen gegeben und man hat gesehen, was alles möglich ist, wenn wir unsere Kräfte zusammenlegen. So mancher Kontakt unter und oder z. B. mit Medien hat sich ergeben oder vertieft – und so manche Idee wurde geboren.

Zugleich war es auch ein Impuls zur Erneuerung. Ein Jubiläum ist ja nie einfach nach hinten gerichtet, sondern der Blick auf die Großen und das Große des Ordens lässt auch die Weite und Tiefe des Auftrags unseres Ordens neu erkennen. So wird das Jubiläum – so glaube und hoffe ich – noch länger nachwirken …

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Provinzial P. Thomas Gabriel Brogl OP stammt aus Donauwörth in Bayern. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Augsburg, Rom und Freiburg ist er 2002 in den Dominikanerorden eingetreten. Nach der Übernahme der Pfarrei St. Martin in Freiburg war er Ausbildungsleiter und Finanzverwalter in Wien. Mit 37 Jahren wurde Pater Thomas im Februar 2015 zum Provinzial der süddeutsch-österreichischen Provinz vom hl. Albert gewählt. Sein besonderes Augenmerk gilt der Seelsorge sowie der Spiritualität in Wissenschaft und Praxis. Seit 2014 leitet er die neu errichtete „Schule christlicher Spiritualität“ im Wiener Dominikanerkloster (www.dominikaner.org).

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