PATER PIO — Der Ordensmann

Rückkehr nach Pietrelcina

 

Gegen Mitte Mai 1909 begleitete sein zweiter geistlicher Vater, Pater Agostino da San Marco in Lamis also den jungen Frater Pio nach Pietrelcina. Man meinte, es würde sich nur um einen kurzen Aufenthalt handeln, die heimische Luft und die Fürsorge seiner Mutter würden ihn bald wieder herstellen. Doch wird diese erste Etappe fast sieben Jahre andauern bis Februar 1916.

Während dieser ganzen Zeit wird er krank bleiben, ohne dass übrigens jemals irgend jemand eine genaue Diagnose erstellen konnte. Das ist übrigens ganz normal, denn recht lange danach wurde man inne, dass es sich um mystische Leiden handelte, durch die hindurch der Herr diese bevorzugte Seele darauf vorbereitete, IHN auf dem Weg nach Kalvaria einzuholen. Aber zu dieser Zeit ahnte niemand um Frater Pio herum auch nur das geringste.

Die Obern sahen die lange Abwesenheit und diesen lange sich hinziehenden Aufenthalt außerhalb des Klosters, wohin der Herr ihn gerufen hatte, nicht sehr gern. Es fehlte übrigens nicht viel, dass sie dachten, es liege hier eine listige, teuflische Versuchung vor. Man sollte also auf jeden Fall Stellung dagegen beziehen. Diese Lage wurde zeitweilig dramatisch. Die Obern veranlassten schließlich Frater Pio, dass sie gemeint hatten, er würde endgültig bei seiner Familie bleiben, er solle um die Erlaubnis bitten, außerhalb des Klosters bleiben zu dürfen, während er die Möglichkeit behielte, immer das Kleid des heiligen Franz zu tragen. Dass ihm dies das Herz zerriss, begreift man ohne Mühe.

Frater Pio machte sich zu diesem Zeitpunkt keine Illusionen über seinen Gesundheitszustand. Zu meinen oder gar sich einzubilden, dass er eines Tages gesund werden könnte, das erschien wie ein sinnloser Traum. Ganz im Gegenteil beschäftigte ihn oft der Gedanke an den Tod. Es ist wahr, dass die leiblichen und die seelischen Schmerzen, die unaufhörlichen Angriffe des Teufels, die ihn trafen und worüber man später die von Pater Pio selber gegebene Beschreibung nachlesen kann, nicht dazu angetan waren, ihn zum Überleben anzuspornen.

Er erholte sich ein wenig, aber nur vorübergehend, und 1910 war man so beunruhigt, dass Frater Pio seine Obern bat, man möge ihn doch wenigstens als Priester sterben lassen. Am 22. Januar 1910 schrieb er an Pater Benedetto, den Provinzialminister: „… Seit langem versuche ich in meinem Herzen einen sehr lebhaften Wunsch totzuschweigen. Aber ich muss Ihnen gestehen, dass alle meine Bemühungen nur dazu dienten, ihn noch größer werden zu lassen. Diesen Wunsch will ich daher dem unterbreiten, der ihn erfüllen kann. Mehrere Leute, die die neuesten Entscheidungen des Heiligen Stuhls kennen, haben mir versichert, dass, wenn Sie um Dispens für meine Priesterweihe ersuchen, indem Sie meinen derzeitigen Gesundheitszustand darlegen, man dann alles erlangen könnte. Wenn also, o Pater, alles von Ihnen abhängt, dann lassen Sie mich doch nicht länger nach diesem Tage schmachten. Wenn also Gott, der Allerhöchste, in seiner Barmherzigkeit beschlossen hat, die Leiden meines Leibes hinwegzunehmen, indem er meine Verbannung hier auf Erden abkürzt, wie ich fest hoffe, so werde ich sehr glücklich sterben, denn ich habe hier auf Erden keinen anderen Wunsch mehr …“

Frater Pio war nämlich erst 23 Jahre alt … Und das Kirchenrecht verlangte, dass einer erst nach Erreichen des Alters von 24 Jahren Priester werden könne. Aber er setzte ein solches Vertrauen auf seinen Provinzobern, den er zum ersten Mal am 25. April 1903 in Morcone gesehen hatte und mit dem zusammen er das Schuljahr 1905-1906 in San Marco la Catola verbracht hatte, und der, seit er Provinzial war, sich so sehr um seine Lage kümmerte, dass Frater Pio nicht einen einzigen Augenblick am günstigen Ausgang seiner Bemühungen zweifelte. Im übrigen war Frater Pio so krank, ja sogar zuweilen todkrank, dass man ihm sehr wohl diese Dispens gewähren konnte.

Arg von Fieber geschüttelt, unterzog er sich zu Benevent im August 1910 einem raschen Theologieexamen und er empfing schließlich in Gegenwart seiner Mutter die Priesterweihe durch die Hände von Monsignore Schinosi in der Kathedrale von Benevent. Es war genau am 10. August 1910. Seine Primiz durfte er am folgenden Tag in Pietrelcina feiern, wo er von der Blasmusik und der ganzen Bevölkerung empfangen wurde. Am 14. August wird er, der von nun an Pater Pio sein wird, ein Hochamt feiern und sein Beichtvater, Pater Agostino, wird ihm die Festrede halten.

„Wie glücklich war ich an jenem Tag, schreibt er. Mein Herz brannte in Liebe zu Jesus … Ich habe angefangen das Paradies zu verkosten!“ Auf sein Primizandenken hatte er sein Lebensprogramm schreiben lassen: „Jesus, mein Atem und mein Leben, heute, wo ich Dich zitternd erheben darf in einem Geheimnis der Liebe, möge ich MIT DIR für die Welt WEG, WAHRHEIT, LEBEN und FÜR DICH, HEILIGER PRIESTER, VOLLKOMMENES OPFERLAMM sein.“ Nun ist er Priester auf ewig. Nun beginnt jene lange Reihe von beeindruckenden Messopfern, die er bis zu seinem Tode feiern wird. Zum letzten Mal wird er zum Altar emporsteigen am 22. September 1968. Sterben wird er wenige Stunden später am 23. September um zwei Uhr dreißig im Herzen der Nacht.

Von Ende Oktober bis zum 7. Dezember 1911, lebten Pater Pio und sein geistlicher Vater im selben Kloster von Venafro. Damals entdeckte Pater Agostino gewisse Dinge, wovon wir dann später reden werden …

Nun aber hatte sich die Krankheit am 7. Dezember 1911 plötzlich verschlimmert und man brachte Pater Pio zurück nach Pietrelcina. Am nächsten Tag sang er zum großen Erstaunen aller das Hochamt in der Pfarrkirche, wie wenn er nie krank gewesen wäre. Wer sollte da noch klug werden … es sei denn die Vorsehung hätte ein für alle mal beschlossen, Pater Pio müsse in die Verborgenheit seines Geburtsdorfes zurückkommen, um dort das Siegel des Blutes zu empfangen …
Was tat er in Pietrelcina? Er lebte bei seiner Familie. Er hatte sich nicht weit vom väterlichen Haus etwas auf der Höhe eine eigene Zelle eingerichtet. Man gelangte über eine Steintreppe dorthin. Er betete auch auf einem der Grundstücke seiner Familie in Piana Romana. Dort empfing er übrigens, wie wir sehen werden, die unsichtbaren Wundmale unter einer Ulme, die eingefasst wie eine Reliquie in einer kleinen Kapelle aufbewahrt wird. Auch seinem Pfarrer, Don Salvatore Pannullo, half er beim Spenden der Sakramente. Er hatte aber noch nicht die Vollmacht zum Beichthören bekommen, trotz mehrerer Anfragen, die seinen Obern vorgebracht und von Don Pannullo unterstützt wurden.

 

Soldat …

Aber da wird Pater Pio von einer neuen Prüfung heimgesucht: der Krieg von 1914 war ausgebrochen. Die Kapuzinerprovinz von Foggia wie alle anderen Provinzen Italiens sah sich ihrer besten Kräfte beraubt. Alle Ordensleute mussten in die Kasernen einrücken. Was Pater Pio betrifft, so stellte er sich zum 6. November 1915 beim Militärdistrikt von Benevent, um dort seine Bürgerpflicht zu erfüllen. Am 6. Dezember wurde er der zehnten Sanitätskompanie von Neapel zugeteilt. Aber einige Tage später, am 18. Dezember, wurde er zu einem Krankenurlaub nach Hause geschickt.

 

Geistliches Leben

In seinem geistlichen Leben, das uns jetzt im höchsten Maße interessiert, (denn auf diesem Weg, auf dem jeder diesem Riesen an Heiligkeit zu folgen berufen ist), darf man behaupten, dass er jede Stufe erklimmen wird. Wir haben es schon gesagt, die Liebe und das Leiden, von denen nie eins ohne das andere bestehen kann, werden für Pater Pio – wie übrigens für jede großmütige Seele – der einzige Weg sein, der zur innigsten Vereinigung mit Gott führt. Er wird dabei ärgste Schwierigkeiten kennenlernen; gegen die Hölle wird er Kämpfe durchstehen, wovon es schwierig ist sich ein Bild zu machen. Aber zum Ausgleich wird er Tröstungen und geistliche Freuden verkosten, die nach den Aussagen von Pater Pio selber völlig unerklärlich bleiben.

So wird Pater Pio von einer Schwierigkeit zur andern zu jener umwandelnden Vereinigung mit Gott emporsteigen. Sein geistliches Leben wird immer mehr ein mystisches Leben. Die Ausgießungen der Gnade sind manchmal so stark, dass sie sich in seinem Leib und seinen Sinnen niederschlagen. Sein Gebet wird zunehmend passiver, wie man aus seinen Briefen, die er regelmäßig an seinen geistlichen Vater schickt, ersehen kann … Er lässt Gott in seiner Seele wirken, da Pater Pio sich von nun an ganz IHM hingegeben hat.

Zu dieser Zeit stellt man zwischen den Zeilen, die er schreibt, gewisse Aufschwünge der Liebe fest, die ihn zu Gott hinauftragen. Als Gegenleistung setzen diese mystischen Berührungen, dieses Eingenommenwerden seiner Natur durch das göttliche Wesen ein. Es ist der Zeitpunkt, wo ihn der feurige Pfeil trifft (23. August 1912), Verzückungen und Tränen über ihn kommen … Es ist auch die Zeit, wo sich für ihn an seinen Gliedern die Zeichen des Gekreuzigten bemerkbar zu machen beginnen. Die Wundmale werden erst im September 1918 im Kloster San Giovanni Rotondo sichtbar und dauernd hervortreten. Immer mehr nimmt er am Leiden Jesu teil, wie er in einem Brief vom 28. Juni 1912 schreiben wird. Dies also sind einige Erscheinungen, die man für diese Periode festhalten darf. Sie werden sich mehr oder weniger häufen, und mehr oder weniger an Kraft gewinnen, aber wir wissen, dass sie mit den Jahren so zahlreich werden, dass auch nicht ein Augenblick seines Lebens diesem göttlichen Einfluss entgeht …, aber auch dem teuflischen nicht.

Pater Pio wird während seines Aufenthalts in Pietrelcina die Nacht der Sinne kennenlernen, wie sie Johannes vom Kreuz beschrieben hat. Die Seele sinkt immer tiefer in die dunkle Nacht hinein. Die innere Reinigung wird immer spürbarer, immer gründlicher, immer schmerzhafter und die Seele des armen Paters verliert sich immer tiefer im Gefühl der Gottverlassenheit und in die totale Trostlosigkeit. Manche Briefe sind in dieser Hinsicht wahre Schreie des Entsetzens. Aber Gott ist ein Vater und wenn er das Mittel des Leidens dazu benutzt, um eine Seele herauszureißen, (in unserem Fall die Seele des Paters Pio), die er erwählt und zu einer Sendung außerhalb des Alltäglichen bestimmt, dann weiß er ihm auch Fristen der Ruhe und des süßen Trostes zu geben. Aber man versteht, dass sich in Augenblicken schrecklichster Qual die Natur Pater Pios von Zeit zu Zeit empörte. „Ich kann nicht mehr“, gestand er am 18. März 1915.

Die Kämpfe mit dem Teufel, fast tägliches Los Pater Pios, zeugen von einer scharfsinnigen Grausamkeit. Neben leiblichen Quälereien, Schlägen, die er nicht etwa bloß geistig hinnimmt, sondern in einer harten, fühlbaren Wirklichkeit empfindet, bereitet Satan unter den bestürzten Augen Pater Pios alles aus, was er an angeblicher Untreue, Undankbarkeit und Verfehlung jeglicher Art, an Sünden in seiner Kindheit und Jugend begangen haben soll.

In seinen Briefen wird Pater Pio oft auf diesen Gegenstand zurückgreifen. Sein geistlicher Vater, Pater Agostino wird sogar eine eigenartige Kriegslist ersinnen, um dem Teufel entgegenzuwirken, der von Zeit zu Zeit die Briefe abhanden kommen lässt oder sie mit großen Tintenflecken verschmiert, die eigenartigerweise unter dem Weihwasser wieder verschwinden … Pater Agostino wird also auf französisch und sogar auf griechisch schreiben. Und Pater Pio wird ihm Antwort geben, nachdem er alles verstanden hat … Denn sein Schutzengel, wie er eingestehen wird, hat ihm alles erklärt!

Diese befremdlichen Behinderungen hätten mehr als nur einen nach Heiligkeit Strebenden entmutigt, das ist ganz offensichtlich. Pater Pio jedoch lässt sich auf seinem Weg zu Gott, im Erfüllen des göttlichen Willens, in der strengen Beobachtung der Regel des heiligen Franz und in der Treue zu seinen Ordensgelübten nicht beirren. Er straft Satan mit tiefster Verachtung, der es ihm dann manchmal bitter heimzahlt. Er vertraut sich immer der Hilfe Gottes, Unserer Lieben Frau, seinem kleinen Engel und dem heiligen Vater Franziskus an. Er stützt sich auch immer wieder auf die geistliche Führung des Paters Agostino, und allmählich, wie wir sehen werden, wird Pater Agostino selber dazu übergehen, seinen geistlichen Sohn um Rat zu bitten …

In seinen ersten Jahren unterwarf sich Pater Pio der ausschließlichen geistlichen Leitung Pater Agostinos. Nachträglich wird er dann ab 1912 die des Paters Benedetto da San Marco in Lamis hinzufügen. Es gab da einige Missverständnisse, die ohne Zweifel durch den Vater der Lüge hervorgerufen worden waren, doch alles klärte sich auf und die Leitung wurde gleichsam eine kollegiale.

Sicher war es nicht leicht eine auf den Wegen der Mystik so hoch erhobene Seele wie die des Paters Pio zu beraten und zu leiten. Aber Gott war ja da und gab den damit Beauftragten das notwendige Licht, um im Gehorsam den Weg, den gar oft Satan zu verwirren sich versteifte, aufzuhellen. Pater Pio befolgte diese Empfehlungen buchstäblich und gestaltete sein Leben nach den Ratschlägen, die diese Väter ihm erteilten. So wollte es übrigens Jesus. Die Stimme seiner Leiter war für Pater Pio die Stimme Gottes selber; er brauchte sich also diesbezüglich keine Sorgen zu machen.

Und man durfte erstaunliche Entwicklungen beobachten. Sowohl Pater Agostino, als auch Pater Benedetto nahmen den tiefen Einfluss wahr, den ihr Beichtkind auf sie ausübte.

Sie wurden ihrerseits zu seinen geistlichen Söhnen, nicht nur für sich persönlich, sondern auch für die Seelen, die sich an ihren eigenen priesterlichen Dienst wandten. Pater Pio zeigte sich jedoch ein wenig zurückhaltend vor dieser neuen Aufgabe.

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So also wurde diese erneute Rückkehr in seine Heimatgegend zum Anlass dieses beeindruckenden Briefwechsels mit Pater Agostino, und später ebenfalls mit Pater Benedetto. Dank diesem Briefwechsel konnten wir gewissermaßen einen tieferen Einblick in das Innere der Seele Pater Pios werfen. Man kann der Vorsehung dafür nur dankbar sein, denn ohne diese schwere Krankheit, hätten wir nie etwas von alldem erfahren. Infolgedessen wäre es für uns schwieriger gewesen, Pater Pio kennen zu lernen und ihn nachzuahmen.

Die Obern drangen nun von neuem darauf, dass Pater Pio das Gemeinschaftsleben wieder aufnehme. Aber was er nicht wusste: sein Ruf hatte sich weit über die Grenzen seiner engeren Heimat und über die Bereiche der Klöster, denen er zugeteilt gewesen war, ausgebreitet. Er wusste auch nicht, dass eine Dame aus dem Adel von Foggia, die er schon seit zwei Jahren, nämlich seit dem 24. März 1914, mit Genehmigung Pater Agostinos brieflich leitete, seine Gegenwart in Foggia anforderte, damit der junge Ordensmann ihr beistehe und sie berate in einer schweren gesundheitlichen Prüfung, die sie durchzustehen hatte. Es war dies Raffaelina Cerase. Diese an die Obern gerichtete Anfrage bot ihnen so die Gelegenheit, Pater Pio ins Kloster der heiligen Anna zu Foggia übersiedeln zu lassen.
Er verließ also sein Vaterhaus zu Pietrelcina am Morgen des 17. Februar 1916 und kam Ende Nachmittag in Foggia an. Am folgenden Tag besuchte er zum ersten Mal Raffaelina Cerase, die am 25. des folgenden Monats sterben sollte. So begann eine neue, sehr fruchtbare Etappe seines priesterlichen Dienstes.

Da wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir zurückkehren, um Schritt für Schritt, aufgrund der Briefe, die er schreibt, den genauen Verlauf des Weges Pater Pios verfolgen zu können.

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Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Der Ordensmann

Sant´Elia a Pianisi

Frater Pio verließ drei Tage später am Montag, dem 25. Januar 1904 in Begleitung seines Freundes Giovanni, der jetzt den Namen Fra Anastasio trug, das Kloster von Morcone, um sich in das von Sant´Elia a Pianisi in der Provinz von Campobasso zu begeben. Dort sollten sie ihr Studium der Rhetorik beginnen und das Mittelschulstudium abschließen. Pater Provinzial Pio da Benevento begleitete sie. Es herrschte eine Hundekälte und es fiel ein wenig Schnee, als sie gegen Ende des Nachmittags an ihrem Bestimmungsort ankamen.

Auf dem Dorfplatz erwartete sie Bruder Fedele da Sant´Elia a Pianisi. Gar rasch führte er sie ins Kloster. Sie konnten sich ein wenig am Gemeinschaftsfeuer wärmen. Das ist ein Gemeinschaftsraum mit einem großen offenen Kamin, wo im Winter ein wackeres Holzfeuer knistert. Es befand sich dort ein ganz junger Kapuzineraspirant, etwa 15-jährig, der später Pater Raffaele da Sant´Elia a Pianisi werden soll. Zum ersten Mal wird er also Frater Pio begegnen und später wird er darüber schreiben: „Von dieser ersten Begegnung an rief Frater Pio in mir auf eine ganz eigene Art die Empfindung einer tiefen Bewunderung wegen seines vorbildlichen Betragens hervor … Jung wie ich war, kannte ich weiter nichts an Tugend, aber ich bemerkte an ihm etwas, das ihn von den übrigen Scholastikern unterschied.“ Und er fügte hinzu, wenn er Frater Pio auf den Gängen, im Chor, in der Kirche oder in der Sakristei begegnet sei, „war dieser immer abgetötet, gesammelt und still. Er wagte es nicht ein Wort zu reden ohne Notwendigkeit …“

Selbst dem Volk, das gewöhnlich die Klosterkirche besuchte, entging dieser junge Student nicht, der „sich von den übrigen durch seine Bescheidenheit, Abtötung, Demut und große Frömmigkeit unterschied.“

Das Klima war hier besser. Damit besserte sich auch der Gesundheitszustand Frater Pios. Der junge Bruder Raffaele erklärte noch dazu: „In Sant´Elia stellte sich Frater Pio wieder recht gut her und er sah sehr schön aus nach einigen Monaten des Aufenthalts im Kloster seiner neuen Niederlassung.

Selbst für meine Kinderaugen, fährt er fort, schien Frater Pio als einer ein wenig von den anderen Verschiedener: er war liebenswürdiger, er verstand es, uns Knaben einige Worte zu sagen; ganz unaufdringlich legte er uns einige Ratschläge nahe und wir hörten gern auf ihn. Für mich hob er sich irgendwie ab, auch wenn ich nichts Außerordentliches an ihm feststellte.“

Ein anderer 15-jähriger Aspirant, der spätere Pater Agatangelo, wird sagen: „Mit den anderen Studenten konnte man nicht reden, mit Frater Pio jedoch sehr wohl …“ – „Seien es nun die Bewerber, oder die Leute, die gewöhnlich unsere Kirche besuchten, alle hatten an ihm ein anderes Betragen festgestellt: er war immer zurückhaltend und in Gott versunken, obwohl er dabei nicht mit sich beschäftigt war“.

„Während der Zeit seines Studiums in Sant´Elia a Pianisi bezeugt Pater Leone da San Giovanni Rotondo, ein damaliger Mitstudent, hat der (Frater Pio) immer den Geist des Noviziats bewahrt. Oft wenn ich ihn auf seiner Zelle rufen ging, fand ich ihn vor seinem Bette kniend oder das Gesicht in den Händen über seine Bücher gebeugt …“ Denn das Studium war für Frater Pio die Grundlage und die Grundnahrung seiner Beschauung.

„Einmal war Frater Pio nicht zum mitternächtlichen Chorgebet erschienen, fährt Pater Leone fort. Ich bin hingegangen, um ihn zu benachrichtigen und ich fand ihn vor seinem Bette kniend mit einer Decke über den Schultern ins Gebet versunken. Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich je über die einfache Nahrung beklagt hätte, selbst wenn die Lebensbedingungen des Klosters etwas mehr hätten erlauben können. Nie hat er beanstandet, was die Obern taten. Wenn die andern dies taten, dann wies er sie zurecht, oder er entfernte sich. Auch nie eine Klage wegen der wirklich beißenden Kälte, noch wegen des geringen Vorrats an Decken! …“

Für ihn war die Gabe der Tränen, wie wir schon wissen, alltäglich, so dass er infolge seines Weinens sehr an den Augen litt. Diesbezüglich erinnert sich Pater Antonio da San Giovanni, ein Professor des Klosters, dass Frater Pio in Sant´Elia a Pianisi „zur Zeit der Betrachtung und besonders nach der heiligen Kommunion eine so große Menge von Tränen vergoss, dass sich ein kleines Bächlein auf dem Steinpflaster bildete. Als man ihn nach dem Grunde fragte, wich der kleine Bruder immer aus und sagte nichts. Schließlich, da ich ja sein geistlicher Vater war, verpflichtete ich ihn zu reden. „Ich weine, sagte er, über meine Sünden und über die Sünden aller Menschen.“

Frater Pio war nämlich wirklich ein Jünger des kleinen Armen von Assisi, der auf den Bergen und in den Wäldern Umbriens weinte und vor den Menschen, die ihm begegneten, ausrief: „die gekreuzigte Liebe wird nicht geliebt!“

 

Ein eigenartiges Ereignis

Es war ebenfalls während seines Aufenthalts in Sant´Elia a Pianisi, dass Frater Pio jenen berüchtigten Angriff des Teufels erlebte, der jetzt sehr wohl bekannt ist. Es geschah im Laufe des Sommers 1905 in einer Nacht, als die Hitze besonders erstickend war. Die Türe und das Fenster bei Frater Pio standen weit offen, um ein wenig Luft hereinzulassen. Er war am Beten, obwohl es schon spät war. Nebenan war die Zelle von Frater Anastasio, so nahe bei der Seinen, dass man sich durch das Fenster mühelos die Hand reichen konnte. Damals war aber Frater Anastasio gerade abwesend, Piuccio jedoch wusste es nicht. Er hörte jedoch, wie unablässig hin und her geschritten wurde. Dieses Geräusch ging auf die Nerven. Frater Anastasio kann offenbar auch nicht schlafen, dachte Frater Pio und indem er sich leise dem Fenster seines Freundes näherte, rief er ihn leise: „Fra Anastasio!“ Aber der Laut blieb ihm in der Kehle stecken, denn er befand sich vor einem riesigen, schwarzen Hund, der mit drohender Gebärde seine Glutaugen auf ihn heftete. Er schien aus der Nachbarzelle zu kommen. Er floh bald mit einem fantastischen Sprung aufs Nachbardach und verschwand. Verstört wäre Frater Pio fast in eine Ohnmacht gefallen – für uns würde wahrscheinlich schon weniger genügen – und er legte sich aufs Bett. Aber wie groß war nicht sein Erstaunen, als er am nächsten Tag vernahm, dass die Nachbarzelle seit mehr als einem Monat nicht besetzt war, denn Anastasio war anderswohin versetzt worden … Aber wie groß war nicht auch das Entsetzen seiner Mitbrüder, als Frater Pio ganz unschuldig fragte, woher denn wohl der große schwarze Hund gekommen sein könnte!

 

San Marco la Catola

In der zweiten Hälfte des Monats Oktober 1905, nachdem er seine Mittelschulstudien abgeschlossen und seine Philosophieprüfungen bestanden hatte, zog Frater Pio immer zusammen mit Frater Anastasio nach San Marco la Catola. Wichtige Reparaturarbeiten am Chorgewölbe und an der Kirche von Sant´Elia a Pianisi waren notwendig geworden und man musste außerdem das Klosterdach vollständig erneuern.

Das Kloster San Marco la Catola ist eines der einsamen der Klosterprovinz Foggia. Es wurde abseits des kleinen Marktflecken, verborgen in einer wundervoll wilden Landschaft, inmitten verlassener Felder erbaut. Während in Morcone der Pflanzenwuchs sehr üppig war und man das Plätschern der Wildbäche und das Singen der Vögel hörte, gab es hingegen in San Marco nur das Klagelied des Windes … Und das war sehr angetan, um in Frater Pio die ersten Aufschwünge in die reinste Mystik hervorzurufen … Diese so freie Natur bot sich als vortreffliches Sprungbrett dazu an, sich zu Gott emporzuschwingen.

In San Marco la Catola, Provinz Foggia, begegnete Piuccio zum ersten Mal dem Pater Benedetto da San Marco in Lamis, der bis 1922 sein geistlicher Vater werden sollte. Er beendete in diesem Kloster sein Schuljahr und im April 1906 kam er nach Sant´Elia a Pianisi zurück, um dort sein Philosophiestudium fortzusetzen.

Dort feierte er am Sonntag, dem 27. Januar 1907, seine feierliche Ordensprofess. Er legte die ewigen Gelübde in die Hände des Paters Raffaele da San Giovanni Rotondo, des dortigen Klosterobern ab. Im Professformular wird er mit eigener Hand in voller Freiheit erklären, „dass er sich von nun an für immer durch die Ordensgelübde der Kapuziner unter der Regel des seraphischen Vaters, des heiligen Franz von Assisi, gebunden weiß und das mit dem einzigen und alleinigen Zweck, das Heil seiner Seele zu erstreben und sich ganz dem Dienst für Gott zu weihen.“ Indem er das Dokument mit seinem Namen unterzeichnete, setzte Frater Pio seine Unterschrift unter seinen Geburtsschein als Franziskaner. Er war damals neunzehn Jahre und acht Monate alt.

Eine Photographie aus dieser Zeit zeigt uns einen Frater Pio mit einem länglichen, schmalen, abgezehrten, von einem entstehenden Bart umrahmten Gesicht. Die Augen sind dunkel und unergründlich, fast etwas verängstigt. Es war die Zeit der Vorbereitung und der inneren Leiden, der Kämpfe und der aufreibenden, seelischen Prüfungen … Damals hatte er noch nicht das ruhige und heitere Gesicht des reifen Pater Pio, der sich von nun an seiner außerordentlichen, ihm von Gott anvertrauten Sendung voll bewusst sein wird.

 

Serracapriola

Sein Theologiestudium setzte er in Serracapriola bei Pater Agostino da San Marco in Lamis, seinem ersten Beichtvater fort, sowie im Kloster von Montefusco. Bald wird er von einer geheimnisvollen Krankheit befallen sein, die ihm sehr heftige Schmerzen verursachte. Er war zugleich vom Fieber und von der Liebe zu Gott verzehrt … Übermäßige Schweißausbrüche, ein herzzerreißender Husten verbanden sich mit geistlichen Qualen: er wurde von Gewissensängsten überfallen.

„Dieses Martyrium, schreibt Pater Pio selber in einem Brief vom 17. Oktober 1915, war recht schmerzhaft für meine arme Seele, sowohl durch die Heftigkeit, wie durch die Dauer. Das hat angefangen, wenn ich mich genau erinnere, im Alter von 18 Jahren und dauerte bis zum vollendeten 21. Lebensjahr. Während der ersten zwei Jahre jedoch wurde es fast unerträglich. Als meine Seele das durchlitt, befand ich mich in Sant Elia, dann in San Marco und auch anderswo …“

 Das waren ganz deutlich Anfechtungen des Teufels, der gegen Frater Pio losgelassen war. Der Feind war fest entschlossen, den jungen Ordensmann zu entmutigen, ihn, der sich mit so viel Großmut ganz Gott geweiht hatte. Auf diese Weise begann Piuccio alle Stufen des mystischen Lebens, eine nach der anderen, zu ersteigen. Aber es begann mit der furchtbaren Nacht der Sinne, wie sie der heilige Johannes vom Kreuz so treffend beschrieben hat.

Und diese Prüfung dauerte Jahre hindurch!

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Während seines zweiten Theologiejahres empfing Frater Pio die niederen Weihen. Es war am 19. Dezember 1908. Er wurde damals, wie es vor der liturgischen Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils üblich war, Pförtner, Vorleser, Exorzist und Akolyth. Zwei Tage später wurde er in der Kathedrale von Benevent zum Subdiakon geweiht. Aber seine Abtötung, seine Fasten und seine langen Gebete waren stärker als seine Gesundheit und er musste den Fortgang seiner Studien unterbrechen. Die Ärzte und seine Obern hofften, eine Luftveränderung würde ihm heilsam sein. So beschlossen sie, ihn für einige Zeit nach Pietrelcina zurückzuschicken. Abgesehen von einigen Unterbrechungen, wird er dort bis zum 17. Februar 1916 bleiben, somit während einer langen Periode von sieben Jahren. Das war für den jungen Kapuziner eine Zeit intensiven geistlichen Lebens, andauernder Bußübungen und Gelegenheit für ein sehr rasches Fortschreiten auf den Pfaden der Heiligkeit.

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Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Der Ordensmann

Noviziat in Morcone

Am 6. Januar 1903 trat er ins Noviziat der Kapuziner im Kloster zu Morcone ein. Es war am Fest der Erscheinung des Herrn. Bei der Rückkehr von der Frühmesse fand Francesco das Elternhaus voll von Leuten wie bei einem Trauerfall, wie er sagen wird; und Pater Pio fügt hinzu: „Als die Mutter mich begrüßte, fasste sie mich an den Händen und sagte zu mir: „Mein Sohn, Du zermalmst mir das Herz! … Doch in diesem Augenblick sollst Du nicht an den Schmerz Deiner Mutter denken; der heilige Franz hat Dich gerufen und Du gehst fort!“

Die arme Mamma Peppa konnte kein Wort mehr hinzufügen, sie verlor die Besinnung. Als sie wieder zu sich gekommen war, wiederholte sie: „Mein Sohn, in diesem Augenblick sollst Du nicht an den Schmerz Deiner Mutter denken; fortziehen musst Du, so gehe!“ Sie gab ihm ihren Segen, drückte ihm einen Rosenkranz in die Hand, den Pater Pio immer aufbewahrt hat, und Francesco trat über die Schwelle seines Elternhauses hinweg. Er selber wird erzählen, wie sein eigener Abschiedsschmerz war, er fühlte sich bis in seine Knochen hinein zermalmt.

In der letzten Nacht, die er im Elternhaus verbracht hatte, kam der Herr mit seiner heiligen Mutter ihn besuchen. Mit ihrer ganzen Herrlichkeit ermutigten sie ihn und verhießen ihm ihre besondere Liebe der Erwählung. Jesus legte ihm zum Schluss die Hand aufs Haupt und diese Geste stärkte den oberen Teil seiner Seele und ermöglichte es ihm im Augenblick des Abschieds keine einzige Träne zu vergießen, obwohl dieses sich Losreißen für ihn ein echtes Martyrium der Seele und des Leibes war.

Er bestieg den Zug in Pietrelcina in Begleitung seines Lehrers Càvacco und zweier Schulkameraden, die wie er ums Ordensleben sich bewarben, nämlich des Vincenzo Masone und des Antonio Bonavita. Als sie nach einer guten Stunde Eisenbahnfahrt in Morcone ankamen, läuteten sie an der Klosterpforte. Der Bruder Pförtner war kein anderer als der gütige Camillo da Sant´Elia a Pianisi, der Bettler mit dem großen schwarzen Bart! Er umarmte Francesco und rief aus: „Ei, der Franzl, ausgezeichnet, bravo! Du bist Deinem Versprechen treu geblieben und dem Ruf des heiligen Franz!“

Nach der Aufnahmeprüfung schließt sich die Klosterpforte wieder hinter Francesco. Das Blatt ist gewendet, aber mit welchem Schmerz! … Später wird Pater Pio sagen „Ich ging nach Morcone, wo mich diese Lebensweise erwartete. Man muss wahrhaftig berufen sein, um sie zu überstehen. Um die Wahrheit zu sagen, nie habe ich eine Versuchung gegen meine Berufung gehabt, aber manchmal, wenn der Teufel sich zeigte, kam mir jener Abschied von der Mutter in den Sinn und ich fasste wieder Mut …“.

Das musste nun mal so sein! … Am Eingang des Klosters zum Morcone drängt eine große Inschrift zur Entscheidung: „Entweder die Buße, oder die Hölle“ … Von einer Wand des Ganges hebt eine wichtige Weisung sich ab: „Stillschweigen“. Man wird ihm die Zelle Nummer 28 zuweisen. Über dem Eingang noch ein Wahlspruch: „Ihr seid gestorben, und Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott“. Damit wäre also der Reiseweg klar gewiesen. Francesco muss sich selbst sterben, sich zermahlen lassen wie das Korn, im Stillschweigen und in der Beschauung verharren, um dem Herrn zu begegnen.

Francescos Zelle – wie übrigens alle anderen auch – war sehr klein. Im Sommer drang keine Kühle ein, im Winter biss die Kälte an den bloßen Füßen. Ein Strohsack mit Maisblättern lag auf vier Brettern, die von zwei Querbalken als Fußgestell unterstützt wurden. Ein kleines Tischchen, auf dem ein paar Andachtsbücher lagen. Ein Stuhl, ein großes Holzkreuz, das auf dem Bett lag und das man während den allzu kurzen Stunden der Nachtruhe in den Händen hielt. Das war die ganze Ausstattung. Fast möchte man von einer Gefängniszelle sprechen, aber es war genau das Gegenteil; denn wenn man im Gefängnis seiner Freiheit beraubt ist, so fand Francesco in seiner Klosterzelle Christus.

Er musste zwei Wochen zuwarten, um sich wirklich davon Rechenschaft zu geben, was für ein Leben das sein wird, dem er sich widmen wollte: vierzehn Tage Exerzitien unter vollständigem Schweigen, doch reich befrachtet mit Gesprächen innigster Freundschaft mit dem Herrn. Viel Gebet sogar nachts, viel Arbeit …

Francesco hatte neben sich im Postulat einen Gefährten. Er hieß Giovanni Di Carlo und wurde später Pater Anastasio. Dieser berichtet: „… Eines Tages, als sie allein im Chor waren, in der Kirche war niemand, weil sie geschlossen war, sahen sie, dass in den Fächern der Patres und der Laienbrüder Bußgeißeln lagen, einige sogar mit Metallstückchen besetzt. Da sagte Di Carlo (Anastasio), der Neugierigere der beiden, zu seinem eher zurückhaltenden Gefährten: „Franzl, damit schlägt sich der einzelne abends, wenn sie uns den Chor verlassen heißen und mit lauter Stimme beten, wir wollen es auch versuchen!“ Francesco ließ sich das nicht zweimal sagen und beide, nachdem sie ihre Jacke niedergelegt hatten, begannen sich auf die Schultern zu schlagen und sie taten es von Herzen, besonders Francesco. Als sich dann der Schmerz bemerkbar machte, sagte Di Carlo: „Franz, das genügt jetzt!“ Sie hörten also auf, legten die Geißeln wieder an ihren Platz und nahmen wieder ohne weiteren Kommentar ihre Arbeit auf.“

Es war also Giovanni Di Carlo, der zukünftige Pater Anastasio, der dies erzählt hat. Er gab zu, dass er weniger zur Buße neigte als Francesco, der „sich jedes Mal, wenn er etwas erdulden musste, darüber freute, denn er hatte immer vor den Augen seines Herzens das Bild Jesu, des Gekreuzigten“.

Aber ohne Fragen war dieses harte Leben Giovanni zuwider die freiwillige Geisselung vom Vortag, die Strenge des Kapuzinerlebens, barfuß gehen zu müssen bei der Winterkälte – man befand sich mitten im Monat Januar – das nächtliche Aufstehen zum Chorgebet, immer Jahr sagen zu müssen, wenn man so gern nein gesagt hätte, und vor allem das dauernde Schweigen, das für einen hitzigen Neapolitaner so mühsam ist …, wenig fehlte, und Giovanni hätte aufgegeben!

„Franz, sagte er zu seinem Gefährten, das ist ein zu hartes Leben, das ist nicht für uns gemacht. Hier tut man nur Buße, Tag und Nacht. Können wir nicht weggehen? Ich, ich habe mich entschlossen morgen schon vorzugehen; und du auch? …“ Francesco war überrascht, es fehlte wenig, dass er dachte Giovanni sei sozusagen vom Teufel besessen! Er erwiderte ihm sogleich: „Giuvanniell´, was sagst du da? Wieso denn, wir haben so viel getan, um hierher zu kommen und jetzt sollten wir weggehen? Was werden unsere Eltern und Verwandten dazu sagen und all jene, die uns zu diesem Haus hingeleitet haben? Ach Schluss damit! Allmählich mithilfe der Madonna und des heiligen Franz werden auch wir uns daran gewöhnen, wie die anderen sich daran gewöhnt haben. Meinst Du vielleicht, dass alle, die in diesem Kloster sind, und noch alle anderen dazu, nicht wie wir waren? Niemals ist einer als ein fertiger Mönch auf die Welt gekommen …“

Die Erwiderung war gut und für den künftigen Pater Anastasio war dieses Argument bestimmend. Entschlossen wird er der Welt den Rücken kehren …

Am Ende dieser Einkleidungsexerzitien empfingen sie das Kleid des heiligen Franz. Francesco bekam den Namen Pio. Von nun an – und für immer – wird er der Bruder Pio da Pietrelcino sein.

Einer der Biographen Pater Pios erzählt, die Liebe, die er zum Gebet hegte, sei es persönlich oder gemeinschaftlich, war wirklich bewundernswert:

„Nach dem Vorlesen des Betrachtungspunktes, der immer auf das Leiden unseres Herrn Jesus Christus abzielte, blieb er während der dafür vorgesehenen Zeit knien und auch noch danach, wenn dies ihm möglich war. Er vergoss reichlich Tränen, indem er Stoßgebete verrichtete, er fuhr damit fort auf den Gängen, den Gartenwegen und überall anderswo.

Um seine Gebete noch zu verlängern, bat er häufig um die Erlaubnis von der Erholung, vom Spaziergang, und manchmal vom Abendessen befreit zu werden, um im Chor oder in der Zelle bleiben zu dürfen.“

Er war der Erste, wo es geboten war, Akte der Anbetung und der Verehrung durch Kniebeugen vor dem Allerheiligsten, vor dem Bild der lieben Muttergottes und der Heiligen zu vollziehen und der Erste, um seine Mitbrüder durch Gesten und Zeichen der Ehrerbietung dazu anzueifern, diese unerlässlichen Pflichten treu zu erfüllen.

Seine Betrachtung war immer auf die Leiden des Gekreuzigten ausgerichtet. Während der Betrachtung im Chor vergoss er dicke Tränen, so dass ein großer Fleck auf dem Steinboden zurückblieb …“

Man begreift, dass gewisse Mitbrüder sich über ihn lustig machten. Um ihnen so ihre Spöttereien zu ersparen, pflegte er von da an gewöhnlich sein Taschentuch auf dem Boden auszubreiten, um die Tränen aufzufangen. Wenn dann der Obere das Zeichen zum Verlassen des Chores gab, packte er sein Taschentuch zusammen und so war auf dem Steinboden nichts mehr zu finden!

Schon daheim konnte er so weinen. Seine Mutter kannte zwar sehr wohl die Frömmigkeit ihres Sohnes, aber sie wusste nicht, dass es sich hier um die berühmte Gabe der Tränen handelte und sie dachte nicht ohne innere Beängstigung, er sei krank.

Was die Ernährung im Novizitat betrifft so war sie gewiss einfach, aber hinreichend für jugendliche Bedürfnisse. Für Francesco jedoch war der Speisesaal eine Buße. Es gelang ihm sogar heimlich seinen vollen Teller mit dem schon leeren seines Nachbarn zu vertauschen!

Damals noch stellte das Noviziat fürwahr eine harte Probe dar. In mancher Hinsicht hätte man meinen können, man sei ins Mittelalter zurückversetzt, aber wer diese Prüfung überstand, ging daraus mit einem gediegenen Charakter, einer widerstandsfähigen Spiritualität und einem heldenhaften Mut hervor.

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Pater Pio wird es später eingestehen, dass er von seinem Noviziat keine gute Erinnerung bewahrt hatte … Jahre danach erzählte er in einem engeren Kreis von Vertrauten, die sich in seiner Zelle von San Giovanni Rotondo um ihn versammelt hatten, einige Brocken aus seinem vergangenen Leben, was jeder sich bemühte, schriftlich festzuhalten.

 

„Nach dem Noviziat, sagte er, musste ich alles von neuem anfangen. Ich hatte alles, ja alles vergessen. Und es konnte nicht anders sein, wenn man die Erziehungsmethode bedenkt, die zu dieser Zeit herrschte; es gab kein Buch, weder ein religiöses, noch ein weltliches. Den Novizen erlaubte man nur – und das war zwingende Norm – 15 Seiten zu lesen, und wenn man damit fertig war, fing man wieder von vorn an. Stellt Euch vor, was das ein ganzes Jahr lang bedeutet!

Sobald wir unser Frühstück, fuhr Pater Pio fort, das in drei oder vier kleinen Stücken gebackenen Brotes bestand, beendet hatten, ging man zum Obern hin, um ihm für das Frühstück zu danken, das die Vorsehung uns geschenkt hatte und man blieb so lange auf den Knien, bis er sagte, wir sollten auf unsere Zelle zurückkehren, wo man nur seine 15 Seiten zum Lesen und Nochmallesen fand! …“

Und er fügte hinzu: „Wenn wir unsere Kleider anzogen, wie viele haben wir dabei nicht beschädigt! Alles war gemeinsam. Wenn der Magister uns die Hemden gab, um sie anzuprobieren, ging es zu wie bei der Armee: lange oder kurze, enge oder weite. Und oft wurden die zu engen zerrissen und man legte sie einfach wieder an ihren Platz zurück!“

Es gab da im Noviziat auch die Bußübung des Augenniederschlagens … Man sollte niemals die Augen erheben ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, um so die innere Sammlung zu bewahren und den Willen in Zucht zu halten … Man behauptet sogar, dass Pater Pio es nie gewagt habe, das Gewölbe der Kirche von Morcone anzuschauen. Die Straßen und Gässchen des Dorfes, die hat er nie gesehen!

„Wie groß war nicht der Schrecken meiner Mutter, fuhr Pater Pio vertraulich fort, als sie mich mit meinem Bruder und meinem Vater besuchen kam und als ich mit dem Pater Magister hinunterstieg, um sie zu begrüßen. Es war verboten, ohne die Erlaubnis des Magisters zu reden und die Augen zu erheben. Die Meinen waren tief beeindruckt und ihre Besorgnis wurde noch größer, als sie sahen, dass ich nicht zu ihnen redete und sie nicht anschaute … Ich hatte ja noch nicht die Erlaubnis dazu bekommen. Sie meinten, ich sei verblödet, während ich mich an ihren Hals hätte werfen mögen, um sie zu umarmen!“

Ja, dieses Leben der Buße und der Abtötung wird Pater Piero begierig auf sich nehmen. Er wusste, dass man die Leiden nicht um ihrer selbst willen lieben sollte, sondern weil sie ein Mittel zur Sühne für die Sünden sind und um sich mit dem Herrn in seinem Leiden zu vereinigen. Außerdem findet der Geist dabei Befreiung von der Knechtschaft des Leibes und so kann er sich froh auf die Wege der Beschauung emporschwingen.

Mit all seinen Kräften will der junge Ordensmann sich bis ins Leiden hinein Jesus angleichen und so wird er teilhaben an seiner Erlösersendung.

Aber man bedenke wohl! Frater Pio war erst fünfzehn Jahre alt! Und Gott hatte ihn wirklich vor den Augen aller verborgen …

Bereit für die große Sendung, die der Herr ihn hatte erahnen lassen, beendete er sein Noviziatsjahr am 22. Januar 1904, indem er seine zeitlichen Gelübde für drei Jahre ablegte.

Die ganze Nacht davor hatte erwachend und betend verbracht. Am Tage selber kamen zu sehr früher Stunde Mamma Peppa, sein Bruder Michael und Onkel Angelantonio im Kloster an. Um 11 Uhr 45 weite er sich Gott, indem er in die Hände des Vaters Francesco-Maria da Sant´Elia a Pianisi gelobte, im Gehorsam, Armut und Keuschheit zu leben. Mamma Peppa umarmte ganz gerührt den neu dem Herrn Geweihten: „Mein Sohn, sagte sie zu ihm, ja jetzt bist Du ganz ein Sohn des heiligen Franz. Möge er Dich segnen!“

Mamma Peppa, eine heilige Mutter!

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Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

Papst Franziskus zum 24. Welttag des Geweihten Lebens

FEST DER DARSTELLUNG DES HERRN
24. WELTTAG DES GEWEIHTEN LEBENS

HEILIGE MESSE FÜR DIE PERSONEN DES GEWEIHTEN LEBENS

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

Vatikanische Basilika
Samstag, 1. Februar 2020

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»Meine Augen haben das Heil gesehen« (Lk 2,30). Das sind die Worte des Simeon, den das Evangelium als einen einfachen Mann beschreibt. »Dieser Mann war gerecht und fromm«, sagt der Text (V. 25). Doch unter allen Menschen, die sich an jenem Tag im Tempel aufhielten, hat nur er in Jesus den Retter erkannt. Was sah er? – Ein Kind, ein kleines, zierliches und einfaches Kind. Doch darin sah er das Heil, weil der Heilige Geist ihn in diesem zarten Neugeborenen »den Christus des Herrn« (V. 26) erkennen ließ. Als er das Kind in seine Arme nahm, spürte er im Glauben, dass Gott in diesem Kind seine Verheißungen zur Erfüllung brachte. Daher konnte er, Simeon, in Frieden scheiden; denn er hatte die Gnade gesehen, die besser ist als das Leben (vgl. Ps 63,4). Mehr erwartete er nicht.

Auch ihr, liebe Brüder und Schwestern im geweihten Leben, seid einfache Männer und Frauen, die den Schatz gesehen haben, der mehr wert ist als alle Besitztümer der Welt. Für ihn habt ihr Wertvolles zurückgelassen wie materielle Güter oder die Gründung einer Familie. Warum habt ihr das gemacht? Weil ihr euch in Jesus verliebt habt; weil ihr in ihm alles gesehen habt und, von seinem Blick überwältigt, alles Übrige zurückgelassen habt. Das gottgeweihte Leben besteht in dieser Vision. Es ist das Schauen dessen, was im Leben zählt. Es bedeutet, die Gabe des Herrn mit offenen Armen zu empfangen, so wie Simeon es getan hat. Das ist es, was die Augen der Gottgeweihten sehen: die in ihre Hände ausgegossene Gnade Gottes. Die gottgeweihte Person ist jemand, der sich jeden Tag anschaut und sagt: „Alles ist Gabe, alles ist Gnade“. Liebe Brüder und Schwestern, wir haben uns das Ordensleben nicht selbst verdient. Es ist vielmehr eine Liebesgabe, die wir empfangen haben.

Meine Augen haben das Heil gesehen. Diese Worte wiederholen wir jeden Abend bei der Komplet. Mit ihnen beschließen wir den Tag und sagen: „Herr, mein Heil kommt von dir. Meine Hände sind nicht leer, sondern fließen über von deiner Gnade.“ Die Gnade zu sehen vermögen ist der Ausgangspunkt. Zurückschauen, die eigene Geschichte Revue passieren lassen und dort die verlässliche Gabe Gottes sehen – nicht nur in den großen Momenten des Lebens, sondern auch in seinen Brüchen, in den Schwächen und in den Nöten. Der Versucher, der Teufel packt uns an unsere Not und unseren leeren Händen: „In so vielen Jahren hast du dich noch nicht verbessert, hast du nicht verwirklicht, was du hättest tun können. Sie haben dich nicht machen lassen, wofür du begabt bist. Du bist nicht immer treu gewesen. Du bist unfähig …“ und so weiter. Jeder von uns kennt diese Geschichte, diese Worte gut. Wir sehen, dass das zum Teil wahr ist, und so hängen wir Gedanken und Empfindungen nach, die uns verunsichern. So riskieren wir, den Kompass zu verlieren, der die Freigiebigkeit Gottes ist. Denn Gott liebt uns immer und schenkt sich uns auch in unserem Elend. Der heilige Hieronymus gab dem Herrn viel und der Herr verlangte mehr. Er sagte zu ihm: „Aber, Herr, ich habe dir alles, alles gegeben, was fehlt?“ – „Deine Sünden, dein Elend, gib mir dein Elend.“ Wenn wir den Blick unverwandt auf ihn richten, öffnen wir uns der Vergebung, die uns erneuert, und werden so durch seine Treue gestärkt. Heute können wir uns fragen: „Ich, auf wen richte ich meinen Blick: auf Gott oder auf mich selbst?“ Wer zuallererst auf die Gnade Gottes zu schauen vermag, entdeckt das Heilmittel gegen den Pessimismus und den weltlichen Blick.

Denn im geweihten Leben droht diese Versuchung: einen weltlichen Blick zu haben. Es ist der Blick, der nicht mehr die Gnade Gottes als Protagonist des Lebens sieht und sich auf die Suche nach Ersatz begibt: ein bisschen Erfolg, ein gefühlsmäßiger Trost, schließlich das tun, was mir gefällt. Wenn sich das geweihte Leben nicht mehr um die Gnade Gottes dreht, dann zieht es sich auf das Ich zurück. Es verliert an Schwung, es macht es sich gemütlich, es steht still. Und wir wissen, was passiert: Man beansprucht eigene Räume und eigene Rechte, man lässt sich von Geschwätz und Bosheit mitreißen, man entrüstet sich wegen jeder Kleinigkeit, die nicht funktioniert, und stimmt die Klagelitanei an, „Pater Klage“, „Schwester Klage“ – über die Mitbrüder, die Mitschwestern, die Gemeinschaft, die Kirche, die Gesellschaft. Man sieht nicht mehr den Herrn in jeder Sache, sondern nur die Welt mit ihren Dynamiken, und das Herz verhärtet sich. So gerät man in eine Routine und einen Pragmatismus, während innerlich die Traurigkeit und der Pessimismus zunehmen, die zur Resignation ausarten. Das ist es, wozu der weltliche Blick führt. Die große Teresa sagte ihren Schwestern: „Wehe der Schwester, die mir wiederholt, ,man hat mir Unrecht getan’, wehe!“.

Um den rechten Blick auf das Leben zu haben, bitten wir, dass wir wie Simeon die Gnade Gottes für uns zu sehen vermögen. Das Evangelium wiederholt dreimal Simeons Vertrautheit mit dem Heiligen Geist, der auf ihm ruhte, ihm Dinge offenbarte und ihn in Bewegung setzte (vgl. VV. 25-27). Er war mit dem Heiligen Geist vertraut, mit der Liebe Gottes. Wenn das geweihte Leben unerschütterlich in der Liebe des Herrn verbleibt, sieht es die Schönheit. Es sieht, dass die Armut nicht riesige Anstrengung bedeutet, sondern eine höhere Freiheit, die uns Gott und die anderen als wahre Reichtümer schenkt. Es sieht, dass die Keuschheit keine karge Unfruchtbarkeit ist, sondern der Weg zu lieben, ohne zu besitzen. Es sieht, dass der Gehorsam keine Zucht ist, sondern der Sieg über unsere Anarchie nach dem Stile Jesu. Da wir über Armut und Gemeinschaftsleben sprechen: In einer der Erdbebenregionen in Italien gab es ein Benediktinerinnenkloster, das zerstört wurde, und ein anderes Kloster hat die Schwestern eingeladen, zu ihnen zu ziehen. Aber sie sind dort nur kurze Zeit geblieben: Sie waren nicht glücklich, sie dachten an den Ort, von dem sie weggegangen waren, an die Leute dort. Und schließlich haben sie entschieden, zurückzukehren und das Kloster in zwei Wohnwagen zu verlegen. Anstatt komfortabel in einem großen Kloster zu leben, waren sie wie die Flöhe alle dort zusammen, aber glücklich in der Armut. Dies ist im vergangenen Jahr geschehen. Etwas Schönes!

Meine Augen haben das Heil gesehen. Simeon sieht den kleinen und bescheidenen Jesus, der gekommen ist, um zu dienen, und nicht, um sich bedienen zu lassen, und nennt sich selbst Knecht. Er sagt in der Tat: »Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden« (V. 29). Wer den Blick auf Jesus richtet, lernt zu leben, um zu dienen. Er wartet nicht darauf, dass die anderen anfangen, sondern macht sich selbst auf die Suche nach dem Nächsten, so wie Simeon, der Jesus im Tempel suchte. Wo finden wir im geweihten Leben den Nächsten? Das ist die Frage: Wo finden wir den Nächsten? Zuallererst in der eigenen Gemeinschaft. Wir müssen um die Gnade bitten, Jesus in den Brüdern und Schwestern zu suchen zu verstehen, die uns zur Seite gestellt sind. Dort beginnen wir, die Nächstenliebe in die Tat umzusetzen: an dem Platz, wo du lebst, indem du die Brüder und Schwestern mit ihrer Armut annimmst, so wie Simeon den einfachen und bedürftigen Jesus empfing. Heute sehen viele in den anderen nur Hindernisse und Komplikationen. Es bedarf des Blickes, der den Nächsten sucht und sich dem nähert, der fernsteht. Die gottgeweihten Männer und Frauen sind in ihrem Auftrag, Jesus nachzuahmen, dazu berufen, dessen Blick in die Welt zu bringen: den Blick des Mitgefühls; den Blick, der sich auf die Suche nach den Fernen begibt; den Blick, der nicht verdammt, sondern ermutigt, befreit, tröstet, den Blick des Mitgefühls. Jener Refrain aus dem Evangelium, wenn es über Jesus spricht, sagt oftmals: „Er hatte Mitleid mit ihnen“. Es ist das Herabsteigen Jesu zu jedem von uns.

Meine Augen haben das Heil gesehen. Die Augen des Simeon haben das Heil gesehen, weil er es erwartete (vgl. V. 25). Es waren Augen, die in Erwartung waren und Hoffnung hatten. Sie suchten das Licht und sahen das Licht für die Völker (vgl. V. 32). Es waren betagte Augen, die aber vor Hoffnung leuchteten. Der Blick der Gottgeweihten kann nur ein Blick der Hoffnung sein. Hoffen können. Wenn wir um uns schauen, können wir leicht die Hoffnung verlieren: die Dinge, die nicht gehen, der Rückgang der Berufungen … Es droht immer noch die Versuchung des weltlichen Blicks, der die Hoffnung auslöscht. Doch schauen wir auf das Evangelium und sehen wir Simeon und Hanna: sie waren betagt und allein; aber sie hatten die Hoffnung nicht verloren, weil sie mit dem Herrn im Kontakt standen. Hanna »hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten« (V. 37). Hierin liegt das Geheimnis: sich niemals vom Herrn entfernen, der Quelle der Hoffnung. Wir werden blind, wenn wir nicht jeden Tag den Herrn anschauen, wenn wir ihn nicht anbeten. Den Herrn anbeten!

Liebe Brüder und Schwestern, danken wir Gott für die Gabe des geweihten Lebens und bitten wir um einen erneuerten Blick, der die Gnade zu sehen vermag, der den Nächsten zu suchen weiß und der hoffen kann. So werden auch unsere Augen das Heil sehen.

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VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 2. MARIA, UNSER LEBEN

Maria, unser Leben

Im „salve regina“ grüßen wir Maria als „unser Leben“. Vita, dulcedo et spes nostra, salve! Besteht dieser Titel zurecht? Ist er vielleicht einer augenblicklichen Überschwänglichkeit, einer spontanen Begeisterung des Dichters entsprungen? Ist er vereinbar mit dem Wort des Herrn, indem er selbst sich als das Leben bezeichnet? Ist der Anruf theologisch haltbar?

Die Anrufung Mariens als „vita“ ist zunächst begründet im Dogma von der Unbefleckten Empfängnis. Der Tod hat ja seinen Ursprung in der Sünde. Nur durch die Sünde ist der Tod in die Welt gekommen (vgl. Röm. 5, 12). Der Tod ist die ausdrückliche Strafe, die Gott auf die Übertretung des Paradiesgebotes gesetzt hatte, aber diese Strafe ist eine dem Wesen der Sünde entsprechende immanente Folge. Jede Sünde geht ans Leben. Die läßlich Sünde ist Schwächung, Minderung des Leben, die schwere Sünde Tötung des Lebens. Wenn Paulus sagt „Wie demnach durch einen Menschen die Sünde in die Welt gekommen ist und durch die Sünde der Tod, und so der Tod auf alle Menschen übergegangen ist, weil alle gesündigt haben“ (Röm. 5,12), dann darf der Tod nicht auf das leibliche Leben beschränkt werden. Der Verlust des Gnadenlebens fällt zusammen mit der ersten Sünde, sie koinzidieren. Die schwere Sünde selbst ist der Tod. Sie zieht als konsequente Folgerung auch den Tod des leiblichen Lebens nach sich. Der Mensch in der schweren Sünde trägt keimhaft den Tod in sich. Er gebiert im Lauf seines Lebens den Tod, der seine Früchte zeitig in einem Heer von Krankheiten, in einem Meere von Not und Leiden und Tränen, in den tausendfachen Formen des leiblichen Sterbens und schließlich im ewigen Tod, in der ewigen Verdammnis. Das ist der Tod in seiner letzten Vollendung, in seiner definitiven Gestalt, die Statik des Todes. „Das ist der zweite Tod“ (Apok. 20, 15).

Weil Maria als die Unbefleckt Empfangene vor aller Sünde bewahrt wurde, stand sie nicht unter dem Gesetz des Todes. Die Kirche hat die Frage offengelassen, ob Maria den leiblichen Tod auf sich genommen hat oder nicht. In der Enzyklika „Munificentissimus Deus“ heißt es: „Maria ist, nachdem sie ihren irdischen Lebenslauf vollendet hatte, mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden“. Aber es ist doch die Meinung nahezu aller Theologen, dass Maria gestorben ist. Wenn wir den Gedanken der Miterlöserschaft Mariens zu Ende denken, hat Maria freiwillig aus Liebe zu Christus und seinem Werk den Tod erlitten. Aber dieser Tod wäre durchaus kein Widerspruch gegen den Anruf „Leben“.

Diese Anrufung stützt sich weiter auf das denkbar innige Christusverhältnis Mariens. Weil kein Mensch in einer solchen Christusverbundenheit, in einer solch intimen und intimsten Christusnähe gelebt hat wie sie, muss sie auch der vitalste Mensch, die vitalste Frau sein, die es jemals gegeben hat und geben wird. Wenn schon ein hl. Paulus von sich sagen konnte: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal. 2, 20), wie sehr mag dann dieses Wort auf Maria zutreffen! Hier ist nicht zuerst an die leibliche Nähe Mariens zu Christus gedacht. Auch diese war einzigartig. Jedes Menschenkind ist immer nur zur Hälfte Kind seiner Mutter, es ist ebensosehr Kind seines Vaters. Weil aber das männliche Zeugungsprinzip bei der Empfängnis Mariens ausgeschaltet ist, ist Christus dem Fleische nach ganz und gar Kind Mariens. Niemals hat es ein Kind gegeben, das so „auf seine Mutter gekommen ist“ wie Christus auf Maria. Diese Ähnlichkeit zwischen Mutter und Kind sucht vergeblich eine Parallele.

Viel wesentlicher aber als diese leibliche Nähe ist die geistige. Maria ist ihrem göttlichen Sohn nahe in Glaube, Hoffnung und Liebe. Die Väter betonen immer wieder, dass Maria Mutter Christi ist „prius mente quam ventre“. Sie hatte ihn zunächst im Schoß ihres Geistes und Herzens und dann im Schoß ihres Leibes empfangen. Nach einem Wort des heiligen Augustinus lebt der Menschen nicht dort, wo er lebt, sondern dort wo er liebt. Maria, die gratia plena, ist auch die caritate plena. Sie liebt Christus mit der ungebrochenen natürlichen und übernatürlichen Liebeskraft eines fraulichen Herzens. Immerzu weilen ihre Gedanken bei ihrem göttlichen Sohn. Sie teilt seine Freuden und Leiden, seine Anliegen und Sorgen, soweit überhaupt ein Mensch Gott zu folgen vermag. Was die Liebeslieder aller Zeiten gesungen haben über die Hingabe des Geliebten an den Geliebten, über ihre Sehnsucht nach ihm, ist im Verhältnis Mariens zu Christus unerhört kühne Wirklichkeit geworden. Maria geht ganz auf in Jesus Christus. Im restlosen und rastlosen Dienst an ihn findet sie die Erfüllung ihres Lebens.

Jede Liebe eint, jede Liebe bindet. Vom Maß der Liebe Mariens können wir den Grad der „Einheit“ bestimmen, die zwischen Maria und Christus bestanden haben muss. Es ist eine Einheit, die bis an die äußerste Grenze des Möglichen geht, wie sie überhaupt zwischen Gott und dem Geschöpf denkbar ist. Die Liebe Mariens duldet keinerlei Trennung von Jesus Christus. Paulus stellt die Frage: „Wer vermag uns zu scheiden von der Liebe Christi?“ „Etwa Trübsal oder Bedrängnis, oder Verfolgung oder Hunger oder Blöße oder Gefahr oder Schwert?“ Er führt fast erschöpfend alle Belastungsproben für seine Christusliebe an. Aber Paulus kann sich schlechterdings nichts denken, das seine Christusliebe beeinträchtigen könnte. So darf er voller Vertrauen sagen: „Aber in alledem bleiben wir siegreich durch den, der uns geliebt hat. Ich bin überzeugt: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Mächte, weder Hohes noch Niederes, noch sonst etwas Erschaffenes vermag uns von der Liebe Gottes zu scheiden, die da ist in Christus Jesus unserem Herrn“ (Röm. 8, 35f.).

Dieses Wort gilt a fortiori von Maria. Wir können uns gar nicht vorstellen, dass Maria sich von der Seite Christi getrennt hat. Das ließ ihre Liebe nicht zu. Sie ist mit ihm gezogen während der drei Jahre seiner öffentlichen Tätigkeit durch ganz Palästina und hat alle Entbehrungen und Strapazen eines solchen unruhigen Lebens geteilt; sie ist ihm auch bis unter das Kreuz gefolgt, wo ihr Schoß die erste Ruhestätte ihres toten Sohnes wurde.

Die Unbefleckte Empfängnis Mariens und ihre einmalige Christusgemeinschaft lassen auf eine Fülle des Lebens schließen, die wir nur dunkel ahnen können, so dass die Anrufung „vita“ berechtigt zu sein scheint. Aber die Anrufung besagt mehr. Sie preist Maria nicht als das Leben schlechthin. Das ist Jesus Christus. Sie preist Maria als unser Leben. Es geht in diesem Anruf um die Beziehung Mariens zu uns. Er stellt ihr Leben in seiner Bedeutung für unser Leben heraus. Es geht hier um die heil- und lebenvermittelnde Rolle Mariens. Die heil- und lebenspendende kommt ihr nicht zu.

Das vitale Verhältnis Mariens zu uns geben wir wieder mit dem uns so lieb und vertraut gewordenen Wort „Mutter“. Kaum ein Marienlied ist so verbreitet und so beliebt beim katholischen Volk wie das Lied: Maria zu lieben. Dieses Lied besingt die kindliche Liebe, die der Katholik zu Maria, seiner himmlischen Mutter, hegt. Dieser Gedanke ist deutlich ausgesprochen in der zweiten Strophe: „Du bist ja die Mutter, dein Kind will ich sein.“

Maria ist unser Leben, unsere Mutter in einem zweifachen Sinne, in einem indirekt ontischen und präzeptorischen Sinne. Die indirekt ontische Grundlage der Mutterschaft Mariens betonen nachdrücklich Väter und Theologen. Vielleicht bezeugt Gottfried von Vendôme diese Mutterschaft am klarsten. „Die wahrhaft gute Maria gebar Christus und in Christus die Christen. Es ist also die Mutter Christi Mutter der Christen.“ Eadmerus argumentiert folgendermaßen: „O Herrin, wenn dein Sohn durch dich unser Bruder geworden ist, bist nicht dann auch du durch ihn unsere Mutter?“ Eine ähnliche Argumentation finden wir beim heiligen Anselm. Wie die Väter, lehren auch die Päpste. In der Enzyklika „Ad Diem Illum“ von Pius X heißt es: „Ist Maria nicht etwa Mutter Christi?“ „Also ist sie auch unsere Mutter. Im Schoße seiner reinsten Mutter hat Jesus Christus Fleisch angenommen. Er hat sich auch einen geistigen Leib gebildet, zusammengefügt aus denen, die an ihn glauben. Man kann also sagen: als Maria den Heiland im Schoß trug, da trug sie alle darin, deren Leben im Leben des Heilandes eingeschlossen war. Wir alle, die wir Christus zugehören und nach den Worten des Apostels ‹Glieder seines Leibes sind, von seinem Fleisch und Bein› (Eph. 5, 20), wir sind aus Maria geboren worden als ein Leib, der mit dem Haupte verbunden ist. Deshalb werden wir im geistlichen und mystischen Sinne Kinder Mariens genannt, und sie ist unser aller Mutter dem Geiste nach, aber wirklich Mutter, da wir Glieder Christi sind.“ Pius XII nennt Maria in Mystici corporis die „Hochheilige Gebärerin aller Glieder Christi“. Er unterstreicht sehr kräftig diese Gedanken in „Haurietis Aquas“.

Zu dieser seinsmäßigen Grundlage kommt der ausdrückliche Wunsch Christi hinzu, der uns seine Mutter als christliches Erbe hinterlässt. Zu den letzten sieben Worten des Herrn am Kreuz gehört auch das Wort an seine Mutter: „Weib, siehe da deinen Sohn.“ Und das entsprechende Wort an Johannes: „Sohn, siehe da deine Mutter.“ Wir müssen uns die Situation vor Augen halten, in der diese Worte gesprochen sind. Es ist das letzte Wort des sterbenden Herrn an seine Mutter, bzw. an seinen Lieblingsjünger Johannes. Es handelt sich also um das Vermächtnis Christi. Mit dem Wort: „Weib, siehe da deinen Sohn“ drängt sich der Herr von Maria als seine Mutter. Es ist bemerkenswert, dass uns die Schrift an keiner Stelle ein Herrenwort überliefert hat, in dem Christus Maria mit dem Mutternamen angesprochen hat. Aber hier am Kreuz geht Christus einen Schritt weiter: er sagt sich von ihr als Sohn los und übergibt ihr einen anderen Sohn, den Johannes. Das Wort bohrt sich wie ein Schwert in das Herz Mariens. Aber auch bei diesem Wort bleibt Maria sich selbst als der Magd des Herrn treu. Keine Faser ihres Herzens begehrt auf. Ihr Wille ist ganz eins mit dem Willen ihres Sohnes. Christus hat sich geopfert, weil er selbst es wollte. Von derselben Freiwilligkeit ist das Opfer Mariens unter dem Kreuz getragen. Diese Freiwilligkeit wurzelt in ihrer Liebe. Nur der Liebende ist wahrhaftig frei. Mariens Opfer will sich nach Möglichkeit dem Opfer ihres Sohnes angleichen und dessen würdig sein. So kann Mystici Corporis sagen: „Sie hat, immer mit ihrem Sohn aufs innigste verbunden, ihn auf Golgotha zusammen mit dem gänzlichen Opfer ihrer Mutterrechte und ihrer Mutterliebe dem ewigen Vater dargebracht als die neue Eva für alle Kinder Adams.“ „Wem Gott eine Tür zumacht, dem öffnet er ein Fenster“ heisst ein Sprichwort. Das bewahrheitet sich auch unter dem Kreuz. Der Sohn stellt seine Mutter eine ganz neue Aufgabe. Sie hat ja ihre Aufgabe an ihm selbst erfüllt. Er wird in wenigen Minuten sprechen „consummatum est“, „es ist vollbracht“. Damit hat aber auch seine Mutter an ihm ihre Aufgabe vollbracht.

Der Auferstandene und zur Rechten des Vaters thronende Herr bedarf keiner Mutter mehr. Sie erübrigt sich. Aber die Kirche, sein Leib, braucht eine Mutter. Alle Mutterliebe und Muttersorge, die Maria ihrem Sohn während seines Erdenlebens geschenkt hat, soll sie jetzt seinem Leib, der Kirche, zuwenden. Dasselbe mütterliche Verhältnis, das sie zu Jesus Christus hatte, hat sie jetzt zu seiner Kirche. In diesem Sinne sagt Mystische Corporis: „So war sie, schon zuvor Mutter unseres Hauptes dem Leibe nach, nun auch auf Grund eines neuen Titels des Leids und der Ehre im Geist Mutter aller seiner Glieder.“

Es gibt kein Vermächtnis, das heiliger, liebevoller gehütet und vollzogen würde als das Vermächtnis des Herrn an seine Mutter. Die Kirche als solche und jedes einzelne Glied an ihr erfahren täglich aufs neue die mütterliche Liebe und Sorge Mariens. Insofern Maria unsere Mutter ist, ist sie auch unser Leben.

Die Sorge einer Mutter ist immer das Leben ihrer Kinder! Zu welch heroischen Opfern ist nicht eine Mutter fähig, sobald das Leben ihres Kindes in Gefahr ist! Da schreckt die rechte Mutter vor nichts zurück. Sie ist bereit, ihr Leben einzusetzen, um das ihres Kindes zu retten. Das Kind selbst weiß um diese mütterliche Opferbereitschaft. Wenn es in Gefahr ist, ruft es unwillkürlich: Mutter. „Alle Not ruft Mutter.“ Wie viele Soldaten haben im Krieg sterbend nach der Mutter gerufen. Der Mensch weiß um den Ursprung seines Lebens. Er hat den instinktiven Glauben, dass der Mensch, der ihm das Leben schenkte, auch die Macht und Kraft hat, es in der Gefahr zu schützen und zu erhalten. Das Symbol für den Schutz, den die Mutter ihrem Kind gewährt, ist Mutters Schürze. Das ängstliche, verfolgte Kind flüchtet sich unter die Schürze seiner Mutter und sucht dort Geborgenheit. Dort fühlt es sich in absoluter Sicherheit.

Was für das kleine Kind die Schürze der Mutter bedeutet, ist für uns der Schutzmantel Mariens. Wenn irgendjemand über unser Christusleben mit liebenden Augen wacht, dann Maria. Und wie oft ist dieses Leben bedroht! Satan, der nicht schläft, liegt immer auf der Lauer, uns dieses Leben zu rauben. Eine echte Marienverehrung ist der sicherste Schutz für alle Bedrohung dieses Lebens. Die wunderbaren Bekehrungen an ihren Gnadenorten sind eine fortwährende Bestätigung für die Anrufung „Du, unser Leben, sei gegrüßt“.

Das Wort: „Weib, siehe da deinen Sohn“ wird ergänzt durch das andere an Johannes gerichtete: „Sohn, siehe da deine Mutter.“ Der Herr kennt die Psyche der Frau. Er kennt die Not der Einsamkeit. Er hört die Klage der Frau: „Ich habe keinen Menschen. Niemand versteht mich. Ich bin so allein.“ Die Frau braucht mehr als eine wirtschaftliche Existenz, mehr als ein „Einkommen“ und „Auskommen“. Nach dem Tod des Herrn fehlt Maria alles: wirtschaftliche Sicherung und menschliche Geborgenheit. Sie ist „alleinstehend“. Der Herr sorgt sterbend für beides, indem er sie seinem Lieblingsjünger Johannes zur Obhut übergibt. Den jungfräulichen Jünger wird die Jungfrau anvertraut. Das Vermächtnis Christi wird auf der Stelle angetreten. „Von dieser Stunde an nahm sie der Jünger in sein Haus auf. Maria ist jetzt bei Johannes „zuhause“. Sie hat ein neues Heim gefunden.

Wie der Herr uns seiner Mutter anvertraut, so vertraut er auch umgekehrt seine Mutter uns an. Sie soll bei uns zuhause sein und Hausrechte haben. Nicht nur ihr Bild soll in unseren Häusern einen Ehrenplatz einnehmen, vor allem soll ihr Geist, der Geist des Christusglaubens und der Christusliebe, der Geist des Apostolates, der Geist der Heiligkeit, von uns, ihren Kindern, angenommen und gelebt werden. Dann ist sie durch uns und in uns zu Hause.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

D: Richard Henkes selig gesprochen

Deutschland hat einen neuen Seligen: Es ist der Pallottinerpater und Nazigegner Richard Henkes (1900-1945), der 1945 im KZ Dachau gestorben ist. Kurienkardinal Kurt Koch hat ihn am Sonntag im Limburger Dom selig gesprochen.

An dem feierlichen Gottesdienst in der romanischen Basilika nahmen etwa tausend Menschen teil, darunter viele aus Polen und der Tschechischen Republik. Henkes hat sich in Dachau freiwillig um Typhuskranke gekümmert und ist am 22. Februar 1945 selbst an der Krankheit gestorben.

Kardinal Koch erklärte in seiner Predigt, Henkes habe sich im KZ mutig und selbstlos für Menschen eingesetzt, die keine Hoffnung auf Überleben hatten. Mit seinem Gottvertrauen und seiner Opferbereitschaft habe er das christliche Menschenbild gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verteidigt: „Auch an dem menschenverachtenden Ort hat er seine Glaubensüberzeugung bewahrt und seinen christlichen Dienst an den an Typhus erkrankten Menschen ausgeübt“, so der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates. Der 21. Februar ist künftig der Gedenktag für Henkes.

Märtyrer aufgrund von „Hass auf den Glauben“

Henkes wurde in Ruppach im Westerwald geboren und 1925 in Limburg zum Priester geweiht. Ab 1931 arbeitete er als Prediger und Exerzitienleiter in Oberschlesien. Mehrmals wurde er wegen regimekritischer Predigten bei der Gestapo angezeigt. Im April 1943 positionierte er sich gegen den Abtransport von Kranken aus der örtlichen Heilanstalt und nannte das Vorgehen Mord. Er wurde wegen „Aufwiegelung des Volkes von der Kanzel“ verhaftet und schließlich ins KZ Dachau gebracht. Das Verfahren zur Seligsprechung wurde 2003 vom damaligen Limburger Bischof Franz Kamphaus eröffnet. Im Dezember 2018 folgte Papst Franziskus der Empfehlung und erkannte Henkes als Märtyrer aufgrund von „Hass auf den Glauben“ an.

(vatican news – sk)

Kardinal Koch hat uns seine Predigt bei der Seligsprechung zur Verfügung gestellt. Hier finden Sie den vollen Wortlaut.

„Die Seligen und Heiligen sind die Antworten Gottes auf die Fragen von uns Menschen. Und sie sind die besten Exegeten des Evangeliums. Denn sie haben das Wort Gottes nicht nur gelesen und interpretiert; sie haben es vor allem mit ihrem eigenen Leben bezeugt. Dies gilt in besonderer Weise vom seligen Pallottinerpater Richard Henkes, der sich während der Typhusepidemie, die im Konzentrationslager Dachau im Übergang zwischen den Jahren 1944 und 1945 ausgebrochen war, in den Quarantäneblock 17 freiwillig einschliessen liess, um die von dieser schweren Krankheit betroffenen Häftlinge zu pflegen, der sich dabei infiziert hat und am 22. Februar 1945 in Dachau gestorben ist. Die Lebenshingabe von Pater Henkes bis zum Tod für andere Menschen hat Papst Franziskus als Martyrium anerkannt; und der Heilige Vater hat entschieden, dass Pater Henkes seliggesprochen wird. Pater Henkes steht vor uns als Märtyrer der Nächstenliebe, der sein Leben als Opfer für Christus hingegeben und damit Anteil am Kreuz Jesu Christi erhalten hat.

Das Kreuz Jesu als Liebesbeweis Gottes

Es ist von daher ein ebenso schönes wie sinnvolles Zusammentreffen, dass die Seligsprechung von Pater Henkes am Fest der Kreuzerhöhung, das in der Diözese Limburg als besonderes Bistumsfest begangen wird, gefeiert werden kann. Denn Pater Henkes ist ein besonders glaubwürdiger Exeget der Verkündigungstexte des heutigen Festes, das uns das Kreuz Jesu als Zeichen der grenzenlosen Liebe Gottes zu uns Menschen nahebringt. Der Evangelist Johannes verdichtet das Geheimnis des Kreuzes Jesu Christi in dem wunderbaren Spitzensatz: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Das Kreuz ist die Erscheinung der grössten Liebe Gottes zu uns Menschen. Und es ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Jesus sich nicht bloss mit verbalen Liebeserklärungen an uns Menschen begnügt, dass er vielmehr einen sehr hohen Preis für seine Liebe bezahlt hat, indem er am Kreuz in Liebe sein Herzblut für uns Menschen investiert und uns das kostbarste Geschenk, das ewige Leben, gegeben hat.

Das Kreuz Jesu ist keineswegs, wie heute selbst nicht wenige Christen meinen, ein Gegensatz zur Liebe Gottes und kein Widerspruch zur Würde des Gottessohnes, sondern die glaubwürdige Darstellung seiner Liebe zu uns Menschen und zu seiner ganzen Schöpfung. Der Evangelist Johannes nimmt die in der alttestamentlichen Lesung berichtete Geschichte vom Aufhängen der Schlange aus Kupfer an einer Fahnenstange durch Mose als Vorausbild dafür, dass auch die Erniedrigung Jesu in seinem Leiden und Sterben bereits Erhöhung ist: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 14-15). Das Kreuz Jesu schenkt uns die wunderschöne Botschaft: Wer bis in den Tod hinein von Jesus Christus geliebt ist, der darf sich wirklich geliebt wissen und über dieses Geschenk der Erlösung froh werden. Denn in der Liebe Jesu am Kreuz sind wir erlöst von unseren Sünden; und seine Liebe ist der Wärmestrom der Erlösung, nämlich des Geschenks des ewigen Lebens.

Das heutige Kreuzfest lädt uns ein, im Geheimnis der Kreuzesliebe Jesu noch tiefer zu bohren. Aus eigener Erfahrung wissen wir alle, dass es Liebe nicht ohne Opfer und nicht ohne Leiden geben kann. Dies gilt zumal im Licht des christlichen Glaubens, in dem das Opfer seinem tiefsten Wesen nach nicht mit dem Bösen und der Sünde verbunden ist, sondern mit der Liebe. Denn Liebe gibt es nicht ohne Opfer; Liebe als Hingabe des eigenen Lebens für Andere ist Opfer. Dieses Liebesopfer hat Jesus am Kreuz für uns Menschen dargebracht, indem er die an ihm geübte Gewalt in Liebe für uns Menschen umgewandelt hat. Die Passion Jesu ist das Ur-Martyrium und zugleich das Urbild des Martyriums der ihm Nachfolgenden, die Anteilhabe am Kreuzesgeheimnis Jesu erhalten haben.

Martyrium als höchster Akt der Liebe

Dieser Zusammenhang ist im Martyrium von Pater Henkes sichtbar geworden. Wie Jesus Leiden und Kreuz nicht gesucht, sondern sich am Willen Gottes für das Leben der Menschen orientiert hat und wegen seiner Liebe zu uns Menschen getötet worden ist, so hat auch Pater Henkes das Martyrium keineswegs gesucht, sondern er hat es als Konsequenz seiner Treue zu seinem katholischen Glauben frei und freiwillig auf sich genommen. Darin besteht die Authentizität seines Glaubenszeugnisses. Denn die christliche Tradition hat die Sehnsucht eines potenziellen Märtyrers nach seinem Getötetwerden geradezu als Infragestellung des Martyriums betrachtet. Das christliche Martyrium ist keineswegs von Todessehnsucht und Lebensverachtung geprägt; sein entscheidendes Merkmal ist vielmehr die Liebe. Das christliche Martyrium ist nur echt, wenn es als höchster Akt der Liebe zu Gott und zu den Brüdern und Schwestern verwirklicht wird, wie das Zweite Vatikanische Konzil hervorgehoben hat: „Das Martyrium, das den Jünger dem Meister in der freien Annahme des Todes für das Heil der Welt ähnlich macht und im Vergiessen des Blutes gleichgestaltet, wertet die Kirche als hervorragendes Geschenk und als höchsten Erweis der Liebe.“ (Lumen Gentium)

Wie Jesus hat auch Pater Henkes in seinem Glauben darum gewusst, dass es Liebe nicht ohne Opfer geben kann. Von dieser Überzeugung ist seine Spiritualität als Priester geprägt gewesen. Bereits vor seiner Priesterweihe hat er die Worte niedergeschrieben: „Ich will in der Hauptsache Opferpriester werden, Kreuzträger für andere.“ Diese Überzeugung, die er kurz vor seiner Weihe zum Ausdruck gebracht hat, ist im Konzentrationslager Dachau harte Realität geworden. Denn auch an diesem menschenverachtenden Ort hat er seine Glaubensüberzeugung bewährt und seinen christlichen und priesterlichen Dienst an den an Typhus erkrankten Menschen ausgeübt. Sein Leben in Dachau, zunächst auf der Plantage, dann im Postdienst, anschliessend beim Desinfektionskommando und schliesslich beim Krankendienst im Block 17 ist ein glaubwürdiges Zeugnis seiner Lebenshingabe bis zum Tod, indem er vor allem ein Beispiel der Liebe bis zur Ganzhingabe seiner selbst für die Kranken ohne Hoffnung auf Überleben gegeben hat.

Das Martyrium von Pater Henkes ist freilich nicht zu verstehen ohne seine tiefe Verwurzelung im katholischen Glauben. Im beschwerlichen Leben im Konzentrationslager Dachau hat er sich stets bestärken lassen im persönlichen Gebet und vor allem in der regelmäßigen Teilnahme an der Heiligen Messe. In der Eucharistie, in der wir die sakramentale Vergegenwärtigung des Liebesopfers Jesu am Kreuz feiern und Gott bitten, dass auch wir „eine Opfergabe in Christus“ werden, ist ihm die Glaubensverpflichtung bewusstgeworden, selbst eucharistische Hingabe für andere zu werden und sich als lebendige Hostie für die Menschen hinzugeben, die seine Liebe nötig haben.

Martyrium als Konsequenz gelebten Glaubens

Sein Zeugnis des Glaubens und seiner Lebenshingabe bis zum Tod wird erst voll verständlich auf dem Hintergrund seines ganzen Lebens. Pater Henkes hat mit seinen Augen des Glaubens sehr früh und klar wahrgenommen, dass die nationalsozialistische Ideologie mit dem christlichen Menschenbild schlicht nicht zu vereinbaren ist, weil sie keine menschlichen und christlichen Werte vertritt, sondern neuheidnische Ideen propagiert. Pater Henkes hat sensibel verspürt, was der Propagandaminister Goebbels in seinem Tagebuch hemmungslos notiert hat: „Der Führer ist tief religiös, aber ganz antichristlich. Er sehe im Christentum ein Verfallssymptom, eine Abzweigung der jüdischen Rasse, eine Absurdität, der er allmählich auf allen Gebieten das Wasser abgraben werde. Er hasst das Christentum, das den freien, hellen, antiken Tempel in einen düsteren Dom, mit einem schmerzverzerrten. Gekreuzigten Christus verwandelt habe.“ Angesichts dieser neuheidnischen Ideologie hat Pater Henkes geahnt, dass überall dort, wo Gott klein gemacht und aus der Öffentlichkeit verdrängt wird, auch der Mensch klein gemacht wird, wie wir dies im vergangenen Jahrhundert in den antichristlichen Diktaturen des Nationalsozialismus und des sowjetischen Kommunismus zur Genüge erfahren mussten. In seinem christlichen Glauben ist Pater Henkes überzeugt gewesen, dass nur dort, wo Gott durch uns Menschen gross gemacht wird, wie Maria dies im „Magnifikat“ exemplarisch vorgelebt hat, dass nur dort der Mensch gerade nicht kein gemacht wird, sondern an der Grösse der Liebe Gottes Anteil erhält.

Bei seinen verschiedenen Aufgaben als Lehrer und Seelsorger, als Exerzitienbegleiter und Wallfahrtsprediger in Vallendar-Schönstatt und in Oberschlesien ist Pater Henkes immer wieder in Konflikt mit den Repräsentanten des Nazi-Regimes geraten und wurde zweimal von der Gestapo verhört. Als er sich in Branitz in einer Predigt gegen das eugenische Programm der Nazis und konkret gegen den Abtransport von kranken Menschen aus den dortigen Heilanstalten gewandt hatte, wurde er von der Gestapo verhaftet, während sieben Wochen in Ratibor in Isolationshaft gehalten und zum Abtransport nach Dachau verurteilt. Im dortigen Konzentrationslager hat er die neuheidnische Ideologie der Nazis am eigenen Leib erfahren. Da seine Gefangennahme und seine Verurteilung zum Lager in Dachau von seinem Glaubenszeugnis und seinem priesterlichen Handeln motiviert gewesen ist, steht der Sachverhalt seines Martyriums aus Hass auf den Glauben („in odium fidei“) fest.

Seligsprechung als Christusverehrung

Die Fama seines Martyriums hat bereits beim Tod von Pater Henkes begonnen. Auf dem Weg der Bestechung des Krematoriumswärters durch priesterliche Mitbrüder konnte erreicht werden, dass der Leichnam von Pater Henkes einzeln verbrannt und seine Asche so geborgen werden konnte. Später wurde sie nach Limburg gebracht, wo sie im Friedhof der Pallottiner aufbewahrt ist. Wenn heute seine Reliquien im Gottesdienst erhoben worden sind, drücken wir damit unseren Glauben aus, dass Gott in seiner Liebe so treu zu uns Menschen steht, dass er sich zu unserem ganzen Menschsein und damit auch zu unserer Leiblichkeit bekennt.

Die heutige Feier der Seligsprechung ist gewiss ein Tag der Freude zunächst für die Gemeinschaft der Pallottiner und das Bistum Limburg, besonders für die Heimatpfarrei Ruppach im Westerwald, und für die Katholiken in Tschechien, wo Pater Henkes auch gewirkt hat. Es ist ein Tag der Freude für die ganze Kirche in Deutschland, indem die heutige Feier uns nahelegen will, dass die eigentlichen Reformer der Kirche die Seligen und Heiligen sind. Denn wir können in struktureller Hinsicht nur das Äusserste tun, wenn wir auch bereit sind, im Glauben das Innerste zu tun, wie Papst Franziskus in seinem Brief „An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ in Erinnerung gerufen hat. Und es ist ein Tag der Freude für die weltweite Kirche. Denn in Pater Richard Henkes steht ein authentischer Zeuge des Glaubens vor uns, der in seinem Gottvertrauen und in seiner Opferbereitschaft das christliche Menschenbild gegen die menschenverachtende Ideologie der Nazis verteidigt und sich für die Würde des Menschen mit jenem großem Mut eingesetzt hat, der ihm das Leben gekostet hat.

Pater Henkes ist ein Märtyrer der Nächstenliebe in tiefer Verbundenheit mit Christus. In seinem Geist begehen wir das heutige Fest nur, wenn wir seine Seligsprechung als Verehrung Jesu Christi begehen. Denn der christliche Märtyrer stirbt nicht einfach für eine Idee, und sei es auch die höchste Idee der Menschenwürde. Er wird vielmehr „mit Christus gekreuzigt“ und stirbt „mit jemandem, der schon vorweg für ihn gestorben ist“ (Hans-Urs von Balthasar). In dieser Verbindung zwischen dem Kreuzestod Jesu und dem Glaubenszeugnis des Martyriums leuchtet der tiefe Sinn auf, dass wir die Seligsprechung von Pater Richard Henkes am Kreuzfest feiern dürfen, über dem der Eröffnungsvers steht: „Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus. In ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben. Durch ihn sind wir erlöst und befreit.“ Amen.

(vatican news – sk)

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Papst Franziskus an Delegation der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn

Ansprache von Papst Franziskus
an die Delegation der Missionszentrale der Franziskaner in Bonn

Saal der Päpste
Samstag, 6. April 2019

Multimedia

Liebe Freunde,

gerne heiße ich euch willkommen, die ihr anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums der Missionszentrale der Franziskaner nach Rom gepilgert seid. Ich danke Pater Matthias Maier für seine freundlichen Worte. Es ist schön, wie ihr als Gemeinschaft von Ordensbrüdern und engagierten Laien euch an alle Menschen guten Willens wendet, um sie zu motivieren, den Armen, den Bedürftigen und an den Rand Gedrängten auf der ganzen Welt zu einer besseren Zukunft zu verhelfen. So wird das Wort Jesu immer wieder neu konkret verwirklicht: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt25,40).

Eure Initiative ging aus der Pfarreiarbeit in Bonn-Bad Godesberg hervor. Besonderer Dank gilt hier vor allem dem ersten langjährigen Leiter Pater Andreas Müller, der heute in unserer Mitte ist, wofür wir Gott danken. Stets war euch der heilige Franziskus ein Vorbild, der als Armer leben wollte und sich von der Armut der Menschen berühren ließ. So fand er den Frieden Christi und wurde selbst zu einem von der Vorsehung Beschenkten. Aus diesem Geiste heraus konnte mit eurer Missionszentrale aus bescheidenen Anfängen ein weltweites Netzwerk der Nächstenliebe, der Solidarität und der Brüderlichkeit aufgebaut werden.

Der Heilige aus Assisi vernahm die Bitte Jesu: „Franziskus, geh hin und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist“ (2 Cel VI,10,4). Trotz aller Grenzerfahrung mit der Kirche damals hat er sich auf den Weg gemacht, das Evangelium authentisch zu leben. Auch heute leiden wir öfters an den Grenzen der Kirche. Die Worte des Gekreuzigten sind ein Ruf an uns alle. Eine Erneuerung geschieht nur, wenn wir auf den Herrn hören, uns von ihm verwandeln lassen und mit ihm weiterhin das Gute tun. Gerade angesichts der Herausforderungen unserer Zeit wollen wir uns verstärkt für eine gute Zukunft aller einsetzen. Und dazu kann eure Missionszentrale einen wertvollen Beitrag leisten – vor allem durch euer Lebens- und Glaubenszeugnis!

Ich wünsche euch zu eurem Jubiläum eine echte franziskanische Freude und Zuversicht. Fahrt beharrlich darin fort, für das Wohl aller Menschen und für die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Der barmherzige Gott segne euch alle, eure Ordensgemeinschaft in Bonn und eure Familien und bewahre euch in seiner Liebe!

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„Es gibt eine echte Sehnsucht nach Gott in Europa!“

21 Februar 2019, 12:00

„Nur wer Ihm persönlich begegnet ist, kann die Flamme weitergeben“ – kath.net-Interview mit P. Valentin Gögele, Ordensprovinzial für West- und Mitteleuropa der Legionäre Christi über die Zukunft des Ordens und das wichtigste Apostolat der LCs

Berlin (kath.net)

kath.net: Sie wurden 2018 zum neuen Ordensprovinzial für West- und Mitteleuropa ernannt. Die Provinz umfasst ja neben Deutschland, Polen, Ungarn, Österreich, die Slowakei sowie Irland, Frankreich, Belgien und die Schweiz. Was bedeutet das für Sie, außer viele Reisen?

P. Valentin: Vor allem eine große Verantwortung aber auch Freude, mit vielen Frauen und Männern in verschiedenen Ländern, in verschiedenen Sprachen und Kulturen gemeinsam daran zu arbeiten, dass Jesus Christus die Herzen der Menschen berühren kann, letztendlich – und das ist der Auftrag unserer Gemeinschaft – das Reich Gottes in der Welt von heute verbreiten zu helfen. Was ich dabei seit meiner Ernennung vor einem halben Jahr schon sehen und lernen durfte, ermutigt und bereichert mich sehr: Es gibt eine echte Sehnsucht nach Gott und zahlreiche neue Glaubensaufbrüche in Europa.

kath.net: Sehen Sie angesichts der Ordenskrise aufgrund der Skandale des Gründers eine gute Zukunft für den Orden?

P. Valentin: Mit der kirchlichen Approbation der neuen Konstitutionen und neuen Ordensleitung der Legionäre Christi im Februar 2014, der kanonischen Anerkennung der gottgeweihten Frauen und Männer im Regnum Christi im November 2018 als „Gesellschaften des apostolischen Lebens“ und dem Abschluss des Revisionsprozesses der Statuten der Regnum-Christi-Föderation Ende letzten Jahres sind wir gewissermaßen schon in der Zukunft unserer Gemeinschaft angekommen.

Seit 2009, dem Beginn des Erneuerungsprozesses, haben wir einen langen und anspruchsvollen Weg absolviert. Dieser Weg war z.T. schmerzhaft aber vor allem befreiend und heilsam, und es war gut und notwendig, dass wir uns auf diesen Weg gemacht haben. Wir sind vor allem sehr dankbar für die stete Begleitung, Unterstützung und Ermutigung durch die Kirche und Papst Benedikt XVI. und Papst Franziskus, die wir in diesen Jahren erfahren durften! Insofern, ja, ich sehe definitiv eine gute Zukunft für unsere Gemeinschaft

kath.net: Ganz persönliche Frage: Würden Sie auch heute – nach Bekanntwerdung des Gründer-Skandals – noch in den Orden eintreten und warum?

P. Valentin: Vielleicht gerade heute! Und natürlich auch rückblickend wieder. Zunächst deshalb, weil es beim Priester- und Ordensleben grundsätzlich um eine Berufung geht, die Gott an einen Menschen richtet. Das ist etwas ganz Persönliches, das findet sozusagen im Herzen eines jeden statt, im vertrauten Du-zu-Du, zwischen Gott und Mensch. Das kann man nicht machen, das ist kein Menschenwerk, das ist einzig Initiative Gottes. Die Kirche hat die Echtheit des Charismas der Legionäre Christi mehrfach bestätigt. Mich hat daran von Beginn an die leidenschaftliche und persönliche Liebe zu Jesus Christus fasziniert, dass er stets und überall im Zentrum steht, die vertraute und freundschaftliche Beziehung zu ihm, die Gemeinschaft mit Jesus Christus im Alltag, die Nachfolge als sein Jünger, die Bereitschaft, für ihn als Apostel zu wirken, möglichst in alle Bereiche der Gesellschaft hinein. Die Gründerkrise bedeutete deshalb auch für mich, diesen authentischen Kern unseres Charismas neu und deutlich herauszuarbeiten. Ich bin sehr dankbar, dass auch weiterhin junge Männer weltweit diesen Ruf verspüren und in unsere Gemeinschaft eintreten.

kath.net: Wo kann man derzeit die Legionäre Christi im deutschsprachigen Raum treffen?

P. Valentin: Mehr noch als Legionäre Christi kann man das Regnum Christi im deutschsprachigen Raum treffen. In Österreich und Deutschland gehören über 500 Frauen und Männer in über zehn Diözesen zur Apostolatsbewegung. In Deutschland wirken darüber hinaus insgesamt 20 Priester, zwei Diakone und vier Ordensbrüder der Legionäre Christi, in Österreich weitere fünf Priester. In Wien existiert das „Zentrum Johannes Paul II.“, eine offene katholische Gemeinde, ein Ort des Austauschs, der Befähigung hin zum missionarischen Engagement, des gemeinsamen Gebets und der Glaubensvertiefung. In Wels (OÖ) betreiben wir seit Jahren das JUFAZ, unser Jugend- und Familienzentrum. In unserem Noviziat in Neuötting-Alzgern bereiten sich derzeit zehn Novizen auf das Ordensleben vor. Ein wichtiger Standort ist außerdem unsere Apostolische Schule in Bad Münstereifel (NRW), eine Internatsschule für Jungen, die eine mögliche priesterliche Berufung in sich tragen. In Ratingen (bei Düsseldorf) leben und wirken ferner gottgeweihte Frauen des Regnum Christi, hier entsteht gerade auch ein neues „ApostelHaus“ unserer Gemeinschaft, das vor allem der Ausbildung und Vernetzung von Aposteln für unsere Zeit und Welt dienen soll. Praktisch alle Mitbrüder nutzen auch das Internet und die sozialen Netzwerke zur Evangelisierung.

kath.net: Was sehen Sie als Ihr wichtigstes Apostolat der Legionäre?

P. Valentin: Ganz klar: die Ausbildung von Aposteln für unsere Zeit und Welt! Doch dem geht immer die persönliche Begegnung und Beziehung zu Jesus Christus voraus. Genau dafür wollen wir Räume schaffen. Das erfordert heute viel Flexibilität, Dynamik und Vernetzung. Doch nur aus Jesus Christus kann unser apostolisches Wirken entspringen. Nur wer ihm persönlich begegnet ist und seine Liebe erfahren hat, kann die Flamme seiner Liebe wirklich weitergeben. Apostelausbildung beginnt also im Gebet, setzt sich fort in der gelebten Gemeinschaft mit Jesus Christus, in der Offenheit, das eigene Leben von ihm ganz durchdringen zu lassen, und der Bereitschaft, sich von ihm aussenden zu lassen.

kath.net: Es gibt auch die Laienbewegung Regnum Christi. Wo wirken diese und was sehen Sie hier als die große Aufgabe der Bewegung?

P. Valentin: Die Legionäre Christi und das Regnum Christi bilden eine geistliche Familie. Die Zusammenarbeit in der Mission von Priestern, Ordensleuten, Gottgeweihten und Laien, Frauen und Männern, gehört zur DNA unserer Gemeinschaft. Auch den Weg der Erneuerung sind wir in den letzten Jahren zusammengegangen. Das war eine große Hilfe und gegenseitige Bereicherung. Für mich als Priester ist es immer selbstverständlich gewesen, mit Laien zusammenzuarbeiten, mit ihnen Projekte zu planen, mir Rat einzuholen. Weltweit zählt das Regnum Christi ca. 21.000 Mitglieder. Oft waren sie es in der Geschichte unserer Gemeinschaft, die neue Projekte der Evangelisierung begannen und später kamen Priester der Legionäre Christi oder Gottgeweihte hinzu. Die besondere Aufgabe der Laien sehe ich in unserer Zeit deshalb darin, das Evangelium in die Bereiche der Gesellschaft zu tragen und zu leben, wo wir als Ordensleute und Priester oft gar nicht hinkommen, vor allem direkt in den Familien, aber auch in der Arbeitswelt. Insgesamt habe ich den Eindruck, dass die geistliche und missionarische Identität der Laien in der katholischen Kirche noch einer größeren Vertiefung und Verlebendigung bedarf.

kath.net: Die katholische Kirche verliert im deutschsprachigen Raum seit vielen Jahren jedes Jahr mehr Mitglieder. Auch die Messbesucher werden immer weniger. Das einzige, was noch wächst, sind die Einnahmen aus der Kirchensteuer. Was sagen Sie zu dieser Entwicklung und wie kann man beitragen, hier dem entgegenzuwirken. Konkret: Welche Missions-Ideen haben Sie für den deutschsprachigen Raum?

P. Valentin: Manchmal hilft auch schon ein Blick über den „Tellerrand“: Die Austrittszahlen in Österreich und Deutschland entsprechen ja nicht dem weltweiten Trend, in Asien und Afrika erlebt die katholische Kirche z.B. ein starkes Wachstum, und auch in Europa sind die Austrittzahlen nicht überall so dramatisch. Die katholische Kirche ist und bleibt die Kirche Gottes, Jesus selbst hat sie gestiftet. Er hat sie auf Petrus, dem Felsen, und die Apostel gegründet, nicht zum Selbstzweck, sondern zum Heil der Menschen und der Welt, und ihr zugesagt, sie nie zu verlassen. In unserer Zeit beschädigt die Missbrauchskrise die Glaubwürdigkeit der Botschaft Christi schwer. Wir haben als Gemeinschaft selbst erfahren, was das bedeutet. Ich denke auch, das müssen wir unbedingt in Betracht ziehen, wenn wir in Österreich und Deutschland derzeit über Mission sprechen. Zur Geschichte der Kirche gehören viele Höhen und Tiefen, schon der Apostel Paulus ermahnte die ersten Gemeinden zur Erneuerung ihres Denkens, um wieder zu erkennen, was der Wille Gottes sei: das Gute, Wohlgefällige und Vollkommene (vgl. Röm 12,2).

Letztendlich heißt das Heiligkeit. Und große Heilige waren es auch, die in Krisen der Kirche dem Glauben neue und starke Impulse gaben und den Menschen wieder den lebendigen und heilbringenden Gott nahebrachten. Insofern beginnt Mission bei jedem selbst und mit der Frage: Vertraue ich ganz auf Gott, der mich heil machen möchte, der mir seine Liebe und Freundschaft anbietet, ein Leben in Fülle, Erlösung von meinen Sünden und ewiges Leben? Gottes Liebe können wir schließlich im Mitmenschen, im Nächsten sehr konkret und lebendig erfahren. Sind wir dazu bereit? Wichtig sind dafür christliche Gemeinschaften, die aufnehmen, begleiten, stützen und stärken, sich auch untereinander vernetzen. Hier setzen wir deshalb als Legionäre Christi und Regnum Christi unseren Schwerpunkt. In und durch diese – oft auch neuen Formen – christlicher Gemeinschaft geschieht heute oft Mission. Das wäre so eine Idee.

kath.net: Herzlichen Dank für das Interview und Gottes Segen für Ihre Arbeit.

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Johannes Paul II.: Predigt zur Seligsprechung des Jesuitenpaters Rupert Mayer, 1987

St. Martin Leutkirch – Bild Rupert Mayer

APOSTOLISCHE REISE IN DIE BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

SELIGSPRECHUNG DES JESUITENPATERS RUPERT MAYER

PREDIGT VON JOHANNES PAUL II.

Münchener Olympiastadion – Sonntag, 3. Mai 1987

”Seht, ich sende euch . . .“  (Mt. 10, 16). ”Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn!“ (Eph. 6, 10)

Verehrte Mitbrüder, liebe Brüder und Schwestern!

1Der Aufruf des Apostels Paulus zur Stärke im Herrn ist gleichsam die angemessene Ergänzung jener Worte, die Jesus bei der ersten Aussendung der Apostel spricht. Die Kirche nimmt beide Texte heute als Lesungen für die Liturgiefeier, in der ich euren Landsmann, den Jesuitenpater Rupert Mayer, seligsprechen darf; hier in der Stadt München, mit der sein Leben und priesterlicher Dienst auf das engste verbunden sind.

Erst vor einem halb Jahren konnte ich in Rom die bayerische Ordensfrau Schwester Maria Theresia von Jesu Gerhardinger zur Ehre der Altäre erheben, die ebenfalls in dieser Stadt gelebt und weltweit gewirkt hat. Es ist mir deshalb eine besondere Freude, heute wiederum einen aus eurer Mitte im Namen der Kirche den Gläubigen zur Verehrung und Nachahmung vor Augen zu stellen. Pater Rupert Mayer wird zu Recht ”Apostel Münchens“ genannt. Aber das Licht seines Lebens und Wirkens leuchtet weit über diese Stadt hinaus in die weite Welt.

Von Herzen grüße ich alle, die sich hier eingefunden haben, um im festlichen Gottesdienst gemeinsam mit uns diesen Gnadentag zu begehen. Nicht wenige davon haben unseren neuen Seligen gewiß noch persönlich gekannt. Mein brüderlicher Gruß gilt vor allem dem verehrten Herrn Erzbischof in München und Freising, Kardinal Friedrich Wetter, sowie allen anwesenden Bischöfen, den Priestern und Ordensleuten; darunter besonders den Patres und Brüdern der Gesellschaft Jesu, der unser Seliger angehört hat, und den Schwestern der Heiligen Familie, deren Mitbegründer und langjähriger Spiritual er gewesen ist. Ich grüße ferner seine Landsleute aus der Heimatdiözese Rottenburg und die Mitglieder der Marianischen Männerkongregation, die in ihrem früheren Präses nun einen mächtigen himmlischen Fürsprecher erhalten; ebenso die Vertreter aus Staat und Gesellschaft sowie alle Gäste von nah und fern, die durch ihre Anwesenheit das Andenken dieses mutigen Glaubenszeugen ehren.

2. Die Worte des heutigen Evangeliums, die Christus bei der ersten Aussendung an die Apostel gerichtet hat, scheinen im Leben und Wirken des Dieners Gottes Rupert Mayer eine neue Aktualität zu gewinnen. Christus sagt: ”Ich sende euch die Schafe mitten unter die Wölfe; seid daher klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben!“ Und darauf; ”Nehmt euch aber vor den Menschen in acht“ (Mt. 10, 16-17). Wie vielsagend sind doch diese Worte:Ich sende euch zu den Menschen– und zugleich: Ich warne euch vor den Menschen. Und warum warnt Christus seine Jünger vor ihnen? ”Sie werden euch vor die Gerichte bringen . . . Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt . . .“.

Als Rupert Mayer sich im Jahre 1900 als junger Priester zum Eintritt in die Gesellschaft Jesu entschloß, galten die Jesuiten noch offiziell als ”Reichsfeinde“, die durch Gesetz des Landes verwiesen und verboten waren. Er selbst bezeichnet sie als ”Geächtete, Verbannte und Heimatlose“, da ihnen nicht gestattet war, im damaligen Reichsgebiet eigene Niederlassungen zu gründen und zu unterhalten. Die mächtig geschürte antikatholische Hetze und Aktivität gegen den Orden – statt ihn abzuschrecken – bestärkte ihn vielmehr noch in seinem Willen, sich dieser so geschmähten Gesellschaft Jesu anzuschließen. Durch seinen baldigen Ruf nach München wurde Pater Mayer in zunehmendem Maße mit antireligiösen und antikirchlichen Strömungen, mit einer Atmosphäre von Hohn und Haß gegen Christus und die Kirche konfrontiert, in der es immer mehr Mut und Tapferkeit erforderte, den katholischen Glauben frei zu bekennen. Je offenkundiger und brutaler in jenen Jahren der Kampf gegen Religion und Kirche wurde, ein um so entschiedener und unerschrockener Kämpfer für die Wahrheit des Glaubens und für die Rechte der Kirche wurde unser neuer Seliger.

Wir hörten in der Lesung aus dem Epheserbrief die Worte des Apostels: ”Legt die Rüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils standhalten, alles vollbringen und den Kampf bestehen könnt . . . Gürtet euch mit Wahrheit . . . Vor allem greift zum Schild des Glaubens . . . Nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!“. Was der Apostel hier empfiehlt, hat Rupert Mayer in hervorragender Weise getan. Er hat Gottes Rüstung angezogen und sie bis zu seinem Tod nie mehr abgelegt. Unerschrocken und unbeugsam kämpfte er für die Sache Gottes. Als unbestechlicher Zeuge der Wahrheit widerstand er den Lügenpropheten jener Jahre ins Angesicht, immer bereit, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen, ausgerüstet mit dem Schild eines tiefen, unbeirrbaren Glaubens führte er in seinen berühmten Predigten das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes. Es gab Monate, in denen er bis zu siebzigmal predigte.

3. ”Wenn man euch vor Gericht stellt, macht euch keine Sorgen . . .“, sagt Jesus weiter zu den Aposteln. Rupert Mayer wußte, daß nach 1933 seine Predigten von der Polizei überwacht wurden. Trotzdem verkündete er die Wahrheit ungeschminkt und unverkürzt. Als er gefangengenommen wurde, gab er vor der Geheimen Staatspolizei zu Protokoll: ”Ich erkläre, daß ich im Falle meiner Freilassung trotz des gegen mich verhängten Redeverbotes nach wie vor sowohl in den Kirchen Münchens als auch im übrigen Bayern, aus grundsätzlichen Erwägungen heraus, predigen werde“. Er konnte nicht schweigen, ebensowenig wie der Apostel Paulus, der sagte: ”Wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“.

Bereitwillig nahm unser Seliger dafür Gefängnis und Konzentrationslager auf sich. Er schrieb auf den Fragebogen, den er im Gefängnis auszufüllen hatte: ”Ich bin mit diesem Los keineswegs unzufrieden: ich empfinde es nicht als Schande, sondern als Krönung meines Lebens.“ Und aus der Gestapo-Haft vor der Einlieferung in das Konzentrationslager Sachsenhausen berichtet er: ”Als die Gefängnistür eingeschnappt war und ich allein in dem Raum war, in dem ich schon so viele Stunden zugebracht hatte, kamen mir die Tränen in die Augen, und zwar waren es Tränen der Freude, daß ich gewürdigt wurde, um meines Berufes willen eingesperrt zu werden und einer ganz ungewissen Zukunft entgegenzusehen.“ Das ist nicht die Stimme eines lediglich tapferen Menschen, sondern eines Christen, der stolz darauf ist, am Kreuz Christi teilzuhaben. Vorgestern habe ich in Köln die Karmelitin Schwester Teresia Benedicta a Cruce, die vom Kreuz Gesegnete, seliggesprochen. Beide Selige gehören zueinander. Denn auch eurer Münchener Seliger, Pater Rupert Mayer, war vom Kreuz gesegnet.

In einem Brief aus dem Gefängnis an seine betagte Mutter lesen wir: ”Jetzt habe ich wirklich nichts und niemanden mehr als den lieben Gott. Und das ist genug, ja übergenug. Wenn die Menschen doch einsehen wollten, es gäbe viel mehr Glückliche auf Erden“. In der Einsamkeit seiner Haft galt das ganze Mühen von Pater Rupert Mayer der Vertiefung seiner inneren Bindung an Gott. In völliger Hingabe an ihn suchte er alle Bedrängnisse und Nöte für seine innere Erneuerung und Heiligung fruchtbar zu machen. Als Angeklagter vor seinen Richtern erfuhr er die tröstende und stärkende Nähe Gottes, die Christus seinen Zeugen verheißen hat: ”. . .  macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden“.

4. Diese Worte Jesu sind eine Vorankündigung der Lebensgeschichte der Apostel, der besonderen Gegenwart Gottes in Ihrem Wirken, vor allem in ihrem Glaubenszeugnis. Sie bewahrheiten sich schon in jener Begebenheit, von der die heutige erste Lesung spricht. Am Pfingstfest ”trat Petrus auf, zusammen mit den Elf“ und sprach zum ersten Mal zu den versammelten Bewohnern von Jerusalem und den Besuchern, die zum Fest gekommen waren. Er legte Zeugnis ab für Christus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Ist es aber wirklich nur Petrus, der an diesem bedeutungsvollen Tag spricht? Oder ist es vielleicht ”nicht nur Petrus“? In der Tat! Durch Petrus spricht zugleich der Geist des Vaters und des Sohnes.

Ebenso scheinen die Worte des Psalmisten und Königs David, die Petrus anführt, nicht nur von diesem, sondern auch von unserem neuen Seligen gesprochen zu werden: ”Du zeigst mir die Wege zum Leben, du erfüllst mich mit Freude vor deinem Angesicht“. Selbst inmitten großer Bedrängnis erfährt Pater Rupert Mayer Gott als die innere Kraft und beglückende Erfüllung seines Lebens, Zugleich wird er aus dieser tiefen Verbundenheit mit Gott in den Zeiten großer Not selbst für viele Menschen zum Quell des Trostes, zum Vermittler neuer Hoffnung und Zuversicht, zum Vater der Armen, die ihn ihren 15. Nothelfer nannten. Wie sich die Menschen einst um Jesus scharten und bei ihm Hilfe fanden, strömten sie mit allen ihren Nöten auch zu ihm. Sechzig, siebzig Hilfesuchende klopften täglich an seine Tür. Mit offenem Herzen nahm er sie alle auf. Viele Stunden verbrachte er auch im Beichtstuhl, zu dem sich die Menschen drängten, um Hilfe in ihrem geistlichen Nöten zu suchen.

”Es muß Wärme von uns ausgehen, den Menschen muß es in unserer Nähe wohl sein, und sie müssen fühlen, daß der Grund dazu in unserer Verbindung mit Gott liegt“. Mit diesem Wort sagt uns der neue Selige, worum es ihm im Dienst an den Armen ging: er wollte Gottes Liebe sichtbar und erfahrbar machen und die Menschen spüren lassen, daß sie von Gott geliebt sind. Seine Güte und Hilfsbereitschaft war von solcher Kraft, daß er es auch ertrug, wenn sie einmal mißbraucht wurden. Als man ihn darauf aufmerksam machte, gab er nur zur Antwort: ”Wer noch nicht angeschmiert wurde, hat nie etwas Gutes getan“. Die Torheit seiner Liebe ist Teilhabe an der Torheit des Kreuzes, in der sich der liebende Gott uns zugewandt hat, um uns alle an sich zu ziehen.

5. Der Grundsatz, dem Pater Rupert Mayer zeitlebens treu geblieben ist, lautet: ”Christus, der Mittelpunkt unseres Lebens. Zwischenlösungen gibt es nicht“. Was er war, das wollte er ganz sein. Diese seine Entschiedenheit in der Nachfolge Christi hat ihn auf den Weg der Heiligkeit geführt. Gemäß dem Wahlspruch seines Ordens: ”Alles zur größeren Ehre Gottes“ ging es ihm vor allem um Gottes Ehre und damit um die Rechte Gottes. ”Der Herrgott hat das erste Anrecht auf uns“, sagte er. Und er wußte, daß er damit auch für die Rechte und Würde des Menschen kämpfte.

Wir hören heute viel von Menschenrechten. In sehr vielen Ländern werden sie verletzt. Von Gottesrechten aber spricht man nicht. Und doch gehören Menschenrechte und Gottesrechte zusammen. Wo Gott und sein Gesetz nicht geehrt werden, erhält auch der Mensch nicht sein Recht. Wir sehen das deutlich am Verhalten der nationalsozialistischen Machthaber. Sie kümmerten sich nicht um Gott und verfolgten seine Diener: und so gingen sie auch unmenschlich mit den Menschen um, in Dachau vor; den Toren Münchens wie in Auschwitz vor den Toren meiner früheren Bischofsstadt Krakau. Auch heute gilt: Gottesrechte und Menschenrechte stehen und fallen miteinander. Unser Leben ist nur dann in Ordnung, wenn unser Verhältnis zu Gott in Ordnung ist. Deshalb sagte Pater Rupert Mayer in den weltweiten Bedrängnissen des letzten Krieges: ”Die heutige Zeit ist eine furchtbar ernste Mahnung für die Völker der Erde, zurückzukehren zu Gott. Es geht nicht ohne Gott!“. Dieses Wort unseres Seligen hat auch heute nichts an Gewicht verloren. Auch heute; gilt es, Gott zu geben, was Gottes ist. Dann wird auch dem Menschen gegeben werden, was des Menschen ist.

6. Liebe Brüder und Schwestern! Die Seligen und Heiligen der Kirche sind Gottes lebendige und gelebte Botschaft an uns. Deshalb stellt sie uns diese Zur Verehrung und Nachahmung vor Augen. Öffnen wir uns also heute jener Botschaft, die uns der neue Selige Rupert Mayer durch sein Wort und Wirken so anschaulich verkündet. Suchen wir wie er in Gott die Mitte und Quelle unseres Lebens. Auf Gott baute er in unerschütterlichem, kindlichem Vertrauen. ”Herr, wie du willst, soll mir geschehn, und wie du willst, so will ich gehn,, hilf deinen Willen nur verstehn“, so lautet der erste Vers seines Lieblingsgebetes. Gott, der Herr, war die Quelle, aus der er in langen Stunden des Gebetes, in der heiligen Messe und in der täglichen treuen Pflichterfüllung die Kraft schöpfte für sein erstaunliches Lebenswerk.

Suchen auch wir aus derselben Kraftquelle unser Leben und unsere Umwelt zu gestalten. Der selige Rupert Mayer ist für uns alle ein Vorbild und Anruf, ein heiliges Leben zu führen. Heiligkeit ist nicht eine Sache für einige auserwählte Seelen: zur Heiligkeit sind wir alle berufen, alle ohne Ausnahme. Und er selber sagt uns auch, was zu einem heiligen Leben gehört: ”Keine außergewöhnliche Arbeit, keine außergewöhnlichen religiösen Erlebnisse, keine Erscheinungen. Nur: Heroische Tugend“. Das heißt: Tag für Tag treu und unbeirrt Gottes Willen tun und aus seiner Gegenwart leben; jeder ganz persönlich und auch in der Familie. Wir wissen, wie unserem Seligen besonders die christliche Familie am Herzen lag und er zu ihrer Förderung mit zwei anderen Priestern sogar eine eigene Schwesterngemeinschaft gegründet hat. Die hohe Zahl der Ehescheidungen und die geringe Kinderzahl zeigen, welch großen Belastungen und Bedrohungen die Familie in der heutigen Gesellschaft ausgesetzt ist. In euren Familien aber entscheidet sich die Zukunft eures Volkes, auch die Zukunft der Kirche in eurem Volk. Haltet zusammen, daß die Familien gestärkt werden. Haltet die Ehe heilig und laßt die eheliche Liebe fruchtbar werden in den Kindern, die Gott euch schenken will.

7. Sein Leben heiligen heißt aber auch, sich für das öffentliche Leben mitverantwortlich zu fühlen und es aus dem Geiste Christi mitzugestalten. Keinem Christen darf es gleichgültig sein, wie es in der Welt zugeht. Männer, Frauen und meine jungen Freunde, euch alle rufe ich auf: Setzt euch wie Rupert Mayer für Gottes Rechte und Gottes Ehre auch in der Öffentlichkeit ein. Laßt nicht zu, daß die Entchristlichung weiter um sich greift. Seid Salz der Erde und tragt das Licht der Wahrheit Gottes in alle Bereiche des Lebens hinein. Das ist der Dienst, den wir der Welt schulden. Es geht nicht ohne Gott! Habt nach dem Vorbild unseres Seligen vor allem auch ein Herz für die Armen. Ihr lebt in einem Land, das zu den wohlhabendsten Ländern der Erde gehört. Laßt euer Herz durch euren Besitz nicht stumpf werden für die Not der Hilfsbedürftigen und Vergessenen am Rande eurer Gesellschaft und in aller Welt. Macht auch ihr durch eure Güte Gottes Liebe sichtbar und erfahrbar unter euren Mitmenschen.

Liebe Schwestern von der Heiligen Familie, eure Gemeinschaft wurde durch Pater Rupert Mayer nicht nur mitgegründet, sondern vor allem auch geistig geformt. Haltet seinen Geist lebendig. Euer Ideal veraltet nicht. Die Aufgabe, für die eure Gemeinschaft gegründet wurde, ist noch immer zeitgemäß.

Liebe Sodalen der Marianischen Männerkongregation, ihr hütet in eurer Kongregationskirche als kostbaren Schatz das Grab des neuen Seligen, an dem ich nach diesem Gottesdienst beten werde. Hütet auch das geistige Erbe, das er euch hinterlassen hat: die Liebe zu Maria und die Bereitschaft zum Dienst an der Welt.

Liebe Patres und Brüder des Gesellschaft Jesu, euch beglückwünsche ich zu eurem Mitbruder, den wir von heute an als Seligen verehren. Er ist eine Zierde eures Ordens. Möge er euch auch Vorbild und Ansporn sein, treu dem hohen Ideal des heiligen Ignatius von Loyola euren Dienst in Kirche und Welt zu erfüllen. Euer seliger Mitbruder hat nach diesem hohen Ideal gelebt. Er stehe euch bei, seinem Beispiel zu folgen.

8. ”Seht, ich sende euch . . .werdet stark durch den Herrn!“.

Liebe Brüder und Schwestern! Sagt nicht auch der selige Rupert Mayer diese Worte am heutigen Tag seiner Seligsprechung zu uns, die wir hier versammelt sind? Zu euch, seinen Landsleuten, hier in dieser Stadt und im ganzen Land? Zur Kirche von München? Zur ganzen Gesellschaft?

”Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn!

Zieht die Rüstung Gottes an . . . Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern . . . gegen die Beherrscher dieser finsteren Welt, gegen die bösen Geister . . .“ (Eph. 6, 10-12).

Es gibt Zeiten, in denen die Existenz des Bösen unter den Menschen in der Welt in einer besonderen Weise in Erscheinung tritt. Dann wird noch offenkundiger, daß die Mächte der Finsternis, die in den Menschen und durch die Menschen wirken, größer sind als der Mensch. Sie übersteigen ihn, sie kommen von außen über ihn.

Der heutige Mensch scheint dieses Problem fast nicht sehen zu wollen. Er tut alles, um die Existenz jener ”Beherrscher dieser finsteren Welt“, jene ”listigen Anschläge des Teufels“, von denen der Epheserbrief spricht, aus dem allgemeinen Bewußtsein zu verbannen. Dennoch gibt es solche Zeiten in der Geschichte, in denen diese – nur widerwillig angenommene – Wahrheit der Offenbarung und des christlichen Glaubens ihre volle Ausdruckskraft und fast handgreifliche Bestätigung findet.

9. Der geistige Sieg von Pater Rupert Mayer erklärt sich vollkommen vor dem Hintergrund einer` solchen Epoche, einer solchen geschichtlichen Erfahrung. Die Worte: des Apostels beziehen sich in einem gewissen Sinn auf den konkreten Lebensverlauf dieses Dieners Gottes. Es war einer von jenen, die in diesem geistigen Kampf, in diesem Ringen mit den Mächten der Finsternis ”die Rüstung Gottes angelegt, sich mit der Wahrheit gegürtet, den Panzer der Gerechtigkeit und als Schuhe die Bereitschaft, für das Evangelium vom Frieden zu kämpfen, angezogen haben“ (Eph. 6, 12-15). Der Glaube war für ihn wirklich der Helm, und das Wort Gottes war das Schwert des Geistes. Er kämpfte fortwährend mit diesem ”Schwert“ und ”hörte nicht auf zu beten und zu flehen“. Nein, er vertraute nicht auf seine eigenen Kräfte. Er erinnerte sich an die Worte des Meisters an die Apostel im Abendmahlssaal: ”Der Geist eures Vaters wird durch euch reden“ (Mt. 10, 20). Und deshalb hörte er auch nicht auf zu bitten, daß Gott ihm ”das rechte Worte schenke . . ., um das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden“ (Eph. 6, 19).

Die Worte des Epheserbriefes hat der Apostel Paulus geschrieben, als er nur noch als ”Gefangener“ seiner Sendung nachkommen konnte (ebd. 3, 1;4, 1). So hat auch Pater Rupert Mayer gesprochen und bezeugt, so hat auch er sich verhalten und für Christus Verfolgung erduldet –  als ”Gefangener“ in Landsberg und im Konzentrationslager Sachsenhausen, und so ist er uns in Erinnerung geblieben, im Gedächtnis der Kirche: als mutiger Zeuge der Wahrheit und Apostel der Gottes- und Nächstenliebe. Diesem seinen Andenken erweist die Kirche nun ihre besondere Verehrung, damit es von Generation zu Generation fortdauert.

Heute spricht dieser ”Gefangene Christi“ im Lager Sachsenhausen noch einmal zu uns – und die Kirche nimmt seine Worte auf in ihr geistiges Erbe:

”Bete jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus . . .

Legt die Rüstung Gottes an“ (Eph. 6, 18.13).

Nehmt, liebe Brüder und Schwestern, an diesem Festtag das Zeugnis des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe eures großen Landsmannes an! Möge das geistige Erbe seines Lebens und seines apostolischen Dienstes immer, besonders in Zeiten der Prüfung, mit euch sein und euch stets neue Kraft und Zuversicht schenken in Christus, unserem Herrn. Amen.

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Quelle

Wie gottgeweihtes Leben in der Großstadt funktioniert

Mehrmals am Tag treffen sich die Mitglieder von Säkularsinstituten zum Gebet

Vergangene Woche hat Papst Franziskus die Rolle der geweihten Witwen in der Kirche gewürdigt. Franziskus selber gehört dem Jesuitenorden an. Neben den bekannten, klassischen Ordensgemeinschaften gibt es sogenannte Säkularinstitute. Im Unterschied zu den Ordensgemeinschaften leben deren Mitglieder überwiegend in der Welt, nicht im Kloster.

Julia Rosner – Vatikanstadt

„Leidenschaft für Gott – Dienst für die Menschen“, diese Formel fast das Charisma des Säkularinstitus „St. Bonifatius“ zusammen. Es handelt sich um eine benediktinsche Frauengemeinschaft, die sich um Missionierung kümmert. Gegründet wurde die Gemeinschaft in Deutschland. Deren Mitglieder leben in kleinen Kommunitäten auf der ganze Welt verteilt zusammen – beispielsweise in Ruanda, Guatemala, Norwegen, Italien und natürlich auch in Deutschland.

Christiane Koch ist seit vielen Jahren Teil der Gemeinschaft. Sie ist eines von weltweit rund 170 Mitgliedern. Gemeinsam mit zwei anderen Frauen lebt sie in Rom. Sie und alle anderen Mitglieder des Instituts haben ihr Leben Gott geweiht.

Intimes Leben mit Gott

„Gottgeweihtes Leben bedeutet für mich, ein ,intimes‘ Leben mit Gott zu führen“, sagt Christiane Koch. „Im Italienischen sprechen wir von der ,Intimita nella relazione con dio‘ – damit ist die ganze persönliche Gottesbeziehung gemeint. Diese leben wir ganz bewusst jeden Tag.“ Dabei verzichten die Frauen auf jegliche äußere Zeichen wie eine spezielle Kleidung. Wie Jesus wollen sie nicht von der Welt sein, aber mitten in ihr leben. Ziel sei, so Koch, die Welt von innen heraus zu verändern.

Als junge Frau habe sie gespürt, dass sie von Gott in ein geweihtes Leben gerufen werde. Das erzählt sie heute immer wieder gern und hat dabei ein Lächeln auf dem Gesicht. Ursprünglich stammt sie aus der Diözese Paderborn, wo es – wie sie sagt – viele Ordensgemeinschaften gibt. Viele von ihnen habe sie kennengelernt. Als sie jedoch mit dem Säkularinstitut „St. Bonifatius” in Verbindung gekommen sei, habe sie gespürt: Genau das ist es.

Ora et labora

Wie die anderen Mitglieder ihrer Gemeinschaft lebt sie nach den drei Evangelischen Räten: Keuchheit/Jungfräulichkeit, Armut und Gehorsam. Als missionsbenediktinisches Institut berufen sich die Frauen auch auf die Regel des Heiligen Benedikts – „Ora et labora“. Doch diese Regel wurde an das Leben in der Welt angepasst. Das heißt, alle Mitglieder der Gemeinschaft gehen weltlichen Berufen nach. Die meisten sind im sozialen Bereich tätig. Viele helfen auch in den Pfarreien vor Ort aus.

In Rom betreiben die Frauen ein Wohnheim für Studentinnen, Praktikantinnen und Pilgerinnen – genannt „Das Foyer“. Die Räumlichkeiten sind Teil der deutschen katholischen Gemeinde „Santa Maria dell‘ Anima“. Die vom Heiligen Benedikt empfohlenen Gebetszeiten, die die Frauen jeden Tag neben ihrer Arbeit verrichten, lassen sich gut mit ihrer Tätigkeit dort vereinen.

Internationale Gemeinschaft

Zehn vor sieben beginnen die Frauen jeden Morgen mit einer Mediation, erklärt Koch. In dieser Zeit nehmen sie eine persönliche Betrachtung vor. Das geschehe ganz bewusst aus der Ruhe der Nacht heraus. Koch erklärt: „Wir wollen uns damit dem Herrn öffnen“. Anschließend folgen die Laudes, das Morgengebt der Kirche und die Heilige Messe. Dafür gehen die Frauen meist in eine Kirche, die in der Nähe liegt. Danach ist Zeit zum Arbeiten.

Zum Mittagessen treffen sich wieder. Zusammenleben in der Gemeinschaft wird in dem missionsbenediktischen Institut groß geschrieben. Deshalb speisen alle immer gemeinsam. Nach der zweiten Arbeitszeit am Nachmittag wird am Abend die Vesper gebetet, das Abendgebet der Kirche. Nach dem Abendessen folgt dann noch das Nachtgebet, die Komplet.

Christiane Koch schätzt besonders an ihrer Gemeinschaft, dass sie sehr international aufgestellt ist. Sie selbst hat mehrere Jahre in Spanien und Tschechien gelebt. „Auf der einen Seite erleben wir bei uns in der Gemeinschaft immer, wie Gott uns eint und auch über die verschiedenen Länder hinaus verbindet. Wir alle leben eine Berufung. Auf der anderen Seite gestaltete sich das Leben in den verschiedenen Ländern ganz anders“, sagt sie.

Wie viele andere Orden oder Gemeinschaften in Europa leidet jedoch auch das Säkularinstitut St. Bonifatius unter einer abnehmenden Zahl an Neueintritten. Immer wenige junge Frauen können sich sein eheloses Leben in Gemeinschaft vorstellen. Ein weiterer Grund ist auch, das die Religiosität zumindest in Europa und insbesondere auch in Deutschland zurückgeht.

Anderen helfen, die eigene Berufung zu erkennen

Dennoch ist Christiane Koch zuversichtlich, was die Zukunft der Gemeinschaft betrifft. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern möchte sie ein Zeugnis für Gott in der Welt ablegen. „Das Leben aus der Taufgnade ist zentral. Gott hat jeden von uns geschaffen und mit uns jedem von uns eine Aufgabe in die Welt gesandt“, sagt sie. „Säkularinstitute entsprechen in ihrer Lebensweise – eben in der Welt – dem Puls der Zeit.“ Deshalben seien die Frauen zuversichtlich. Dennoch wissen auch sie: nur Gott chenkt Berufungen. Sie selbst können das nicht beeinflussen. Das Gebet um Berufungen sei deshalb heute so wichtig wie nie. In der Welt wollen die Frauen jedoch durch ihr Leben anderen Menschen helfen, ihre persönliche Berufung zu erkennen.

Dennoch ist Christiane Koch zuversichtlich, was die Zukunft der Gemeinschaft betrifft. Gemeinsam mit den anderen Mitgliedern möchte sie ein Zeugnis für Gott in der Welt ablegen. „Das Leben aus der Taufgnade ist zentral. Gott hat jeden von uns geschaffen und mit uns jedem von uns eine Aufgabe in die Welt gesandt“, sagt sie. „Säkularinstitute entsprechen in ihrer Lebensweise – eben in der Welt – dem Puls der Zeit.“ Deshalben seien die Frauen zuversichtlich. Dennoch wissen auch sie: nur Gott chenkt Berufungen. Sie selbst können das nicht beeinflussen. Das Gebet um Berufungen sei deshalb heute so wichtig wie nie. In der Welt wollen die Frauen jedoch durch ihr Leben anderen Menschen helfen, ihre persönliche Berufung zu erkennen.

(vatican news)

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