Papst: Das Evangelium in der Sprache von heute verkünden

ansa1151487_articolo

Papst traf Ordensleute

Das Evangelium muss den Menschen von heute „in einer Sprache und auf eine Weise verkündet werden, die sie verstehen können“. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag zu Ordensleuten. Die Menschen seien heute umgeben von „Prozessen rascher sozialer und kultureller Veränderung“. Das sei eine Herausforderung zur Kreativität für alle, die das Evangelium wirklich in unserer Zeit einheimisch machen wollten.

„Den Menschen nahe sein, die wie wir sind, den einfachen Menschen… Mir gefällt dieser Abschnitt aus dem Brief des Paulus an Timotheus, in dem er ihn an den Glauben erinnert, den er von seiner Mamma und seiner Oma empfangen hat. Die Einfachheit der Mamma, der Oma… Das ist das Fundament, nicht wahr? Wir sind keine Prinzen, Söhne von Prinzen oder Grafen oder Baronen, wir sind einfache Leute, Volk. Und darum gehen wir mit dieser Einfachheit zu den Einfachen und den Leidenden, den Kranken, den Kindern, den alleingelassenen Alten, den Armen, zu allen. Und diese Armut ist im Zentrum des Evangeliums, weil sie die Armut Jesu ist. Keine soziologische Armut – die Armut Jesu.“

Auch die Mittel der Evangelisierer seien „ganz kleine, einfache“, fuhr der Papst fort. Wir seien doch alle nur „klein“ und „unwürdig“: „Aber wir haben einen großen Horizont, das ist unser Glaube an die Macht des Herrn.“ Mit unserem Kleinsein verhalte es sich wie mit dem Samen aus dem biblischen Gleichnis, der immer größer werde und den der Herr wachsen lasse.

„Die Horizonte der Evangelisierung und die dringende Notwendigkeit, die Botschaft des Evangeliums allen ohne Ausnahme zu bringen, sind ein weites Feld für das Apostolat. So viele Menschen warten heute noch darauf, Jesus kennenzulernen, den einzigen Erlöser des Menschen, und viele ungerechte oder prekäre Situationen können glaubende Menschen nicht ruhig lassen!“

Die Evangelisierung sei heute eine „sehr dringende Mission“, und Voraussetzung für sie sei „die eigene Umkehr und die Umkehr der Gemeinschaft“. „Nur Herzen, die völlig offen sind für die Gnade, können die Zeichen unserer Zeit deuten und den Schrei der Menschheit nach Hoffnung und Frieden aufnehmen!“ Mut und Risikobereitschaft brauche es heute, „um auf die neuen Herausforderungen zu antworten und die Mission neu anzupacken“.

(rv 18.02.2017 sk)

Papst an Dominikaner: Nein zur Gesellschaft des Scheins

afp6185162_articolo

Der Papst und die Dominikaner im Lateran

Papst Franziskus hat mit Mitgliedern des Dominikanerordens in der römischen Papstbasilika San Giovanni in Laterano das 800jährige Bestehen des Ordens gefeiert. In seiner Predigt ging der Papst auf den Gegensatz zwischen dem „Karneval der weltlichen Neugier“ und der Verherrlichung Gottes durch gute Werke ein.

„Es ist interessant zu sehen, dass sich die Apostel des Evangeliums schon damals, vor 2.000 Jahren, diesem Szenario gegenüber sahen, das sich in unseren Tagen – durch die Verführung des Relativismus – weiterentwickelt und globalisiert hat. Die Tendenz, nach Neuem zu suchen, die dem Menschen eigen ist, findet ihr ideales Ambiente in der Gesellschaft des Scheins, des Konsums, in der häufig Altes recycelt wird, Hauptsache es wirkt neu, anziehend, betörend. Auch die Wahrheit ist geschminkt. Wir bewegen uns in der sogenannten „flüssigen Gesellschaft“: ohne Fixpunkte, aus dem Koordinatensystem herausgefallen, ohne solide, stabile Bezugspunkte. In der Kultur des Ephimeren, des Wegwerfens nach Gebrauch.“

Der Begriff der „flüssigen Gesellschaft“ stammt von dem vor kurzem verstorbenen polnischen Denker Zygmunt Bauman; auch Benedikt XVI. ist bei seinem Venedig-Besuch im Mai 2011 auf diesen Punkt in Baumans Denken eingegangen. Dem weltlichen „Karneval“ stellte Franziskus an diesem Samstagabend ein klares Gegenszenario gegenüber. Dieses werde durch die Worte Jesu illustriert, man solle gute Werke vollbringen, um Gott zu verherrlichen und so bei ihm zu sein.

Am Schluss der Feier dankte der Generalobere der Dominikaner, Pater Bruno Cadoré, dem Papst und versicherte ihm das Gebet aller Angehörigen der dominikanischen Ordensfamilie. Am 21. Januar 1217 hatte der damalige Papst die Regel des sogenannten Predigerordens genehmigt.

(rv 21.01.2017 mg)


Papstpredigt an Dominikaner im vollen Wortlaut

reuters1931781_articolo

Papstmesse mit Dominikanern

Das Wort Gottes stellt uns heute zwei menschliche Szenarien vor Augen, die gegensätzlich sind: Auf der einen Seite den „Karneval“ der weltlichen Neugier, auf der anderen Seite die Verherrlichung des Vaters durch gute Werke. Und unser Leben spielt sich immer zwischen diesen beiden Szenarien ab. Sie gehören zu jeder Epoche, wie die Worte des hl. Paulus an Timotheus (vgl. 2 Tim 4,1-5) zeigen. Und auch der hl. Dominikus bewegte sich vor 800 Jahren zwischen diesen beiden Szenarien.

Paulus mahnt Timotheus, er müsse das Evangelium in einem Umfeld verkünden, wo die Menschen nach immer neuen „Meistern“, „Märchen“, Lehren und Ideologien suchen… (vgl. 2 Tim 4,3). Das ist der „Karneval“ der weltlichen Neugier, der Verführung. Darum instruiert der Apostel seinen Schüler auch mit durchaus starken Verben, etwa „insistieren“, „ermahnen“, „vorwerfen“ und „wachsam sein“, „Leiden ertragen“.

Es ist interessant zu sehen, dass sich die Apostel des Evangeliums schon damals, vor 2.000 Jahren, diesem Szenario gegenüber sahen, das sich in unseren Tagen – durch die Verführung des Relativismus – weiterentwickelt und globalisiert hat. Die Tendenz, nach Neuem zu suchen, die dem Menschen eigen ist, findet ihr ideales Ambiente in der Gesellschaft des Scheins, des Konsums, in der häufig Altes recycelt wird, Hauptsache es wirkt neu, anziehend, betörend. Auch die Wahrheit ist geschminkt. Wir bewegen uns in der sogenannten „flüssigen Gesellschaft“: ohne Fixpunkte, aus dem Koordinatensystem herausgefallen, ohne solide, stabile Bezugspunkte. In der Kultur des Ephimeren, des Wegwerfens nach Gebrauch.

Diesem weltlichen „Karneval“ steht deutlich das Gegenszenario gegenüber, das wir in den Worten Jesu finden, die wir gerade gehört haben: „euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist“ (vgl. Mt 5,16). Und wie kommt es zu diesem Übergang von der scheinbar ausgelassenen Oberflächlichkeit zum Verherrlichen? Das geschieht durch die guten Werke derer, die Jünger Jesu werden und damit auch „Salz“ und „Licht“. „So soll euer Licht unter den Menschen leuchten“, sagt Jesus, „damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater verherrlichen, der im Himmel ist.“

Inmitten des „Karnevals“ von gestern und heute ist dies die Antwort Jesu und der Kirche, dies ist die sichere Stütze mitten in diesem „flüssigen“ Ambiente: die guten Werke, die wir dank Christus und seinem Heiligen Geist vollbringen können und die im Herzen Dank an Gottvater aufsteigen lassen, Lob – oder zumindest das Sich-Wundern und die Frage: Warum? Warum benimmt dieser Mensch sich so? Also die Unruhe der Welt angesichts des Zeugnisses des Evangeliums.

Aber damit dieser „Stoss“ gelingen kann, darf das Salz nicht seinen Geschmack verlieren und das Licht nicht unter den Scheffel gestellt werden. Jesus sagt das sehr deutlich: Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, dient es zu nichts mehr. Weh dem Salz, das seinen Geschmack verliert! Weh der Kirche, die ihren Geschmack verliert! Weh dem Priester, dem Ordensmenschen, der Gemeinschaft, die ihren Geschmack verliert!

Heute danken wir dem Vater für das Werk des hl. Dominikus, das er voll Licht und Salz Christi vor 800 Jahren gewirkt hat: ein Werk im Dienst am Evangelium, gepredigt mit dem Wort, aber auch mit dem Leben. Ein Werk, das durch die Gnade des Heiligen Geistes dazu geführt hat, dass viele Männer und Frauen Hilfe bekamen, um sich nicht zu zerstreuen angesichts des „Karnevals“ der weltlichen Neugier, sondern um den Geschmack der gesunden Lehre zu spüren, den Geschmack des Evangeliums, und um ebenfalls Licht und Salz zu werden, Handwerker guter Taten… und wahre Brüder und Schwestern, die Gott verherrlichen und andere lehren, Gott zu verherrlichen, mit den guten Taten des Lebens.

(rv 21.01.2017 sk)

„Dankbar auf das Geschenk unserer Berufung schauen“ – 800 Jahre Dominikaner

unnamed-740x493

P. Thomas G. Brogl OP / Courtesy Süddt.-Österreichische Dominikanerprovinz

Interview mit dem Provinzial der Dominikaner
Pater Thomas Gabriel Brogl

441 Tage lang feierte der Predigerordner sein Jubiläum, das am 21. Januar 2017 in der Basilika San Giovanni in Laterano in Rom feierlich beendet wird. Aus diesem Anlass erzählt P. Thomas Gabriel Brogl, der Provinzial der süddeutsch-österreichischen Provinz, über die Entstehung, Tradition, Spiritualität, Aufgaben sowie Schattenseiten der dominikanischen Gemeinschaft.

***

Pater Provinzial, das 800-jährige Jubiläum des Dominikanerordens neigt sich dem Ende zu. Am 21. Januar 2017 wird Papst Franziskus in der römischen Lateranbasilika das Jubiläumsjahr feierlich abschließen. Was geschah am 21. Januar 1217?

Pater Brogl: Eigentlich wurde der Orden durch vier Bullen des Papstes gegründet, die von Ende 1215 bis Anfang 1217 erlassen wurden. Deshalb feiern wir auch schon mehr als ein Jahr unser Jubiläum. Der hl. Dominikus war in dieser Zeit in Rom und erbat beim Papst die Bewilligung zu einem Orden, der mobil und flexibel auf die Bedürfnisse der Zeit antworten konnte und ganz der Predigt (und dem Studium) geweiht war. Das Entscheidende der Bulle vom 21. Januar 1217 war, dass zum ersten Mal die Brüder des Dominikus „Praedicatores“ – „Prediger“ genannt werden: Predigt quasi als Amt und nicht nur als Tätigkeit. Man kann auf der Originalbulle sogar noch sehen, dass der Text der Bulle an dieser Stelle ausgebessert wurde: von den „Predigenden“ zu den „Predigern“. Und das ist ja unser eigentlicher Name bis heute: Ordo Praedicatorum – Predigerorden (auch wenn wir seit dem 15. Jahrhundert im Volksmund „Dominikaner“ heißen). Dominikus war dieser Name „Predigerorden“ sehr wichtig und deshalb ist es auch gut, dass mit der Erinnerung an dieses wichtige Ereignis auch unser Jubiläum endet.

Dieses Datum wird als die offizielle „Geburtsstunde“ des Ordens genannt. Angefangen hat alles jedoch zehn Jahre früher, als der hl. Dominikus ein Frauenkloster in Prouille in Südfrankreich gründete …

Pater Brogl: Richtig. Eigentlich war eine Frauengemeinschaft die erste dominikanische Gemeinschaft. Diese Gemeinschaft in Prouille war ursprünglich ein Stützpunkt der Katharer. Das war eine gnostisch-esoterische Bewegung, die gerade in Südfrankreich und Norditalien sehr verbreitet war und durch ihren bescheidenen Lebensstil auf die Leute sehr glaubwürdig wirkte. Dominikus merkte, wie gefährlich diese Sekte mit ihrer dualistischen Lehre und ihrer Ablehnung alles Irdischen war, und wollte ihnen etwas entgegenhalten. Dabei wollte er nicht mit „Feuer und Schwert“ kämpfen, sondern mit der Kraft des Wortes und des Argumentes. Deshalb ist das Studium bei den Dominikanern so wichtig – und deshalb steht auf unserem Wappen „Veritas“ – „Wahrheit“. Zudem war von Bedeutung, dass die Predigt durch ein armes Leben glaubwürdig sein sollte. Später wurde die Idee des Dominikus in den Satz gegossen: „Leben wie die Ketzer, lehren wie die Kirche“. Die Frauengemeinschaft von Prouille wurde von Dominikus bekehrt und so die erste dominikanische Gemeinschaft.

Welche sind die wesentlichen Elemente des dominikanischen Lebens heute? Ist die Sendung des männlichen Ordens anders als die der Dominikanerinnen?

Pater Brogl: Der Orden hat vier Säulen: Gebet, Gemeinschaft, Studium und Predigt – mit dem Wort und dem Beispiel des eigenen Lebens. Alle diese Elemente sind stark ineinander verwoben: Die Predigt soll aus Betrachtung und Gebet wachsen (berühmt ist die Beschreibung des Thomas von Aquin über das Ideal seines Ordens: „contemplari et contemplata aliis tradere“ – „Betrachten und das Betrachtete (und Studierte) Anderen weitergeben“). Auch die konkrete Konventsgemeinschaft will letztlich „Predigt“ sein. An ihr soll sichtbar werden, dass wir in Gott verbunden sind und diese Verbundenheit auch in der brüderlichen Liebe leben wollen.

Diese Grundelemente bestimmen uns auch heute noch – immer hingerichtet auf das Grundanliegen des Dominikus: dort, wo der Glaube infrage steht (heute würde man sagen: „an den Rändern der Kirche“), ihn zu verkündigen – und ihn vernünftig zu begründen.

Zu der anderen Frage bezüglich unseres weiblichen Zweiges: Es gibt letztlich zwei Frauenzweige – einen kontemplativen, der sich ganz dem Gebet hingibt und die Verkündigung des Evangeliums mit dem Gebet trägt, und einen apostolischen. Bei Letzterem widmen sich die Schwestern oft einem bestimmten Werk: z. B. einer Schule (gerade viele Mädchenschulen gehen auf die Initiative von Schwestern zurück) oder einem geistlichen Haus. Den männlichen Orden unterscheidet von den Frauen vom Grundauftrag her nichts; höchstens, dass die Brüder weniger Institutionen haben als die Schwestern.

Und es gibt übrigens noch einen vierten Zweig: die Dominikanischen Laien. Ein Zweig, der gerade stark im Wachsen ist. Dadurch wird ein wichtiges Anliegen des II. Vatikanischen Konzils konkret: dass auch die Laien an ihrem Ort den Glauben bezeugen und verkündigen.

Kann man noch im 21. Jahrhundert den Dominikanerorden als Bettelorden bezeichnen? Worin unterscheidet er sich von den anderen Bettelorden?

Pater Brogl: Die Grundidee des Bettelordens ist: Wir versuchen den Menschen das Evangelium zu verkünden und sie unterstützen uns dafür. Heute hat sich diese Idee etwas verändert.

In vielen Ländern der Welt ist diese Idee weiter so verwirklicht. Bei uns ist das durch Kirchensteuer und Kirchenbeitrag allerdings schwierig, weil die Leute sagen: „Ich habe doch schon etwas für die Kirche gegeben!“. Die Menschen wissen meistens nicht, dass wir nichts von der Kirchensteuer zugeteilt bekommen.

Wir verdienen in der Regel unser Geld durch die Institutionen, bei denen wir angestellt sind. Das ist meistens die Kirche (und damit ist natürlich die Kirchensteuer doch eine wichtige Quelle für uns), aber auch der Staat z. B. in den Universitäten oder Schulen, an denen wir unterrichten.

Es ist absehbar, dass sich auch bei uns in Bezug auf die Kirchensteuer in den nächsten Jahren einiges ändern wird und in dieser Frage wohl der Weg stärker wieder zu unseren Wurzeln geht.

Die Bettelorden verbindet eine gemeinsame Idee: Arm von dem zu leben, was die Menschen einem geben. Der Unterschied liegt im Charisma, d.h. in der Grundausrichtung. Bei den Franziskanern und Karmeliten ist dies ein anderes als bei uns, wo zum Beispiel Studium und Lehre stärker im Zentrum stehen.

Das Jubiläum Ihres Ordens fiel mit dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit zusammen, das am 20. November 2016 von Papst Franziskus beendet wurde. Welchen Platz hat die Barmherzigkeit in der Spiritualität des Dominikanerordens?

Pater Brogl: Bei unserer Aufnahme in den Orden werden wir gefragt: „Was erbittest Du?“, und wir antworteten: „Gottes Barmherzigkeit und die Eure“. Somit könnte man sagen, die Barmherzigkeit ist das, worauf wir unser Leben und unser Gemeinschaftsleben gründen.

Außerdem war das Mitleid zu den Menschen, die im Irrtum gefangen sind, der Grundimpuls, der Dominikus dazu brachte, den Orden zu gründen. Der hl. Thomas von Aquin schreibt bei den Werken der Barmherzigkeit, dass für jedes der sieben Tonarten der Barmherzigkeit ein Orden gegründet werden könne. Der Dominikanerorden sei für das Werk der „Unterweisung“ gegründet. Die geistige und geistliche Not wahrnehmen und das Evangelium zu lehren, ist letztlich ein Werk der Barmherzigkeit.

Es gibt auch andere Beispiele außerhalb des Lehrens. Der Gründungsimpuls der Dominikanerinnen von Bethanien war, dass der sel. Jean-Joseph Lataste als Gefängnispfarrer auf den Gesichtern der Gefängnisinsassinnen den Widerschein der Barmherzigkeit Gottes entdeckte. Daraufhin gründete er einen Frauenorden für ehemalige Gefängnisinsassen, der bis heute besteht.

Zur Geschichte der Dominikaner gehört auch ein dunkles Kapitel – die Inquisition. Wie geht die Ordensgemeinschaft damit um?

Pater Brogl: Der Orden hat – auf unterschiedlichen Ebenen – schon vor längerer Zeit in Angriff genommen, dies umfassend aufzuarbeiten: durch Forschung, Kongresse und Schuldbekenntnisse. Allerdings bleibt dies für uns ein bleibender Auftrag, den wir uns übrigens auch im Jubiläumsjahr als wichtigen Akzent gesetzt haben: diese Schattenseiten nicht auszublenden, sondern im Blick zu behalten. Das heißt: für die Wahrheit einzustehen und nicht die Menschen billig mit Halbwahrheiten oder Floskeln abzuspeisen, aber dabei nicht die Würde und Freiheit des Einzelnen zu übersehen. Das bleibt gerade in Zeiten, wo religiöser Fanatismus und Relativismus sehr stark sind, ein bleibender Auftrag.

Der bedeutendste Theologe und Philosoph des Mittelalters war zweifellos der Dominikaner Thomas von Aquin. Welche Rolle spielte der Thomismus damals und welche Bedeutung hat er heute?

Pater Brogl: Thomas ist und bleibt nicht nur der bedeutendste Dominikaner, sondern auch die zentrale Grundlage unserer theologischen Beschäftigung. Er ist in seiner auch heute noch bewundernswerten Weite und Tiefe immer wieder Inspiration und Korrektiv für unser theologisches Nachdenken.

Wie wichtig Thomas für uns ist, zeigt sich nicht nur in den zahlreichen Brüdern und Schwestern, die sich mit ihm geistlich und wissenschaftlich beschäftigen, sondern auch daran, dass z. B. unsere jungen Brüder zusätzlich zum Studium regelmäßige „Extra-Einheiten“ zum Aquinaten haben, da Thomas an der Universität momentan etwas zu kurz kommt. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich an den Unis das auch wieder ändern wird …

Als Erneuerer des Thomismus gilt der französische Dominikanertheologe Marie-Dominique Chenu (1895-1990). Sein Einfluss auf das Zweite Vatikanische Konzil war, wie der seines Mitbruders Yves Congar (1904-1995), groß. Können Sie etwas dazu erzählen?

Pater Brogl: Beide gehören zu einer Gruppe, die eine neue Art des Theologietreibens geprägt hat: die sogenannte „nouvelle théologie“, die zwar vor dem II. Vatikanum sehr umstritten war und von der Kirchenleitung in Rom vielfach mit Lehrverboten belegt worden ist, aber gerade über das II. Vatikanische Konzil große Wirkung entfaltet hat.

Chenu hat – wie übrigens die dominikanische Theologie insgesamt – die Inkarnation in den Mittelpunkt seiner Überlegungen gestellt. Theologie ist für ihn kein vom Himmel gefallenes Wissen, sondern tief verbunden mit der Geschichte Gottes mit der Welt. Eine inkarnatorische Theologie überwindet deshalb die Dualismen von Ewigem und Zeitlichem, Sakralem und Profanem und sucht Gott inmitten den „Zeichen der Zeit“ – ein wichtiges Wort für das II. Vatikanum. Hier sieht man übrigens schön, wie gut die Theologie Chenus das vorher geschilderte Anliegen des hl. Dominikus aufnimmt und theologisch ausformt.

Yves Congar hat an den wichtigsten Dokumenten des II. Vatikanums mitgearbeitet. Wie Chenu war ihm die Geschichtlichkeit des Glaubens und auch die Fundierung der Theologie in der hl. Schrift und den Kirchenvätern wichtig. Gerade seine Arbeiten über die Ekklesiologie, eine trinitarische Verankerung der Kirche und die Aspekte, dass Kirche ihrem Wesen nach missionarisch ist, sowie das Nachdenken über die Bedeutung des Laien in der Kirche waren von großer Bedeutung.

Als Predigerorden sehen Dominikaner ihre Aufgabe in der Verkündigung des Wortes Gottes. Gibt es ein Rezept für eine gute Predigt?

Pater Brogl: Erstens: Aktuell, zweitens: theologisch und geistlich tief fundiert und drittens: konkret. Benedikt XVI. hat bei seinem Besuch in Freiburg den Seminaristen damals etwas Schönes mitgegeben, was gut für die Predigt passt: „Das Heute in Seinem Wort erlernen“. Dazu muss man sich als Prediger in der Vorbereitung doppelt bekehren: zum Heute – dorthin, wo es „brennt“ – und zum „ewigen Heute“ Gottes. Wenn das in der Vorbereitung passiert ist, merkt man das in der Predigt.

Was hat Sie persönlich dazu gebracht, Dominikaner zu werden?

Pater Brogl: Für mich waren drei Punkte entscheidend: Erstens haben mich die dominikanischen Mystiker sehr beeindruckt und geprägt, allen voran Katharina von Siena und Meister Eckhart. Ein weiterer wichtiger Punkt war für mich das Studium. Ich war damals am Abschluss meines Theologiestudiums und habe sehr gerne studiert. Das Ideal des „semper studere“ – immer zu studieren und an den Fragen der Zeit und der Theologie dran zu bleiben, war und ist für mich sehr attraktiv. Ein dritter Punkt war die Gemeinschaft: Die Rückbindung in eine betende und miteinander denkende und diskutierende Gemeinschaft war für mich sehr anziehend; nicht zuletzt, dass wir auch von unseren Persönlichkeiten und Charismen sehr unterschiedlich sind und dass dieser „Buntheit“ auch Raum gegeben wird; und dass die Dominikaner die Dinge sehr ernsthaft angehen und dennoch auch eine sehr fröhliche „Truppe“ sind, in der auch viel gelacht wird.

Welche Bedeutung hatte das Jubiläumsjahr für Sie und für Ihre Ordensgemeinschaft?

Pater Brogl: Das Jubiläumsjahr war für uns eine schöne Gelegenheit, dankbar auf das Geschenk unserer Berufung zu schauen: dass wir in dieser Gemeinschaft sein und aus dieser Tradition schöpfen dürfen. Man nimmt ja vieles oft zu selbstverständlich: unsere Wurzeln, unseren Glauben, unsere Berufung. „Was Gewohnheit ist, ist tot“, hat einmal ein geistlicher Meister unserer Zeit gesagt. Das Gegenteil von Gewohnheit ist Dankbarkeit.

Zudem hat es in den verschiedenen Zweigen des Ordens viele Initiativen gegeben und man hat gesehen, was alles möglich ist, wenn wir unsere Kräfte zusammenlegen. So mancher Kontakt unter und oder z. B. mit Medien hat sich ergeben oder vertieft – und so manche Idee wurde geboren.

Zugleich war es auch ein Impuls zur Erneuerung. Ein Jubiläum ist ja nie einfach nach hinten gerichtet, sondern der Blick auf die Großen und das Große des Ordens lässt auch die Weite und Tiefe des Auftrags unseres Ordens neu erkennen. So wird das Jubiläum – so glaube und hoffe ich – noch länger nachwirken …

*

Provinzial P. Thomas Gabriel Brogl OP stammt aus Donauwörth in Bayern. Nach dem Abschluss des Theologiestudiums in Augsburg, Rom und Freiburg ist er 2002 in den Dominikanerorden eingetreten. Nach der Übernahme der Pfarrei St. Martin in Freiburg war er Ausbildungsleiter und Finanzverwalter in Wien. Mit 37 Jahren wurde Pater Thomas im Februar 2015 zum Provinzial der süddeutsch-österreichischen Provinz vom hl. Albert gewählt. Sein besonderes Augenmerk gilt der Seelsorge sowie der Spiritualität in Wissenschaft und Praxis. Seit 2014 leitet er die neu errichtete „Schule christlicher Spiritualität“ im Wiener Dominikanerkloster (www.dominikaner.org).

_______

Quelle

MENSCHEN

20923rn

Papst Franziskus

Explizit.net: Dr. Eckhard Bieger SJ

Jorge Bergoglio hat sich den Namen Franziskus als Programm gegeben. Er will für die Armen da sein. Ist er deshalb franziskanisch geworden oder lebt sein Engagement aus den Wurzeln des Jesuitenordens? Als Jesuit wird man das öfters gefragt. Die Jesuiten sehen ihn weiterhin als einen der Ihren an, es ist die gleiche Wellenlänge. Das heißt aber nicht „un-franziskanisch“, denn für den Ordensgründer Ignatius waren Franziskus wie auch Dominikus Vorbilder.

Theologie der Befreiung

Jorge Bergoglio gehört zu der neuen Jesuitengeneration, die in Lateinamerika den vom Konzil ausgelösten Aufbruch mit gestaltet hat. Dieser bestand, gerade für die Jesuiten, in einer Hinwendung zu den Unterschichten. Bis dahin bildeten die Jesuiten an ihren Schulen und Universitäten die Kinder der Oberschicht aus, aus denen sich dann auch die Mitglieder des Ordens rekrutierten. Mit der Theologie der Befreiung, die sich an dem in Ägypten versklavten Nachkommen Jakobs orientierte, war eine für die Befreiung aus der Armutsfalle gemeint. Die argentinische Ausprägung dieser Theologie setzt auf die Volksfrömmigkeit. Das Volk ist Gott zugewandt, es könnte selbstbestimmt und mit genügend Einkommen für die Familien leben, wenn die Reichen sich nicht alle Geld- und Produktionsmittel für sich vorbehielten.

Die Jesuitenreduktionen in Lateinamerika

Diese Hinwendung zu den sozial Marginalisierten der lateinamerikanisch Theologie wurde für den Orden bestimmend, so dass die Generalversammlung 1974  formulierte: „Der Auftrag der Gesellschaft Jesu heute besteht im Dienst am Glauben, zu dem die Förderung der Gerechtigkeit notwendig dazu gehört.“  Das geschah auf Drängen der lateinamerikanischen Delegierten dieser Generalversammlung. Ganz ohne historische Wurzeln ist diese Theologie nicht. Waren im 19. Und 20. Jahrhundert die Schüler der Ordensschulen weitgehend spanischer Herkunft, gab es im 17. Jahrhundert bis zur Bekämpfung des Ordens im 18. Jahrhundert ein groß angelegtes Sozialinitiative für die Indios. Um sie vor dem Zugriff der Eroberer und deren Krankheiten zu schützen, wurden Siedlungen mit Schulen, Kultureinrichtungen gegründet, an deren Verwaltung die Kaziken beteiligt wurden. Diese Reduktionen breiteten sich aus und hätten sich zu einem Vatikanstaat entwickeln können. Die inzwischen antikirchlichen  Regierungen in Portugal und dann in Spanien vernichteten diese große Sozialwerk ab Mitte des 18. Jahrhunderts.

Die Akzentuierung der Armut

Während für Franz v. Assisi die Armut die Lebensform ist, die den Menschen mehr in die Nähe zu Jesus bringt, ist sie für den Jesuiten eher die Hinwendung zu den Armen und die tatkräftige Veränderung ihrer Situation. Wie bereits die Reduktionen beinhaltet auch das Sozialkonzept des Papstes die Überwindung des Kapitalismus in dem Sinne, dass nicht der Gewinn, sondern der Mensch das Ziel der Ökonomie sein muss.

Es geht auch um die Finanzierung der Schulen und Universitäten. Anders als bei Franz v. Assisi hat Ignatius für seine Prälogischen Einrichtungen eine Finanzierung gewählt, die einen dauerhaften Betrieb ermöglichen soll. Franz v. Assisi hinterließ seiner Gründung einen jahrzehntelangen Streit darüber, wie die Einrichtungen des Ordens finanziert werden können. Zwar folgte Ignatius den Idealen der Bettelorden, indem er die Schüler von einem Entgelt für Unterricht und Unterbringung freistellte. Die Schulen wurden durch den Ertrag landwirtschaftliche Güter unterhalten. Die der Seelsorge dienenden Niederlassungen sollten sich wie die der Franziskaner durch Betteln unterhalten.

Die Kunst der Unterscheidung

Das zentrale Erbe des Ignatius sind seine Exerzitien. Papst Franziskus ist in ihnen verwurzelt. Er verehrt aus der Gründergeneration vor allem den Savoyaden Petrus Faber, der als erster Jesuit im von der Reformation aufgewühlten Deutschland wirkte. Mit seiner Ansprache vor der Ordensversammlung am 24. Oktober 2016 sprach der Papst nicht wie von außen, sondern wie ein Mitglied des Ordens und zeigte dabei eine detaillierte Kenntnis der Ordensgeschichte. Die Ansprache wurde von den Jesuiten als authentisch rezipiert und kann als authentische Einführung in die Spiritualität des Ignatius v. Loyola gelesen werden. Die Jesuiten fühlen sich im Geist ihres Gründers angesprochen. Eine Passage sei hier zitiert: „Immer kann man noch einen Schritt weiter vorwärts gehen, indem wir das Gute im guten Geist tun, im Fühlen mit der Kirche, wie Ignatius sagt. Zur Gesellschaft Jesu gehört auch der Dienst, die Art und Weise, wie wir die Dinge angehen, zu unterscheiden. Faber formulierte dies, als er um die Gnade bat, „dass alles Gute, was ich je tun, denken, anordnen … werde, vom guten Geist angeregt werde und nicht vom bösen.“ Diese Gnade zu unterscheiden, dass es nicht genügt, das Gute zu denken, zu tun oder anzuordnen, sondern man es im guten Geist tun muss, verankert uns in der Kirche, in der der Geist tätig ist und seine verschiedenen Charismen für das Gemeinwohl verteilt. Faber sagte, in vielen Dingen hätten diejenigen Recht, die die Kirche reformieren wollten, aber Gott wollte sie nicht auf deren Art und Weise korrigieren.“
Diese Kunst der Unterscheidung, im Blick auf Gott zuerst genauer hinzuschauen und dann abzuwägen, irritiert nicht wenige an dem Schreiben des Papstes zu Ehe und Familie. Das Vorgehen besteht nicht darin, dass allgemeine Richtlinien und Gebote auf den konkreten Fall angewandt werden, sondern wie aus der Situation, in der der einzelne oder einer Gruppe sich befinden, der jeweils nächste Schritt zu einem größeren Guten gegangen werden kann.

Franziskanisch im Umgang

Vergleicht man Franz v. Assisi und Ignatius von Loyola in ihrer Gestik und wie sie mit Menschen kommuniziert haben, dann ist Ignatius schon eher ein Vertreter der Oberschicht, der sein Verhalten kontrolliert und die Jesuiten dazu anhält. Auch soll kein unbedachtes Wort aus dem Mund eines Jesuiten zu hören sein. Hier ist der Papst dann nicht ignatianisch, sondern viel mehr an Franziskus orientiert.

Die Ansprache des Papstes vor der Generalversammlung des Jesuitenordens im Oktober 2016
Über diesen Link ist auch die vollständige Übersetzung der Ansprache zu erreichen.

Jesuiten würdigen Papst: Frei und volksnah, klug und mutig

1879914_articolo

Keine Angst vor Berührung: Papst Franziskus

Als „freien Menschen“ beschreibt der ehemalige Vatikansprecher Pater Federico Lombardi Papst Franziskus. Fest macht Lombardi diese Eigenschaft an der Unberechenbarkeit des Papstes in Wort und Tat und an seinem Schutz des eigenen Privatlebens. „Nach der Wahl von Papst Franziskus stand ich wieder am Anfang“, bekennt Lombardi, der bereits unter Benedikt XVI. Vatikansprecher war. „Ich musste mich darauf beschränken, mit gewissen Dingen zu rechnen. Ich musste auf die ideale, totale Kontrolle über den Terminkalender des Chefs verzichten, von der ich einst geträumt hatte.“ Vorher sei in Rom ein „gewisser Ärger“ über die Macht der päpstlichen Privatsekretäre umgegangen, erinnert sich der Jesuit: Diese Sekretäre „waren so firm darin, den »Geist« ihres Vorgesetzten zu deuten, dass sie sich beinahe an dessen Stelle setzten“; der Papst sei in diesem Kontext bisweilen als „Gefangener der Kurie“ bezeichnet worden. Mit Franziskus, der zwei Privatsekretäre einsetzte, habe sich die Lage geändert, so Lombardi. Auch seine Residenz im Gästehaus Santa Marta erlaube ihm, „flexiblere Beziehungen zu unterhalten als im Apostolischen Palast“ und „auch mal persönlich, abseits der offiziellen Wege“, einen Termin auszumachen. Für Franziskus gebe es „noch eine private Dimension seines Lebens“, so Lombardi weiter. Zu dieser gehörten „Freundschaft und Seelsorge, die sich der Förmlichkeit der Institutionen entziehen“. Es gelte, diese Dimension „zu respektieren und zu schützen“: „Ich habe schnell gelernt, dass es seine Richtigkeit hatte, wenn ich in diesem Bereich weder informiert noch um Informationen gebeten wurde.“ Federico Lombardi war von 2006 bis 2016 Pressesprecher des Heiligen Stuhls. Der Italiener leitet jetzt die Joseph-Ratzinger-Stiftung.

Papst öffnet Kirche für Veränderungsprozesse

Der Jesuit Klaus Mertes, Leiter des St. Blasien Kollegs im Schwarzwald, hebt die „Klugheit“ des Papstes hervor. Franziskus habe als argentinischer Jesuitenprovinzial gelernt, dass man ein „autoritäres System nicht autoritär verändern“ könne, so Mertes, der an dem Papst lobt, dass dieser die Eigenverantwortlichkeit der kirchlichen Glieder betone. So setze er etwa bei der Frage des Abendmahls für gemischtkonfessionelle Ehepaare auf Vorschläge der Bischöfe. Wer Franziskus würdigen wolle, dürfe „nicht nur auf ihn schauen“, folgert Mertes, sondern müsse „darauf vertrauen, dass die Veränderung der Kirche und die Erneuerung der Christenheit ihren Gang gehen“: „Das Ergebnis steht nicht schon in dem Moment fest, wo das Neue beginnt. Papst Franziskus öffnet die Kirche für Veränderungsprozesse.“

Papst ohne Berührungsängste

„Dieser Papst lässt sich berühren. Er umarmt frisch verheiratete Paare bei der Generalaudienz, Menschen mit Behinderung, Flüchtlinge, Obdachlose und Kranke. Diese Berührbarkeit ist etwas Neues im Papstamt“, schreibt P. Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Franziskus‘ physische Zugänglichkeit rühre daher, dass er Menschen möge, und funktioniere „auch in Kulturen, wo Umarmungen nicht zur Normalität gehören“, wie man bei der Papstreise nach Korea gesehen habe. Die tiefere Ursache für die „Nahbarkeit“ dieses Papstes ortet Hagenkord in Bergoglios Konzept einer „Mystik“ der menschlichen Nähe, die er in seinem Schreiben Evangelii gaudium reflektiert. „Mystiker umarmen andere Menschen, sind anfassbar. Sie kommen zwar manchmal chaotisch daher – doch das ist ihre Art, nahe bei Gott zu sein und selber berührbar zu bleiben“, kommentiert Hagenkord.

Glaubwürdig und ehrlich

Pater Hans Zollner, Vize-Rektor der Päpstlichen Universität Gregoriana, hebt die Glaubwürdigkeit des Papstes hervor: „Was auch immer die Leute am Papst auszusetzen haben: Keiner hat je behauptet, Franziskus sei unglaubwürdig“, so Zollner, der Mitglied der Kinderschutzkommission im Vatikan ist. Diese Glaubwürdigkeit zeige sich in der einfachen Sprache des Papstes und der Übereinstimmung zwischen seinen Worten und Taten, findet Zollner: „Er tut, was er sagt. Er spricht aus, wovon er überzeugt ist, und lebt vor, was er predigt.“ Dabei wisse der Papst sehr wohl, wer er sei, sehe aber „auch die Grenzen seines Amtes“. Dass das Papstamt Bergoglio verändert hat, galubt Zollner nicht: Franziskus sei „derselbe“ geblieben, „der nach seiner Wahl auf die Loggia des Petersdoms trat, mit dem familiären Gruß Buona sera“.

(die zeit 16.12.2016 pr)

Ö: „Papst will Konzil umsetzen und muss dabei querdenken“

ansa917822_articolo

Papst Franziskus, querdenken und hochschauen

Papst Franziskus bemüht sich konsequent um die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils und muss in diesem Bemühen mitunter auch ein innerkirchlicher Provokateur und Querdenker sein: Dieses Resümee hat der Jesuit und Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“, P. Andreas Batlogg gezogen. In einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Furche“ zum 80. Geburtstag des Papstes betont Batlogg, dass dieser nicht lehrmäßig auf die Zeit reagieren wolle. Er wolle vielmehr „das Konzil umsetzen – und Türen öffnen“, so der Jesuit: „Hinter verschlossenen oder verschlossen geglaubten Türen warten Möglichkeiten. Das löst Angst aus.“

Ein Papst, der „ausprobiert“…

Papst Franziskus probiere aus – und wenn eine Idee misslinge, folge die nächste. Batlogg: „Manches kommt spontan. Aber von Herzen: Wie das Jahr der Barmherzigkeit, das mit dem Schließen der Heiligen Pforten nicht einfach zu Ende ist.“ Der Papst verstehe Barmherzigkeit als Programm der Kirche, nicht nur seines Pontifikats. Dass Papst Franziskus polarisiert und die Kirche spaltet, seien „absurde Unterstellungen“, betont Batlogg, „geschürt meistens von Frustrierten, die päpstlicher als der Papst sein wollen“, oder vom „Feuilletonkatholizismus“, der meint, „päpstliche Entscheidungen mit Kommentaren beeinflussen zu können“.

…und „verunsichert“

Viele in der Kirche seien freilich durch diesen Papst auch sehr verunsichert. Den einen regiere Franziskus zu wenig, den anderen zu autoritär; den einen lehre er zu wenig, für andere überhaupt nicht. Und manche würden sich – wie der Philosoph Robert Spaemann – zu der Behauptung versteigen, mit „Amoris laetitia“ sei „das Chaos“ gleichsam „mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben“ worden. Andere befürchteten einen Imageschaden für das Papstamt, wenn zu sehr auf Kollegialität und Dezentralisierung gesetzt wird. Und der Papst „lächelt … – und geht seinen Weg weiter“.

Franziskus nehme Kommentare, Sticheleien und Angriffe freilich durchaus zur Kenntnis. Batlogg erinnert etwa an ein Interview mit der Zeitung „Avvenire“. Darin habe der Papst zu Vorwürfen, er verunsichere die Kirche, darauf hingewiesen, es müsse „im Fluss des Lebens unterschieden“ werden, „Amoris laetitia“ werde nach wie vor nicht verstanden, es gebe keine weiteren Interpretationen, man könne nicht nur nach dem Schema „Schwarz und Weiß“ denken und handeln. Der Papst sehe in den Vorwürfen auch „die Unfähigkeit, das Zweite Vatikanische Konzil wirklich und wirksam zu rezipieren“, so Batlogg.

Werbung für die „Unterscheidung der Geister“

Papst Franziskus suche auch Verbündete „und er braucht sie“, so der Jesuit weiter. Als Papst wolle er Diener sein. Die Grundgeste seines Pontifikats sei das Sich-Herabbeugen, wie er es bei der Fußwaschung am Gründonnerstag 2013, wenige Tage nach seiner Wahl, an zwölf Strafgefangenen im römischen Jugendgefängnis Casal del Marmo vollzogen hatte. Das Foto dazu habe Symbolcharakter bekommen.

Batlogg abschließend: „Der beste Jesuit ist derzeit sicher der Papst. Er ist ein perfekter Werbeträger ignatianischer Spiritualität.“ Die Kunst der Unterscheidung der Geister sei wichtig für die Kirche, „Papst Franziskus erwähnt das, wo er nur kann“.

(kap 15.12.2016 pr)

Franziskaner der Erneuerung päpstlich anerkannt

download

Lange Bärte, hellgraues Habit, und der Rosenkranz: Die Franziskaner der Erneuerung sind leicht erkennbar.

Manche Orden sind vom Aussterben bedroht, andere entstehen neu und blühen auf. Ein Beispiel sind die Franciscan Friars of the Renewal (C.F.R) aus den Bronx in New York. Die „Franziskaner der Erneuerung“ sind nun offiziell als Gesellschaft päpstlichen Rechts anerkannt, meldet die Ordensgemeinschaft.

Acht Kapuziner gründeten die CFR-Franziskaner 1987 in der Erzdiözese New York. Ihr Ziel: Sich ganz den Armen und der Evangelisierung zu widmen. 1999 errichtete Kardinal John O’Connor die Gruppe als Diözesan-Institut.

Heute hat der Orden bereits rund 100 Kapuzinerpatres – auch aus Deutschland gibt es Berufungen – in 10 Diözesen in sechs Nationen im Einsatz. Neben den USA wirken die Franziskaner der Erneuerung in Großbritannien, Irland, Nicaragua und Honduras.

Als Institut päpstlichen Rechts sind die Franciscan Friars of the Renewal nun direkt dem Vatikan unterstellt. Es ist die höchste Form der Anerkennung für neue Religionsgemeinschaften dieser Art. Voraussetzung ist nachweisliches Wachstum über einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren.

Einer der Gründer war Pater Benedikt J. Groeschel, der auch das Franziskushaus für Obdachlose in New York gründete und die „Häuser vom Guten Rat“ für schwangere Frauen. Der auch EWTN-Zuschauern gut bekannte Moderator der Sendung „Sunday Night: Live with Father Benedikt Groeschel“ leitete zudem ein Exerzitien-Haus und lehrte an einem Priester-Seminar.

Die Anerkennung der CFR-Franziskaner hat er nicht mehr erlebt: Pater Groeschel starb, im Alter von 81 Jahren, im Oktober 2014. Sein und das Erbe der anderen Gründer – darunter Stan Fortuna, Robert Stanion, Glenn Sudano, Bob Lombardo, und Andrew Apostoli – den Menschen als Kapuziner zu dienen und ihnen die Frohe Botschaft zu bringen, wird aber täglich weiter gelebt.