Papst: „Souveränismus führt zu Krieg, deshalb brauchen wir Dialog“

Papst Franziskus macht sich Gedanken über die Zukunft Europas, über Nationalismus und Populismus. In einem Interview mit der Turiner Tageszeitung „La Stampa – Vatican Insider“ vom Freitag sagt Franziskus, der Versuch einer Gemeinschaft, ihre Identität zu wahren, dürfe nicht zum Ausschluss anderer führen. Politiker bräuchten Kreativität und Umsicht bei der Aufnahme von Migranten.

Mario Galgano – Vatikanstadt

In dem langen Interview geht es aber nicht nur um Europa. So spricht der Papst auch über die Amazonien-Synode, die eine Antwort auf die globale Umweltkrise geben wolle. Aber diese Antwort entstehe „aus der Kirche und wird eine missionarische und evangelisierende Dimension haben“, erläutert der Papst.

Zurück zu Europa: Der Kontinent müsse – so wie die Umwelt – gerettet werden, weil es um ein wichtiges Erbe gehe, das „nicht aufgelöst werden kann und darf“. Zwei Elemente schlägt der Papst den Europäern vor: Dialog und Zuhören und zwar „ausgehend von der eigenen Identität“ und von menschlichen und christlichen Werten, die das Gegenmittel zu „Souveränismus und Populismus“ seien. Dialog und Zuhören seien der Motor für „einen Wiederanlaufprozess“, „der ununterbrochen weitergeht“.

Das Interview von Papst Franziskus mit Domenico Agasso, Vatikan-Korrespondent für „La Stampa“ und Koordinator von „Vatican Insider“, behandelte auch das Thema Einwanderung, das eng mit der politischen Herausforderung der Nationalismen in Europa verknüpft ist.

Der Traum der europäischen Gründerväter

Es bestehe die Hoffnung, dass Europa wieder jener „Traum der Gründerväter“ sein könne, so die Hoffnung des Papstes. Es handele sich um eine Vision, die durch die Umsetzung jener „historischen und kulturellen Einheit“, die den gesamten Kontinent ausmache, erfüllt werde. Obwohl es „Verwaltungsprobleme und interne Meinungsverschiedenheiten“ gegeben habe, so der Papst weiter, „kann die Ernennung von Ursula von der Leyen, einer Frau als Leiterin der Europäischen Kommission, geeignet sein, die Stärke der Gründerväter wiederzubeleben“, denn „Frauen haben die Fähigkeit, zu einen“.

Zuerst Europa, dann jeder von uns

Die größte Herausforderung für den Wiederanlauf Europas bestehe also im Dialog. „In der Europäischen Union müssen alle miteinander reden, sich austauschen, einander kennen“, sagt der Papst und erklärt, dass der „mentale Mechanismus“ hinter jeder Argumentation darin bestehe müsse, „zuerst Europa, dann jeden von uns“ zu betrachten. Dazu bekräftigt er: „Man muss auch zuhören“, während doch sehr oft nur „Kompromissmonologe“ geführt würden.

Dialog müsse mit einer klaren Vorstellung der eigenen Identität beginnen, führte Franziskus aus. „Europa hat menschliche und christliche Wurzeln, es ist die Geschichte, die uns das sagt“. Der Papst unterstreicht den Beitrag von Katholiken, Protestanten und die „wertvolle Rolle“ der Orthodoxen bei der Schaffung einer gemeinsamen Identität. Eine Identität könne aber „nicht ausgehandelt“ werden und sei „ein kultureller, nationaler, historischer und künstlerischer Reichtum“, der jedem Land eigen sei und der in den Dialog integriert werden müsse.

Öffnung für die Identitäten anderer Menschen

Das Problem, erklärt der Papst weiter, sei die Übertreibung, denn wenn man die eigene Identität über alles stelle, so werde sie zum Synonym für Schließung. „Das ist der entscheidende Punkt“, stellt er fest: „Von der eigenen Identität aus muss man sich dem Dialog öffnen, um aus den Identitäten der anderen etwas Größeres zu erhalten. Man soll nie vergessen, dass das Ganze dem Einzelteil überlegen ist“. In diesem Sinne sei der Souveränismus eine Gefahr, da er eine „Haltung der Isolation“ darstelle.

Er habe in der Tat Angst, wenn in öffentlichen Reden das „Wir“ der erste und vor allem einzige Gedanken sei. „Ein Land muss souverän sein, aber nicht geschlossen“, erklärt er. „Souveränismus ist eine Übertreibung, die immer schlecht endet: Sie führt zu Krieg.“

Migranten: Zuerst das Recht auf Leben

Für den Umgang mit Migranten zählte der Papst einmal mehr seine vier Kriterien auf: Aufnahme, Begleitung, Förderung und Integration. Über allem aber stehe das Recht auf Leben, „das das Wichtigste von allem“ sei. Andererseits müssen „Regierungen umsichtig denken und handeln“, denn „diejenigen, die verwalten, sind aufgerufen, darüber nachzudenken, wie viele Migranten sie aufnehmen können“.

Der Papst ruft Politiker auf, kreative Lösungen zu finden, etwa bei der Belebung von Regionen die unter Bevölkerungsrückgang oder Landflucht litten.

Die Amazonien-Synode ist „Dringlichkeitssynode“

Die im kommenden Oktober im Vatikan stattfindende Amazonien-Synode sei Teil von Laudato Si, der sozialen Enzyklika von Franziskus, in der es um das Bewahren der Schöpfung gehe. Es sei nicht einfach eine „grüne Enzyklika“, bekräftigte er. Vielmehr gehe es um eine Notwendigkeit, und er bezeichnete deshalb die nächste Bischofsversammlung eine „Synode der Dringlichkeit“. Er sei schockiert über die Tatsache, dass der Mensch am 29. Juli bereits alle regenerativen Ressourcen für das laufende Jahr verbraucht habe. Dies, zusammen mit dem Abschmelzen der Gletscher in Island und Grönland, den Bränden in Sibirien, dem Anstieg der Kunststoffabfälle in den Meeren und dem Risiko eines steigenden Meeresspiegels, führe dazu, dass der Planet in „einer weltweiten Notsituation“ sei.

Synode ist kein einfaches Treffen, sondern Teil des Kircheseins

Die Synode „ist kein simples Treffen von Wissenschaftlern oder Politikern. Es ist kein Parlament, es ist etwas Anderes. Sie wurde aus der Kirche geboren und wird eine missionarische und evangelisierende Dimension haben“, stellt Franziskus klar. Unter den wichtigen Themen werde es auch „die Dienste der Evangelisation und die verschiedenen Arten der Evangelisation“. Er betont in dem Interview, dass die Möglichkeit, ältere und verheiratete Männer zu Priester ordinieren, um den Mangel an Geistlichen in den Gebieten auszugleichen, nicht eines der Hauptthemen der Synode sein werde, sondern „einfach eine Anregung des Instrumentum Laboris darstellt“.

Das sich auf neun Staaten aufteilende Amazonasgebiet repräsentiere „einen entscheidenden Ort“, der zusammen mit den Ozeanen „zum Überleben des Planeten beiträgt“. Ein von „wirtschaftlichen und politischen Interessen dominierte Bereiche der Gesellschaft“ bedrohte aber dieses Gebiet. Die Staaten rief der Papst auf, Korruption zu beseitigen und das Hinnehmen der Ausbeutung zu beenden. Stattdessen gelte es, „konkrete Verantwortung zu übernehmen“.

Die Zukunft ist für junge Menschen da

Aus dem Amazonas kommt „der größte Teil des Sauerstoffs, den wir atmen“. Entwaldung bedeute daher „Tötung der Menschheit“, erinnert der Papst, der dann die Bedeutung der Pflanzen erläutert, die vor allem durch das „Verschwinden der Biodiversität“ bedroht seien. Das bedeute aber neue tödliche Krankheiten für die Menschen. Denn die Verwüstung der Natur führe unweigerlich zum Tod der Menschheit. Das Vertrauen in eine veränderte Wahrnehmung werde glücklicherweise durch die Bewegungen junger Menschen für die Ökologie gegeben, wie zum Beispiel der Bewegung „Fridays for Future“ von Greta Thunberg.

„Ich habe bei diesen jungen Menschen ein Plakat gesehen, das mich sehr berührt hat“, verrät der Papst und sagte, dass dort darauf stand: „Wir sind die Zukunft!“

(vatican news)

Kardinal Gerhard Ludwig Müller: DIE GOTTESFRAGE – HEUTE


Einer angesehener Philosoph der Gegenwart, Volker Gerhardt von der  Humboldt-Universität Berlin, hat vor kurzem das Projekt einer „rationalen Theologie“ vorgelegt. Sein Buch trägt den bezeichnenden Titel: „Der Sinn des Seins. Versuch über das Göttliche.“[1]

Es geht darum, schon im Vorfeld des geoffenbarten Glaubens philosophisch die Rationalität des natürlichen Glaubens an die Existenz Gottes aufzuweisen. Von der Analyse des Selbstbewusstseins, das vom Weltbewusstsein nicht zu trennen ist, kommt er zu dem bedenkenswerten Ergebnis: „Solange der Mensch sich als Person begreift, versteht er die Welt, die ihn und seinesgleichen möglich macht. Es ist sein Selbstverständnis, das ihn auf das Weltverständnis rechnen lässt. Sofern er sich darin nicht überschätzt, hat er allen Grund, die ihn und alles andere umfassende Welt, in Anerkennung ihrer ungeheuerlichen Vielfalt und Größe, ihrer Schönheit und Schrecken sowie in ihrer mit jedem Wort und jeder Tat in Anspruch genommenen Möglichkeiten, ‚göttlich‘ zu nennen. Wer sich unter diesen Bedingungen nicht scheut, trotz allem an sich selbst zu glauben, hat einen guten Grund, im Göttlichen an Gott zu glauben.“[2]

Etwas süffisant erzählt Volker Gerhardt in der Einleitung seines Buches, dass der tonangebende Professor der Philosophie an einer großen deutschen Universität den Erstsemestlern autoritativ und alternativlos darzulegen pflegte, dass Gott heute kein Gegenstand der Philosophie mehr sei. Er bediente sich des Nietzsche-Wortes vom „Tod Gottes“, um definitiv zu belegen, dass man sich mit einem nicht existierenden Wesen nicht rational befassen könne. Während seines großen Auftrittes war aber wohl  dem verehrten Herrn Kollegen die Tatsache nicht präsent, dass Nietzsches Wort vom Tod Gottes nicht die Feststellung eines neutralen Forschungsergebnisses ist. Darin zeigt sich vielmehr die Erschütterung des Nihilismus, der unserem Dasein  allen Halt und jede Richtung nimmt. Inzwischen habe besagter Professor jedoch erkannt, dass die Frage nach Gott solange nicht totzukriegen sei als sich Menschen in ihrer fragilen Existenz mit dem Sinn ihres individuellen Daseins und des Daseins der ganzen Menschheit, deren Mitglied ich bin, beschäftigen.

Gott ist also ein lohnenswertes und unausweichliches Thema, die mit der Frage nach mir selbst verbunden ist, ob ich nun an ihn glaube, seine Existenz atheistisch leugne oder skeptisch an Gottes Interesse an mir zweifle.

Völlig abwegig wäre es von vornherein, mit naturwissenschaftlichen Methoden, also more geometrico, die Existenz eines Dings oder lebendigen Wesens jenseits der sinnlichen und erscheinenden Welt als Teil eben dieser Welt beweisen oder widerlegen zu wollen. Denn Gott gehört per definitionem nicht zum Universum. Er ist weder ein Teil der empirischen und phänomenalen Welt noch eine immanente Wirkkraft in ihr, sondern ihr transzendenter Grund. Es gilt vielmehr zu zeigen, dass im Bezug  des menschlichen Geistes auf das Eine und Ganze der Welt die Frage nach dem transzendenten Ursprung und Ziel von Mensch und Welt sinn-voll und damit vernünftig ist.

Den Sinn des Ganzen in seinem transzendenten Grund zu entdecken, heißt nicht, dazu verurteilt zu sein, ihn erfinden zu müssen. Wie sollte uns vergänglichen Wesen dies möglich sein?

Aus dem Glauben an Gott ergibt sich eine andere Konsequenz: Wir müssen uns nicht rechtfertigen, dass es uns überhaupt gibt und dass wir andern den Platz wegnehmen  oder als Kinder, Kranke und Greise ihnen zur Last fallen. Es ist vielmehr so, dass Gott es rechtfertigt, dass es mich gibt und ich der bin, der ich bin.  Sich also für sein Dasein zu entschuldigen, ist eine Beleidigung Gottes. Im Glauben an den gütigen und barmherzigen Gott schwindet das Gefühl, dass alles sinnlos und vergebens sei. Der Apostel drückt dies so aus: „Als aber die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes unseres Retters erschien, hat er uns gerettet – nicht weil wir Werke vollbracht  hätten, die uns gerecht machen können, sondern aufgrund seines Erbarmens – durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist.“ (Tit 3,4f).

Die atheistische Überzeugung, dass die Geistesgeschichte und der atemberaubende Fortschritt der Naturwissenschaft und Technik sowie der globalen Digitalisierung des Wissens mit innerer Notwendigkeit in den restlosen Immanentismus und Säkularismus führe, widerspricht der Tatsache, dass der Mensch sich den existentiellen Fragen nach seinem Woher und Wohin immer neu stellen muss und will. Die Frage nach dem Sinn von Sein und dem Ziel unserer Existenz kann darum vom Positivismus nicht als sinnlos abgewiesen und deshalb auch niemals zum Schweigen gebracht werden.[3]

Der Philosoph Robert Spaemann stellt in seinem Buch „Der letzte Gottesbeweis“ fest: „Von den Wissenschaften wurde bisher kein einziges ernsthaftes Argument gegen das Gerücht von Gott vorgebracht, sondern nur von der sogenannten wissenschaftlichen Weltanschauung, dem Szientismus, also dem, was Wittgenstein den Aberglauben der Moderne genannt hat. Die neuzeitliche Wissenschaft ist Bedingungsforschung. Sie fragt nicht, was etwas ist und warum es ist, sondern sie fragt, was die Bedingungen seines Entstehens sind. Sein, Selbstsein aber ist Emanzipation von den Entstehungsbedingungen. Und das Unbedingte, also Gott, kann per definitionem innerhalb einer innerweltlichen Bedingungsforschung nicht vorkommen, so wie der Projektor im Film… Die Alternative lautet also nicht: wissenschaftliche Erklärbarkeit der Welt oder Gottesglaube, sondern nur so: Verzicht auf das Verstehen von Welt, Resignation oder Gottesglaube… Der Glaube an Gott ist der Glaube an einen Grund der Welt, der selbst nicht grundlos, also irrational ist, sondern ‚Licht‘, für sich selbst durchsichtig und so sein eigener Grund.“[4]

Es geht hier nicht um die fachphilosophische Frage, ob dem tranzendentalen oder ontologischen Zugang der Vorrang einzuräumen sei oder ob bei der Untrennbarkeit von Selbsttranszendenz und Welttranszendenz sich der Vernunft im Erkenntnisakt  eine Synthese der beiden Ausgangspunkte empfiehlt. Diese beiden Ansätze führen entweder zu Gott als absolutem Geist, dem unendlichen Bewusstsein seiner Selbst oder zum Sein, das durch sich selbst existiert und keines anderen Grundes zu seiner Verwirklichung bedarf (ipsum esse per se subsistens). Wenn wir in der philosophischen Theologie von der Vernunft als Ort der Eröffnung der Gottesfrage sprechen, meinen wir nicht die instrumentelle Vernunft oder die schiere Intelligenz als Strategie des Überlebens, die uns nach Nietzsche von „findigen Tieren“ nicht wesentlich unterscheidet. Gemeint ist mit dem Terminus „Vernunft“ „das Vermögen, mittels dessen der Mensch sich selbst und seine Umwelt überschreitet und sich auf eine ihm selbst transzendente Wirklichkeit beziehen kann… Glauben, dass Gott ist, heißt, dass er nicht unsere Idee ist, sondern dass wir seine Idee sind.“[5]

Zur Klärung möchte ich schon hier bei aller inneren Bezogenheit der philosophischen und theologischen Gotteserkenntnis auf ihren wesentlichen Unterschied hinweisen. Aufgrund der Offenbarung Gottes sagen wir nicht nur, dass Gott der absolute Geist und das in und für sich bestehende Sein ist. Für den gläubigen Christen gilt darüber hinaus die höchste Erkenntnis, dass Gott die Liebe ist (1 Joh 4,8.16) in der Gemeinschaft von Vater, Sohn und Geist. Mit Hilfe der Vernunft können wir bis zur Einsicht gelangen, dass Gott Geheimnis und der uns Unbekannte ist, dass ER aber in seiner Selbst-Offenbarung sich uns im Wort zu erkennen und im Heiligen Geist sich uns zu lieben geben kann, wenn er will.[6]

Die neuzeitliche Entfremdung von Gott in ihrer ganzen Bandbreite angefangen mit der Entpersönlichung Gottes im Pantheismus und Deismus über den resignierten Agnostizismus bis zum aggressiven Neoatheismus, der jede Religion für schädlich und bekämpfenswert hält[7], hat letztendlich zwei Wurzeln:

Da ist zum ersten die philosophische Erkenntnistheorie, die die Reichweite der metaphysischen Vernunft so einschränkt, vor allem bei Kant, dass Gott nur als ein Ideal der reinen Vernunft oder als Postulat der praktischen, d.h. sittlichen Vernunft übrig bleibt. Die Theologie als Wissenschaft ist damit obsolet geworden.

Zum zweiten und damit verbunden ist es die sog. wissenschaftliche Weltanschauung. Sie setzt an bei der modernen Naturwissenschaft, die sich zwar methodisch auf das empirisch Quantifizierbare und mathematisch Beschreibbare also die logische Struktur der Materie, beschränkt, dann aber in Verbindung mit einem monistischen Materialismus alles Seiende und Erkennbare auf das gegenständlich-sinnenhaft Gegebene reduziert. Das Wissen als Kenntnis des Gegenständlichen wird dem Glauben als sinn-erschließendes Erkennen Gottes entgegengestellt. Die paradoxe Folge daraus ist, dass das Wissen zu einem Glauben wird (im Wissenschafts- und Fortschrittsglauben) und der Glaube, der in seinem Wesen eine personale erkennende und freie Beziehung zu Gott auf ein gegenständliches Wissen reduziert wird, wodurch Gott zur notwendigen oder überflüssigen Hypothese wird um die Existenz und Zweckmäßigkeit von Naturprozessen zu erklären (Gott als Erbauer der mechanischen Weltenuhr, intelligenter Naturdesigner oder  Evolutionsprogrammierer).

Der Positivismus als sogenannte „wissenschaftliche Weltanschauung“ zieht die reduktionistische Konsequenz für die Wesensbestimmung des Menschen nach sich: Der Mensch ist nichts anderes als Materie, als eine Maschine, ein Tier und sein Gehirn ist nichts anderes als ein Computer, der einmal durch künstliche Intelligenz überboten wird. Er ist eine Spezies unter anderen mit dem typischen Hang, sich über andere Spezies zu erheben. Darum stehe z.B. ein Tier wegen seiner größeren Intelligenzleistung über einem geisteskranken Menschen oder einem Embryo und Kleinkind, das noch nicht rechnen kann. Es ist klar, dass dann in der Ethik die Differenz zwischen Gut und Böse durch die Kategorie des Nützlichen und Zweckdienlichen und empirisch Überprüfbaren ersetzt wurde. Der empiristische Naturalismus wurde von Paul Henri d’Holbach in seiner Schrift „Système de la nature (1770) auf eine ewig für sich existierende Materie zurückgeführt. Allein nach mechanischen – und heute muss man hinzufügen – nach biologischen und chemikalischen Gesetzmäßigkeiten gibt die Materie sich selbst vermittels der Evolution des Lebendigen ihre Gestaltung in einzelnen Spezies und Lebewesen. Leben und Bewusstsein des Menschen wären nur höhere Formen der sich selbst organisierenden Materie. Die idealen Inhalte des Bewusstseins, wie die Gottesidee und die moralischen Imperative seien nur Produkte der Sinnlichkeit und des Überlebenswillens. Den Ideen unseres Verstandes entspreche also nichts in der Wirklichkeit außer der Materie und der Evolution. Entweder sind sie entwicklungspsychologisch bedingte Relikte aus unserer Kindheitsphase des Individuums oder der Spezies. Oder sie sind – in der gesellschaftspolitischen Tendenz gelesen – Herrschaftsinstrumente der Kirche und des Staates. Erst wenn die Blockaden der Metaphysik und der geoffenbarten Religion, nämlich des Christentums, überwunden seien, habe der Mensch die unverstellte Einsicht in seine Situation und werde frei von Aberglauben und religiösem Fanatismus, womit der Klerus das Volk in Unmündigkeit gefangen hält. Die Toleranz auf dem Boden des Agnostizismus und Relativismus muss – so meinen sie – den starren Dogmenglauben der Kirche hinwegfegen. Und eine lustbetontes Leben befreie uns von der lebens- und leibfeindlichen Gesetzesmoral des Christentums.

In einer radikal religionskritisch gewendeten Aufklärung war man davon überzeugt, dass erst der gesellschaftlich und pädagogisch durchgeführte Atheismus die Menschheit von allen Übeln befreie und eine helle Zukunft vorbereite. Statt der Theonomie war Autonomie, statt Theozentrik war Anthropozentrik angesagt. Ähnliche Konsequenzen ergeben sich aus den im Sinne des monistischen Materialismus interpretierten Erkenntnisse der Neurologie. Wenn allen, auch den abstraktesten Denkleistungen des menschlichen Gehirns eine messbare materielle Energie zugrundliegt, dann ist das Gehirn nichts anderes als ein Computer, der Informationen verarbeitet. Der Geist wäre nur ein Epiphänomen der Materie. Verbunden mit der Evolutionsbiologie würde die Neurophysiologie gleichsam empirisch beweisen, dass der Mensch weder eine Vernunft hat, die transzendenzfähig ist und die Wahrheit von der Lüge unterscheiden kann, noch über einen Willen verfügt, der in spontaner Freiheit das Gute anzielen und das Böse verabscheuen kann. Was wahr und gut ist, wird von der Mehrheit bzw. auch von der Minderheit der aufgeklärten Bürger für den noch unmündigen Rest entschieden.

Dagegen kann man fragen, wenn es keinen Geist gibt, wem dann diese Theorie noch einleuchten soll? Denn jede Erkenntnis setzt den ontologischen Unterschied zwischen Erkenntnissubjekt und Erkenntnisobjekt voraus.

Der Positivismus in den Natur-, Gesellschafts-, und Geschichtswissenschaften und der Kritische Rationalismus macht die philosophische und theologische Reflexion der existentiellen Grundfragen nach dem Woher und Wozu der menschlichen Existenz obsolet. Statt der Freude des Evangeliums nistet sich aber bei einem solchen Menschenbild eine kollektive Depression in den Herzen ein. Bertrand Russel (1872-1970), einer der Väter der Analytischen Philosophie, drückte das transzendenzlose Zeitgefühl, das dem monistischen Naturalismus eigen ist, aus, indem er von der „Welt als Zufallstreffer im Wechsel der Sonnensysteme sprach“.[8] Unter Berufung auf  das Gefühl, das einen bei den Erkenntnissen der Astrophysik und der Evolutionsforschung beschleichen mag, formulierte Jacques Monod die erschütternde Verlorenheit des Menschen in den unendlichen Räumen und Zeiten des Kosmos: „Der alte Bund ist zerbrochen, der Mensch weiß endlich, dass er in der teilnahmslosen Unermesslichkeit des Universums allein ist, aus dem er zufällig hervortrat.“[9] Es bleibt nur der Ausweg, im kurzen Erdendasein das Beste aus sich zu machen, bevor man dem ewige Vergessen anheimfällt. Das Gefühl der Abwesenheit Gottes in der trostlosen Weite der Räume und Zeiten auf unserem winzigen Planeten,  findet in uns seinen Widerhall, wenn der Mensch sein tragisches Dasein resigniert verloren gibt oder den Schmerz der Vergänglichkeit rauschhaft betäubt.

Die namenlose Bestattung der Toten, wie sie leider von manchen gewählt wird, ist nur die erschütternde Konsequenz dieses existentiellen Nihilismus. Während die Nutzbarmachung meiner Asche als Humus im Kreislauf der Natur kein Akt der Liebe ist, stellt das Versinken in der ewigen Anonymität nur den absurden Verzicht dar auf meine Würde als Sohn und Tochter des liebenden Vaters im Himmel. Die biblische Erfahrung hingegen mit dem Gott Israels, der sein Volk beschützt und befreit, drückt eine tröstliche Gewissheit aus: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich beim Namen gerufen. Mein bist Du.“ (Jes 43,1).

Wenn Christen auch – historisch gesehen – mit verantwortlich waren am Verlust der Glaubwürdigkeit der Offenbarung, indem sie ihre Religion mit gesellschaftlichen und staatlichen Zwecken – wie zum Beispiel die gallikanische Kirche im Ancien régime – verknüpften oder die Inhalte des Glaubens mit überholten naturwissenschaftlichen Weltbildern zu stützen versuchten, so bleibt doch ein systematischer Komplex der radikalen Immanentisierung unserer Auffassung der ganzen Wirklichkeit übrig.

Der harte Kern des spezifischen Atheismus, wie er auf dem Hintergrund und im strikten Widerspruch zum abendländischen Christentum entstanden ist, scheint mir der als unüberwindbar empfundene Gegensatz zwischen Gnade und Freiheit zu sein. Bleibt der menschlichen Freiheit noch Raum, wenn Gott alles ist und allein wirkt, oder muss der Mensch sich einem übermächtigen Gott gegenüber erst freikämpfen?

Paradigmatisch für die westliche Religionskritik aus dem Geist des Empirismus und Sensualismus seit David Hume bis Ludwig Feuerbach und Sigmund Freud ist die Meinung Bertrand Russels, die Religion, insbesondere das Christentum, sei das Ergebnis einer Krankheit, die aus Angst entstanden ist. Judentum, Christentum und Islam seien Sklavenreligionen, weil sie bedingungslose Unterwerfung verlangten. „Die ganze Vorstellung vom herrschenden Gott stammt aus den orientalischen Gewaltherrschaften. Es ist eine Vorstellung, die eines freien Menschen unwürdig ist.“[10] Bei allem Respekt dürfte man doch eine bessere Bibelkenntnis erwarten. Wo bleibt die Erinnerung, dass  der Gott Israels sich offenbart als Befreier seines Volkes aus dem Sklavenhaus Ägyptens oder der babylonischen Gefangenschaft? Im Neuen Testament ist die Befreiung der ganzen Schöpfung „aus der Sklaverei und Verlorenheit zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21) die Frucht  der Erlösungstat Christi am Kreuz.

Der Gott, der hier abgelehnt wird, ist nur die Hypothese idealistischer Spekulation oder des falschen Ansatzes der Gnadenlehre oder der Lückenbüßer naturwissenschaftlicher Forschung, jedoch nicht der lebendige und barmherzige Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und der Vater Jesu Christi, der uns das Sein schenkt und uns in seiner Liebe vollenden will.

In der Pastoralkonstitution „Die Kirche in der Welt von heute“ erfasst das II. Vatikanum die Systematik des real existierenden Atheismus in seinen verschiedenen Spielformen und Auswüchsen in diesem Sinne. Dem Glauben, dass Gott Ziel und Ursprung von Mensch und Welt sei, setzt der Atheismus entgegen, dass der Mensch sich selbst Ursprung und Ziel sei. Der Mensch müsse und könne sich selbst erschaffen und erlösen. Darum muss er sich von allen kreatürlichen Vorgaben befreien, sich zumindest wie ein Demiurg selbst mental und psychisch konditionieren sowie physisch und sozial modellieren. Religion, also Gottesbezug in welcher historischen Form auch immer, gilt ihm als Ausdruck der Entfremdung des Menschen von sich selbst oder als ein Mittel, um ihn unmündig zu halten. Religion ist Opium des Volkes. Der Erlösung durch Gottes herrliche Gnade wird das selbstgeschaffene Paradies auf Erden gegenübergestellt, das die Menschheit  bisher allerdings nur als eine Hölle auf Erden kennenlernen durfte.

Der postulatorische Atheismus wendet sich gegen ein Phantom, indem er verkennt, dass göttliche Gnade die menschliche Freiheit schafft, fördert und vollendet, weil das Wesen Gottes nicht pure Macht ist, die an sich hält, sondern Liebe, die sich verschenkt.

Denn seine Allmacht äußert sich und wird erfahren als Gabe des Seins, durch das wir an seinem Leben und seiner Erkenntnis teilhaben. Denn Gott gewinnt nichts und verliert nichts, wenn er uns ins Dasein ruft und wenn in unseren Herzen die Sehnsucht auf die Vereinigung mit ihm weckt. Denn Gott ist Liebe.

Es mag sein, dass der neuzeitliche Mensch durch die tiefe Verstörung über die Spaltung der abendländischen Christenheit und die entsetzlichen Religionskriege in England, Frankreich, Deutschland, der Schweiz und anderswo in seinem Glauben an der Gott der Liebe zuinnerst verstört wurde. Aber neben der Kränkung durch die falsche Meinung, die Gnade behindere Freiheit und Selbstbestimmung, liegt der Tendenz zum postulatorischen Atheismus doch der „Wille zur Macht“ zugrunde, der verbunden ist mit der Ermächtigung, sich selbst zum Gesetz des Seins und des Guten zu machen. Die atheistischen Politideologien seit der französischen Revolution bis heute faszinieren die Massen, weil sie absolute Macht sein wollen über die Natur, die Geschichte, die Gesellschaft, bis ins Innerste der Gedanken und des Gewissens jedes einzelnen Menschen (deshalb: der Abhörwahn der Geheimdienste bei allen Telefonen, SMS, Twitter und Facebooks.

Die Kirche begegnet dem kämpferischen und oft menschenverachtenden Atheismus in seiner staatlichen, akademischen und medialen Macht nicht mit den gleichen Mitteln. Da nach unserer Überzeugung, Gott auch diejenigen Menschen liebt, die ihn noch nicht kennen und sogar verleugnen, ist nach den richtigen Mitteln zu suchen, um den Menschen den Zugang zum Geheimnis des Seins und der Liebe zu eröffnen, das sich uns in Gott dem  Schöpfer, Erlöser und Vollender mitgeteilt hat… Es ist, wie das Konzil sagte die „situationsgerechte Darlegung der Lehre und das integere Lebensbeispiel der Kirche und ihrer Glieder“ [11].

Den Vor- und Fehlurteilen des neuzeitlichen Atheismus gegenüber erklärt das II. Vatikanum:  „Die Kirche hält daran fest, dass die Anerkennung Gottes der Würde des Menschen keineswegs widerstreitet, da diese Würde eben in Gott selbst gründet und vollendet wird. Denn der Mensch ist vom Schöpfergott mit Vernunft und Freiheit als Wesen der Gemeinschaft geschaffen; vor allem aber ist er als dessen Kind zur eigentlichen Gemeinschaft mit Gott und zur Teilnahme an dessen Seligkeit berufen. Außerdem lehrt die Kirche, dass durch die eschatologische Hoffnung die Bedeutung der irdischen Aufgaben nicht gemindert wird, dass vielmehr ihre Erfüllung durch neue Motive unterbaut wird. Wenn dagegen das göttliche Fundament und die Hoffnung auf das ewige Leben schwinden, wird die Würde des Menschen aufs schwerste verletzt, wie sich heute oft bestätigt, und die Rätsel von Leben und Tod, Schuld und Schmerz bleiben ohne Lösung, so dass die Menschen nicht selten in Verzweiflung stürzen. Jeder Mensch bleibt vorläufig sich selbst eine ungelöste Frage, die er dunkel spürt. Denn niemand kann in gewissen Augenblicken, besonders in den bedeutenderen Ereignissen des Lebens, diese Frage gänzlich verdrängen. Auf diese Frage kann nur Gott die volle und sichere Antwort geben; Gott, der den Menschen zu tieferem Nachdenken und demütigerem Suchen aufruft.“[12]

Nur so gibt es einen Ausweg aus der „Dialektik der Aufklärung“ (1944)[13] mit ihrem Umschlag in den Despotismus totalitärer Ideologien und der Tragödie des „atheistischen Humanismus“ (1950).“[14]

Dieser Einsicht kann nur sich verschließen, wer die dramatisch zugespitzte Situation der Welt von heute verkennt. Papst Franziskus sagt oft, dass wir uns schon wie in einem 3.Weltkrieg befinden. Er meint damit die „Globalisierung der Verantwortungslosigkeit“.[15]Denken wir nur im globalen Zusammenhang an die Bürgerkriege, die Genozide, die Entwürdigung von Kindern, Frauen und Männern zu Sex- und Arbeitssklaven, die Massenflucht und Migration von Millionen, Hunger und Armut bei der Hälfte der Menschheit, die unzählbare Schar von Kindern und Jugendlichen ohne menschliche Wärme und teilnehmende Erziehung und Berufschancen, die Scheidungswaisen, den entfesselten Kapitalismus, der alles und alle der Diktatur des ökonomischen Nutzens und Profits unterwirft, den weltweit agierenden Terrorismus in kriminellen Banden und Staaten und das organisierte Verbrechen, die bewusste Destabilisierung der Rechtsordnung und die Unterordnung des Gemeinwohls unter die Gruppeninteressen sogar in den etablierten Demokratien.

In unserer technisch so effizienten Zivilisation springt die Krise der Moderne und Postmoderne jedem Sehenden in die Augen[16].

Der Postmoderne liegt wegen des fehlenden Transzendenzbezuges im wesentlichen ein defizitäres Menschenbild zugrunde, das zur fatalen Konsequenz vor allem der Entsolidarisierung und Entsozialisierung führt. Wenn der Mensch auf ein Produkt der mit sich selbst spielenden Materie oder ein Konstrukt der Gesellschaft reduziert wird oder nur als Teilnehmer an sozialen Netzwerken oder als Rentenzahler etwas gilt, dann ist er seines Subjektseins, seiner Personalität beraubt, weil er zum Mittel der industriellen Produktion, der politischen Macht oder zum Biomaterial der Forschung verzweckt wurde. Hinter einer glänzenden Fassade der schönen neuen Welt zeigt sich das ganze Ausmaß des Elends: die Einsamkeit, die Isolation, das seelische Leiden, die zunehmende Gewalt und Brutalität, der Egozentrismus, die Orientierung am Eigennutz und der egomanischen Selbstverwirklichung, die verweigerte primäre Kommunikation in den Familien.

Alle Entwürfe, die das irreduzible Eigensein des Menschen als Person leugnen – d.h. die Geistigkeit und Unsterblichkeit der Seele als substantiale Form seiner geist-leiblichen Natur und ihrer Entfaltung in Geschichte und Kultur – und die ihn von seiner wesentlichen Relation zum transzendenten Gott abschneiden und ihn so der absoluten Herrschaft von Menschen über Menschen ausliefern, kommen – bei aller Widersprüchlichkeit untereinander – überein im Relativismus der Wahrheitsfrage. Die Leugnung der objektiven Wahrheit führt nicht zur Freiheit, denn das Gegenteil der Wahrheit ist die Lüge. Die Wahrheit ist ebenso wenig der Grund von Intoleranz wie die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit den Klassenkampf hervorruft. Und der Relativismus begründet nicht die Toleranz und die freie In-Beziehung-Setzung des erkennenden Menschen zur Wahrheit der Wirklichkeit und des Seins, sondern – wie  zurecht formuliert wurde – führt zur Diktatur derer, die für sich den Durchblick reklamieren oder sich für die einzig guten Menschen halten. Der Relativismus widerspricht sich selbst, indem er für sich apodiktisch absolute Geltung beansprucht und zugleich die Existenz und Erkennbarkeit von Wahrheit außer seiner eigenen verneint.

Es gibt gewiss viele Welt- und Daseinsdeutungen, wie das II. Vatikanum in der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute sagt: Aber es wächst angesichts der globalen politischen, ökonomischen, moralischen und religiösen Krise „die Zahl derer, die die Grundfragen stellen oder mit neuer Schärfe spüren: Was ist der Mensch? Was ist der Sinn des Schmerzes, des Bösen, des Todes… Was kann der Mensch der Gesellschaft geben, was von ihr erwarten? Was kommt nach diesem irdischen Leben?“[17]

Die Kirche vertritt ein Menschenbild, das sehr wohl seine wesentlichen Inhalte aus der jüdisch-christlichen Tradition bezieht, das aber auch in seiner positiven und konstruktiven Ausrichtung mit vielen Menschen guten Willens und anderer religiöser und ethischer Traditionen zu einer Aktionsgemeinschaft zusammenfinden kann.

Rational können alle Ergebnisse der modernen Natur- und Geschichtswissenschaften mit den Erkenntnissen aus der Offenbarung in eine Synthese gebracht werden, ohne dass ein Christ und Zeitgenosse in zwei geistigen Welten leben müsste. Aber darüber hinaus ist die christliche Botschaft das Evangelium der Liebe. Die Wahrheit der Wahrheit ist nicht die  Macht, sondern die Liebe. Macht ohne Dienst, Reichtum ohne Freigebigkeit, Eros ohne Agape können nie das Herz des Menschen erfüllen. Es kommt an auf die Annahme seiner selbst und die Liebe zum Nächsten, weil jeder von Gott schon bedingungslos angenommen und geliebt ist.

Die Erfahrung Gottes als Sinn und Ziel des Menschen bedeutet das Ende der Dialektik der Negativität und allen Wahn-Sinns in der Weltgeschichte.

Nur der Glaube an Gott kann das Ganze der Wirklichkeit in den Blick nehmen, weil er eine Teilhabe am unendlichen Geheimnis Gottes ist, das sich vorerst nur in „Spiegel und Gleichnis“ (1 Kor 13,12) zu erkennen gibt. Denn Gottes Geheimnis steht nicht vor uns wie ein undurchdringliches Dickicht, ein schwarzes Loch oder das  nichtende Nichts. Es ist lichte Überfülle und lauter Güte. Wir sehen die Welt in seinem Licht. Aber wir können nicht direkt in die Sonne schauen, obwohl wird alles durch ihr Licht sehen.

Im Brief an die Römer besteht Paulus darauf, dass die Menschen in ihrer „Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit“ sowie in ihrem „Niederhalten der Wahrheit“ sich nicht entschuldigen können mit ihrer Unkenntnis der Existenz Gottes. Denn „seit der Erschaffung der Welt wird seine unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen: Seine ewige Macht und Gottheit.“ (Röm 1,20). Auch die Heiden, denen nicht wie den Juden am Sinai die Gebote geoffenbart worden sind, kennen das natürliche, d.h. in der Vernunft zugängliche Sittengesetz, weil es ihnen ins Herz eingeschrieben wurde und sie es in ihren Gedanken  hin und her erwägen (Röm 2,14ff).

Gott bleibt das Geheimnis über uns. Er ist das Subjekt der Offenbarung seiner Herrlichkeit in den Werken der Natur und der Geschichte. Durch die Propheten und zuletzt unüberbietbar in seinem Sohn spricht er zu uns von Person zu Person. Wir können zu ihm sprechen im Bekenntnis und Gebet. Die Kirche kann von ihm sprechen und Zeugnis geben in einer dialogischen Verkündigung.

Gerade im Bekenntnis zum trinitarischen Gott zeigt sich das proprium christianum. Der Trinitätsglaube  unterscheidet das Christentum vom alttestamentlich-jüdischen und vom koranischen Monotheismus wie auch vom spekulativen Monotheismus.

Der unitarische Monotheismus kann nicht dem trinitarischen Monotheismus die Logik absprechen. Denn seine Konsistenz besteht in der göttlichen Logik der Liebe, die das Wesen Gottes in den Relationen der drei göttlichen Personen zueinander vollzieht, die aber sein Wesen nicht zerteilen, sondern es in ewig verwirklichen. Dies übersteigt menschliches Erkennen, das durch die Selbstoffenbarung dennoch erhoben wird zur analogen Teilnahme an Gottes Selbsterkenntnis im seinem Wort, das unser Fleisch annahm, und zur Vereinigung mit ihm in der Liebe des Heiligen Geistes.

Gotteskindschaft in Christus und Gottesfreundschaft im Heiligen Geist sind die wesentlichen Bezugspunkte des christlichen Menschenbildes. Die Kirche glaubt, dass die Größe des Geheimnisses des Menschen erst im Licht Christi voll erkannt wird und nur in ihm das Rätsel von Schmerz und Tod uns nicht überwältigt.

Die Gottesfrage ist für den Menschen von heute gewiss eine intellektuelle aber noch mehr eine existentielle Herausforderung. Im Angesicht des Todes steht der Glaube vor seiner letzen Prüfung.

Vom damals 39jährigen Dietrich Bonhoeffer berichtet der Lagerarzt, der ihn auf dem letzten Gang zur Hinrichtung im Konzentrationslager Flossenbürg am 9. April 1945 begleitete:

„Durch die halbgeöffnete Tür eines Zimmers im Barackenbau sah ich vor der Ablegung der Häftlingskleidung Pastor Bonhoeffer in innigem Gebet mit seinem Herrgott knien. Die hingebungsvolle und erhörungsgewisse Art des Gebetes dieses außerordentlich sympathischen Mannes hat mich auf das Tiefste erschüttert. Auch an der Richtstätte selbst verrichtete er noch ein kurzes Gebet und bestieg dann mutig die Treppe zum Galgen.“ [18]

Und sein letztes Wort im Angesicht des Todes war: „Das ist das Ende – für mich der Beginn des Lebens.“[19]

[1] Berlin, 2.Aufl. 2015.

[2] Ebd. 340.

[3] Eine grundlegende Analyse der geistigen und religiösen Situation der Zeit bietet Charles Taylor, Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a.M. 2009.

[4] München 2007,11.

[5] Robert Spaemann, Der letzte Gottesbeweis, München 2007,20.

[6] Thomas von Aquin, De pot. q.7 a.5. ad 14.

[7] Vgl. dazu die treffende Analyse bei Alexander Kissler, Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam, München 2008.

[8] Warum ich kein Christ bin, München 1963, 24.

[9] Zufall und Notwendigkeit, München 1971,219.

[10] Warum ich kein Christ bin, München 1963, 36.

[11] Gaudium et spes 21.

[12] Gaudium et spes 21.

[13] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Frankfurt a.M. 1969.

[14] Henri de Lubac, Über Gott hinaus, Einsiedeln  1984.

[15] Apost.Exhort. Evangelii gaudium (2913),art.52-75.

[16]Vgl. die tiefgreifende Studie von Matthew Fforde, Entsozialisierung. Die Krise der Postmoderne, Freiburg i.Br. 2016.

[17] Gaudium et spes 10.

[18] Eberhard Bethge, Dietrich Bonhoeffer. Theologe-Christ- Zeitgenosse, München 1983, 1038.

[19] Ebd. 1037.

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Quelle

Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes Werk

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: es ist nicht ‚überholte Metaphysik’, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau redet und das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordert.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as – 23 Juli 2018, 13:00) „Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, ja, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz zu unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung bedeutet.“

Vier Dimensionen der „Pneumatologie“, der Lehre vom Heiligen Geist: sie setzte Benedikt XVI. in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurie vom 22. Dezember 2008 auseinander. Anlass dazu boten zwei besonderen Ereignisse des Heiligen Geistes, die in jenem Jahr stattfanden: der Weltjugendtag in Sydney sowie die Weltbischofssynode zum Wort Gottes, deren Inhalte dann im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben „Verbum Domini“ (30. September 2010) zusammengefasst werden sollten:

„So wird mit dem Thema Heiliger Geist, das die Tage in Australien und hintergründig die Wochen der Synode prägte, die ganze Weite des christlichen Glaubens sichtbar, die von der Verantwortung für die Schöpfung und das schöpfungsgemäße Sein des Menschen über die Themen Schrift und Heilsgeschichte zu Christus führt und von da aus in die lebendige Gemeinschaft der Kirche hinein, in ihre Ordnungen und Verantwortungen wie in ihre Weite und Freiheit, die sich in der Vielzahl der Charismen ebenso wie im pfingstlichen Bild von der Vielzahl der Sprachen und Kulturen ausdrückt“.

Aber nicht nur das Thema „Heiliger Geist“ rückte der Papst in den Fokus. Vielmehr diente ihm die Reflexion über die Schöpfungsordnung dazu, die sogenannte Selbstemanzipation des Menschen herauszustellen. Er tat dies mit einer Reflexion über den Begriff des „Gender“, wo deutlich werde: es gehe um „Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes eigenem Werk“.

Benedikt XVI. ging davon aus, dass der Glaube an den Schöpfer ein wesentlicher Teil des christlichen Credo ist. Daher könne sich die Kirche nicht damit begnügen, ihren Gläubigen die Botschaft des Heils auszurichten: „sie trägt Verantwortung für die Schöpfung und muss diese Verantwortung auch öffentlich zur Geltung bringen. Und sie muss dabei nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Schöpfungsgaben verteidigen, die allen gehören. Sie muss auch den Menschen gegen die Zerstörung seiner selbst schützen. Es muss so etwas wie eine Ökologie des Menschen im recht verstandenen Sinn geben“.

Es sei nicht „überholte Metaphysik“, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau rede und das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordere: „da geht es in der Tat um den Glauben an den Schöpfer und das Hören auf die Sprache der Schöpfung, die zu missachten Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes eigenem Werk sein würde“.

Was in dem Begriff „Gender“ vielfach gesagt und gemeint werde, laufe letztlich auf die „Selbstemanzipation des Menschen von der Schöpfung und vom Schöpfer“ hinaus:

„Der Mensch will sich nur selber machen und sein Eigenes immer nur selbst bestimmen. Aber so lebt er gegen die Wahrheit, lebt gegen den Schöpfergeist. Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, ja, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz zu unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung bedeutet.

Große Theologen der Scholastik haben die Ehe, die lebenslange Verbindung von Mann und Frau als Schöpfungssakrament bezeichnet, das der Schöpfer selbst eingesetzt und das Christus dann – ohne die Schöpfungsbotschaft zu verändern – in die Heilsgeschichte als Sakrament des Neuen Bundes aufgenommen hat. Zur Verkündigungsaufgabe der Kirche gehört das Zeugnis für den Schöpfergeist in der Natur als Ganzer und gerade auch in der Natur des gottebenbildlichen Menschen. Von da aus sollte man die Enzyklika „Humanae vitae“ neu lesen: Papst Paul VI. ging es darin darum, die Liebe gegen Sexualität als Konsum, die Zukunft gegen den Alleinanspruch der Gegenwart und die Natur des Menschen gegen ihre Manipulation zu verteidigen“.

In Zeiten, in denen unter dem Vorwand des Wirkens des Heiligen Geistes und seiner „Überraschungen“ über alles Mögliche geredet und alles Mögliche „gerechtfertigt“ wird, lohnt es sich besonders, sich mit den entschlossenen und meditativen Ausführungen Benedikts XVI. auseinanderzusetzen.

Aus der Weihnachtsansprache an das Kardinalskollegium und die Mitglieder der Römischen Kurie am 22. Dezember 2008: 

Freude als Frucht des Heiligen Geistes – damit sind wir beim zentralen Thema von Sydney angelangt, das eben der Heilige Geist gewesen ist. Die Wegweisung, die darin liegt, möchte ich in diesem Rückblick noch einmal zusammenfassend andeuten. Wenn man sich das Zeugnis von Schrift und Überlieferung vor Augen hält, kann man unschwer vier Dimensionen des Themas Heiliger Geist erkennen.

1. Da ist zuerst die Aussage, die uns vom Anfang des Schöpfungsberichts her entgegenkommt: Er erzählt uns von dem Schöpfergeist, der über den Wassern schwebt, die Welt erschafft und immer wieder erneuert. Glaube an den Schöpfergeist ist ein wesentlicher Inhalt des christlichen Credo. Daß die Materie mathematische Struktur in sich trägt, geisterfüllt ist, ist die Grundlage, auf der die moderne Naturwissenschaft beruht. Nur weil Materie geistig strukturiert ist, kann unser Geist sie nachdenken und selbst gestalten. Daß diese geistige Struktur von dem gleichen Schöpfergeist kommt, der auch uns Geist geschenkt hat, bedeutet Auftrag und Verantwortung zugleich.

Im Schöpfungsglauben liegt der letzte Grund unserer Verantwortung für die Erde. Sie ist nicht einfach unser Eigentum, das wir ausnützen können nach unseren Interessen und Wünschen. Sie ist Gabe des Schöpfers, der ihre inneren Ordnungen vorgezeichnet und uns damit Wegweisungen als Treuhänder seiner Schöpfung gegeben hat. Daß die Erde, der Kosmos, den Schöpfergeist spiegeln, bedeutet auch, daß ihre geistigen Strukturen, die über die mathematische Ordnung hinaus im Experiment gleichsam greifbar werden, auch sittliche Weisung in sich tragen. Der Geist, der sie geformt hat, ist mehr als Mathematik – er ist das Gute in Person, das uns durch die Sprache der Schöpfung den Weg des rechten Lebens zeigt.

Weil der Glaube an den Schöpfer ein wesentlicher Teil des christlichen Credo ist, kann und darf sich die Kirche nicht damit begnügen, ihren Gläubigen die Botschaft des Heils auszurichten. Sie trägt Verantwortung für die Schöpfung und muß diese Verantwortung auch öffentlich zur Geltung bringen. Und sie muß dabei nicht nur die Erde, das Wasser und die Luft als Schöpfungsgaben verteidigen, die allen gehören. Sie muß auch den Menschen gegen die Zerstörung seiner selbst schützen. Es muß so etwas wie eine Ökologie des Menschen im recht verstandenen Sinn geben. Es ist nicht überholte Metaphysik, wenn die Kirche von der Natur des Menschen als Mann und Frau redet und das Achten dieser Schöpfungsordnung einfordert. Da geht es in der Tat um den Glauben an den Schöpfer und das Hören auf die Sprache der Schöpfung, die zu mißachten Selbstzerstörung des Menschen und so Zerstörung von Gottes eigenem Werk sein würde. Was in dem Begriff „Gender“ vielfach gesagt und gemeint wird, läuft letztlich auf die Selbstemanzipation des Menschen von der Schöpfung und vom Schöpfer hinaus.

Der Mensch will sich nur selber machen und sein Eigenes immer nur selbst bestimmen. Aber so lebt er gegen die Wahrheit, lebt gegen den Schöpfergeist. Die Regenwälder verdienen unseren Schutz, ja, aber nicht weniger der Mensch als Geschöpf, dem eine Botschaft eingeschrieben ist, die nicht Gegensatz zu unserer Freiheit, sondern ihre Bedingung bedeutet. Große Theologen der Scholastik haben die Ehe, die lebenslange Verbindung von Mann und Frau als Schöpfungssakrament bezeichnet, das der Schöpfer selbst eingesetzt und das Christus dann – ohne die Schöpfungsbotschaft zu verändern – in die Heilsgeschichte als Sakrament des Neuen Bundes aufgenommen hat. Zur Verkündigungsaufgabe der Kirche gehört das Zeugnis für den Schöpfergeist in der Natur als Ganzer und gerade auch in der Natur des gottebenbildlichen Menschen. Von da aus sollte man die Enzyklika „Humanae vitae“ neu lesen: Papst Paul VI. ging es darin darum, die Liebe gegen Sexualität als Konsum, die Zukunft gegen den Alleinanspruch der Gegenwart und die Natur des Menschen gegen ihre Manipulation zu verteidigen.

2. Nur noch ein paar kurze Andeutungen zu den anderen Dimensionen der Pneumatologie. Wenn der Schöpfergeist sich zunächst in der schweigenden Größe des Alls, in seiner geistigen Struktur zeigt, so sagt uns der Glaube darüber hinaus das Überraschende, daß dieser Geist sozusagen auch in Menschenwort redet, in die Geschichte eingetreten und als geschichtsgestaltende Kraft auch sprechender Geist ist, ja, Wort, das uns in den Schriften des Alten und des Neuen Testaments begegnet. Was das für uns bedeutet, hat der heilige Ambrosius in einem Brief wunderbar ausgedrückt: „Auch jetzt ergeht sich Gott im Paradies, während ich die göttlichen Schriften lese“ (Ep 49, 3). Die Schrift lesend können wir gleichsam auch heute im Paradiesesgarten Gottes herumgehen und dem dort wandernden Gott begegnen: Zwischen dem Thema des Weltjugendtags in Australien und dem Thema der Bischofssynode besteht ein tiefer innerer Zusammenhang.

Die beiden Themen Heiliger Geist und Wort Gottes gehören zusammen. Die Schrift lesend lernen wir aber auch, daß Christus und der Heilige Geist untrennbar voneinander sind. Wenn Paulus dramatisch zugespitzt sagt: „Der Herr ist der Geist“ (2 Kor 3, 17), so erscheint nicht nur hintergründig die trinitarische Einheit von Sohn und Heiligem Geist, sondern vor allem ihre heilsgeschichtliche Einheit: In der Passion und Auferstehung Christi werden die Schleier der bloßen Buchstäblichkeit zerrissen und die Gegenwart des jetzt sprechenden Gottes sichtbar. Die Schrift mit Christus lesend lernen wir, die Stimme des Heiligen Geistes in den Menschenworten zu hören, und entdecken die Einheit der Bibel.

3. Damit sind wir schon bei der dritten Dimension der Pneumatologie angelangt, die eben in der Untrennbarkeit von Christus und Heiligem Geist besteht. Vielleicht am schönsten erscheint sie im Bericht des heiligen Johannes über die erste Erscheinung des Auferstandenen vor der Jüngergemeinschaft: Der Herr haucht die Jünger an und schenkt ihnen so den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist der Atem Christi. Und wie Gottes Atem am Schöpfungsmorgen den Lehm zum lebendigen Menschen gemacht hatte, so nimmt uns Christi Atem in die Seinsgemeinschaft mit dem Sohn auf, macht uns zu neuer Schöpfung. Deshalb ist es der Heilige Geist, der uns mit dem Sohn sagen läßt: „Abba, Vater!“ (Joh 20, 22; Röm 8, 15).

4. So ergibt sich als vierte Dimension der Zusammenhang von Geist und Kirche ganz von selbst. Paulus hat in 1 Kor 12 und Röm 12 die Kirche als Leib Christi und gerade so als Organismus des Heiligen Geistes geschildert, in dem die Gaben des Heiligen Geistes die einzelnen zu einem lebendigen Ganzen zusammenformen. Der Heilige Geist ist der Geist des Leibes Christi. Im Ganzen dieses Leibes finden wir unsere Aufgabe, leben wir füreinander und voneinander, zutiefst von dem lebend, der für uns alle gelebt und gelitten hat und uns durch seinen Geist an sich zieht zur Einheit aller Kinder Gottes. „Willst auch du vom Geist Christi leben? So sei im Leib Christi“, sagt Augustinus dazu (Joh 26, 13).

So wird mit dem Thema Heiliger Geist, das die Tage in Australien und hintergründig die Wochen der Synode prägte, die ganze Weite des christlichen Glaubens sichtbar, die von der Verantwortung für die Schöpfung und das schöpfungsgemäße Sein des Menschen über die Themen Schrift und Heilsgeschichte zu Christus führt und von da aus in die lebendige Gemeinschaft der Kirche hinein, in ihre Ordnungen und Verantwortungen wie in ihre Weite und Freiheit, die sich in der Vielzahl der Charismen ebenso wie im pfingstlichen Bild von der Vielzahl der Sprachen und Kulturen ausdrückt.

Zum Fest gehört die Freude, hatten wir gesagt. Das Fest kann man organisieren, die Freude nicht. Sie kann nur geschenkt werden, und sie ist uns geschenkt worden in reichem Maß: Dafür sind wir dankbar. Wie Paulus die Freude als Frucht des Heiligen Geistes kennzeichnet, so hat auch Johannes in seinem Evangelium Geist und Freude ganz eng miteinander verknüpft. Der Heilige Geist schenkt uns die Freude. Und er ist die Freude. Die Freude ist die Gabe, in der alle anderen Gaben zusammengefaßt sind. Sie ist Ausdruck für das Glück, für das Einssein mit sich selbst, das nur aus dem Einssein mit Gott und mit seiner Schöpfung kommen kann.

Zum Wesen der Freude gehört es, daß sie ausstrahlt, daß sie sich mitteilen muß. Der missionarische Geist der Kirche ist nichts anderes als der Drang, die Freude mitzuteilen, die uns geschenkt wurde. Daß sie in uns allezeit lebendig sei und so auf die Welt in ihren Drangsalen ausstrahle, das ist meine Bitte am Ende dieses Jahres. Verbunden mit dem herzlichen Dank für all Ihr Mühen und Wirken wünsche ich Ihnen allen, daß diese von Gott kommende Freude uns auch im neuen Jahr reichlich geschenkt werde.

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Quelle

Papst Franziskus: «Die Frau ist die Harmonie der Welt»

Steel engraving of God creation of woman Adam and Eve Original edition from my own archives Source : Bilder-Bibel 1836 1. Buch Mose Gen. Chap.2

Steel engraving of God creation of woman Adam and Eve Source : Bilder-Bibel 1836 1. Buch Mose Gen. Chap.2

PAPST FRANZISKUS

FRÜHMESSE IM VATIKANISCHEN GÄSTEHAUS „DOMUS SANCTAE MARTHAE“

Die Frau ist die Harmonie der Welt

Donnerstag, 9. Februar 2017

(aus: L’Osservatore Romano, Wochenausgabe in deutscher Sprache, Nr. 7, 17. Februar 2017)

»Um eine Frau zu verstehen, muss man zuerst von ihr träumen.« Deshalb ist die Frau »das große Geschenk Gottes«, das fähig ist, »Harmonie in die Schöpfung zu bringen«. Und zwar in dem Maß, gestand Papst Franziskus mit einem Hauch poetischer Zärtlichkeit, dass »es mir gefällt zu denken, dass Gott die Frau geschaffen hat, damit wir eine Mutter haben«. Es war ein regelrechter Hymnus auf die Frauen, den der Papst in der Messe anstimmte, die er am Donnerstag, den 9. Februar, in der Kapelle der Casa Santa Marta anstimmte. Es ist die Frau, so Franziskus, »die uns lehrt zu liebkosen, mit Zärtlichkeit zu lieben und die aus der Welt etwas Schönes macht«. Und wenn »Menschen auszubeuten ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, dann ist die Ausbeutung der Frau mehr als ein Vergehen und ein Verbrechen: es bedeutet, die Harmonie zu zerstören, die Gott der Welt geben wollte. Es bedeutet einen Rückschritt.«

Bei seinen Betrachtungen ging Franziskus von den Lesungen des Tages aus dem Buch Genesis (2,18-25) und dem Markusevangelium (7,24-30) aus. Die Liturgie »setzt den Bericht über die Schöpfung der Welt fort«, merkte der Papst sofort an und machte darauf aufmerksam, wie es den Anschein hat, »dass mit der Erschaffung des Mannes alles zu seinem Ende gekommen ist«, nämlich so weit, dass »Gott ruht«. Doch »etwas fehlt: der Mann war allein«, und »Gott selbst bemerkte diese Einsamkeit: ›Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht‹«, wie in der Genesis zu lesen ist.

So »formte der Herr handwerklich – aber dies ist eine literarische Ausdrucksweise – ›aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde‹, erklärte der Papst, indem er den Text aus der Bibel las. Und Gott sprach zum Mann: »Sie wird deine Gefährtin sein. Gib ihr einen Namen.« Von Gott her, fuhr Franziskus fort, »ist das ein Auftrag zur Herrschaft«. Er sagt zum Mann praktisch: »Du wirst der Herr von diesen sein, jener, der den Namen gibt, jener, der befiehlt«. Doch »für den Mann fand er keine Hilfe, die ihm entsprochen hätte, ist im Buch Genesis zu lesen. So »war der Mann allein, mit all diesen Tieren: ›Komm, hör zu, warum nimmst du dir nicht einen treuen Hund, der dich im Leben begleitet, dann zwei Katzen, um sie zu streicheln‹: der treue Hund ist gut, die Katzen sind nett, für einige, für andere nicht, für die Mäuse nicht!« Der Mann aber »fand in diesen Tieren keine Gesellschaft« und im Grunde »war er allein«.

Franziskus fuhr fort und ging Punkt für Punkt auf den Abschnitt aus dem Buch Genesis ein: »Da ließ der Herr«, so der Bericht weiter, ›einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, so dass er einschlief‹. Ein Mann allein, die Einsamkeit, jetzt wird der Mann zum Schlafen gebracht, der Traum des Mannes: er schlief ein«. Und »handwerklich – das steht so geschrieben – nahm er ihm eine seiner Rippen und ›schuf ein Frau‹ und ›führte sie dem Menschen zu‹. Als der Mann sie sah, sagte er: ›Ach, dieses Mal ja! Das ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie heißen – er gibt einen Namen –; denn vom Mann ist sie genommen‹«. Für den Mann, so Franziskus, »ist sie etwas anderes als all das, was er hatte, sie war das, was ihm fehlte, um nicht allein zu sein: die Frau, er entdeckte sie, er sah sie«. Doch »bevor er sie sah, hat er sie geträumt«. Denn »um eine Frau zu verstehen, ist es notwendig, sie zuerst zu träumen; man kann sie nicht so verstehen wie alle anderen Lebewesen: sie ist etwas Verschiedenes, sie ist etwas Anderes«. Gerade »so hat Gott sie geschaffen: dass sie zuerst geträumt wird«.

»Viele Male«, merkte der Papst an, »sprechen wir von der Frau auf funktionale Weise: die Frau ist dazu da, dieses und jenes zu tun, um etwas zu tun, nein! Zuerst ist sie für etwas anderes da: die Frau bringt etwas, so dass die Welt ohne sie nicht so wäre, wie sie ist«. Die Frau »ist verschieden, sie ist etwas, das einen Reichtum bringt, den der Mann und die ganze Schöpfung und die Tiere nicht haben«. Auch »Adam hat sie geträumt, bevor er sie sah: da ist eine gewisse Poesie in dieser Erzählung«. Und »dann der dritte Schritt, wenn Adam sagt: ›Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch‹: die Bestimmung der beiden«. Denn in der Genesis ist zu lesen: »Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau, und sie werden ein Fleisch«. Ja, »ein Fleisch«.

»Adam«, so Franziskus weiter, »konnte nicht ein Fleisch sein mit den Vögeln, mit dem Hund, mit der Katze, mit allen Tieren, mit der ganzen Schöpfung: nein, nein! Nur mit der Frau, und das ist die Bestimmung, das ist die Zukunft, das ist es, was fehlte«. Und »so kommt die Frau, um die Schöpfung zu krönen, mehr noch: sie bringt der Schöpfung Harmonie«. Wenn deshalb »die Frau nicht da ist, fehlt die Harmonie«. Auch »wir sagen: aber das ist eine Gesellschaft mit einer starken männlichen Haltung. Es fehlt die Frau«. Und vielleicht wird auch gesagt: »Die Frau ist dazu da, das Geschirr zu spülen, um dieses und jenes zu tun«. Doch es ist ganz anders: »Die Frau ist dazu da, um Harmonie zu bringen; ohne die Frau gibt es keine Harmonie.« Mann und Frau »sind nicht gleich, keiner ist dem anderen übergeordnet: nein. Nur: der Mann bringt keine Harmonie: sie ist es, die jene Harmonie bringt, die uns lehrt zu liebkosen, mit Zärtlichkeit zu lieben und die aus der Welt etwas Schönes macht«. »Drei Schritte« also, betonte der Papst erneut. Vor allem »der einsame Mann, die Einsamkeit des Mannes ohne die Frau; zweitens der Traum: nie kann man eine Frau verstehen, ohne sie zuerst geträumt zu haben; drittens die Bestimmung: ein Fleisch zu sein«.

»Vor einigen Monaten«, vertraute der Papst an, »habe ich bei einer der Audienzen, als ich die Leute hinter den Absperrungen grüßen ging, zufällig ein Ehepaar getroffen, das seinen 60. Hochzeitstag feierte: Sie waren nicht sonderlich alt, denn sie hatten jung geheiratet, sie ging auf die Achtzig zu, doch es ging ihnen gut, sie hatten ein Lächeln auf dem Gesicht«. Als er sie sah, fragte sie der Papst – denn, er lachte, »die Leute, die Hochzeitstage feiern, frage ich immer etwas und scherze dabei«–, wer von den beiden in den sechzig Jahren Ehe »mehr Geduld« gehabt hätte. Und »sie, die auf mich schauten, haben sich in die Augen geblickt – ich werde diese Augen nie vergessen –, dann wandte sich ihr Blick wieder mir zu und sie haben mir gesagt, beide zusammen: ›Wir sind verliebt.‹ »Nach sechzig Jahren«, fügte Franziskus hinzu, »das heißt es, ein Fleisch zu sein, und das ist es, was die Frau bringt: die Fähigkeit, sich zu verlieben. Die Harmonie für die Welt«. »Viele Male«, merkte der Papst an, »hören wir, wie gesagt wird: ›Es ist notwendig, dass da in dieser Gesellschaft, in dieser Einrichtung, dass hier eine Frau ist, damit sie das tut, damit sie diese Dinge verrichtet‹«. Aber »die Funktionalität ist nicht das Ziel der Frau: es ist richtig, dass die Frau Dinge tun muss und – wie wir alle – Dinge tut«.

Doch »das Ziel der Frau ist es, Harmonie zu schaffen, und ohne die Frau gibt es keine Harmonie in der Welt«. Ja, so der Papst eindringlich, »Menschen auszubeuten ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das ist richtig, doch eine Frau auszubeuten ist mehr: es bedeutet, die Harmonie zu zerstören, die Gott der Welt geben wollte«. Es ist dies wirklich »ein Zerstören, es ist kein einfaches Vergehen, kein einfaches Verbrechen, es bedeutet, zurückzukehren, es ist dies ein Zerstören der Harmonie«. »Das ist das große Geschenk Gottes: er hat uns die Frau gegeben«, bekräftigte der Papst. Und im Abschnitt aus dem Markusevangelium der heutigen Liturgie »haben wir gehört, wozu eine Frau fähig ist«, merkte Franziskus an und bezog sich dabei auf die Frau, deren Tochter von einem unreinen Geist besessen war. Eine »mutige« Frau, die »mutig vorangegangen ist, doch sie ist mehr, sie ist mehr: die Frau ist die Harmonie, sie ist Poesie, sie ist Schönheit«. Was so weit geht, dass »ohne sie die Welt nicht so schön wäre, sie wäre nicht harmonisch«.

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Quelle

 

„Erweisen wir unserem gemeinsamen Haus Barmherzigkeit“

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Papst Franziskus – REUTERS

Text der Botschaft von Papst Franziskus zum
Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung
am 1. September 2016

Vereint mit unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern und unter Anteilnahme anderer Kirchen und christlicher Gemeinschaften feiert die katholische Kirche heute den jährlichen „Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung“. Der Gedenktag » bietet sowohl den einzelnen Gläubigen wie auch den Gemeinschaften eine gute Möglichkeit, ihre persönliche Einwilligung in ihre eigene Berufung als Hüter der Schöpfung zu erneuern, indem sie Gott für das wunderbare Werk danken, das er unserer Sorge anvertraut hat, und ihn um seine Hilfe für den Schutz der Schöpfung und um seine Barmherzigkeit für die gegen unsere Welt begangenen Sünden bitten «.[1]

Es ist sehr ermutigend, dass auch andere Religionen die Sorge der Kirchen und der christlichen Gemeinschaften um die Zukunft unseres Planeten teilen. Tatsächlich sind in den letzten Jahren von religiösen Verantwortungsträgern und von Organisationen viele Initiativen ergriffen worden, um die öffentliche Meinung stärker für die Gefahren der unverantwortlichen Ausbeutung der Erde zu sensibilisieren. Ich möchte hier den Patriarchen Bartholomäus und seinen Vorgänger Dimitrios erwähnen, die sich viele Jahre lang beharrlich gegen die Sünde, der Schöpfung Schaden zuzufügen, geäußert haben. Damit haben sie die Aufmerksamkeit auf die moralische und geistliche Krise gelenkt, die den Umweltproblemen und -schäden zugrunde liegen. Als Reaktion auf das zunehmende Interesse an der Unversehrtheit der Schöpfung hat die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung (Sibiu / Hermannstadt 2007) vorgeschlagen, vom 1. September (dem orthodoxen Gedenktag der göttlichen Schöpfung) bis zum 4. Oktober (dem Gedenktag des heiligen Franziskus von Assisi in der katholischen Kirche und in einigen anderen westlichen Traditionen) eine fünfwöchige „Zeit für die Schöpfung“ zu begehen. Von jenem Moment an hat diese Initiative mit der Unterstützung des Weltrates der Kirchen viele ökumenische Aktivitäten in verschiedenen Teilen der Welt angeregt. Es ist auch ein Grund zur Freude, dass in aller Welt ähnliche Initiativen, welche die Umweltgerechtigkeit, die Sorge für die Armen und ein verantwortliches gesellschaftliches Engagement fördern, Menschen – vor allem Jugendliche – aus verschiedenen religiösen Umfeldern zusammenführen. Als Christen und Nichtchristen, Gläubige und Menschen guten Willens müssen wir alle vereint unserem gemeinsamen Haus, der Erde, Barmherzigkeit erweisen und die Welt, in der wir leben, als Ort des Miteinander-Teilens und der Gemeinschaft voll zur Geltung bringen.

 

1. Die Erde schreit auf…

Mit dieser Botschaft nehme ich erneut mit jedem Menschen, der auf diesem Planeten wohnt, den Dialog über die quälenden Leiden der Armen und die Zerstörung der Umwelt auf. Gott hat uns einen blühenden Garten geschenkt, wir aber sind dabei, ihn in eine von » Schutt, Wüsten und Schmutz « (Laudato si’, 161) verseuchte Ebene zu verwandeln. Wir dürfen angesichts des Verlustes der biologischen Vielfalt und der Zerstörung der Ökosysteme – Erscheinungen, die oft durch unser verantwortungsloses und egoistisches Verhalten verursacht werden – nicht aufgeben oder mit Gleichgültigkeit reagieren. » Unseretwegen können bereits Tausende Arten nicht mehr mit ihrer Existenz Gott verherrlichen, noch uns ihre Botschaft vermitteln. Dazu haben wir kein Recht « (ebd., 33).

Der Planet erwärmt sich weiter, zum Teil aufgrund menschlichen Tuns: 2015 war das wärmste Jahr, das je verzeichnet wurde, und 2016 wird wahrscheinlich noch wärmer werden. Das bewirkt Dürreperioden, Überschwemmungen, Brände und immer besorgniserregendere extreme meteorologische Ereignisse. Der Klimawandel trägt auch zu der entsetzlichen Krise der Zwangsmigration bei. Die Armen der Welt, die den Klimawandel am wenigsten zu verantworten haben, sind die Verletzlichsten und leiden bereits unter den Auswirkungen.

Wie die ganzheitliche Ökologie hervorhebt, sind die Menschen untereinander und mit der Schöpfung als Ganzer zutiefst verbunden. Wenn wir die Natur schlecht behandeln, behandeln wir auch die Menschen schlecht. Zugleich besitzt jedes Geschöpf einen ihm innewohnenden Eigenwert, der geachtet werden muss. Seien wir bereit, » die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde « (ebd., 49), und versuchen wir, eingehend zu prüfen, wie wir eine geeignete und rechtzeitige Antwort sicherstellen können.

2. …weil wir gesündigt haben

Gott hat uns die Erde gegeben, damit wir sie respektvoll und ausgewogen bebauen und hüten (vgl. Gen 2,15). Sie „zu stark“ zu bebauen – das heißt sie kurzsichtig und egoistisch auszubeuten – und kaum zu hüten, ist Sünde.

Mutig hat der verehrte Ökumenische Patriarch Bartholomäus wiederholt und prophetisch unsere Sünden gegen die Schöpfung deutlich gemacht: » Dass Menschen die biologische Vielfalt in der göttlichen Schöpfung zerstören; dass Menschen die Unversehrtheit der Erde zerstören, indem sie Klimawandel verursachen, indem sie die Erde von ihren natürlichen Wäldern entblößen oder ihre Feuchtgebiete zerstören; dass Menschen […] die Gewässer der Erde, ihren Boden und ihre Luft mit giftigen Substanzen verschmutzen – all das sind Sünden. «[2]

Möge das Jubiläum der Barmherzigkeit angesichts dessen, was unserem „Haus“ zustößt, die gläubigen Christen » zu einer tiefgreifenden inneren Umkehr « aufrufen (Enzyklika Laudato si’, 217), die besonders durch das Bußsakrament unterstützt wird. Lernen wir in diesem Jubiläumsjahr, die Barmherzigkeit Gottes für die Umweltsünden zu suchen, die wir bisher noch nicht zu erkennen und zu beichten wussten, und verpflichten wir uns,  konkrete Schritte auf dem Weg der ökologischen Umkehr zu vollziehen. Diese verlangt, dass wir uns unserer Verantwortung uns selbst, dem Nächsten, der Schöpfung und dem Schöpfer gegenüber klar bewusst werden (vgl. ebd., 10. 229).

3. Gewissenserforschung und Reue

Der erste Schritt auf diesem Weg ist immer eine Gewissenserforschung, die » Dankbarkeit und Unentgeltlichkeit [einschließt], das heißt ein Erkennen der Welt als ein von der Liebe des himmlischen Vaters erhaltenes Geschenk. Daraus folgt, dass man Verzicht übt, ohne eine Gegenleistung zu erwarten «. Sie » schließt auch das liebevolle Bewusstsein ein, nicht von den anderen Geschöpfen getrennt zu sein, sondern mit den anderen Wesen des Universums eine wertvolle allumfassende Gemeinschaft zu bilden. Der Glaubende betrachtet die Welt nicht von außen, sondern von innen her und erkennt die Bande, durch die der himmlische Vater uns mit allen Wesen verbunden hat « (ebd., 220).

An diesen Vater voll Erbarmen und Güte, der die Rückkehr eines jeden seiner Kinder erwartet, können wir uns wenden und unsere Sünden gegen die Schöpfung, die Armen und die kommenden Generationen bekennen.  » Insofern wir alle kleine ökologische Schäden verursachen «, sind wir aufgerufen, » unseren kleineren oder größeren Beitrag zur Verunstaltung und Zerstörung der Schöpfung «[3] anzuerkennen. Das ist der erste Schritt auf dem Weg der Umkehr.

Im Jahr 2000, das ebenfalls ein Jubiläumsjahr war, hat mein Vorgänger, der heilige Johannes Paul II., die Katholiken aufgefordert, Buße zu tun für die religiöse Intoleranz von einst und jetzt sowie für das begangene Unrecht gegenüber den Juden, den Frauen, den Urbevölkerungen, den Einwanderern, den Armen und den Ungeborenen. In diesem Außergewöhnlichen Jubiläum der Barmherzigkeit fordere ich jeden auf, das gleiche zu tun: Bereuen wir das Übel, das wir unserem gemeinsamen Haus zufügen – als Einzelne, die wir bereits an Lebensstile gewöhnt sind, die auf einer falsch verstandenen Wohlstandskultur beruhen oder auf dem » ungezügelten Wunsch[…], mehr zu konsumieren, als man tatsächlich braucht « (ebd. 123), und als Beteiligte an einem System, das » die Logik des Gewinns um jeden Preis durchgesetzt hat, ohne an die soziale Ausschließung oder die Zerstörung der Natur zu denken «[4].

Nach einer ernsten Gewissenserforschung und erfüllt von solcher Reue können wir unsere Sünden gegen den Schöpfer, gegen die Schöpfung und gegen unsere Brüder und Schwestern beichten. » Der Katechismus der Katholischen Kirche zeigt uns den Beichtstuhl als einen Ort, an dem die Wahrheit uns frei macht für eine Begegnung. «[5] Wir wissen: » Gott ist größer als unsere Sünde «,[6] als alle Sünden, einschließlich der gegen die Schöpfung. Wir beichten sie, weil wir bereuen und uns ändern wollen. Und die barmherzige Gnade, die wir im Sakrament empfangen, wird uns helfen, das zu tun.

4. Einen Kurswechsel vornehmen

Die Gewissenserforschung, die Reue und das Bekenntnis gegenüber dem Vater, der reich ist an Barmherzigkeit, führen zu einem festen Vorsatz, das Leben zu ändern. Und dieser muss in Haltungen und konkrete Verhaltensweisen umgesetzt werden, die mehr Achtung gegenüber der Schöpfung zeigen. Dazu gehört zum Beispiel, Plastik und Papier bedachtsamer zu gebrauchen, die Verschwendung von Wasser, Lebensmitteln und elektrischer Energie zu vermeiden, Abfälle zu sortieren, die anderen Lebewesen sorgsam zu behandeln, die öffentlichen Verkehrsmittel zu benutzen und zu mehreren Personen ein Fahrzeug miteinander zu teilen und vieles mehr (vgl. Laudato si’, 211). Wir dürfen nicht meinen, diese Anstrengungen seien zu gering, um die Welt zu verbessern. Solche Handlungen » verursachen im Schoß dieser Erde etwas Gutes, das stets dazu neigt, sich auszubreiten, manchmal unsichtbar « (ebd., 212), und ermutigen zu einem » prophetischen und kontemplativen Lebensstil, der fähig ist, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein « (ebd., 222).

In gleicher Weise muss der Vorsatz, das Leben zu ändern, sich in der Art ausdrücken, wie wir zum Aufbau der Kultur und der Gesellschaft beitragen, zu der wir gehören. Denn » die Pflege der Natur ist Teil eines Lebensstils, der die Fähigkeit zum Zusammenleben und zur Gemeinschaft einschließt « (ebd., 228). Wirtschaft und Politik, Gesellschaft und Kultur dürfen nicht von einer Mentalität der Kurzfristigkeit und vom Streben nach einem unmittelbaren finanziellen Ertrag oder einem Wahlerfolg beherrscht werden. Sie müssen stattdessen dringend wieder auf das Gemeinwohl ausgerichtet werden, das Nachhaltigkeit und Bewahrung der Schöpfung einschließt.

Ein konkreter Fall ist die „ökologische Schuld“ zwischen dem Norden und dem Süden (vgl. ebd., 51-52) der Erde. Die Erstattung dieser Schuld würde erfordern, für die Umwelt der ärmeren Länder zu sorgen durch die Bereitstellung von Geldmitteln und technischer Unterstützung, die ihnen helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen und eine nachhaltige Entwicklung zu fördern.

Der Schutz des gemeinsamen Hauses verlangt einen zunehmenden politischen Konsens. In diesem Sinn ist es ein Grund zur Zufriedenheit, dass die Länder der Welt im September 2015 die Ziele nachhaltiger Entwicklung (Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung) angenommen und im Dezember 2015 das Klima-Abkommen von Paris approbiert haben, das sich das anspruchsvolle, aber grundlegende Ziel setzt, den globalen Temperaturanstieg zu beschränken. Jetzt haben die Regierungen die Verpflichtung, den eingegangenen Verbindlichkeiten nachzukommen, während die Unternehmen verantwortlich ihren Teil beisteuern müssen. Die Aufgabe der Bürger aber besteht darin zu fordern, dass dies geschieht und dass sogar noch ehrgeizigere Ziele angepeilt werden.

Der Kurswechsel bedeutet also, » gewissenhaft das ursprüngliche Gebot zu beachten, die Schöpfung vor allem Schaden zu bewahren, und zwar uns selbst wie auch den anderen Menschen zuliebe «[7]. Eine Frage kann uns helfen, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: » Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern, die gerade aufwachsen? « (Laudato si’, 160).

5. Ein neues Werk der Barmherzigkeit

» Nichts vereint mehr mit Gott als eine Tat der Barmherzigkeit – ob es sich nun um die Barmherzigkeit handelt, mit der der Herr uns unsere Sünden vergibt, oder um die Gnade, die er uns schenkt, damit wir die Werke der Barmherzigkeit in seinem Namen vollbringen. «[8]

In Anlehnung an ein Wort des Apostels Jakobus könnten wir sagen: » Die Barmherzigkeit für sich allein ist tot, wenn sie nicht Werke vorzuweisen hat […] Aufgrund des Wandels unserer globalisierten Welt haben sich einige Formen materieller und spiritueller Armut vervielfacht: Geben wir daher der Phantasie der Nächstenliebe Raum, um neue Möglichkeiten des Handelns zu erkennen. Auf diese Weise wird der Weg der Barmherzigkeit immer konkreter werden. «[9]

Das christliche Leben schließt die Übung der traditionellen Werke der leiblichen und der geistlichen Barmherzigkeit ein.[10] » Gewöhnlich [denken wir] an die Werke der Barmherzigkeit […], indem wir sie einzeln betrachten und in Verbindung mit einer Einrichtung sehen: Krankenhäuser für die Kranken, Mittagstische für die Hungrigen, Herbergen für die Obdachlosen, Schulen für die, welche eine Ausbildung brauchen, und Beichtstuhl und geistliche Leitung für die, welche Rat und Vergebung nötig haben… Wenn wir sie aber gemeinsam betrachten, dann lautet die Botschaft, dass der Gegenstand der Barmherzigkeit das menschliche Leben selbst ist und zwar in seiner Ganzheit. «[11]

Selbstverständlich schließt das menschliche Leben selbst in seiner Ganzheit auch die Sorge um das gemeinsame Haus ein. Ich erlaube mir also, eine Ergänzung der beiden traditionellen Aufzählungen der sieben Werke der Barmherzigkeit vorzuschlagen, indem ich jedem von ihnen die Sorge um das gemeinsame Haus anfüge.

Als geistliches Werk der Barmherzigkeit verlangt die Sorge um das gemeinsame Haus die » dankerfüllte[n] Betrachtung der Welt « (Laudato si’, 214); sie » erlaubt uns, durch jedes Ding irgendeine Lehre zu entdecken, die Gott uns übermitteln möchte « (ebd., 85). Als leibliches Werk der Barmherzigkeit verlangt die Sorge um das gemeinsame Haus die » einfachen alltäglichen Gesten […], die die Logik der Gewalt, der Ausnutzung, des Egoismus durchbrechen […], und zeigt sich bei allen Gelegenheiten, die zum Aufbau einer besseren Welt beitragen « (ebd., 230-231).

6. Zum Schluss lasst uns beten

Trotz unserer Sünden und der erschreckenden Herausforderungen, die vor uns stehen, verlieren wir nie die Hoffnung: » Der Schöpfer verlässt uns nicht, niemals macht er in seinem Plan der Liebe einen Rückzieher, noch reut es ihn, uns erschaffen zu haben […] denn er hat sich endgültig mit unserer Erde verbunden, und seine Liebe führt uns immer dazu, neue Wege zu finden « (ebd., 13. 245). Besonders am 1. September und dann das ganze Jahr hindurch wollen wir beten:

» Gott der Armen,
hilf uns,
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen,
zu retten. […]
Gott der Liebe,
zeige uns unseren Platz in dieser Welt
als Werkzeuge deiner Liebe
zu allen Wesen dieser Erde « (ebd., 246).
Gott der Barmherzigkeit,
lass uns deine Vergebung empfangen
und deine Barmherzigkeit verbreiten
in unserem ganzen gemeinsamen Haus.
Gelobt seist du!
Amen.

 

(rv 01.09.2016 ord)


[1] Schreiben zur Einführung des „Weltgebetstags für die Bewahrung der Schöpfung“ (6. August 2015).

[2] Ansprache an das Umwelt-Symposium, Santa Barbara, Kalifornien (8. November 1997).

[3] Bartholomäus I., Message upon the World Day of Prayer for the Protection of Creation (1. September 2012).

[4] Ansprache, II. Welttreffen der Volksbewegungen, Santa Cruz de la Sierra, Bolivien (9. Juli 2015).

[5] Dritte Meditation, Geistliche Einkehr zum Jubiläum der Priester, Basilika Sankt Paul vor den Mauern (2. Juni 2016).

[6] Mittwochsaudienz (30. März 2016)

[7] Bartholomäus I., Message for the Day of Prayer for the Protection of Creation (1. September 1997).

[8] Erste Meditation, Geistliche Einkehr zum Jubiläum der Priester, Basilika Sankt Johannes im Lateran (2. Juni 2016).

[9] Mittwochsaudienz (30. Juni 2016)

[10] Die leiblichen Werke der Barmherzigkeit sind: die Hungrigen speisen; den Dürstenden zu trinken geben; die Nackten bekleiden; die Fremden aufnehmen; die Kranken besuchen; die Gefangenen besuchen; die Toten begraben. Die geistlichen Werke der Barmherzigkeit sind: die Unwissenden lehren; den Zweifelnden recht raten; die Betrübten trösten; die Sünder zurechtweisen; die Lästigen geduldig ertragen; denen, die uns beleidigen, gerne verzeihen; für die Lebenden und die Toten beten.

[11] Dritte Meditation, Geistliche Einkehr zum Jubiläum der Priester, Basilika Sankt Paul vor den Mauern (2. Juni 2016).

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Siehe ferner:

PAPST BENEDIKT XVI.: Eine verantwortungsvolle Herrschaft über die Schöpfung ausüben

 

192497-Papst-Benedikt-XVI

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir nähern uns nunmehr dem Ende des Monats August, was für viele das Ende der Sommerferien bedeutet. Wie könnten wir bei der Rückkehr in den Arbeitsalltag nicht Gott danken für das kostbare Geschenk der Schöpfung, an dem wir uns erfreuen dürfen, und das nicht nur in der Ferienzeit! Die verschiedenen Umweltschäden und die Naturkatastrophen, die leider nicht selten zu verzeichnen sind, führen uns die Notwendigkeit vor Augen, die Natur gebührend zu achten und im täglichen Leben wieder eine korrekte Beziehung zur Umwelt herzustellen und geltend zu machen. Für diese Themen, die bei den zuständigen Stellen und in der Öffentlichkeit berechtigte Sorge hervorrufen, entwickelt sich derzeit eine neue Sensibilität, die immer mehr durch Begegnungen auch auf internationaler Ebene zum Ausdruck kommt.

Die Erde ist die kostbare Gabe des Schöpfers, der die ihr innewohnenden Ordnungen erdacht und uns damit Wegweisungen gegeben hat, an die wir uns als Treuhänder seiner Schöpfung halten müssen. Aus eben diesem Bewußtsein heraus stehen für die Kirche die Fragen, die mit der Umwelt und ihrem Schutz zusammenhängen, in engem Zusammenhang mit dem Thema der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung. Auf diese Fragen bin ich mehrmals eingegangen in meiner letzten Enzyklika Caritas in veritate, wo ich die »dringende moralische Notwendigkeit einer erneuerten Solidarität« (Nr. 49) in Erinnerung gerufen habe, in den Beziehungen nicht nur zwischen den Ländern, sondern auch zwischen den einzelnen Menschen, denn die natürliche Umwelt wurde allen von Gott geschenkt, und der Umgang mit ihr stellt für uns eine persönliche Verantwortung gegenüber der ganzen Menschheit dar, besonders gegenüber den Armen und den künftigen Generationen (vgl. ebd., Nr. 48). Die Kirche ist sich der gemeinsamen Verantwortung für die Schöpfung bewußt (vgl. ebd., Nr. 51) und unterstützt daher nicht nur den Schutz der Erde, des Wassers und der Luft, die der Schöpfer allen geschenkt hat, sondern sie setzt sich vor allem dafür ein, den Menschen gegen seine Selbstzerstörung zu schützen. Wenn nämlich »in der Gesellschaft die ›Humanökologie‹ respektiert wird, profitiert davon auch die Umweltökologie« (ebd.). Ist es vielleicht nicht wahr, daß die achtlose Nutzung der Schöpfung dort beginnt, wo Gott ausgegrenzt oder seine Existenz sogar geleugnet wird? Wenn die Beziehung des menschlichen Geschöpfes zum Schöpfer schwindet, dann wird die Materie zum egoistischen Besitz herabgewürdigt, wird der Mensch ihre »letzte Instanz«, und der Zweck des Lebens ist dann nur noch ein hastiges Streben nach möglichst viel Besitz.

Die Schöpfung, die von Gott geistig strukturierte Materie, ist also der Verantwortung des Menschen anvertraut, der in der Lage ist, sie zu deuten und aktiv umzugestalten, ohne sich als absoluter Herrscher über sie zu betrachten. Vielmehr ist der Mensch berufen, eine verantwortungsvolle Herrschaft über sie auszuüben, um sie zu schützen, zu nutzen und zu kultivieren und so die notwendigen Ressourcen zu finden, damit alle würdig leben können. Mit Hilfe der Natur selbst und mit dem Einsatz ihrer Arbeit und ihrer Erfindungsgabe ist die Menschheit wirklich in der Lage, der ernsten Verpflichtung nachzukommen, den neuen Generationen eine Erde zu übergeben, auf der auch sie würdig leben und die sie weiter kultivieren können (vgl. Caritas in veritate, 50). Damit das geschehen kann, ist es unabdinglich, »jenen Bund zwischen Mensch und Umwelt « zu entwickeln, »der ein Spiegel der Schöpferliebe Gottes sein soll« (Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2008, 7), indem wir erkennen, daß wir alle in Gott unseren Ursprung haben und alle zu ihm unterwegs sind. Es ist also sehr wichtig, daß die internationale Gemeinschaft und die einzelnen Regierungen den eigenen Bürgern die richtigen Weisungen zu geben wissen, um wirksam zu verhindern, daß die Umwelt zu ihrem Schaden ausgenutzt wird! Die wirtschaftlichen und sozialen Kosten für die Benutzung der allgemeinen Umweltressourcen müssen offen dargelegt und von den Nutznießern getragen werden und nicht von anderen Völkern oder zukünftigen Generationen. Der Schutz der Umwelt, der Ressourcen und des Klimas erfordert, daß alle auf internationaler Ebene Verantwortlichen gemeinsam handeln, dem Gesetz entsprechend und in Solidarität vor allem mit den schwächsten Regionen der Erde (vgl. Caritas in veritate, 50). Gemeinsam können wir eine ganzheitliche menschliche Entwicklung aufbauen zum Wohl der gegenwärtigen und der zukünftigen Völker, eine Entwicklung, die an den Werten der Liebe in der Wahrheit orientiert ist. Dazu ist es unverzichtbar, im gegenwärtigen Modell der globalen Entwicklung eine Umkehr zu bewirken in Richtung auf eine größere und gemeinsame Übernahme der Verantwortung gegenüber der Schöpfung: Das ist nicht nur erforderlich aufgrund der Umweltprobleme, sondern auch aufgrund des Skandals von Hunger und Elend.

Liebe Brüder und Schwestern, danken wir dem Herrn, und machen wir uns die Worte des hl. Franziskus im Sonnengesang zu eigen: »Höchster, allmächtiger, guter Herr, dein sind der Lobpreis, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen … Gelobt seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen.«

So der hl. Franziskus. Auch wir wollen im Geist dieser Worte beten und leben.

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Generalaudienz vom Mittwoch, 26. August 2009

Bischof Dr. Karl Josef Romer (5. Okt. 2006): DIE HEILIGKEIT DES LEBENS

Bischof Karl Josef Romer

 

Die Heiligkeit des Lebens

Vorwort

Wer glaubt, dass der Mensch von Gott geschaffen ist, muss glauben, dass dieser Mensch im innersten Wesen, im Herzen Gottes seinen Anfang nimmt. Die Existenz dieses Geschöpfes muss in der Welt Lob und Preis der Herrlichkeit Gottes und den Mitmenschen heilswirkend Leuchte sein. Der Mensch ist nicht eine Emanation Gottes, aber in Liebe und Wahrheit nach Gottes Bild gemacht. Daher existiert er um von Gott sichtbares Zeugnis zu geben. Die Heiligkeit des menschlichen Lebens ist Teil eines grossen Schöpfungsplanes, in dem Gott in freier Liebe sich selbst ausspricht.

1) In geklärter Kritik, gläubig die Schrift lesen

1. Weder Mythos noch moderner Beobachtungsbericht

„Die grundlegenden Aussagen über den christlichen Schöpfungsglauben finden sich bereits auf den ersten Seiten des Alten Testamentes, im … priesterschriftlichen Bericht (Gen 1,1-2,4a) und in dem älteren, mehr anthropomorph gehaltenen, jahwistischen Text“ (Gen 2,4b-3,24) (Scheffczyk, III, 59[1]).

Der Text (Gen 1-11) darf weder rein wörtlich genommen werden, als ob es sich, modern gesagt, um den Bericht einer versteckten Kamera handeln würde. Ebenso wenig wird dem Text gerecht, wer ihn, wie die Aufklärung es versuchte, als Mythos abtut. Es ist nützlich, die wesentlichen Unterschiede zwischen Mythos und Schöpfungserzählung festzuhalten.

1.2  Was sind Mythen? 

Der Mythos steht im Gegensatz zur biblischen Erzählung. Für die Aufklärung besteht Gen 1-3 einzig aus zusammengefügten Stücken mythischen Ursprunges, die phantasievoll das Unerklärbare des Anfanges illustrieren wollen. Es wäre wichtig, hier überlegen zu können, worin denn die Mythen eigentlich bestehen.  Der Mythos will eine gewisse Welterklärung geben; jedoch zielt er nicht auf das Verhältnis von Mensch zu Gott. Der Mythos will in einer Retro-Projektion besonders die von allen Menschen erlebten, natürlichen und zyklischen Gegebenheiten der Welt (wie das Werden und Sterben der Natur und des Menschen selber) kausal erklären. Diese Erklärung ist ohne direkten Einfluss auf die Gestaltung der Geschichte von heute[2]. Im Allgemeinen, können wir sagen, sind die Götter ein Teil des grossen Werdens der Welt; als dessen erste Phase sind sie höherer Qualität und deshalb den Menschen übergeordnet.

1.3  Das literarische Genus des Schöpfungsberichtes (Glaube und Schöpfung als Beginn der Heilsgeschichte) 

Der biblische Bericht, hingegen, der zwar ohne Bedenken gewisse illustrierende, der mythischen Anschauung entnommene Kategorien gebraucht, ist dezidiert anti-mythisch. Dazu gehören unter anderem:

– Das Hauptelement ist die absolute Bezogenheit auf Gott.

– Das absolute Fehlen jeglicher Spur des Kampfes zwischen Gott und Natur.

– Das Verb „bara’“ (erschaffen), das Gottes Tun in absoluter Souveränität zeigt („und Gott sprach … und Gott schuf … und so war es gut“).

– Vor allem sind jegliche astrale Kräfte seinem Tun streng unterworfen.

– Die Natürlichkeit, mit der von der Zweigeschlechtlichkeit gesprochen wird, ohne zu dämonisieren oder zu sakralisieren.

– Alle Dinge sind in ihrer Ordnung und Wahrheit Ausdruck des Schöpferwortes, fern von aller Magie und Zauber, haben sie eine rationale Erkennbarkeit.

– Alles wird ausschliesslich in der Abhängigkeit von Gott, und erst von daher in gegenseitiger geschöpflicher Beziehung gesehen.

– Dadurch, dass die 11 „vorgeschichtlichen“ Kapitel der Abrahamgeschichte vorgebaut sind, wird klar, dass auch dieser Schöpfungsbericht als reale Tat des in der Abrahamgeschichte sich allmächtig erweisenden Gottes zu sehen ist. „Das Urgeschehen steht in einer Analogie zur Realgeschichte der Väter“ (Scheffczyk, III,63)[3].

1.4  Der absolute Unterschied: der Mensch ist mehr als ein Geschöpf

In grandioser Beschreibung wird das Wort „bara’“ (erschaffen) gebraucht. Es ist „ein terminus technicus des AT, ausschliesslich dem Tun Gottes vorbehalten“[4].

In Gen 1-3 und 4-11 ist alles ausgerichtet auf die Beschreibung des Verhältnisses von Gott und Mensch. Damit gibt Gen 1-11 für das Leben jeden Menschen und für das Verstehen unserer Geschichte das Grundverständnis.

 

2) Der Mensch, Gottes Bild und Gleichnis

2.1 Der Mensch soll einzig Gott zueigen sein

Nach der monotonen Wiederholung an den ersten fünf Tagen „Und Gott sprach, es werde, und Gott schuf“, fällt umsomehr auf, welch ein Einbruch im Redestil der Verse liegt, die der Erschaffung des Menschen gewidmet sind: „(26) Und Gott sprach: Lasst uns den Menschen machen nach unserem Bild und Gleichnis (uns ähnlich) … (27) Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, als Mann und Frau schuf er sie“ (Gen 1,26-27).

Es ist evident, dass hier der Höhepunkt der 6-tägigen Schöpfungswoche liegt. Es ist eine unerhörte Neuigkeit, die da ausgesagt wird, die in zwei Richtungen verstanden werden muss. Der zu erschaffende Mensch kommt aus der innersten Liebesmitte des Wesens Gottes hervor: „Lasst uns den Menschen machen – nach unserem Bilde und Gleichnis“. Es ist unsagbar, dass, trotz der absoluten Verschiedenheit zwischen Schöpfer und Geschöpf, eines der Geschöpfe aus solcher Innigkeit Gottes hervorgehen soll, und die Ähnlichkeit mit Gott als innerstes Merkmal an sich tragen muss und darf. Und in der anderen Richtung: Gott nimmt diese Kreatur ganz besonders an sich. Der Mensch, ihm ähnlich, muss ihm in ganz ausschliesslicher Weise gehören. Er wird hineingenommen in die innerste Vertrautheit mit Gott. Das Paradies-Gebot ist nochmals Ausdruck und Beweis dieser Erwählung: der Mensch, der sein Dasein ganz aus Gottes Liebestat empfangen hat, soll in freier Liebeshingabe in diese Gottesgemeinschaft eintreten[5]. Dazu sollte gelesen werden, was der Papst Johannes Paul II. in seinen Mittwoch-Katechesen von 1979 bis 1984 über Mann und Frau darlegte.

Wir finden in der Schöpfungsgeschichte der Bibel sowohl den Realismus der risikovollen Lebenserfahrung[6] sowie das Geheimnis des Menschen und der Ehe.

Die Urheiligkeit des menschlichen Lebens bezieht sich nicht nur auf die Innerlichkeit des menschlichen Gewissens, sondern zu dieser Heiligkeit gehört auch die Leiblichkeit und die Zweigeschlechtlichkeit sowie die Weitergabe des Lebens in der Familie. Das ausschliessliche Zugehören zu Gott drückt sich in der biblischen Botschaft am deutlichsten darin aus, dass der Mensch in freier Liebesentscheidung sich ganz dem liebenden Gotte hingeben darf (Gebot – Gehorsam – Chance freier Liebestat)

2.2 Die Ureinsamkeit des Menschen, auf dem Wege zu Gott

In seiner sehr suggestiven Analyse des zweiten Genesiskapitels sprach der Papst am 10. Oktober 1979 von einer doppelten Einsamkeit des Menschen.

Der Mensch steht zwar in einer tiefen Bezogenheit zu allen ihn umgebenden Geschöpfen. Das 2. Kapitel von Genesis zeigt in einem erhabenen Bilde, wie der Mensch inmitten aller Kreaturen seine Funktion als König des Alls übernimmt, indem er jedem Ding seinen Namen gibt, aber wie er trotzdem in einem doppelten Sinne einsam bleibt. Der Papst eröffnet hier eine Perspektive seltener Schönheit.

Bei all seiner Ähnlichkeit und seiner ursprünglichen Verwiesenheit auf die Welt, aus deren „Staub“ er gebildet ist, bleibt der Mensch eben doch in einer letzten und unaussprechbaren „Einsamkeit“. Es handelt sich hier zuerst um die Einsamkeit des Menschen als solchen (Mann und Frau); also nicht bloß um das dem Manne aus der Abwesenheit der Frau erwachsende Ungenügen[7]. Der Papst insistiert auf einer doppelten Einsamkeit:

  • die eine erwächst dem Menschen aus seinem tiefsten geschöpflichen Wesen, das heisst aus seinem Geschöpfsein in Vernunft und Liebe (besonders deutlich im 2. Kapitel der Genesis). Die bleibende Not des Geschöpfes, den Schöpfer zu finden;
  • die andere Einsamkeit entspricht der gegenseitigen Bezogenheit von Mann und Frau.

Diese seine innerweltliche Einsamkeit wird erfüllt durch das Gegenüber von Mann und Frau, soll ihm aber zugleich Verweis sein auf den absoluten Gott.

Die erste Form der Einsamkeit, die metaphysische, hat nichts mit der Verstossenheit des sündigen Menschen zu tun. Es handelt sich um das tiefste in sich selber Unerfülltsein des Menschen, indem er in seinem ganzen Wesen auf einen Andern, auf Gott, verwiesen ist. Auch wenn wir glaubend wissen, dass im Paradiese dem Menschen eine gnadenhafte Verbundenheit mit Gott gegeben war, so setzt eben gerade diese Gratuität der Gnade voraus, dass der Mensch sich selber immer nur als ungenügend erfahren kann. Auch erfüllt von der Gnade, weiss er, dass er aus sich selbst immer nur in absoluter Bedürftigkeit, in unendlichem Durst auf das Wahre, das Gute, das Schöne, auf Gott verwiesen bleibt.

2.3 Die Zweigeschlechtlichkeit als voller Ausdruck des Gottesbildes und Weg zu Gott

Es genügt ihm nie, Teil dieses Universums zu sein. – Im Umgang mit der Welt (Gen 2,19) lernt der Mensch sich selbst in Frage zu stellen. Warum ist keine andere Art des Geschaffenen ihm vergleichbar? Selbst in der beglückenden Beziehung zur Frau eröffnet sich das Geheimnis nochmals. Wie sehr sich Mann und Frau auch ergänzen und bereichern, so kann weder er noch sie jemals erfüllt werden durch ein Geschöpf. So müssen und dürfen Frau und Mann, auf ihrem gemeinsamen Wege zu Gott, einander gleichsam geheimnisvoll Spiegel des unsichtbaren, alles seligmachenden Gottes sein, Gefährte und Gefährtin – in Freud und Leid – und Zeichen lebendiger Hoffnung.

So wird gerade an der Zweigeschlechtlichkeit und an der gegenseitigen Bezogenheit von Mann und Frau nochmals klar, was der Mensch eigentlich ist. Während alle andern Dinge geschaffen sind nach ihrer eigenen Art, ist der Mensch das einzige Wesen, das nicht nach seiner, sondern nach einer fremden Art geschaffen ist. Nur Gott kann ihm ganz genügen. Keine Philosophie hat das grossartiger ausgedrückt. So wird auch sichtbar, dass die Heiligkeit des einzelnen Lebens ein Auftrag ist, denn seine Heiligkeit muss zur Heiligkeit der andern werden, in der Freundschaft, in der Ehe, der Familie und der Gesellschaft. Darin liegt die volle Würde und der Auftrag der Zweigeschlechtlichkeit.

Hier ist die Zweigeschlechtlichkeit weder dämonisiert, noch mythologisch vergöttlicht. Jeder muss für den andern (nicht nur, aber gerade auch in der zweigeschlechtlichen Dualität) gnadenhaft Gottesbild sein. Darin zeigt sich in unvergleichlicher Tiefe, wie jede Mitmenschlichkeit, aber  gerade die Zweigeschlechtlichkeit einerseits in Liebe Ausdruck Gottes, aber andererseits auch Weg zum Wachsen auf Gott hin sein muss.

Hier wäre die sehr wesentliche Überlegung anzustellen über den Sinn der Jungfräulichkeit und geweihten Ehelosigkeit. Diese will ja gerade den letzten und endgültigen Sinn aller mitmenschlichen Liebe vorwegnehmend darstellen. Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen wird so der Ehe und jeder suchenden Mitmenschlichkeit in höherem und tieferem Sinne zum Vorbild und Zielbild.

Wichtig ist schlicht und entschieden festzustellen, dass nach Gen 1,27 beiden Geschlechtern die absolute, vor Gott geltende Gleichwertigkeit zusteht. Was die zwei in ihrer Ergänzungsbedürftigkeit und Ergänzungsfähigkeit sind (Kap. 2), das müssen sie gerade als gleichwertiges Gottesbild sein. „Über alle Kulturen hinweg ist hier das Verhältnis Mann und Frau als Personen zur Grundform menschlicher Gemeinschaft erhoben“[8]. Nicht Unterordnung, sondern Polarität auf dem Weg zu Gott.

2.4 Die Freundschaft mit Gott

Scheffczyk (III,74) weist hin auf die refrain-artige Wiederholung: „und Gott sah dass es gut war so“, womit die Schrift aussprechen will, dass der vollkommene Gott, vor der Ursünde und aus reiner Schöpferliebe, seinem höchsten irdischen Geschöpfe „das Siegel der seinsmässigen Güte und Makellosigkeit“ gab. Es genügt nicht, die Gottesbildlichkeit des Menschen vor allem in seiner Vernünftigkeit, oder in seiner Erhabenheit über alle Geschöpfe, oder etwa in seinem aufrechten Gange sehen zu wollen. Dies ist wichtig und konstitutiv für seine Wesenheit. Aber das Bild Gottes besagt etwas viel Tieferes. Während alle Geschöpfe nur mittelbar zu Gott stehen (nämlich soweit der Mensch sie erkennt und in ihnen Gottes Spuren findet), ist der Mensch das einzige irdische Geschöpf, das in einem unvergleichlichen, unmittelbaren Gegenüber zu Gott steht. Der Mensch soll im Garten Gottes, im Paradiese wohnen; Gott nimm sich hingebend an um die Einsamkeit des Menschen. Der Mensch ist umgeben von Sorge und Liebe Gottes. Auch das Gebot im Paradies, die Berufung zur Bewährung des Menschen in seiner geschöpflichen Freiheit, ist nochmals höchster Anruf Gottes auf den Weg des Lebens und der göttlichen Erfüllung. All diese heilige Verbundenheit mit Gott ist mit dem Schöpferakte Gottes immer mitgemeint. So ist es im empfangenen Kinde, im Embryo, wie im erwachsenen Menschen. Gewiss, seit der Ursünde muss jeder durch die Taufe der Macht des Bösen entrissen und wieder in Gottes Gemeinschaft geführt werden. Das abscheuliche Verbrechen der Abtreibung (GSp 51.3: „crimen nefandum“) vergeht sich an der Schöpfertat Gottes selbst, der das wachsende Geschöpf schon angerufen hat zu dieser göttlichen Intimität.

2.5 Die Gottentfremdung

Gerade vor der Höhe und Tiefe der Berufung des Menschen durch Gott wird klar, wie abgrundtief das Unglück der Sünde ist. Wenn Gott ihm neue Hoffnung gibt, kann der Mensch seine Vollkommenheit nur finden, wenn er sich nicht verbannt zur gottfernen Einsamkeit. Nur bei Gott kann er Erfüllung, Ewigkeit, Leben, Liebe ohne Grenzen finden. Und in diese göttliche Berufung hinein muss jeder Mensch seine Mitmenschen führen. Jeder Mensch muss immer seinem Nächsten Zeichen dieser Hinordnung, dieser Gottbezogenheit sein. Sonst wird der Mensch dem Menschen zum Verführer, wie beim Untergang des Paradieses. Also, die Sorge um den Nächsten ist voll hineingenommen in das innige Verhältnis zum Heiligen Gott. Ohne Gottinnigkeit versinkt die Mitmenschlichkeit in die Leere der Ziellosigkeit oder wird erdrückt unter der Last erschöpfter Sinnenlust. Doch an dem sich Annehmen um den Nächsten wird die Gottesfreundschaft gestärkt und wahr.

 

3) Geschöpf des Dreifaltigen Gottes

3.1 Daten der Bibel

Wenn dies auch nicht so ausdrücklich im AT feststeht, so ist für den Christen eben doch klar, dass er nicht Gottesbild sein kann, ausser er sei Bild des Dreifaltigen Gottes. Gewiss, erst im Lichte des Neuen Testamentes ist es möglich, gewisse Andeutungen des AT zu entschlüsseln. Das „WORT des Herrn“ (Lógos) gilt als das schöpferische Tun Gottes, aber auch als jene heilige Macht, die der Geschichte Israels Richtung, Kraft und Ziel gibt (Psalm 33,6; 1 Sam 9,27; 2 Sam 7,4). Dieses Wort ist auch die „Weisheit“ Gottes (cf. Spr 8,27; Weish 7,24ss; 8,1; 8,18) (cf. Scheffczyk III,115). Die Ausdrucksform dieser Weisheit (sophía) ist so stark, dass der hochgelehrte, tiefgläubige hellenistische Jude Philo meint, darin ein zweites Gottsein erkennen zu müssen (deúteros theós).

Es ist nicht nötig, in dem Geiste, der „über dem Abgrund und dem Wasser schwebt“ eine ausdrückliche Offenbarung der dritten göttlichen Peson zu vermuten. Doch im NT erhellt sich, wie der so oft genannte, als Ausdruck Gottes in die Welt hinein gesandte Geist, letztlich eben gerade doch der heiligende, alle Erlösung vermittelnde persönliche GEIST ist.

Im Johannesevangelium wird die Schöpferrolle des „Wortes“ zu höchster Bedeutung erhoben (Joh 1,1-14; 1Joh 1,1; Apk 19,13). Das heisst dann aber, dass das in der Schöpfung Ausgedrückte eine innertrinitarische Tiefe und Bedeutung hat.

3.2 Lehre der Kirche

Das IV. Laterankonzil erhob es zum Glaubenssatz, dass die „Dreifaltigkeit … allein der Ursprung von allem ist, ausser dem man keinen anderen finden kann“ (DH 804: (quae … Trinitas sola est  universorum principium, praeter quod aliud inveniri non potest“).

3.3 Die Fülle unserer Berufung

Wenn Gott, unsere Ziel, die einzige Seligkeit ist, dann wird verständlich, dass jeder Mensch in seinem innersten Wesen aus dem Geheimnis dieses Dreifaltigen Gottes stammt. Gott nimmt nichts „Fremdes“ in sich auf, sondern das aus seinem Herzen Geschaffene. Da ER, der Absolute, als unser Ursprung auch nur unser volles beglückendes Ziel sein kann. Die volle Würde und das Ziel des Menschseins ist gerade diese dreifaltige Beziehung: zum Geiste, der uns Gottes Frieden schenkt und uns die Kraft gibt, die Welt zu erleuchten und Einheit zu schaffen; zum Sohne, der uns Anteil haben lässt an seiner überquellenden göttlichen Liebe, die immer aus Gott stammt und zu Gott führt, und darin uns schon Anteil gibt an seinem ewigen Königtum; zum Vater, als letztem Ursprung und sich schenkendem, beglückendem Ziele, denn er ist der „Vater, der alles in allem“ sein will (1 Kor 15,28).

 

4) Erschaffen  in Christus, durch Christus und für Christus

4.1 Im Johannesevangelium und bei Paulus

Wie eben angedeutet, entfaltet sich schon im Prolog des Johannesevangeliums diese dreifaltige Wahrheit über den Menschen (und über des All). „Das Wort war bei Gott und das Wort war Gott … Und alles ist durch es geworden, und ohne es ist nichts geworden“ (Joh 1,1-3).

Bei Paulus erfährt dieser Gedanke eine geradezu dramatische Ausdeutung. Hier ist die Schöpferrolle Christi nicht weniger thematisiert: „So haben wir nur einen Gott, den Vater. Von ihm stammt alles, und wir leben auf ihn hin. Und einer ist der Herr Jesus Christus. Durch ihn ist alles, und wir sind durch ihn“ (1Kor 8,6)[9].

Von unübertrefflicher Deutlichkeit ist der Kolosserbrief 1,15-18a:

15 „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung.

16 Denn in ihm ward alles erschaffen, im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, … alles ist erschaffen durch ihn und auf  ihn hin.

17 Und er ist vor allem, und alles hat in ihm Bestand.

18 Er ist das Haupt seines Leibes, der Kirche.“

4.2 Protologie und Eschatologie

Das gläubige Erkennen der Lehre Jesu und seiner österlichen Allmacht gibt uns die Gewissheit über den endgültigen Sinn der Geschichte (Eschatologie). Analog, dieselben Machterweise Gottes in Geschichte verlangen eine radikale Überlegung über den Anfang des Alls, eine Protologie. – Das Kreuzesgeheimnis und der Ostersieg haben ihre volle Bedeutung dann erreicht, wenn dieselbe Ostergnade in uns denselben Sieg realisiert haben wird. Das durch ihn und das für ihn im Schöpfungsakte ist die protologische Vorwegnahme dessen, was die Eschatologie unserem Glauben verspricht: „Danach ist das Ende, wenn er Gott dem Vater die Königsherrschaft übergibt… Denn er muss als König herrschen… Ist aber einmal alles ihm unterworfen, dann wird auch der Sohn selber sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei“ (1Kor 15,24-28). Nur der, durch den alles erschaffen wurde, kann auch der Erlöser und Vollender sein (cf. Eph 1,10-12).

4.3 Kosmische Weite im grossen Christuslob der Kirche

Wenn auch diese Heiligkeit erst in der Taufe voll und unfehlbar hergestellt werden kann, so lässt sich eben doch nicht leugnen, dass die Schrift schon jegliches Geschöpf in Christus auf Gott hin bezogen sieht. (Um es nochmals zu betonen, „auf Gott hin“ ist nicht etwas äusseres, moralisches, sondern besagt die Zielhaftigkeit auf das innerste, heilige und angebetete Wesen Gottes.) – Dazu, dass alle Christen Anteil haben an der bestimmten Berufung, die Mitmenschen in diese göttliche Bestimmung hineinzuführen, sei hier ein Vergleich gestattet. Ein jüdisches Mädchen wurde nicht wie die Knaben durch die Beschneidung dem Volke Gottes einverleibt. Aber durch das glaubende Gebet der Mutter und des Vaters hat auch jedes Mädchen genauso zum heiligen Volke Gottes gehört. Die christliche Mutter, die heute über das Kind in Ihrem Mutterschosse betet, gibt das Kind zurück in die heilige und ewige Ordnung, wo „alles vom Vater stammt und auf IHN hin leben muss, und wo alles durch den einen Herrn Jesus Christus ist“ (1Kor 8,6)[10]. Das Gebet der Eltern über das ungeborene Kind feiert schon die hl. Berufung des menschlichen Lebens und ist wie der vorweggenommene Introitus der (vielleicht noch nicht ganz nahen) Taufe, in der die Erlösung voll und unfehlbar geschenkt wird.

Das Leben ist heilig von seiner göttlichen Bestimmung her. Im Gebet und vollkommen in der Taufe und in den Sakramenten wird der Fluch der Ursünde besiegt. Und jeder Mensch kann an dieser Heiligkeit für sich und für die anderen mitbauen. Besonders die Familie, Mutter und Vater, haben hier eine heiligende und göttliche Vermittlung.

Die Kirche kann nicht die Heilige Messe, dieses Hohelied der hl. Liturgie feiern, ohne immer und jeden Tag in reiner Glaubensgewissheit alle Menschen in die anbetende Lobesformel (grosse Doxologie) mit einzubeziehen:

 

Durch Ihn und mit Ihm und in Ihm

ist Dir Gott allmächtiger Vater,

in der Einheit des Heiligen Geistes,

alle Herrlichkeit und Ehre!

Amen.

 

[1] Wo nichts anderes gesagt wird, bezieht sich Scheffczyk III auf das Werk  Scheffczyk Leo, Schöpfung als Heilseröffnung, in: Leo Scheffczyk und Anton Ziegenaus, Katholische Dogmatik, dritter Band.

[2] Wesentlich für die Mythen ist die immanente Schau des Werdens der Götter und der Menschen. Besonders illustrativ ist dafür der babylonische Mythos „Enuma elisch“ (1700 vor Christus), nach dem das Werden der Götter nur die erste Phase des Entstehens des Alls aus dem Ur-Chaos darstellt. Scheffczyk (III, 60) referiert auch den 1000 Jahre älteren Mythos der Sumerer, „Dilenum“, nach dem der Ursprung der Welt das Resultat eines Begattungskampfes zwischen Naturkräften ist, zwischen Ozean und Mutter Erde, woraus neue Götter, und in der Folge Geschöpfe entstehen.

[3] Cl. Westermann, Schöpfung, 58 unterscheidet in den Traditionen der verschiedenen Kulturen vier Typen: (cf. Scheffczyk, p. 61) a) das Hervorbringen der Welt durch ein dem menschlichen Machen ähnliches Tun; b) die Erschaffung durch Zeugung und Geburt der Götter  (und nachfolgendem Hervorbringen der übrigen Dinge);

  1. c) das Entstehen der Welt durch Kampf der Götter (des Gottes) mit entgegengestellten kosmischen Mächten.;
  2. d) die Schöpfung durch das Wort als göttlichen Befehl. Scheffczyk gibt zu, dass im jahwistischen Bericht Elemente des Machens nach Art des Menschen vorhanden sind (das Formen aus Lehm). Das mindert aber keineswegs die absolute Souveränität des Schöpfers. Auch wo in Mythen (z.B. Babylon) das Wort vorkommt, handelt es sich letztlich doch nur um „Kosmogonien“, wo die Götter selbst ein Teil, die erste Phase des Entstehens des Alls sind (Kosmogonie: das Werden des Kosmos).

[4] J. Nelis, Schöpfung, in: Haag, Bibellexikon, 1543. Ausser dem Vorkommen in Ex 34,10; Nm 16,30; Jr 31,22 ist der Ausdruck praktisch nur  in exilischen und nachexilischen Texten zu finden. Wichtig ist zu merken, dass der Ausdruck vor allem in Gen 1,1-2,4a (7x) und im DtIs (16x) gebraucht wird. Allerdings vermerkt H. Gross, Theologische Exegese von Gen 1-3, in: Myst Sal II, 429, dass im DtIs  es sich „vor allem auch um die Neuschöpfung in der Heilszukunft“ handelt.  – Wenn auch die neueste Exegese über die Identität des „Jahwisten“ wieder diskutiert, ist doch festzuhalten, dass Gen 2,4b-3,24 einer wesentlich älteren Zeit angehört als der Priesterkodex in Gen 1,1-2,4a. Da der Jahwist sichtbar mythische Erzählungselemente nicht verabscheut (Formen aus Lehm, Einblasen des Lebensodems), ist nach der schweren Erfahrung in Babylon, mit den ausdrucksmächtigen Mythen, verständlich, dass mit einer strengeren Sprache jede Gefahr der Annäherung an Mythen vermieden werden muss. Deshalb in Gen 1 die stereotypisch wiederholten Wendungen: „Gott sprach … Es werde … Und Gott machte es …“.

[5] Wo Jesus diese Ähnlichkeit mit Gott noch enger schliesst: „dass alle eins seien … wie auch wir eins sind“ (Jo 17,20-22), sagt das II. Vat. Konzil: „Dieser Vergleich macht offenbar, dass der Mensch, der auf Erden die einzige von Gott um ihrer selbst willen gewollte Kreatur ist, sich selbst nur durch die aufrichtige Hingabe seiner selbst vollkommen finden kann“, Gaudium et Spes, 24 (sub finem).

[6] Der Kampf ums tägliche Brot, die Last des menschlichen Beieinanderseins.

[7] Bevor es um die Erschaffung der Frau geht (Gen 2,21-22), heisst der Mensch einfach „Mensch“ (“’adam”). Erst nach dem Erscheinen der Frau wird sein Name differenziert zu “’îš”, Mann und “’iššah”, Frau.

[8] Vgl. Scheffczyk, III, S. 77.

[9] Man kann bei Paulus von einem wahrhaft „kosmischen Christus“ sprechen (Eph 1,4.10; Kol 1,15-18a; Heb 1,3). Dazu ist auch zu beachten die schöpferische Rolle des „Wortes“ (Scheffczyk III, 117).

[10] Hier möchte ich speziell verweisen auf den einmalig tiefen Artikel von Leo Kardinal Scheffczyk, Dignità del Bambino (Die Würde des Kindes) in: Päpstlicher Familienrat, Lexicon, Termini ambigui e discussi su famiglia vita e questioni etiche (2003), 177-184.

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Welt-Gebets-Kongress für das Leben, in Fatima, 4. – 8. Oktober 2006
„Maria, Dir vertrauen wir die Sache des Lebens an.” (Johannes Paul II., Evangelium vitae 105)

Vortrag Nr. 2, gehalten am 5. Oktober 2006, von S.E. Bischof Dr. Karl Josef Romer, Sekretär des Päpstlichen Rates für die Familie

 

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Literatur:

Scheffczyk Leo, Schöpfung als Heilseröffnung, in: Leo Scheffczyk und Anton Ziegenaus, Katholische Dogmatik, dritter Band.

Gross H., Theologische Exegese von Genesis 1-3, in: Mysterium Salutis II (hrsg. von J. Feiner u. M. Löhrer), Einsiedeln 1967, 421-463 (dt)

Scheffczyk Leo, Einführung  in die Schöpfungslehre, Darmstadt 31987

Ziegenaus Anton, „Als Mann und Frau erschuf er sie“ (Gen 1,27). Zum sakramentalen Verständnis  der geschlechtlichen  Differenzierung des Menschen, in: MThZ 31 (1980) 19-32.

Schmaus Michael, Der Glaube der Kirche III 21979