„Cui bono? Welche ‚List der Idee‘ steckt hinter dem Ganzen?“

04 September 2019, 06:00

„Mit Entsetzen, tiefer Bestürzung und Trauer verfolge ich mit vielen Kollegen die in einer Nacht- und Nebelaktion durchgesetzten Entscheidungen“ – Offene Stellungnahme zu den Turbulenzen um das Institut Papst Johannes Paul II. – Von Norbert Martin

Rom (kath.net) Offene Stellungnahme zu den Turbulenzen um das „Familieninstitut „Papst Johannes Paul II.” in Rom

Gerichtet an:
Erzbischof Vincenzo Paglia, Großkanzler des Instituts
Msgr. Pierangelo Sequeri, Präsident des Instituts
Kardinal Giuseppe Versaldi, Präfekt der Bildungskongregation
Erzbischof Vincenzo Zani, Sekretär der Bildungskongregation

Durch die breite Berichterstattungen in den Medien (Tagespost, kath.net, CNA und viele andere im Ausland) und die Veröffentlichungen des Briefes der Studentenvertreter des Instituts mit inzwischen über 1.500 Unterschriften von Studenten und Alumnen, sowie des ausführlichen Interviews des Vize-Präsidenten Prof. Granados sowie den Interviews der Professoren MelinaGrygiel und von Prof. Pesci von der staatlichen Universität La Sapienza/Rom, sind die Tatsachen und die momentane Lage des „Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie“ Instituts an der Lateran-Universität in Rom, das Papst Johannes Paul II. 1981 gegründet hat, allgemein bekannt. Deshalb setzen wir deren Kenntnis im Folgenden voraus.

Seit meiner (Prof. Martin) Berufung als erster Soziologe an das Institut durch Papst Johannes Paul II. 1981 war ich für ca. zwei Jahrzehnte mit seinem Auf- und Ausbau durch seinen ersten Präsidenten, dem späteren Kardinal Prof. Dr. Carlo Caffarra, vertrauensvoll verbunden. In mehreren Sitzungen mit dem gesamten internationalen Lehrkörper zusammen mit Papst Johannes Paul II. wurden damals die Vision des Papstes und seine Zielsetzung intensiv beraten. Der Papst (und nach ihm auch gleichermaßen Papst Benedikt XVI.) erhofften sich mit der Gründung dieses neuartigen Instituts eine weitreichende Erneuerung der katholischen Theologie und Pastoral von Ehe und Familie. Wir alle waren und sind überzeugt, dass der Kirche und Welt von der göttlichen Vorsehung in Papst Johannes Paul ein charismatischer Neuaufbruch auf dem Gebiet der kirchlichen Ehelehre geschenkt wurde (anthropologische Begründung von „Humanae vitae“, Personalismus, Entfaltung des Ehesakraments usw.), der zugleich ein Bollwerk darstellt gegen inzwischen aufgekommene familienfeindliche Ideologien.

Das Institut entwickelte unter der Führung seines Präsidenten und führenden Moraltheologen Carlo Caffarra (zuletzt Kardinal von Bologna), seiner Nachfolger Kardinal Angelo Scola (Mailand) und Livio Melina in den folgenden Jahrzehnten eine enorme Wirkung und Ausbreitung in vielen Ländern der Erde (Gründung verschiedener Filialinstitute). Ich kann aus eigenem Erleben bekunden, wie hier in freundschaftlicher Zusammenarbeit ein interdiziplinäres und internationales Institut aufgebaut wurde, in dem in bisher unbekannter Weise verschiedene Disziplinen und deren Professoren und Dozenten (Theologie, Soziologie, Anthropologie, Pädagogik, Spiritualität, Psychologie, NER, Politologie) integrativ in Hinsicht auf das Ehe- und Familienthema zusammen lehrten und forschten.

Diese segensreiche Entfaltung fand nun ein abruptes Ende durch das eigenwillige Vorgehen des von Papst Franziskus neu eingesetzten Großkanzlers Erzbischof Paglia und des neuen Präsidenten Mons. Sequeri. Mit Entsetzen, tiefer Bestürzung und Trauer verfolge ich mit vielen Kollegen in aller Welt die in einer beispiellosen „Nacht- und Nebelaktion“ durchgesetzten Entscheidungen: die Ersetzung der alten durch neue Statute, die Entlassung aller Professoren und die neuen Studienbedingungen für die Studenten. Das alles stellt uns vor die Fragen: Cui bono? Was geht hier vor? Welche „List der Idee“ steckt hinter dem Ganzen? Welche Motivationen, ideologischen Absichten und zielführenden Handlungsstrategien bestimmen die Akteure? Kann es sein, dass die von seinem Gründer vorgegebene Linie der Orientierung an der bisherigen Lehre der Kirche (z. B. die Enzykliken und Apostolischen Lehrschreiben Humanae vitae, Fides et ratio, Veritatis splendor, Evangelium vitae usw.) den leitenden Personen teilweise obsolet erscheint und man mit allen erdenklichen Mitteln eine „liberalere“ Wende herbeiführen will, was nur gelingen würde, wenn damit die Abschaffung der ursprünglichen Vision Papst Paul II. einherginge?

Es heißt, eine „Neugründung sei notwendig“ geworden, weil „bestimmte Aspekte nicht mehr zeitgemäß“ seien. Welche Aspekte sind das und welche sind jetzt „zeitgemäßer“? Die Fragen beziehen sich ganz offensichtlich in erster Linie auf das Fachgebiet der Moral. Es ist bekannt, dass hier in der Kirche seit langem ein erbitterter Kampf zwischen verschiedenen Richtungen tobt. Wurde Prof. Livio Melina und allen anderen Entlassen vielleicht ihre Treue zu Humanae vitae und Veritatis splendor, ihre Orientierung an der Lehrtradition der Päpste von Paul VI. über Johannes Paul II. bis zu Benedikt XVI. zum Verhängnis? Missfällt den aktuellen Hochschul-Autoritäten diese theologische Ausrichtung? Warum diese subtil-hintergründige Vorgehensweise? Warum kämpft man nicht „mit offenem Visier“?

Es scheint eine Frage der Zeit zu sein, bis das am Gründer des Instituts orientierte Lehrpersonal durch ein neues ersetzt ist, das dann den neuen, „zeitgemäßeren Aspekten“ entspricht. Darauf weisen die jetzt schon Druck erzeugenden willkürlichen Restriktionen auf die Dozenten (z. B. auf Prof. Grygiel vom Woityla-Lehrstuhl des Instituts, Prof. Luisa di Pietro – beide wurden inzwischen entlassen) und andere hin. Wenn statt dessen Dozenten Lehraufträge erhalten, die über die moralische Rechtmäßigkeit von Verhütung nachdenken oder homosexuelle Handlungen in manchen Situationen für möglich und akzeptabel halten, dann wird der Relativismus deutlich, der hier die Grundlagen der diesbezüglichen kirchlichen Lehre zerstört. Die Handlungen des Menschen werden in der Folge dann nicht mehr nach den Grundsätzen einer naturrechtlich begründeten Morallehre beurteilt, nach der es „in sich“ schlechte und böse Handlungen gibt („intrinsice malum“), die dem Menschen immer und unter allen Umständen verboten sind.

Vielmehr werden dann seine Handlungen nach den Grundsätzen einer neuen, der sog. „autonomen Moral“ (Proportionalismus, Güterabwägung) vom Menschen selbst abwägend als „gut oder böse“ qualifiziert, bzw. nach ihren Folgen beurteilt (Konsequentialismus). Das ist eine Lehre, die der von Papst Johannes Paul II. vertretenen und an seinem Institut bisher gelehrten diametral entgegensteht und die in der Enzyklika „Veritatis splendor“ 1993 eindeutig als nicht katholisch verworfen wurde. Man lese in diesem Zusammenhang auch die luzide Analyse der eigentlichen Hintergründe der „Missbrauchskrise“, die kürzlich von Papst Emeritus Benedikt XVI. vorgelegt wurde und in der die verderbliche Rolle dieser sog. „autonomen Moral“ und der 68-er Revolution deutlich dargestellt sind. Der Freiburger Moraltheologe Schockenhoff hat eben erst in einem Vortrag vor der deutschen Bischofskonferenz mit Bezug auf diese bisher in der Kirche abgelehnte autonome Moral öffentlich die „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II. kritisiert und zurückgewiesen.

Offenbart sich hier vielleicht der tiefste und eigentliche Grund der Zerstörung des bisherigen römischen Instituts: die Ersetzung eines an der naturrechtlichen Begründung der Moral insgesamt orientierten Lehrpersonals durch einen die „autonome Moral“ akzeptierenden Lehrkörper?

Nachdem der erste Pulverdampf sich langsam verzieht, wird das Ausmaß des Schadens sichtbar: Zunächst ist offensichtlich, dass hier in eklatanter Weise gegen Recht und Gesetz der in der europäischen Universitätstradition sich herausgebildeten Verfahrensregeln verstoßen worden ist. Insofern kann man den Protest, der sich allenthalben im akademischen Raum der kirchlichen und weltlichen Universitäten gegen diese unverhohlene Verletzung und Missachtung der akademischen Freiheit erhebt, verstehen und voll unterstützen. Es sind ja keinerlei persönlich oder wissenschaftlich relevante Vergehen der beiden hauptbetroffenen und Knall auf Fall von ihren festen Lehrstühlen entlassenen Professoren Melina und Noriega und aller übrigen bekannt, auf Grund derer man ihnen – ohne fairen Prozess, ohne Anhörung oder Gerichtsverfahren, ohne Beteiligung der legitimierten Gremien – von heute auf morgen die Lehrstühle entzogen hat. Das gleiche gilt für die übrigen Professoren, die jetzt entlassen sind und auf ihre eventuelle neuerliche Einstellung warten. Von was und wem ist diese Neueinstellung abhängig, nachdem ihre Qualifikation bei ihrer ersten Einstellung schon geprüft wurde? Haben sie eine erwartete Beflissenheit vermissen lassen? Spielen hier Aspekte eines bestimmten „Wohlverhaltens“ (wem gegenüber?) eine Rolle, ihre „Eignung“ hinsichtlich neuer kirchlicher Orientierungen der Lehre oder irgendwelche Missliebigkeiten? Der Willkür und den evtl. interessegesteuerten subjektiven Entscheidungen derer, die die Macht haben, sind hier Tür und Tor geöffnet. Die Unsicherheit schwebt wie ein Damoklesschwert über den Köpfen dieser Professoren.

Führt man sich die Summe der Neuerungen insgesamt vor Augen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es letztlich hinter den Nebelkerzen und durchsichtigen Intrigen tatsächlich ein verborgenes Ziel gibt: die Zerstörung des Erbes von Papst Johannes Paul II., das Beiseiteschieben der grundlegenden Dokumente seines Pontifikates (Familiaris consortio, Fides et ratio, vor allem auch Veritatis splendor und Evangelium vitae und anderer Lehrschreiben), sowie der Mittwochskatechesen zur „Theologie des Leibes“, deren Lehre und Verbreitung eben beginnen, europaweit eine segensreiche Wirkung zu entfalten. Dafür nimmt man den beispiellosen Eingriff in die akademische Freiheit und in die Selbstverwaltungskompetenz der universitären Gremien in Kauf. Welche Folgen dieser Paukenschlag insgesamt für die kirchlichen Hochschulen weltweit und insbesondere die römischen haben wird (die ja an die europäisch-universitären Standards durch juristische Verträge gebunden sind – u.a. auch durch den sog. „Bologna-Prozess“), ist noch gar nicht absehbar – aber dass die Folgen schwerwiegend sein werden, ist jetzt schon klar. Wie ein pyroklastischer Strom bei einem Vulkanausbruch werden sich die Folgen durch die universitäre Landschaft verbreiten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die für die Misere Verantwortlichen Papst Franziskus ein Kuckucksei ins Nest gelegt haben!

Betrachtet man den allgemeinen Niedergang des Glaubens – vor allem in Europa -, dann wird deutlich, welch ein Geschenk der Vorsehung das Pontifikat des heiligen Papstes Johannes Paul II. mit seinen Initiativen der „Familiensynode 1980“, des „Päpstlichen Rates für die Familien“, des „Instituts Johannes Paul II.“ und seine verschiedenen Lehrschreiben darstellen. Welche „Fehlentwicklungen“ und Gefahren müssten denn korrigiert werden – wenn nicht die, dem Zeitgeist vielleicht ungenügend widerstanden zu haben, dem Ehe, Familie und die diesbezügliche Lehre der Kirche ein Dorn im Auge sind?

Das Vorgehen der Akteure zeigt ein Doppeltes: fehlende Dialogbereitschaft, die von ihrem Vorgesetzen Papst Franziskus immer wieder für alle Ebenen des Vatikans angemahnt wird, und ausgeprägten Klerikalismus als Machtmissbrauch, den der Papst oftmals beklagt hat. Hier offenbart sich nicht selbstloser Dienst an der Sache sondern kalte Herrschaft. Die Instrumentalisierung des Instituts, seiner Professoren und Studenten (s. deren Reaktionen) hat einen Schwelbrand entfacht mit noch unabsehbaren Folgen für die Reputation der Kirche auf dem Gebiet der universitas; für die Gegner der Lehre der Kirche sind es auflodernde Freudenfeuer

Wo ist die Feuerwehr, die diesen Brand löscht? Wie kann man sich eine Lösung der verfahrenen Situation vorstellen? Man gewinnt beim Abwägen aller bisher bekannter Tatsachen den Eindruck, dass hier ein bewusst andere Ziele anvisierender Lenker großen Schaden anrichtet – woraus sich vernünftigerweise nur eine klare Konsequenz ergibt: Man muss ihn entlassen und durch einen vertrauenswürdigen Steuermann ersetzen, der den status-quo-ante wieder herstellt (Zurücknahme der autoritären Maßnahmen, vor allem der Wiedereinsetzung der grundlos entlassenen Professoren), damit das Institut in Ruhe seine bisherige segensreiche Wirkung weiter entfalten kann. Der Schlüssel dazu liegt bei Papst Franziskus.

Eine der weitreichendsten Folgen der Vorgänge am Institut dürften die für die zukünftige Entwicklung der „Theologie des Leibes“ sein. Diese Lehre, deren Entdeckung, Entfaltung und Bedeutung für die Theologie insgesamt nach George Weigel im 21. Jahrhundert „wie eine Bombe hochgehen“ wird, erfährt eine akademische Bedeutung im deutschsprachigen Raum nur an der „Theologischen Hochschule Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien (daneben gibt es vielversprechende Projekte in Deutschland, Frankreich, Österreich, Holland und weiteren Ländern, vor allem auch den USA, die sich mehr und mehr vernetzen). Offensichtlich schätzt Papst Franziskus diese Lehre seines Vorgängers hoch, denn in seinem Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ (Über die Liebe in der Familie) zitiert er elfmal aus der „Theologie des Leibes“ und insgesamt 24mal aus „Familiaris consortio“, der großen Summa seines heiligen Vorgängers über die Familie. Umso weniger ist der jetzt vollzogene scharfe Bruch in der Entwicklung des Instituts zu verstehen, zumal Papst Franziskus noch im September 2017 seinem Vorgänger Johannes Paul II. eine „weitblickende Intuition“ (s. Brief der Studenten) bei der sog. „Neugründung“ des Familieninstituts bescheinigt hatte. Man wird abzuwarten haben, welche Bedeutung die „Theologie des Leibes“ in der weiteren Zukunft des Instituts noch haben wird – bisher spielte sie in Lehre und Forschung eine zentrale Rolle. Hoffen wir, dass ihre weltweite Entfaltung durch den „Tsunami“, der momentan über das Institut fegt, nicht abgewürgt wird und sie ihre segensreiche Wirkung für eine moderne, genuin katholische Ehekatechese, von der schon so viel junge Eheleute angezogen wurden, auch in Zukunft entfalten kann.

Prof. em. Dr. Norbert Martin, Universität Koblenz; von 1981-1993 Soziologe am Institut Johannes Paul II.; Vizepräsident des „MEDO-Instituts in Rolduc/Holland; Auditor der Bischofssynode über die Familie 1980; Mitglied des „Päpstlichen Rates für die Familie“ von 1981 – 2016; Professor am Studiengang „Theologie des Leibes“ an der Theologischen Hochschule „Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien

Prof. em. Dr. Manfred Spieker, Christliche Soziallehre an der Universität Osnabrück
Prof. Dr. Katrin Keller, Doz. an der Universität Koblenz und am Interdiziplinären Zentrum für Gesundheitswissenschaften der PTH Vallendar

Dozentin Renate Martin, Ehespiritualität am Medo-Institut in Rolduc/Holland und Studiengang „Theologie des Leibes“ an der Theologischen Hochschule „Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien; von 1981 – 2016 Mitglied des „Päpstlichen Rates für die Familie“; Auditorin der Bischofsynode über die Familie 1980

Akademischer Direktor Dr. Helmut Müller i. R., Sozialethik, Moraltheologie und Philosophie an der Universität Koblenz

Prof. Dr. Jean Marie Meyer, Philosophe Agrégé de l’Univerité 1 de Paris

Prof. Dr. Thibaut-Colliste, Pilosophe Agrégé de l’Université 1 de Paris

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Archivbild: Papst Johannes Paul II.

Wie kann die Kontroverse um das Institut für Ehe und Familie gelöst werden? Ein Gespräch

Professor Stephan Kampowski im Interview mit CNA Deutsch über Schadensbegrenzung und Lösungen der Krise an der Hochschule Johannes Paul II.

Der heilige Gründer und Namenspatron des Instituts: Johannes Paul II. Foto: Jorge Zapata / Unsplash (CC0)

ROM , 30 August, 2019 / 7:24 PM (CNA Deutsch).-

Wie kann die Kontroverse um das Päpstliche Institut „Johannes Paul II.“ für Studien über Ehe und Familie gelöst werden? Wie wird weiterer Schaden für die Betroffenen und die Hochschule verhindert – vor dem dieser Tage erneut gewarnt worden ist? Ist das Schreiben Amoris Laetitia dazu ein Schlüssel? CNA Deutsch fragte nach bei Professor Stephan Kampowski, der sowohl die Hochschule als auch die involvierten Fragen und Personen bestens kennt: Der deutsche Autor und Theologe lehrt dort philosophische Anthropologie.

Professor Kampowski, in der Kontroverse um die Änderungen am Institut spielt die Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral eine zentrale Rolle. Warum ist das so, und wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Der Gründer des Instituts, der hl. Johannes Paul II., hat dem Lehrstuhl für Fundamentalmoral ganz klar eine besondere Bedeutung zugeschrieben, indem er ihn dem ersten Präsidenten des Instituts, dem späteren Kardinal Carlo Caffarra anvertraut hat.

Thematisch mit diesem Lehrstuhl verbunden gibt es seit 1997 am Institut das vom damaligen Präsidenten und späteren Kardinal Angelo Scola ins Leben gerufene Internationale Forschungsgebiet zu Fragen der Fundamentalmoral. Dieses hat seit 1998 jährlich Kolloquien oder Kongresse zur Moraltheologie organsiert, Seminare für Professoren und Doktoranden veranstaltet und den daran teilnehmenden Dozenten die Möglichkeit gegeben, sich miteinander auszutauschen und ihre persönlichen Forschungsbestrebungen miteinander zu koordinieren. Es handelt sich bei diesem Forschungsgebiet um eine seit über zwanzig Jahren äußerst fruchtbare Initiative, was nicht nur durch die äußerst gut besuchten und akademisch hervorragenden öffentlichen Veranstaltungen bezeugt, sondern auch durch die zahlreichen in diesem Kontext verfassten Veröffentlichungen der Professoren und Dissertationen der Doktoranden.

Vor ein paar Jahren hat das Forschungsgebiet seinen Themenkreis erweitert und beschäftigt sich nun generell mit Fragen der Moraltheologie. Dennoch hat es seinen grundlegenden Ansatz nicht verändert und bleibt der Fundamentalmoral verbunden. Es handelt sich hier um eine der dynamischsten und akademisch fruchtbarsten Initiativen des Instituts und mit der Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral bleibt ihre Zukunft ungewiss.

Für den Lehrplan ist die Absetzung der Fundamentalmoral mehr als nur ein großer Verlust. Viele der spezifischen Fragen, die sich für Ehe und Familie heute oder auch immer stellen, lassen sich nur vor dem Hintergrund der grundsätzlicheren Fragen nach Sinn und Ziel, Bedeutung und Bestimmung unserer Existenz und unseres Handelns adäquat beleuchten. Ohne die Rückführung auf die Grundlagen, ohne Einfügung in einen größeren Zusammenhang, behandelt man dann die spezifischeren Fragen wie in einem luftleeren Raum, ohne Fundament und Orientierung.

Begründet wurde der Schritt der Abschaffung des Lehrstuhls damit, Studenten müssten das alles vom Grundstudium her bereits können. Er sei somit überflüssig…

…dieses Argument ist nicht besonders stichhaltig. Auch andere Lehrstühle, die beibehalten worden sind, wie etwa die Lehrstühle für philosophische oder theologische Anthropologie, beschäftigen sich mit Themenkreisen, die schon im Grundstudium behandelt worden sind. Hier ging man allerdings davon aus, dass man bei diesen Gegenständen eigentlich nie alles gesagt haben kann, dass man sie immer weiter vertiefen kann und muss, ohne je an ein Ende zu kommen.

Das ist durchaus richtig, nur gilt das eben auch für die Fundamentalmoral, deren Themen zum Beisoiel in Johannes Pauls II. Moralenzyklika Veritatis Splendor aufgegriffen werden: die Frage nach dem Guten und die Frage nach Gott, nach der menschlichen Bestimmung, nach dem, was menschliches Handel überhaupt ist, was sein Sinn ist und was seine Grenzen sind, nach dem Zusammenhang von Wahrheit und Freiheit, nach der Bedeutung der Begegnung mit Christus und dem Stehen in seiner Nachfolge.

Wer sagt, das Anschneiden dieser Thematiken im Grundstudium mache deren Vertiefung und Anwendung auf Fragen der Ehe und Familie im Aufbaustudium überflüssig, versteht die Fundamentalmoral als ein Fach, in dem schlicht ein paar gut definierte Informationen vermittelt werden, mit denen es sich dann auch hat. Ein solches Verständnis ist natürlich angesichts der von der Fundamentalmoral behandelten Themen vollkommen unzulänglich.

Der Großkanzler, Erzbischof Vincenzo Paglia, hat das Schreiben Amoris Laetitia als „Magna Charta“ des neu geschaffenen Institutes bezeichnet. Wie bewerten Sie diese Aussage vor dem Hintergrund der nun getroffenen Maßnahmen?

In seinem Schreiben Amoris Laetitia ruft Papst Franziskus die im pastoralen Dienst der Kirche stehenden Personen zu größerer Sensibilität mit den existentiellen Situationen der Menschen auf, zu größerer pastoraler Behutsamkeit, zu vorsichtiger Unterscheidung, Begleitung und Eingliederung. Meines Erachtens widerspricht die Art und Weise, wie im aktuellen Fall mit den Dozenten, Studenten und Mitarbeitern des Instituts „Johannes Paul II.“ umgegangen wurde, diesem fundamentalen Anliegen des Papstes.

So wurden die Professoren bei der Erarbeitung der neuen Statuten ganz bewusst ausgegrenzt (die Faktenlage vollkommen klar und leicht zu belegen). Durch das Ausgrenzen der Professoren haben sich die Institutsleiter somit in Widerspruch zu den Wünschen des Papstes begeben, der in Amoris Laetitia das Prinzip der Eingliederung hochhält. Mit dem von Franziskus gewollten Prinzip der Begleitung verhält es sich ähnlich.

Es ist eine öffentliche Tatsache, dass der Lehrplan für das neue akademische Jahr 2019/2020 schon approbiert war, und zwar auch vom Präsidenten des Instituts. Eine erste Broschüre wurde schon gedruckt und auch auf der Internetseite des Instituts veröffentlicht. Die Kurse standen schon fest mit Tag und Uhrzeit.

Im Juni 2019 haben sich die ersten schon für das neue akademische Jahr eingeschrieben. Die Dozenten haben dann genauso wie die und die Mitarbeiter Mitte Juli aus den Medien erfahren, dass nichts mehr davon gilt und dass nun für alle eine prekäre und ungewisse Zeit anfangen würde. Die Studenten haben bis heute keine aufschlussreiche Antwort auf ihre Fragen zum abrupten Umsturz des Lehrplans erhalten. Dem von Papst Franziskus in Amoris Laetitia gewünschten und dargelegten Prinzip der pastoralen Begleitung entspricht das gewählte Verfahren auf keinen Fall. Wie sollen die Studenten am Institut für einen pastoralen Dienst vorbereitet werden, der den Ansprüchen von Amoris Laetitia genügt, wenn mit ihnen selbst nicht schon auf eine entsprechende Weise verfahren wird?

Damit Amoris Laetitia wirklich die Magna Charta des Instituts werden kann, gilt es, so scheint mir, zunächst über die jüngst am Institut getätigten Amtshandlungen zu reflektieren und entstandenen Schaden zu begrenzen und, wo möglich, ihn auch wiedergutzumachen.

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Sorge um Institut Johannes Paul II: Akademiker schreiben Offenen Brief

Die Päpstliche Lateranuniversität, an der sich das Institut Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie befindet. Foto: calu777/flickr. CC BY 2.0

Von CNA Deutsch/EWTN News

VATIKANSTADT, 16 August, 2019 / 10:29 AM (CNA Deutsch).

Eine Gruppe von 49 Akademikern – darunter mehrere deutschsprachige Gelehrte – fordern die Wiedereinstellung der entlassenen Professoren am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. in Rom.

In einem Brief an die Hochschulleitung würdigen die Unterzeichner die bisherige „professionelle wissenschaftliche Zusammenarbeit“ und das „hervorragende akademische Profil“ der Hochschule sowie insbesondere die Leistungen von Professor José Noriega, mit dem die Unterzeichner an einer wissenschaftlichen Reihe über Sexualität, Liebe und Fruchtbarkeit zusammengearbeitet haben.

Pater Noriega ist einer der Professoren des Instituts, deren Entlassung den Eklat ausgelöst hat.

„Mit großer Sorge“, schreiben die 49 Akademiker, hätten sie „die Nachricht von der plötzlichen Entlassung“ der Professoren José Noriega und Livio Melina erfahren, sowie von „Maria Luisa Di Pietro, Stanisław Grygiel, Monika Grygiel, Przemysław Kwiatkowski und Vittorina Marini. Alle von ihnen sind Wissenschaftler von herausragendem internationalem Ruf“.

Daher fordern die Unterzeichner die Wiedereinstellung des Lehrpersonals.

„Wir sehen keinen überzeugenden Grund – akademisch, lehrmäßig oder disziplinarisch –, der ihre Entlassung rechtfertigt.“

Gleichzeitig warnen die Gelehrten in ihrem Brief vor den Konsequenzen der Personalpolitik der Hochschulleitung:

„Wenn Ihr Institut sein hohes akademisches Profil und seinen internationalen Ruf bewahren will, bitten wir Sie, diese Entlassungen aufzuheben und die oben genannten Wissenschaftler wieder in die Fakultät Ihres Instituts aufzunehmen“.

Zu den 49 Unterzeichnern des Briefs gehören Wissenschaftler anderer Päpstlicher Hochschulen sowie Akademiker aus Italien, den USA, Deutschland, Großbritannien und Australien, aus Spanien, Frankreich, Irland, Belgien, Tschechien und weiteren Ländern, darunter:

  • Berthold Wald, Professor für Systematische Philosophie (Paderborn);
  • Pavel Blažek, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Philosophie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften sowie des Thomas-Instituts der Universität zu Köln;
  • Gabriele Kuby, Autorin u.a. zum Thema Gender;
  • Harvey C. Mansfield Professor für Government an der Harvard University und Fellow der Hoover Institution der Stanford University;
  • John Crosby, Professor für Philosophie der Franciscan University of Steubenville (USA);
  • Tracey Rowland, Inhaberin des Lehrstuhls Johannes Paul II. für Theologie der Universität von Notre Dame (Australien);
  • Luis Sánchez, Professor für Studien des Neuen Testaments der Universidad Eclesiástica San Dámaso, Madrid (Spanien);
  • Renzo Puccetti, Dozent für Bioethik an der Università Cattolica di Romasowie der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum;
  • Kevin Flannery, Professor für Philosophie-Geschichte an der Päpstlichen Hochschule Gregoriana in Rom.

Wie CNA Deutsch berichtete, haben bereits über 250 Studenten und Alumni schwerste Bedenken angemeldet, was die Änderungen und Personalentscheidungen der Hochschulverwaltung betrifft: Diese würden weder dem wissenschaftlichen Anspruch der Hochschule gerecht, noch deren Identität.

Das auf den 24. Juli datierte Schreiben ist an Erzbischof Vincenzo Paglia adressiert, den Papst Franziskus zum Großkanzler des Institutes ernannt hat, sowie den Hochschulpräsidenten, Monsignore Pierangelo Sequeri.

(Der volle Wortlaut des Briefs in deutscher Übersetzung wurde auf der Website der Studenten zu ihrem Appell veröffentlicht.)

Nicht nur Studenten sind in Sorge: Mehrere Professoren des Instituts befürchten einen Schaden des wissenschaftlichen Ansehens der Hochschule. Dazu gehört auch deren Vizepräsident, der gegenüber CNA scharfe Kritik an den Änderungen übte und warnte: Diese brächten „die Identität des Instituts für Ehe und Familie ernsthaft in Gefahr“.

Kern der Kontroverse ist der Inhalt neuer Statuten der Hochschule, die deren Neuausrichtung leisten sollten. Papst Franziskus hatte das 1981 gegründete Institut im Jahr 2017 durch das Motu Proprio Summa Familiae Curia aufgelöst und durch ein fast gleichnamiges Institut ersetzen lassen.

Als „Magna Charta“ des neuen Instituts bezeichnete Erzbischof Vincenzo Paglia – der neue Großkanzler der Hochschule – damals das Nachsynodale Schreiben Amoris Laetita.

Eine dem Institut nahestehende Person betonte gegenüber CNA, dass die neuen Statuten auch Bedenken hinsichtlich der akademischen Integrität und des Rufs des Instituts aufwerfen.

„Jeder seriöse Akademiker würde sich Sorgen machen, wie mit der Forschung und Wissenschaftlichkeit des Instituts umgesprungen wird. Papst Franziskus verdient es, dass Amoris Laetitia fair diskutiert wird, anstatt es durch theologische Parteinahme durchzusetzen. Dieser Umgang mit Lehrkörper wie Lehrplänen setzt die Glaubwürdigkeit des Instituts komplett aufs Spiel“.

Gegenüber CNA, der englischsprachigen Schwesteragentur von CNA Deutsch, haben die Wissenschaftler betont, dass sie nichts gegen den Wunsch des Papstes einzuwenden haben, die Mission oder den Ansatz der Schule zu erweitern. Vielmehr gehe es darum, dass die für die Umsetzung dieser Mission verantwortliche Hochschulleitung ungerecht gehandelt habe.

Bereits im Juli sagte der Präsident der Hochschule, Monsignore Sequeri, in Antwort auf die Kritik gegenüber „Vatican News„, diese sei polemisch und habe andere Interessen als eine „wahrlich ‚katholische‘ Bildung“, sei zudem „nicht im Interesse von Johannes Paul II., Papst Franziskus oder dem Institut“.

Übersetzt, redigiert und überarbeitet aus dem englischen Original.

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Vatikan nimmt zur „Gender-Frage“ im schulischen Umfeld Stellung

Der Vatikan kritisiert eine „Gender-Ideologie, die den Unterschied und die natürliche wechselseitige Ergänzung von Mann und Frau leugnet“. Gleichzeitig spricht er sich für einen Dialog mit der wissenschaftlich vorgehenden „Gender-Forschung“ aus. Das steht in einem Dokument der Bildungskongregation, das an diesem Montag veröffentlicht wurde.

Stefan von Kempis und Fabian Retschke – Vatikanstadt

In der Schule werde häufig ein Menschenbild vermittelt, das sich als neutral gebe, in Wirklichkeit aber dem Glauben und der richtig geleiteten Vernunft entgegenstehe. „Die anthropologische Desorientierung, die das kulturelle Klima unserer Zeit prägt, hat sicherlich dazu beigetragen, die Familie zu schwächen.“

Dabei wendet sich das etwa dreißigseitige Vatikanpapier vor allem gegen die „Tendenz, die Unterschiede zwischen Mann und Frau auszulöschen, indem man sie als bloße historisch-kulturelle Konditionierung versteht“. Wer für eine „Gesellschaft ohne Geschlechtsunterschiede“ eintrete, „zerstört die anthropologische Basis der Familie“, mahnt das Dokument.

Ermutigung zur Auseinandersetzung mit Gender-Studien

Die Bildungskongregation – und damit der Vatikan – lehnt Sexualerziehung an den Schulen nicht ab, besteht aber darauf, dass sie „positiv und vorsichtig“ erfolgen sowie auf die Unterschiede der Geschlechter hinweisen müsse. Sexualität sei eine „wesentliche Komponente der menschlichen Persönlichkeit“.

In Sachen Gender müsse man unterscheiden zwischen der „Gender-Ideologie“, die einer politischen Einflussnahme auf Lehrpläne verdächtigt wird, und der „Gender-Forschung“, mit welcher der Vatikan einen Dialog fortzusetzen wünsche. Dementsprechend heißt der Titel des Dokuments „Männlich und weiblich erschuf er sie: Für einen Weg des Dialogs bei der Genderfrage in der Schule“.

Natur vs. Kultur?

Kritisch wertet der Vatikan, dass „sexuelle Orientierung“ in der Mainstream-Kultur weitgehend vom biologischen Geschlecht losgelöst gesehen wird. „Natur und Kultur“ gerieten immer mehr „in einen Gegensatz“, wenn der Begriff Gender „von der subjektiven Haltung der Person abhängig gemacht wird, die auch ein Geschlecht wählen kann, das nicht ihrer biologischen Sexualität entspricht“.

Wer den Körper als „bloße Materie“ behandle und den menschlichen Willen hingegen „absolut“ setze, manipuliere den Körper und bereite „einer kulturellen und ideologischen Revolution“ den Boden, von der man im Schatten von Sankt Peter nicht viel hält. „Die menschliche Identität wird einem individualistischen Blickwinkel ausgeliefert“, Freiheit werde verwechselt mit der „Vorstellung, dass jeder machen kann, was er will“.

Die männlich-weibliche Zweideutigkeit

In Wirklichkeit stehe „die fiktive Konstruktion eines neutralen oder dritten Geschlechts“ dem Prozess der Bildung einer reifen Persönlichkeit im Weg. Intersexualität und Transgender „führen zu einer männlich-weiblichen Zweideutigkeit, die auf widersprüchliche Weise diesen sexuellen Unterschied voraussetzt, den sie zu leugnen oder zu überwinden trachtet“. „Dieses Oszillieren zwischen männlich und weiblich endet als bloße Provokation gegen die sogenannten traditionellen Vorstellungen“, urteilt das Dokument wörtlich. Entsprechend empfiehlt die Bildungskongregation Betroffenen „therapeutische Interventionen“.

Allerdings lasse sich von den Gender-Forschungen auch einiges lernen, vor allem die „Notwendigkeit, gegen jede ungerechte Diskriminierung zu kämpfen“. Man könne nicht leugnen, dass auch die Kirche in dieser Hinsicht im Lauf der Jahrhunderte zu große „Strenge“ an den Tag gelegt hat. Gerade in der Schule müsse zur „Fähigkeit, alle legitimen Ausdrucksweisen menschlicher Personalität mit Respekt willkommen zu heißen“, erzogen werden. Positiv wertet der Vatikan auch, dass Gender-Studien die „Werte des Weiblichen“ herausgearbeitet hätten. Die Autoren unterstreichen die Bedeutung von Frauen in Erziehung, Bildung, Pflege und Kirche.

Kein Judith-Butler-Zitat

Das Vatikanpapier, das das Datum 2. Februar (Fest der Darstellung Jesu im Tempel) trägt, zitiert päpstliche und konziliare Aussagen; Namen wie Simone de Beauvoir oder Judith Butler finden sich in dem Text allerdings nicht. Gestützt auf neuro- und biowissenschaftliche Erkenntnisse, die sie allerdings nicht zitieren, betonen die Autoren die biologische Zweigeschlechtlichkeit. Auf Basis von Franziskus‘ Schreiben Amoris laetitia oder den Weltkatechismus, skizzieren sie die christliche Sicht auf Sexualität und vermeiden die Gender-Begrifflichkeit weithin.

Das Dokument unterstreicht außerdem, dass die Ehe ein Bund zwischen Mann und Frau sei, und nennt die Familie „eine anthropologische Tatsache“, die man vor ideologisch motivierten Zersetzungsversuchen schützen sollte. Kinder hätten ein Recht darauf, „in einer Familie aufzuwachsen, mit einem Papa und einer Mama“. Katholische Lehrer sollten „eine Sensibilität für verschiedene Ausdrucksweisen der Liebe“ wecken und Schüler, die „schwierige und schmerzvolle Situationen erfahren“, vertraulich begleiten.

(vatican news)

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Papst Paul VI.: Apostolisches Schreiben Motu proprio „Matrimonia mixta“ über die rechtliche Ordnung der Mischehen

Papst Paul VI. (1963-1978) schaffte vor 50 Jahren die Exkommunikation für Katholiken in gemischtkonfessionelle Ehen ab.

Die Mischehen, das heißt die Ehen zwischen einem Katholiken und einem getauften oder ungetauften Nichtkatholiken, waren von jeher für die Kirche, ihrem Auftrag gemäß, Gegenstand besonderer Sorge. Die Situation unserer Zeit bringt es mit sich, dass diese Sorge noch dringender wird. Während früher katholische und nichtkatholische Christen sowie Nichtchristen räumlich getrennt lebten, ist diese Trennung heutzutage weitgehend aufgehoben. Außerdem haben sich zwischen den Menschen der verschiedenen Regionen und Religionen viel intensivere Kontakte ergeben. So kam es, dass die Zahl der Mischehen stark zunahm. Zu dieser Entwicklung haben auch der kulturelle und gesellschaftliche Fortschritt und die Industrialisierung beigetragen. Verstädterung, Landflucht und Mobilität haben ein übriges getan, nicht zuletzt auch die wachsende Zahl der außerhalb ihrer Heimat lebenden Menschen. Die Kirche weiß, dass die Mischehen, wie sie sich aus der Verschiedenheit der Religionen und aus der Spaltung der Christenheit ergeben, für gewöhnlich nicht die Wiedervereinigung fördern, wenn es auch Ausnahmen von dieser Regel gibt. Tatsächlich ist die Mischehe mit einer Fülle von Schwierigkeiten belastet. Sie trägt ja in die lebendige Zelle der Kirche, wie die christliche Familie mit Recht genannt wird, eine gewisse Spaltung hinein; wegen der Verschiedenheit im religiösen Bereich wird die treue Erfüllung der Forderungen des Evangeliums erschwert; das gilt besonders von der Teilnahme am Gottesdienst der Kirche und von der Erziehung der Kinder. Aus diesen Gründen rät die Kirche im Bewusstsein ihrer Verantwortung von Mischehen ab. Es muss ihr ja daran liegen, dass die katholischen Gläubigen in ihrer Ehe zur vollkommenen Übereinstimmung im Denken und Fühlen und zu einer vollen Lebensgemeinschaft gelangen.

Es ist jedoch ein natürliches Recht des Menschen, eine Ehe zu schließen und Kindern das Leben zu schenken. Darum bemüht sich die Kirche durch ihre Gesetzgebung, die ein klares Zeugnis ihrer Hirtensorge ist, eine Regelung zu treffen, die einerseits die Vorschriften des göttlichen Rechts wahrt und andererseits das schon erwähnte Recht des Menschen auf die Ehe sicherstellt. Die wachsende Sorge der Kirche gilt der Erziehung der jungen Menschen: sie sollen fähig werden, ihre Pflichten verantwortungsbewusst wahrzunehmen und ihre Aufgaben in der Kirche zu erfüllen. Sie gilt ebenso der Vorbereitung der Brautleute, die eine Mischehe eingehen wollen; sie gilt auch denen, die bereits in einer Mischehe leben. Sicherlich ist in Mischehen zwischen zwei Getauften nicht so sehr zu befürchten, dass die Gatten religiös gleichgültig werden. Was hier an Gefährdungen bleibt, lässt sich verringern, wenn beide Gatten, obwohl sie in einer Mischehe leben, das Wesen der christlichen Ehe gründ- lich kennen und wenn die zuständigen kirchlichen Stellen ihnen in geeigneter Weise helfen. Auch Schwierigkeiten zwischen Ehepartnern, von denen der eine katholisch, der andere nicht getauft ist, können durch die wachsame Sorge und die Bemühungen der Seelsorger überwunden werden.

Weder in ihrer Lehre noch in ihrer Gesetzgebung stellt die Kirche die konfessionsverschiedene Ehe auf die gleiche Stufe mit der Ehe zwischen Katholiken und Nichtgetauften. Wie das II. Vatikanische Konzil erklärt hat, stehen jene, die zwar nicht katholisch sind, aber doch „an Christus glauben und in der rechten Weise die Taufe empfangen haben, in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“.1 Die Gläubigen der Ostkirchen aber, die außerhalb der katholischen Kirche getauft sind, haben, obschon von unserer Gemeinschaft getrennt, in ihren Kirchen echte Sakramente, vor allem das Priestertum und die Eucharistie. Das verbindet sie ganz besonders eng mit uns.2 Es besteht nämlich in der Ehe zwischen Getauften – sie ist ja ein wahres Sakrament – eine gewisse Gemeinsamkeit der geistlichen Güter, die der Ehe zwischen einem Getauften und einem Nichtgetauften fehlt. Trotzdem dürfen die Schwierigkeiten nicht unerwähnt bleiben, die auch für Mischehen zwischen Getauften bestehen. Oft haben die Partner einer solchen Ehe eine unterschiedliche Auffassung vom sakramentalen Charakter der Ehe und von der Bedeutung der kirchlichen Trau-

1           Decr.  de Oecumenismo  „Unitatis  redintegratio“,  3, AAS 57  (1965), p. 93; cfr.  Const. Dogm. de Ecclesia „Lumen gentium“, AAS 57 (1965), pp. 19-20.
2           Cfr. Conc. Vat. II, Decr. de Oecumenismo „Unitatis redintegratio“, 13-18, l. c., pp. 100-104.

ung. Oft werden ihre Meinungen auseinandergehen, wenn es um das Verständnis mancher sittlichen Grundsätze geht, die Ehe und Familie betreffen. Oft werden sie verschiedener Ansicht sein über den Umfang des der katholischen Kirche geschuldeten Gehorsams und über den Zuständigkeitsbereich der kirchlichen Obrigkeit. Von daher versteht es sich, dass diese Schwierigkeiten erst durch die Wiedervereinigung der Christen völlig behoben werden können.

Die Gläubigen sollen deshalb darüber unterrichtet werden, dass die Kirche, selbst wenn sie in einigen besonders gelagerten Fällen die bestehende Ordnung in etwa lockert, niemals dem katholischen Ehepartner die Verpflichtung abnehmen kann, die ihm durch das göttliche Gesetz, das heißt durch die von Christus festgesetzte Heilsordnung, je nach seiner besonderen Situation auferlegt ist. Daher sollen die Gläubigen darauf aufmerksam gemacht werden, dass der katholische Ehegatte verpflichtet ist, seinen Glauben zu bewahren, und dass es ihm deshalb niemals erlaubt ist, sich einer unmittelbaren Gefahr  des Glaubensverlustes auszusetzen. In Mischehen ist der katholische Partner aber nicht nur verpflichtet, seinem Glauben treu zu bleiben, sondern darüber hinaus, soweit möglich, dafür zu sorgen, dass seine Kinder getauft und im gleichen Glauben erzogen werden und alle die Hilfen zum ewigen Heil erhalten, die die katholische Kirche ihren Gläubigen anbietet.

Für die Erziehung der Kinder stellt sich hier ein schwieriges Problem, da beide Ehegatten diese Aufgabe wahrnehmen müssen und die damit gegebenen Verpflichtungen keineswegs vernachlässigen dürfen. Doch ist die Kirche bestrebt, in ihrer Gesetzgebung und in ihrer Seelsorge dieser wie auch den übrigen Schwierigkeiten zu begegnen. Wer dies bedenkt, wird sich nicht darüber wundern, dass die Mischehengesetzgebung nicht einheitlich sein kann, sondern den verschiedenen Verhältnissen angepasst sein muss, ob es sich nun um die rechtliche Eheschließungsform oder um die liturgische Feier der Trauung oder um die seelsorgliche Betreuung der Ehegatten und ihrer Kinder handelt. Dies alles wird sich nach der Situation der Eheleute oder dem unterschiedlichen Grad ihrer Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft richten müssen.

Es war durchaus angemessen, dass das Zweite Vatikanische Konzil seine Sorge dieser so wichtigen Frage zuwandte. Das geschah mehrere Male, wenn sich dazu ein Anlass bot. In der dritten Sitzungsperiode des Konzils haben die Väter ein Votum verabschiedet, durch das sie den gesamten Fragebereich uns übertrugen. Um diesem Votum zu entsprechen, hat die Kongregation für die Glaubenslehre am 18. März 1966 eine Instruktion über die Mischehe erlassen, die mit den Worten „Matrimonii sacramentum3 beginnt. Darin wurde bestimmt, dass die in ihr aufgestellten Normen, falls sie sich in der Praxis bewähren sollten, dem kirchlichen Gesetzbuch, das zur Zeit überarbeitet wird, in klarer und eindeutiger Form eingefügt werden.4 Da aber der ersten Vollversammlung der Bischofssynode im Oktober 1967 einige Fragen bezüglich der Mischehen vorgelegt worden sind, zu denen die Bischöfe zahlreiche sachdienliche Vorschläge eingereicht haben5, hielten wir es für gut, diese einer eigens dafür bestellten Kardinalskommission vorzulegen. Sie hat uns ihre mit großer Gründlichkeit erarbeiteten Ergebnisse zugeleitet.

Wir möchten nun zunächst festlegen, dass die Katholiken der orientalischen Riten, die die Ehe mit getauften Nichtkatholiken oder mit Ungetauften schließen, nicht unter die gesetzlichen Bestimmungen dieses Schreibens fallen. Was jedoch die Ehe von Katholiken aller Riten mit nichtkatholischen Christen der orientalischen Riten betrifft, so hat die Kirche in jüngster Zeit einige Vorschriften erlassen6, die in Kraft bleiben sollen. Die nun folgenden Bestimmungen erlassen wir in der Absicht, die kirchliche Gesetzgebung über die Mischehen zu verbessern und darauf hinzuwirken, dass die kirchenrechtlichen Bestimmungen, unbeschadet der Vorschriften des göttlichen Gesetzes, den unterschiedlichen Verhält-

3           Cfr. AAS 58 (1966), pp. 235-239.
4           Cfr. ibid., l. c., p. 237.
5           Cfr. Argumenta de quibus disceptabitur in primo generali coetu Synodi Episcoporum, Pars altera, Typis Polyglottis Vaticanis, 1967, p. 27-37.
6           Cfr. Conc. Vat. II, Decr. de Ecclesiis Orientalibus Catholicis „Orientalium Ecclesiarum“, 18, AAS 57    (1965), p. 82; S. Congr. pro Ecclesiis Orientalibus, Decr. „Crescens matrimoniorum“, AAS 59 (1967), pp. 165-166.

nissen der Eheleute entsprechen. Wir wissen uns dabei im Einklang mit der Auffassung des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie sie vor allem im Dekret „Unitatis redintegratio“7 und in der Erklärung „Dignitatis humanae8 zum Ausdruck kommt. Auch haben wir die auf der Bischofssynode geäußerten Wünsche berücksichtigt. Kraft unserer Amtsvollmacht und nach reiflicher Überlegung bestimmen und beschließen wir wie folgt:

  1. Die Eheschließung zwischen zwei Getauften, bei der ein Ehepartner katholisch und der andere nicht-katholisch ist, ist ohne vorhergehende Dispens des Ortsordinarius nicht erlaubt, da eine solche Ehe aus ihrem Wesen heraus ein Hindernis für die volle religiöse Gemeinschaft der Ehegatten darstellt.
  2. Die Eheschließung zwischen zwei Personen, bei der ein Ehepartner in der katholischen Kirche getauft beziehungsweise in sie aufgenommen wurde und der andere nicht getauft ist, ist ohne vorhergehende Dispens des Ortsordinarius ungültig.
  3. Die Kirche ist bereit, je nach den Gegebenheiten der Zeit, des Ortes und der Personen von bei- den Hindernissen zu dispensieren, sofern ein gerechter Grund vorliegt.
  4. Um vom Ortsordinarius die Dispens vom Hindernis zu erlangen, muss sich der katholische Ehepartner bereit erklären, die Gefahren des Abfalls vom Glauben zu beseitigen. Er hat außer- dem die schwere Verpflichtung, das aufrichtige Versprechen abzugeben, nach Kräften alles zu tun, dass alle seine Kinder in der katholischen Kirche getauft und erzogen werden.
  5. Von dem Versprechen des katholischen Partners muss der nichtkatholische Partner rechtzeitig unterrichtet werden, und zwar in einer Weise, die sicherstellt, dass er wirklich von dem Versprechen und der Verpflichtung des katholischen Partners Kenntnis hat.
  6. Beiden Ehepartnern sollen der Sinn und die wesentlichen Eigenschaften der Ehe dargelegt werden, die bei der Eheschließung von keinem der beiden ausgeschlossen werden dürfen.
  7. Es ist Aufgabe der Bischofskonferenz, im Rahmen ihrer territorialen Zuständigkeit die Art und Weise festzulegen, in der diese in jedem Fall erforderlichen Erklärungen und Versprechen abgegeben werden sollen: ob nur mündlich oder auch schriftlich, ob in Gegenwart von Zeugen. Ferner muss festgelegt werden, was zu tun ist, damit über diese Erklärungen und Versprechen auch im äußeren Rechtsbereich Gewissheit besteht und damit der nichtkatholische Ehepartner von ihnen Kenntnis erhält. Ebenso ist es Aufgabe der Bischofskonferenz, festzulegen, ob und welche zusätzlichen Forderungen zweckmäßiger Weise zu stellen sind.
  8. Die Mischehen müssen in der kanonischen Form geschlossen werden; diese ist notwendig zu ihrer Gültigkeit, unbeschadet der Vorschrift des Dekretes „Crescens matrimoniorum“, das die Kongregation für die Ostkirchen am 22. Februar 1967 erlassen hat. 
  9. Wenn der Einhaltung der kanonischen Form erhebliche Schwierigkeiten entgegenstehen, haben die Ortsordinarien das Recht, für die Mischehe von der kanonischen Form zu dispensieren. Es ist jedoch Aufgabe der Bischofskonferenz, gesetzliche Regelungen aufzustellen, nach denen diese Dispens in erlaubter und für das betreffende Land oder Territorium einheitlicher Weise erteilt wird. Es muss aber irgendeine öffentliche Eheschließungsform eingehalten werden.
  10. Es muss dafür gesorgt werden, dass alle gültig geschlossenen Ehen in die vom Kirchenrecht vorgeschriebenen Bücher sorgfältig eingetragen werden. Die Seelsorger mögen Sorge tragen, dass auch die nichtkatholischen Geistlichen mithelfen, damit die mit einem Katholiken geschlossenen Ehen in die Bücher eingetragen werden können. Die Bischofskonferenzen aber sollen Vorschriften erlassen, die für das betreffende Gebiet oder Territorium ein einheitliches
7           AAS 57 (1965), pp. 90-112.
8           AAS 58 (1966) pp. 929-946.
9           Cfr. AAS 59 (1967), p. 166.

Vorgehen festlegen, damit eine Ehe, die nach Erlangung der Dispens von der kanonischen Form öffentlich eingegangen wurde, in den vom Kirchenrecht vorgeschriebenen Büchern aktenkundig werden kann.

  1. Was die liturgische Form bei Mischehen betrifft, so muss, falls sie sich nach dem Rituale Romanum zu richten hat, der Trauungsritus aus dem Ordo celebrandi matrimonium genommen werden, der in unserem Auftrag erlassen worden ist. Das gilt sowohl für die Ehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken (Nr. 39-54) als auch für Ehen zwischen Katholiken und Nichtgetauften (Nr. 55-66). Wenn die Umstände es nahelegen, kann bei Ehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken mit Zustimmung des Ortsordinarius die Eheschließung nach dem Ritus für Trauungen in der Messe (Nr. 19-38) erfolgen. Dabei sind hinsichtlich des Kommunionempfanges die Vorschriften des allgemeinen Rechts zu befolgen.
  2. Die Bischofskonferenzen sollen den Apostolischen Stuhl über die Beschlüsse unterrichten, die sie im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Mischehen getroffen haben.
  3. Die Trauung vor einem katholischen Priester oder Diakon und einem nichtkatholischen Geistlichen, die beide zusammen je ihren eigenen Ritus vollziehen, ist verboten. Auch ist keine religiöse Trauungszeremonie vor oder nach der katholischen Trauung zur Abgabe oder Erneuerung des Ehekonsenses zulässig.
  4. Die Ortsordinarien und die Pfarrer sollen dafür sorgen, dass es dem katholischen Ehegatten und den Kindern in einer Mischehe niemals an seelsorglicher Hilfe zur Erfüllung ihrer Gewissensverpflichtung fehlt. Dem katholischen Ehegatten mögen sie nahelegen, stets des göttlichen Geschenkes seines katholischen Glaubens eingedenk zu sein und von ihm „mit gutem Gewissen in Sanftmut und Ehrfurcht Zeugnis abzulegen“10. Den Ehegatten mögen sie helfen, die Einheit in Ehe und Familie zu pflegen und zu fördern, die für Christen auch in ihrer Taufe grundgelegt ist. Darum ist es wünschenswert, dass die katholischen Seelsorger zu den Geistlichen der anderen religiösen Gemeinschaften Kontakte aufnehmen und diese Beziehungen redlich, klug und vertrauensvoll pflegen.
  5. Alle in can. 2319 CIC festgelegten Strafen sind aufgehoben. Bei denen, die sich diese Strafen bereits zugezogen haben, entfallen die rechtlichen Straffolgen. Es bleiben jedoch die Verpflichtungen bestehen, von denen in Nr. 4 dieser Normen die Rede ist.
  6. Der Ortsordinarius kann die Sanatio in radice für die Mischehe unter Beachtung der einschlägigen Rechtsbestimmungen gewähren, wenn die Bedingungen von Nr. 4 und 5 dieser Normen erfüllt sind.
  7. In besonders schwierigen Fällen oder im Zweifel über die Anwendung dieser Normen soll man sich an den Heiligen Stuhl wenden.

Wir ordnen an, dass alles, was wir durch das vorliegende Schreiben in der Form eines Motu proprio bestimmt haben, volle Gültigkeit hat und ab 1. Oktober dieses Jahres in vollem Umfang rechtswirksam wird, ungeachtet aller anders lautenden Verfügungen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 31. März 1970, im siebten Jahre unseres Pontifikats. Papst Paul VI.

10        Cfr. 1 Pt. 3, 16.

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Prof. Spaemann über das Sakrament der Ehe und wiederverheiratete Geschiedene

Der renommierte Philosoph Prof. Robert Spaemann spricht im Interview mit Julia Wächter über das Eheideal der Kirche und die Problematik, die sich aus der derzeitigen Debatte um die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion ergibt.

Die Ehe ist heute in einigen Kreisen keine Selbstverständlichkeit mehr. Die kirchliche Vorstellung der Ehe wird immer mehr hinterfragt. Wie gilt es nun zu handeln? Würden Sie sagen, die Kirche gibt ihr Ideal der Ehe auf, wenn sie sich immer mehr an vorliegende Trends anpasst?

Ja. Die Neigung ist groß, sich allen Trends anzupassen, damit die Leute nicht weglaufen. Man muss aber immer in das Evangelium sehen. Die Massen liefen Jesus nach, doch dann sprach er davon, dass er seinen Leib zu essen und sein Blut zu trinken gab. Das hat er keineswegs geschönt, sondern die Leute waren schockiert und sind weggelaufen. Jesus fragte die Apostel: Wollt ihr auch gehen? Aber Petrus antwortete: Nein Herr, wir haben dich zwar auch nicht verstanden, aber du hast Worte des ewigen Lebens und wohin sollen wir denn sonst gehen? Das muss die Reaktion der Menschen sein. Auch in der Frage der Ehescheidung kommt es nicht darauf an, den vielen Menschen und den großen Trends nachzugehen, sondern ein Zeugnis davon zu geben, dass es auch eine andere und schönere Weise des Lebens gibt. Man darf auch nicht erst bei den Ehevorbereitungskursen ansetzen, sondern schon viel früher. Was eine christliche Weise zu leben ist muss schon in der Schule grundgelegt werden. Dann bekommt auch ein solches Verbot der Ehescheidung, das ja von Christus ganz klar und eindeutig ausgesprochen ist, Anziehungskraft.

Haben Sie konkrete Vorschläge der Umsetzung?

Das Wort fällt bei den einen auf guten, bei anderen auf schlechten Grund. Letztens kommt es darauf an, wen der Vater zieht. Sich ziehen lassen vom Vater, das ist die Lebensweise des Christen. Das muss auch gelehrt werden, schon im Zusammenleben der Kinder.

Sind diese Trends auf das vorherrschende Gottesbild zurückzuführen? Der barmherzige Gott steht allzu oft über allem. Bedrohliches wird ausgeblendet, vor allem in der Verkündigung an Kinder.

Ein Drittel der Lehre Jesu besteht aus Drohungen, die man alle eliminieren möchte. Es drohe gar nichts, Gott nehme uns wie wir sind. Das ist Schönrednerei. Vielmehr muss man sagen: Nein, Jesus nimmt dich nicht wie du bist. In seiner Predigt forderte er: Kehrt um, ihr seid auf dem falschen Weg! Natürlich, Jesus akzeptiert den Sünder und wenn der verlorene Sohn heimkommt, macht der Vater ein großes Fest. Aber warum richtet er dieses Fest aus? Doch weil er zurückgekommen ist. Der Vater ist nicht hinaus zu den Schweinetrögen gegangen.

Barmherzigkeit wird auch in der Debatte um wiederverheiratete Geschiedene und deren Zulassung zum Sakrament der Eucharistie gefordert. Dabei ist die Auffassung weitverbreitet, dass die Unauflösbarkeit der Ehe und die Barmherzigkeit konkurrierende Prinzipien seien. Wie kann deutlich gemacht werden, dass sich diese Prinzipien nicht gegenseitig ausspielen?

Barmherzigkeit besteht darin, dass man dem Notleidenden in seiner konkreten Situation beisteht und ihm hilft, das ewige Leben zu erwerben. Das Christentum ist keine Wellnessreligion. Wenn der Arzt mir beispielsweise sagt: Sie dürfen keine Zigarette mehr rauchen, sonst sind Sie in einem halben Jahr tot – und wenn man dann sagt: Aber lieber Doktor, seien Sie doch barmherzig – ist das falsche Barmherzigkeit. Der Arzt kann nur helfen, wenn sich dieser Patient an seine Worte hält. Die Kirche ist in der Situation des Arztes. Wenn ein Zusammenleben in einem zweiten Verhältnis gestattet wird, weil man es damit rechtfertigt, dass mit der Zeit eine neue Beziehung gereift sein kann, stellt sich die problematische Frage, wie oft man mit dem neuen Partner geschlafen haben muss, damit es nicht mehr Sünde, sondern eine gottgefällige Handlung ist, die die Kirche segnen soll. Jeder Akt des Ehebruchs ist schwere Sünde. Das ist die traditionelle Lehre der Kirche.

In dieser Situation wird oft nicht an den Partner gedacht, der verlassen worden ist.

Von ihm ist ohnehin viel zu selten die Rede. Es wird immer von dem armen Täter gesprochen und nicht von dem Opfer. Da gibt es beispielsweise eine Frau, die blieb mit vier Kindern alleine zurück. Plötzlich hat der Mann einen anderen Platz gefunden und dieses Verhältnis würde gestattet werden. Noch weiter gedacht: Was ist, wenn er anschließend wieder zurückkehrt zu seiner vorigen Frau? Hier entstehen Schwierigkeiten, aus denen man nicht herauskommen kann, statt zu sagen: Gott, du hast uns und deiner Kirche die Sakramente gegeben, die uns das Heil vermitteln, aber du selber bleibst frei, du kennst die Herzen. Wir müssen dem Menschen der Barmherzigkeit Gottes überlassen. Einem Menschen, der so darauf herumreitet, dass er nicht zur Kommunion gehen darf, muss man sagen: Dann geh doch einmal in der Woche mehr zur Messe, bete und tu‘ alles was du kannst und Gott ist barmherzig. Aber die Kirche kann sich das nicht erlauben. Gott aber kann auch über große Mauern springen.

Welche Bedeutung haben die Sakramente faktisch?

Heute ist das oft so ein Sakramentalismus, als ob das Heil des Menschen davon abhinge, dass er zur Kommunion geht. Es herrscht die Vorstellung, zu einem richtigen Messbesuch gehöre immer die Kommunion. Bank für Bank, sie gehen alle zur Kommunion. Ich frage mich, sind die Christen plötzlich ganz heilig geworden? Es ist höchst unwahrscheinlich, dass nur noch Leute leben, die nicht von schwerer Sünde belastet sind. Zur Kommunion gibt es Voraussetzungen. Das eine ist, man muss an die wirkliche Gegenwart Jesu unter den Gestalten von Brot und Wein glauben und das zweite, man darf sich keiner schweren Schuld bewusst sein, die man noch nicht bereut und gebeichtet hat. Unter diesen Voraussetzungen kann man zur Kommunion gehen. Ansonsten ist es ein größerer Akt der Ehrfurcht, der Verehrung für Christus und der Solidarität mit den Mitchristen, wenn man fernbleibt. Das drückt eine tiefere Verbindung aus. Ein Mensch, der in schwerer Sünde lebt, bleibt Sünder, das muss er mit Gott bereinigen. Es ist gut, wenn er jeden Sonntag zur Messe geht, obwohl er nicht zur Kommunion gehen kann. Schon im Religionsunterricht heute gibt es allerdings den Begriff der schweren Sünde kaum mehr.

Auf der anderen Seite wird die Beichte immer mehr vernachlässigt.

Ja, die Beichtstühle sind leer, und das ist auch sehr merkwürdig. Da haben die Leute plötzlich gar nicht dieses Verlangen. Wenn ein Mensch unbedingt zur Kommunion gehen will und es ihm derart ernst ist, soll er doch zunächst einmal beichten. Wenn er selbst das nicht tun will, wie kann er dann zur Kommunion gehen wollen?

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Siehe dazu auch:

«Die römische Kurie ist doch kein Mafiaclan»

Kardinal Gerhard Ludwig Müller war vor kurzem noch Glaubenspräfekt und die Nummer zwei im Vatikan. Nun kritisiert der Deutsche den Papst: Franziskus gebe sich zu barmherzig und beziehe theologisch zu wenig Position.

Michael Meier [Tages-Anzeiger – Dienstag, 29. Mai 2018]
Einsiedeln

Seit er nicht mehr als Glaubenspräfekt Papst Franziskus berät, ist Kardinal Gerhard Ludwig Müller ein gefragter Interviewpartner und wird in alle Welt zu Vorträgen eingeladen. Von Sibirien kommend, hat er am Sonntag in Einsiedeln mit CVP-Präsident Gerhard Pfister und dem Basler Bischof Felix Gmür über die Not verfolgter Christen im Nahen Osten debattiert. Der große, wortgewandte Deutsche lässt sich nicht gern in die Rolle des konservativen Antipoden von Papst Franziskus drängen, weil der ihn im letzten Sommer überraschend als Glaubenshüter entlassen hat. Dennoch lässt der einstige Dogmatikprofessor im Gespräch mit dieser Zeitung durchblicken, dass er Franziskus theologisch für zu unbedarft hält.

So schraubt Müller die Erwartungen an den Papstbesuch am 21. Juni beim Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf herunter. «Solche Besuche haben oft nur mit dem Klima und mit Freundlichkeit zu tun», sagt er. Ziel der Ökumene sei nicht, gutmenschlich miteinander umzugehen, was ohnehin der Fall sei, vielmehr stünden die Unterschiede in wesentlichen Glaubensfragen, gerade bei den Sakramenten, zur Debatte. «Die Differenzen kann man nicht einfach weglächeln.» Franziskus neige dazu, die Theologie unterzubewerten.

Die Erleuchtung durch den Heiligen Geist ersetze keine vertiefte Reflexion. Was Müller am päpstlichen Umgang mit dem aktuellen ökumenischen Konflikt unter den deutschen Bischöfen verdeutlicht. Diese haben beschlossen, reformierte Ehepartner zur Kommunion zuzulassen. Ohne Stellung zu beziehen, hat der Papst die Frage der in Rom Rat suchenden Bischöfe an diese zurückgegeben. Der Kardinal findet das armselig:

«Es ist doch nicht Aufgabe des Papstes, zwischen zwei Parteien diplomatisch zu vermitteln und zu sagen: Macht das unter euch aus! Der Papst muss die Wahrheit des katholischen Glaubens bezeugen, die in lehramtlichen Dokumenten klar festgelegt ist.»

Mehrheitsbeschlüsse wie in der Politik sind Müller zufolge in Glaubensfragen ohnehin nicht möglich. Unaufgebbar katholisch bleibt für ihn, dass die Abendmahlgemeinschaft ohne Kirchengemeinschaft nicht möglich ist und dass, wer zur Kommunion geht, den ganzen Glauben der katholischen Kirche bejaht.

Keine Gnade für Ehebrecher

Auch und gerade in der Frage, ob Wiederverheiratete zur Kommunion dürfen, hatte Präfekt Müller dem Papst widersprochen. Im Lehrschreiben «Amoris Laetitia» hat Franziskus die Tür für die Wiederverheirateten einen Spalt breit geöffnet. «Ich vertrat die Meinung, die die Kirche bisher hatte und von der man nicht abweichen kann», so Müller, «dass nämlich nur jemand die Sakramente empfangen kann, der nicht in schwerer Sünde wie etwa Ehebruch ist.» Deshalb habe Jesus auch das Bußsakrament eingesetzt. Der Papst jedoch sage, das sei nicht so schlimm, und zeige sich barmherzig. «Von der Barmherzigkeit des Bischofs oder des Papstes habe ich doch gar nichts, allein die Barmherzigkeit Gottes kann mir den Weg zur Erneuerung öffnen.» Manchmal werde von der Barmherzigkeit so geredet, als ob die Christen sich schämen würden, dass der liebe Gott die Hürden mit seinen Geboten so hoch hänge. «Wir müssen im Stabhochsprung die Hürde überspringen, das ist anstrengend. Man kann nicht unten durchlaufen und sagen: Ich bin genauso weit gekommen.»

Müllers Nein zur Kommunion für Wiederverheiratete soll der Hauptgrund gewesen sein, weshalb der Papst sein Mandat als Glaubenspräfekt nicht verlängert hat. «Das kann sein, er hat mir aber nie einen Grund genannt, insofern bleibt alles Spekulation.» Sicher habe sich Franziskus geärgert, dass der Präfekt die willkürliche Entlassung von drei hervorragenden Mitarbeitern der Glaubenskongregation heftig kritisiert hatte. «Da musste ich einfach deren guten Ruf verteidigen.» Es war Benedikt XVI., der kurz vor seinem Rücktritt 2012 den früheren Dogmatikprofessor und damaligen Bischof von Regensburg an die Spitze der Kongregation für die Glaubenslehre berief. Franziskus machte ihn dann zum Kardinal. Als solcher hat Müller heute zwar kein Kurienamt mehr, ist aber nach wie vor in Rom in verschiedenen Kongregationen tätig. Der 70-Jährige kann auch den neuen Papst wählen oder gar selber Papst werden.

Als Kardinal hat er sich nie als Höfling verstanden. Seine Devise: Solidarität und nüchternes Verhältnis zum Papst ja, Papstidolatrie nein. «Ich glaube nicht, dass dem Papst mit Speichelleckern gedient ist, die immer nur jaja sagen.» Vielmehr müssten die Kardinäle ihn kraft ihrer fachlichen Qualifikation beraten. Das hat Müller auch auf den 600 Seiten seines 2017 erschienenen Buchs «Der Papst» dargelegt. «Das Papsttum würde völlig missverstanden, wenn man es für eine Autokratie hielte, es ist das Gegenteil davon. Als Senat des Papstes müssen wir Kardinäle ihn über die volle Wahrheit informieren.»

Für Müller sind jene, die sich öffentlich als beste Freunde des Papstes rühmen, noch lange nicht dessen beste Berater. «Die Kalamität, die wir jetzt in Chile haben, rührt daher,  dass er  sich von Freunden hat beraten lassen – in deren Sinn.» Die jetzt zurückgetretenen chilenischen Bischöfe hätten dem Papst ein falsches Bild von den Missbrauchsfällen und ihrer (fehlenden) Aufarbeitung vermittelt und ihn ein Stück weit ins Messer laufen lassen. Müller, der als Präfekt der Glaubenskongregation für die Missbrauchsfälle weltweit zuständig war, glaubt, dass man die jetzigen Turbulenzen hätte vermeiden können, hätte man auf seine Kongregation gehört. «Ich war selber in Chile und habe mit der Bischofskonferenz gesprochen.»

Die Frage, ob ihm der Reformkurs von Franziskus missfalle, beantwortet er indirekt. «Reform ist eine innere geistige Erneuerung des Glaubens, nicht billige Anpassung. Reform kann nicht heißen, von außen mit einem Klischeebild an die Kurie heranzutreten, als ob sie eine Art Mafiaclan wäre, wo man dann mit eisernem Besen kehren müsste.» In seinen Weihnachtsansprachen sprach der Papst von Verrätern, von Ruhmsucht oder geistlichem Alzheimer. Die abschätzigen Vokabeln hält Müller für völlig unangemessen. Reformieren könne man nur durch Aufmuntern und Aufbauen, indem man selber mit bestem Beispiel vorangehe.

Anerkennung für Franziskus

Der Deutsche findet aber auch sehr anerkennende Worte für Franziskus, für sein schlichtes Auftreten etwa («das Erscheinungsbild der Kirche muss nicht barock sein»). Besonders lobt er dessen Einsatz für die Armen. Franziskus mache die Schlagseite der wenigen reichen und der vielen armen Länder bewusst und halte die katholische Soziallehre, die ihr Zentrum in der Würde des Menschen habe, für die beste Antwort auf Industrialisierung und Globalisierung.

Der Kardinal selber ist ein Freund der Befreiungstheologie. Schon als Dogmatikprofessor in München hatte er die Sommerferien in Südamerika verbracht, Vorträge an dortigen Universitäten gehalten oder als Seelsorger in den Armenvierteln Limas gewirkt. So hat er sich mit Gustavo Gutierrez, dem Vater der Befreiungstheologie, angefreundet. Während Kardinal Ratzinger an der Befreiungstheologie vor allem die marxistische Vorstellung eines irdischen Paradieses missfallen hat, stand für Müller die materielle Not im Zentrum: «Das Elend, das ich sehe, widerspricht der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Gott ist Mensch geworden, heißt auch, die notwendige materielle Basis für ein menschenwürdiges Leben zu schaffen.» Ihn lässt auch das Schicksal der Christen im Irak, in Syrien oder der Türkei nicht kalt. Darum hat er sich vom Hilfswerk Kirche in Not, das zweijährlich einen Bericht über die weltweite Religionsfreiheit erstellt, nach Einsiedeln einladen lassen. «Der Staat hat keinen totalitären Anspruch auf die Menschen. Der Ansatz des Islam, der einfach theokratisch vom Befehl Gottes ausgeht und ihn durchdekliniert bis zum Letzten, ist falsch.» Zur Religionsfreiheit gehöre aber auch, das Anderssein der anderen

Gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, also von Gott her gutzuheißen, ist für ihn ein Widerspruch in sich.

zu respektieren. «Ich denke nicht, dass die Offenbarung Gottes an Mohammed stattgefunden hat, trotzdem achte ich die Menschenwürde der Muslime und ihre Religionsfreiheit.»

Die Glaubensfreiheit hat Müller auch im Konflikt mit den schismatischen Piusbrüdern verteidigen müssen. Lange hieß es, Franziskus wolle mit seiner spontanen, barmherzigen Art die traditionalistische Priestervereinigung ganz in den Schoß der Kirche zurückholen – unbekümmert darum, ob sie die Konzilsdekrete etwa zur Glaubensfreiheit anerkennen. Sie schränken diese ein, indem sie an einem katholischen Staat festhalten. «Was das Zweite Vatikanische Konzil inhaltlich über die Religionsfreiheit gesagt hat, kann nicht umgestoßen werden. Religionsfreiheit darf nicht vom Staat behindert werden», sagt Müller und erinnert an die mit Füßen getretene Menschenwürde und Religionsfreiheit in kommunistischen und faschistische Diktaturen. Allerdings liegt ihm auch die Freiheit der Kirche am Herzen. So ist für ihn das staatskirchenrechtliche System in der Schweiz mit großen Befugnissen der Kantonalkirchen gegenüber dem Bischof mit der heutigen Trennung von Kirche und Staat unvereinbar.

Der Kardinal bleibt ein Konservativer. Der Vorschlag einiger deutscher Bischöfe, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, ist für ihn ein Widerspruch in sich. «Segnen heißt ja, dass etwas von Gott her gutgeheißen wird. Was aber dem Willen Gottes widerspricht, kann nicht von der Kirche im Namen Gottes gesegnet werden.» Er glaubt auch nicht, dass die von Franziskus für Herbst 2019 geplante Synode den Pflichtzölibat lockern wird – Priestermangel hin oder her. «Die Amazonas-Synode kann so etwas gar nicht festlegen. Die Synode ist ein Beratungsgremium und nicht die Repräsentanz des Bischofskollegiums.»

Auch wenn der Zölibat nicht wesensnotwendig zum Priestertum gehöre, sei er mit der priesterlichen Spiritualität verbunden und gewachsen. Überhaupt hänge der Priestermangel nicht mit dem Zölibat zusammen. «Wenn in der säkularisierten Gesellschaft alle christlichen Grundlagen wegfallen, wie soll auf so unfruchtbarem Boden das zarte Pflänzchen von Priesterberufungen wachsen?» Stoßend ist für Müller, dass sich heute, wer Priester werden will, dauernd rechtfertigen und verspotten lassen muss.

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