VOM LEBENSDIENST DER FRAU — 3. Die Frau und das Leben

 

Die Frau ist aufgrund ihrer naturhaften Berufung dem Leben zugeordnet. Diese Bestimmung drückt Adam mit dem Namen aus, den er seiner Frau gab, Eva. „Adam gab seiner Frau den Namen Eva; denn sie ward die Mutter aller Lebendigen“ (Gen. 3, 20). Die Frau empfängt das Leben, trägt es, gebiert es, nährt es und erzieht es. Das Leben des Menschen ist in den entscheidenden Stadien seiner Entwicklung ganz auf die Frau verwiesen.

Für diese Aufgabe besitzt die Frau entsprechend seelisch-leibliche Gaben: die Fähigkeit zur Mütterlichkeit und Mutterschaft. Diese Gaben sind ihr aufgegeben. Indem sie diese Gaben gebraucht, verwirklicht sie sich selbst, findet sie zu ihrem eigenen Wesen. Mutter ist der letzte Name einer jeden Frau. Darum kann der Heilige Vater, Papst Pius XII. sagen: „Jede Frau ist dazu bestimmt, Mutter zu sein; Mutter im leiblichen Sinne oder in einem höheren geistigeren, aber nicht weniger wirklichen Sinne. Als Mutter ist die Frau ein Ebenbild des dreifaltigen Gottes. Mutter ist ein Ternarbegriff. Wer Mutter sagt, sagt Frau, sagt Mann, sagt Kind. Wer Mutter sagt, meint die Frau in der Erfüllung ihres Auftrages: Wachset und mehret euch. Das Wort Mutter umschließt immer ein dreifaches, ganz gleich, ob es sich um leibliche oder geistige Mutterschaft handelt: Die Frau selbst, das irgendwie geartete „Du“, mit dem sich die Frau verbindet, und die „Frucht“, die aus dieser Verbindung hervorgeht. Das „Du“ ist beim jungfräulichen Menschen Christus als der absolute Partner des Menschen. Die Verbindung ist eine rein geistige. Der jungfräuliche Mensch wird ein „Geist“ mit Christus. „Wer sich dagegen dem Herrn hingibt, wird ein Geist mit ihm“ (1. Kor. 6, 17). Die „Frucht“ dieser Verbindung sind „geistliche“ Kinder.

Im Augenblick der Geburt begegnen sich Tod und Leben. Neues Leben wird nur da, wo das alte mutig gewagt wird. Die Frau wird Mutter, indem sie ihr eigenes Leben in das Sterben hinein hält. „Und setzest du nicht das Leben ein, kann nicht das Leben gewonnen sein.“ Jede Mutter stellt sich unter das Naturgesetz des „Stirb und Werde“. Darum versteht eine Frau am tiefsten das Wort Christi: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein“ (Joh. 12, 24). „Mit dem Weizenkorn aber meint der Herr sich selbst. Das war das Korn, welches ertötet und vervielfältigt werden sollte: ertötet durch den Unglauben der Juden, gemehrt durch den Glauben der Heiden“, sagt Augustinus. Cyrill von Alexandrien bemerkt hierzu: „Wie das Weizenkorn ausgesät, Ähren hervorbringt, aber dadurch in sich selbst nichts verliert, sondern dadurch seine Kraft nun in allen Körnern der Frucht lebt – denn aus ihm sind ja alle gewachsen – so ist auch der Herr gestorben . . . und die Frucht seines Leidens und Sterbens ist das Leben aller.“ Könnte nicht jede Frau, die um ihre vertrauliche Selbstverwirklichung ringt, die Worte vom Weizen auf sich selbst anwenden? Muss nicht jede Frau das Schicksal des Weizenkornes auf sich nehmen, um fruchtbar werden zu können? Gerade das Wort vom Weizenkorn, das ganz allgemein die naturhafte Gesetzmäßigkeit der Fruchtbarkeit ausspricht, offenbart die wesenhaft christologische Relation der Frau. Wer vom innersten Wesen her Frau sein will, kommt am Gesetz des Stirb und Werde, das Christus uns allen vorexerziert hat, nicht vorbei.

Die Frau, die dem Leben zugewandt und für das Leben offen ist, ist damit bereits im Grund Christus zugewandt. Ihr Lebensbezug ist Christusbezug. Es müsste unseren Mädchen und Müttern ganz deutlich gesagt werden, dass sie ihre vertrauliche Berufung, im Leben zu dienen, ausschließlich nur in und mit Christus erfüllen können. Wer als Mutter das Leben nicht mehr in seiner komplexen Ganzheit sieht, wessen Blick nur auf den schmalen sichtbaren Streifen unseres Erdenlebens gerichtet ist, wer Christus aus der Sicht des Lebens ausklammert, läuft Gefahr, sein Kind für den ewigen Tod zu gebähren. Dann würde das Kind im Zustand seiner Verdammung ewig seiner Mutter fluchen. Ist es nicht furchtbar, wenn der Herr von Judas sagen muss: „für jenen Menschen wäre es besser, wenn er nicht geboren wäre“ (Mt. 26, 24) wenn unsere Frauen und Mütter, die berufenen Hüter des Lebens, nicht mehr um das Leben wissen, wer soll dann überhaupt noch die rechte Sicht haben? Der Dienst am Leben ist von Dienst an Christus nicht zu trennen.

In jedem Menschen steckt ein starker Lebensdrang, ein unersättliche Lebenshunger. Der Mensch ist ein „Nimmersatt“. Um diese Quellen wahren Lebens muss jedes Mädchen und jede Frau wissen. Wir können es nur begrüßen, wenn in einer Zeit eine starke Vitalität aufbricht. Menschlicher Vitalität kann nicht irdisches Brot allein genügen. Gerade die Enttäuschungen, die bei allem Lebensgenuss zurückbleiben, die gähnende Leere, die er hinterlässt, stoßen den Menschen auf seinen metaphysischen Hunger, offenbaren ihn mit seiner Unersättlichkeit als ein transzendentales Wesen. Die Antwort auf allen Lebenshunger und Lebensdurst gibt Christus, wenn er uns zuruft: „Ich habe Ströme lebendigen Wassers, wer zu mir kommt, den wird nimmermehr dürsten“ (vgl: Joh: 4,14; 6, 35; 7, 37). Für diese Antwort hat die Frau besonders helle Ohren.

Wer als Frau seine Berufung, das Leben zu mehren, es zu hegen und zu pflegen, mit Christus meistert, wird das Kind gebären für die Wiedergeburt, wird es auf Christus hin erziehen und ihm in Christus die Fülle des wahren Lebens vermitteln. Zum Dienst am Leben ist im Grunde nur die christ-gläubige Frau befähigt. Der Christusbezug ist für die Mutter konstitutiv, und die Mutterschaft Mariens hat für jede Mutter kanonischen Charakter. Wer sein Kind nicht christlich erzieht, es nicht zu Christus hinzieht, erzieht es letztlich überhaupt nicht, er betrügt das Kind um das Kostbarste und Heiligste, um das ewige Leben.

Jede Frau ist eine geborene Pädagogin, weil ihre Aufgabe der Mensch ist. Was gibt es Kostbareres als den Menschen, den Gott nur um ein Geringes unter die Engel gestellt hat? (Ps. 8,5). Ein Pädagoge kann nur geben, was er hat, deutlicher noch, was er ist. Wer zu Christus kein persönliches Verhältnis gefunden hat, kann ihn nicht geben. Nichts tut unsere Frauenjugend so not, wie die Erziehung zu Christus. Sie ist die unersetzliche Grundlage für vertrauliche Selbstverwirklichung in Mutterschaft und Mütterlichkeit. Wer in der Verbindung mit Christus lebt, besitzt und vermittelt auch wahres Leben. „Wer an mich glaubt, aus dessen Herzen werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen“ (Joh. 7, 38). Christus allein ist das Maß des Lebens. Der Grad der Lebendigkeit einer Gruppe, einer Familie, einer Pfarrei, richtet sich nicht nach dem, was da „los“ ist. Lebendigkeit darf nicht verwechselt werden mit Betriebsamkeit. Lebendig sind eine Familie, eine Gruppe, eine Pfarrei, eine Schule, wenn in ihnen Christus lebt und durch ihn der Geist des Glaubens, der Hoffnung und der tätigen Liebe.

Wer im Licht des Glaubens Christus als das wahre Leben kennengelernt hat, wird immer wieder in den hl. Sakramenten sein Leben erneuern. Er wird vor allem oft das „panis vivus et vitalis“, das lebendige und lebenspendende Brot der hl. Eucharistie empfangen, das ihm in Wirklichkeit „ewige Jugend“ verleiht.

(Fortsetzung folgt!)

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

„MARIA – DIE MUTTER CHRISTI – IST DAS MAß JEDER FRAU“

Christ’s Appearance to Mary Magdalene after the Resurrection, Ivanov, 1834.

Der Mensch ist geschaffen als Gottes Ebenbild und Gleichnis. „So schuf Gott den Menschen als sein Abbild. Als Gottes Abbild schuf er ihn. Er schuf ihn als Mann und Frau“ (Genesis 1, 27). Er schuf ihn also zweigeschlechtlich. „Unter Geschlechtlichkeit verstehen wir hier etwas, das sich auf die gesamte Person des Menschen bezieht … Dort im Innersten der Person regiert die Geschlechtsnatur. So ist … die Geschlechtlichkeit eines Menschen etwas, das seinem Sein zugeordnet ist“.

Die Gottebenbürtigkeit des Menschen gilt von Mann und Frau im gleichen Maße, wenn auch nicht in gleicher Weise. Nun ist aber Christus „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kol. 1,15). Jesus Christus allein ist das absolute, ebenbürtige, adäquate Spiegelbild des Vaters. Nur im Gottmenschen Jesus Christus ist der Mensch perfekt.

Auf Grund seiner Gottebenbildlichkeit steht jeder Mensch in einer Wesensrelation zu Jesus Christus, der das schlechthinnige Maß aller Menschen ist. Der Prozess der Menschwerdung, der ein ganzes Leben lang währt, ist unabdingbar an den menschgewordenen Logos verwiesen. Menschliche Existenzentfaltung ist, losgelöst von Jesus Christus, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Das gilt ebensosehr für die Frau wie für den Mann.

Es hat nur einen Menschen gegeben, der durch seinen einzigartigen Christusbezug zur höchsten Vollendung seines Menschseins gelangte: Maria. Man darf nicht Maria neben Christus stellen. Niemand hat sich bewusst und gewollt so ganz und gar unter ihn gestellt wie sie als Mutter und Magd. Es wäre falsch, Maria von Christus zu trennen und ihr ein Eigenlicht zuschreiben zu wollen. Gerade sie ist ganz Licht vom Lichte Christi. Sie kündet mit 1000 Zungen und Sprachen ihn. Christus ist das Leitbild für Maria. Sie ist sein getreuestes Spiegelbild. Kein Mensch spiegelt den Herrn so klar und leuchtend wieder wie sie.

Einzigartig ist die wurzelhafte Herkunft Mariens von Christus, die dieser Herkunft entsprechende Hinkunft Mariens zu Christus und schlussfolgernd auch die der Hinkunft korrespondierende Ankunft Mariens bei Christus.

Über die wurzelhafte Herkunft Mariens von Christus sagt Pius IX. in der Bulle „Ineffabilis Deus“: „Deshalb verwendet ja auch die Kirche die gleichen Worte, mit denen die Heilige Schrift von der ungeschaffenen göttlichen Weisheit spricht und ihren ewigen Ursprung schildert, im kirchlichen Stundengebet bei der Feier des hochheiligen Opfers und überträgt sie auf den Ursprung dieser Jungfrau, deren Erschaffung ja zugleich mit der Menschwerdung der göttlichen Weisheit beschlossen wurde.“

Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis aber lehrt: „dass die seligste Jungfrau Maria im ersten Augenblick ihrer Empfängnis durch einzigartiges Gnadengeschenk und Vorrecht des allmächtigen Gottes, im Hinblick auf die Verdienste Jesu Christi, des Erlösers des Menschengeschlechtes, von jedem Fehl der Erbsünde rein bleibt.“ Maria wendet sich also der ganze Strom der Erlösungsgnade zu. Sie ist „voll der Gnaden“. Dazu sagt die Enzyklika „Mystici Corporis“ im Anhang: „Ihre heiligste Seele war, mehr als alle anderen von Gott erschaffenen zusammen, vom göttlichen Geist Jesu Christi erfüllt.“ „Cuius sanctissima anima fuit, magis quam ceterae una simul omnes a Deo creatae, divino Jesu Christi Spiritu repleta.“ Maria ist also nicht nur die höchste und letzte Stufe in der Reihe der begnadeten Seelen. Auf ihre Person kommen mehr Gnaden als auf alle anderen Menschen zusammen. „Voll der Gnaden“ meint die volle Erlösung Mariens.

Dem Woher Mariens entspricht ihr Wohin. Das Wort des Psalmisten „In te proiectus sum ex utero“, „auf dich bin ich geworfen vom Schoß der Mutter“, gilt von Maria in einer einmaligen Weise. Ihre totale Hinordnung zu Christus ist ausgesprochen in dem zweifachen Titel: „Mutter Christi“ und „Braut Christi“, bzw. „Eva des neuen Bundes“. Von diesem zweifachen Titel aus kennt Mariens Leben nur einen Sinn und ein Ziel: Christus und sein Werk. In der Ungeteiltheit, in der Ausschließlichkeit ihres Da-seins für das personale Wort, für das verbale Wort – sie bewahrte alle Worte in ihrem Herzen – und das Werk Christi erschöpft sich der Sinn ihres Lebens.

Der Hinordnung Mariens zu Christus, die Werk Gottes und Werk Mariens ist, korrespondiert die gnadenhafte, einzigartige Ankunft Mariens bei Christus durch ihre leibliche Aufnahme in den Himmel und ihre Teilnahme am Königtum Christi als dessen Teilgabe. Das Maß der Teilhabe und Teilnahme am Erlösungswerk Christi auf Erden bestimmt genau das Maß ihrer Teilhabe am Königtum ihres Sohnes. Wenn Pius IX. in „Ineffabilis Deus“ von einem „uno eodemque decreto“, ein- und demselben Ratschluss, spricht, mit dem Gott die Inkarnation seines Sohnes und den Ursprung Mariens beschlossen habe, dann sagt Pius XII. im Schlussteil von „Mystici Corporis„, dass Maria „unaque simul cum filio suo regnat“, dass Maria zugleich mit ihrem Sohne als Königin regiert. Beide Worte, die in ihrer Ähnlichkeit überraschen, betonen die Zusammenschau Mariens mit Christus.

Die Christusbezogenheit Mariens ist die bedeutungsvollste Aussage über die Muttergottes für das Mädchen und die Frau von heute. Wenn die Menschwerdung „das leuchtendste Wort ist, welches Gott in die Welt hineingesprochen hat, wenn alle früheren ‚Worte, die der Vater in der natürlichen und übernatürlichen Offenbarung gesprochen hat, in Christus wie in einem Schlusswort zusammengefasst und erklärt werden“, dann ist Maria die leuchtendste, klarste, umfassendste, end-gültige, geschöpfliche Ant-wort auf dieses Wort. Alle Antworten, die Menschen dem Wort und Anruf Gottes zu geben sich bemühen und bemüht haben, werden in Maria zusammengefasst und erklärt. Ihr Leben enthüllt uns den letzten Sinn fraulichen und menschlichen Daseins überhaupt.

Maria ist das strahlendste und vollkommenste Ebenbild Christi und darum auch Ebenbild Gottes. Sie ist die Frau ohne Fehl und Makel, die Frau, wie Gott sie sich gedacht hat, die seinen göttlichen Gedanken „virgo – sponsa – mater, Jungfrau – Braut – Mutter“ in einer absolut vollkommenen Weise personal darstellt. Darum ist Maria das Maß jeder Frau. Sie ist das Realbild des göttlichen Idealbildes der Frau. Ihr Bild hat für jegliche Form fraulicher Existenz kanonischen Charakter.

Das Leben Mariens ist als Antwort auf das Leben Christi eine scharfe Korrektur für alle Frauen und Mädchen, die den Sinn ihres Daseins ausschließlich in ihrer Beziehung zu Beruf und Arbeit, zu Mann und Kind, zu Ehe und Familie erblicken. Ordnung im Leben des Mädchens heißt: Hinordnung seines Lebens in allen Bereichen auf Christus. Gerade die Schlagworte vom „Frauenüberschuss“ und von der „Erfüllung“, die beide den Sinn fraulichen Daseins innerweltlich und zwischenmenschlich sehen, verraten, wie sehr hier das Frauenbild heute der Korrektur am Marienbild bedarf.

Eine Hilfe zur Verwirklichung dieser Ordnung könnte die Weihe an das unbefleckte Herz Mariens sein. Es sei ein Bild gestattet: Wenn Christus das Meer ist, in das alle Menschen münden, dann ist Maria der reißende Strom zu diesem Meer hin, der seine Wasser nicht schnell genug in dieses Meer ergießen kann. Wer sich Maria weiht, im Bild gesprochen, wer sich in diesen Strom hineinstellt, wird von Maria nicht nur fortgetragen, sondern geradezu fortgerissen zu Christus hin. Das Bild darf aber nicht magisch missdeutet werden, als ob durch die Weihe an Maria das Heil garantiert wäre. Die Weihe verlangt eine personale Entscheidung und hebt die eigene Aktivität nicht auf. Aber die Bewegung des Menschen und der gesamten Schöpfung auf Christus hin ist nirgendwo so stark, so gewaltig, so hinreißend wie bei Maria, der als „Braut des Heiligen Geistes die Dynamik des Geistes selbst innewohnt.

Wer von diesem Strom gepackt wird, gelangt leichter ans Ziel, wie eben die Strömung dem Schwimmer zu Hilfe kommt. Wie Maria sich selbst nicht gehörte, so ist auch der ihr Geweihte nicht Eigentum Mariens, sondern in ihr und durch sie ganz Eigentum Christi. Gerade in diesem dynamischen „Hin“ Mariens zu Christus ist das Wort des heiligen Bernhard begründet: „servus mariae numquam peribit“, ein Diener Mariens geht nie verloren. Man mag gegen diesen Satz dogmatische Bedenken erheben, die religiöse Erfahrung bestätigt ihn immer wieder. Die drei täglichen „Ave“ sind für viele der letzte Rettungsanker geworden.

Je mehr aber eine Zeit und die Menschen in ihr den elementaren, schöpferischen und erlösenden Urbezug auf Christus hin verloren haben, desto mehr tut die Weihe an das unbefleckte Herz Mariens not.

Gertrud von le Fort wagt den Vergleich „Wie die Hingabe Mariens die Voraussetzung der Erscheinung Christi war, so ist die Imitatio Mariae die Voraussetzung eines christlichen Zeitalters“.

Es ist das Anliegen dieser Arbeit, die spezifische Relation, in der die Frau zu Christus stehen sollte, aufzuweisen und die Frau mit der Gestalt des Herrn zu konfrontieren. Nur in ihm, der gesagt hat „Ich bin das Licht der Welt“ wird alles Licht. Nur von Christus her kann das Frauenbild in einer gültigen Weise aufgehellt werden. Indem das Frauenbild in das Christusbild hineingehalten wird, wird die besondere Christusebenbildlichkeit der Frau deutlich.

Ich hoffe, dass im Laufe der Untersuchung sich der Leserin und dem Leser immer mehr die Wahrheit der These von Léon Bloy erschließt: „plus une femme est sainte, plus elle est femme“. Je heiliger eine Frau ist, desto fraulicher ist sie.“ Diese These gilt auch in der Umkehrung: „Je fraulicher eine Frau ist, desto heiliger ist sie.“ Das „heilig“ ist identisch mit christlich. Der Frau ist einem besonderen Maße die „anima naturaliter christiana“ zu eigen. Sie findet in Christus und seiner Religion die höchste Erfüllung ihrer natürlichen Wesensart. Frommsein und Frausein gehören zusammen. Echte Fraulichkeit existentialisiert sich in echter Frömmigkeit. Die völlig achristliche Frau ist die entartete, aus ihrer Art „geschlagene“, de-generiert Frau.

Es versteht sich von selbst, dass diese Arbeit nicht am Bilde Mariens vorbeigehen darf. Denn „so wie Christus der Herr … für alle als absolut gültiger Typus jeglichen sittlichen Strebens dasteht …, so muss auch Maria als das Weib, in dem, was des Weibes ist, für die Individuen ihres Geschlechtes das absolute Musterbild und Ideal der gottwohlgefälligen Weiblichkeit archetypisch abgeben, so dass das Weib in allen Lagen und Verhälltnissen seines Lebens … auf Mariens Beispiel mit völliger Ruhe und Entschiedenheit hinschauen mag, um von ihr die konkrete Regel ihres Verhaltens zu entlehnen.

Das Bild Mariens verdeckt und verhüllt dabei nicht das Bild Christi, sondern ent-deckt und ent-hüllt es; es verstellt es nicht, sondern lässt es durch, und gerade diese Durch-lässigkeit des Christusbildes im Marienbilde ist das Charakteristikum, das „Marianische“. Der grundsätzliche Christusbezug der Frau wird im Bilde Mariens sowohl erhellt wie auch konkret geschlichtlich veranschaulicht.

So ergibt sich für die Darstellung des Themas ein dreifacher Gesichtspunkt: Das Christusbild, das Marienbild als die frauliche Verwirklichung des Christusbildes, das Frauenbild im Spiegel des Marien- und Christusbildes. Auf diesem Wege würde das Bild der christlichen und damit das Bild der „ewigen“, zeitlosen Frau gewonnen.

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Quelle: Josef Dreissen: „Christus Leitbild jeder Frau“, 312 Seiten, 1962 – Einleitung

(Artikelbild dazu von mir [POS] ausgewählt)

Papst Benedikt XVI. zur Gender-Philosophie

Der Großrabbiner von Frankreich, Gilles Bernheim, hat in einem sorgfältig dokumentierten und tief bewegenden Traktat gezeigt, daß der Angriff auf die wahre Gestalt der Familie aus Vater, Mutter, Kind, dem wir uns heute ausgesetzt sehen, noch eine Dimension tiefer reicht. Hatten wir bisher ein Mißverständnis des Wesens menschlicher Freiheit als einen Grund für die Krise der Familie gesehen, so zeigt sich nun, daß dabei die Vision des Seins selbst, dessen, was Menschsein in Wirklichkeit bedeutet, im Spiele ist. Er zitiert das berühmt gewordene Wort von Simone de Beauvoir: „Man wird nicht als Frau geboren, sondern man wird dazu“. („On ne naît pas femme, on le devient“). In diesen Worten ist die Grundlegung dessen gegeben, was man heute unter dem Stichwort „gender“ als neue Philosophie der Geschlechtlichkeit darstellt. Das Geschlecht ist nach dieser Philosophie nicht mehr eine Vorgabe der Natur, die der Mensch annehmen und persönlich mit Sinn erfüllen muß, sondern es ist eine soziale Rolle, über die man selbst entscheidet, während bisher die Gesellschaft darüber entschieden habe. Die tiefe Unwahrheit dieser Theorie und der in ihr liegenden anthropologischen Revolution ist offenkundig. Der Mensch bestreitet, daß er eine von seiner Leibhaftigkeit vorgegebene Natur hat, die für das Wesen Mensch kennzeichnend ist. Er leugnet seine Natur und entscheidet, daß sie ihm nicht vorgegeben ist, sondern daß er selber sie macht. Nach dem biblischen Schöpfungsbericht gehört es zum Wesen des Geschöpfes Mensch, daß er von Gott als Mann und als Frau geschaffen ist. Diese Dualität ist wesentlich für das Menschsein, wie Gott es ihm gegeben hat. Gerade diese Dualität als Vorgegebenheit wird bestritten. Es gilt nicht mehr, was im Schöpfungsbericht steht: „Als Mann und Frau schuf ER sie“ (Gen 1, 27). Nein, nun gilt, nicht ER schuf sie als Mann und Frau; die Gesellschaft hat es bisher getan, und nun entscheiden wir selbst darüber. Mann und Frau als Schöpfungswirklichkeiten, als Natur des Menschen gibt es nicht mehr. Der Mensch bestreitet seine Natur. Er ist nur noch Geist und Wille. Die Manipulation der Natur, die wir heute für unsere Umwelt beklagen, wird hier zum Grundentscheid des Menschen im Umgang mit sich selber. Es gibt nur noch den abstrakten Menschen, der sich dann so etwas wie seine Natur selber wählt. Mann und Frau sind in ihrem Schöpfungsanspruch als einander ergänzende Gestalten des Menschseins bestritten. Wenn es aber die von der Schöpfung kommende Dualität von Mann und Frau nicht gibt, dann gibt es auch Familie als von der Schöpfung vorgegebene Wirklichkeit nicht mehr. Dann hat aber auch das Kind seinen bisherigen Ort und seine ihm eigene Würde verloren. Bernheim zeigt, daß es nun notwendig aus einem eigenen Rechtssubjekt zu einem Objekt wird, auf das man ein Recht hat und das man sich als sein Recht beschaffen kann. Wo die Freiheit des Machens zur Freiheit des Sich-selbst-Machens wird, wird notwendigerweise der Schöpfer selbst geleugnet und damit am Ende auch der Mensch als göttliche Schöpfung, als Ebenbild Gottes im Eigentlichen seines Seins entwürdigt. Im Kampf um die Familie geht es um den Menschen selbst. Und es wird sichtbar, daß dort, wo Gott geleugnet wird, auch die Würde des Menschen sich auflöst. Wer Gott verteidigt, verteidigt den Menschen.

Quelle

Vatikan widerspricht Darstellungen zu neuem Bibel-Dokument

Bibel

Ein neues Dokument der päpstlichen Bibelkommission zur Frage „Was ist der Mensch?“ bedeutet keine Öffnung der Kirche gegenüber der Scheidung oder gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.

Das hat der Sekretär der Glaubenskongregation, Giacomo Morandi, jetzt gegenüber Vatican News klargestellt. In dem zu Wochenbeginn vorgestellten Dokument sei zwar von Trennung von Ehegatten die Rede, so Morandi. Doch finde sich die auch im Kirchenrecht und sei nicht dasselbe wie eine Scheidung.

Die Kirche erlaube eine Trennung von Ehegatten, wenn ihr Zusammenleben „aus den unterschiedlichsten Gründen unmöglich“ geworden sei. Allerdings bleibe die Ehe, so sie denn gültig eingegangen wurde, trotz der Trennung weiter bestehen. Wer aus dem neuen Dokument ein Ja zur Scheidung herauslese, verzerre und instrumentalisiere es.

„Keine Öffnung“

Morandi, der selbst Bibelwissenschaftler ist, widersprach auch Darstellungen, dass das neue Dokument  der päpstlichen Bibelkommission gleichgeschlechtliche Partnerschaften anerkenne. Tatsache sei doch, dass der Text festhalte, eine Ehe könne auch nach biblischem Verständnis nur zwischen Mann und Frau bestehen.

Es gebe keine biblischen Beispiele einer gesetzlich anerkannten Verbindung zwischen Personen des gleichen Geschlechts. „Darum gibt es auch keine Öffnung gegenüber solchen Partnerschaften, wie einige irrtümlich vorgeben“, so Morandi.

(vatican news – sk)

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Neunzehn Staaten erklären vor der UNO: „Es gibt kein Recht auf Abtreibung“

Kinderhand Foto: Pixabay / RitaE (CC0

Die Regierung der Vereinigten Staaten hat eine Koalition aus 19 Ländern angeführt, die vor den Vereinten Nationen erklärte, es existiere kein „internationales Recht auf Abtreibung“ und man müsse „mehrdeutige“ Begriffe, wie jenen der „sexuellen und reproduktiven Gesundheit“, aus ihren offiziellen Dokumenten entfernen.

Als Sprecher für die 19 Länder fungierte Alex Azar, Sekretär des amerikanischen Gesundheitsministeriums (United States Department of Health and Human Services, kurz HHS), der bereits vor dem UN-Gipfel, der am 23. September im Rahmen der 74. Generalversammlung der Vereinten Nationen stattfand, verschiedene Anmerkungen zur allgemeine Gesundheitsversorgung gemacht hatte.

Azar bat auch andere Länder, sich der Koalition anzuschließen, die aus den USA, Bahrain, Weißrussland, Brasilien, der Demokratischen Republik Kongo, Ägypten, Guatemala, Haiti, Ungarn, Irak, Libyen, Mali, Nigeria, Polen, Russland, Saudi-Arabien, Sudan, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Jemen besteht.

„Wir unterstützen keine Bezugnahme auf mehrdeutigen Begriffe und Ausdrücke wie sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte in den Dokumenten der Vereinten Nationen, da sie die Rolle der Familie untergraben und Praktiken wie Abtreibung fördern können, in Umständen, bei denen es keinen internationalen Konsens gibt und die von den Organen der UNO missverstanden werden können.“

Zudem erklärte er: „Die genannten Begriffe berücksichtigen weder die zentrale Rolle der Familie für die Gesundheit und Erziehung, noch das souveräne Recht der Nationen, die Gesundheitspolitik in Übereinstimmung mit ihrem nationalen Kontext durchzuführen. Es gibt kein internationales Recht auf Abtreibung und diese Begriffe dürfen nicht verwendet werden, um Abtreibungspolitik und Maßnahmen zugunsten der Abtreibung zu fördern.“

Azar betonte, dass die Koalition, die „mehr als 1,3 Milliarden Menschen“ und „drei der sechs Verwaltungsregionen der der WHO“ repräsentiere, nur eine „Sexualerziehung unterstütze, die die schützende Rolle der Familie anerkenne und die schädlichen sexuellen Risiken für junge Menschen nicht toleriere.“

„Deshalb fordern wir, dass sich die Vereinten Nationen, einschließlich ihrer Organisationen, auf konkrete Bemühungen konzentrieren, die unter den Mitgliedstaaten einen breiten Konsens genießen. Zu diesem Zweck dürfen in UN-Resolutionen nur solche Dokumente zitiert werden, die von allen Mitgliedstaaten angenommen worden sind“ so weiter der Sekräter des HHS.

Am Ende seines Beitrags erläuterte Azar, dass die Länder, die er vertrete, „gleichen Zugang zu medizinischer Versorgung unterstützen, die unter anderem auch reproduktive Probleme, Gesundheit der Mutter, Familienplanung, HIV, Elimination der Gewalt gegen Frauen und Kinder und Ermächtigung zum Erreichen des höchsten Maßes an Gesundheit einschließe.“

„Wir unterstützen Programme zur Verbesserung der Gesundheit, des Lebens, der Würde und des Wohlergehens von Frauen, Männern, Kindern und Familien, und wir werden weiterhin ihre bedingungslosen Verteidiger sein“, so Azar, der betonte, dass „die Familie die grundlegende Institution der Gesellschaft sei und deshalb unterstützt und gestärkt werden müsse.“

Standpunkt des Heiligen Stuhls zur allgemeinen Gesundheitsversorgung auf dem UN-Gipfel

Am selben Tag erklärte Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär des Vatikans und Leiter der Delegation des Heiligen Stuhls vor der 74. Generalversammlung der Vereinten Nationen: „Das Recht auf Gesundheit wird universell als grundlegendes Menschenrecht anerkannt und es versteht sich, dass es die Gesundheit des Menschen als Ganzes und aller Menschen in allen Stadien ihrer Lebensentwicklung umfasst.“

„Daher ist das Recht auf Gesundheit untrennbar mit dem Recht auf Leben verbunden und darf nie manipuliert werden, als Ausrede, um ein menschliches Leben zu irgendeinem Zeitpunkt im gesamten Kontinuum seiner Existenz von der Empfängnis bis hin zum natürlichen Tod, zu beenden oder sich seiner zu entledigen“ unterstrich er.

In einem anderen Moment kritisierte er die Erklärung zur allgemeinen Gesundheitsversorgung, die bei Eröffnung des Treffens verabschiedet worden war.

„Der Heilige Stuhl hält es für sehr unglücklich, dass die verabschiedete Erklärung zutiefst besorgniserregende und spaltende Verweise auf ´Dienste der sexuellen und reproduktiven Gesundheit´ und ´sexuelle und reproduktive Gesundheit und reproduktive Rechte´ als Bestandteile der allgemeinen Gesundheitsversorgung beinhaltet“, so Kardinal Parolin.

Abschließlich betonte er, dass der Heilige Stuhl besonders „die Interpretation ablehne, die Abtreibung oder den Zugang zu Abtreibung, selektive Abtreibung nach Geschlecht, Abtreibung von Föten, bei denen Gesundheitsprobleme diagnostiziert wurden, und Leihmutterschaft in Betracht zieht.“

Übersetzt und redigiert von Susanne Finner aus dem spanischen Original, das bei der Schwesteragentur ACI Prensa erschien.

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Quelle

„Cui bono? Welche ‚List der Idee‘ steckt hinter dem Ganzen?“

04 September 2019, 06:00

„Mit Entsetzen, tiefer Bestürzung und Trauer verfolge ich mit vielen Kollegen die in einer Nacht- und Nebelaktion durchgesetzten Entscheidungen“ – Offene Stellungnahme zu den Turbulenzen um das Institut Papst Johannes Paul II. – Von Norbert Martin

Rom (kath.net) Offene Stellungnahme zu den Turbulenzen um das „Familieninstitut „Papst Johannes Paul II.” in Rom

Gerichtet an:
Erzbischof Vincenzo Paglia, Großkanzler des Instituts
Msgr. Pierangelo Sequeri, Präsident des Instituts
Kardinal Giuseppe Versaldi, Präfekt der Bildungskongregation
Erzbischof Vincenzo Zani, Sekretär der Bildungskongregation

Durch die breite Berichterstattungen in den Medien (Tagespost, kath.net, CNA und viele andere im Ausland) und die Veröffentlichungen des Briefes der Studentenvertreter des Instituts mit inzwischen über 1.500 Unterschriften von Studenten und Alumnen, sowie des ausführlichen Interviews des Vize-Präsidenten Prof. Granados sowie den Interviews der Professoren MelinaGrygiel und von Prof. Pesci von der staatlichen Universität La Sapienza/Rom, sind die Tatsachen und die momentane Lage des „Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie“ Instituts an der Lateran-Universität in Rom, das Papst Johannes Paul II. 1981 gegründet hat, allgemein bekannt. Deshalb setzen wir deren Kenntnis im Folgenden voraus.

Seit meiner (Prof. Martin) Berufung als erster Soziologe an das Institut durch Papst Johannes Paul II. 1981 war ich für ca. zwei Jahrzehnte mit seinem Auf- und Ausbau durch seinen ersten Präsidenten, dem späteren Kardinal Prof. Dr. Carlo Caffarra, vertrauensvoll verbunden. In mehreren Sitzungen mit dem gesamten internationalen Lehrkörper zusammen mit Papst Johannes Paul II. wurden damals die Vision des Papstes und seine Zielsetzung intensiv beraten. Der Papst (und nach ihm auch gleichermaßen Papst Benedikt XVI.) erhofften sich mit der Gründung dieses neuartigen Instituts eine weitreichende Erneuerung der katholischen Theologie und Pastoral von Ehe und Familie. Wir alle waren und sind überzeugt, dass der Kirche und Welt von der göttlichen Vorsehung in Papst Johannes Paul ein charismatischer Neuaufbruch auf dem Gebiet der kirchlichen Ehelehre geschenkt wurde (anthropologische Begründung von „Humanae vitae“, Personalismus, Entfaltung des Ehesakraments usw.), der zugleich ein Bollwerk darstellt gegen inzwischen aufgekommene familienfeindliche Ideologien.

Das Institut entwickelte unter der Führung seines Präsidenten und führenden Moraltheologen Carlo Caffarra (zuletzt Kardinal von Bologna), seiner Nachfolger Kardinal Angelo Scola (Mailand) und Livio Melina in den folgenden Jahrzehnten eine enorme Wirkung und Ausbreitung in vielen Ländern der Erde (Gründung verschiedener Filialinstitute). Ich kann aus eigenem Erleben bekunden, wie hier in freundschaftlicher Zusammenarbeit ein interdiziplinäres und internationales Institut aufgebaut wurde, in dem in bisher unbekannter Weise verschiedene Disziplinen und deren Professoren und Dozenten (Theologie, Soziologie, Anthropologie, Pädagogik, Spiritualität, Psychologie, NER, Politologie) integrativ in Hinsicht auf das Ehe- und Familienthema zusammen lehrten und forschten.

Diese segensreiche Entfaltung fand nun ein abruptes Ende durch das eigenwillige Vorgehen des von Papst Franziskus neu eingesetzten Großkanzlers Erzbischof Paglia und des neuen Präsidenten Mons. Sequeri. Mit Entsetzen, tiefer Bestürzung und Trauer verfolge ich mit vielen Kollegen in aller Welt die in einer beispiellosen „Nacht- und Nebelaktion“ durchgesetzten Entscheidungen: die Ersetzung der alten durch neue Statute, die Entlassung aller Professoren und die neuen Studienbedingungen für die Studenten. Das alles stellt uns vor die Fragen: Cui bono? Was geht hier vor? Welche „List der Idee“ steckt hinter dem Ganzen? Welche Motivationen, ideologischen Absichten und zielführenden Handlungsstrategien bestimmen die Akteure? Kann es sein, dass die von seinem Gründer vorgegebene Linie der Orientierung an der bisherigen Lehre der Kirche (z. B. die Enzykliken und Apostolischen Lehrschreiben Humanae vitae, Fides et ratio, Veritatis splendor, Evangelium vitae usw.) den leitenden Personen teilweise obsolet erscheint und man mit allen erdenklichen Mitteln eine „liberalere“ Wende herbeiführen will, was nur gelingen würde, wenn damit die Abschaffung der ursprünglichen Vision Papst Paul II. einherginge?

Es heißt, eine „Neugründung sei notwendig“ geworden, weil „bestimmte Aspekte nicht mehr zeitgemäß“ seien. Welche Aspekte sind das und welche sind jetzt „zeitgemäßer“? Die Fragen beziehen sich ganz offensichtlich in erster Linie auf das Fachgebiet der Moral. Es ist bekannt, dass hier in der Kirche seit langem ein erbitterter Kampf zwischen verschiedenen Richtungen tobt. Wurde Prof. Livio Melina und allen anderen Entlassen vielleicht ihre Treue zu Humanae vitae und Veritatis splendor, ihre Orientierung an der Lehrtradition der Päpste von Paul VI. über Johannes Paul II. bis zu Benedikt XVI. zum Verhängnis? Missfällt den aktuellen Hochschul-Autoritäten diese theologische Ausrichtung? Warum diese subtil-hintergründige Vorgehensweise? Warum kämpft man nicht „mit offenem Visier“?

Es scheint eine Frage der Zeit zu sein, bis das am Gründer des Instituts orientierte Lehrpersonal durch ein neues ersetzt ist, das dann den neuen, „zeitgemäßeren Aspekten“ entspricht. Darauf weisen die jetzt schon Druck erzeugenden willkürlichen Restriktionen auf die Dozenten (z. B. auf Prof. Grygiel vom Woityla-Lehrstuhl des Instituts, Prof. Luisa di Pietro – beide wurden inzwischen entlassen) und andere hin. Wenn statt dessen Dozenten Lehraufträge erhalten, die über die moralische Rechtmäßigkeit von Verhütung nachdenken oder homosexuelle Handlungen in manchen Situationen für möglich und akzeptabel halten, dann wird der Relativismus deutlich, der hier die Grundlagen der diesbezüglichen kirchlichen Lehre zerstört. Die Handlungen des Menschen werden in der Folge dann nicht mehr nach den Grundsätzen einer naturrechtlich begründeten Morallehre beurteilt, nach der es „in sich“ schlechte und böse Handlungen gibt („intrinsice malum“), die dem Menschen immer und unter allen Umständen verboten sind.

Vielmehr werden dann seine Handlungen nach den Grundsätzen einer neuen, der sog. „autonomen Moral“ (Proportionalismus, Güterabwägung) vom Menschen selbst abwägend als „gut oder böse“ qualifiziert, bzw. nach ihren Folgen beurteilt (Konsequentialismus). Das ist eine Lehre, die der von Papst Johannes Paul II. vertretenen und an seinem Institut bisher gelehrten diametral entgegensteht und die in der Enzyklika „Veritatis splendor“ 1993 eindeutig als nicht katholisch verworfen wurde. Man lese in diesem Zusammenhang auch die luzide Analyse der eigentlichen Hintergründe der „Missbrauchskrise“, die kürzlich von Papst Emeritus Benedikt XVI. vorgelegt wurde und in der die verderbliche Rolle dieser sog. „autonomen Moral“ und der 68-er Revolution deutlich dargestellt sind. Der Freiburger Moraltheologe Schockenhoff hat eben erst in einem Vortrag vor der deutschen Bischofskonferenz mit Bezug auf diese bisher in der Kirche abgelehnte autonome Moral öffentlich die „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II. kritisiert und zurückgewiesen.

Offenbart sich hier vielleicht der tiefste und eigentliche Grund der Zerstörung des bisherigen römischen Instituts: die Ersetzung eines an der naturrechtlichen Begründung der Moral insgesamt orientierten Lehrpersonals durch einen die „autonome Moral“ akzeptierenden Lehrkörper?

Nachdem der erste Pulverdampf sich langsam verzieht, wird das Ausmaß des Schadens sichtbar: Zunächst ist offensichtlich, dass hier in eklatanter Weise gegen Recht und Gesetz der in der europäischen Universitätstradition sich herausgebildeten Verfahrensregeln verstoßen worden ist. Insofern kann man den Protest, der sich allenthalben im akademischen Raum der kirchlichen und weltlichen Universitäten gegen diese unverhohlene Verletzung und Missachtung der akademischen Freiheit erhebt, verstehen und voll unterstützen. Es sind ja keinerlei persönlich oder wissenschaftlich relevante Vergehen der beiden hauptbetroffenen und Knall auf Fall von ihren festen Lehrstühlen entlassenen Professoren Melina und Noriega und aller übrigen bekannt, auf Grund derer man ihnen – ohne fairen Prozess, ohne Anhörung oder Gerichtsverfahren, ohne Beteiligung der legitimierten Gremien – von heute auf morgen die Lehrstühle entzogen hat. Das gleiche gilt für die übrigen Professoren, die jetzt entlassen sind und auf ihre eventuelle neuerliche Einstellung warten. Von was und wem ist diese Neueinstellung abhängig, nachdem ihre Qualifikation bei ihrer ersten Einstellung schon geprüft wurde? Haben sie eine erwartete Beflissenheit vermissen lassen? Spielen hier Aspekte eines bestimmten „Wohlverhaltens“ (wem gegenüber?) eine Rolle, ihre „Eignung“ hinsichtlich neuer kirchlicher Orientierungen der Lehre oder irgendwelche Missliebigkeiten? Der Willkür und den evtl. interessegesteuerten subjektiven Entscheidungen derer, die die Macht haben, sind hier Tür und Tor geöffnet. Die Unsicherheit schwebt wie ein Damoklesschwert über den Köpfen dieser Professoren.

Führt man sich die Summe der Neuerungen insgesamt vor Augen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es letztlich hinter den Nebelkerzen und durchsichtigen Intrigen tatsächlich ein verborgenes Ziel gibt: die Zerstörung des Erbes von Papst Johannes Paul II., das Beiseiteschieben der grundlegenden Dokumente seines Pontifikates (Familiaris consortio, Fides et ratio, vor allem auch Veritatis splendor und Evangelium vitae und anderer Lehrschreiben), sowie der Mittwochskatechesen zur „Theologie des Leibes“, deren Lehre und Verbreitung eben beginnen, europaweit eine segensreiche Wirkung zu entfalten. Dafür nimmt man den beispiellosen Eingriff in die akademische Freiheit und in die Selbstverwaltungskompetenz der universitären Gremien in Kauf. Welche Folgen dieser Paukenschlag insgesamt für die kirchlichen Hochschulen weltweit und insbesondere die römischen haben wird (die ja an die europäisch-universitären Standards durch juristische Verträge gebunden sind – u.a. auch durch den sog. „Bologna-Prozess“), ist noch gar nicht absehbar – aber dass die Folgen schwerwiegend sein werden, ist jetzt schon klar. Wie ein pyroklastischer Strom bei einem Vulkanausbruch werden sich die Folgen durch die universitäre Landschaft verbreiten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die für die Misere Verantwortlichen Papst Franziskus ein Kuckucksei ins Nest gelegt haben!

Betrachtet man den allgemeinen Niedergang des Glaubens – vor allem in Europa -, dann wird deutlich, welch ein Geschenk der Vorsehung das Pontifikat des heiligen Papstes Johannes Paul II. mit seinen Initiativen der „Familiensynode 1980“, des „Päpstlichen Rates für die Familien“, des „Instituts Johannes Paul II.“ und seine verschiedenen Lehrschreiben darstellen. Welche „Fehlentwicklungen“ und Gefahren müssten denn korrigiert werden – wenn nicht die, dem Zeitgeist vielleicht ungenügend widerstanden zu haben, dem Ehe, Familie und die diesbezügliche Lehre der Kirche ein Dorn im Auge sind?

Das Vorgehen der Akteure zeigt ein Doppeltes: fehlende Dialogbereitschaft, die von ihrem Vorgesetzen Papst Franziskus immer wieder für alle Ebenen des Vatikans angemahnt wird, und ausgeprägten Klerikalismus als Machtmissbrauch, den der Papst oftmals beklagt hat. Hier offenbart sich nicht selbstloser Dienst an der Sache sondern kalte Herrschaft. Die Instrumentalisierung des Instituts, seiner Professoren und Studenten (s. deren Reaktionen) hat einen Schwelbrand entfacht mit noch unabsehbaren Folgen für die Reputation der Kirche auf dem Gebiet der universitas; für die Gegner der Lehre der Kirche sind es auflodernde Freudenfeuer

Wo ist die Feuerwehr, die diesen Brand löscht? Wie kann man sich eine Lösung der verfahrenen Situation vorstellen? Man gewinnt beim Abwägen aller bisher bekannter Tatsachen den Eindruck, dass hier ein bewusst andere Ziele anvisierender Lenker großen Schaden anrichtet – woraus sich vernünftigerweise nur eine klare Konsequenz ergibt: Man muss ihn entlassen und durch einen vertrauenswürdigen Steuermann ersetzen, der den status-quo-ante wieder herstellt (Zurücknahme der autoritären Maßnahmen, vor allem der Wiedereinsetzung der grundlos entlassenen Professoren), damit das Institut in Ruhe seine bisherige segensreiche Wirkung weiter entfalten kann. Der Schlüssel dazu liegt bei Papst Franziskus.

Eine der weitreichendsten Folgen der Vorgänge am Institut dürften die für die zukünftige Entwicklung der „Theologie des Leibes“ sein. Diese Lehre, deren Entdeckung, Entfaltung und Bedeutung für die Theologie insgesamt nach George Weigel im 21. Jahrhundert „wie eine Bombe hochgehen“ wird, erfährt eine akademische Bedeutung im deutschsprachigen Raum nur an der „Theologischen Hochschule Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien (daneben gibt es vielversprechende Projekte in Deutschland, Frankreich, Österreich, Holland und weiteren Ländern, vor allem auch den USA, die sich mehr und mehr vernetzen). Offensichtlich schätzt Papst Franziskus diese Lehre seines Vorgängers hoch, denn in seinem Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ (Über die Liebe in der Familie) zitiert er elfmal aus der „Theologie des Leibes“ und insgesamt 24mal aus „Familiaris consortio“, der großen Summa seines heiligen Vorgängers über die Familie. Umso weniger ist der jetzt vollzogene scharfe Bruch in der Entwicklung des Instituts zu verstehen, zumal Papst Franziskus noch im September 2017 seinem Vorgänger Johannes Paul II. eine „weitblickende Intuition“ (s. Brief der Studenten) bei der sog. „Neugründung“ des Familieninstituts bescheinigt hatte. Man wird abzuwarten haben, welche Bedeutung die „Theologie des Leibes“ in der weiteren Zukunft des Instituts noch haben wird – bisher spielte sie in Lehre und Forschung eine zentrale Rolle. Hoffen wir, dass ihre weltweite Entfaltung durch den „Tsunami“, der momentan über das Institut fegt, nicht abgewürgt wird und sie ihre segensreiche Wirkung für eine moderne, genuin katholische Ehekatechese, von der schon so viel junge Eheleute angezogen wurden, auch in Zukunft entfalten kann.

Prof. em. Dr. Norbert Martin, Universität Koblenz; von 1981-1993 Soziologe am Institut Johannes Paul II.; Vizepräsident des „MEDO-Instituts in Rolduc/Holland; Auditor der Bischofssynode über die Familie 1980; Mitglied des „Päpstlichen Rates für die Familie“ von 1981 – 2016; Professor am Studiengang „Theologie des Leibes“ an der Theologischen Hochschule „Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien

Prof. em. Dr. Manfred Spieker, Christliche Soziallehre an der Universität Osnabrück
Prof. Dr. Katrin Keller, Doz. an der Universität Koblenz und am Interdiziplinären Zentrum für Gesundheitswissenschaften der PTH Vallendar

Dozentin Renate Martin, Ehespiritualität am Medo-Institut in Rolduc/Holland und Studiengang „Theologie des Leibes“ an der Theologischen Hochschule „Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien; von 1981 – 2016 Mitglied des „Päpstlichen Rates für die Familie“; Auditorin der Bischofsynode über die Familie 1980

Akademischer Direktor Dr. Helmut Müller i. R., Sozialethik, Moraltheologie und Philosophie an der Universität Koblenz

Prof. Dr. Jean Marie Meyer, Philosophe Agrégé de l’Univerité 1 de Paris

Prof. Dr. Thibaut-Colliste, Pilosophe Agrégé de l’Université 1 de Paris

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Archivbild: Papst Johannes Paul II.

Wie kann die Kontroverse um das Institut für Ehe und Familie gelöst werden? Ein Gespräch

Professor Stephan Kampowski im Interview mit CNA Deutsch über Schadensbegrenzung und Lösungen der Krise an der Hochschule Johannes Paul II.

Der heilige Gründer und Namenspatron des Instituts: Johannes Paul II. Foto: Jorge Zapata / Unsplash (CC0)

ROM , 30 August, 2019 / 7:24 PM (CNA Deutsch).-

Wie kann die Kontroverse um das Päpstliche Institut „Johannes Paul II.“ für Studien über Ehe und Familie gelöst werden? Wie wird weiterer Schaden für die Betroffenen und die Hochschule verhindert – vor dem dieser Tage erneut gewarnt worden ist? Ist das Schreiben Amoris Laetitia dazu ein Schlüssel? CNA Deutsch fragte nach bei Professor Stephan Kampowski, der sowohl die Hochschule als auch die involvierten Fragen und Personen bestens kennt: Der deutsche Autor und Theologe lehrt dort philosophische Anthropologie.

Professor Kampowski, in der Kontroverse um die Änderungen am Institut spielt die Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral eine zentrale Rolle. Warum ist das so, und wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Der Gründer des Instituts, der hl. Johannes Paul II., hat dem Lehrstuhl für Fundamentalmoral ganz klar eine besondere Bedeutung zugeschrieben, indem er ihn dem ersten Präsidenten des Instituts, dem späteren Kardinal Carlo Caffarra anvertraut hat.

Thematisch mit diesem Lehrstuhl verbunden gibt es seit 1997 am Institut das vom damaligen Präsidenten und späteren Kardinal Angelo Scola ins Leben gerufene Internationale Forschungsgebiet zu Fragen der Fundamentalmoral. Dieses hat seit 1998 jährlich Kolloquien oder Kongresse zur Moraltheologie organsiert, Seminare für Professoren und Doktoranden veranstaltet und den daran teilnehmenden Dozenten die Möglichkeit gegeben, sich miteinander auszutauschen und ihre persönlichen Forschungsbestrebungen miteinander zu koordinieren. Es handelt sich bei diesem Forschungsgebiet um eine seit über zwanzig Jahren äußerst fruchtbare Initiative, was nicht nur durch die äußerst gut besuchten und akademisch hervorragenden öffentlichen Veranstaltungen bezeugt, sondern auch durch die zahlreichen in diesem Kontext verfassten Veröffentlichungen der Professoren und Dissertationen der Doktoranden.

Vor ein paar Jahren hat das Forschungsgebiet seinen Themenkreis erweitert und beschäftigt sich nun generell mit Fragen der Moraltheologie. Dennoch hat es seinen grundlegenden Ansatz nicht verändert und bleibt der Fundamentalmoral verbunden. Es handelt sich hier um eine der dynamischsten und akademisch fruchtbarsten Initiativen des Instituts und mit der Abschaffung des Lehrstuhls für Fundamentalmoral bleibt ihre Zukunft ungewiss.

Für den Lehrplan ist die Absetzung der Fundamentalmoral mehr als nur ein großer Verlust. Viele der spezifischen Fragen, die sich für Ehe und Familie heute oder auch immer stellen, lassen sich nur vor dem Hintergrund der grundsätzlicheren Fragen nach Sinn und Ziel, Bedeutung und Bestimmung unserer Existenz und unseres Handelns adäquat beleuchten. Ohne die Rückführung auf die Grundlagen, ohne Einfügung in einen größeren Zusammenhang, behandelt man dann die spezifischeren Fragen wie in einem luftleeren Raum, ohne Fundament und Orientierung.

Begründet wurde der Schritt der Abschaffung des Lehrstuhls damit, Studenten müssten das alles vom Grundstudium her bereits können. Er sei somit überflüssig…

…dieses Argument ist nicht besonders stichhaltig. Auch andere Lehrstühle, die beibehalten worden sind, wie etwa die Lehrstühle für philosophische oder theologische Anthropologie, beschäftigen sich mit Themenkreisen, die schon im Grundstudium behandelt worden sind. Hier ging man allerdings davon aus, dass man bei diesen Gegenständen eigentlich nie alles gesagt haben kann, dass man sie immer weiter vertiefen kann und muss, ohne je an ein Ende zu kommen.

Das ist durchaus richtig, nur gilt das eben auch für die Fundamentalmoral, deren Themen zum Beisoiel in Johannes Pauls II. Moralenzyklika Veritatis Splendor aufgegriffen werden: die Frage nach dem Guten und die Frage nach Gott, nach der menschlichen Bestimmung, nach dem, was menschliches Handel überhaupt ist, was sein Sinn ist und was seine Grenzen sind, nach dem Zusammenhang von Wahrheit und Freiheit, nach der Bedeutung der Begegnung mit Christus und dem Stehen in seiner Nachfolge.

Wer sagt, das Anschneiden dieser Thematiken im Grundstudium mache deren Vertiefung und Anwendung auf Fragen der Ehe und Familie im Aufbaustudium überflüssig, versteht die Fundamentalmoral als ein Fach, in dem schlicht ein paar gut definierte Informationen vermittelt werden, mit denen es sich dann auch hat. Ein solches Verständnis ist natürlich angesichts der von der Fundamentalmoral behandelten Themen vollkommen unzulänglich.

Der Großkanzler, Erzbischof Vincenzo Paglia, hat das Schreiben Amoris Laetitia als „Magna Charta“ des neu geschaffenen Institutes bezeichnet. Wie bewerten Sie diese Aussage vor dem Hintergrund der nun getroffenen Maßnahmen?

In seinem Schreiben Amoris Laetitia ruft Papst Franziskus die im pastoralen Dienst der Kirche stehenden Personen zu größerer Sensibilität mit den existentiellen Situationen der Menschen auf, zu größerer pastoraler Behutsamkeit, zu vorsichtiger Unterscheidung, Begleitung und Eingliederung. Meines Erachtens widerspricht die Art und Weise, wie im aktuellen Fall mit den Dozenten, Studenten und Mitarbeitern des Instituts „Johannes Paul II.“ umgegangen wurde, diesem fundamentalen Anliegen des Papstes.

So wurden die Professoren bei der Erarbeitung der neuen Statuten ganz bewusst ausgegrenzt (die Faktenlage vollkommen klar und leicht zu belegen). Durch das Ausgrenzen der Professoren haben sich die Institutsleiter somit in Widerspruch zu den Wünschen des Papstes begeben, der in Amoris Laetitia das Prinzip der Eingliederung hochhält. Mit dem von Franziskus gewollten Prinzip der Begleitung verhält es sich ähnlich.

Es ist eine öffentliche Tatsache, dass der Lehrplan für das neue akademische Jahr 2019/2020 schon approbiert war, und zwar auch vom Präsidenten des Instituts. Eine erste Broschüre wurde schon gedruckt und auch auf der Internetseite des Instituts veröffentlicht. Die Kurse standen schon fest mit Tag und Uhrzeit.

Im Juni 2019 haben sich die ersten schon für das neue akademische Jahr eingeschrieben. Die Dozenten haben dann genauso wie die und die Mitarbeiter Mitte Juli aus den Medien erfahren, dass nichts mehr davon gilt und dass nun für alle eine prekäre und ungewisse Zeit anfangen würde. Die Studenten haben bis heute keine aufschlussreiche Antwort auf ihre Fragen zum abrupten Umsturz des Lehrplans erhalten. Dem von Papst Franziskus in Amoris Laetitia gewünschten und dargelegten Prinzip der pastoralen Begleitung entspricht das gewählte Verfahren auf keinen Fall. Wie sollen die Studenten am Institut für einen pastoralen Dienst vorbereitet werden, der den Ansprüchen von Amoris Laetitia genügt, wenn mit ihnen selbst nicht schon auf eine entsprechende Weise verfahren wird?

Damit Amoris Laetitia wirklich die Magna Charta des Instituts werden kann, gilt es, so scheint mir, zunächst über die jüngst am Institut getätigten Amtshandlungen zu reflektieren und entstandenen Schaden zu begrenzen und, wo möglich, ihn auch wiedergutzumachen.

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Sorge um Institut Johannes Paul II: Akademiker schreiben Offenen Brief

Die Päpstliche Lateranuniversität, an der sich das Institut Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie befindet. Foto: calu777/flickr. CC BY 2.0

Von CNA Deutsch/EWTN News

VATIKANSTADT, 16 August, 2019 / 10:29 AM (CNA Deutsch).

Eine Gruppe von 49 Akademikern – darunter mehrere deutschsprachige Gelehrte – fordern die Wiedereinstellung der entlassenen Professoren am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. in Rom.

In einem Brief an die Hochschulleitung würdigen die Unterzeichner die bisherige „professionelle wissenschaftliche Zusammenarbeit“ und das „hervorragende akademische Profil“ der Hochschule sowie insbesondere die Leistungen von Professor José Noriega, mit dem die Unterzeichner an einer wissenschaftlichen Reihe über Sexualität, Liebe und Fruchtbarkeit zusammengearbeitet haben.

Pater Noriega ist einer der Professoren des Instituts, deren Entlassung den Eklat ausgelöst hat.

„Mit großer Sorge“, schreiben die 49 Akademiker, hätten sie „die Nachricht von der plötzlichen Entlassung“ der Professoren José Noriega und Livio Melina erfahren, sowie von „Maria Luisa Di Pietro, Stanisław Grygiel, Monika Grygiel, Przemysław Kwiatkowski und Vittorina Marini. Alle von ihnen sind Wissenschaftler von herausragendem internationalem Ruf“.

Daher fordern die Unterzeichner die Wiedereinstellung des Lehrpersonals.

„Wir sehen keinen überzeugenden Grund – akademisch, lehrmäßig oder disziplinarisch –, der ihre Entlassung rechtfertigt.“

Gleichzeitig warnen die Gelehrten in ihrem Brief vor den Konsequenzen der Personalpolitik der Hochschulleitung:

„Wenn Ihr Institut sein hohes akademisches Profil und seinen internationalen Ruf bewahren will, bitten wir Sie, diese Entlassungen aufzuheben und die oben genannten Wissenschaftler wieder in die Fakultät Ihres Instituts aufzunehmen“.

Zu den 49 Unterzeichnern des Briefs gehören Wissenschaftler anderer Päpstlicher Hochschulen sowie Akademiker aus Italien, den USA, Deutschland, Großbritannien und Australien, aus Spanien, Frankreich, Irland, Belgien, Tschechien und weiteren Ländern, darunter:

  • Berthold Wald, Professor für Systematische Philosophie (Paderborn);
  • Pavel Blažek, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Philosophie der Tschechischen Akademie der Wissenschaften sowie des Thomas-Instituts der Universität zu Köln;
  • Gabriele Kuby, Autorin u.a. zum Thema Gender;
  • Harvey C. Mansfield Professor für Government an der Harvard University und Fellow der Hoover Institution der Stanford University;
  • John Crosby, Professor für Philosophie der Franciscan University of Steubenville (USA);
  • Tracey Rowland, Inhaberin des Lehrstuhls Johannes Paul II. für Theologie der Universität von Notre Dame (Australien);
  • Luis Sánchez, Professor für Studien des Neuen Testaments der Universidad Eclesiástica San Dámaso, Madrid (Spanien);
  • Renzo Puccetti, Dozent für Bioethik an der Università Cattolica di Romasowie der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum;
  • Kevin Flannery, Professor für Philosophie-Geschichte an der Päpstlichen Hochschule Gregoriana in Rom.

Wie CNA Deutsch berichtete, haben bereits über 250 Studenten und Alumni schwerste Bedenken angemeldet, was die Änderungen und Personalentscheidungen der Hochschulverwaltung betrifft: Diese würden weder dem wissenschaftlichen Anspruch der Hochschule gerecht, noch deren Identität.

Das auf den 24. Juli datierte Schreiben ist an Erzbischof Vincenzo Paglia adressiert, den Papst Franziskus zum Großkanzler des Institutes ernannt hat, sowie den Hochschulpräsidenten, Monsignore Pierangelo Sequeri.

(Der volle Wortlaut des Briefs in deutscher Übersetzung wurde auf der Website der Studenten zu ihrem Appell veröffentlicht.)

Nicht nur Studenten sind in Sorge: Mehrere Professoren des Instituts befürchten einen Schaden des wissenschaftlichen Ansehens der Hochschule. Dazu gehört auch deren Vizepräsident, der gegenüber CNA scharfe Kritik an den Änderungen übte und warnte: Diese brächten „die Identität des Instituts für Ehe und Familie ernsthaft in Gefahr“.

Kern der Kontroverse ist der Inhalt neuer Statuten der Hochschule, die deren Neuausrichtung leisten sollten. Papst Franziskus hatte das 1981 gegründete Institut im Jahr 2017 durch das Motu Proprio Summa Familiae Curia aufgelöst und durch ein fast gleichnamiges Institut ersetzen lassen.

Als „Magna Charta“ des neuen Instituts bezeichnete Erzbischof Vincenzo Paglia – der neue Großkanzler der Hochschule – damals das Nachsynodale Schreiben Amoris Laetita.

Eine dem Institut nahestehende Person betonte gegenüber CNA, dass die neuen Statuten auch Bedenken hinsichtlich der akademischen Integrität und des Rufs des Instituts aufwerfen.

„Jeder seriöse Akademiker würde sich Sorgen machen, wie mit der Forschung und Wissenschaftlichkeit des Instituts umgesprungen wird. Papst Franziskus verdient es, dass Amoris Laetitia fair diskutiert wird, anstatt es durch theologische Parteinahme durchzusetzen. Dieser Umgang mit Lehrkörper wie Lehrplänen setzt die Glaubwürdigkeit des Instituts komplett aufs Spiel“.

Gegenüber CNA, der englischsprachigen Schwesteragentur von CNA Deutsch, haben die Wissenschaftler betont, dass sie nichts gegen den Wunsch des Papstes einzuwenden haben, die Mission oder den Ansatz der Schule zu erweitern. Vielmehr gehe es darum, dass die für die Umsetzung dieser Mission verantwortliche Hochschulleitung ungerecht gehandelt habe.

Bereits im Juli sagte der Präsident der Hochschule, Monsignore Sequeri, in Antwort auf die Kritik gegenüber „Vatican News„, diese sei polemisch und habe andere Interessen als eine „wahrlich ‚katholische‘ Bildung“, sei zudem „nicht im Interesse von Johannes Paul II., Papst Franziskus oder dem Institut“.

Übersetzt, redigiert und überarbeitet aus dem englischen Original.

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Vatikan nimmt zur „Gender-Frage“ im schulischen Umfeld Stellung

Der Vatikan kritisiert eine „Gender-Ideologie, die den Unterschied und die natürliche wechselseitige Ergänzung von Mann und Frau leugnet“. Gleichzeitig spricht er sich für einen Dialog mit der wissenschaftlich vorgehenden „Gender-Forschung“ aus. Das steht in einem Dokument der Bildungskongregation, das an diesem Montag veröffentlicht wurde.

Stefan von Kempis und Fabian Retschke – Vatikanstadt

In der Schule werde häufig ein Menschenbild vermittelt, das sich als neutral gebe, in Wirklichkeit aber dem Glauben und der richtig geleiteten Vernunft entgegenstehe. „Die anthropologische Desorientierung, die das kulturelle Klima unserer Zeit prägt, hat sicherlich dazu beigetragen, die Familie zu schwächen.“

Dabei wendet sich das etwa dreißigseitige Vatikanpapier vor allem gegen die „Tendenz, die Unterschiede zwischen Mann und Frau auszulöschen, indem man sie als bloße historisch-kulturelle Konditionierung versteht“. Wer für eine „Gesellschaft ohne Geschlechtsunterschiede“ eintrete, „zerstört die anthropologische Basis der Familie“, mahnt das Dokument.

Ermutigung zur Auseinandersetzung mit Gender-Studien

Die Bildungskongregation – und damit der Vatikan – lehnt Sexualerziehung an den Schulen nicht ab, besteht aber darauf, dass sie „positiv und vorsichtig“ erfolgen sowie auf die Unterschiede der Geschlechter hinweisen müsse. Sexualität sei eine „wesentliche Komponente der menschlichen Persönlichkeit“.

In Sachen Gender müsse man unterscheiden zwischen der „Gender-Ideologie“, die einer politischen Einflussnahme auf Lehrpläne verdächtigt wird, und der „Gender-Forschung“, mit welcher der Vatikan einen Dialog fortzusetzen wünsche. Dementsprechend heißt der Titel des Dokuments „Männlich und weiblich erschuf er sie: Für einen Weg des Dialogs bei der Genderfrage in der Schule“.

Natur vs. Kultur?

Kritisch wertet der Vatikan, dass „sexuelle Orientierung“ in der Mainstream-Kultur weitgehend vom biologischen Geschlecht losgelöst gesehen wird. „Natur und Kultur“ gerieten immer mehr „in einen Gegensatz“, wenn der Begriff Gender „von der subjektiven Haltung der Person abhängig gemacht wird, die auch ein Geschlecht wählen kann, das nicht ihrer biologischen Sexualität entspricht“.

Wer den Körper als „bloße Materie“ behandle und den menschlichen Willen hingegen „absolut“ setze, manipuliere den Körper und bereite „einer kulturellen und ideologischen Revolution“ den Boden, von der man im Schatten von Sankt Peter nicht viel hält. „Die menschliche Identität wird einem individualistischen Blickwinkel ausgeliefert“, Freiheit werde verwechselt mit der „Vorstellung, dass jeder machen kann, was er will“.

Die männlich-weibliche Zweideutigkeit

In Wirklichkeit stehe „die fiktive Konstruktion eines neutralen oder dritten Geschlechts“ dem Prozess der Bildung einer reifen Persönlichkeit im Weg. Intersexualität und Transgender „führen zu einer männlich-weiblichen Zweideutigkeit, die auf widersprüchliche Weise diesen sexuellen Unterschied voraussetzt, den sie zu leugnen oder zu überwinden trachtet“. „Dieses Oszillieren zwischen männlich und weiblich endet als bloße Provokation gegen die sogenannten traditionellen Vorstellungen“, urteilt das Dokument wörtlich. Entsprechend empfiehlt die Bildungskongregation Betroffenen „therapeutische Interventionen“.

Allerdings lasse sich von den Gender-Forschungen auch einiges lernen, vor allem die „Notwendigkeit, gegen jede ungerechte Diskriminierung zu kämpfen“. Man könne nicht leugnen, dass auch die Kirche in dieser Hinsicht im Lauf der Jahrhunderte zu große „Strenge“ an den Tag gelegt hat. Gerade in der Schule müsse zur „Fähigkeit, alle legitimen Ausdrucksweisen menschlicher Personalität mit Respekt willkommen zu heißen“, erzogen werden. Positiv wertet der Vatikan auch, dass Gender-Studien die „Werte des Weiblichen“ herausgearbeitet hätten. Die Autoren unterstreichen die Bedeutung von Frauen in Erziehung, Bildung, Pflege und Kirche.

Kein Judith-Butler-Zitat

Das Vatikanpapier, das das Datum 2. Februar (Fest der Darstellung Jesu im Tempel) trägt, zitiert päpstliche und konziliare Aussagen; Namen wie Simone de Beauvoir oder Judith Butler finden sich in dem Text allerdings nicht. Gestützt auf neuro- und biowissenschaftliche Erkenntnisse, die sie allerdings nicht zitieren, betonen die Autoren die biologische Zweigeschlechtlichkeit. Auf Basis von Franziskus‘ Schreiben Amoris laetitia oder den Weltkatechismus, skizzieren sie die christliche Sicht auf Sexualität und vermeiden die Gender-Begrifflichkeit weithin.

Das Dokument unterstreicht außerdem, dass die Ehe ein Bund zwischen Mann und Frau sei, und nennt die Familie „eine anthropologische Tatsache“, die man vor ideologisch motivierten Zersetzungsversuchen schützen sollte. Kinder hätten ein Recht darauf, „in einer Familie aufzuwachsen, mit einem Papa und einer Mama“. Katholische Lehrer sollten „eine Sensibilität für verschiedene Ausdrucksweisen der Liebe“ wecken und Schüler, die „schwierige und schmerzvolle Situationen erfahren“, vertraulich begleiten.

(vatican news)

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Papst Paul VI.: Apostolisches Schreiben Motu proprio „Matrimonia mixta“ über die rechtliche Ordnung der Mischehen

Papst Paul VI. (1963-1978) schaffte vor 50 Jahren die Exkommunikation für Katholiken in gemischtkonfessionelle Ehen ab.

Die Mischehen, das heißt die Ehen zwischen einem Katholiken und einem getauften oder ungetauften Nichtkatholiken, waren von jeher für die Kirche, ihrem Auftrag gemäß, Gegenstand besonderer Sorge. Die Situation unserer Zeit bringt es mit sich, dass diese Sorge noch dringender wird. Während früher katholische und nichtkatholische Christen sowie Nichtchristen räumlich getrennt lebten, ist diese Trennung heutzutage weitgehend aufgehoben. Außerdem haben sich zwischen den Menschen der verschiedenen Regionen und Religionen viel intensivere Kontakte ergeben. So kam es, dass die Zahl der Mischehen stark zunahm. Zu dieser Entwicklung haben auch der kulturelle und gesellschaftliche Fortschritt und die Industrialisierung beigetragen. Verstädterung, Landflucht und Mobilität haben ein übriges getan, nicht zuletzt auch die wachsende Zahl der außerhalb ihrer Heimat lebenden Menschen. Die Kirche weiß, dass die Mischehen, wie sie sich aus der Verschiedenheit der Religionen und aus der Spaltung der Christenheit ergeben, für gewöhnlich nicht die Wiedervereinigung fördern, wenn es auch Ausnahmen von dieser Regel gibt. Tatsächlich ist die Mischehe mit einer Fülle von Schwierigkeiten belastet. Sie trägt ja in die lebendige Zelle der Kirche, wie die christliche Familie mit Recht genannt wird, eine gewisse Spaltung hinein; wegen der Verschiedenheit im religiösen Bereich wird die treue Erfüllung der Forderungen des Evangeliums erschwert; das gilt besonders von der Teilnahme am Gottesdienst der Kirche und von der Erziehung der Kinder. Aus diesen Gründen rät die Kirche im Bewusstsein ihrer Verantwortung von Mischehen ab. Es muss ihr ja daran liegen, dass die katholischen Gläubigen in ihrer Ehe zur vollkommenen Übereinstimmung im Denken und Fühlen und zu einer vollen Lebensgemeinschaft gelangen.

Es ist jedoch ein natürliches Recht des Menschen, eine Ehe zu schließen und Kindern das Leben zu schenken. Darum bemüht sich die Kirche durch ihre Gesetzgebung, die ein klares Zeugnis ihrer Hirtensorge ist, eine Regelung zu treffen, die einerseits die Vorschriften des göttlichen Rechts wahrt und andererseits das schon erwähnte Recht des Menschen auf die Ehe sicherstellt. Die wachsende Sorge der Kirche gilt der Erziehung der jungen Menschen: sie sollen fähig werden, ihre Pflichten verantwortungsbewusst wahrzunehmen und ihre Aufgaben in der Kirche zu erfüllen. Sie gilt ebenso der Vorbereitung der Brautleute, die eine Mischehe eingehen wollen; sie gilt auch denen, die bereits in einer Mischehe leben. Sicherlich ist in Mischehen zwischen zwei Getauften nicht so sehr zu befürchten, dass die Gatten religiös gleichgültig werden. Was hier an Gefährdungen bleibt, lässt sich verringern, wenn beide Gatten, obwohl sie in einer Mischehe leben, das Wesen der christlichen Ehe gründ- lich kennen und wenn die zuständigen kirchlichen Stellen ihnen in geeigneter Weise helfen. Auch Schwierigkeiten zwischen Ehepartnern, von denen der eine katholisch, der andere nicht getauft ist, können durch die wachsame Sorge und die Bemühungen der Seelsorger überwunden werden.

Weder in ihrer Lehre noch in ihrer Gesetzgebung stellt die Kirche die konfessionsverschiedene Ehe auf die gleiche Stufe mit der Ehe zwischen Katholiken und Nichtgetauften. Wie das II. Vatikanische Konzil erklärt hat, stehen jene, die zwar nicht katholisch sind, aber doch „an Christus glauben und in der rechten Weise die Taufe empfangen haben, in einer gewissen, wenn auch nicht vollkommenen Gemeinschaft mit der katholischen Kirche“.1 Die Gläubigen der Ostkirchen aber, die außerhalb der katholischen Kirche getauft sind, haben, obschon von unserer Gemeinschaft getrennt, in ihren Kirchen echte Sakramente, vor allem das Priestertum und die Eucharistie. Das verbindet sie ganz besonders eng mit uns.2 Es besteht nämlich in der Ehe zwischen Getauften – sie ist ja ein wahres Sakrament – eine gewisse Gemeinsamkeit der geistlichen Güter, die der Ehe zwischen einem Getauften und einem Nichtgetauften fehlt. Trotzdem dürfen die Schwierigkeiten nicht unerwähnt bleiben, die auch für Mischehen zwischen Getauften bestehen. Oft haben die Partner einer solchen Ehe eine unterschiedliche Auffassung vom sakramentalen Charakter der Ehe und von der Bedeutung der kirchlichen Trau-

1           Decr.  de Oecumenismo  „Unitatis  redintegratio“,  3, AAS 57  (1965), p. 93; cfr.  Const. Dogm. de Ecclesia „Lumen gentium“, AAS 57 (1965), pp. 19-20.
2           Cfr. Conc. Vat. II, Decr. de Oecumenismo „Unitatis redintegratio“, 13-18, l. c., pp. 100-104.

ung. Oft werden ihre Meinungen auseinandergehen, wenn es um das Verständnis mancher sittlichen Grundsätze geht, die Ehe und Familie betreffen. Oft werden sie verschiedener Ansicht sein über den Umfang des der katholischen Kirche geschuldeten Gehorsams und über den Zuständigkeitsbereich der kirchlichen Obrigkeit. Von daher versteht es sich, dass diese Schwierigkeiten erst durch die Wiedervereinigung der Christen völlig behoben werden können.

Die Gläubigen sollen deshalb darüber unterrichtet werden, dass die Kirche, selbst wenn sie in einigen besonders gelagerten Fällen die bestehende Ordnung in etwa lockert, niemals dem katholischen Ehepartner die Verpflichtung abnehmen kann, die ihm durch das göttliche Gesetz, das heißt durch die von Christus festgesetzte Heilsordnung, je nach seiner besonderen Situation auferlegt ist. Daher sollen die Gläubigen darauf aufmerksam gemacht werden, dass der katholische Ehegatte verpflichtet ist, seinen Glauben zu bewahren, und dass es ihm deshalb niemals erlaubt ist, sich einer unmittelbaren Gefahr  des Glaubensverlustes auszusetzen. In Mischehen ist der katholische Partner aber nicht nur verpflichtet, seinem Glauben treu zu bleiben, sondern darüber hinaus, soweit möglich, dafür zu sorgen, dass seine Kinder getauft und im gleichen Glauben erzogen werden und alle die Hilfen zum ewigen Heil erhalten, die die katholische Kirche ihren Gläubigen anbietet.

Für die Erziehung der Kinder stellt sich hier ein schwieriges Problem, da beide Ehegatten diese Aufgabe wahrnehmen müssen und die damit gegebenen Verpflichtungen keineswegs vernachlässigen dürfen. Doch ist die Kirche bestrebt, in ihrer Gesetzgebung und in ihrer Seelsorge dieser wie auch den übrigen Schwierigkeiten zu begegnen. Wer dies bedenkt, wird sich nicht darüber wundern, dass die Mischehengesetzgebung nicht einheitlich sein kann, sondern den verschiedenen Verhältnissen angepasst sein muss, ob es sich nun um die rechtliche Eheschließungsform oder um die liturgische Feier der Trauung oder um die seelsorgliche Betreuung der Ehegatten und ihrer Kinder handelt. Dies alles wird sich nach der Situation der Eheleute oder dem unterschiedlichen Grad ihrer Zugehörigkeit zur kirchlichen Gemeinschaft richten müssen.

Es war durchaus angemessen, dass das Zweite Vatikanische Konzil seine Sorge dieser so wichtigen Frage zuwandte. Das geschah mehrere Male, wenn sich dazu ein Anlass bot. In der dritten Sitzungsperiode des Konzils haben die Väter ein Votum verabschiedet, durch das sie den gesamten Fragebereich uns übertrugen. Um diesem Votum zu entsprechen, hat die Kongregation für die Glaubenslehre am 18. März 1966 eine Instruktion über die Mischehe erlassen, die mit den Worten „Matrimonii sacramentum3 beginnt. Darin wurde bestimmt, dass die in ihr aufgestellten Normen, falls sie sich in der Praxis bewähren sollten, dem kirchlichen Gesetzbuch, das zur Zeit überarbeitet wird, in klarer und eindeutiger Form eingefügt werden.4 Da aber der ersten Vollversammlung der Bischofssynode im Oktober 1967 einige Fragen bezüglich der Mischehen vorgelegt worden sind, zu denen die Bischöfe zahlreiche sachdienliche Vorschläge eingereicht haben5, hielten wir es für gut, diese einer eigens dafür bestellten Kardinalskommission vorzulegen. Sie hat uns ihre mit großer Gründlichkeit erarbeiteten Ergebnisse zugeleitet.

Wir möchten nun zunächst festlegen, dass die Katholiken der orientalischen Riten, die die Ehe mit getauften Nichtkatholiken oder mit Ungetauften schließen, nicht unter die gesetzlichen Bestimmungen dieses Schreibens fallen. Was jedoch die Ehe von Katholiken aller Riten mit nichtkatholischen Christen der orientalischen Riten betrifft, so hat die Kirche in jüngster Zeit einige Vorschriften erlassen6, die in Kraft bleiben sollen. Die nun folgenden Bestimmungen erlassen wir in der Absicht, die kirchliche Gesetzgebung über die Mischehen zu verbessern und darauf hinzuwirken, dass die kirchenrechtlichen Bestimmungen, unbeschadet der Vorschriften des göttlichen Gesetzes, den unterschiedlichen Verhält-

3           Cfr. AAS 58 (1966), pp. 235-239.
4           Cfr. ibid., l. c., p. 237.
5           Cfr. Argumenta de quibus disceptabitur in primo generali coetu Synodi Episcoporum, Pars altera, Typis Polyglottis Vaticanis, 1967, p. 27-37.
6           Cfr. Conc. Vat. II, Decr. de Ecclesiis Orientalibus Catholicis „Orientalium Ecclesiarum“, 18, AAS 57    (1965), p. 82; S. Congr. pro Ecclesiis Orientalibus, Decr. „Crescens matrimoniorum“, AAS 59 (1967), pp. 165-166.

nissen der Eheleute entsprechen. Wir wissen uns dabei im Einklang mit der Auffassung des Zweiten Vatikanischen Konzils, wie sie vor allem im Dekret „Unitatis redintegratio“7 und in der Erklärung „Dignitatis humanae8 zum Ausdruck kommt. Auch haben wir die auf der Bischofssynode geäußerten Wünsche berücksichtigt. Kraft unserer Amtsvollmacht und nach reiflicher Überlegung bestimmen und beschließen wir wie folgt:

  1. Die Eheschließung zwischen zwei Getauften, bei der ein Ehepartner katholisch und der andere nicht-katholisch ist, ist ohne vorhergehende Dispens des Ortsordinarius nicht erlaubt, da eine solche Ehe aus ihrem Wesen heraus ein Hindernis für die volle religiöse Gemeinschaft der Ehegatten darstellt.
  2. Die Eheschließung zwischen zwei Personen, bei der ein Ehepartner in der katholischen Kirche getauft beziehungsweise in sie aufgenommen wurde und der andere nicht getauft ist, ist ohne vorhergehende Dispens des Ortsordinarius ungültig.
  3. Die Kirche ist bereit, je nach den Gegebenheiten der Zeit, des Ortes und der Personen von bei- den Hindernissen zu dispensieren, sofern ein gerechter Grund vorliegt.
  4. Um vom Ortsordinarius die Dispens vom Hindernis zu erlangen, muss sich der katholische Ehepartner bereit erklären, die Gefahren des Abfalls vom Glauben zu beseitigen. Er hat außer- dem die schwere Verpflichtung, das aufrichtige Versprechen abzugeben, nach Kräften alles zu tun, dass alle seine Kinder in der katholischen Kirche getauft und erzogen werden.
  5. Von dem Versprechen des katholischen Partners muss der nichtkatholische Partner rechtzeitig unterrichtet werden, und zwar in einer Weise, die sicherstellt, dass er wirklich von dem Versprechen und der Verpflichtung des katholischen Partners Kenntnis hat.
  6. Beiden Ehepartnern sollen der Sinn und die wesentlichen Eigenschaften der Ehe dargelegt werden, die bei der Eheschließung von keinem der beiden ausgeschlossen werden dürfen.
  7. Es ist Aufgabe der Bischofskonferenz, im Rahmen ihrer territorialen Zuständigkeit die Art und Weise festzulegen, in der diese in jedem Fall erforderlichen Erklärungen und Versprechen abgegeben werden sollen: ob nur mündlich oder auch schriftlich, ob in Gegenwart von Zeugen. Ferner muss festgelegt werden, was zu tun ist, damit über diese Erklärungen und Versprechen auch im äußeren Rechtsbereich Gewissheit besteht und damit der nichtkatholische Ehepartner von ihnen Kenntnis erhält. Ebenso ist es Aufgabe der Bischofskonferenz, festzulegen, ob und welche zusätzlichen Forderungen zweckmäßiger Weise zu stellen sind.
  8. Die Mischehen müssen in der kanonischen Form geschlossen werden; diese ist notwendig zu ihrer Gültigkeit, unbeschadet der Vorschrift des Dekretes „Crescens matrimoniorum“, das die Kongregation für die Ostkirchen am 22. Februar 1967 erlassen hat. 
  9. Wenn der Einhaltung der kanonischen Form erhebliche Schwierigkeiten entgegenstehen, haben die Ortsordinarien das Recht, für die Mischehe von der kanonischen Form zu dispensieren. Es ist jedoch Aufgabe der Bischofskonferenz, gesetzliche Regelungen aufzustellen, nach denen diese Dispens in erlaubter und für das betreffende Land oder Territorium einheitlicher Weise erteilt wird. Es muss aber irgendeine öffentliche Eheschließungsform eingehalten werden.
  10. Es muss dafür gesorgt werden, dass alle gültig geschlossenen Ehen in die vom Kirchenrecht vorgeschriebenen Bücher sorgfältig eingetragen werden. Die Seelsorger mögen Sorge tragen, dass auch die nichtkatholischen Geistlichen mithelfen, damit die mit einem Katholiken geschlossenen Ehen in die Bücher eingetragen werden können. Die Bischofskonferenzen aber sollen Vorschriften erlassen, die für das betreffende Gebiet oder Territorium ein einheitliches
7           AAS 57 (1965), pp. 90-112.
8           AAS 58 (1966) pp. 929-946.
9           Cfr. AAS 59 (1967), p. 166.

Vorgehen festlegen, damit eine Ehe, die nach Erlangung der Dispens von der kanonischen Form öffentlich eingegangen wurde, in den vom Kirchenrecht vorgeschriebenen Büchern aktenkundig werden kann.

  1. Was die liturgische Form bei Mischehen betrifft, so muss, falls sie sich nach dem Rituale Romanum zu richten hat, der Trauungsritus aus dem Ordo celebrandi matrimonium genommen werden, der in unserem Auftrag erlassen worden ist. Das gilt sowohl für die Ehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken (Nr. 39-54) als auch für Ehen zwischen Katholiken und Nichtgetauften (Nr. 55-66). Wenn die Umstände es nahelegen, kann bei Ehen zwischen Katholiken und getauften Nichtkatholiken mit Zustimmung des Ortsordinarius die Eheschließung nach dem Ritus für Trauungen in der Messe (Nr. 19-38) erfolgen. Dabei sind hinsichtlich des Kommunionempfanges die Vorschriften des allgemeinen Rechts zu befolgen.
  2. Die Bischofskonferenzen sollen den Apostolischen Stuhl über die Beschlüsse unterrichten, die sie im Rahmen ihrer Zuständigkeit für die Mischehen getroffen haben.
  3. Die Trauung vor einem katholischen Priester oder Diakon und einem nichtkatholischen Geistlichen, die beide zusammen je ihren eigenen Ritus vollziehen, ist verboten. Auch ist keine religiöse Trauungszeremonie vor oder nach der katholischen Trauung zur Abgabe oder Erneuerung des Ehekonsenses zulässig.
  4. Die Ortsordinarien und die Pfarrer sollen dafür sorgen, dass es dem katholischen Ehegatten und den Kindern in einer Mischehe niemals an seelsorglicher Hilfe zur Erfüllung ihrer Gewissensverpflichtung fehlt. Dem katholischen Ehegatten mögen sie nahelegen, stets des göttlichen Geschenkes seines katholischen Glaubens eingedenk zu sein und von ihm „mit gutem Gewissen in Sanftmut und Ehrfurcht Zeugnis abzulegen“10. Den Ehegatten mögen sie helfen, die Einheit in Ehe und Familie zu pflegen und zu fördern, die für Christen auch in ihrer Taufe grundgelegt ist. Darum ist es wünschenswert, dass die katholischen Seelsorger zu den Geistlichen der anderen religiösen Gemeinschaften Kontakte aufnehmen und diese Beziehungen redlich, klug und vertrauensvoll pflegen.
  5. Alle in can. 2319 CIC festgelegten Strafen sind aufgehoben. Bei denen, die sich diese Strafen bereits zugezogen haben, entfallen die rechtlichen Straffolgen. Es bleiben jedoch die Verpflichtungen bestehen, von denen in Nr. 4 dieser Normen die Rede ist.
  6. Der Ortsordinarius kann die Sanatio in radice für die Mischehe unter Beachtung der einschlägigen Rechtsbestimmungen gewähren, wenn die Bedingungen von Nr. 4 und 5 dieser Normen erfüllt sind.
  7. In besonders schwierigen Fällen oder im Zweifel über die Anwendung dieser Normen soll man sich an den Heiligen Stuhl wenden.

Wir ordnen an, dass alles, was wir durch das vorliegende Schreiben in der Form eines Motu proprio bestimmt haben, volle Gültigkeit hat und ab 1. Oktober dieses Jahres in vollem Umfang rechtswirksam wird, ungeachtet aller anders lautenden Verfügungen.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 31. März 1970, im siebten Jahre unseres Pontifikats. Papst Paul VI.

10        Cfr. 1 Pt. 3, 16.

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Quelle