Wortlaut: Papstrede bei ökumenischem Treffen in Tallinn

Das ökumenische Jugendtreffen in der Karlskirche von Tallinn (AFP or licensors)

Vatican News dokumentiert die Ansprache, die Papst Franziskus am Dienstag bei einem ökumenischen Treffen mit Jugendlichen in der evangelisch-lutherischen Karlskirche von Tallinn/Estland gehalten hat, in vollem Wortlaut und offizieller deutscher Übersetzung.

„Liebe junge Freunde,

danke für euren herzlichen Empfang, für euren Gesang und für die Zeugnisse von Lisbel, Tauri und Mirko. Ich danke dem Erzbischof der Estnischen Evangelisch-Lutherischen Kirche Urmas Viilma für seine freundlichen Worte. Ebenso danke ich dem Vorsitzenden des Rates der Kirchen Estlands Erzbischof Andres Põder, dem Apostolischen Administrator von Estland Bischof Philippe Jourdan und den anderen Vertretern der verschiedenen christlichen Konfessionen des Landes für ihre Anwesenheit.

„Ohne Argwohn, ohne Misstrauen“

Es ist immer schön zusammenzukommen, Lebenszeugnisse auszutauschen, zum Ausdruck zu bringen, was wir denken und wollen; und es ist sehr schön, dass wir zusammen sind, die wir an Jesus Christus glauben. Diese Treffen verwirklichen den Traum Jesu beim Letzten Abendmahl: »Alle sollen eins sein […] damit die Welt glaubt« (Joh 17,21). Wenn wir uns bemühen, uns als Pilger zu sehen, die den Weg gemeinsam gehen, werden wir lernen, dem Weggefährten vertrauensvoll unser Herz zu öffnen, ohne Argwohn, ohne Misstrauen, indem wir nur auf das schauen, was wir wirklich suchen: Frieden vor dem Angesicht des einen Gottes. Und wie der Frieden eine handwerkliche Kunst ist, so ist das Vertrauen in die anderen auch etwas Handwerkliches und Quelle des Glücks: »Selig, die Frieden stiften« (Mt 5,9).

Das große Gemälde in der Apsis dieser Kirche wird von einem Satz aus dem Matthäusevangelium umrahmt: »Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken« (Mt 11,28). Ihr jungen Christen, ihr könnt euch mit einigen Elementen dieser Evangelienstelle identifizieren. In den Erzählungen davor sagt uns Matthäus, dass Jesus gerade enttäuschende Erfahrungen sammelt. Zuerst beklagt er sich, denn es scheint, dass denen, an die er sich wendet, nichts passt (vgl. Mt 11,16-19). Euch Jugendlichen passiert es oft, dass die Erwachsenen um euch herum nicht wissen, was sie von euch wollen oder sich von euch erwarten; oder manchmal, wenn sie euch ganz fröhlich sehen, sind sie argwöhnisch; und wenn sie euch traurig sehen, relativieren sie einfach, was euch geschieht. Bei der Konsultation im Vorfeld der Synode, die wir in Kürze feiern und bei der wir über die Jugendlichen nachdenken werden, haben viele von euch gebeten, dass euch jemand begleitet und versteht, ohne zu urteilen, und euch zuzuhören weiß als auch auf eure Fragen zu antworten (vgl. Jugendsynode, Instrumentum laboris, 132).

„Wir wollen mit euch weinen, wenn ihr weint…“

Unsere christlichen Kirchen – und ich wage zu sagen alle institutionell gegliederten religiösen Gemeinschaften – legen in ihrem Tun zuweilen Haltungen an den Tag, denen zufolge es leichter fiel zu reden, zu raten, unsere Erfahrung anzubieten, als zuzuhören und sich von dem, was ihr erlebt, anfragen und erleuchten zu lassen. Wir wissen, dass ihr »Begleitung« wollt und erwartet, und zwar »nicht durch einen unbeugsamen Richter und auch nicht durch ängstliche Eltern, deren übermäßiger Beschützerinstinkt nur Abhängigkeit schafft, sondern durch jemanden, der keine Angst vor der eigenen Schwäche hat und der den Schatz zum Leuchten bringt, den er, ein „zerbrechliches Tongefäß“ (vgl. 2 Kor 4,7), in sich trägt« (ebd., 142). Hier und heute möchte ich euch sagen: Wir wollen mit euch weinen, wenn ihr weint, eure Freuden mit unserem Applaus und Lachen begleiten und euch helfen, die Nachfolge des Herrn zu leben.

Jesus klagt auch über die Städte, die er besucht hat, in denen er mehr Wunder gewirkt hat und denen er größere Gesten der Zuneigung und Nähe gezeigt hat; er beklagt ihr fehlendes Gespür zu bemerken, dass sein Angebot der Änderung dringend war und nicht warten konnte. Er geht sogar so weit zu sagen, sie seien starrsinniger und blinder als Sodom (vgl. Mt 11.20-24). Und wenn wir Erwachsene uns einer Realität verschließen, die bereits Fakt ist, sagt ihr uns freimütig: „Seht ihr es nicht?“ Und einige mutigere wagen es zu sagen: „Bemerkt ihr nicht, dass euch niemand mehr zuhört, noch euch glaubt?“

„Viele sind empört über sexuelle und finanzielle Skandale“

Es ist in der Tat notwendig, dass wir uns bekehren und entdecken, dass wir, um an eurer Seite zu sein, viele Situationen ändern müssen, die euch letztendlich entfernen. Wir wissen – wie ihr uns gesagt habt –, dass viele Jugendliche gar nichts von uns verlangen, weil sie die Kirche nicht als einen für ihr Leben bedeutsamen Gesprächspartner wahrnehmen. Ganz im Gegenteil, manche wollen ausdrücklich in Ruhe gelassen werden, denn sie empfinden die Präsenz der Kirche als lästig, ja unangenehm. Sie sind empört über die Skandale sexueller und finanzieller Art, denen gegenüber sie keine klare Verurteilung sehen; über das fehlende angemessene Gespür für das Leben und die Sensibilität der Jugendlichen aufgrund mangelnder Vorbereitung; oder einfach über die passive Rolle, die wir ihnen zuweisen (vgl. Jugendsynode, Instrumentum laboris, 66). Dies sind einige eurer Anliegen. Wir wollen ihnen entsprechen, wir wollen, wie ihr selbst sagt, »als Gemeinschaft transparent, offen, ehrlich, einladend, kommunikativ, zugänglich, freudig und interaktiv« sein (ebd., 67).

Bevor Jesus zu dem Wort im Evangelium kommt, das über diesem Kirchenraum steht, setzt er mit einem Lobpreis an den Vater an. Er tut dies, weil er merkt, dass diejenigen, die es erfasst haben – die das Herz seiner Botschaft und seiner Person verstehen –, die Kleinen sind. Wenn ich euch hier versammelt so singen sehe, vereine ich mich mit der Stimme Jesu und bin erstaunt, weil ihr trotz unseres mangelnden Zeugnisses Jesus weiter inmitten unserer Gemeinden entdeckt. Denn wir wissen: Wo Jesus ist, da gibt es immer Erneuerung, da gibt es immer Gelegenheit umzukehren, all das hinter sich zu lassen, was uns von ihm und von unseren Brüdern und Schwestern trennt. Wo Jesus ist, hat das Leben immer den Geschmack des Heiligen Geistes. Hier und heute seid ihr die Aktualisierung dieser Verwunderung Jesu.

„Jesus trägt, was uns niederdrückt“

Also nun, sagen wir noch einmal: »Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken« (Mt 11,28). Aber sagen wir es in der Überzeugung, dass über unsere Grenzen und Spaltungen hinaus Jesus weiter der Grund ist, warum wir hier sind. Wir wissen, nichts erleichtert so sehr als zuzulassen, dass Jesus trägt, was uns niederdrückt. Wir wissen auch, dass es viele gibt, die ihn noch nicht kennen und in Traurigkeit und Verwirrung leben. Eine eurer berühmten Sängerinnen sagte vor ungefähr zehn Jahren in einem ihrer Lieder: „Die Liebe ist tot, die Liebe ist dahin, die Liebe lebt hier nicht mehr“ (Kerli Kõiv, Love is dead). Und viele sind es, die diese Erfahrung machen: Sie sehen, wie die Liebe ihrer Eltern aufhört, wie die Liebe von eben erst verheirateten Paaren vergeht; sie spüren einen inneren Schmerz, wenn es niemanden interessiert, dass sie auswandern müssen auf der Suche nach Arbeit, oder wenn man argwöhnisch angeschaut wird, weil man fremd ist. Es scheint, die Liebe sei tot, aber wir wissen, dass dem nicht so ist. Wir haben ein Wort zu sagen, etwas zu verkünden, und zwar mit wenigen Reden und vielen Taten. Denn ihr seid eine Generation der Bilder und der Aktion, die über Spekulation und Theorie hinausgehen.

Und so gefällt es Jesus; denn er kam, dass Gute zu tun, und als er starb, hat er den Worten das starke Zeichen des Kreuzes vorgezogen. Uns eint der Glaube an Jesus, und er wartet darauf, dass wir ihn zu allen Jugendlichen bringen, die den Sinn ihres Lebens verloren haben. Nehmen wir gemeinsam diese Neuheit auf, die Gott in unser Leben trägt, jene Neuheit, die uns antreibt, immer wieder neu aufzubrechen, um dorthin zu gehen, wo die Menschheit am meisten verletzt ist. Dorthin, wo die Menschen jenseits des Anscheins der Oberflächlichkeit und des Konformismus weiter eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn ihres Lebens suchen. Wir gehen jedoch nie allein: Gott geht mit uns; er hat keine Angst vor den Rändern, im Gegenteil, er selbst hat sich zum „Rand“ gemacht (vgl. Phil 2,6-8; Joh 1,14). Wenn wir den Mut haben, aus uns selbst hinauszugehen und an die Ränder zu gehen, werden wir ihn dort antreffen, denn Jesus kommt uns zuvor im Leben der Brüder und Schwestern, die leiden und weggeworfen werden. Er ist schon dort (vgl. Apostolisches Schreiben Gaudete et exsultate, 135).

„Die Liebe ist nicht tot“

Die Liebe ist nicht tot, sie ruft und sendet uns. Bitten wir um die apostolische Kraft, anderen das Evangelium zu bringen und es zu unterlassen, aus unserem christlichen Leben ein Museum voller Andenken zu machen. Lassen wir zu, dass der Heilige Geist bewirkt, dass wir die Geschichte unter dem Vorzeichen des auferstandenen Jesus betrachten. Auf diese Weise wird die Kirche fähig sein, vorwärtszugehen und dabei die Überraschungen des Herrn bei sich aufzunehmen (vgl. ebd., 139). So wird sie ihre Jugendlichkeit wiedergewinnen, die Freude und die Schönheit der Braut, die dem Herrn entgegengeht.“

(vatican news)

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Evangelischer Pfarrer: Papst „eine Art ökumenischer Primas“

Familie Kruse auf Abschiedsbesuch beim Papst (Vatican Media @Vatican Media)

Als „eine Art ökumenischen Primas“ sieht der scheidende Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in Rom, Jens-Martin Kruse, Papst Franziskus. Der Papst habe damit einen „entscheidenden Beitrag zur Annäherung unserer Kirchen geleistet“, so Kruse nach seinem Abschiedsbesuch beim Papst im Gespräch mit Vatican News.

Es gelte, auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirchen „mutig und zuversichtlich“ weiterzugehen:

„Wer den Papst hier in Rom aus der Nähe beobachten kann, den überzeugt diese Idee sehr. Man sieht einfach, wie Papst Franziskus im Alltag das Evangelium verkündet und seinen Dienst, seinen Primat gemäß dem Evangelium lebt. Zugleich erkennt man in Rom, denke ich, ganz gut, dass der Papst weltweit eine wichtige Rolle spielt und jemand ist, der aus dem Glauben heraus zu den großen Fragen und Herausforderungen, vor denen wir insgesamt stehen, Wichtiges zu sagen hat. Und ich glaube schon, dass die Christenheit jemanden braucht, der dies auf Weltebene tun kann – und das ist eben seit 2000 Jahren der Papst, langsam gewöhnen auch wir anderen uns daran.“

Die Einen mehr, die Anderen weniger – den ein derartiger „Ehrenprimat“ könnte vielleicht bei evangelischen Christen mittlerweile etwas von seiner Drohung verloren haben, doch wie sieht es bei den Orthodoxen aus, bei denen ein solcher Vorschlag naturgemäß stärker anecken könnte? Kruse:

„Mir scheint, dass die Art, wie Franziskus seine Aufgabe wahrnimmt, dazu führt, dass gerade an dieser Stelle, bei dieser Frage, viel in Bewegung ist. Es fängt im Grund mit dem 13. März 2013 an, mit der ersten Ansprache, die Papst Franziskus gehalten hat, wo er sich auf ein Zitat von Ignatius von Antiochien berufen hat, den Vorsitz in der Liebe. Das ist eine Vorstellung, die auch für orthodoxe Christen denkbar ist, genauso wie für lutherische Christen, und mir scheint, es ist sehr überzeugend, wie Papst Franziskus diese Bild füllt, und von daher erleben wir im Moment eine ganz besondere Zeit in der Ökumene, weil bei Fragen, die über lange Jahre abgeschlossen schienen, oder wo sich nichts mehr zu bewegen schien, jetzt doch wieder Stück für Stück, langsam etwas in Bewegung kommt. Und mir imponiert das sehr: Papst Franziskus ist niemand, der etwas übers Knie bricht, sondern er weiß, solche Sachen müssen wachsen, und mit seinem eigenen Beispiel tut er Entscheidendes dafür, dass die Christen stärker zusammenwachsen als bisher.“

Papst Franziskus hatte Kruse am Donnerstag samt dessen Ehefrau und Kindern im Apostolischen Palast empfangen. In den zurückliegenden Jahren seien „ein sehr guter Kontakt und eine wirkliche Freundschaft zu Papst Franziskus entstanden“, so Kruse. Die Nähe zu Papst Franziskus werde ihm „in Deutschland schon sehr fehlen“, bekannte der evangelische Theologe, der seit 2008 in Rom tätig war und demnächst als Hauptpastor zur Petrikirche nach Hamburg wechselt.

(vatican news/kap – pr/gs)

Die Katholisch-lutherische Erklärung im Wortlaut

EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm bei Papst Franziskus — 31/10/2017 12:00

Im Wortlaut: Katholisch-lutherische Erklärung zum Reformationsgedenkjahr

 

Gemeinsame Stellungnahme

des Lutherischen Weltbundes und des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen

zum Abschluss des gemeinsamen Reformationsgedenkjahres, 31. Oktober 2017

 

Am 31. Oktober 2017, dem letzten Tag des gemeinsamen ökumenischen Reformationsgedenkjahres, empfinden wir tiefe Dankbarkeit für die spirituellen und theologischen Gaben, die uns die Reformation geschenkt hat und derer wir gemeinsam sowie mit unseren ökumenischen Partnern weltweit gedacht haben. Ebenso haben wir auch um Vergebung gebeten für unser Versagen und dafür, wie Christen und Christinnen in den fünfhundert Jahren seit Beginn der Reformation bis heute den Leib des Herrn verletzt und einander gekränkt haben.

Als lutherische und katholische Christen und Christinnen sind wir zutiefst dankbar für den ökumenischen Weg, den wir in den vergangenen 50 Jahren gemeinsam gegangen sind. Dieser von unserem gemeinsamem Gebet, gemeinsamen Gottesdiensten und ökumenischem Dialog getragene Pilgerweg hat bewirkt, dass Vorurteile beseitigt wurden, das gegenseitige Verständnis gewachsen ist und entscheidende theologische Übereinstimmungen herausgearbeitet worden sind. Angesichts des vielfältigen Segens, der uns auf diesem Weg zuteilgeworden ist, erheben wir unsere Herzen und preisen den dreieinigen Gott für das Erbarmen, das er uns schenkt.

Am heutigen Tag blicken wir zurück auf ein Jahr der bemerkenswerten ökumenischen Ereignisse, das am 31. Oktober 2016 begann mit dem gemeinsamen lutherisch-katholischen ökumenischen Gottesdienst in Lund (Schweden) in Anwesenheit unserer ökumenischen Partner. Dem Gottesdienst standen Papst Franziskus und Bischof Munib A. Younan, der damalige Präsident des Lutherischen Weltbundes, vor, die in diesem Rahmen eine gemeinsame Erklärung unterzeichneten, die den Vorsatz formulierte, miteinander den ökumenischen Weg zu der Einheit hin fortzusetzen, für die Christus gebetet hat (vgl. Johannes 17,21). Am gleichen Tag wurde unser gemeinsamer Dienst an jenen, die unserer Hilfe und Solidarität bedürfen, ebenfalls gestärkt durch eine Absichtserklärung von Caritas Internationalis und dem Weltdienst des Lutherischen Weltbundes.

Papst Franziskus und Präsident Younan erklärten gemeinsam: „Viele Mitglieder unserer Gemeinschaften sehnen sich danach, die Eucharistie an einem Tisch zu empfangen als konkreten Ausdruck der vollen Einheit. Wir erfahren den Schmerz all derer, die ihr ganzes Leben teilen, aber Gottes erlösende Gegenwart am eucharistischen Tisch nicht teilen können. Wir erkennen unsere gemeinsame pastorale Verantwortung, dem geistlichen Hunger und Durst unserer Menschen, eins zu sein in Christus, zu begegnen. Wir sehnen uns danach, dass diese Wunde im Leib Christi geheilt wird. Dies ist das Ziel unserer ökumenischen Bemühungen. Wir wünschen, dass sie voranschreiten, auch indem wir unseren Einsatz im theologischen Dialog erneuern.“

Ein weiterer Segen, den dieses Gedenkjahr gebracht hat, besteht darin, dass zum ersten Mal die lutherische und die katholische Seite die Reformation aus ökumenischer Perspektive betrachtet haben. Das hat eine neue Sicht auf die Ereignisse des 16. Jahrhunderts ermöglicht, die zu unserer Trennung führten. Wir sind uns bewusst, dass die Vergangenheit zwar nicht zu ändern ist, aber ihr Einfluss auf uns heute umgewandelt werden kann in einen Impuls zur wachsenden Gemeinschaft und ein Zeichen der Hoffnung für die Welt im Sinne der Überwindung von Spaltung und Zersplitterung. Es ist aufs Neue deutlich geworden, dass das, was uns eint, sehr viel mehr ist als das, was uns noch trennt.

Wir sind voller Freude darüber, dass die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“, die der Lutherische Weltbund und die römisch-katholische Kirche 1999 feierlich unterzeichnet haben, im Jahr 2006 auch vom Weltrat Methodistischer Kirchen und, während des Reformationsgedenkjahres, von der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen unterzeichnet wurde. Am heutigen Tag nun wird sie von der Anglikanischen Kirchengemeinschaft in einem feierlichen Akt in der Westminster Abbey begrüßt und entgegengenommen. Auf dieser Grundlage können unsere christlichen Gemeinschaften eine immer engere Bindung des spirituellen Einvernehmens und des gemeinsamen Zeugnisses im Dienst am Evangelium aufbauen.

Wir nehmen mit Anerkennung die vielen gemeinsamen Andachten und Gottesdienste, die die lutherische und katholische Seite zusammen mit ihren ökumenischen Partnern in den verschiedenen Weltregionen feierten und feiern, sowie die theologischen Begegnungen und die bedeutenden Publikationen zur Kenntnis, die diesem Gedenkjahr Substanz verliehen haben.

Für die Zukunft verpflichten wir uns, unter der Führung von Gottes Geist unseren gemeinsamen Weg zur größeren Einheit fortzusetzen, gemäß dem Willen unseres Herrn Jesus Christus. Mit Gottes Hilfe wollen wir, getragen vom Gebet, unser Verständnis von Kirche, Eucharistie und Amt prüfen im Bemühen um einen wesentlichen Konsens mit dem Ziel der Überwindung der zwischen uns verbleibenden Differenzen. Mit tiefer Freude und Dankbarkeit vertrauen wir darauf, „dass er, der bei [uns] das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.“ (Phil 1,6)

(pm 31.10.2017 nh)

Kardinal Koch bilanziert das Luther-Gedenkjahr

Der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch

Der Ökumene-Verantwortliche des Vatikans, Kardinal Kurt Koch, war „am Anfang sehr irritiert“ über das Gedenken an 500 Jahren Reformation in Deutschland. Er habe „immer gesagt“, dass bei einem solchen Gedenken „auch Buße“ wegen der „grausamen Konfessionskriege“ geleistet werden müsse, sagte Koch in einem Bilanzinterview zum Lutherjahr mit Radio Vatikan. Doch zu Beginn des Gedenkjahres sei sein Eindruck gewesen, „dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte“. „Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist.“

Später habe er aber „gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe“, so Kardinal Koch. Er zog in dem Interview daher eine positive Bilanz des Reformationsgedenkens. Der Kardinal würdigte ausdrücklich „die Bereitschaft der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist“.

Das sei „die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken“ gewesen, sagte der Schweizer Kurienkardinal. Lobende Worte fand er auch für die „wunderschöne Zusammenarbeit mit dem Lutherischen Weltbund“: Dort habe er während des Gedenkjahres „die Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen“, gespürt.

Mit deutlicher Vorsicht äußerte sich Koch zum ökumenischen Ziel einer „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“. „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen.“ Manche beschrieben mit diesem Begriff die „Situation, wie wir sie heute haben“, doch „die katholische Sicht ist eine andere“. Aus Kochs Sicht wäre es „wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht“. Sonst komme es zu „Konfusionen“.

Hier können Sie den Volltext unseres Interviews mit Kardinal Koch lesen. Die Fragen stellte Radio-Vatikan-Redakteurin Gudrun Sailer.

RV: Die Geschichte der katholisch-evangelischen Annäherung begann – mit einzelnen Vorläufern wie den Lübecker Märtyrern – im II. Vatikanischen Konzil. Hat das Lutherjahr im Großen und Ganzen zu einer weiteren Annäherung geführt oder eher die bestehenden Differenzen klarer zutage treten lassen?

Kardinal Koch: „Der allererste Dialog, den die katholische Kirche begonnen hat, unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil, war mit dem lutherischen Weltbund. Deshalb haben wir nicht nur 500 Jahre Reformation, sondern auch 50 Jahre ökumenischen Dialog, katholisch-lutheranisch. Ich denke mit zwei großen Schwerpunkten: Erstens die gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre, die am 31. Oktober 1990 in Augsburg verkündet worden ist. Und zweitens das große lutherisch-katholische Reformationsgedenken in Lund in Schweden. Beide Ereignisse, kann man sagen, sind Meilensteine in der ökumenischen Annäherung zwischen Katholiken und Lutheranern. Vor allem jetzt dieses gemeinsame Reformationsjubiläum, wo auf der einen Seite Papst Franziskus und auf der anderen Seite der Präsident und der Generalsekretär des lutherischen Weltbundes vorgestanden sind, ist ein äußerst positives Zeichen.”

RV: Zum Auftakt des Reformationsgedenkens reiste Papst Franziskus – am 31. Oktober 2016 – ins schwedische Lund und unterzeichnete dort mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes Mounib Younan eine ökumenische Erklärung. Darin ist viel vom gemeinsamen Einsatz von Christen beider Konfessionen die Rede: für Arme, für Flüchtlinge, für die Umwelt, ein Gemeinsames Eintreten gegen Extremismus und für Gerechtigkeit. Aus Ihrer Sicht: tun das die Christen da draußen nicht ohnehin schon? Also ging da die ökumenische Tat der ökumenischen Erklärung voran?

Kardinal Koch: „In Lund waren ja zwei Ereignisse. Das war auf der einen Seite der ökumenische Gottesdienst, in dem vor allem der Reformation gedacht worden ist. Und dann das Ereignis in Malmö, um zu zeigen, dass wir gemeinsam Zeugnis geben sollen. Ganz nach der Devise von Papst Franziskus, der immer wieder sagt, wir sollen dreierlei tun: camminare insieme, pregare insieme und collaborare insieme, also miteinander beten, miteinander gehen, miteinander Gemeinsames tun. Und da ist schon viel geschehen, aber da war Malmö noch einmal ein neuer Impuls dafür, noch mehr gemeinsam zu tun, aus dem gemeinsamen Glauben heraus sich für die Menschen und vor allem für die Marginalisierten, für die Armen einzusetzen.”

RV: Die Lund-Erklärung erwähnt als Ziel der Ökumene das gemeinsame eucharistische Mahl. Was hat dieses klar formulierte Ziel an Neuem in Fluss gebracht?

Kardinal Koch: „Das ist nicht neu, dass wir an den gemeinsamen Altar treten können sollen. Das ist das Ziel der Ökumene. Die Frage ist, was muss alles erreicht sein, damit dieses Ziel erreicht werden kann. Das wieder neu in Erinnerung zu rufen, dass wir in einer unnormalen Situation sind, wenn wir als getaufte Christen nicht gemeinsam Eucharistie feiern können, war ein wichtiger Impuls. Und ich habe dann auch vorgeschlagen, dass wir nach der gemeinsamen Erklärung mit der Rechtfertigungslehre und dem gemeinsamen Reformationsgedenken auf eine neue gemeinsame Erklärung hingehen sollten über Kirche, Eucharistie und Amt. Und das ist doch auf recht positives Echo gestoßen. Vor allem der nationale lutherisch-katholische Dialog in Finnland beschäftigt sich intensiv mit diesem Dokument. Der nationale Dialog in Amerika hat bereits ein Dokument publiziert über „Declaration on the way – church, ministry and eucharist“. Und das ist auf positive Resonanz gestoßen. Das wäre ein ganz wichtiger Schritt: Konsens darüber finden, was Kirche, Eucharistie und Amt ist, um dann dieses Ziel der gemeinsamen Eucharistiefeier erreichen zu können.”

RV: Wie lange könnte das noch dauern?

Kardinal Koch: „In der Ökumene bin ich immer vorsichtig. Wir können nicht alleine entscheiden, sondern müssen immer auch auf den Partner Rücksicht nehmen. Für mich ist nach dem Reformationsgedenken das Jahr 2030 ein wichtiger Horizont: 500 Jahre Augsburger Reichstag und die Verabschiedung der Confessio Augustana – des Augsburger Bekenntnisses, das ja kein Dokument der Spaltung ist, sondern der Einheit. Man wollte zeigen, dass man den Glauben der Katholiken teilt. Das ist damals leider nicht gelungen, es ist gescheitert. Aber ich würde sagen, Lutheraner und Katholiken waren nie so eng beieinander wie in Augsburg. Und dieses Gedenken sollte meines Erachtens ein Horizont sein, auf den wir mit neuen verbindlichen Schritten zugehen sollten.”

RV: Ein Schritt zurück: Papst Benedikt XVI. hatte bei seinem Besuch in Erfurt 2011 Martin Luthers Suche nach einem gnädigen Gott ausdrücklich gewürdigt. Wie bewerten Sie dieses Bekenntnis das im Rückblick, hat das Wege zu einem neuen katholischen Lutherbild gewiesen, die vorher verschlossen schienen?

Kardinal Koch: „Diese Aussage von Papst Benedikt hat viel ausgelöst. Ich habe kürzlich einen Vortrag zu diesem Thema gehört, wie die Botschaft von Luther heute noch aktuell sein kann. Das ist eine Resonanz auf Papst Benedikt, dieses Symposium, das in Bensberg stattfindet. Er hat damals die leidenschaftliche Gottsuche von Martin Luther gewürdigt, aber auch seine Christozentrik, dass Luther nicht irgendeinen Gott gesucht hat, sondern jenen Gott, der sein ganz konkretes Bild in Jesus Christus gezeigt hat. Und Papst Benedikt hat damals daraus geschlossen, dass die wichtigste Aufgabe, die wir heute in der Ökumene haben, ist, in den säkularisierten Gesellschaften von heute den lebendigen Gott zu bezeugen.”

RV: Ein weiterer Markstein des Jahres war der Besuch einer Delegation der Evangelischen Kirche Deutschlands in Rom im Jänner dieses Jahres. Was hat das gebracht?

Kardinal Koch: „Für mich war sehr positiv, dass so viele junge Menschen dabei gewesen sind und dass es eine ökumenische Wallfahrt gewesen ist. „Mit Luther zum Papst“ hieß das. Es gab dann auch eine Audienz mit Papst Franziskus, die sehr positiv aufgenommen worden ist und viele Früchte getragen hat. Ich glaube, es war ein schönes und positives Ereignis.”

RV: Mit den Augen des vatikanischen Ökumene-Verantwortlichen: Was waren auf lutheranischer Seite die Stärken des Reformationsgedenkens in diesem Jahr, und wovon hätte man sich mehr erwarten können?

Kardinal Koch: „In Deutschland war ich am Anfang sehr irritiert. Ich habe immer gesagt, ein Reformationsgedenken muss drei Schwerpunkte haben: Erstens Dankbarkeit für alles, das wir wiederentdeckt haben, das wir gemeinsam haben. Aber auch Buße; Luther wollte keine neue Kirche gründen, er wollte die Kirche erneuern. Es kam aber nicht zu der Neuerung der Kirche, sondern zu einer neuen Kirche und anschließend zu grausamen Konfessionskriegen, für die wir Buße tun sollten. Und drittens Hoffnung, dass ein Reformationsgedenken neue Schritte in die Zukunft eröffnet. Am Anfang hatte ich etwas Sorge, dass man den Aspekt der Buße nicht wahrnehmen wollte. Das hat mich sehr irritiert, weil schon die erste These Luthers voll auf die Buße abgeht und das ganze Leben des Christen eine Buße ist. Inzwischen habe ich aber gesehen, wie sich das entwickelt hat, bis hin zu diesem gemeinsamen Buß- und Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim im März, den ich als äußerst positiv erfahren habe und der ein sehr schönes Ereignis gewesen ist. Zweitens die Bereitschaft von der evangelischen Kirche, nicht so sehr Luther in den Mittelpunkt zu stellen, sondern das Reformationsgedenken als Christusfest zu verstehen, das uns gemeinsam ist und das ja auch das Anliegen von Luther gewesen ist. Das hat mich sehr gefreut. Das war die beste Idee für ein gemeinsames Reformationsgedenken.

Auf der Weltebene gibt es eine wunderschöne Zusammenarbeit mit dem lutherischen Weltbund, die sehr fruchtbar ist. Ich habe selbst auch an der Plenarsitzung des lutherischen Weltbundes in Namibia teilgenommen. Und diese Leidenschaft, in die Zukunft aufzubrechen aufgrund dieses Reformationsgedenkens war spürbar.”

RV: Für die innerevangelische Ökumene ist die „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ein zentraler Ausdruck. Wo sehen Sie die Grenzen dieses Modells für die evangelisch-katholische Ökumene?

Kardinal Koch: „Die Schwierigkeit liegt darin, dass alle diesen Begriff verwenden, aber nicht das gleiche darunter verstehen. Es gibt auf der einen Seite die starke Tendenz, zu sagen, „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Situation, wie wir sie heute haben. Wir sind verschieden, sollen auch so bleiben, aber schon Eins. Und deshalb müssen wir uns nur noch gegenseitig anerkennen und Abendmahl feiern.

Die katholische Sicht ist eine andere: „Einheit in versöhnter Verschiedenheit“ ist eine Beschreibung der Aufgabe, die vor uns steht, dass wir unsere historischen Differenzen so aufarbeiten, dass sie nicht mehr unversöhnt sind. Sodass Unterschiede bleiben, aber nicht mehr kirchentrennend sein sollen, sondern dass sie versöhnt sind und wir dann diese Zeichen setzen können. Hier sehe ich den Unterschied und es wäre wichtig in der ökumenischen Diskussion, dass man Formeln nicht nur gemeinsam verwendet, sondern auch Auskunft darüber gibt, wie man sie versteht. Sonst entstehen Konfusionen.”

RV: Wo fällt die interkonfessionelle Versöhnung heute, in 2017, noch am schwersten?

Kardinal Koch: „Ich glaube schon, dass die Frage des Kirchenverständnisses nach wie vor eine schwierige Krux ist, weil es hier sehr verschiedene Konzeptionen gibt. Die Erklärung der Glaubenskongregation hat das mit der Formel zum Ausdruck gebracht, dass die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen nicht Kirchen im eigentlichen Sinne sind. Nun ist „eigentlich“ im Deutschen ein schwieriges Wort, weil es immer fast das Gegenteil sagt, von dem, was es meint. Gemeint ist, dass sie nicht Kirchen nach dem katholischen Verständnis sind, –so hat es Papst Benedikt in seinem Interviewbuch mit Peter Seewald auch umformuliert – sondern, dass sie Kirchen gleichsam eines anderen Typs sind. Darüber müssen wir noch vertieft nachdenken, auch über die Amtsfrage und die Bedeutung der Eucharistie im Gesamten des Kirchenverständnisses.”

RV: Was hat die katholische Kirche ihrerseits in diesem Lutherjahr gelernt?

Kardinal Koch: „Erstens haben wir gelernt, was die eigentlichen Anliegen Luthers gewesen sind. Es ist ja teilweise etwas verloren gegangen in der Polemik, dass Martin Luther eine Erneuerung der katholischen Kirche gewollt hat, die damals nicht gelingen konnte, sodass es zur Kirchenspaltung gekommen ist, wofür beide Seiten ihre Schuld haben. Wir haben gelernt, dass man diese Schuld gemeinsam tragen muss und aber nun gemeinsame Wege in die Zukunft gehen muss, nicht nur rückwärts schauen, sondern in die Zukunft schauen. Aber beides gehört zusammen: wenn ich mit dem Auto überholen will, muss ich in den Rückspiegel schauen, sonst wird es gefährlich. In diesem Sinne war es richtig, Rückschau zu halten, aber jetzt sollten wir auch in die Zukunft schauen und auf dem Boden all dessen, was wir als gemeinsam wiedererkannt haben, Wege zu einer verbindlicheren Einheit gehen.”

RV: Was ist das große Neue, das Papst Franziskus gebracht hat zur Ökumene zwischen evangelischer und katholischer Kirche?

Kardinal Koch: „Zunächst betont Papst Franziskus es selber immer, dass er weiterführt, was seine Vorgänger begonnen haben. Wir dürfen in der katholischen Kirche glücklich sein, dass wir seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil stets Päpste gehabt haben, die ein offenes Herz für die Ökumene hatten. Auf diesem Weg kann Papst Franziskus weitergehen. Was bei ihm charakteristisch ist, ist die Betonung des Dialogs der Liebe. Die war natürlich immer schon da, aber die Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit, einander anzunehmen, miteinander den Weg zu gehen, alles gemeinsam zu tun, was man gemeinsam tun kann und vor allem auch füreinander zu beten, das sind meines Erachtens ganz wesentliche Aspekte. Und Papst Franziskus empfängt immer wieder Gruppierungen aus der Ökumene, die zu ihm kommen wollen. In dem Sinne übt er eigentlich schon so etwas wie einen ökumenischen Primat aus, natürlich ohne Jurisdiktion. Aber er ist doch ein Bezugspunkt für viele Christen und in dem Sinne nicht mehr einfach das größte Hindernis für die Ökumene, sondern auch eine Opportunität für die Ökumene. Und was ich noch weiter betonen möchte: Papst Franziskus hat eine Offenheit und eine große Kenntnis für die pentakostalischen Bewegungen, die er aus Lateinamerika kennt. Und der Pentakostalismus ist heute die zweitgrößte Realität nach der römisch-katholischen Kirche. In den Bewegungen gibt es auch anti-katholische und anti-ökumenische Akzente. Indem der Papst sie aber zu sich einlädt für persönliche Begegnungen, öffnet das wieder neue Tore, auch in diese große Bewegung hinein und dafür sind wir natürlich sehr dankbar.”

(rv 23.10.2017 gs)

Hier blüht die Ökumene

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Papst Franziskus und Pfarrer Dr. Jens-Martin Kruse beim ökumenischen Gottesdienst im November 2015

Die evangelisch-lutherische Christuskirche in Rom

Eine lutherische Bastion mitten im Bistum des Papstes hat, sollte man meinen, einen schweren Stand. Aber das war einmal. Die um die Christuskirche gescharte Gemeinde hat sich in Rom längst Ansehen erworben – weil sie ökumenisch orientiert ist und dies auch im Gedenkjahr der Reformation 2017 zum Ausdruck bringt.

»Wir, Lutheraner und Katholiken, müssen einander um Verzeihung bitten für den Skandal der Teilung. Nun ist es Zeit für die versöhnte Verschiedenheit. Bitten wir heute um diese Gnade der versöhnten Verschiedenheit im Herrn…« So sagte Papst Franziskus am 15. November 2015 sinngemäß in seiner Predigt in der voll besetzten evangelisch-lutherischen Christuskirche in Rom. Worte also mit einem deutlich ökumenischen Akzent – bei einem Kirchenbesuch, der schon als solcher ein ökumenisches Ereignis war.

Durch den Besuch des Heiligen Vaters geriet erneut nicht nur die Christuskirche und die dazugehörige Gemeinde ins Blickfeld, sondern ganz generell die Rolle der kleinen lutherischen Minderheit in der Hauptstadt des katholischen Glaubens. Dieses Interesse ist gerade jetzt, im Jahr 2017, gewissermaßen aktuell. Dazu der Pfarrer, Dr. Jens-Martin Kruse, in einem Gespräch mit unserer Zeitung: »Denn wir erinnern uns ja an zwei entscheidende Ereignisse: An den Beginn der Reformation vor 500 Jahren und an den ers­ten evangelischen Gottesdienst in Rom 1817, mit dem die Geschichte unserer Gemeinde anfing.«

Anfänge auf dem Kapitol

So ist es in der Tat. Begonnen hatte alles im Zeichen des preußischen Adlers. Nicht ein Geistlicher, sondern der preußische Legationsrat und spätere Gesandte beim Heiligen Stuhl, Christian Josias von Bunsen, war der spiritus rector beim Entstehen der evangelischen Gemeinde in Rom. In seiner Wohnung fand 1817 ein Gottesdienst zum Gedenken an Luthers Reformation statt. Wenig später schickte der preußische König einen fest besoldeten Prediger, Heinrich Schmieder, an den Tiber. Seinen ersten Gottesdienst hielt er am 27. Juni 1819. Als der Diplomat Bunsen dann zum Gesandten aufrückte, richtete er eine Kapelle im Erdgeschoss des von ihm bewohnten Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol ein. Und dieser Palast, in dem man die Gesandtschaft etablierte, blieb für knapp 100 Jahre der geistliche Mittelpunkt für die evangelischen Deutschen in Rom.

 

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Das Kircheninnere mit Apsismosaik.

Verstärkt wurde diese Rolle noch, als nahebei das Deutsche Archäologische Institut entstand sowie (zum Forum hin) ein kleines evangelisches Krankenhaus. Die protestantische Gemeinde existierte also im Bannkreis der preußischen Gesandtschaft, weshalb sie der Papst tolerierte.

Probleme gab es allerdings bei Beerdigungen. Erst seit kurzem nämlich hatten die nichtkatholischen Christen das Recht, ihre Toten neben der Cestius-Pyramide an der Stadtmauer beizusetzen. Dies musste im Morgengrauen geschehen, um ja nicht die katholischen Bürger zu erzürnen. Auf dem Cestius-Friedhof (heute offiziell »nicht-katholischer Friedhof« genannt) ruhen viele evangelische Gläubige aus Deutschland. So etwa Goethes Sohn August, der ebenfalls 1830 verstorbene schwäbische Dichter Wilhelm Waiblinger und der Maler Hans von Marées.

 

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Christus zwischen Petrus und Paulus: Statuen von Reinhold Felderhoff

Als 1870 der Kirchenstaat eingenommen und Rom kurz darauf die Hauptstadt des geeinten Italien wurde, zog in der Metropole Gewissens- und Kultfreiheit ein. Fortan entstanden mehrere nicht-katholische Kirchen am Tiber. Die Waldenser, also die italienischen Protestanten, konnten sogar zwei Gotteshäuser in der früher vom Papst regierten Stadt bauen. Die evangelischen Deutschen hingegen mussten weiter mit der Botschaftskapelle auf dem Kapitol vorlieb nehmen.

Freilich, protestantische Gruppen in Deutschland warben emsig für Kirchenbauten in der Diaspora. 1899 schließlich erwarb die evangelische Gemeinde Roms ein Grundstück zu diesem Zweck in der Via Toscana nahe der berühmten Via Veneto, im ehemaligen Gartengelände der Villa Ludovisi.

Und Kaiser Wilhelm II., obgleich zunächst aus politischen Gründen Gegner des ganzen Projekts, beauftragte seinen Architekten Franz Schwechten mit dem Plan für die Christuskirche. Der Erste Weltkrieg unterbrach jedoch die Bauarbeiten. Deshalb konnte man die unter anderem mit Mosaiken und einem Taufbecken von Bertel Thorvaldsen geschmückte Kultstätte erst 1922 einweihen. Sie ist, wie eine von der Gemeinde publizierte Broschüre betont, »ein seltenes, wichtiges Zeugnis der späten wilhelminischen Baukunst«.

Somit hatte die deutsche evangelische Gemeinde nun auf Dauer ihr Zentrum. Über ein interessantes Ereignis aus der folgenden Zeit berichtet der schriftliche Kirchenführer: Anlässlich der Trauerfeier für die 1930 in Rom verstorbene schwedische Königin Viktoria – einer gebürtigen Prinzessin von Baden, die sich oft in Italien aufhielt und der deutschen evangelischen Gemeinde Roms angehörte – »kamen Fürstlichkeiten aus vielen Ländern in die Christuskirche; neben dem italienischen Königspaar fehlte auch der ›Duce‹, Benito Mussolini, nicht.«

Weitere Etappen? Während des Zweiten Weltkriegs herrschten schwierige Verhältnisse für die Protestanten in der Ewigen Stadt; dann gab es in der Nachkriegszeit durch die Wiedereröffnung deutscher Institutionen in Rom neue Mitglieder und neue Impulse für die Gemeinde, die 1956 mit 563 Mitgliedern ihren Höchststand erreichte.

 

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Außenansicht der zwischen 1910 und 1922 erbauten Christuskirche

Unterdessen wurde die Gemeinde Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Italien (ELKI); konstant blieb außerdem die enge Bindung an die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die auch den Pfarrer für die Christuskirche ernennt. Da sich mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) das Verhältnis der katholischen Kirche zu den anderen christlichen Kirchen und Konfessionen verbesserte, wuchs auch das Selbstbewusstsein der evangelischen Gemeinde am Tiber. »Ökumene« wurde fortan zum Schlüsselbegriff für die interkonfessionellen Beziehungen – und damit auch für die Beziehungen zwischen den in Rom lebenden Lutheranern und dem Vatikan. So kam es zu einem wahrhaft historischen Ereignis: Am 3. Advent 1983 besuchte Johannes Paul II. die Christuskirche. Zum ersten Mal predigte ein Papst in einem evangelischen Gotteshaus, oder, wie Italiens Zeitungen salbungsvoll schrieben, »in einem Tempel Martin Luthers«. Der mit dem Vatikan genau abgestimmte Wortgottesdienst war geprägt von ökumenischem Geist, vom deutlichen Wunsch nach Verständigung und Versöhnung.

Viele positive Signale

Seit August 2008 amtiert der dynamische Hanseat Dr. Jens-Martin Kruse als Pfarrer der Christuskirche. Er war also der Gastgeber, als mit Benedikt XVI. am 14. März 2010 abermals ein Pontifex diese Kultstätte besuchte und dort predigte. Ein Ereignis, das Kruse höchst positiv bewertet: »Wenn der Papst bereit ist, Gottesdienst mit uns zu feiern, dann bedeutet das doch für uns die Anerkennung als Kirche.« Logisch daher, dass auch der Besuch von Franziskus 2015 den Pastor und seine Gemeinde mit Genugtuung erfüllte.

Zwar sieht Pfarrer Kruse durchaus, dass sich in manchen theologischen Fragen zwischen Katholiken und Protestanten mehr bewegen könnte. Aber, so betont er, hinter die »gelebte und gefeierte Ökumene« könne niemand zurück. Die theologischen Fragen würden sich dann Schritt um Schritt klären lassen. Und die Klage über eine »ökumenische Eiszeit«? In diese Klage stimmt der Pastor absolut nicht ein. »Denn es gibt in Sachen Ökumene viele positive Signale auf beiden Seiten. Dabei muss man allerdings lernen, zwischen den Zeilen zu lesen.«

Gewiss, die lutherische Gemeinde Rom ist – mit derzeit rund 500 Beitrag zahlenden Mitgliedern – sehr klein. Vor allem wegen der hohen Fluktuation, was besagt: So manche »Kurzzeit-Römer« ziehen nach ein paar Jahren wieder fort. Aber die Gemeinde ist erstaunlich vital. Von den allgemeinen Gottesdiensten abgesehen, gibt es Kindergottesdienste, eine Konfirmandengruppe, den Chor, einen »Frauenverein«, Gesprächskreise und den alljährlichen Weihnachtsbasar. Bei mehreren Aktivitäten spielt die Ökumene eine wichtige Rolle. Was auch daran liegt, dass der Gemeinde etliche Ehepaare mit Partnern unterschiedlicher Konfession angehören. »Fast jedes Mitglied«, heißt es im Pfarramt, »verfügt über ökumenische Kontakte in der eigenen Familie, am Wohnort oder am Arbeitsplatz.« Dies und der Standort Rom mit seinen unzähligen katholischen Institutionen bedingt fast schon automatisch eine ökumenische Orientierung. Zu den einschlägigen Veranstaltungen zählt z. B. jedes Jahr in der Karwoche ein ökumenischer Kreuzweg, dessen Stationen die verschiedenen Gotteshäuser rund um die Christuskirche verbinden. Im gleichen Kontext steht die Teilnahme, gemeinsam mit Katholiken, an der jährlichen Gebetswoche für die Einheit der Christen.

 

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Blick in den Garten der Christuskirche.

Besonders engagiert ist Pfarrer Kruse jetzt bei einem umfangreichen Programm, das sowohl an den Beginn der Reformation als auch an die Entstehung der römischen Gemeinde erinnert und daher »1517-1817-2017« heißt. Konkret handelt es sich um eine Reihe von meist auf Luther bezogenen Veranstaltungen. Mit Gottesdiensten, Workshops, Konzerten sowie Vorträgen prominenter Experten aus der evangelischen und katholischen Kirche. Am 18. Januar z. B. predigte hier Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Chris­ten. Überhaupt ist das ehrgeizige Programm geprägt vom ökumenischen Geist. Einem Geist, der zweifellos die ganze um die Christuskirche gescharte Gemeinde erfüllt. Wie formuliert es doch gleich Pfarrer Kruse? »Bei uns in Rom blüht und gedeiht die Ökumene.«

Von Bernhard Hülsebusch

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Quelle Osservatore Romano 6/2017

Premiere: Eine ökumenische Doppel-Audienz

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Heinrich Bedford-Strohm beim Papst

Es war ein besonderer Moment für die Ökumene: Eine Delegation der evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) war an diesem Montag bei Papst Franziskus zu Gast – und der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, nahm ebenfalls an der Papstaudienz teil. Eine Premiere und ein Highlight des Jahres, in dem an den Beginn der Reformation vor fünfhundert Jahren erinnert wird.

Franziskus würdigte in seiner Ansprache die „langjährige Zusammenarbeit“ und „gereifte ökumenische Beziehung“ der deutschen Kirchen. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diesem segensreichen Weg des geschwisterlichen Miteinanders vorankommen und mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten. Wir haben die gleiche Taufe: Wir müssen zusammen gehen, ohne müde zu werden!“

Es sei „bedeutsam“, dass sich evangelische und katholische Christen im Jahr des Reformationsgedenkens vorgenommen hätten, „Christus erneut ins Zentrum ihrer Beziehungen zu stellen“, sagte der Papst. Martin Luthers Frage nach dem gnädigen Gott sei – damit zitierte er seinen Vorgänger Benedikt XVI. – „die tiefe Leidenschaft und Triebfeder“ von Luthers Denken und Handeln gewesen. „Was die Reformatoren beseelte und beunruhigte, war im Grunde der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Das muss uns auch heute am Herzen liegen, nachdem wir dank Gottes Hilfe wieder einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben.“

„Nicht grollend auf die Vergangenheit schauen“

Das Gedenkjahr biete die Chance, „einen weiteren Schritt vorwärts zu tun“, fuhr Franziskus fort. Statt „grollend auf die Vergangenheit zu schauen“, sollten die Kirchen „den Menschen unserer Zeit wieder die radikale Neuheit Jesu und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen stellen“. Das sei doch „genau das, was die Reformatoren in ihrer Zeit anregen wollten“.

„Dass ihr Ruf zur Erneuerung Entwicklungen auslöste, die zu Spaltungen unter den Christen führten, war wirklich tragisch. Die Gläubigen erlebten einander nicht mehr als Brüder und Schwestern im Glauben, sondern als Gegner und Konkurrenten. Allzu lange haben sie Feindseligkeiten gehegt und sich in Kämpfe verbissen, die durch politische Interessen und durch Machtstreben genährt wurden…“

Zum Glück sei das heute vorbei, urteilte Papst Franziskus. Allerdings müsse man die schmerzhafte Vergangenheit „in Demut und mit Freimut angehen“; darum sei es richtig, dass die Kirchen bald einen Buß- und Versöhnungsgottesdienst feiern wollten, um die „Erinnerung zu heilen“.

„So werden Sie – Katholiken und Protestanten in Deutschland – betend auf den starken Ruf antworten können, den Sie im Ursprungsland der Reformation gemeinsam vernehmen: in Gott das Gedächtnis zu reinigen, um innerlich erneuert und vom Heiligen Geist ausgesandt, dem Menschen von heute Jesus zu bringen.“

Der Papst lobte die gemeinsamen Initiativen von EKD und katholischer Kirche in Deutschland im Jahr des Reformationsgedenkens. Dabei erwähnte er u.a. die gemeinsame Pilgerreise von Bischöfen verschiedener Konfessionen ins Heilige Land. „Mögen die Wiederentdeckung der gemeinsamen Glaubensquellen, die Heilung der Erinnerung in Gebet und Nächstenliebe sowie die praktische Zusammenarbeit bei der Verbreitung des Evangeliums und dem Dienst an den Mitmenschen Impulse sein, um noch rascher auf dem Weg voranzukommen!“

„Wir wissen die Gaben der Reformation zu schätzen“

Jahrzehnte des „ökumenischen Miteinanders“ in Deutschland haben nach Ansicht des Papstes eine „geistliche Verbundenheit gefestigt“. Das mache es heute möglich, „das beiderseitige Versagen an der Einheit im Kontext der Reformation und der nachfolgenden Entwicklungen heute gemeinsam zu beklagen“. „Zugleich wissen wir – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben.“

Versöhnte Verschiedenheit ist eine Formulierung des reformierten Theologen und Konzils-Beobachters Oscar Cullmann, die das Ziel einer christlichen Einheit beschreibt. Der Lutherische Weltbund hat sich die „versöhnte Verschiedenheit“ als ökumenisches Leitbild auf die Fahnen geschrieben, und Franziskus hat sich schon in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires dazu bekannt.

Der Papst erinnerte an seine Teilnahme am Start des offiziellen Reformations-Gedenkjahres im schwedischen Lund Ende Oktober letzten Jahres. Er habe dort „für die Vergangenheit um Vergebung gebeten“, erinnerte er. „Für die Zukunft möchte ich unsere unwiderrufliche Verpflichtung bekräftigen, gemeinsam das Evangelium zu bezeugen und auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten. Indem wir dies gemeinsam tun, kommt auch der Wunsch auf, neue Wege einzuschlagen. Immer mehr lernen wir, uns zu fragen: Können wir diese Initiative mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus teilen? Können wir zusammen eine weitere Wegstrecke zurücklegen?“

„Dialog und Zusammenarbeit intensivieren“

Auf den Wunsch vieler Christen, vor allem konfessionsverschiedener Ehepaare, nach einer eucharistischen Gastfreundschaft (Interkommunion) ging Franziskus nicht ausdrücklich ein. Er erwähnte aber die „weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik“, die eine „sichtbare Einheit“ immer noch blockierten – zum Frust vieler Gläubiger.

„Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns,  vor allem im Dienst an denen, die am meisten leiden, und in der Fürsorge für die bedrohte Schöpfung.“

Zum Abschluss der Audienz betete der Papst mit seinen Besuchern aus Deutschland ein Vaterunser: auch das ein Zeichen dafür, was schon geht unter Christen verschiedener Konfessionen.

(rv 06.02.2017 sk)


Im Wortlaut:
Franziskus an deutsche ökumenische Delegation

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Radio Vatikan dokumentiert im vollen Wortlaut die Ansprache von Papst Franziskus an eine deutsche ökumenische Delegation, die anlässlich des Luther-Gedenkens nach Rom kommt.

Liebe Brüder und Schwestern,

mit Freude heiße ich Sie willkommen und begrüße Sie herzlich. Ich danke Herrn Landesbischof Bedford-Strohm für seine freundlichen Worte und freue mich über die Anwesenheit von Kardinal Marx: Dass der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz die Delegation der evangelischen Kirche in Deutschland begleitet, ist eine Frucht langjähriger Zusammenarbeit und Ausdruck einer im Laufe der Jahre gereiften ökumenischen Beziehung. Ich wünsche Ihnen, dass Sie auf diesem segensreichen Weg des geschwisterlichen Miteinanders vorankommen und mutig und entschlossen auf eine immer vollkommenere Einheit hin fortschreiten. Wir haben die gleiche Taufe: Wir müssen zusammen gehen, ohne müde zu werden!

Es ist bedeutsam, dass anlässlich des 500. Jahrestags der Reformation  evangelische und katholische Christen das gemeinsame Gedenken der geschichtsträchtigen Ereignisse der Vergangenheit zum Anlass nehmen, um Christus erneut ins Zentrum ihrer Beziehungen zu stellen. Gerade » die Frage nach Gott «, die Frage: » Wie kriege ich einen gnädigen Gott? «  war » die tiefe Leidenschaft und Triebfeder [des] Lebens und [des] ganzen Weges « von Martin Luther (Benedikt XVI., Begegnung mit den Vertretern der evangelischen Kirche in Deutschland, 23. September 2011). Was die Reformatoren beseelte und beunruhigte, war im Grunde der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Das muss uns auch heute am Herzen liegen, nachdem wir dank Gottes Hilfe wieder einen gemeinsamen Weg eingeschlagen haben. Dieses Gedenkjahr bietet uns die Gelegenheit, einen weiteren Schritt vorwärts zu tun, indem wir nicht grollend auf die Vergangenheit schauen, sondern im Sinne Christi und in der Gemeinschaft mit ihm, um den Menschen unserer Zeit wieder die radikale Neuheit Jesu und die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes vor Augen zu stellen: genau das, was die Reformatoren in ihrer Zeit anregen wollten. Dass ihr Ruf zur Erneuerung Entwicklungen auslöste, die zu Spaltungen unter den Christen führten, war wirklich tragisch. Die Gläubigen erlebten einander nicht mehr als Brüder und Schwestern im Glauben, sondern als Gegner und Konkurrenten. Allzu lange haben sie Feindseligkeiten gehegt und sich in Kämpfe verbissen, die durch politische Interessen und durch Machtstreben genährt wurden, und scheuten bisweilen nicht einmal davor zurück, einander Gewalt anzutun, Bruder gegen Bruder. Heute hingegen sagen wir Gott Dank, dass wir endlich » alle Last […] abwerfen« und brüderlich » mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist, und dabei auf Jesus blicken « (Hebr 12,1-2).

Ich bin Ihnen dankbar, weil Sie vorhaben, mit diesem Blick gemeinsam in Demut und mit Freimut eine Vergangenheit anzugehen, die uns schmerzt, und in Kürze miteinander einen bedeutenden Akt der Buße und der Versöhnung zu vollziehen: einen ökumenischen Gottesdienst unter dem Leitwort „Erinnerung heilen – Jesus Christus bezeugen“. So werden Sie – Katholiken und Protestanten in Deutschland – betend auf den starken Ruf antworten können, den Sie im Ursprungsland der Reformation gemeinsam vernehmen: in Gott das Gedächtnis zu reinigen, um innerlich erneuert und vom Heiligen Geist ausgesandt, dem Menschen von heute Jesus zu bringen. Mit diesem Zeichen und weiteren für dieses Jahr vorgesehenen Initiativen – der gemeinsamen Pilgerreise ins Heilige Land, der gemeinsamen Bibeltagung zur Vorstellung der neuen Bibelübersetzungen und dem ökumenischen Tag zum Thema der gesellschaftlichen Verantwortung der Christen – beabsichtigen Sie, dem Christusfest, das Sie anlässlich des Reformationsgedenkens gemeinsam feiern wollen, eine konkrete Gestalt zu verleihen. Mögen die Wiederentdeckung der gemeinsamen Glaubensquellen, die Heilung der Erinnerung in Gebet und Nächstenliebe sowie die praktische Zusammenarbeit bei der Verbreitung des Evangeliums und dem Dienst an den Mitmenschen Impulse sein, um noch rascher auf dem Weg voranzukommen.

Dank der geistlichen Verbundenheit, die sich in diesen Jahrzehnten des ökumenischen Miteinanders gefestigt hat, können wir das beiderseitige Versagen an der Einheit im Kontext der Reformation und der nachfolgenden Entwicklungen heute gemeinsam beklagen. Zugleich wissen wir – in der Wirklichkeit der einen Taufe, die uns zu Brüdern und Schwestern macht, und im gemeinsamen Hören auf den Geist – in einer bereits versöhnten Verschiedenheit die geistlichen und theologischen Gaben zu schätzen, die wir von der Reformation empfangen haben. In Lund habe ich am vergangenen 31. Oktober dem Herrn dafür gedankt und für die Vergangenheit um Vergebung gebeten. Für die Zukunft möchte ich unsere unwiderrufliche Verpflichtung bekräftigen, gemeinsam das Evangelium zu bezeugen und auf dem Weg zur vollen Einheit voranzuschreiten. Indem wir dies gemeinsam tun, kommt auch der Wunsch auf, neue Wege einzuschlagen. Immer mehr lernen wir, uns zu fragen: Können wir diese Initiative mit unseren Brüdern und Schwestern in Christus teilen? Können wir zusammen eine weitere Wegstrecke zurücklegen?

Die weiter bestehenden Differenzen in Fragen des Glaubens und der Ethik bleiben Herausforderungen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit, nach der sich unsere Gläubigen sehnen. Der Schmerz wird besonders von den Eheleuten empfunden, die verschiedenen Konfessionen angehören. Besonnen müssen wir uns mit inständigem Gebet und all unseren Kräften darum bemühen, die noch bestehenden Hindernisse zu überwinden durch eine Intensivierung des theologischen Dialogs und durch eine Stärkung der praktischen Zusammenarbeit unter uns,  vor allem im Dienst an denen, die am meisten leiden, und in der Fürsorge für die bedrohte Schöpfung. In einer Zeit, in der die Menschheit durch tiefe Risse verwundet ist und neue Formen von Ausschließung und Ausgrenzung erfährt,  ruft die dringende Aufforderung Jesu zur Einheit (vgl. Joh 17,21) uns wie auch die gesamte Menschheitsfamilie auf den Plan. Auch daher ist unsere Verantwortung groß!

In der Hoffnung, dass diese Begegnung die Gemeinschaft zwischen uns weiter stärkt, bitte ich den Heiligen Geist, der Einheit schafft und erneuert, Sie auf Ihrem gemeinsamen Weg mit dem Trost, der von Gott kommt (vgl. 2 Kor 1,4), zu kräftigen und Ihnen seine prophetischen und kühnen Wege aufzuzeigen. Von Herzen rufe ich den Segen Gottes auf Sie alle und auf Ihre Gemeinschaften herab und bitte Sie, im Gebet an mich zu denken. Ich danke Ihnen sehr [und möchte Sie einladen, jetzt zusammen das Vaterunser zu sprechen].

(rv 06.02.2017 gs)

Kardinal Koch: Einsatz linker Parteien für Muslime verwundert

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Kardinal Kurt Koch

Kurienkardinal Kurt Koch wundert sich über den Einsatz von Parteien des linken Spektrums für Muslime. Viele Überzeugungen im Islam entsprächen nicht deren parteipolitischen Linien, sagte der vatikanische Ökumene-Verantwortliche in einem am Dienstag veröffentlichten Interview der Düsseldorfer „Rheinischen Post“.

Was die Präsenz des Islam in Europa betreffe, darf es laut Koch auf der einen Seite keine Panik geben und auf der anderen Seite keine Verharmlosung von vorhandenen Problemen. „Zudem ist in Europa nicht die Stärke des Islams, sondern die Schwäche des Christentums das eigentliche Problem“, so Koch.

Die heutige Krise in Europa lasse sich nur überwinden, wenn die christlichen Wurzeln wieder entdeckt würden, sagte der aus der Schweiz stammende Kurienkardinal. „Wer seine eigene Vergangenheit nicht kennt oder sie leugnet, wird keine Zukunft haben.“ Europa sei nicht nur eine ökonomische, sondern zuerst eine geistig-kulturelle Größe.

Im Blick auf die Ökumene sagte der Kardinal, schnelle Durchbrüche seien nicht zu erwarten. „Das Hauptproblem besteht heute darin, dass wir weitgehend keine gemeinsame Sicht des Ziels der Ökumene mehr haben“, sagte der Präsident des Päpstlichen Rats für die Einheit der Christen.

Für die Katholiken bestehe das Ziel der Ökumene in der sichtbaren Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in den kirchlichen Ämtern, führte Koch aus. Demgegenüber erblickten nicht wenige der aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen das Ziel bereits darin, „dass sich die Kirchen so, wie sie heute sind, einander als Kirchen und damit als Teile der einen Kirche Jesu Christi anerkennen“. Wenn kein Konsens darüber bestehe, „wohin die ökumenische Reise gehen soll, ist es schwierig, die nächsten Schritte anzuvisieren“.

Christusgeheimnis betonen

Kardinal Koch wandte sich aber dagegen, die ökumenischen Fortschritte geringzuschätzen: „Wenn man bedenkt, was sich Lutheraner und Katholiken in der Geschichte wechselseitig angetan haben, sollte man es nicht banalisieren, dass heute beide friedlich miteinander leben. Und wenn beide sich beim Reformationsgedenken auf das Christusgeheimnis als Kern des christlichen Glaubens zurückbesinnen, wird dies für beide Kirchen und für die Ökumene gewiss nicht ohne Folgen sein.“

Für den Kurienkardinal wollte Martin Luther vor 500 Jahren die katholische Kirche erneuern und nicht spalten. „Sein Grundanliegen, die Kirche in der damaligen Zeit wieder zum Kern des Evangeliums zurückzuführen, ist positiv zu würdigen“, so der Präsident des Einheitsrates mit Blick auf das aktuelle Reformationsgedenken. Dass etwas anderes daraus entstanden sei, hänge auch mit den politischen Verwicklungen zusammen, in die sein Reformanliegen geraten sei, sagte Koch.

(kna 22.11.2016 mg)