Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

Kardinal Kurt Koch Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der „Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche“ gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die „Gnadenvolle“, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?  

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, „von jener Stunde an“ habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem „ökumenischen Ja“ zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi?

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Papst Franziskus: Frühmesse: „Die Kirche ist wie Maria: Frau und Mutter“

Frühmesse mit dem Papst am Pfingstmontag und ersten Tag des neuen liturgischen Festes „Maria, Mutter der Kirche“

Die Kirche ist „weiblich“, sie ist „Mutter und Braut“. Wo dieser Aspekt fehlt, verliert sie ihre Fähigkeit, „zu lieben und fruchtbar zu sein“, wird zu einer „Kirche alter Junggesellen.“ Dies stellte der Papst pünktlich zur Einführung des neuen Marienfestes „Maria, Mutter der Kirche“ in seiner Frühmesse heraus.

Silvia Kritzenberger und Barbara Castelli – Vatikanstadt

Papst Franziskus setzt sich für eine deutlichere weibliche Präsenz in der Kirche ein. Dazu passt, dass auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin künftig am Pfingstmontag immer das neue Marienfest weltweit gefeiert wird. Ein Fest, das – wie Franziskus hofft – „dem Verständnis der Mutterschaft der Kirche und der unverfälschten Marienfrömmigkeit zuträglich sein kann.“

Die Mutterschaft Mariens

Die „Mutterschaft“ Mariens komme in den Evangelien vor allem dadurch zum Ausdruck, dass sie als „Mutter Jesu“ bezeichnet werde, und nicht als „Gemahlin“ oder „Witwe des Josef“, so der Papst bei seiner Frühmesse: ihre Mutterschaft zieht sich wie ein roter Faden durch die Heilige Schrift, von der Verkündigung des Engels bis zum Ende. Dass diese Mutterschaft eine ganz besondere Gabe an die Kirche ist, hätten bereits die Kirchenväter erkannt.

„Die Kirche ist weiblich, weil die Kirche ‚Braut‘ ist: sie ist weiblich! Sie ist Mutter, schenkt Leben. Braut und Mutter!“ betonte der Papst. Und er erinnerte daran, dass die Kirchenväter sogar noch weiter gegangen seien: „‚Auch deine Seele ist Braut Christi und Mutter!‘ haben sie gesagt.“ In dieser Gesinnung, die von Maria kommt, die Mutter der Kirche ist, könnten wir – so Franziskus – diese weibliche Dimension der Kirche verstehen. Eine Dimension, die die Kirche dort, wo sie fehlt, „ihre wahre Identität verlieren lässt, sie auf einen Wohltätigkeitsverein reduziert; auf etwas, das wie ein Fußballverein, wie alles Mögliche ist, nur nicht Kirche!“

„Nein“ zu einer Kirche „alter Junggesellen“

Nur eine weibliche Kirche könne „fruchtbar“ sein nach dem Plan Gottes, dessen Wunsch es war, „von einer Frau geboren zu werden, um uns in den Wegen der Frau zu unterweisen,“ führte der Papst aus.

„Das Wichtige ist, dass die Kirche Frau ist, dass sie die Dimension der Braut und Mutter hat. Wenn wir das vergessen, ohne diese Dimension, ist sie eine männliche Kirche,“ warnte der Papst. Dann werde sie zu einer Kirche „alter Junggesellen: in sich selbst verschlossen; unfähig zu lieben; unfähig, fruchtbar zu sein.“ Weiter führte er aus: „Ohne die Frau kommt die Kirche nicht voran, gerade weil sie Frau ist. Und diese Dimension der Frau wurde ihr von Maria gegeben, weil es Jesus so gewollt hat.“

Die Zärtlichkeit einer Mutter

Wie Franziskus anmerkte, sei die wichtigste Tugend, die eine Frau auszeichnet, die Zärtlichkeit. In der Bibel heißt es von Maria: „Und sie gebar ihren erstgeborenen Sohn, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe.“ Fürsorglichkeit, in Sanftmut und Demut: das seien die schönsten Eigenschaften einer Mutter, brachte es der Papst auf den Punkt.

„Eine Kirche, die Mutter ist, schlägt den Weg der Zärtlichkeit ein. Sie kennt die Sprache der Weisheit, die in der Zärtlichkeit liegt, in der Stille; in einem Blick voller Barmherzigkeit,“ führte Papst Franziskus aus, und er merkte an: „Und der Mensch, der die Zugehörigkeit zur Kirche lebt und weiß, dass sie auch Mutter ist, muss genau diesen Weg gehen: den des Menschen, der demütig und zärtlich ist, immer ein Lächeln auf den Lippen und voller Liebe.“

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Papst Franziskus: Die Kraft der Veränderung des Heiligen Geistes

Papst Franziskus – Heilige Messe am Pfingstfest 20.5.2018

Franziskus an Pfingsten: der Geist ist die Ruhe in der Unrast; der Trost in Leid und Tod. Er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens

Rom (kath.net) Am Hochfest Pfingsten feierte Papst Franziskus die heilige Messe in der Petersbasilika.

„Der Geist befreit die von der Angst versiegelten Seelen. Er überwindet Widerstände. Diejenigen, die sich mit dem Mittelmäßigen begnügen, konfrontiert er mit einem Überschwang an Gaben. Er weitet die engen Herzen. Er drängt diejenigen zum Dienst, die es sich bequem gemacht haben. Er bringt die zum Gehen, die meinen, sie seien am Ziel angekommen. Er lässt diejenigen träumen, die von Lauheit befallen sind. Darin also besteht die Verwandlung der Herzen.

Viele versprechen Zeiten der Veränderung, Neuanfänge, grandiose Neuerungen, aber die Erfahrung zeigt, dass kein irdischer Versuch, die Dinge zu verändern, das menschliche Herz vollständig befriedigt. Die Verwandlung durch den Geist ist anders: Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen, ohne jemals des Lebens müde zu werden. Der Geist hält das Herz jung.“

„Außer den Herzen verändert der Geist das Zeitgeschehen. Wie der Wind überall weht, so bahnt auch er sich seinen Weg in die unwahrscheinlichsten Situationen hinein. In der Apostelgeschichte – einem Buch, das es wirklich zu entdecken gilt und in dem der Geist die Hauptrolle spielt – erleben wir eine kontinuierliche Dynamik voller Überraschungen.“

„Er wird seine Kraft der Veränderung mit sich bringen, eine einzigartige Kraft, die sozusagen gleichzeitig zentripetal als auch zentrifugal ist. Sie ist zentripetal, d.h. sie ist auf das Zentrum hin ausgerichtet, weil sie im Inneren des Herzens wirkt. Sie führt zu Einheit in der Zersplitterung, zu Frieden in der Not, zu Standhaftigkeit in der Versuchung. Paulus erinnert in der Zweiten Lesung daran, wenn er schreibt, dass die Frucht des Geistes Freude, Friede, Treue und Selbstbeherrschung ist (vgl. Gal 5,22). Der Geist schenkt Intimität mit Gott, die innere Kraft um weiterzukommen. Aber gleichzeitig ist er eine Zentrifugalkraft, die nach außen wirkt. Derjenige, der zum Zentrum führt, ist derselbe, der an die Peripherie sendet, an jede menschliche Peripherie. Er, der uns Gott offenbart, drängt uns zu unseren Brüdern und Schwestern. Er sendet uns, er macht uns zu Zeugen und dazu gießt er uns – wie Paulus schreibt – Liebe, Wohlwollen, Güte und Sanftmut ein.

Nur im Geist, der unser Beistand ist, sagen wir Worte des Lebens und ermutigen wir andere wirklich. Wer nach dem Geist lebt, steht in dieser geistlichen Spannung: er steht gleichzeitig in Beziehung zu Gott und zur Welt.“

„Heiliger Geist, Gottes heftiger Sturm, erfasse uns. Wehe in unseren Herzen und lass uns die Zärtlichkeit des Vaters atmen. Erfasse die Kirche und treibe sie bis zu den Enden der Erde, damit sie von dir getragen, nichts Anderes bringe als dich. Hauche der Welt die sanfte Frühlingswärme des Friedens und die frische Erquickung der Hoffnung ein. Komm, Heiliger Geist, verwandle unser Inneres und erneuere das Antlitz der Erde.“

kath.net veröffentlicht die Predigt von Papst Franziskus bei der heiligen Messe in der Petersbasilika am Hochfest Pfingsten 2018: 

In der ersten Lesung wird das Kommen des Heiligen Geistes an Pfingsten mit einem heftigen Sturm (vgl. Apg 2,2) verglichen. Was sagt uns dieses Bild? Der heftige Sturm lässt uns an eine große Kraft denken, die aber nicht um ihrer selbst willen da ist: Es ist eine Kraft, die die Wirklichkeit verändert. Der Wind bringt tatsächlich Veränderung: warme Strömungen bei Kälte, kühle Strömungen bei Hitze, Regen bei Trockenheit… Auch der Heilige Geist bewirkt solches, wenn auch auf einer anderen Ebene: Er ist die göttliche Kraft, die die Welt verwandelt. Die Sequenz hat uns daran erinnert. Der Geist ist die Ruhe in der Unrast; der Trost in Leid und Tod; und so bitten wir ihn: »Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein, heile du, wo Krankheit quält«. Er begibt sich in Situationen hinein und verwandelt sie; er verwandelt die Herzen und verändert das Zeitgeschehen.

Er verwandelt die Herzen. Jesus hatte zu seinen Aposteln gesagt: Ihr »werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen […] und ihr werdet meine Zeugen sein« (Apg 1,8). Und genau so ist es geschehen: Die Jünger, die anfangs ängstlich waren und sich auch nach der Auferstehung des Meisters hinter verschlossenen Türen versteckt hielten, werden vom Geist verwandelt und, wie Jesus im heutigen Evangelium verkündet, »legen für ihn Zeugnis ab« (vgl. Joh 15,27). Aus zaudernden werden mutige Jünger, und von Jerusalem aus machen sie sich auf bis zu den Enden der Erde. Als Jesus unter ihnen war, waren sie furchtsam, ohne ihn nun sind sie mutig, denn der Geist hat ihre Herzen verwandelt.

Der Geist befreit die von der Angst versiegelten Seelen. Er überwindet Widerstände. Diejenigen, die sich mit dem Mittelmäßigen begnügen, konfrontiert er mit einem Überschwang an Gaben. Er weitet die engen Herzen. Er drängt diejenigen zum Dienst, die es sich bequem gemacht haben. Er bringt die zum Gehen, die meinen, sie seien am Ziel angekommen. Er lässt diejenigen träumen, die von Lauheit befallen sind. Darin also besteht die Verwandlung der Herzen. Viele versprechen Zeiten der Veränderung, Neuanfänge, grandiose Neuerungen, aber die Erfahrung zeigt, dass kein irdischer Versuch, die Dinge zu verändern, das menschliche Herz vollständig befriedigt. Die Verwandlung durch den Geist ist anders: Er revolutioniert nicht das Leben um uns herum, sondern verändert unser Herz; er befreit uns nicht mit einem Schlag von unseren Problemen, sondern er macht uns im Innern frei, damit wir sie in Angriff nehmen; er gibt uns nicht alles auf einmal, aber er lässt uns zuversichtlich weitergehen, ohne jemals des Lebens müde zu werden. Der Geist hält das Herz jung.

Früher oder später vergeht die Jugendzeit trotz aller Versuche, sie zu verlängern; der Geist hingegen ist es, der das einzig ungesunde Altern, nämlich das innere, verhindert. Wie macht er das? Indem er das Herz erneuert und dem sündigen Herzen Vergebung zuteilwerden lässt.

Das ist die große Veränderung: Uns Schuldige macht er zu Gerechten, und so ändert sich alles, denn aus Sklaven der Sünde werden wir zu freien Menschen, aus Knechten zu Söhnen, aus Verworfenen zu geschätzten Freunden, aus Enttäuschten zu Hoffenden. Auf diese Weise lässt der Heilige Geist die Freude neu erstehen und im Herzen den Frieden erblühen.

Wir lernen also heute, was zu tun ist, wenn wir echter Veränderungen bedürfen. Wer von uns braucht sie nicht? Vor allem, wenn wir am Boden sind, wenn wir unter der Last des Lebens stöhnen, wenn unsere Schwächen uns bedrücken, wenn es schwierig ist vorwärts zu gehen und wenn es unmöglich erscheint zu lieben. Dann brauchen wir einen kräftiges „Stärkungsmittel“: Und das ist Er, das ist die Kraft Gottes. Der Geist ist es, der „Leben gibt“, wie wir im „Credo“ bekennen. Wie gut täte es uns, jeden Tag dieses Stärkungsmittel des Lebens zu uns zu nehmen und etwa beim Aufwachen zu sagen: „Komm, Heiliger Geist, komm in mein Herz, komm in meinen Tag“.

Außer den Herzen verändert der Geist das Zeitgeschehen. Wie der Wind überall weht, so bahnt auch er sich seinen Weg in die unwahrscheinlichsten Situationen hinein. In der Apostelgeschichte – einem Buch, das es wirklich zu entdecken gilt und in dem der Geist die Hauptrolle spielt – erleben wir eine kontinuierliche Dynamik voller Überraschungen.

Als die Jünger es nicht erwarten, sendet der Geist sie zu den Heiden. Er eröffnet neue Wege, wie in der Begebenheit mit dem Diakon Philippus. Der Geist führt ihn auf eine verlassene Straße zwischen Jerusalem und Gaza – Was für einen traurigen Klang dieser Name heute hat! Der Geist verändere die Herzen und die Verhältnisse und bringe Frieden ins Heilige Land –. Auf diesem Weg predigt Philippus dem äthiopischen Beamten und tauft ihn; dann führt ihn der Geist nach Aschdot und nach Cäsarea: immer in neue Situationen, damit er Gottes Botschaft verbreite. Dann ist da auch Paulus, der »gebunden durch den Geist« (Apg 20,22), bis an die Enden der Erde reist und Völkern das Evangelium bringt, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Wenn der Geist da ist, geschieht immer etwas; wenn er weht, gibt es keine Flaute.

Wenn das Leben unserer Gemeinschaften durch Zeiten der „Mattheit“ geht, in denen die häusliche Idylle der Neuheit Gottes vorgezogen wird, ist das ein schlechtes Zeichen. Es bedeutet nämlich, dass man Schutz vor dem Wind des Geistes sucht. Wenn man für die Selbsterhaltung lebt und darüber nicht hinauskommt, ist das kein schönes Zeichen. Der Geist weht, aber wir holen die Segel ein. Und doch haben wir viele Male gesehen, wie er Wunderbares bewirkt.

Oft, gerade in den dunkelsten Zeiten, hat der Geist die strahlendste Heiligkeit hervorgebracht! Er ist die Seele der Kirche, er beseelt sie immer neu mit Hoffnung, erfüllt sie mit Freude, befruchtet sie mit Neuem, schenkt ihr Knospen neuen Lebens. Es ist, wie wenn in einer Familie ein Kind geboren wird: Es bringt den Zeitplan durcheinander, lässt einen nicht schlafen, schenkt dafür aber eine Freude, die das Leben erneuert, die ihm Antrieb verleiht und es in der Liebe weit macht. Ja, der Geist bringt ein „Aroma“ von Kindheit in die Kirche. Er bewirkt ein beständiges Wiederaufleben. Er frischt die Liebe des Anfangs wieder auf.

Der Geist erinnert die Kirche daran, dass sie trotz ihrer jahrhundertealten Geschichte immer eine zwanzigjährige ist, die junge Braut, in die der Herr hoffnungslos verliebt ist. So lasst uns nicht müde werden, den Geist in unser Lebensumfeld einzuladen, und ihn vor jeder Tätigkeit unsererseits anzurufen: „Komm, Heiliger Geist!“.

Er wird seine Kraft der Veränderung mit sich bringen, eine einzigartige Kraft, die sozusagen gleichzeitig zentripetal als auch zentrifugal ist. Sie ist zentripetal, d.h. sie ist auf das Zentrum hin ausgerichtet, weil sie im Inneren des Herzens wirkt. Sie führt zu Einheit in der Zersplitterung, zu Frieden in der Not, zu Standhaftigkeit in der Versuchung. Paulus erinnert in der Zweiten Lesung daran, wenn er schreibt, dass die Frucht des Geistes Freude, Friede, Treue und Selbstbeherrschung ist (vgl. Gal 5,22). Der Geist schenkt Intimität mit Gott, die innere Kraft um weiterzukommen. Aber gleichzeitig ist er eine Zentrifugalkraft, die nach außen wirkt.

Derjenige, der zum Zentrum führt, ist derselbe, der an die Peripherie sendet, an jede menschliche Peripherie. Er, der uns Gott offenbart, drängt uns zu unseren Brüdern und Schwestern. Er sendet uns, er macht uns zu Zeugen und dazu gießt er uns – wie Paulus schreibt – Liebe, Wohlwollen, Güte und Sanftmut ein. Nur im Geist, der unser Beistand ist, sagen wir Worte des Lebens und ermutigen wir andere wirklich. Wer nach dem Geist lebt, steht in dieser geistlichen Spannung: er steht gleichzeitig in Beziehung zu Gott und zur Welt.

Bitten wir ihn darum, so sein zu dürfen. Heiliger Geist, Gottes heftiger Sturm, erfasse uns. Wehe in unseren Herzen und lass uns die Zärtlichkeit des Vaters atmen. Erfasse die Kirche und treibe sie bis zu den Enden der Erde, damit sie von dir getragen, nichts Anderes bringe als dich. Hauche der Welt die sanfte Frühlingswärme des Friedens und die frische Erquickung der Hoffnung ein. Komm, Heiliger Geist, verwandle unser Inneres und erneuere das Antlitz der Erde. Amen.

 

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Lehren und Weisungen der Päpste: PAPST LEO XIII. (1878-1903)

Aus der Enzyklika »Inscrutabili Dei consilio« (21. April 1878): Zum Beginn seines Pontifikates. — Rund­schreiben Leos XIII., Herder (Freiburg) I (1881), 2-8.

Zeitübel und ihre Ursache

. . . Gleich bei Beginn unseres Pontifikates stellt sich uns das traurige Bild aller Übel dar, die auf dem menschlichen Geschlechte allüberall lasten: diese soweit verbreitete Untergrabung der höchsten Wahrheiten, auf denen, wie auf einem festen Fundamente, der Bestand der menschlichen Gesellschaft ruht; diese Verwegenheit der Geister, die keine rechtmäßige Gewalt über sich dulden wollen; diese beständige Ursache von Zwietracht, aus der Kämpfe im Innern, wilde und blutige Kriege entstehen; die Verachtung der Gesetze, welche die Sit­ten regeln und die Gerechtigkeit beschützen; die unersättliche Gier nach den vergänglichen Dingen und Vergessenheit der ewigen bis zu jener wahnsinnigen Wut, in der so viele Un­glückliche allenthalben ohne Scheu Hand an sich selbst legen; die leichtsinnige Verwaltung der öffentlichen Güter, deren Vergeudung und Unterschlagung; und dabei die Unverschämt­heit jener, die, während sie am meisten betrügen, sich so gebärden, daß es scheint, sie seien die Vorkämpfer des Vaterlandes, der Freiheit und jedweden Rechtes; jene gewissermaßen todbringende Seuche endlich, welche die innersten Glieder der menschlichen Gesellschaft un­vermerkt durchdringt, sie nicht zur Ruhe kommen läßt und ihr neue Umwälzungen und einen unheilvollen Ausgang ankündigt.

Die Ursache dieser Übel aber, wie wir überzeugt sind, liegt darin, daß jene heilige und er­habene Autorität der Kirche verachtet und hintangesetzt wurde, die im Namen Gottes dem Menschengeschlechte vorsteht und jedweder rechtmäßigen Autorität ein Schutz und Schirm ist. Da die Feinde der öffentlichen Ordnung dies wohl einsahen, so hielten sie nichts für geeigneter, um die Fundamente der Gesellschaft zu untergraben, als die Kirche Gottes in hartnäckigem Kampfe anzugreifen, und, indem sie durch schändliche Verleumdungen, als ob die Kirche der wahren bürgerlichen Gesittung im Wege stände, Mißgunst und Haß gegen sie erregten, ihre Autorität und ihren Einfluß von Tag zu Tag durch neue Wunden zu schwä­chen, die oberste Gewalt des römischen Papstes zu untergraben, der da Schirm und Hort der ewigen und unwandelbaren Grundsätze der Sitte und Gerechtigkeit ist. Daher stammen denn auch jene zu unserem Bedauern in sehr vielen Ländern erlassenen Gesetze, welche die gött­liche Verfassung der katholischen Kirche zu erschüttern geeignet sind; daher die Hintan­setzung der bischöflichen Gewalt, die Hindernisse, die man der Ausübung des geistlichen Amtes entgegenstellt, die Auflösung der religiösen Genossenschaften, die Einziehung der Güter, die den Dienern der Kirche und den Armen Unterhalt gaben. Daher ist es gekom­men, daß die öffentlichen, der christlichen Liebe und Mildtätigkeit gewidmeten Anstalten der heilsamen Leitung durch die Kirche entzogen wurden; daher jene zügellose Freiheit, alles, was nur immer schlecht ist, zu lehren und zu veröffentlichen, während dagegen das Recht der Kirche auf den Unterricht und die Erziehung der Jugend in jeglicher Weise ver­letzt und unterdrückt wird. Und dahin zielt auch die Besitznahme der weltlichen Herr­schaft, welche die göttliche Vorsehung vor vielen Jahrhunderten dem römischen Papste verliehen hat, damit er frei und ungehindert die ihm von Christus gegebene Gewalt zum ewigen Heile der Völker ausübe . . .

Enzyklika »Quod Apostolici muneris« (28. Dezember 1878). — Rundschreiben 1,27-51; — vgl Marmy—Schafer—Rohrbasser (MSR), Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau, 118-130.

Über den Sozialismus

Wie es unser apostolisches Amt von uns forderte, haben wir alsbald zu Beginn unseres Pontifikates nicht unterlassen, durch ein Rundschreiben (Inscrut. Dei cons., ASSX [1890], 585-592), das wir an euch, ehrwürdige Brüder, richteten, hinzuweisen auf die todbringende Seuche, welche die innersten Glieder der menschlichen Gesellschaft durchdringt und ihr die äußerste Gefahr bereitet; zugleich haben wir auch auf die höchst wirksamen Heilmittel hin­gewiesen, durch welche sie wieder Rettung erlangen und den gewaltigen Gefahren, die ihr drohen, entfliehen kann. Aber die Übel, welche wir damals beklagten, sind seit kurzem der­art gewachsen, daß wir uns genötigt sehen, wieder an euch unsere Worte zu richten, da der Prophet uns gewissermaßen in die Ohren ruft: »Rufe, höre nicht auf, wie eine Posaune erhebe deine Stimme (Is 58,1).« Ihr seht gewiß leicht ein, ehrwürdige Brüder, daß wir von der Partei jener Menschen reden, welche mit verschiedenen und fast barbarischen Namen Sozialisten, Kommunisten oder Nihilisten genannt werden und über die ganze Erde ver­breitet sind und, durch ein verwerfliches Bündnis in engster Gemeinschaft miteinander ste­hend, nicht länger mehr durch das Dunkel verborgener Zusammenkünfte sich zu schützen suchen, sondern öffentlich und keck hervortreten, um ihren schon längst gehegten Plan, die Grundlagen jedweder bürgerlicher Gesellschaft umzustoßen, zur Ausführung zu bringen. Es sind nämlich jene, welche, wie das Wort Gottes sagt, »das Fleisch beflecken, die Obrigkeit verachten und die Würde lästern (Jud 8)«. Nichts von alldem, was nach göttlichem und menschlichem Rechte zur Wohlfahrt und zum Schmucke des Lebens weise geordnet ist, lassen sie unberührt, noch unverletzt. Den höheren Gewalten, denen nach der Lehre des Apostels jede Seele untertan sein soll, und die von Gott das Recht zu gebieten zu Lehen empfangen, verweigern sie den Gehorsam und verkünden eine vollständige Gleichheit aller Menschenrechte und Pflichten. Die auf der Natur beruhende Vereinigung zwischen Mann und Weib, selbst barbarischen Völkern heilig, entwürdigen sie, und das Band derselben, auf dem die häusliche Gesellschaft vorzugsweise ruht, lockern sie oder geben es sogar der Wollust preis. Hingerissen endlich von der Gier nach den gegenwärtigen Gütern, »welche die Wurzel aller Übel ist, und sich ihr ergebend, sind einige vom Glauben abgewichen (1Tim 6,10)«, bekämpfen sie das durch die Natur geheiligte Eigentumsrecht, und indem sie den Bedürfnissen aller Menschen zu dienen und ihren Wünschen zu entsprechen scheinen, suchen sie durch unsäglichen Frevel zu rauben und als Gemeingut zu erklären, was immer auf Grund rechtmäßiger Erbschaft, oder durch geistige und körperliche Arbeit oder durch Sparsamkeit erworben wurde. Und diese ungeheuerlichen Irrtümer verkünden sie in ihren Versammlungen, verbreiten sie durch Schriften, werfen sie durch eine Flut von Tagesblät­tern unter die Menge. Hierdurch erregten sie einen solchen Haß unter dem aufrührerischen Volke gegen die ehrwürdige Majestät und Gewalt der Herrscher, daß verbrecherische Ver­räter jede Zurückhaltung abwarfen und in kurzer Zeit mehr als einmal in gottlosem Wagnis gegen das Staatsoberhaupt selbst die Waffen kehrten.

Der Ursprung aus Rationalismus und Liberalismus

Diese Verwegenheit gewissenloser Menschen aber, welche von Tag zu Tag die bürgerliche Gesellschaft mit immer größerem Verderben bedroht und alle Gemüter mit Furcht und Angst erfüllt, hat ihren Grund und Ursprung in jenen giftträchtigen Lehren, welche vor­dem einem bösen Samen gleich unter die Völker ausgestreut wurden und nun zu ihrer Zeit solch todbringende Früchte getragen haben. Denn ihr wißt wohl, ehrwürdige Brüder, daß der erbitterte Kampf der zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts von den Neuerern gegen die katholische Kirche begonnen wurde, und der bis jetzt immer heftiger entbrannte, keinen anderen Zweck hat, als daß nach Ablehnung jeder Offenbarung und Zerstörung jeder über­natürlichen Ordnung die Erfindungen der Vernunft allein oder vielmehr deren Verirrungen zur Herrschaft gelangen. Dieser Irrtum, der mit Unrecht seinen Namen von der Vernunft herleitet, hat, wie von selbst, nicht bloß die Gemüter sehr vieler Menschen, sondern auch die bürgerliche Gesellschaft weithin druchdrungen, da er dem von Natur aus dem Menschen angeborenen Trieb nach Auszeichnung schmeichelt und denselben reizt und den Begierden jeder Art die Zügel schießen läßt. Daher hat man einer neuen und selbst für die Heiden un­erhörten Gottlosigkeit sich schuldig gemacht, indem man Staatswesen gründete ohne jede Rücksicht auf Gott und die von ihm gesetzte Ordnung; die öffentliche Autorität, so lehrt man, habe weder ihren Ursprung, noch ihre Majestät, noch ihre Befehlsgewalt von Gott, sondern vielmehr von der Volksmasse, welche, jeder göttlichen Satzung ledig, nur jenen Gesetzen zu unterstehen sich herbeiließ, die sie selbst nach Gutdünken gegeben hatte. Nach­dem man die übernatürlichen Glaubenswahrheiten als vernunftwidrig bekämpft und ver­worfen, wird der Urheber und Erlöser des menschlichen Geschlechtes selbst nach und nach in steigendem Maße aus den Hoch- und Mittelschulen und aus allen öffentlichen Bereichen des menschlichen Lebens verbannt. Da man endlich die Belohnungen und Strafen des ewigen Lebens vergessen hat, so beschränkt sich das glühende Verlangen nach Glück auf den engen Kreis dieses irdischen Lebens. Indem nun solche Lehre überallhin verbreitet wurde, und allenthalben diese wilde Zügellosigkeit in Denken und Handeln ins Leben trat, ist es nicht zu verwundern, daß Leute aus dem niedersten Stande, ihrer armen Wohnung oder Werk­stätte überdrüssig, über die Paläste und Güter der Reicheren herzufallen verlangen; ebenso ist es nicht zu verwundern, daß im öffentlichen und häuslichen Leben keine Sicherheit mehr besteht, und das menschliche Geschlecht bereits am Rande des Verderbens angelangt ist …

Gegensätze zwischen Christentum und Sozialismus

Wenngleich aber die Sozialisten das Evangelium mißbrauchen, und, um die Unbesonnenen leichter zu täuschen, dasselbe in ihrem Sinne zu deuten pflegen, so besteht doch zwischen ihren schlechten Grundsätzen und der reinen Lehre Christi ein Unterschied, wie er nicht größer gedacht werden kann. »Denn was hat die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit gemein? Oder wie kann sich Licht zu Finsternis gesellen (2Kor 6,14)?« Jene hören nicht auf, wie wir bereits erwähnten, immerfort zu erklären, alle Menschen seien von Natur aus unter­einander gleich, und behaupten daher, weder sei man der Majestät Hochachtung und Ehr­furcht, noch den Gesetzen Gehorsam schuldig, sie seien denn von ihnen selbst nach ihrem Gutdünken erlassen. Dagegen besteht nach der Lehre des Evangeliums die Gleichheit der Menschen darin, daß alle dieselbe Natur empfangen haben, zu derselben hoch erhabenen Würde der Kinder Gottes berufen sind, daß ein und dasselbe Ziel allen bestimmt ist, und alle nach demselben Gesetze gerichtet werden, um Lohn oder Strafe nach Verdienst zu emp­fangen. Doch auch die Ungleichheit im Recht und in der Gewalt rührt von dem Urheber der Natur selbst her, von »welchem alle Vaterschaft im Himmel und auf Erden stammt (Eph 3,15)«. Die Herzen der Herren und Untertanen aber sind nach katholischer Lehre und Vorschrift durch wechselseitige Rechte und Pflichten so untereinander verbunden, daß die Herrschsucht gemäßigt und die Pflicht des Gehorsams erleichtert, befestigt und in höchster Weise geadelt wird.

In der Tat prägt die Kirche dem untergebenen Volke beständig das Apostolische Wort ein: »Es gibt keine Gewalt, außer von Gott, und die, welche besteht, ist von Gott angeordnet. Wer demnach sich der Gewalt widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes und die sich widersetzen, ziehen sich selbst Verdammnis zu (Röm 13,1-2).« Und wiederum ge­bietet er, »untertan zu sein, nicht nur um der Strafe willen, sondern auch um des Gewissens willen; allen zu geben, was ihnen gebührt, Steuern wem Steuern, Zoll wem Zoll, Ehrfurcht wem Ehrfurcht, Ehre wem Ehre gebührt (Röm 13,5-7)«. Hat doch der, der alles schuf und alles lenkt, in seiner weisen Vorsehung es so geordnet, daß das Unterste durch das Mittlere, das Mittlere durch das Höchste zu seinen entsprechenden Zielen gelange. Wie er darum selbst im himmlischen Reiche unter den Chören der Engel einen Unterschied wollte und die einen den anderen untergeordnet hat, wie er auch in der Kirche mannigfaltige Weihestufen und einen Unterschied der Ämter eingesetzt hat, daß nicht alle Apostel seien, nicht alle Lehrer, nicht alle Hirten (vgl 1Kor 12,29), so hat er auch in der bürgerlichen Gesellschaft mehrere Stände gegründet, in Würde, Rechten, Gewalt verschieden, damit so der Staat wie die Kirche ein Leib sei, der viele Glieder in sich schließt, von denen eines edler ist als das andere, die aber alle einander notwendig und für das gemeinsame Wohl besorgt sind.

Damit jedoch die Führer der Völker die ihnen zustehende Gewalt zur Auferbauung und nicht zur Zerstörung gebrauchen, mahnt die katholische Kirche in höchst geeigneter Weise, daß auch den Fürsten die Strenge des höchsten Richters bevorstehe, und ruft im Namen Gottes mit den Worten der göttlichen Weisheit allen zu: »Neiget eure Ohren, die ihr der Völker Menge beherrscht und euch gefallet in den Scharen der Nationen; denn von dem Herrn ist euch die Herrschaft gegeben und die Macht von dem Allerhöchsten, der eure Werke untersucht und eure Gedanken erforscht . . . Denn das strengste Gericht ergeht über jene, die anderen vorstehen . . . Denn Gott wird niemands Person ausnehmen, noch irgend­eine Größe scheuen; weil er den Kleinen wie den Großen gemacht hat und auf gleiche Weise sorget für alle. Den Starken aber steht eine höhere Strafe bevor (Weish 6,2-4; 6-9).« Wenn es jedoch zuweilen vorkommt, daß die öffentliche Gewalt von den Herrschern ohne Überlegung über das Maß geübt wird, so duldet die Lehre der katholischen Kirche nicht, daß man auf eigene Faust gegen sie sich erhebe, damit Ruhe und Ordnung nicht noch mehr gestört werden, und die Gesellschaft dadurch noch in höherem Maße Schaden leide. Und wenn es dahin gekommen ist, daß keine andere Hoffnung auf Rettung erscheint, so lehrt sie, durch das Verdienst christlicher Geduld und inständiges Gebet zu Gott die Abhilfe zu beschleunigen. Wenn jedoch die Satzungen der Gastgeber und Fürsten etwas bestimmen oder befehlen, was dem göttlichen oder natürlichen Gesetze widerspricht, so gemahnen uns Pflicht und Würde des christlichen Namens, sowie der Apostolische Ausspruch, »daß man Gott mehr gehorchen müsse als den Menschen (Apg 5,29)«.

Gegensätze in bezug auf die Familie

Die segensvolle Macht der Kirche nun, welche ihren Einfluß auf die zweckmäßige Ordnung der Regierung und die Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft ausübt, macht sich notwen­dig auch in der häuslichen Gesellschaft geltend und fühlbar, die eines jeden Staates und Reiches Ursprung ist. Denn ihr wißt, ehrwürdige Brüder, daß das wahre Wesen dieser Gesellschaft nach den unverletzlichen Gesetzen des Naturrechtes vor allem auf dem unlös­baren Bunde von Mann und Weib ruht, und in den wechselseitigen Pflichten und Rechten zwischen Eltern und Kindern, Herren und Dienern seine Vollendung findet. Ihr wißt gleich­falls, daß diese Gesellschaft durch die Lehren des Sozialismus nahezu aufgelöst wird; denn nach Verlust jener Festigkeit, welche der religiöse Ehebund ihr verleiht, müssen folgerichtig auch wie die Gewalt des Vaters über seine Kinder, so die Pflichten der Kinder gegen die Eltern in höchstem Maße gelockert werden. Dagegen ist zu sagen, daß »ehrwürdig in jeder Hinsicht die Ehe ist (Hebr 13,4)«, welche schon mit Beginn der Welt Gott selbst zur Fort­pflanzung und Erhaltung des menschlichen Geschlechtes eingesetzt und als unauflöslich begründet hat, die nach der Lehre der Kirche fester und heiliger geworden ist durch Christus, der ihr die Würde eines Sakramentes verlieh und wollte, daß sie ein Abbild seiner Verbindung mit der Kirche sei. Daher ist nach der Mahnung des Apostels (Eph 5,23), wie Christus Haupt der Kirche, so der Mann Haupt des Weibes; und wie die Kirche Christus untergeben ist, der sie mit keuschester und immerwährender Liebe liebt, so ziemt es sich, daß auch die Frauen ihren Männern unterworfen seien, die sie hinwieder mit treuer und stand­hafter Hingebung zu lieben haben. Ebenso hat die Kirche die Gewalt des Vaters und Herrn so geordnet, daß sie stark genug ist, um Söhne und Diener in Gehorsam zu halten, ohne jedoch das Maß zu überschreiten. Denn nach katholischer Lehre geht auf Eltern und Herren die Hoheit des himmlischen Vaters und Herrn über, die daher von ihm nicht bloß ihren Ursprung und ihre Kraft hat, sondern ebenso auch Wesen und Eigenschaften empfängt. Daher mahnt der Apostel die Kinder, »ihren Eltern zu gehorchen im Herrn, Vater und Mutter zu ehren, welches das erste Gebot ist im Zeichen der Verheißung (Eph 6,1-2)«. Den Eltern aber gebietet er: »Und ihr, Väter, erbittert eure Kinder nicht, sondern erzieht sie in der Lehre und Zucht des Herrn (Eph 6,4).« Wiederum aber wird den Dienern und Herrn durch denselben Apostel das göttliche Gebot verkündet, und zwar, daß jene gehorchen »den leiblichen Herren wie Christus . . ., in der Einfachheit ihres Herzens dienend gleichsam dem Herrn. Diese aber sollen ablassen von Drohungen, da sie wissen, daß ein Herr aller im Himmel und bei ihm kein Ansehen der Personen ist (ebd 5-7)«. Würde all dies sorgfältig von all jenen, die es angeht, nach dem Gebote des göttlichen Willens beobachtet, so würde wahrhaftig jede Familie gewissermaßen ein Abbild der himmlischen Hausgemeinschaft dar­stellen, und es würden die herrlichen Segnungen, die hieraus erwachsen, nicht auf die Mauern des Hauses sich beschränken, sondern auf die Staaten selbst in reichlichem Maße übergehen.

Rechte und Pflichten des Eigentums

Es hat aber die katholische Weisheit, gestützt auf die Vorschriften des natürlichen und gött­lichen Gesetzes, für den öffentlichen wie häuslichen Frieden in wohlbedachter Weise Vorsorge getroffen, auch durch das, was sie festhält und lehrt in Hinsicht auf das Eigentums­recht und die Verteilung der Güter, welche zum Leben notwendig und nützlich sind. Denn während die Sozialisten das Eigentumsrecht als eine menschliche, der natürlichen Gleichheit der Menschen widersprechende Erfindung ausgeben, und in ihrem eifrigen Streben nach Gütergemeinschaft meinen, es sei keineswegs die Armut gleichmütig zu tragen, und man könne die Besitztümer und Rechte der Reicheren ungestraft verletzen, hält die Kirche eine Ungleichheit unter den Menschen, die von Natur aus hinsichtlich der Kräfte des Körpers und Geistes verschieden sind, auch in bezug auf den Besitz von Gütern für weit ratsamer und nützlicher. Sie gebietet auch, daß das Recht des Eigentums und Besitzes, das in der Natur selbst gründet, einem jeden gegenüber unantastbar und unverletzlich sei. Denn sie weiß, daß Diebstahl und Raub von Gott, dem Urheber und Schirmer allen Rechts, derart verboten wurde, daß es nicht einmal erlaubt ist, Fremdes zu begehren, und Diebe und Räuber ebenso wie Ehebrecher und Götzendiener von dem Himmelreiche ausgeschlossen werden. Doch vernachlässigt sie nicht die Sorge für die Armen, noch vergißt sie, wir eine liebende Mutter sich ihrer in ihren Bedürfnissen anzunehmen. Vielmehr umfaßt sie dieselben in mütterlicher Liebe. Und wohl wissend, daß sie die Person Christi selbst darstellen, der als ihm selbst erwiesene Wohltat ansieht, was auch dem geringsten Armen von irgend jemand gegeben wird, hält sie dieselben hoch in Ehren. Wo immer sie kann, eilt sie ihnen zu Hilfe. Sie sorgt dafür, daß überall auf Erden Häuser und Herbergen errichtet werden, wo sie Auf­nahme, Nahrung und Pflege finden. Und sie nimmt dieselben unter ihren Schutz. Sie schärft den Reichen die schwere Pflicht ein, den Armen von ihrem Überfluß mitzuteilen, und droht ihnen mit dem göttlichen Gericht, das sie zu ewigen Strafen verdammt, wenn sie den Dürftigen in ihren Nöten nicht beispringen. Endlich erhebt und tröstet sie ganz besonders die Gemüter der Armen, indem sie ihnen teils das Beispiel Christi vorhält, der, »da er reich war, um unsertwillen arm geworden ist (2Kor 8,9)«, teils dessen Worte in Erinnerung bringt, durch welche er die Armen selig pries und in ihnen die Hoffnung auf die Belohnungen der ewigen Seligkeit weckte. Wer sollte aber nicht einsehen, daß auf diese Weise der uralte Gegensatz zwischen arm und reich am besten ausgeglichen wird? Die Natur der Sache selbst und die Ereignisse sagen uns mit aller Deutlichkeit: verwirft man diese Lösung oder vernachlässigt man sie, dann muß eins von beiden folgenden eintreten. Entweder gleitet wohl der größte Teil des Menschengeschlechtes in den höchst unwürdigen Zustand der Sklaverei zurück, der lange bei den Heiden bestand, oder die menschliche Gesellschaft wird unabläs­sig von Wirren gepeinigt, von Raub und Gewalttat bedroht, wie dies zu unserem Bedauern auch in neuster Zeit geschehen ist.

Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat

Angesichts dieser Lage haben wir, da uns die Regierung der ganzen Kirche obliegt, schon bei Beginn unseres Pontifikates Fürsten und Völker, die von einem wütenden Sturme umhergeworfen werden, auf den schützenden Hafen hingewiesen, in dem sie sich bergen können; und durch die äußerste Gefahr, die bevorsteht, bewogen, erheben wir jetzt wiederum vor ihnen unsere Apostolische Stimme und bei ihrem eigenen und der Gesellschaft Heile bitten wir sie abermals und beschwören sie, daß sie die Kirche, die so herrliche Verdienste um die Wohlfahrt der Reiche hat, als Lehrerin anerkennen und anhören mögen. Sie mögen die volle Überzeugung gewinnen, daß das Wohl des Staates und der Religion so verbunden sind, daß, was dieser entzogen wird, in demselben Maße der Untertanen Treue und Majestät der Obrig­keit abgeht. Und wenn sie einsehen, daß zur Abwehr der Pest des Sozialismus die Kirche Gottes eine so große Macht besitzt, wie sie weder menschlichen Gesetzen, noch den Ver­boten der Behörden, noch den Massen der Soldaten zukommt, so mögen sie endlich der Kirche jene Stellung und Freiheit wiedergeben, in der sie ihren so höchst heilsamen Einfluß zum Besten der ganzen Gesellschaft geltend machen kann.

Ihr aber, die ihr Quelle und Wesen der bevorstehenden Übel erkennt, trachtet mit allem Eifer und Aufgebot der Seele dahin, daß die katholische Lehre allen Gemütern eingepflanzt werde und da tiefe Wurzeln schlage. Bestrebet euch, daß schon von zarter Jugend an alle sich gewöhnen, Gott in kindlicher Liebe anzuhangen und ihn zu fürchten, der Majestät der Machthaber und der Gesetze Gehorsam zu leisten, die Begierden zu beherrschen und die Ordnung, welche Gott sowohl in der bürgerlichen als in der häuslichen Gesellschaft begrün­det hat, sorgfältig zu wahren. Außerdem traget Sorge dafür, daß die Söhne der katholischen Kirche weder diesem abzulehnenden Bunde beitreten, noch in irgendeiner Weise ihn zu begünstigen wagen; vielmehr sollen sie durch musterhaftes Verhalten und eine in allem lobenswerte Lebensweise zeigen, wie gut und glücklich es stünde um die menschliche Gesell­schaft, wenn alle ihre Glieder durch Rechtschaffenheit und Tugend sich auszeichneten. Da endlich die Anhänger des Sozialismus besonders unter jener Menschenklasse sich finden, welche ein Handwerk treiben oder um Lohn arbeiten, und die etwa, der Mühen überdrüssig, durch Hoffnung auf Reichtum und Verheißung von Gütern sehr leicht angelockt werden, so scheint es zweckmäßig, die Handwerker- und Arbeitervereine zu fördern, die unter dem Schutze der Religion alle ihre Mitglieder zur Zufriedenheit mit ihrem Lose und Geduld in der Arbeit anhalten, und zu einem ruhigen und friedsamen Leben anleiten …

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Quelle: SUMMA PONTIFICA [II] – Lehren und Weisungen der Päpste durch zwei Jahrtausende – Eine Dokumentation ausgewählt und herausgegeben von P. Amand Reuter O.M.I. 1978, Verlag Josef Kral, Abensberg.

 

PAPST PAUL VI.: DIE KIRCHE KANN NIE ALT WERDEN

April 1976: Pope Paul VI, Giovanni Battista Montini, at his Easter Address on the balcony of St Peter’s Basilica. (Photo by Keystone/Getty Images)

Bei der Generalaudienz am 12. Juni 1974

Während uns noch Pfingsten, das Fest zur Erinnerung an die Belebung der Kirche durch den Heiligen Geist, Erleuchtung und Freude schenkt, ergibt sich ein für unser Le­ben wesentlicher Aspekt dieses Ereignisses, nämlich der seiner Fortdauer. Pfingsten ist ja nicht eine ferne und schon in die Geschichte eingegangene Begebenheit. Es ist ein Ereignis, das bleibt; fortdauernde Geschichte. Die Kirche lebt noch immer aus der Kraft dieser wunderbaren Ausgießung der göttlichen Gnade, aus der Liebe, die ausgegossen ist in unsere Herzen (vgl. Röm 5, 5). Die zur Kirche gewordene Menschheit wird von dem Geist belebt, den Christus als das Haupt nach seinem Aufstieg in die Herrlichkeit des Vaters seinem in Welt und Zeit zurückgebliebenen Leib sendet (vgl. Joh 16, 7: „Wenn ich fortgehe“, sagte er in der denkwürdigen Nacht des Letzten Abendmahles, „werde ich euch einen Beistand senden, damit er immer bei euch bleibt. Es ist der Geist der Wahrheit“; vgl. Joh 14, 16-17). Dies ist das großartige Geheimnis vom mysti­schen Leib Christi, das Geheimnis im Mittelpunkt lebendigen und wahren Christentums, über das wir nachdenken und das wir eifersüchtig hüten müssen. Immer noch ist uns der hl. Augustinus Lehrmeister, wenn er schreibt: „Nur die katholische Kirche ist der Leib Christi, dessen Haupt und Erlöser er ist (Eph 5, 23). Außerhalb dieses Leibes schenkt der Heilige Geist niemandem Leben… Wer sich der Einheit widersetzt, hat kei­nen Teil an der göttlichen Liebe. Wer außerhalb der Kirche steht, hat nicht den Heiligen Geist… Wer den Heiligen Geist haben will, gebe sorgfältig acht, daß er nicht außerhalb der Kirche bleibt!“ Epist. 185, C. XI, 50; PL 33, 815; vgl. Tract. in Ioannem 27, 6; PL 35, 1618: „Denn nichts soll der Christ mehr fürchten, als vom Leib Christi getrennt zu werden. Denn wenn er vom Leib Christi getrennt wird, ist er nicht mehr ein Glied von ihm; ist er aber nicht ein Glied von ihm, dann wird er nicht am Leben erhalten von Seinem Geist“.

Das könnte uns zum Nachdenken darüber veranlassen, daß wir unbedingt auf entsprechende Weise in die Strukturen der Institution eingefügt sein müssen, die der Kirche Bestand als Leib verleihen. Hier werden sie als Vorbedingung dafür aus­gesprochen, daß wir an der Belebung durch den Heiligen Geist Anteil bekommen, wie sie eben diesem Leib der Kirche, dem mystischen Leib Christi, eigen ist.

Aber wir wollen uns nun einer anderen charakteristischen Auswirkung von Pfingsten zuwenden, dem Fest dieser geheim­nisvollen und wunderbaren übernatürlichen Beseelung, gesche­hen durch die Ausgießung des Heiligen Geistes in den sicht­baren, sozialen, menschlichen Leib der Jünger Christi hinein. Wir meinen das ewige Jungsein der Kirche. „Durch die Kraft des Evangeliums läßt der Heilige Geist die Kirche allezeit sich verjüngen, erneuert sie immerfort …“ (Lumen gentium, Nr. 4). Wie in einem Springbrunnen der Strahl immer quicklebendig und frisch hochschießt, solange ihm Wasser zuströmt, auch wenn dieses danach herabfällt und sich unten verteilt, so wird zwar die zur Kirche gewordene Menschheit, dem Los dieser Zeit unterworfen, unausweichlich vom irdischen Tod ereilt, aber dadurch wird das Zeugnis der Kirche die Jahrhunderte hindurch weder aufgehoben noch unterbrochen. So hat es Christus vorhergesagt und versprochen : „Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“ (Mt 28, 20). Das ließ er auch den Simon erkennen, als er ihm einen Namen gab, der Unvergänglichkeit bedeutet : „Du bist Petrus, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte des To­des werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16, 18).

Mit vielen Menschen unserer Zeit kann man sogleich ein­wenden: mag sein, daß die Kirche fortdauert; sie besteht schon fast zweitausend Jahre; aber gerade wegen ihres langen Beste­hens ist sie alt, antik. Weiterbestehen bedeutet nicht schon Jugend. Die Menschen von heute lieben das Moderne, Be­wegliche, das für den Tag Gemachte am meisten; nicht alte Dinge. Sie bringen vielleicht Achtung vor der Geschichte auf, sie bewundern die Archäologie. Aber ihre Vorliebe gilt dem Aktuellen. Die Kirche mag also aufgrund ihres Alters und ihrer besonders gearteten Beständigkeit im Wechsel der Zeiten verehrungswürdig sein. Aber, so sagen sie, die Kirche lebt nicht aus dem Atem der heutigen Zeit, der immer neu ist; sie ist einfach nicht jung.

Der Einwand wiegt schwer und würde als Antwort eine lange Abhandlung verdienen mit vielen Seiten voll kosmischer, theologischer, philosophischer, historischer, anthropologischer, phänomenologischer und anderer Darlegungen. Dagegen kann aber die Gleichsetzung von ewiger Dauer und Jugend einem für die Wahrheit geöffneten Geist von sich aus genügen. Denn es ist genau so, und „es ist ein Wunder in unseren Augen“ (Mt 21, 42) : die Kirche ist jung! Und was noch mehr Staunen erregt, ist die Tatsache, daß ihre Jugendkraft von ihrem un­veränderlichen Bestehen die Zeiten hindurch herkommt. Die Zeit läßt die Kirche nicht alt werden; sie läßt sie wachsen, sie fordert sie zum Leben, zur Fülle heraus. Sagen wir es ge­nauer: Der menschliche Teil der Kirche kann den unerbittli­chen Gesetzen der Geschichte und der Zeit unterliegen, und so ist es tatsächlich: ihre menschliche Gestalt kann verfallen, kann altern, kann absterben. Es sterben ja in der Tat viele Glieder der Kirche; ganzen Völkern ist es gelungen, das irdi­sche Leben der Kirche zu ersticken, ihre geschichtliche Gegen­wart zu unterdrücken. Und dann sterben natürlich, wie alle Menschen (und vielleicht aus einfacheren und handgreiflicheren Gründen), alle die, welche als Menschen die Kirche bilden. Aber die Kirche hat in sich selbst nicht nur einen unbesieg­baren, übernatürlichen und übergeschichtlichen Quellgrund der Unvergänglichkeit, sondern sie verfügt außerdem auch über unabsehbare Kräfte zur Erneuerung.

Hat man in der Zeit des Konzils nicht vor allem vom „ag­giornamento“ gesprochen, was nichts anderes heißt als Ver­jüngung? Und legt uns das Heilige Jahr nicht vor allem ein Programm der Erneuerung vor? Dabei muß die Kirche heute aber viele ihrer Kinder ermahnen, nicht einem Mißverständnis zu verfallen und zu glauben, Erneuerung bedeute Anpassung an die Welt, die ja dem Gesetz des Todes, der jeden rein irdi­schen Wert anfällt und vernichtet, nicht anders zu entfliehen weiß, als daß sie ihren Lauf beschleunigt, eine Bewegung, die oft eine Flucht vor eben den Dingen ist, die sie kennzeichnen.

Damit haben wir dann die Revolution als unerschöpfliches Programm des politischen und sozialen Lebens. Damit haben wir die „Mode“, bei der nichts länger als „einen Morgen“ leben darf … Gewiß darf sich die Kirche, wenn sie von Er­neuerung spricht und für ihre Verjüngung sorgt, keinesfalls den schwindelerregenden Veränderungen der sichtbaren Welt an­passen, und doch lebt in ihr die Kirche ihr geschichtliches und irdischzeitliches Sein. Sie kann zahlreiche Formen modernen menschlichen Lebens übernehmen und sich zu eigen machen. Sie kann mitgehen mit den sozialen Gewohnheiten, solange diese nicht die Grundbedingungen ihres Lebens verletzen, wel­ches sie aus dem Evangelium und anderen unantastbaren, stets fruchtbaren Überlieferungen für sich ableiten muß.

Zugleich steht aber auch fest, daß die Kirche, in Treue zu ihrer inneren religiösen Einstellung, den Menschen, auch den modernen Menschen versteht, und sie ist heute vielleicht mehr denn je imstande, ihm näherzukommen, ihn anzuhören, ihn zu stärken und ihm jene Botschaft der Wahrheit auszurichten, die allein das Geheimnis für jede Zeit, für jedes Volk und für jeden Menschen in sich trägt: das Geheimnis des Lebens (vgl. Gaudium et spes). Dieses Leben ist das Jungsein der Kirche! Das sei besonders den jungen Menschen gesagt, damit sie Ver­trauen in die Kirche haben.

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Quelle: PAPST PAUL VI. WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano.

PAPST PAUL VI. UND DIE ÖKUMENE

1964 in Jerusalem: Der ökumenische Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI.

 

Jörg Ernesti  

Paul VI. und die Ökumene 

In: Catholica (Münster) 4 (2014)

Summary:

Paul VI. (1897-1978) is held to be a forgotten pope. Mainly his decisions on artificial contraception is still provoking controversial discussions. The article is focussed on another aspect, his contribution to ecumenism. He had inherited the topic by his predecessor, and during the Second Vatican Council he promoted it with personal conviction, even if he weakened some statements of the conciliar document on ecumenism. After the synod he initiated the bilateral dialogues with other churches and consequently implemented the conciliar decisions in ecclesiastical life. Thus he might be rightly called „the pope of ecumenism“.

 

1.     Gesten und ihr theologischer Gehalt

Paul VI., dessen Seligsprechung am 19. Oktober 2014 im Rahmen der Bischofssynode erfolgte, steht weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Bewusstseins als die meisten anderen Päpste seit 1945, so dass man ihn mit einem gewissen Recht als einen „vergessenen Papst“ bezeichnen kann.1 Dabei hat er in verschiedenen Bereichen Weichenstellungen vorgenommen, die das Leben der

1 Meine Ausführungen gehen auf eine Gastvorlesung im Rahmen der Vorlesungsreihe „Weltökumene und europäische Integration“, veranstaltet vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, am 18.6.2012 zurück. – Zur Biographie Montinis: vgl. Jörg Ernesti: Paul VI. Der vergessene Papst, Freiburg i. Br. u.a. 22012; zu seinem Beitrag zur Entwicklung der Ökumene: Oscar Cullmann: Paul VI et l’oecumenisme, in: Notiziario Istituto Paolo VI 4 (1982), 51- 62; Yves Congar: Paolo VI e l’ecumenismo, in: Oikoumenikon 17 (1977), 643-646; Paolo VI e l’ecumenismo [= Tagung Istituto Paolo VI, 25.-27.9.1998 / Istituto Paolo VI. Pubblicazioni 21], Brescia / Rom 2001. – Wenn im folgenden von der katholischen Kirche die Rede ist, ist um der Lesbarkeit willen die römisch-katholische Kirche gemeint.

Kirche bis heute prägen. Dazu gehört auch sein Einsatz für die Wiedervereinigung der christlichen Kirchen.

In der modernen Mediengesellschaft zählen nicht nur konkrete Taten und Worte, sondern auch deren mediale Vermittlung. Durch sie erst haben sich viele Ereignisse dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt. Zum Thema „Paul VI. und die Ökumene“ ließen sich zwei Bilder anführen, die durch die Presse gegangen sind und an denen so die Weltöffentlichkeit Anteil genommen hat. Ein erstes datiert vom 23. März 1966, Der Ort ist die römische Patriarchalbasilika St. Paul vor den Mauern. Michael Ramsey, das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, ist nach Rom gekommen, um sich mit dem Papst zu treffen. Paul VI. steckt dem Erzbischof von Canterbury bei dieser Gelegenheit einen Bischofsring auf, den er selbst als Erzbischof von Mailand getragen hat – eine in jeder Hinsicht denkwürdige Geste.

Ein zweites, noch bekannteres Bild: Zwei Jahre zuvor, am 4. Januar 1964, besucht der Papst das Heilige Land – eine gleich mehrfache Premiere. Das erste Mal seit 150 Jahren verlässt ein Papst Italien, erstmals besteigt ein Papst ein Flugzeug, als erster Nachfolger Petri kehrt er in das Land Jesu zurück – und zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend trifft der Patriarch des Abendlandes den Ökumenischen Patriarchen, als Bischof von Konstantinopel das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie. Das Bild von der Umarmung der beiden Kirchenführer Athenagoras und Paul VI. ging um die ganze Welt und prägte sich dem allgemeinen Gedächtnis der Christenheit ein. Bis hin zu einzelnen Details war dieses Gipfeltreffen vom Papst geplant worden. Die Wahl des gewissermaßen neutralen Ortes zwang keinen der beiden Beteiligten, deren entfernte Vorgänger sich zuletzt im Konzil von Ferrara-Florenz vor mehr als 500 Jahren getroffen hatten, der anderen Seite räumlich entgegenzukommen. Eine Reise ins Heilige Land verwies auf die gemeinsamen Wurzeln, auf eine Zeit lange vor der Spaltung. Das gemeinschaftlich gebetete Vaterunser, das Credo und die Verlesung von Johannes 17, des Gebetes Jesu um die Einheit seiner Jünger, lenkten den Blick auf das Wesentliche, in dem die Einheit bis heute fortbesteht. Der Papst selbst hatte übrigens bei einer letzten Inspektion des Schauplatzes, die er vor diesem Zusammentreffen vorgenommen hatte, eine Peinlichkeit verhindert: So hatte das vatikanische Zeremoniell für den Patriarchen des Abendlandes einen erhöhten Sitz vorgesehen, für den Patriarchen von Konstantinopel dagegen einen niedrigeren… Diese beiden Bilder der Begegnungen mit dem anglikanischen und dem orthodoxen Kirchenführer zeigen deutlich die Ambiguität der ökumenischen Gesten dieses Papstes.2 Giovanni Battista Montini, von Ausbildung und Prägung her ein großbürgerlicher und hochkultivierter Mensch, ein lombardischer Intellektueller, wusste um die Wirkung von Zeichen und Symbolen. Er war als Substitut im vatikanischen Staatssekretariat einer der engsten Mitarbeiter Pius‘ XII. gewesen und hatte dessen ausgeprägten Sinn für Inszenierungen erlebt (nicht von ungefähr ist Pacelli auf einem römischen Kongress vor 2 Jahren als der gewissermaßen erste „Medienpapst“ gewürdigt worden3). Bewähren konnten sich die medialen Fähigkeiten Montinis bei der Begegnung mit dem Primas der Orthodoxie, mit dessen Kirche es im Grunde genommen keine wirklich tiefgreifenden, grundsätzlichen dogmatischen Differenzen gibt (sieht man von der heutigen Gestalt des päpstlichen Primates und dem filioque des Credo ab). Bei der Begegnung mit dem Primas der Anglikaner, zu denen vergleichsweise größere dogmatische Differenzen bestehen, stieß eine solche „Gestenpolitik“ deutlich an ihre Grenzen, ja es wirkte sich hier ein theologisches Defizit des Papstes verhängnisvoll aus. Mit dem Aufstecken des Bischofsrings intervenierte er indirekt in der Frage der Gültigkeit der anglikanischen Weihen, die Leo XIII. im Jahr 1896 bestritten hatte.4 Dem Bischof einer getrennten Kirche einen Bischofsring anzustecken, impliziert, dass man seine bischöfliche Würde anerkennt; eine solche Geste setzt voraus, dass dieser in der Successio apostolica steht. Ein zweideutiges Zeichen simuliert also etwas, das (noch) nicht vorhanden ist, nämlich die Gemeinsamkeit des Amtsverständnisses. Es wird etwas vorweggenommen, was bislang nicht existiert: die kirchliche Einheit. Der von Ramsey und Paul VI. aus Anlass ihres Zusammentreffens durch eine gemeinsame Erklärung ins Leben gerufene Dialog zwischen den beiden Kirchen, der in verschiedenen Verhandlungsrunden bis zum heutigen Tag fortgeführt wird (ARCIC), hat aber bis dato nicht zu einer Revision der Entscheidung Leos XIII. geführt. Eine Konvergenz oder gar ein voller Konsens in der Amtsfrage ist nicht in Sicht.

Mit seiner Geste gegenüber Ramsey bewegte sich der Papst also in dogmatischer Hinsicht auf dünnem Eis. Das Gastgeschenk für den Ökumenischen Patriarchen, ein Abendmahlskelch, war dagegen durchaus angemessen gewesen. Es brachte ein theologisches Faktum (nämlich die Anerkennung der Gültigkeit der von den

2 Zu den ökumenischen Gesten Pauls VI. vgl. Pierre Duprey: Les gestes oecuméniques de Paul VI, in: Proche-Orient chrétien 48 (1998), 145-167; Jörg Ernesti: Ökumene in Gesten. Die Sicht des Kirchenhistorikers, in: Brixner Theologisches Forum 118 (2007), 221-230.
3 Vgl. Dario E. Viganò: Pio XII, i media e la comunicazione, in: Philippe Chenaux (Hg.). L’eredità del Magistero di Pio XII [= Dibattiti per il Millennio 13], Rom 2010, 141-182.
4 Vgl. das Apostolische Schreiben Apostolicae Curae vom 13.9.1896: ASS 29 (1896/97), 198-202.

Orthodoxen gefeierten Eucharistie) wie eine ökumenische Zielvorstellung (die volle eucharistische Gemeinschaft) zum Ausdruck. Folgerichtig konnte das 1967 durch Paul VI. promulgierte erste Ökumenische Direktorium, das die Ausführungsbestimmungen des Konzilsdekrets zur Ökumene formuliert, eine Communicatio in Sacris mit den getrennten Ostkirchen ausdrücklich empfehlen. Gemeint sind nicht die mit Rom verbundenen unierten Kirchen, sondern die Kirchen byzantinischer und altorientalischer Tradition, welche den Primat des Papstes nicht anerkennen und nach dem kanonischen Recht im Schisma stehen – übrigens ein Rubikon, der hier aus katholischer Sicht überschritten wird, insofern erstmals Sakramentengemeinschaft ohne volle Einheit im Glauben avisiert wird.5

Die dogmatische Unsicherheit des Papstes wurde im Übrigen auch schon von Zeitgenossen bemerkt (es seien nur Karl Rahner, Hans Küng und Karl Barth genannt).6 Es würde zu weit führen, die Gründe für seine theologischen Defizite darzulegen. Nur soviel sei hier angedeutet: Montini war weitgehend Autodidakt. Wegen seiner kränklichen Konstitution musste er nicht im Priesterseminar studieren, sondern konnte zu Hause wohnen bleiben. Hier konnte er eigene Leseerfahrungen machen, die in der Hoch-Zeit des Antimodernismus durchaus ungewöhnlich waren. Sein persönlicher Interessensschwerpunkt lag eher bei der Literatur, bei den Klassikern der spirituellen Tradition und bei der Philosophie. Nach der Priesterweihe kam das Kirchenrechtsstudium in Rom hinzu. Gründlichere dogmatische Studien waren ihm nie vergönnt. Er blieb zeitlebens auf Anregungen von außen angewiesen, besonders in den theologischen Kerndisziplinen.

Im Istituto Paolo VI in Brescia wird die private Bibliothek des Papstes bewahrt. Paul VI. hat gerade in den Jahren des Konzils viel gelesen, sich in Themen eingearbeitet, die ihm wenig vertraut waren. Eine gründliche Auswertung dieses Bestandes stellt sicher ein Desiderat der Forschung dar. So ließe sich auch im Hinblick auf die Ökumene nachweisen, welche Autoren er wahrgenommen hat, welchen Einflüssen er ausgesetzt war.

5 Vgl. AAS 39 (1967), 587 (Nr. 38ff.).
6 Vgl. Karl Rahner: Einleitung, in: David A. Seeber: Paul. Papst im Widerstreit. Dokumentation und Analyse, Freiburg i. Br. 1971, 8; Hans Küng: Erkämpfte Freiheit, München 2002, 436ff.; Eberhard Busch: Meine Zeit mit Karl Barth. Tagebuch 1965-1968, Göttingen 2011, 84f.

 

2.     Die Rolle Pauls VI. im Konzil

Paul VI. hatte in seiner Zeit an der Kurie in den Jahren 1923-1953 und als Erzbischof von Mailand von 1954-1963 wenige Berührungspunkte mit der Frage der kirchlichen Einheit.7 Ex officio hatte er an der Kurie mit dem römischen Jesuiten Charles Boyer zu tun. Dieser schuf 1945 die Internationale Vereinigung Unitas und gab seit 1946 die gleichnamige Zeitschrift heraus. Dies geschah mit ausdrücklicher Billigung durch Pius XII., der Giovanni Battista Montini in der Angelegenheit zu seinem Vertrauensmann bestimmte.8 Dass der Professor an der Gregoriana niemals ernsthafte Schwierigkeiten mit dem Hl. Uffizium bekam, liegt nicht zuletzt daran, dass Montini seine schützende Hand über ihn hielt. Dieser sorgte auch dafür, dass das von Boyer im Jahr 1950 geschaffene Foyer Unitas im Palazzo Salviati einen angemessenen Sitz erhielt. Bereits in der Vorkonzilszeit wurden hier nichtkatholische Kirchenvertreter bei ihren Rombesuchen betreut, sodass schon vor 1962 wichtige Kontakte entstanden. Damit wurde eine Grundlage für die Arbeit des 1960 auf Anregung Erzbischof Lorenz Jaegers gegründeten vatikanischen Einheitssekretariates geschaffen. Während des Konzils wurde das Foyer dann zum Zentrum der Begegnung mit den nichtkatholischen Konzilsbeobachtern, Journalisten und Gästen. Boyers Bedeutung als Ökumeniker liegt vor allem darin, dass er die Anliegen der Ökumenischen Bewegung in Rom bekannt machte. Sein ökumenisches Engagement zeigt, dass der ökumenischen Öffnung, die das Konzil vollziehen sollte, auch in Rom eine lange Vorbereitungszeit vorausging. Neben Montini war die schwedische Konvertitin Maria Elisabetta Hesselblad (1870-1957), die Oberin des Birgittinnenklosters an der Piazza Farnese, Boyers wichtigste Stütze. Sie redigierte Unitas, stellte die nötigen Räumlichkeiten zur Verfügung und spannte auch ihre Mitschwestern für die Aufgaben der Vereinigung ein.

Montini empfing in den vierziger und frühen fünfziger Jahren als Substitut und Prosekretär im Staatssekretariat wiederholt Größen der Ökumene wie den anglikanischen Bischof George Bell, Roger Schutz, den Gründer der Kommunität von Taizé und dessen Mitarbeiter Max Thurian. Allgemein wurde seine verbindliche und

7 Vgl. Angelo Maffeis: Giovanni Battista Montini e il problema ecumenico. Dagli anni giovanili all’episcopato milanese, in: Paolo VI e l’ecumenismo [= Tagung Istituto Paolo VI, 25.-27.9.1998 / Istituto Paolo VI. Pubblicazioni 21], Brescia / Rom 2001, 39-96.
8 Vgl. Jörg Ernesti: art. Boyer, Charles, in: Ders. – Wolfgang Thönissen (Hgg.): Personenlexikon Ökumene, Freiburg i. Br. u.a. 2010, 46ff.; ders.: art. Hesselblad, Maria Elisabetta, ebd., 42.

interessierte Art hervorgehoben.9 Ansonsten hatte er aber keine weitergehende Affinität zum ökumenischen Gedanken.

Im Januar 1954 ging er als Erzbischof nach Mailand. Seine Eingabe für das mittlerweile begonnene Konzil zeigen, dass er sich nun mit der Einheitsfrage auch theologisch beschäftigte – beschäftigen musste, da diese von Johannes XXIII. zu einem zentralen Gegenstand der Versammlung erhoben worden war.10 In einem Hirtenbrief vom 22. Februar 1962 legt Montini dar, dass man vom Konzil echte Reformen erwarten dürfe.11 Sein Urteil über die Einheit der Christen ist erstaunlich nüchtern.12 Das Konzil werde diese nicht herstellen können, sondern sie allenfalls vorbereiten. Die von ihm angeführte weitgefächerte Literatur in italienischer, deutscher und französischer Sprache zeigt, dass er auf dieses Thema durchaus vorbereitet war, sich also eingelesen hatte oder zuarbeiten ließ.

Am 21. Juni 1963 wurde er zum Papst gewählt, am 29. September das Konzil mit der zweiten Periode fortgesetzt. Als verbleibende Aufgaben benannte er bei diesem Anlass in einer Grundsatzrede die Reflexion über die Aufgaben des Bischofskollegiums, die innere Erneuerung der Kirche, die Bemühungen um die Einheit der Christen sowie den Dialog mit den Zeitgenossen. Die Suche nach der Einheit setze die Bereitschaft voraus, die Mitschuld an der Trennung zu bekennen und Vergebung zu gewähren.13 In diesem Sinne wurden auf Wunsch des Pontifex weitere Nicht-Katholiken als Beobachter zum Konzil eingeladen.14 Diese empfing er immer wieder einzeln oder in Gruppen zu Audienzen und bekundete so sein Interesse an den getrennten Kirchen.

Drei Monate später, am 5. Januar 1964, traf er mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Jerusalem zusammen. Seine Reise sollte auch zum Katalysator für die Beratungen des Konzils über die Kirche und über die Einheitsfrage werden, wie seine Rede vom 4. Dezember 1963 deutlich macht, mit der er sein Vorhaben ankündigt.15 Seine Erfahrungen flossen in seine erste Enzyklika Ecclesiam Suam vom August des Jahres ein, wie er in dem Text eigens bemerkt.16 Hier formuliert er

„Gerne folgen wir dem Grundsatz, nach zunächst das beleuchtet werden soll, was

9 Vgl. Maffeis (2001), 68-75.
10 Vgl. Maffeis (2001), 93-96.
11 Vgl. Giovanni Battista Montini: Discorsi e scritti milanesi, Bd. 3, Brescia 1997, 4898-4935.
12 Vgl. ebd., 4931f.
13 Vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 165-185.
14 Vgl. Angelo Maffeis: Gli osservatori al Vaticano II, in: Notiziario Istituto Paolo VI 25 (1993), 39-45.
15 Siehe seine Konzilsrede vom 4.12.1963: Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 371- 381.
16 Vgl. Ecclesiam Suam III (AAS 56 [1964], 659).

allen gemeinsam ist, als zuerst das aufzuzeigen, was uns trennt. In dieser Hinsicht erweist sich unser Dialog als besonders nützlich, und wir sind sehr geneigt, ihn fortzuführen. Wir wagen aber noch eine weitergehende Behauptung: Wir sind selbstverständlich bereit, viele Meinungsverschiedenheiten, die Tradition, Frömmigkeitsformen, Kirchenrecht, Liturgie betreffen, einem eingehenden Studium zu unterwerfen, um den legitimen Wünschen der noch immer von uns getrennten Brüder entgegenzukommen.“17

Wenn man auch seinem Vorgänger Johannes XXIII. das Verdienst zuschreiben muss, durch die Gründung des Einheitssekretariates im Jahr 1960 die Ökumene in Rom institutionalisiert, im Verhältnis zu anderen Konfessionen eine neue Atmosphäre geschaffen und die Einheitsfrage auf die Agenda des Konzils gesetzt zu haben, so hat er in dieser Hinsicht doch noch nicht solche grundsätzlichen Aussagen getroffen wie Paul VI.18 Das Trennende über das Verbindende zu stellen, die eigene Praxis um des Dialogs willen zu hinterfragen: das war doch ein neuer Ton. Noch war Montini nicht bereit, auch die konkrete Art der Ausübung des Primates zur Diskussion zu stellen, wie dies Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ut Unum Sint im Jahr 1995 zumindest im Grundsatz tun sollte. Mit anderen Worten: Johannes XXII. hat die atmosphärischen Voraussetzungen für den Dialog der Kirchen geschaffen, die eigentliche Dialogphase beginnt jedoch erst mit Paul VI., der nicht von ungefähr den Dialogbegriff eigens reflektiert.19

Grundsätzliche Offenheit gegenüber der Ökumene steht bei ihm freilich neben einer unverkennbaren Vorsicht und Zurückhaltung in konkreten Fragen. Charakteristisch ist in diesem Sinn sein Beitrag zur Endredaktion des konziliares Dokumentes über den Ökumenismus, des Dekrets Unitatis Redintegratio.20 In der dritten

17 „Libenter hoc sequemur institutum ex quo ante ea, quae omnium sunt communia, in lucem proferantur quam ea, quae dividunt, commonstrentur. In hoc enim egregie utiliterque versatur colloquium nostrum; quod persequi ex animo sumus parati. Sed etiam maiora libet affirmare: scilicet circa plura ad differentias pertinentia, veluti ad traditionem, pietatis formas, leges canonicas, Dei cultum, promptos nos esse ad perpendendum, quomodo legitimis optatis fratrum a nobis adhuc seiunctorum obsecundare possimus”: Ecclesiam Suam II (AAS 56 [1956], 655).
18 Vgl. Jörg Ernesti: Die Päpste des Konzils und ihr Verhältnis zur Moderne, in: ders. – Leonhard Hell – Günter Kruk (Hgg.): Selbstbesinnung und Aufbruch in die Moderne. 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil, Paderborn / Wien / Zürich 2013, 11-26.
19 Vgl. Hermann J. Pottmeyer: Die Öffnung der römisch-katholischen Kirche für die Ökumenische Bewegung und die ekklesiologische Reform des 2. Vatikanums. Ein wechselseitiger Einfluß, in: Paolo VI (2001), 98-117, 190f.
20 Vgl. Dekret über den Ökumenismus. Einführung von Werner Becker, in: LThK2.E, Freiburg i. Br. 1967, 11-39; Bernd Jochen Hilberath: Theologischer Kommentar zum Dekret über den Ökumenismus, in: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Bd. 3, Freiburg i. Br. u.a. 2005, 69-223.

Konzilsperiode sollte das bereits zuvor diskutierte und mehrfach veränderte Schema nur noch abgestimmt werden. Paul VI. hatte bis dato keine einschneidenden Beiträge zum Entstehen des Textes geliefert. Dies entsprach seiner Haltung gegenüber dem Konzil: Er ließ den Vätern generell alle nötige Freiheit zur Beratung der anstehenden Fragen und griff nur selten direkt ein. Stets bestens informiert (er verfolgte die Arbeiten in der Aula durch eine Videokamera), nahm er indirekt auf den Fortgang Einfluss, indem er die Protagonisten (namentlich die von ihm eingesetzten Moderatoren) häufig empfing.21 Bei den Abstimmungen der einzelnen Paragraphen des Ökumenismusdekrets am 5. Oktober 1964 votierten bis zu 57 Väter mit Nein. Noch größer war die Zahl der Änderungsvorschläge, die das Einheitssekretariat zu bearbeiten und falls möglich auch bei der revidierten Textfassung zu berücksichtigen suchte (es waren um die 2000 „Modi“). Bei einer so heiklen Materie wie dem Ökumenismus schien dem Papst die offenkundig fehlende Einmütigkeit untragbar. In den Tagen vor der für den 19. November vorgesehenen endgültigen Abstimmung des Textes traten Vertreter der konservativen Minderheit an Paul VI. heran, die dadurch ermutigt waren, dass er in der Ekklesiologie und bei der Frage der Religionsfreiheit, die vorerst verschoben worden war, Entgegenkommen gezeigt hatte. Auch jetzt wollte er die Bedenken der Minderheit berücksichtigt wissen, um am Ende den Konsens zu verbreitern.22 Am Abend des 18. November erreichten den Präsidenten des Einheitssekretariates Kardinal Augustin Bea 40 „suggestiones benevolae“ des Papstes, von denen dieser diejenigen auswählen und in den Text einfügen sollte, die seiner Substanz nicht widersprachen. Paul VI. hatte also nicht die Absicht, in letzter Minute noch wesentliche Veränderungen in den Text eingehen zu lassen und damit die vorherige Arbeit der Konzilsväter zu desavouieren. Wohl aber wollte er einige aus seiner Sicht notwendige Nuancierungen anbringen. Die Bischöfe und Periti des Sekretariates einzuberufen, war keine Zeit mehr. Bea hatte die Direktive bekommen, die von ihm ausgewählten Veränderungen im Namen des Sekretariates, nicht aber des Papstes selbst zu veröffentlichen. Drei Beispiele seien an dieser Stelle angeführt, um den Charakter der päpstlichen „Vorschläge“ zu verdeutlichen:23

21 Paul VI. charakterisiert selbst seine Einstellung: vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 167. Sein Sekretär Pasquale Macchi beschreibt, wie sich diese Einstellung im konkreten Verhalten des Papstes niederschlug: Paolo VI nella sua parola, Brescia 2001, 110ff. Eine Monographie über den Konzilspapst Paul VI. steht noch aus.
22 Vgl. Becker (1967), 38.
23 Vgl. den Kommentar von Johannes Feiner, in: LThK2.E, Freiburg i. Br. 1967, 40-126.

Hatte es bis zum bei der Probeabstimmung 18. November über die Protestanten noch geheißen: „Spiritu Sancto movente in ipsis Sacris Scripturis Deum inveniunt sibi loquentem in Christo“, lautete der Text nach der Überarbeitung: „Spiritum Sanctum invocantes in ipsis Scris Scripturis Deum inquirunt quasi sibi loquentem in Christo“.24 Nicht „angetrieben vom Heiligen Geist“, sondern „unter Anrufung des Heiligen Geistes“ suchen bzw. finden sie in der revidierten Fassung Gott in den Heiligen Schriften. Es wird also die subjektive Seite des menschlichen Tuns in den Blick genommen, nicht das objektive Wirken des Geistes festgestellt. Ob Gott also in dieser Weise tatsächlich bei Ihnen wirkt, ist nicht sicher zu sagen. So „finden“ sie nicht Gott in den Heiligen Schriften, sondern „suchen“ ihn bloß – was deutlich weniger ist! Wiederum wird auf die menschlich-subjektive Seite des Vorgangs abgehoben. Überdies heißt es, Gott spreche nur „quasi“ zu ihnen in Christus. Auch wenn dieses Wort keine direkte Abschwächung der Aussage bedeuten muss, konnte es doch missverständlich in diesem Sinne gedeutet werden. Diese Beispiele zeigen: Der Gehalt der Aussage bleibt bestehen, aber diese wird deutlich vorsichtiger formuliert. Dasselbe gilt für die anderen von Paul VI. in diesem Zusammenhang verfügten Änderungen: Sie greifen nicht in den Gesamtduktus des Textes ein, nehmen ihm aber seine Schärfe und Pointiertheit. Es scheint im Übrigen sehr wahrscheinlich, dass die Bea vorgelegten Änderungswünsche von der Feder des Papstes, nicht aber von irgendwelchen Mitarbeitern stammten.25 Wie im Archiv in Brescia erhaltene Autographen zeigen, war er gewohnt, an Formulierungen zu feilen, selbst wenn es sich nicht um solche gewichtigen Fragen handelte.

Die Veränderungen wurden hektographiert und am 19. November in der Konzilsaula den Konzilsvätern ausgehändigt. Bei der Verlesung an diesem „schwarzen Donnerstag“ brach sich die Unzufriedenheit der Versammlung Bahn, und es kam es zu einer Krise des Konzils. Immerhin bestätigte das Endergebnis die Bemühungen des Papstes, denn bei der Schlussabstimmung zwei Tage später stimmten nur 10 Stimmberechtigte gegen die Annahme des Dekretes, 2137 dafür.

Weniger Probleme als das Ökumenismusdekret bereitete das zugleich verabschiedete Dekret über die unierten Kirchen Orientalium Ecclesiarum, die nun stärker in ihrer Eigenart als Brückenkirche zur orthodoxen Welt und als katholische

24 Vgl. ebd., 124.
25 Vgl. auch Guiseppe Alberigo (Hg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959-1965), Bd. 4: Die Kirche als Gemeinschaft (September 1964 – September 1965), herausgegeben von Günther Wassilowsky, Ostfildern 2006, 482ff.

Teilkirchen mit einer reichen liturgischen und theologischen Tradition gewürdigt werden.26 Das entsprach sicher dem Anliegen des Papstes, der die unierte Präsenz im Konzil und in der Leitung der Weltkirche stark zu machen suchte. Den Patriarchen der kleinen armenisch-katholischen Kirche, Pierre Agagianian, machte er zu einem der vier Konzilsmoderatoren. Er veranlasste, dass die Patriarchen der unierten Kirchen am Konsistorium, der Versammlung der Kardinäle, teilnehmen können – ein absolutes Novum in der Geschichte der Kirche. Das entsprechende Motu Proprio vom 11. Februar 1965 Ad Purpuratorum Patrum Collegium regelte die Zugehörigkeit zum Kardinalskollegium neu.27 Die Patriarchen sollten den Rang von Kardinalbischöfen erhalten und damit protokollarisch der höchsten Klasse der Kardinäle zugeordnet werden, ohne dass ihnen wie diesen ein suburbikarisches Bistum im Umkreis der Stadt Rom zugewiesen wurde.

 

3.     Die Krisenjahre nach dem Konzil

Im Jahr 2012 fand in Brixen eine internationale Tagung zum Thema „Paul VI. und die nachkonziliare Krise“ statt.28 1965 wurde allgemein erwartet, dass nach den turbulenten Jahren des Konzils eine ruhige Periode der Umsetzung des Beschlossenen beginnen würde. Doch es kam anders: Eine religiöse Krise, die in den sechziger Jahren alle großen, in den westlichen Ländern vertretenen Kirchen betraf, erfasste auch die katholische Kirche. Es traten bisher kaum wahrgenommene oder ungekannte Krisenphänomene auf, die durch die Ereignisse des Jahres 1968 noch verschärft wurden: Laisierungen von Priestern, Ordensaustritte, Nachwuchsmangel, der Widerstand gegen die Enzyklika Humanae Vitae zur künstlichen Empfängnisverhütung und in der Folge eine Krise der päpstlichen Autorität, eine Infragestellung des Zölibates, etc. „No pope in modern history had to cope with such dissidence“, schreibt der Biograph Peter Hebblethwaite.29

Diesen zeitgeschichtlichen Kontext muss man mitbedenken, wenn man die ökumenischen Entwicklungen jener Jahre in den Blick nimmt. Denn eine gewisse Zurückhaltung, die vielleicht noch durch die spektakulären ökumenischen Gesten überdeckt worden war, machte sich – bei aller grundsätzlichen Bejahung der

26 Vgl. AAS 57 (1965), 76-89.
27 Vgl. AAS 57 (1965), 295f.
28 Vgl. Jörg Ernesti (Hg.): Paolo VI e la crisi postconciliare – Paul VI. und die nachkonziliare Krise [= Tagung Brixen, 25.-26. Februar 2012 / = Istituto Paolo VI, Brescia. Pubblicazioni 37], Brescia / Rom 2013.
29 Peter Hebblethwaite: Paul VI. The First Modern Pope, New York u.a. 1993, 571.

Ökumene – nun doch stärker bemerkbar. Es kam zu einer institutionellen Verankerung der Ökumene im Leben der Kirche, aber damit auch zu einer Kanalisierung und Reglementierung, die ihren Schwung und Enthusiasmus zu mindern schien.

 

3.1 Das Verhältnis zum ÖRK

Das gilt im Besonderen für das Verhältnis zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), deren Genfer Sitz Paul VI. 10. September 1969 besuchte.30 Bei der Gründung dieser Organisation 21 Jahre zuvor war es Katholiken bei Strafe verboten gewesen teilzunehmen. Erst seit 8 Jahren wurden vatikanische Beobachter zu den Weltkonferenzen des ÖRK entsandt. Der erste ökumenische Gottesdienst in der Geschichte, an dem ein Papst teilgenommen hatte, war gerade einmal 5 Jahre her. Der Besuch in Genf markierte also wirklich eine Zeitenwende. Wiederum erwies Paul VI. sich als Meister der Inszenierung: Die Bilder, die um die Welt gingen, zeigen ihn, wie er mit weit geöffneten Armen die Eingangshalle durchschritt, auf diese Weise Offenheit und Herzlichkeit signalisierend. Doch war der Besuch auch von Dissonanzen gekennzeichnet: Dem Selbstverständnis des ÖRK als Bund gleichberechtigter Kirchen entsprechend, hatte man für den Papst auf dem Podium einen normalen Stuhl wie für die anderen Kirchenvertreter vorgesehen, ohne damit seine besondere Würde als Papst und den Anspruch seiner Kirche sichtbar zum Ausdruck bringen zu können. Die katholische Kirche sieht aber durchaus Rangunterschiede zwischen den Kirchen im eigentlichen Sinne, in denen Amt und Eucharistie gewahrt sind, und den kirchlichen Gemeinschaften.31 Von dieser Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit war auch seine Rede gekennzeichnet: So würdigte er die Bemühungen des ÖRK um die Einheit der Christenheit, betonte aber zugleich, dass diese Einheit in der katholischen Kirche bereits vorgegeben sei.32 Des Weiteren erinnerte er in seiner Ansprache zwar an die Taufe, in der die verschiedenen Kirchen geeint seien, strich ansonsten aber prononciert die Bedeutung des Petrusamtes heraus. Hierbei handelt es sich im Übrigen um eine Konstante seines Pontifikates, die angesichts der Krisen jener Zeit

30 Vgl. Angelo Maffeis: Il viaggio di Paolo VI a Ginevra e la visita al Consiglio Ecumenico delle Chiese, in: Notiziario Istituto Paolo VI 57 (2009), 47-54.
31 Vgl. UR 19 (AAS 57 [1965], 104).
32 Vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 7 (1969), Rom 1970, 399.

noch deutlicher hervortrat. Man kann Paul VI. ein stark entwickeltes petrinisch-primatiales Bewusstsein bescheinigen.33

Paul VI. stellte in diesem Zusammenhang die Frage nach der Mitgliedschaft der römisch-katholischen Kirche und verwies auf die Arbeiten der einschlägigen gemeinsamen Arbeitsgruppe des ÖRK und der katholischen Kirche, deren Ergebnisse abzuwarten seien.34 Diese lagen 1972 vor und boten dem Papst Entscheidungshilfe. Auch wenn er sich nicht entsprechend öffentlich äußerte, kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass die Ablehnung einer Mitgliedschaft vor allem auf ihn selbst zurückgeht. Die Frage war zu zentral, als dass er sie auf untergeordneten Ebenen entscheiden lassen konnte (auch wenn man als Historiker mit dem argumentum ex silentio eher sparsam umgehen sollte).

Welche Motive waren für diese Entscheidung bestimmend? Für den Papst war klar, dass man über Glaubens- und Sittenfragen nicht demokratisch abstimmen könne. Das Konzil hatte in UR 2-3 festgehalten, dass die Einheit in der katholischen Kirche vorgebildet ist und dass diese alle Wesenselemente der wahren, von Christus gegründeten Kirche aufweist. Diese Elemente können sich auch bei den anderen Kirchen finden, sind dort allerdings nicht in Vollgestalt verwirklicht. Diese Auffassung war nicht mit einem gleichberechtigten Miteinander ekklesiologisch auf einer Stufe stehender Kirchen vereinbar. Die progressive sozialpolitische Ausrichtung des ÖRK (namentlich in der Dritte-Welt-Problematik und bei der Rassentrennung) dürfte dem Verfasser der Enzyklika Populorum Progressio (1967) noch die geringsten Probleme bereitet haben.

Auch wenn er die katholische Kirche nicht in den ÖRK integrierte, befürwortete er doch die Vollmitgliedschaft der katholischen Kirche in der Kommission Faith and Order, dem wichtigsten theologischen „think tank“ dieser Organisation. Auf diese Weise konnte der Vatikan direkten Einfluss auf die theologische Entwicklung des ÖRK nehmen.35 Auch gab er sein Placet, als die Päpstliche Kommission Iustitia et Pax und der ÖRK 1968 einen gemeinsamen Ausschuss für Gesellschaft,

33 Vgl. Adolfo González Montes: El ministerio petrino al servicio de la unidad de todos los cristianos. Doctrina y práctica en el magistero de Pablo VI, in: Paolo VI (2001), 284-310.
34 Jan Grootaers: An Unfinished Agenda. The Question of Roman Catholic Membership in the World Council of Churches (1968-1975), in: Ecumenical Review 49 (1997), 305-347; Jared Wicks: Collaboration and Dialogue. The Roman Catholic Presence in the Ecumenical Movement during the Pontificate of Paul VI, in: Paolo VI (2001), 215-267 (zu den Beratungen über die Mitgliedschaft der katholischen Kirche im ÖRK: 237-248).
35 Vgl. den Diskussionsbeitrag von Thomas Stransky, in: Paolo VI (2001), 324. Dieser war Leiter des von Paul VI. gestifteten ökumenischen Studienzentrums Tantur in Jerusalem und Mitglied der Gemeinsamen Arbeitsgruppe von ÖRK und katholischer Kirche.

Entwicklung und Frieden (SODEPAX – Society for Development and Peace) gründeten, der bis 1980 über sozialethische Fragen beriet und entsprechende Erklärungen abgab. Dreimal verlängerte er das Mandat dieser Institution.

 

3.2   Umsetzung der Konzilsbeschlüsse

In der Nachkonzilszeit ist eine Tendenz in der Ökumene unverkennbar, die sich auch in anderen Bereichen bemerkbar machte, die Tendenz, die begonnene Entwicklung in institutionalisierte Bahnen zu lenken. Die ekklesiologischen Vorgaben des Konzils wurden durch die Kurienreform in feste kirchliche Strukturen übersetzt, und die Anregungen der Liturguiekonstitution erhielten in der erneuerten Liturgie eine verbindliche Gestalt. In der Ökumene ist zuerst an die Direktorien von 1967 und 1970 zu denken, die das Ökumenismusdekret des Konzils auf die Ebene konkreter Einzelbestimmungen herunterbrechen.36 Hier werden alle möglichen konkreten Fragen geregelt (etwa die Bestellung von Ökumenebeauftragten auf der Ebene der Bischofskonferenzen und der Bistümer, die Vorschriften für ökumenische Gottesdienste etc.). Auf diese Weise wird die Ökumene gewissermaßen kanalisiert, und es werden Fehlentwicklungen beschnitten. Die Mischehenfrage, eine zentrale Frage des konfessionellen Miteinanders regelte der Papst in durchaus revolutionärer Weise und ging damit noch über die Anregungen des Konzils hinaus. Durch das Motu Proprio Matrimonia mixta vom 31. März 1970 wurden Mischehen nicht mehr wie zuvor erschwert, sondern als Chance des interkonfessionellen Miteinanders gedeutet. Die beiden Partner hatten bis zu diesem Zeitpunkt Versprechen abzulegen, die von Nicht-Katholiken vielfach als diskriminierend empfunden worden waren. Der nicht-katholische Partner durfte eine katholische Taufe und Erziehung der Kinder nicht verhindern, der katholische musste versichern, die Konversion des Partners zu betreiben. Nach den neuen Bestimmungen muss der Katholik lediglich zusagen, er werde sich bemühen, die Kinder katholisch taufen zu lassen und zu erziehen, während der andere Partner sich nur noch zu verpflichten hatte, die gläubige Praxis des Gatten nicht zu behindern.37

36 Vgl. Directorium Oecumenicum vom 14.5.1967: AAS 59 (1967), 574-592; Directorium  Oecumenicum vom 15.5.1970: AAS 62 (1970), 705-724.
37 Vgl. AAS 62 (1970), 257-263.

 

3.3   Offizielle bilaterale Dialoge

Paul VI. war auch nach seinem Genfer Besuch in oecumenicis sehr gut informiert und räumte den Begegnungen mit Vertretern des ÖRK stets hohe Priorität ein. Parallel dazu traf er auch wiederholt mit verschiedenen Führern altorientalischer Kirchen zusammen. Diese Kirchen, zu denen die syrisch- orthodoxe Kirche, die koptisch-orthodoxe Kirche, die armenisch-apostolische Kirche, die malankarische Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche und die die Kirche des Ostens gehören, nannte man früher wegen ihrer Ablehnung der christologischen Konzilsbeschlüsse von 431 und 451 Monophysiten. In Gesprächen unter dem Dach der von Kardinal Franz König ins Leben gerufenen Stiftung Pro Oriente wurde von altorientalischen Theologen die „Wiener Christologische Formel“ erarbeitet (1972). Diese schlägt sich bereits in der gemeinsamen Erklärung von Papst Schenouda III. und Papst Paul VI. im Jahr 1973 nieder, in der ein weitgehender Konsens im Bereich der Inkarnation festgestellt eine Studienkommission zur Klärung der bleibenden Differenzen ins Leben gerufen wird. Die Wiener Formel steht auch im Hintergrund der Erklärungen des syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius I. und Papst Johannes Pauls II. von 1984 sowie des Konsenses mit der Syro-Malankarischen Kirche im Jahr 1990. Es wurde die Erklärung abgegeben, dass die alten christologischen Differenzen in ihrem historischen Kontext zu sehen sind und nicht weiter bestehen.38 Seit 2003 wird auch ein offizieller Dialog zwischen Altorientalen und Katholischer Kirche geführt.

In der zunehmend schwierigen Phase der Nachkonzilszeit setzte Paul VI. auf solcherlei Dialoge. In bilateralen Gesprächen sollten Fachleute, die offiziell von ihren jeweiligen Kirchen bestimmt worden waren, die doktrinären Differenzen in gründlicher theologischer Arbeit untersuchen und ihre Ergebnisse dokumentieren. Sechs Dialoge wurden in seiner Amtszeit begonnen, die vom Einheitssekretariat vorbereitet und von ihm selbst approbiert worden waren (mit den Anglikanern, den Lutheranern, den Methodisten, den Reformierten, den Pfingstlern und ein trilateraler Dialog mit Lutheranern und Reformierten). Derjenige mit den Orthodoxen byzantinischer Tradition war durch eine Phase der Gespräche und Begegnungen, die man gemeinhin als „Dialog der Liebe“ bezeichnet, schon weitgehend vorbereitet und konnte 1980 offiziell beginnen.39

Inwieweit im Einzelfall die Initiative zu diesen Dialogen vom ihm selbst ausging oder er Anregungen von Bea und dessen Nachfolger Willebrands aufnahm, ist im Einzelfall schwer einzuschätzen. Auf ihn selbst geht sicher die Initiative zum anglikanisch-katholischen Dialog und die Einrichtung der gemeinsamen Kommission

38 Vgl. Antonio Olmi: Il consenso cristologico tra le chiese calcedonesi e non calcedonesi (1964-1996) [= Analecta Gregoriana 290], Rom 2003.
39 Vgl. Dokumente wachsender Übereinstimmung. Sämtliche Berichte und Konsenstexte interkonfessioneller Gespräche auf Weltebene, 1931-1982, herausgegeben von Harding Meyer, Hans Jörg Urban, Lukas Vischer, Paderborn 1983; Pro oriente (Hg.): Tomos agapis. Dokumentation zum Dialog der Liebe zwischen dem Hl. Stuhl und dem Ökumenischen Patriarchat 1958-1976 (…), Innsbruck u.a. 1978; Wicks (2001), 248-259.

ARCIC bei Ramseys Rombesuch im Jahr 1966 zurück. Jedenfalls machte er sich die Anliegen aller Dialoge ganz zu Eigen und verfolgte ihre Arbeit intensiv.

Noch zweimal traf er sich mit Athenagoras, im Juli 1967 in Istanbul und drei Monate später in Rom. Die Kehrseite dieses engen Anschlusses an den Ökumenischen Patriarchen bestand darin, dass das Moskauer Patriarchat, das in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zu ersterem steht, sich nicht in demselben Maße einbinden ließ. Insofern der Moskauer Patriarch für die mitgliederstärkste              autokephale orthodoxe Kirche steht, war dies sehr zu bedauern. Die unter Paul VI. vollzogene Weichenstellung wirkt noch heute fort, insofern es noch häufiger zu Gipfeltreffen des Papstes mit dem Ökumenischen Patriarchen gekommen ist, bisher aber nicht zu einer Begegnung des Moskauer Patriarchen mit dem Patriarchen des Abendlandes. Dass ihm die theologische Arbeit im Bereich der Ökumene ein besonders Anliegen war, zeigt sich auch daran, dass er bereits kurz nach seinem Besuch im Heiligen Land die Gründung eines ökumenischen Studien- und Begegnungszentrums ins Auge fasste, das 1972 unter dem Namen „Tantur“ seine Arbeit aufnehmen konnte.40

 

Fazit

Giovanni Battista Montini, der von Herkunft, Ausbildung und Werdegang kaum mit der konfessionellen Problematik vertraut war, nahm das Erbe seines Vorgängers loyal auf, durch das Konzil der Einheit der Kirche näherzukommen. Sein Wirken auf diesem Feld ist zweischneidig: Er schreitet auf der einen Seite mutig vorwärts, bremst aber auf der anderen Seite und sucht regulierend zu steuern. Er setzt einerseits mutige Gesten, die zum Stimulus der interkonfessionellen Annäherung werden, und lässt es zu ökumenischen „Gipfeltreffen“ mit weitreichenden Folgen kommen. Andererseits schwächt er im Konzil die Aussagen des Ökumenismusdekretes ab, verhindert vor dem Hintergrund der nachkonziliaren Krise eine Aufnahme seiner Kirche in den ÖRK und setzt stattdessen eher auf die bilaterale seriöse theologische Arbeit (Dialoge, Faith and Order, SODEPAX), und kanalisiert schließlich das ökumenische Leben durch Ausführungsbestimmungen. Grundsätzlicher Bejahung der Ökumene steht also eine pragmatische Vorsicht gegenüber. Diese doppelte Dimension ist auch für andere Bereiche seines Wirkens durchaus charakteristisch.

40 Vgl. Adalbert M. Franquesa: Pablo VI y el „Ecumenical Institute for Advanced Theological Studies“ en Jerusalén, in: Paul VI (2001), 380-392.

In der Summe wird man Paul VI. trotz gewisser Einschränkungen als Förderer der Ökumene bezeichnen können. Er band die katholische Kirche durch die Umsetzung der einschlägigen Konzilsbeschlüsse unumkehrbar in die Ökumene ein. Konkrete Regelungen erleichtern das praktische Miteinander bis zum heutigen Tag. Keiner der einmal begonnenen Dialoge blieb ohne sichtbare Gesprächsergebnisse. Besonders die Annäherung an die Orthodoxie hatte für ihn stets eine große Bedeutung, ja sie kann als echte Erfolgsgeschichte gelten. So konnte Paul VI. am 24. Januar 1973 in einer Ansprache resümieren: „Insbesondere im Verhältnis zu den ehrwürdigen Kirchen des Ostens haben wir eine fast vollständige Einheit wiedergefunden, die uns drängt, alles Menschenmögliche zu tun, damit sie vollkommen wird.“41

41 „Con le venerabili Chiese d’Oriente, in particolare, abbiamo riscoperto una comunione quasi piena che ci spinge a fare tutto il possibile per completarla”: Notiziario Istituto Paolo VI 35 (1998), 37.

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Quelle

Paul VI. zu Lefebvre: „Dann leiten Sie doch die Kirche!“

Überraschende Details aus der Amtszeit von Papst Paul VI. (1963-78) bietet das neue Buch eines hochrangigen Vatikan-Prälaten. In dem Buch „La barca di Paolo“, das am Mittwoch erschien, verrät Leonardo Sapienza u.a., dass der Montini-Papst schon wenige Jahre nach seiner Wahl zum Papst ein Rücktrittsschreiben für den Fall seiner Amtsunfähigkeit verfasst hat.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Das Schreiben sei in Pauls Schreibtisch aufbewahrt worden; von seiner Existenz hätten viele Kardinäle gewusst. Papst Franziskus, der seinen Vorgänger Paul VI. im Oktober heiligsprechen wird, erklärte in einem Grußwort zum Buch, auch dieses Rücktrittsschreiben sei ein Beleg für Pauls Heiligkeit.

Vor allem aber Sapienza mit Details aus einer Unterredung zwischen Paul VI. und Erzbischof Marcel Lefebvre auf; er empfing den Gründer der schismatisch orientierten Piusbruderschaft im September 1976 in Castel Gandolfo. Der Papst habe während des halbstündigen Treffens, das in sehr gespannter Atmosphäre stattfand, zu Lefebvre gesagt: „Sie stufen ja den Papst als dem Glauben untreu ein – dann nehmen Sie doch meinen Platz ein und leiten Sie die Kirche!“

“ Sie nehmen die Haltung eines Gegenpapstes ein ”

Der Papst sei sich mit Lefebvre, den er kurz zuvor vom Amt suspendiert hatte, darin einig gewesen, dass es bei der Umsetzung der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu „Missbräuchen“ komme. Doch habe er Lefebvre vorgehalten: „Sie nehmen die Haltung eines Gegenpapstes ein.“ Und er habe ihn gefragt, ob er sich darüber im klaren sei, „welchen Skandal und wieviel Schlechtes Sie der Kirche antun“.

Lefebvre habe eingeräumt, dass seine Schriften und Äußerungen womöglich „unangemessen“ seien, aber betont, er könne nicht gegen sein Gewissen handeln. Mehrere Konzilsdokumente ließen sich mit der Tradition der Kirche nicht vereinbaren. „Alles wäre gelöst“, wenn der Papst die Bischöfe dazu aufrufen würde, Kapellen in ihren Bistümern zuzulassen, wo die Gläubigen „wie vor dem Konzil“ beten könnten. Dies habe der Papst zurückgewiesen: „Wir sind eine Gemeinschaft, wir können es nicht zulassen, dass einige sich autonom verhalten.“

Nach der Audienz begann Papst Paul zu fasten

Beide Gesprächspartner seien sich darin einig gewesen, dass die Kirche in einer Krise sei, so Sapienza in seiner Darstellung weiter. Papst Paul VI. habe betont, dass er „sehr hartnäckig“ gegen „Missbräuche“ und „Exzesse“ kämpfe, dass das Konzil aber „zu Zeichen der Zeit geführt“ habe. Das lasse sich unter anderem an einem „spirituellen Aufbruch unter jungen Menschen“ ablesen.

Nach der Audienz, die unversöhnlich endete, hat der Papst nach Darstellung seines zweiten Sekretärs John Magee ein mehrtägiges Fasten eingelegt. Damit habe er „Wiedergutmachung“ für den durch Lefebvre angerichteten Schaden leisten wollen.

(cath.ch/ vatican news)

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Quelle

Siehe auch: