Warum „Amoris laetitia“ orthodox verstanden werden kann und muss

Kardinal Müller: „Wer glaubt, ein Papst könne die geoffenbarte Wahrheit ändern, verkennt die Natur des päpstlichen Lehramts.“ Foto: KNA

Wie Kardinal Gerhard Müller das postsynodale Papstschreiben
im Vorwort zu einem Buch von Rocco Buttiglione interpretiert.

Von Guido Horst

Rom (DT) In Italien ist in diesen Tagen ein Buch des Philosophen und christdemokratischen Politikers Rocco Buttiglione erschienen, das – den frei ins Deutsche übersetzten – den Titel „Freundschaftliche Antworten auf die Kritiker von Amoris laetita“ trägt und eine Brücke zwischen den scharfen Gegnern des nachsynodalen Schreibens und den Anliegen von Papst Franziskus schlagen will. Das ausführliche Vorwort stammt von Kardinal Gerhard Müller, der es Buttiglione gleich tut: Die „scharfe Kontroverse“, so schreibt der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, die das achte Kapitel von „Amoris laetitia“ zur Folge hatte, sei umso bedauerlicher, da Franziskus, gestützt auf die beiden Bischofssynoden über die Familie 2014 und 2015, „eine zugleich theologische und pastorale Antwort“ auf die Herausforderungen der heutigen Zeit geben und die „mütterliche Hilfe“ der Kirche anbieten wollte, um die Krise von Ehe und Familie im Lichte des Evangeliums Christi zu überwinden. Es sei also nötig, die Abgrenzung der kontroversen Interpretationen des Schreibens zugunsten eines Austausches der Argumente zu überwinden, was der Kardinal dann im Folgenden versucht. Der Text ist lang. An dieser Stelle sei er mit ausführlichen Zitaten und Zusammenfassungen des Gedankengangs Müllers wiedergegeben.

„Eine seltsame Verkehrung der Fronten“

Zunächst stellt der Kardinal fest, dass „Amoris laetitia“ einen Parteienstreit zur Folge hatte: „Während von einer Seite die Rechtgläubigkeit des Papstes, des obersten Lehrers der Christenheit, in Frage gestellt wird, ergreifen andere die Gelegenheit, den Papst für einen von ihnen gewollten radikalen Paradigmenwechsel der katholischen Moral- und Sakramententheologie in Anspruch zu nehmen. Eine seltsame Verkehrung der Fronten ist wahrzunehmen. Die sich selbst als liberal-progressistisch rühmenden Theologen, die vorher zum Beispiel hinsichtlich der Enzyklika ,Humanae vitae‘ das Lehramt des Papstes grundsätzlich in Frage gestellt haben, erheben jetzt jede seiner Aussagen, die ihnen genehm ist, fast in den Rang eines Dogmas. Und andere Theologen, die sich streng dem Lehramt verpflichtet fühlen, unterwerfen ein lehramtliches Dokument gleichsam den Regeln einer akademischen Prüfung.“

Damit sei eine für die Kirche dramatische Lage entstanden, die durchaus mit der zur Zeit Martin Luthers zu vergleichen sei. Die kirchliche Situation heute, so Müller, „mit der Gefahr ihrer inneren Verweltlichung und Politisierung ist nicht unähnlich der brisanten Lage im späten Mittelalter, die zur Reformation und Kirchenspaltung des sechzehnten Jahrhunderts geführt hat. Der große Historiker des Konzils von Trient, Hubert Jedin, schreibt dazu: ,Das Wort Reform verdeckte die Häresie und die entstehende Kirchenspaltung; und nichts hat die Kirchentrennung so gefördert wie die Illusion, die sich über ihr Vorhandensein täuschte.‘ Nur die dogmatische Klarheit in der Lehre und der mutige Dienst der Hirten an der Einheit der Kirche kann sowohl die Ausbreitung von Irrlehren als auch spalterische Tendenzen verhindern“, schreibt Kardinal Müller.

In diesem Zusammenhang biete Rocco Buttiglione als treuer Katholik und ausgewiesener Moraltheologe mit den in seinem Band gesammelten Artikeln und Aufsätzen eine klare und überzeugende Antwort. „Es geht hier nicht um die gesamte Rezeption von ,Amoris laetitia‘, sondern nur um die kontroverse Interpretation einiger Passagen im achten Kapitel. Er bietet aufgrund der klassischen Kriterien der katholischen Theologie eine argumentierende und nie polemisierende Antwort auf die fünf Dubia der Kardinäle. Er zeigt, dass der schwere Vorwurf seines Freundes und langjährigen Mitstreiters Josef Seifert an den Papst, nicht einwandfrei rechtgläubige Thesen vorzutragen oder zuzulassen, nicht den Tatsachen entspricht.“ Müller meint damit die Aussage Seiferts, „Amoris laetitia“ sei eine moraltheologische Atombombe, die das ganze Lehrgebäude der Kirche zum Einsturz zu bringen drohe. Seifert war daraufhin vom Erzbischof von Granada als Leiter des spanischen Ablegers seiner Internationalen Akademie für Philosophie entlassen worden.

Eine „Atombombe“ ist „Amoris laetitia“ sicher nicht

Zwei zentrale Aussagen, so Müller, kennzeichneten Buttigliones Argumentation: „Erstens: Die dogmatischen Lehren und pastoralen Hinweise des achten Kapitels von ,Amoris laetitia‘ können und müssen orthodox verstanden werden. Zweitens: ,Amoris laetitia‘ bedeutet keine lehramtlichen Kehrtwende zu einer Situationsethik und damit einen Widerspruch zur Enzyklika ,Splendor veritatis‘ von Papst Johannes Paul II.“ Auch für den Kardinal steht es außer Frage, dass die Theorie haltlos sei, das subjektive Gewissen könne sich im Hinblick auf seine Interessen und Befindlichkeiten an die Stelle der objektiven Norm des natürlichen Sittengesetzes und der Sakramente setzen und deshalb sei die Lehre von der Existenz eines „intrinsecum malum“ und objektiven bösen Tuns obsolet geworden. Stattdessen hält Müller mit Blick auf den zweiten „Zweifel“ der vier Dubia-Kardinäle fest: „Es bleibt die Lehre von ,Veritatis splendor‘ (Art. 56; 79) auch im Vergleich mit ,Amoris laetitia‘ (Art. 303f.) gültig, dass es absolute moralische Normen gibt, die keine Ausnahmen zulassen.“

Dass es aber zu der Verwirrung um „Amoris laetitia“ kommen konnte, führt der Kardinal auch auf ein Missverständnis der Natur der Lehrbefugnis der Päpste zurück: „Der Grund, warum es zu diesen kontradiktorischen Auslegungen von ,Amoris laetitia‘ kommen konnte, besteht in einem Missverständnis der Rolle und Funktionsweise des bischöflichen und päpstlichen Lehramtes. Angesichts der protestantischen Fundamentalopposition gegen die Existenz und Natur des kirchlichen Lehramtes, das letztverbindlich die Wahrheiten der eschatologisch-definitiven Selbstmitteilung Gottes als Wahrheit und Leben jedem Katholiken zu glauben vorlegen kann, hat sich seit dem siebzehnten Jahrhundert gelegentlich eine Art von katholischem Lehramtspositivismus eingeschlichen, der nicht weniger gefährlich ist für den katholischen Glauben als seine Leugnung überhaupt. In seiner extremen Form besagt er: Etwas ist wahr, weil und indem es der Papst zu glauben vorlegt; und nicht weil es wahr und in der Offenbarung (in ihrer Objektivation in der Heiligen Schrift und der Apostolischen Überlieferung ) enthalten ist, kann und muss es auch vom Papst verbindlich gelehrt werden.“

Der Katholik glaubt an Gott, nicht an den Papst

Daraus ergibt sich für Müller: „In Wirklichkeit ist der Papst nicht eine Glaubensquelle. Dem lebendigen Lehramt der Kirche ist die Offenbarung nicht zu eigen gegeben, sondern nur zur verbindlichen Erklärung anvertraut. Der Papst erfreut sich nur der ,assistentia spiritus sancti‘ und nicht einer Illumination oder Inspiration durch die göttliche Wahrheit. Denn der Katholik glaubt dem sich offenbarenden Gott und nicht dem Papst, wenn von diesem auch das Glaubensbekenntnis der Kirche in der Bezeugung durch die Apostel und ihrer legitimen Nachfolger letztverbindlich zu glauben vorgelegt wird.“ Das habe auch Folgen dafür, wie „Amoris laetitia“, und hier besonders das achte Kapitel, zu lesen sind: „In den lehramtlichen Dokumenten ist klar zu unterscheiden zwischen dem vorgelegten Glaubensinhalt und den beigefügten theologischen Argumentationen. Selbst wenn Glaubensinhalt und Glaubensreflexion nicht immer und leicht adäquat zu unterscheiden sind, können sie dennoch gegenüber den Gläubigen nicht die gleiche Verbindlichkeit entfalten. Als Dokument des päpstlichen Lehramtes erfreut sich Papst Franziskus als Autor von ,Amoris laetitia‘ zweifelslos des Beistandes des Heiligen Geistes. Dabei richtet sich der Verbindlichkeitsgrad der einzelnen Aussagen nach dem Grad der in Anspruch genommenen Lehrautorität. Da wir in der Christologie keine Monophysiten und Nestorianer sind, muss aber bei der Interpretation der lehramtlichen Glaubensvorlage zwischen der darin erhaltenen göttlichen Autorität und der menschlichen Vermittlung der Glaubensaussage unterschieden werden, wenn auch beide Faktoren nicht zu trennen sind. Selbst die Heilige Schrift als Gottes Wort im Menschenmund kann – unbeschadet ihrer Funktion als ,norma normans non normata‘ – hinsichtlich ihrer menschlichen Sprechweise historisch-kritisch ausgelegt werden. Deshalb kann man unter dem Gesichtspunkt der theologisch-argumentativen Darstellung des Glaubens auch ein päpstliches Lehrschreiben der historischen Kritik unterziehen, ohne an der Verbindlichkeit des Glaubensaussage, die von der Autorität Gottes gestützt wird, zu zweifeln.“

Auf „Amoris laetitia“ angewandt bedeutet das für den Kardinal, dass man das ein oder andere an dem Schreiben kritisieren kann: „Nicht immer geglückte Sprachbilder (zum Beispiel die Gebote Gottes wie Felsbrocken auf andere werfen) und vorschnelle Psychologisierungen von theologischen Positionen mit Legalismus und Pharisäertum fördern eher die Befremdung über den Stil von ,Amoris laetitia‘, als dass sie Verständnis für das pastorale Anliegen des Papstes wecken (vgl. AL 305). Wer für die Klarheit und Wahrheit der Glaubenslehre einsteht gerade im Zeitalter des Relativismus und Agnostizismus, hat es nicht verdient als Rigorist, Pharisäer, Legalist und Pelagianer apostrophiert zu werden.“ Dennoch hält Müller daran fest: „Eine genaue Analyse zeigt, dass der Papst in ,Amoris laetitia‘ keine Lehre verbindlich zu glauben vorgelegt hat, die in offenem oder impliziten Gegensatz steht zur klaren Lehre der Heiligen Schrift und den definierten Dogmen der Kirche bezüglich der Sakramente der Ehe, der Buße und der Eucharistie. Vielmehr wird die Glaubenslehre über die innere und äußere Unauflösbarkeit der sakramentalen Ehe gegenüber allen anderen Formen, die sich von ihr ,radikal kontradiktorisch‘ (AL 292) abheben, bekräftigt und den Fragen des pastoralen Umgangs mit Personen in eheähnlichen Verhältnissen zugrunde gelegt.“

Schuldlos vom ersten Ehepartner verlassen

Wie aber löst Kardinal Müller die Missverständnisse auf, die „Amoris laetitia“ offensichtlich ausgelöst hat? Hier muss ausführlicher zitiert werden. „Das Spezifikum, worum es im achten Kapitel geht“, so Müller, „ist die pastorale Sorge um des Heil derjenigen Katholiken, die in irgendeiner Weise eheähnlich mit einem Partner zusammenleben, der nicht ihr rechtmäßiger Ehegatte ist. Die Lebenssituationen sind so verschieden und komplex und der Einfluss ehefeindlicher Ideologien und Lebensformen ist oft übermächtig. Der einzelne Christ kann sich schuldlos in der schweren Krise des Verlassen-Seins befinden und keinen anderen Ausweg wissen, als sich einem wohlwollenden Menschen anzuvertrauen, woraus sich eheähnliche Beziehungen ergeben. So bedarf es im ,Forum internum‘ einer besonderen geistlichen Unterscheidungskompetenz des Beichtvaters, um jenseits von billiger Anpassung an den relativistischen Zeitgeist und kalter Applikation der dogmatischen Vorgaben und kirchenrechtlichen Bestimmungen einen Weg der Umkehr und Hinwendung zu Christus zu finden, der der Person gerecht wird – aber eben im Licht der Wahrheit des Evangeliums und mit Hilfe der zuvorkommenden Gnade.“

Wie ein konkreter Ausnahmefall aussehen kann

Dabei ist laut Müller der Tatsache Rechnung zu tragen, „dass auch bei vielen Katholiken eine krasse Unkenntnis über das Ehesakrament um sich greift“. Und so nennt der Kardinal den Fall, in dem das achte Kapitel und Fußnote 351 auch auf wiederverheiratete Geschiedene angewandt werden können: „Es kann bei einer späteren Bekehrung (eines ,Taufscheinkatholiken‘) der Fall eintreten, dass ein Christ in seinem Gewissen überzeugt ist, dass seine erste Verbindung, selbst wenn sie in Form einer kirchlichen Trauung erfolgte, nicht gültig war als Sakrament und dass seine jetzige eheähnliche Verbindung mit Kindern und einem gedeihlichen Zusammenleben mit seinem Partner eine reale Ehe ist vor Gott. Vielleicht kann das aus physischen oder mentalitätsmäßigen kulturellen Kontexten kirchenrechtlich nicht aufgewiesen werden. Die hier auftretende Spannung zwischen dem öffentlich-objektiven Status der ,zweiten‘ Ehe und der subjektiven Schuld kann möglicherweise unter den gegebenen Voraussetzungen den Weg zur heiligen Kommunion über die seelsorgerliche Beratung im ,Forum internum‘ und dem Bußsakrament eröffnen.“ Diesen Worten Kardinal Müllers zufolge ist es also völlig verfehlt, „Amoris laetitia“ als moraltheologische Atombombe zu bezeichnen oder den Papst der Häresie zu bezichtigen. Allerdings macht der Text Müllers auch klar, dass „Amoris laetitia“ nur dann in der Tradition des bisherigen päpstlichen Lehramts steht, wenn man das Schreiben eng auslegt und nicht dazu nutzt, Wiederverheirateten grundsätzlich den Weg zum Empfang der Sakramente zu öffnen.

Grundsätzlich ist für den ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation klar: „Der Papst selbst warnt in ,Amoris laetitia‘ vor falschen Interpretationen der Seelsorger ,in den spezifischen Fällen‘, die niemals und unter keinen Umständen die Lehre über die von Gott gestiftete Unauflöslichkeit der gültigen, sakramentalen Ehe in Frage stellen dürfen und damit die Qualifikation des Ehebruchs als Todsünde verdunkeln würden (AL 307). Jeder Relativismus widerspricht diametral der lehramtlichen Autorität des Papstes in ,Amoris laetitia‘.“

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Lesen Sie dazu:

 

Kardinal Burke spricht die „Dubia“ ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung an – Fortsetzung und Schluss

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Hat der Papst nicht deutlich gemacht, wo er mit seinem Brief an die argentinischen Bischöfe steht, in dem er sagte, es gebe „keine andere Interpretation“ als die Richtlinien, die jene Bischöfe veröffentlicht haben – Richtlinien, die die Möglichkeit offen ließen, dass einige sexuell aktive unverheiratete Paare die Heilige Kommunion empfangen könnten?

(Einschub von mir [POS]:) Siehe hierzu diesen Artikel aus ACIPRENSA

Im Gegensatz zu dem, was einige behauptet haben, können wir den Brief des Papstes an die Bischöfe der Region Buenos Aires, der kurz vor dem Empfang der Dubia geschrieben wurde und die Kommentare zu den pastoralen Richtlinien der Bischöfe enthält, nicht als angemessene Antwort auf die gestellten Fragen betrachten. Einerseits können diese Richtlinien auf unterschiedliche Weise interpretiert werden; andererseits ist nicht klar, ob dieser Brief ein lehramtlicher Text ist, mit dem der Papst zur weltumfassenden Kirche als Nachfolger Petri sprechen wollte. Die Tatsache, dass der Brief zuerst bekannt wurde, weil er der Presse zugespielt worden war – und erst später vom Heiligen Stuhl veröffentlicht wurde – wirft einen berechtigten Zweifel an der Absicht des Heiligen Vaters auf, ihn an die universale Kirche zu richten. Darüber hinaus würde es sich als ziemlich erstaunlich herausstellen – und im Gegensatz zu dem explizit formulierten Wunsch von Papst Franziskus, die konkrete Anwendung von Amoris Laetitia den Bischöfen jedes Landes zu überlassen (Amoris Laetitia, 3) – dass er nun der ganzen universalen Kirche auferlegen wollte, was nur die konkreten Anweisungen für eine bestimmte Region sein können. Und sollten nicht die verschiedenen Dispositionen, die von verschiedenen Bischöfen in ihren Diözesen von Philadelphia bis Malta verkündet wurden, alle als ungültig angesehen werden? Eine Lehre, die hinsichtlich ihrer Autorität und ihres wirksamen Inhalts nicht hinreichend bestimmt ist, kann die Klarheit der ständigen Lehre der Kirche, die ohnehin immer normativ bleibt, nicht in Frage stellen.

Machen Sie sich auch Sorgen darüber, dass einige Bischofskonferenzen es gewissen wiederverheirateten Geschiedenen, die more uxorio (in sexuellen Beziehungen) leben, gestatten, die heilige Kommunion ohne festen Bekehrungswillen zu empfangen, die damit der früheren päpstlichen Lehre widersprechen, insbesondere der apostolischen Exhortation von Papst Johannes Paul II. in  Familiaris Consortio?

Ja, die Dubia oder Fragen bleiben offen. Diejenigen, die behaupten, dass die Disziplin, die von Familiaris Consortio 84 gelehrt wird, sich geändert habe, widersprechen einander, wenn es darum geht, die Gründe und die Konsequenzen zu erklären. Einige gehen sogar so weit zu sagen, dass die in einer neuen Vereinigung Geschiedenen, die weiter more uxorio leben, sich nicht in einem objektiven Zustand der Todsünde befinden (mit Zitat zur Unterstützung aus Amoris Laetitia, 303); andere leugnen diese Interpretation (mit Zitat zur Unterstützung aus Amoris Laetitia, 305), überlassen es aber ganz dem Gewissensurteil, die Kriterien für den Zugang zu den Sakramenten zu bestimmen. Es scheint, dass das Ziel der Dolmetscher darin besteht, in irgendeiner Weise zu einer Änderung der Disziplin zu gelangen, während die Gründe, die sie zu diesem Zweck anführen, keine Rolle spielen, und sie zeigen auch keine Bedenken darüber, wie sehr sie wesentliche Teile des Glaubensgutes in Gefahr bringen.

Welche greifbare Wirkung hat dieses Interpretations-Durcheinander gehabt?

Diese hermeneutische Verwirrung hat bereits zu einem traurigen Ergebnis geführt. In der Tat hat die Zweideutigkeit bezüglich eines konkreten Punktes der Familien-Pastoral einige dazu geführt, einen Paradigmawechsel in Bezug auf die gesamte moralische Praxis der Kirche vorzuschlagen, deren Grundlagen von Johannes Paul II. In seiner Enzyklika Veritatis Splendor autoritativ gelehrt wurden.

In der Tat ist ein Prozess in Gang gesetzt worden, der wesentliche Teile der Tradition umstößt. Was die christliche Moral betrifft, so behaupten einige, dass absolute moralische Normen relativiert werden müssten und dass ein subjektives, auf sich selbst bezogenes Gewissen einen – letztlich zweideutigen – Vorrang in Angelegenheiten haben muss, die die Moral berühren. Was also auf dem Spiel steht, ist nichts Geringeres als das Kerygma oder die grundlegenden Botschaft des Evangeliums. Wir sprechen davon, ob die Begegnung eines Menschen mit Christus durch die Gnade Gottes dem Pfad des christlichen Lebens Gestalt geben kann, damit er mit dem weisen Plan des Schöpfers in Einklang steht. Um zu verstehen, wie weitreichend diese vorgeschlagenen Änderungen sind, genügt es, darüber nachzudenken, was geschehen würde, wenn diese Argumentation auf andere Fälle angewendet würde, wie die eines Arztes, der Abtreibungen durchführt, eines Politikers, der einem Korruptionsring angehört, von einer leidenden Person, die beschließt, einen Antrag auf Beihilfe zum Selbstmord zu stellen …

Einige haben gesagt, die schädlichste Wirkung von all dem sei, dass es einen Angriff auf die Sakramente und die Moral-Lehre der Kirche darstelle. Wie ist das so?

Über die moralische Debatte hinaus erodiert der Sinn der kirchlichen sakramentalen Praxis zunehmend in der Kirche, besonders wenn es um die Sakramente der Buße und der Eucharistie geht. Das entscheidende Kriterium für die Zulassung zu den Sakramenten war immer die Kohärenz der Lebensweise einer Person mit den Lehren Jesu. Wenn stattdessen das entscheidende Kriterium nun das Fehlen einer subjektiven Schuld eines Menschen werden würde – wie einige Ausleger von Amoris Laetitia vorgeschlagen haben – würde dies nicht das Wesen der Sakramente verändern? In der Tat sind die Sakramente keine privaten Begegnungen mit Gott, noch sind sie Mittel der sozialen Integration in eine Gemeinschaft. Vielmehr sind sie sichtbare und wirksame Zeichen unserer Eingliederung in Christus und seine Kirche, in und durch die sich die Kirche öffentlich bekennt und ihren Glauben in die Tat umsetzt. Würde man also die subjektiv verminderte Schuld oder Schuldlosigkeit eines Menschen in das entscheidende Kriterium für die Zulassung der Sakramente verwandeln, so würde man die regula fidei, die Glaubensregel, gefährden, die die Sakramente nicht nur durch Worte verkünden und auslösen, sondern auch durch sichtbare Gesten. Wie könnte die Kirche weiterhin das universale Sakrament des Heils sein, wenn die Bedeutung der Sakramente von ihrem Inhalt entleert werden sollte?

Trotz Ihnen und vielen anderen, einschließlich mehr als 250 Akademikern und Priestern, die eine filial correction unterschrieben haben, haben Sie sehr ernsthafte Bedenken gegenüber den Auswirkungen dieser Passagen in Amoris Laetitia, und weil Sie bisher keine Antwort vom Heiligen Vater erhalten haben, machen Sie hier einen letzten Anpell an ihn?

Ja, aus diesen schwerwiegenden Gründen wende ich mich ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia erneut an den Heiligen Vater und an die ganze Kirche und betone, wie dringend es ist, dass der Papst bei der Ausübung des Dienstes, den er vom Herrn erhalten hat, seine Brüder im Glauben bestärken sollte mit einer klaren Formulierung der Lehre sowohl über die christliche Moral als auch über die Bedeutung der sakramentalen Praxis der Kirche.

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Quelle

Kardinal Burke spricht die „Dubia“ ein Jahr nach ihrer Veröffentlichung an

Cardinal Walter Brandmüller and Cardinal Raymond Burke pictured at a Pontifical High Mass in St. Peter’s basilica to mark the 10th anniversary of Summorum Pontificum, Sept. 16, 2017. (Edward Pentin photo)

In der Absicht, zwei kürzlich verstorbene Kardinäle zu ehren, macht der amerikanische Kardinal einen letzten Appell an den Heiligen Vater, um Klarheit zu schaffen, indem er sagt, dass die „ernste“ Situation „sich ständig verschlechtere“ und dass es „dringend“ sei, seine Brüder im Glauben zu bestärken.“

Von Edward Pentin

(Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

 

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia hat Kardinal Raymond Burke dem Heiligen Vater ein letztes Plädoyer für die Klärung wichtiger Aspekte seiner moralischen Lehre gegeben. Er sagte, die Schwere der Situation verschlechtere sich ständig.

In einem Interview vom 14. November mit dem National Catholic Register sagte Kardinal Burke, er wende sich wieder „an den Heiligen Vater und an die ganze Kirche“, um zu betonen, „wie dringlich es ist, den Dienst, den er vom Herrn empfangen hat, auszuüben. Der Papst sollte seine Brüder im Glauben mit einem klaren Ausdruck der Lehre sowohl über die christliche Moral als auch über die Bedeutung der sakramentalen Praxis der Kirche bestärken.“

Am 19. September letzten Jahres unterzeichneten Kardinal Burke zusammen mit den Kardinälen Walter Brandmüller und den kürzlich verstorbenen Kardinälen Joachim Meisner und Carlo Caffarra die Dubia an den Papst. Sie machten die Initiative am 14. November 2016 öffentlich, als klar wurde, dass der Heilige Vater nicht antworten würde.

Auf die Klärung der umstrittenen Passagen aus Kapitel 8 seines nachsynodalen Apostolischen Schreibens Amoris Laetitia gerichtet, versuchte die Fünf-Fragen-Dubia – eine uralte und gebräuchliche Praxis zur Klärung von Glaubensrichtungen – unter anderem zu ermitteln, ob die frühere kirchliche Lehre in Kraft bleibe, die verbietet, dass zivil „Wiederverheiratete“ Geschiedene, die sexuelle Beziehungen haben, die Sakramente empfangen können.

Seitdem Amoris Laetitia im April 2016 veröffentlicht wurde, haben einige Bischofskonferenzen auf der Grundlage der Exhortation (des Nachsynodalen Schreibens) gesagt, dass einige zivil wiederverheiratete Geschiedene jetzt die Sakramente je nach ihren persönlichen Umständen empfangen können, während andere, die ihre Position auf die immerwährende Lehre der Kirche gründen, sagen, dass sie es nicht können.

„Die Sorge war und ist, genau zu bestimmen, was der Papst als Nachfolger von Petrus lehren wollte“, sagte Kardinal Burke.

„Weit davon entfernt, dass die Bedeutung unserer Fragen geringer geworden sind“, macht die gegenwärtige Situation sie „noch dringlicher“, fügte er hinzu.

Er machte es in diesem frischen Interview auch deutlich, dass er beabsichtigt, die beiden verstorbenen Kardinäle zu ehren, indem er die Position der Unterzeichner der Dubia unterstreicht und eine Zusammenfassung der Situation gibt.


Ihre Eminenz, in welchem ​​Stadium sind wir seitdem Sie, Kardinal Walter Brandmüller, und die zwei kürzlich verstorbenen Kardinäle, Carlo Caffarra und Joachim Meisner, die Dubia diese Woche vor einem Jahr veröffentlichten?

Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Dubia zu Amoris Laetitia, die keinerlei Antwort vom Heiligen Vater erhalten haben, beobachten wir eine zunehmende Verwirrung über die Interpretationsweisen des Apostolischen Schreibens. Daher wird unsere Besorgnis wegen der Situation der Kirche und ihrer Sendung in der Welt immer dringender. Ich bleibe natürlich in regelmäßigen Gesprächen mit Kardinal Walter Brandmüller über diese schwerwiegenden Angelegenheiten. Wir beide bleiben in tiefer Verbundenheit mit den beiden verstorbenen Kardinälen Joachim Meisner und Carlo Caffarra, die im Laufe der letzten Monate verstorben sind. Ich stelle damit noch einmal den Ernst der Lage dar, der sich immer weiter verschlimmert.

Es ist viel über die Gefahren des zweideutigen Charakters von Kapitel 8 von Amoris Laetitia gesagt worden, wobei betont wird, dass es offen ist für viel Interpretation. Warum ist Klarheit so wichtig?

Klarheit in der Lehre impliziert keine Starrheit, welche die Menschen davon abhalten würde, auf dem Pfad des Evangeliums zu gehen, sondern im Gegenteil: Klarheit liefert das Licht, das notwendig ist, um Familien auf dem Weg der christlichen Jüngerschaft zu begleiten. Es ist Dunkelheit, die uns davon abhält, den Weg zu sehen, und die die Evangelisierungshandlung der Kirche behindert, wie Jesus sagt: „Die Nacht kommt, da niemand mehr arbeiten kann“ (Joh 9,4).

Könnten Sie mehr über die aktuelle Situation im Zusammenhang mit der Dubia erzählen?

Die gegenwärtige Situation, weit entfernt davon, die Bedeutung der Dubia (Zweifel) oder Fragen zu verringern, macht sie noch dringender. Es ist überhaupt nicht – wie einige behauptet haben – eine Angelegenheit einer „betroffenen Unwissenheit“, die nur deshalb Zweifel aufwirft, weil sie nicht willens ist, eine gegebene Lehre anzunehmen. Vielmehr war und ist das Anliegen genau zu bestimmen, was der Papst als Nachfolger von Petrus lehren wollte. So ergeben sich die Fragen aus der Anerkennung des Petrusamtes, das Papst Franziskus vom Herrn erhalten hat, um seine Brüder im Glauben zu bestärken. Das Lehramt ist Gottes Geschenk an die Kirche, um Klarheit über Fragen zu schaffen, die das Glaubensgut betreffen. Aussagen, denen diese Klarheit fehlt, können ihrem Wesen nach keine qualifizierten Ausdrücke des Lehramtes sein.

Warum ist es Ihrer Meinung nach so gefährlich, dass es unterschiedliche Interpretationen von Amoris Laetitia gibt, besonders über die pastorale Behandlung derjenigen, die in irregulären Beziehungen leben, und insbesondere der zivilrechtlich wiederverheirateten Geschiedenen?

Es ist offensichtlich, dass einige von Amoris Laetitia’s Angaben über wesentliche Aspekte des Glaubens und der Ausübung des christlichen Lebens verschiedene Interpretationen erhalten haben, die voneinander abweichen und manchmal miteinander unvereinbar sind. Diese unbestreitbare Tatsache bestätigt, dass diese Hinweise ambivalent sind und eine Vielzahl von Lesarten zulassen, von denen viele im Gegensatz zur katholischen Lehre stehen. Die Fragen, die wir Kardinäle aufgeworfen haben, richten sich auf das, was genau der Heilige Vater gelehrt hat und wie seine Lehre mit dem Glaubensgut (depositum fidei) harmoniert, da das Lehramt nicht über dem Wort Gottes steht, sondern ihm dient, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt und weil es alles, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Schatz des Glaubens schöpft. (2. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Dei Verbum, 10).

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Fortsetzung folgt!

Kardinal Sarah kommt der Bitte des Papstes nicht nach — Kein Dementi in Sicht

Das gab es so noch nicht. Franziskus hatte den Präfekten der Liturgie-Kongregation öffentlich korrigiert. In einem Schreiben an ihn widerspricht ihm der Papst und fordert eine Entgegnung. Doch dieser schweigt.

In einer von ihm angestoßenen theologischen Debatte ist Kurienkardinal Robert Sarah einer Aufforderung von Papst Franziskus zu einem Dementi bislang nicht nachgekommen.  Dabei geht es um die Frage, wer das letzte Wort bei liturgischen Übersetzungen in die jeweilige Landessprache hat. Nach Recherchen der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) ging Sarah bis Dienstag offenbar nicht auf eine Bitte des Papstes ein, seine Entgegnung auf Ausführungen des Kardinals im Internet öffentlich zu machen. Der aus Guinea stammende Kardinal leitet die Gottesdienstkongregation im Vatikan.

Kanon 838 des Kirchenrechts präzisiert

Franziskus hatte in seinem Erlass „Magnum Principium“ den Kanon 838 des Kirchenrechts präzisiert. Für die Übersetzung liturgischer Texte sind demnach vor allem die nationalen Bischofskonferenzen zuständig. Sie sollen diese nur noch durch Rom bestätigen lassen. Dort, so ein Anliegen der Änderung, sollen keine Alternativübersetzungen mehr verfasst werden.

Sarah dagegen sieht die letzte Entscheidung nach wie vor bei der Gottesdienstkongregation. Das zumindest geht aus einem Beitrag hervor, den Sarah im französischen Internetportal L’Homme Nouveau veröffentlichen ließ. Mehrere andere Portale übernahmen diesen Text oder zitierten auszugsweise daraus.

Schreiben an den Kardinal

Franziskus wandte sich daraufhin in einem Schreiben an den Kardinal, in dem er die Autorschaft Sarahs zwar anzweifelte, zugleich aber diesen aufforderte, die Verbreitung „dieser, meiner Antwort“ auf den entsprechenden Internetseiten zu veranlassen „sowie diese ebenso sämtlichen Bischofskonferenzen und Mitgliedern und Beratern Ihres Dikasteriums zukommen zu lassen“.

Wie L’Homme Nouveau-Chefredakteur Philippe Maxence auf Anfrage bestätigte, stammt der Text von Sarah selbst. Bislang habe der Kardinal auch kein Dementi abgegeben. Auch sei bei der Redaktion keine Bitte eingegangen, eine Entgegnung des Papstes zu veröffentlichen. „Wenn ich etwas derartiges erhalten hätten, dann hätte ich es auch publiziert“, so Maxence. Die Gottesdienstkongregation äußerte sich bislang nicht.

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Quelle

Interview: Josef Seifert über die Amoris Laetitia-Debatte mit Rocco Buttiglione — Fortsetzung 3 und Schluss

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Hickson: Könnten Sie die folgenden eigenen Worte von Buttiglione kommentieren? „Der Papst sagt nicht, dass Gott glücklich ist mit der Tatsache, dass Geschiedene und Wiederverheiratete weiterhin Geschlechtsverkehr miteinander haben. Das Gewissen erkennt an, dass es nicht mit dem Gesetz vereinbar ist. Das Gewissen weiß jedoch auch, dass es einen Bekehrungs-Weg begonnen hat. Man schläft immer noch mit einer Frau, die nicht die eigene Frau ist, hat aber aufgehört, Drogen zu nehmen und mit Prostituierten zu gehen, hat einen Job gefunden und kümmert sich um seine Kinder. Er hat das Recht zu denken, dass Gott mit ihm zufrieden ist, zumindest teilweise. „[Hervorhebung hinzugefügt]. 

Seifert: Gewiss kann Gott glücklich darüber sein, dass ein Mann „aufgehört hat, Drogen zu nehmen und mit Prostituierten zu verkehren, einen Job gefunden hat und sich um seine Kinder kümmert“, aber er kann nie glücklich mit ihm sein darüber, daß er „immer noch mit einer Frau schläft, die nicht seine Frau ist“ oder dem zuzustimmen, dass die fortgesetzte Begehung dessen, was Christus selber Ehebruch nennt, die „großzügigste Antwort“ ist, die ein Ehebrecher Gott in seiner Situation geben kann. Damit, dies zu verlangen, würde man a) entweder das Dogma leugnen, dass Gott nichts Unmögliches befiehlt, oder b) das Dogma leugnen, dass Gott niemals will, dass wir sündigen, oder beides.

Hickson: Hat nicht auch Martin Luther gelehrt, dass der Mensch manchmal sündigen muss? Würden Sie diese Meinung angesichts Buttiglione’s eigenen Worten diskutieren?

Seifert: Ja, ich glaube, dass es in Buttigliones Verteidigung von AL eine große Gefahr gibt, in die lutherische Ketzerei des simul iustus et peccator in dem Sinne zu fallen, dass Gnade allein uns rechtfertigt und dass wir in der heiligmachenden Gnade verbleiben können, während wir Todsünden begehen. Und die jüngste Feier des Lutherfestes im Vatikan, die Erklärung hochrangiger Prälaten, dass „Luther recht hatte“ und eine „Gabe des Heiligen Geistes“ an die katholische Kirche war, das Gerücht, dass über eine katholisch-lutherische Gemeinschafts-„Messe“ diskutiert wird, die Platzierung von Luthers Statue im Vatikan usw. sind beunruhigende Anzeichen dafür, dass nicht nur Buttiglione anfängt, mit einigen von Luthers Irrtümern zu flirten. Diese Häresie ist eng mit der Lehre Luthers verbunden, dass Gnade kein Prinzip ist, das uns moralisch wirklich verwandelt und uns erlaubt, „vollkommen zu werden, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist“, was Christus und die Heilige Schrift uns sagen, dass dies Gottes Wille ist. Dieser Irrtum hängt auch mit Luthers Ablehnung der Verehrung, Heiligsprechung und Anrufung der Heiligen zusammen, die für uns in Gebeten und in der Liturgie, in Messen zu ihren Ehren usw. Fürbitte leisten. Ich behaupte natürlich nicht, dass mein Freund Rocco diese Fehler vertritt, aber einige seiner Bemerkungen, zum Beispiel, die Geschichte der christlichen Prostituierten von Nero als in einer Situation interpretierend, in der sie nicht frei war, sich zu weigern, Sex mit Nero zu haben, und dass ihre Zustimmung, sexuelle Beziehungen mit Nero zu haben, ihr erlaubt habe, viele Christen zu retten (Buttiglione nannte sie sogar eine Heilige aus diesem Grund), geben zumindest den Eindruck, dass Buttiglione mit einigen Ansichten Luthers über Freiheit und Gnade kokettiert. Oder dass er sie sogar akzeptiert. Dasselbe gilt für seine Beschreibung von Situationen, in denen niemand erwarten kann, dass Ehebrecher sich entscheiden können, entweder in Abstinenz zusammenzuleben oder sich zu trennen, und somit „sündigen müssen“.

Hickson: Könnten Sie uns auch den Teil der Debatte mit Buttiglione vorstellen, in welchem Sie sich mit der Frage befassen, ob geschiedene und „wiederverheiratete“ Paare angesichts des vorgeschriebenen Unterscheidungsprozesses immerhin weniger schuldig wären, weil sie vielleicht ein fehlerhaft gebildetes subjektives Gewissen haben könnten?

Seifert: Eine Person, die unter unüberwindlicher Unwissenheit oder einem unschuldig missbildeten Gewissen leidet, glaubt oder „fühlt“, dass ihr Ehebruch in Ordnung ist, kann natürlich weniger schuldig sein als jemand, der direkt gegen die Stimme seines Gewissens handelt. Aber wir dürfen niemals vergessen, dass die Ungerechtigkeit des Ehebruchs Teil des Naturgesetzes ist, das in das Herz eines jeden Menschen geschrieben ist, wie der Apostel Paulus sagt, so dass es äußerst unwahrscheinlich ist, dass jemand überhaupt keine Kenntnis von der Sünde des Ehebruchs oder homosexueller Aktivität hat. Der Heide Cicero nennt den Menschen, der leugnet, dass Ehebruch immer und überall eine schwere Sünde ist einen „Verrückten“. Aber vor allem müssen wir verstehen, dass ethische Wertblindheit oft an sich sündhaft ist oder die Folge von Sünde ist, weil wir durch wiederholte Sünde für die Stimme des Gewissens abgestumpf worden sind oder weil wir einen faulen Kompromiss machen zwischen unserem Stolz und der Begehrlichkeit auf der einen Seite und unserem begrenzten Willen, das Gute zu tun, auf der anderen Seite, so dass wir die Sündhaftigkeit der Handlungen nicht klar sehen, sobald das Sittengesetz es uns nicht erlaubt, unsere Leidenschaften oder Neigungen auszuleben. (Dietrich von Hildebrand hat diese und viele andere Formen von „schuldigen Formen moralischer Wertblindheit“ und Deformation des Gewissens in einem bewundernswerten Buch analysiert, das leider noch nicht in englischer Sprache veröffentlicht wurde, aber  von der neu gegründeten Dietrich-von-Hildebrand-Presse als Morality and Ethical Value Knowledge angekündigt ist). Wenn man allgemein den Hang dazu hat, auf das einzugehen, was uns subjektiv befriedigt, aber immer noch nicht bewusst und offen sündigen will, wird unser moralisches Urteil leicht verdunkelt, entweder in teilweiser moralischer Wertblindheit oder in Blindheit der Subsumtion, d.h. einer Nicht-Einordnung unseres Verhaltens in die Kategorie „Ehebruch“. In diesen und vielen anderen Fällen moralischer Wertblindheit sind wir voll verantwortlich für die Deformation unseres Gewissens, und daher macht uns die Abwesenheit vom Bewusstsein, dass wir eine Todsünde begehen, nicht unschuldig, weil wir für unsere Blindheit selbst schuldig sind.

Hickson: Wie könnte es also „mildernde Faktoren“ geben, die eine Beziehung eines geschiedenen und „wiederverheirateten“ Paares sündenlos machen würden?

Seifert: Selbst wenn es mildernde Faktoren geben könnte, die eine Beziehung von geschiedenen und wiederverheirateten Paaren völlig sündenfrei machen würden, müssen wir beachten:

(1) Sobald ein ehebrecherisches Paar mit einem Priester spricht, der „unterscheiden“ soll, hat dieser Priester die Pflicht, ihnen zu sagen, dass ihre Beziehung objektiv sündig ist; in diesem Moment hören sie jedoch auf, Ehebruch „völlig unschuldig“ zu begehen;

(2) Solange sie fortfahren, das zu tun, was objektiv schwer sündig ist, scheint es für sie oder für einen Priester unmöglich zu beurteilen, dass ihre Beziehung „sündlos“ ist, was eine Fähigkeit voraussetzen würde, in die Tiefe einer Seele zu schauen, was wir niemals in Bezug auf uns selbst und noch weniger bei anderen Menschen haben;

(3) Es ist unvernünftig zu erwarten, dass ein Priester dies nach einigen Minuten im Beichtstuhl beurteilen kann;

(4) Es ist nicht zu tolerieren und würde privaten und öffentlichen Skandal hervorrufen, wenn Priester anfangen würden, zwei Gruppen von Sündern zu schaffen: jene Ehebrecher und Homosexuellen, die unschuldig sind und die Sakramente empfangen können und diejenigen, die es besser wissen und ausgeschlossen werden müssen;

(5) In der Praxis führt der versagende Versuch, diese „guten“ und „schlechten“ schweren Sünder zu trennen, unweigerlich dazu, jeden Ehebrecher und Homosexuellen zu den Sakramenten zuzulassen, und viele Sakrilegien werden begangen werden;

(6) Wie Familiaris Consortio lehrt, hat der würdige Empfang des Sakraments der Beichte oder der Eucharistie objektive und nicht nur subjektive Bedingungen. Es erfordert, dass ein Paar nicht objektiv in ehebrecherischen Beziehungen lebt, und nicht nur, dass der Sünder „nicht fühlt, dass dies sündig ist“ oder sogar nicht nur, dass der Sünder nicht persönlich die „heiligmachende Gnade“ verliert (weil Gott, der in sein Herz sieht, weiß, dass er nicht tödlich sündigt).

Hickson: Sollte diese ganze Debatte nur unter Fachleuten und nicht öffentlich geführt werden?

Seifert: Da die Frage der würdigen Aufnahme und Austeilung der Sakramente für jeden Priester und Gläubigen von entscheidender Bedeutung ist – davon kann ihre ewige Rettung abhängen –, ist die Behauptung, dass diese Angelegenheit nicht öffentlich diskutiert werden sollte, absurd. Darüber hinaus ist Amoris Laetitia veröffentlicht und seine sehr unterschiedlichen und widersprüchlichen Interpretationen sind veröffentlicht. Daher sollte die Debatte öffentlich geführt werden.

Hickson: Sollten wir alle in dieser Situation schweigen, um Frieden und Einheit in der katholischen Kirche zu bewahren?

Ich denke, ich habe diese Frage bereits beantwortet, aber ich möchte noch einmal betonen, dass die Wahrheit nicht nur Vorrang vor Einheit und Frieden hat, sondern die Voraussetzung für echte Einheit und Frieden ist. Ich könnte hier Blaise Pascal zitieren, den großen französischen Philosophen, den Papst Franziskus anscheinend selig sprechen will und der dies in seiner wunderbaren französischen Sprache ausgedrückt hat, die etwas weniger schön ins Englische übersetzt (werden kann) lautet:

„Es ist ebenso ein Verbrechen, den Frieden zu stören, wenn die Wahrheit vorherrscht, wie den Frieden zu bewahren, wenn die Wahrheit verletzt wird. Es gibt also eine Zeit, in der Frieden gerechtfertigt ist und eine andere Zeit, in der er nicht gerechtfertigt werden kann. Denn es steht geschrieben, dass es eine Zeit für Frieden und Zeit für einen Krieg gibt, und es ist das Gesetz der Wahrheit, das die beiden unterscheidet. Aber es gibt zu keiner Zeit eine Zeit für die Wahrheit und eine Zeit für einen Irrtum, denn es steht geschrieben, dass Gottes Wahrheit für immer bleiben wird. Darum hat Christus gesagt, dass Er gekommen ist, um Frieden zu bringen und gleichzeitig, dass Er gekommen ist, um das Schwert zu bringen. Aber Er sagt nicht, dass Er gekommen ist, um sowohl die Wahrheit als auch die Falschheit zu bringen. „- (Blaise Pascal, 19. Juni 1623 – 19. August 1662)

Hickson: Was würden Sie den Menschen sagen, die jetzt behaupten, dass diejenigen, die sich in Bezug auf einige seiner öffentlichen Äußerungen (auch wenn sie nicht ausdrücklich lehramtlich sind, aber doch Einfluss auf katholische Gläubige haben), gegen Papst Franziskus stellen, die Absicht haben, die Katholische Kirche zu spalten?

Seifert: Es ist natürlich möglich, dass einige Kritiker der Kirche eine solche Absicht haben, aber es ist sicherlich absolut falsch und wäre eine Verleumdung, wenn man dies von den vier Dubia-Kardinälen, von Pater Weinandy, von Bischof Athanasius Schneider, von Prof. Claudio Pierantoni, Prof. Carlos Casanova und vielen anderen Personen, die ihre kritische Stimme erhoben oder die Correctio filialis unterzeichnet haben, sagen würde. (Selbst wenn mein Erzbischof von Granada solcherweise dachte, sagte oder schrieb, wäre es falsch mich betreffend, könnte ich hinzufügen, der ich bereit wäre, für die „Einheit der Kirche in der Wahrheit“ zu sterben und absolut keine Absicht hege, die Einheit der Kirche aufzubrechen). John-Henry Westen (Herausgeber von LifeSiteNews) hat kürzlich in einer ausgezeichneten Rede in Rom am 28. Oktober in einer Konferenz über Humanae Vitae, die von der „Stimme für die Familie“ gesponsert wird, darauf hingewiesen, dass (1) der Papst selbst uns ermahnte, ihn frei zu kritisieren und uns nicht darum zu kümmern, was der „Papst denken würde“ und (2) dass diejenigen die wahren Freunde des Papstes und der Kirche sind, die wachsam sind und den Papst nicht durch Schmeicheleien und Bewunderung loben, von denen der Nachfolger des heiligen Petrus, der dazu bestimmt ist, der Fels zu sein, überhaupt keine braucht.

Das Gegenteil zu behaupten, dass jeder, der ein vom Papst gesprochenes Wort kritisiert, „die Absicht hat, die katholische Kirche aufzubrechen“ oder einfach die Einheit der Kirche zerbricht, würde urteilen, dass der Apostel Paulus die Absicht hatte, die Einheit der katholischen Kirche zu zerstören, als er den ersten Papst, der von Christus selbst eingesetzt wurde, während des ersten Konzils der Apostel offen und scharf kritisiert hat.

Hickson: Was halten Sie von Kardinal Müllers Vorwort zu Rocco Buttigliones neuem Buch „Freundliche Antworten an die Kritiker von Amoris Laetitia“?

Ich kann diese Frage nicht gründlich beantworten, solange ich den vollständigen Text des neuen Buches und des Vorworts von Kardinal Müller nicht gelesen habe, von dem ich nur einige Fragmente gelesen habe, die mich ziemlich verwirrt haben. Sein Lob von Buttigliones neuem Buch über Amoris Laetitia hat mich sehr erstaunt: (1) Erstens, weil Kardinal Müller kürzlich ein Buch auf Spanisch veröffentlichte, in dem er bekräftigte, dass kein Papst oder Konzil die sakramentale Disziplin der Kirche ändern könne, was, wie FC 84 sagt, auf der Heiligen Schrift selber gegründet ist. Weil er dies schrieb, nannte der Erzbischof von Madrid Kardinal Müller’s Buch anti-päpstlich und verbot ihm, es in der Katholischen Universität und im Seminar San Dámaso in Madrid zu präsentieren. Der Kardinal stellte es an einer anderen katholischen Universität in Madrid vor und sagte, dass AL nichts von der Lehre und der sakramentalen Disziplin, die in FC 84 zum Ausdruck kommt, was laut Müller untrennbar von der ewigen kirchlichen Lehre sei, ändere oder eine Änderung beabsichtige. Don Livio Melina, ein ehemaliger Schüler von mir im Johannes-Paul-II.-Institut für Ehe und Familie und bis vor kurzem Präsident des Johannes-Paul-II.-Instituts für Ehe und Familie in Rom, gab die gleiche Interpretation. Unser Erzbischof von Granada, Don Francisco Javier Martínez, sandte die Erklärung von Melina an alle Kleriker von Granada, offensichtlich in Übereinstimmung damit (aber später änderte er dies und vertrat die Buenos-Aires-Interpretation von AL und hielt mich zuerst davon ab, seine Seminaristen zu unterrichten, und dann habe ich – von meinem Vorsitzenden des IAP-IFES gewaltsam in den Ruhestand versetzt – meinen zweiten Artikel über AL veröffentlicht). Ich dachte von Anfang an, dass das Urteil von Kardinal Müller in Bezug auf die ewige Kirchenlehre richtig war, aber nicht als Interpretation von AL. Über diese rein hermeneutische Frage habe ich mit Buttiglione eingewilligt, der von Anfang an sah, dass AL etwas ganz anderes als FC sagt, aber versucht hat, dies als rein pastoral und „komplementär“ zu erklären: Papst Johannes Paul II. hätte eben auf der „objektiven Seite“ gesprochen. Ehebruch sei schwer „disordered“ (moralisch tadelnswert), während AL Laetitia die klassischen subjektiven Bedingungen der Todsünde und Zurechenbarkeit berücksichtigt. So haben beide Päpste recht, obwohl sie gegensätzliche pastorale Entscheidungen der Kirche vorschlagen. Johannes Paul II. verbietet geschiedenen und wiederverheirateten Katholiken (außerhalb der Kirche) den Zugang zu den Sakramenten, außer wenn sie in völliger Abstinenz leben, weil er nur von der objektiven Sündhaftigkeit des Ehebruchs spricht; Papst Franziskus lässt ihre sakramentale Absolution und Eucharistie zu, auch wenn sie keine Absicht haben, ihr Leben zu ändern, weil er darum bittet, den möglichen Zustand der Gnade bei solchen „guten Ehebrechern und Homosexuellen“ zu erkennen und anzuerkennen.

Nun entnehme ich aus den veröffentlichten Fragmenten seines Vorwortes, die mir zugänglich sind, dass Kardinal Müller:

(1) völlig auf die Buttiglione-Buenos Aires-Interpretation des Textes von AL umgestellt hat, der „hermeneutisch korrekt“ ist (darin bin ich jetzt mit beiden einverstanden; sie interpretieren AL textuell korrekt).

(2) Daß er nun auch Buttiglione dankt und AL wie Buttiglione rundum verteidigt, indem er nicht nur den Zugang zu den Sakramenten von Paaren akzeptiert, von denen er einige Monate zuvor sagte, kein Konzil oder Papst könne sie ermächtigen, die Sakramente zu empfangen, weil das von FC gelehrte Verbot zur ewigen kirchlichen Lehre gehört oder die logische Folge davon ist. So scheint Kardinal Müller nun auch seiner früheren starken Lehrbehauptung zu widersprechen, nämlich dass die von Papst Johannes Paul II. bekräftigte sakramentale Disziplin – dass niemand, der in objektivem Widerspruch zur kirchlichen Lehre von der Unauflöslichkeit der Ehe steht, zu den Sakramenten zugelassen werden kann, dass dies Teil und ewige logische Konsequenz der Lehren über Christus und der Kirche ist.

(3) Drittens scheint Kardinal Müller auch zu leugnen, dass es in AL (a) eine Spur von teleologischer Ethik und Situationsethik gibt. So beantwortet er meine Frage: „Droht die reine Logik, die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören? “ [3] negativ. Daher scheint Kardinal Müller die Behauptung zu bestreiten, „das Gewissen kann mehr tun als (nur) erkennen, dass eine gegebene Situation nicht objektiv den Gesamtanforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erkennen, was für jetzt die großzügigste Antwort ist, die Gott gegeben werden kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit sehen, dass es das ist, was Gott selbst in der konkreten Komplexität seiner Grenzen fordert, während, wenn auch nicht vollständig, das objektive Ideal „[nämlich weiter in Ehebruch oder in homosexuellen Beziehungen zu leben] logischerweise impliziert, dass Gott uns zustimmen kann, dass wir in manchen Situationen eine an sich böse Handlung wie Ehebruch begehen, und folglich gibt es an sich keine falschen Handlungen mehr in jedweder Lage. Im Gegensatz zu Kardinal Müller’s Ansicht, dass AL böswillige Handlungen nicht leugnet noch behauptet, dass die Fortführung einer objektiv schwer sündigen Handlung Gottes Willen für uns entsprechen kann, hat Pater Spadaro, befreundeter und autorisierter Interpreter von AL, kürzlich Papst Franziskus und AL die Ansicht zugeschrieben, dass Franziskus „jede allgemeine Regel negiert, die eine Klasse menschlicher Handlungen moralisch falsch machen würde“ (was bedeutet, dass man leugnet, dass jedwede menschliche Handlung als eine Klasse ungeachtet der Umstände und Konsequenzen intrinsisch falsch ist). Daher kann ich angesichts dieses Umschwungs von Kardinal Müller’s Position, dessen zweiter und dritter Punkt ich für falsch halte, nur meine völlige Verwirrung über die Aussagen von Kardinal Müller bekennen und hoffe, dass die Lektüre des vollständigen Textes etwas Licht auf das Rätsel bringt, dass er seine Autorität mit Buttiglione verband.

ENDE

* Paragraph 303 von Amoris Laetitia lautet wie folgt: „Natürlich sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um die Entwicklung eines aufgeklärten Bewusstseins zu fördern, das durch die verantwortungsvolle und ernste Unterscheidung des eigenen Pastors geformt und geleitet wird und zu einem immer größeren Vertrauen in Gottes Gnade zu ermutigen. Doch das Gewissen kann mehr als nur erkennen, dass eine gegebene Situation den Gesamtanforderungen des Evangeliums objektiv nicht entspricht. Es kann auch mit Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit erkennen, was für jetzt die großzügigste Antwort ist, die Gott gegeben werden kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit sehen, dass es das ist, was Gott selbst in der konkreten Komplexität seiner Grenzen fordert, wenn auch noch nicht zur Gänze das objektive Ideal. „

Aus „Amoris Laetitia“ (deutsche Version) zitiert:

303. Aufgrund der Erkenntnis, welches Gewicht die konkreten Bedingtheiten haben, können wir ergänzend sagen, dass das Gewissen der Menschen besser in den Umgang der Kirche mit manchen Situationen einbezogen werden muss, die objektiv unsere Auffassung der Ehe nicht verwirklichen. Selbstverständlich ist es notwendig, zur Reifung eines aufgeklärten, gebildeten und von der verantwortlichen und ernsten Unterscheidung des Hirten begleiteten Gewissens zu ermutigen und zu einem immer größeren Vertrauen auf die Gnade anzuregen. Doch dieses Gewissen kann nicht nur erkennen, dass eine Situation objektiv nicht den generellen Anforderungen des Evangeliums entspricht. Es kann auch aufrichtig und ehrlich das erkennen, was vorerst die großherzige Antwort ist, die man Gott geben kann, und mit einer gewissen moralischen Sicherheit entdecken, dass dies die Hingabe ist, die Gott selbst inmitten der konkreten Vielschichtigkeit der Begrenzungen fordert, auch wenn sie noch nicht völlig dem objektiven Ideal entspricht. Auf jeden Fall sollen wir uns daran erinnern, dass diese Unterscheidung dynamisch ist und immer offen bleiben muss für neue Phasen des Wachstums und für neue Entscheidungen, die erlauben, das Ideal auf vollkommenere Weise zu verwirklichen.

[1] „Droht die reine Logik, die gesamte Morallehre der katholischen Kirche zu zerstören? „Aemaet, Wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie http://aemaet.de , Bd. 6 (2017), 2-9.

[2] „Amoris Laetitia. Freude, Traurigkeit und Hoffnungen „. Aemaet Bd. 5, Nr. 2 (2016) 160-249, http://aemaet.de urn: nbn: de: 0288-2015080654.

[3] Aemaet, Wissenschaftliche Zeitschrift für Philosophie und Theologie http://aemaet.de , Bd. 6 (2017), 2-9.

Papst Franziskus erinnert an Märtyrer des Spanischen Bürgerkriegs

Spanische Märtyrer – RV

An 60 Märtyrer des Spanischen Bürgerkrieges hat Papst Franziskus beim Angelusgebet am Sonntag erinnert. Auf dem römischen Petersplatz sagte er nach dem Mittagsgebet, dass sie „aus Hass gegen den Glauben“ getötet worden seien. Die Märtyrer wurden am Samstag in der spanischen Hauptstadt Madrid seliggesprochen. Es handelt sich um den Priester und Jugendseelsorger Vicente Queralt Lloret und 20 andere Priester, Ordensfrauen und Laien sowie um den Priester Jose Maria Fernandez Sanchez und seine Gruppe, die aus 39 Gläubigen bestand. Sie wurden von republikanischen Milizen erschossen.

Vor und zu Beginn des Bürgerkrieges (1936-39) hatte es erhebliche Spannungen zwischen republikanischen Kräften und der Kirche gegeben. Die republikanische Seite, der Kommunisten, Sozialisten und andere antiklerikale Kräfte angehörten, suchte die ihrer Meinung nach reaktionäre und monopolartige Vormachtstellung der Kirche im Land zu brechen.

Nach kirchlichen Schätzungen wurden im Bürgerkrieg knapp 7.000 Priester, Bischöfe und Ordensleute sowie Tausende andere Gläubige getötet. Über 1.800 von ihnen wurden bereits selig- sowie vier auch heiliggesprochen.

(rv/kna 12.11.2017 mg)