„Ohne Rachen, Krallen und Waffen“

Generalaudienz, 28. Juni 2017

Generalaudienz am Mittwoch, dem 28. Juni 2017 — Volltext

Wir dokumentieren in einer eigenen Übersetzung die Ansprache von Papst Franziskus bei der Generalaudienz von Mittwoch, dem 28. Juni 2017, auf dem römischen Petersplatz.

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Die christliche Hoffnung – 28. Die Hoffnung, Kraft der Märtyrer

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Heute stellen wir eine Betrachtung der christlichen Hoffnung als Kraft der Märtyrer an. Als Jesus die Jünger im Evangelium zur Mission aussendet, macht er ihnen nicht die falsche Hoffnung, auf einfachem Wege zu Erfolgen zu gelangen – ganz im Gegenteil: Er macht sie ganz klar darauf aufmerksam, dass die Ankündigung des Reiches Gottes immer auf Widerstände stößt. Er verwendet dazu den extremen Ausdruck: „Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden“ (Mt 10,22). Die Christen lieben, doch nicht immer werden sie geliebt. Schon jetzt konfrontiert uns Jesus mit dieser Realität: in stärkerem oder schwächerem Ausmaß vollzieht sich das Glaubensbekenntnis in einem feindseligen Klima.

Die Christen sind  daher „gegen den Strom schwimmende“ Männer und Frauen. Das ist normal, denn die Welt ist von der Sünde gekennzeichnet, die sich in verschiedenen Formen des Egoismus und der Ungerechtigkeit manifestiert. Wer Christus nachfolgt, ist in entgegengesetzter Richtung unterwegs; nicht in polemischem Sinn, sondern aus Treue zur Logik des Reiches Gottes, einer Logik der Hoffnung, die in einem auf den Anweisungen Jesu basierenden Lebensstil zum Ausdruck kommt.

Die erste Anweisung ist die Armut. Als Jesus seine Jünger zur Mission aussendet, scheint er sie mit größerer Sorgfalt zu „entkleiden“ als sie zu „kleiden“! Tatsächlich ist ein Christ, der nicht arm und bescheiden, von Reichtümern und Macht und vor allem von sich selbst getrennt ist, Jesus nicht ähnlich. Der Christ geht seinen Weg in dieser Weise mit den für die Wanderung notwendigen Dingen zurück, doch sein Herz ist voller Liebe. Die wahre Niederlage für ihn oder sie besteht darin, der Versuchung der Rache und der Gewalt zu erliegen und Böses mit Bösem zu beantworten. Jesus sagt uns: „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“ (Mt 10,16), d.h. ohne Rachen, Krallen und Waffen. Vielmehr muss der Christ vorsichtig und manchmal sogar schlau sein: Diese Tugenden sind mit der Logik des Evangeliums verbunden, Gewalt jedoch niemals. Um das Böse zu besiegen, können die Methoden des Bösen nicht geteilt werden.

Die einzige Kraft des Christen ist das Evangelium. In schwierigen Zeiten muss man glauben, dass Jesus vor uns steht und nie aufhört, seine Jünger zu begleiten. Die Verfolgung ist kein Widerspruch des Evangeliums, jedoch ein Teil davon: Wenn unser Meister verfolgt wurde, wie können wir dann hoffen, dass uns der Kampf erspart bleibt? Inmitten des Wirbelwindes darf der Christ jedoch die Hoffnung nicht verlieren und denken, dass er verlassen wurde. Jesus beruhigt die Seinen, indem er sagt: „Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt“ (Mt 10,30). Das heißt letztendlich, dass kein Leiden des Menschen, nicht einmal die kleinsten und verstecktesten Formen davon, dem Auge Gottes verborgen bleibt. Gott sieht und schützt mit Sicherheit; er schenkt seine Befreiung. Tatsächlich befindet sich mitten unter uns jemand, der stärker als das Böse, die Mafias, die dunklen Handlungen und jene ist, die aus der Haut der Verzweifelten Profit schlagen, die andere rücksichtslos erdrücken… Jemand, der seit jeher die Stimme des Blutes Abels hört, die aus der Erde erklingt.

Die Christen müssen daher stets auf  dem „anderen Hang“ der Welt angesiedelt sein, der von Gott gewählt wurde: nicht Verfolger sein, sondern Verfolgte, keine Arroganz, sondern Sanftmut an den Tag legen, nicht Rauch verkaufen, sondern der Wahrheit unterliegen, nicht betrügen, sondern ehrlich sein.

Diese Treue zum Stil Jesu – einem Stil der Hoffnung – bis zum Tod, wird von den ersten Christen mit einem wunderschönen Wort verlangt: „Martyrium“, was „Zeugnis“ bedeutet. Der Wortschatz bot viele andere Möglichkeiten: Man konnte sie Heldentum, Entsagung, Opfer seiner selbst nennen. Die Christen der ersten Stunde wählten jedoch einen Namen, der nach Jüngerschaft duftete. Die Märtyrer leben nicht für sich selbst. Sie kämpfen nicht, um ihre eigenen Vorstellungen zu bekräftigen und nehmen allein aus Treue zum Evangelium den Tod an. Das Martyrium ist auch nicht das höchste Ideal des christlichen Lebens, denn darüber steht die Nächstenliebe, d.h. die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Der Apostel Paulus brachte dies in hervorragender Weise in der Hymne an die Nächstenliebe zum Ausdruck, die verstanden wird als Liebe zu Gott und zum Nächsten: „Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts“ (1 Kor 13,3). Den Christen widerstrebt die Vorstellung, dass Selbstmordattentäter als „Märtyrer“ bezeichnet werden können. In ihrem Ende befindet sich nichts, das der Haltung der Kinder Gottes nahe kommt.

Wenn wir die Geschichten vieler Märtyrer der Vergangenheit und Gegenwart lesen – die heute zahlreicher sind als die Märtyrer der Anfangszeit –, versetzt uns die Stärke, mit der sie die Prüfung bewältigten, manchmal in Erstaunen. Diese Stärke ist ein Zeichen der großen Hoffnung, von der sie beseelt waren: die sichere Hoffnung, dass nichts und niemand sie von der Liebe Gottes trennen konnte, die uns in Jesus Christus geschenkt wurde (vgl. Röm 8,38-39).

Möge Gott uns immer die Stärke schenken, als seine Zeugen zu wirken. Möge es uns geschenkt werden, die christliche Hoffnung vor allem im verborgenen Martyrium zu leben, unsere Pflicht tagtäglich gut und liebevoll zu verrichten. Danke.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]

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Konsistorium: „Ihr seid nicht zu Fürsten berufen“

Roter Hut für den Erzbischof von Barcelona

Fünf Kirchenmänner aus den verschiedensten Teilen der Welt sind jetzt Kardinäle. Papst Franziskus hat sie am Mittwochnachmittag mit einer Feier in das Kardinalskollegium aufgenommen. Unter den fünf Neulingen ist der Bischof von Stockholm: Anders Arborelius, erster Kardinal im mehrheitlich lutherischen Schweden.

„Du bist Petrus“, sang der Chor zu Beginn der Vesper. Franziskus betete zunächst am Grab des Petrus unter der Kuppel des Michelangelo, dann leitete er vor Tausenden von Menschen im Petersdom das mittlerweile vierte Konsistorium zur Schaffung von Kardinälen in seinem Pontifikat. Es war eine Feier der Weltkirche, denn die Kardinäle kommen aus Mali, Spanien, Laos, El Salvador und – wie gesagt – Schweden. Würde jetzt ein Konklave stattfinden, dann gäbe es zum ersten Mal unter den Wahlberechtigten keine europäische Mehrheit mehr. Das war beim letzten Konklave 2013 noch anders. Weltkirche, wir kommen!

Schwedischer Kardinal erhält prominente Titelkirche

Der Papst verlas selbst die Namen der von ihm für den Kardinalsstand Ausgesuchten: Jean Zerbo, Erzbischof von Bamako in Mali; Juan José Omella, Erzbischof von Barcelona in Spanien; Anders Arborelius, Bischof von Stockholm in Schweden; Louis-Marie Ling Mangkhanekoun aus Pakse in Laos; und schließlich Gregorio Rosa Chavez, Weihbischof von San Salvador in El Salvador. Franziskus wies seinen neuen Kardinälen auch Titelkirchen in Rom zu: Der Spanier wird dadurch Hausherr in der Basilika Santa Croce in Gerusalemme nicht weit vom Lateran, der Schwede wiederum in der Basilika Santa Maria degli Angeli an der zentralen Piazza della Repubblica.

Die neuen Kardinäle sprachen ein Glaubensbekenntnis und schworen dem Papst die Treue, dann erhielten sie als Zeichen ihrer neuen Würde aus seinen Händen die rote Kopfbedeckung und den Ring des Kardinalats. Es war eine relativ kurze Feier, mit der der „exklusivste Männerclub der Welt“ – so hat eine amerikanische Zeitung das Kardinalskollegium mal beschrieben – ein paar Neuzugänge erhalten hat.

„Die Wirklichkeit ist eine ganz andere…“

In seiner Predigt ging Franziskus von einer Bemerkung aus dem Matthäusevangelium aus, die zunächst eher nebensächlich klingt: „Jesus schritt ihnen voran.“ Dieses Voranschreiten habe einen dramatischen Hintergrund, denn Jesus gehe nach Jerusalem – im Wissen, dass man ihn dort ans Kreuz schlagen werde.

„Entlang des Weges sind die Jünger selbst durch Interessen abgelenkt, die nicht mit der „Richtung“ Jesu übereinstimmen, mit seinem Willen, der ganz eins ist mit dem Willen des Vaters. Zum Beispiel denken die zwei Brüder Jakobus und Johannes daran, wie schön es wäre, zur Rechten und zur Linken des Königs von Israel zu sitzen (vgl. V. 37). Sie schauen nicht auf die Wirklichkeit! Sie meinen zu sehen und sehen nicht, zu wissen und wissen nicht, besser als die anderen zu verstehen und verstehen nicht…“

Die Wirklichkeit sei in diesem Augenblick, den das Evangelium schildere, „eine ganz andere“, sinnierte der Papst. „Die Wirklichkeit ist das Kreuz, die Sünde der Welt, für die er gekommen ist, um sie auf sich zu nehmen und aus der Erde der Menschen auszureißen. Die Wirklichkeit sind die Unschuldigen, die aufgrund von Kriegen und Terrorismus leiden und sterben; sie ist die Sklaverei, die nicht aufhört, die Würde des Menschen auch im Zeitalter der Menschenreche zu leugnen; die Wirklichkeit ist jene der Flüchtlingslager, die zuweilen mehr einer Hölle als einem Fegefeuer ähneln; die Wirklichkeit ist die systematische Entsorgung all dessen, was nicht mehr gebraucht wird, und seien es Menschen. Das ist es, was Jesus sieht, während er nach Jerusalem geht.“

Entschlossen auf das Kreuz zugehen

Durch die Formulierungen des Papstes öffnete sich die Wirklichkeit der Zeit Jesu deutlich für die heutige Wirklichkeit – man nehme nur die Erwähnung von Flüchtlingslagern, die „einer Hölle ähneln“. Vor einigen Wochen hatte Franziskus pointiert formuliert, einige der heutigen Flüchtlingslager glichen „Konzentrationslagern“.

„Während seines öffentlichen Lebens hat Jesus die Zärtlichkeit des Vaters geoffenbart, indem er all diejenigen heilte, die in der Gewalt des Teufels waren (vgl. Apg 10,38). Jetzt weiß er, dass der Augenblick gekommen ist, bis auf den Grund zu gehen, die Wurzeln des Bösen auszureißen, und deshalb geht er entschlossen auf das Kreuz zu. Auch wir, Brüder und Schwestern, gehen mit Jesus auf diesem Weg.“

Dem Vater und den Brüdern dienen

Damit wandte sich der Papst speziell an die neuen Kardinäle. „Jesus „geht euch voran“ und bittet euch, ihm entschieden auf seinem Weg zu folgen. Er ruft euch auf, die Wirklichkeit anzuschauen, euch nicht von anderen Interessen, von anderen Sichtweisen ablenken zu lassen. Er hat euch nicht gerufen, „Fürsten“ in der Kirche zu werden, um „zu seiner Rechten oder zu seiner Linken zu sitzen“. Er ruft euch, so wie er und mit ihm zu dienen; dem Vater und den Brüdern zu dienen.“

Die Kardinäle sollten der Welt „mit der gleichen inneren Haltung“ entgegentreten wie Jesus, bat Franziskus. „Wenn ihr ihm folgt, geht auch ihr dem heiligen Volk Gottes voran, wobei ihr den Blick fest auf das Kreuz und die Auferstehung des Herrn gerichtet haltet.“

(rv 28.06.2017 sk)

Orthodoxe Parlamentarier: Christen aller Welt, vereinigt euch

Russisch-orthodoxe Christen stehen Schlange, um die Reliquien des hl. Nikolaus in Moskau zu besichtigen

Seit dem Ende der Sowjetunion haben sich weltweit christlich-orthodoxe Parlamentarier zu einer Vereinigung zusammengeschlossen. Nun sind 115 orthodoxe Politiker aus 46 Ländern in Rom zu ihrer 25. Vollversammlung zusammengekommen. Ziel der Parlamentarier sei es, den christlichen Glauben in ihren Ländern zu schützen und zu fördern. Europa stecke in einer tiefen Krise, die vor allem mit dem Verlust der christlichen Werte verbunden sei, so der Grundtenor unter den in Rom versammelten Parlamentariern, die aus Ländern wie Ungarn, Griechenland oder Zypern stammen, aber auch aus Russland, Georgien und Syrien. Am Donnerstag werden sie im Rahmen der Peter-und-Paul-Feiern im Vatikan, die mittlerweile eine starke ökumenische Prägung haben, Papst Franziskus treffen.

Der griechische Abgeordnete Kostas Mygdalís ist Koordinator der Vereinigung. Im Gespräch mit Radio Vatikan erläutert er Sinn und Zweck der Vereinigung in der heutigen Zeit:

„Für uns bedeutet das Treffen vor allem auf politischer Ebene, Parlamentarier aus den orthodoxen Ländern mit Politikern aus der katholischen Welt zusammenzuführen. Gemeinsam sollen wir uns auf unsere Verantwortungen zurückbesinnen, die unsere Gegenwart aber auch unsere Zukunft betreffen. Da geht es um Lösungsvorschläge, um aktuelle Probleme anzugehen Die neuen Technologien bieten uns ganz viele Möglichkeiten, schaffen aber auch viel Armut, denn vieles kann die Gesellschaft nicht kontrollieren. Deshalb sind wir hier nach Rom gekommen, denn Papst Franziskus bietet uns hierzu eine Basis, um genau darüber miteinander zu sprechen.“

Unter den Parlamentariern seien auch Volksvertreter von Ländern, die es derzeit aus politischen Gründen schwer haben. Es sei deshalb wichtig, dass es ein starkes und vor allem auf das Christentum fußendes Europa gebe.

„Der Großteil von dem, was Europa ausmacht, beruht auf dem Christentum. Das gilt sowohl dann, wenn man es bezeugen will, als auch, wenn man das verschweigt. Denn die gesamte europäische Gesellschaft stützt sich schlussendlich auf diese christlichen Werte, das gilt auch für die Demokratie. Wir müssen uns also auf diese grundlegenden Werte zurückbesinnen.“

(rv 27.06.2017 mg)

Papstmesse: „Wir sind keine Gerontokratie“

Papst Franziskus zelebriert eine Messe anlässlich seines 25. Bischofsjubiläums – RV

Vor etwas mehr als 25 Jahren war Jorge Mario Bergoglio ein abservierter Jesuit in der argentinischen Provinz, der keine große Karriere mehr vor sich hatte – scheinbar. Doch dann zog ihn der damalige Erzbischof von Buenos Aires, Antonio Quarracino, aus dem Vergessen: Er war Sohn italienischer Einwanderer wie Bergoglio und schätzte diesen. Quarracino überzeugte sogar Papst Johannes Paul II., der eigentlich auf Jesuiten nicht besonders gut zu sprechen war, Pater Bergoglio zum Weihbischof von Buenos Aires zu machen – und vor genau 25 Jahren wurde Bergoglio also Bischof. Bald darauf wurde er auch zum Kardinal ernannt – der einzige Jesuitenkardinal außer dem berühmten Mailänder Carlo Maria Martini.

Tempi passati – heute ist Bergoglio Papst. In der Paulinischen Kapelle des Vatikans zelebrierte er an diesem Dienstag eine Messe mit Kardinälen, um sein Bischofsjubiläum zu begehen. In seiner Predigt kam er nicht auf die Verwicklungen vor 25 Jahren zu sprechen; stattdessen sprach er von Abram (später Abraham genannt) und seiner Offenheit für die Verheißungen Gottes. Dreierlei habe der Herr von Abram verlangt: Steh auf, sieh, und hoffe.„Steh auf! Steh auf, geh los, bleib nicht stehen. Du hast eine Aufgabe, eine Mission, die musst du unterwegs erfüllen. Bleib nicht sitzen – auf die Füße! Und Abram zog los. Immer unterwegs. Ein Symbol dafür ist das Zelt. Das Buch Genesis berichtet, dass er mit einem Zelt unterwegs war, und wenn er anhielt, baute er es auf. Nie hat Abram ein Haus für sich gebaut, solange es diesen Imperativ gab: Steh auf. Nur einen Altar – um den anzubeten, der ihm das Aufstehen, das Losgehen mit dem Zelt befahl. Steh auf!“Steh auf – sieh – hoffeZweiter Imperativ: Sieh. Gott fordert Abram dazu auf, den Horizont mit den Augen auszumessen. „Blick auf den Horizont, bau keine Mauern. Blick immer nach vorn, und geh vorwärts. Die Mystik des Horizonts besteht darin, dass er sich zurückzieht, je mehr man auf ihn zuläuft. Den Blick nach vorne richten, im Gehen, zum Horizont.“

Und dritter Imperativ: Hoffe. Abram habe gegen alle Wahrscheinlichkeit geglaubt, dass Gott ihm tatsächlich einen Erben und eine vielköpfige Nachkommenschaft bescheren werde. „Hoffnung ist ohne Mauern, sie ist reiner Horizont“, so Franziskus.

„Aber als Abram von Gott gerufen wurde, hatte er mehr oder weniger unser Alter: Er war eigentlich schon im Rentenalter… Aber da ging es für ihn erst richtig los. Ein alter Mann mit der Last von Schmerzen und Krankheiten – du, steh auf, geh los! Als ob du ein Pfadfinder wärst – los! Sieh und hoffe. Und dieses Wort Gottes gilt auch uns, die wir ungefähr im Alter Abrams sind. Auch uns sagt der Herr heute: Steh auf! Sieh! Hoffe! Er sagt uns, dass das nicht die Stunde ist, um sein Leben abzuschließen, einen Punkt hinter unsere Geschichte zu machen. Er sagt uns, dass unsere Geschichte offen ist, offen bis zum Schluss. Offen, mit einer Mission. Und mit diesen drei Imperativen zeigt er uns unsere Mission an: Steh auf! Sieh! Hoffe!“

Wir sind Großväter

Übelwollende könnten sagen, dass die Kardinäle und er „die Gerontokratie der Kirche“ seien, fuhr der Papst fort. Doch wer das sage, wisse nicht, was er da rede. „Wir sind keine Geronten: Wir sind Großväter! Großväter. Und wenn wir das nicht innerlich spüren, dann sollten wir um die Gnade bitten, das zu spüren. Großväter – unsere Enkel schauen auf uns. Wir müssen ihnen mit unserer Erfahrung einen Sinn des Lebens vermitteln. Großväter, die nicht melancholisch in sich selbst verschlossen sind, sondern offen. Wir sind gerufen, zu träumen und der Jugend von heute unseren Traum weiterzugeben: Sie brauchen das. Denn unsere Träume werden ihnen die Kraft geben, vorwärtszugehen mit ihrer Aufgabe.“

Der Dekan des Kardinalskollegiums, Kardinal Angelo Sodano, verlas im Namen der anwesenden Kardinäle eine Grußadresse an den Papst. Nach der Messe beglückwünschten die Männer mit den roten Käppchen den Mann, der vor genau 25 Jahren Bischof wurde und jetzt Papst ist…

(rv 27.06.2017 sk)

Papst Franziskus: Propheten der Freude und österlichen Hoffnung sein

32. Generalkapitel der Resurrektionisten
– Audienz am 24. Juni 2017

„Sich gut der Vergangenheit erinnern, in der Gegenwart mit Leidenschaft leben und die Zukunft mit Hoffnung umarmen“, riet Papst Franziskus den Teilnehmern des 32. Generalkapitels der Resurrektionisten, die vom 11. bis 25. Juni 2017 zum Thema „Zeugen der Gegenwart des auferstandenden Herrn, von der Gemeinschaft in die Welt“ in Rom tagten und am 24. Juni in Audienz empfangen wurden.

Seine Ansprache konzentrierte der Papst auf drei Aspekte: Zeugen der Gegenwart des auferstandenden Herrn sein, von der Gemeinschaft in der Welt Zeugnis ablegen und Propheten der Freude und österlichen Hoffnung sein.

Zeugen der Gegenwart des auferstandenden Herrn zu sein, bedeute Missionar und Apostel des Lebenden zu sein. Daher riet Papst Franziskus den Audienzteilnehmern, Maria Magdalena, die Apostolin der Apostel als Ikone auszuwählen. Sie habe Jesus tot gesucht und lebend gefunden. Der Papst mahnte die Audienzteilnehmer, Hoffnung zu verkünden. Wie Maria Magdalena sollten auch sie hinausziehen zu den menschlichen Peripherien.

Von der Gemeinschaft bis in die Welt sollten sie sich aufmachen, vor allem längs der Straßen, die von Enttäuschung und Verlassensein gezeichnet seien, um Zeugnis vom Auferstandenen abzulegen. Das geschehe auch beim brüderlichen Leben in der Gemeinschaft; der andere sei ein Geschenk und sei mit Respekt anzunehmen. Die Gemeinschaft solle der Missionsarbeit offen sein und das brüderliche Leben bezeugen.

Als Propheten der Freude und österlichen Hoffnung würden ihnen Horizonte der Freude und Hoffnung geöffnet und ihnen geholfen, Momente der Trauer zu überstehen. Abschließend erteilte Papst Franziskus den Audienzteilnehmern seinen Segen und bat um Gebete.

Die Resurrektionisten sind weltweit in fünfzehn Ländern auf vier Kontinenten vertreten. Die Gemeinschaft wurde 1836 von dem aus Polen nach Frankreich emigrierten Bogdan Jański (1807-1840) gegründet.

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Brief des Prälaten des Opus Dei Fernando Ocariz über die Bedeutung der Familie

Die Familie ist der Ort, wo die Liebe geboren wird. Familien sind heute vielfältigen Herausforderungen ausgesetzt. In seinem Brief schlägt der Prälat des Opus Dei vor, den Familien professionell zu helfen.

Ihr Lieben, Gott schütze Euch!

Wie der letzte Generalkongress in Erinnerung gerufen hat[1], nimmt die Familie in den letzten Jahrzehnten einen besonderen Platz innerhalb der Prioritäten der Kirche und daher auch der Prälatur ein. Mit diesen Zeilen möchte ich noch einmal kurz auf dieses überaus dringende und notwendige Apostolat eingehen.

Es ist nicht zu übersehen, dass heute viele Menschen das, was dem Plan Gottes für die Verbindung von Mann und Frau entspricht, als ein Modell unter anderen ansehen und es sogar als ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten in Frage stellen. Geben wir trotzdem die Hoffnung nicht auf, im Gegenteil: das Licht der Wahrheit ist hinsichtlich der Familie dem Menschen von Gott ins Herz geschrieben und wird sich daher heute und immer einen Weg mitten durch die Stürme bahnen.

Jede Familie, die den wirkkräftigen Wunsch hat, Einigkeit zu bewahren, „übergibt die Regie der Welt wieder dem Bund des Mannes und der Frau mit Gott“[2]. Hier kommen mir Worte des hl. Josefmaria in den Sinn: „Die Sendung des Christen: das Böse im Überfluss des Guten ersticken! Es genügt weder, nur die Übel anzuprangern, noch, sich hinter einem Wall von Negationen zu verschanzen. – Vielmehr lebt der Christ aus dem Ja zum Wahren und Rechten, weil jugendliche Zuversicht, Freude und Frieden ihn prägen. Er will allen mit Verständnis begegnen: denen, die Christus nachfolgen, denen, die Ihn verlassen haben, und denen, die Ihn noch nicht kennen. Freilich bedeutet Verstehen weder Kapitulation noch Indifferenz, sondern Tätigwerden.“[3] Verlieren wir nicht Energie und Gelassenheit dadurch, dass wir die Schwierigkeiten, die so viele Familien und die Institution Familie selbst durchmachen, beklagen. Versuchen wir vielmehr, die christliche Familie starkmütig und professionell zu verteidigen und zu fördern als etwas, das nicht nur uns, sondern Gott selbst und den kommenden Generationen gehört.

Familie und Ehe sind ein Weg der Heiligkeit. „Du lachst, weil ich dir sage, dass du ›Berufung zur Ehe‹ hast? – Du hast sie, jawohl, Berufung.“[4] Eine Berufung zur Heiligkeit, das heißt zum Glücklichsein. Die Familie ist der Ort, wo die Liebe geboren wird; es ist der erste Ort, an dem die Liebe Gottes in unser Leben tritt, und zwar weit über das hinaus, was wir selbst tun oder unterlassen können. „Wir wollen lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1 Joh 4, 19). Vaterschaft und Mutterschaft sagen uns, wer wir sind: ein Geschenk Gottes, eine Frucht der Liebe. Mitten in den vielfältigen Problemen, die im Leben einer Familie auftauchen können, spornt uns das Wissen, dass wir selbst und die anderen ein Gottesgeschenk sind, dazu an, sie mehr zu lieben. Und die Gesellschaft ist stets angewiesen auf diese bedingungslose Liebe.

Mehr als in früheren Epochen macht sich heutzutage auf allen Ebenen die Notwendigkeit bemerkbar, den Familien in schwierigen Situationen beizustehen. Man wird nicht mit dem Wissen geboren, was es bedeutet, Vater oder Mutter, Ehemann oder Ehefrau zu sein – man muss es lernen und anderen Eheleuten helfen, in diese Aufgaben hineinzuwachsen: Familien, die anderen Familien helfen! Mit der Erfahrung, die das Familienleben mit sich bringt, kann man sich auf dem unendlichen Feld des Werkes der Barmherzigkeit, die Unwissenden zu lehren, wirksam einsetzen. Und das, ohne „Lektionen zu erteilen“, sondern mit aller Natürlichkeit. Wie viel kann man tun, um die zukünftigen Ehepaare gut vorzubereiten und den frisch Verheirateten oder denen, die eine schwierige Situation durchmachen, zur Seite zu stehen! Außerdem kann die Familie in Schwierigkeiten einmal eine von euch sein; dann ist der Augenblick gekommen, euer Herz zu öffnen und euch helfen zu lassen, mit derselben Einfachheit, mit der ihr andere unterstützt habt.

Denkt auch darüber nach, wie ihr den Paaren in den sogenannten „irregulären“ Situationen helfen könnt. Papst Franziskus hat erneut bekräftigt, dass die Lehre der Kirche nicht geändert wird[5]; es ist jedoch eine dringende Aufgabe, sich diesen Brüdern und Schwestern mit einem großen Herzen zu widmen, sie ganz aus der Nähe mit einem aufnehmenden und unterscheidenden Blick zu begleiten, der es ihnen erleichtert, mit Gottes Gnade diese Situation zu meistern.

Achtet einmal auf das Gespräch Jesu mit der Samariterin (vgl. Joh 4, 1-45). Jene Frau, die doch fern von Gott war, fing an zu beten, ohne sich dessen bewusst zu sein, denn sie begann, mit Gott zu sprechen, der die Begegnung herbeigeführt hatte und sie nach und nach dahin führte, die Wahrheit über ihr Leben zu bekennen. Die Samariterin bleibt jedoch nicht allein mit ihrer Wunde, sie spürt gleichzeitig, dass der „Gott allen Trostes, der uns in all unserer Not tröstet“ (2 Kor 1, 3-4), seinen liebevollen Blick auf sie richtet. Gott ruft uns, trotz unserer persönlichen Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit, für alle jene Menschen Vermittler seiner Nähe und seines Trostes zu sein.

In jedem Fall ist es wichtig, frühzeitig anzufangen: „Jemanden lieben zu lernen ist nicht etwas, das man improvisiert (…). In Wirklichkeit bereitet sich jeder Mensch von seiner Geburt an auf die Ehe vor.“[6] Ich erinnere euch daran, dass in der Arbeit mit jungen Leuten von der Schönheit der apostolischen Ehelosigkeit gesprochen werden soll, ebenso aber von der Berufung, eine christliche Familie zu gründen, wobei man die verschiedenen Aspekte der Verlobungszeit und der Ehe kreativ zur Sprache bringen muss[7], etwa durch Zeugnisse von Familien; Elternbildungskurse für Ledige, Vorträge, Filme oder bewährte Schriften; Veranstaltungen für Eltern in den Schulen; Mitarbeit in den Pfarreien; ein Freizeit- und Unterhaltungsangebot, das der Ursprung zukünftiger christlicher Ehen sein kann, usw.

Alle, die auf direkte Weise an dieser Bildungsarbeit beteiligt sind, mögen bedenken, dass jede Ehe und Familie, die besser wird, einen Vervielfältigungseffekt in der Gesellschaft hat. Eine attraktive christliche Familie wirkt ansteckend: „Mit dem Zeugnis des eigenen Lebens und auch mit Worten sprechen die Familien zu den anderen von Jesus, sie vermitteln den Glauben, wecken die Sehnsucht nach Gott und zeigen die Schönheit des Evangeliums.“[8]

Empfehlen wir dem stillen und fruchtbaren Wirken des Heiligen Geistes diese immense Aufgabe der Familie, die wir mit Gelassenheit angehen sollten.

In Liebe segnet Euch

Euer Vater

Rom, 4. Juni 2017, Hochfest Pfingsten


[1] Vgl. Hirtenbrief, 14.2.2017, Nr. 21 u. 31

[2] Papst Franziskus, Audienz, 2.9.2015

[3] Hl. Josefmaria, Die Spur des Sämanns, Nr. 864

[4] Hl. Josefmaria, Der Weg, Nr. 27

[5] Vgl. Papst Franziskus, Ap. Schreiben Amoris laetitia (19.3.2016), Nr. 300

[6] Papst Franziskus, Amoris laetitia, Nr. 208

[7] Vgl. Hirtenbrief, 14.2.2017, Nr. 25

[8] Papst Franziskus, Amoris laetitia, Nr. 184

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