Dr. Peter Kwasniewski zu Traditionis Custodes: Das schlimmste päpstliche Dokument in der Geschichte.

Übersetzung des englischen Interviews auf RemnantNewspaper.com aus dem Englischen durch Pro Missa Tridentina:

Gerhard Eger: Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Dr. Kwasniewski, daß Sie sich die Zeit nehmen, meine Fragen zu beantworten. Wie beurteilen Sie das Motu proprio Traditionis Custodes insgesamt?

Dr. Kwasniewski: Es ist das schlechteste Dokument, das ein Papst in der Geschichte der römischen Kirche je vorgelegt hat. Punktum. Warum sage ich das? Weil Päpste zwar diesen oder jenen Aspekt der Gesetzgebung ihrer Vorgänger geändert haben, keiner jedoch jemals versucht hat, einen der bedeutendsten liturgischen Riten der Christenheit auszumerzen, indem er dessen Anhänger so lange belagert und aushungert, bis sie sterben oder kapitulieren. Auf die Glieder des mystischen Leibes wird die Mentalität der Kriegsführung angewandt. Das ist eines Nachfolgers des Apostels Petrus völlig unwürdig, der, wie der Apostel Paulus, mit dem er in der Ikonographie immer abgebildet ist, uns vielmehr geraten hätte, „an den Traditionen festzuhalten“ (2 Thess 2,15).

Man hatte mit einer Veröffentlichung gerechnet, aber nicht mit einem Dokument von einer solchen Härte. Und diese Härte, diese Gemeinheit des Geistes, diese Bereitschaft, alle und jeden für die (angeblichen) Sünden einiger weniger zu bestrafen, hat die schlimmen Erwartungen hinsichtlich des Motu proprio ganz und gar bestätigt.

Wenn die Alte Messe und besonders ihre lautstarken Befürworter – die gleichzeitig dazu neigen, die Gegner des päpstlichen Progressivismus zu sein – Papst Franziskus ein Dorn im Auge sind, dann ist sein Motu proprio ein Dorn im Auge all jener Bischöfe, die in den letzten vierzehn Jahren erleichtert gewesen sein dürften, in ihren Diözesen ein wenig liturgischen Frieden zu finden und einige wachsende Gemeinschaften von jungen Menschen sowie Familien, die aufgeschlossen für das Leben und eifrig im Glauben sind (und, vergessen wir nicht, großzügige materielle Wohltäter).

Die Aktion des Papstes hat den Episkopat beleidigt, indem er ihm unterstellte, er sei unfähig, seinen Aufgaben nachzukommen (was zwar leider oft zutrifft, aber in einer ganz anderen Weise als das, was Franziskus im Sinn hat), und darüber hinaus unfähig, das Problem eines offensichtlichen mangelnden Gehorsams gegenüber dem Lehramt zu behandeln. Denn wir müssen feststellen, daß das Motu proprio den Bischöfen nur die Macht gibt, zu zerstören, nicht aber aufzubauen: Sie dürfen Gruppen für die lateinische Messe einschränken oder eliminieren, aber sie dürfen keine neuen Gruppen, neue Pfarreien oder neu geweihte Priester beauftragen, die Messe kennenzulernen. Das ist, als würde man über 4000 Bischöfen die Hände binden und dann erwarten, daß sie dafür dankbar sind.

Traditionis Custodes wirkt wie ein in pauschale Anklagen gekleideter Racheakt – Anklagen, die erbärmlich wenig Substanz haben: eine Abrechnung mit konservativen und traditionellen Katholiken, besonders in den Vereinigten Staaten, für ihren ständigen Widerstand gegen den Progressivismus und Modernismus des Papstes.

Welche praktischen Konsequenzen könnte es für das Leben der Kirche haben?

Das Dokument wird uns direkt in die bitteren Zeiten der 1970er Jahre zurückkatapultieren. Dieser Schritt wirft das gesamte Projekt der Suche nach einer „inneren Versöhnung“ (wie Benedikt XVI. es ausdrückte) um fünfzig Jahre zurück, allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Heute gibt es Millionen von Katholiken, die die traditionelle lateinische Messe entweder lieben oder unterstützen, und sie sind oft gut organisiert und gut ausgebildet.

Deshalb wird der Bürgerkrieg, den der Papst entfesselt hat, viel mehr Menschen betreffen als in den frühen Tagen des Traditionalismus. In jenen frühen Tagen nach dem Konzil, als die Gläubigen noch im Griff eines naiven Ultramontanismus waren, machte fast jeder das neue Programm mit (oder stimmte traurigerweise mit den Füßen ab und ließ die sich modernisierende Kirche hinter sich).

Heute, fünfzig Jahre später, sind die gläubigen Katholiken so oft von Missbräuchen und Korruption schockiert worden, daß sie nicht mehr so ohne Weiteres bereit sind, blinde Mitläufer zu sein, die einfach den Befehlen des großen Führers gehorchen. Eigentlich sollte es so bald wie möglich einen Friedensvertrag geben, um die Verluste aufzufangen.

Die Auswirkungen werden schrecklich sein: Viele werden sich entmutigt fühlen und versucht sein, zu verzweifeln; einige werden ein dauerhaftes Zuhause bei den Katholiken des östlichen Ritus oder sogar bei der östlichen Orthodoxie finden; viele werden möglicherweise zur FSSPX überlaufen (nicht, daß ich es ihnen verübeln könnte!) und faktisch einen Vatikan aufgeben, der mehr daran interessiert zu sein scheint, in den Reihen seiner Gläubigen Säuberungsprozesse in Gang zu bringen, als gegen Ketzerei, Finanzskandale und sexuellen Missbrauch vorzugehen.

In all diesen Fällen können wir sehen, wie heuchlerisch es ist, wenn der Papst sagt, er tue dies alles im Dienst der Einheit. Es geschieht eher im Dienst der ideologischen Gleichschaltung.

Es fällt auf, daß das Dokument sofort in Kraft getreten ist, ohne daß zwischen der Ankündigung und dem Inkrafttreten eine Pause der Besinnung (vacatio legis) lag.

Ja: auch das ist beispiellos, und womöglich wird es sich als eine der Arten erweisen, in denen dieser Schritt von Bergoglio selbstmörderisch ist, denn das Böse hat unter anderem die Eigenschaft, sich in seinen Bestrebungen zu überheben und in den Abgrund zu stürzen.

Es liegt auf der Hand, daß das Fehlen der vacatio legis auf Ängste um die Gesundheit des Papstes zurückzuführen ist: Eine schwere Operation birgt das Risiko eines plötzlichen Endes des Pontifikats, und wenn ein Papst zufällig während der vacatio legis eines Gesetzes stirbt, dann wird das entsprechende Gesetz nie in Kraft treten.

Schon jetzt trudeln von allen Seiten Berichte von Bischöfen ein, die irritiert und sogar wütend darüber sind, daß ihnen ein so komplexes und drakonisches Dokument am selben Tag gegeben wurde, an dem es in Kraft treten sollte. Ein Bischof sagte, er habe zuerst über die sozialen Medien davon erfahren! Die allgemeine Reaktion war entweder zu sagen „die Dinge werden nicht geändert“ oder „wir brauchen mehr Zeit, um zu studieren, wie das Dokument umgesetzt werden soll“. Mit anderen Worten, die Bischöfe gewähren sich die vacatio legis selbst – und wer weiß, vielleicht entscheiden sich viele nach dieser Bedenkzeit, das Dokument nicht oder nur so minimalistisch wie möglich umzusetzen, um nicht noch mehr Turbulenzen und bürokratische Kopfschmerzen in ihren Diözesen zu haben.

Wir dürfen nicht vergessen, daß es nicht 99% der Bischöfe der Welt waren, die um dieses Motu Proprio gebeten haben, sondern vielleicht 1%, in denen der Haß auf das beständige Zeugnis der traditionellen lateinischen Messe brodelt.

Ich nehme dem Papst auch nicht einen Moment lang die Behauptung ab, daß die Ergebnisse der Glaubenskongregations-Umfrage überwiegend negativ waren, da es mehr als genug gegenteilige Beweise gibt; und das Argument erinnert unwiderstehlich an andere berüchtigte Fälle von Informationskontrolle und Unterdrückung. Der Strategie des „Vertraut uns einfach“ ist im Zeitalter von McCarrick wirklich der Sprit ausgegangen.

Ist das eine Enttäuschung für diejenigen, für die die traditionelle Liturgie ein „gerechtes Streben“ ist und die glauben, daß sie einen großen Reichtum für die Kirche darstellt?

Nein, es ist keine Enttäuschung. Es ist ein Grund für gerechten Zorn, ein Skandal, eine Form von klerikalem Mißbrauch durch einen Vater, der seine Kinder für das „Verbrechen“, das zu lieben, was die Heiligen über so viele Jahrhunderte geliebt haben, einen Tritt in die Magengrube versetzt hat, und der jetzt auf ihre dankbare Rückkehr zum Novus Ordo wartet.

Ich hatte immer gedacht, Jesuiten seien klug, aber dieser hier scheint grundlegende Regeln der menschlichen Psychologie nicht zu kennen:

(1) der Außenseiter gewinnt immer die Sympathie der Vielen;

(2) harte Taktiken, die gegen Minderheiten gerichtet sind, werden viel Aufmerksamkeit auf deren Sache lenken;

(3) verbotene Güter werden begehrenswerter;

(4) wenn man versucht, etwas wegzunehmen, das die Menschen so sehr lieben wie das Leben selbst, wird das nur dazu führen, ihre Liebe dazu zu intensivieren und ihre Distanz oder Gewalt gegen diejenigen zu vergrößern, die es wegnehmen würden.

Wenn Sie wollen, daß ein Mann seine Liebe zu seiner Familie zeigt, brauchen Sie nur seiner Frau und seinen Kindern mit Schaden zu drohen, und er wird sie entweder weit wegbringen oder bis zum Tod kämpfen. Das ist die richtige Reaktion auf natürlicher Ebene und auf übernatürlicher Ebene. Schließlich sagte der heilige Thomas von Aquin, daß angesichts von Ungerechtigkeit „das Fehlen von Zorn ein Zeichen dafür ist, daß das Urteil der Vernunft fehlt“ (ST II-II.158.8 ad 3).

Das negative Urteil über die traditionelle Messe und die Gläubigen, die dieser Meßform verbunden sind, ist völlig ungerechtfertigt. Darüber hinaus gibt es vor, daß Bischöfe zu beurteilen haben, ob Usus antiquior-Gruppen die Gültigkeit und Legitimität der Liturgiereform, der Dekrete des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramtes des obersten Pontifex in Frage stellen oder nicht.

Das Dokument macht wie nicht anders zu erwarten nur schwammige Aussagen darüber, was „Festhalten an“ oder „Akzeptanz“ des Zweiten Vatikanischen Konzils eigentlich bedeuten soll, und nach so vielen Jahrzehnten der Diskussion ist immer noch nicht ganz klar, was es bedeutet. Nehmen wir zum Beispiel Dignitatis Humanae: Wissenschaftler haben jahrzehntelang um eine Antwort auf die Frage gerungen, was es sagt, wozu es uns verpflichtet und was es uns verbietet, und trotzdem ist die Sache alles andere als klar.

Johannes XXIII. und Paul VI. sagten beide, das Konzil lehre nichts grundlegend Neues, sondern präsentiere der modernen Welt denselben katholischen Glauben. Es gibt durchaus Raum für Debatten darüber, wie effektiv und klar dieser Glaube tatsächlich vorgestellt wurde, aber sicherlich sollte von keinem Katholiken verlangt werden, das Zweite Vatikanische Konzil in einer Weise zu rezipieren, die in einem Widerspruch zum Ersten Vatikanischen Konzil, zum Tridentinum, zu den ersten sieben Konzilien oder irgendeinem der vorangegangenen Magisteriumsinhalte steht.

Es zeugt daher von Willkür und Ideologie (wie Kardinal Ratzinger mehr als nur einmal feststellte), das Zweite Vatikanische Konzil zu einen „Superkonzil“ zu stilisieren, einem Lackmus-Test der Rechtgläubigkeit, solange man in der Umgebung des Novus Ordo Häresien in Hülle und Fülle findet – Häresien im Bereich der Sittlichkeit, Dinge, die zuvor mit einem Anathema belegt waren, während das Zweite Vatikanum nichts definiert und nichts mit einem Anathema belegt hat.

Mir geht es hier darum, daß die Art und Weise, wie Franziskus spricht, den Anschein erweckt, als sei das Festhalten am Zweiten Vatikanischen Konzil irgendwie wichtiger als das Festhalten am Tridentinischen Konzil, von dessen Lehre heute eine große Zahl von Klerikern, Ordensleuten und Laien abweicht oder sich davon distanziert.

Wir erleben, kurz gesagt, die Hochrüstung des Konzils.

Keinem aufmerksamen Beobachter kann die Ironie entgehen, daß traditionalistische Katholiken den „traditionellen“ Inhalt des Zweiten Vatikanischen Konzils in weitaus größerem Ausmaß akzeptieren als ihre Novus-Ordo-Brüder, besonders diejenigen unter den Akademikern und Klerikern.

Nach diesem Maßstab sollte Papst Franziskus also eigentlich gegen die Novus-Ordo-Welt vorgehen, aber er tut es nicht, und wegen seiner ideologischen Scheuklappen kann er es auch nicht. Das Gleiche könnte man sagen, wenn man die Liturgiereform zu einem Gradmesser der Orthodoxie macht.

Solange es keinen offenkundigen Widerspruch zwischen der lex orandi des alten römischen Ritus und der lex orandi des modernen Ritus von Paul VI. gibt, so daß die eine orthodox und die andere häretisch ist – einige wenige vertreten diese Ansicht, aber die große Mehrheit der Traditionalisten ist nicht dieser Meinung -, so lange gibt es keinen Grund, warum ein Katholik, der die eine Form akzeptiert, den theologischen Inhalt der anderen Form als solchen ablehnen sollte. Viele (einschließlich Franziskus‘ eigener lebender Vorgänger) haben die Schwächen und Auslassungen der neuen liturgischen Bücher kritisiert, aber nur sehr wenige stellen ihre sakramentale Gültigkeit in Frage.

Hinzu kommt, daß keine liturgische Reform jemals „unumkehrbar“ sein kann, da sie von Natur aus eine disziplinäre Angelegenheit ist, die einer umsichtigen Bewertung und praktischen Änderung unterliegt. Bei den vom Papst auferlegten Vorschriften geht es also offenbar um etwas anderes als ihre oberflächliche Bedeutung. Hier stehen „Vatikanum II“ und „die Liturgiereform“ für etwas anderes, etwas, das nicht offen ausgesprochen werden kann.

Aber seien wir ehrlich: Hochtrabende theologische Diskussionen sprechen die meisten Gläubigen nicht an. Sie besuchen die alte Messe, weil sie ihre Ehrfurcht, ihre Schönheit, ihre transzendente Ausrichtung, ihre reichhaltigen und stets verläßlichen Gebete (das Fehlen von „Optionitis“), ihre Atmosphäre der Zeitlosigkeit lieben, die uns aus und über unser gewöhnliches Leben hinausträgt, so wie es auch die ihr verwandte Form aus dem Osten tut, die byzantinische Göttliche Liturgie, die singt: „Himmlische Heere der Cherubim stellen wir geheimnisvoll dar, dem dreifaltigen Lebensquell bringen wir den dreimalheiligen Lobgesang. All irdisch Sinnen und Trachten laßt uns nun vergessen.“

Ehrwürdige Liturgien wie diese versetzen uns an den Saum des Himmels. Und sie tun dies auf eine Weise, die in der reformierten Liturgie Pauls VI. entweder nicht existiert oder dort nur ungelenk und selten einen Platz findet.

Das Dokument gibt vor, daß die liturgischen Bücher, die von den heiligen Päpsten Paul VI. und Johannes Paul II. in Übereinstimmung mit den Dekreten des Zweiten Vatikanischen Konzils promulgiert wurden, der einzige Ausdruck der lex orandi des römischen Ritus sind. Bedeutet das, daß das Missale Romanum von 1962 in gewisser Weise abgeschafft ist?

Es ist prinzipiell ausgeschlossen, daß ein Papst den ehrwürdigen römischen Ritus, die Messe aller Zeiten, abschafft. Den Grund dafür habe ich in einem Artikel bei LifeSite News erläutert. Wie schon Paul VI. vor ihm, so erdreistet sich auch Franziskus in diesem Motu proprio nicht zu sagen: „Der Ritus, der vor der Liturgiereform in Kraft war, wird abgeschafft.“ Vielmehr hebt er Summorum Pontificum auf und unternimmt den Versuch, den alten römischen Ritus davon auszuschließen, eine legitime lex orandi des katholischen Glaubens zu sein. Das ist bizarr, unhaltbar und letztlich inkohärent.

Das Dokument ist voller Widersprüche und geistiger Unsauberkeiten. Es erwähnt nie die Ordinariatsliturgie, die ebenfalls Teil des römischen Ritus ist, aber eine eigene lex orandi hat; oder die verschiedenen Verwendungen des römischen Ritus, die wiederum nicht mit ihm identisch sind (z.B. den Dominikanischen oder den Norbertinischen Ritus).

Der giftige Geist von Traditionis Custodes verrät sich in dessen schlechter Komposition – das Ergebnis von Eile, mangelnder Intelligenz und tiefgreifender Unkenntnis der liturgischen Geschichte und Theologie. Man könnte hinzufügen, daß ein eklatanter Widerspruch zu den theologischen Positionen seines Vorgängers ungefähr so sinnvoll ist, wie unter Einsatz aller Kräfte an dem Ast zu sägen, auf dem man sitzt. Das diskreditiert entweder den aktuellen Papst oder sämtliche Päpste vor ihm.

Gleichzeitig wird jedoch bekräftigt, daß einzig die Diözesanbischöfe die Befugnis haben, den Gebrauch des Missale Romanum von 1962 in ihren Diözesen zuzulassen, wobei sie den Anweisungen des Heiligen Stuhls folgen sollen.

Richtig: ein weiterer Widerspruch. Als ich am vergangenen Sonntag [d.h. am Sonntag nach dem Erscheinen des MPCT] eine [alte] lateinische Messe besuchte, betete ich (so die Aussage des Motu proprio) nicht mehr gemäß der lex orandi der römischen Kirche. Und doch war die Messe eine Messe im römischen Ritus, die von einem Priester in hohem Ansehen und mit voller Erlaubnis der Kirche zelebriert wurde. Meiner Meinung nach ist das Motu proprio ein perfekter Ausdruck von Nominalismus und Voluntarismus: Man geht davon aus, daß wir durch das Anbringen von Wörterschildchen an bestimmten Realitäten diese Realitäten dazu bringen, zu existieren; und sie existieren, wenn wir es wollen, aber nicht, wenn wir es nicht wollen. Das paßt zu der relativistischen Philosophie, die man in so vielen Aktionen dieses Pontifikats entdecken kann, einer Art Vereinigung von Untreue und Irrationalität, die die katholische Harmonie von Glauben und Vernunft parodiert. In der Tat kann man mit Fug und Recht argumentieren – ich habe damit in diesem LifeSite-Artikel begonnen -, daß dieses Dokument so voller Fehler, Unklarheiten und Widersprüche ist, daß es keine Rechtsgültigkeit besitzt. Es ist von vornherein rechtswidrig. Das wird jedoch nichts daran ändern, daß einige Hierarchien sich gezwungen fühlen werden, es mit einer Geschwindigkeit in Kraft zu setzen, die ihrer Einigkeit im Geiste mit dem regierenden Pontifex alle Ehre macht. Man braucht sich nur daran zu erinnern, wie Ex Corde Ecclesiae von Johannes Paul II., das Dokument, das versuchte, die katholische Hochschulbildung zu säubern, fast überall unumgesetzt blieb.

Aber immerhin gibt es hoffnungsvolle Zeichen: Bischof Paprocki von Springfield, Illinois, hat seine Diözese kanonisch von bestimmten Elementen des Motu proprio dispensiert; Erzbischof Fisher von Sydney hat seiner Diözese mitgeteilt, daß die traditionelle lateinische Messe auch weiterhin zelebriert wird und die Gläubigen keine Angst haben müssen, daß sie ihnen weggenommen wird. Ich erfuhr von einer Diözese, in welcher der Bischof innerhalb von 24 Stunden 27 Priestern erneut die Erlaubnis erteilt hatte, weiterhin die lateinische Messe zu zelebrieren. Berichte wie diese, die mich immer wieder erreichen, zeigen, daß die Zahl der Freunde der Tradition oder zumindest von diplomatisch wohlwollenden Partnern vielleicht größer ist, als wir bislang angenommen haben. Das Motu Proprio hat sie aus der Reserve gelockt. Das kommt bei krassen Alternativen immer wieder vor. In jedem Fall braucht kein Priester, egal, was das Motu proprio an Gegenteiligem sagt, eine Erlaubnis, um die tridentinische Messe privat oder öffentlich zu zelebrieren. Unvermeidlicher- und klugerweise werden die meisten Priester wünschen, sich die Gunst ihrer Bischöfe zu erhalten, und sie werden sich um ihren Segen bemühen (und sogar mitspielen, indem sie es „Erlaubnis“ nennen), aber entscheidend ist, nicht aus dem Blick zu verlieren, daß dies nur eine Formalität ist, eine Sache klerikaler Höflichkeit.

Die traditionelle Messe ist zwar unter bestimmten Umständen weiterhin erlaubt, aber ist dies nicht doch ein Schritt in Richtung ihrer völligen Abschaffung?

Die Neo-Modernisten unserer Zeit wünschen sich nichts sehnlicher als das, eben genau aus dem Grund, weil sie um die Wahrheit des Axioms lex orandi, lex credendi, lex vivendi wissen.

Traditionelle Katholiken sind gewissermaßen immunisiert gegen die Zerstörung und Neukonstruktion des Katholizismus, die seit einiger Zeit im „langen Marsch durch die Institutionen“ betrieben wird.

Die traditionellen Katholiken sind die „Ikonophilen“ unserer Zeit, die die Bilder von Christus und seinen Heiligen verehren – das primäre Bild ist die Liturgie selbst! – und die deshalb dem Ritual, der Kultur, der Erinnerung, der Geschichte einen zentralen Platz einräumen.

Die Bilderstürmer wollen die Kirche von all diesen Dingen befreien und sie durch ihre eigenen humanistischen Surrogate ersetzen. Die Fraktion, die im Moment an der Macht ist, wird, trunken von Blut, versuchen, die alte Messe ganz zu unterdrücken. Es ist schlimmer: sie wollen die Auslöschung des usus antiquior in seiner Gesamtheit – alle sakramentalen Riten, das Breviarium Romanum von Pius X., das Rituale Romanum, das Pontificale Romanum, sämtliche Teile.

Sie beginnen mit der Messe, weil sie die „Quelle und der Höhepunkt“ ist, aber letztlich geht es ihnen darum, daß der historische römische Ritus nichts weiter mehr ist als ein Eintrag in Nachschlagewerken. Wir werden sehr viel arbeiten und beten müssen, um uns ihren Anstrengungen zu widersetzen, und es wird an vielen Stellen sehr unschön werden.

Abschließend: Würden Sie unseren Lesern bitte einen Rat geben, Herr Dr. Kwasniewski?

In den drei Tagen, die auf die Veröffentlichung des Motu proprio folgten, wurde mir das Ausmaß des geistlichen Kampfes neu bewußt, in dem wir als traditionelle Katholiken stehen.

Machen wir uns nichts vor: Dies ist ein Kampf um Seelen, ein Kampf um Klerus und Ordensleute, ein Kampf um die Zukunft der Kirche, um unsere Nachkommen. Entweder stellen wir uns dem, wir alle – oder es ist alles vorbei. Wir müssen uns vom Glauben antreiben lassen, nicht von der Angst!

Meine Frau und ich haben beschlossen, uns zu einer täglichen Heiligen Stunde in einer Anbetungskapelle bei uns in der Nähe zu verpflichten, wo wir um eine Lösung dieser Krise beten werden, für alle Priester und Laien, die davon betroffen sind, für alle Bischöfe und natürlich auch für den Papst. Ich möchte jeden auffordern, irgendeinen konkreten Schritt zu tun, und sei es so einfach wie während des täglichen Rosenkranzes ausdrücklich für die Wiederherstellung der Tradition an ihrem rechtmäßigen Platz zu beten.

Falls Sie es noch nicht getan haben: Lassen Sie sich das braune Skapulier Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel auflegen. Legen Sie einen oder mehrere Fasttage fest: Unser Herr sagt, daß manche Dämonen nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden.

Und letztlich: Vergessen Sie nicht, daß diese Krise sich wohl kaum schnell auflösen wird. Wir werden vielleicht nicht einmal mehr erleben, daß sie aufgelöst wird, aber unsere Kinder und Enkel werden die Früchte von dem ernten, was wir heute durch unsere Gebete, unsere Arbeit und unsere Leiden säen.

Wir tun das alles, weil Gott unsere treue Liebe verdient und sie mit der Aufnahme in die himmlische Liturgie belohnt. Ein Freund erinnerte mich kürzlich an einige passende Verse aus dem ersten Petrusbrief: „Und wer wird euch Böses zufügen, wenn ihr euch voll Eifer um das Gute bemüht? Aber auch wenn ihr um der Gerechtigkeit willen leiden müßt, seid ihr selig zu preisen. Fürchtet euch nicht vor ihnen und laßt euch nicht erschrecken, sondern haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; aber antwortet bescheiden und ehrfürchtig, denn ihr habt ein reines Gewissen. Dann werden die, die euch beschimpfen, weil ihr in (der Gemeinschaft mit) Christus ein rechtschaffenes Leben führt, sich wegen ihrer Verleumdungen schämen müssen. Es ist besser, für gute Taten zu leiden, wenn es Gottes Wille ist, als für böse.“ (1 Petr 3,13-17)

Mögen der heilige Gregor der Große, der heilige Pius V. und alle heiligen Päpste für uns Fürsprache einlegen!

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Quelle

Interview zu „Traditionis Custodes“: Weihbischof Athanasius Schneider mit Diane Montagna.

Im englischen Original erschienen in: „The Remnant“, 23. Juli 2021

Exzellenz, das neue apostolische Schreiben von Papst Franziskus, das am 16. Juli 2021 als Motu proprio herausgegeben wurde, heißt „Traditionis Custodes“ (Hüter der Tradition). Wie war Ihr erster Eindruck bei der Wahl dieses Titels?

Mein erster Eindruck war der eines Hirten, der, anstatt den Geruch seiner Schafe zu haben, zornig mit einem Stock auf sie einschlägt.

Was sind Ihre allgemeinen Eindrücke vom Motu Proprio und vom Begleitbrief von Papst Franziskus an die Bischöfe der Welt, in dem er seine Gründe für die Einschränkung der traditionellen lateinischen Messe erläutert?

In seinem programmatischen Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium plädiert Papst Franziskus für bestimmte Haltungen, die Offenheit fördern, “die die Annahme der Verkündigung erleichtern: Nähe, Bereitschaft zum Dialog, Geduld, herzliches Entgegenkommen, das nicht verurteilt“ (n. 165). Beim Lesen des neuen Motu Proprio und des Begleitbriefes hat man jedoch den gegenteiligen Eindruck, nämlich, dass das Dokument insgesamt eine pastorale Intoleranz und sogar geistliche Starrheit aufweist. Das Motu Proprio und das begleitende Schreiben vermitteln einen verurteilenden und ablehnenden Geist. In dem Dokument zur menschlichen Brüderlichkeit (unterzeichnet in Abu Dhabi am 4. Februar 2019) begrüßt Papst Franziskus die „Vielfalt der Religionen“, während er in seinem neuen Motu Proprio die Vielfalt der liturgischen Formen des römischen Ritus entschieden ablehnt.

Welch ein eklatanter Widerspruch in der Haltung dieses Motu Proprio im Vergleich zum Leitprinzip des Pontifikats von Papst Franziskus, der da ist: Inklusivität und eine bevorzugte Liebe für Minderheiten und diejenigen, die im Leben der Kirche am Rande stehen. Und was für eine erstaunlich engstirnige Haltung entdeckt man im Motu Proprio im Gegensatz zu den eigenen Worten von Papst Franziskus: „Wir wissen, dass wir auf verschiedene Weise versucht sind, die Logik des Privilegs anzunehmen, die uns trennt, die ausschließt, während wir uns trennen, die die Träume und das Leben so vieler unserer Brüder und Schwestern vernichtet“ (Predigt bei der Vesper, 31. Dezember 2016). Die neuen Normen des Motu Proprio wertet die tausendjährige Form der lex orandi der römischen Kirche ab und vernichtet gleichzeitig „die Träume und das Leben so vieler“ katholischer Familien, insbesondere junger Menschen und junger Priester, deren geistliches Leben und deren Liebe zu Christus und der Kirche durch die traditionelle Form der Heiligen Messe gewachsen sind und die aus dieser liturgischen Form geistlichen Nutzen gewonnen haben.

Das Motu Proprio stellt den Grundsatz einer seltenen liturgischen Exklusivität auf, indem es feststellt, dass die reformierten liturgischen Bücher der einzige Ausdruck der lex orandi des römischen Ritus sind (Art. 1). Welch ein Gegensatz ist diese Position auch zu den folgenden Worten von Papst Franziskus: „Es ist wahr, dass der Heilige Geist in der Kirche verschiedene Charismen hervorbringt, die auf den ersten Blick Unordnung zu schaffen scheinen. Unter seiner Führung stellen sie jedoch einen immensen Reichtum dar, denn der Heilige Geist ist der Geist der Einheit, der nicht gleichbedeutend ist mit Uniformität“ (Predigt von Papst Franziskus in der Katholischen Kathedrale des Heiligen Geistes, Istanbul, Samstag, 29, 2014).

Was sind Ihre größten Bedenken bezüglich des neuen Dokuments?

Als Bischof bin ich vor allen Dingen darüber besorgt, dass das Motu Proprio, anstatt eine größere Einheit durch das Koexistenz verschiedener authentischer liturgischer Formen in der Kirche zu fördern, eine Zweiklassengesellschaft in der Kirche schafft, d.h. Katholiken erster Klasse und Katholiken zweiter Klasse. Zu den Privilegierten erster Klasse zählen diejenigen, die an der reformierten Liturgie, dem Novus Ordo, festhalten, und zu den Katholiken zweiter Klasse, die jetzt kaum noch geduldet werden, zählen eine Vielzahl katholischer Familien, Kinder, Jugendlicher und Priester, die in in den letzten Jahrzehnten in der traditionellen Liturgie aufgewachsen und mit großem geistlichen Nutzen die Wirklichkeit und das Geheimnis der Kirche erfahren haben, und zwar dank dieser liturgischen Form, die frühere Generationen als heilig betrachteten und die im Laufe der Geschichte so viele Heilige und herausragende Katholiken geformt hat.

Das Motu Proprio und das Begleitschreiben begehen ein Unrecht gegen alle Katholiken, die an der traditionellen liturgischen Form festhalten, indem sie ihnen vorwerfen, spaltend zu sein und das Zweite Vatikanische Konzil abzulehnen. Tatsächlich hält sich ein beträchtlicher Teil dieser Katholiken weit von Lehrdiskussionen über das Zweite Vatikanische Konzil, den neuen Messordo (Novus Ordo Missae) und anderen kirchenpolitischen Problemen heraus. Sie wollen Gott einfach in der liturgischen Form anbeten, durch die Gott ihre Herzen und ihr Leben berührt und verändert hat. Das im Motu Proprio und Begleitschreiben angeführte Argument, dass die traditionelle liturgische Form Spaltung schafft und die Einheit der Kirche bedroht, wird durch die Tatsachen widerlegt. Darüber hinaus würde der abfällige Ton, der in diesen Dokumenten gegenüber der traditionellen liturgischen Form angeschlagen wird, jeden unparteiischen Beobachter zu dem Schluss verleiten, dass solche Argumente nur ein Vorwand und ein Trick sind und dass hier etwas anderes im Spiel ist.

Wie überzeugend finden Sie den Vergleich von Papst Franziskus (in seinem Begleitbrief an die Bischöfe) zwischen seinen neuen Maßnahmen und denen, die der hl. Pius V. 1570 verabschiedete?

Die Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils und der sogenannten „Konzilskirche“ war geprägt von einer Offenheit für eine Vielfalt und für Inklusivität gegenüber der Spiritualität und lokalen liturgischen Ausdrucksformen sowie von der Ablehnung des Prinzips der Gleichförmigkeit in der liturgischen Praxis der Kirche. Im Laufe der Geschichte war die wahre pastorale Haltung eine der Toleranz und des Respekts gegenüber einer Vielfalt liturgischer Formen, sofern sie die Integrität des katholischen Glaubens, die Würde und Heiligkeit der rituellen Formen zum Ausdruck bringen und wahre geistliche Früchte im Leben der Gläubigen tragen. In der Vergangenheit hat die römische Kirche die Vielfalt der Ausdrücke in ihrer lex orandi anerkannt. In der apostolischen Konstitution Quo Primum (1570), die die tridentinische Liturgie promulgierte, anerkannte Papst Pius V. alle mehr als zweihundert Jahre alten liturgischen Ausdrucksformen der römischen Kirche als gleichermaßen würdige und legitime Ausdrucksformen der lex orandi der römischen Kirche. In dieser Bulle hat Papst Pius V. erklärt, dass er in keiner Weise andere legitime liturgische Ausdrücke innerhalb der römischen Kirche aufhebt. Die bis zur Reform Pauls VI. gültige liturgische Form der römischen Kirche entstand nicht mit Pius V., sondern war auch Jahrhunderte vor dem Konzil von Trient im Wesentlichen unverändert. Die erste gedruckte Ausgabe des Missale Romanum stammt aus dem Jahr 1470, also hundert Jahre vor dem von Pius V. herausgegebenen Messbuch. Die Messordnung beider Messbücher ist nahezu identisch; der Unterschied liegt eher in sekundären Elementen wie dem Kalender, der Anzahl der Präfationen und in genaueren Rubriknormen.

Das neue Motu Proprio von Papst Franziskus ist auch zutiefst besorgniserregend, da es eine diskriminierende Haltung gegenüber einer fast tausend Jahre alten liturgischen Form der katholischen Kirche manifestiert. Die Kirche hat nie das verworfen, was über viele Jahrhunderte Heiligkeit, Lehrpräzision und spirituellen Reichtum zum Ausdruck gebracht hat und von vielen Päpsten, großen Theologen (z. B. dem hl. Thomas von Aquin) und zahlreichen Heiligen gepriesen wurde. Die Völker West- und teilweise Osteuropas, Nord- und Südeuropas, Amerikas, Afrikas und Asiens wurden durch den traditionellen römischen Ritus evangelisiert und lehrmäßig und geistlich geformt, und diese Völker fanden in diesem Ritus ihre geistlichen und liturgisches Heimat. Papst Johannes Paul II. gab ein Beispiel für eine aufrichtige Wertschätzung der traditionellen Form der Messe, als er sagte: „Im römischen Messbuch, genannt ‚von St. Pius V.‘, wie in verschiedenen östlichen Liturgien, gibt es schöne Gebete, mit denen der Priester tiefste Demut und Ehrfurcht vor den heiligen Geheimnissen ausdrückt: Sie offenbaren das eigentliche Wesen jeder Liturgie.“ (Botschaft an die Teilnehmer der Vollversammlung der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, 21. September 2001) .

Es würde dem wahren Geist der Kirche aller Zeiten widersprechen, diese liturgische Form jetzt zu verachten, sie als „spaltend“ und als etwas Gefährliches für die Einheit der Kirche zu bezeichnen und Normen zu erlassen, die diese Form mit der Zeit verschwinden lassen sollen. Die im Motu Proprio von Papst Franziskus verankerten Normen versuchen, die traditionelle Liturgie, die an sich heilig ist und die geistliche Heimat dieser Katholiken darstellt, unbarmherzig aus den Seelen und dem Leben so vieler Katholiken herauszureißen. Mit diesem Motu Proprio werden Katholiken, die heute durch die traditionelle Liturgie der Heiligen Mutter Kirche geistlich genährt und geformt wurden, die Kirche nicht mehr als Mutter, sondern als „Stiefmutter“ erfahren, im Einklang mit der Beschreibung von Papst Franziskus: „Eine Mutter, die kritisiert, die schlecht über ihre Kinder spricht, ist keine Mutter! Ich glaube, Ihr sagt „Stiefmutter“ auf Italienisch … Sie ist keine Mutter.“ (Ansprache an die Gottgeweihten der Diözese Rom, 16. Mai 2015)

Der apostolische Brief von Papst Franziskus wurde am Fest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel, der Schutzpatronin der Karmeliten (wie der hl. Therese von Lisieux), die besonders für die Priester beten, herausgegeben. Was würden Sie angesichts der neuen Maßnahmen den Diözesanseminaristen und jungen Priestern sagen, die gehofft hatten, die traditionelle lateinische Messe zu feiern?

Kardinal Joseph Ratzinger sprach über die Grenzen der Befugnisse des Papstes in Bezug auf die Liturgie mit dieser aufschlussreichen Erklärung: „Der Papst ist nicht ein absoluter Monarch, dessen Wille Gesetz ist, sondern er ist der Hüter der authentischen Tradition und damit der erste Garant des Gehorsams. Er kann nicht machen, was er will und kann daher auch jenen entgegentreten, die ihrerseits machen wollen, was ihnen im Sinn steht. Sein Gesetz ist nicht die Beliebigkeit, sondern der Glaubensgehorsam. Daher hat er der Liturgie gegenüber die Funktion des Gärtners, nicht des Technikers, der neue Maschinen baut und alte zum Gerümpel wirft. Der „Ritus“, die im Glauben und Leben der Kirche gereifte Gestalt des Betens und Feierns, ist kondensierte Gestalt der lebendigen Überlieferung, in der ein Ritenraum das Ganze seines Glaubens und Betens ausdrückt und so zugleich die Gemeinschaft der Generationen erlebbar wird, die Gemeinschaft mit den Betern vor uns und nach uns. So ist der Ritus eine Vor-Gabe an die Kirche, lebendige Gestalt von Paradosis“ (Vorwort zu „Die organische Entwicklung der Liturgie. Die Prinzipien der liturgischen Reform und ihre Beziehung zur liturgischen Bewegung des 20. Jahrhunderts vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil“ von Dom Alcuin Reid, San Francisco 2004).

Die traditionelle Messe ist ein Schatz, der der gesamten Kirche gehört, da sie seit mindestens tausend Jahren von Priestern und Heiligen gefeiert, hochgeschätzt und geliebt wurde. Tatsächlich war die traditionelle Form der Messe vor der Veröffentlichung des Messbuches von Papst Pius V. im Jahr 1570 jahrhundertelang nahezu identisch. Ein fast tausend Jahre alter gültiger und hochgeschätzter liturgischer Schatz ist nicht das Privateigentum eines Papstes, über das er frei verfügen kann. Daher müssen Seminaristen und junge Priester um das Recht bitten, diesen gemeinsamen Schatz der Kirche zu nutzen, und sollte ihnen dieses Recht verweigert werden, können sie es dennoch, vielleicht im Geheimen, nutzen. Dies wäre kein Akt des Ungehorsams, sondern des Gehorsams gegenüber der Heiligen Mutter Kirche, die uns diesen liturgischen Schatz geschenkt hat. Die entschiedene Ablehnung einer fast tausend Jahre alten liturgischen Form durch Papst Franziskus stellt in der Tat ein kurzlebiges Phänomen im Vergleich zum beständigen Geist und der Praxis der Kirche dar.

Exzellenz, wie war Ihr bisheriger Eindruck von der Umsetzung von „Traditionis Custodes“?

Innerhalb weniger Tage haben Diözesanbischöfe und sogar eine ganze Bischofskonferenz damit begonnen, jede Feier der traditionellen Form der Heiligen Messe systematisch zu unterdrücken. Diese neuen „Liturgie-Inquisitoren“ haben einen ähnlich starren Klerikalismus gezeigt, der von Papst Franziskus beschrieben und beklagt wurde, als er sagte: „Es gibt diesen Geist des Klerikalismus in der Kirche, den man spürt: die Kleriker fühlen sich überlegen, die Kleriker wenden sich vom Volk ab, die Kleriker sagen immer: ‚Das wird so gemacht wie‘ dies, so, so, sonst musst du weggehen!’“ (Tägliche Meditation in der Heiligen Messe vom 13. Dezember 2016).

Das anti-traditionelle Motu Proprio von Papst Franziskus weist einige Ähnlichkeiten mit den verhängnisvollen und äußerst starren liturgischen Entscheidungen auf, die die Russisch-Orthodoxe Kirche unter Patriarch Nikon von Moskau zwischen 1652 und 1666 getroffen hatte. Dies führte schließlich zu einem dauerhaften Schisma, das als das Schisma der „Altritualisten“ bekannt ist (auf Russisch: staroobryadtsy), das die liturgischen und rituellen Praktiken der russischen Kirche wie sie vor den Reformen des Patriarchen Nikon waren, beibehielt. Da sie sich der Anpassung der russischen Frömmigkeit an die zeitgenössischen Formen des griechisch-orthodoxen Gottesdienstes widersetzten, wurden diese Altritualisten zusammen mit ihrem Ritus in einer Synode von 1666-67 anathematisiert, was ein Schisma zwischen den Altritualisten und denen hervorrief, die der Staatskirche in ihrer Verurteilung des Alten Ritus folgten. Heute bedauert die Russisch-Orthodoxe Kirche die drastischen Entscheidungen des Patriarchen Nikon, denn wenn die von ihm eingeführten Normen wirklich pastoral gewesen wären und die Anwendung des alten Ritus erlaubt hätten, hätte es kein jahrhundertelanges Schisma mit vielen unnötigen und grausamen Leiden gegeben.

In unseren Tagen erleben wir immer mehr Feiern der Heiligen Messe, die zu einer Plattform für die Förderung des sündhaften Lebensstils der Homosexualität geworden sind – die sogenannten „LGBT-Messen“, ein Ausdruck, der an sich schon eine Blasphemie ist. Solche Messen werden vom Heiligen Stuhl und vielen Bischöfen geduldet. Dringend nötig ist ein Motu Proprio mit strengen Normen, die die Praxis solcher „LGBT-Messen“ unterbinden, denn sie sind eine Verhöhnung der göttlichen Majestät, ein Ärgernis für die Gläubigen (die Kleinen) und eine Ungerechtigkeit gegenüber sexuell aktiven Homosexuellen, die durch solche Feiern in ihren Sünden bestätigt werden und dadurch ihr ewiges Heil gefährden.

Und doch haben eine Reihe von Bischöfen, insbesondere in den Vereinigten Staaten, aber auch anderswo, wie beispielsweise in Frankreich, die Gläubigen ihrer Diözesen unterstützt, die der traditionellen lateinischen Messe verbunden sind. Was würden Sie sagen, um diese Ihre Mitbrüder zu ermutigen? Und welche Haltung sollten die Gläubigen gegenüber ihren Bischöfen haben, von denen viele von dem Dokument überrascht waren?

Diese Bischöfe haben eine echte apostolische und seelsorgliche Haltung gezeigt, da sie „Hirten mit dem Geruch der Schafe“ sind. Ich möchte diese und viele andere Bischöfe ermutigen, mit dieser edlen seelsorglichen Haltung fortzufahren. Möge sie sich weder vom Lob der Menschen noch von der Furcht der Menschen bewegen lassen, sondern nur von der größeren Herrlichkeit Gottes, dem größeren geistlichen Nutzen der Seelen und ihrem ewigen Heil. Die Gläubigen ihrerseits sollten diesen Bischöfen Dankbarkeit und kindlichen Respekt und Liebe entgegenbringen.

Welche Wirkung wird das Motu Proprio Ihrer Meinung nach haben?

Das neue Motu Proprio von Papst Franziskus ist letztlich ein Pyrrhussieg und wird einen Bumerang-Effekt haben. Die vielen katholischen Familien und die immer größer werdende Zahl junger Menschen und Priester – insbesondere junger Priester –, die die traditionelle Messe besuchen, werden es nicht zulassen, dass ihr Gewissen durch einen so drastischen Verwaltungsakt verletzt wird. Diesen Gläubigen und Priestern zu sagen, dass sie sich einfach an diese Normen halten müssen, wird bei ihnen letztendlich nicht funktionieren, weil sie verstehen, dass eine Gehorsamsaufforderung ihre Kraft verliert, wenn damit die Auslöschung der traditionelle Form der Liturgie, den großen liturgischen Schatz der die römische Kirche, bezweckt wird.

Es wird mit der Zeit sicherlich eine weltweite Kette von Katakomben-Massen entstehen, wie es in Not- und Verfolgungszeiten geschieht. Wir könnten tatsächlich Zeugen einer Ära heimlicher traditioneller Messen werden, ähnlich der, die Aloysius O’Kelly in seinem Gemälde „Messe in Connemara (Irland) während der Penal Times“ so beeindruckend dargestellt hat. Oder vielleicht werden wir eine Zeit erleben, die jener ähnelt, die der heilige Basilius der Große beschriebenen hat, als traditionelle Katholiken im vierten Jahrhundert vom liberalen arianischen Episkopat verfolgt wurden. Basilius schrieb: „Die Münder der wahren Gläubigen sind stumm, während jede lästerliche Zunge freigelassen ist; heilige Dinge werden mit Füßen getreten; die besseren Gläubigen meiden die Kirchen als Schulen der Gottlosigkeit. Mit Seufzern und Tränen erheben sie an einsamen Orten ihre Hände zu ihrem Herrn im Himmel. Auch Ihr müsst gehört haben, was in den meisten unserer Städte vor sich geht, wie unsere Leute mit Frauen und Kindern und sogar unsere alten Männer vor die Stadtmauern strömen und ihre Gebete unter freiem Himmel verrichten, inmitten aller Unannehmlichkeiten des Wetters, mit großer Geduld, auf die Hilfe des Herrn wartend“ (Brief 92).

Die bewundernswerte, harmonische und ziemlich spontane Verbreitung und das kontinuierliche Wachstum der traditionellen Form der Messe in fast jedem Land der Welt, sogar in entlegensten Orten, ist zweifellos das Werk des Heiligen Geistes und ein wahres Zeichen unserer Zeit. Diese Form der liturgischen Feier trägt gerade im Leben der Jugendlichen und der Konvertiten zur katholischen Kirche wahre geistliche Früchte, da viele von ihnen gerade durch die Strahlkraft dieses Schatzes der Kirche zum katholischen Glauben angezogen wurden. Papst Franziskus und die anderen Bischöfe, die sein Motu Proprio ausführen werden, sollten ernsthaft über den weisen Rat Gamaliels nachdenken und sich fragen, ob sie tatsächlich nicht gegen ein Werk Gottes kämpfen: „Darum rate ich euch jetzt: Lasst von diesen Männern ab und gebt sie frei; denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen“ (Apg. 5, 38-39). Möge Papst Franziskus im Licht der Ewigkeit seine drastische und tragische Tat überdenken und dieses neue Motu Proprio mutig und demütig zurücknehmen und sich an seine eigenen Worte erinnern: „In Wahrheit zeigt die Kirche ihre Treue zum Heiligen Geist insofern, als sie es nicht versucht, ihn zu kontrollieren oder zu zähmen.“ (Predigt in der Katholischen Heilig-Geist-Kathedrale, Istanbul, Samstag, 29. November 2014)

Derzeit weinen viele katholische Familien, Jugendliche und Priester auf allen Kontinenten, denn der Papst – ihr geistlicher Vater – beraubt sie der geistlichen Nahrung der traditionellen Messe, die ihren Glauben und ihre Liebe zu Gott, zur Heiligen Mutter Kirche und zum Apostolischen Stuhl so sehr gestärkt hat. Einstweilen mögen sie „hingehen unter Tränen und den Samen zur Aussaat tragen. Sie werden aber wiederkommen mit Jubel und ihre Garben einbringen“ (Ps. 126, 6).

Diese Familien, Jugendlichen und Priester könnten an Papst Franziskus diese oder ähnliche Worte richten: „Heiliger Vater, geben Sie uns diesen großen liturgischen Schatz der Kirche zurück. Behandeln Sie uns nicht als Ihre Kinder zweiter Klasse. Verletzt unser Gewissen nicht, indem Sie uns in eine einzige und ausschließlich liturgische Form zwingen, obwohl Sie der ganzen Welt immer die Notwendigkeit der Vielfalt, der pastoralen Begleitung und der Achtung vor dem Gewissen verkündet haben. Hören Sie nicht auf die Vertreter eines rigiden Klerikalismus, die Ihnen geraten hat, eine so unbarmherzige Handlung durchzuführen. Seien Sie ein wahrer Familienvater, der „aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt“ (Mt 13,52). Wenn Sie auf unsere Stimme hören, werden wir am Tag Ihres Gerichts vor Gott Ihre besten Fürsprecher sein.“

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Quelle

Benedict XVI laments lack of faith within Church institutions in Germany

Pope Benedict XVI on Aug. 28, 2010./ L’Osservatore Romano.

By CNA Staff

Freiburg, Jul 26, 2021 / 06:30 am

Pope emeritus Benedict XVI has expressed concern about the lack of faith within Church institutions in Germany.

The retired pope made the comments in a written conversation in the August issue of the German magazine Herder Korrespondenz, marking the 70th anniversary of his ordination to the priesthood, reported CNA Deutsch, CNA’s German-language news partner.

“In Church institutions — hospitals, schools, Caritas — many people participate in decisive positions who do not share the inner mission of the Church and thus in many cases obscure the witness of this institution,” he said.

In an exchange with Tobias Winstel, the 94-year-old reflected on the concept of the “Amtskirche,” a German term that can be translated as “institutional Church” and is used to refer to the large number of Church-tax funded structures and institutions in Germany.

He wrote: “The word ‘Amtskirche’ was coined to express the contrast between what is officially demanded and what is personally believed. The word ‘Amtskirche’ insinuates an inner contradiction between what the faith actually demands and signifies and its depersonalization.”

He suggested that many texts issued by the German Church were crafted by people for whom faith was largely institutional.

“In this sense, I must admit that for a large part of institutional Church texts in Germany, the word ‘Amtskirche’ does indeed apply,” he commented.

He continued: “As long as in institutional Church texts only the office, but not the heart and the spirit, speak, so long the exodus from the world of faith will continue.”

Benedict, who was prefect of Vatican Congregation for the Doctrine of the Faith before he was elected pope, said: “That’s why it seemed important to me then, as it does now, to take the person out of the cover of office and expect a real personal testimony of faith from the spokesmen of the Church.”

In the conversation, Benedict also discussed an issue that he had highlighted in 2011 during his final trip to Germany as pope.

In an address in Freiburg, a university town in southwest Germany, he implicitly criticized aspects of the German Church, referring to a tendency to give “greater weight to organization and institutionalization” than to the Church’s “vocation to openness towards God.”

Benedict called in the speech for a “Church that is detached from worldliness,” using the German phrase “entweltlichte Kirche.”

The former pope told Herder Korrespondenz that he now felt that the term was inadequate.

“The word ‘Entweltlichung’ [‘detachment from worldliness’] indicates the negative part of the movement I am concerned with,” he wrote. “The positive is not sufficiently expressed by it.”

Rather, he said, it is about stepping out of the constraints of a particular time “into the freedom of faith.”

In the written exchange, Benedict also warned Catholics against the danger of seeking a “flight into pure doctrine.”

Benedict, who was the Vatican’s doctrinal chief from 1982 to 2005, said that attempting such a flight was “completely unrealistic.”

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“A doctrine that would exist like a nature preserve separated from the daily world of faith and its needs would be at the same time an abandonment of faith itself,” he said.

In the conversation, Benedict was also asked whether he was a good pastor when he served at Precious Blood church in the Bogenhausen district of Munich after his ordination on June 29, 1951.

“Whether I have been a good priest and pastor, I dare not judge,” he replied, adding that he had tried “to live up to the demands of my ministry and ordination.”

French people taking the streets en masse.

Black Knives Matter: Polizei verhindert ein zweites Würzburg – und schießt afrikanischen Messerangreifer nieder

Gehört zum deutschen Stadtbild: Vielfalt mit Messer (Symbolbild: Shutterstock)

Das Frankfurter Bahnhofsviertel ist bereits heute schon eine Vollendung jener „bunten“ Lebenswirklichkeit, die bereits in wenigen Jahren ganz Deutschland prägen wird. Am Samstag war dort wieder einmal High Moon angesagt: Ein 27-jähriger Afrikaner, im Netz verbreiteten unbestätigten Meldungen zufolge ein Somali, ging dort mit zwei Messern – einem in jeder Hand – in eindeutiger Tötungsabsicht auf einen 65-jährigen Mann los; dieser konnte sich mit Pfefferspray wehren und flüchten; der Angreifer setzte ihm nach – und wurde von der Polizei gestellt. Die Beamten bedrohte er ebenfalls mit den Worten „I kill you“ – woraufhin er niedergeschossen wurde.

Was genau die Hintergründe der Attacke waren, ob es sich um eine gezielte Tat handelte oder ob der 65-jährige als Zufallsopfer ins Visier dieses nächsten „Messermannes“ geriet, ist unklar – und wird nun von der Mordkommission der Frankfurter Polizei ermittelt. Die Tatsache jedoch, dass der Angreifer auch die Polizisten direkt bedrohte, deutet auf ein ungerichtetes Gewaltpotential hin. Im Netz gingen Videos des Polizeieinsatzes viral, wie etwa dieses hier:

https://videopress.com/v/IReiJtr1
https://videopress.com/videopress-iframe.js

Der Angreifer hatte nur leichte Schussverletzung und kam nach deren Behandlung im Krankenhaus in Untersuchungshaft, so die „Hessenschau„. Wohl um die Bevölkerung – wie üblich – wieder einmal in Sicherheit zu wiegen, fand der Fall über regionale Medien hinaus praktisch keine öffentliche Resonanz. Denn erstens könnten Bilder eines gewalttätigen Schwarzen, wenige Wochen nach dem Grauen von Würzburg, vielleicht doch den einen oder anderen Scheuklappen-Deutschen ins Grübeln bringen, wieviel wahlweise kriminelle oder „psychisch kranke“ Zeitbomben inzwischen eigentlich unsere Straßen bevölkern, und zweitens will man zwei Monate vor der Bundestagswahl um keinen Preis „Wasser auf die Mühlen von… XYZ“ riskieren. (DM)

D: missio erlebt nach Flutkatastrophe umgekehrte Solidarität

Mayschoss in Rheinland-Pfalz  (AFP or licensors)

Wenn in anderen Ländern Naturkatastrophen passieren, gibt es in Deutschland große Hilfsbereitschaft. Jetzt ist es umgekehrt, sagt Johannes Seibel von missio im Interview mit dem Domradio. Dass so eine Katastrophe in Deutschland passiert ist, schockiere Menschen weltweit.

DOMRADIO.DE: Sie bekommen in diesen Tagen ganz viele Nachrichten von Ihren Partnerinnen und Partnern rund um den Globus. Was schreiben die? Was ist da der rote Faden?

Johannes Seibel (Pressesprecher von missio Aachen): Das berührt uns sehr. Sie schreiben uns vor allen Dingen, dass sie für uns beten. Dass sie auch überrascht sind, dass so etwas in Deutschland passieren kann. Sie kennen das ja oft aus ihrer eigenen Erfahrung, gerade in Asien, wo Erdrutsche und Fluten Menschen töten und viele vor das Nichts stellen. Sie sind selbst erschüttert. Sie drücken ihre Solidarität aus. Und sie sagen auch: Sie haben so viel Solidarität aus Deutschland und Europa für ihr Leben erfahren, sie möchten davon etwas zurückgeben.

Hier das Interview mit Johannes Seibert von missio Aachen

DOMRADIO.DE: Die Perspektive dreht sich quasi um. Haben Sie ein konkretes Beispiel einer solchen Solidaritätsbekundung, die Sie ganz besonders gerührt hat?

Seibel: Ja, zum Beispiel von der Abteilung Soziales im Erzbistum Kalkutta. Franklin Menezes ist dort der Direktor. Und er selbst ist sehr engagiert im Bereich Ökologie, im Bereich erneuerbare Energien und setzt dort sehr viele Projekte in Indien um. Er hat uns geschrieben, dass er das kaum fassen kann, dass er das in den Nachrichten gesehen hat, dass er weiß, was es für Menschen bedeutet, wenn sie ihr ganzes Hab und Gut verlieren. Und dass er sich auch sehr hilflos fühlt angesichts dieser Nachrichten, dass so etwas in Deutschland passiert, dass er sich in dieser Hilflosigkeit aber auch mit uns verbunden fühlt und dass wir alle Menschen in Deutschland ermutigen sollen. Man kann das durch eine gute Arbeit, durch Mut, durch Hoffnung auch durchhalten. Und dass die Menschen wissen: Weltweit und auch in Indien denken die Menschen an sie in Deutschland. Das hat mich und uns auch sehr berührt und zeigt, dass heute die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen weltweit keine Einbahnstraße mehr ist, sondern das ist ein Netzwerk von Christinnen und Christen, die gemeinsam die Welt verändern wollen.

Friedhof in Bad Neuenahr-Ahrweller in Rheinland-Pfalz

Das Gebet verbindet

DOMRADIO.DE: Der Klimawandel wird oft als Ursache für solche Katastrophen genannt, sowohl in Deutschland als auch anderswo. Die Partnerinnen und Partner von missio sorgen sich und sie beten. Was zeigt das?

Seibel: Das zeigt, dass die Welt heute globalisiert ist, dass auch Katastrophennachrichten global um die Welt gehen und nicht nur wir erfahren, dass in den Philippinen oder in Indien etwas passiert ist, sondern die Menschen auch dort erfahren, dass bei uns schlimme Dinge passieren, dass bei uns Katastrophen passieren und dass uns dabei das Gebet verbindet. Ich habe das oft auch erlebt: Auf Reisen habe ich das Gefühl, dass das Gebet in diesen Ländern den Menschen noch mehr bedeutet als bei uns hier in Deutschland. Und dass das Gebet für diese Menschen nicht einfach dahingesagt ist – wir beten für euch, ich denke an euch – sondern, dass das den Menschen tatsächlich eine Kraft gibt, Dinge auszuhalten, Dinge zu verändern, Dinge zu verbessern und dass sie der Überzeugung sind, wenn sie diese Kraft auch uns wünschen, dass das Gebet dann bei uns in Deutschland hilft, eine Haltung zu entwickeln, eine Stärke zu entwickeln, um Schwierigkeiten zu bewältigen. Diese Kraft des Gebetes, die im Alltag der Menschen tatsächlich etwas bewirken kann und Menschen verändert, das ist das, was man hier sieht und was auch in der Beziehung zwischen uns und unseren Partnern etwas sehr Wichtiges ist.

DOMRADIO.DE: Das wird jetzt auch bei uns im Zusammenhang mit dieser Hochwasserkatastrophe diskutiert. Was ist da der Tenor? Was hören Sie da?

Seibel: Unsere Partner und Partnerinnen im globalen Süden sind ja in vielfältiger Weise vom Klimawandel betroffen. Zum Besipiel bei Dürren in Nigeria, die wiederum dafür sorgen, dass es zu Konflikten zwischen Nomaden und Bauern kommt, die dann wieder religiös ausgeschlachtet werden. Hier ist die Ursache der Klimawandel. Und dort engagieren sich sehr viele Menschen dafür, dass etwas gegen den Klimawandel getan wird. In Indien oder auf den Philippinen ist der Klimawandel auch spürbar. Dort verstärken sich Erdrutsche, die Flut und der Regen werden ebenfalls stärker. Auch dort merken die Menschen, dass der Klimawandel ihnen die Lebensgrundlagen raubt. Oder in Ozeanien, wo die Meeresspiegel steigen. Und deshalb sind die Menschen sehr sensibilisiert dafür. Father Shay Cullen aus den Philippinen, der dort ein missio-Projekt leitet, sagt uns auch: Wir müssen gemeinsam unsere Regierungen weltweit und in der Europäischen Union dazu bringen, stärker gegen den Klimawandel anzugehen. Denn das betrifft uns weltweit alle. Und wir spüren die Folgen weltweit alle. Deshalb sollten wir uns auch weltweit alle gegen den Klimawandel engagieren und unsere Regierungen dazu aufrufen, hier jegliche Maßnahmen zu ergreifen. Das ist keine ideologische Frage mehr, sondern das ist schlicht eine Frage des Lebens und Überlebens.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(domradio – mg)