Walter Kardinal Brandmüller: Der Papst: Glaubender – Lehrer der Gläubigen

Kardinal Walter Brandmüller zelebriert in Rom eine Messe nach dem alten Ritus am 15. Mai 2011.

Das Petrus-Bekenntnis von Caesarea Philippi „Du bist der Messias, der Sohn  des Lebendigen Gottes“ war Voraussetzung dafür gewesen, daß Jesus Simon,  den Sohn des Jonas, zum Felsen machte, auf den Er seine Kirche bauen wollte. Auf das Bekenntnis des Glaubens des Apostels antwortet Jesus mit der einzigartigen Berufung des Petrus.

Im Blick darauf wird klar, welch grundlegende Bedeutung dem Glauben des Petrus für die entstehende Kirche zukam. Das gilt natürlich in analoger Weise auch für den Petrusnachfolger, den Papst. Auch der Papst ist zuallererst „Hörer des Wortes“ (K. Rahner), ein Glaubender, und nur als solcher kann er Garant  und Lehrer des Glaubens für die Kirche sein. Aber auch als oberster Lehrer und Hirte steht er nicht der Kirche gegenüber – oder gar über ihr. Obgleich (sichtbares) Haupt der Kirche, ist der Papst doch in organischer Verbindung Glied an dem einen Leib.

Verhält es sich so, dann wird verständlich, daß es im vitalen Interesse der Kirche liegt, daß sie sich des genuinen, authentischen Glaubens eben jenes Mannes sicher sein kann, der Nachfolger des Apostelfürsten Petrus und Träger seiner Vollmacht ist.1

I.

Es sind ebensolche Überlegungen, die dazu geführt haben, daß schon seit dem Ende des 5. Jahrhunderts der Brauch bekannt ist, daß der neugewählte römische Bischof sein Glaubensbekenntnis mitteilt.2

Als bekanntestes Beispiel hierfür mag jene Synodica genannt werden, mit welcher Gregor der Große den Patriarchen des Ostens seine Wahl zum Nachfolger Petri bekanntgab3, und mit der ein ausführliches Glaubensbekenntnis verbunden war. Häufig wird daraus die Hervorhebung der ersten vier Konzilien zitiert, denen Gregor ebensolche Autorität zumißt wie den vier Evangelien.4

Als letzter scheint Leo III. (705-816) eine Synodica versandt zu haben.5

Dieser Brauch war Ausdruck des Wissens darum, daß die Gemeinschaft des Glaubens, die Zustimmung zum gemeinsamen Glauben, die entscheidende Grundlage und Voraussetzung kirchlicher Gemeinschaft ist: das consortium fidei apostolicae, die Gemeinsamkeit des Apostolischen Glaubens.6

Von der Versendung der Synodica ist indes zu unterscheiden die Professio fidei, die vor der Wahl zum Papst abzulegen war.

Diese Forderung ist erstmals durch den Liber Diurnus7 bezeugt. Wie auch immer im einzelnen die Redaktionsgeschichte dieser Formularsammlung von frühmittelalterlichen Papsturkunden etc. zu rekonstruieren ist – sie enthält Formulare für das Glaubensbekenntnis des neugewählten Papstes, das dieser vor und nach der Weihe zum Bischof abzulegen hatte.8

Es sind offenbar die Jahre 682-685 und des näheren die Weihe Benedikts II. am 26. Juni 684, denen diese Formulare zuzuordnen sind, Jahre, in denen die Nachwehen der christologischen Auseinandersetzungen und besonders der Verurteilung von Papst Honorius noch immer spürbar waren.9

Vor diesem Hintergrund ist also sowohl besonders die Tatsache, daß diese Texte überhaupt entstanden sind, als auch ihr Inhalt zu verstehen. Ihre erklärte Absicht war, dem consortium fidei apostolicae förmlichen Ausdruck zu verleihen – jener Gemeinschaft im apostolischen Glauben, die Papst und Gläubige der Kirche verbindet.

Der erste dieser Texte10 mit der Überschrift Indiculum Pontificis ist in der Form einer Anrede des eben zum Nachfolger Gewählten an den Vorgänger, den Erst-Apostel Petrus, stilisiert. Ihm bekennt der Gewählte den rechten durch Christus begründeten und Petrus übergebenen, durch dessen Nachfolger bis auf ihn, den unwürdigen Neugewählten, weitergereichten wahren Glauben, den er in der heiligen Kirche vorgefunden hat, den er bis aufs Blut beschützen wolle.

Dieser Glaube umfaßt die Mysterien der Trinität und der Inkarnation wie auch die übrigen „Dogmata“ der Kirche, wie sie durch die allgemeinen Konzilien, die constitutiones der Päpste und die bewährten Lehrer der Kirche niedergelegt sind. Da geht es um die Konzilien von Nicaea, Konstantinopel, Ephesus, Chalkedon und Konstantinopel II. Deren Lehre werde er usque ad annum (soll wohl heißen: unum) apicem unverkürzt bewahren. Ebenso wolle er es mit dem unter seinem Vorgänger gefeierten Konzil halten.

Nicht weniger verpflichtet sich der Electus, alle Dekrete seiner Vorgänger zu bestätigen und zu bewahren.

Es ist auffallend, wie nachdrücklich – besonders im letzten Absatz des Textes – das strikte Bewahren des Vorgefundenen, Überlieferten betont wird: Er verspricht, die heiligen Canones und Bestimmungen unserer Päpste als göttliche und himmlische Gebote zu bewahren.11 Dabei wird nicht einmal zwischen dem ein für allemal gültigen unantastbaren Glaubensgut und dem wandelbaren Zeitbedingten unterschieden. Der aus diesen Formulierungen sprechende Traditionalismus ist wohl Ausdruck der durch die dogmatischen Auseinandersetzungen – Dreikapitelstreit und Monotheletismus – verursachten Unsicherheit und Verwirrung, der es entgegenzuwirken galt.

Da der Text Papst Agatho als Vorgänger des Eidesleistenden nennt, könnte letzterer entweder der hl. Leo II. oder der hl. Benedikt II. gewesen sein.12

Damit aber nicht genug. Es folgt im Liber Diurnus das Formular für die päpstliche Professio fidei nach Empfang der Weihe zum Bischof in Form einer ausführlichen Encyclica: „Episcopus sanctae catholicae atque ecclesiae urbis et apostolicae Romae … universae plebi…“ (Bischof der heiligen katholischen Kirche und der Kirche der Stadt und des apostolischen Rom …).13

Der Papst teilt seine Wahl mit. Wenn er, so fährt der Text fort, auch des Amtes unwürdig sei, so ist in uns dennoch die heilbringende unversehrte Vollgestalt des evangelischen und apostolischen Glaubens.14 Ebenso werde er die spiritales regulas – die geistlichen Regeln – seiner Vorgänger bewahren und sich dabei auf ihre heilsamen Lehren stützen. Er wolle gewissenhaft um die Festigkeit der christlichen Religion und des katholischen Glaubens besorgt sein. Eben jenes Glaubens, den die Apostel überliefert und den deren Schüler und ihre Nachfolger, die Päpste, unverändert bewahrt und verteidigt haben, indem sie die Form dieser Apostolischen Überlieferung – „huius apostolice traditionis normam“ – unverbrüchlich bewahrt haben.

Und nun folgt die Reihe der Konzilien, die diesen Glauben formuliert haben. Bei deren Nennung werden jeweils die Namen der einberufenden Kaiser und der Päpste genannt, wie auch die Zahl der teilnehmenden Bischöfe. Insbesondere werden die dort formulierten Glaubenslehren im einzelnen genannt wie auch die Namen der diesen widersprechenden und darum verurteilten Irrlehrer. Damit folgt unser Text dem Vorbild früherer Konzilien, beginnend mit dem Chalcedonense (451), die in je verschiedener Form ebenso verfahren sind.15

Zudem enthält unsere Encyclica ausführliche Formulierungen der christologischen und trinitätstheologischen Aussagen namentlich des 2. und 3. Constantinopolitanums (553 und 680).16

Schließlich bedroht der Papst jeden mit dem Anathem, der es wagen sollte, etwas dieser evangelischen Überlieferung oder dem orthodoxen Glauben und der Unversehrtheit der christlichen Religion Entgegengesetztes zu behaupten.

Dieses Glaubensbekenntnis sei abgelegt worden, damit die vollkommene Aufrichtigkeit unseres Glaubens der Klarheit eures Glaubens umso deutlicher aufscheine – ut sinceritas perfectae nostrae (sc. Fidei vestrae) claritati manifestius clareat. Nun legt der Papst diese Urkunde mit seiner Unterschrift versehen am Grab des hl. Petrus nieder.17

Wie lange dieser Brauch geübt wurde, ist schwer festzustellen. Jedenfalls hat Kardinal Deusdedit den Text in seine Collectio canonum aufgenommen, die er in den Jahren 1083-1087, also zur Zeit Gregors VII., veröffentlicht hat.18

II.

Es dauerte indes lange, ehe man sich um die Wende zum 15. Jahrhundert dieses Brauches, dieses Textes wieder erinnerte. Die Kirche war seit dem 20. September 1378 durch das sogenannte Abendländische Schisma zuerst in zwei, dann, nach dem Fehlschlag eines Konzils zu Pisa im Jahre 1409, in drei Blöcke – Obedienzen – zerbrochen. Am Vorabend des Konzils von Konstanz, das die Einheit wiederherstellen sollte, griffen die Reformer auf eine „Professio fidei“ zurück, deren Wortlaut man – fälschlich – Bonifaz VIII. (1294-1303) zuschrieb.19 In Wirklichkeit handelte es sich um einen damals ad hoc formulierten Text, der auf Vorlagen aus dem Liber Diurnus beruhte. Das so zustande gekommene Formular eines päpstlichen Glaubensbekenntnisses legte man denn auch den Beratungen  des  Konstanzer  Reformatoriums  zu  Grunde20,  als  deren  Ergebnis das Konzil am 9. Oktober 1417 in seiner 39. Sitzung das Dekret „Quanto Romanus Pontifex“ verbschiedete:21

„Je herausragender die Gewalt des Papstes unter den Sterblichen ist, desto mehr ziemt es sich für ihn, daß er durch klare Bande des Glaubens und durch die Beachtung der Regeln bei der Feier der kirchlichen Sakramente gebunden ist. Damit also beim künftigen römischen Bischof schon in den ersten Anfängen seiner Kreation der volle Glaube in seiner einzigartigen Leuchtkraft erstrahle, bestimmen und verordnen wir, daß hinfort jeder zum römischen Bischof zu Wählende vor der öffentlichen Verkündigung seiner Wahl folgendes feierliche Bekenntnis ablegt: Im Namen der heiligen und ungeteilten Dreifaltigkeit, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Im Jahre eintausend usw. Nach der Geburt unseres Herrn bekenne ich, N. N., nach meiner Wahl zum Papst vor dem allmächtigen Gott, dessen Kirche ich  unter seinem Schutz zur Leitung übernehme, und vor dem seligen Erstapostel Petrus feierlich mit Herz und Mund: Solange ich in meiner Zerbrechlichkeit hier auf Erden lebe, werde ich den katholischen Glauben standhaft bekennen und festhalten gemäß den Überlieferungen der Apostel, der Generalkonzilien und der übrigen heiligen Väter, besonders aber der heiligen acht Universalkonzillien, nämlich erstens des Konzils von Nicaea, zweitens des Konzils von Konstantinopel, drittens des Konzils von Ephesus, viertens des Konzils von Chalkedon, fünftens und sechstens der Konzilien von Konstantinopel, siebtens des Konzils von Nicaea und achtens des Konzils von Konstantinopel, dann aber auch der Generalkonzilien im Lateran, von Lyon und Vienne.

Ich werde diesen Glauben bis zum kleinsten Häkchen unversehrt bewahren und ihn mit Leib und Leben bekräftigen, verteidigen und predigen. Ich werde auch die in der katholischen Kirche überlieferte Form der Feier der kirchlichen Sakramente in jeder Hinsicht befolgen und beachten.

Dieses mein feierliches Bekenntnis, auf mein Geheiß vom Notar und Skriniar der heiligen römischen Kirche geschrieben, habe ich eigenhändig unterzeichnet. Ich bringe es dir, dem allmächtigen Gott, mit reinem Sinn und demütigem Gewissen auf dem Altar N. N. aufrichtig dar. In Gegenwart folgender Personen ….. Geschehen am usw.“

Dieser Text ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Vergleicht man ihn mit der Vorlage im Liber diurnus und mit den Entwürfen des Konstanzer Reformausschusses22, fällt auf, daß von den Kompetenzansprüchen der Kardinäle und anderen die in Entwürfen enthaltenen, die Kirchenregierung betreffenden rechtlichen Themen im Konstanzer Dekret nichts mehr zu finden ist.

Besonders fällt nun ins Auge, daß im Unterschied zu den Formularen des Liber Diurnus in der Konstanzer Professio fidei keine Glaubensinhalte – wie etwa Trinität oder Inkarnation – Gegenstand des Bekenntnisses sind. Es werden hier vielmehr nur Autoritäten aufgelistet, die den apostolischen Glauben dargelegt und gegenüber den verschiedenen im Laufe der Zeit aufgetretenen Irrtümern abgegrenzt haben, und eben diesen Glauben verbürgen. Darum genügte es, sich in diesem eher theologisch-technischen Text auf Autoritäten zu berufen.

Diese sind die Apostolische Tradition, Allgemeine Konzilien und „andere heilige Väter“. Im Einzelnen geht es um die acht ökumenischen Konzilien des Altertums – unter die merkwürdigerweise das Konzil von 869/70 gezählt wird – denen das Lateranense IV., das II. Konzil von Lyon 1276 und das Konzil von Vienne 1311/12 gleichgeordnet werden. Daß bei dieser Aufzählung die ersten drei Lateranensia und das 1. Lugdunense (1245) fehlen, soll nicht bedeuten, daß man diese nicht als ökumenisch betrachtet hätte: Es war vielmehr die Tatsache, daß auf ihnen keine Glaubensfragen entschieden wurden, der Grund dafür, daß sie in einem Glaubensbekenntnis nicht zu nennen waren.23

Nun also hatte der Neugewählte zu bekennen und zu beschwören, daß er den von diesen Konzilien etc. verkündeten Glauben bis zum kleinsten Buchstaben bekräftigen, predigen und verteidigen werde bis aufs Blut. Dasselbe verspricht er bezüglich der Sakramente und deren in der katholischen Kirche überliefertem Ritus.

Nun ist zum näheren Verständnis dieses Dekrets zu beachten, daß es in einer Situation formuliert und verabschiedet wurde, die durch heftige Spannungen im Verhältnis von Primat, Kardinälen und Episkopat charakterisiert war. Diese finden Ausdruck in der Einleitung des Dekrets. Dort wird einerseits die unter Sterblichen einmalige Gewaltenfülle des Papstes hervorgehoben, zugleich aber betont, daß er eben deswegen durch die Bande des Glaubens gebunden und zur Beobachtung des Ritus der kirchlichen Sakramente verpflichtet sei. „Damit aber beim künftigen Römischen Bischof … der volle Glaube in seiner einzigartigen Leuchtkraft erstrahle“, habe er beim Amtsantritt das oben genannte Glaubensbekenntnis abzulegen. Der Papst steht also nicht über ihr, sondern in der Kirche, auch er ist Glaubender unter Gläubigen.

Das auf Konstanz folgende Konzil von Pavia-Siena (1423/24) hat das Thema der Professio fidei Papae nicht noch einmal aufgegriffen, wohl aber tat dies das Konzil von Basel und zwar in seiner 23. Sitzung vom 26. März 1436 – also vor dem Bruch mit Papst Eugen IV.

In dieser Sitzung, die dem Thema der „Reform des Hauptes“ gewidmet war, wurde zunächst der Konstanzer Text wiederholt, wobei der Reihe der verbindlichen Konzilien das gegenwärtig tagende Basiliense hinzugefügt wurde. Dann aber auch das Versprechen, den katholischen Glauben zu schützen, Häresien und Irrtum zu bekämpfen sowie für Sittlichkeit und Frieden im christlichen Volk Sorge zu tragen. Ebenso verspricht der Papst – offenbar in Befolgung des Konstanzer Dekrets Frequens –, die Reihe der Konzilien fortzusetzen.

Nun aber folgt eine Neuerung: Diese seine Professio fidei und die dazugehörigen Versprechen sollten dem Papst jeweils an seinem Wahl- bzw. Krönungstag in  der Messe vom Ersten der Kardinäle laut vorgelesen, ja vorgehalten werden. So sollte der Papst an das erinnert werden, was er einst bei seiner Wahl bekannt und gelobt hatte. Es ist eine lange, ausführliche, eindrucksvolle Ermahnung an den Papst, der nicht vergessen solle, daß er die Stelle dessen vertritt, der sein Leben für seine Schafe hingegeben hat.24

Obgleich nun dieses Dekret mit aller Autorität, die einem Konzilsdekret zukommt, ausgestattet war, hat es dennoch keine historische Wirkung gezeitigt. Es ist auch nicht in die kirchenrechtliche Überlieferung oder Gesetzgebung eingegangen. Grund dafür war wohl der Umstand, daß mit der endgültigen Bereinigung des Schismas und der Wiederherstellung der Einheit kein Anlaß mehr gegeben war, das Dekret zu urgieren.

III.

Blicken wir nun zurück, so zeigt es sich, daß alle die erwähnten Professiones fidei der Päpste – jene des Liber Diurnus, die der Konzilien von Konstanz, Basel und Trient wie schließlich jene Pauls VI. jeweils Reaktionen auf ernste, bedrohliche Krisen des Glaubens waren. Antworten der Päpste auf Gefährdungen des genuinen katholischen Glaubens in je gewandeltem historischem Kontext.

Für die im Liber Diurnus enthaltene Professio fidei des zu wählenden und dann des gewählten Papstes wurde der historische Kontext durch die seit dem Konzil von Nicaea (325) nicht mehr zur Ruhe gekommenen christologischen bzw. trinitätstheologischen Auseinandersetzungen und zuletzt den Streit um den Monotheletismus bestimmt. Diese hatten sich in heftigen Konflikten geäußert, und noch das 3. Konzil von Konstantinopel beschäftigt. In dieser Situation wurden die Päpste Leo II. (682) und Benedikt II. (684)25 gewählt – Jahre, in denen mit großer Wahrscheinlichkeit unser Text formuliert wurde. Unter eben diesen Umständen war ein eindeutiges, artikuliertes Glaubensbekenntnis des neugewählten Papstes für die Einheit der Kirche auf der Grundlage des wahren, klar formulierten Glaubens von existentieller Bedeutung.

Unter wesentlich anderen, doch für die Einheit der Kirche gleichermaßen bedeutenden Umständen – nämlich des Schismas – verabschiedete das inzwischen tatsächlich ökumenisch gewordene Konzil von Konstanz am 9. Oktober 1417 sein  Dekret  über  die  vom  neugewählten  Papst  zu  leistende  Professio  fidei Quanto Romanus Pontifex“ samt dem Text dieser Professio.26 Das Konzil befand sich am Vorabend der endlich möglichen Wahl eines neuen, allgemein anerkannten Papstes vor dem – hoffentlich gelingenden – letzten Schritt hin zur Wiedervereinigung der Kirche, mit der nach vier Jahrzehnten der Verwirrungen und Konflikte neue Einheit und Frieden erhofft wurde. Im Rückblick auf diese schlimme Zeit war die Notwendigkeit eines festen Bezugspunktes, in der Gestalt des neuen Papstes, und seines öffentlichen Glaubensbekenntnisses evident. Dieses Dekret – ebenso wie das Dekret „Frequens“ mit seinem Kapitel „Si vero“,  die in der gleichen Sitzung verkündet wurden, – waren Instrumente eines Krisenmanagements, das schließlich zum Erfolg führte.27

In derselben Perspektive ist die Professio fidei Tridentina Papst Pauls IV. zu sehen, die dieser mit der Bulle Iniunctum nobis vom 13. November 1565 der Kirche vorgelegt hat. Dies war der entscheidende Schritt, mit dem der Papst die Kirche aus einer Zeit konfessioneller Verwirrung zu neuer Klarheit des Glaubensbekenntnisses herausgeführt hat. Da, wo die  verantwortlichen  geistlichen wie  weltlichen  Amtsträger,  besonders Priester  und  Lehrer,  den Eid auf dieses Bekenntnis abgelegt hatten, begann der neue Aufschwung der Kirche, die Tridentinische Reform.28

In einer vergleichbaren Situation, nämlich in den Wirren um das rechte Verständnis des 2. Vatikanischen Konzils, da der selige Papst Paul VI. im Rückblick am 30. Juni 1972 sogar beklagen mußte, daß der Rauch Satans bis ins Innere der Kirche eingedrungen sei29, hat er in großer Sorge um die Wahrheit und Klarheit des Glaubens zum Abschluß des „Jahres des Glaubens“ am 30. Juni 1968 sein

„Credo des Gottesvolkes“ verkündet.30 Als erster hat er damit vor Zehntausenden von Gläubigen sein persönliches Glaubensbekenntnis abgelegt und dieses dann der gesamten Kirche vorgelegt. Es war dies auf dem Höhepunkt der 1968er-Kulturrevolution, die auch in der Kirche tiefgreifende Auswirkungen hatte. Diese gingen so weit, daß es auf dem Deutschen Katholikentag desselben Jahres zu Essen31 zu wütenden Demonstrationen gegen die Enzyklika Pauls VI. Humanae vitae kam (25.7.1968) – ein lehramtliches Dokument, dessen prophetischer Charakter, dessen providentielle Bedeutung seither mehr und mehr erkannt werden.

Wieder einmal in der Geschichte hatte sich die Unerschütterlichkeit des Felsens Petri, hatte sich die Cathedra Petri als Leuchtturm über der Brandung der Zeitirrtümer erwiesen.

IV.

Wer immer diesen historischen Befund im Lichte unserer Gegenwart bedenkt, mag sich fragen, welche Folgerungen sich daraus für die Kirche unserer Tage ergeben könnten.

 

Anmerkungen

  1. Zum Verhältnis Papst–Kirche vgl. umfassend G. Müller, Der Papst – Sendung und Auftrag, Freiburg i. Br. 2017.
  2. G. Buschbell, Die Professiones fidei der Päpste, in: Römische Quartalschrift 10 (1896) 251-297; 421-450. Eine Reihe von Beispielen findet sich bei Ph. JAFFÉ, Regesta Romanorum Pontificum, 2. Aufl. hrsg. v. S. Löwenfeld, F. Kaltenbrunner, P. E. Wahl, I Leipzig 1885.
  3. Die Synodica (sc. Epistula), mit der Gregor seine Wahl anzeigt (Februar 591): CCSL 140, 22-32, hier 32.
  4. Ibidem.
  5. Buschbell 264.
  6. Zu diesem Begriff vgl. P. Conte, Il „Consortium fidei Apostolicae“ tra Vescovo di Roma e vescovi nel secolo VII, in: Il primato del Vescovo di Roma nel primo millennio, ed. M. Maccarrone (= Pontificio Comitato di Scienze Storiche) 1991, 363-431.
  7. Vgl. Th. FRENZ, Papsturkunden des Mittelalters und der Neuzeit, Stuttgart 22000, 50f.: I documenti pontifici nel medioevo e nell’età moderna, Città del Vaticano 1989; Repertorium fontium historiae medii aevi, VII Romae 1997, 260f.
  8. H. Foerster, Liber Diurnus Romanorum Pontificum, Bern 1958, 221-231.
  9. Conte 416f. Zu Benedikt II. vgl. O. Bertolini, in: Enciclopedia dei Papi, I Roma 2000, 621-624; G. Kreuzer, Die Honoriusfrage im Mittelalter und in der Neuzeit (= Päpste und Papsttum 8) Stuttgart 1975f.
  10. Foerster 421-424. Der Text endet: „…Ego qui supra xx indignus presbiter et dei gratia electus huius apostolicae sedis rome ecclesiae hanc professionem meam … faciens et ius iurandum corporaliter offerens tibi beatae petre apostolorum princeps pura mente et conscientia obtulit.“ Man beachte das fehlerhafte Latein dieser Texte! Der Begriff „Indiculum“ ist wohl eine späte Nebenform von Indiculus, was indes „Verzeichnis“ bedeutet.
  11. „Sacrosque canones et constituta pontificum nostrorum ut divina et caelestia mandata.“
  12. Conte 416.
  13. Foerster 224-231.
  14. „Evangelicae tamen atque apostolicae fidei salutaris integritas inlibata… in nobis est“
  15. Vgl. Conciliorum oecumenicorum generaliumque Decreta… = COGD I 133-138.
  16. COGD I 175-188; 195-202.
  17. Foerster, 221.
  18. Repertorium fontium historiae medii aevi IV (1976) 182.
  19. Vgl. Ph. H. Stump, The Reforms of the Council of Constance (1414-1418), Leiden – New York – Köln 1994, 115f. Der Bonifaz-Text ebd. 321-323.
  20. Zum Gang der Verhandlungen Stump 125-127.
  21. Stump 388; COGD II/1 (2013) 614f. Der deutsche Text: Dekrete der oekumenischen Konzilien II, Hrsg. V. J. Wohlmuth etc., Paderborn 2000, 442.
  22. Vgl. Stump, 321-323.
  23. Zu diesem Problem W. Brandmüller, Zum Problem der Ökumenizität von Konzilien, in: Annuarium Historiae Conciliorum 41(2009) 275-312, hier 309.
  24. COGD II/2 965-968.
  25. Susi, in: EP I 617-620; Bertolini, in: EP I 621-624.
  26. COGD II/1 614f.
  27. Zum Kontext: W. Brandmüller, Das Konzil von Konstanz 1414-1418, II Paderborn etc.; Text der Dekrete: COGD II/1 608f. – 610 – 614; vgl. Brandmüller, Konstanz II 335- 355.
  28. Text: Denzinger – P. Hünermann, Enchiridion symbolorum etc., Friburgi i. Br. 37 1991, 587-589.
  29. Homilie Pauls VI. vom 29.6.1972.
  30. Acta Apostolicae Sedis 60 (1968) 433-445; N. Suffi (a cura), Tutti i principali documenti, Latino-Italiano, Vaticano 2002, 912ff.
  31. Vgl. D. A. Seeber – G. Adler, Katholikentag im Widerspruch. Ein Bericht über den 82. Katholikentag in Essen, Freiburg 1968.

 

Walter Kardinal Brandmüller lehrte Neuere und Mittelalterliche Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg und war von 1998 bis 2009 Präsident des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaft in Rom.

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Quelle: PDF-Datei „Der Papst: Glaubender – Lehrer der Gläubigen“

 

„Die Migranten und Flüchtlinge aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren“

Flüchtlingslager, Dadaab, Kenia / Wikimedia Commons – Oxfam East Africa, CC BY 2.0

Papst-Botschaft
zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge 2018
Volltext

Wir veröffentlichen im Folgenden die Botschaft von Papst Franziskus anlässlich des kommenden Welttags der Migranten und Flüchtlinge, der am 14. Januar 2018 zum Thema „Die Migranten und Flüchtlinge aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren“ abgehalten wird. Der Text wurde am heutigen Montag, dem 21. August 2017, vom Heiligen Stuhl veröffentlicht.

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„Die Migranten und Flüchtlinge aufnehmen, beschützen, fördern und integrieren“

Liebe Brüder und Schwestern!

»Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott« (Lev 19,34).

Während der ersten Jahre meines Pontifikats habe ich wiederholt meiner besonderen Sorge um die traurige Situation so vieler Migranten und Flüchtlinge Ausdruck verliehen, die von Kriegen, Verfolgungen, Naturkatastrophen und der Armut fliehen. Es handelt sich ohne Zweifel um ein „Zeichen der Zeit“, das ich zu entziffern versucht habe, wofür ich seit meinem Besuch in Lampedusa am 8. Juli 2013 das Licht des Heiligen Geistes erfleht habe. Bei der Errichtung des neuen Dikasteriums für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen wollte ich, dass eine besondere Abteilung, die zeitweise meiner unmittelbaren Leitung unterstellt sein sollte, die Fürsorge der Kirche für die Migranten, die Evakuierten, die Flüchtlinge und die Opfer des Menschenhandels zum Ausdruck bringe.

Jeder Fremde, der an unsere Tür klopft, gibt uns eine Gelegenheit zur Begegnung mit Jesus Christus, der sich mit dem aufgenommenen oder abgelehnten Gast jeder Zeitepoche identifiziert (vgl. Mt 25,35.43). Der Herr vertraut der mütterlichen Liebe der Kirche jeden Menschen an, der gezwungen ist, die eigene Heimat auf der Suche nach einer besseren Zukunft zu verlassen[1]. Diese Fürsorge muss konkreten Ausdruck in jedem Abschnitt der Erfahrung der Flüchtlinge finden: von der Abfahrt bis zur Reise, von der Ankunft bis zur Rückkehr. Es ist eine große Verantwortung, die die Kirche mit allen Glaubenden und Menschen guten Willens teilen möchte, die gerufen sind, auf die zahlreichen durch die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen hervorgerufenen Herausforderungen mit Großzügigkeit, Engagement, Klugheit und Weitblick zu antworten, jeder freilich gemäß den eigenen Möglichkeiten.

Diesbezüglich möchte ich erneut bekräftigen, dass man unsere gemeinsame Antwort in vier Verben gemäß den Grundsätzen der Lehre der Kirche aufgliedern könnte: aufnehmen, schützen, fördern und integrieren[2].

Wenn wir das gegenwärtige Szenario betrachten, so bedeutet aufnehmen vor allem, den Migranten und Flüchtlingen breitere Möglichkeiten für eine sichere und legale Einreise in die Zielländer anzubieten. In diesem Sinn ist ein konkretes Bemühen wünschenswert, damit die Gewährung von Visa zu humanitären Zwecken und zur Wiedervereinigung von Familien vermehrt und vereinfacht wird. Zugleich erhoffe ich mir, dass eine größere Anzahl von Ländern Programme privater und gemeinschaftlicher Patenschaften einrichten und humanitäre Korridore für die am meisten gefährdeten Flüchtlinge eröffnen. Es wäre darüber hinaus angebracht, zeitlich befristete Sondervisa für Personen vorzusehen, die von den Konflikten in den angrenzenden Ländern fliehen. Die kollektiven und willkürlichen Ausweisungen von Migranten und Flüchtlingen sind keine geeignete Lösung, vor allem, wenn diese in Länder geschehen, die die Achtung der Würde und der Grundrechte nicht gewährleisten können[3]. Ich möchte nochmals unterstreichen, wie wichtig es ist, den Migranten und Flüchtlingen eine erste angemessene und anständige Unterbringung anzubieten. „Projekte mit einer Verteilung der aufzunehmenden Migranten, die an verschiedenen Orten bereits begonnen wurden, scheinen dagegen die persönliche Begegnung zu erleichtern, eine bessere Qualität der Dienstleistungen zu ermöglichen und größere Erfolgschancen zu gewährleisten“[4]. Der Grundsatz der zentralen Stellung der menschlichen Person, der von meinem geschätzten Vorgänger Benedikt XVI. mit Festigkeit bekräftigt wurde[5], verpflichtet uns dazu, die Sicherheit der Personen stets der Sicherheit des Landes voranzustellen. Folglich ist es notwendig, das für die Grenzkontrollen verantwortliche Personal entsprechend auszubilden. Die Lage der Migranten, der Asylbewerber und der Flüchtlinge erfordert, dass ihnen die persönliche Sicherheit und der Zugang zu den Grunddienstleistungen gewährleistet werden. Im Rückgriff auf die grundlegende Würde jeder Person sind Bemühungen notwendig, um alternative Lösungen zur Verwahrung für diejenigen vorzuziehen, die das Landesgebiet ohne Genehmigung betreten[6].

Das zweite Verb, beschützen, artikuliert sich in einer ganzen Reihe von Maßnahmen zur Verteidigung der Rechte und der Würde der Migranten und der Flüchtlinge unabhängig von ihrem Migrantenstatus[7]. Dieser Schutz beginnt in der Heimat und besteht im Angebot von sicheren und bescheinigten Informationen vor der Abreise und in der Bewahrung vor Praktiken illegaler Anwerbung[8]. Dies müsste, sofern möglich, am Ort der Einwanderung fortgeführt werden, indem man den Migranten eine angemessene konsularische Betreuung sichert, das Recht, die Ausweispapiere immer mit sich zu führen, einen gebührenden Zugang zur Justiz, die Möglichkeit zur Eröffnung von persönlichen Bankkonten und die Gewährleistung einer Mindestlebensversorgung. Wenn die Fähigkeiten der Migranten, Asylbewerber und Flüchtlinge entsprechend erkannt und genutzt werden, so stellen sie eine echte Ressource für die Gemeinschaften, die sie aufnehmen, dar[9]. Deshalb erhoffe ich mir, dass ihnen, in Achtung ihrer Würde, Bewegungsfreiheit im Aufnahmeland, Möglichkeit zur Arbeit und der Zugang zu den Mitteln der Telekommunikation gewährt wird. Für diejenigen, die entscheiden, in die Heimat zurückzukehren, halte ich es für angemessen, Reintegrationsprojekte in die Arbeitswelt und die Gesellschaft zu entwickeln. Das internationale Abkommen zu den Kinderrechten bietet eine rechtliche allgemeine Grundlage für den Schutz der minderjährigen Migranten. Es muss ihnen jede Form der Verwahrung aufgrund ihres Migrantenstatus erspart werden, während der reguläre Zugang zur Primar- und Sekundarbildung gesichert werden muss. Desgleichen ist die Gewährleistung eines geregelten Aufenthaltes mit Erreichen der Volljährigkeit und der Möglichkeit zu einer weiteren Ausbildung notwendig. Für die Minderjährigen, die ohne Begleitung oder von ihrer Familie getrennt sind, ist es wichtig, Programme zur zeitlichen Obhut oder der Betreuung durch eine Pflegefamilie zu entwerfen[10]. In Achtung des allgemeinen Rechtes auf eine Nationalität muss diese allen Kindern zum Augenblick ihrer Geburt zuerkannt und entsprechend bescheinigt werden. Die Staatenlosigkeit, in der sich Migranten und Flüchtlinge zuweilen wiederfinden, kann leicht durch eine Gesetzgebung „in Konformität mit den grundlegenden Prinzipien des internationalen Rechts“[11]  vermieden werden. Der Migrantenstatus sollte den Zugang zur nationalen Gesundheitsversorgung und den Rentensystemen wie auch die Rücküberweisung ihrer Beiträge im Falle einer Rückkehr in die Heimat nicht begrenzen.

Fördern heißt im Wesentlichen sich dafür einzusetzen, dass alle Migranten und Flüchtlinge wie auch die sie aufnehmenden Gemeinschaften in die Lage versetzt werden, sich als Personen in allen Dimensionen, die das Menschsein ausmacht, wie es der Schöpfer gewollt hat[12], zu verwirklichen. Unter diesen Dimensionen muss der religiösen Dimension der richtige Stellenwert zuerkannt werden, wobei allen sich im Staatsgebiet aufhaltenden Ausländern, die Bekenntnis- und Religionsfreiheit gewährleistet wird. Viele Migranten und Flüchtlinge weisen Qualifikationen auf, die angemessen bescheinigt und geschätzt werden sollen. Da „die menschliche Arbeit von Natur aus dazu bestimmt ist, die Völker zu verbinden“[13], ermutige ich dazu, darauf hinzuarbeiten, dass die Eingliederung der Migranten und Flüchtlinge in die Gesellschaft und die Arbeitswelt vorangetrieben werden, indem allen – einschließlich der Asylbewerber – die Möglichkeit zur Arbeit, zu Sprachkursen, zu aktiver Bürgerschaft und einer angebrachten Information in ihren Herkunftssprachen gewährleistet wird. Im Fall von minderjährigen Migranten muss ihre Einbeziehung in die Arbeit so geregelt werden, dass Missbräuchen und Bedrohungen für ihr normales Wachstum vorgebeugt wird. Im Jahr 2006 hat Benedikt XVI. hervorgehoben, wie im im Bereich der Migration die Familie ein „Ort und eine Ressource der Kultur des Lebens und Intergrations- und Wertefaktor ist.“[14] Ihre Integrität soll stets durch die Begünstigung der Wiedervereinigung der Familien – einschließlich der Großeltern, Geschwister und Enkel – gefördert werden, und sie soll niemals wirtschaftlichen Erfordernissen unterworfen werden. Migranten, Asylbewerbern und Flüchtlingen mit Behinderungen sollen größere Aufmerksamkeit und Unterstützung zugesichert werden. Auch wenn die bisher von vielen Ländern angestellten Bemühungen hinsichtlich einer internationalen Zusammenarbeit und humanitären Assistenz als durchaus lobenswert erscheinen, erhoffe ich mir, dass in der Verteilung jener Hilfen die Bedürfnisse (z.B. medizinische und soziale Versorgung und Bildung) der Entwicklungsländer berücksichtigt werden, die riesige Flüchtlings- und Migrantenströme aufnehmen, und dass gleichermaßen die örtlichen Gemeinschaften, die sich in Situationen materiellen Mangels und Verwundbarkeit befinden[15], diese Hilfsleistungen empfangen.

Das letzte Verb, integrieren, liegt auf der Ebene der Möglichkeit interkultureller Bereicherung, die sich durch die Anwesenheit von Migranten und Flüchtlingen ergibt. Die Integration ist nicht eine Angleichung, „die dazu beiträgt, die eigene kulturelle Identität zu unterdrücken oder zu vergessen. Der Kontakt mit dem andern führt vielmehr dazu, sein »Geheimnis« zu entdecken, sich ihm zu öffnen, um seine wertvollen Seiten anzunehmen und so eine bessere gegenseitige Kenntnis zu erlangen. Das ist ein langer Prozess, der darauf abzielt, die Gesellschaft und die Kulturen zu formen, sodass sie immer mehr der Widerschein der vielfältigen Gaben werden, die Gott den Menschen geschenkt hat.“[16] Ein solcher Prozess kann durch die Möglichkeit einer Staatsbürgerschaft, die von wirtschaftlichen und sprachlichen Erfordernissen losgelöst ist, und durch Wege zu einer außerordentlichen gesetzlichen Regelung für Migranten, die einen Aufenthalt über einen langen Zeitraum im Land aufweisen können, beschleunigt werden. Ich beharre nochmals auf der Notwendigkeit, die Kultur der Begegnung in jeder Weise zu begünstigen, indem man die Möglichkeiten zum interkulturellen Austausch vermehrt, die „guten Erfahrungen“der Integration dokumentiert und verbreitet und man Programme entwirft, um die lokalen Gemeinschaften auf die Integrationsprozesse vorzubereiten. Mir liegt daran, den besonderen Fall der Ausländer hervorzuheben, die aufgrund von humanitären Krisen gezwungen sind, das Einwanderungsland zu verlassen. Es ist erforderlich, dass diesen Personen eine angemessene Unterstützung für die Heimkehr und Programme zur Wiedereingliederung in die Arbeitswelt im Heimatland zugesichert werden.

In Übereinstimmung mit ihrer pastoralen Tradition ist die Kirche bereit, sich selbst für die Umsetzung all der oben vorgeschlagenen Initiativen einzusetzen, aber um die erhofften Ergebnisse zu erreichen, ist der Beitrag der politischen Gemeinschaft und der zivilen Gesellschaft unverzichtbar, jeder entsprechend der eigenen Verantwortung.

Während des Gipfels der Vereinten Nationen, der am 19. September 2016 in New York abgehalten wurde, haben die Verantwortungsträger der Welt klar ihren Willen zum Ausdruck gebracht, sich zugunsten der Migranten und der Flüchtlinge zu engagieren, um ihr Leben zu retten und ihre Rechte zu schützen, wobei diese Verantwortung auf weltweiter Ebene geteilt werden soll. Zu diesem Zweck haben sich die Staaten dazu verpflichtet, bis Ende 2018 zwei Global Compacts zu verfassen und zu billigen, einer, der sich den Flüchtlingen widmet, und der andere den Migranten.

Liebe Brüder und Schwestern, im Licht dieser angestoßenen Prozesse stellen die nächsten Monate eine günstige Gelegenheit dar, um die konkreten Aktionen, die ich in den vier Verben deklinieren wollte, vorzustellen und zu unterstützen. Ich lade euch somit ein, alle Möglichkeiten zu nutzen, um diese Botschaft mit allen politischen und gesellschaftliche Akteuren, die am Prozess beteiligt sind, der zur Billigung der zwei weltweiten Vereinbarungen führen wird, und allen, die an der Teilhabe daran interessiert sind, zu teilen.

Heute, am 15. August, feiern wir das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Die Gottesmutter erfuhr die Härte des Exils am eigenen Leib (vgl. Mt 2,13-15), sie begleitete liebevoll den Weg ihres Sohnes bis hin zum Kalvarienberg und ist auf ewig dessen Herrlichkeit teilhaftig. Ihrer mütterlichen Fürsprache vertrauen wir die Hoffnungen aller Migranten und Flüchtlinge der Welt und die Bemühungen der sie aufnehmenden Gemeinschaften an, auf dass wir alle lernen, in Übereinstimmung mit dem göttlichen Gebot den anderen, den Fremden zu lieben wie uns selbst.

Vatikanstadt, am 15. August 2017

Hochfest der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel

FRANZISKUS

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FUSSNOTEN

[1] Cfr. Pius XII., Apostolische Konstitution Exsul Familia (1. August 1952). Titulus Primus, I.

[2] Vgl. Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen Forums „Migration und Frieden“, 21. Februar 2017.

[3] Vgl. Beitrag des ständigen Beobachter des Heiligen Stuhls bei der 103. Sitzung des Rats der IOM, 26. November 2013.

[4] Ansprache an die Teilnehmer des Internationalen Forums „Migration und Frieden.

[5] Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 47.

[6] Vgl. Stellungnahme des Ständigen Beobachters des Heiligen Stuhls bei der 20. Sitzung des Menschenrechtsrates, 22. Juli 2012.

[7] Vgl. Benedikt XVI., Enzyklika Caritas in veritate, 62.

[8] Vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für die Migranten und die Menschen unterwegs, Instruktion Erga migrantes caritas Christi, 6.

[9] Vgl. Benedikt XVI., Ansprache an die Teilnehmer des VI. Weltkongresses für die der Migranten-  und Flüchtlingsseelsorge, 9. November 2009.

[10] Vgl. Benedikt XVI., Botschaft zum Welttag des Migranten und Flüchtlings (2010) und Stellungnahme des Ständigen Beobachters des Heiligen Stuhls bei der 26. ordentlichen Sitzung des Menschenrechtsrates über die Menschenrechte der Migranten, 13. Juni 2014.

[11] Päpstlicher Rat der Seelsorge für Migranten Menschen unterwegs und Päpstlicher Rat Cor UnumIn Flüchtlingen und gewaltsam Vertriebenen Christus erkennen, 2013, 70.

[12] Vgl. Paul VI., Enzyklika Populorum Progressio14.

[13] Johannes Paul II., Enzyklika Centesimus annus, 27.

[14] Benedikt XVI., Botschaft zum Welttag des Migranten und Flüchtlings (2007).

[15] Vgl. Päpstlicher Rat der Seelsorge für Migranten Menschen unterwegs und Päpstlicher Rat Cor UnumIn Flüchtlingen und gewaltsam Vertriebenen Christus erkennen, 2013, 30-31.

[16] Johannes Paul II., Botschaft zum Welttag des Migranten und Flüchtlings (2005), 24. November 2004.

© Copyright – Libreria Editrice Vaticana

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Quelle

In Maria das Geheimnis der Hoffnung entdecken

Botschaft von Papst Franziskus an die Teilnehmer des
Jugendtreffens im Nationalheiligtum von Aparecida

Liebe Jugendliche!

Sehr herzlich grüße ich euch, die Jugendlichen aus Brasilien, die ihr in Aparecida versammelt seid, um das Projekt »Rota 300« abzuschließen, in diesem Marianischen Jahr zum Gedenken an den 300. Jahrestag der Auffindung des Bildes Unserer Lieben Frau im Wasser des Rio Paraíba do Sul.

Aus diesem Anlass möchte ich einen Aspekt der Botschaft herausheben, die ich euch in diesem Jahr zum 32. Weltjugendtag geschrieben habe: Die Jungfrau Maria ist ein kostbares Vorbild für die Jugend und eine Hilfe auf dem Weg des Lebens. Damit ihr diese Wahrheit begreifen könnt, sind keine großen Reflexionen notwendig. Es reicht, auf der Pilgerfahrt zu ihrem Nationalheiligtum, die ihr unternehmen werdet, das Bild der Mutter von Aparecida zu betrachten. Ich selbst habe diese Erfahrung gemacht, als ich 2007 aus Anlass der Konferenz der Bischöfe Lateinamerikas und dann 2013 im Rahmen des Weltjugendtages von Rio de Janeiro dort war. Ich konnte dort im zärtlichen, mütterlichen Blick der »Virgen Morena« und in den Augen der einfachen Menschen, die sie betrachteten, das Geheimnis der Hoffnung entdecken, die das brasilianische Volk veranlasst, die Herausforderungen eines jeden Tages mit Glauben und Mut anzunehmen. Ich konnte auch die revolutionäre Kraft einer liebevollen Mutter sehen, die das Herz ihrer Kinder dazu bewegt, mit großem missionarischem Elan aus sich selbst herauszugehen, wie auch ihr es in dieser missionarischen Woche getan habt, die soeben in der Valle di Paraíba zu Ende gegangen ist. Ich beglückwünsche euch zu diesem Zeugnis!

Liebe Freunde, in der Ungewiss­heit und Unsicherheit des Alltags, in der von ungerechten Situationen in eurem Umfeld verursachten Prekarität, sollt ihr eine Gewissheit haben: Maria ist ein Zeichen der Hoffnung. Sie wird euch Mut schenken, verbunden mit einem großen missionarischen Impuls. Sie kennt die Herausforderungen, in denen ihr lebt. Mit ihrer Aufmerksamkeit und ihrem mütterlichen Geleit wird sie euch spüren lassen, dass ihr nicht allein seid. In dieser Hinsicht ist es lohnend, sich an die Geschichte jener armen Fischer zu erinnern, die nach einem ergebnislosen Fischfang im Fluss Paraíba do Sul nochmals ihre Netze ausgeworfen haben und überrascht wurden von der zerbrochenen, schlammbedeckten Statue Unserer Lieben Frau. Zuerst fanden sie den Körper, dann den Kopf. Wie ich dazu den brasilianischen Bischöfen 2013 gesagt habe, enthält diese Tatsache ein bedeutungsvolles Symbol: was geteilt war, wird wieder eine Einheit, wie das Herz jener Fischer, wie das von der Sklaverei geteilte Brasilien der Kolonialzeit, das seine Einheit im Glauben findet, der von jenem schwarzen Bild Unserer Lieben Frau angeregt wurde (vgl. Ansprache an die Bischöfe von Brasilien, 27. Juli 2013). Daher möchte ich auch euch einladen, eure Herzen von der Begegnung mit Unserer Mutter von Aparecida verwandeln zu lassen. Möge sie eure »Netze« des Lebens – Netze der Freundschaft, soziale Netze, materielle und virtuelle Netze, Wirklichkeiten, die so oft geteilt sind – verwandeln in etwas Bedeutsameres: Mögen sie sich in eine Gemeinschaft verwandeln können! In missionarische Gemeinschaften, »die hinausgehen«! Gemeinschaften, die Licht und Sauerteig einer gerechteren und brüderlicheren Gesellschaft sind.

So in eure Gemeinschaften eingefügt, sollt ihr keine Angst haben, etwas zu riskieren und euch für den Aufbau einer neuen Gesellschaft zu engagieren, indem ihr das soziale, politische, ökonomische und universitäre Umfeld mit der Kraft des Evangeliums durchdringt! Habt keine Angst, gegen Korruption zu kämpfen und lasst euch von ihr nicht verführen! Im Vertrauen auf den Herrn, dessen Gegenwart Quelle des Lebens in Fülle ist, und unter dem Schutzmantel Mariens könnt ihr die Kreativität und Kraft finden, um Protagonisten einer Kultur der Bündnisse zu sein, und so neue Paradigmata schaffen, die dem Leben Brasiliens Orientierung geben können (vgl. Botschaft an die Versammlung des CELAM, 8. Mai 2017).

Pope Francis kisses the statue of the Virgin of Aparecida, Brazil’s patron saint, during Mass in Aparecida Basilica, in Aparecida, Brazil, Wednesday, July 24, 2013. Reverence for the figure of the Virgin Mary runs particularly deep in Latin America. The Vatican says that Pope Francis personally insisted that a trip to the Aparecida Basilica be added to his Brazilian visit agenda. (AP Photo/Felipe Dana)

Möge der Herr auf die Fürsprache der Jungfrau von Aparecida in einem jeden von euch die Hoffnung und den missionarischen Geist erneuern. Ihr seid die Hoffnung Brasiliens und der Welt. Und das Neue, deren Träger ihr seid, beginnt sich bereits heute aufzubauen. Möge Unsere Liebe Frau, die in ihrer Jugend den Ruf Gottes mutig anzunehmen und auf die Bedürftigen zuzugehen wusste, vor euch sein und euch auf allen euren Wegen leiten! Und dafür sende ich einem jeden von euch einen Apostolischen Segen, in den ich auch eure Familienangehörigen und Freunde einschließe. Und ich bitte euch, auch für mich zu beten.

Aus dem Vatikan, 3. Juli 2017 (Orig. portugies.; ital. in O.R. 2.8.2017)

Die Sendung der Gesellschaft Jesu

Die Kirche Il Gesù ist die Mutterkirche des Jesuitenordens. Das IHS-Monogramm ist über dem Hauptaltar angebracht.

Interview mit dem General der Jesuiten

Für P. Arturo Sosa SJ, seit neun Monaten der erste nicht-europäische General der Jesuiten, ist es das erste Fest des heiligen Ignatius an der Spitze der Gesellschaft Jesu. Er feiert es in der römischen Kirche »Il Gesù«, wo sich die sterblichen Überreste des am 31. Juli 1556 verstorbenen Gründers befinden. Diesen Tag nimmt der »Osservatore Romano« zum Anlass für ein Interview über die erste Zeit des Generalats von P. Sosa.

Es ist kurz nach zwölf an einem heißen Hochsommertag, dem 28. Juli. Die Begegnung findet nur einen Steinwurf vom Petersdom entfernt statt, im vierten Stock der Jesuitenkurie, im Zimmer, in dem der General arbeitet, wenn er in Rom ist. Wir sitzen an einem großen runden Tisch, der ebenso leer ist wie die hellen Wände und der offenbar für häufige Besprechungen genutzt wird. Durch diese Begegnungen und die Reisen leitet der Nachfolger des Heiligen aus Loyola die Gesellschaft Jesu: 85 Provinzen, die in sechs Provinzkonferenzen zusammengefasst sind. Im Laufe der neun Monate seit seiner Wahl am vergangenen 14. Oktober hat der Ordensgeneral bereits an vier dieser Treffen auf Provinzebene teilgenommen. Allerdings hat er in dieser Zeit bereits weit mehr Länder besucht: Indien, Peru, Spanien, Deutschland, Ruanda, Burundi, Demokratische Republik Kongo, Kenia, Indonesien, Kambodscha und – in Kürze – Belgien. Seine Tage sind reich an Begegnungen und Verpflichtungen, in seinem streng geregelten Rhythmus, der jeden Morgen mit mindestens zwei Stunden Gebet beginnt, bevor er um sieben Uhr die heilige Messe feiert. »Wenn man einen Ordensmann ermorden will, dann reicht es, dass Mittagessen und Ruhezeit verspätet sind«, fügt er mit leiser Ironie hinzu, während er den Gast nach einem fast einstündigen Gespräch in entspannter Atmosphäre zum Aufzug begleitet. Zu Beginn geht es um die dramatische Lage in seiner Heimat.

Wie sehen Sie die Situation in Venezuela?

Trotz allem ist mein Blick optimistisch, auch wenn ich nicht weiß, wie die Zukunft aussehen wird. Aber wegen der derzeitigen Ereignisse gibt es ganz klar eine große Besorgnis, wie sie die Bischöfe und die Jesuiten meiner Heimat mehrfach zum Ausdruck gebracht haben, und auch die Bischöfe, der Papst, der Kardinalstaatssekretär und auf verschiedene Weise der Heilige Stuhl. Allerdings möchte ich Folgendes unterstreichen: Das Referendum vom 16. Juli war die wichtigste bürgerliche Abstimmung in der gesamten venezolanischen Geschichte, denn siebeneinhalb Millionen Wähler haben daran teilgenommen, das heißt die Hälfte aller Stimmberechtigten. Der Weg der politischen Auseinandersetzung ist der einzige Weg, um die Gewalt zu beenden und wirklich Politik zu machen, um den großen Nöten und Bedürfnissen des Volkes entgegenzukommen.

Mehr als neun Monate sind seit Ihrer Wahl vergangen: Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

In tiefem Frieden, mit sehr viel Arbeit und mit der Notwendigkeit, recht schnell viel Neues zu lernen. Vor allem in einem geistlichen Frieden, weil ich ein Amt bekleide, das ich nicht gesucht habe und von dem ich niemals geträumt hätte, dass es mir zufallen würde: Ich habe es in der Generalkongregation von meinen Brüdern empfangen, aber ich verstehe und lebe es als etwas, das von Jesus, dem Herrn, kommt, den ich vor über einem halben Jahrhundert als Gefährten gewählt habe. Es gibt in der Tat sehr viel Arbeit, und es ist nicht leicht, von dieser meiner neuen Position aus einen so reichen, vielgestaltigen Leib kennenzulernen, wie es die Gesellschaft Jesu und meine Gefährten in dieser Sendung sind. Und das alles sehr schnell, da die Entscheidungen keinen Aufschub dulden.

Ein Autograph des heiligen Ignatius von Loyola.

Was würde Ignatius von Loyola heute tun?

Das ist die Frage, die ich mir jeden Tag stelle, gemeinsam mit allen Jesuiten, vor allem den dreizehn Generalräten, die ich regelmäßig jede Woche einzeln treffe, wenn wir nicht auf Reisen sind. Dienstags und donnerstags kommt dagegen der ganze Rat zusammen. Und dreimal jährlich, im Januar, Juni und September, haben wir ein erweitertes Treffen mit den Präsidenten der sechs Provinzialkonferenzen und den vier Sekretären, insgesamt 24 Personen.

Worauf zielt diese so komplexe, anspruchsvolle Art der Leitung ab, die mir aber sehr nützlich zu sein scheint für die Entscheidungen, die der General treffen muss?

Dahinter steht die Absicht zu verstehen, welche Entscheidungen zu treffen sind, denn für die Gesellschaft Jesu und damit für alle Jesuiten ist es grundlegend wichtig und notwendig, der eigenen Berufung und Sendung auf kreative Weise treu zu sein. Mit dem Blick auf den heiligen Ignatius müssen wir beständig den Weg der Rückkehr zu unseren ursprünglichen Quellen gehen. Das hat das Zweite Vatikanische Konzil gewollt, und diese Entscheidung war die Rettung für das Ordensleben, das der katholischen Sichtweise entsprechend vom Heiligen Geist inspiriert ist.

Gibt es Kriterien, um zu verstehen, wie man diese Treue umsetzen kann?

Blicken wir auf die Erfahrung der ersten zehn Jesuiten, als Ignatius und seine Gefährten in Venedig waren, um ins Heilige Land zu reisen. Der Plan erwies sich als undurchführbar und verwandelte sich in die Reise nach Rom, die entscheidend war für die Gesellschaft Jesu, wie in den Quellen berichtet wird und worauf im vergangenen Herbst unsere 36. Generalkongregation hingewiesen hat, die zusammengekommen war, um den General zu wählen. Das Vorbild von Venedig ist: die Einheit des Geistes und des Herzens, die Praxis eines einfachen Lebens, die affektive und effektive Nähe zu den Armen, die gemeinsame Unterscheidung und die Verfügbarkeit für die Bedürfnisse der ganzen Kirche, wie sie der Papst erkennt und zum Ausdruck bringt.

Die von Pierre Legros geschaffene Statue des Heiligen schmückt den ihm geweihten Altar im linken Querhausarm, unter dem sich in einer Urne seine sterblichen Überreste befinden.

 

Worin besteht die Sendung der Jesuiten?

Heute muss die Gesellschaft Jesu Tag für Tag den Weg finden, um die Versöhnung in die Tat umzusetzen, und das auf drei Ebenen: mit Gott, mit den Menschen, mit der Umwelt. Wir sind Mitarbeiter der Sendung Christi, das ist der Daseinszweck der Kirche, deren Teil wir sind. Und gerade die Gotteserfahrung ist es, die uns die innere Freiheit schenkt und uns dazu führt, den Blick auf diejenigen zu richten, die in dieser Welt gekreuzigt sind, um die Ursachen der Ungerechtigkeit besser zu verstehen und Alternativmodelle zu einem System zu erarbeiten, das heute Armut, Ungleichheit, Ausgrenzung hervorbringt und das Leben auf der Erde gefährdet. Wir müssen so eine ausgeglichene Beziehung zur Natur wiederherstellen.

Zu dieser Versöhnung beizutragen bedeutet auch, die Fähigkeiten des Dialogs zwischen den Kulturen und Religionen zu entwickeln. Ich bin gerade von einer Reise nach Asien zurückgekehrt: In Indonesien, dem bevölkerungsreichsten muslimischen Land der Welt, habe ich lange Gespräche mit einer Gruppe muslimischer Intellektueller geführt, und in Kambodscha habe ich buddhistische Mönche getroffen, um die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen den Religionen zu bekräftigen – als Faktoren, die gegenseitiges Verständnis sowie das friedliche Miteinander fördern, und als Wege spiritueller Suche.

Wie ist diese Versöhnung möglich?

Grundlegend ist die persönliche und gemeinschaftliche Bekehrung »zur Mission nach außen«, »ad dispersionem«, ein Begriff, der die Notwendigkeit des Apostolats zum Ausdruck bringt, sowie die institutionelle Bekehrung, um unsere Arbeits- und Leitungsstrukturen neu zu organisieren, damit sie der Sendung dienen. Einer Sendung, die all jenen zu eigen ist, die sich gerufen fühlen, Gefährten Jesu zu sein.

(Orig. ital. in O.R. 31.7./1.8.2017)

P. Arturo Sosa SJ während des Interviews.

Von Giovanni Maria Vian

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Quelle: Osservatore Romano 32/2017

Die Taufe ist das Tor zum Licht

Nach der einmonatigen Sommerpause setzte Papst Franziskus die Katechesereihe über das Thema der Hoffnung fort und behandelte das Sakrament der Taufe. Er wies in diesem Zusammenhang auf die Symbolkraft der nach Osten ausgerichteten Kirchen hin (die Basilika Tre Fontane in Rom).

Generalaudienz in der »Aula Paolo VI« am 2. August

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Es gab eine Zeit, in der die Kirchen geostet waren. Man trat in das Gotteshaus ein durch eine Tür, die sich nach Westen hin öffnete, und durch das Schiff ging man nach Osten. Das war ein wichtiges Symbol für den Menschen der Antike, ein Sinnbild, das im Laufe der Geschichte allmählich außer Gebrauch gekommen ist. Wir Menschen der modernen Zeit sind es viel weniger gewohnt, die großen Zeichen des Kosmos zu erkennen, fast nie bemerken wir ein solches Detail. Der Westen ist die Himmelsrichtung des Sonnenuntergangs, wo das Licht verlöscht. Der Osten hingegen ist der Ort, wo die Finsternis vom ersten Morgenlicht überwunden wird, und er verweist uns auf Christus, die aufstrahlende Sonne am Horizont der Welt (vgl. Lk 1,78).

Die antiken Taufriten sahen vor, dass die Katechumenen den ersten Teil ihres Glaubensbekenntnisses mit dem Blick nach Westen gewandt sprachen. Und in dieser Haltung wurden sie gefragt: »Widersagt ihr dem Satan, seinem Dienst und seinen Werken?« – Und die zukünftigen Christen wiederholten im Chor: »Ich widersage!« Dann wandte man sich der Apsis zu, in Richtung Osten, wo das Licht aufstrahlt, und die Taufkandidaten wurden erneut gefragt: »Glaubt ihr an Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist?« Und diesmal antworteten sie: »Ich glaube!«

Sprache des Kosmos

In der modernen Zeit ist die Faszination dieses Ritus teilweise verlorengegangen: Wir haben die Empfänglichkeit für die Sprache des Kosmos verloren. Natürlich ist uns das Glaubensbekenntnis in Form der Taufbefragung erhalten geblieben, und es gehört zur Feier einiger Sakramente. Es behält jedoch seine Bedeutung. Was bedeutet es, Christen zu sein? Es bedeutet, auf das Licht zu schauen, weiterhin den Glauben an das Licht zu bekennen, auch wenn die Welt von Nacht und Finsternis umhüllt ist.

Die Christen sind von der Finsternis – der äußeren und auch der inneren – nicht ausgenommen. Sie leben nicht außerhalb der Welt, aber durch die Gnade Christi, die sie in der Taufe empfangen haben, sind sie »geostete« Männer und Frauen: Sie glauben nicht an die Finsternis, sondern an das Tageslicht. Sie unterliegen nicht der Nacht, sondern hoffen auf das Morgenlicht. Sie sind nicht vom Tod besiegt, sondern streben nach der Auferstehung. Sie sind nicht vom Bösen bezwungen, weil sie immer an die unendlichen Möglichkeiten des Guten glauben. Und das ist unsere christliche Hoffnung. Das Licht Jesu, das Heil, das Jesus uns mit seinem Licht bringt, rettet uns vor der Finsternis.

Wegen der Hitze fand die Generalaudienz in der klimatisierten »Aula Paolo VI« statt.

Wir glauben, dass Gott Vater ist: Das ist das Licht! Wir sind keine Waisen, wir haben einen Vater, und unser Vater ist Gott. Wir glauben, dass Jesus zu uns gekommen ist, den Weg unseres Lebens gegangen ist, sich zum Gefährten vor allem der Armen und Schwachen gemacht hat: Das ist das Licht! Wir glauben, dass der Heilige Geist ohne Unterlass für das Wohl der Menschheit und der Welt wirkt und dass sogar die größten Schmerzen der Geschichte überwunden werden: Das ist die Hoffnung, die uns jeden Morgen wieder weckt! Wir glauben, dass jede Zuneigung, jede Freundschaft, jeder gute Wunsch, jede Liebe, selbst die kleinsten und nachlässigsten, eines Tages ihre Erfüllung in Gott finden werden: Das ist die Kraft, die uns drängt, unser tägliches Leben mit Begeisterung anzunehmen! Und das ist unsere Hoffnung: in der Hoffnung zu leben und im Licht zu leben, im Licht Gottes, des Vaters, im Licht Jesu, des Erlösers, im Licht des Heiligen Geistes, der uns drängt, im Leben voranzugehen.

Es gibt noch ein weiteres sehr schönes Zeichen der Taufliturgie, das uns die Bedeutung des Lichts in Erinnerung ruft. Am Ende des Ritus wird den Eltern, wenn es ein Kind ist – oder dem Täufling selbst, wenn er erwachsen ist –, eine Kerze übergeben, deren Flamme an der Osterkerze entzündet wird. Dies ist die große Kerze, die in der Osternacht in die vollkommen dunkle Kirche hineingetragen wird, um das Geheimnis der Auferstehung Jesu zum Ausdruck zu bringen. An jener Kerze entzünden alle die eigene Kerze und geben die Flamme an die Umstehenden weiter: In diesem Zeichen liegt die langsame Verbreitung der Botschaft von der Auferstehung Jesu im Leben aller Christen. Das Leben der Kirche – ich gebrauche jetzt ein etwas kräftiges Wort – ist die Kontamination durch das Licht. Je mehr Licht Jesu wir Christen haben, je mehr Licht Jesu es im Leben der Kirche gibt, desto lebendiger ist sie. Das Leben der Kirche ist Kontamination durch Licht.

Datum der Neugeburt

Die schönste Ermahnung, die wir aneinander richten können, ist die, uns immer an unsere Taufe zu erinnern. Ich möchte euch fragen: Wie viele von euch erinnern sich an das Datum der eigenen Taufe? Antwortet nicht, denn einige werden sich schämen! Denkt nach, und wenn ihr euch nicht daran erinnert, dann habt ihr heute eine Hausaufgabe: Geh zu deiner Mutter, zu deinem Vater, zu deiner Tante, zu deinem Onkel, zu deiner Großmutter, zum Großvater und frag sie: »Was ist das Datum meiner Taufe?« Und vergiss es nicht mehr! Ist das klar? Werdet ihr das tun? Die heutige Aufgabe besteht darin, das Taufdatum zu erfahren oder sich daran zu erinnern: Es ist das Datum der Neugeburt, es ist das Datum des Lichts, es ist das Datum, an dem wir – ich erlaube mir, dieses Wort zu benutzen –, an dem wir vom Licht Christi kontaminiert wurden. Wir sind zweimal geboren: das erste Mal zum natürlichen Leben, das zweite Mal im Taufbecken durch die Begegnung mit Christus. Dort sind wir für den Tod gestorben, um als Kinder Gottes in dieser Welt zu leben. Dort sind wir menschlicher geworden als wir es je gedacht hätten. Daher müssen wir alle den Duft des Chrisams verströmen, mit dem wir am Tag unserer Taufe gesalbt wurden. In uns lebt und wirkt der Geist Jesu, des Erstgeborenen vieler Brüder, all jener, die sich der Unvermeidlichkeit der Finsternis und des Todes widersetzen.

Welch eine Gnade, wenn ein Christ wirklich zum »Christo-Phorus«, also zum »Christusträger«, in der Welt wird! Vor allem für jene, die Situationen der Trauer, der Verzweiflung, der Fins­ternis und des Hasses erleben. Und das erkennt man an vielen kleinen Einzelheiten: an dem Licht, das ein Christ in den Augen bewahrt; an der grundlegenden Zuversicht und Gelassenheit, die nicht einmal an den schwierigsten Tagen beeinträchtigt wird; an dem Willen, wieder zu lieben zu beginnen, auch wenn man viele Enttäuschungen erfahren hat. Wenn man in Zukunft die Geschichte unserer Tage schreiben wird, was wird man dann über uns sagen? Dass wir fähig waren zur Hoffnung oder dass wir unser Licht unter den Scheffel gestellt haben? Wenn wir unserer Taufe treu sind, dann verbreiten wir das Licht der Hoffnung – die Taufe ist der Beginn der Hoffnung, jener göttlichen Hoffnung – und können den kommenden Generationen eine Lebensgrundlage, einen Sinn des Lebens vermitteln.

(Orig. ital. in O.R. 3.8.2017)

„Die Liebe bewegt den Glauben“

Angelus, 29. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Angelus am Sonntag, dem 20. August 2017

„Wir können sagen, es ist die Liebe, die den Glauben bewegt, und der Glaube seinerseits wird zum Preis der Liebe.“ Dies erklärte der Papst am Sonntag, dem 20. August 2017, im Laufe seiner Meditation über die Heilung der Tochter einer kanaanäischen Frau (Matthäus 15, 21-28).

Wie Franziskus bemerkte, scheine Jesus zunächst die verzweifelte Forderung der Frau — sie war „eine Fremde gegenüber den Juden“, „eine Heidin“ — ihre von einem Dämon gequälte Tochter zu heilen zu ignorieren.

Trotz der „scheinbaren Distanzierung“ Jesu, so betonte der Papst, habe die Frau den Mut nicht aufgeben wollen, und bewogen von der „herzzerreißenden Liebe“ für ihre Tochter habe sie hartnäckig Jesus um Hilfe gebeten.

Auch die „anfängliche Ablehnung“ des Herrn, fuhr Franziskus fort, habe die Frau nicht entmutigen können. Sie sei vor ihm niedergefallen und habe erneut nach seiner Hilfe gefragt.

„Angesichts solcher Beharrlichkeit“ seitens dieser „heidnischen Frau“ habe Jesus „mit Bewunderung, fast mit Erstaunen“ reagiert und nachgegeben: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen“.

Auf diese Weise, so erklärte Franziskus, sei diese „demütige Frau“ „Beispiel eines unerschütterlichen Glaubens“ und „für uns Ansporn, nicht den Mut zu verlieren, nicht zu verzweifeln, wenn die harten Prüfungen des Lebens auf uns lasten“.

Der Herr wende sich tatsächlich nicht von unseren Nöten ab und wenn er manchmal unempfindlich gegenüber Bitten um Hilfe scheine, sei es, weil er unseren Glauben auf die Probe stellen und stärken wolle, erinnerte Franziskus.

Deswegen sollten wir, genau wie diese Frau, nie aufhören „mit Beharrlichkeit und Mut“ die Hilfe des Herrn anzuflehen, so unterstrich der Papst.

„Diese Episode aus dem Evangelium hilft uns zu verstehen, dass wir alle im Glauben wachsen sollen und unser Vertrauen in Jesus stärken“, erklärte der Papst am Ende seiner Betrachtung, während er die Notwendigkeit unterstrich, „unseren Glauben täglich zu nähren mit dem aufmerksamen Hören auf das Wort Gottes, mit der Feier der Sakramente, mit dem persönlichen Gebet […] und mit konkreten Haltungen der Liebe zum Nächsten“.

Nach dem Angelusgebet hat der Papst erneut und eindringlich die jüngsten Terroranschläge in Burkina Faso, Spanien und Finnland verurteilt. „Beten wir für alle Toten, für die Verletzten und für ihre Familienangehörigen und bitten wir den Herrn, Gott der Barmherzigkeit und des Friedens, die Welt von dieser unmenschlichen Gewalt zu befreien“, so erklärte Franziskus.

Mit ähnlichen Worten äußerte er sich in seinem Tweet von Samstag, dem 19. August 2017. „Ich bete für alle Opfer der Attentate in den letzten Tagen. Die blinde Gewalt des Terrorismus darf auf der Welt keinen Platz mehr finden!“, so die Kurzbotschaft des Papstes auf seinem Account @Pontifex_de.

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Quelle

D/Belgien: Kritik an van Rompuy

Herman van Rompuy

„Ja zur palliativen Begleitung – Nein zur aktiven Suizidhilfe“. Diese Haltung hat der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, in der Auseinandersetzung über aktive Sterbehilfe in psychiatrischen Kliniken des belgischen Ordens ‚Broeders van Liefde’ bekräftigt. Er kritisiert den ehemaligen Ministerpräsidenten und ehemaligen EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy, der in einem Tweet indirekt den Papst und seine Entscheidung, dem Orden Euthanasie zu verbieten, kritisiert hatte: ‚Die Tage von Roma locuta et causa finita sind vorbei’, hatte der Politiker getwittert.

„Die aktive Sterbehilfe, wie sie in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg praktiziert wird, ist und bleibt mit der katholischen Lehre nicht vereinbar“, betonte Sternberg. „Als Christen achten wir das Recht auf Selbstbestimmung hoch. Durch ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe wird es gegen die Fremdbestimmung durch gesellschaftlichen Erwartungsdruck geschützt.“ Er bezeichnete als „unbegreiflich“, dass der Orden sich selbst auf das von Papst Franziskus gestellte Ultimatum hin die Sterbehilfe nicht verbieten lassen wolle.

(rv 17.08.2017 jm)