Papst: Das Evangelium in der Sprache von heute verkünden

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Papst traf Ordensleute

Das Evangelium muss den Menschen von heute „in einer Sprache und auf eine Weise verkündet werden, die sie verstehen können“. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag zu Ordensleuten. Die Menschen seien heute umgeben von „Prozessen rascher sozialer und kultureller Veränderung“. Das sei eine Herausforderung zur Kreativität für alle, die das Evangelium wirklich in unserer Zeit einheimisch machen wollten.

„Den Menschen nahe sein, die wie wir sind, den einfachen Menschen… Mir gefällt dieser Abschnitt aus dem Brief des Paulus an Timotheus, in dem er ihn an den Glauben erinnert, den er von seiner Mamma und seiner Oma empfangen hat. Die Einfachheit der Mamma, der Oma… Das ist das Fundament, nicht wahr? Wir sind keine Prinzen, Söhne von Prinzen oder Grafen oder Baronen, wir sind einfache Leute, Volk. Und darum gehen wir mit dieser Einfachheit zu den Einfachen und den Leidenden, den Kranken, den Kindern, den alleingelassenen Alten, den Armen, zu allen. Und diese Armut ist im Zentrum des Evangeliums, weil sie die Armut Jesu ist. Keine soziologische Armut – die Armut Jesu.“

Auch die Mittel der Evangelisierer seien „ganz kleine, einfache“, fuhr der Papst fort. Wir seien doch alle nur „klein“ und „unwürdig“: „Aber wir haben einen großen Horizont, das ist unser Glaube an die Macht des Herrn.“ Mit unserem Kleinsein verhalte es sich wie mit dem Samen aus dem biblischen Gleichnis, der immer größer werde und den der Herr wachsen lasse.

„Die Horizonte der Evangelisierung und die dringende Notwendigkeit, die Botschaft des Evangeliums allen ohne Ausnahme zu bringen, sind ein weites Feld für das Apostolat. So viele Menschen warten heute noch darauf, Jesus kennenzulernen, den einzigen Erlöser des Menschen, und viele ungerechte oder prekäre Situationen können glaubende Menschen nicht ruhig lassen!“

Die Evangelisierung sei heute eine „sehr dringende Mission“, und Voraussetzung für sie sei „die eigene Umkehr und die Umkehr der Gemeinschaft“. „Nur Herzen, die völlig offen sind für die Gnade, können die Zeichen unserer Zeit deuten und den Schrei der Menschheit nach Hoffnung und Frieden aufnehmen!“ Mut und Risikobereitschaft brauche es heute, „um auf die neuen Herausforderungen zu antworten und die Mission neu anzupacken“.

(rv 18.02.2017 sk)

Kardinal Müller: Dem Papst ist nicht mit Personenkult gedient

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Papst Franziskus und Kardinal Müller

Befreiungstheologie, Wahrheit Gottes und Freiheit des Menschen, Ökumene, Kapitalismuskritik, ewiges Leben: Würden Sie vermuten, dass ein Buch, das diese Inhalte vereint, den Titel „Der Papst“ trägt? An diesem Montag ist ein solches Buch erschienen, der Autor ist kein Geringerer als der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Wir baten ihn zum Interview.

Gleich zu Beginn betont der deutsche Kurienkardinal, er wolle nicht über „das Papsttum“ schreiben, also eine anonyme Institution. Papst, das sei eine Abfolge von Menschen, die personale Beziehung hat Vorrang, so Kardinal Müller im Interview gegenüber Radio Vatikan. „Es gibt viele Bücher über ‚das Papsttum’, oder über die Päpste, aber es ist wichtig, dass man diese Sendung als eine Sendung von Personen auffasst und nicht von einer Institution redet. Jesus hat selber zu Simon gesagt ‚du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen’. Es ist eine personale Relation, welche dieses besondere Amt ausmacht.“ Das Buch ist insgesamt ein theologisch-spiritueller Gang durch das Papstamt, „von mir als alteingesessenem Theologieprofessor, da erwartet man halt so ein Buch“, sagt Müller lachend.

„Eine Gefahr heute, in den Medien: dass nur noch die Stimme des Papstes erklingt“

Kardinal Müller beginnt aber zunächst biographisch, mit seiner persönlichen Geschichte der Päpste, von der Jugend an. Er wolle nicht nur eine theologische Abhandlung vorlegen, sondern bewusst auch als reflektierter Gläubiger schreiben, so Müller, „dass wir also nicht etwas errichten, was seine lebendigen Wurzeln verloren hat und dann wie ein toter Baum vielleicht schön anzusehen ist, aber ohne Leben in der Landschaft herum steht.“

Die katholische Kirche sei keine „Papstkirche“, das Zentrum ist Christus selber, betont Kardinal Müller. „Es muss auch nicht alles auf Rom hin konzentriert sein“, verweist er auf das Zweite Vatikanische Konzil. Dementsprechend ausführlich zitiert der Autor in seinem Buch immer wieder vor allem das Dokument Gaudium et Spes. „Man muss einerseits betonen, wie wichtig der Papst für die Einheit der gesamten Kirche im Glauben ist, aber andererseits darf man das nicht zentralistisch auffassen. Man kann nicht dem Papst dienen, wenn man einen Personenkult um ihn herum betreibt. Das ist sicherlich eine Gefahr heute, in den Medien, dass nur noch die Stimme des Papstes erklingt, während die Sichtweise von der natürlichen Verfassung der Kirche her eigentlich andersherum ist.“ Die konkrete Versammlung – ob nun die biblischen „zwei oder drei“ oder auch fünfzig – sei das Ursprüngliche, zunächst in der Familie, dann in der Gemeinde und von da aus weite sich das. Das Konkrete vor Ort dürfe nicht als nachgeordnet erscheinen.

Christus hat einfache Menschen gewählt

Papstverherrlichung schade dem Amt mehr, als sie ihm nutze. „Wir kennen das ja schon von Paulus her, dass er Petrus als den Ersten anerkannt hat, aber doch in einer wichtigen Frage der praktischen Umsetzung kritisch etwas zu ihm gesagt hat. Das äußere Verhalten muss mit der inneren Haltung überein stimmen, das begleitet die Geschichte der Päpste. Es war die Wahl Christi selber, dass er nicht die Schönsten und Mächstigsten zu seinen Aposteln gemacht hat, sondern einfache Menschen, die sich auch bewusst sind, dass sie keine Übermenschen sind, sondern die immer der Gnade Gottes bedürfen.“

Kardinal Müller warnt deswegen auch vor überzogenen Erwartungen, weil diese bei – voraussehbarer – Nichterfüllung ins Gegenteil umschlagen. Die Schwächen gehörten aber zum Menschen, „ein erwachsener Christ muss umgehen können mit den Schwächen und Grenzen der offiziellen Repräsentanten der Kirche.“ Verehrung und Anerkennung sei für einen Katholiken dem Papst gegenüber selbstverständlich, auch dem konkreten Papst, nicht nur dem Amt – aber bitte nicht übertreiben.

Reform: wieder Fahrt gewinnen

Kardinal Müller zitiert an dieser Stelle in seinem Buch einen Theologen des 16. Jahrhunderts, Melchior Cano, also aus einer Zeit der nötigen Kirchenreform. Um Reform geht es auch ihm, Müller, wenn sie auch anders gelagert ist als vor 500 Jahren. Damals sei es um tiefgreifende Schwächen, auch strukturelle, der Kirche gegangen, „während ich heute unter Kurienreform eher verstehen würde, dass wir alle neu motiviert werden und nicht in die bürgerliche Bequemlichkeit zurück fallen. Was wir heute unter Reform verstehen ist die Frage, wie wir wieder Fahrt gewinnen, wenn es um die großen Herausforderungen der Säkularisierungen geht. Es geht darum, dass wir positiv die Fülle des Glaubens und der Hoffnung, die uns geschenkt worden ist, werbend, einladend, ermöglichend in den großen gesellschaftlichen Diskurs einbringen.“

Aber auch die äußeren Zeichen des Papsttums verändern sich, sagt Kardinal Müller, das Papsttum nehme natürlich immer auch die Züge seiner Zeit an, weil es auf konkrete Umstände Antwort geben müsse. „Das hat aber nichts mit einer von einigen befürchteten De-Sakralisierung des Bischofsamtes oder des Papstamtes zu tun. Es wäre ja auch nicht möglich, einen reinen Funktionalismus aufzubauen. Die Kirche ist Leib Christi und Volk Gottes und nicht eine von uns gemachte soziale Organisation mit ihren einzelnen Abteilungen, die innerweltliche Verbesserungsvorschläge einbringt.“

Ausrichtung auf Seelsorge und die Würde des Menschen

Konkret wird gerade der aktuelle Papst gegenüber den sozialen und ökologischen Herausforderungen heute, was Kardinal Müller in seinem Buch mit einer ausführlichen Betrachtung der Enzyklika Laudato Si’ beantwortet. „Die Ausrichtung auf die Seelsorge, eine konstruktive und aufbauende Gesellschaftskritik, die Soziallehre, die Befreiungstheologie nicht nur als fünftes Rad am Wagen eines politischen Programms sondern als echte Theologie, die von Gott her Entscheidendes beiträgt zur Unterstreichung oder Wiederherstellung der Menschenwürde in vielen Teilen der Welt: Das alles gehört innerlich zusammen und ist nicht nur eine äußerliche Kombination. Es gehört so untrennbar zusammen wie Gottes- und Nächstenliebe.“

 

Gerhard Ludwig Müller: Der Papst. Sendung und Auftrag. Das Buch ist im Verlag Herder erschienen und kostet etwa 30 Euro.

 

(rv 20.02.2017 ord)

NACHFOLGER PETRI UND STELLVERTRETER CHRISTI

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Der Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Kardinal Müller befasst sich in seinem aktuellen Werk mit dem Papstamt.

Von Helmut Hoping

 

Passend zum Lutherjahr 2017 legt der Präfekt der Glaubenskongregation ein gut sechshundert Seiten starkes Buch über Sendung und Auftrag des Papstes vor. Zu Beginn steht ein sehr persönlich gehaltenes Kapitel zu den Päpsten seiner Lebensgeschichte – von Pius XII. bis Franziskus. En passant werden dabei auch die Theologen gestreift, die ihn besonders beeinflusst haben, darunter Johann Adam Möhler (1796–1838), Henri de Lubac (1896–1991), Hans Urs von Balthasar (1905–1988), der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez, Kardinal Lehmann und Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.

In seinen Ausführungen zum aktuellen Pontifikat von Franziskus zitiert der oberste Glaubenshüter des Vatikans sein Statement in der außerordentlichen Bischofssynode zur Familie von 2015. Mit seiner klaren Darlegung der katholischen Ehelehre sowie der Warnung, in die Substanz des Ehesakraments einzugreifen, liest es sich wie ein Kommentar zu den widersprüchlichen Interpretationen des achten Kapitels von Amoris laetitia. Es ist nicht der einzige aktuelle Bezug des Papstbuches.

Die weiteren Kapitel behandeln die klassischen Themen einer Theologie des Papstamtes: Geschichte des Lehr- und Leitungsprimats des römischen Bischofs, Verhältnis von Papst und Bischofskollegium, ordentliches und außerordentliches Lehramt, Papsttum und die christliche Ökumene. Die Schlusskapitel beschäftigen sich mit dem Papst als Anwalt der Würde des Menschen und analysieren die Enzykliken von Benedikt XVI. und Franziskus über die göttlichen Tugenden.

Der Papst als oberster Lehrer und Hirte der Kirche

Der Bischof von Rom ist der Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi. Als der universale Hirte, der seine Mitbrüder im Glauben zu stärken hat, ist er zugleich das konkrete Prinzip der Einheit des Episkopats und der Ortskirchen. Wie die universale Kirche, der er vorsteht, ist er an die Regel des Glaubens, die Schrift und die authentische Glaubensüberlieferung gebunden.

Die episkopale Verfassung der Kirche als Gemeinschaft von Ortskirchen, die durch einen Bischof geleitet werden, ist göttlichen Rechts und kann daher vom Papst nicht aufgehoben werden. Mehrfach betont Kardinal Müller, dass der einzelne Bischof Amt und Vollmacht durch seine Weihe erhält. Das Bischofskollegium existiert aber nicht ohne sein Haupt, bei dem der Primat der Lehre und der Leitung der gesamten Kirche liegt, der mit den Prinzipien einer recht verstandenen Synodalität zusammenzudenken ist.

Da das lehramtliche Handeln des Nachfolgers Petri als oberstem Lehrer des Glaubens nicht den Interessen der vatikanischen Diplomatie untergeordnet werden dürfe, findet es der Glaubenspräfekt fragwürdig, dass das Staatssekretariat im Zuge der nachkonziliaren Kurienreform den Kongregationen der Kurie vorangestellt wurde.

Zum ordentlichen Lehramt des Papstes heißt es, dass auch der Stellvertreter Christi irren und sündigen könne, wenn er etwa an der Aufgabe schuldig werde, den Glauben treu zu verkünden und auszulegen. Eine Aussage ist nicht schon deshalb wahr, weil sie vom Papst stammt, sondern weil sie der Glaubenslehre der Kirche entspricht. Der Nachfolger Petri könne etwa „nicht die inhärenten Zulassungsbedingungen zu den Sakramenten“ ändern und „einem Katholiken im Stand der Todsünde ohne dessen Reue und Vorsatz, die Sünde von da an zu meiden, die sakramentale Absolution erteilen und ihm den Empfang der heiligen Kommunion erlauben, ohne sich an der Wahrheit des Evangeliums und dem Heil der so in die Irre geführten Gläubigen zu versündigen“.

Die Fülle der Vollmacht verlangt vom Papst „strengste Gewissensprüfung vor dem Herrn der Kirche“ und die Bereitschaft, „auf den brüderlichen Rat der Mitbischöfe“ zu hören. Zudem hat er „von den Kardinälen und engsten Mitarbeitern der Kurie konstruktive Kritik entgegenzunehmen“. Die römische Kurie ist aber „keine Zwischeninstanz zwischen dem Papst und den Bischöfen“.

Unfehlbare Irrtumsfreiheit kommt dem Papst nur dann zu, wenn er den Glauben der Kirche in seinem außerordentlichen Lehramt letztverbindlich vorträgt und auslegt. Diese vom Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigte Form des Lehramtes der Kirche beruht auf ihrer Unfehlbarkeit im Glauben. Dieser könne nicht durch Umfragen festgelegt werden; was an Auffassungen im Volk Gottes im Dissens zur geoffenbarten und von der Kirche vorgelegten Glaubenslehre stehe, sei kein Ausdruck des sensus fidelium. Scharfe Kritik übt Kardinal Müller an der These von der „Lebenswirklichkeit“ als Offenbarungsquelle, an der die Lehre der Kirche angeblich zu messen sei.

Zurückgewiesen wird auch die These vom Kontinuitätsbruch zwischen dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil, die für den Glaubenspräfekten einen häretischen Widerspruch gegen die Einheit der Offenbarung und die Einzigkeit der Kirche darstellt. Gegen eine falsche Hermeneutik des letzten Konzils seien seine Dokumente von den beiden dogmatischen Konstitutionen über die Offenbarung und die Kirche her zu interpretieren. Ausführlicher hätte man dabei auf die umstrittene These von den zwei kontradiktorischen Ekklesiologien des Konzils eingehen können.

Die vom Konzil vorgenommene Integration des Papstamtes in das Ganze der Kirche und des Episkopats bedeute keine Relativierung. Ebenso wenig sei an die Stelle der bischöflich verfassten Kirche, mit dem Papst als ihrem sichtbaren Prinzip der Einheit, eine demokratisierte Kirche getreten. „Die Kirche ist kein Volk, das sich eine Verfassung gibt und seine Regierung wählt.“

Als Luther seine polemische Schrift „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet“ veröffentlichte, waren seit den Ablassthesen von 1517 nahezu drei Dezennien vergangen. Luther wollte anfänglich die Kirche erneuern, doch sah er die hierarchisch und sakramental verfasste Kirche schon bald in einem grundlegenden Widerspruch zur Rechtfertigung allein durch Glaube und Gnade. Luthers Rechtfertigungslehre hätte nach dem Urteil Kardinal Müllers nicht zwangsläufig zum Bruch mit der katholischen Kirche führen müssen. Die Ablehnung der kirchlichen Hierarchie und damit einhergehend der „protestantische Grundentscheid gegen den römischen Papst“ hatten aber die Kirchenspaltung zur Folge.

Der Glaubenspräfekt neigt nicht dazu, die Differenzen zwischen der katholischen Kirche und den reformatorischen Kirchen zu nivellieren, er vertritt aber auch keine Ekklesiologie der Profile, die vor allem das Trennende betont. Er weiß, worin die Konfessionskirchen übereinkommen, weiß aber auch um die nur schwer zu überbrückende Kluft zwischen dem evangelischen und dem katholischen Kirchenverständnis. Johann Adam Möhler, der öfter zitiert wird, sprach mit Blick auf das sakramentale Kirchenverständnis von einer „ungeheuren Differenz“, Kardinal Müller von „nur schwer kompatiblen Ansätzen“.

Ziel der Ökumene ist die Versöhnung der Gegensätze

Gelegentlich gewinnt man heute den Eindruck, das Ziel der Ökumene sei nicht mehr die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung, sondern das, was man „versöhnte Verschiedenheit“ nennt – ein anderes Wort dafür, dass man sich gegenseitig anerkennt wie man ist. Der Glaubenspräfekt erinnert an die bleibende Gültigkeit der katholischen Prinzipien des Ökumenismus, die das Konzilsdekret Unitatis redintegratio formuliert. Ziel der Ökumene sei „nicht versöhnte Verschiedenheit – mit dem Ton auf bleibende Verschiedenheit –, sondern die Versöhnung der Gegensätze in einer tieferen Communio in Christus: Unus et totus Christus, caput et membra.“

Damit meinte Kardinal Müller keine Rückkehrökumene, wie sie bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil vertreten wurde, wohl aber eine sichtbare Einheit als Gemeinschaft von Kirchen, die immer mehr eine Kirche werden.

Es fällt auf, dass Papst Franziskus für das Verhältnis der christlichen Kirchen nicht mehr wie das Zweite Vatikanische Konzil das Bild der konzentrischen Kreise verwendet, mit der katholischen Kirche als Zentrum des inneren Kreises, sondern das Bild des Polyeder, der kein sichtbares Zentrum besitzt.

Eigens würdigt Kardinal Müller das historische Treffen von Franziskus und Kyrill, dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche: Eine Union der katholischen Kirche und der Kirchen der Orthodoxie liegt nach Meinung von Kardinal Müller im Bereich des Möglichen, auch wenn sie durch unterschiedliche kulturelle Mentalitäten und noch bestehende Lehrdifferenzen bezüglich der Stellung des Papstes erschwert wird.

Was den Primat des Papstes betrifft bleibe ökumenisch gültig, was Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ut unum sint (1995) schreibt: Die volle Gemeinschaft der Kirchen verlange die Communio mit dem Nachfolger Petri, doch sei es nötig, „eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet.“ Wie Joseph Ratzinger mehrfach betonte, dürfe man von den mit Rom nicht verbundenen Kirchen des Ostens in Bezug auf die Lehre vom päpstlichen Primat nicht mehr verlangen, als in der Theologie bis zur ersten Millenniumswende gegeben war.

Als universaler Hirte führt der Papst die Herde Christi durch die Zeit und tritt als Anwalt der Würde des Menschen und Lehrer seiner Vollendung für die Verteidigung des natürlichen Sittengesetzes sowie der Menschenrechte ein. Dazu gehört das in der Kirche längere Zeit umstrittene Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit, was eine ausführlichere Behandlung verdient hätte.

Zur Aufgabe des Nachfolgers Petri gehört es ebenso, die Wahrheit Gottes und des Menschen zu verteidigen, wie sie sich im Licht der Offenbarung zeigt. In der Relativierung der Wahrheit sieht Kardinal Müller die größte Gefahr für die Freiheit des Menschen. Mit Benedikt XVI. fordert er eine neue Synthese von Glaube und Vernunft.

Am Ende des Papstbuches stehen Ausführungen zu den Enzykliken von Benedikt XVI. und Franziskus über die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Dabei geht Kardinal Müller von einer Aussage des „Katechismus der Katholischen Kirche“ aus: „Das universale ordentliche Lehramt des Papstes und der in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfe lehrt die Gläubigen die zu glaubende Wahrheit, die zu lebende Liebe und die zu erhoffende Seligkeit“ (KKK 2034).

Der cantus firmus der Enzyklika Lumen fidei (2013) über den Glauben ist das „Licht des Glaubens“, das sich an Christus, dem „Licht der Völker“ entzündet – eine Anspielung auf die Konzilskonstitution Lumen gentium. Den Glauben, der in der Lage ist, die eindimensionale Vernunft zu weiten, hat der Nachfolger Petri fortiter et suaviter (kraftvoll und mild) zu verkünden, so wie die Wahrheit Gottes den Menschen zu überzeugen vermag. Die christliche Hoffnung, die sich auf die Vollendung des Reiches Gottes im ewigen Leben bei Gott richtet, wird mit der Enzyklika Spe salvi (2007) von politischen Erlösungstheorien abgegrenzt.

Die Enzyklika Deus caritas est (2005) über die Liebe hat von den Lehrschreiben über die göttlichen Tugenden nicht ohne Grund die größte Aufmerksamkeit gefunden. Denn die christliche Religion ist die Religion der Liebe: „Wir haben die Liebe Gottes erkannt und ihr geglaubt“ (1 Johannes 4, 16). Die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes, die Franziskus zum Hauptthema seines Pontifikats gemacht hat, sieht der Glaubenspräfekt in der Kontinuität zur Enzyklika Deus caritas est. Gleichzeitig beobachtet er in der ortskirchlichen Lehrverkündigung die Gefahr einer fragwürdigen Auffassung der göttlichen Barmherzigkeit, die den inneren Zusammenhang von Liebe und Wahrheit, Gerechtigkeit und vergebender Liebe auseinanderzureißen droht.

Mit seiner Mischung aus theologischem Traktat De papa, Analysen päpstlicher Lehrschreiben und Kommentaren zur Lage des Glaubens ist die Lektüre des Buches von Kardinal Müller sehr zu empfehlen. Unter den Lesern, so ist zu wünschen, wird auch Papst Franziskus sein. Das Vorwort des Buches ist auf das Fest cathedra Petri 2017 datiert, zu dem es in den Buchhandel kommt.

Gerhard Kardinal Müller: Der Papst – Sendung und Auftrag. Herder, Freiburg, 2017, 608 Seiten, gebunden,

ISBN 978-3-451-37758-7, EUR 29,99

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Quelle

Faire jüdische Stellungnahmen für die katholische Kirche und Papst Pius XII.

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Pius XII., Besuch An Stadtviertel San Lorenzo Nach Bombardierung, 13. August 1943 / Wikimedia Commons, Public Domain

‪„Pave the Way‪“ bemüht sich seit Jahren um Differenzierung

Die kontroverse Debatte um eine mögliche Seligsprechung  von Papst Pius XII. reißt nicht ab. Einwände gegen diesen Pontifex gibt es von verschiedenen Seiten, häufig von ‪„Reformkatholiken‪“, bisweilen melden sich auch kritische jüdische Stimmen zu Wort. Für etliche progressive Theologen scheint es schon zu genügen, daß Pius XII. ein ‪„‪vorkonziliarer Papst“ war, um starke Skepsis auszulösen. Auch von bürgerlicher Seite hört man manchmal den Einwand, Pius XII. sei zu sehr ‪„entrückt‪“, vom Typ her sehr aristokratisch, insgesamt zu wenig volkstümlich gewesen.

Von einer Reihe jüdischer Vertreter wird seit langem Kritik am Pacelli-Papst geübt, weil er  – so wird behauptet  –  zur Judenvernichtung der Nationalsozialisten geschwiegen und insofern versagt habe.

Dieser Aspekt wird allerdings nicht von allen jüdischen Persönlichkeiten und Vereinigungen so rigide beurteilt. Der bekannte Physiker Albert Einstein schrieb am 23. Dezember 1940  im „Time Magazin‪“ über die katholische Kirche: „Nur die Kirche blieb aufrecht stehen, um den Kampagnen Hitlers zur Unterdrückung der Wahrheit den Weg zu versperren.‪“

Einstein bekennt in seiner Stellungnahme, daß er nie ein besonderes Interesse für die katholische Kirche hegte, jetzt aber „große Zuneigung und Bewunderung‪“ empfinde, da „allein die Kirche den Mut und die Hartnäckigkeit gehabt hat,  auf der geistigen Wahrheit und moralischen Freiheit zu bestehen.‪“    – Der jüdische Nobelpreisträger fügte hinzu: „Ich muß sagen, daß ich das, was ich einst verachtete, jetzt bedingungslos lobe.‪“

Nach dem Tod von Pius XII. veröffentlichte Golda Meier, die israelische Außenministerin und spätere Ministerpräsidentin, einen positiven Nachruf, in welchem sie den verstorbenen Papst als einen „großen Diener des Friedens‪‪“ bezeichnete; er habe ‪„während der zehn Jahre des Nazi-Terrors, als unser Volk furchtbare Qualen erlitt, seine Stimme für die Opfer erhoben und die Henker verurteilt.‪‪“ –  Auch die Rabbiner von Rom, Jerusalem, London und Frankreich sowie der Großteil der jüdischen Vereinigungen schloß sich der Würdigung Meirs an.

‪„Pave the Way‪“ bemüht sich um Differenzierung

Um ein faires Geschichtsbild hinsichtlich Pius XII. kümmert sich seit Jahren die jüdische Stiftung „Pave the Way‪“. Anläßlich seines 50. Todestages veranstaltete diese amerikanische Vereinigung vom 15. bis 17. September 2009 eine Studientagung im Vatikan, wobei vor allem die positive Rolle untersucht wurde, die Pius XII. bei der Rettung tausender von Juden gespielt hatte.

„Pave the Way‪“ ging bereits Anfang Februar 2009 einen eigenständigen Weg jenseits des üblichen Medienmainstreams, als sich diese jüdische Vereinigung schützend vor Papst Benedikt XVI. stellte und die Schlammschlacht gegen ihn verurteilte, die wegen der Aufhebung der Exkommunikation hinsichtlich der Priesterbruderschaft St. Pius X. und absurder Äußerungen von Weihbischof Williamson erfolgte.

Am 18. September 2009 hielt Papst Benedikt eine Ansprache an die Teilnehmer einer Pave-the-Way-Tagung in Castel Gandolfo. Dabei erklärte er über den Ablauf dieses Symposiums:

„Ich weiß, daß viele herausragende Gelehrte sich an den Überlegungen beteiligt haben, deren Gegenstand das vielfältige Wirken meines geschätzten Vorgängers  – des Dieners Gottes Pius XII. –  in der schwierigen Zeit um den Zweiten Weltkrieg war…Sie haben unvoreingenommen die geschichtlichen Fakten analysiert und sich allein mit der Suche nach der Wahrheit befaßt.

‪„‪In den vergangenen fünf Jahrzehnten ist sehr viel über ihn geschrieben und gesagt worden, und nicht alle wirklichen Aspekte seines Wirkens wurden im rechten Licht untersucht. Die Absicht Ihres Symposiums bestand darin, einige dieser Lücken zu schließen durch eine sorgfältige Untersuchung vieler seiner Stellungnahmen und Interventionen, besonders zugunsten der Juden, die in jenen Jahren in ganz Europa zur Zielscheibe wurden, dem kriminellen Plan derer entsprechend, die sie von der Erdoberfläche tilgen wollten.

‪„‪Nähert man sich diesem edlen Papst ohne ideologische Vorurteile, wird man nicht nur von seinem erhabenen geistlichen und menschlichen Charakter ergriffen, sondern darüber hinaus auch von der Vorbildlichkeit seines Lebens und dem außerordentlichen Reichtum seiner Lehre. So wird man auch die menschliche Weisheit und die tiefe Hirtensorge schätzen, die ihn in den langen Jahren seines Amtes geleitet haben und insbesondere bei der Organisation der Hilfe für das jüdische Volk.‪‪“

Der Papst bedanke sich sodann bei der Stiftung „Pave the Way‪“ für ihre Forschungsarbeit und ihre „beständigen Aktivitäten‪‪“ zugunsten des Friedens und der Verständigung.  Er beendete seine Ansprache mit den Worten: „Mit diesen Gedanken rufe ich auf Sie und die Arbeiten Ihres Symposiums die Fülle des göttlichen Segens herab.‪“

Auch in Yad Vashem ändert sich die frühere Betrachtungsweise

Aber auch in Israel findet inzwischen ein gewisses Umdenken statt. Avner Shalev, der Leiter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, erklärte im Mai 2009, sein Dokumentations-Center habe neue Unterlagen aus den vatikanischen Archiven erhalten, die das in den Medien verbreitete Bild von Pius XII. ‪„‪zutiefst verändern“ könnten.

Demnach erteilte dieser Papst während des Zweiten Weltkrieges persönlich die Anweisung, verfolgte Juden in einem Kloster bei Rom zu verstecken. Aus Dankbarkeit dafür ließ sich der römische Großrabbiner Israel Zolli nach dem 2. Weltkrieg auf den Vornamen Eugenio taufen, als er in die katholische Kirche übertrat.  (Der bürgerliche Name von Papst Pius XII. lautete Eugenio Pacelli.)

Am 25. Januar  2010 veröffentlichte der bedeutende französische Philosoph Bernard-Henri Levy ein deutliches Plädoyer für Pius XII. in ‪„‪The Huffington Post“, worin er zugleich den damals vielfach attackierten Papst Benedikt verteidigt. Dieser jüdische Schriftsteller, in Frankreich unter dem Kürzel ‪„‪BHL“ bekannt, wurde von der linken ‪„‪ taz“ ‪am 13.4.2007 in einem ansonsten kritischen Text als ‪„‪der Popstar unter Frankreichs Intellektuellen“ bezeichnet.

BHLs Artikel vom 25.1.2010 beginnt mit den Worten: ‪„Es ist Zeit, der Unaufrichtigkeit ein Ende zu setzen‪‪“ –  und er kritisiert, daß ein Papst aus der Sicht der meisten Medien heute alles sein dürfe, ‪„‪nur nicht konservativ‪“.

Der Philosoph wendet sich gegen den ‪„‪Chor der Falsch-Informierer‪“ und verweist auf die päpstliche Enzyklika ‪„Mit brennender Sorge‪“, die er als ‪„‪eines der stärksten und aussagekräftigsten Anti-Nazi-Manifeste“ würdigt. Der spätere Papst Pius XII. und damalige päpstliche Nuntius in Deutschland, Kardinal Pacelli, sei ‪„‪Mit-Autor“ dieses eindrucksvollen Dokumentes gewesen, das unter Papst Pius XI. erschien und 1937 von den kath. Kanzeln in Deutschland verlesen wurde.

Einen Tag vor BHLs Pius-Verteidigung war ein ähnlicher Artikel in der bekannten israelischen Tageszeitung ‪„‪Haaretz“ zu lesen. Am 24. Januar 2010  wurde Papst Pius XII. in einem ausführlichen Bericht unter dem Titel ‪„Der vielgeschmähte Papst‪“ vehement in Schutz genommen.

Auch ‪„Haaretz‪“ erwähnt seine Mitarbeit an der Enzyklika ‪„‪Mit brennender Sorge“, die den Nationalsozialismus wortgewaltig verurteilt habe: ‪„‪Die Enzyklika wurde nach Deutschland geschmuggelt und am 21. März 1937 von den katholischen Kanzeln verlesen.“ –  Die anspruchsvolle Zeitung zitiert aus einem Nazi-Dokument, wonach dieses päpstliche Rundschreiben ‪„‪eines der schwersten Angriffe auf die deutsche Regierung“ sei, zumal es ‪„die katholischen Bürger zum Aufstand gegen die Autorität des Staates‪“ auffordere.

Sodann verweist ‪„‪Haaretz“ auf diverse Dokumente, die für Pius XII. sprechen, auch darauf, daß die Nazis äußerst unzufrieden waren, als Kardinal Pacelli zum Papst gewählt wurde. Am 4.3.1939 schrieb Joseph Goebbels in sein Tagebuch: ‪„Mittags mit dem Führer. Es ist zu prüfen, ob wir das Konkordat mit Rom im Lichte der Wahl Pacelli als Papst kündigen sollten.‪“

Abschließend schreibt die bekannte israelische Tageszeitung, es sei wohl nur in einer ‪„rückständigen Welt‪“ wie der heutigen möglich, einen so ‪„‪einzigartigen Mann“, der so vielen Juden und Nazi-Opfern beigestanden habe, derart unfair zu schmähen.

Diese Aussagen verdeutlichen, daß es auch unter Juden durchaus unterschiedliche Ansichten über Papst Pius XII. und die Rolle der katholischen Kirche in der NS-Diktatur gibt. Das Plädoyer für eine faire und differenzierte Würdigung dieses Papstes schließt natürlich eine begründete Sachkritik nicht aus, lehnt aber Diffamierungen ab, wie sie in oberflächlichen Medien nicht selten zu lesen sind.

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Quelle

„Das Embryo ist kein Heilmittel“: Bioethiker fordern Verbot von Gen-Experiment

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„Die Goldgräberstimmung in der Stammzellenforschung ist vorbei, die großen Gewinne sind ausgeblieben, jetzt muss man neue Marktfelder eröffnen, die den Glauben an die Machbarkeit schüren – vom genetischen Wunschkind bis zum ‚krankheitsresistenten‘ Menschen“. Foto: lisichik via Pixabay

Was hinter Labortüren in der Embryonenforschung und der Manipulation menschlichen Erbguts geschieht, unterliegt nicht überall den gleichen ethischen Auflagen. Experten warnen: Kaum ein Monat vergeht, in der nicht eine Grenze überschritten wird.

In den USA haben nun die U.S. National Academy of Sciences (NAS) und die National Academy of Medicine in Washington D.C empfohlen, dass klinische Versuche am Embryo erlaubt werden sollen. Dabei wird die menschliche DNA manipuliert. Ziel sei die Verhinderung von Erbkrankheiten.

Mithilfe der als „Gen-Schere“ bekannten Methode sollen bestimmte, in diesem Fall krankmachende, Abschnitte im menschlichen Erbgut „herausgeschnitten“ werden.

Scheinargument ohne medizinischen Zweck 

Susanne Kummer, die Geschäftsführerin des Wiener Instituts für Medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), bewertet den Schritt überaus kritisch: Bei allem Verständnis für das Anliegen, neue Therapieansätze durch die CRISPR–Cas9-Methode zu finden: Das Argument, wonach die „Gen-Schere“ ein Fortschritt in der Ausmerzung von Erbkrankheiten im Erbgut des Embryos und seiner Nachkommen sei, hält Kummer für ein „Scheinargument“. Medizinisch erfülle die neue Methode keinen Zweck.

„Bei potentiell vererbbaren Krankheiten ist ja bei weitem nicht jedes Kind automatisch betroffen. Je nach Typ der Erkrankung – man spricht autosomal rezessiven und autosomal dominanten Erbgängen – weiß man heute, dass die Wahrscheinlichkeit für das Kind nur bei 25- oder 50 Prozent liegt, tatsächlich zu erkranken.“

Mit anderen Worten: Die meisten Kinder sind nicht davon betroffen. Um Schwangerschaften mit nicht betroffenen Embryonen zu ermöglichen, habe man die Präimplantationsdiagnostik (PID) propagiert und in zahlreichen Ländern legalisiert, so Kummer weiter.

„Wozu soll man also nun versuchen, die mit der Krankheit betroffenen Embryonen mittels riskanter Gen-Schere zu ‚reparieren‘, wenn man ohnehin zwischen mehreren Embryonen den sogenannten ‚gesunden‘ auswählen und der Frau einsetzen kann?“, fragt die Bioethikerin kritisch nach.

Marktwirtschaftliche Gründe und ein fragwürdiger „Traum“

„Es scheint, dass hier neben wissenschaftlicher Neugierde auch marktwirtschaftliche Gründe eine Rolle spielen“, sagt Bioethikerin Susanne Kummer. „Die Goldgräberstimmung in der Stammzellenforschung ist vorbei, die großen Gewinne sind ausgeblieben, jetzt muss man neue Marktfelder eröffnen, die den Glauben an die Machbarkeit schüren – vom genetischen Wunschkind bis zum ‚krankheitsresistenten‘ Menschen“, so Kummer.

Ein chinesisches Forscherteam der Medizinischen Universität Guangzhou hat trotz ethischer Vorbehalte und Debatten bereits zweimal das Erbgut von Embryonen mittels Genom-Editing (CRISPR/Cas9-Methode) verändert. Das Ziel: Die Embryonen sollten gentechnisch so manipuliert werden, dass sie – ähnlich wie Agrarpflanzen – „krankheitsresistent“ werden, in diesem Fall gegen HIV.

Die im „Journal of Assisted Reproduction and Genetics“ veröffentlichtenen Ergebnisse des chinesichen Forscherteams zeigten dies ernüchternd. Die Autoren verwendeten 213 Embryonen. Mittels CRISPR/Cas9-Technologie schleusten sie eine Variante des Gens CCR5 in das Erbgut von 26 Embryonen ein. Dies soll vor einer HIV-Infektion schützen. Allein: Nur bei vier Embryonen glückte die Technik. Die Genom-Veränderung fand jedoch bei weitem nicht bei allen Chromosomen statt – dafür wanderte das Transfergen an nicht gewünschten Stellen im Genom, es kam zu Mutationen.

„Medizinisch kein Bedarf an CRISPR/Cas9“

Bioethikerin Kummer warnt: Die Risiken der Technik für das Individuum und die möglichen Folgeschäden für zukünftige Generationen und Bevölkerungen aufgrund der Veränderung des Erbguts seien noch völlig ungewiss. Es träten nachweislich unerwünschte Nebenfolgen auf; die sogenannten Off-Target-Effekte.

„Die Folgen davon zeigen sich in vollem Ausmaß letztlich erst im entwickelten Organismus. Wer haftet dann dafür, wenn die ersten Patientenklagen kommen von genveränderten Menschen, die zwar eine Erbkrankheit nicht haben, dafür frühzeitig an Krebs erkranken?“

Medizinisch bestehe also gar kein Bedarf an CRISPR–Cas9. „Der eigentliche Motor für die Entwicklung ist der Traum des Enhancements, also der Verbesserung und Steigerung bestimmter Eigenschaften im Genom“, so die Ethikerin. Diesen Optimierungssehnsüchten lägen fragwürdige eugenische Ansätze zugrunde. „Das sollte man wenigstens ehrlich aussprechen.“

Völlig ausgeblendet werde in der Debatte zudem, dass diese Art ethischer umstrittener Forschung menschliche Embryonen als Rohstoff in Labortests verbrauche. „Die Genomeditierung kommt nicht ohne die selektive Vernichtung von Embryonen aus. Dem muss klar widersprochen werden: Der Embryo ist kein Heilmittel. Die Würde des Menschen in allen seinen Entwicklungsphasen, verbietet es, ihn für Experimente zu verzwecken“, betont die Wiener Bioethikerin.

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Kolumbusritter: Carl Anderson überreicht dem Papst die Spendenaktion 2016

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Papst Franziskus & Carl Anderson, 16. Februar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

US-amerikanische Laienorganisation
sammelte 1,6 Millionen Dollar zugunsten des Heiligen Stuhls

Der ‪„Oberste Ritter“ oder Haupt der US-amerikanischen katholischen Laienorganisation „Knights of Columbus“ hat Papst Franziskus am Donnerstag, dem 16. Februar, im Laufe einer Privataudienz im Vatikan den Ertrag der jährlichen Spendenaktion zugunsten des Heiligen Stuhls überreicht.

Wie die Internetseite der Kolumbusritter meldet, hat die Kollekte 2016 für das „Vicarius Christi Fund“ 1,6 Millionen Dollar (rund 1,5 Millionen Euro) eingebracht. Seit seiner Errichtung im Jahr 1981 sind für das Fonds für die persönlichen karitativen Initiativen des Heiligen Vaters insgesamt bereits 57 Millionen Dollar eingesammelt worden.

Im Laufe der Audienz besprach Carl Anderson mit dem Papst auch verschiedene Hilfsprojekte der Laienorganisation, insbesondere jene zugunsten der verfolgten Christen im Nahen Osten.

Aus Anlaß des von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen und von Papst Franziskus am 24. November 2013 abgeschlossenen Jahres des Glaubens spendeten die Kolumbusritter auch die Restaurierung des Gnadenbildes der ‪„‪Madonna del Soccorso“ in der vatikanischen Basilika.

Es war, wie die Internetseite betont, die erste Restaurierung dieser Art im aktuellen Pontifikat. Während der Audienz am Donnerstag blätterte Franziskus mit Carl Anderson ein ihm gewidmetes Kunstbuch über die Restaurationsarbeiten durch.

Die Kolumbusritter ist die größte männliche Laienorganisation in den Vereinigten Staaten und in der Welt. Die 1882 von einem Priester irischer Abstammung, Michael J. McGivney, gegründete Organisation zählt heute über 1,7 Millionen Mitglieder. Die diözesane Phase seines Seligsprechungsverfahrens wurde 1997 geöffnet.

[Übersetzt von Paul De Maeyer]

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„Das ist eine Tragödie, die Kindersoldaten!

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Flüchtlinge, Nord-Kivu (Photo: 2012) / Wikimedia Commons – © MONUSCO/Sylvain Liechti, CC BY-SA 2.0

Worte von Papst Franziskus nach dem Angelus von Sonntag, dem 19. Februar 2017

Nach dem Angelusgebet am Sonntag, dem 19. Februar 2017, lenkte Papst Franziskus die Aufmerksamkeit der Pilger auf die dramatische Lage in der Demokratischen Republik Kongo (ex Zaire), insbesondere auf die ‪„gewalttätigen und brutalen Auseinandersetzungen“ in der der Region Zentral-Kasai.

‪„Ich spüre einen starken Schmerz für die Opfer, besonders für die vielen betroffenen Kinder, die ihren Familien und den Schulen entrissen wurden, um als Kindersoldaten verwendet zu werden“, sagte Franziskus, der das Phänomen der Kindersoldaten als eine ‪„Tragödie“ bezeichnete.

„Ich versichere ihnen meine Nähe und mein Gebet, auch dem religiösen und humanitären Personal, das in dieser schwierigen Region tätig ist, und richte erneut einen eindringlichen Appell an das Gewissen und an die Verantwortlichkeit der nationalen Autoritäten und der internationalen Gemeinschaft, damit sie unverzüglich angemessene Entscheidungen treffen, um diesen unseren Brüdern und Schwestern beizustehen“, so fuhr der Papst fort.

„Beten wir für sie und für alle Völker, die auch in anderen Teilen des afrikanischen Kontinents und der Welt unter Gewalt und Krieg leiden“, sagte der Papst, der an dieser Stelle die jüngste Anschlagswelle in Pakistan und Irak erwähnte.

„Beten wir für die Opfer, für die Verletzten und die Angehörigen. Beten wir sehnlich, dass jedes von Hass verhärtete Herz sich in Frieden umwandele nach dem Willen Gottes“, bat der Papst, der gemeinsam mit den Gläubigen ein Ave-Maria rezitierte.

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