GOTT ODER NICHTS – Gedanken zum Buch von Kardinal Robert Sarah von Kardinal Gerhard Müller

Robert Kardinal Sarah, der Domkapellmeister Georg Ratzinger und Gerhard Ludwig Kardinal Müller im Schloss St. Emmeram.

Zu Beginn möchte ich Kardinal Robert Sarah danken für sein Glaubenszeugnis, das er mit seinem in diesem Jahr [2015] erschienenen Buch „Dieu ou rien. Entretien sur la foi“ ablegt. Zugleich beglückwünsche ich die deutsche Sprachfamilie für die Möglichkeit, sich nun mit der Gedankenfülle eines großen Theologen und geistlichen Menschen in ihrer Muttersprache bekannt zu machen.

 

1. Der Mensch vor der alles entscheidenden Alternative

Das Gespräch über den Glauben, das Kardinal Sarah mit dem renommierten Kenner des II. Vatikanischen Konzils Nicolas Diat führt, trägt den Titel „Gott oder Nichts. Gespräch über den Glauben“. Es geht also nicht um dieses oder jenes interessante Einzelthema oder um die Propagierung der Lieblingsideen eines Schriftstellers oder politischen Akteurs. Der Kardinal hat vielmehr den Menschen als solchen und ganzen im Blick und zwar in der absoluten Hinsicht auf Gott, dem Ursprung und Ziel der ganzen Schöpfung in der Liebe, die Gott ist in seinem Sein und Leben.

Angesichts der Endlichkeit unseres kurzen Erdendaseins, der irdisch nicht zu erfüllenden Gerechtigkeit für die Armen, für die Erniedrigten, die unschuldig Leidenden, die zu früh Gestorbenen, die Millionen Opfer von Kriegen und Gewalt gibt es − alles zusammengefasst − nur die eine Alternative. Wenn Gott existiert, lebt und wirkt, dann hat alles doch einen Sinn, dann wird die Gerechtigkeit jedem am Ende zuteil, der sich Gott ganz anheimgibt, dann ist das letzte und nie verstummende Wort über die ganze Schöpfung Liebe und ewiges Leben und nicht Hass, Tod, Nichts, das große Aus. „Denn die Schöpfung soll von der Sklaverei und Verlorenheit befreit werden zur Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21). Mit Gott werden alle positiven Faktoren unserer Existenz in der Klammer des Geschaffenen mit Unendlichkeit und Liebe multipliziert.

Durch Gott ist alles ewig in, ohne Gott ist alles endgültig out.

In zehn Fragekreisen setzt sich der Kardinal theologisch und geistlich mit der Situation der katholische Kirche in der Welt der Gegenwart auseinander und bietet über die Diagnose hinaus eine Therapie für den orientierungslosen Menschen der Postmoderne. Den Glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes und Erlöser der ganzen Welt.

 

2. Kardinal Sarah im geistlichen und theologischen Profil

Schon Papst Johannes Paul II. hat die tiefe Spiritualität des damaligen Erzbischofs von Conakry in dem kleinen afrikanischen, ganz islamisch geprägten Land Guinea mit einer katholischen Minderheit erkannt und seine theologische Kompetenz gewürdigt, indem er ihn 2001 an die römische Kurie geholt hat. Und Papst Benedikt XVI. ihn 2010 berief in das Heilige Kollegium der Kardinäle, die dem Papst bei der Regierung der Weltkirche unmittelbar zur Seite stehen. Die Wertschätzung, die ihm Papst Franziskus entgegenbringt, zeigte sich in der Berufung des langjährigen Präsidenten des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden „Cor unum“ zum Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Ordnung der Sakramente. Während ihn die Arbeit für Cor unum weltweit mit den Herausforderungen der Armut und Not konfrontierte, hat er in seinem neuen Arbeitsfeld mit einem anderem Grundvollzug der Kirche zu tun: der Liturgie, dem Gottesdienst und den Sakramenten.

Wie bedeutsam diese Kongregation für die ganze Kirche als Gemeinschaft des Glaubens und der Gottesverehrung ist, zeigt sich etwa in der Beschreibung der Liturgie in dem entsprechenden Dekret des II. Vatikanums: Die Liturgie und speziell die Heilige Eucharistie ist inmitten der Martyria und der Diakonia, (d.h. der Glaubenslehre, der Verkündigung, der Seelsorge und dem caritativen Dienst), Quelle und Höhepunkt allen kirchlichen Lebens und Handelns (vgl. SC 10).

In der Liturgie drückt sich der Glaube aus als unmittelbare Antwort auf die Selbstoffenbarung des dreifaltigen Gottes, der für jeden Menschen in seinem Fleisch gewordenen WORT, in seinem Sohn Jesus Christus Weg, Wahrheit und Leben bedeutet. Die Kongregation für den Gottesdienst hat es mit einem wesentlichen Grundvollzug von Kirche als dem universalen Sakrament des Heils der Welt zu tun. Es geht nicht um eine äußerliche Inszenierung von Riten und Symbolen, in denen der Mensch mit sich selbst spielt, um sich selber kreist, sich selbst verehrt und anbetet, aber ohne sich zu überschreiten in die wahre Transzendenz Gottes. In der Liturgie ereignet sich die Erhöhung des Menschen durch die Gnade. Denn sie ist das Gegenteil eines selbstmitleidigen Egotrips. Liturgie ist die Erhebung der Herzen zu Gott, dem allein Anbetung und Verherrlichung gebührt. Nicht wie im heidnischen Kult und Mythos der Mensch die Götter servil umschmeichelt oder sich prometheisch gegen sie auflehnt, sondern wie in Christus Gott und Mensch sich begegnen, so verehren die Christen Gott. „Die Herrlichkeit Gottes ist der (in der Gnade) lebende Mensch, das Leben des Menschen aber ist die Schau Gottes“, so formulierte es der hl. Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert (Adv. Haer. IV, 20,7: Gloria enim Dei vivens homo, vita autem hominis visio Dei). Angebetet, verherrlicht und geliebt wird der dreifaltige Gott, der in der Person des Wortes unser Fleisch angenommen hat, der in Jesus Christus in seiner wahren menschlichen Natur, in seiner menschlichen Geschichte, in seinem Opfertod für uns am Kreuz und in seiner realen Auferstehung von den Toten den Tod und die Gottesferne überwunden hat. Es ist derselbe Jesus Christus, der als der erhöhte Herr uns Menschen geschichtlich, leiblich und gemeinschaftlich, in der Kirche und ihren Sakramenten realistisch von Person zu Person begegnet.

Die Verantwortung, die Kardinal Sarah von Papst Franziskus übertragen worden ist, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Man bedenke nur, was Joseph Ratzinger − im erst-erschienen der auf 16 Bände berechneten Ausgabe seiner Gesammelten Schriften − der Kirche als Vermächtnis mitgegeben hat: Im Zeitalter der schleichenden oder lärmenden Säkularisierung der abendländischen Christenheit und einer aggressiven De-Christianisierung der Weltgesellschaft wird das richtige Verständnis der Liturgie und ihr würdiger Vollzug zur Schicksalsfrage des Christentums in der Welt von heute und morgen.

Zur Erfüllung dieser Aufgabe bedarf es mehr als nur eines fachlichen Studiums der Liturgiewissenschaft im engeren Sinn. Der geistige Horizont eines Kardinalpräfekten der Kongregation für den Gottesdienst muss die philosophischen, fundamentaltheologischen, dogmatischen, kulturellen und politischen Voraussetzungen und Bedingungen des Christseins in der Moderne und Postmoderne geistig durchdrungen haben. Nur eine tiefgründige Diagnose der geistigen und kulturellen Struktur der globalisierten Welt kann auch zur Entwicklung einer Therapie führen, die den Nihilismus − als den gemeinsamen Nenner aller Erwartungen und Bestrebungen einer Welt ohne Gott − überwindet und den Glauben an Gott als Grund und Ziel des Menschen neu zum Leuchten bringt. Die Liturgie-Unfähigkeit des modernen Menschen, von der Romano Guardini schon 1948 auf dem Mainzer Katholikentag sprach und die „Krise des sakramentalen Idee“ in einem auf die Immanenz begrenzten Bewusstsein, die von Joseph Ratzinger festgestellt worden ist, haben ihren Grund im monistischen System des Naturalismus, der die transzendentale Verwiesenheit des Menschen in Geist und Freiheit auf das Mysterium Gottes leugnet und der konsequent den Menschen eindimensional-innerweltlich begrenzt und ihn nicht als Hörer des Wortes auf eine übernatürliche Offenbarung Gottes in Welt, Geschichte und Geist des Menschen zu sehen vermag.

 

3. Quellen und Prägungen seiner christlichen Identität

Robert Sarah wurde am 15. Juni 1945 geboren in Ourous, einem kleinen unbedeutenden Bauerndorf, als Guinea noch französische Kolonie war. Wie borniert der Kolonialismus war, zeigt sich in der mechanischen Übernahme des französischen Schulmaterials aus dem sogenannten Mutterland. Die Kinder in Guinea lernten, dass sie als Franzosen Nachkommen der Gallier waren. Kolonialismus, Rassismus sowie militärischer oder kultureller Imperialismus waren und sind Schandmale der Menschheitsgeschichte und − theologisch ausgedrückt − Erscheinungsformen der Erbsünde, die nur durch die größere Liebe Gottes vergeben werden kann.

Die erste positive Erfahrung, die sein ganzes Leben bis in die letzten Tiefen seiner geistigen und sittlichen Existenz prägte, war die Begegnung mit den Missionaren aus dem Spiritanerorden. Ohne jede politische Ambition und ohne den leisesten Anklang eines europäischen Überlegenheitsgefühls wirkten die Patres selbstlos, immer demütig und mit voller Hingabe als Männer Gottes, als Botschafter nicht des europäischen Lebensstandards, sondern der alle Menschen ergreifenden und sie familiär vereinenden Liebe Gottes.

Eurozentrik verengt den Horizont. Theozentrik entgrenzt ihn. Christozentrik vereint alle Menschen in Gott.

Wer an Gott glaubt, ist überall zuhause. Und in dem einen Haus des Vaters sind wir alle Brüder und Schwestern. Wir gehören von der Schöpfung aus gesehen zur Familie der Menschheit. Im Licht der Offenbarung zeigt sich die Glaubensgemeinschaft in Christus als Haus und Volk Gottes. Die Liebe Gottes begründet die Würde des Menschen und gibt Hoffnung in Leid und Ungerechtigkeit, sie schenkt die geistliche Kraft, den Hass zu überwinden und sogar den Feind zu lieben, d.h. ihn aus dem Gefängnis der Gottlosigkeit und Menschenfeindschaft zu befreien. Die Liebe des Schöpfers und Erlösers eröffnet die Aussicht auf die Erfüllung der ganzen Schöpfung in Gott selbst. Das ewige Leben ist nicht ein zeitlich unbegrenztes Weitermachen wie bisher − nur unter anderen äußeren Bedingungen. Das ewige Leben ist die Erkenntnis Gottes und seines Sohnes Jesus Christus ( Joh 17,3). Gott lebt in uns und wir leben in Gott. „Der Tod ist nicht das Ende, sondern für mich der Anfang des Lebens“, sagte der erst 39-jährige Dietrich Bonhoeffer kurz vor seiner Hinrichtung durch die Schergen des Fürsten dieser Welt, den Jesus im Johannesevangelium den Lügner und Mörder von Anbeginn nannte (Joh 8,44). Lüge, Mord und Gewalt sind die Kennzeichen der von Menschen errichteten Reiche der Selbsterlösung, die sich an die Stelle Gottes stellen wollen, während das Reich Gottes Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit im Heiligen Geist bedeutet. Der Mensch ist auf das Absolute ausgerichtet. Nur wo Gott über und im Menschen ist, gibt es Wahrheit in Freiheit und Gerechtigkeit in Liebe. Wo der  Mensch sich des Absoluten zu bemächtigen sucht, macht er sich zum Götzen, der durch den Griff nach der totalitären Herrschaft die Menschen durch politisch-mediale Machtausübung gleichschaltet und somit versklavt.

Nach der Entlassung seiner Heimat aus der kolonialen Abhängigkeit von Frankreich, errichtete der Diktator Sékou Touré eine blutige marxistisch-leninistische Herrschaft mit dem Ergebnis von zwei Millionen Flüchtlingen und vielen Tausenden Menschen, die grausam ermordet, gefoltert und gedemütigt wurden. Auch der Vorgänger unseres Kardinals als Erzbischof von Conakry Mgr. Raymond-Marie Tchidimbo und viele Christen wurden brutal misshandelt im Namen einer Ideologie, die die Religion als Opium des Volkes verächtlich macht und im Namen von Freiheit, Fortschritt und Wissenschaft jede Verletzung der Religionsfreiheit und der Menschenrechte gegen Christen für gerechtfertigt und geboten hält. Nach zwei atheistischen Diktaturen auf deutschem Boden in einem Jahrhundert und zwei Weltkriegen, die innerhalb von 25 Jahren von Deutschland ausgingen, wissen wir Deutschen, was eine Welt ohne Gott bedeutet, in der die Glaubenden als gefährlich, rückständig, mittelalterlich verlacht, marginalisiert und aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet werden. Die altliberale Maxime „Religion ist Privatsache“ des 19. Jahrhunderts, die sich im 20.Jahrhundert alle totalitären Politsysteme zueigen gemacht haben, ist nichts anderes als eine extreme Verletzung der Menschenrechte. Denn ebenso wie Agnostiker haben auch Menschen mit der Überzeugung, dass Gott die Liebe ist, das natürliche Menschenrecht, sich gerade auch im Bekenntnis ihrer Lehre und ihrer Lebensführung im öffentlichen Leben für das Gemeinwohl einzusetzen. Eine echte Demokratie unterscheidet sich von der Pöbelherrschaft oder „Volksdemokratie“ dadurch, dass sie auf den unverletzlichen Menschenrechten aufbaut und sie nicht nach ideologischen Interessen selbst definiert, was der Mensch ist und somit den Menschen der Willkür der Masse oder der herrschenden Partei oder Meinung ausliefert. Ein Staat muss weltanschaulich neutral sein, aber er darf nicht zum Zwangsinstrument werden, um eine atheistisch-naturalistische Weltsicht eines Teils seiner Bürger zum Gesetz des Ausschlusses eines andern Teils von den staatlichen und öffentlichen Institutionen zu machen. Mit der weltanschaulichen Neutralität des Staates ist die Erklärung des Säkularismus als quasi Staats-Weltanschauung unvereinbar. Die gebotene Trennung von Kirche und Staat beinhaltet die staatliche Respektierung der Freiheit und Autonomie der Kirche und der Religionsgemeinschaften und darf nicht zum Vorwand der Entrechtung der Gläubigen und der Einschränkung ihrer Grundrechte werden und kann auch nicht den Raub des Kirchengutes oder ihre Zurückdrängung aus der Öffentlichkeit rechtfertigen (II.Vat. Dignitatis humanae 4). Der moderne demokratische Staat muss weltanschaulich neutral sein und das bürgerliche Engagement auch der Glaubensgemeinschaften fördern. Er muss naturrechtlich, aber eben nicht säkularistisch-agnostisch begründet sein. Wo er Bürger gegen deren religiöse Überzeugung ins Private abdrängt oder zum Tun des Bösen gegen das Gewissen zwingt, und die Öffentlichkeit der Kirche verschließt, verletzt er das Menschenrecht der Religionsfreiheit und entzieht seiner demokratisch-rechtstaatlichen Legitimation den Boden (DH 6). Wo das Gewissen sich nicht mehr einer überweltlichen Instanz oder besser gesagt dem personalen Gott als Richter über Gut und Böse und als Orientierung für wahr und falsch verantwortlich fühlt, da ist − nach einem Wort Fjodor Dostojewskis − „ alles erlaubt“. Der russische Dichter formulierte es nur theoretisch. Wir Zeitgenossen des 20. Jahrhunderts wissen, was das praktisch bedeutet.

In dieser Zeit der Verfolgung in seiner geliebten Heimat findet sich eine zweite tiefe Quelle der Spiritualität von Kardinal Sarah. Die Erkenntnis Christi, des Gekreuzigten. Ich hatte schon von der Erfahrung der Demut und unbedingten Opferbereitschaft der französischen Missionare gesprochen, die ihm den ohne jede Vorbedingung uns Menschen liebenden Gott ins Herz eingepflanzt haben. Jetzt ist es mitten in der Verfolgung, wo es menschlich gesprochen keinen Ausweg gibt, die Erfahrung des Kreuzes Christi, die Hoffnung gegen alle Hoffnung vermittelt. Kalvaria ist der höchste Punkt, von dem aus wir mit den Augen des Gottessohnes am Kreuz die Menschen, die Welt, die Geschichte und die ganze Schöpfung betrachten und mit dem Übermaß der vergebenden und versöhnenden Liebe Gottes beurteilen. Stat crux, dum volvitur orbis. Das Kreuz steht fest, und wenn die ganze Welt umstürzt und im Chaos  zu versinken droht.

Und doch haben wir es im geoffenbarten Glauben, der von Gott kommt, nicht mit einer Gegenideologie zu tun. Im Glauben begegnet uns Christus selbst. Er, der als wahrer Mensch unser Erdenleben und Leiden am eigenen Körper und in der eigenen menschlichen Seele und in seinem menschlichen Bewusstsein ertragen und dem Vater im Himmel aufgeopfert hat, ist derselbe , der von den Toten auferstanden ist. „Er ist der wahre Gott und das ewige Leben.“( 1 Joh 5,20). Und die Gemeinde seiner Jünger, die Kirche bekennt ihn als den wahren Gott, den Sohn des Vaters, unser aller Erlöser und der Hohepriester und Mittler des Neuen und Ewigen Bundes.

Von den Patres hat Robert Sarah gelernt und das war eine weitere Grunderfahrung, was Mission eigentlich ist, nämlich die Verkündigung und die Einbeziehung eines jeden Menschen, der im Glauben  frei Ja sagt zu Gott, in das Geheimnis der göttlichen Liebe des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Christliche Mission ist das Gegenteil von Proselytismus, der nur überredet und nötigt, die eigene Kultur und Mentalität zu übernehmen, statt die Begegnung mit der wahren Gott in Wort und Sakrament zu vermitteln. Proselytismus instrumentalisiert andere für die Bestätigung des Selbst. Mission bezeugt den Brüdern die Liebe Gottes jedem einzelnen Menschen.

Der jugendliche Katholik Robert Sarah hat auch die Heilige Messe kennen und lieben gelernt als Gemeinschaft mit Jesus in Liebe und Wahrheit. Mission und Kreuz aber gerade auch die Liturgie sind die Quellen der geistlichen Existenz von Kardinal Sarah. Wenn ich die Heilige Messe gläubig und mit der gebotenen tiefsten Ehrfrucht vor Gott mitfeiere, dann nimmt Jesus mich mit meinem ganzen Leben, Arbeiten, Sorgen und Leiden hinein in sein Opfer am Kreuz, in dem er sich dem Vater für das Heil der Welt dahingegeben hat, damit wir in Gott, aus Gott und für Gott jetzt und ewig leben können. Die sakramentale Kommunion führt uns, wenn wir sie im Stande der heiligmachenden Gnade, der im Leben bewahrten oder im Bußsakrament wiedererlangten Taufgnade, mit der Liebe zu Gott über alles und mit der Liebe zu unseren Nächsten wie zu uns selbst empfangen, in die geistliche  Lebens-Gemeinschaft mit Christus. Sie ist Einheit mit Jesus Christus in seiner wahren Menschheit und Gottheit.

So von einem tiefen Glauben geprägt anhand der Vermittlung und des guten Beispiels glaubwürdiger Diener des Herrn, formte sich im Inneren des jungen Robert Sarah, der Gedanke und der Wunsch, dem Herrn selber als Priester zu dienen. Sein Vater und seine Mutter waren fromme Katholiken, gleichsam in der ersten Generation, die ihrem einzigen Kind in warmer elterlicher Liebe verbunden sind. Aber es war für sie noch unvorstellbar, dass ein Schwarzer Priester werden könnte. Natürlich haben sie theoretisch gewusst, dass vor Gott alle Menschen gleich sind und dass Gottes Liebe zu jedem  Menschen dem einzelnen nichts nimmt, sondern ihn bestätigt und ihn so in die Kirche als Familie Gottes einführt.

Und doch waren sie noch befangen vom Geist und Ungeist der Meinung, das Christentum sei eigentlich eine Religion der Europäer. Aber der universale Horizont des katholischen Glaubens befreit von den sekundären Überlagerungen des Evangeliums Christi. Nur Gott kann Menschen zu einem besonderen Dienst berufen und einzelnen mehr Gnade und Talent verleihen, ohne seine Gerechtigkeit aufzugeben. Denn Gottes Gerechtigkeit besteht in der Mitteilung unterschiedlicher Charismen an die einzelnen, damit alle im Zusammenwirken der verschiedenen Gnadengaben zum Wohl des Ganzen beitragen. Die Verschiedenheit der Menschen offenbart so die Gerechtigkeit Gottes gegenüber allen, weil in der Vielheit der Sendungen, Vollmachten und Charismen die größere Gemeinschaft möglich wird. Somit ist auch die Kirche nicht eine sekundäre Folge der individuellen Gottesverhältnisses der einzelnen Personen. Gott wollte die Menschen, die ihrer geschaffenen Natur nach Gemeinschaftswesen sind, nicht isoliert voneinander erlösen, sondern sie zu einer Gemeinschaft zu machen, die in Christus das Heil vergegenwärtigt und vermittelt (II.Vatikanum, Lumen gentium 9). Die Kirche ist Haus und Volk Gottes, Leib Christi und Tempel der Heiligen Geistes. Jedem werden die Gaben des Geistes so mitgeteilt, dass sie den anderen nutzen und so der ganze Lieb Christi, die Kirche, in Liebe aufgebaut wird (1 Kor 12,7; Eph 4,16).

Und so fügten sich die Eltern aus Liebe zu ihrem Sohn in den Willen Gottes, dass ihr Sohn dem Reich Gottes als Priester dient gerade auch in der Lebensweise der Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen (Mt 19,12; 1 Kor 7,32). Den Zölibat der Priester versteht nur der geistliche Mensch. Dem mondänen und säkularisiertem Denken ist er ein Relikt aus einer Zeit, in der die Gläubigen alles auf Gott setzten. Dem Hedonismus ist es das Hassobjekt schlechthin. Er wird konsequent missdeutet, verdächtigt und verächtlich gemacht von denen, die das katholische Priestertum nur in den weltlichen Kategorien eines Kultbeamten oder eines gelegentlich seltsame Kleider tragenden Sozialarbeiters oder Lebensberaters zu erfassen vermögen.

Schließlich haben seine Eltern erlebt, wie aus ihrem Sohn ein Seelsorger, Professor der Theologie, und mit 33 Jahren ihr Robert zum Erzbischof der Hauptstadt wurde. Sie bangten täglich um ihn, der oft mit dem Tod bedroht wurde und so mutig vor den Machthabern dieser Welt Zeugnis für die Liebe, Demut und Barmherzigkeit Jesu ablegte. Das ist christliche Identität: zu wissen, dass vom Kreuz Christi die wahre Freiheit, das wahre Glück des Menschen und seine ewige Seligkeit ausgehen.

Auch seinen Weggang nach Rom erlebten sie einerseits schmerzlich berührt vom Abschied und andererseits auch mit berechtigtem Stolz, dass ihr Sohn nun dem Papst bei der Leitung der Universalkirche nahe ist und zur Hand geht. Weltlich betrachtet könnte man den Weg aus dem vergessenen Dorf an der Peripherie eines Kolonialreiches ins Zentrum der Weltkirche in Rom für eine afrikanische Variante des amerikanischen Traums „vom Tellerwäscher zum Millionär“ halten. Der Vergleich legt eher den Weg der einfachen Fischer vom See Genezareth zu Jesus nahe, der sie als seine Apostel in alle Welt aussendet. Beim Traum Millionär zu werden steht der Materialismus als Leitbild über allem. Geld ist im ideologischen Kapitalismus nicht Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck. Das Geld wird zum Gott und wie viele Menschen wurden auf dem Altar des Kapitalismus schon wie Menschenopfer geschlachtet.

Bei der Geschichte „vom afrikanischen Bauernjungen zum Kardinal der Heiligen Römischen Kirche“ geht es um ein spirituelles Menschenbild. Nicht der materielle Überfluss, sondern der Schatz im Himmel ist das Kriterium für ein gelingendes Leben. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, aber an seiner Seele Schaden erleidet“ (Lk 9,25). Der Christ hat die Freiheit, sich für andere aufzuopfern und darum reich zu werden in der Liebe.

Eine Mutter, die ihrem kranken oder sterbenden Kind unter Opfern noch viel Liebe schenkt, ist reicher als eine andere, deren Kinder sich eines riesigen Bankkontos rühmen, die aber von ihrer Mutter nichts wissen wollen, weil die alte, kranke Frau ihr Genussleben stört.

Der Theologiestudent Robert Sarah hat hervorragende und geistlich überzeugende Lehrer gehabt auch bei seinen höheren Studien in Frankreich, Jerusalem und Rom. Sie haben ihn zu einem selbständigen Denken und Urteilen geführt dank der Ausgewogenheit der intellektuellen, humanen und spirituellen Ausbildung und Formung. Kardinal Sarah wurde so zu einem führenden Intellektuellen des katholischen Geisteslebens. Im Kardinalskollegium hat seine Stimme Gewicht und er ist dem Hl. Vater mit seinem klaren Verstand, und seinem sicheren Urteil in Glaubensfragen eine wirkliche Hilfe.

Wer aus einer verfolgten Kirche kommt, gehört nicht zur Spezies der Opportunisten, die sich zu allen Zeiten der Kirchengeschichte in das vermeintliche Machtzentrum gedrängt haben. Kardinal der römischen Kirche sein heißt, dem  universalen Hirten der Kirche zu dienen und  nicht sich seiner Nähe zu rühmen. Dieses Handeln, Reden und Sich-selbst-Inszenieren nach den Gesetzen der Mediengesellschaft wird von Papst Franziskus als mondänes Denken verurteilt. In Freiburg hatte Benedikt XVI. von dem notwendigen Ende der Verweltlichung der Kirche gesprochen, ohne bei den Betroffenen Gehör zu finden. „Die mondäne Versuchung ist eine Pest. Es geht nicht um eine menschliche Erhöhung in der Kirche, sondern ganz einfach um eine Nachahmung des Sohnes Gottes in seiner Demut und Barmherzigkeit“, sagt Kardinal Sarah (vgl. 2.Kap.).

Die Kirche ist weltweit die einzige Anwältin der Armen. Ihr Ziel ist nicht die Angleichung Afrikas an den mondänen, nihilistischen, zynischen Lebensstil eines dem Glauben entfremdeten Europas und Nordamerikas. Bei aller sozialen Hilfe geht es nicht darum, dass die Armen zu Millionären werden um im Geld den Lebenszweck entdecken und dabei den Schatz im Himmel zu verlieren, der nicht wie alle Reichtümer dieser Welt von Rost und Motten zerstört wird. Es geht vielmehr um ein Leben aller in Würde und darum, den Armen nicht den Reichtum der Gnade und Barmherzigkeit Gottes vorzuenthalten. „Der Hunger nach Brot muss verschwinden; der Hunger nach Gott muss wach bleiben“, sagte einmal Johannes Paul II. in den Elendsvierteln von Lima. Wer den Hunger der Menschen nach Gott nicht erkennt, der belässt sie in ihrer schlimmsten Misere. Einigen katholischen Hilfsorganisationen ist es heute peinlich von Gott zu sprechen. Sie wollen sich auf rein humanitäre Tätigkeiten beschränken, um dem Vorwurf des Proselytismus zu entgehen. Auch nehmen manche Vertreter und Angestellte dieser Hilfswerke vor Ort nicht am gottesdienstlichen Leben teil, das sie als Rest der Unaufgeklärtheit ihrer dortigen afrikanischen und asiatischen Brüder und Schwestern ansehen. Demgegenüber hat Papst Franziskus in Evangelii gaudium von seinem Schmerz über diese schlimmste Art der Diskriminierung der Armen gesprochen, wenn man ihrem spirituellen Hunger nach Gott, der Gnade und den Sakramenten mit Gleichgültigkeit und der bornierten Selbstgefälligkeit des Aufgeklärten gegenübersteht und sie im materialistischen Sinn auf Lebewesen reduziert, denen man bloß Essen und Trinken verabreichen muss, um sie ruhig zu stellen. Dem teuflischen Versucher, der von Jesus verlangte aus Steinen Brot zu machen, hält der wahre Messias entgegen: „Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht.“ (Mt 4,4). Die „vorrangige Option für die Armen“ besteht in der Sorge um ihre Offenheit für Gott und von daher kommt auch die umfassende Option für die materielle und kulturelle Teilnahme am Leben der Gemeinschaft. Dem gedankenlosen und banalen Vorwurf, die Hoffnung auf Gott lähme das Engagement auf Erden, lässt sich mit dem Hinweis auf bekannte und unbekannte Heilige begegnen, die die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe, von Gott-Orientierung und Welt-Verantwortung vorgelebt haben. Der Kardinal nennt Damian de Veuster, der auf einer Südseeinsel sein Leben für die Leprakranken aufopferte und Mutter Teresa, die für die Armen von Kalkutta da war. Schließlich fällt die Bilanz der Ideologen, die ein Reich rein irdischer Wohlfahrt errichten wollten im Gegensatz zum Glauben an Gott nicht nur ernüchternd, sondern erschütternd aus, allein schon wenn man sich auf das 20. Jahrhundert beschränkt. Wen wundert die Gleichgültigkeit über die ungeheuren Gewalttaten gegen die Christen Afrikas und des Vorderen Orients bei westlichen Politikern und Führern der öffentlichen Meinung, wenn die Entchristianisierung Europas und der ganzen Welt das Ziel ist? Menschrechte sind nach den Vorstellungen der Kirchenfeinde doch teilbar?

In Kardinal Sarah meldet sich die Stimme der jungen, dynamischen, wachsenden katholischen Kirchen in Afrika kompetent und überzeugend zu Wort. Um 1900 gab es in Afrika 2 Millionen Katholiken, hundert Jahre später sind es um die 200 Millionen. Um 1900 bekannten sich in Deutschland 97% der Bevölkerung zum christlichen Glauben, 2015 sind etwa 60%. Afrika ist endgültig aus dem Status des Empfangenden herausgetreten. Die reiche Frucht der wahren Mission, die vom dreifaltigen Gott ausgeht und alle Menschen zur Gemeinschaft mit ihm in der Liebe hinführen will, ist ein gemeinsames Anliegen geworden, das alle Christen in der einen Welt auf allen Kontinenten verbindet und die Kirche in ihrer wahren Katholizität hervortreten lässt. Die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch, oder sie verfehlt ihren Auftrag, wie Papst Franziskus nicht müde wird zu wiederholen.

Es geht nicht darum, das kulturelle Überlegenheitsgefühl der Europäer seit der Aufklärung und den liberalen Fortschrittsglauben nur mit dem paternalistischen Gestus zu überwinden, dass die Afrikaner und Asiaten aufgeholt haben. Vielmehr ist es mit dem christlichen Glauben, dass Gott den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat, prinzipiell unvereinbar, dass sich ein Teil der Menschheit kulturell oder politisch einem anderen überlegen fühlt und sich als Führungsmacht der Menschheit, der Staatengemeinschaft oder sogar der Universalkirche aufspielt. Um als Theologe und Kardinal in der Weltkirche gehört zu werden, brauchte Robert Sarah seine afrikanischen Wurzeln nicht zu kappen, die Liebe zu seinen Eltern und zu seiner Heimat nicht zu verraten oder seine Identität als Schwarzer Afrikaner zu verstecken. Er versteht die afrikanische Kultur vor der Begegnung mit der christlichen Mission als einen von Gott geführten Weg hin zum Evangelium vom Reich Gottes. Die Idee von der angeblichen Gleichwertigkeit der Religionen mit der Selbstoffenbarung Gottes in Christus erweist sich als Produkt der westlichen Relativismus, der die Möglichkeit einer übernatürlichen Offenbarung  in Abrede stellt. In Wirklichkeit sind die Religionen bei all ihren Defizienzen aufgrund der Erbsünde das Zeugnis der natürlichen Offenbarung desselben Gottes, der seinen Heilsplan selbst in Christus geschichtlich verwirklicht und der um seinen universalen Heilswillen zu verwirklichen in seinem eingeborenen Sohn, der Gott selbst ist, nicht auf eine pluralistische Religionstheorie (à la Jacques Dupuis, John Hick) angewiesen ist. Es ist derselbe Gott, der sich im Werk seiner Schöpfung und im sittlichen Gewissen aller Menschen nicht unbezeugt gelassen hat, der sich als Heil aller Menschen in der Inkarnation des Wortes und in Kreuz und Auferstehung Christi geoffenbart hat und der die Welt zur Vollendung in ihm führen wird (Röm 1,18ff; Apg 17,22-34). Deshalb spricht Kardinal Sarah auch vom Glauben an den einen und höchsten Gott in der afrikanischen Kultur bei aller Verdeckung durch den Polytheismus des Alltags. Auch in der Ahnenverehrung manifestiert sich die Erkenntnis der Einheit der Menschheit und ihrer Solidarität im Heil. Dies kann ein wichtiger Ansatzpunkt für die übernatürliche Erkenntnis der die Generationen vereinenden Kirche sein und besonders den Gedanken der Gemeinschaft der Heiligen mit einer anthropologischen Grunderfahrung verbinden.

Dem exotischen Interesse europäischer Religionswissenschaftler, die ihrem eigenen Glauben entfremdet sind, etwa an den Initiationsriten erteilt der Kardinal eine Absage. Wie er aus eigener Erfahrung weiß, dienen diese Riten mit ihren körperlichen Prüfungen nicht der wirklichen Transformation des Menschen zu einer freien und verantwortlichen Persönlichkeit, weil sie auf Lüge, Gewalt und Angst aufbauen. Sie bieten so keine echte Basis zur Antwort auf die existentiellen Fragen und führen nicht zur Übernahme von Verantwortung für die Welt und die Gesellschaft. Die fälschlich sog. Beschneidung der Mädchen ist nichts anderes als schwere Körperverletzung und somit ein Übergriff in die natürlichen Menschenrechte und hat mit der rituellen Beschneidung von Knaben im Alten Bund und im Judentum nichts gemein. Die Berufung auf eine religiöse Tradition oder gar die Religionsfreiheit greift nicht. Denn es handelt sich hier nicht um einen religiösen Akt im Sinne der Gottesverehrung, sondern um einen eklatanten Widerspruch zum natürlichen Sittengesetz, in dem sich der Wille Gottes zum Heil des Menschen grundlegend schon manifestiert gerade auch in der Hinordnung auf die Offenbarung Gottes in Christus und in der Mitteilung des Heiligen Geistes.

Kardinal Sarah hat die ganze Krisensituation, die sich in der Kirche nach dem Konzil gezeigt hat, biographisch und geistig wach und geistlich einfühlsam miterlebt. Er weiß, dass nicht die authentische Lehre des II. Vatikanums dafür verantwortlich ist, sondern die ideologische und politische Instrumentalisierung eines sogenannten „Geistes des Konzils“, der aber ein Geist progressistischer Ideologien war. Im modernistischen Entwicklungsschema sind Offenbarung und Dogma der Kirche nur geschichtlich bedingte Durchgangsstufen, an deren Ende die Selbstvergöttlichung des Menschen steht. Die Offenbarung in Christus und die bisherige Geschichte wäre nur ein Vorspiel für ein Gottes-, Welt- und Kirchenverständnis, in dem der Mensch selbst zugleich Subjekt und Gegenstand der Offenbarung sei. Das ist der wahre Hintergrund der These, die „Lebenswirklichkeit“ sei die eigentliche Offenbarungsquelle, wodurch Schrift und Tradition auf geschichtliche Vorstufen reduziert werden, die vom höheren Standpunkt des im Menschen zu sich kommenden absoluten Geistes aufgehoben seien. An die Stelle des depositum fidei (1 Tim 6,20), der Gesamtheit der Wahrheit der Offenbarung, die die ganze Kirche und besondere das Lehramt des Papstes und der Bischöfe treu zu wahren haben, tritt die medial organisierte Mehrheitsmeinung, in der sich der angebliche Glaubenssinn des Gottesvolkes aussprechen soll. In Wirklichkeit ereignet sich im Glaubenssinn des Gottesvolkes keine neue Offenbarung, sondern in ihm wird die „ein für alle mal“ (Hebr 10,10) ergangene Heils-Offenbarung Gottes in Jesus Christus vollständig bewahrt und auf den Menschen von heute und morgen bezogen. Es geht nicht darum die Offenbarung der Welt anzupassen, sondern die Welt für Gott zu gewinnen.

Statt des Studiums von Schrift und Tradition vergeuden Theologiestudenten, und Forschungsinstitute mit Meinungsumfragen zur Sexualmoral nur ihre Zeit und das von Kirchensteuermitteln gesponserte Geld. Sie sind angesetzt, nur um das Lehramt auf Kurs zu bringen, so als ob das Leben der Kirche den Gesetzes von Parteitagsregien gehorchen würde.

Wahrscheinlich sind sich die Protagonisten der Tragweite solcher Theoreme nicht bewusst und verharmlosen ihre Position  um arglose Geister einzuschläfern, indem sie von einem nur pastoralen Anliegen reden.

Im Konzil hätte der katholische Glaube sich dann zur Gnosis zurückverwandelt, die er im 2. Und 3. Jahrhundert erfolgreich überwunden hatte oder das geschichtliche Christentum hätte sich in eine Variante des Idealismus Hegelscher Prägung umgewandelt. Seit dieser Zeit gibt es in der Kirche und doch zugleich auch gegen sie zwei ideologische Richtungen, die einander ausschließen, aber doch in der Frontstellung gegen die Grundprinzipien des katholischen Glaubens eine Aktionseinheit bilden. Es sind die Richtungen des Integralismus und des Modernismus, die auch unter anderen Etiketten verkauft werden. Der Einfachheit halber vermengt man sie mit den politischen Kategorien konservativ und liberal ohne zu beachten, dass es in der Politik um weltliche Macht und das menschlich Machbare geht und in der Kirche um die von Gott geoffenbarte Wahrheit über den Menschen und sein ewiges Heil in Gott. Es ist nach Kardinal Sarah für die Kirche selbstzerstörerisch, wenn sie sich dem politischen und medialen Spiel um die Macht ausliefert. Statt nach der Wahrheit zu fragen, die sich aus der definitiven Offenbarung in Christus ergibt, wollen ideologische Richtungen die Kirche zum Gegenspieler oder zum Mitläufer des Naturalismus in seiner liberalen, nationalistischen oder kommunistischen Variante machen.

In der Linie des Lehramtes der Päpste der jüngeren Zeit und besonders von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. und gerade auch im Geiste von Papst Franziskus gilt es, die Kirche im katholischen Glauben zu vereinen und die politisch-ideologische Spaltung in ihrem Innern zu überwinden. Notwendig ist die Neuevangelisierung über eine bloße „Sakramentalisierung“ (Sakramentenspendung ohne persönlichen Glauben) hinaus, indem man sich in Europa nur zu oft darauf beschränkt, den statistischen Bestand der Kirche aufrechtzuerhalten. Entscheidend dafür ist ein umfassender Dialog zwischen Glaube und Vernunft. In diesem Zusammenhang möchte ich den Berliner Philosophen Volker Gerhardt empfehlen, der in der Tradition der Transzendentalphilosophie wohl, mit seinem Buch: „Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche“ (3.Aufl. Berlin 2015) in der Absicht dieses Dialoges den Entwurf eine natürlichen oder rationalen Theologie ausgearbeitet hat.

Aus der Erfahrung der liebenden Gegenwart Gottes für uns und somit der Würde des Menschen als Person vor Gott ergibt sich für Kardinal Sarah die Auseinandersetzung mit einer „Kultur“, für die der Tod Dreh- und Angelpunkt ist und der nur die schmutzige Kehrseite ihres atheistischen Nihilismus darstellt. Die Entchristlichung soll bis in die anthropologischen Wurzeln vorgetrieben werden. Wenn der Mensch in seinem leiblichen, seelischen und geistigen Sein nur das Produkt einer ideologischen Konstruktion ist und sich so der Willkür gesellschaftlicher Interessen und ideologischen Pressure-Groups und nicht der Güte des Schöpfers verdankt, ist jeder Moral der Boden entzogen. Das sittliche Grundgesetz, das jedem Menschen von Gott ins Gewissen geschrieben ist und zu einer geistig-sittlichen Natur gehört, auch wenn er die 10 Gebote noch nicht wörtlich kennt (Röm 2,14f), heißt: „Das Gute ist zu tun und das Böse ist zu meiden!“

Im Programm der De-moralisierung und Ver-atheisierung der Menschheit wird das sittliche Grundgesetz ins Gegenteil verkehrt. Tötung eines Kindes im Mutterleib wird zum Frauenrecht, die Beseitigung eines schwer Kranken und Sterbenden zu einem Akt des Mitleides, die milliardenschweren Programme zur Abtreibung und Empfängnisverhütung werden zum Kampf gegen die Armut verklärt, damit die natürlichen Ressourcen für die Reichen reserviert bleiben und nicht durch ein Heer der Armen aufgebraucht werden; dann ist die Selbstzerstörung durch Drogen ein Akt der freien Selbstverfügung und der Menschenhandel mit Frauen aus den armen Ländern wird nur lau bekämpft oder als selbstverschuldet bagatellisiert. Das weltweite Verbrechen der Zwangsprostitution oder der Nötigung armer Frauen zum Sex mit reichen Lüstlingen wird geradezu salonfähig gemacht durch die Forderung, die Prostitution zu legalisieren. Die milliardenschwere Sex- und Pornographie ist nichts anderes als eine Ausbeutung von Menschen, die ihrer Person-Würde beraubt werden. Sie reiht sich unwürdig ein in die größten Menschheitsverbrechen.

Ihrer argumentativen Haltlosigkeit überführt der Autor die Genderideologie als Folge des radikalen Feminismus und angeblichen sexuellen Revolution der 68er Zeit, denen es nicht um die gerechte Beteiligung aller Männer und Frauen am geistig-kulturellen Leben geht, sondern um die Zerstörung der leiblich-geistigen Identität des Menschen als Mann  und Frau.

Beim Thema Homosexualität, dem im Verhältnis zu den Schicksalsfragen der Menschheit eine absolut überproportionale Bedeutung zugesprochen wird, verteidigt allein die Kirche die Würde eines jeden Menschen. Die Kirche lehnt das Spiel mit den davon betroffenen Menschen ab und schützt sie vor der Instrumentalisierung für den ideologischen Beweis, dass der Mensch nicht von Gott geschaffen sei, sondern ein Produkt gesellschaftlicher Selbst- und Fremdbestimmung darstelle, das man beliebig manipulieren könne. Die Menschenwürde und die bürgerlichen Rechte dieser Personen stehen gar nicht zur Debatte. Indem man aber die Ehe von Mann und Frau einem sexuellem Verhältnis von Personen gleichen Geschlechts gesetzlich und in der gesellschaftlichen Bewertung gleichstellt, ist die Ehe in ihrem Wesen als Gemeinschaft des Leibes, des Lebens und der Liebe von Mann und Frau zerstört. Der Zukunft der Menschheit wird biologisch, seelisch und kulturell der Boden entzogen. Das ist die Wahrheit, die hinter einer Nebelwand von Propaganda und Agitation zum Vorschein kommt. Nicht die Anerkennung der Person-Würde von homosexuell empfindenden Mitmenschen ist das Ziel der Genderideologie und des radikalen Feminismus, sondern die Zerstörung der Ehe von Mann und Frau und damit der Familie, die natürlich aus dem Lebensbund von Mann und Frau als Vater und Mutter ihrer gemeinsamen Kinder hervorgeht.

Es ist nur ein subtiler Neokolonialismus, wenn Entwicklungshilfe für Afrika von internationalen Organisationen und Gender-Staaten an die Übernahme dieser destruktiven Ideologie gebunden wird.

„Lieber sollen sie verhungern, wenn sie sich nicht unserer Gehirnwäsche aussetzen wollen“, so wird unverhohlen erpresst. Der Ungeist des europäisch-angelsächsischen Dünkels steht wieder auf, wenn Studenten aus den ärmeren Ländern Mainstreaming und Gleichschaltungskurse verabreicht werden − natürlich mit westlichen Steuergeldern gesponsert −, damit sie in ihrer Heimat die Alten auf Linie bringen, die im vorrationalen Denken und noch unbehelligt von den Weisheiten der Genderideologie in ihren Tabus befangen sind.

 

4. Die Kirche als Zeugin der Wahrheit und der Gutheit Gottes

Die Kirche ist den Menschen die Wahrheit Gottes schuldig. Sie darf sich auch nicht einschüchtern lassen von Vorwürfen etwa der Unterbewertung der Sexualität oder sich in die Zwickmühle ihrer Verteufelung oder Vergötzung bringen lassen. Die substantiale Einheit des Menschen in Geist, Seele und Leib, seine Bezogenheit auf die Gemeinschaft und die generationenübergreifende Verantwortung, die Identität als Mann und Frau in ihrer wesenhaften Bezogenheit aufeinander: alle diese Faktoren zeigen die Stimmigkeit der Ehelehre und der Sexualmoral der Kirche, die sie von Gott empfangen hat. Die innere Steigerung von Sexus, Eros und Agape in der Person der Ehepartner  weist die Ehe aus als natürliche Lebensgemeinschaft von einem Mann und einer Frau, die frei und für immer Ja zueinander gesagt haben. Dies gilt nicht nur für den Augenblick einer schönen Stimmung, weil Liebe Ganzhingabe bedeutet und nicht ein Gefühl der Hochstimmung, dem keine Dauer beschieden sein kann. Wenn auch aus der Kirche heraus eine neue Sexualmoral gefordert wird, mag dies von manchen unter Verkennung der Wahrheit des Evangeliums als befreiende Entlastung vom gesellschaftlichen Konformitätsdruck in Familie, Medien, am Arbeitsplatz empfunden und begrüßt werden. Den Menschen hilft eine alte heidnische und als neu angepriesene Sexuallehre nicht, die auf falschen anthropologischen Prämissen aufbaut, den Geboten Gott diametral widerspricht und vom Standpunkt der Offenbarung als häretisch zu qualifizieren ist. Nur was sittlich gut ist und dem Willen Gottes entspricht, kann auch den Menschen zum Glück und Heil gereichen. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass der Hedonismus eine uralte Irrlehre ist und nur den atheistischen Nihilismus als theoretische Basis hat, kann man nur von einer atheistischen Anthropologie her die Sexualität als moralfreien Raum ansehen, in dem allenfalls ein paar äußere Regeln gelten. Die Sexualität ist vielmehr von innen her dem moralischen Prinzip der Unterscheidung von Gut und Böse ausgesetzt, nämlich dass durch sie in der geistleiblichen Einheit der Person die Liebe und die Hingabe ohne Vorbehalt und jede Berechnung oder wechselseitige Instrumentalisierung ihr Kriterium ist.

Wir wissen alle, sagt der Kardinal, dass wir Sünder sind und gerade im Bereich der Sexualität sich die Schwäche des Menschen sehr deutlich zeigt, die Leiblichkeit in das Person-Sein zu integrieren. Dem Menschen, der sein Fehlverhalten einsieht und seine Schuld bereut, versagt Gott seine Vergebung nie und er hat auch der Kirche die Vollmacht zur Vergebung aller Sünden im Bußsakrament anvertraut. Der Skandal besteht nicht darin, dass immer wieder das 6. Gebot übertreten worden ist und übertreten wird. Der Skandal wäre es und ein Abfall der Kirche von Gott, wenn die Kirche den Unterschied von Gut und Böse nicht mehr nennen würde oder gar frevelhaft das für gut erklärt, was Gott als Sünde erklärt; oder wenn man gar Gott mit fromm klingenden Worten in Anspruch nimmt um die Sünde, statt den Sünder zu rechtfertigen.

 

5. Eine Botschaft für das katholische Deutschland aus Afrika

Das Buch von Kardinal Sarah trifft mit der deutschen Übersetzung in die katholische Kirche dieses Sprachraums, wo die Krise des Glaubens mit Händen zu greifen ist. Leere Kirchen, verwaiste Beichtstühle, kaum Priesteramtskandidaten, ein Kloster nach dem anderen schließt, die Kenntnis des eigenen Glaubens auf einem Tiefststand, und evangelisch und katholisch zusammen im Jahr 2014 haben weit über eine halbe Million Christen, die in der Taufe zu Kindern Gottes wurden, der Kirche Jesu Christi öffentlich den Rücken gekehrt. Oft werde ich gefragt, woher das Establishment der sog. „deutschen Kirche“, den Anspruch ableitet, bei allen Symptomen eines dramatischen Niedergangs ausgerechnet in den Fragen der Sexualmoral und der katholischen Ehelehre für die Weltkirche Schrittmacher zu sein. Wenn man alten Wein in neue Schläuche gießt, könnten sie die Schläuche zerreißen und den neuen Wein verderben. Mit den Ursachen der Glaubenskrise in Europa könnten leicht auch ihre Folgen nach Afrika exportiert werden. Man versuche es einmal anders herum. Nicht die Europäer spielen sich als Lehrer der Afrikaner auf. Statt die Selbstsäkularisierung als Antwort auf die Glaubenskrise den jungen, wachsenden Kirche als Modell anzubieten, müssten wir den geistlichen Reichtum und die Glaubensstärke anderer bei uns als Heilmittel einführen. Nur so kann die katholische Kirche in Europa überleben und die geistlich Toten wieder zum Leben im Glauben zu erwecken. Wir könnten von den jungen Kirchen lernen und sollten aufhören uns klammheimlich zu freuen, wenn es dort wie überall, wo Menschen menscheln, auch Mängel zu beklagen sind. Wir sollen nicht anderen verheißen, dass es bei denen auch mal so kommt wie es bei uns ist − als ob die Entchristlichung ein nicht aufzuhaltender Naturprozess wäre. Nein! Mit dem Glauben kann man Berge versetzen.

Nur eine nachhaltige Neuevangelisierung mit allem apostolischen Freimut und Eifer könnte dem Schalwerden des Christentums in Deutschland entgegenwirken; doch statt dessen werden problemblind die hl. Kommunion für zivil Verheiratete, die noch in einer gültigen kirchlichen Ehe leben und die Anerkennung homosexueller Beziehungen zu Zentralthemen einer Pastoral der Zukunft erklärt. Und die Aktivitäten sind erstaunlich. Mit allen  Mitteln wird versucht, exegetisch, historisch, dogmengeschichtlich und mit Hinweis auf Psychologie und Soziologie die katholische Ehelehre, die sich aus der Lehre Jesu ergibt, zu dekonstruieren und zu relativieren, nur damit die Kirche gesellschaftskonform erscheint und obengenannte Ziele erreicht werden. Wer treu zur Lehre der Kirche steht, wird publizistisch bekämpft und gar noch als Gegner des Papstes diffamiert, so als ob nicht der Papst und alle Bischöfe in Gemeinschaft mit ihm Zeugen der geoffenbarten Wahrheit wären, die ihnen zur treuen Verwaltung übertragen wurde, damit sie nicht von Menschen auf menschliches Maß abgesenkt wird. Es kann in diesem Klima des deutschen Führungsanspruchs für die ganze Weltkirche dann schon mal vorkommen, dass einem Präfekten der Glaubenskongregation von einem Laienfunktionär oder einem Professor über eine Boulevardzeitung eine Lektion über den katholischen Offenbarungsbegriff erteilt wird. Apostolischen Freimut und gläubiges Selbstbewusstsein sollte man gegenüber der Zerstörung des christlichen Menschenbildes und im Zeugnis für die Wahrheit des Evangeliums Christi an den Tag legen und seine Kräfte nicht in innerkirchlichen Prestigekämpfen vergeuden oder gar gegen „Rom“ den Selbständigen markieren.

Das Konzil sagt klar, dass die Offenbarung in Schrift und Tradition enthalten ist und vom Lehramt treu ausgelegt wird. Aber eine neue öffentliche Offenbarung, die über das depositum fidei hinausgeht, empfangen Papst und Bischöfe nicht (Lumen gentium 25). Die Entwicklung der Lehre bezieht sich auf ihr tieferes Verständnis und kann nicht dialektisch mit dem Widerspruch zu ihr in einer höheren Einheit vermittelt werden (Dei verbum 10).

Die gültige und sakramentale Ehe ist entweder unauflösbar oder auflösbar. Ein Drittes gibt es nicht. Bei aller Rede von Dialog und seinen langen Prozessen ist in Wirklichkeit ein ideologisch Verkrampfung nicht zu übersehen. Zu jedem Preis und sei es auf Kosten der Wahrheit und der Einheit der Kirche soll eine Änderung wenigstens der Praxis erzwungen werden. Die Lehre könne vorläufig als Theorie bestehen bleiben, um die Katholiken in Afrika und Asien, die geistig und gefühlsmäßig noch nicht so „weit“ sind, zu beschwichtigen, während in der Pastoral um der Menschen willen die von Gott gegebene Ordnung der Sakramente de facto außer Kraft gesetzt wird. Der Zwiespalt wird in Gott selbst hineingetragen, der als guter Schöpfer und barmherziger Erlöser einerseits Gnade und Unauflöslichkeit der Ehe begründet und andererseits erschrocken über ihre nicht lebbaren Konsequenzen seine Gebote wieder aussetzt. Die Kollision von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit in seinem Wesen nötige ihn sogar, die unwiderrufliche Gnade im Ehesakrament zu suspendieren um weitere Ehen zu Lebzeiten des legitimen Ehepartners zu gestatten − ganz im Widerspruch zu Jesus, der die „Hartherzigkeit“ der Pharisäer für das mosaische Zugeständnis von Scheidung und Wiederverheiratung verantwortlich machte.

Was die Trennung von Glaubenslehre und Glaubenspraxis angeht, sollten gerade wir in Deutschland sehr wachsam sein und die Lektion der Kirchengeschichte nicht vergessen. Der Ablasshandel ist im Schicksalsjahr 1517 zum Anlass der protestantischen Reformation und zur ungewollten Spaltung der abendländischen Christenheit geworden. Nicht die Lehre Johann Tetzels über den Nachlass zeitlicher Sündenstrafen war falsch, wie wir heute wissen, sondern ihre Nichtbeachtung in der Praxis und die Erweckung eines falschen Scheins. Die Lehrer des Glaubens dürfen die Menschen nicht in einer falschen Heilssicherheit wiegen, nur um keinen Anstoß zu provozieren. Und der ursprüngliche Protest Luthers gegen die Nachlässigkeit der Hirten der Kirche war gerechtfertigt, weil man mit dem Heil der Seelen nicht spielen darf, selbst wenn der Zweck der Täuschung ein gutes Werk wäre. Wir dürfen die Menschen nicht täuschen, was die Sakramentalität der Ehe, ihre Unauflöslichkeit, ihre Offenheit auf das Kind, und die fundamentale Komplementarität der beiden Geschlechter angeht. Pastorale Hilfe muss das ewige Heil im Blick haben und nicht nur den Wünschen der Leute vordergründig gefällig sein.

Und niemand kann bestreiten, dass der Weg zur Auferstehung über das Kreuz Christi führt und auch dass jeder Christ in Ehe und Familie, im Priesterstand und Ordensleben sein tägliches Kreuz auf sich nehmen soll. Ein bequemes zeitgeistiges Leben hat Jesus seinen Jüngern nicht versprochen, jedoch uns die Verheißung gegeben: „Sei getreu bis in den Tod, dann werde ich dir den Kranz des Lebens geben.“ (Offb 2,10).

Wir sind uns einig, dass diejenigen Christen, die bei einer gültigen sakramentalen Ehe zugleich eine kirchlich nicht anerkannte zivile Ehe eingehen, einer besonderen Zuwendung der Kirche bedürfen. Dies gilt auch der Kinder wegen, die oft in einen Konflikt gestellt sind zwischen der Liebe zu den Eltern und der Kenntnis der Gebote Gottes und der Lehre der Kirche. Die volle Wiederversöhnung mit der Kirche im Sakrament der Busse und im Empfang der hl. Kommunion kann aber nicht den steilen Weg zum Ziel ersetzen, sondern kann nur das Ziel eines Wegs sein, der zur theologischen Klärung des Status der sakramentalen Ehe führt. Die sakramentale Wahrheit der Ehe kann nicht ignoriert werden. Das ist die von Gott gestiftete Realität, an der sich die faktische Situation der Menschen ausrichten muss. Und nicht umgekehrt kann sich der Mensch zum Maßstab für Gott in seiner Schöpfungs- und Erlösungsordnung machen.

Ich danke Herrn Kardinal Sarah für seinen Mut, allen Katholiken in Afrika und in Europa die Wahrheit des katholischen Glaubens und seine Konsequenzen in der pastoralen Praxis nicht vorzuenthalten oder in einem Kompromiss die Wahrheit zu halbieren. Ich kann nicht halb an die Gottheit Christi glauben oder nur Herr, Herr zu ihm sagen, ohne den Willen seines Vaters im Himmel zu erfüllen (Mt 7,21).

Gott gegenüber gibt es nur alles oder nichts. Mit Gott haben wir alles und ohne Gott sind wir nichts.

Das ist der Leitgedanke des Buches von Kardinal Sarah, in dem er den wichtigsten Themen des Christentums in der Postmoderne auf den Grund geht.

Meine Gedanken hierzu wollten aber das Studium dieses Buches nicht ersetzen, sondern nur zu seiner Lektüre einladen.

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Quelle

Das Buch „Gott oder Nichts“ können Sie beziehen beim fe-Medienverlag

DER HEILIGE JOHANES-PAUL II.: DIE SÜNDE GEGEN DEN HEILIGEN GEIST

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Auszug aus der Enzyklika
„DOMINUM ET VIVIFICANTEM“
über den Heiligen Geist im Leben der Kirche und der Welt:

6. Die Sünde gegen den Heiligen Geist

46. Auf dem Hintergrund dessen, was wir bisher ausgeführt haben, werden einige beeindruckende und bestürzende Worte Jesu verständlicher. Wir könnten sie als Worte der »Nicht-Vergebung« bezeichnen. Sie sind uns von den Synoptikern überliefert und beziehen sich auf eine besondere Sünde, die »Lästerung wider den Heiligen Geist« genannt wird. Hier die Texte in ihrer dreifachen Fassung:

Matthäus: »Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. Auch dem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden, wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt«180.

Markus: »Alle Vergehen und Lästerungen werden dem Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften«181.

Lukas: »Jedem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben«182.

Warum ist die Lästerung gegen den Heiligen Geist nicht zu vergeben? Was ist unter dieser Lästerung zu verstehen? Der heilige Thomas von Aquin antwortet, daß es sich hier um eine Sünde handelt, »die ihrer Natur nach unvergebbar ist, weil sie jene Elemente ausschließt, derentwegen die Vergebung der Sünden geschieht«183.

Nach dieser Deutung besteht die Lästerung nicht eigentlich in verletzenden Worten gegen den Heiligen Geist, sondern in der Weigerung, das Heil anzunehmen, welches Gott dem Menschen durch den Heiligen Geist anbietet, der in der Kraft des Kreuzesopfers wirkt. Wenn der Mensch jenes »Offenlegen der Sünde«, das vom Heiligen Geist ausgeht und heilswirksamen Charakter hat, zurückweist, weist er damit zugleich das »Kommen« des Trösters zurück, jenes »Kommen«, das sich im Ostergeheimnis vollzieht, in der Einheit mit der erlösenden Kraft des Blutes Christi, das »unser Gewissen von toten Werken reinigt«.

Wir wissen, daß die Frucht einer solchen Reinigung die Vergebung der Sünden ist. Wer den Geist und das Blut zurückweist, verbleibt deshalb in »toten Werken«, in der Sünde. Die Lästerung gegen den Heiligen Geist besteht gerade in der radikalen Verweigerung der Annahme jener Vergebung, deren innerster Vermittler er ist und die eine echte Bekehrung voraussetzt, die von ihm im Gewissen gewirkt wird. Wenn Jesus sagt, daß die Lästerung gegen den Heiligen Geist weder in diesem noch im zukünftigen Leben vergeben wird, dann liegt der Grund darin, daß diese »Nicht-Vergebung« ursächlich mit der Unbußfertigkeit verbunden ist, das heißt mit der radikalen Weigerung, sich zu bekehren. Dies bedeutet eine Weigerung, sich den Quellen der Erlösung zu nähern, die jedoch in der Heilsordnung, in der sich die Sendung des Heiligen Geistes vollzieht, »immer« geöffnet bleiben. Der Tröster-Geist hat die unbegrenzte Macht, aus diesen Quellen zu schöpfen: »Er wird von dem, was mein ist, nehmen«, hat Jesus gesagt. Auf diese Weise vollendet er in den Seelen der Menschen die von Christus gewirkte Erlösung, indem er deren Früchte austeilt. Nun ist aber die Lästerung gegen den Heiligen Geist die Sünde jenes Menschen, der sich auf sein vermeintliches »Recht« zum Verharren im Bösen – in jeglicher Sünde – beruft und dadurch die Erlösung verwirft. Ein solcher Mensch bleibt in der Sünde gefangen, indem er von seiner Seite her seine Bekehrung und damit die Sündenvergebung unmöglich macht, die er als unwesentlich und unbedeutsam für sein Leben erachtet. Dies ist eine Situation des geistlichen Ruins; denn die Lästerung gegen den Heiligen Geist erlaubt es dem Menschen nicht, sich aus seiner selbstverhängten Gefangenschaft zu befreien und sich den göttlichen Quellen der Reinigung der Gewissen und der Verzeihung der Sünden zu öffnen.

47. Das Wirken des Heiligen Geistes, das auf das heilbringende »Offenlegen der Sünde« gerichtet ist, trifft im Menschen, der sich in einer solchen Situation befindet, auf einen inneren Widerstand, gleichsam auf eine undurchdringliche Wand seines Gewissens, auf eine seelische Verfassung, die sich sozusagen aufgrund einer freien Wahl verfestigt hat: Die Heilige Schrift nennt das gewöhnlich »Verhärtung des Herzens«184. In unserer Zeit entspricht dieser Verfassung des Geistes und des Herzens in etwa der Verlust des Gespürs für die Sünde, dem das Apostolische Schreiben über »Versöhnung und Buße« viele Seiten widmet185. Schon Papst Pius XII. hat gesagt, daß »die Sünde des Jahrhunderts der Verlust des Gespürs für die Sünde ist«186; dieser Verlust aber geht einher mit dem »Verlust des Gespürs für Gott«. Im erwähnten Schreiben lesen wir: »Gott ist tatsächlich der Ursprung und das höchste Ziel des Menschen, und dieser trägt in sich einen göttlichen Keim. Deshalb ist es die Wirklichkeit Gottes, die das Geheimnis des Menschen enthüllt und beleuchtet. Es ist also vergeblich, zu hoffen, daß ein Sündenbewußtsein gegenüber den Menschen und den menschlichen Werten Bestand haben könnte, wenn das Gespür für die gegen Gott begangene Beleidigung, das heißt das wahre Sündenbewußtsein, fehlt«187.

Darum erbittet die Kirche beständig von Gott die Gnade, daß der Mensch das rechte Gewissen nicht verliere und sich sein gesundes Gespür für das Gute und Böse nicht abstumpfe. Beides, Gewissenhaftigkeit und Empfindsamkeit, sind zutiefst mit dem inneren Wirken des Geistes der Wahrheit verbunden. Von daher erhalten die Mahnungen des Apostels eine besondere Bedeutung: »Löscht den Geist nicht aus«; »beleidigt nicht den Heiligen Geist«188. Vor allem aber hört die Kirche nicht auf, mit größtem Eifer dafür zu beten, daß jene Sünde, die das Evangelium »Lästerung gegen den Heiligen Geist« nennt, in der Welt nicht zunehme, sondern vielmehr in den Seelen der Menschen – und folglich in den Lebensräumen selbst und in den verschiedenen Bereichen der menschlichen Gesellschaft – zurückgehe und sich stattdessen die Gewissen öffnen, was für das heilbringende Wirken des Heiligen Geistes unerläßlich ist. Die Kirche bittet darum, daß die gefährliche Sünde gegen den Geist einer heiligen Bereitschaft weiche, seine Sendung als Beistand anzunehmen, wenn er kommt, um »die Welt zu überführen (und aufzudecken), was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist«.

48. Jesus hat in seiner Abschiedsrede diese drei Teilbereiche des »Überführens« in der Sendung des Beistandes zusammengefaßt: die Sünde, die Gerechtigkeit und das Gericht. Diese bezeichnen den Raum jenes Geheimnisses des Glaubens, das sich in der Geschichte des Menschen der Sünde, dem Geheimnis der Bosheit, entgegenstellt189. Nach einem Wort des heiligen Augustinus geht es hier auf der einen Seite um die »Selbstliebe bis zur Verachtung Gottes« und auf der anderen Seite um die »Liebe Gottes bis zur Verachtung seiner selbst«190. Beständig betet und bemüht sich die Kirche in ihrem Dienst darum, daß die Geschichte des Gewissens und der Gesellschaft in der großen Menschheitsfamilie nicht zum Pol der Sünde abgleitet, mit der Verwerfung der göttlichen Gebote »bis zur Verachtung Gottes«, sondern sich vielmehr zu jener Liebe erhebt, in der sich der Geist offenbart, »der lebendig macht«. Wer sich vom Heiligen Geist »der Sünde überführen« läßt, läßt sich auch »die Gerechtigkeit« und »das Gericht« offenlegen. Der Geist der Wahrheit, der den Menschen und ihrem Gewissen hilft, die Wahrheit der Sünde zu erkennen, läßt sie zugleich die Wahrheit jener Gerechtigkeit erkennen, die mit Jesus Christus in die Geschichte des Menschen eingetreten ist. Auf diese Weise werden diejenigen, die, »der Sünde überführt«, sich durch das Wirken des Trösters bekehren gewissermaßen aus dem Bereich des »Gerichts« herausgeführt, jenes »Gerichts«, durch welches »der Herrscher dieser Welt bereits gerichtet ist«191. Die Bekehrung bedeutet in der Tiefe ihres göttlich-menschlichen Geheimnisses das Zerreißen jeglicher Fessel, durch welche die Sünde den Menschen an das gesamte Geheimnis der Bosheit bindet.

Wer sich bekehrt, wird also vom Heiligen Geist aus dem Bereich des »Gerichts« befreit und zu jener Gerechtigkeit geführt, die in Jesus Christus gegeben ist und die er besitzt, weil er sie »vom Vater empfängt«192 als Abglanz der dreifaltigen Heiligkeit. Dies ist die Gerechtigkeit des Evangeliums und der Erlösung, die Gerechtigkeit der Bergpredigt und des Kreuzes, welche die Reinigung des Gewissens bewirkt durch das Blut des Lammes. Es ist die Gerechtigkeit, die der Vater dem Sohn und allen zuteil werden läßt, die mit ihm in Wahrheit und Liebe verbunden sind. In dieser Gerechtigkeit offenbart sich der Heilige Geist, der Geist des Vaters und des Sohnes, welcher »die Welt der Sünde überführt«, und wird im Menschen gegenwärtig als Geist ewigen Lebens.

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180 Mt 12, 31 f.

181 Mk 3, 28 f.

182 Lk 12, 10.

183 THOMAS VON AQUIN, Summa Theol. II (a)-II (ae), q. 14, a. 3; Vgl. AUGUSTINUS, »Epist.« 185, 11, 48-49: PL 814 f.; BONAVENTURA, »Comment. in Evang.« »S. Luc.« Kap. XIV, 15-16: Ad Claras Aquas, VII, S. 314 f.

184 Vgl. PS 81, 13; Jer 7, 24; Mk 3, 5.

185 JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben im Anschluß an die Bischofssynode »Reconciliatio et paenitentia« (2. Dezember 1984), 18: AAS 77 (1985) 224-228.

186 Pius XII., Radiobotschaft an den Nationalen Katechetischen Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika in Boston (26. Oktober 1946): »Discorsi e Radiomessaggi«, VIII (1946) 288.

187 JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben im Anschluß an die Bischofssynode » Reconciliatio et paenitentia« (2. Dezember 1984), 18: AAS 77 (1985), 255 f.

188 1 Thess 5, 19; Eph 4, 30.

189 JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben im Anschluß an die Bischofssynode »Reconciliatio et paenitentia« (2. Dezember 1984), 14-22: AAS 77 (1985) 211-233.

190 Vgl. AUGUSTINUS, »De Civitate Dei«, XIV, 28: CCL 48, 451.

191 Vgl. Joh 16, 11.

192 Vgl. Joh 16, 15.

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Quelle

Neuer Wein aus dem wahren Weinstock

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Pater Raniero Cantalamessa / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Pater Cantalamessas dritte Adventspredigt

‪„Der materielle Rausch (Alkohol, Drogen, Sex, Erfolg) erschüttert, verringert das Selbstwertgefühl, während die geistige Trunkenheit im Guten festigt“, hat Pater Raniero Cantalamessa, Prediger des Päpstlichen Hauses, am Freitag im Vatikan gesagt.

Die dritte Predigt der Freitagsmeditation im Advent befasste sich mit ‪„der nüchternen Trunkenheit des Geistes“. In der Kapelle ‪„Redemptoris Mater“ des Apostolischen Palastes, in Anwesenheit von Papst Franziskus und Vertretern der römischen Kurie, stellte der Prediger fest, dass beide Arten von Trunkenheit Freude hervorriefen, aber der materielle Rausch bleibe unter der Vernunft, während die geistige Trunkenheit darüber hinausgehe.

Er unterstrich auch die Bedeutung, den Weg der Trunkenheit zur Nüchternheit wieder zu entdecken. Das christliche Leben sei nicht nur eine Frage des persönlichen Wachstums in der Heiligkeit; es sei auch Dienst und Verkündigung. Um diese Aufgaben zu bewerkstelligen, benötigten die Gläubigen die ‪„Kraft aus der Höhe“, Charismen, oder kurz gesagt, ‪„eine starke Erfahrung, pfingstlich, des Heiligen Geistes“.

Diejenigen, die zu Pfingsten die Apostel für trunkene Männer hielten, lagen mit ihrer Annahme richtig, habe der heilige Cyril von Jerusalem geschrieben; „Ihr einziger Fehler war, die Trunkenheit gewöhnlichem Wein zuzuschreiben, es war aber ein ‚neuer Wein‘, aus dem ‚wahren Weinstock‘ gepresst, der Christus ist‪“, erinnerte der päpstliche Prediger.

‪„Die Gabe Christi ist nicht auf eine bestimmte Zeit beschränkt, sondern ist für alle Zeiten offen. Im Schatz seiner Erlösung ist genug für alle da“, sagte Pater Cantalamessa, der hinzufügte, dass es gerade die Rolle des Heiligen Geistes sei, die Erlösung Christi universell zu machen, jedem zu erschließen, überall und zu jeder Zeit.

Der Kapuzinerpater betonte besonders die ‪„Taufe im Heiligen Geist“. „Ich spreche hier ohne jegliche Absicht von Proselytismus, aber weil ich eben denke, dass wir eine Realität im Herzen der Kirche kennen, die Millionen von Katholiken betrifft“, sagte er. Der Begriff ‪„Taufe im Geist“ komme von Jesus selbst (Apg 1,5).

‪„Es ist ein Ritual, das nichts Esoterisches hat, sondern durch Gesten großer Einfachheit gekennzeichnet ist, ruhig und froh, begleitet von Reue für die Sünden und Bereitschaft, wieder Kinder zu werden, um in Sein Reich zu gelangen“, so Cantalamessa.

Dies sei eine Erneuerung und Aktualisierung nicht nur der Taufe und Firmung, sondern des ganzen christlichen Lebens, für ein Paar des Sakraments der Ehe, für die Priester ihrer Weihe, für die Ordensleute ihrer Profess. ‪

„Die Taufe im Geist“ erweise sich als eine einfache und wirksame Art und Weise, das Leben von Millionen von Gläubigen in fast allen christlichen Kirchen zu erneuern. Sie sei offen für alle, so betonte der Prediger des Päpstlichen Hauses. (mk)

Der Volltext der Predigt ist hier (auf Englisch) abrufbar.

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Quelle

Pater Cantalamessa warnt vor der Versuchung, dem Heiligen Geist Ratschläge zu erteilen

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Pater Raniero Cantalamessa / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Zweite Adventspredigt für den Papst und die Kurie

‪„Wir müssen uns von einer Versuchung hüten: dem Heiligen Geist Ratschläge erteilen zu wollen, anstatt welche anzunehmen“, hat Pater Raniero Cantalamessa, Prediger des Päpstlichen Hauses, in seiner zweiten Adventspredigt am Freitag im Vatikan gesagt. Er unterstrich, es gebe ‪„eine subtile Art und Weise dem Heiligen Geist zu suggerieren, was er mit uns tun und wie er uns leiten sollte. Aber der Heilige Geist führt, und wird nicht geführt.“

‪„Der Geist führt die Kirche auf zwei Arten: direkt und manchmal charismatisch, durch Offenbarung und prophetische Inspiration; zu anderen Zeiten, kollegial, durch eine geduldige und zähe Konfrontation und sogar durch Kompromiss zwischen den Parteien und unterschiedlichen Standpunkten“, erklärte Pater Cantalamessa.

Das Thema der zweiten Predigt lautete: ‪„Der Heilige Geist und das Charisma der Unterscheidung.“ In der Kapelle Redemptoris Mater des Apostolischen Palastes in Anwesenheit von Papst Franziskus und Vertretern der römischen Kurie reflektierte der Prediger über Unterscheidung im kirchlichen sowie persönlichen Leben. ‪„Der Heilige Geist ist bei aller Unterscheidung der Erstbeweger“, versicherte der Prediger des Papstes.

‪„Der Heilige Geist erleuchtet die Seele in der Regel nicht auf wundersame oder außergewöhnliche Art und Weise, sondern sehr einfach, durch das Wort der Schrift“, erläuterte Pater Cantalamessa: ‪„Auf diese Weise fanden die wichtigsten Unterscheidungen der Geschichte statt.“ Das Wort Gottes erleuchte‪ „besser als aller Menschen Rat.“

Abgesehen vom Wort Gottes sei die Gewissensprüfung, die am weitesten verbreitete Praxis persönlich Einsicht zu üben. Aber diese Bewertung sollte nicht auf die Vorbereitung vor der Beichte beschränkt bleiben, sondern zur konsequenten Fähigkeit werden, sich von Gott unters Licht setzen und die Tiefen unserer Intimsphäre scannen zu lassen, sagte er.

Pater Cantalamessas Predigt berührte auch das Thema der Unterscheidung zwischen Sünde und Sünder. Die ständige Herrschaft Jesu in Fragen der Moral lasse sich in wenigen Worten zusammenfassen: ‪„Nein zur Sünde, ja zum Sünder.“

Es gebe keine schwerere Sünde zu verurteilen, als der ungerechte Reichtum, aber Jesu lud sich bei Zachäus ein und die bloße Tatsache, dass er sich änderte, genügte. ‪„Er verurteilt Ehebruch, einschließlich des Beabsichtigten, aber verzeiht der Ehebrecherin und gibt ihr wieder Hoffnung. Er bekräftigte die Unauflöslichkeit der Ehe, sprach aber mit der Samariterin, die fünf Männer gehabt hatte und lüftete das Geheimnis, dass er niemand anderem so ausdrücklich erzählt hatte: ‚Ich bin (der Messias), der zu Euch spricht’‪‪ (Joh 4, 26).“

‪„Wenn wir fragen, wie eine klare Unterscheidung zwischen der Sünde und dem Sünder theologisch zu rechtfertigen sei, ist die Antwort ganz einfach: der Sünder ist ein Geschöpf Gottes, nach seinem Bild geschaffen, und er behält seine Würde trotz aller Verirrungen: Die Sünde ist nicht Gottes Werk, nicht von ihm, sondern vom Feind“, fuhr er fort.

Am Ende seiner Meditation lud Pater Cantalamessa seine Zuhörer ein, sich auf den Heiligen Geist zu verlassen, wie die Saiten der Harfe sich von den Fingern zupfen ließen, die sie bewegten. ‪„Als gute Schauspieler müssen wir ein Ohr der Stimme des verborgenen Souffleurs leihen, um getreu unsere Rolle auf der Bühne des Lebens zu rezitieren“, sagte er. (mk)

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Quelle

Pater Dr. Karl Wallner: GOTT DER VATER

Gott der Vater

(30. November 1998)

Karl Josef Wallner

Hinweis/Quelle: Vortrag in der Reihe „Maria im Advent“ im Bischöflichen Sommerrefektorium St. Pölten (30. Nov. 1998). Der Autor dieses Beitrages, Pater Dr. Karl Wallner, ist Professor für Dogmatik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Stift Heiligenkreuz.

1. Das Jahr des Vaters

Papst Johannes Paul II. hat am 1. Adventsonntag, 29. November 1998, das letzte der drei Vorbereitungsjahre hin zum Jahr 2000 eröffnet. In diesem neuen Jahr betrachten wir die erste göttliche Person, die wir im Glaubensbekenntnis den „Vater den allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde“ nennen. Gott war und ist für die Menschen aller Zeiten ein großes Geheimnis, ein Rätsel. Deshalb trägt Gott in den Religionen und Vorstellungen der Menschen viele Namen. Sie nennen ihn Zeus oder Juppiter, Allah oder Jehova; die Philosophen bezeichnen ihn als „den letzten Grund“ oder als „das höchste Gut“; für Platon ist dieser geheimnisvolle Gott ein ewiger „Nous“, Geist; für Plotin ist er „to hen“, das „schlechthin Eine“, für Aristoteles die reine materielose „Form“. Für die Österreicher ist Gott: „irgendetwas wird’s scho geben!“

Alle Religionen und Philosophien suchen ja, ob sie nicht etwas von dem geheimnisvollen Letzten, das allgemein Gott genannt wird, „ertasten und finden könnten“ (Apg 17,27). Wir Christen genießen nun das Privileg, im Glauben zu wissen, daß jener geheimnisvolle Gott „unser Vater“ ist. Täglich rufen wir Gott unter dem Namen „Vater“ an, wenn wir dasjenige Gebet beten, das Christus uns zu beten gelehrt hat. Das Vater-Unser ist mit Recht das Hauptgebet der Christenheit. Keine andere Religion wagt es, Gott mit einem so vertrauten und liebevollen Namen anzureden: „Unser Vater im Himmel.“

Aber woher wissen wir, daß Gott unser Vater ist? Die Antwort lautet: Allein durch die Offenbarung Jesu Christi. Er sagt: „Wer mich sieht, hat den Vater gesehen!“ (Joh 14,9; 12,45) In Jesus Christus allein wird das Wesen Gottes sichtbar, das sonst für menschliches Erkennen verborgen ist: Er allein ist „das Ebenbild – die Ikone – des unsichtbaren Gottes“ (Kol 1,14). Der menschgewordene Sohn ist der „Abglanz seiner [göttlichen] Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens“ (Hebr 1,3). Weil er der Einzige ist, der „am Schoß des Vaters ruht“, hat er vom Vater Kunde gebracht (Joh 1,18). Ohne Jesus Christus wüßten wir nicht, daß Gott unser Vater ist.

Wenn wir also über den Vater nachdenken, dann sind wir nicht auf luftleere Spekulationen, philosophische Grübeleien und Tüfteleien angewiesen. Wir Christen brauchen Gott nicht mehr krampfhaft zu suchen und zu ermeditieren, denn er hat uns von sich aus in seinem Sohn sein liebendes Antlitz zugewendet. „Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört“, sagt Jesus (Lk 10,24). Mose im Alten Testament durfte Gott nicht von Angesicht zu Angesicht sprechen, er mußte seine Augen mit einer Binde verhüllen, wenn er Gott auf dem Sinai gegenübertrat (Ex 34,33.35; 2 Kor 3,13) Am leeren Grab finden die Jünger das Schweißtuch, das das Antlitz Jesu verdeckte zusammengefaltet liegen. Das soll besagen, daß jetzt das Antlitz Gottes endgültig enthüllt ist (Joh 20,7; vgl. Lk 24,12); ebenso wie der Tempelvorhang beim Tod Jesu entzweireißt, um den Blick auf das Allerheiligste für alle Menschen freizugeben, den Blick auf das innerste Wesen Gottes (Mk 15,38; Mt 27,51; Lk 23,45; Hebr 10,20).

Der Kern der Offenbarung Jesu Christi liegt also darin, daß er uns den unsichtbaren Gott, seinen Vater, als unseren Vater enthüllt. Ich behaupte, daß wir Christen auf diese Tatsache oft vergessen. Es gibt eine „Vatervergessenheit“ unter uns Christen. Das dritte und letzte Vorbereitungsjahr auf 2000 ist eine Chance, das Geheimnis der göttlichen Vaterschaft neu zu entdecken.

Die „Theologisch-Historische Kommission für das Heilige Jahr 2000“ hat dazu ein ausgezeichnetes Dokument herausgegeben, in dem wir an vieles erinnert werden, was wir vergessen haben. Das Anliegen dieses Dokumentes möchte ich heute aufgreifen. Ich werde Ihnen weder theologische Sensationen noch brandneue Spekulationen bringen, sondern nur normale Kost. Sie werden aber (hoffentlich merken), daß dieses Normale aufregend genug schmeckt, weil wir eben sosehr auf die Vaterschaft Gottes vergessen haben.

Warum aber vergessen wir sosehr auf die Vaterschaft Gottes, was sind die Gründe für dieses Verdrängen und Vergessen? Ich möchte dazu einige Punkte nennen.

2. Gründe für das Vergessen auf Gott den Vater

2.1. Das Vergessen auf die liturgische Gebetsrichtung

Unsere Vater-Vergessenheit rührt einmal daher, daß wir in unserem Denken und beten oft nicht „liturgisch“ sind. Die Liturgie mit ihren uralten Formeln und Riten ist ja ein Lehrmeisterin des rechten Glaubens. „Lex credendi, lex orandi“. Wem aber ist bewußt, daß sich alle Gebete der Heiligen Messe (mit wenigen Ausnahmen) an den Vater, den allmächtigen Gott richten. Dasselbe gilt für das Stundengebet der Kirche, das erfreulicherweise auch immer mehr Laien beten. Der Vater wird nicht nur immer an erster Stelle genannt, er ist auch das Ziel aller unserer Gebete, zu ihm steigen unsere Bitten durch den gottmenschlichen Mittler Jesus Christus im Heiligen Geist auf.

Natürlich dürfen und sollen wir direkt zu Jesus Christus oder direkt zum Heiligen Geist beten; natürlich dürfen und sollen wir die Hilfe und Fürsprache der Gottesmutter, der Engel und Heiligen anrufen. Aber wir müssen uns fragen: Sind wir uns bewußt, daß alle unsere Gebete von diesen nur gleichsam „nach oben“ getragen werden und ihren letzten Ort der Erhörung in Gott, dem Vater dem allmächtigen haben?

Gerade bei der Heiligen Messe wird deutlich, daß der Vater das letzte Ziel der Anbetung und Verherrlichung ist. Alle Gebete gehen an ihn. Christus wird als Sühneopfer auf dem Altar gegenwärtig. Am Schluß des Hochgebetes betet der Priester: „Durch ihn und mit ihm und in ihm ist Dir, allmächtiger Vater, in der Einheit des Heiligen Geistes alle Herrlichkeit und Ehre.“

In der Liturgie stehen wir also immer vor dem allmächtigen Gott, und das ist uns oft zu wenig bewußt. Hans Urs von Balthasar hat gesagt, daß unser Geist unmittelbar an den göttlichen Geist grenzt, so müssen wir ihm unsere Herzen entgegenerheben. Im Heiligen Geist und durch den Sohn Jesus Christus erklingen unsere Gebete. Und wir Priester sollten bedenken, daß wir wie Mose niemand geringerem als dem allmächtigen Gott unsere Arme entgegenbreiten, wenn wir die Gläubigen auffordern: „Lasset uns beten!“

2.2. Die Irreführung durch bildliche Darstellungen

Unser Vergessen auf Gott den Vater hat vielleicht auch seinen Grund in der Naivität, mit der man die erste göttliche Person in früheren Zeiten in der Kunst dargestellt hat: der uralte Mann mit schlohweißem Haar, von Wolken und Engeln um geben. Es handelt sich bei dieser Darstellung um ein Bild, eine Metapher, ein Symbol, das sich eigentlich auf die Ewigkeit und Zeitlosigkeit Gottes bezieht. In der Spätgotik und Barockzeit wollte man durch Bart und Alter die Unendlichkeit Gottes symbolisieren. Doch auch wenn man die Motive versteht, die zu solchen künstlerischen Ausdrucksformen geführt haben, bleibt ein schlechtes Gefühl.

Im Alten Testament heißt es ja in Dtn 4,16: „Macht euch kein Gottesbildnis, das irgend etwas darstellt, keine Statue, kein Abbild eines männlichen oder weiblichen Wesens“. Dieses Bildverbot gilt im Neuen Testament freilich nicht mehr, weil ja in Jesus Christus Gott selbst uns das „Abbild“ seines unsichtbaren Wesens (Kol 1,14; Hebr 1,3) geschenkt hat. Aber: Eben nur der Sohn ist das Abbild, sonst nichts. Man kann an Jesus zwar ablesen, wie der Vater wirklich ist, wir müssen uns aber hüten, uns den Vater in irgendeiner Weise vorzustellen. Die Theologie muß hier die Kunst kritisch korrigieren, denn Gott der Vater ist weder alt, noch ist er ein begrenztes Einzelindividuum, noch ist er geschlechtsspezifisch männlich oder ähnliches, wie die genannten Darstellungen es nahelegen konnten.

Wo solche Bilder allzu ernst genommen wurden – Gott als ergrauter Weltenherrscher – da drohen große Mißverständnisse. Es ist noch relativ harmlos, wenn Antoine de Saint-Exupery im „Kleinen Prinzen“ Gott auftreten läßt als lieben Opa, der auf einem Stern sitzend Weisheiten von sich gebend die Welt regiert. Schlimm wird es dann, wenn das Bild vom grauen Weltenvater psychologisch mißdeutet wird. Es gibt in unserem Jahrhundert das traurige Beispiel des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung, der im New Age als Vater von Neugnosis und Esoterik gehandelt wird. Im Unterschied zu Sigmund Freud war Jung Christ und bekam als Kind eine völlig falsche Vorstellung von Gott dem Vater. Er schreibt in seinen Memoiren, daß er sich Gott wirklich oben droben auf einem Thron sitzend vorstellte. Das war für ihn schon insofern beängstigend und bedrängend, da er Angst hatte, von den „Exkrementen“ dieses übergroßen unsichtbaren Weltenvaters getroffen zu werden. Diese – freilich völlig absurde – Kindheitsangst hat wesentlich zur Abkehr Jungs vom christlichen Glauben geführt.

Wir müssen uns deshalb im „Jahr des Vaters“ auch selbst fragen, welche psychologischen Vorbedingungen wir mitbringen, also, welche Vater- bzw. Elternerfahrungen bei uns mitschwingen, wenn wir von Gott dem „Vater“ sprechen. Wenn jemand seinen Vater etwa nur als betrunkenen Randallierer und Familienzerstörer erlebt hat, dann kann seine Vatervorstellung verbogen sein, und er wird sich schwer tun, in Gott als den liebenden, sorgenden, barmherzigen Vater anzubeten.

2. 3. Die feministische Kritik am Vatergott

Ein dritter Grund, warum wir heute das Thema „Gott Vater“ ein bißchen verdrängen, ist natürlich die feministische Theologie. Die macht uns Christen den Vorwurf, aus dem unfaßbaren Gott einen Mann gemacht zu haben, eben den Vater-Gott, um so die Vormachtsstellung des Mannes zu begründen und abzusichern. Der Feminismus hat viele Schattierungen, das gemeinsame Feindbild aller exstremen Feministinnen ist aber schon der Name „Vater“ an sich. Man möchte sich Gott lieber als Frau vorstellen.

Nun ist ein Körnchen Wahrheit an dieser Kritik, denn tatsächlich ist für die hohe Theologie immer klar gewesen, daß Gott-Vater keine Geschlechtsbezeichnung aussagen kann. Der Vater ist weder männlich noch weiblich! Wir nennen die erste göttliche Person so, weil Jesus sie so genannt hat. Tatsache ist auch, daß die Phantasie dort, wo man Gott nach dem Bild des Weiblichen dachte, sehr bald in die Mythologie abgeglitten ist.

Den extremen Anhängern des Feminismus muß gesagt werden: Gerade der Bibel geht es nicht um eine geschlechtliche Bestimmung Gottes. Alle anderen Götter des Altertum sind geschlechtlich bestimmt. In der Götterwelt Homers aber auch der Assyrer, Babylonier usw. verhalten sich die Götter menschlich sexuell, ja manchmal unmenschlich sexuell. Der Gott-Vater der biblischen Offenbarung aber gerade nicht. Er ist in identischer Weise weder Mann noch Frau, er ist Gott der Urgrund von allem und sonst nichts.

2.4. Das Vergessen auf Gott den Schöpfer

Schließlich möchte ich noch einen Grund dafür nennen, warum wir nicht gerne oder zuwenig über Gott den Vater nachdenken: der Grund liegt darin, daß für uns die Natur entmythologisiert ist, entzaubert. Als neuzeitliche naturwissenschaftliche Menschen sind unsere Augen vielfach erblindet und wir sehen in den Werken der Natur nicht mehr das Wirken dessen, der dies alles gemacht hat. Konkret: Wir vergessen, daß hinter alledem ein allmächtiger Schöpfergott steht. So bekennen wir im Glaubensbekenntnis als erstes, daß der Vater „allmächtiger Schöpfer“ ist, er ist „allesvermögender Pantokrator“, wie es im griechischen Text heißt, denn er hat den Himmel und die Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt erschaffen.

Menschen früherer Zeiten haben sich da leichter getan, sie waren unmittelbar den Gewalten und Gefahren des Lebens ausgesetzt, hinter dem Zyklus der Gestirne und der Willkür des Wetters, hinter der Bedrohung durch Krankheit und dem Rhythmus von Geburt und Tod sahen sie ziemlich deutlich die Hand Gottes. Uns neuzeitlichen ist diese Hand Gottes ziemlich unsichtbar geworden, je mehr Phänomene wir erklären können, desto weniger denken wir über den allerletzten Grund nach. Und das ist schade, denn der Glaube, daß die Naturwissenschaft alles erklären kann oder können wird, ist widervernünftig und abergläubisch.

Heute spricht man viel von „Natur“ und „Schöpfung“, typisch ist, daß man die beiden Begriffe in sich absolutiert, so als wären „Natur“ und „Schöpfung“ etwas ewiges in sich vorgegebenes. „Natur“ kommt aber von „nasci“, geboren werden. Die Natur ist von jemandem geboren, nämlich von Gott. Dasselbe gilt für das Wort „Schöpfung“. Es gibt keine „Schöpfung“, wenn es keinen „Schöpfer“ gibt. Die großen, wirklich denkenden Physiker und Naturwissenschaftler der Neuzeit waren alle gläubig, weil sie gerade durch ihr Forschen zum „Staunen“ gekommen sind: Von selbst kann das alles nicht geworden sein – „von nix kommt nix“, es muß einen letzten allweisen Grund, eine letzte Ursache geben. Das sooft gehörte Argument vom Urknall erklärt gar nichts, denn es beantwortet die Frage nicht, wer denn da eigentlich „geknallt“ hat.

Es gibt keine Schöpfung ohne Schöpfer! Wir sehen ja, welch zwiespältige und widersprüchliche Folgen es hat, wenn man den Schöpfergott wegläßt, in den ökologischen Bewegungen: Ja zum Bruder Baum, und nein zum ungeborenen Menschen?

2.5. Das Verdrängen der Gottesfurcht

Der moderne Mensch fürchtet sich nicht mehr vor Gott. Dabei ist die Gottesfurcht eine Grundhaltung, die der Mensch gegenüber Gott einnehmen soll. Die Bibel spricht von der Furcht Gottes und meint damit nicht die „Angst“ vor einem dunklen und bösartigen Gott, sondern vielmehr den ehr-fürchtigen Respekt vor einem liebenden und sorgenden Gott. Wer Gott fürchtet, achtet ihn in Ehrfurcht. An etlichen Stellen der Schrift heißt es, daß die Gottesfurcht „der Anfang der Weisheit“ ist (Ps 111,10; Spr 1,7; 9,10; Ijob 28,28).

Hier geht auch ein Vorwurf an die christliche Verkündigung und Theologie, die zu fragen ist, ob sie den biblischen Gott nicht zu sehr verharmlost hat. Es ist zwar eine große und positive Errungenschaft der letzten Jahrzehnte, daß man soviel über die Liebe Gottes gesprochen hat. Aber die Rede von der „Liebe“ wird oft nicht biblisch verstanden: Liebe ist das belanglose Tun, was einem gefällt, Lust und Spaß macht, ein unernstes Tun. Die Liebe, die Gott uns aber erweist, ist nicht eine unernste Liebelei, sondern kommt in der blutigen Gestalt des Gekreuzigten auf Golgotha daher: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.“ (Joh 3,16)

Der allmächtige Vater liebt uns nicht harmlos, sondern radikal. Er bietet uns in seinem Sohn Rettung an, aber wir müssen sie auch noch frei und ganz annehmen, sonst wehe uns! Das Angebot der Barmherzigkeit gilt, der barmherzige Vater hat das Kreuz seines Sohnes mitten in der Weltgeschichte aufgerichtet. Wir bleiben weiter frei, und der liebende Gott bleibt weiter gerecht.

Der Mensch der Moderne wollte keine transzendente Autorität anerkennen, er wollte selbst mit dem Leben, mit den Weltproblemen, mit der Sinnfrage fertigwerden. Dazu meinte er, Gott abschaffen zu müssen, um frei und furchtlos zu sein. Seit Voltaire wird die Kirche bekämpft „Écrasez l’infame!“ (Löscht die infame Kirche aus!), um nicht daran erinnert zu werden, daß es einen Gott gibt, dem man einmal Rechenschaft ablegen muß. Diese aufklärerische Autonomie hat sich als gefährliche Täuschung erwiesen. Wir erleben ja gerade, wie die Menschen, die den liebenden Gott des Christentums nicht mehr kennen oder kennen wollen, neuen Ängsten anheimfallen: die Angst vor der Sinnlosigkeit treibt sie in postmodernen Aberglauben, esoterische Irrtümer, okkulte Praktiken oder hedonistische Beschwichtigungsrituale.

Wer sich vor Gott nicht mehr fürchtet und keine anderen Wirklichkeiten als die des Diesseits anerkennt, fällt er viel schrecklicheren Ängsten anheim. der Angst vor dem Nichts. Vielleicht reden und denken wir deshalb nicht gerne über die erste göttliche Person, weil wir die biblische Wahrheit verdrängen wollen, daß Gott der allmächtige Herr ist und es uns geboten ist, ihn zu fürchten. Natürlich nicht sklavisch, sondern aus freier Liebe, weil er die Liebe ist. (Dtn 10,12.20; Mt10,28; Röm11,20f). Im Magnificat betet Maria, daß Gott sich über alle erbarmt, „die ihn fürchten“ (Lk 1,50).

3. Die christliche Botschaft von Gott dem Vater

3.1. Der Name Gottes

Jesus offenbart einen neuen Namen Gottes: Dieser Name lautet: Gott ist „Vater“. Dazu müssen wir einiges darüber wissen, was „Name“ im jüdischen bzw. orientalischen Denken bedeutet. „Name“ ist nämlich etwas überaus Wichtiges für den Juden. Sie können das leicht anhand der liturgischen Formeln nachprüfen, die ja aus der Bibel stammen, und in denen so oft vom „Namen“ Gottes die Rede ist: So machen wir etwa das Kreuzzeichen „im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Wir beten: „Unsere Hilfe ist im Namen des Herrn“. Übrigens hatte Papst Paul VI. den Wahlspruch „In nomine Domini“. In den Psalmen wird unzählige Male „der Name“ des Herrn gepriesen usw.

Schon diese Beispiele sind uns ein Hinweis darauf, daß der „Name“ in biblischer Zeit – wie überhaupt im Orient – mehr ist als nur ein „Rufmittel“. Kurz: „Name“ steht für Identität, steht für Wesen. Deshalb ist es auch so aufregend, daß Gott bei der Schöpfung dem Menschen das Recht einräumt, die Tiere zu benennen; hier darf der Mensch mitwirken am Schöpfungswerk Gottes (Gen 2,19f.). Wir sehen das aber auch daran, daß im AT die Namen, welche man Personen gibt, immer eine Eigenschaft ausdrücken sollen. Oft steckt in diesen Personennamen auch der Gottesname. Die Anfangssilbe „J“ etwa ist die Kurzform für „Jahwe“, sie steckt etwa in Joschua, Jesaja, Jeremia, Johannes, Jesus usw. Der Name Jesus will etwa schon in sich ein Programm besagen: „Gott/Jahwe schafft Heil“. Dasselbe gilt für die Kurzform „El“ des Gottesnamens „Elohim“: Eljakim, Elischa, Samuel. Die Bedeutung des Namens zeigt sich aber auch darin, daß ein Wechsel des Namens auch immer eine Änderung des Wesens aussagt: Aus Abrahm wird Abraham (Gen 17,5), aus Jakob wird Israel (Gen 35,10), aus Sarai wird Sara (Herrin: Gen 17,5); und im Neuen Testament geht das weiter: aus Simon wird Petrus, aus Saulus wird Paulus.

Wenn der Name also das Wesen bezeichnet, dann verstehen wir auch, warum die Selbstoffenbarung Gottes auf dem Sinai vor allem in der Offenbarung des Namens Gottes besteht: Gott gibt sich vom brennenden Dornbusch weg den Namen: „Ich bin der ich bin da!“ (Ex 3,14) Eine Art Kurzformel dieser Selbstbeschreibung ist der Gottesname Jahwe. Dieser besteht, da die hebräische Schrift keine Zeichen für die Vokale a-e-i-o-u kannte, nur aus den 4 Konsonanten JHWH. Niemand durfte den erhabenen Gottesnamen aussprechen, weshalb man ihn absichtlich falsch vokalisiert hat, indem man zwei „a“ einfügte. Nach jüdischem Sprachgebrauch wurde dann aber nicht Jahwah ausgesprochen, sondern Jehova.

Das Aufregende ist eigentlich die Ehrfurcht vor dem Gottesnamen. Wenn Gott seinen Namen nennt, so gibt er gleichsam sein Wesen preis. Er lüftet sein innerstes Geheimnis: Jahwe ist der Gott, der schlechthin ist. Gott ist der gleichbleibende. Als die hebräische Bibel dann um 150 vor Christus von angeblich 70 Weisen ins Griechische übersetzt wird (LXX), da gibt man Ex 3,14 wieder mit: „Ego eimi ho oon“. „Ich bin der Seiende.“ In der Apokalypse nennt er sich „der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offb 1,8) Jedesmal, wenn wir das „Ehre sei dem Vater“ beten sagen wir: „wie es war im Anfang so auch jetzt und alle Zeit und in Ewigkeit“. Eigentlich ist das eine Umschreibung für das Jahwe-Sein Gottes, für sein ewiges: „Ich bin der ich bin.“ Für die Juden war dieser ewig-seiende Gott, der nun mit seinem Volk einen Bund einging, der „Herrliche“ und „Heilige“, dem man Ehrfurcht, Anbetung und Furcht schuldete.

Wir müssen festhalten, daß das Alte Testament darauf abzielt, Gott als den einzigen zu offenbaren und den Israeliten Ehrfurcht vor dem Namen Gottes einflößt. Die Kirchenväter haben das AT die Zeit der Pädagogik Gottes genannt: Gott erzieht die Menschen, daß sie ihn so annehmen, wie er wirklich ist. Der Name, unter dem Gott sich im AT offenbart, ist noch nicht der „Vatername“. Sehr wohl aber offenbart er sich bereits in seinem Verhalten „wie ein Vater“.

3.2. Das Vater-Sein Gottes im AT

Wie gesagt: Der Gott des AT trägt den erhabenen Namen „Jahwe“, vor ihm neigt sich der ganze Erdkreis. Er ist der Schöpfer, der allmächtige Herrscher. Alle Hilfe, die Israel hat, liegt im „Namen des Herrn“, der „Himmel und Erde erschaffen hat.“ (Ps 124,8). Aber im Alten Testament wird nur das väterliche Leiten und Sorgen Gottes geoffenbart, nicht aber, daß „Vater“ die innerste Bezeichnung des Schöpfergottes selbst ist.

Gott selbst wird nur an seltenen Stellen mit dem Vaternamen bezeichnet. Das Wort „ab“ kommt etwa 1200mal im hebräischen Alten Testament vor. Aber davon sind nur 15 Stellen, wo Gott „Vater“ genannt wird. (Dtn 32,6; 2 Sam 7,14; 1 Chr 17,13; 22,10; 28,6; Jes 63,16; 64,7; Jer 3,4.9; 31,9; Mal 1,6; 2,10; Ps 89,27; Sir 23; l.4; 51,10; Weish 2,16; 14,3; Tob 13,4). Es geht in diesen Stellen auch nicht um den Namen Vater, sondern um ein Bild für Gott, um einen Vergleich: Gott handelt sorgend wie ein Vater. Es soll dadurch ausgesagt werden: Jahwe handelt väterlich. Er will deshalb auch wie ein Vater geehrt werden: „Der Sohn ehrt den Vater, und der Unrecht fürchtet seinen Herrn. Wenn ich nun Vater bin, wo ist meine Ehre? Und wenn ich der Herr bin, wo ist die Furcht vor mir?, spricht Jahwe Sebaot.“ (Mal 1,6) Mose muß sich etwa vor das abtrünnige Volk hinstellen und es daran erinnern, daß Gott doch bisher wie ein Vater für sie gesorgt hat: „Ist Gott nicht dein Vater, dein Schöpfer?“ (Dtn 32,6)

Wir können sagen: Der Vatername ist im Alten Testament eine Eigenschaftsbezeichnung Jahwes, also ein Bild, ein Vergleich: Gott sorgt „wie ein Vater“. Deshalb ist es dem AT auch egal, ob man den Vater oder die Mutter als Vergleichspunkt heranzieht. Es gibt etlich Stellen, in den die Sorge Gottes auch durch Vergleiche mit weiblich-mütterlichen Eigenschaften beschrieben. Durch einen Satz wie: „Kann denn eine Frau ihr Kind vergessen, eine Mutter ihren eigenen Sohn? Und selbst wenn sie ihr Kind vergessen würde, ich vergesse dich nicht!“ (Jes 49,15; vgl. Hos 11,1–4; Jes 66,9.13) soll das Fürsorge-Verhältnis Gottes zu Israel beschrieben werden. Wenn aber die Bezeichnung „Vater“ auf Gott angewandt wird, handelt es sich um ein „Beziehungswort“. [1]

Doch wir verlassen jetzt das Alte Testament und kommen ins Neue Testament, zu Jesus Christus.

3.3. Jesus offenbart Gott als seinen Vater

Durch Jesus Christus kommt nicht bloß eine Vertiefung, sondern etwas völlig Neues. Daß Gott „väterlich“, wie ein Vater, für die Menschen sorgt, das war vom Alten Testament her erkennbar. Aber daß er von Ewigkeit einen Sohn hat und diesen im Heiligen Geist uns hinschenken will, diese Offenbarung erfolgt erst im Neuen Testament. Und erst hier wird auch erkennbar, daß „Vater“ nicht irgendeine Eigenschaft von vielen ist, die man Gott zuerkennen kann, sondern hier wird seine intimste und innerste Seite angesprochen. Und ich bitte Sie wirklich zu beachten, daß hierin eine Besonderheit der christlichen Offenbarung liegt.

Doch zunächst einmal müssen wir feststellen, daß Jesus die Linie des Alten Testamentes fortsetzt. Auch er verkündigt, daß Gott „wie ein Vater“ ist, daß er „väterlich sorgt“. In seinen Gleichnissen vergleicht Jesus das Verhalten Gottes ja zigmal mit dem eines gütigen Vaters! Denn „Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet“ (Mt 6,7). 174mal nennt Jesus in den Evangelien Gott „Vater“: Jesus möchte sagen: Gott sorgt sich um euch, wie ein Vater um seinen verlorenen Sohn (Lk 15,11–32); er gibt euch, seinen bettelnden Kindern, nur Gutes wie ein Vater, wenn er durch Bitten bedrängt wird (Mt 7,11; Lk 11,13) usw. Sie kennen alle diese Gleichsnisse.

Dabei fällt aber schon etwas auf, und dem stimmen alle Bibelwissenschaftler zu: Daß Jesus nämlich immer einen Unterschied macht zwischen „mein Vater“ und „euer Vater“. Offensichtlich meint Jesus etwas Tieferes, wenn er den Gott Israels als seinen Vater anredet. Jedenfalls unterscheidet er eindeutig zwischen „mein Vater“ (Mt 11,27par; Lk 22,29) und „euer Vater“ (Lk 6,36 par; 12,30par; Mk 11,25 par; vgl. Mt 23,9; Joh 20,17). Sehr eindrucksvoll etwa in Joh 20,17, wo Jesus am Ostermorgen zu Maria von Magdala sagt: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.“ (Joh 20,17)

Warum macht Jesus eine solche Unterscheidung? Weil er sein Verhältnis zu Gott dem Vater als etwas einzigartiges weiß: es ist das Verhältnis des eingeborenes Sohnes Gottes zu seinem Vater, der ihn in die Welt gesandt hat, um allen Menschen zu retten. Jesus ist der ewige Sohn des ewigen Vaters, von Ewigkeit ist er aus der Wesenheit Gottes des Vaters hervorgangen und hat Menschengestalt angenommen in der Zeit. So bekennt es die Kirche feierlich gegen die Irrlehre des Arianismus.

Doch diese Häresie aus dem 4. Jahrhundert ist seit Jahrzehnten wieder sehr populär. Der Arianismus wird benannt von Arius; dieser war Priester und Leiter der Katechetenschule von Alexandrien in Ägypten. Seinen Beruf kann man mit dem eines heutigen Theologieprofessors vergleichen. Arius lehrte damals, und er fand viele Anhänger, daß der Sohn nicht wahrhaft Gott sei; nur der Vater ist wahrer Gott, der Sohn aber ist ein Geschöpf. Jesus Christus ist folglich nur ein Prophet, es gibt kein besonderes Verhältnis zwischen ihm und Gott dem Vater. Jesus hat sich nur in einem allgemeinen Sinn als „Sohn Gottes“ bezeichnet, wie sich jeder von uns als „Sohn Gottes“ bezeichnen kann.

Heute vertreten die Zeugen Jehovas diese Lehre mit großem Nachdruck: Jesus Christus ist nicht Gott von Gott, Licht vom Licht, eines Wesens mit dem Vater, wie der katholische Glaube lehrt. Die Zeugen Jehovas sind die Arianer unserer Zeit. Aber auch die liberale Bibeltheologie kann mit einer einzigartigen Gottessohnschaft Jesu Christi nichts anfangen. All die vielen Stellen in den Evangelien, vor allem bei Johannes oder in den Paulusbriefen, wo Jesus sich „Sohn“ nennt und wo davon die Rede ist, daß er von Ewigkeit her existiert, läßt man nicht gelten. Dies seien Erfindungen der frühen Kirche, fromme Wunschphantasien, die man da im Neuen Testament zusammengeschrieben habe. Kurz gesagt: Falls Jesus überhaupt gelebt hat, dann war er halt irgendein besonders frommer oder radikaler Wanderrabbi, aber nicht der ewige Sohn des ewigen Vaters, der Mensch geworden ist, um uns die barmherzige Liebe des Vaters zu schenken.

Gegen die neoarianischen Irrlehren läßt sich nun von der Heiligen Schrift her ein wichtiges Argument anführen.

Es gibt im Evangelium eine Stelle, die sicher nicht Erfindung der Evangelisten ist, sondern aus dem Munde Jesu stammt. Und dort läßt uns Jesus gleichsam in die intimsten Abgründe seiner Beziehung zu Gott schauen. Es ist dies die Stelle im ältesten Evangelium, also bei Markus, und zwar in der Passionserzählung vom Ölberg: Markus überliefert, daß Jesus in der Not von Getsemani mit folgenden Worten betet: „Abba, Vater, alles ist dir möglich. Nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht, was ich will, sondern was du willst (soll geschehen).“ (Mk 14,36)

Warum ist diese Stelle so bedeutungsvoll? Die Evangelien des NT sind in griechischer Sprache verfaßt worden. Jesus aber hat aramäisch gesprochen. Nur ganz wenige aramäische Worte sind uns überliefert: Z. B. „Amen“, „Kephas“, „Talita kum“ oder „Maranatha“ (1 Kor 16,22; Offb 22,20). Hier nun findet sich auch ein hebräisches Wort, mit dem Jesus Gott anredet: „Abba, Vater“.

Es fällt dabei auf, daß der griechischschreibende Markus dieses aramäische Fremdwort dort gerade in der extrem zugespitzten Todessituation am Ölberg bringt. Sonst übersetzt er immer mit „pater“ und bringt überhaupt wenig Aramäisches. Warum gerade hier „abba“? Offensichtlich sagt Jesus auch und gerade in dieser Situation äußerster Bedrängnis noch „abba“, weil das seine Grundrelation auf Gott hin ist: Gott ist sein „abba“.

Was bedeutet „abba“? Lange Zeit hat man mit dem evangelischen Exegeten Joachim Jeremias [2] gemeint, daß es sich bei dem Ausdruck „abbah“ um eine völlig außergewöhnliche, diminutive und affektive Form von „ab“ handelt. Sie sei etwa im Sinn von „Papi“, „Papilein“, „Papsch“ oder „Daddy“ zu verstehen. Joachim Jeremias später etwas zurückgezogen: Abbah sei eine kindliche aber nicht kindische Anrede des Kindes an den Vater gewesen, etwa vergleichbar unserem „Papa“. Wie auch immer: eindeutig schwingt in „abba“ ein aufregender Hauch von Intimität mit. Und eine solche ist Anrede an Gott ist für Juden unerhört: Gott ist transzendent, Gott ist herrlich, Gott ist erhaben und heilig, – so heilig, daß man nicht einmal seinen Namen aussprechen darf. Und da kommt Jesus, und spricht Gott als „Papa“ an, noch dazu in der Situation, wo er sich von Gott eigentlich verraten und verlassen fühlen müßte.

Wir wissen heute, daß es für Juden zur Zeit Jesu unvorstellbar gewesen wäre, Gott als „Vater“ anzureden [3] (als würde man den Bundespräsidenten mit „Schatzimausi“ begrüßen). Ein solcher vertrauter, umgangssprachlicher Ton – und es handelt sich hier unbestreitbar um ein originales Jesuswort – bezeugt, wie vertraut der göttliche Vater Jesus war. Das ist mehr als die Vertrautheit zwischen einem menschlichen Propheten und einem göttlichen Meister. Das ist die vielmehr die Vertrautheit dessen, der von sich sagen kann: „Der Vater und ich sind eins“. „Wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.“ „Mir ist von meinem Vater alles übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.“ (Mt 11,27 vgl. 28,18; Joh 3,35; 13,3; 10,15)

Halten wir also fest: Jesu Beziehung zu seinem Vater ist also einzigartig. Und mehr noch: Er offenbart uns etwas Neues, Tieferes, als es je vom Alten Testament her erahnbar gewesen wäre: Er offenbart uns, daß der innerste Name Gottes, des Schöpfers und Herrschers über Himmel und Erde, daß dieser Name „Vater“ ist: Und zwar nicht nur SEIN Vater, sondern sogar UNSER Vater. Jesus will diese Beziehung nicht für sich behalten. Sondern er will, daß wir alle an ihr teilnehmen. Er will, daß auch wir die Liebe Gottes erkennen, damit auch wir zu Gott „Vater, Abba“ sagen können.

4. Wir sind Kinder Gottes

Wir sind am Anfang des Advent, am Anfang des Jahres des Vaters nach. Und damit es keine luftleeren Spekulationen bleiben, kommen wir jetzt am Schluß zum eigentlichen und entscheidenden: zu dem, was das Vatersein Gottes „für uns“ bedeutet:

Es geht darum, daß wir erkennen, daß wir Kinder Gottes sind. Jesus hat Gott, seinen „Vater“ unendlich geliebt. Er wollte offenbaren, daß dieser Vater kein grausamer Tyrann, verborgen hinter Blitzen und Donner ist, wie die Römer und Griechen das dachten; er wollte offenbaren, daß Gott nicht bloß eine abstrakte mitleidslose Schicksalsmacht ist, wie die Gnosis damals und New Age heute das lehren; er wollte offenbaren, daß Gott den Sünder nicht verwirft, sondern ihn retten will, daß er wie ein barmherziger Vater Ausschau hält nach der Rückkehr des verlorenen Sohnes. – Daher geschah es, als die Jünger Jesus baten: „Herr, lehre uns beten!“, da antwortete er: So sollt ihr beten: Und er lehrte die Jünger, Gott als „unseren Vater“ (Mt 6,9; Lk 11,2) anzureden. Er will, daß wir erkennen, daß sein Vater auch unser Vater sein will. Anders gesagt: Er will, daß wir Kinder Gottes werden.

Wie wird man zum Kind des Vaters? Indem man Christus wird, indem man in die Gestalt Christi eintritt; das geschieht durch die Taufe. In der Taufe ziehen wir Christus wie ein Gewand an (Taufkleid), er wird zu unserem inneren Licht (Taufkerze), wir werden gesalbt (Chrisam), weil Christus ja Gesalbter heißt, und düfen fortan den Namen Christ tragen, was ja soviel heißt wie „Gesalbter“. Durch die Taufe sind wir Kinder Gottes, genauer: wir sind Söhn im Sohn. Und weil der Sohn den Heiligen Geist ausgießt, schreibt Paulus: „ihr habt den Geist empfangen, der euch zu Söhnen macht, den Geist, in dem wir rufen: Abba, Vater!“ (Röm 8,15; vgl. Gal 4,6)

Das ist eigentlich aufregend: Wir sterblichen Menschen haben durch den Sohn Gottes eine solche Salbung durch den Geist empfangen, daß wir in genau derselben Zutraulichkeit zu Gott beten dürfen, wie Jesus selbst. Wir dürfen zu Gott auch sagen: „Abba“, „Papa“. Unser guter lieber Vater.

Und keine Angst: Dadurch verharmlosen wir Gott nicht, weil er ja weiterhin der allmächtige bleibt, der Schöpfer, der erhabene Herrscher aller Mächte und Gewalten. Wir haben als Christen das Privileg, diesen Gott, den alle Religionen suchen, als unseren guten Vater zu kennen und anzubeten. Wir können mit dem Epheserbrief beten: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus: Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.“ (Eph 1,3; vgl. 1 Petr 1,3; 2 Kor 1,3)

5. Geistliche Anregungen

Wir befinden uns am Anfang des Adventes und am Anfang des „Jahres des Vaters, des allmächtigen, des Schöpfers des Himmels und der Erde.“ Ich erlaube mir, uns noch einige geistliche Anregungen zu geben:

1. Erwecken wir in uns das Gefühl für die Größe und Erhabenheit Gottes. Das zweite Gebot ist weiterhin aktuell: Du sollst den Namen Gottes nicht verunehren. In einer Zeit, in der die Blasphemie in Kunst und Literatur schon allgemein geworden ist, müssen wir dieses Gefühl für die Größe Gottes in uns neu erwecken. Maria betet: „Magnificat anima mea Dominum!“ Das heißt eigentlich: „Meine Seele macht Gott groß!, läßt Gott groß sein, erschaudert vor der Größe Gottes!“ Denken wir einmal nach, wie es mit der Gottesfurcht bei uns steht. – Wie leicht und oberflächlich plappern wir oft das Vater unser! Maria betet auch: „Der Mächtige hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig!“ Der Name Gottes ist wahrhaft heilig!

2. Die liturgischen Gebete richten sich an Gott den Vater, an die Quelle der dreifaltigen Lebens. Beten wir diese Gebete bewußt mit dem Herzen mit. Denken wir tiefer über das Heilswerk nach, daß der ewige Gott durch seinen Sohn im Heiligen Geist an uns getan hat. Er, der Gott aller Menschen, hat uns die Fülle seines Heiles geschenkt. Durch die Sakramente der Kirche kommt er uns ganz nahe. Er, der Vater, ist es, der in der Kirche an uns handelt. Am Ende der Schöpfung wird Christus dem Vater alles zu Füßen legen, und Gott wird alles in allem sein, wie Paulus schreibt.

3. Die Ehrfurcht vor der Schöpfung ergibt sich von selbst, wenn wir den Schöpfer ehren. Aber es ist nicht nur eine Ehrfurcht vor Hunden und Katzen, Bäumen und Wiesen, sondern es ist eine Ehrfurcht auch vor jenen Gesetzen, die der Schöpfer in seine Schöpfung gelegt hat. Es gibt gut und böse, das Böse widerspricht der Natur, dem Plan, den der Schöpfer mit dem Menschen hat. Wir werden in den nächsten Vorträgen über die Barmherzigkeit des Vaters hören, mit der er uns zu Hilfe kommt, wenn wir gegen seine Gebote verstoßen.

4. Jesus, der ewige Sohn des ewigen Vaters, ist deshalb Mensch geworden, damit wir die Sohnschaft erlangen, damit wir Kinder Gottes werden. Er sagt zu seinem Vater „Abba, lieber Vater, Papa!“ und das in der Stunde seiner Todesangst. Bedenken wir also, daß wir nie in den Abgrund des Nichts fallen können, weil Jesus uns geschenkt hat, Kinder Gottes zu sein. Wir dürfen „durch ihn und mit ihm und in ihm“ Gott unseren Vater, ja unseren Papa nennen nennen.

Ich schließe mit einem Gebet von Charles de Foucauld:

Mein Vater, ich überlasse mich Dir, mit Deinem Sohne, ganz und gar, für alle, damit sie den Weg finden zu Dir. Mach mit mir, was Dir gefällt. Was immer Du mit mir tust, ich danke Dir. Ich bin zu allem bereit, ich nehme alles an. Wenn nur Dein Wille an mir geschehe und an allen Deinen Geschöpfen, so wünsche ich nichts anderes, mein Gott. Ich lege mich in Deine Hände. Ich schenke mich Dir, mein Gott, mit der ganzen Liebe meines Herzens. Weil ich Dich liebe und es mich aus Liebe danach verlangt, mich zu geben, mich in Deine Hände zu geben, ohne Maßen, mit unendlichem Vertrauen. Denn Du bist mein Vater. Amen.


[1] R. HAMERTON KELLY, Gott als Vater in der Bibel und in der Erfahrung Jesu. Eine Bestandsaufnahme, in: Conc (D) 17 (1981) 247–256, hier: 249.

[2]J. Jeremias, Abba. Studien zur neutestamentlichen Theologie. Göttingen 1966.

[3] Erst in jüngster Zeit wurde in Qumran ein Text entdeckt, wo ein palästinensischer Jude von Gott als „abba“ spricht. Es handelt sich um das einzige Zeugnis. Zu beach-ten ist, daß es sich hier nicht um eine Anrede Gottes handelt.

„Mein Leben war ein Abenteuer an der Hand der Mutter“ – Requiem für Pastor Heinz Künster“

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Begräbnis von Pastor Heinz Künster (Foto: Brehm)

CBre/Hbre. „Mein Leben war ein Abenteuer – an der Mutter Hand. Und während ich dies schreibe, liegt das größte Abenteuer vor mir, der Tod, an der Mutter, an Pater Kentenichs Hand. Und darauf bin ich gespannt.“ Dieser Satz aus seinem Testament sagt viel aus über Pastor Heinz Künster, der in der Nacht von Allerheiligen zu Allerseelen verstorbenen ist. Jetzt, nach 91 Lebensjahren, habe er sein größtes Abenteuer gelebt, „nachdem er am 18. Oktober 2014 zur internationalen Hundertjahrfeier Schönstatts noch erleben durfte, dass das Gott-Vater-Symbol seinen vorgesehenen Platz im Urheiligtum gefunden hat und sich seine Sendung als Hüter des Vater-Symbols für das Urheiligtum und für die Verbreitung der Botschaft von einem liebenden Vatergott“ erfüllt habe. Das betonte Rektor Egon M. Zillekens, Verantwortlicher in der internationalen Leitung des Schönstatt-Priesterbundes in seiner Predigt beim Requiem für den Verstorbenen in der Kapelle des Priesterhauses Marienau.

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Requiem für Pastor Heinz Künster in der Kapelle des Priesterhauses Marienau (Foto: Brehm)

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Weihbischof Jörg Michael Peters, Trier, stand der Feier vor (Foto: Brehm)

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Rektor Egon M. Zillekens (Foto: Brehm)

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Weihbischof Jörg Michael Peters, Trier, stand der Feier vor (Foto: Brehm)

Dank für die priesterliche Treue Heinz Künsters

Zillekens konnte eine große Trauergemeinde begrüßen. Neben Mitgliedern seiner Familie waren das Gemeindemitglieder aus den verschiedenen Pfarreien, in denen der Verstorbene gewirkt hatte, Mitglieder und Vertreter der verschiedenen religiösen Gemeinschaften vom Ort Schönstatt, aber auch Freunde und Bekannte aus der näheren und weiteren Umgebung. In die große Zahl der priesterlichen Mitbrüder des Verstorbenen aus seiner eigenen Gemeinschaft, den Schönstatt-Priestergemeinschaften und weiterer priesterlicher Weggefährten hatte sich auch Weihbischof Jörg Michael Peters, Trier, eingereiht. Er brachte Grüße von Bischof Dr. Stephan Ackermann und unterstrich, dass er mit seinem Kommen für die priesterliche Treue Heinz Künsters danken wolle. Im Blick auf den Verstorbenen betonte Weihbischof Peters, dass alle Mitfeiernden besonders dankbar sein könnten, „dass es eine Transparenz in seinem Leben und in seinem priesterlichen Dienst gegeben hat, hin auf dieses Licht, das Gott selber ist, der ihm nun im Tod begegnet als sein Erlöser.“

„Schönstatt ist ohne ihn nicht mehr dasselbe.“

Die vielen Echos auf den Tod von Pastor Künster, die in den vergangenen Tagen aus Schönstatt, aus dem Bistum Trier, aus seinen früheren Pfarreien und aus der weiten Welt eingetroffen seien, zeichneten ein vielfältiges Bild des Verstorbenen, so Rektor Zillekens in seiner Predigt. Neben dem Thema „Pastor Künster und die Botschaft vom barmherzigen Vater-Gott“ werde seine Bescheidenheit, sein Verständnis, sein stets offenes Ohr, sein Wohlwollen hervorgehoben. Genannt werde seine Verfügbarkeit für alle, die kamen, und seine Geduld, wenn sie – wie das nicht nur bei Lateinamerikanern schon mal vorkomme – später kamen. Oder auch sein lebendiges Erzählen vom Gründer Pater Kentenich, als dessen „treuer Sohn in den Spuren des Vaters“ er erlebt wurde. Auch seine väterliche Begleitung und seine priesterliche Väterlichkeit wird genannt: „Ein wahrer priesterlicher Freund“, schreibt jemand. Beeindruckend seien seine Treue und seine Hingabe, seine Hochherzigkeit, Feinsinnigkeit, Herzlichkeit, Schlichtheit und sein Humor gewesen. „Ich kann mir Schönstatt ohne ihn nicht vorstellen, Schönstatt ist ohne ihn nicht mehr dasselbe.“

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Statio vor dem Kanaan-Patris Heiligtum (Foto: Brehm)

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Mitbrüder tragen des Verstorbenen auf dem letzten Weg zu seiner Grabstelle auf dem Vallendarer Friedhof (Foto: Fellhofer)

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Ein Platz an der Mauer (Foto: Brehm)

Ein großer Beter und ein großer Beichtvater

Er wolle noch zwei Seiten Pastor Künsters besonders hervorheben, so Zillekens. Der Verstorbene sei ein großer Beter und ein großer Beichtvater gewesen. Viele hätten ihm ihre Sorgen anvertraut, sowohl mündlich, als auch telefonisch. Alle habe er mit in sein tägliches Gebet genommen. Er habe sich auch lange daran erinnert und bei Begegnungen manchmal gefragt, wie es denn nun ausgegangen wäre.

Im Nachhinein denke er, dass Heinz Künster einen direkten Draht zum Himmel gehabt habe, so Zillekens. Himmel und Erde seien für ihn wie eins gewesen. Mitten im Satz hätte er plötzlich umschalten und Maria, „die Mutter“ ansprechen können. Dieses „an der Mutter Hand“, wie es der Verstorbene in seinem Testament selbst schreibe, sei wohl so etwas wie „sein Geheimnis“ gewesen, ein Geheimnis, „das er selber, wie einige von uns wissen dürfen, in seinem Leben erst schrittweise entdeckt hat“.

Lege deine Hand in Gottes Hand

Wenn wir Pastor Künster jetzt fragen könnten, so Zillekens, was ist deine Erfahrung mit dem Abenteuer Tod, würde er vielleicht antworten: Lebe dieses Abenteuer mit einem hoffnungsvollen Ja und an der Mutter Hand – auch in einer Welt, die vom Tod gezeichnet ist. Berufe dich auf unseren Herrn Jesus Christus und vertraue ohne alle Spekulation und ohne alle Bescheidwisserei darauf, dass du in der Liebe und Zuwendung des barmherzigen Vaters nach deinem Tod einen Platz hast. Vertraue auf Gott, dessen Möglichkeiten viel weiter reichen als du denkst. Lege deine Hand in Gottes Hand, um frei zu sein von jeder Angst um dich selbst, frei zu sein für die anderen, frei für deine Aufgabe in dieser Welt. Mach dich täglich daran, angstlos Spuren der Liebe und Herzlichkeit zu hinterlassen …“

Uns steht dieses Abenteuer noch bevor

„Heinz“, so spricht der Prediger seinen toten Mitbruder, dessen Sarg – geschmückt mit den priesterlichen Zeichen von Kelch, Patene und Stola, sowie einem Gott-Vater-Symbol, Weintrauben und Ähren vor dem Altar und neben der brennenden Osterkerze in der Hauskapelle der Marienau steht, direkt an: „Du durftest Jesus schon folgen, uns steht dieses Abenteuer noch bevor!“

Nach dem Gottesdienst und einer kurzen Statio vor dem Kanaan-Patris Heiligtum geleitete die Trauergemeinde den Verstorbenen zu seiner letzten Ruhestätte auf den Friedhof der Stadt Vallendar. Zum Abschluss trafen sich viele Trauergäste noch im Priesterhaus Marienau bei einem Imbiss und nutzen die Gelegenheit Erinnerungen an den Verstorbenen auszutauschen und das Vermächtnis seines Lebens und Wirkens zu reflektieren.

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An einem sonnigen Herbstnachmittag findet Pastor Heinz Künster unter bunten Buchen seinen letzten Ruheplatz (Foto: Brehm)

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Quelle

Katechese für die Haupt- und Ehrenamtlichen im Dienst der Barmherzigkeit

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ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Petersplatz
3. September 2016

[Multimedia]


 

Wir haben das Hohelied der Liebe gehört, das der Apostel Paulus für die Gemeinde in Korinth geschrieben hat und das eine der schönsten und anspruchsvollsten Seiten für das Zeugnis unseres Glaubens darstellt (1 Kor 13,1-13). Wie oft hat der heilige Paulus in seinen Schriften über die Liebe und den Glauben gesprochen; in diesem Text jedoch wird uns etwas außerordentlich Großes und Einzigartiges vorgelegt. Die Liebe, im Unterschied zum Glauben und zur Hoffnung, »hört niemals auf« (V. 8), sagt er, sie bleibt für immer. Diese Lehre muss für uns eine unerschütterliche Gewissheit bilden; die Liebe Gottes wird in unserem Leben und in der Geschichte der Welt niemals aufhören. Es ist eine Liebe, die immer jung, tätig und dynamisch ist und auf unvergleichliche Weise an sich zieht. Es ist eine treue Liebe, die nicht betrügt, trotz unserer Widersprüche. Es ist eine fruchtbare Liebe, die wirkt und über unsere Faulheit hinausgeht. Wir sind Zeugen dieser Liebe. Denn die Liebe Gottes kommt uns entgegen; sie ist wie ein stark Wasser führender Fluss, der uns fortreißt, aber ohne uns zu bezwingen; sie ist vielmehr Bedingung des Lebens: „Hätte [ich] aber die Liebe nicht, wäre ich nichts“, sagt der heilige Paulus (V. 2). Umso mehr wir uns von dieser Liebe ergreifen lassen, desto mehr wird unser Leben neu geboren. Wir könnten wahrlichen mit all unser Kraft sagen: Ich bin geliebt, daher lebe ich!

Die Liebe, von der der Apostel spricht, ist nicht etwas Abstraktes oder Unbestimmtes; sie ist vielmehr eine Liebe, die man persönlichsieht, berührt und erfährt. Die größte und ausdruckstärkste Form dieser Liebe ist Jesus. Seine ganze Person und sein ganzes Leben sind nichts anderes als ein konkreter Ausdruck der Liebe des Vaters und gipfeln in diesem Moment: »Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren« (Röm 5,8). Das ist Liebe! Es sind nicht Worte, es ist Liebe. Vom Berg Kalvaria, wo das Leiden des Gottessohns seinen Höhepunkt erreicht, entspringt der Quell der Liebe, der jede Sünde tilgt und alles zu einem neuen Leben erschafft. Auf unauslöschliche Weise tragen wir immer diese Gewissheit des Glaubens mit uns: Christus hat »mich geliebt und sich für mich hingegeben« (Gal 2,20). Dies ist die große Gewissheit: Christus hat mich geliebt, und er hat sich selbst hingegeben für mich, für dich und für dich und für dich, für alle, für einen jeden von uns! Nichts und niemand kann uns von der Liebe Gottes scheiden (vgl. Röm 8,35-39). Die Liebe ist also der höchste Ausdruck des ganzen Lebens und macht es uns möglich zu leben!

Angesichts dieses so wesentlichen Inhalts des Glaubens kann die Kirche es sich niemals erlauben, so zu handeln, wie es der Priester und der Levit gegenüber dem halbtot am Boden liegen gelassenen Mann getan haben (vgl. Lk 10,25-36). Man kann nicht den Blick abwenden und auf die andere Seite gehen, um die vielen Formen der Armut, die nach Barmherzigkeit verlangen, nicht zu sehen. Und dieses Auf-die-andere-Seite-Gehen, um nicht den Hunger, die Krankheiten, die ausgebeuteten Menschen zu sehen … – das ist eine schwere Sünde! Es ist auch eine moderne Sünde, eine Sünde von heute! Wir Christen dürfen uns dies nicht erlauben. Es wäre weder der Kirche noch eines Christen würdig, „weiterzugehen“ und vermeintlich ein gutes Gewissen zu haben, nur weil wir gebetet haben oder weil ich am Sonntag zur Messe gegangen bin. Nein! Der Berg Kalvaria ist stets aktuell; er ist weder verschwunden, noch bleibt er ein schönes Gemälde in unseren Kirchen. Dieser Gipfel des Mit-leidens, von dem die Liebe Gottes gegenüber unserem menschlichen Elend entspringt, spricht auch in unseren Tagen zu uns und drängt uns, immer neue Zeichen der Barmherzigkeit zu setzen. Ich werde nie müde werden zu sagen, dass die Barmherzigkeit Gottes keine schöne Idee ist, sondern eine konkrete Aktion. Barmherzigkeit ist immer konkret. Die Barmherzigkeit ist nicht ein „beiläufiges“ Tun; es ist dort ergriffen sein, wo das Böse, wo die Krankheit, wo der Hunger, wo menschliche Ausbeutung ist. Und auch die menschliche Barmherzigkeit ist keine Barmherzigkeit – d. h. menschlich und Barmherzigkeit –, solange sie nicht im täglichen Handeln konkret geworden ist. Die Mahnung des Apostels Johannes bleibt stets gültig: »Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit« (1 Joh 3,18). Denn die Wahrheit der Barmherzigkeit stellt man in unseren täglichen Taten fest, die das Handeln Gottes in unserer Mitte sichtbar machen.

Brüder und Schwestern, ihr vertretet hier die große und bunte Welt der ehrenamtlichen Dienste. Gerade ihr gehört zu den wertvollsten Realitäten der Kirche. Jeden Tag, oft im Stillen und Verborgenen, gebt ihr der Barmherzigkeit Gestalt und macht sie sichtbar. Ihr seid Baumeister der Barmherzigkeit: mit euren Händen, mit euren Augen, mit euren Ohren, mit eurer Nähe, mit eurer Liebenswürdigkeit… Baumeister! Ihr bringt einen der schönsten Wünsche des menschlichen Herzens zum Ausdruck, nämlich den, dass ein Mensch, der leidet, sich geliebt fühlt. In den verschiedenen Bedürfnissen und Notsituationen vieler Menschen stellt eure Anwesenheit die ausgestreckte Hand Christi dar, die alle erreicht. Ihr seid die ausgestreckte Hand Christi. Habt ihr daran gedacht? Die Glaubwürdigkeit der Kirche geht auf überzeugende Weise auch über euren Dienst zugunsten von verlassenen Kindern, von Kranken, von Armen ohne Essen und Arbeit, von Alten, Obdachlosen, Gefangenen, Flüchtlingen und Immigranten, von Opfern von Naturkatastrophen … Wo immer also Bedarf an Hilfe besteht, da gelangt euer aktives und uneigennütziges Zeugnis hin. Ihr macht das Gesetz Christi sichtbar, dass nämlich einer des anderen Last tragen soll (vgl. Gal 6,2; Joh 13,34). Liebe Brüder und Schwestern, ihr berührt das Fleisch Christi mit euren Händen. Vergesst das nicht. Ihr berührt das Fleisch Christi mit euren Händen. Seid in eurer Solidarität stets verfügbar, schenkt großzügig eure Nähe, seid voll Eifer, Freude zu wecken, und seid überzeugend im Trösten. Die Welt braucht konkrete Zeichen der Solidarität, vor allem gegenüber der Versuchung der Gleichgültigkeit. Sie verlangt nach Menschen, die fähig sind, mit ihrem Leben dem Individualismus und dem Geist, nur an sich zu denken und sich nicht mehr um die Brüder und Schwestern in Not zu kümmern, entgegenzuwirken. Seid immer zufrieden und voller Freude wegen eures Dienstes, aber macht daraus nie einen Grund zur Überheblichkeit, die dazu führt, sich besser als die anderen zu fühlen. Euer Werk der Barmherzigkeit sei hingegen die demütige und beredte Weiterführung Jesu Christi, der sich weiter zu den Leidenden hinunterbeugt und sich ihrer annimmt. Denn die Liebe »baut auf« (1 Kor 8,1) und macht es unseren Gemeinden Tag für Tag möglich, Zeichen geschwisterlicher Gemeinschaft zu sein.

Sprecht zu Christus über diese Dinge. Ruft zu ihm. Macht es wie Sister Preyma, wie uns die Schwester erzählt hat: Sie hat an den Tabernakel geklopft. So mutig! Der Herr erhört uns. Ruft zu ihm! Herr, schau da… Schau, so viel Armut, so viel Gleichgültigkeit, so viel Auf-die-andere-Seite-Schauen: „Das berührt mich nicht, es interessiert mich nicht.“ Sprecht darüber mit dem Herrn: „Herr, warum? Herr, warum? Warum bin ich so schwach und du hast mich gerufen, diesen Dienst zu tun? Hilf mir und gib mir Kraft und gib mir Demut!“ Der Kern der Barmherzigkeit ist dieser Dialog mit dem barmherzigen Herzen Jesu.

Morgen werden wir mit Freude sehen, dass Mutter Teresa heiliggesprochen wird. Dieses Zeugnis der Barmherzigkeit unserer Zeit kommt zur unzähligen Schar von Männern und Frauen hinzu, die mit ihrer Heiligkeit die Liebe Christi sichtbar gemacht haben. Ahmen auch wir ihr Beispiel nach und bitten wir darum, demütige Werkzeuge in der Hand Gottes zu sein, um das Leid der Welt zu lindern und die Freude und Hoffnung der Auferstehung zu schenken. Danke.

Und bevor ich euch den Segen gebe, lade ich euch ein, schweigend für die vielen, vielen Menschen zu beten, die leiden. Für so viel Leid, für so viele, die von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Betet auch für die vielen freiwilligen Helfer wie euch, dass sie zur Begegnung mit dem Fleisch Christi kommen, um es zu berühren, es zu umsorgen, um seine Nähe zu spüren. Und betet auch für so viele, viele, die angesichts so vielen Elends auf die andere Seite schauen und in ihrem Herzen eine Stimme hören, die ihnen sagt: „Das berührt mich nicht, es interessiert mich nicht.“ Beten wir schweigend.

[silenzio]

Beten wir auch zur Madonna: Gegrüßet seist Du Maria …

[Segen]