PATER PIO — DAS JAHR 1913

DAS JAHR 1913

«Durch wiederholte heilsame Meisselschläge und durch sorgfältiges Nachglätten pflege ich die Steine vorzubereiten, die eingefügt werden sollen in die Gesamtgestaltung des ewigen Bauwerks.» Diese Worte wiederholt mir Jesus immer wieder, so oft er mich mit neuen Kreuzen beschenkt» schreibt Pater Pio am 18. Januar 1913. Und er meint die leiblichen Schmerzen, die er fast jede Nacht erduldet und die Jesus ihm angekündigt hat, seien hervorgerufen durch ‚das Ringen mit der Hölle.

«Hören Sie doch, was ich vor einigen Nächten von diesen unreinen Abtrünnigen zu erdulden hatte, schreibt er. Die Nacht war schon vorgerückt, da eröffneten sie ihren Angriff mit einem verteufelten Lärm und obwohl ich anfangs nichts geschaut hatte, begriff ich jedoch von wem dieser so befremdliche Lärm hervorgerufen war. Und weit entfernt mich zu fürchten, machte ich mich mit einem ihnen zugewandten, spöttischen Lächeln auf den Lippen zum Kampf bereit. Da zeigten sie sich mir nun unter den abscheulichsten Gestalten und um mich zur Untreue zu verleiten, fingen sie an, mich mit vornehmen Handschuhen zu behandeln. Aber dank dem Himmel habe ich sie gründlich gestriegelt und so behandelt, wie sie es verdienen. Als sie sahen, dass sich ihre Anstrengungen in Rauch auflösten, rückten sie mir näher zu Leibe, warfen mich zu Boden und prügelten mich ganz stark. Sie warfen Kopfkissen, Bücher, Stühle in die Luft, stiessen zugleich verzweifelte Schreie aus und sprachen äusserst schmuzzige Worte aus.

Zum Glück sind die Nachbarzimmer und auch das Zimmer unter mir unbewohnt. Ich habe keine Beschwerde an meinen kleinen Engel gerichtet und nachdem er eine kleine Predigt an mich gerichtet hatte, fügte er hinzu: «Danke Jesus, der dich als solchen behandelt, den er dazu erwählt hat, ihm ganz nahe auf dem steilen Weg zum Kalvarienberg zu folgen. Du von Jesus meiner Fürsorge anvertraute Seele, ich sehe mit Freude und innerer Bewegung dieses Verhalten Jesu dir gegenüber. Meinst du vielleicht ich wäre so zufrieden, wenn ich dich nicht so angefochten sähe? Ich, der ich in der heiligen Liebe gar sehr deinen Vorteil wünsche, freue mich immer mehr, da ich dich in diesem Zustand sehe. Jesus erlaubt dem Dämon diese Angriffe, weil SEIN Mitleid dich für ihn kostbar macht und so will er, dass du ihm ähnlich werdest in den Ängsten der Wüste, des Ölbergs und des Kreuzes. Du aber verteidige dich, weise immer von dir und verachte die arglistigen Einflüsterungen, und wo deine Kräfte nicht ausreichen können, betrübe dich nicht, du Geliebter meines Herzens, ich bin ganz nahe bei dir» (1,112).

So wurde sich Pater Pio seiner Sendung allmählich bewusst und ent­deckte sie, aber unter welchen Schmerzen! Wir müssen uns jedoch genau merken, wenn es sein Schutzengel für notwendig hielt, sich die Mühe zu machen, diese aufhellende Erklärung zu erteilen und seinen Schützling zu beruhigen, dass dann die Nacht der Seele wirklich dunkel und die Schwie­rigkeiten äusserst fühlbar gewesen sein dürften. « Wird es jemals wahr sein, dass ich mich in den Armen Jesu befinde und er mein ist und ich ganz sein bin?» frägt sich Pater Pio, und fügt hinzu: «Dies ist jedoch gar oft die Frage, die spontan über meine Lippen kommt» (1,114), denn ohne Unter­lass ist Satan da und quält ihn mit seinen Häschern … Der arme Pater Pio hat keine Minute mehr Ruhe. Die Dämonen wissen sehr wohl, mit wem sie es da zu tun haben! Sie fürchten die Briefe geistlicher Leitung von Pater Agostino, denn sie wissen sehr genau, dass diese Pater Pio den einzigen Halt und die einzige Stärkung bieten und dass er alle Ratschläge, die ihm erteilt werden im Gehorsam befolgt.

«Kürzlich, als ich Ihren Brief erhielt, schreibt Pater Pio, sagten mir diese Kosaken, noch ehe ich ihn geöffnet hatte, ich solle ihn zerreissen oder ins Feuer werfen. Wenn ich dies täte, so würden sie sich für immer zurückziehen und mich nicht mehr peinigen. Ich verhielt mich still ohne ihnen eine Antwort zu geben; ich verachtete sie jedoch in meinem Herzen. Da fügten sie hinzu: «Wir wollen dies einfach als eine Bedingung für unsern Rückzug. Wenn du dies tust, geschieht es niemandem zum Hohn». Ich antwortete ihnen, dass nichts dazu tauge, mich von meinem Ent­schluss abzubringen.

Sie rückten mir wie viele ausgehungerte Tiger zu Leibe, dabei verfluch­ten sie mich und drohten mir, sie würden es mir heimzahlen. Mein Pater, sie haben Wort gehalten! Von diesem Tage an haben sie mich täglich zusammengeschlagen. Aber ich erschrecke nicht. Habe ich nicht in Jesus einen Vater? Ist es nicht wahr, dass ich immer sein Sohn sein werde? Ich darf mit Gewissheit sagen, dass Jesus mich nie vergessen hat, auch wenn ich weit weg von ihm war. Er mit seiner Liebe ist mir überallhin gefolgt.»

Warum war vielleicht an jenem Tage die Hölle rücksichtsloser gegen Pater Pio entfesselt? Weil im vorhergehenden Brief, den Pater Agostino auf Französisch geschrieben hatte, ein von einem vom Teufel besessenen elfjährigen Kinde verfasstes Sonett wiedergegeben wurde. Das Kind wohnte in Ariano cti Puglia. Und das Gedicht mit den Wörtern «Sohn» oder «Mutter» in verschränktem Reim war ein Lobpreis auf die Unbefleckte Empfängnis. Pater Agostino hatte dazu geschrieben: «Jetzt will ich Ihnen ein Gedicht zusenden, um Ihnen Freude zu machen und unsern höllischen Feinden soll es zur Schande gereichen!» Wer hätte das gedacht, dass die Dämonen so empfindlich sind? …

*

Pater Pio vertraut seinem Beichtvater noch folgendes an: «Jesus sagt mir, in der Liebe sei ER es, der liebt, in den Schmerzen hingegen, sei ich es, der IHN liebe. Nun aber die Gesundheit zu ersehen, das wäre ein auf die Suche Gehen nach Freuden für mich und nicht eine Erleichterung für Jesus zu suchen. Ja, ich liebe das Kreuz, und nur das Kreuz. Ich liebe es, weil ich es immer auf den Schultern Jesu sehe. Von nun an sieht Jesus sehr deutlich, dass mein ganzes Leben, mein ganzes Herz ganz und gar IHM und seinen Leiden geweiht ist.»

Und diese so eindrückliche Aussage: «Ach, Mein Pater, beklagen Sie mich doch wenn ich so rede. Jesus allein kann verstehen, wie sehr es mich schmerzt, wenn die Schmerzensszene vom Kalvarienberg sich so vor mir vorbereitet. Es ist ebenso unbegreiflich, welchen Trost man Jesus gibt, nicht nur indem man an seinen Schmerzen mitleidet, sondern wenn er eine Seele findet, die aus Liebe zu ihm ihn nicht um Tröstungen bittet, sondern vielmehr sie an seinen eigenen Schmerzen teilnehmen zu lassen.»

Lesen wir weiter in diesem so herzergreifenden Brief: « Wenn Jesus mir zu erkennen geben will, dass er mich liebt, dann gibt er mir von seinem Leiden die Wunden, die Dornen, die Ängste zu verkosten … Wenn er mich Freuden geniessen lassen will, dann erfüllt er mein Herz mit diesem Geist, der ganz Feuer ist, dann spricht er zu mir von seinen Wonnen. Aber wenn er selber geliebt sein will, dann spricht er zu mir von seinen Schmerzen, lädt mich ein mit einer Stimme, die zugleich bittet und befiehlt, meinen Leib danebenzulegen, um ihm die Leiden zu erleichtern… Jesus, der Schmerzensmann, möchte, dass alle Christen ihm nachstrebten!»

Aber angesichts so vieler Gnaden, angesichts dieser so grossen Liebe Jesu, der ihn einlädt, sein Kreuz mit IHM zu teilen, was sagt da Pater Pio? «Ach mein Pater, meine Undankbarkeit gegenüber der Majestät Gottes, ich fühle, dass sie zu gross ist in mir» (1,114).

Demut …

Und immer dieses selbe Leiden: «Jesus hört nicht auf, mich gern zu haben, schreibt Pater Pio am 13. Februar 1913 … , weil er nicht aufhört, mich noch mehr von diesen widerlichen Dreckschnauzen plagen zu lassen. Nun sind es volle zweiundzwanzig Tage ohne Unterbruch, dass Jesus diesen da erlaubt, ihren Zorn an mir auszutoben. Mein Leib, lieber Pater, ist ganz zerquetscht durch die vielen Schläge, die er bis jetzt durch die Hand unsrer Feinde abbekommen hat.»

Die Dämonen gingen so weit, dass sie ihm das Hemd herunterrissen und ihn entblösst, zerschlagen und bewegungsunfähig liegen Hessen,‘ während eine Hundekälte herrschte. Aber bald ist ihm Jesus zu Hilfe gekommen und unaufhörlich wiederholt er ihm: «Hab keine Angst, ich werde dich leiden lassen, aber ich werde dir auch die Kraft dazu geben!»

Und um ihn bei dieser Prüfung in der Demut zu erhalten, erklärt ihm Jesus: «Wie oft hättest du mich im Stich gelassen, mein Sohn wenn ich dich nicht gekreuzigt hätte? Unter dem Kreuz lernt man zu lieben und ich gebe es nicht allen, sondern nur den Seelen, die mir am teuersten sind!»
(1,116).

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — DAS JAHR 1912

Aber da kam noch eine andere Prüfung hinzu. Einige Wochen später, befürchtete Pater Pio er verliere das Augenlicht. «Gesundheitlich fühle ich mich besser, aber es gibt mir zu denken, dass die Sehkraft nicht wiederkommen will, doch will ich hoffen, dass der Herr mich wenigstens vor dem Erblinden der Seele bewahrt.»

«Blaubart» macht weiter …

Am 13. Januar schreibt er: «In leiblicher Hinsicht geht es mir ziemlich gut, so weit ich die Sehkraft ausnehme, die nicht zurückkommen will. In moralischer Hinsicht, sage ich Ihnen nur, dass Blaubart mich durchaus nicht loslassen will. Er macht mir immer von neuem zu schaffen, aber es ist wahr, auch Jesus ist bei mir. Und gestatten Sie mir den Ausdruck: Er stopft mich dauernd mit Tröstungen voll, so dass ich sie schon fast nicht mehr verdauen kann.»

Doch sein Leben dürfte nicht leicht gewesen sein, nein, bei weitem nicht! «Blaubart will sich nicht geschlagen geben, schreibt er an Pater Agostino am 18. Januar 1912. Er hat nahezu alle Gestalten angenommen. Seit mehreren Tagen kommt er mich besuchen mit andern von seinen Satelliten, bewaffnet mit Stecken und Eisengerät und, was noch schlimmer ist, unter Ihrer eigenen Gestalt. Wer weiss, wie oft er mich aus dem Bett geworfen hat, wobei er mich durch das Zimmer schleifte. Aber Geduld! Jesus, die liebe Muttergottes, der kleine Engel, der heilige Joseph und der heilige Vater Franziskus sind nahezu immer bei mir» (1,58).

Tröstungen …

Wie oft wurde Pater Pio von da an, und das während seines ganzen Lebens, vom Dämon und seinen Schergen misshandelt!. .. Denn Blaubart wusste sehr wohl, dass Pater Pio seinem Jesus nie etwas abschlug und so weit ging, bereit zu sein, IHN auf dem Weg der Erlösung, der bis zum Golgota hinaufführt, zu begleiten. Und das durfte der Böse selbstverständlich nicht zulassen. «Blaubart mit mehreren seinesgleichen hört nicht auf, mich zu schlagen, fast muss ich sagen, mich zu Tode zu prügeln, ausgenommen am Mittwoch. Aber der Monsieur (diese Bezeichnung verwendet Pater Pio, wenn er vom HERRN redet) und die übrigen edlen, himmlischen Persönlichkeiten ermutigen mich gänzlich mit ihren häufigen Besuchen … Vom Donnerstag bis zum Samstag wird gelitten und man leidet sehr. Das ganze Schauspiel seines Leidens bietet sich mir dar. Und stellen Sie sich vor, ob es da mitten drin noch einen Trost geben kann! In diesen Tagen, mehr denn je, verstärkt unser gemeinsamer Feind all seine Anstrengungen, um mich zu verderben und zu vertilgen, wie er es mir immer wieder zu verstehen gibt» (an Pater Agostino im Januar 1912 ohne nähere Zeitangabe 1,60).

«Die Besuche der gewohnten Persönlichkeiten setzen sich fort und werden immer häufiger; die Kämpfe jedoch lassen nicht nach. Diese Kosaken, wie mir scheint, haben es mehr mit diesen Personen zu tun, die mich lieben, als mit mir» (an Pater Agostino, am 28. Februar 1912 1,63).

«Gestern, am Fest des heiligen Joseph, schreibt Pater Pio am 21. März (der Brief wurde wahrscheinlich am Vortag geschrieben oder angefangen) habe ich, Gott allein weiss, wie viele Zärtlichkeiten zu verspüren bekommen, am meisten nach der Messe, so dass ich sie jetzt noch empfinde. Es brannten mir der Kopf und das Herz; aber es war ein Feuer, das mir gut tat. Der Mund verkostete die ganze Süsse dieses makellosen Fleisches des Sohnes Gottes. Oh, wenn es mir doch in diesem Augenblick gelänge, für immer in meinem Herzen diese Tröstungen zu begraben, wie ich sie noch als Ganzes verspüre, so wäre ich gewiss in einem Paradiese! Wie sehr mich doch Jesus froh macht! Wie süss ist sein Geist! Ich bin ganz beschämt und ich vermag nichts anderes zu tun, als zu weinen und zu wiederholen: Jesus meine Speise! …

Was mich am meisten betrübt, ist dass ich eine so grosse Liebe Jesu mit so viel Undank vergelte … Er hat mich immer gern und zieht mich näher an sich. Er hat meine Sünden vergessen und man möchte sagen, dass er sich nur an seine Barmherzigkeit erinnert … Jeden Morgen kommt er zu mir herein und lässt in mein armes Herz all seine Güte hinüberströmen. Ich möchte, wenn es mir möglich wäre, mit meinem Blute die Orte abwaschen, wo ich so viele Sünden begangen, wo ich so vielen Seelen Ärgernis gegeben habe!»

Es handelt sich da selbstverständlich um fromme Übertreibungen, wie sein Beichtvater es beurteilt.

«Vom Donnerstagabend bis Samstag, berichtet Pater Pio weiter in diesem Brief an Pater Agostino, wie auch am Dienstag ist es ein schmerzliches Trauerspiel für mich. Es scheint mir dann, das Herz, die Hände und die Füsse seien von einem Schwert durchbohrt; so gross ist der Schmerz, den ich fühle. Unterdessen hört der Dämon nicht auf, mir unter all seinen schrecklichen Gestalten zu erscheinen und mich auf eine wirklich grausige Art zu schlagen. Aber es lebe die Liebe Jesu, der mich mit seinen Besuchen für alles belohnt!» (1,68).

Da sieht man es, nur eins gilt in seinen Augen: Jesu Liebe.

Jesus nachfolgen bis ans Ende

Man versteht, dass Pater Pio eines Tages einem seiner geistlichen Söhne erklärte: «Um Jesus wirklich zu lieben, muss man ein zweiter Jesus seinl» Er begehrt zu leiden, aber aus Liebe. Er schaut das Kreuz auf den Schultern dessen an, den er liebt, er begreift dessen unendlichen Wert. Es ist das Pfand der Liebe, es ist die Quelle der Liebe. Immer mehr will Pater Pio das Leben Christi inkarnieren, er will Jesus in seiner Todesangst und in seinem Leiden begleiten und mit IHM aus Liebe gekreuzigt werden. Die schmerzliche Wonne dieses mystischen Leidens wird immer von den entsetzlichen Grausamkeiten Satans begleitet. Wild stürzt sich der Dämon auf Pater Pio, wie er sich auch auf den Verurteilten am Karfreitag gestürzt haben wird … Am 31. März 1912, einem Palmsonntag, gesteht er Pater Benedetto: «In diesen Kartagen werde ich mehr als je masslos niedergebeugt von diesem Blaubart. Ich bitte Sie daher, mich lebhaft dem Herrn zu empfehlen, damit er mich nicht diesem gemeinsamen Feind als Beute überlasse» (1,71). Aber das gehört zu den Leiden, die Jesus zulässt, er weiss es wohl: «Im Leiden ist Jesus noch näher; schreibt er an Pater Agostino am 2. April, ER schaut her, er ist es, der um Mühen, um Tränen bettelt … ; er braucht sie für die Seelen … » (1, 72).

Andauernder Kampf

Ohne Unterbruch muss er die teuflischen Angriffe erdulden … «Ich war noch im Bett, bekennt er am 18. April 1912 dem Pater Agostino, da wurde ich von diesen Kosaken heimgesucht. Sie verprügelten mich auf eine so barbarische Weise, dass ich es als eine gar grosse Gnade erachte, dass ich es ertragen konnte, ohne daran zu sterben. Es war eine Prüfung, lieber Vater, die weit über meine Kräfte hinaus ging. Aber der gütige Jesus, der dem Blaubart gestattete, mich so zu misshandeln, unterliess es nicht, mich nachher zu trösten und zu stärken im Geiste. Mit knapper Not konnte ich mich zum göttlichen Gefangenen begeben, um zu zelebrieren. Nach beendigter Messfeier unterhielt ich mich mit Jesus, um ihm Dank zu sagen. Oh wie lieblich war das mit dem Paradies gehaltene Zwiegespräch an diesem Morgen! Es war derart, dass, selbst wenn ich es wollte, ich es nicht vermöchte, es in menschliche Sprache zu übersetzen, ohne dass es seinen tiefen, himmlischen Sinn verlöre. Jesu Herz und das meine, gestatten Sie mir den Ausdruck, haben sich in eins verschmolzen. Es waren nicht mehr zwei Herzen, die schlugen, sondern eins. Mein Herz hatte sich verloren, wie ein Wassertropfen, der sich in einem Meer verliert … Der Mensch kann es nicht fassen, dass wenn das Paradies in ein Herz sich ergiesst, dieses betrübte, verbannte, schwache, sterbliche Herz es nicht ertragen kann, ohne zu weinen … » (1,74).

Maria …

Von Zeit zu Zeit findet man in den Briefen Pater Pios einige Worte auf Französisch. Sein Briefpartner, Pater Agostino, antwortete ihm auch gelegentlich in dieser Sprache: «J’ai recu tes livres, tres bien! Je salue la famille entiere, tous les amis! – Deine Bücher habe ich bekommen, das ist sehr gut! Ich grüsse deine Familie und alle Freunde!» Das ist zu lesen in einem Brief vom 20. April 1912.

Am ersten Mai antwortet ihm Pater Pio: «Oh, was für ein schöner Monat, dieser Maimonat! Oh le joli mois que le mois de mai! C’est le plus beau de l’annee! Es ist der schönste im Jahr!» aber humorvoll schliesst er dann auf Italienisch: «Ihre Anfrage das Französisch betreffend (wer hat es ihn gelehrt?) muss ich mit Jeremia beantworten: «A a a nescio loqui! Ich kann doch nicht reden» (Jer 1,6).

Aber in diesem Brief vom ersten Mai lässt Pater Pio seine glühende, zarte Liebe, die er zur Jungfrau Maria hegt, durchblicken:
« Wie doch dieser Monat treffend die Freundlichkeiten und die Schönheit Mariens verkündet! … Wie oft habe ich dieser Mutter die mühseligen Ängste meines aufgewühlten Herzens anvertraut! Und wie oft hat sie mich getröstet! … Das arme Mütterchen, wie gross ist doch ihre Liebe zu mir. Ich habe es von neuem erfahren dürfen beim Aufblühen dieses herrlichen Monats. Wie sehr war sie doch besorgt um mich, als sie mich heute Morgen an den Altar begleitete. Es schien mir, als hätte sie an nichts zu denken, als nur an mich, indem sie mir das Herz ganz mit heiligen Empfindungen erfüllte … Hätte ich doch nur eine so laute Stimme, um alle Sünder der ganzen Welt einzuladen, die Madonna zu lieben. Aber da dies nicht in meiner Macht liegt, so habe ich meinen kleinen Schutzengel gebeten und ich werde ihn noch bitten, an meiner Statt dieses Amt zu übernehmen. Der Teufel fährt fort, mich zu terrorisieren … » (1, 76)

Auf diesen Brief antwortet Pater Agostino am 5. Mai 1912 auf Französisch: «Oh ja, der Maimonat ist wirklich hübsch, weil er besonders ein Marienmonat ist! Es ist der Monat der Liebe zu dieser vielgeliebten Mutter. Du kannst Dir die grosse Freude vorstellen, die ich empfand, als ich Deinen letzten Brief las. Es schien mir, der Schutzengel habe mir geschrieben. Mögest Du gesegnet sein, mein Sohn! Mögen Jesus und Maria allzeit verherrlicht werden in allen Geschöpfen … Höre nicht auf die Lügen des Seelenfeindes! Liebe zu Jesus, Vertrauen auf Maria und nichts ist zu befürchten! Dein kleiner Engel möge Dir diesen Brief auslegen!» (1, 79).

« Wie froh ich bin! Wir wollen uns freuen, mein lieber Vater, es lebe die Freude!» So beginnt Pater Pio sein Antwortschreiben vom 20. Mai an Pater Agostino und er fügt hinzu: «Jesus und Maria fahren fort, mir Eltern zu sein. 0 Pater, wer kann Ihnen die Tröstungen beschreiben, die mich das liebe Himmelsmütterchen in diesem Monat verkosten lässt. In diesem zugefrorenen Leib fahle ic:h beständig, dass sich da ein Herz einschliesst, das mich brennt … » (1,82).

Neue innere Zerrissenheit

Aber der Teufel lässt sein armes Opferlamm auch nicht eine Minute in Ruhe. Pater Pio sehnt sich nach dem Tode, er behauptet, sich klar bewusst zu sein, dass er der unermesslichen Liebe Gottes nicht entspricht. Am 17. Juni 1912 schreibt er an Pater Agostino: «Ich spüre, dass, wenn Jesus mir weiterhin am Morgen, bevor er sich mit mir vereint, das Herz und die Eingeweide verbrennt, werde ich ihm nicht mehr widerstehen können und werde aufbrechen … Oh könnte ich doch wirklich dahingehen und zwar bald … » Auch das noch eine fromme Übertreibung. Es stimmt zwar, je näher wir zu Gott kommen, um so grösser wird die Erfahrung unsrer Unwürdigkeit und einer noch fehlenden Seelenreinheit (1,87).

So schreibt ihm denn sein Trostbote, Pater Agostino, am 19. Juni 1912 wieder auf Französisch: «Denken Sie nicht mehr an die Sünden, denken Sie an die unendliche Güte Jesu; denken Sie an die ewige Liebe, denn eines Tages wird die Seele nach dieser Liebe beurteilt werden … » (1,88).

Und immer kommen diese schrecklichen Teufelsangriffe wieder. Pater Pio erklärte am 28. Juni 1912, welch fürchterliche Nacht er verbracht hatte: «Die letzte Nacht habe ich sehr schlecht verbracht. Ungefähr von zehn Uhr an, wo ich mich zu Bett begeben habe, bis um fünf Uhr morgens hat dieser Kosake nichts anderes getan, als mich beständig zu verprügeln. Zahlreich waren die teuflischen Eingebungen, die er mir in den Sinn kommen liess; Gedanken der Verzweiflung, des Misstrauens Gott gegenüber.

Aber es lebe Jesus! Denn ich habe mich abgeschirmt, indem ich Jesus wiederholte: Deine Wunden sind mein Verdienst.

Ich glaubte wirklich, es wäre die letzte Nacht meines Daseins oder ich würde den Verstand verlieren, wenn ich nicht stürbe. Doch gepriesen sei Jesus, dass nichts von all dem geschehen ist. Morgens um fünf Uhr, als der Kosak wegging, nahm eine solche Kälte mich ganz in Besitz, dass es mich vom Kopfe bis zum Fuss wie Espenlaub erschaudern liess, nein wie ein dem heftigsten Sturm ausgesetztes Schilfrohr hab ich gezittert. Das dauerte ein paar Stunden. Es lief mir Blut aus dem Mund.

Schliesslich kam das Jesuskindlein, dem ich sagte, ich wolle nur seinen Willen tun. Es tröstete mich und befreite mich von den Leiden der Nacht. O Gott, wie mein Herzchen da klopfte, wie meine Wangen bei diesem göttlichen Kindelein glühten! Die nun darauf folgende Nacht habe ich ganz mit dem leidenden Heiland verbracht. Auch ich habe recht viel gelitten; aber auf eine ganz andere Art als in der Nacht zuvor. Das war ein Schmerz, der mir gar kein Übel zugefügt hat. Er vermehrte in mir immer mehr das Vertrauen auf Gott; ich fühlte mich immer mehr zu Jesus hingezogen. Ohne irgend ein Feuer in meiner Nähe fühlte ich mich innerlich ganz verbrennen. Ohne irgend eine Schlinge am Leib, fühlte ich mich eng mit Jesus verschlungen. Von tausend Flammen fühlte ich mich entbrennen, die mich aufleben und ersterben liessen. Infolgedessen litt ich, lebte
und starb ich fortwährend … » (1,89).

So also verbrachte Pater Pio die Nacht! Der Dämon der ihn praktisch nie verliess, hinderte ihn manchmal sogar am Schreiben. In einern Brief vom 9. August 1912 gesteht er Pater Agostino: «Es ist eigentlich schon lange her, dass ich Ihnen zu schreiben wünschte, aber Blaubart hat mich
daran gehindert. Ich sagte, er habe mich daran gehindert, denn jedes Mal wenn ich mich Ihnen zu schreiben entschloss, da überfielen mich sehr heftige Kopfschmerzen, so dass es schien, er würde auf der Stelle platzen und hinzu kam ein gar stechender Schmerz im rechten Arm, was es mir verunmöglichte, die Feder in der Hand zu halten» (1,93).

Der «Feuerpfeil»

Aber da geht es noch einen Schritt weiter in der Nachfolge des göttlichen Gekreuzigten. Am 26. August 1912 schreibt Pater Pio all Pater Agostino: « … Hören Sie also, was mir am vergangenen Freitag zugestossen ist (es war also am 23. August). Ich befand mich in der Kirche, um Dank zu sagen für die Messe, als ich schlagartig mich am Herzm mit einem so lebendigen und glühenden Feuerpfeil verletzt fühlte, dass ich meinte daran zu sterben. Es fehlen mir die passenden Worte, um Sie die Eindringlichkeit und die Wirkkraft dieser Flamme verstehen zu lassen; ich bin in der Tat unfähig, Ihnen das ausdrücken zu können. Glauben Sie mir das? Die Seele, die das Opfer solcher Tröstungen wird, verstummt. Es schien mir, als würde ich von einer unsichtbaren Kraft gänzlich ins Feuer hineingetaucht … Mein Gott, welches Feuer! Welche Wonne!

Von diesen Liebesverzückungen habe ich viele erlebt und es dauerte unterschiedlich lange, dass ich wie ausserhalb dieser Welt geblieben bin. Zu andern Malen war dieses Feuer weniger eindringlich; diesmal hingegen, hätte es nur einen Augenblick, eine Sekunde, länger gedauert, hätte sich meine Seele vom Leibe getrennt… und sie wäre mit Jesus auf und davon. Oh wie schön ist es doch ein Opferlamm der Liebe zu werden. Aber wie geht es zur Zeit meiner Seele?»

Und Pater Pio hat den nun folgenden Satz auf Französisch geschrieben:
«Mein lieber Pater, gegenwärtig hat Jesus seinen Feuerspeer hinausgezogen, doch die Wunde ist tödlich … (Mon cher Père, à présent, Jésus a retiré son javelot de feu, mais la blessure est mortelle … )» Und dann setzt er auf Italienisch fort: «Doch sollen Sie nicht meinen, dass Blaubart mich in Ruhe lässt … » (1,95).
Nun das kann man sich ohne Mühe vorstellen!

Dritte Teufelstaktik: Briefe verschwinden lassen

Satan hört nicht auf zornig zu sein! Er wird eine neue Kriegslist erfinden, um Pater Pio zu ermüden, er wird ihm Briefe verschwinden lassen!…
«Ich habe die Briefe sorgfältig gesucht, aber ich habe sie nicht gefunden…» schreibt er auf Französisch an Pater Agostino am 4. oder 5. September 1912 (1,96). Auf dieser Postkarte, die der Teufel überallhin befördern liess, finden wir Poststempel von Pietrelcina, Rom, San Marco in Lamis.
Diese ganze Briefmarkensammlung wird in einem Nachwort zu einem Brief, den Pater Agostino am 7. September an Pater Pio geschrieben hatte, in einem auf Griechisch verfassten Satz erklärt. Am Ende dieses Briefes schrieb der Pfarrer von Pietrelcina die folgende eidesstattliche Erklärung: «Pietrelcina, den 25. August 1919. Ich, Unterzeichneter, bezeuge an Eides statt, dass Pater Pio, nachdem er diesen Brief bekommen hat, mir wörtlich den Inhalt desselben erklärt hat. Von mir befragt, wie er ihn denn habe lesen und erklären können, da er nicht einmal das griechische Alphabet kenne, hat er mir geantwortet: «Sie sollen es wissen, der Schutzengel hat mir alles erklärt!» An Stelle des Siegels: der Erzpriester Salvatore Pannullo» (1,97).

Die Engel

Die Schutzengel beherrschen nämlich das Griechisch! Pater Pio selber gesteht es am 20. September 1912: « … Die himmlischen Persönlichkeiten hören nicht auf, mich zu besuchen und mich im voraus das berauschende Glück der Seligen verkosten zu lassen. Und wenn die Sendung unsres Schutzengels gross ist, so ist die des meinigen sicher noch grösser, da er mir ja auch als Lehrer dienen muss, um mir die andern Sprachen auszulegen» (1,98). Das ist eben Engelshumor! …

Humor braucht nun Pater Pio auch, um sogar Satan zu beschämen: «Wissen Sie, an was sich der Teufel neuestens heranmacht? schreibt er am 14. Oktober an Pater Agostino. Er wollte nicht, dass Sie durch den letzten Ihnen zugesandten Brief benachrichtigt würden, über den Krieg, den er
gegen mich führt. Und da ich, wie üblich, nicht auf ihn hören wollte, begann er sogleich mir einzuflüstern: « Wie sehr würdest du doch Jesus besser gefallen, wenn du jede Beziehung zu Deinem geistlichen Vater abbrechen würdest. Er ist für Dich ein ziemlich gefährliches Wesen, ein
Anlass zu grosser Zerstreuung für Dich. Die Zeit ist sehr kostbar. Vergeude sie nicht mit diesem gefährlichen Briefwechsel mit Deinem. Vater. Verwende diese kostbare Zeit, um für Deine Gesundheit zu beten, die in grosser Gefahr ist. Wenn du in diesem Zustand weiter machst, wisse, dass die Hölle immer offen steht für Dich.» Auf einen solchen Teufelsvorschlag antwortete ich ganz offensichtlich mit beissendem Spott: «Ich muss Ihnen mein Unrecht eingestehen. Bisher ging ich von einer falschen Voraussetzung aus. Ich hielt Sie für nicht so geeignet zur geistlichen Leitung. Es tut mir indessen sehr leid, Sie nicht zu meinem Leiter annehmen zu können, da mein Vater dieses Amt schon seit langem ausübt und unsere Beziehungen haben einen solchen Stand erreicht, dass es mir nicht gelingt, sie einfach so abzuwürgen. Aber reisen Sie herum, lassen Sie sich was einfallen, um Seelen zu finden, die werden Sie vielleicht zum Seelenführer nehmen, da Sie ja auf diesem Gebiet tüchtig sind.»

Man kann verstehen, dass die Kosaken diese Antwort nicht besonders hoch geschätzt haben, denn wie Pater Pio genauer angibt: «Es war da mehr als nur einer, auch wenn nur einer gesprochen hatte. Sie stürzten sich also auf mich, verfluchten mich und verprügelten mich arg, drohten mir, mich zu vertilgen, wenn ich mich nicht entschliesse, meinen Sinn im Hinblick auf unsere Beziehungen zu ändern … Sie dürfen mir jedoch glauben, mein Pater, dass die Leiden mich beglücken. Jesus selber will ja meine Leiden, er braucht sie für die Seelen. Aber ich frage mich, welche Erleichterung ich ihm durch meine Leiden schenken kann?! Was für ein Los! Oh, zu welcher Höhe hat doch der gütigste Jesus meine See Je erhoben? Nachts beim Schliessen der Augen sehe ich den Schleier versinken und das Paradies sich vor mir öffnen. Und erfreut durch diese Schau,
schlafe ich mit einem Lächeln süsser Seligkeit auf den Lippen und dem Ausdruck vollkommener Gelassenheit auf der Stirn ein. Dabei verlasse ich mich auf meinen kleinen Begleiter seit meiner Kindheit, dass er mich wecken kommt und wir so zusammen dem Geliebten unsrer Herzen das Morgenlob anstimmen» (1,100).

Zweispännige geistliche Führung

Im Oktober dieses Jahres 1912 beklagt sich Pater Benedetto da San Marco in Lamis, dass er nichts mehr von Pater Pio zu lesen bekomme. Dieser antwortete ihm am 21. Oktober, dass er keineswegs ihm missfallen, oder ein zweideutiges Spiel mit ihm spielen möchte. Er bittet ihn deshalb, er möge sich doch alle Briefe, die er Pater Agostino geschrieben habe, zusenden lassen, denn dieser war immer sein Beichtvater gewesen und er allein ist auf dem laufenden über das, was in seinem Innern vorgeht.

So schrieb denn am 20. Oktober Pater Benedetto vom Kloster San Marco la Catola aus an Pater Agostino: «Möge Eure Paternität im heiligen Gehorsam den ganzen Briefwechsel mit Pater Pio und dies mit seiner Zustimmung und gemäss dem in folgende Worte gefassten Willen Jesu
selber mir zusenden: «Wenn mein Zustand bei Ihnen Anteilnahme und Mitleid erweckt, bitte ich Sie, mir eine Gunst zu erweisen, immer innerhalb der Grenzen einer möglichen Nachsicht, die stets die Tochter der Gerechtigkeit selber ist, nämlich Ihnen den ganzen Briefwechsel übergeben zu lassen, den ich dem Pater Lektor zugesandt habe, und das mit der Auflage, alles geheim zu halten, da dies der Auftrag Jesu ist.» Sie wissen also dass dies nicht eine Willkür von meiner Seite, etwa der Wunsch ist solche Dokumente zu besitzen, die zur Verherrlichung Gottes und zur‘ Ehre unsres gemeinsamen und liebsten Paters Pio dienen werden.»

Von dieser Epoche an steht man also vor einer kollegialen geistlichen Führung für die Seele Pater Pios, wie man das benennen könnte. Alles, was Pater Pio an Pater Agostino schreibt, gilt auch für Pater Benedetto und umgekehrt. Pater Pio wird also dem einen oder dem andern schreiben, oder gar beiden in übereinstimmendem Wortlaut. Andere Male Wird er sie bitten, sich gegenseitig seine Briefe zukommen zu lassen. Was übrigens meistens ziemlich einfach war, da die Patres Agostino und Benedetto im gleichen Kloster lebten.

Was den Teufel betrifft, so scheint er auf die Verlegenheit Pater Pios Wert zu legen, wenn es ihm gelingt, ihm Briefe seines geistlichen Vaters zu entwenden. «Da jene (Dämonen) nicht im Stande sind, meine Beständigkeit zu besiegen: Ihnen über ihre Nachstellungen zu berichten, haben sie
sich an dieses andere Extrem herangemacht, sie möchten mich der Ratschläge berauben, die Sie mir mittels Ihrer Briefe, als meiner einzigen Ermutigung, nahegelegt haben, und ich werde es zur Ehre Gottes und zu ihrer Beschämung ertragen» (An Pater Agostino vom 5. November 1912
1,102).

Pater Pio weiss sehr wohl, warum er so vielen Schwierigkeiten ausgesetzt ist. In diesem selben Brief schreibt er: «Hat mich nicht vielleichtJesus angefordert und erwählt als eins seiner Opferlämmer? Und der süsseste Jesus hat mich leider die ganze Bedeutung eines Opferlammes verstehen lassen. Es ist also notwendig, liebes Väterchen, bis zum «Es ist vollbracht» und «In deine Hände» hinzugelangen … »
Mit andern Worten, Pater Pio hat so eben begriffen, dass es nur eins zu tun gilt, sich Gott aufzuopfern und sich von IHM zusammen mit Jesus ans Kreuz nageln zu lassen, um nach dem je eigenen Mass am Werk der Erlösung teilzunehmen. Was für eine furchtbar anspruchsvolle Berufung ist doch das!

Immer noch im selben Brief erzählt Pater Pio von einem seiner schwierigen Kämpfe, den er gegen diese unseligen Entgnadeten auszutragen hatte. Seinen Schutzengel hatte er lange umsonst zu Hilfe gerufen, ohne Erfolg. Als dieser sich endlich einstellte, «da schnauzte ich ihn hart an, weil er so lange auf sich hatte warten lassen, während ich es nicht hatte fehlen lassen, ihn mir zu Hilfe zu rufen. Um ihn zu bestrafen, wollte ich ihm nicht ins Gesicht blicken, ich wollte mich entfernen, ich wollte mich ihm entziehen. Aber er, der arme Kleine holte mich fast weinend ein, fasste mich beim Schopf, bis ich den Blick erhob, ihm ins Gesicht starrte und sein tiefstes Bedauern feststellte. Und dann … : «Dir bin ich immer nahe, mein geliebter junger Mensch, sagte er, ich bewege mich immer um dich herum mit dieser Zuneigung, die deine Dankbarkeit zum Geliebten deines Herzens in mir hervorrief. Diese meine Zuneigung wird auch mit deinem Erdenleben nicht erlöschen. Ich weiss ja dass dein grossmütiges Herz für unsern gemeinsamen Geliebten schlägt. Du würdest alle Gebirge
überwinden und alle Wüsten durchqueren, um IHN zu suchen, IHN wiederzusehen, um IHN in diesen äussersten Augenblicken wieder zu umarmen und um IHM zu sagen, er möge doch bald diese Kette zerreissen, die dich mit dem Leib vereint hält … aber du musst noch eine kleine Weile
warten … » Und der Engel erklärte ihm, Gott möchte ihn ja gern zu sich nehmen, aber die Vorsehung wolle, dass er noch hienieden bleibe. So sind eben die Engel!. ..

Vierte Teufelstaktik: die Tintenflecken

Pater Agostinos Antwort vom 6. November 1912 ist auf französisch verfasst. Der Teufel hatte einen riesigen Tintenfleck darauf gemacht, wodurch er vollständig unlesbar wurde. Der Pfarrer von Pietrelcina, Don Salvatore Pannullo, bezeugt, dass er «ein Kruzifix darauf gelegt, ihn mit
Weihwasser besprengt und die heiligen Exorzismen gebetet habe». Und dann konnte man ihn lesen, der Klecks war verschwunden.

Noch ein anderer Angriff! Am 18. November 1912 erklärt Pater Pio:
«Mein Gott, was für ein Martyrium ist doch diese Versuchung zur Eitelkeit. Sie scheint ganz unbedeutend, aber dann muss man sich vom Gegenteil überzeugen lassen. Man muss durch dieses Feuer hindurchgegangen sein, um deren äusserste Aufdringlichkeit zu begreifen … »

Wie wird Pater Pio diese Versuchung überwinden?

«Um zu siegen, ist es notwendig den Blick auf die Menschheit Jesu geheftet zu halten. Jesus, seine geliebte Mutter und das Engelchen zusammen mit den Übrigen ermutigen mich fortwährend, indem sie nicht aufhören mir zu wiederholen: wer ein Opferlamm genannt werden wolle, der
müsse all sein Blut hingeben. Zu kämpfen, wenn man einen so zärtlichen Vater zur Seite hat, ist süss und tröstlich» (1,104).

Aber Pater Pio ist sich der ausserordentlichen Gunsterweise, die er von Gott empfangen hat, gar wohl bewusst. «Ich möchte Ihnen, und wäre es auch nur für einen Augenblick, meine Brust aufdecken, um sie das Wundmal sehen zu lassen, das der gütigste Jesus liebevoll in diesem meinem Herzen geöffnet hat, schreibt er am 3. Dezember 1912 an Pater Agostino, … Er fordert von mir als Belohnung nur Liebe; aber bin ich ihm diese etwa nicht schuldig aus Dankbarkeit? … Er hat sich so in mein Herz verliebt, dass er mich gänzlich von seinem göttlichen Feuer entbrennen
lässt, von seinem Feuer der Liebe… wenn Jesus uns so glücklich macht auf Erden, wie wird es erst im Himmel sein?!»

Und nun vielleicht etwas, das uns aus unsrer Lauheit und unsrem Mangel an Glauben wachrütteln wird. Pater Pio fährt fort: «Manchmal frage ich mich, ob es denn Seelen gibt, die ihr Herz nicht vom Feuer der göttlichen Liebe entbrennen fühlen, besonders wenn sie sich vor IHM im Sakrament befinden. Mir scheint das unmöglich, hauptsächlich aber wenn dies einen Priester oder einen Ordensmann betrifft… So grosses Vertrauen setze ich auf Jesus: sogar wenn ich die Hölle vor mir offen sähe und mich am Rande des Abgrunds befände, so hätte ich kein Misstrauen, würde nicht verzweifeln, würde auf ihn vertrauen… Wer weiss, wie oft, wenn nicht ER mir seine Hand hingestreckt hätte, mein Glauben gewankt hätte, meine Hoffnung, meine Nächstenliebe sich vermindert hätten, mein Verstand sich verdunkelt hätte, wenn nicht Jesus, die ewige Sonne ihn
erleuchtet hättel … » Und dann noch im selben Brief redet Pater Pio von einer tiefen Freude: «Am 27. des vergangenen Monats (November 1912) sind mein Vater und mein Bruder aus Amerika zurückgekehrt und sie sind bei guter Gesundheit … » (l, 105).

Antwort auf die Teufelstaktik

Aber mit dem Kosaken lernt Pater Pio immer neue, überraschende Abenteuer kennen. «Mein kleiner Engel hatte mir nahe gelegt, ich solle beim Eintreffen eines Briefes von Ihnen, ihn mit Weihwasser besprengen, ehe ich ihn öffne, so schreibt er am 13. Dezember 1912 an Pater Agostino. Und so habe ich es denn auch mit Ihrem letzten Brief gemacht. Aber wer kann die Wut beschreiben, die Blaubart empfand! Er möchte mich um jeden Preis erledigen … In der letzten Nacht hat er sich mir vorgestellt unter den Gesichtszügen eines unsrer Patres und er übermittelte mir einen strengen Befehl vom Pater Provinzial, Ihnen nicht mehr zu schreiben. Denn es verstosse gegen die Armut und sei ein schweres Hindernis für die Vollkommenheit … Ich bekenne Ihnen meine Schwäche, mein Väterchen, ich habe bitterlich geweint, weil ich meinte, dies sei Wirklichkeit. Nie hätte ich auch nur im geringsten vermuten können, dies sei jedoch eine List Blaubarts, wenn nicht der kleine Engel mir die Täuschung enthüllt hätte … »

Aber das Postskriptum zu diesem Brief ist voller Humor: «Blaubart gerät noch mehr in Wut, wenn Sie französisch schreiben. Er hat es mir kundgetan. Zu seinem Verdruss schreiben Sie mir doch öfter in dieser Sprache» (1,107).

Er sehnt sich nach dem Himmel, das kann man verstehen, denn der Ringkampf, den er bestehen muss, ist schrecklich und andauernd. «Hienieden zu leben, mein Pater, langweilt mich. Es ist eine so bittere Qual für mich das Leben der Verbannung zu leben, dass ich fast, fast nicht mehr kann. Der Gedanke, dass ich jeden Augenblick meinen Jesus verlieren kann, macht mir solchen Kummer, dass ich ihn nicht beschreiben kann. Nur die Seele, die Jesus aufrichtig liebt, wird dies verstehen können … Doch Jesus hat mich viel mehr seine Stimme in meinem Herzen vernehmen lassen: «Mein Sohn, die Liebe lässt sich im Leiden erkennen. Du wirst es in deinem Geist sehr hart erfahren, aber noch härter wirst du es an Deinem Leib erleben.» Diese Worte bleiben für mich, lieber Pater, dunkel» (1,111).

Auf diese Weise schmiedet sich Gott allmählich sein Werkzeug. Pater Pio hatte bereits die vollständige Losschälung durch die Beherrschung seiner ganzen leiblichen Wirklichkeit erreicht: durch Krankheit und Leiden; aber auch die seiner seelischen und geistigen Wirklichkeit durch seine unaufhörlichen Kämpfe mit der gegen ihn entfesselten Hölle. Er war eingetreten in die vollumfängliche Nacht der Sinne, wie Johannes vom Kreuz sie beschrieben hat. Dann hatte sich seine Seele in der Seligkeit und in den Wonnen des Lichtes, der Schönheit, der Liebe, der Freude, der Reinheit dieses Gottbesitzens entfaltet.

In der Folge war dann Pater Pio in jene schmerzliche Nacht des Geistes eingetreten. Er fühlt, dass seine Seele vom unwiderstehlichen Hauch der Liebe zu Gott hingerissen wird, er schaut sich immer tief er in diesen Ozean der umwandelnden Vereinigung hineingezogen. Aber er spürt auch, dass, wenn sein Geist, seine menschliche Natur sich selber überlassen bleiben, sie eine absinkende Bewegung vollziehen. Sehr schmerzlich empfindet er; dass sein Geist, im eigentlichen Sinn des Wortes, ein Gefangener seines Leibes ist und deshalb sehnt er sich danach zu sterben.

In dieser entsetzlichen Prüfung weiss die Seele zeitweilig nicht, ob sie sich auf dem richtigen Weg befindet oder nicht. Sie meint, sie wäre durch Untreue völlig von Gott entfernt. Das Gefühl ihrer Sündhaftigkeit wächst ins Masslose hinan. Sie hat die schmerzende Empfindung, nicht vollkommen den Willen Gottes zu erfüllen. Die Prüfungen, wie die Versuchungen, das Ringen mit dem Teufel, das Pater Pio auf sich nehmen muss, lassen ihn manchmal vermuten, er sei vollständig von Gott abgeschnitten. So leidet nun der arme Pater Pio. Er ist, wie alle von Gott gezeichneten Seelen, in die entsetzliche Qual der Nacht des Geistes versenkt. So enthüllt ihm übrigens Gott selber seinen Zustand und offenbart ihm seine Pläne.

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Indem wir die Briefe befragen – 1910, 1911

Indem wir die Briefe befragen …

Pater Pio wollte nie ein Tagebuch führen. Das ist ganz offenkundig. Es verstieße letztlich gegen den Geist seines Armutsgelübdes. Aber, wie wir gesehen haben, gaben die während seiner Erkrankungen außerhalb der üblichen Grenzen eines Kapuzinerklosters verbrachten Jahre den von Gott gewollten Anlass zu den Briefen, die er an seinen geistlichen Vater zu schreiben begann. Ohne diese geheime Fügung der Vorsehung hätte niemals jemand seine innere Welt und die Geheimnisse seiner Seele wahrgenommen. Sein Geist dürstete nach Licht und sein größter Wunsch war, dem geheimnisvollen Willen Gottes zu entsprechen, der sich an ihm auf eine für die gewöhnlichen Sterblichen verwirrende Weise offenbarte. Er empfand ein dringendes Bedürfnis nach den erleuchteten Ratschlägen seines geistlichen Vaters, und dem verdanken wir die reiche Briefsammlung.

 

DAS JAHR 1910

So schrieb er am ersten Oktober 1910 an Pater Benedetto: „Sagen Sie auch noch Jesus, lieber Pater, er solle mich baldigst von den Fesseln dieses sterblichen Leibes befreien. Schreiben Sie mir doch, denn Ihre Ratschläge tun mir so gut. Und sagen Sie mir auch noch, was Gott von diesem undankbaren Geschöpfe will …“ Und am 22. Oktober 1910 wiederholt er seine Bitte: „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, schreiben Sie mir, weil Ihre Briefe mir so gut tun!“

Denn der junge Priester, Pater Pio, der vor kaum drei Monaten die Weihe empfangen hatte, schlug sich bereits mit großen Schwierigkeiten herum: „Die Versuchungen sind mehr als je im höchsten Maße gegen mich entfesselt. Sie drücken mich gar sehr nieder, nicht wegen der anhaltenden Gewalt, die ich gegen mich anwenden muss, vielmehr wegen ihrer Hässlichkeit, ihrer fortgesetzten Feindschaft und wegen der großen Furcht, von einem Augenblick zum anderen, Gott zu beleidigen. Es gibt da tatsächlich Augenblicke, die mich praktisch an den Rand des Abgrunds bringen, und ich im Begriffe bin zu stürzen. Auch während der Stunden der Erholung hört der Dämon nicht auf, mir die Seele auf verschiedene Weisen niederzudrücken“ (1,21).

Innere Schwierigkeiten

Pater Pio dient wirklich als Zielscheibe für die unaufhörlichen Angriffe des Feindes. Er bedarf so sehr der Leitung des geistlichen Vaters durch dessen Briefe, aus denen er solche Tröstung und Stärkung erfährt, dass er nicht zögern wird, ihm am 21. April 1915 im fünften Jahr seines Priesteramtes zu schreiben: „Ich bitte Sie, wenn Sie schon die Güte haben mir zu schreiben, dann fügen Sie doch bitte noch eine zweite hinzu, mir ziemlich ausführlich zu schreiben …“ (1,249)

„Die geistlichen Kämpfe hören schließlich doch nicht auf, schreibt er am 29. November 1910, sie werden so nur noch härter. Kurz, der Feind unseres Heiles ist so wütend, dass er mich gleichsam nicht einen einzigen Augenblick los lässt … Ich leide, das ist wahr, aber ich freue mich sehr darüber, denn Sie haben mir die Gewissheit gegeben, dass es keine Gottverlassenheit ist, vielmehr ist es eine Auszeichnung seiner vornehmsten Liebe …“ (1,23).

Zum Opferlamm berufen

Er begehrt also diese Leiden zu verwerten. So schreibt er denn einige Zeilen weiter an Pater Benedetto: „… Ich gehe nun dazu über, Sie um eine Erlaubnis zu bitten. Schon ziemlich lange fühle ich in mir einen Wunsch, nämlich mich dem Herrn als Opferlamm für die armen Sünder und für die Seelen im Fegefeuer anbieten zu dürfen. Dieser Wunsch hat sich immer mehr in meinem Herzen entfaltet, derart dass es nun, wenn ich so sagen darf, eine gewaltige Leidenschaft geworden ist. Es ist wahr, dieses Angebot habe ich dem Herrn schon mehrmals gemacht, indem ich ihn beschwor, er möge doch die Strafen, die für die Sünder und die Seelen des Fegefeuer bereitet wurden, über mich ausgießen. Er solle sie über mir sogar verhundertfachen, sofern er nur die Sünder bekehrt und rettet und die Seelen des Fegefeuer gar bald ins Paradies aufnimmt. Jetzt aber möchte ich IHM dieses Angebot mit Ihrer Erlaubnis machen“ (1,23).

Die unsichtbaren Wundmale

Woran leidet denn der Pater Pio? … Am 20. September, also zwei Monate früher, hatte er die unsichtbaren Wundmale in Pietrelcina bekommen. Sie waren noch nicht durchgehend da. Seine Hände, seine Füße, seine Seite sind schon verwundet. Er empfindet sehr heftige Schmerzen an den Stellen, wo ab Donnerstag bis Samstag rote Flecken auftreten. In einer kleinen strohüberdeckten Einsiedelei auf dem Familiengrundstück in Piana Romana hatte Pater Pio sich eingerichtet. Dort pflegte er dem, was Gottes ist, zu obliegen. Am 20. September von seiner Mutter herbeigerufen, war Pater Pio dahergekommen, indem er lebhaft seine Hände schüttelte. Von Natur aus recht fröhlich fragte ihn die Bäuerin: „Was hast Du denn, Pater Pio? Man könnte meinen, du spielst Gitarre!“ – „Nichts, antwortete er, kleine Stiche ohne Bedeutung!“ In Wirklichkeit war er gerade etwas vollkommener, wenn auch auf unsichtbare Weise, dem gekreuzigten Herrn nachgestaltet worden.

In seiner Antwort vom 1. Dezember 1910 wird ihm Pater Benedetto sagen: „in den größten Ängsten erinnere Dich immer an meine Zusicherungen, und eh du entmutigt niederfällst, tröste Dich damit, dass du als würdig erachtet worden bist, etwas zu erdulden, das Dich Jesus ähnlich macht, im Einklang mit seinem gütigsten Herzen …“

 

DAS JAHR 1911

„Wer wird mich denn, lieber Pater, von so großen Versuchungen und Ängsten befreien, schreibt Pater Pio wiederum am 10. Januar 1911, wer wird mich trösten? … Die geistlichen Kämpfe sind im Vergleich zu dem, was ich an meinem Leib erdulde, weit größer, obwohl auch die leiblichen Schmerzen beständig zunehmen! … Ich wünschte mir, lieber Pater, fügt er hinzu, ich sage nicht viel, doch wenigstens eine Stunde Ruhe im Tag!“ Denn er kann nicht mehr und seine Natur sträubt sich manchmal dagegen.

Erste Taktik des Teufels: die Entmutigung

„Der Teufel fährt fort, gegen mich Krieg zu führen und unglücklicherweise macht er keine Andeutung, dass er sich für geschlagen erklärt! … Während ich zu Jesu Füßen bete, scheint mir, ich spüre die Last der Müdigkeit durchaus nicht mehr, wie während ich versucht werde und mich um den Sieg bemühe. Und auch das Bittere der Wiederwertigkeiten spüre ich dann nicht mehr …“ Doch nun wird er von Skrupeln geplagt, wenn er an sein vergangenes Leben denkt, als er noch in der Welt war: „In solchen Augenblicken, schreibt er, bleiben mir nur die Augen, um zu weinen … Auch wenn ich zum Altar hinaufsteige, mein Gott! empfinde ich solche Angriffe, aber ich habe ja Jesus bei mir und vor wem sollte ich mich fürchten?“ (1,30).

Er gibt sich sehr wohl Rechenschaft über die Taktik des Teufels ihn in die Entmutigung hineinzutreiben „Die hässlichen Vorstellungen, die der Dämon mir aufdrängt, verschwinden alle, wenn ich mich vertrauensvoll in Jesu Arme begebe. Infolgedessen, wenn ich beim gekreuzigten Jesus bin, das heißt, wenn ich seine Todesängste betrachte, leide ich zwar maßlos, aber es ist ein Schmerz, der mir sehr gut tut. Ich erfreue mich eines Friedens und einer Ruhe, die man nicht erklären kann“ (1,31).

Und in diesem selben Brief vom 29. März 1911 wird Pater Pio seinem geistlichen Vater vertraulich mitteilen: „Aber was mich am meisten schmerzt, lieber Pater, das ist, wenn ich an den zum Sakrament gewordenen Jesus denke. Das Herz fühlt sich wie von einer höheren Kraft hingerissen, bevor es sich mit ihm am Morgen im Sakrament vereint. Ich empfinde einen solchen Hunger und einen solchen Durst, bevor ich ihn empfange, dass nur wenig fehlt, dass ich nicht vor Atemnot sterbe. Eben weil ich nicht mehr kann vor der Tatsache, dass ich noch nicht mit IHM vereint bin. Manchmal bin ich mit Fieber im Leib gezwungen, hinzugehen, um mich mit seinem Fleisch zu ernähren“ (1,31). Denn wenn er zu krank war, um die Messe feiern zu können, musste er mit aller Gewalt kommunizieren …

„Dieser Hunger und dieser Durst, weit entfernt sich stillen zu lassen, nachdem ich ihn im Sakrament empfangen habe, wird immer noch größer. Wenn ich dann schon im Besitz dieses höchsten Gutes bin, ist die Fülle der Wonne so groß, dass nur wenig fehlt und ich zu Jesus sage: „Es genügt, ich kann es eigentlich beinahe nicht mehr aushalten! …“

Zweite Teufelstaktik: die Versuchungen der Einbildungskraft

Daneben hört der Teufel nicht auf, ihn nach unten zu ziehen: „… Selbst an diesen heiligen Tagen unternimmt der Feind alles, um meine Zustimmung zu seinen gottlosen Plänen zu erreichen. Besonders sucht dieser böse Geist durch alle Arten von Bildern mir ins Herz Gedanken der Unzucht und der Verzweiflung einzuschmuggeln“ (1,33), schreibt er während der Karwoche am 9. April 1911. Er fühlt sich zermalmt, als Beute der schlimmsten Angriffe. Aber er verharrt im Gehorsam gegen seinen geistlichen Vater, dem er vorwirft, es gelinge ihm nicht, das große Verlangen zu verstehen, das ich nach Ihnen habe“ (1,33). Dieser wird ihm antworten, um ihm wieder Mut einzuflößen: „Die Furcht wegen vergangener Sünden ist eine Illusion und eine Qual, die der Dämon Dir eingibt. Lass sie doch endlich fahren. Und glaube mir fest, Jesus ist nicht jener grausame Steuereintreiber, den er dir vormalt, vielmehr ist er das Lamm, das die Sünden der Welt hinwegnimmt, indem es mit unaussprechlichen Seufzern Fürbitte für unser Heil einlegt“ (1,34).

Das Geheimnis des Königs

Im Hinblick auf die leiblichen Schmerzen, die ihn niederdrückten, wird ihm Pater Benedetto am 27. Juni 1911 sagen: „Ich meine, es ist nutzlos, die Ärzte zu befragen. Ich bin überzeugt, dass Deine Leiden unmittelbar und ausdrücklich von Gott gewollt sind und dass es kein Heilmittel dagegen gibt …“ – „Wann werde ich Dich im Kloster wiedersehen, schreibt er ihm noch am 5. September 1911, wenn Dein Aufenthalt daheim dich nicht gesund macht, so werde ich dich unter den Schutz des heiligen Franz zurückrufen. Und auch wenn der Herr dich zur Herrlichkeit abberufen will, so ist es besser für Dich, im Kloster zu sterben, wohin er Dich gerufen hat. Gib mir bald Antwort!“ (1,43).

Und da entschließt sich nun Pater Pio, ihm das Geheimnis des Königs zu enthüllen, das er seit einem Jahr schon in seinem Herzensgrund verborgen hält. In dem Brief vom 8. September 1911 enthüllt er das unaussprechliche Geheimnis seiner Kreuzigung und seine unermessliche Liebe zu Jesus, der ihn sich gleichgestaltet hat. „Gestern Abend, schreibt er, ist mir ein Ereignis zugestoßen, das ich weder erklären, noch verstehen kann. Inmitten des Handtellers ist etwas Rötliches in Erscheinung getreten, etwa von der Größe und Gestalt eines Pfennigs, begleitet auch von einem starken, stechenden Schmerz in der Mitte dieser roten Stelle. Dieser Schmerz trat verstärkt in der Mitte der linken Hand auf, und zwar so sehr, dass er jetzt noch andauert. Auch unter den Füßen nehme ich ein wenig Schmerzen wahr. Dieses Phänomen wiederholt sich nun schon seit fast einem Jahr; aber jetzt ist es schon eine Weile her, seit es sich nicht mehr wiederholt hat. Doch beunruhigen Sie Sich nicht, wenn ich Ihnen das jetzt zum ersten Mal sage. Ich habe mich nämlich immer von dieser verflixten Schüchternheit besiegen lassen. Auch jetzt noch, wenn Sie wüssten welche Gewalt ich gegen mich habe anwenden müssen, um es Ihnen zu sagen! Ich hätte Ihnen viele Dinge zu sagen, aber ich finde nur schwer die (richtigen) Worte dafür. Ich sage Ihnen nur noch, dass das Herz sehr stark zu klopfen beginnt, wenn ich beim Sakrament gewordenen Jesus verweile. Es scheint mir manchmal, als wolle es (mir) geradezu aus der Brust springen.

Am Altar verspüre ich manchmal so sehr ein Entflammtwerden meiner ganzen Person, dass ich es Ihnen nicht beschreiben kann. Es scheint mir dann, dass mir das Antlitz im höchsten Grade ganz in Flammen aufgehen will. Was für Zeichen das sind, das weiß ich nicht …“ (1,44). Er hat also ein Jahr zu gewartet, ehe er dies enthüllte …

Diese Schmerzen nun aber und diese seelischen Verzückungen veranlassten Pater Pio besonders von Donnerstag bis Samstag das Leiden Jesu zu betrachten. Einige seiner Verleumder haben sich gefragt, ob die Wundmale nicht eine Folge der tiefgreifenden Betrachtungen Pater Pios über das Leiden Christi sind, wärend diese Wunden doch vielmehr die Ursache dafür geworden sind. Jesus in seinem Leiden einholen, das half ihm die Seinen zu ertragen.

Da hat nun Padre Benedetto sehr weise in einem Antwortschreiben vom 29. September 1911 zu ihm gesagt: „Danke der Güte Gottes, mein liebster Sohn, für die Gunst, auf die Du im letzten Brief angespielt hast. Die einzige Empfehlung, die ich Dir in dieser Hinsicht geben muss, ist, niemandem etwas davon kundzutun, denn es ist gut, das Geheimnis des Königs zu bewahren (Tob 12,7).

Aufenthalt in Venafro

Im Laufe des folgenden Oktobermonats berief Pater Benedetto mit Billigung des Generalsobern des Ordens und der Ärzte den Pater Pio von Pietrelcina weg, da er dachte, der Gesundheitszustand desselben würde sich durch die Entfernung von seiner Heimatluft nicht verschlechtern und schickte ihn ins Kloster zu Venafro. Pater Agostino, sein geistlicher Vater, führte dort die jungen Patres in die Redekunst ein. Damals nahm nun Pater Agostino gewisse Dinge wahr … „Der Pater Guardian, so schreibt er, es war Pater Evangelista da San Marco in Lamis, begleitete ihn (Pater Pio) zu einer ärztlichen Untersuchung nach Neapel …“ Da der Pater immer mehr erkrankte, wurde er zum Professor Cardarelli gebracht, der ihm höchstens noch einen Monat zu leben verhieß. „Die Ärzte verstanden nicht viel davon, fährt Pater Agostino weiter. In Venafro im November 1911 haben wir, nämlich ich und Pater Evangelista die ersten übernatürlichen Phänomene wahrgenommen. Ich wohnte mehreren Ekstasen bei und zahlreichen teuflischen Anfechtungen. Ich schrieb damals alles auf, was ich aus seinem Munde vernehmen konnte, während seiner Ekstasen und wie die satanischen Anfechtungen verliefen … Solange er in Venafro weilte, ernährte er sich ausschließlich von der Eucharistie, sowohl wenn er zelebrieren konnte, wie wenn er nur kommunizierte, weil er die Messe nicht feiern konnte.“

Als nun aber am 7. Dezember 1911 sich die Krankheit plötzlich verschlimmerte, brachte man Pater Pio nach Pietrelcina zurück. Am folgenden Tag, dem 8. Dezember, konnte er das Hochamt zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis feiern, als wäre er nie krank gewesen!

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Der Ordensmann

Rückkehr nach Pietrelcina

 

Gegen Mitte Mai 1909 begleitete sein zweiter geistlicher Vater, Pater Agostino da San Marco in Lamis also den jungen Frater Pio nach Pietrelcina. Man meinte, es würde sich nur um einen kurzen Aufenthalt handeln, die heimische Luft und die Fürsorge seiner Mutter würden ihn bald wieder herstellen. Doch wird diese erste Etappe fast sieben Jahre andauern bis Februar 1916.

Während dieser ganzen Zeit wird er krank bleiben, ohne dass übrigens jemals irgend jemand eine genaue Diagnose erstellen konnte. Das ist übrigens ganz normal, denn recht lange danach wurde man inne, dass es sich um mystische Leiden handelte, durch die hindurch der Herr diese bevorzugte Seele darauf vorbereitete, IHN auf dem Weg nach Kalvaria einzuholen. Aber zu dieser Zeit ahnte niemand um Frater Pio herum auch nur das geringste.

Die Obern sahen die lange Abwesenheit und diesen lange sich hinziehenden Aufenthalt außerhalb des Klosters, wohin der Herr ihn gerufen hatte, nicht sehr gern. Es fehlte übrigens nicht viel, dass sie dachten, es liege hier eine listige, teuflische Versuchung vor. Man sollte also auf jeden Fall Stellung dagegen beziehen. Diese Lage wurde zeitweilig dramatisch. Die Obern veranlassten schließlich Frater Pio, dass sie gemeint hatten, er würde endgültig bei seiner Familie bleiben, er solle um die Erlaubnis bitten, außerhalb des Klosters bleiben zu dürfen, während er die Möglichkeit behielte, immer das Kleid des heiligen Franz zu tragen. Dass ihm dies das Herz zerriss, begreift man ohne Mühe.

Frater Pio machte sich zu diesem Zeitpunkt keine Illusionen über seinen Gesundheitszustand. Zu meinen oder gar sich einzubilden, dass er eines Tages gesund werden könnte, das erschien wie ein sinnloser Traum. Ganz im Gegenteil beschäftigte ihn oft der Gedanke an den Tod. Es ist wahr, dass die leiblichen und die seelischen Schmerzen, die unaufhörlichen Angriffe des Teufels, die ihn trafen und worüber man später die von Pater Pio selber gegebene Beschreibung nachlesen kann, nicht dazu angetan waren, ihn zum Überleben anzuspornen.

Er erholte sich ein wenig, aber nur vorübergehend, und 1910 war man so beunruhigt, dass Frater Pio seine Obern bat, man möge ihn doch wenigstens als Priester sterben lassen. Am 22. Januar 1910 schrieb er an Pater Benedetto, den Provinzialminister: „… Seit langem versuche ich in meinem Herzen einen sehr lebhaften Wunsch totzuschweigen. Aber ich muss Ihnen gestehen, dass alle meine Bemühungen nur dazu dienten, ihn noch größer werden zu lassen. Diesen Wunsch will ich daher dem unterbreiten, der ihn erfüllen kann. Mehrere Leute, die die neuesten Entscheidungen des Heiligen Stuhls kennen, haben mir versichert, dass, wenn Sie um Dispens für meine Priesterweihe ersuchen, indem Sie meinen derzeitigen Gesundheitszustand darlegen, man dann alles erlangen könnte. Wenn also, o Pater, alles von Ihnen abhängt, dann lassen Sie mich doch nicht länger nach diesem Tage schmachten. Wenn also Gott, der Allerhöchste, in seiner Barmherzigkeit beschlossen hat, die Leiden meines Leibes hinwegzunehmen, indem er meine Verbannung hier auf Erden abkürzt, wie ich fest hoffe, so werde ich sehr glücklich sterben, denn ich habe hier auf Erden keinen anderen Wunsch mehr …“

Frater Pio war nämlich erst 23 Jahre alt … Und das Kirchenrecht verlangte, dass einer erst nach Erreichen des Alters von 24 Jahren Priester werden könne. Aber er setzte ein solches Vertrauen auf seinen Provinzobern, den er zum ersten Mal am 25. April 1903 in Morcone gesehen hatte und mit dem zusammen er das Schuljahr 1905-1906 in San Marco la Catola verbracht hatte, und der, seit er Provinzial war, sich so sehr um seine Lage kümmerte, dass Frater Pio nicht einen einzigen Augenblick am günstigen Ausgang seiner Bemühungen zweifelte. Im übrigen war Frater Pio so krank, ja sogar zuweilen todkrank, dass man ihm sehr wohl diese Dispens gewähren konnte.

Arg von Fieber geschüttelt, unterzog er sich zu Benevent im August 1910 einem raschen Theologieexamen und er empfing schließlich in Gegenwart seiner Mutter die Priesterweihe durch die Hände von Monsignore Schinosi in der Kathedrale von Benevent. Es war genau am 10. August 1910. Seine Primiz durfte er am folgenden Tag in Pietrelcina feiern, wo er von der Blasmusik und der ganzen Bevölkerung empfangen wurde. Am 14. August wird er, der von nun an Pater Pio sein wird, ein Hochamt feiern und sein Beichtvater, Pater Agostino, wird ihm die Festrede halten.

„Wie glücklich war ich an jenem Tag, schreibt er. Mein Herz brannte in Liebe zu Jesus … Ich habe angefangen das Paradies zu verkosten!“ Auf sein Primizandenken hatte er sein Lebensprogramm schreiben lassen: „Jesus, mein Atem und mein Leben, heute, wo ich Dich zitternd erheben darf in einem Geheimnis der Liebe, möge ich MIT DIR für die Welt WEG, WAHRHEIT, LEBEN und FÜR DICH, HEILIGER PRIESTER, VOLLKOMMENES OPFERLAMM sein.“ Nun ist er Priester auf ewig. Nun beginnt jene lange Reihe von beeindruckenden Messopfern, die er bis zu seinem Tode feiern wird. Zum letzten Mal wird er zum Altar emporsteigen am 22. September 1968. Sterben wird er wenige Stunden später am 23. September um zwei Uhr dreißig im Herzen der Nacht.

Von Ende Oktober bis zum 7. Dezember 1911, lebten Pater Pio und sein geistlicher Vater im selben Kloster von Venafro. Damals entdeckte Pater Agostino gewisse Dinge, wovon wir dann später reden werden …

Nun aber hatte sich die Krankheit am 7. Dezember 1911 plötzlich verschlimmert und man brachte Pater Pio zurück nach Pietrelcina. Am nächsten Tag sang er zum großen Erstaunen aller das Hochamt in der Pfarrkirche, wie wenn er nie krank gewesen wäre. Wer sollte da noch klug werden … es sei denn die Vorsehung hätte ein für alle mal beschlossen, Pater Pio müsse in die Verborgenheit seines Geburtsdorfes zurückkommen, um dort das Siegel des Blutes zu empfangen …
Was tat er in Pietrelcina? Er lebte bei seiner Familie. Er hatte sich nicht weit vom väterlichen Haus etwas auf der Höhe eine eigene Zelle eingerichtet. Man gelangte über eine Steintreppe dorthin. Er betete auch auf einem der Grundstücke seiner Familie in Piana Romana. Dort empfing er übrigens, wie wir sehen werden, die unsichtbaren Wundmale unter einer Ulme, die eingefasst wie eine Reliquie in einer kleinen Kapelle aufbewahrt wird. Auch seinem Pfarrer, Don Salvatore Pannullo, half er beim Spenden der Sakramente. Er hatte aber noch nicht die Vollmacht zum Beichthören bekommen, trotz mehrerer Anfragen, die seinen Obern vorgebracht und von Don Pannullo unterstützt wurden.

 

Soldat …

Aber da wird Pater Pio von einer neuen Prüfung heimgesucht: der Krieg von 1914 war ausgebrochen. Die Kapuzinerprovinz von Foggia wie alle anderen Provinzen Italiens sah sich ihrer besten Kräfte beraubt. Alle Ordensleute mussten in die Kasernen einrücken. Was Pater Pio betrifft, so stellte er sich zum 6. November 1915 beim Militärdistrikt von Benevent, um dort seine Bürgerpflicht zu erfüllen. Am 6. Dezember wurde er der zehnten Sanitätskompanie von Neapel zugeteilt. Aber einige Tage später, am 18. Dezember, wurde er zu einem Krankenurlaub nach Hause geschickt.

 

Geistliches Leben

In seinem geistlichen Leben, das uns jetzt im höchsten Maße interessiert, (denn auf diesem Weg, auf dem jeder diesem Riesen an Heiligkeit zu folgen berufen ist), darf man behaupten, dass er jede Stufe erklimmen wird. Wir haben es schon gesagt, die Liebe und das Leiden, von denen nie eins ohne das andere bestehen kann, werden für Pater Pio – wie übrigens für jede großmütige Seele – der einzige Weg sein, der zur innigsten Vereinigung mit Gott führt. Er wird dabei ärgste Schwierigkeiten kennenlernen; gegen die Hölle wird er Kämpfe durchstehen, wovon es schwierig ist sich ein Bild zu machen. Aber zum Ausgleich wird er Tröstungen und geistliche Freuden verkosten, die nach den Aussagen von Pater Pio selber völlig unerklärlich bleiben.

So wird Pater Pio von einer Schwierigkeit zur andern zu jener umwandelnden Vereinigung mit Gott emporsteigen. Sein geistliches Leben wird immer mehr ein mystisches Leben. Die Ausgießungen der Gnade sind manchmal so stark, dass sie sich in seinem Leib und seinen Sinnen niederschlagen. Sein Gebet wird zunehmend passiver, wie man aus seinen Briefen, die er regelmäßig an seinen geistlichen Vater schickt, ersehen kann … Er lässt Gott in seiner Seele wirken, da Pater Pio sich von nun an ganz IHM hingegeben hat.

Zu dieser Zeit stellt man zwischen den Zeilen, die er schreibt, gewisse Aufschwünge der Liebe fest, die ihn zu Gott hinauftragen. Als Gegenleistung setzen diese mystischen Berührungen, dieses Eingenommenwerden seiner Natur durch das göttliche Wesen ein. Es ist der Zeitpunkt, wo ihn der feurige Pfeil trifft (23. August 1912), Verzückungen und Tränen über ihn kommen … Es ist auch die Zeit, wo sich für ihn an seinen Gliedern die Zeichen des Gekreuzigten bemerkbar zu machen beginnen. Die Wundmale werden erst im September 1918 im Kloster San Giovanni Rotondo sichtbar und dauernd hervortreten. Immer mehr nimmt er am Leiden Jesu teil, wie er in einem Brief vom 28. Juni 1912 schreiben wird. Dies also sind einige Erscheinungen, die man für diese Periode festhalten darf. Sie werden sich mehr oder weniger häufen, und mehr oder weniger an Kraft gewinnen, aber wir wissen, dass sie mit den Jahren so zahlreich werden, dass auch nicht ein Augenblick seines Lebens diesem göttlichen Einfluss entgeht …, aber auch dem teuflischen nicht.

Pater Pio wird während seines Aufenthalts in Pietrelcina die Nacht der Sinne kennenlernen, wie sie Johannes vom Kreuz beschrieben hat. Die Seele sinkt immer tiefer in die dunkle Nacht hinein. Die innere Reinigung wird immer spürbarer, immer gründlicher, immer schmerzhafter und die Seele des armen Paters verliert sich immer tiefer im Gefühl der Gottverlassenheit und in die totale Trostlosigkeit. Manche Briefe sind in dieser Hinsicht wahre Schreie des Entsetzens. Aber Gott ist ein Vater und wenn er das Mittel des Leidens dazu benutzt, um eine Seele herauszureißen, (in unserem Fall die Seele des Paters Pio), die er erwählt und zu einer Sendung außerhalb des Alltäglichen bestimmt, dann weiß er ihm auch Fristen der Ruhe und des süßen Trostes zu geben. Aber man versteht, dass sich in Augenblicken schrecklichster Qual die Natur Pater Pios von Zeit zu Zeit empörte. „Ich kann nicht mehr“, gestand er am 18. März 1915.

Die Kämpfe mit dem Teufel, fast tägliches Los Pater Pios, zeugen von einer scharfsinnigen Grausamkeit. Neben leiblichen Quälereien, Schlägen, die er nicht etwa bloß geistig hinnimmt, sondern in einer harten, fühlbaren Wirklichkeit empfindet, bereitet Satan unter den bestürzten Augen Pater Pios alles aus, was er an angeblicher Untreue, Undankbarkeit und Verfehlung jeglicher Art, an Sünden in seiner Kindheit und Jugend begangen haben soll.

In seinen Briefen wird Pater Pio oft auf diesen Gegenstand zurückgreifen. Sein geistlicher Vater, Pater Agostino wird sogar eine eigenartige Kriegslist ersinnen, um dem Teufel entgegenzuwirken, der von Zeit zu Zeit die Briefe abhanden kommen lässt oder sie mit großen Tintenflecken verschmiert, die eigenartigerweise unter dem Weihwasser wieder verschwinden … Pater Agostino wird also auf französisch und sogar auf griechisch schreiben. Und Pater Pio wird ihm Antwort geben, nachdem er alles verstanden hat … Denn sein Schutzengel, wie er eingestehen wird, hat ihm alles erklärt!

Diese befremdlichen Behinderungen hätten mehr als nur einen nach Heiligkeit Strebenden entmutigt, das ist ganz offensichtlich. Pater Pio jedoch lässt sich auf seinem Weg zu Gott, im Erfüllen des göttlichen Willens, in der strengen Beobachtung der Regel des heiligen Franz und in der Treue zu seinen Ordensgelübten nicht beirren. Er straft Satan mit tiefster Verachtung, der es ihm dann manchmal bitter heimzahlt. Er vertraut sich immer der Hilfe Gottes, Unserer Lieben Frau, seinem kleinen Engel und dem heiligen Vater Franziskus an. Er stützt sich auch immer wieder auf die geistliche Führung des Paters Agostino, und allmählich, wie wir sehen werden, wird Pater Agostino selber dazu übergehen, seinen geistlichen Sohn um Rat zu bitten …

In seinen ersten Jahren unterwarf sich Pater Pio der ausschließlichen geistlichen Leitung Pater Agostinos. Nachträglich wird er dann ab 1912 die des Paters Benedetto da San Marco in Lamis hinzufügen. Es gab da einige Missverständnisse, die ohne Zweifel durch den Vater der Lüge hervorgerufen worden waren, doch alles klärte sich auf und die Leitung wurde gleichsam eine kollegiale.

Sicher war es nicht leicht eine auf den Wegen der Mystik so hoch erhobene Seele wie die des Paters Pio zu beraten und zu leiten. Aber Gott war ja da und gab den damit Beauftragten das notwendige Licht, um im Gehorsam den Weg, den gar oft Satan zu verwirren sich versteifte, aufzuhellen. Pater Pio befolgte diese Empfehlungen buchstäblich und gestaltete sein Leben nach den Ratschlägen, die diese Väter ihm erteilten. So wollte es übrigens Jesus. Die Stimme seiner Leiter war für Pater Pio die Stimme Gottes selber; er brauchte sich also diesbezüglich keine Sorgen zu machen.

Und man durfte erstaunliche Entwicklungen beobachten. Sowohl Pater Agostino, als auch Pater Benedetto nahmen den tiefen Einfluss wahr, den ihr Beichtkind auf sie ausübte.

Sie wurden ihrerseits zu seinen geistlichen Söhnen, nicht nur für sich persönlich, sondern auch für die Seelen, die sich an ihren eigenen priesterlichen Dienst wandten. Pater Pio zeigte sich jedoch ein wenig zurückhaltend vor dieser neuen Aufgabe.

*

So also wurde diese erneute Rückkehr in seine Heimatgegend zum Anlass dieses beeindruckenden Briefwechsels mit Pater Agostino, und später ebenfalls mit Pater Benedetto. Dank diesem Briefwechsel konnten wir gewissermaßen einen tieferen Einblick in das Innere der Seele Pater Pios werfen. Man kann der Vorsehung dafür nur dankbar sein, denn ohne diese schwere Krankheit, hätten wir nie etwas von alldem erfahren. Infolgedessen wäre es für uns schwieriger gewesen, Pater Pio kennen zu lernen und ihn nachzuahmen.

Die Obern drangen nun von neuem darauf, dass Pater Pio das Gemeinschaftsleben wieder aufnehme. Aber was er nicht wusste: sein Ruf hatte sich weit über die Grenzen seiner engeren Heimat und über die Bereiche der Klöster, denen er zugeteilt gewesen war, ausgebreitet. Er wusste auch nicht, dass eine Dame aus dem Adel von Foggia, die er schon seit zwei Jahren, nämlich seit dem 24. März 1914, mit Genehmigung Pater Agostinos brieflich leitete, seine Gegenwart in Foggia anforderte, damit der junge Ordensmann ihr beistehe und sie berate in einer schweren gesundheitlichen Prüfung, die sie durchzustehen hatte. Es war dies Raffaelina Cerase. Diese an die Obern gerichtete Anfrage bot ihnen so die Gelegenheit, Pater Pio ins Kloster der heiligen Anna zu Foggia übersiedeln zu lassen.
Er verließ also sein Vaterhaus zu Pietrelcina am Morgen des 17. Februar 1916 und kam Ende Nachmittag in Foggia an. Am folgenden Tag besuchte er zum ersten Mal Raffaelina Cerase, die am 25. des folgenden Monats sterben sollte. So begann eine neue, sehr fruchtbare Etappe seines priesterlichen Dienstes.

Da wir an diesem Punkt angelangt sind, müssen wir zurückkehren, um Schritt für Schritt, aufgrund der Briefe, die er schreibt, den genauen Verlauf des Weges Pater Pios verfolgen zu können.

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Der Ordensmann

Sant´Elia a Pianisi

Frater Pio verließ drei Tage später am Montag, dem 25. Januar 1904 in Begleitung seines Freundes Giovanni, der jetzt den Namen Fra Anastasio trug, das Kloster von Morcone, um sich in das von Sant´Elia a Pianisi in der Provinz von Campobasso zu begeben. Dort sollten sie ihr Studium der Rhetorik beginnen und das Mittelschulstudium abschließen. Pater Provinzial Pio da Benevento begleitete sie. Es herrschte eine Hundekälte und es fiel ein wenig Schnee, als sie gegen Ende des Nachmittags an ihrem Bestimmungsort ankamen.

Auf dem Dorfplatz erwartete sie Bruder Fedele da Sant´Elia a Pianisi. Gar rasch führte er sie ins Kloster. Sie konnten sich ein wenig am Gemeinschaftsfeuer wärmen. Das ist ein Gemeinschaftsraum mit einem großen offenen Kamin, wo im Winter ein wackeres Holzfeuer knistert. Es befand sich dort ein ganz junger Kapuzineraspirant, etwa 15-jährig, der später Pater Raffaele da Sant´Elia a Pianisi werden soll. Zum ersten Mal wird er also Frater Pio begegnen und später wird er darüber schreiben: „Von dieser ersten Begegnung an rief Frater Pio in mir auf eine ganz eigene Art die Empfindung einer tiefen Bewunderung wegen seines vorbildlichen Betragens hervor … Jung wie ich war, kannte ich weiter nichts an Tugend, aber ich bemerkte an ihm etwas, das ihn von den übrigen Scholastikern unterschied.“ Und er fügte hinzu, wenn er Frater Pio auf den Gängen, im Chor, in der Kirche oder in der Sakristei begegnet sei, „war dieser immer abgetötet, gesammelt und still. Er wagte es nicht ein Wort zu reden ohne Notwendigkeit …“

Selbst dem Volk, das gewöhnlich die Klosterkirche besuchte, entging dieser junge Student nicht, der „sich von den übrigen durch seine Bescheidenheit, Abtötung, Demut und große Frömmigkeit unterschied.“

Das Klima war hier besser. Damit besserte sich auch der Gesundheitszustand Frater Pios. Der junge Bruder Raffaele erklärte noch dazu: „In Sant´Elia stellte sich Frater Pio wieder recht gut her und er sah sehr schön aus nach einigen Monaten des Aufenthalts im Kloster seiner neuen Niederlassung.

Selbst für meine Kinderaugen, fährt er fort, schien Frater Pio als einer ein wenig von den anderen Verschiedener: er war liebenswürdiger, er verstand es, uns Knaben einige Worte zu sagen; ganz unaufdringlich legte er uns einige Ratschläge nahe und wir hörten gern auf ihn. Für mich hob er sich irgendwie ab, auch wenn ich nichts Außerordentliches an ihm feststellte.“

Ein anderer 15-jähriger Aspirant, der spätere Pater Agatangelo, wird sagen: „Mit den anderen Studenten konnte man nicht reden, mit Frater Pio jedoch sehr wohl …“ – „Seien es nun die Bewerber, oder die Leute, die gewöhnlich unsere Kirche besuchten, alle hatten an ihm ein anderes Betragen festgestellt: er war immer zurückhaltend und in Gott versunken, obwohl er dabei nicht mit sich beschäftigt war“.

„Während der Zeit seines Studiums in Sant´Elia a Pianisi bezeugt Pater Leone da San Giovanni Rotondo, ein damaliger Mitstudent, hat der (Frater Pio) immer den Geist des Noviziats bewahrt. Oft wenn ich ihn auf seiner Zelle rufen ging, fand ich ihn vor seinem Bette kniend oder das Gesicht in den Händen über seine Bücher gebeugt …“ Denn das Studium war für Frater Pio die Grundlage und die Grundnahrung seiner Beschauung.

„Einmal war Frater Pio nicht zum mitternächtlichen Chorgebet erschienen, fährt Pater Leone fort. Ich bin hingegangen, um ihn zu benachrichtigen und ich fand ihn vor seinem Bette kniend mit einer Decke über den Schultern ins Gebet versunken. Ich kann mich nicht erinnern, dass er sich je über die einfache Nahrung beklagt hätte, selbst wenn die Lebensbedingungen des Klosters etwas mehr hätten erlauben können. Nie hat er beanstandet, was die Obern taten. Wenn die andern dies taten, dann wies er sie zurecht, oder er entfernte sich. Auch nie eine Klage wegen der wirklich beißenden Kälte, noch wegen des geringen Vorrats an Decken! …“

Für ihn war die Gabe der Tränen, wie wir schon wissen, alltäglich, so dass er infolge seines Weinens sehr an den Augen litt. Diesbezüglich erinnert sich Pater Antonio da San Giovanni, ein Professor des Klosters, dass Frater Pio in Sant´Elia a Pianisi „zur Zeit der Betrachtung und besonders nach der heiligen Kommunion eine so große Menge von Tränen vergoss, dass sich ein kleines Bächlein auf dem Steinpflaster bildete. Als man ihn nach dem Grunde fragte, wich der kleine Bruder immer aus und sagte nichts. Schließlich, da ich ja sein geistlicher Vater war, verpflichtete ich ihn zu reden. „Ich weine, sagte er, über meine Sünden und über die Sünden aller Menschen.“

Frater Pio war nämlich wirklich ein Jünger des kleinen Armen von Assisi, der auf den Bergen und in den Wäldern Umbriens weinte und vor den Menschen, die ihm begegneten, ausrief: „die gekreuzigte Liebe wird nicht geliebt!“

 

Ein eigenartiges Ereignis

Es war ebenfalls während seines Aufenthalts in Sant´Elia a Pianisi, dass Frater Pio jenen berüchtigten Angriff des Teufels erlebte, der jetzt sehr wohl bekannt ist. Es geschah im Laufe des Sommers 1905 in einer Nacht, als die Hitze besonders erstickend war. Die Türe und das Fenster bei Frater Pio standen weit offen, um ein wenig Luft hereinzulassen. Er war am Beten, obwohl es schon spät war. Nebenan war die Zelle von Frater Anastasio, so nahe bei der Seinen, dass man sich durch das Fenster mühelos die Hand reichen konnte. Damals war aber Frater Anastasio gerade abwesend, Piuccio jedoch wusste es nicht. Er hörte jedoch, wie unablässig hin und her geschritten wurde. Dieses Geräusch ging auf die Nerven. Frater Anastasio kann offenbar auch nicht schlafen, dachte Frater Pio und indem er sich leise dem Fenster seines Freundes näherte, rief er ihn leise: „Fra Anastasio!“ Aber der Laut blieb ihm in der Kehle stecken, denn er befand sich vor einem riesigen, schwarzen Hund, der mit drohender Gebärde seine Glutaugen auf ihn heftete. Er schien aus der Nachbarzelle zu kommen. Er floh bald mit einem fantastischen Sprung aufs Nachbardach und verschwand. Verstört wäre Frater Pio fast in eine Ohnmacht gefallen – für uns würde wahrscheinlich schon weniger genügen – und er legte sich aufs Bett. Aber wie groß war nicht sein Erstaunen, als er am nächsten Tag vernahm, dass die Nachbarzelle seit mehr als einem Monat nicht besetzt war, denn Anastasio war anderswohin versetzt worden … Aber wie groß war nicht auch das Entsetzen seiner Mitbrüder, als Frater Pio ganz unschuldig fragte, woher denn wohl der große schwarze Hund gekommen sein könnte!

 

San Marco la Catola

In der zweiten Hälfte des Monats Oktober 1905, nachdem er seine Mittelschulstudien abgeschlossen und seine Philosophieprüfungen bestanden hatte, zog Frater Pio immer zusammen mit Frater Anastasio nach San Marco la Catola. Wichtige Reparaturarbeiten am Chorgewölbe und an der Kirche von Sant´Elia a Pianisi waren notwendig geworden und man musste außerdem das Klosterdach vollständig erneuern.

Das Kloster San Marco la Catola ist eines der einsamen der Klosterprovinz Foggia. Es wurde abseits des kleinen Marktflecken, verborgen in einer wundervoll wilden Landschaft, inmitten verlassener Felder erbaut. Während in Morcone der Pflanzenwuchs sehr üppig war und man das Plätschern der Wildbäche und das Singen der Vögel hörte, gab es hingegen in San Marco nur das Klagelied des Windes … Und das war sehr angetan, um in Frater Pio die ersten Aufschwünge in die reinste Mystik hervorzurufen … Diese so freie Natur bot sich als vortreffliches Sprungbrett dazu an, sich zu Gott emporzuschwingen.

In San Marco la Catola, Provinz Foggia, begegnete Piuccio zum ersten Mal dem Pater Benedetto da San Marco in Lamis, der bis 1922 sein geistlicher Vater werden sollte. Er beendete in diesem Kloster sein Schuljahr und im April 1906 kam er nach Sant´Elia a Pianisi zurück, um dort sein Philosophiestudium fortzusetzen.

Dort feierte er am Sonntag, dem 27. Januar 1907, seine feierliche Ordensprofess. Er legte die ewigen Gelübde in die Hände des Paters Raffaele da San Giovanni Rotondo, des dortigen Klosterobern ab. Im Professformular wird er mit eigener Hand in voller Freiheit erklären, „dass er sich von nun an für immer durch die Ordensgelübde der Kapuziner unter der Regel des seraphischen Vaters, des heiligen Franz von Assisi, gebunden weiß und das mit dem einzigen und alleinigen Zweck, das Heil seiner Seele zu erstreben und sich ganz dem Dienst für Gott zu weihen.“ Indem er das Dokument mit seinem Namen unterzeichnete, setzte Frater Pio seine Unterschrift unter seinen Geburtsschein als Franziskaner. Er war damals neunzehn Jahre und acht Monate alt.

Eine Photographie aus dieser Zeit zeigt uns einen Frater Pio mit einem länglichen, schmalen, abgezehrten, von einem entstehenden Bart umrahmten Gesicht. Die Augen sind dunkel und unergründlich, fast etwas verängstigt. Es war die Zeit der Vorbereitung und der inneren Leiden, der Kämpfe und der aufreibenden, seelischen Prüfungen … Damals hatte er noch nicht das ruhige und heitere Gesicht des reifen Pater Pio, der sich von nun an seiner außerordentlichen, ihm von Gott anvertrauten Sendung voll bewusst sein wird.

 

Serracapriola

Sein Theologiestudium setzte er in Serracapriola bei Pater Agostino da San Marco in Lamis, seinem ersten Beichtvater fort, sowie im Kloster von Montefusco. Bald wird er von einer geheimnisvollen Krankheit befallen sein, die ihm sehr heftige Schmerzen verursachte. Er war zugleich vom Fieber und von der Liebe zu Gott verzehrt … Übermäßige Schweißausbrüche, ein herzzerreißender Husten verbanden sich mit geistlichen Qualen: er wurde von Gewissensängsten überfallen.

„Dieses Martyrium, schreibt Pater Pio selber in einem Brief vom 17. Oktober 1915, war recht schmerzhaft für meine arme Seele, sowohl durch die Heftigkeit, wie durch die Dauer. Das hat angefangen, wenn ich mich genau erinnere, im Alter von 18 Jahren und dauerte bis zum vollendeten 21. Lebensjahr. Während der ersten zwei Jahre jedoch wurde es fast unerträglich. Als meine Seele das durchlitt, befand ich mich in Sant Elia, dann in San Marco und auch anderswo …“

 Das waren ganz deutlich Anfechtungen des Teufels, der gegen Frater Pio losgelassen war. Der Feind war fest entschlossen, den jungen Ordensmann zu entmutigen, ihn, der sich mit so viel Großmut ganz Gott geweiht hatte. Auf diese Weise begann Piuccio alle Stufen des mystischen Lebens, eine nach der anderen, zu ersteigen. Aber es begann mit der furchtbaren Nacht der Sinne, wie sie der heilige Johannes vom Kreuz so treffend beschrieben hat.

Und diese Prüfung dauerte Jahre hindurch!

*

Während seines zweiten Theologiejahres empfing Frater Pio die niederen Weihen. Es war am 19. Dezember 1908. Er wurde damals, wie es vor der liturgischen Reform des Zweiten Vatikanischen Konzils üblich war, Pförtner, Vorleser, Exorzist und Akolyth. Zwei Tage später wurde er in der Kathedrale von Benevent zum Subdiakon geweiht. Aber seine Abtötung, seine Fasten und seine langen Gebete waren stärker als seine Gesundheit und er musste den Fortgang seiner Studien unterbrechen. Die Ärzte und seine Obern hofften, eine Luftveränderung würde ihm heilsam sein. So beschlossen sie, ihn für einige Zeit nach Pietrelcina zurückzuschicken. Abgesehen von einigen Unterbrechungen, wird er dort bis zum 17. Februar 1916 bleiben, somit während einer langen Periode von sieben Jahren. Das war für den jungen Kapuziner eine Zeit intensiven geistlichen Lebens, andauernder Bußübungen und Gelegenheit für ein sehr rasches Fortschreiten auf den Pfaden der Heiligkeit.

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Der Ordensmann

Noviziat in Morcone

Am 6. Januar 1903 trat er ins Noviziat der Kapuziner im Kloster zu Morcone ein. Es war am Fest der Erscheinung des Herrn. Bei der Rückkehr von der Frühmesse fand Francesco das Elternhaus voll von Leuten wie bei einem Trauerfall, wie er sagen wird; und Pater Pio fügt hinzu: „Als die Mutter mich begrüßte, fasste sie mich an den Händen und sagte zu mir: „Mein Sohn, Du zermalmst mir das Herz! … Doch in diesem Augenblick sollst Du nicht an den Schmerz Deiner Mutter denken; der heilige Franz hat Dich gerufen und Du gehst fort!“

Die arme Mamma Peppa konnte kein Wort mehr hinzufügen, sie verlor die Besinnung. Als sie wieder zu sich gekommen war, wiederholte sie: „Mein Sohn, in diesem Augenblick sollst Du nicht an den Schmerz Deiner Mutter denken; fortziehen musst Du, so gehe!“ Sie gab ihm ihren Segen, drückte ihm einen Rosenkranz in die Hand, den Pater Pio immer aufbewahrt hat, und Francesco trat über die Schwelle seines Elternhauses hinweg. Er selber wird erzählen, wie sein eigener Abschiedsschmerz war, er fühlte sich bis in seine Knochen hinein zermalmt.

In der letzten Nacht, die er im Elternhaus verbracht hatte, kam der Herr mit seiner heiligen Mutter ihn besuchen. Mit ihrer ganzen Herrlichkeit ermutigten sie ihn und verhießen ihm ihre besondere Liebe der Erwählung. Jesus legte ihm zum Schluss die Hand aufs Haupt und diese Geste stärkte den oberen Teil seiner Seele und ermöglichte es ihm im Augenblick des Abschieds keine einzige Träne zu vergießen, obwohl dieses sich Losreißen für ihn ein echtes Martyrium der Seele und des Leibes war.

Er bestieg den Zug in Pietrelcina in Begleitung seines Lehrers Càvacco und zweier Schulkameraden, die wie er ums Ordensleben sich bewarben, nämlich des Vincenzo Masone und des Antonio Bonavita. Als sie nach einer guten Stunde Eisenbahnfahrt in Morcone ankamen, läuteten sie an der Klosterpforte. Der Bruder Pförtner war kein anderer als der gütige Camillo da Sant´Elia a Pianisi, der Bettler mit dem großen schwarzen Bart! Er umarmte Francesco und rief aus: „Ei, der Franzl, ausgezeichnet, bravo! Du bist Deinem Versprechen treu geblieben und dem Ruf des heiligen Franz!“

Nach der Aufnahmeprüfung schließt sich die Klosterpforte wieder hinter Francesco. Das Blatt ist gewendet, aber mit welchem Schmerz! … Später wird Pater Pio sagen „Ich ging nach Morcone, wo mich diese Lebensweise erwartete. Man muss wahrhaftig berufen sein, um sie zu überstehen. Um die Wahrheit zu sagen, nie habe ich eine Versuchung gegen meine Berufung gehabt, aber manchmal, wenn der Teufel sich zeigte, kam mir jener Abschied von der Mutter in den Sinn und ich fasste wieder Mut …“.

Das musste nun mal so sein! … Am Eingang des Klosters zum Morcone drängt eine große Inschrift zur Entscheidung: „Entweder die Buße, oder die Hölle“ … Von einer Wand des Ganges hebt eine wichtige Weisung sich ab: „Stillschweigen“. Man wird ihm die Zelle Nummer 28 zuweisen. Über dem Eingang noch ein Wahlspruch: „Ihr seid gestorben, und Euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott“. Damit wäre also der Reiseweg klar gewiesen. Francesco muss sich selbst sterben, sich zermahlen lassen wie das Korn, im Stillschweigen und in der Beschauung verharren, um dem Herrn zu begegnen.

Francescos Zelle – wie übrigens alle anderen auch – war sehr klein. Im Sommer drang keine Kühle ein, im Winter biss die Kälte an den bloßen Füßen. Ein Strohsack mit Maisblättern lag auf vier Brettern, die von zwei Querbalken als Fußgestell unterstützt wurden. Ein kleines Tischchen, auf dem ein paar Andachtsbücher lagen. Ein Stuhl, ein großes Holzkreuz, das auf dem Bett lag und das man während den allzu kurzen Stunden der Nachtruhe in den Händen hielt. Das war die ganze Ausstattung. Fast möchte man von einer Gefängniszelle sprechen, aber es war genau das Gegenteil; denn wenn man im Gefängnis seiner Freiheit beraubt ist, so fand Francesco in seiner Klosterzelle Christus.

Er musste zwei Wochen zuwarten, um sich wirklich davon Rechenschaft zu geben, was für ein Leben das sein wird, dem er sich widmen wollte: vierzehn Tage Exerzitien unter vollständigem Schweigen, doch reich befrachtet mit Gesprächen innigster Freundschaft mit dem Herrn. Viel Gebet sogar nachts, viel Arbeit …

Francesco hatte neben sich im Postulat einen Gefährten. Er hieß Giovanni Di Carlo und wurde später Pater Anastasio. Dieser berichtet: „… Eines Tages, als sie allein im Chor waren, in der Kirche war niemand, weil sie geschlossen war, sahen sie, dass in den Fächern der Patres und der Laienbrüder Bußgeißeln lagen, einige sogar mit Metallstückchen besetzt. Da sagte Di Carlo (Anastasio), der Neugierigere der beiden, zu seinem eher zurückhaltenden Gefährten: „Franzl, damit schlägt sich der einzelne abends, wenn sie uns den Chor verlassen heißen und mit lauter Stimme beten, wir wollen es auch versuchen!“ Francesco ließ sich das nicht zweimal sagen und beide, nachdem sie ihre Jacke niedergelegt hatten, begannen sich auf die Schultern zu schlagen und sie taten es von Herzen, besonders Francesco. Als sich dann der Schmerz bemerkbar machte, sagte Di Carlo: „Franz, das genügt jetzt!“ Sie hörten also auf, legten die Geißeln wieder an ihren Platz und nahmen wieder ohne weiteren Kommentar ihre Arbeit auf.“

Es war also Giovanni Di Carlo, der zukünftige Pater Anastasio, der dies erzählt hat. Er gab zu, dass er weniger zur Buße neigte als Francesco, der „sich jedes Mal, wenn er etwas erdulden musste, darüber freute, denn er hatte immer vor den Augen seines Herzens das Bild Jesu, des Gekreuzigten“.

Aber ohne Fragen war dieses harte Leben Giovanni zuwider die freiwillige Geisselung vom Vortag, die Strenge des Kapuzinerlebens, barfuß gehen zu müssen bei der Winterkälte – man befand sich mitten im Monat Januar – das nächtliche Aufstehen zum Chorgebet, immer Jahr sagen zu müssen, wenn man so gern nein gesagt hätte, und vor allem das dauernde Schweigen, das für einen hitzigen Neapolitaner so mühsam ist …, wenig fehlte, und Giovanni hätte aufgegeben!

„Franz, sagte er zu seinem Gefährten, das ist ein zu hartes Leben, das ist nicht für uns gemacht. Hier tut man nur Buße, Tag und Nacht. Können wir nicht weggehen? Ich, ich habe mich entschlossen morgen schon vorzugehen; und du auch? …“ Francesco war überrascht, es fehlte wenig, dass er dachte Giovanni sei sozusagen vom Teufel besessen! Er erwiderte ihm sogleich: „Giuvanniell´, was sagst du da? Wieso denn, wir haben so viel getan, um hierher zu kommen und jetzt sollten wir weggehen? Was werden unsere Eltern und Verwandten dazu sagen und all jene, die uns zu diesem Haus hingeleitet haben? Ach Schluss damit! Allmählich mithilfe der Madonna und des heiligen Franz werden auch wir uns daran gewöhnen, wie die anderen sich daran gewöhnt haben. Meinst Du vielleicht, dass alle, die in diesem Kloster sind, und noch alle anderen dazu, nicht wie wir waren? Niemals ist einer als ein fertiger Mönch auf die Welt gekommen …“

Die Erwiderung war gut und für den künftigen Pater Anastasio war dieses Argument bestimmend. Entschlossen wird er der Welt den Rücken kehren …

Am Ende dieser Einkleidungsexerzitien empfingen sie das Kleid des heiligen Franz. Francesco bekam den Namen Pio. Von nun an – und für immer – wird er der Bruder Pio da Pietrelcino sein.

Einer der Biographen Pater Pios erzählt, die Liebe, die er zum Gebet hegte, sei es persönlich oder gemeinschaftlich, war wirklich bewundernswert:

„Nach dem Vorlesen des Betrachtungspunktes, der immer auf das Leiden unseres Herrn Jesus Christus abzielte, blieb er während der dafür vorgesehenen Zeit knien und auch noch danach, wenn dies ihm möglich war. Er vergoss reichlich Tränen, indem er Stoßgebete verrichtete, er fuhr damit fort auf den Gängen, den Gartenwegen und überall anderswo.

Um seine Gebete noch zu verlängern, bat er häufig um die Erlaubnis von der Erholung, vom Spaziergang, und manchmal vom Abendessen befreit zu werden, um im Chor oder in der Zelle bleiben zu dürfen.“

Er war der Erste, wo es geboten war, Akte der Anbetung und der Verehrung durch Kniebeugen vor dem Allerheiligsten, vor dem Bild der lieben Muttergottes und der Heiligen zu vollziehen und der Erste, um seine Mitbrüder durch Gesten und Zeichen der Ehrerbietung dazu anzueifern, diese unerlässlichen Pflichten treu zu erfüllen.

Seine Betrachtung war immer auf die Leiden des Gekreuzigten ausgerichtet. Während der Betrachtung im Chor vergoss er dicke Tränen, so dass ein großer Fleck auf dem Steinboden zurückblieb …“

Man begreift, dass gewisse Mitbrüder sich über ihn lustig machten. Um ihnen so ihre Spöttereien zu ersparen, pflegte er von da an gewöhnlich sein Taschentuch auf dem Boden auszubreiten, um die Tränen aufzufangen. Wenn dann der Obere das Zeichen zum Verlassen des Chores gab, packte er sein Taschentuch zusammen und so war auf dem Steinboden nichts mehr zu finden!

Schon daheim konnte er so weinen. Seine Mutter kannte zwar sehr wohl die Frömmigkeit ihres Sohnes, aber sie wusste nicht, dass es sich hier um die berühmte Gabe der Tränen handelte und sie dachte nicht ohne innere Beängstigung, er sei krank.

Was die Ernährung im Novizitat betrifft so war sie gewiss einfach, aber hinreichend für jugendliche Bedürfnisse. Für Francesco jedoch war der Speisesaal eine Buße. Es gelang ihm sogar heimlich seinen vollen Teller mit dem schon leeren seines Nachbarn zu vertauschen!

Damals noch stellte das Noviziat fürwahr eine harte Probe dar. In mancher Hinsicht hätte man meinen können, man sei ins Mittelalter zurückversetzt, aber wer diese Prüfung überstand, ging daraus mit einem gediegenen Charakter, einer widerstandsfähigen Spiritualität und einem heldenhaften Mut hervor.

*

Pater Pio wird es später eingestehen, dass er von seinem Noviziat keine gute Erinnerung bewahrt hatte … Jahre danach erzählte er in einem engeren Kreis von Vertrauten, die sich in seiner Zelle von San Giovanni Rotondo um ihn versammelt hatten, einige Brocken aus seinem vergangenen Leben, was jeder sich bemühte, schriftlich festzuhalten.

 

„Nach dem Noviziat, sagte er, musste ich alles von neuem anfangen. Ich hatte alles, ja alles vergessen. Und es konnte nicht anders sein, wenn man die Erziehungsmethode bedenkt, die zu dieser Zeit herrschte; es gab kein Buch, weder ein religiöses, noch ein weltliches. Den Novizen erlaubte man nur – und das war zwingende Norm – 15 Seiten zu lesen, und wenn man damit fertig war, fing man wieder von vorn an. Stellt Euch vor, was das ein ganzes Jahr lang bedeutet!

Sobald wir unser Frühstück, fuhr Pater Pio fort, das in drei oder vier kleinen Stücken gebackenen Brotes bestand, beendet hatten, ging man zum Obern hin, um ihm für das Frühstück zu danken, das die Vorsehung uns geschenkt hatte und man blieb so lange auf den Knien, bis er sagte, wir sollten auf unsere Zelle zurückkehren, wo man nur seine 15 Seiten zum Lesen und Nochmallesen fand! …“

Und er fügte hinzu: „Wenn wir unsere Kleider anzogen, wie viele haben wir dabei nicht beschädigt! Alles war gemeinsam. Wenn der Magister uns die Hemden gab, um sie anzuprobieren, ging es zu wie bei der Armee: lange oder kurze, enge oder weite. Und oft wurden die zu engen zerrissen und man legte sie einfach wieder an ihren Platz zurück!“

Es gab da im Noviziat auch die Bußübung des Augenniederschlagens … Man sollte niemals die Augen erheben ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Oberen, um so die innere Sammlung zu bewahren und den Willen in Zucht zu halten … Man behauptet sogar, dass Pater Pio es nie gewagt habe, das Gewölbe der Kirche von Morcone anzuschauen. Die Straßen und Gässchen des Dorfes, die hat er nie gesehen!

„Wie groß war nicht der Schrecken meiner Mutter, fuhr Pater Pio vertraulich fort, als sie mich mit meinem Bruder und meinem Vater besuchen kam und als ich mit dem Pater Magister hinunterstieg, um sie zu begrüßen. Es war verboten, ohne die Erlaubnis des Magisters zu reden und die Augen zu erheben. Die Meinen waren tief beeindruckt und ihre Besorgnis wurde noch größer, als sie sahen, dass ich nicht zu ihnen redete und sie nicht anschaute … Ich hatte ja noch nicht die Erlaubnis dazu bekommen. Sie meinten, ich sei verblödet, während ich mich an ihren Hals hätte werfen mögen, um sie zu umarmen!“

Ja, dieses Leben der Buße und der Abtötung wird Pater Piero begierig auf sich nehmen. Er wusste, dass man die Leiden nicht um ihrer selbst willen lieben sollte, sondern weil sie ein Mittel zur Sühne für die Sünden sind und um sich mit dem Herrn in seinem Leiden zu vereinigen. Außerdem findet der Geist dabei Befreiung von der Knechtschaft des Leibes und so kann er sich froh auf die Wege der Beschauung emporschwingen.

Mit all seinen Kräften will der junge Ordensmann sich bis ins Leiden hinein Jesus angleichen und so wird er teilhaben an seiner Erlösersendung.

Aber man bedenke wohl! Frater Pio war erst fünfzehn Jahre alt! Und Gott hatte ihn wirklich vor den Augen aller verborgen …

Bereit für die große Sendung, die der Herr ihn hatte erahnen lassen, beendete er sein Noviziatsjahr am 22. Januar 1904, indem er seine zeitlichen Gelübde für drei Jahre ablegte.

Die ganze Nacht davor hatte erwachend und betend verbracht. Am Tage selber kamen zu sehr früher Stunde Mamma Peppa, sein Bruder Michael und Onkel Angelantonio im Kloster an. Um 11 Uhr 45 weite er sich Gott, indem er in die Hände des Vaters Francesco-Maria da Sant´Elia a Pianisi gelobte, im Gehorsam, Armut und Keuschheit zu leben. Mamma Peppa umarmte ganz gerührt den neu dem Herrn Geweihten: „Mein Sohn, sagte sie zu ihm, ja jetzt bist Du ganz ein Sohn des heiligen Franz. Möge er Dich segnen!“

Mamma Peppa, eine heilige Mutter!

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

Pater Pio — Geistliches Bildnis aus seinen frühen Briefen

 

(Fortsetzung von hier)

Ein anderer Gefährte Francescos, Vincenzo Iabbraccio erzählt, wie nützlich die Freundschaft, die Francesco zu ihm hegte, für ihn beim Studium gewesen sei: „er übte auf mich einen Einfluss aus, den mein Lehrer nicht hatte. Seine Ratschläge, seine Hilfe und sein Beispiel waren mir von Nutzen und bestimmend für ein gutes Ergebnis und löbliches Betragen in der Schule. Das lag ihm so sehr am Herzen, dass er überglücklich und zufrieden war, wenn es mir gelang, meine Launen zu beherrschen, … Wir liebten ihn alle gar sehr …“

Aus dieser Epoche werden zwei Briefchen des künftigen Paters Pio aufbewahrt. Eins davon ist an einen Kameraden gerichtet, um ein kleines Missverständnis zu zerstreuen; das andere war an seinen Vater in Amerika geschrieben.

„Mein lieber, guter Luigino (es scheint, dass es sich um Luigi Orlando handelt), wenn Du an mir irgend einen Fehler entdeckt hast, so lass es mich bitte wissen. Gestern Abend habe ich bemerkt, dass Du mit mir schmolltest. Doch ich kann den Grund dafür nicht erraten. Mir scheint es, dass ich Dir nichts zuleide getan habe. Darum schreibe ich Dir diesen Brief, indem ich mich liebevoll um den Grund für Dein neues Betragen mir gegenüber erkundige.

Ich bin sicher, dass Du mir die Erklärung dafür geben wirst, weil ich mit allen in Freundschaft leben will. Lebe wohl! Wenn wir uns heute in der Schule oder in der Kirche wiedersehen werden, hoffe ich, dass Du nicht mehr dieselbe Einstellung mir gegenüber zeigen wirst. Wenn Du über mich wegen der Angelegenheit von gestern Abend verärgert bist, so sollst Du wissen, dass nicht ich, sondern Dein Freund Bonavita es war, der Saginario befahl, Dich auf den Boden zu legen.

Ich grüße Dich sehr und umarme Dich herzlich. Dein ergebenster Freund Forgione Francesco. Pietrelcina, 9. März 1902“ (4,591f).
Francesco war erst 15-jährig.

Einige Wochen zuvor hatte Francesco seinem Vater einen Brief geschickt. Auch der ist sehr schön und so ehrfurchtsvoll! Zi´Grazio hatte sich darüber beklagt, dass Francesco sich den Luxus geleistet hatte, nach Pompei zu reisen, wo er einige Liren vergeudet hat. Der Junge entschuldigt sich dafür und benutzt die Gelegenheit seinem Vater über die Fortschritte in der Schule zu berichten:

„Pietrelcina, 5. Oktober 1901 – Mein bester Vater, Ihr könnt Euch nicht vorstellen, mit welchem Vergnügen wir Euren Brief empfangen haben, worin Ihr uns versichert, dass Ihr Euch bester Gesundheit erfreut. Auch uns geht es, Gott sei Dank, gut, mir ganz besonders. Unablässig richte ich Bitten und Gebete an Unsere Liebe Frau, damit sie Euch vor jedem Übel bewahre und damit sie Euch gesund und heil unserer Anhänglichkeit zurückgebe. Was Eure Klage Mutter gegenüber wegen meiner Reise nach Pompei betrifft, so habt Ihr tausendmal recht. Indessen müsst Ihr bedenken, dass es vom nächsten Jahr an, so Gott will, für mich zu Ende ist mit Festen und Belustigung, weil ich ja dieses Leben verlassen werde, um mich einem anderen besseren zu widmen. Es ist wahr, ich habe ein paar Liren vergeudet, aber ich verspreche Euch jetzt, sie wiederzugewinnen durch mein Studium. Tatsächlich darf ich, wo ich unter der Leitung des neuen Lehrers stehe, feststellen, dass ich von Tag zu Tag Fortschritte mache. Und wir sind darüber sehr froh, sowohl ich selber, wie auch die Mutter. Für den Bruder macht Euch keine Sorge, denn er erfüllt seine Pflicht und gibt keinen Anlass zur Beunruhigung. Ebenso die Schwestern, sie sind immer unter der Aufsicht der Mutter oder des Bruders. Was das Grundstück des „Canino“ betrifft, wird man Euch gehorchen. Wie ihr Euch vorstellen könnt, haben wir nicht viel Mais gehabt, denn es gab nicht genug Wasser zur rechten Zeit. Wir haben kaum vier Säcke geerntet. Wir warten immer auf gute Nachrichten, was Eure Angelegenheit und die des Onkels Agostino angeht. Ihm werdet Ihr viele Grüße von Seiten aller Verwandten ausrichten. Der Lehrer und seine Familie lassen Euch ebenfalls mit Hochachtung grüßen. Alle aus unserer Familie, die Tante Ursula und ihr Gemahl, wir umarmen Euch und ich küsse Euch die Hand und bitte um Euren Segen. Euer gehorsamster Sohn: Francesco“ (4.797).

„Tragen Sie einen Bart? …“

Jedes Mal wenn der Kapuziner Bruder Camillo da Sant´Elia a Pianisi, (der 1933 in die Ewigkeit einging) nach Pietrelcina kam, um zu Gunsten seines Klosters zu betteln, bekam er immer einen sehr herzlichen Empfang bei den Forgione. Der gute Bruder verteilte Küsschen, Nüsschen und Medaillen an die Kleinen, die darüber entzückt waren. Francesco aber ließ den Ordensmann nicht mehr aus den Augen und er fühlte sich sehr angezogen vom beeindruckenden, schwarzen Bart, der das Gesicht des Kapuziners umrahmte. Er wollte von da an ein Mönch mit einem Bart werden. Obwohl man ihn in seiner Umgebung wissen ließ, dass es im Noviziat zu Morcone keinen Platz mehr gab (die glücklichen Zeiten!) Und er vielleicht bei den Ordensleuten vom Montevergine, die sich in weiß gekleideten, Schuhe trugen und im Wohlstand lebten, seinen Werdegang finden müsse, stellte Francesco die Frage: – „Tragen diese einen Bart?“ – „Nein!“ war die Antwort, – „Dann ist es auch für mich ein Nein!“ Und dabei blieb es.

Don Salvatore Panullo, Zi´Tore, wie man ihn im vertrauten Umgang nannte, der gütige Pfarrer von Pietrelcina, der Francesco um Verzeihung bitten wollte, dass er es gewagt hatte, ihn in jener lächerlichen Angelegenheit des Liebesbriefchens an die Bahnhofvorstandstochter zu verdächtigen und der ihn zur Strafe ohne Umschweife aus dem Verband der Altardiener ausgeschlossen hatte, dieser hatte also selber für Francesco um die Zulassung bei den Kapuzinern gebeten. Nach einigen Wochen des Wartens empfing er vom Provinzial aus Foggia die endgültige Zulassungsgenehmigung. Er bereitete also alle notwendigen Urkunden für sein viel geliebtes Musterpfarrkind vor. Niemand hatte damals eine Ahnung, welche harten Kämpfe um seine Berufung Francesco gegen die entfesselte Hölle austragen musste.

Er war bekanntlich erst fünfzehnjährig und doch war er schon in seiner Seele gewarnt, was für unversöhnliche Kämpfe er künftig gegen Satan auszufechten hätte, und das bis zum Ende seines Lebens. Man kann sich wohl vorstellen, dass damals, als er diesen Entschluss fassen musste, der sein ganzes Leben in Dienst nehmen sollte, die Angriffe besonders schrecklich waren und ohne Zweifel, wenn ihn Gott nicht unterstützt hätte, so wäre er nicht als Sieger daraus hervorgegangen.

„Ich spürte zwei Kräfte sich in mir bekämpfen, wird er später schreiben, die mir das Herz zerrissen: die Welt wollte mich für sich gewinnen und Gott berief mich zu einem neuen Leben. Mein Gott, wie soll ich mein Martyrium beschreiben? Schon allein die Erinnerung an den Kampf, der sich in meinem Innern abspielte, lässt mir das Blut in den Adern erstarren. 20 Jahre sind vergangen. Ich fühlte, dass ich Dir folgen sollte, wahrhaftiger, gütiger Gott, aber meine Feinde tyrannisierten mich, sie renkten mir die Knochen aus den Gelenken und drehten mir die Eingeweide aus. Ich wollte Dir gehorchen, o mein Gott und mein Bräutigam. Aber wo die Kraft finden, um dieser Welt zu widerstehen, die nicht Dir gehört? Am Ende bist Du in Erscheinung getreten und hast Deine allmächtige Hand dargereicht, hast mich dorthin geleitet, wohin Du mich gerufen hattest …

In meinem Innern, der ich sein armes, verächtliches Geschöpf bin, hat Gott mir von meiner Geburt an gezeigt, dass er nicht nur mein Heiland, mein größter Wohltäter gewesen ist, sondern mein zuverlässiger, aufrichtiger, treuer Freund, die ewige, unendliche Liebe, mein Trost, meine Freude, mein ganzer Schatz …

Mit heißer Glut, mit Liebesseufzern, mit unaussprechlichem Stöhnen, mit lieblichen, süßen Worten rief mich (der Herr) zu sich, fährt Pater Piero fort, er wollte nicht ganz bei sich haben.

Und in den Versuchungen, in den ganz gezielten Angriffen des Feindes rief ich sogleich die heiligste Namen Jesu und Mariens an, schreibt weiter Pater Pio, ich rief den gütigen Vater in heller Angst an, dass er mir doch zu Hilfe eile. Und siehe er war gefasst auf meinen Anruf. Er stellte sich mir vor und da er sah, dass ich mich anstrengte, das unheilvolle Bild von mir wegzuweisen, schien er zu lächeln, und es sah aus, als wolle er mich zu einem anderen Leben einladen. Er ließ mich verstehen, dass der Hafen der Geborgenheit, der Zufluchtsort des Friedens für mich in den Reihen der kirchlichen Streitmacht zu finden sei.“

Und immer im selben Text fragte Pater Pio: „Wo könnte ich Dir besser dienen, o Herr, als im Kloster oder unter dem Banner des kleinen Armen von Assisi?“

Pater Pio hatte diesen Text 1922 geschrieben.

Er wusste sehr wohl was ihn erwartete, und dass sein ganzes Leben nur ein Kalvarienberg sein würde, und dass er ihn in der Nachfolge Jesu würde ersteigen müssen und von IHM unterstützt. Später wird er dieses Gebet an ihn richten:

„Du hast die Tränen der bitteren Not gesehen, die meine Wangen überfluteten … Ich wollte lieber sterben als Deinen Ruf verfehlen. Du hast mich vor den Augen aller verborgen; aber von da an hast Du Deinem Sohn eine sehr große Sendung anvertraut, die nur Dir und mir bekannt ist … Vollende in mir das Werk, das Du begonnen hast. Ja, innig und unablässig höre ich Deine Stimme, die mich um eine Gunst bittet und zu mir spricht: „Heilige dich und mache (andere) heilig!“ …

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Kraft seiner Fürbitte — Die Schule

Die Kraft seiner Fürbitte

Ein anderer Charakterzug der Seele des jungen Francesco ist unbestreitbar die Macht seines Gebetes. Da er sich schon ganz seinem Herrn geschenkt hat, kann ER dieser Freigebigkeit nichts verweigern. Francesco sieht die Bedürfnisse derer, die ihn umgeben, so nimmt er sie in sein Gebet hinein, bittet inständig, legt Fürbitte ein und bekommt die Gnade … So wird es Pater Pio sein Leben lang machen, wahrhaftig im Vollsinn des Wortes als ein Mann des Gebetes und der Fürbitte.

Pater Pio hat selber folgende Szene erzählt. 1896 liess ihn sein Vater, Zi´Grazio, als Neunjährigen hinter sich auf dem Esel aufsitzen und sie zogen beide nach Altavilla-Irpina los, einem kleinen, ungefähr 27 km entfernten Marktflecken. Es war ein Markttag und zugleich das Patronatsfest des heiligen Märtyrers Pellegrino, des himmlischen Beschützers der Pfarrei. Im überfüllten Heiligtum, das vollgestopft war mit überschäumenden, lärmenden Süditalienern, die bei ihren Gebeten gar deutlich ihre Gefühle durch äußere Zeichen bekundeten, machten Zi´Grazio und Francesco so gut es eben ging ihre Andacht. Um sie herum wurde gebetet, geweint, geschrien, und schon war man daran wieder wegzugehen. Da bat Francesco seinen Vater, er möge doch noch eine kleine Weile da bleiben.

Er hatte eben eine arme Frau entdeckt, mit fliegenden Haaren, schreiend, fluchend und betend zugleich. Diese hatte sich niedergeworfen an den Stufen des Altars, ihr missgestaltetes Kind in den Armen. Aus diesem Fleischklumpen kamen nur unartikulierte Laute und lautes Gebrüll hervor, was die Menge erzittern liess. Francesco vereinte sein Gebet mit dem der armen Mutter. Plötzlich, von diesem inständigen Bitten ermüdet und von nun an nichts mehr erwartend warf sie ihr gebrechliches Kind zur Statue des Heiligen hinauf, der oben auf dem Altar stand, indem sie schrie: „Warum willst du es nicht heilen? Da, behüt´ es, es gehört dir!“ Das Kind fiel glücklicherweise in die Arme der unglücklichen Mutter zurück. Aber es kam geheilt zurück. Pater Pio hat nie mehr diese Szene vergessen. Immer erzählte er sie mit Tränen in den Augen.

Man kann sich das vorstellen, dass diesem Vorgang ein ungeheures Durcheinander folgte. Jeder wollte sehen, berühren, sich Rechenschaft geben über den Vorfall. Man weinte, umarmte sich, schrie von einem Wunder und bald wurden die Glockenseile gezogen und mit allen Kräften geläutet, denn die ganze Welt sollte davon erfahren. Wir wollen darüber nicht erstaunt sein. Wir sind ja in Süditalien! Pater Raffaele da Sant´Elia von Pianisi, dem Pater Pio das Ereignis berichtet hatte, fügte hinzu, dass dem Pater beim Erzählen durch die bloße Erinnerung an dieses Wunder reichlich Tränen gekommen seien. Dies war, meinte Pater Raffaele, die Ankündigung so vieler geheimnisvoller Vorkommnisse, die später durch Gottes Zulassung und Fügung um Pater Pio herum geschahen.

„Auf der Rückreise, so erzählte Pater Pio, gab mein Vater dem armen Esel Stockschläge, der doch keine Schuld daran trug, und mir machte er schwere Vorwürfe, weil ich die Ursache der Verspätung war!

 

Die Schule

„Ich hatte fünf oder sechs Schafe für die Bedürfnisse der Familie, erzählt Zi´Gratio, der Vater Francescos, und eines Tages als der Kleine mit den Tieren auf der Weide war, verweilte ich dabei, ihn anzuschauen und ich sagte zu mir selber: „Bedenk doch ein wenig! Wegen ein paar Schafen darf dieser Sohn nicht zur Schule gehen!“ Und wenn man sich dabei sagen muss, dass er schon mehrere Jahre über die Schulpflicht hinaus war! Ich wandte mich an meinen Sohn und sagte zu ihm: – Franz, willst du zur Schule gehen? Sofort antwortete mir der Knabe: – Aber sicher will ich zur Schule gehen! – Ach du willst also dort hingehen? Wenn du gut lernst und wenn du es nicht wie dein Bruder machen würdest, dann wirst du sehen, dass dein Vater aus dir einen Mönch machen wird! …“

Dieser Bruder war kein anderer als der ältere Sohn Michael, der seine letzten Lebensjahre in San Giovanni Rotondo verbringen wird. Jedermann nannte ihn dort Zi´Michele. Sein Vater hatte ihn in die Schule geschickt, aber er hatte nie etwas lernen wollen, so hatte er ihn den auch bald wieder zurückgeholt.

Einige Zeit sollte noch vergehen, ehe Zi´Gratio sein Versprechen erneuerte. „Schließlich, sagte abschließend der Vater, habe ich abends mit meiner Frau darüber gesprochen und wir haben beschlossen, ihn an die Privatschule zu schicken, da dieser Junge schon längst die Schulpflicht hinter sich hatte“.

Und so wurde denn Francesco, als kleiner Knirps von zehn Jahren Don Domenico Tizzani, der ein wenig Latein konnte, anvertraut. Drei Jahre wird er bei ihm bleiben bis zum Quinta elementare.

Die Wahl dieses Lehrers war alles andere als glücklich, „denn, fuhr Zi´Gratio fort, wir hatten ihn zu einem Priester geschickt, der seinen Talar an den Nagel gehängt hatte und mit einer Frau zusammenlebte. Der hatte eine Privatschule eröffnet, um überleben zu können.“

Francesco gelang es nie, sich mit Don Tizzani zu verstehen und dieser Lehrer zahlte ihm diese Antipathie mit Spöttereien, Schlägen, Ungerechtigkeiten heim, die dem Kind viel Leid bereiteten. Er hielt Francesco für zu dumm, um auch nur das Geringste zu erlernen. „Er macht keine Fortschritte, erklärte er Mamma Peppa. Das ist verständlich, da er morgens immer zur Kirche geht zur heiligen Messe und am Abend wieder zur Kirche! Was kann er dabei lernen?“

Was würde der Vater dazu sagen, der seit mehreren Monaten nach Amerika ausgewandert war, um für die Bedürfnisse der Familie auszukommen? Die Mutter ließ über das Kind einen Hagel von Vorwürfen niederprasseln … „Mutter, antwortete Francesco gelassen, nicht ich mache keine Fortschritte, nicht die Kirche hindert mich daran zu lernen, nein er ist ein schlechter Priester …“

Die Mutter schwieg und sagte nichts mehr … Francesco spürte bereits das Böse, die Sünde. Aus seinem fernen Exil schrieb der Vater an seine Frau: „Nimm das Kind sofort von der Schule dieses gemeinen Kerls und schicke es zu einem besseren Lehrer …“

Viele Jahre später wurde Pater Piero als jungem Priester der Trost zuteil, den exkommunizierten Priester mit Gott und der Kirche versöhnen zu dürfen. Er starb im Frieden. Mit der besonderen Erlaubnis des Erzbischofs von Benevent wurde sein Leichnam mit der priesterlichen Amtstracht bekleidet.

Mamma Peppa fand einen besseren Lehrer. Sie vertraute Francesco Angelo Càvacco an, der aber bei weitem nicht alle religiösen Ansichten seines neuen Schülers teilte. Er hatte jedoch viel mehr Erfolg. Mit seinem neuen Lehrer, der bei ihm viel Intelligenz entdeckt hatte, begann Francesco zu arbeiten. Er gewann ein Schulabschlusszeugnis, sodass er sich für die Aufnahmeprüfung ins Franziskanerkollegium zu Morcone vorbereiten konnte.

Einer seiner Schulkameraden, Tiziano d´Andrea, schrieb am 14. Mai 1971 einen Brief, worin er einige Einblicke in die Schule des Lehrers Càvacco gab. Er erklärte, dass „die Fehler der Schüler durch Pensen, d. h. durch in einer bestimmten Zeit zu Hause zu erledigende Abschreibaufgaben von 5-10 Seiten, bestraft wurden. Diese mussten natürlich am nächsten Tag dem Lehrer vorgelegt werden um so den Schülern einzuprägen, dass man keine Fehler begehen dürfe, von welcher Art sie auch seien …“

Und Tiziano d´Andrea fuhr fort: „Unsere Schule beschränkte sich darauf, Unterricht im Lesen, Schreiben und Rechnen zu erteilen. Es gab noch keine klar festgelegten Programme wie heute. Man übte das Diktat, entwickelte jede Woche einige Aufsatzthemen über die üblichen Gegenstände. Lehrstunden über Geschichte und Geographie waren eher spärlich …“

*

(Fortsetzung)

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.

PATER PIO — Weihe, Leiden und Fürbitten

Seit langem, – vom Schoß seiner Mutter an – hatte das Kind seinen Leidensweg begonnen. Sein geistliches Leben war schon von Visionen begleitet. In seinen Träumen sah er Unsere Liebe Frau. Und sein Schutzengel war für ihn ein vertrauter Begleiter. Seine Mutter erzählte, wie sie ihren kleinen Franz, wenn sie zur Arbeit auf das Feld hinaus musste, zu Hause ließ, und ihn dem Schutz der Lieben Frau zur Libera, der himmlischen Dorfpatronin, anvertraute. Sie hatte ja einst die Pestepidemie aufgehalten, die die ganze Gegend heimsuchte, sie musste also auch über dieses kleine Kind zu wachen vermögen. Aber wie oft hörte sie bei ihrer Rückkehr ein wenig beunruhigt, das wird man wohl verstehen, die Jubelschreie und das Lachen des Kindes. Es spielte, lief, sprang und redete mit einem unsichtbaren – oder wenigstens meinte sie es – mit einem erfundenen Spielgefährten. „Nein, antwortete das Kind, ich spiele mit dem kleinen Engel!

Kaum fünfjährig, liebäugelte es schon mit dem Gedanken, sich ganz Gott hinzugeben. Pater Benedetto da San Marco in Lamis, der einer seiner Beichtväter war, schrieb: „mit fünf oder sechs Jahren erschien ihm am Hochaltar das Herz Jesu, es gab ihm ein Zeichen, er solle zum Altar herankommen und legte ihm die Hand aufs Haupt, um ihm zu bezeugen, dass ER die ihm gemachte Weihe annehme, und er möge sich seiner Liebe anvertrauen.“

Und Pater Benedetto schloss daraus: „Er spürte, dass sein Entschluss sich festigte, seine Glut IHN zu lieben und sich ganz IHM zu schenken, wuchs

Wegen dieser Weiheverpflichtung zog sich dann der kleine Franz in eine Ecke der Kirche oder eines Feldes oder ins Haus zurück, um dort in aller Muße zu beten. Er nahm die Leiden an, und legte sich selber, wo er doch noch so jung war, Bußwerke auf!

Eines Tages überraschte ihn Mama Peppa – er war damals erst acht oder neun Jahre alt – wie er sich hinter seinem Bett mit Eisenketten schlug. Sie bat ihn doch aufzuhören, aber er fuhr umso mehr fort damit. Einmal fragte sie ihn: „Warum denn, mein Sohn, schlägst du dich so? Die Eisenkette tut doch weh?“ Und Francesco erwiderte: „Ich muss mich geißeln, wie die Juden Jesus haben auspeitschen lassen, bis das Blut von den Schultern herabfloss!“ Mehr als einmal spionierte Ubaldo Vecchiarino zusammen mit jungen Freunden durchs Fenster des Forgionehauses, denn er hörte, wie sich Francesco mit einem Hanfseil auspeitschte.

Sogar der Dorfpfarrer gab dem Kinde mehrfach einen Verweis, weil es, statt nachts im Bett, das ihm seine Mutter hergerichtet hatte, zu schlafen, sich auf den Boden mit einem Stein als Kopfkissen hinlegte. Das waren also Francescos erste Schritte auf dem Weg der Buße.

 

Vom Teufel geplagt

„Francesco war kaum fünfjährig, als auch schon die teuflischen Erscheinungen begannen, schreibt Pater Benedetto, die sich während fast 20 Jahren immer wieder unter sehr unflätigen, menschlichen und besonders tierischen Gestalten aufdrängten.“ Die teuflischen Plagereien, das heißt, die Schläge, mit denen die Dämonen das junge Kind quälten, begannen eigentlich schon beim Vierjährigen, nach den Aussagen von Pater Benedetto. „Der Teufel zeigte sich in scheußlichen, oft drohenden, entsetzlichen, schrecklichen Gestalten.“ Das war eine solche Qual, dass das arme Kind oft nicht schlafen konnte. Wir haben es gesehen, es weinte, aber es genügte, dass Mama Peppa wieder das Licht anzündete, um sogleich den Fürsten der Finsternis verschwinden zu lassen. Der Vater, Zi´Grazio drohte, er werde es zum Fenster hinaus werfen, wenn es sich nicht beruhige, und er war nicht weit davon zu meinen, das Kind sei ihm geradewegs von der Hölle gesandt! Die Mutter antwortete ihm: „Wir werden das Kind groß ziehen, um unsere Sünden abzubüßen.“ Und sie hätte nie gedacht, damit genau das Richtige zu treffen. Sie hatte zu dieser Zeit nicht die leiseste Ahnung von der außerordentlichen Berufung ihres kleinen Buben.

Einer der Einwohner Pietrelcinas, ein Altersgenosse Pater Pios, erzählte, oft habe Francesco bei seiner Rückkehr von der Schule auf der Schwelle seines Hauses jemanden angetroffen, der wie ein Priester gekleidet gewesen sei, und ihm den Zugang versperrt habe. Francesco sei dann stehen geblieben. Bald darauf sei ein barfüßiger Knabe herbeigekommen, der offensichtlich sein Schutzengel gewesen sei. Der machte ein großes Kreuzzeichen und der Scheinpriester sei verschwunden und so sei der Durchgang freigeworden. Francesco betrat das Haus, als wäre nichts geschehen. Ja, er redete nicht einmal davon.

Das waren also die ersten teuflischen Angriffe. Sie werden praktisch nie aufhören, ja sie werden Pater Pio bis zu seinem Tode heimsuchen.

Der Teufel wandte manchmal andere Kriegslisten an. Eines Tages löste er folgende lächerliche, für Francesco aber gar schmerzliche Geschichte aus. Dieser war 15-jährig und sollte einige Wochen später ins Noviziat der Kapuziner zu Morcone eintreten. Er war in der Schule und seine Kameraden hatten nichts Besseres gefunden, als in eine seiner Taschen eine mit seinem eigenen Namen unterzeichnete Liebeserklärung zu stecken, die an ein Mädchen, das dieselbe Klasse besuchte, gerichtet war, nämlich an die Tochter des Bahnhofsvorstandes von Pietrelcina. Wie es nur grausame Spitzbuben einzufädeln verstehen, lenkten sie die Aufmerksamkeit des Lehrers darauf. Dieser verfehlte beim durchsuchen der Kleider Francescos nicht das bloßstellende Briefchen zu entdecken. Es folgte eine harte Strafe mit Rutenschlägen. Francesco schützte sich, so gut er konnte, indem er sich unter die Bänke verkroch und zugleich seine Unschuld beteuerte.

Am nächsten Tag ging der Spitzbub, der das Briefchen verfasst hatte, von Gewissensbissen geplagt, zum Lehrer und erzählte die Wahrheit. „Wie sehr tat es doch dem armen Càccavo nachträglich leid! Die Schläge hingegen, die hat mir niemand mehr weggenommen!“

So hatten die Verleumdungen, die gemeinsten Angriffe schon ihren Anfang genommen. Er wird ihr unschuldiges Opfer bleiben sein Leben lang, der arme Pater Pio. Aber wie er es schon in seiner Kindheit und Jugend getan, so wird der klar und deutlich seine Unschuld beteuern, wobei er zugleich die inneren Mühen auf sich nahm … um Jesus ähnlicher zu werden und seinen göttlichen Meister auf dem Kreuzweg zu begleiten.

Am 27. September 1899 empfing er zwölfjährig die Firmung. Und wahrscheinlich hat er an diesem Tag auch die erste Heilige Kommunion empfangen. Die Erinnerung an diesen Segenstag ruft er in einem Brief vom 12. Mai 1914 an Pater Agostino wach. Er hatte damals als junger Priester an der Vorbereitung von vierhundertfünfzig jungen und erwachsenen Firmlingen teilgenommen und so schrieb er nach der Zeremonie: „Ich weinte ob des Trostes in meinem Herzen bei dieser heiligen Zeremonie, weil ich mich daran erinnerte, was der Heiligste Tröstergeist mich empfinden ließ, am Tage meiner Firmung, einem einzigartigen, für mein ganzes Leben unvergesslichen Tag. Was für süße Anregungen ließ dieser Tröstergeist mich an jenem Tag empfangen! Bei der Erinnerung an diesen Tag fühle ich mich ganz verzehrt von einer sehr lebendigen Flamme, die brennt und verzehrt und doch nicht wehtut …“ (1/188).

_______

Quelle: Pater Derobert – Pater Pio durchsichtig auf Gott hin – Geistliches Bildnis aus den Briefen Pater Pios gewonnen. Hovine Verlag, Belgien und Frankreich, 1990, 814 Seiten.