Botschaft von Papst Franziskus zum XXXII. Weltjugendtag 2017

BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM XXXII. WELTJUGENDTAG
2017

»Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49)

 

Liebe junge Freunde,

nun sind wir nach unserem wunderbaren Treffen in Krakau, wo wir gemeinsam den 31. Weltjugendtag und das Jubiläum der Jugendlichen im Rahmen des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit gefeiert haben, wieder unterwegs. Wir ließen uns vom heiligen Johannes Paul II. und von der heiligen Faustyna Kowalska, den Aposteln der Göttlichen Barmherzigkeit, leiten, um auf die Herausforderungen unserer Zeit eine konkrete Antwort zu geben. Wir machten eine große Erfahrung der Solidarität und der Freude, und wir gaben der Welt ein Zeichen der Hoffnung. Die verschiedenen Fahnen und Sprachen waren nicht Grund zu Streit und Spaltung, sondern boten Gelegenheit, die Pforten der Herzen zu öffnen und Brücken zu bauen.

Am Ende des Weltjugendtags in Krakau gab ich das nächste Ziel unseres Pilgerwegs vor, der uns mit Gottes Hilfe 2019 nach Panama führen wird. Auf diesem Weg wird uns die Jungfrau Maria begleiten, die von allen Geschlechtern seliggepriesen wird (vgl. Lk 1,48). Der neue Abschnitt unserer Reise schließt an den vorhergehenden an, in dessen Mittelpunkt die Seligpreisungen standen, treibt uns aber an weiterzugehen. Es liegt mir nämlich am Herzen, dass ihr unterwegs nicht nur die Vergangenheit im Gedächtnis behaltet, sondern auch Mut in der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft habt. Diese Haltungen sind stets in der jungen Frau von Nazaret lebendig und kommen in den Themen der drei nächsten Weltjugendtage klar zum Ausdruck. Dieses Jahr (2017) werden wir über den Glauben Marias nachdenken, die im Magnificat sagte: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49). Das Thema des nächsten Jahres (2018) – »Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden« (Lk 1,30) – wird uns über die mutige Liebe, mit der die Jungfrau die Botschaft des Engels aufnahm, meditieren lassen. Der Weltjugendtag 2019 wird sich hingegen auf die hoffnungsvolle Antwort Marias an den Engel beziehen: »Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38).

Im Oktober 2018 wird die Kirche die Bischofssynode über das Thema Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsfindung abhalten. Wir werden uns darüber austauschen, wie ihr jungen Menschen die Erfahrung des Glaubens inmitten der Herausforderungen unserer Zeit lebt. Wir werden auch der Frage nachgehen, wie ihr einen Plan für euer Leben reifen lassen und dabei eure Berufungen in weitem Sinn, das heißt die Berufung zur Ehe, die Berufung im weltlichen und beruflichen Bereich oder zum geweihten Leben und zum Priestertum, erkennen könnt. Mein Wunsch ist, dass der Weg zum Weltjugendtag in Panama und der Weg der Synode gut miteinander abgestimmt sind.

Unsere Welt braucht keine „Sofa-Jugendlichen“

Nach dem Lukasevangelium macht Maria sich nach dem Empfang der Botschaft des Engels und ihres Ja, die Mutter des Erlösers zu werden, auf den Weg und eilt ihre Cousine Elisabet zu besuchen, die im sechsten Monat schwanger ist (vgl. 1,36.39). Maria ist sehr jung. Was ihr verkündigt wurde, ist ein riesengroßes Geschenk, doch es bringt auch sehr große Herausforderungen mit sich. Der Herr hat ihr seine Nähe und seine Hilfe zugesagt, aber in ihrem Verstand und ihrem Herzen sind viele Dinge noch unklar. Dennoch schließt sich Maria nicht zu Hause ein, sie lässt sich nicht von der Angst oder vom Stolz lähmen. Maria ist nicht der Typ dafür, der – um es sich gut gehen zu lassen – ein Sofa braucht, auf dem man es sich bequem und gemütlich macht. Sie ist keine Sofa-Jugendliche! (vgl. Ansprache bei der Gebetsvigil, Krakau, 30. Juli 2016). Wenn ihre alte Cousine Unterstützung braucht, dann verliert sie keine Zeit und macht sich sofort auf den Weg.

Die Strecke bis zum Haus der Elisabet ist lang, zirka 150 Kilometer. Aber vom Heiligen Geist angetrieben kennt das Mädchen von Nazaret keine Hindernisse. Die Tage der Reise haben ihr sicher geholfen, über das wunderbare Geschehen, von dem sie betroffen war, nachzudenken. So geschieht es auch mit uns, wenn wir uns auf Pilgerfahrt begeben. Auf dem Weg kommen uns die Ereignisse unseres Lebens in den Sinn, wir können deren Bedeutung reifen lassen und unsere Berufung vertiefen, die sich dann in der Begegnung mit Gott und im Dienst an den anderen zeigt.

Der Mächtige hat Großes an mir getan

Die Begegnung zwischen den beiden Frauen – dem jungen Mädchen und der alten Frau – ist von der Gegenwart des Heiligen Geistes erfüllt und voller Freude und Staunen (vgl. Lk 1,40-45). Wie die Kinder in ihren Leibern tanzen die beiden Mütter gleichsam vor Glück. Vom Glauben Marias berührt ruft Elisabet aus: »Selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (V. 45). Ja, eine der großen Gaben, welche die Jungfrau Maria erhalten hat, ist der Glaube. An Gott zu glauben ist ein unschätzbares Geschenk, es muss aber auch angenommen werden; und Elisabet preist Maria dafür. Sie antwortet ihrerseits mit dem Lobgesang des Magnificat (vgl. Lk 1,46-55), in dem wir das Wort finden: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (V. 49).

Dieses Gebet Marias ist ein revolutionäres Gebet, das Lied eines Mädchens voll Glauben, das sich seiner Grenzen bewusst ist, aber der Barmherzigkeit Gottes vertraut. Diese mutige junge Frau dankt Gott, weil er auf ihre Niedrigkeit geschaut hat, sie dankt für sein Heilswerk, das er an seinem Volk, an den Armen und Niedrigen vollbracht hat. Der Glaube ist die Herzmitte der ganzen Geschichte Marias. Ihr Lied hilft uns, das Erbarmen des Herrn als Antriebskraft der Geschichte zu begreifen, sowohl der persönlichen Geschichte eines jeden von uns als auch der ganzen Menschheit.

Wenn Gott das Herz eines jungen Mannes, eines jungen Mädchens berührt, werden diese zu wirklich großen Taten fähig. Das „Große“, das der Mächtige im Leben Marias getan hat, spricht zu uns auch von unserer Reise durch das Leben, die kein sinnloses Umherziehen ist, sondern eine Pilgerschaft, die trotz aller Ungewissheiten und Leiden in Gott ihre Erfüllung finden kann (vgl. Angelus, 15. August 2015). Ihr werdet mir sagen: „Pater, ich bin doch so eingeschränkt, ich bin ein Sünder, was kann ich tun?“ Wenn der Herr uns ruft, bleibt er nicht bei dem stehen, was wir sind oder getan haben. In dem Augenblick, in dem er uns ruft, schaut er vielmehr auf das, was wir tun könnten, auf all die Liebe, die freizusetzen wir imstande sind. Wie die junge Maria könnt auch ihr es zulassen, dass euer Leben ein Werkzeug wird, um die Welt besser zu machen. Jesus ruft euch, eure Spur im Leben zu hinterlassen, eine Spur, die die Geschichte kennzeichnet – eure Geschichte und die vieler anderer (vgl. Ansprache bei der Gebetsvigil, Krakau, 30. Juli 2016).

Jugendlicher sein bedeutet nicht, keine Verbindung zur Vergangenheit zu haben

Maria ist kaum über das Jugendalter hinaus wie viele von euch. Dennoch stimmt sie im Magnificat das Lob ihres Volkes und seiner Geschichte an. Dies zeigt uns: Jugendlicher sein bedeutet nicht, keine Verbindung zur Vergangenheit zu haben. Unsere persönliche Geschichte fügt sich in eine lange Reihe ein, in einen gemeinschaftlichen Weg, der uns in den Jahrhunderten vorangegangen ist. Wie Maria gehören auch wir einem Volk an. Und die Geschichte der Kirche lehrt uns, dass auch dann, wenn sie stürmische Meere durchquert, die Hand Gottes sie führt und schwierige Momente überwinden lässt. Die echte Erfahrung von Kirche ist nicht wie ein Flashmob, zu dem man sich verabredet, um eine Performance durchzuführen und um dann wieder seines Weges zu ziehen. Die Kirche trägt eine lange Tradition in sich, die von Generation zu Generation weitergegeben wird und dabei durch die Erfahrung jedes einzelnen bereichert wird. Auch eure Geschichte findet ihren Platz innerhalb der Geschichte der Kirche.

Die Vergangenheit im Gedächtnis behalten dient auch dazu, das neuartige Eingreifen Gottes, das er in uns und durch uns verwirklichen will, anzunehmen. Und dies hilft uns, uns zu öffnen, um als seine Werkzeuge, als Mitarbeiter seiner Heilspläne ausgewählt zu werden. Auch ihr jungen Menschen könnt Großes vollbringen, wichtige Verantwortung übernehmen, wenn ihr das barmherzige und allmächtige Handeln Gottes in eurem Leben erkennt.

Ich möchte euch einige Fragen stellen: Auf welche Weise „speichert“ ihr eure Erinnerung der Ereignisse, die Erfahrungen eures Lebens „ab“? Was macht ihr mit den Tatsachen und Bildern, die sich in euer Gedächtnis eingeprägt haben? Manche – besonders jene, denen von den Umständen des Lebens Wunden geschlagen wurden – hätten Lust, ein „Reset“ der eigenen Vergangenheit durchzuführen und vom Recht auf das Vergessen Gebrauch zu machen. Ich möchte euch aber daran erinnern, dass es keinen Heiligen ohne Vergangenheit und keinen Sünder ohne Zukunft gibt. Die Perle entsteht aus einer Verletzung der Auster! Mit seiner Liebe kann Jesus unsere Herzen heilen und unsere Wunden in echte Perlen verwandeln. Wie der heilige Paulus sagt, kann der Herr seine Kraft in unserer Schwachheit erweisen (vgl. 2 Kor 12,9).

Unsere Erinnerungen dürfen jedoch nicht alle angehäuft sein wie im Speicher auf der Festplatte. Und es ist auch nicht möglich, alles in einer virtuellen „Cloud“ abzulegen. Man muss lernen, dafür zu sorgen, dass die Geschehnisse der Vergangenheit zu einer dynamischen Wirklichkeit werden, über die man nachdenken und aus der man Lehren und Bedeutung für unsere Gegenwart und Zukunft ziehen kann. Es ist eine beschwerliche, aber notwendige Aufgabe, den roten Faden der Liebe Gottes zu entdecken, der unser ganzes Leben durchzieht.

Viele sagen, dass ihr jungen Menschen gedankenlos und oberflächlich seid. Dem stimme ich überhaupt nicht zu! Man muss aber zugeben, dass es in unserer Zeit nötig ist, die Fähigkeit wiederzuerlangen, über das eigene Leben nachzudenken und es auf Zukunft hin zu gestalten. Eine Vergangenheit zu haben ist nicht gleichbedeutend damit, eine Geschichte zu haben. Wir können in unserem Leben viele Erinnerungen haben, doch wie viele davon bilden wirklich unser Gedächtnis? Wie viele haben eine Bedeutung für unsere Herzen und helfen uns, unserem Leben einen Sinn zu verleihen? Die Gesichter der Jugendlichen in den social media tauchen auf vielen Fotos auf, die mehr oder weniger reale Ereignisse erzählen. Wir wissen hingegen nicht, wieviel davon „Geschichte“, sprich Erfahrung ist, die erzählenswert ist als auch Ziel und Sinn in sich birgt. Die TV-Programme sind voll von sogenannten Reality-Shows, aber es sind keine echten Geschichten, sondern nur Augenblicke, die vor einer Fernsehkamera ablaufen, bei denen die Personen planlos in den Tag hinein leben. Lasst euch nicht durch dieses falsche Bild der Wirklichkeit irreleiten! Seid die Hauptdarsteller eurer Geschichte und bestimmt eure Zukunft!

In Verbindung bleiben mit Blick auf das Beispiel Marias

Man sagt von Maria, dass sie alle Worte bewahrte und in ihrem Herzen erwog (vgl. Lk 2,19.51). Dieses einfache Mädchen aus Nazaret lehrt uns beispielhaft, die Erinnerung an die verschiedenen Begebenheiten des Lebens zu bewahren, diese aber auch zusammenzufügen und aus den Teilstücken ein einheitliches Ganzes zu bilden wie bei einem Mosaik. Wie können wir uns in diesem Sinne konkret einüben? Ich mache euch dazu einige Vorschläge.

Am Ende eines jeden Tages können wir für einige Minuten innehalten, um uns an die schönen Augenblicke, an die Herausforderungen und an alles, was gut und was schlecht gelaufen ist, zu erinnern. So können wir vor Gott und uns selbst die Gefühle der Dankbarkeit, der Reue und des Vertrauens zum Ausdruck bringen. Wenn ihr wollt, könnt ihr das auch in einem Heft aufschreiben, in einer Art geistlichem Tagebuch. Das bedeutet, im Leben, mit dem Leben und über das Leben zu beten, und sicher wird es euch helfen, die großen Dinge besser zu verstehen, die der Herr für jeden von euch tut. Wie der heilige Augustinus sagte, können wir Gott in den weiten Gefilden unseres Gedächtnisses finden (vgl. Bekenntnisse, Buch X,8,12).

Wenn wir das Magnificat lesen, wird uns bewusst, wie sehr Maria das Wort Gottes kannte. Jeder Vers dieses Liedes hat eine Parallelstelle im Alten Testament. Die junge Mutter Jesu kannte die Gebete ihres Volkes gut. Sicherlich haben ihre Eltern und Großeltern sie ihr beigebracht. Wie wichtig ist doch die Glaubensweitergabe von einer Generation an die andere! Es liegt ein verborgener Schatz in den Gebeten, die uns unsere Ahnen lehren, in der gelebten Spiritualität innerhalb der Kultur der einfachen Leute, die wir Volksfrömmigkeit nennen. Maria sammelt das Glaubenserbe ihres Volkes und setzt es zu ihrem ganz eigenen Lied zusammen, das aber zugleich Lied der gesamten Kirche ist. Und die ganze Kirche singt es mit ihr. Damit auch ihr jungen Menschen ein Magnificat singen könnt, das ganz von euch kommt, und euer Leben zu einem Geschenk für die gesamte Menschheit machen könnt, ist es wesentlich, dass ihr an die geschichtliche Tradition und das Beten derer anknüpft, die vor euch gelebt haben. Deshalb ist es auch wichtig, die Bibel – das Wort Gottes – gut zu kennen, sie jeden Tag zu lesen und mit eurem Leben in Beziehung zu setzen, das heißt die Tagesereignisse im Lichte all dessen zu lesen, was der Herr euch in der Heiligen Schrift sagt. Während des Gebets und bei der betenden Lektüre der Bibel (der so genannten Lectio divina) erwärmt Jesus eure Herzen und schenkt euren Schritten Licht, auch in den dunkelsten Augenblicken eures Lebens (vgl. Lk 24,13-35).

Maria bringt uns auch bei, in einer eucharistischen Haltung zu leben, das heißt Dank zu sagen, das Lob Gottes zu pflegen und sich nicht nur auf Probleme und Schwierigkeiten zu versteifen. Die Bitten von heute werden in der Dynamik des Lebens morgen zum Grund des Dankes. So sind auch eure Teilnahme an der heiligen Messe und die Momente der Feier des Sakraments der Versöhnung zugleich Gipfel und Ausgangspunkt: Euer Leben wird jeden Tag in der Vergebung erneuert und zu einem immerwährenden Lob des Allmächtigen: »Vertraut dem Gedenken Gottes: […] sein Gedächtnis ist ein Herz, das weich ist vor Mitgefühl, das Freude daran hat, jede Spur des Bösen in uns auszulöschen« (Predigt bei der heiligen Messe zum Weltjugendtag, Krakau, 31. Juli 2016).

Wir haben gesehen, dass das Magnificat aus dem Herzen Marias in dem Augenblick hervorkommt, als sie ihrer alten Cousine Elisabet begegnet. Mit ihrem Glauben, ihrem scharfen Blick und ihren Worten hilft sie der Jungfrau Maria, die Größe des göttlichen Handelns in ihr und der ihr anvertrauten Sendung besser zu begreifen. Und ihr, seid ihr euch der außergewöhnlichen Quelle des Reichtums bewusst, welche die Begegnung zwischen jungen und alten Menschen darstellt? Wieviel Bedeutung messt ihr den Alten, euren Großeltern bei? Richtigerweise strebt ihr danach, flügge zu werden, und tragt große Träume im Herzen. Doch ihr bedürft auch der Weisheit und der Weitsicht der älteren Menschen. Während ihr die Flügel im Wind ausbreitet, ist es wichtig, dass ihr eure Wurzeln entdeckt und das Staffelholz von den Menschen übernehmt, die vor euch da waren. Um eine sinnvolle Zukunft aufzubauen, muss man die Ereignisse der Vergangenheit kennen und ihnen gegenüber Stellung beziehen (vgl. Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris laetitia, 191.193). Ihr jungen Menschen habt die Kraft, die alten Menschen haben das Gedächtnis und die Weisheit. So wie Maria gegenüber Elisabet, so richtet auch ihr euren Blick auf die älteren Menschen, auf eure Großeltern. Sie werden euch Dinge erzählen, die euren Verstand begeistern und eure Herzen rühren.

Schöpferische Treue, um neue Zeiten aufzubauen

Es ist wahr, dass ihr noch nicht viele Jahre „auf dem Buckel“ habt und es euch daher schwer fallen mag, der Tradition den gebührenden Wert beizumessen. Haltet euch wohl vor Augen, dass dies nicht heißt, Traditionalist zu sein. Nein! Wenn Maria im Evangelium sagt, »der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49), meint sie damit, dass jenes „Große“ noch nicht zu Ende ist, dass es sich vielmehr weiterhin in der Gegenwart verwirklicht. Es handelt sich nicht um eine ferne Vergangenheit. Die Vergangenheit im Gedächtnis behalten zu können heißt nicht, nostalgisch zu sein oder an einer bestimmten Zeit der Geschichte zu hängen, sondern seine eigenen Ursprünge erkennen zu können, um immer zum Wesentlichen zurückzukehren und sich mit schöpferischer Treue in den Aufbau neuer Zeiten hineinzustürzen. Es wäre ärgerlich und würde niemandem helfen, wenn wir eine lähmende Erinnerung beibehielten, die immer dieselben Dinge auf die gleiche Weise tun lässt. Ein Geschenk des Himmels ist es dagegen zu sehen, dass viele von euch mit ihrem Nachforschen, ihren Träumen und Fragen gegen die Vorstellung angehen, dass die Dinge nicht auch anders sein können.

Eine Gesellschaft, die nur die Gegenwart gelten lässt, neigt auch dazu, all das gering zu schätzen, was man aus der Vergangenheit ererbt, wie zum Beispiel die Einrichtung der Ehe, des geweihten Lebens und des Priesterberufs. Diese werden dann schließlich als bedeutungslos angesehen, als Auslaufmodelle. Man meint besser in sogenannten „offenen“ Situationen zu leben und sich im Leben wie in einer Reality-Show zu verhalten, ohne Ziel und Zweck. Lasst euch nicht täuschen! Gott ist gekommen, um die Horizonte unseres Lebens in jeder Hinsicht zu erweitern. Er hilft uns, der Vergangenheit den gebührenden Wert zu geben, um eine glückliche Zukunft besser gestalten zu können: Das ist aber nur möglich, wenn man die Liebe authentisch lebt – in Erfahrungen, die sich darin verwirklichen, dass wir den Ruf des Herrn wahrnehmen und ihm folgen. Und das ist das Einzige, was uns wirklich glücklich macht.

Liebe junge Freunde, ich empfehle euren Weg nach Panama wie auch den Vorbereitungsprozess der nächsten Bischofssynode der mütterlichen Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an. Ich lade euch ein, zweier wichtiger Ereignisse im Jahr 2017 zu gedenken: dreihundert Jahre der Wiederauffindung des Gnadenbildes Unserer Lieben Frau von Aparecida in Brasilien und die Hundertjahrfeier der Erscheinungen von Fatima in Portugal, wo ich mich, so Gott will, im nächsten Mai als Pilger hinbegebe. Der heilige Martin von Porres, einer der Schutzpatrone Lateinamerikas und des Weltjugendtags 2019, hatte in seinem bescheidenen täglichen Dienst die Angewohnheit, Maria als Zeichen seiner Sohnesliebe die schönsten Blumen zu schenken. Pflegt auch ihr wie er eine vertraute, freundschaftliche Beziehung mit der Muttergottes. Vertraut ihr eure Freude, eure Fragen und Sorgen an. Ich versichere euch, ihr werdet es nicht bereuen!

Die junge Frau von Nazaret, die auf der ganzen Welt tausend Gesichter und Namen angenommen hat, um ihren Söhnen und Töchtern nahe zu sein, möge für jeden von uns Fürbitte halten und uns helfen, die großen Werke zu besingen, die der Herr in uns und durch uns vollbringt.

Aus dem Vatikan, am 27. Februar 2017,
Gedenktag des hl. Gabriel von der schmerzhaften Jungfrau

FRANZISKUS

 

„Ein unvergessliches Fest der Jugend und des Glaubens“

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Erzbischof Gadecki & Papst Franziskus / Mazur/Episkopat.Pl

Der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz dankt Papst Franziskus für seine liebevollen Worte

„Ich danke für die herzerfrischenden, liebevollen und warmen Worte, die Sie nicht nur an die Jugend, die in Krakau versammelt war, sondern auch an alle Gläubigen und Hirten der Polnischen Kirche gerichtet haben“, so schreibt der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanisław Gądecki, in einem Brief an Papst Franziskus. 

Wir veröffentlichen im Wortlaut den Volltext des Schreibens.

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Lieber Heilige Vater,

als Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz möchte ich Ihnen herzlich für die Wallfahrt in unsere Heimat aus Anlass des Weltjugendtages danken.

Die vergangenen Tage waren ein unvergessliches Fest der Jugend und des Glaubens. Es war ein Fest, das die Gemeinschaft des Geistes offenbart hat, die nicht nur Polen, sondern alle Menschen umschließt, die im Evangelium Christi ein solides Fundament des Friedens und der Sicherheit für alle Völker sehen. Alle Völker, welche in der barmherzigen Liebe Gottes die Hoffung für die Welt erkennen.

Ich danke für die herzerfrischenden, liebevollen und warmen Worte, die Sie nicht nur an die Jugend, die in Krakau versammelt war, sondern auch an alle Gläubigen und Hirten der Polnischen Kirche gerichtet haben. Die Anwesenheit des Nachfolgers Petri in unserer Heimat im Außerordentlichen Jahr der Barmherzigkeit und im Jahr des 1050. Jubiläums der Taufe Polens ist für uns ein besonderes Zeichen der Einheit, der Liebe und der Hingabe.

Wir sind Ihnen dankbar für die einnehmende Schlichtheit und Güte, welche Ihre Person unter uns ausstrahlte. Die Güte ist das Spiegelbild der Liebe, welcher Sie Ihr ganzes Leben und Ihren ganzen Dienst anvertraut haben.

Im Geist der Dankbarkeit für den Weltjugendtag, das 1050. Jubiläum der Taufe Polens und das Außerordentlichen Jahr der Barmherzigkeit werden wir im Oktober unsere Nationalwallfahrt zum Vatikan führen, um auf diese Weise unsere Dankbarkeit, Treue und Hingabe auszudrücken.

Mit ganzer Hingabe bitte ich um Ihren väterlichen Segen und das Gebet für mich und für die Kirche in Polen.

+ Stanisław Gądecki
Erzbischof von Posen
Vorsitzender der Polnischen Bischofskonferenz

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Bilder vom Weltjugendtag und vom Besuch von Papst Franziskus in Polen kann man kostenlos beim Flickr-Auftritt der Polnischen Bischofskonferenz herunterladen: http://bit.do/krakow2016

Geben Sie bei der Verwendung folgende Quelle an:  Photos: Mazur/episkopat.pl

Die Nachwirkungen des Treffens mit dem Papst

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Weltjugendtagspilger Auf Dem Krakauer Marktplatz, (C) Michaela Koller

Fröhlichkeit, Gemeinschaft und Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden und Freiheit

Von der nachhaltigen Wirkung des Weltjugendtags sind Oberhirten, Pilger und auch die Gastgeber fest überzeugt. Für Erzbischof Ludwig Schick aus Bamberg hat die Zusammenkunft von jungen Leuten aus der ganzen Welt zum gemeinsamen Feiern und Gebet hoffnungsstiftend gewirkt. „Auf den Straßen und Plätzen, beim Essen und Feiern herrschte große Fröhlichkeit, Gemeinschaft und Hoffnung auf eine gute Zukunft in Freiheit und Frieden für die ganze Welt“, erklärte er gegenüber ZENIT. Ruhe, Besinnlichkeit und Ernsthaftigkeit seien zugleich zu spüren gewesen. „Die Jugend ist besser, als oft behauptet wird, stärker als vermutet und hoffnungsvoller als geschätzt“, so Erzbischof Schick.

Bischof Stefan Oster aus Passau erwartet, wie er auf seiner Facebook-Seite schrieb, dass die jungen Pilger nun als Einzelne mit einem Hunger nach geistlicher Erfahrung und dem Wunsch nach einem Aufbruch in der Kirche zurückkehrten. Von den Sakramenten und dem Herzen der Kirche aus wollten sie hinausgehen, die Welt zu verändern. „Sie wollen die Tiefe, das echte und das ganze Evangelium. Sie sehnen sich nach der Revolution der Liebe, von der der Heilige Vater so eindrucksvoll Zeugnis gibt. Und sie sind bereit, dafür Vieles in Kauf zu nehmen“, heißt es weiter in dem Eintrag.

Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße geht in seiner Stellungnahme gegenüber ZENIT von einer nachhaltigen Stärkung des Glaubens durch den Weltjugendtag aus: „Ich bin überzeugt, dass dieses Erlebnis Teil der Glaubensbiografie aller Menschen wird, die dabei waren.“ Besonders beeindruckt habe ihn die internationale Vielfalt junger Menschen und ihre Glaubensfreude. Sie zeige: „Der Glaube an Jesus Christus ist jung.“

Weltjugendtagspilger Christian Hoferer, der aus Bayern nach Krakau gereist war, legte gegenüber ZENIT Zeugnis für die Bedeutsamkeit seiner Teilnahme am WJT ab: „Im Alter von Mitte 20 stehen bei mir nach dem Abschluss des Studiums wichtige Weichenstellungen für das Leben an. Manchmal hat man Zweifel, wie oder wo es jetzt genau weitergehen soll. Der Papst hat mir Mut gemacht, diese Weichenstellungen mit Frohsinn und im Vertrauen auf Gott zu treffen.“

Die Krakauerin Katarzyna Pilniakowska, die das Ereignis am Rande als Einheimische verfolgte, sagte im Interview: „Jeder wird Ihnen das sagen: Die Stadt ist nicht mehr dieselbe. All die jungen Menschen haben Krakau mit der Schönheit ihrer Gedanken verändert. Sogar ein Kunde von mir, der gar nicht an Gott glaubt, hat das festgestellt“, berichtet die Innenarchitektin. Beinah zwei Millionen junger Pilger besuchten ihre Heimatstadt vom 25. Juli 31. Juli und trafen sich auf den Höhepunkten mit Papst Franziskus.

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Quelle

„Der Herr des Risikos“ – Eine persönliche Bilanz des Weltjugendtags

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Einsatzkräfte und Pilger bei der Gebetswache am Samstag. Foto: CNA/Alan Holdren

Im Radio hörte ich heute morgen die Durchsage, die Stadt Wien wolle Maßnahmen ergreifen gegen das überhandnehmende Unsicherheitsgefühl ihrer Bürger. Es ist offensichtlich, dass die Menschen Angst haben. Die Reaktionen darauf sind der Rückzug ins Private, die Transformation der Angst in Wut und Hass auf Andere oder auch die Negierung und Verdrängung dieses ungewollten und störenden Gefühls, das nicht in unsere Welt des Wohlfühlens passt.

Der Weltjugendtag in Krakau gehörte hinsichtlich des Angstpotenzials zur vordersten Linie. Überschattet von der Ermordung des Priesters Jacques Hamel schien die Möglichkeit vor einem Anschlag auf hunderttausende junge Christen nicht unwahrscheinlich – vor allem, da der Papst selbst dabei war.

Ich gebe zu: Ich hatte Angst auf dem Weg zum „Campus Misericordiae“, dem Feld, das am Samstag und Sonntag zu einem Konzentrat der Katholischen Kirche werden sollte. Und ich wurde überrascht. Der Weltjugendtag in Krakau wurde für mich mehr, als ein katholisches Happening und ein Fest des Glaubens – es wurde zu einer Antwort auf die allgegenwärtige Frage unserer Generation, wie wir damit umgehen, dass unsere Welt zu verschwinden scheint.

Die Weltjugendtage sind immer stark vom Charakter des jeweiligen Gastgeberlandes geprägt. Was die meisten sich von Polen erwarteten waren übertriebene, leicht kitschige Frömmigkeitsformen, ein wenig Chaos und ein Haufen Plattenbauten.

Tatsächlich fanden sich jedoch tausende Jugendliche aus aller Welt in einer bezaubernden, unglaublich sauberen mittelalterlichen und barocken Stadt wieder, die nicht nur die historisch weniger verwöhnten amerikanischen Gruppen in sichtbares Staunen versetzte.

An unseren ersten Morgen in Krakau, kamen wir aus der Unterkunft raus, gingen um die Ecke und standen plötzlich vor einer riesigen gotischen Basilika, in der mehrere hundert Jugendliche aus verschiedenen Ecken der Welt gemeinsam Messe feierten. Dass diese auf Polnisch war, störte dabei niemanden. Ebenso erging es uns danach in jeder anderen der vielen schönen Kirchen in der Altstadt von Krakau. Überall wurde gebetet, die Messe gefeiert, gebeichtet. Die ganze Stadt schien voller Gebet, voller Anbetung zu sein. In der völlig überfüllten Dominikanerkirche, wurde nicht nur im Hauptschiff eine englische Messe gelesen, sondern gleichzeitig feierten mehrere Bischöfe und Priester ihre Messen in den Seitenkapellen – sowas hatte ich bis dahin nur im Petersdom erlebt.

Krakau wurde für eine Woche zu Rom – allerdings zu einer überraschend organisierten, sicheren und sauberen Version. Jeder, der diese Tage erlebt hat, hat ein Volk erlebt, dessen Glauben tatsächlich noch in volkskirchenartiger Weise lebendig ist. Es werden in den Vororten überall neue Kirche gebaut, es stehen bei jedem Wegkreuz Blumen (wenn auch zum Teil offensichtlich Kunstblumen) und in den zahlreichen Klöstern Krakaus sah man ungewohnt viele junge Ordensleute. Alles schien ein wenig anachronistisch, aber auf eine so lebendige Art, dass es keinen Zweifel über die Echtheit dieser emotionalen Spiritualität geben konnte.

Am beeindrucktesten zeigte sich der polnische Katholizismus jedoch in der überragenden Gastfreundschaft. Nicht nur die polnischen Gastfamilien übertrafen sich in rührender Großzügigkeit, sondern beinahe jeder schien seinen Teil beitragen zu wollen. Überall am Weg zum Campus Misericordiae stellten die Leute vor ihren Türen Tische mit Getränken und Wasserschläuchen für die Pilger auf. Kleine Kinder reichten am Straßenrand aufgeregt volle Wasserbecher und freuten sich sichtbar, wenn ein junger Mensch sich daran erfrischte. Jeder wollte Teil dieses großen Festes sein. Nicht ein Einziger regte sich darüber auf, dass am Wochenende Tag und Nacht Hunderttausende laut singend durch eigentlich ruhige Wohngegenden zogen – ganz abgesehen von der ständig aktiven Sirene von Polizei oder Krankenwagen, die auffällig präsent für Ordnung und Sicherheit sorgten.

Wenn Krakau Rom ist, dann ist der Heilige Johannes Paul II. der Papst. Überall wurde der „Missionar der Barmherzigkeit“ in Krakau und bei den Katechesen und Treffen des Weltjugendtages verehrt, zitiert und zum Fürsprecher der Jugend. In jeder Kirche findet sich ein Bild des polnischen Papstes, das eine treue Schar an Pilgern anzieht. Diese Verehrung Johannes Pauls II. scheint auch maßgeblich für das Verhältnis der Polen zu Papst Franziskus zu sein. Er ist das Kirchenoberhaupt und auch als Person sehr beliebt, aber der nationale Papst der Polen bleibt der Heilige Johannes Paul II. – was möglicherweise auch den Umgang der polnischen Kirche mit Differenzen in politischen Fragen erleichtert.

Der Höhepunkt des Weltjugendtages war ohne Zweifel die Vigil mit dem Papst am Samstag Abend. Während die Andacht der Jugendlichen bei der Heiligen Messe am Sonntag von der Hitze, der Masse und der riesigen Entfernung zum Altar beeinträchtigt wurde, war am Samstag Abend eine beeindruckende Konzentration der Pilger zu spüren. Die Vigil trug ganz deutlich die Handschrift von Papst Franziskus. Die Predigt des Papstes war die eines Hirten. Hier traf der Pontifex den Nerv dieser Generation:“Das Empfinden, dass in dieser Welt, in unseren Städten, in unseren Gemeinschaften kein Raum mehr ist, um zu wachsen, zu träumen, schöpferisch zu sein, auf Horizonte zu schauen, letztlich: um zu leben, ist eines der schlimmsten Übel, die uns im Leben geschehen können.“ Vor dieser Angst, der Verschlossenheit und der Lähmung warnte uns der Papst.

Gerade unsere Generation ist befallen davon, die Grausamkeiten der Welt und die sich in relativistischen Nichtigkeiten auflösenden Grundfesten unserer Kultur nicht mehr mit Rebellion, sondern mit Resignation zu beantworten. Nicht nur das führte der Papst uns deutlich vor Augen, sondern warnte auch vor der schädlichen Konsequenz vieler junger Menschen auf diese Situation – die Suche nach dem momentanen Glück in Bequemlichkeit und Konsum. Er nannte das“ein Sofa gegen jede Art von Angst oder Furcht“. Die Konsequenz daraus, so der Papst, ist“die lautlose Lähmung, die uns am meisten schaden kann, denn nach und nach versinken wir, ohne es zu merken, im Schlaf, sind duselig und benommen, während andere – vielleicht die lebendigeren, aber nicht die besseren – für uns über die Zukunft entscheiden.“ Auf dem sonst so lebendigen und lauten Feld war es still bei den Worten des Papstes. Er hatte recht, das wussten wir. Schonungslos ehrlich, legte Papst Franziskus dar, was der Preis dieser Droge der Bequemlichkeit ist – unsere Freiheit. Und er fragte uns“Wollt ihr eine verschlafene Jugend sein? Wollt ihr, dass andere über eure Zukunft entscheiden? Wollt ihr frei sein? Wollt ihr für eure Zukunft kämpfen?“

Ob nun beabsichtigt oder nicht, die Menge der Jugendlichen antwortete auf die Frage mit jubelnden Zurufen. Und der Papst sagte uns, wie, was und wer der Weg dahin ist: nicht durch das Errichten von Mauern, sondern durch das Bauen von Brücken, nicht auf dem Sofa liegend, sondern die Stiefel anziehend, in der Haltung der Barmherzigkeit gegen jeden, als“politisch Handelnde, Denker, gesellschaftliche Vorreiter“. Und mit Christus als dem“Herrn des Risikos“, dem zu folgen eine“gewisse Dosis an Mut“ erfordert.

Die starken Worte des Papstes wurden mitgenommen in die gemeinsame Anbetung des“Herrn des Risikos“ mit der Bitte um Barmherzigkeit. Dieser Abend mit der Predigt des Papstes und dem unglaublich verbindenden Erlebnis des gemeinsamen Ausrichtens aller Augen und Herzen auf Jesus in der Anbetung, war nicht nur für mich als Katholikin tief bewegend. Es war auch für die säkulare Welt ein politisch so nie erreichbares Bild der Gemeinschaft und des Friedens.

Die Jugendlichen auf dem Feld waren der laute und lebendige Beweis für die Worte des Papstes. Hier waren Hunderttausende, die eine Nacht auf einem Feld, unbequeme Isomatten, erdrückende Hitze und staubige Sandalen dem Samstagabend auf dem Sofa vorzogen. Hier waren fast zwei Millionen junge Menschen, die sich nicht aus Angst versteckten, sondern laut singend etwas wagten. Hier war der Beweis, dass unsere Generation doch nicht in Resignation versinkt, sondern den Mut hat, Risiken einzugehen, um die Freiheit zu kämpfen und Protagonisten der Geschichte zu werden.

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Quelle

Papst Franziskus segnet Caritashäuser am Campus Misericordiae

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Die Caritashäuser am Campus Misericordiae

Auf dem Campus Misericordiae hat Papst Franziskus an diesem Sonntagmorgen zwei Häuser der Caritas gesegnet, die anlässlich des Weltjugendtages auf dem großen Feld errichtet worden sind. In Zukunft sollen diese an den Weltjugendtag erinnern und karitativen Zwecken dienen. Eines der beiden Gebäude wird als Tagesheim für alte Menschen dienen und den Namen „Campus Misericordiae” tragen. Das zweite Haus wird zu einem Caritaszentrum, dem der Name „Das Brot der Barmherzigkeit“ gegeben wird. Empfangen vom Bürgermeister der Komune Wieliczka, auf deren Territorium die beiden Bauten liegen, sowie durch den Direktor der lokalen Caritas und Kardinal Luis Tagle von Caritas Internationalis, wurde Papst Franziskus zum Eingang des zukünftigen Tagesheims geführt. Hier hat er den Segen über die Anwesenden und die Caritasgebäude gesprochen, auch eine Statue der Madonna von Loreto wurde gesegnet. Anschließend fuhr Franziskus zum nahebei liegenden Platz, an dem er mit eineinhalb Millionen Pilgern die große Abschlussmesse des Weltjugendtages gefeiert hat.

(rv 31.07.2016 cs)

Siehe ferner:

Das Friedensgebet von Krakau: Für ein Ende des Terrorismus

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Der Papst nach seinem Gebet in der Franziskanerkirche

Der Weg war nicht weit: Direkt gegenüber dem Haus des Erzbischofs von Krakau befindet sich die Kirche des Heiligen Franziskus und das Haus der Franziskaner. Bevor der Papst zur Gebetsvigil des WJT aufbrach, war machte er dort einen kurzen Halt.

In der Kirche werden die Reliquien von Märtyrern verehrt, die im Bürgerkrieg des „Leuchtenden Pfades“ in Peru 1991 ums Leben gekommen waren und 2015 selig gesprochen waren. In der Kirche sprach er ein Gebet für den Frieden, das einen starken Fokus auf die Opfer des Terrorismus hatte, gleichzeitig betete er aber auch um die Bekehrung der Täter.

 

Das Gebet des Papstes in einer Arbeitsübersetzung:

Allmächtiger und barmherziger Gott, Herr des Universums und der Geschichte. Alles von Dir Geschaffene ist gut und Dein Mitleid für die Fehler der Menschheit kennt keine Grenzen.

Wir kommen heute vor Dich um Dich zu bitten, den Frieden in der Welt und unter den Völkern zu erhalten, die zerstörerische Welle des Terrorismus fern zu halten, Freundschaft wieder aufzubauen und in den Herzen Deiner Schöpfung das Geschenk von Vertrauen und Bereitschaft zu Vergebung zu erwecken.

Geber allen Lebens, wir beten zu Dir für alle, die als Opfer brutaler terroristischer Angriffe gestorben sind. Schenke Ihnen ihren ewigen Lohn. Mögen sie für die von Konflikten und Uneinigkeiten zerrissenen Welt bei Dir Fürsprache halten.

Jesus, Friedensfürst, wir beten zu Dir für alle, die in diesen inhumanen Gewaltakten verletzt wurden: Kinder und junge Menschen, alte Menschen und Unschuldige, die zufällig vom Bösen erfasst wurden. Heile ihre Körper und ihre Herzen; tröste sie mit Deiner Stärke und nehme gleichzeitig allen Hass und alles Verlangen nach Rache hinweg.

Heiliger Tröstergeist, sei bei den Familien der Opfer des Terrorismus, Familien die ohne eigene Schuld leiden müssen. Hülle sie ein in den Mantel Deiner göttlichen Barmherzigkeit. Lass sie in Dir und in sich selbst die Stärke und den Mut finden, Brüder und Schwestern für andere zu sein, vor allem für Einwanderer, und dadurch in ihrem Leben Zeugnis abzulegen für Deine Liebe.

Berühre die Herzen der Terroristen, so dass sie das Böse ihres Handelns erkenne und auf den Weg des Friedens und der Güte und des Respekts für das Leben und die Würde jedes Menschen zurückkehren, ungeachtet von Religion, Herkommen, Wohlstand oder Armut.

Gott, ewiger Vater, in Deiner Gnade höre auf unser Gebet, das wir zu Dir inmitten von betäubendem Lärm und Verzweiflung in der Welt richten. Wir wenden uns zu Dir mit großer Hoffnung, voller Vertrauen in Deine unendliche Güte. Gestärkt durch die Beispiele der seligen Märtyrer von Perú, Zbigniew und Michael, die ihr mutiges Zeugnis für die Frohe Botschaft abgelegt haben bis zur Hingabe ihres Blutes, vertrauen wir uns der Fürsprache unserer Heiligsten Mutter an. Wir bitten um die Gabe des Friedens und um die Beseitigung der Wunde des Terrorismus aus unsere Mitte,

Durch Christus unseren Herrn. Amen

 

(rv 30.07.2016 ord)

Papstpredigt: Kirche im Aufbruch in die Welt

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Papstmesse mit Priestern und Ordensleuten

Text der Predigt von Papst Franziskus bei der Eucharistiefeier mit polnischen Priestern, Ordensleuten und Seminaristen (Krakau, Heiligtum Johannes Paul II.  30. Juli 2016)

Der Evangelienabschnitt, den wir gehört haben (vgl. Joh 20,19-31), spricht uns von einem Ort, von einem Jünger und von einem Buch.

Der Ort ist der, an dem sich die Jünger am Abend des Ostertages befanden: Von ihm wird nur gesagt, dass seine Türen verschlossen waren (vgl. V. 19). Acht Tage danach befanden sich die Jünger noch einmal in jenem Haus und die Türen waren wieder verschlossen (vgl. V. 26). Jesus tritt ein, stellt sich in die Mitte und bringt seinen Frieden, den Heiligen Geist und die Vergebung der Sünden – in einem Wort: die Barmherzigkeit Gottes. In diesem verschlossenen Ort ertönt kraftvoll die Aufforderung, die Jesus an die Seinen richtet: » Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch « (V. 21).

Jesus sendet. Er wünscht von Anfang an, dass die Kirche im Aufbruch ist, in die Welt geht. Und er will, dass sie es so tut, wie er selbst es getan hat, wie er vom Vater in die Welt gesandt worden ist: nicht als Machtmensch, sondern » wie ein Sklave « (Phil 2,7), nicht » um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen « (Mk 10,45) und die gute Nachricht zu bringen (vgl. Lk 4,18). So sind auch die Seinen Ausgesandte, zu allen Zeiten. Der Kontrast beeindruckt: Während die Jünger aus Furcht die Türen verschlossen haben, sendet Jesus sie in die Mission. Er will, dass sie die Türen öffnen und hinausgehen, um  mit der Kraft des Heiligen Geistes die Vergebung und den Frieden Gottes zu verbreiten.

Dieser Ruf gilt auch uns. Wie könnte man darin nicht den Widerhall der großen Aufforderung des heiligen Johannes Paul II. hören: „Öffnet die Türen!“? Dennoch kann in unserem Leben als Priester und Gottgeweihte oft die Versuchung bestehen, ein wenig in uns selbst und in unsere Kreise eingeschlossen zu bleiben, aus Furcht oder aus Bequemlichkeit. Die Richtung, die Jesus angibt, ist aber eine Einbahnstraße: aus uns selbst hinausgehen. Es ist eine Reise ohne Rückfahrkarte. Es geht darum, einen Exodus aus unserem Ich zu vollziehen, das Leben für ihn zu verlieren (vgl. Mk 8,35), indem man dem Weg der Selbsthingabe folgt. Andererseits liebt Jesus nicht die nur halb gegangenen Wege, die angelehnt gelassenen Türen, die zweigleisigen Leben. Er verlangt, sich unbeschwert auf den Weg zu machen, aufzubrechen unter Verzicht auf die eigenen Sicherheiten, allein in ihm verankert.

Mit anderen Worten: Das Leben seiner engsten Jünger, die zu sein wir berufen sind, besteht aus konkreter Liebe, das heißt aus Dienst und Verfügbarkeit. Es ist ein Leben, in dem es keine verschlossenen Räume und private Besitztümer für die eigenen Annehmlichkeiten gibt. Wer sich entschieden hat, das ganze Leben Jesus gleichzugestalten, wählt nicht mehr die eigenen Orte, sondern geht dorthin, wohin er gesendet wird; bereit, dem zu antworten, der ihn ruft, wählt er nicht einmal mehr die eigenen Zeiten. Das Haus, in dem er wohnt, gehört ihm nicht, denn die Kirche und die Welt sind die Freiluftbühne seiner Sendung. Sein Schatz besteht darin, den Herrn mitten in sein Leben zu stellen, ohne etwas anderes für sich zu suchen. So flieht er die Situationen, die Befriedigung schenken und ihn ins Zentrum setzen würden, er richtet sich nicht auf den wankenden Sockeln der weltlichen Mächte auf und gibt sich nicht den Bequemlichkeiten hin, die die Verkündigung des Evangeliums schwächen; er vergeudet keine Zeit damit, eine sichere und gut bezahlte Zukunft zu planen, damit er nicht in die Gefahr der Abschottung und der Finsternis gerät, eingeschlossen in die engen Wände eines Egoismus ohne Hoffnung und ohne Freude. Froh im Herrn, gibt er sich nicht mit einem mittelmäßigen Leben zufrieden, sondern ist erfüllt von dem brennenden Verlangen, Zeugnis zu geben und die anderen zu erreichen; er liebt das Wagnis und bricht auf, nicht unter dem Zwang bereits vorgezeichneter Wege, sondern offen und treu gegenüber den vom Heiligen Geist angezeigten Routen: Er mag nicht nur so dahinleben, sondern freut sich, das Evangelium zu verkünden.

An zweiter Stelle taucht im heutigen Evangelium die Figur des einzigen Jüngers auf, der mit Namen genannt wird, Thomas. In seinem Zweifel und seiner Unruhe, begreifen zu wollen, ähnelt uns dieser auch ziemlich eigensinnige Jünger ein wenig und ist uns sogar sympathisch. Ohne zu wissen, macht er uns ein großes Geschenk: Er bringt uns Gott näher, denn Gott verbirgt sich nicht vor dem, der ihn sucht. Jesus zeigt ihm seine verherrlichten Wundmale, er lässt ihn die unendliche Zärtlichkeit Gottes, die lebendigen Zeichen dafür, wie viel er aus Liebe zu den Menschen gelitten hat, mit Händen fassen.

Für uns Jünger ist es sehr wichtig, unser Menschsein mit dem Leib des Herrn in Berührung zu bringen, das heißt, vertrauensvoll und in absoluter Aufrichtigkeit das, was wir sind, restlos vor ihn zu tragen. Wie die heilige Faustina sagte, ist Jesus froh, wenn wir über alles mit ihm sprechen; unser Leben, das er ja bereits kennt, ist ihm nicht langweilig; er wartet, dass wir es mit ihm teilen, sogar den Bericht über unseren Tagesablauf (vgl. Tagebuch der Schwester Faustina, 6. September 1937). So sucht man Gott, in einem Gebet, das offen sein und nicht vergessen soll, ihm die Erbärmlichkeiten, die Mühen und die Widerstände anzuvertrauen und zu übergeben. Das Herz Jesu wird von der ehrlichen Offenheit gewonnen, von Herzen, die ihre eigenen Schwächen einzugestehen und zu beweinen wissen, im Vertrauen darauf, dass gerade dort die göttliche Barmherzigkeit handeln wird. Was verlangt Jesus von uns? Er wünscht sich wirklich geweihte Herzen, die von der Vergebung leben, die sie von ihm empfangen haben, um sie voll Mitgefühl über die Brüder und Schwestern auszugießen. Jesus sucht Herzen, die offen und weich gegenüber den Schwachen sind und niemals hart; gelehrige und ehrliche Herzen, die vor denen, die in der Kirche die Aufgabe haben, den Weg zu lenken, nicht heucheln. Der Jünger zögert nicht, sich Fragen zu stellen, er hat den Mut, im Zweifel zu leben und ihn vor den Herrn, vor die Ausbilder und vor die Vorgesetzten zu tragen, ohne Berechnung und Verheimlichung. Der treue Jünger führt eine wachsame und beständige Unterscheidung durch, da er weiß, dass das Herz jeden Tag erzogen werden muss, angefangen bei den Gefühlen, um sich vor jeder Falschheit im Verhalten und im Leben zu hüten.

Der Apostel Thomas ist am Ende seiner leidenschaftlichen Suche nicht nur dahin gelangt, an die Auferstehung zu glauben, sondern hat in Jesus alles für sein Leben gefunden, seinen Herrn; er hat zu ihm gesagt: » Mein Herr und mein Gott « (Joh 20, 28). Es wird uns gut tun, jeden Tag betend diese wunderbaren Worte zu sprechen, mit denen wir ihm sagen: Du bist mein einziges Gut, der Pfad für meinen Lauf, das Herzstück meines Lebens, mein Alles.

Im letzten Vers, den wir gehört haben, ist schließlich die Rede von einem Buch: Es ist das Evangelium, in dem die vielen anderen Zeichen, die Jesus vollbracht hat, nicht aufgeschrieben sind (vgl. V. 30). Wir könnten das so verstehen, dass es nach dem großen Zeichen seiner Barmherzigkeit nicht mehr nötig war, anderes hinzuzufügen. Es gibt da aber noch eine Herausforderung: Es bleibt Raum für die Zeichen, die wir vollbringen – wir, die wir den Geist der Liebe empfangen haben und berufen sind, die Barmherzigkeit zu verbreiten. Man könnte sagen, dass das Evangelium, das lebendige Buch der Barmherzigkeit Gottes, das wieder und wieder gelesen werden muss, am Schluss noch weiße Seiten hat: Es bleibt ein offenes Buch, und wir sind berufen, es im selben Stil weiterzuschreiben, das heißt indem wir Werke der Barmherzigkeit vollbringen. Ich frage euch: Die Seiten im Buch eines jeden von euch – wie sind sie? Werden sie jeden  Tag beschrieben? Werden sie ein bisschen ja und ein bisschen nein beschrieben? Sind sie völlig weiß? Möge uns darin die Muttergottes helfen: Sie, die das Wort Gottes voll und ganz in ihr Leben aufgenommen hat (vgl. Lk 8,20-21), schenke uns die Gnade, lebendige Schreiber des Evangeliums zu sein. Unsere Mutter der Barmherzigkeit lehre uns, dass wir uns konkret um die Wunden Jesu in unseren bedürftigen Brüdern und Schwestern kümmern, um die nahen wie die fernen, um den Kranken wie den Migranten, denn wenn man dem Leidenden dient, ehrt man den Leib Christi. Die Jungfrau Maria helfe uns, dass wir uns ganz und gar für das Wohl der uns anvertrauten Gläubigen verausgaben und dass bei uns einer sich des anderen annimmt wie wahre Geschwister in der Gemeinschaft der Kirche, unserer heiligen Mutter.

Liebe Brüder und Schwestern, jeder von uns bewahrt in seinem Herzen eine ganz persönliche Seite des Buches der Barmherzigkeit Gottes: Es ist die Geschichte unserer Berufung, die Stimme der Liebe, die unser Leben angezogen und verwandelt hat und uns dazu geführt hat, auf sein Wort hin alles zurückzulassen und ihm zu folgen (vgl. Lk 5,11). Frischen wir heute dankbar die Erinnerung an seinen Ruf wieder auf – an diesen Ruf, der stärker ist als aller Widerstand und alle Mühe. Wenn wir nun mit der Eucharistiefeier, der Mitte unseres Lebens, fortfahren, wollen wir dem Herrn danken, dass er mit seiner Barmherzigkeit durch unsere verschlossenen Türen eingetreten ist; dass er uns wie Thomas beim Namen gerufen hat und dass er uns die Gnade schenkt, sein Evangelium der Liebe weiterzuschreiben.

 

(rv 29.07.2916 ord)