Heiligen-Schau in Minsk verbindet Orthodoxe und Katholiken

Orthodoxe Gottesdienstbesucher in Minsk, Weißrussland (AFP or licensors)

Unter dem Motto „Die Heiligen der ungeteilten Kirche“ findet bis 20. Februar im „Nationalmuseum der Schönen Künste“ der weißrussischen Hauptstadt Minsk eine Ausstellung von Ikonen, Mosaiken und Miniaturen statt. Die über 100 Exponate stammen aus historischen orthodoxen und katholischen Kirchen oder Klöstern des Grenzlandes zwischen morgen- und abendländischer Christenheit, zum Teil wurden sie für die Ausstellung neu geschaffen.

Es handelt sich um Abbildungen heiliger Frauen und Männer aus der Westkirche in östlicher Sakralkunst, darunter die Heiligen Augustin, Benedikt, Maximilian, Victor oder Ludmilla. Sie erfreuen sich auch als orthodoxe Namenspatrone in Weißrussland großer Beliebtheit. Umgekehrt werden von den weißrussischen Katholiken polnischer oder litauischer Herkunft ostkirchliche Heilige aus dem ersten Jahrtausend der ungeteilten Kirche verehrt, besonders Konstantin und Helena, die orientalischen Kirchen- und Mönchsväter sowie die heiligen Märtyrer von Vilnius noch aus dem Hochmittelalter.

Die Ausstellung, die in Minsk viel besucht wird und dabei Orthodoxe und Katholiken verbindet, soll anschließend im März und April auch in Moskau zu sehen sein.

(kna – cs) – Quelle

Orthodoxe Parlamentarier: Christen aller Welt, vereinigt euch

Russisch-orthodoxe Christen stehen Schlange, um die Reliquien des hl. Nikolaus in Moskau zu besichtigen

Seit dem Ende der Sowjetunion haben sich weltweit christlich-orthodoxe Parlamentarier zu einer Vereinigung zusammengeschlossen. Nun sind 115 orthodoxe Politiker aus 46 Ländern in Rom zu ihrer 25. Vollversammlung zusammengekommen. Ziel der Parlamentarier sei es, den christlichen Glauben in ihren Ländern zu schützen und zu fördern. Europa stecke in einer tiefen Krise, die vor allem mit dem Verlust der christlichen Werte verbunden sei, so der Grundtenor unter den in Rom versammelten Parlamentariern, die aus Ländern wie Ungarn, Griechenland oder Zypern stammen, aber auch aus Russland, Georgien und Syrien. Am Donnerstag werden sie im Rahmen der Peter-und-Paul-Feiern im Vatikan, die mittlerweile eine starke ökumenische Prägung haben, Papst Franziskus treffen.

Der griechische Abgeordnete Kostas Mygdalís ist Koordinator der Vereinigung. Im Gespräch mit Radio Vatikan erläutert er Sinn und Zweck der Vereinigung in der heutigen Zeit:

„Für uns bedeutet das Treffen vor allem auf politischer Ebene, Parlamentarier aus den orthodoxen Ländern mit Politikern aus der katholischen Welt zusammenzuführen. Gemeinsam sollen wir uns auf unsere Verantwortungen zurückbesinnen, die unsere Gegenwart aber auch unsere Zukunft betreffen. Da geht es um Lösungsvorschläge, um aktuelle Probleme anzugehen Die neuen Technologien bieten uns ganz viele Möglichkeiten, schaffen aber auch viel Armut, denn vieles kann die Gesellschaft nicht kontrollieren. Deshalb sind wir hier nach Rom gekommen, denn Papst Franziskus bietet uns hierzu eine Basis, um genau darüber miteinander zu sprechen.“

Unter den Parlamentariern seien auch Volksvertreter von Ländern, die es derzeit aus politischen Gründen schwer haben. Es sei deshalb wichtig, dass es ein starkes und vor allem auf das Christentum fußendes Europa gebe.

„Der Großteil von dem, was Europa ausmacht, beruht auf dem Christentum. Das gilt sowohl dann, wenn man es bezeugen will, als auch, wenn man das verschweigt. Denn die gesamte europäische Gesellschaft stützt sich schlussendlich auf diese christlichen Werte, das gilt auch für die Demokratie. Wir müssen uns also auf diese grundlegenden Werte zurückbesinnen.“

(rv 27.06.2017 mg)

Papst empfängt den russisch-orthodoxen Metropoliten Hilarion

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Papst Franziskus & Metropolit Hilarion, 15. September 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Kardinal Kurt Koch hat am Sonntag an einem gemeinsamen Konzert der Chöre des Moskauer Patriarchats und der Sixtinischen Kapelle teilgenommen

Papst Franziskus hat am Samstag, den 10. Dezember, den Metropoliten Hilarion von Volokolamsk in Audienz im Vatikan empfangen. Der Leiter des Amtes für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats gilt als einer der engsten Mitarbeiter des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill.

Wie die Internetseite des Moskauer Patriarchates berichtet, hat Hilarion die Glückwünsche des Moskauer Patriarchen zum 80. Geburtstag des Papstes, der am Samstag, den 17. Dezember gefeiert wird, überreicht.

Hilarion schenkte dem Papst eine Ikone des Heiligen Seraphim von Sarow (1759-1833).  Der Starez und Mystiker ist einer der wichtigsten Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche.

Anlässlich seines vorherigen Besuchs am 15. September hatte Hilarion dem Papst bereits eine Reliquie Seraphims geschenkt.

Zum 70. Geburtstags Kyrills hatte der Papst am 20. November dem Patriarchen Moskaus eine Reliquie des heiligen Franziskus von Assisi überreichen lassen.

Im Laufe des Gesprächs haben der Papst und Hilarion am Samstag verschiedene bilaterale Themen besprochen. Wie der Metropolit erklärte, seien die im Laufe des historischen Treffens zwischen Papst Franziskus und Kyrill am 12. Februar auf Kuba angesprochenen Themen noch immer aktuell. Dies betreffe insbesondere „die Lage im Nahen Osten, wo die Terroristen weiter unschuldige Menschen töten“, so die Webseite des Patriarchats.

Die beiden Kirchenmänner besprachen auch die Entwicklung der Beziehungen zwischen Rom und Moskau im kulturellen Bereich. Am 25. November wurde in der Moskauer Tretjakow-Galerie die Ausstellung „Roma Aeterna“ mit 42 Meisterwerken aus den Vatikanischen Sammlungen für das Publikum geöffnet.

Ein weiteres Thema war das gemeinsame Konzert der Chöre des Moskauer Patriarchats und der Sixtinischen Kapelle, das am Sonntag in der römischen Basilika Santa Maria degli Angeli e dei Martiri stattfand.

An der Begegnung zwischen dem Papst und Hilarion nahmen Msgr. Visvaldas Kulbokas vom vatikanischen Staatssekretariat, und Pater Alexyi Dikarev vom Moskauer Patriarchat teil.

Das Konzert fand am Sonntag in Anwesenheit des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, statt, der eine Botschaft vom Papst vorlas.

Vorbereitet wurde das Konzert von einer gemischten russisch-vatikanischen Arbeitsgruppe. Zum Abschluss sangen die beiden Chöre die Hymne „Wir preisen Gott“ des russischen Komponisten Dmitri Bortnjanski und „Tu es Petrus“ von Giovanni da Palestrina.

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Quelle

Russland: Kyrill will mit Katholiken für Frieden eintreten

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Kyrill I. und Putin

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. will sich gemeinsam mit der katholischen Kirche für Frieden in Syrien starkmachen. Bei einer Begegnung mit dem Ökumene-Beauftragten des Vatikan, Kurienkardinal Kurt Koch, kündigte er am Dienstag in Moskau russischen Agenturberichten zufolge eine weitere Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche an. Man wolle „mit vereinten Kräften erreichen, dass das Leid aufhört und die Menschen ein friedliches Leben haben“.

Syrien müsse vollständig wiederaufgebaut werden, hieß es weiter. Mit Blick auf Moskau und Washington sagte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche: „Beide Koalitionen haben ihren Kampf gegen den Terrorismus bisher nicht genügend koordiniert, um erfolgreich zu sein.“ Für die syrischen Christen sei es wichtig, dass auch die Kirchen wiedererrichtet würden. Die katholische und die russisch-orthodoxe Kirche hatten im Frühjahr ein gemeinsames Programm zum Wiederaufbau von christlichen Gotteshäusern beschlossen.

Kyrill I. sprach sich auch für die Umsetzung des Minsker  Friedensabkommens für die Ukraine aus. Er stehe weiter zu der im Februar auf Kuba mit Papst Franziskus vereinbarten „friedensstiftenden Mission“ für das osteuropäische Land.

(kna 23.11.2016 sk)

Russland: Putin ehrt Patriarch Kyrill

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Putin und Kyrill am 4. November in Moskau

Präsident Wladimir Putin hat den orthodoxen Moskauer Patriarchen Kyrill I. zu dessen 70. Geburtstag einen Orden verliehen. Das Kirchenoberhaupt erhalte den „Orden für  Verdienste um das Vaterland“, teilte der Kreml am Sonntag mit. Putin schrieb in einem Glückwunschtelegramm, der Patriarch schütze „konsequent und hart“ die Werte und Ideale der russisch-orthodoxen Kirche.

„Mit Ihrer unermüdlichen Sorge für die Bewahrung des einzigartigen kulturellen und geistlichen Erbes Russlands, für die Unterstützung von Familien und die Erziehung der jungen Generation haben Sie höchste, aufrichtige Achtung erworben“, heißt es darin. Kyrill I. trage mit seinem Engagement für den Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften und Ethnien enorm zur „Stärkung des Friedens und der gesellschaftlichen Eintracht in unserem Land“ bei.

Kyrill I. steht seit 2009 an der Spitze der mit Abstand größten orthodoxen Kirche. An seinem Geburtstag feierte er mit den Oberhäuptern zahlreicher anderer orthodoxen Kirchen eine Messe in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale.

(kna 20.11.2016 sk)

Kiewer Großerzbischof an Westen: „Gebt die Ukraine nicht auf!“

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Ansicht von Lviv/Lemberg im Westen der Ukraine

„Gebt die Ukraine nicht auf! Geht nicht den Weg einfacher Lösungen!“ Das sagt der Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk in Richtung EU und Westen. Das ukrainische Volk sei „geeint im Streben, in die europäische Familie zurückzukehren, wohin es gehört“. Das gesamte Volk teile diese Einstellung, im Westen des Landes wie im Osten. „Alle wollen die Ukraine als ein freies europäisches Land sehen“, so das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche (UGKK) bei einem Besuch in Wien.

Die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten seien unbestritten, unterstrich Schewtschuk. Das müsse freilich nicht zugleich auch eine sehr rasche Mitgliedschaft in der Europäischen Union bedeuten.

Laut Schewtschuk gilt die Orientierung Richtung Westen auch für die Bevölkerung in den besetzten Gebieten in der umkämpften Ostukraine. Er sprach von „gefangenen“ Menschen in der Region von Donezk und Lugansk, die auf ihren „Befreiung“ warten würden. Schewtschuk: „Die Menschen dort erkennen zunehmend, dass Russland sie nicht braucht und nicht will.“ Auch ihre Zukunft liege in einer freien und unabhängigen Ukraine.

Erst letzte Woche hatte Schewtschuk die Ostukraine besucht. Sein Eindruck: Eine Lösung des Konflikts könne nicht von außen kommen, sondern nur innerhalb der Ukraine seinen Anfang nehmen. Die Menschen seien „des Krieges müde“ und würden realisieren, dass ihnen niemand von außen helfen wird. Die Ukraine müsse sich in erster Linie selber helfen. „Deshalb brauchen wir innerhalb der Ukraine Reformen, Solidarität und Zusammenarbeit. Wir müssen all unsere inneren Kräfte mobilisieren, um mit dieser ausländischen Agression umzugehen.“ Er setze voll auf die Zivilgesellschaft, so der Großerzbischof. „Politiker kommen und gehen, aber das Volk bleibt!“

Angesprochen auf die immer noch weit verbreitete Korruption in der Ukraine, meinte das Kirchenoberhaupt, dass dies zuerst einmal ein moralisches Problem sei. Deshalb bemühe sich die Kirche auf vielfältige Weise, das Bewusstsein der Menschen für die „Sündhaftigkeit“ von Korruption zu schärfen. Schewtschuk sprach sich für „Null-Toleranz“ gegenüber Korruption welcher Art auch immer aus, denn: „Korruption zerstört unser Land.“ Erste kleine Erfolge eines Bewusstseinswandels erkenne er schon, so Schewtschuk.

In der Frage nach der möglichen Bedeutung der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA für die politische Entwicklung in der Ukraine wollte sich der Großerzbischof nicht festlegen. Trump sei derzeit schlicht ein „großes Geheimnis“, seine politischen Vorhaben seien nicht vorhersehbar. Er hoffe aber sehr, so Schewtschuk, dass sich der neue Präsident auch seiner weltpolitischen Verantwortung bewusst sei. Die USA dürfe ihre weltpolitische Führungsrolle nicht aufgeben.

Der Papst und die Ukraine

Großerzbischof Schewtschuk war am Freitag von Rom aus nach Wien gereist. Am Donnerstag war er im Vatikan von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen worden. Der Papst sei den leidenden Menschen in der Ukraine sehr nahe, berichtete Schewtschuk, im Gebet, aber auch in der konkreten Tat. Der Großerzbischof erinnerte daran, dass es nach der Begegnung des Papstes mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill auf Kuba im Februar in der Ukraine „Unverständnis“ gegeben habe.

Einige Punkte der gemeinsamen Erklärung von Papst und Patriarch hätten nach Ansicht der Ukrainer nicht die tatsächliche politische und kirchliche Situation vor Ort in der Ukraine wiedergespiegelt. „Es war deshalb unsere Pflicht, den Papst aufzuklären“, so Schewtschuk wörtlich. Das sei bei einer Begegnung der ukrainischen griechisch-katholischen Bischöfe mit Franziskus am 5. März passiert. Schewtschuk: „Unsere Botschaft war: Heiliger Vater, Sie haben Patriarch Kyrill umarmt, nun umarmen sie bitte auch das ukrainische Volk.“ Und er habe dies auch getan.

Franziskus startete die humanitäre Hilfsaktion „Der Papst für die Ukraine“ und entsandte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in die Ukraine. Schewtschuk: „Die Ukrainer sind ihm dafür dankbar.“

Innerkirchliche Konflikte

Wie der Großerzbischof weiter sagte, teilten zudem alle Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Ukraine die Überzeugung, dass Religion nicht für politische Zwecke missbraucht werden dürfe. Insofern herrsche durchaus „religiöser Friede“ in der Ukraine.

Allerdings gibt es auch eine Reihe innerorthodoxer Konflikte, die die Ukraine beschäftigen. In diese Auseinandersetzungen, etwa zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Patriarchat von Konstantinopel oder zwischen der Ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und dem Kiewer Patriarchat, mische man sich aus Prinzip nicht ein, unterstrich der Großerzbischof: „Wir können ihre internen Probleme nicht lösen.“

Indirekt würden diese Konflikte freilich auch die UGKK betreffen: „Das Moskauer Patriarchat wirft uns ständig vor, ein Hindernis für die Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen Orthodoxie und Römisch-katholischer Kirche zu sein.“ Auf der anderen Seite gebe es aber gute Beziehungen seiner Kirche zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, hielt der Großerzbischof diesen Moskauer Anschuldigungen entgegen.

Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche (UGKK) ist heute eine der religiös und gesellschaftlich bedeutendsten Kirchen in der Ukraine. Tausende Gläubige dieser Kirche leben auch in Österreich, das seit fast 300 Jahren Ziel einer starken ukrainischen Migration ist. Die UGKK entstand 1596 durch die Kirchenunion von Brest, als sich ein Teil der orthodoxen Bischöfe zur Gemeinschaft mit dem Papst entschloss.

(kap 12.11.2016 sk)

KIRCHE IN NOT: BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN ROM UND MOSKAU (4)

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Ein kurzer Rückfall in die Eiszeit

Man darf nicht vergessen, dass sich ein Jahrtausend der Trennung nicht einfach spurlos auslöschen lässt. Dennoch sind sich alle Seiten einig: Es gibt zu diesem Dialog der Liebe und der Wahrheit keine Alternative. Die Erfahrung zeigt: Aufrichtige Liebe bleibt in den meisten Fällen nicht ohne Echo. Ein orthodoxer Priester schrieb Pater Werenfried zu Beginn dieser Hilfsaktion: „Dies ist ein historisches Ereignis und ein entscheidender Schritt, um Misstrauen und Rivalitäten zu überwinden, auch wenn sich die Geister nicht plötzlich ändern. Derartige Prozesse erfordern viel Zeit, um ins Bewusstsein der Men­schen einzudringen. Ich bin sehr dankbar und gerührt wegen des Verständnisses, das unserer Kirche entgegengebracht wird, und wegen der Demut dieses Entgegenkom­mens. Es ist eine große Hilfe, aber auch eine große Belehrung.“

Dass es im Prozess der Annäherung der beiden Schwesterkirchen nicht nur Sternstun­den, sondern auch Tiefpunkte geben musste, versteht sich von selbst. Anfang Novem­ber 2008 unterstrich Metropolit Kyrill, der „Außenminister“ des Moskauer Patriarchats, der nur drei Monate später selbst Patriarch werden sollte, gegenüber einer hochrangi­gen Delegation von KIRCHE IN NOT, dass das Hilfswerk „auch in schwierigen Zeiten das einzige Band gewesen ist, das unsere Kirchen verbunden hat“, und dankte dafür, dass KIRCHE IN NOT auch dann die Hilfe fortgesetzt hatte, als es nicht leicht war. Er lobte die guten Beziehungen, die KIRCHE IN NOT zu Eparchien, Klöstern, Seminaren und Akademien unterhält.

„Nicht leicht“ war die Situation insbesondere, als der Vatikan entschied, am 11. Februar 2002 die vier Apostolischen Vikariate, die die katholische Kirche in Moskau, Nowosi­birsk, Irkutsk und Saratow eingerichtet hatte, zu Bistümern zu erheben. Das Moskauer Patriarchat war erheblich verstimmt, und zwar vor allem deshalb, weil es ein Abkom­men zwischen dem Patriarchat und dem Vatikan darüber gab, dass der Vatikan in Russ­land keine strukturellen Änderungen durchführen würde, ohne im Vorfeld Kontakt mit dem Patriarchat aufzunehmen. In diesem Fall fühlte sich das Patriarchat nicht recht­zeitig informiert, was zu einer vorübergehenden Eiszeit führte. Die Wellen schlugen hoch, und die Weltpresse stellte sich größtenteils auf die Seite des Vatikans. Damals wurde auch in den Leitungsgremien von KIRCHE IN NOT darüber beratschlagt, ob die Hilfe für die Russische Orthodoxe Kirche fortgesetzt werden solle. Antonia Willemsen erinnert sich an die Situation, in der alles auf der Kippe stand, was in den Jahren zuvor erreicht worden war: „Ich war entsetzt und fürchtete, dass eine übereilte Entscheidung unserer mühevollen Arbeit großen Schaden zufügen konnte. Ich schlug vor, drei Ku­rienkardinäle, darunter Kardinal Ratzinger, um ihre Stellungnahme in dieser heiklen Angelegenheit zu bitten. Ich wurde von Kardinal Ratzinger empfangen. Er nahm sich Zeit, sich das Problem anzuhören, und sagte mir, dass wir selbstverständlich unsere Hilfe jetzt nicht kappen sollten. Ein vorübergehendes Problem dürfe die mühsam auf­gebaute vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht zerstören. Er schrieb anschließend noch einen Brief mit Empfehlungen über unsere Zusammenarbeit mit dem Moskauer Patriarchat. Da auch die beiden anderen Kardinäle sich ähnlich positiv zugunsten einer weiteren Zusammenarbeit mit der Russischen Orthodoxen Kirche geäußert hatten, konnten wir die Projektarbeit und die Kontakte mit dem Patriarchat ohne Unterbre­chung weiterführen.“

Antonia Willemsen, die sich viele Jahre lang besonders für den Dialog mit der Russi­schen Orthodoxen Kirche eingesetzt und Russland viele Male bereist hat, wurde von Patriarch Aleksij II. für ihr Engagement mit dem „Orden der heiligen apostelgleichen Fürstin Olga“ ausgezeichnet. Der Patriarch gratulierte ihr mit einem persönlichen Schreiben zu ihrem 65. Geburtstag und schrieb: „Mit Dankbarkeit sehe ich Ihr jahre­langes persönliches Bemühen um die Festigung und Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen KIRCHE IN NOT und der Russischen Orthodoxen Kirche.“ Auch Metropolit Ky­rill gratulierte ihr und verwies auf die langen Jahre der engen Zusammenarbeit: „Wir kennen uns schon lange Zeit, und ich möchte besonders hervorheben, dass Ihre Tätig­keit in der Stellung der Generalsekretärin von KIRCHE IN NOT die Entwicklung der guten Beziehungen zwischen dem von Ihnen geführten Werk und der Russischen Orthodoxen Kirche gefördert hat.“

Bisweilen kann eine Krise auch ein Mittel der Göttlichen Vorsehung sein. Denn die Ver­stimmung, zu der es 2002 durch die Errichtung der Diözesen in Russland kam, führte letztlich dazu, dass Kardinal Ratzinger, dem später als Papst die Ökumene mit der Rus­sischen Orthodoxen Kirche weiterhin ein Herzensanliegen blieb und der sich nur sieben Jahre nach dieser Krise als erster Papst mit einer Ansprache an das russische Volk wen­den sollte, die Direktive gab, dass der Dialog mit der Russischen Orthodoxen Kirche auch auf höchster Ebene geführt werden sollte. Das heißt, zu den vielen Initiativen einer „Ökumene der Liebe“ kam auch die Entwicklung einer Beziehung auf diplomati­scher und bürokratischer Ebene. Im November 2002, nur einige Monate nach dem Be­ginn der Krise, wurde Erzbischof Antonio Mennini zum Apostolischen Nuntius in der Russischen Föderation ernannt. Dies war kein Zufall, denn er hatte sich als Botschafter des Heiligen Stuhls in Bulgarien bereits in einem mehrheitlich orthodoxen Land be­währt und verfügte somit über reiche Erfahrungen, die ihn für seinen Einsatz in Russ­land qualifizierten. Er hatte unter anderem die Reise Papst Johannes Pauls II. nach Bulgarien vorbereitet, die im Mai 2002 stattfand. Während dieser Reise stattete der Papst auch dem bulgarisch-orthodoxen Patriarchen Maxim einen Besuch ab.

Antonia Willemsen sagt: „Erzbischof Mennini hat wirklich eine außerordentliche Arbeit geleistet. Er hat keine Mühe gescheut und ist durch ganz Russland gereist, um sowohl Katholiken als auch Orthodoxe zu besuchen. Wenn er sich mit orthodoxen Bischöfen traf, lud er oft die katholischen Bischöfe zu dem Treffen ein, damit sie ihre orthodoxen Amtsbrüder besser kennenlernen konnten. Er hat alles getan, um ein gutes Verhältnis zu den orthodoxen Bischöfen aufzubauen, und es ist ihm gelungen.“ Sie reiste mit dem Nuntius und Peter Humeniuk im Juni 2004 auf die Klosterinsel Solowetzki, die zu Sow­jetzeiten ein Straflager war. Es war das erste Mal, dass ein katholischer Würdenträger das ehemalige Lager besuchte. Antonia Willemsen erinnert sich: „Es war eine sehr ein­drucksvolle Reise. Dieses ehemalige Lager ist ein grauenvoller Ort. Wir haben die Bot­schaften gesehen, die die Gefangenen in das Holz einer Kapelle eingeritzt hatten. Es war damals Sommer. Wir wurden von den entsetzlichen Mückenschwärmen geplagt, die auch die Gefangenen gepeinigt haben. Noch nach Wochen sieht man die Stiche auf der Haut.“ Schön war die Begegnung mit dem orthodoxen Bischof von Archangelsk, in dessen Eparchie Solowetzki liegt. Antonia Willemsen erinnert sich: „Archangelsk be­deutet so etwas wie ,Stadt des Erzengels‘. Es ist beindruckend, dass die Statue des Erzengels Michael dort auch zu Sowjetzeiten stehenblieb und die Stadt nie umbenannt wurde. Als der Nuntius den orthodoxen Bischof besuchte, erfuhr er, dass es in der Stadt einen katholischen Priester gab, einen Polen. Er gehörte zur Diözese Moskau, aber Moskau ist fast 1000 Kilometer entfernt. So war der Priester bei seiner Ankunft zu dem orthodoxen Bischof gegangen und hatte ihn um seinen Segen gebeten. Bisweilen bat er ihn auch um Rat. Der Nuntius war sehr erfreut, als er hörte, dass dank der Offenheit dieses Priesters der Kontakt zu den Orthodoxen so freundschaftlich und gut war.“

Menninis erfolgreiches diplomatisches Wirken führte dazu, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Moskauer Patriarchat und den entsprechenden vatikanischen Behörden immer enger wurde. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass 2010 die diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls in Moskau in den Rang einer vollen Apos­tolischen Nuntiatur erhoben wurde. Bis dahin bestanden zwischen dem Vatikan und der Russischen Föderation nur Arbeitsbeziehungen auf unterer diplomatischer Ebene. Jesuitenpater Igor Kovalevskij, Generalsekretär und Sprecher der Katholischen Bi­schofskonferenz in Russland, bezeichnete die Einrichtung der vollen diplomatischen Beziehungen zwischen dem Vatikan und der Russischen Föderation als „herausragen­des Ereignis“ des Jahres 2010. Dieser Schritt hat in der Tat eine große Bedeutung für die Katholiken in Russland, denn ihr Status in der russischen Gesellschaft wurde da­durch aufgewertet. Es zeigt sich daran auch, dass der russische Staat gegenüber dem Vatikan eine klare Position bezogen hat, was aus der jüngsten historischen Perspektive gesehen keine Selbstverständlichkeit ist. Dies hat auch eine ökumenische Dimension, denn trotz der Trennung zwischen Staat und Kirche in Russland wäre dieser Schritt nicht ohne die Zustimmung des Moskauer Patriarchats erfolgt. Der Dialog findet so heutzutage auf allen Ebenen statt – von der höchsten diplomatischen Ebene zwischen den Kirchenleitungen bis hin zu den Pfarreien und Seminaren.

 

Rosenkranz auf dem Roten Platz

Es war für Pater Werenfried eine große Gnade, dass er das Ende des Kommunismus in Osteuropa noch erleben durfte. Nie hatte er vergessen, was Papst Pius XII. 1955 wäh­rend einer Privataudienz in Castel Gandolfo zu ihm gesagt hatte: „Jeder rüstet sich für den Krieg, aber fast niemand denkt daran, sich für den Frieden vorzubereiten, wenn dieser plötzlich hereinbricht.“ Dieser Satz hatte sich ihm für immer ins Herz gebrannt und veranlasste ihn dazu, in einer Welt, in der Hass, Unterdrückung und Krieg an der Tagesordnung sind, unverzüglich Vorbereitungen für eine bessere Zukunft zu treffen. Sein Leben lang hatte er sich auf diesen großen Tag vorbereitet. Nun reiste er im Okto­ber 1992 zum ersten Mal nach Russland, um zu sehen, wie er den Christen – den ka­tholischen und den orthodoxen – dabei helfen konnte, das Leben ihrer Kirche aus den Ruinen wiederaufzubauen.

Auf seiner Reise erregte Pater Werenfried aufgrund seines weißen Ordensgewandes Aufsehen. Plötzlich liefen Menschen zusammen, Rufe wurden laut: „Papa rimskij, papa rimskij! Der Papst von Rom!“ Auch wenn es nicht der Papst war, der durch Moskau spa­zierte, war es eine historische Reise. Endlich war wahr geworden, was Pater Werenfried schon Jahrzehnte zuvor vorausgesagt hatte, als es noch kaum jemand für möglich ge­halten hatte: „Die Superporträts der modernen Goliaths, die von allen Kremls so he­rausfordernd auf die Massen herabschauten, sind zerfetzt, und ihre Gebeine werden zu Staub zerfallen. Die Porträts werden den Ikonen Platz machen, und in Ewigkeit wird wahr bleiben, was die Kirche zu Ostern Christus und uns in den Mund legt: Ich bin auf­erstanden und bin noch bei dir. Halleluja. Du hast deine Hand auf mich gelegt. Halleluja. Wunderbar ist deine Weisheit. Halleluja, halleluja, halleluja!“

Einer der Höhepunkte der Reise war, als Pater Werenfried am 13. Oktober 1992 mit ei­nigen Mitarbeitern und Ordensfrauen auf dem Roten Platz in Moskau bei der Wachab­lösung vor dem Lenin-Mausoleum den Rosenkranz betete. Es herrschte schneidende Kälte, aber Pater Werenfried sagte, er habe sich an diesem Tag nicht „achtzig Jahre alt, sondern viermal zwanzig Jahre jung“ gefühlt. Mit lauter Stimme hatte er jahrzehntelang die Wahrheit über den Kommunismus verkündet, und dabei hatte er oft einem Rufer in der Wüste geglichen, denn viele Menschen im Westen wollten es nicht wahrhaben, dass die angebliche „Religionsfreiheit“ die „Befreiung von jeder Religion“, wie es der österreichische Kardinal Franz König 1964 so treffend ausgedrückt hatte, bedeuten sollte. Seine Gegner nannten Pater Werenfried den „letzten General des Kalten Krie­ges“, aber es ging ihm nicht darum, Fronten zu verhärten, sondern er hatte verstanden, dass der Kommunismus seinem Wesen nach „ein Totalaufstand gegen Gott“ ist, und diese Wahrheit predigte er unbeirrt.

Die Kommunisten im damaligen Ostblock hatten ihn ernstgenommen. So entdeckte beispielsweise ein Mitarbeiter Pater Werenfrieds 1962 auf dem „Platz der Oktoberre­volution“ in Prag eine Reihe antikirchlicher Plakate mit Großaufnahmen des 1958 verstorbenen Papstes Pius XII. sowie einiger Kardinäle. Daneben hing auch das Bild Pater Werenfrieds. Darunter stand geschrieben: „Pastor van Straaten ist Kommandant einer kirchlichen Fremdenlegion. Er zieht den Gläubigen Geld und Schmuck aus der Tasche für die Ausbildung von 1500 Priesterspionen. Sie üben sich im Gebrauch von Waffen für den Tag X. Aus diesem Grund hat die Bundesrepublik Deutschland ein Geheimab­kommen mit der katholischen Kirche geschlossen.“ Tito, der kommunistische Diktator Jugoslawiens, hatte sich sogar persönlich beim Vatikan darüber beschwert, dass das von Pater Werenfried gegründete Hilfswerk, das auf Italienisch „Hilfe für die verfolgte Kirche“ („Aiuto alla Chiesa Perseguitata“) hieß, in seinem Land tätig war, obgleich er, wie er behauptete, „die Kirche gar nicht verfolgte“.

Nach vielen Jahren des unermüdlichen Einsatzes für die verfolgte „Kirche des Schwei­gens“ hinter dem Eisernen Vorhang war nun der große Tag da: Pater Werenfried betrat am 10. Oktober 1992 russischen Boden. Sein erster Weg in Moskau führte ihn zum Apos­tolischen Nuntius, Erzbischof Francesco Colasuonno. Antonia Willemsen, die damals dabei war, erinnert sich: „Die Vertretung des Heiligen Stuhls, die erst seit 1990 bestand, war damals noch in einem kleinen Appartement in einem Moskauer Wohnblock unter­gebracht. Die Anfänge waren wirklich sehr einfach.“ Pater Werenfried berichtete dem Vatikanbotschafter von der geplanten ökumenischen Rosenkranzgebetsaktion, die drei Anliegen haben würde: 1) die Bekehrung des materialistischen Westens, die für Pater Werenfried die Voraussetzung für die Neuevangelisierung Russlands war, 2) den Sieg Christi in Russland und 3) die Versöhnung von orthodoxer und katholischer Kirche. Zu diesem Zweck hatte KIRCHE IN NOT auf Russisch und in sechs westeuropäischen Spra­chen ein Rosenkranzbüchlein unter dem Titel „Unter deinem Schutz und Schirm“ he­rausgegeben, auf dessen Titelbild die Ikone der Muttergottes von Kasan abgebildet war und das mit Texten aus der byzantinischen Liturgie angereichert war. Das Büchlein er­schien in einer Gesamtauflage von 500.000 Exemplaren. Papst Johannes Paul II., der die ökumenische Rosenkranzaktion sehr begrüßte, segnete dafür 50.000 Rosenkränze. Pater Werenfried schenkte dem Nuntius ein Exemplar der Broschüre, das dieser mit gro­ßer Freude entgegennahm. Erzbischof Colasuonno legte Pater Werenfried ans Herz, „den Orthodoxen zu helfen, ohne den Kontakt mit den Katholiken zu verlieren, und den Ka­tholiken, ohne die Orthodoxen aus den Augen zu verlieren“. Ersteres war selbstver­ständlich, denn KIRCHE IN NOT unterstützt von jeher die katholische Kirche in ihren Nöten und Bedürfnissen, und es war nie die Rede davon gewesen, die katholischen Bi­schöfe, Priester und Gläubigen in Russland zugunsten der Hilfe für die orthodoxe Kirche zu benachteiligen. Die Aufforderung, den Katholiken zu helfen, ohne die Orthodoxen zu vergessen, bekräftigte hingegen die neue Dimension der Hilfe in Russland. Nach einem gemeinsamen Gebet sagte Erzbischof Colasuonno schließlich: „Wir haben zur Mutter­gottes in dem Anliegen der Wiedervereinigung der Kirchen gebetet. Im Namen des Hei­ligen Vaters segne ich diese Aktion, die Seiner Heiligkeit so sehr am Herzen liegt.“

Pater Werenfried stellte die Initiative sowohl in den katholischen als auch in den or­thodoxen Gotteshäusern vor, die er während seiner Reise besuchte. Zudem wurde der Gebetsaufruf vom staatlichen Radioprogramm „Ostankino“ gesendet, so dass sich ihm katholische und orthodoxe Christen im ganzen Land anschließen konnten. In der St.-Ludwig-Kirche, der einzigen katholischen Kirche, in der zu dieser Zeit in Moskau Gottesdienste abgehalten wurden, feierte er die heilige Messe. Das Gotteshaus befin­det sich in unmittelbarer Nähe der berüchtigten KGB-Zentrale Lubjanka, wo unzählige politische Gefangene verhört, gefoltert und zur Zeit Stalins auch hingerichtet wurden.

Am Nachmittag des 13. Oktobers wurde Pater Werenfried von Patriarch Aleksij II., dem damaligen Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, empfangen. Die Audienz dauerte eineinhalb Stunden. Pater Werenfried erklärte dem Patriarchen, was KIRCHE IN NOT tut, und äußerte den Wunsch, der orthodoxen Kirche zu helfen und mit ihr ge­meinsam zu beten. Der Patriarch war zwar zunächst zurückhaltend und brachte die beiden Hauptprobleme zwischen der Römischen Katholischen Kirche und der Russi­schen Orthodoxen Kirche zum Ausdruck: die Sorge vor einem Abwerben der orthodo­xen Gläubigen durch die katholische Kirche sowie die Probleme zwischen der orthodoxen und der Griechisch-Katholischen Kirche in der Ukraine. Insgesamt begrüßte er aber die angebotene Hilfe und sagte: „Nach dem Zusammenbruch des totalitären Regimes haben die Menschen begriffen, dass sich ohne ein geistliches und moralisches Fundament kein Leben für morgen aufbauen lässt. Ich danke Ihnen für Ihren Wunsch, der Russischen Orthodoxen Kirche zu helfen, die jetzt nach Jahrzehnten der Verfolgung und des Leids eine schwere Zeit des Wiederaufbaus durchläuft.“ Er gab der Initiative seinen Segen und ermutigte Pater Werenfried ausdrücklich dazu, mit den Orthodoxen in Kontakt zu kommen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Audienz endete mit Heiterkeit. Als der Patriarch, der einer deutsch-baltischen Familie entstammte, Pater Werenfried auf Deutsch fragte, ob er Deutsch könne, bejahte es Pater Werenfried, und als er zurückfragte: „Und Sie?“, ihm aber im selben Augenblick klar wurde, dass der Patriarch ihn ja auf Deutsch angesprochen hatte, fingen beide Männer zu lachen an. Sie verabschiedeten sich mit einer herzlichen Umarmung.

Während seiner Reise besuchte Pater Werenfried die orthodoxe theologische Akademie im Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad, das zu Sowjetzeiten in Sagorsk umbe­nannt worden war. Das Kloster, das eines der wichtigsten geistlichen Zentren der Rus­sischen Orthodoxen Kirche ist, wurde um das Jahr 1340 vom heiligen Sergij von Radonesch gegründet, einem der größten russischen Heiligen. Sein weltlicher Name war Warfolomej (Bartholomäus). Geboren wurde er im Jahr 131o. Seine Eltern waren fromme Bojaren (Adelige) aus Rostow. Aus seinem Leben wird berichtet, dass er sich als Kind schwer damit tat, lesen und schreiben zu lernen, und daher in der Schule viel zu leiden hatte. Eines Tages begegnete er auf seinem Schulweg einem ehrwürdigen Priestermönch, der ihn segnete und ihm versprach, von nun an werde Gott ihm helfen. Der Junge lud ihn in sein Elternhaus ein. Dort empfingen ihn die Eltern des Jungen mit großer Ehrerbietung. Nach dem gemeinsamen Mahl reichte der alte Mönch dem Kna­ben das Stundenbuch und forderte ihn auf, daraus vorzulesen. Der Junge sagte, er könne nicht lesen, aber nachdem er den Segen des Mönches empfangen hatte, staun­ten alle, denn er las die Psalmen klar und fehlerlos. Als der alte Mönch das Haus verließ, sprach er: „Dieses Kind wird zur Wohnstatt der Heiligen Dreifaltigkeit werden und eine große Zahl von Menschen zur Erkenntnis des göttlichen Willens führen.“ Als Warfolomej 23 Jahre alt war und seine Eltern gestorben waren, richtete er im Wald eine Einsiedelei mit einer kleinen Kirche ein, die der Heiligsten Dreifaltigkeit geweiht wurde. Er nahm als Mönch den Namen Sergij an und lebte in strengster Askese und unablässigem Gebet. Es wird berichtet, dass ihm eines Nachts, als er vor der Ikone der Muttergottes den Akathistos-Hymnus sang, die Heilige Jungfrau erschien, die von den Aposteln Pe­trus und Johannes begleitet wurde. Der heilige Sergij warf sich nieder, doch die Got­tesmutter berührte ihn mit ihrer Hand und sagte: „Fürchte dich nicht, mein Auserwählter! Ich bin gekommen, weil ich dein Gebet für deine Jünger und diesen Ort gehört habe. Von nun an werde ich dein Kloster nicht mehr verlassen und es beschüt­zen, solange du lebst, und auch danach.“ Mit der Zeit verbreitete sich die Nachricht, dass auf sein Gebet hin Wunder und Heilungen geschehen würden. So pilgerten Hilfe­suchende aus ganz Russland zu ihm. Zu den Ratsuchenden gehörte auch der Moskauer Fürst Dimitrij Donskoj, der 1380 den Heiligen aufsuchte, um für die entscheidende Schlacht gegen die Tataren um seinen Segen zu bitten. In der Tat besiegte Fürst Dimitrij am 8. September 1380 auf dem Kulikowo Pole (Schnepfenfeld) die Tataren, unter deren Joch das Land seit dem 13. Jahrhundert gestanden hatte. Seitdem stand das Dreifal­tigkeitskloster unter der besonderen Obhut der Moskauer Fürsten.

Im Laufe der Zeit schlossen sich dem heiligen Sergij immer mehr Mönche an. Seine Schüler und Nachfolger, unter denen siebzig waren, die heiliggesprochen wurden, grün­deten fünfzig neue Klöster in ganz Russland. Am 25. September 1392 entschlief der Heilige im Alter von 78 Jahren. Abgebildet wird der heilige Sergij von Radonesch oft mit einem zutraulichen Bären, denn die wilden Tiere taten ihm nichts zuleide. Die Le­gende erzählt, dass der Heilige mit einem hungrigen Bären seine karge Brotration teilte. Bis heute ist das Grab des Heiligen eine der bedeutendsten Pilgerstätten Russlands.

Das Dreifaltigkeitskloster war eines der wenigen Klöster, die auch zu Sowjetzeiten nicht geschlossen wurden. Es diente den Kommunisten als „Vorzeigeobjekt“, um gegenüber dem Westen zu beweisen, dass das kirchliche Leben nicht eingeschränkt wurde. Ob­wohl das Kloster daher in einem besseren Zustand war als viele andere, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Kirche als Ruinen zurückerstattet wurden, brauchte vor allem die Geistliche Akademie dringend Hilfe bei der Ausbildung der an­gehenden Priester. Der Prorektor begrüßte Pater Werenfried herzlich und lud ihn ein, bald wiederzukommen und zu den Hunderten Seminaristen zu sprechen. Zum Abschied umarmten sich die beiden Männer herzlich.

Pater Werenfried ließ es sich trotz des Schneeregens nicht nehmen, am Grab des er­mordeten orthodoxen Priesters Aleksandr Men in Nowaja Derewnja zu beten, das ganz in der Nähe von Sergijew Possad gelegen ist. Am 9. September1990, einem Sonntag, hatten die zum Gottesdienst versammelten Gläubigen vergeblich auf ihren Priester ge­wartet. Er war nur wenige Schritte von seinem Haus entfernt von einem Unbekannten mit einem Beil niedergeschlagen worden. Der Mörder wurde nie gefunden. „Das Eigene lieben, heißt nicht, das Fremde hassen“, war einer der Leitsätze seines Lebens. Er hatte von jeher den Dialog gesucht, hatte Wege der geistlichen Erneuerung gesucht und hatte auch in der katholischen Kirche viele Freunde.

Aleksandr Men war 1960 zum Priester geweiht worden. In der sogenannten „Tauwet­terperiode“ wurde zwar den Intellektuellen etwas mehr Freiheit gewährt, aber die Ver­folgung der Kirche nahm unter Chruschtschow wieder brutalere Ausmaße an: Von den 10.000 Kirchen, in denen nach dem Tod Stalins 1953 wieder Gottesdienste gefeiert wur­den, war 1959 die Hälfte wieder geschlossen. Auch Klöster und Priesterseminare wur­den wieder aufgehoben. Zwar gab es im Gegensatz zur Vergangenheit nur noch wenige Todesurteile, aber es wurden jedes Jahr Hunderte Gläubige verhaftet. Die Medien führ­ten eine Hetzkampagne gegen den christlichen Glauben. Die zahlreichen von Aleksandr Men verfassten theologischen und geistlichen Bücher wurden daher zu Sowjetzeiten teils als hand- oder maschinengeschriebene Abschriften von Hand zu Hand weiterge­reicht, teils mit Unterstützung der „Ostpriesterhilfe“ (heute KIRCHE IN NOT) unter Pseu­donymen in Belgien gedruckt und von ausländischen Reisenden in die Sowjetunion geschmuggelt.

Nun stand Pater Werenfried am Grab dieses großen Priesters, der am Abend vor seiner Ermordung bei der Eröffnung der von ihm gegründeten „Offenen orthodoxen Universi­tät“ noch gesagt hatte: „Im Christentum ist die Welt geheiligt, während das Böse, die Sünde und der Tod besiegt sind. Aber der Sieg gehört Gott. Er begann am Morgen der Auferstehung und dauert fort, solange die Welt besteht.“

Neue Freunde

Papst Johannes Paul II. ließ sich am 25. Januar 1993 von Pater Werenfried persönlich über die Ergebnisse seiner ersten Russlandreise berichten und war hocherfreut über den Erfolg der Begegnungen. Bei dieser Gelegenheit unterstrich der Papst noch einmal, dass „der Weg zur Einheit der Christen in Russland nicht über die Abwerbung von or­thodoxen Gläubigen, sondern über die Zusammenarbeit und den brüderlichen Dialog führen“ müsse.

Einen wirklichen Freund hatte Pater Werenfried in dem damals erst 46-jährigen ortho­doxen Erzbischof von Nowgorod gefunden, der drei Jahre lang am „Päpstlichen Kolle­gium Russicum“ in Rom studiert hatte und daher von Jugend an gute Kontakte zur katholischen Kirche hatte. Die Eparchie von Nowgorod besteht bereits seit dem Jahr 989, das heißt, sie wurde nur ein Jahr nach der Taufe der Rus‘ eingerichtet. Erzbischof Lew, der 2012 zum Metropoliten ernannt wurde, lud Pater Werenfried im Oktober des­selben Jahres während der feierlichen Liturgie zum Fest des heiligen Fürsten Wladimir, des „Wundertäters von Nowgorod“, der das Volk der Rus‘ christianisiert hatte, ein, den Altarraum hinter der Ikonostase zu betreten. Dies war eine sehr hohe Ehre, da normalerweise nur orthodoxe Priester den Altarraum betreten dürfen. Er gestattete ihm auch, durch die „Königstür“ zu treten und vor Hunderten Gläubigen zu predigen. Die Königstür ist die mittlere und größte der drei Türen der Ikonostase. Sie heißt so, weil durch sie „der Herr der Herrlichkeit selbst, Jesus Christus, in Gestalt der Heiligen Gaben schreitet“. Pater Werenfried sprach mit großer innerer Bewegung zu den Gläubigen, und man konnte ihm ansehen, was für ein großer Augenblick es für ihn war.

Im Gespräch mit Pater Werenfried sagte Erzbischof Lew: „Ihr Name KIRCHE IN NOT entspricht genau unserer Situation. Ich hoffe und glaube, dass wir aus dieser Lage herausfinden werden.“ Pater Werenfried sagte ihm seine Hilfe zu und erwiderte: „Wenn es eine Kirche gibt, die der Russischen Orthodoxen Kirche helfen muss, so ist es die Römische Katholische Kirche. Tausend Jahre waren wir eins. Wir haben denselben Glau­ben, dieselben Sakramente, wir sind dazu bestimmt, wieder eins zu werden. Wir müs­sen einander lieben, gemeinsam das Evangelium verkünden und zusammen aus den Ruinen dieses Jahrhunderts wieder aufstehen.“ Erzbischof Lew nahm diese Beteuerung mit sichtlicher Freude auf. Gemeinsam überquerten die beiden neuen Freunde die ma­rode Brücke, die zum lwerski-Kloster führt, das auf einer Insel im Waldai-See liegt. Im Jahr der Oktoberrevolution verbrannten mehr als 400 Bücher der Klosterbibliothek. Mutige Einwohner von Waldai retteten viele Bücher und Kunstschätze. Das Kloster wurde 1927 geschlossen und als Werkstätten, Krankenhaus, Schule und Sanatorium genutzt. 1991 wurden der Kirche die Gebäude zurückerstattet und das Kloster wieder­eröffnet. Pater Werenfried war erschüttert von dem „Ort der Verwüstung“, als den er das zurückerstattete Kloster vorfand. Zu der Zeit lebten dort nur zwei Mönche und zwei Novizen, die, wie Pater Werenfried schrieb, „mit einem Glauben, der Berge versetzt, ihre Zeit mit Gebet und Trümmeraufräumen verbringen.“ „Wir reparieren das Kloster und unsere Seelen“, sagte ihm der Abt.

Zwei Jahre später reiste Pater Werenfried im Alter von einundachtzig Jahren noch einmal nach Russland. Diesmal führte ihn seine Reise, die vom 28. August bis 12. September 1994 dauerte, bis nach Sibirien. Johannes Paul II. hatte zwei Monate zuvor, am 13. Juni 994, die Kardinäle, die zum außerordentlichen Konsistorium nach Rom berufen worden waren, noch einmal dazu aufgerufen, „Vertrauen zu haben, dass sie [die Muttergottes] uns nach der Logik ihres mütterlichen Herzens helfen wird, Wege des gegenseitigen Einvernehmens zwischen dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten zu finden“. Darin bestehe in Hinblick auf das Jahr 2000 „vielleicht unsere größte Aufgabe“. Pater Werenfried ließ sich die Gelegenheit, diese Wege selbst im fernen Sibirien zu suchen, nicht entgehen. „Dutzende Male habe ich vor orthodoxen Gläubigen, Mönchen, Schwestern, Priestern, Professoren und Journalisten gesprochen oder in Dörfern und Weilern die kleine Herde Jesu getröstet, die nur selten ein katholischer oder orthodoxer Priester besucht“, berichtete er. Als einen Höhepunkt seiner Reise be­rachtete er die Begegnung mit rund einhundert Studentinnen und Studenten an der orthodoxen theologischen Fakultät der Universität zu Omsk. Diese „frischen und un­ierbrauchten jungen Menschen“ hätten ihn „mit Fragen bestürmt“, freute sich Pater Nerenfried.

Traurig machte ihn eine andere – wenn auch nicht weniger herzliche – Begegnung: „Wir besuchten die Gemeinschaft eines einzigen orthodoxen Priestermönches mit seinen sechs Novizen. In bitterer Armut bewohnten sie ein zerfallenes Holzhaus und bauen seit zwei Jahren die Klosterkirche wieder auf. Mit einem Stiefel, der als Blasebalg dient, fachten sie ein Feuer an und boten uns glühend heißen Tee aus einem Samowar an, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Im Freien, an einem wackeligen Tisch, bewir­teten sie uns – wir waren zu zwölft – mit Brot, Honig, Kuchen, Hühnerschenkeln, Äpfeln und Tomaten. Der Superior bat uns um unser Gebet, auf dass Erzbischof Feodosi ihm bald einen zweiten Priester schicken möge. Wir konnten ihm nur, wie so oft auf unserer Reise, Eure Beihilfe zum Lebensunterhalt und eine Extraspende für Baumaterial für die Kirche aushändigen.“

Besonders eindrucksvoll war für Pater Werenfried der Besuch des ehemaligen Lagers von Atschaïr, wo zwischen 1937 und 1953 mindestens 200.000 Häftlinge umgebracht wurden oder durch die grausamen Haftbedingungen zu Tode kamen. Eine alte Nonne erzählte Pater Werenfried, dass jede Nacht um vier Uhr die Toten und oft auch noch Sterbende aus den Baracken geholt wurden. Sie wurden mit Pferdekarren zu Massengräbern gebracht. „Oft wurde keine Erde darauf geworfen, damit die Schweine dei Wächter das menschliche Futter fressen konnten. So wurden die Gebeine der Opfer über das ganze Gelände verteilt“, berichtete ihm die Ordensfrau. Diejenigen Häftlinge, die zum Tode verurteilt wurden und wussten, wann sie sterben würden, verabredeter sich jedoch dazu, vor ihrer Hinrichtung Samen eines Badjarka-Strauches in die Hände zu nehmen. Sie nahmen diese Samen mit in das vorher von ihnen selbst ausgehobene Grab. Heute bedecken dornige Badjarka-Sträucher das ganze Gelände. „Und unter jedem Strauch ruhen die Gebeine eines Hingerichteten“, erzählte Pater Werenfried. Das Lager wurde 1953 nach Stalins Tod geschlossen und der Sowchose angegliedert. Diese wurde später von Witali Meschtschernikow geleitet, dessen Vater Dimitrij wie durch ein Wunder die Befreiung um acht Monate überlebt hatte. So wusste Witali genau, was dort geschehen war. Er verbot, das Gelände zu teilen und zu bearbeiten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erklärte Erzbischof Feodosi von Omsk diese Erde für heilig, und Dimitrijs Sohn sorgte dafür, dass das ganze Gelände der or­thodoxen Kirche geschenkt wurde. Es sollte eine Gedenkstätte werden, wo für die Toten und ihre Henker gebetet und die Erinnerung an die Gräuel der Stalinzeit für die Nach­welt erhalten bleiben sollte. In der Kapelle, die damals schon dort errichtet worden war, feierte Erzbischof Feodosi mit seinen Begleitern die Göttliche Liturgie. Pater We­renfried schrieb darüber: „Es war eine ergreifende Verbrüderung, als die Brandung der orthodoxen Gesänge durch unsere westlichen Herzen hindurch an die Küste von Gottes Ewigkeit schlug und glorreiche Weihrauchwolken entlang der noch kahlen Wände der Kapelle zum Himmel emporstiegen. Hier wurde Feodosi für immer mein Freund. Er schenkte mir seinen Bischofsstab, und ich schwor in meinem Herzen, dass diese Ge­denkstätte auch durch lateinische Liebe zustande kommen wird. Denn nicht nur Rus­sen, sondern auch Söhne aller europäischen Völker haben hier im gemeinsamen Kreuztragen die Glorie der Auferstehung, die Gnade der Versöhnung und die Einheit zweier Schwesterkirchen vorbereitet.“

Diese Reise vermittelte Pater Werenfried auch ein Bild davon, wie wichtig es war, die Priesterausbildung und die Katechese zu unterstützen. An dem Tag, an dem Pater We­renfried Nowosibirsk besuchte, wurden in der orthodoxen Kathedrale der Stadt zwanzig Menschen getauft, darunter ein Kosakenoffizier mit zehn Soldaten seines Regiments. Pater Werenfried schrieb: „Die Felder stehen in voller Ernte. Mit Recht hat der Papst jede Form des Proselytismus verboten. Müssen wir dann nicht helfen bei der Ausbil­dung orthodoxer Priester, die imstande sind, ihre Täuflinge zu unterrichten? Oft werden sie ohne Vorbereitung getauft — wie die allerersten Christen oder wie die Heiden, die während der Christianisierung Europas zusammen mit ihren Fürsten die Taufe empfin­gen. Wir können nur darauf vertrauen, dass der Heilige Geist alles das tun wird, wofür jetzt keine Priester verfügbar sind.“ Eine persönliche Begegnung während dieser Reise bestärkte ihn in diesem Eindruck. Antonia Willemsen berichtet, dass Pater Werenfried und seine Mitreisenden von einer jungen Dolmetscherin namens Lena begleitet wur­den. Ihre Familie war aus dem Baltikum deportiert worden. „Lena nahm jeden Tag mit uns an der heiligen Messe teil. Am Ende sagte sie zu Pater Werenfried, dass sie sich taufen lassen wolle. Pater Werenfried fragte sie, in welcher Kirche sie getauft werden wollte, und sie antwortete: ,In der orthodoxen‘. Eines Tages erfuhren wir, dass sie kurz darauf getauft worden war. Wir wunderten uns darüber, dass es so schnell gegangen war, aber der Bischof sagte uns: ,Was sollen wir machen? Wenn wir abwarten, bis wir in der Lage sind, eine richtige Katechese durchzuführen, kommen die Sekten, und dann sind die Leute weg. So taufen wir sie und hoffen, dass wir eines Tages die Katechese nachholen können.'“

Am 8. September 1994, dem katholischen Fest Mariä Geburt, wurde Pater Werenfried von Patriarch Aleksij II. zum zweiten Mal in einer eineinhalbstündigen Audienz emp­fangen, die in einer herzlichen und freundschaftlichen Atmosphäre verlief. Seit der ers­ten Begegnung im Oktober 1992 hatten zahlreiche orthodoxe Bischöfe dem Patriarchen bestätigt, dass die Sorge, es könnten durch diese Hilfsaktion orthodoxe Gläubige abgeworben werden, unbegründet sei. So gab er der Initiative nun – zwei Jahre später – noch einmal seinen Segen. Er brachte seine Dankbarkeit zum Ausdruck und versi­cherte: „Ihre Aktion fördert die Annäherung zwischen der orthodoxen und der katho­lischen Kirche. Ich glaube, dass es keine einseitige Hilfe bleiben wird.“ Er bat Pater Werenfried darum, weiterzumachen. Seitdem erneuert das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche Jahr für Jahr seinen Segen für diese Hilfsaktion, die vor allem dazu dient, „die Liebe wiederherzustellen“.

Zwei Monate nach seiner zweiten Reise nach Russland erlitt Pater Werenfried einen Herzinfarkt. Später sagte er, er sei davon überzeugt, dass sein Überleben einen Sinn hatte: „Ich denke, dass Gott mich an der Schwelle des Todes zurückgeholt hat, weil der Einsatz unseres Werkes für die Versöhnung zwischen der katholischen und der or­thodoxen Kirche noch nicht beendet ist.“ Und in der Tat durfte er die Entwicklung dieser Aktion, die er als seine „letzte und größte Freude“ bezeichnet hatte, noch acht Jahre lang miterleben. In dieser Zeit vertieften sich die Freundschaften, die er während seiner Reisen nach Russland geschlossen hatte.

Als Pater Werenfried van Straaten am 31. Januar 2003 im Alter von 90 Jahren starb, schrieb Patriarch Aleksij II. in seinem Kondolenzbrief: „Unser Herz empfindet einen schmerzlichen Verlust. Viele Jahrzehnte lang war die Tätigkeit von Pater Werenfried ein Symbol für den wohltätigen Dienst am Nächsten und die Selbstaufopferung bei der Verteidigung der wahren Werte der christlichen Zivilisation in einer Welt, die ihre geist­lichen Grundlagen verliert. Wir beten darum, dass der Schöpfer des Himmels und der Erde die Seele des jüngst verstorbenen Knechtes aufnehmen möge, dort wo ,es keine Krankheit, keine Trauer und keinen Seufzer gibt‘. Ihm sei ewiges Gedenken!“

Noch heute ist Pater Werenfried in Russland wohlbekannt, und es wird viel von ihm ge­sprochen. So besuchte beispielsweise Metropolit Filaret von Minsk in Weißrussland, einer der höchsten Würdenträger der Russischen Orthodoxen Kirche, bereits mehrfach sein Grab. Anlässlich Pater Werenfrieds 10. Todestages und 100. Geburtstages im Januar 2013 nannte Metropolit Filaret ihn einen „wunderbaren Menschen“, der dessen würdig sei, „ein Mitarbeiter Christi an Seinem Ruhm genannt zu werden“. Pater Werenfrieds Name sei nicht nur den Gläubigen der christlichen Konfessionen in der ganzen Welt be­kannt, sondern er habe sich durch seine „selbstlosen Taten der Barmherzigkeit und der Hilfe auch die Anerkennung der Weltgemeinschaft“ erworben.

Immer wieder kommen orthodoxe Gäste nach Königstein und beten an Pater Weren­frieds Grab, so auch Bischof Kliment von Krasnoslobodsk, der es sich bereits vor eini­gen Jahren als noch junger Abt nicht nehmen ließ, nach Königstein zu kommen, um sich für die Hilfe zu bedanken, die er empfangen hatte. Tief bewegt küsste er den Ge­denkstein auf Pater Werenfrieds Grab und sagte: „Es ist mir eine große Ehre gewesen. Ich danke diesem großen Menschen von Herzen. Bei Gott gibt es keine Toten. Ich bin mir sicher, dass Pater Werenfried weiterhin für KIRCHE IN NOT betet.“

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Quelle: Buch „Brückenschlag zwischen Rom und Moskau – Zwei Jahrzehnte Versöhnung und Aufbauhilfe für die Russische Orthodoxe Kirche“ von Eva-Maria Kolmann, KIRCHE IN NOT /Ostpriesterhilfe Deutschland e.V., München, 1. Auflage 2014.