Papst empfängt den russisch-orthodoxen Metropoliten Hilarion

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Papst Franziskus & Metropolit Hilarion, 15. September 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Kardinal Kurt Koch hat am Sonntag an einem gemeinsamen Konzert der Chöre des Moskauer Patriarchats und der Sixtinischen Kapelle teilgenommen

Papst Franziskus hat am Samstag, den 10. Dezember, den Metropoliten Hilarion von Volokolamsk in Audienz im Vatikan empfangen. Der Leiter des Amtes für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats gilt als einer der engsten Mitarbeiter des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill.

Wie die Internetseite des Moskauer Patriarchates berichtet, hat Hilarion die Glückwünsche des Moskauer Patriarchen zum 80. Geburtstag des Papstes, der am Samstag, den 17. Dezember gefeiert wird, überreicht.

Hilarion schenkte dem Papst eine Ikone des Heiligen Seraphim von Sarow (1759-1833).  Der Starez und Mystiker ist einer der wichtigsten Heiligen der russisch-orthodoxen Kirche.

Anlässlich seines vorherigen Besuchs am 15. September hatte Hilarion dem Papst bereits eine Reliquie Seraphims geschenkt.

Zum 70. Geburtstags Kyrills hatte der Papst am 20. November dem Patriarchen Moskaus eine Reliquie des heiligen Franziskus von Assisi überreichen lassen.

Im Laufe des Gesprächs haben der Papst und Hilarion am Samstag verschiedene bilaterale Themen besprochen. Wie der Metropolit erklärte, seien die im Laufe des historischen Treffens zwischen Papst Franziskus und Kyrill am 12. Februar auf Kuba angesprochenen Themen noch immer aktuell. Dies betreffe insbesondere „die Lage im Nahen Osten, wo die Terroristen weiter unschuldige Menschen töten“, so die Webseite des Patriarchats.

Die beiden Kirchenmänner besprachen auch die Entwicklung der Beziehungen zwischen Rom und Moskau im kulturellen Bereich. Am 25. November wurde in der Moskauer Tretjakow-Galerie die Ausstellung „Roma Aeterna“ mit 42 Meisterwerken aus den Vatikanischen Sammlungen für das Publikum geöffnet.

Ein weiteres Thema war das gemeinsame Konzert der Chöre des Moskauer Patriarchats und der Sixtinischen Kapelle, das am Sonntag in der römischen Basilika Santa Maria degli Angeli e dei Martiri stattfand.

An der Begegnung zwischen dem Papst und Hilarion nahmen Msgr. Visvaldas Kulbokas vom vatikanischen Staatssekretariat, und Pater Alexyi Dikarev vom Moskauer Patriarchat teil.

Das Konzert fand am Sonntag in Anwesenheit des Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, statt, der eine Botschaft vom Papst vorlas.

Vorbereitet wurde das Konzert von einer gemischten russisch-vatikanischen Arbeitsgruppe. Zum Abschluss sangen die beiden Chöre die Hymne „Wir preisen Gott“ des russischen Komponisten Dmitri Bortnjanski und „Tu es Petrus“ von Giovanni da Palestrina.

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Quelle

Russland: Kyrill will mit Katholiken für Frieden eintreten

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Kyrill I. und Putin

Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. will sich gemeinsam mit der katholischen Kirche für Frieden in Syrien starkmachen. Bei einer Begegnung mit dem Ökumene-Beauftragten des Vatikan, Kurienkardinal Kurt Koch, kündigte er am Dienstag in Moskau russischen Agenturberichten zufolge eine weitere Zusammenarbeit mit der römisch-katholischen Kirche an. Man wolle „mit vereinten Kräften erreichen, dass das Leid aufhört und die Menschen ein friedliches Leben haben“.

Syrien müsse vollständig wiederaufgebaut werden, hieß es weiter. Mit Blick auf Moskau und Washington sagte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche: „Beide Koalitionen haben ihren Kampf gegen den Terrorismus bisher nicht genügend koordiniert, um erfolgreich zu sein.“ Für die syrischen Christen sei es wichtig, dass auch die Kirchen wiedererrichtet würden. Die katholische und die russisch-orthodoxe Kirche hatten im Frühjahr ein gemeinsames Programm zum Wiederaufbau von christlichen Gotteshäusern beschlossen.

Kyrill I. sprach sich auch für die Umsetzung des Minsker  Friedensabkommens für die Ukraine aus. Er stehe weiter zu der im Februar auf Kuba mit Papst Franziskus vereinbarten „friedensstiftenden Mission“ für das osteuropäische Land.

(kna 23.11.2016 sk)

Russland: Putin ehrt Patriarch Kyrill

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Putin und Kyrill am 4. November in Moskau

Präsident Wladimir Putin hat den orthodoxen Moskauer Patriarchen Kyrill I. zu dessen 70. Geburtstag einen Orden verliehen. Das Kirchenoberhaupt erhalte den „Orden für  Verdienste um das Vaterland“, teilte der Kreml am Sonntag mit. Putin schrieb in einem Glückwunschtelegramm, der Patriarch schütze „konsequent und hart“ die Werte und Ideale der russisch-orthodoxen Kirche.

„Mit Ihrer unermüdlichen Sorge für die Bewahrung des einzigartigen kulturellen und geistlichen Erbes Russlands, für die Unterstützung von Familien und die Erziehung der jungen Generation haben Sie höchste, aufrichtige Achtung erworben“, heißt es darin. Kyrill I. trage mit seinem Engagement für den Dialog zwischen den Glaubensgemeinschaften und Ethnien enorm zur „Stärkung des Friedens und der gesellschaftlichen Eintracht in unserem Land“ bei.

Kyrill I. steht seit 2009 an der Spitze der mit Abstand größten orthodoxen Kirche. An seinem Geburtstag feierte er mit den Oberhäuptern zahlreicher anderer orthodoxen Kirchen eine Messe in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale.

(kna 20.11.2016 sk)

Kiewer Großerzbischof an Westen: „Gebt die Ukraine nicht auf!“

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Ansicht von Lviv/Lemberg im Westen der Ukraine

„Gebt die Ukraine nicht auf! Geht nicht den Weg einfacher Lösungen!“ Das sagt der Kiewer Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk in Richtung EU und Westen. Das ukrainische Volk sei „geeint im Streben, in die europäische Familie zurückzukehren, wohin es gehört“. Das gesamte Volk teile diese Einstellung, im Westen des Landes wie im Osten. „Alle wollen die Ukraine als ein freies europäisches Land sehen“, so das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche (UGKK) bei einem Besuch in Wien.

Die Prinzipien von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten seien unbestritten, unterstrich Schewtschuk. Das müsse freilich nicht zugleich auch eine sehr rasche Mitgliedschaft in der Europäischen Union bedeuten.

Laut Schewtschuk gilt die Orientierung Richtung Westen auch für die Bevölkerung in den besetzten Gebieten in der umkämpften Ostukraine. Er sprach von „gefangenen“ Menschen in der Region von Donezk und Lugansk, die auf ihren „Befreiung“ warten würden. Schewtschuk: „Die Menschen dort erkennen zunehmend, dass Russland sie nicht braucht und nicht will.“ Auch ihre Zukunft liege in einer freien und unabhängigen Ukraine.

Erst letzte Woche hatte Schewtschuk die Ostukraine besucht. Sein Eindruck: Eine Lösung des Konflikts könne nicht von außen kommen, sondern nur innerhalb der Ukraine seinen Anfang nehmen. Die Menschen seien „des Krieges müde“ und würden realisieren, dass ihnen niemand von außen helfen wird. Die Ukraine müsse sich in erster Linie selber helfen. „Deshalb brauchen wir innerhalb der Ukraine Reformen, Solidarität und Zusammenarbeit. Wir müssen all unsere inneren Kräfte mobilisieren, um mit dieser ausländischen Agression umzugehen.“ Er setze voll auf die Zivilgesellschaft, so der Großerzbischof. „Politiker kommen und gehen, aber das Volk bleibt!“

Angesprochen auf die immer noch weit verbreitete Korruption in der Ukraine, meinte das Kirchenoberhaupt, dass dies zuerst einmal ein moralisches Problem sei. Deshalb bemühe sich die Kirche auf vielfältige Weise, das Bewusstsein der Menschen für die „Sündhaftigkeit“ von Korruption zu schärfen. Schewtschuk sprach sich für „Null-Toleranz“ gegenüber Korruption welcher Art auch immer aus, denn: „Korruption zerstört unser Land.“ Erste kleine Erfolge eines Bewusstseinswandels erkenne er schon, so Schewtschuk.

In der Frage nach der möglichen Bedeutung der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA für die politische Entwicklung in der Ukraine wollte sich der Großerzbischof nicht festlegen. Trump sei derzeit schlicht ein „großes Geheimnis“, seine politischen Vorhaben seien nicht vorhersehbar. Er hoffe aber sehr, so Schewtschuk, dass sich der neue Präsident auch seiner weltpolitischen Verantwortung bewusst sei. Die USA dürfe ihre weltpolitische Führungsrolle nicht aufgeben.

Der Papst und die Ukraine

Großerzbischof Schewtschuk war am Freitag von Rom aus nach Wien gereist. Am Donnerstag war er im Vatikan von Papst Franziskus zu einer Privataudienz empfangen worden. Der Papst sei den leidenden Menschen in der Ukraine sehr nahe, berichtete Schewtschuk, im Gebet, aber auch in der konkreten Tat. Der Großerzbischof erinnerte daran, dass es nach der Begegnung des Papstes mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill auf Kuba im Februar in der Ukraine „Unverständnis“ gegeben habe.

Einige Punkte der gemeinsamen Erklärung von Papst und Patriarch hätten nach Ansicht der Ukrainer nicht die tatsächliche politische und kirchliche Situation vor Ort in der Ukraine wiedergespiegelt. „Es war deshalb unsere Pflicht, den Papst aufzuklären“, so Schewtschuk wörtlich. Das sei bei einer Begegnung der ukrainischen griechisch-katholischen Bischöfe mit Franziskus am 5. März passiert. Schewtschuk: „Unsere Botschaft war: Heiliger Vater, Sie haben Patriarch Kyrill umarmt, nun umarmen sie bitte auch das ukrainische Volk.“ Und er habe dies auch getan.

Franziskus startete die humanitäre Hilfsaktion „Der Papst für die Ukraine“ und entsandte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin in die Ukraine. Schewtschuk: „Die Ukrainer sind ihm dafür dankbar.“

Innerkirchliche Konflikte

Wie der Großerzbischof weiter sagte, teilten zudem alle Kirchen und Religionsgemeinschaften in der Ukraine die Überzeugung, dass Religion nicht für politische Zwecke missbraucht werden dürfe. Insofern herrsche durchaus „religiöser Friede“ in der Ukraine.

Allerdings gibt es auch eine Reihe innerorthodoxer Konflikte, die die Ukraine beschäftigen. In diese Auseinandersetzungen, etwa zwischen dem Moskauer Patriarchat und dem Patriarchat von Konstantinopel oder zwischen der Ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats und dem Kiewer Patriarchat, mische man sich aus Prinzip nicht ein, unterstrich der Großerzbischof: „Wir können ihre internen Probleme nicht lösen.“

Indirekt würden diese Konflikte freilich auch die UGKK betreffen: „Das Moskauer Patriarchat wirft uns ständig vor, ein Hindernis für die Versöhnung und Zusammenarbeit zwischen Orthodoxie und Römisch-katholischer Kirche zu sein.“ Auf der anderen Seite gebe es aber gute Beziehungen seiner Kirche zum Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel, hielt der Großerzbischof diesen Moskauer Anschuldigungen entgegen.

Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche (UGKK) ist heute eine der religiös und gesellschaftlich bedeutendsten Kirchen in der Ukraine. Tausende Gläubige dieser Kirche leben auch in Österreich, das seit fast 300 Jahren Ziel einer starken ukrainischen Migration ist. Die UGKK entstand 1596 durch die Kirchenunion von Brest, als sich ein Teil der orthodoxen Bischöfe zur Gemeinschaft mit dem Papst entschloss.

(kap 12.11.2016 sk)

KIRCHE IN NOT: BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN ROM UND MOSKAU (4)

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Ein kurzer Rückfall in die Eiszeit

Man darf nicht vergessen, dass sich ein Jahrtausend der Trennung nicht einfach spurlos auslöschen lässt. Dennoch sind sich alle Seiten einig: Es gibt zu diesem Dialog der Liebe und der Wahrheit keine Alternative. Die Erfahrung zeigt: Aufrichtige Liebe bleibt in den meisten Fällen nicht ohne Echo. Ein orthodoxer Priester schrieb Pater Werenfried zu Beginn dieser Hilfsaktion: „Dies ist ein historisches Ereignis und ein entscheidender Schritt, um Misstrauen und Rivalitäten zu überwinden, auch wenn sich die Geister nicht plötzlich ändern. Derartige Prozesse erfordern viel Zeit, um ins Bewusstsein der Men­schen einzudringen. Ich bin sehr dankbar und gerührt wegen des Verständnisses, das unserer Kirche entgegengebracht wird, und wegen der Demut dieses Entgegenkom­mens. Es ist eine große Hilfe, aber auch eine große Belehrung.“

Dass es im Prozess der Annäherung der beiden Schwesterkirchen nicht nur Sternstun­den, sondern auch Tiefpunkte geben musste, versteht sich von selbst. Anfang Novem­ber 2008 unterstrich Metropolit Kyrill, der „Außenminister“ des Moskauer Patriarchats, der nur drei Monate später selbst Patriarch werden sollte, gegenüber einer hochrangi­gen Delegation von KIRCHE IN NOT, dass das Hilfswerk „auch in schwierigen Zeiten das einzige Band gewesen ist, das unsere Kirchen verbunden hat“, und dankte dafür, dass KIRCHE IN NOT auch dann die Hilfe fortgesetzt hatte, als es nicht leicht war. Er lobte die guten Beziehungen, die KIRCHE IN NOT zu Eparchien, Klöstern, Seminaren und Akademien unterhält.

„Nicht leicht“ war die Situation insbesondere, als der Vatikan entschied, am 11. Februar 2002 die vier Apostolischen Vikariate, die die katholische Kirche in Moskau, Nowosi­birsk, Irkutsk und Saratow eingerichtet hatte, zu Bistümern zu erheben. Das Moskauer Patriarchat war erheblich verstimmt, und zwar vor allem deshalb, weil es ein Abkom­men zwischen dem Patriarchat und dem Vatikan darüber gab, dass der Vatikan in Russ­land keine strukturellen Änderungen durchführen würde, ohne im Vorfeld Kontakt mit dem Patriarchat aufzunehmen. In diesem Fall fühlte sich das Patriarchat nicht recht­zeitig informiert, was zu einer vorübergehenden Eiszeit führte. Die Wellen schlugen hoch, und die Weltpresse stellte sich größtenteils auf die Seite des Vatikans. Damals wurde auch in den Leitungsgremien von KIRCHE IN NOT darüber beratschlagt, ob die Hilfe für die Russische Orthodoxe Kirche fortgesetzt werden solle. Antonia Willemsen erinnert sich an die Situation, in der alles auf der Kippe stand, was in den Jahren zuvor erreicht worden war: „Ich war entsetzt und fürchtete, dass eine übereilte Entscheidung unserer mühevollen Arbeit großen Schaden zufügen konnte. Ich schlug vor, drei Ku­rienkardinäle, darunter Kardinal Ratzinger, um ihre Stellungnahme in dieser heiklen Angelegenheit zu bitten. Ich wurde von Kardinal Ratzinger empfangen. Er nahm sich Zeit, sich das Problem anzuhören, und sagte mir, dass wir selbstverständlich unsere Hilfe jetzt nicht kappen sollten. Ein vorübergehendes Problem dürfe die mühsam auf­gebaute vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht zerstören. Er schrieb anschließend noch einen Brief mit Empfehlungen über unsere Zusammenarbeit mit dem Moskauer Patriarchat. Da auch die beiden anderen Kardinäle sich ähnlich positiv zugunsten einer weiteren Zusammenarbeit mit der Russischen Orthodoxen Kirche geäußert hatten, konnten wir die Projektarbeit und die Kontakte mit dem Patriarchat ohne Unterbre­chung weiterführen.“

Antonia Willemsen, die sich viele Jahre lang besonders für den Dialog mit der Russi­schen Orthodoxen Kirche eingesetzt und Russland viele Male bereist hat, wurde von Patriarch Aleksij II. für ihr Engagement mit dem „Orden der heiligen apostelgleichen Fürstin Olga“ ausgezeichnet. Der Patriarch gratulierte ihr mit einem persönlichen Schreiben zu ihrem 65. Geburtstag und schrieb: „Mit Dankbarkeit sehe ich Ihr jahre­langes persönliches Bemühen um die Festigung und Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen KIRCHE IN NOT und der Russischen Orthodoxen Kirche.“ Auch Metropolit Ky­rill gratulierte ihr und verwies auf die langen Jahre der engen Zusammenarbeit: „Wir kennen uns schon lange Zeit, und ich möchte besonders hervorheben, dass Ihre Tätig­keit in der Stellung der Generalsekretärin von KIRCHE IN NOT die Entwicklung der guten Beziehungen zwischen dem von Ihnen geführten Werk und der Russischen Orthodoxen Kirche gefördert hat.“

Bisweilen kann eine Krise auch ein Mittel der Göttlichen Vorsehung sein. Denn die Ver­stimmung, zu der es 2002 durch die Errichtung der Diözesen in Russland kam, führte letztlich dazu, dass Kardinal Ratzinger, dem später als Papst die Ökumene mit der Rus­sischen Orthodoxen Kirche weiterhin ein Herzensanliegen blieb und der sich nur sieben Jahre nach dieser Krise als erster Papst mit einer Ansprache an das russische Volk wen­den sollte, die Direktive gab, dass der Dialog mit der Russischen Orthodoxen Kirche auch auf höchster Ebene geführt werden sollte. Das heißt, zu den vielen Initiativen einer „Ökumene der Liebe“ kam auch die Entwicklung einer Beziehung auf diplomati­scher und bürokratischer Ebene. Im November 2002, nur einige Monate nach dem Be­ginn der Krise, wurde Erzbischof Antonio Mennini zum Apostolischen Nuntius in der Russischen Föderation ernannt. Dies war kein Zufall, denn er hatte sich als Botschafter des Heiligen Stuhls in Bulgarien bereits in einem mehrheitlich orthodoxen Land be­währt und verfügte somit über reiche Erfahrungen, die ihn für seinen Einsatz in Russ­land qualifizierten. Er hatte unter anderem die Reise Papst Johannes Pauls II. nach Bulgarien vorbereitet, die im Mai 2002 stattfand. Während dieser Reise stattete der Papst auch dem bulgarisch-orthodoxen Patriarchen Maxim einen Besuch ab.

Antonia Willemsen sagt: „Erzbischof Mennini hat wirklich eine außerordentliche Arbeit geleistet. Er hat keine Mühe gescheut und ist durch ganz Russland gereist, um sowohl Katholiken als auch Orthodoxe zu besuchen. Wenn er sich mit orthodoxen Bischöfen traf, lud er oft die katholischen Bischöfe zu dem Treffen ein, damit sie ihre orthodoxen Amtsbrüder besser kennenlernen konnten. Er hat alles getan, um ein gutes Verhältnis zu den orthodoxen Bischöfen aufzubauen, und es ist ihm gelungen.“ Sie reiste mit dem Nuntius und Peter Humeniuk im Juni 2004 auf die Klosterinsel Solowetzki, die zu Sow­jetzeiten ein Straflager war. Es war das erste Mal, dass ein katholischer Würdenträger das ehemalige Lager besuchte. Antonia Willemsen erinnert sich: „Es war eine sehr ein­drucksvolle Reise. Dieses ehemalige Lager ist ein grauenvoller Ort. Wir haben die Bot­schaften gesehen, die die Gefangenen in das Holz einer Kapelle eingeritzt hatten. Es war damals Sommer. Wir wurden von den entsetzlichen Mückenschwärmen geplagt, die auch die Gefangenen gepeinigt haben. Noch nach Wochen sieht man die Stiche auf der Haut.“ Schön war die Begegnung mit dem orthodoxen Bischof von Archangelsk, in dessen Eparchie Solowetzki liegt. Antonia Willemsen erinnert sich: „Archangelsk be­deutet so etwas wie ,Stadt des Erzengels‘. Es ist beindruckend, dass die Statue des Erzengels Michael dort auch zu Sowjetzeiten stehenblieb und die Stadt nie umbenannt wurde. Als der Nuntius den orthodoxen Bischof besuchte, erfuhr er, dass es in der Stadt einen katholischen Priester gab, einen Polen. Er gehörte zur Diözese Moskau, aber Moskau ist fast 1000 Kilometer entfernt. So war der Priester bei seiner Ankunft zu dem orthodoxen Bischof gegangen und hatte ihn um seinen Segen gebeten. Bisweilen bat er ihn auch um Rat. Der Nuntius war sehr erfreut, als er hörte, dass dank der Offenheit dieses Priesters der Kontakt zu den Orthodoxen so freundschaftlich und gut war.“

Menninis erfolgreiches diplomatisches Wirken führte dazu, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Moskauer Patriarchat und den entsprechenden vatikanischen Behörden immer enger wurde. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass 2010 die diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls in Moskau in den Rang einer vollen Apos­tolischen Nuntiatur erhoben wurde. Bis dahin bestanden zwischen dem Vatikan und der Russischen Föderation nur Arbeitsbeziehungen auf unterer diplomatischer Ebene. Jesuitenpater Igor Kovalevskij, Generalsekretär und Sprecher der Katholischen Bi­schofskonferenz in Russland, bezeichnete die Einrichtung der vollen diplomatischen Beziehungen zwischen dem Vatikan und der Russischen Föderation als „herausragen­des Ereignis“ des Jahres 2010. Dieser Schritt hat in der Tat eine große Bedeutung für die Katholiken in Russland, denn ihr Status in der russischen Gesellschaft wurde da­durch aufgewertet. Es zeigt sich daran auch, dass der russische Staat gegenüber dem Vatikan eine klare Position bezogen hat, was aus der jüngsten historischen Perspektive gesehen keine Selbstverständlichkeit ist. Dies hat auch eine ökumenische Dimension, denn trotz der Trennung zwischen Staat und Kirche in Russland wäre dieser Schritt nicht ohne die Zustimmung des Moskauer Patriarchats erfolgt. Der Dialog findet so heutzutage auf allen Ebenen statt – von der höchsten diplomatischen Ebene zwischen den Kirchenleitungen bis hin zu den Pfarreien und Seminaren.

 

Rosenkranz auf dem Roten Platz

Es war für Pater Werenfried eine große Gnade, dass er das Ende des Kommunismus in Osteuropa noch erleben durfte. Nie hatte er vergessen, was Papst Pius XII. 1955 wäh­rend einer Privataudienz in Castel Gandolfo zu ihm gesagt hatte: „Jeder rüstet sich für den Krieg, aber fast niemand denkt daran, sich für den Frieden vorzubereiten, wenn dieser plötzlich hereinbricht.“ Dieser Satz hatte sich ihm für immer ins Herz gebrannt und veranlasste ihn dazu, in einer Welt, in der Hass, Unterdrückung und Krieg an der Tagesordnung sind, unverzüglich Vorbereitungen für eine bessere Zukunft zu treffen. Sein Leben lang hatte er sich auf diesen großen Tag vorbereitet. Nun reiste er im Okto­ber 1992 zum ersten Mal nach Russland, um zu sehen, wie er den Christen – den ka­tholischen und den orthodoxen – dabei helfen konnte, das Leben ihrer Kirche aus den Ruinen wiederaufzubauen.

Auf seiner Reise erregte Pater Werenfried aufgrund seines weißen Ordensgewandes Aufsehen. Plötzlich liefen Menschen zusammen, Rufe wurden laut: „Papa rimskij, papa rimskij! Der Papst von Rom!“ Auch wenn es nicht der Papst war, der durch Moskau spa­zierte, war es eine historische Reise. Endlich war wahr geworden, was Pater Werenfried schon Jahrzehnte zuvor vorausgesagt hatte, als es noch kaum jemand für möglich ge­halten hatte: „Die Superporträts der modernen Goliaths, die von allen Kremls so he­rausfordernd auf die Massen herabschauten, sind zerfetzt, und ihre Gebeine werden zu Staub zerfallen. Die Porträts werden den Ikonen Platz machen, und in Ewigkeit wird wahr bleiben, was die Kirche zu Ostern Christus und uns in den Mund legt: Ich bin auf­erstanden und bin noch bei dir. Halleluja. Du hast deine Hand auf mich gelegt. Halleluja. Wunderbar ist deine Weisheit. Halleluja, halleluja, halleluja!“

Einer der Höhepunkte der Reise war, als Pater Werenfried am 13. Oktober 1992 mit ei­nigen Mitarbeitern und Ordensfrauen auf dem Roten Platz in Moskau bei der Wachab­lösung vor dem Lenin-Mausoleum den Rosenkranz betete. Es herrschte schneidende Kälte, aber Pater Werenfried sagte, er habe sich an diesem Tag nicht „achtzig Jahre alt, sondern viermal zwanzig Jahre jung“ gefühlt. Mit lauter Stimme hatte er jahrzehntelang die Wahrheit über den Kommunismus verkündet, und dabei hatte er oft einem Rufer in der Wüste geglichen, denn viele Menschen im Westen wollten es nicht wahrhaben, dass die angebliche „Religionsfreiheit“ die „Befreiung von jeder Religion“, wie es der österreichische Kardinal Franz König 1964 so treffend ausgedrückt hatte, bedeuten sollte. Seine Gegner nannten Pater Werenfried den „letzten General des Kalten Krie­ges“, aber es ging ihm nicht darum, Fronten zu verhärten, sondern er hatte verstanden, dass der Kommunismus seinem Wesen nach „ein Totalaufstand gegen Gott“ ist, und diese Wahrheit predigte er unbeirrt.

Die Kommunisten im damaligen Ostblock hatten ihn ernstgenommen. So entdeckte beispielsweise ein Mitarbeiter Pater Werenfrieds 1962 auf dem „Platz der Oktoberre­volution“ in Prag eine Reihe antikirchlicher Plakate mit Großaufnahmen des 1958 verstorbenen Papstes Pius XII. sowie einiger Kardinäle. Daneben hing auch das Bild Pater Werenfrieds. Darunter stand geschrieben: „Pastor van Straaten ist Kommandant einer kirchlichen Fremdenlegion. Er zieht den Gläubigen Geld und Schmuck aus der Tasche für die Ausbildung von 1500 Priesterspionen. Sie üben sich im Gebrauch von Waffen für den Tag X. Aus diesem Grund hat die Bundesrepublik Deutschland ein Geheimab­kommen mit der katholischen Kirche geschlossen.“ Tito, der kommunistische Diktator Jugoslawiens, hatte sich sogar persönlich beim Vatikan darüber beschwert, dass das von Pater Werenfried gegründete Hilfswerk, das auf Italienisch „Hilfe für die verfolgte Kirche“ („Aiuto alla Chiesa Perseguitata“) hieß, in seinem Land tätig war, obgleich er, wie er behauptete, „die Kirche gar nicht verfolgte“.

Nach vielen Jahren des unermüdlichen Einsatzes für die verfolgte „Kirche des Schwei­gens“ hinter dem Eisernen Vorhang war nun der große Tag da: Pater Werenfried betrat am 10. Oktober 1992 russischen Boden. Sein erster Weg in Moskau führte ihn zum Apos­tolischen Nuntius, Erzbischof Francesco Colasuonno. Antonia Willemsen, die damals dabei war, erinnert sich: „Die Vertretung des Heiligen Stuhls, die erst seit 1990 bestand, war damals noch in einem kleinen Appartement in einem Moskauer Wohnblock unter­gebracht. Die Anfänge waren wirklich sehr einfach.“ Pater Werenfried berichtete dem Vatikanbotschafter von der geplanten ökumenischen Rosenkranzgebetsaktion, die drei Anliegen haben würde: 1) die Bekehrung des materialistischen Westens, die für Pater Werenfried die Voraussetzung für die Neuevangelisierung Russlands war, 2) den Sieg Christi in Russland und 3) die Versöhnung von orthodoxer und katholischer Kirche. Zu diesem Zweck hatte KIRCHE IN NOT auf Russisch und in sechs westeuropäischen Spra­chen ein Rosenkranzbüchlein unter dem Titel „Unter deinem Schutz und Schirm“ he­rausgegeben, auf dessen Titelbild die Ikone der Muttergottes von Kasan abgebildet war und das mit Texten aus der byzantinischen Liturgie angereichert war. Das Büchlein er­schien in einer Gesamtauflage von 500.000 Exemplaren. Papst Johannes Paul II., der die ökumenische Rosenkranzaktion sehr begrüßte, segnete dafür 50.000 Rosenkränze. Pater Werenfried schenkte dem Nuntius ein Exemplar der Broschüre, das dieser mit gro­ßer Freude entgegennahm. Erzbischof Colasuonno legte Pater Werenfried ans Herz, „den Orthodoxen zu helfen, ohne den Kontakt mit den Katholiken zu verlieren, und den Ka­tholiken, ohne die Orthodoxen aus den Augen zu verlieren“. Ersteres war selbstver­ständlich, denn KIRCHE IN NOT unterstützt von jeher die katholische Kirche in ihren Nöten und Bedürfnissen, und es war nie die Rede davon gewesen, die katholischen Bi­schöfe, Priester und Gläubigen in Russland zugunsten der Hilfe für die orthodoxe Kirche zu benachteiligen. Die Aufforderung, den Katholiken zu helfen, ohne die Orthodoxen zu vergessen, bekräftigte hingegen die neue Dimension der Hilfe in Russland. Nach einem gemeinsamen Gebet sagte Erzbischof Colasuonno schließlich: „Wir haben zur Mutter­gottes in dem Anliegen der Wiedervereinigung der Kirchen gebetet. Im Namen des Hei­ligen Vaters segne ich diese Aktion, die Seiner Heiligkeit so sehr am Herzen liegt.“

Pater Werenfried stellte die Initiative sowohl in den katholischen als auch in den or­thodoxen Gotteshäusern vor, die er während seiner Reise besuchte. Zudem wurde der Gebetsaufruf vom staatlichen Radioprogramm „Ostankino“ gesendet, so dass sich ihm katholische und orthodoxe Christen im ganzen Land anschließen konnten. In der St.-Ludwig-Kirche, der einzigen katholischen Kirche, in der zu dieser Zeit in Moskau Gottesdienste abgehalten wurden, feierte er die heilige Messe. Das Gotteshaus befin­det sich in unmittelbarer Nähe der berüchtigten KGB-Zentrale Lubjanka, wo unzählige politische Gefangene verhört, gefoltert und zur Zeit Stalins auch hingerichtet wurden.

Am Nachmittag des 13. Oktobers wurde Pater Werenfried von Patriarch Aleksij II., dem damaligen Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, empfangen. Die Audienz dauerte eineinhalb Stunden. Pater Werenfried erklärte dem Patriarchen, was KIRCHE IN NOT tut, und äußerte den Wunsch, der orthodoxen Kirche zu helfen und mit ihr ge­meinsam zu beten. Der Patriarch war zwar zunächst zurückhaltend und brachte die beiden Hauptprobleme zwischen der Römischen Katholischen Kirche und der Russi­schen Orthodoxen Kirche zum Ausdruck: die Sorge vor einem Abwerben der orthodo­xen Gläubigen durch die katholische Kirche sowie die Probleme zwischen der orthodoxen und der Griechisch-Katholischen Kirche in der Ukraine. Insgesamt begrüßte er aber die angebotene Hilfe und sagte: „Nach dem Zusammenbruch des totalitären Regimes haben die Menschen begriffen, dass sich ohne ein geistliches und moralisches Fundament kein Leben für morgen aufbauen lässt. Ich danke Ihnen für Ihren Wunsch, der Russischen Orthodoxen Kirche zu helfen, die jetzt nach Jahrzehnten der Verfolgung und des Leids eine schwere Zeit des Wiederaufbaus durchläuft.“ Er gab der Initiative seinen Segen und ermutigte Pater Werenfried ausdrücklich dazu, mit den Orthodoxen in Kontakt zu kommen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Audienz endete mit Heiterkeit. Als der Patriarch, der einer deutsch-baltischen Familie entstammte, Pater Werenfried auf Deutsch fragte, ob er Deutsch könne, bejahte es Pater Werenfried, und als er zurückfragte: „Und Sie?“, ihm aber im selben Augenblick klar wurde, dass der Patriarch ihn ja auf Deutsch angesprochen hatte, fingen beide Männer zu lachen an. Sie verabschiedeten sich mit einer herzlichen Umarmung.

Während seiner Reise besuchte Pater Werenfried die orthodoxe theologische Akademie im Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad, das zu Sowjetzeiten in Sagorsk umbe­nannt worden war. Das Kloster, das eines der wichtigsten geistlichen Zentren der Rus­sischen Orthodoxen Kirche ist, wurde um das Jahr 1340 vom heiligen Sergij von Radonesch gegründet, einem der größten russischen Heiligen. Sein weltlicher Name war Warfolomej (Bartholomäus). Geboren wurde er im Jahr 131o. Seine Eltern waren fromme Bojaren (Adelige) aus Rostow. Aus seinem Leben wird berichtet, dass er sich als Kind schwer damit tat, lesen und schreiben zu lernen, und daher in der Schule viel zu leiden hatte. Eines Tages begegnete er auf seinem Schulweg einem ehrwürdigen Priestermönch, der ihn segnete und ihm versprach, von nun an werde Gott ihm helfen. Der Junge lud ihn in sein Elternhaus ein. Dort empfingen ihn die Eltern des Jungen mit großer Ehrerbietung. Nach dem gemeinsamen Mahl reichte der alte Mönch dem Kna­ben das Stundenbuch und forderte ihn auf, daraus vorzulesen. Der Junge sagte, er könne nicht lesen, aber nachdem er den Segen des Mönches empfangen hatte, staun­ten alle, denn er las die Psalmen klar und fehlerlos. Als der alte Mönch das Haus verließ, sprach er: „Dieses Kind wird zur Wohnstatt der Heiligen Dreifaltigkeit werden und eine große Zahl von Menschen zur Erkenntnis des göttlichen Willens führen.“ Als Warfolomej 23 Jahre alt war und seine Eltern gestorben waren, richtete er im Wald eine Einsiedelei mit einer kleinen Kirche ein, die der Heiligsten Dreifaltigkeit geweiht wurde. Er nahm als Mönch den Namen Sergij an und lebte in strengster Askese und unablässigem Gebet. Es wird berichtet, dass ihm eines Nachts, als er vor der Ikone der Muttergottes den Akathistos-Hymnus sang, die Heilige Jungfrau erschien, die von den Aposteln Pe­trus und Johannes begleitet wurde. Der heilige Sergij warf sich nieder, doch die Got­tesmutter berührte ihn mit ihrer Hand und sagte: „Fürchte dich nicht, mein Auserwählter! Ich bin gekommen, weil ich dein Gebet für deine Jünger und diesen Ort gehört habe. Von nun an werde ich dein Kloster nicht mehr verlassen und es beschüt­zen, solange du lebst, und auch danach.“ Mit der Zeit verbreitete sich die Nachricht, dass auf sein Gebet hin Wunder und Heilungen geschehen würden. So pilgerten Hilfe­suchende aus ganz Russland zu ihm. Zu den Ratsuchenden gehörte auch der Moskauer Fürst Dimitrij Donskoj, der 1380 den Heiligen aufsuchte, um für die entscheidende Schlacht gegen die Tataren um seinen Segen zu bitten. In der Tat besiegte Fürst Dimitrij am 8. September 1380 auf dem Kulikowo Pole (Schnepfenfeld) die Tataren, unter deren Joch das Land seit dem 13. Jahrhundert gestanden hatte. Seitdem stand das Dreifal­tigkeitskloster unter der besonderen Obhut der Moskauer Fürsten.

Im Laufe der Zeit schlossen sich dem heiligen Sergij immer mehr Mönche an. Seine Schüler und Nachfolger, unter denen siebzig waren, die heiliggesprochen wurden, grün­deten fünfzig neue Klöster in ganz Russland. Am 25. September 1392 entschlief der Heilige im Alter von 78 Jahren. Abgebildet wird der heilige Sergij von Radonesch oft mit einem zutraulichen Bären, denn die wilden Tiere taten ihm nichts zuleide. Die Le­gende erzählt, dass der Heilige mit einem hungrigen Bären seine karge Brotration teilte. Bis heute ist das Grab des Heiligen eine der bedeutendsten Pilgerstätten Russlands.

Das Dreifaltigkeitskloster war eines der wenigen Klöster, die auch zu Sowjetzeiten nicht geschlossen wurden. Es diente den Kommunisten als „Vorzeigeobjekt“, um gegenüber dem Westen zu beweisen, dass das kirchliche Leben nicht eingeschränkt wurde. Ob­wohl das Kloster daher in einem besseren Zustand war als viele andere, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Kirche als Ruinen zurückerstattet wurden, brauchte vor allem die Geistliche Akademie dringend Hilfe bei der Ausbildung der an­gehenden Priester. Der Prorektor begrüßte Pater Werenfried herzlich und lud ihn ein, bald wiederzukommen und zu den Hunderten Seminaristen zu sprechen. Zum Abschied umarmten sich die beiden Männer herzlich.

Pater Werenfried ließ es sich trotz des Schneeregens nicht nehmen, am Grab des er­mordeten orthodoxen Priesters Aleksandr Men in Nowaja Derewnja zu beten, das ganz in der Nähe von Sergijew Possad gelegen ist. Am 9. September1990, einem Sonntag, hatten die zum Gottesdienst versammelten Gläubigen vergeblich auf ihren Priester ge­wartet. Er war nur wenige Schritte von seinem Haus entfernt von einem Unbekannten mit einem Beil niedergeschlagen worden. Der Mörder wurde nie gefunden. „Das Eigene lieben, heißt nicht, das Fremde hassen“, war einer der Leitsätze seines Lebens. Er hatte von jeher den Dialog gesucht, hatte Wege der geistlichen Erneuerung gesucht und hatte auch in der katholischen Kirche viele Freunde.

Aleksandr Men war 1960 zum Priester geweiht worden. In der sogenannten „Tauwet­terperiode“ wurde zwar den Intellektuellen etwas mehr Freiheit gewährt, aber die Ver­folgung der Kirche nahm unter Chruschtschow wieder brutalere Ausmaße an: Von den 10.000 Kirchen, in denen nach dem Tod Stalins 1953 wieder Gottesdienste gefeiert wur­den, war 1959 die Hälfte wieder geschlossen. Auch Klöster und Priesterseminare wur­den wieder aufgehoben. Zwar gab es im Gegensatz zur Vergangenheit nur noch wenige Todesurteile, aber es wurden jedes Jahr Hunderte Gläubige verhaftet. Die Medien führ­ten eine Hetzkampagne gegen den christlichen Glauben. Die zahlreichen von Aleksandr Men verfassten theologischen und geistlichen Bücher wurden daher zu Sowjetzeiten teils als hand- oder maschinengeschriebene Abschriften von Hand zu Hand weiterge­reicht, teils mit Unterstützung der „Ostpriesterhilfe“ (heute KIRCHE IN NOT) unter Pseu­donymen in Belgien gedruckt und von ausländischen Reisenden in die Sowjetunion geschmuggelt.

Nun stand Pater Werenfried am Grab dieses großen Priesters, der am Abend vor seiner Ermordung bei der Eröffnung der von ihm gegründeten „Offenen orthodoxen Universi­tät“ noch gesagt hatte: „Im Christentum ist die Welt geheiligt, während das Böse, die Sünde und der Tod besiegt sind. Aber der Sieg gehört Gott. Er begann am Morgen der Auferstehung und dauert fort, solange die Welt besteht.“

Neue Freunde

Papst Johannes Paul II. ließ sich am 25. Januar 1993 von Pater Werenfried persönlich über die Ergebnisse seiner ersten Russlandreise berichten und war hocherfreut über den Erfolg der Begegnungen. Bei dieser Gelegenheit unterstrich der Papst noch einmal, dass „der Weg zur Einheit der Christen in Russland nicht über die Abwerbung von or­thodoxen Gläubigen, sondern über die Zusammenarbeit und den brüderlichen Dialog führen“ müsse.

Einen wirklichen Freund hatte Pater Werenfried in dem damals erst 46-jährigen ortho­doxen Erzbischof von Nowgorod gefunden, der drei Jahre lang am „Päpstlichen Kolle­gium Russicum“ in Rom studiert hatte und daher von Jugend an gute Kontakte zur katholischen Kirche hatte. Die Eparchie von Nowgorod besteht bereits seit dem Jahr 989, das heißt, sie wurde nur ein Jahr nach der Taufe der Rus‘ eingerichtet. Erzbischof Lew, der 2012 zum Metropoliten ernannt wurde, lud Pater Werenfried im Oktober des­selben Jahres während der feierlichen Liturgie zum Fest des heiligen Fürsten Wladimir, des „Wundertäters von Nowgorod“, der das Volk der Rus‘ christianisiert hatte, ein, den Altarraum hinter der Ikonostase zu betreten. Dies war eine sehr hohe Ehre, da normalerweise nur orthodoxe Priester den Altarraum betreten dürfen. Er gestattete ihm auch, durch die „Königstür“ zu treten und vor Hunderten Gläubigen zu predigen. Die Königstür ist die mittlere und größte der drei Türen der Ikonostase. Sie heißt so, weil durch sie „der Herr der Herrlichkeit selbst, Jesus Christus, in Gestalt der Heiligen Gaben schreitet“. Pater Werenfried sprach mit großer innerer Bewegung zu den Gläubigen, und man konnte ihm ansehen, was für ein großer Augenblick es für ihn war.

Im Gespräch mit Pater Werenfried sagte Erzbischof Lew: „Ihr Name KIRCHE IN NOT entspricht genau unserer Situation. Ich hoffe und glaube, dass wir aus dieser Lage herausfinden werden.“ Pater Werenfried sagte ihm seine Hilfe zu und erwiderte: „Wenn es eine Kirche gibt, die der Russischen Orthodoxen Kirche helfen muss, so ist es die Römische Katholische Kirche. Tausend Jahre waren wir eins. Wir haben denselben Glau­ben, dieselben Sakramente, wir sind dazu bestimmt, wieder eins zu werden. Wir müs­sen einander lieben, gemeinsam das Evangelium verkünden und zusammen aus den Ruinen dieses Jahrhunderts wieder aufstehen.“ Erzbischof Lew nahm diese Beteuerung mit sichtlicher Freude auf. Gemeinsam überquerten die beiden neuen Freunde die ma­rode Brücke, die zum lwerski-Kloster führt, das auf einer Insel im Waldai-See liegt. Im Jahr der Oktoberrevolution verbrannten mehr als 400 Bücher der Klosterbibliothek. Mutige Einwohner von Waldai retteten viele Bücher und Kunstschätze. Das Kloster wurde 1927 geschlossen und als Werkstätten, Krankenhaus, Schule und Sanatorium genutzt. 1991 wurden der Kirche die Gebäude zurückerstattet und das Kloster wieder­eröffnet. Pater Werenfried war erschüttert von dem „Ort der Verwüstung“, als den er das zurückerstattete Kloster vorfand. Zu der Zeit lebten dort nur zwei Mönche und zwei Novizen, die, wie Pater Werenfried schrieb, „mit einem Glauben, der Berge versetzt, ihre Zeit mit Gebet und Trümmeraufräumen verbringen.“ „Wir reparieren das Kloster und unsere Seelen“, sagte ihm der Abt.

Zwei Jahre später reiste Pater Werenfried im Alter von einundachtzig Jahren noch einmal nach Russland. Diesmal führte ihn seine Reise, die vom 28. August bis 12. September 1994 dauerte, bis nach Sibirien. Johannes Paul II. hatte zwei Monate zuvor, am 13. Juni 994, die Kardinäle, die zum außerordentlichen Konsistorium nach Rom berufen worden waren, noch einmal dazu aufgerufen, „Vertrauen zu haben, dass sie [die Muttergottes] uns nach der Logik ihres mütterlichen Herzens helfen wird, Wege des gegenseitigen Einvernehmens zwischen dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten zu finden“. Darin bestehe in Hinblick auf das Jahr 2000 „vielleicht unsere größte Aufgabe“. Pater Werenfried ließ sich die Gelegenheit, diese Wege selbst im fernen Sibirien zu suchen, nicht entgehen. „Dutzende Male habe ich vor orthodoxen Gläubigen, Mönchen, Schwestern, Priestern, Professoren und Journalisten gesprochen oder in Dörfern und Weilern die kleine Herde Jesu getröstet, die nur selten ein katholischer oder orthodoxer Priester besucht“, berichtete er. Als einen Höhepunkt seiner Reise be­rachtete er die Begegnung mit rund einhundert Studentinnen und Studenten an der orthodoxen theologischen Fakultät der Universität zu Omsk. Diese „frischen und un­ierbrauchten jungen Menschen“ hätten ihn „mit Fragen bestürmt“, freute sich Pater Nerenfried.

Traurig machte ihn eine andere – wenn auch nicht weniger herzliche – Begegnung: „Wir besuchten die Gemeinschaft eines einzigen orthodoxen Priestermönches mit seinen sechs Novizen. In bitterer Armut bewohnten sie ein zerfallenes Holzhaus und bauen seit zwei Jahren die Klosterkirche wieder auf. Mit einem Stiefel, der als Blasebalg dient, fachten sie ein Feuer an und boten uns glühend heißen Tee aus einem Samowar an, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Im Freien, an einem wackeligen Tisch, bewir­teten sie uns – wir waren zu zwölft – mit Brot, Honig, Kuchen, Hühnerschenkeln, Äpfeln und Tomaten. Der Superior bat uns um unser Gebet, auf dass Erzbischof Feodosi ihm bald einen zweiten Priester schicken möge. Wir konnten ihm nur, wie so oft auf unserer Reise, Eure Beihilfe zum Lebensunterhalt und eine Extraspende für Baumaterial für die Kirche aushändigen.“

Besonders eindrucksvoll war für Pater Werenfried der Besuch des ehemaligen Lagers von Atschaïr, wo zwischen 1937 und 1953 mindestens 200.000 Häftlinge umgebracht wurden oder durch die grausamen Haftbedingungen zu Tode kamen. Eine alte Nonne erzählte Pater Werenfried, dass jede Nacht um vier Uhr die Toten und oft auch noch Sterbende aus den Baracken geholt wurden. Sie wurden mit Pferdekarren zu Massengräbern gebracht. „Oft wurde keine Erde darauf geworfen, damit die Schweine dei Wächter das menschliche Futter fressen konnten. So wurden die Gebeine der Opfer über das ganze Gelände verteilt“, berichtete ihm die Ordensfrau. Diejenigen Häftlinge, die zum Tode verurteilt wurden und wussten, wann sie sterben würden, verabredeter sich jedoch dazu, vor ihrer Hinrichtung Samen eines Badjarka-Strauches in die Hände zu nehmen. Sie nahmen diese Samen mit in das vorher von ihnen selbst ausgehobene Grab. Heute bedecken dornige Badjarka-Sträucher das ganze Gelände. „Und unter jedem Strauch ruhen die Gebeine eines Hingerichteten“, erzählte Pater Werenfried. Das Lager wurde 1953 nach Stalins Tod geschlossen und der Sowchose angegliedert. Diese wurde später von Witali Meschtschernikow geleitet, dessen Vater Dimitrij wie durch ein Wunder die Befreiung um acht Monate überlebt hatte. So wusste Witali genau, was dort geschehen war. Er verbot, das Gelände zu teilen und zu bearbeiten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erklärte Erzbischof Feodosi von Omsk diese Erde für heilig, und Dimitrijs Sohn sorgte dafür, dass das ganze Gelände der or­thodoxen Kirche geschenkt wurde. Es sollte eine Gedenkstätte werden, wo für die Toten und ihre Henker gebetet und die Erinnerung an die Gräuel der Stalinzeit für die Nach­welt erhalten bleiben sollte. In der Kapelle, die damals schon dort errichtet worden war, feierte Erzbischof Feodosi mit seinen Begleitern die Göttliche Liturgie. Pater We­renfried schrieb darüber: „Es war eine ergreifende Verbrüderung, als die Brandung der orthodoxen Gesänge durch unsere westlichen Herzen hindurch an die Küste von Gottes Ewigkeit schlug und glorreiche Weihrauchwolken entlang der noch kahlen Wände der Kapelle zum Himmel emporstiegen. Hier wurde Feodosi für immer mein Freund. Er schenkte mir seinen Bischofsstab, und ich schwor in meinem Herzen, dass diese Ge­denkstätte auch durch lateinische Liebe zustande kommen wird. Denn nicht nur Rus­sen, sondern auch Söhne aller europäischen Völker haben hier im gemeinsamen Kreuztragen die Glorie der Auferstehung, die Gnade der Versöhnung und die Einheit zweier Schwesterkirchen vorbereitet.“

Diese Reise vermittelte Pater Werenfried auch ein Bild davon, wie wichtig es war, die Priesterausbildung und die Katechese zu unterstützen. An dem Tag, an dem Pater We­renfried Nowosibirsk besuchte, wurden in der orthodoxen Kathedrale der Stadt zwanzig Menschen getauft, darunter ein Kosakenoffizier mit zehn Soldaten seines Regiments. Pater Werenfried schrieb: „Die Felder stehen in voller Ernte. Mit Recht hat der Papst jede Form des Proselytismus verboten. Müssen wir dann nicht helfen bei der Ausbil­dung orthodoxer Priester, die imstande sind, ihre Täuflinge zu unterrichten? Oft werden sie ohne Vorbereitung getauft — wie die allerersten Christen oder wie die Heiden, die während der Christianisierung Europas zusammen mit ihren Fürsten die Taufe empfin­gen. Wir können nur darauf vertrauen, dass der Heilige Geist alles das tun wird, wofür jetzt keine Priester verfügbar sind.“ Eine persönliche Begegnung während dieser Reise bestärkte ihn in diesem Eindruck. Antonia Willemsen berichtet, dass Pater Werenfried und seine Mitreisenden von einer jungen Dolmetscherin namens Lena begleitet wur­den. Ihre Familie war aus dem Baltikum deportiert worden. „Lena nahm jeden Tag mit uns an der heiligen Messe teil. Am Ende sagte sie zu Pater Werenfried, dass sie sich taufen lassen wolle. Pater Werenfried fragte sie, in welcher Kirche sie getauft werden wollte, und sie antwortete: ,In der orthodoxen‘. Eines Tages erfuhren wir, dass sie kurz darauf getauft worden war. Wir wunderten uns darüber, dass es so schnell gegangen war, aber der Bischof sagte uns: ,Was sollen wir machen? Wenn wir abwarten, bis wir in der Lage sind, eine richtige Katechese durchzuführen, kommen die Sekten, und dann sind die Leute weg. So taufen wir sie und hoffen, dass wir eines Tages die Katechese nachholen können.'“

Am 8. September 1994, dem katholischen Fest Mariä Geburt, wurde Pater Werenfried von Patriarch Aleksij II. zum zweiten Mal in einer eineinhalbstündigen Audienz emp­fangen, die in einer herzlichen und freundschaftlichen Atmosphäre verlief. Seit der ers­ten Begegnung im Oktober 1992 hatten zahlreiche orthodoxe Bischöfe dem Patriarchen bestätigt, dass die Sorge, es könnten durch diese Hilfsaktion orthodoxe Gläubige abgeworben werden, unbegründet sei. So gab er der Initiative nun – zwei Jahre später – noch einmal seinen Segen. Er brachte seine Dankbarkeit zum Ausdruck und versi­cherte: „Ihre Aktion fördert die Annäherung zwischen der orthodoxen und der katho­lischen Kirche. Ich glaube, dass es keine einseitige Hilfe bleiben wird.“ Er bat Pater Werenfried darum, weiterzumachen. Seitdem erneuert das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche Jahr für Jahr seinen Segen für diese Hilfsaktion, die vor allem dazu dient, „die Liebe wiederherzustellen“.

Zwei Monate nach seiner zweiten Reise nach Russland erlitt Pater Werenfried einen Herzinfarkt. Später sagte er, er sei davon überzeugt, dass sein Überleben einen Sinn hatte: „Ich denke, dass Gott mich an der Schwelle des Todes zurückgeholt hat, weil der Einsatz unseres Werkes für die Versöhnung zwischen der katholischen und der or­thodoxen Kirche noch nicht beendet ist.“ Und in der Tat durfte er die Entwicklung dieser Aktion, die er als seine „letzte und größte Freude“ bezeichnet hatte, noch acht Jahre lang miterleben. In dieser Zeit vertieften sich die Freundschaften, die er während seiner Reisen nach Russland geschlossen hatte.

Als Pater Werenfried van Straaten am 31. Januar 2003 im Alter von 90 Jahren starb, schrieb Patriarch Aleksij II. in seinem Kondolenzbrief: „Unser Herz empfindet einen schmerzlichen Verlust. Viele Jahrzehnte lang war die Tätigkeit von Pater Werenfried ein Symbol für den wohltätigen Dienst am Nächsten und die Selbstaufopferung bei der Verteidigung der wahren Werte der christlichen Zivilisation in einer Welt, die ihre geist­lichen Grundlagen verliert. Wir beten darum, dass der Schöpfer des Himmels und der Erde die Seele des jüngst verstorbenen Knechtes aufnehmen möge, dort wo ,es keine Krankheit, keine Trauer und keinen Seufzer gibt‘. Ihm sei ewiges Gedenken!“

Noch heute ist Pater Werenfried in Russland wohlbekannt, und es wird viel von ihm ge­sprochen. So besuchte beispielsweise Metropolit Filaret von Minsk in Weißrussland, einer der höchsten Würdenträger der Russischen Orthodoxen Kirche, bereits mehrfach sein Grab. Anlässlich Pater Werenfrieds 10. Todestages und 100. Geburtstages im Januar 2013 nannte Metropolit Filaret ihn einen „wunderbaren Menschen“, der dessen würdig sei, „ein Mitarbeiter Christi an Seinem Ruhm genannt zu werden“. Pater Werenfrieds Name sei nicht nur den Gläubigen der christlichen Konfessionen in der ganzen Welt be­kannt, sondern er habe sich durch seine „selbstlosen Taten der Barmherzigkeit und der Hilfe auch die Anerkennung der Weltgemeinschaft“ erworben.

Immer wieder kommen orthodoxe Gäste nach Königstein und beten an Pater Weren­frieds Grab, so auch Bischof Kliment von Krasnoslobodsk, der es sich bereits vor eini­gen Jahren als noch junger Abt nicht nehmen ließ, nach Königstein zu kommen, um sich für die Hilfe zu bedanken, die er empfangen hatte. Tief bewegt küsste er den Ge­denkstein auf Pater Werenfrieds Grab und sagte: „Es ist mir eine große Ehre gewesen. Ich danke diesem großen Menschen von Herzen. Bei Gott gibt es keine Toten. Ich bin mir sicher, dass Pater Werenfried weiterhin für KIRCHE IN NOT betet.“

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Quelle: Buch „Brückenschlag zwischen Rom und Moskau – Zwei Jahrzehnte Versöhnung und Aufbauhilfe für die Russische Orthodoxe Kirche“ von Eva-Maria Kolmann, KIRCHE IN NOT /Ostpriesterhilfe Deutschland e.V., München, 1. Auflage 2014.

KIRCHE IN NOT: BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN ROM UND MOSKAU (3)

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Ökumene der Märtyrer

1994 hatte Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel die Meditationen für den Kreuz­weg geschrieben, der, wie jedes Jahr, am Karfreitag im römischen Kolosseum vom Papst und Tausenden Gläubigen gebetet wurde. In seiner Ansprache dankte Papst Johannes Paul II. dem Patriarchen und sagte: „Mir kamen all die anderen Kolosseen in den Sinn, die so zahlreich sind, die anderen ‚Hügel der Kreuze‘, die auf der anderen Seite sind, im europäischen Teil Russlands, überall in Sibirien, die vielen Hügel der Kreuze und Kolosseen der modernen Zeit. Heute möchte ich meinem Bruder aus Konstantinopel und allen unseren östlichen Brüdern und Schwestern sagen: Ihr Inniggeliebten, wir sind vereint in diesen Märtyrern aus Rom, in denen vom ‚Hügel der Kreuze`; den Solo­wetzki-Inseln und vielen anderen Vernichtungslagern. Wir sind vereint vor dem Hinter­grund dieser Märtyrer, wir können nicht anders, als eins zu sein.“ In seinem Apostolischen Schreiben zum Jubiläumsjahr 2000, das unter dem Titel „Tertio millennio adveniente“ erschien, vertiefte Papst Johannes Paul II. diesen Gedanken: „Der Öku­menismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen, spricht mit lauterer Stimme als die Urheber von Spaltungen.“ Das Thema war bereits in seiner Ökumene-Enzyklika, die 1995 unter dem Titel „Ut unum sint“ erschienen war, präsent.

Den Gedanken der „Ökumene der Märtyrer“ griff Papst Benedikt XVI. in seiner Rede an das russische Volk auf. Er sagte den Russen, der Horizont ihres Landes, der im ver­gangenen Jahrhundert „vom Schatten des Leidens und der Gewalt verdunkelt“ wurde, sei „durchkreuzt und besiegt [worden] vom glänzenden Licht so vieler orthodoxer, ka­tholischer und andersgläubiger Märtyrer, die in der Unterdrückung durch schreckliche Verfolgungen gestorben sind. Die Liebe zu Christus bis zum Martyrium, die ihnen ge­meinsam ist, erinnert uns an die drängende Notwendigkeit, die Einheit der Christen wiederherzustellen, eine Pflicht, der sich die Katholische Kirche unwiderruflich ver­pflichtet fühlt.“

Nach der Oktoberrevolution von 1917 brennen Ikonen, Kelche werden entweiht, Kreuze von den Kirchtürmen gerissen, Glocken zerschellen auf dem Boden. Der kommunisti­sche Pöbel steht höhnend dabei, während entsetzte Gläubige auf dem nackten Erdbo­den knien, sich bekreuzigen und Gott um Erbarmen anflehen. Dies ist der Anfang einer beispiellosen Christenverfolgung, die über das „heilige Russland“ hereinbrach. Unzäh­lige Kirchen werden gesprengt oder in Kinos, Klubs, Schwimmbäder oder Lagerräume umgewandelt. Es ist kein Geheimnis, dass die Kommunisten mit besonderer Vorliebe die Toiletten dort einbauten, wo zuvor die Ikonostase den Altarraum, der nur den Pries­tern zugänglich ist, verbarg. Auch die Sprungbretter von Schwimmbädern fanden sich dort, wo zuvor die heiligen Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi gewandelt wurden. Berühmt sind die Bilder der Christus-Erlöser-Kathedrale, die 1931 gesprengt wurde. Noch heute stockt einem der Atem, wenn man die historischen Film­aufnahmen aus dieser Zeit anschaut. Zunächst sollte an dem Ort, wo sie gestanden hatte, ein „Palast der Sowjets“ entstehen, dieser Plan wurde jedoch nicht in die Tat umgesetzt, und es entstand ein großes Schwimmbad. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte die Kathedrale wiedererrichtet und 2001 neu eingeweiht werden.

Von den ca. 60 000 Gotteshäusern, in denen vor der Oktoberrevolution in Russland die Göttliche Liturgie gefeiert wurde, waren zwanzig Jahre später nur noch 100 übrig. Allein in den ersten beiden Jahren nach der Oktoberrevolution wurden 15 000 Priester getötet. Mehr als 300 Bischöfe wurden hingerichtet oder starben in Gefangenschaft. Die Klos­terinseln von Solowetzki, wo seit dem 15. Jahrhundert Mönche lebten, wurden zum Konzentrationslager. Die Inseln — eine Hauptinsel, fünf weitere größere Inseln sowie zahlreiche kleine Inseln — liegen nur 150 Kilometer entfernt vom Polarkreis im Weißen Meer. Der Winter dauert hier acht Monate, die Polarnächte scheinen endlos zu sein. Dennoch blühte hier jahrhundertelang das klösterliche Leben, und das Kloster wurde zu einem der wichtigsten geistlichen Zentren Russlands. Die lkonenmalerei und ande­res Handwerk wurde mit großer Kunstfertigkeit gepflegt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden sieben Kirchen errichtet, und im 17. Jahrhundert lebten hier 300 Mönche. Zu dieser Zeit entstanden auf den Inseln auch zahlreiche Einsiedeleien. 1920 begann mit der Ankunft der Bolschewiki die Zwangsauflösung. Fast alle Kirchen wurden geschlossen, die Ikonen und die umfangreiche Bibliothek beschlagnahmt. 1923 brannte das alte Kloster ab. Ein Lager zur „Umerziehung zu neuen Menschen“ wurde errichtet. Alexander Solschenizyn schreibt in seinem weltbekannten Buch „Archipel Gulag„: „Verstummt waren die Glocken, verloschen die Öllämpchen vor den Heiligen­bildern, die Kerzenständer ohne Kerzen, und keine große Liturgie wurde mehr gesun­gen, kein Abendgottesdienst mehr abgehalten, niemand murmelte mehr den Psalter durch die Tage und Nächte, die Ikonostasen verfielen (in der Verklärungskirche blieb eine übrig), dafür aber kamen im Juni 1923 wackere Tschekisten herbeigeeilt (…). Der Auftrag lautete, ein mustergültig strenges Lager, den Stolz des Arbeiter- und Bauern­paradieses, zu errichten.“ Nahezu die gesamte geistige Elite des vorrevolutionären Russlands saß hier ein. Unter den Häftlingen, die in diesem Lager litten, war auch der Großvater des heutigen russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, der ebenfalls orthodo­xer Priester war. Er überlebte die Haft, war aber insgesamt in 46 verschiedenen Lagern und Gefängnissen inhaftiert und wurde siebenmal deportiert.

Felix Ackermann schreibt in seinem Beitrag „Von der Klosterinsel zu einer Insel im Gulag“: „Solowki war damals eine heimliche geistige und geistliche Hauptstadt Russ­lands. Selten zuvor waren auf so engem Raum so viele Denker, Künstler und Geistliche versammelt, wie auf den Solowki der 20er Jahre. Und dennoch stand über dem Lager­eingang: ,Mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben‘. Die Häft­linge lebten zusammengepfercht in den kargen Mönchszellen, die Urkas, Häftlinge aus dem Verbrechermilieu, trieben bereits ihr Unwesen. Es gab verschiedene Straflager, Karzer, Isolationszellen, Sterbetrakte. So wurde die Kapelle auf dem Axtberg zu einer Todesstätte, in der man die Lagerhäftlinge drangsalierte. Sie schliefen auf dem Stein­boden in mehreren Lagen, am Morgen wachten viele, erfroren oder zertreten, nicht mehr auf. Die Aufseher zwangen die Häftlinge, nackt im Freien zu verweilen, wo sie von den Mückenschwärmen förmlich zerfressen wurden oder im Schnee der eisigen Kälte ausgesetzt waren. Frauen wurden oft zu Freiwild für die Urkas, wurden sie schwanger, kamen sie zuerst auf die Kleine Haseninsel und zum Entbinden in die Einsiedelei am Berg Golgata, wohin auch die Typhuskranken transportiert wurden. Hunderte starben Ende der zwanziger Jahre an der Seuche, ihre Leichen liegen noch heute am Fuße des Berges verscharrt.“ Einer der Tausenden, die hier litten und starben, war der heilige Peter Zverev, der Erzbischof von Voronezh. Er wurde 1926 verhaftet und verbüßte auf der Insel Anser drei Jahre Lagerhaft, bevor er an Typhus starb. Als sein Leichnam be­graben wurde, erschien der Heilige den Umstehenden in einer Lichtsäule und segnete sie. In der Nähe des Ortes, wo er gestorben war — der Einsiedelei am Berg Golgata ­wuchs eine Birke in Form eines Kreuzes.

Der im Dezember 2008 verstorbene Patriarch Aleksij II., der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor der schweren Aufgabe stand, die Russische Orthodoxe Kirche wie­der auferstehen zu lassen, schrieb noch kurz vor seinem Tod, die Zahl der Märtyrer sei nur mit der im alten Rom vergleichbar. Wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Russischen Orthodoxen Kirche 2500 Heilige verehrt, davon 450, die aus Russland stammten, sollte die Zahl ihrer Bekenner und Märtyrer im zwanzigsten Jahrhundert in die Hunderttausende gehen. Die meisten davon werden für immer unbekannt bleiben. Im Januar 2004 wurden jedoch 1420 Märtyrer des 20. Jahrhunderts offiziell heiliggesprochen, darunter auch Patriarch Tichon, der 1925 unter ungeklärten Umständen im Gefängnis starb. Von anderen Märtyrern ist bekannt, wie sie starben. Der Bischof von Perm und Solikams Theophan (Ilmenskyi) wurde 1918 an den Haaren aufgehängt und nackt bei minus 30 Grad immer wieder in den Fluss getaucht, bis er starb und sein Leichnam mit Eis bedeckt war. Auch der heilige Hermogen Dolganev, der Bischof von Tobosk, wurde ertränkt. Er wurde nach Mitternacht auf dem Fluss Tura mit einem Stein um den Hals aus einem Boot gestoßen. Der heilige Konstantin Podgorskyi, der Priester in Kirzhemany war, wurde 1918 gezwungen, einen Pferdekarren durchs Dorf zu ziehen. Er wurde zudem stundenlang geschlagen, sein Schädel wurde gebrochen, seine Finger abgehackt, und schließlich wurde er an der Tür seiner Kirche gekreuzigt. In den 1980er Jahren wurde sein Leichnam unversehrt aufgefunden. Auch sein Evangeliar, seine Klei­dung und seine Schuhe waren wie neu. Der heilige Konstantin Bogoyavlenskyj, der Pfarrer der St.-Michael-Kirche in Merkushino, wurde 1918 von Kommunisten dazu ge­zwungen, sein eigenes Grab zu schaufeln. Als er fertig war, schossen sie ihm in den Kopf. Auch sein Leichnam wurde unversehrt aufgefunden. Bis zum Ende der Sowjet­union sollte eine halbe bis eine Million Menschen — darunter bis zu 320 000 Priester ­für ihre Treue zu Christus mit schwerstem Leid, Gefangenschaft oder sogar mit dem Leben bezahlen.

Trotz des unvorstellbaren Leids sagen manche Priester und Gläubige, dass die Zeiten der Verfolgung „schöner“ waren als das Leben in Freiheit. Denn unter diesen widrigen Umständen war die Einheit bereits Wirklichkeit. Katholische und orthodoxe Christen beteten nicht nur gemeinsam, sondern es war ihnen sogar erlaubt, in dieser Notlage die Sakramente von einem Priester der jeweils anderen Kirche zu empfangen.

Wenn man von der „Ökumene der Märtyrer“ spricht, darf man aber auch nicht verges­sen, dass die Christenheit bis zum Jahr 1054 ungeteilt war. Das heißt, der katholischen und der orthodoxen Kirche ist eine sehr große Zahl an Heiligen gemeinsam, die noch aus der Zeit der ungeteilten Kirche stammen. Selbst der heilige Benedikt von Nursia, den viele als Gründer des Benediktinerordens für „typisch katholisch“ halten, wird in der orthodoxen Kirche verehrt, genauso wie Papst Gregor der Große. Besonders sind es aber die Blutzeugen, die in den römischen Christenverfolgungen ihr Leben hingaben und auf deren Gräbern die ersten Christen die heilige Eucharistie feierten, die die Kir­chen bis heute verbinden. „Deine Märtyrer, Herr, haben durch ihren Kampf die unver­gängliche Siegeskrone von Dir, unserem Gott, empfangen. In Deiner Kraft haben sie die Tyrannen besiegt und die ohnmächtige Gewalt der Dämonen gebrochen. Durch ihre Fürbitten, Christus, Gott, rette unsere Seelen“, heißt es in einem orthodoxen Troparion. Der Tod hat nicht das letzte Wort, das Martyrium ist Zeugnis der Auferstehung. Der Osterruf, der zu allen Zeiten auch über den Hinrichtungsstätten, den Lagern und Mas­sengräbern erschallt, vereint die Christen in Ost und West: „Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!“

 

Pioniere der Einheit oder:
Eine neue Aufgabe

Papst Johannes Paul II. hegte den innigen Wunsch, an die „Ökumene der Märtyrer“ an­zuknüpfen und verstärkt den Dialog mit der Russischen Orthodoxen Kirche zu suchen. Dieser Vorschlag, den er 1991 an Pater Werenfried van Straaten, den Gründer von KIRCHE IN NOT (ehemals „Ostpriesterhilfe“) richtete, fiel bei diesem auf fruchtbaren Boden. Lautete doch einer der Kernsätze Pater Werenfrieds, die das Wesen von KIRCHE IN NOT beschreiben: „Unser Hilfswerk schreibt das Martyrologium dieser Zeit. Nicht in einer Studierstube, sondern als Augenzeuge und deshalb mit größtem Mitleid und tiefster Ergriffenheit.“ Er sah in den Verfolgten „die Elite der Kirche“ und bezeichnete es als „Ehrensache“, mit ihnen solidarisch zu sein. Denn in den Verfolgten und Märty­rern aller Konfessionen sah er das Leiden Christi fortgesetzt, so dass er schrieb: „Der Karfreitag bleibt, und damit die Todesangst, die Verspottung, der Hass, die Undank­barkeit, das menschliche Versagen, das unsagbare Leid, der bittere Kreuzweg, die Kreu­zigung und der schmähliche Tod unseres Herrn Jesu Christi. Jetzt nicht mehr in seinem eigenen gesegneten Leib, sondern in denen, die durch die Gnade an seinem Leben teil­haben und seine Glieder sind.“

Pater Werenfried erinnerte in diesem Zusammenhang unermüdlich daran, dass die Rus­sische Orthodoxe Kirche die Kirche war, die am stärksten unter dem Kommunismus ge­litten hatte. So war es nur konsequent, dem Wunsch Papst Johannes Pauls II. Folge zu leisten und der Russischen Orthodoxen Kirche nach dem Zusammenbruch des kom­munistischen Regimes nicht nur mit schönen Worten, sondern auch mit Taten zur Seite zu stehen.

Nach dem Ende der Sowjetunion war es das Gebot der Stunde, die katholischen Chris­ten daran zu erinnern, dass der „Dialog der Liebe“ zwischen den beiden Kirchen, die das Zweite Vatikanische Konzil als „Schwesterkirchen“ bezeichnet hatte, nicht vor allem auf theologisch-akademischer Ebene stattfindet, sondern dass es auch eine „Ökumene der Solidarität“ gibt, wie es Pater Werenfried nannte. Er betonte: „Nach 1000 Jahren voller Missverständnisse und gegenseitiger Feindschaft müssen wir uns jetzt unserer Einheit bewusst werden und bereit sein, sie wiederherzustellen. Die Einheit des Glau­bens und der Sakramente, die nie verloren ging. Und die Einheit des Gebetes und der Liebe, die wir jetzt realisieren müssen.“ Seine Haltung war klar: „Einer muss anfangen: Wir!“

Ganz neu war dieser Gedanke jedoch nicht. Bereits in den 1920er Jahren hatte Papst Pius XI. der Russischen Orthodoxen Kirche mit erheblichen Geldbeträgen geholfen, um zu verhindern, dass die Kommunisten unter dem Vorwand der herrschenden Hungers­not noch mehr heilige Gefäße und Ikonen konfiszieren würden. Auch KIRCHE IN NOT hatte bereits zur Zeit des Kommunismus einen Teil der Hilfe für die leidenden Christen hinter dem Eisernen Vorhang den orthodoxen Brüdern und Schwestern zugute kommen lassen. So unterstützte das Werk bereits zu Sowjetzeiten die orthodoxe Kirche in Russ­land mit religiösen Büchern. Zwar leistet KIRCHE IN NOT in erster Linie Hilfe für die ka­tholische Seelsorge und unterstützt auch in Russland vor allem die katholische Kirche, damit sie ihre eigenen Gläubigen geistlich betreuen kann. Pater Werenfried verstand jedoch, dass „die unerlässliche Neuevangelisierung Russlands die ureigene Aufgabe unserer orthodoxen Schwesterkirche ist“ und dass die Russische Orthodoxe Kirche nach der beispiellosen Verfolgung zu Sowjetzeiten nun ebenfalls bei null anfangen musste und Hilfe brauchte. Noch kurz vor seinem Tod am 31. Januar 2003 unterstrich er: „Wir streben eine Ökumene der Solidarität an. Es darf keine Konkurrenz, kein Miss­trauen und keinen Fremdenhass geben zwischen zwei Kirchen, die zusammengehö­ren.“ Nie ist es dabei das Ziel gewesen, die Orthodoxe Kirche zu latinisieren oder Mitglieder von ihr abzuwerben, sondern von Anfang an konnte es nur darum gehen, den orthodoxen Mitchristen in selbstloser Liebe zu helfen. Dies entspricht vollständig der Position der katholischen Kirche. So stellte Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus Caritas Est“ unmissverständlich klar, dass die „praktizierte Nächstenliebe nicht Mittel für das sein [darf], was man heute als Proselytismus bezeichnet. Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen.“

Einfach war es jedoch nicht, diese Initiative zu beginnen. Antonia Willemsen, die Nichte von Pater Werenfried, die mehr als 3o Jahre lang die Generalsekretärin des Gesamt­werkes war, erinnert sich: „Es war eine spannende Zeit, aber es war auch schwer. Über­all sonst in der Welt kannten wir uns aus: in Afrika, in Asien, in Lateinamerika … Aber dort in Russland war es ein großes Etwas, das da war, aber das wir nicht kannten. Wir wussten auch noch nicht, mit welchen Leuten wir dort zusammenarbeiten sollten. Über­haupt hatten wir immer nur für die katholische Kirche gearbeitet und hatten im Kontakt mit anderen Konfessionen keine Erfahrung. Es war ein Tasten und Suchen. Übrigens hatte auch der Vatikan selbst zu diesem Zeitpunkt noch kaum Erfahrung mit Russland, denn die Sowjetunion war 70 Jahre lang verschlossen gewesen, und es hatte ja die ganze Zeit über keine katholischen Bischöfe und keinen Nuntius dort gegeben.“

Dass der Einsatz für die Versöhnung bei Wohltätern und Mitarbeitern nicht nur auf Ge­genliebe stoßen würde, liegt in der Natur der Sache. Dies war für Pater Werenfried nichts Neues, war er doch auf diesen Widerstand bereits kurz nach dem Ende des Zwei­ten Weltkriegs gestoßen, als sein Werk „geboren“ wurde. Auf eine Initiative von Papst Pius XII. hin hatte er 1947 damit begonnen, die Menschen in Flandern und in seiner niederländischen Heimat zur Hilfe für die notleidende deutsche Bevölkerung anzuspor­nen. In manchen Kreisen rief dieser Appell Empörung hervor, denn immerhin waren die Deutschen die „Feinde von gestern“ gewesen. Pater Werenfried erinnerte sich später an diese Zeit: „Viele hielten eine Versöhnung für unmöglich, solange die von Hitler ge­schlagenen Wunden noch bluteten. Andere zweifelten an meinem gesunden Menschen­verstand oder verdächtigten mich, faschistisch angehaucht zu sein. Mein Argument, man könne ein ganzes Volk mitten in Europa nicht krepieren lassen, ohne das Fortbe­stehen unseres Kontinentes zu gefährden, schlug eine erste Bresche in die Mauer des Hasses, die Deutschland umgab. Die Wahrheit, dass die christliche Liebe auch die Liebe zum Feind einschließt, überzeugte rasch das noch gläubige Volk. Meine Berichterstat­tung über die deutsche Not tat ein Übriges. Wellen der Liebe spülten den Hass aus un­zähligen Herzen hinweg. Die Menschen waren besser, als viele gedacht hatten!“

Im Alter von fast achtzig Jahren sah er sich erneut von einigen Seiten mit Kritik kon­frontiert, als er „die Hilfe für die orthodoxe Kirche als neue Dimension unseres Werkes sowie als Zeichen selbstloser Liebe und Weg der Versöhnung in unser Programm“ auf­nahm. Davon ließ er sich jedoch nicht beirren und entgegnete. „Mehr denn je glaube ich an meine Berufung, abermals Versöhnung zu predigen, die Kirche im Westen zur tätigen Liebe anzuspornen für unsere orthodoxen Brüder, die am längsten unter dem Kommunismus gelitten haben und der meistgefährdete Teil der Christenheit sind. Liebe und Versöhnung zu fördern, um ihnen die Last zu erleichtern, unter der sie nach 7o Jah­ren Verfolgung zusammenbrechen. Mehr als die Hälfte ihrer Kirchen sind zerstört, ihre heiligen Bücher sind verbrannt, Tausende ihrer Priester und Bischöfe als Märtyrer ge­storben. Andere kollaborierten mit dem KGB, der sie vielleicht noch immer in seiner Macht hält. Vielleicht dachten manche, ihre Kirche hätte nicht die Kraft, so lange in Ka­takomben zu überleben. Vielleicht suchten sie einen Ausgleich mit den Machthabern, um ihre Kirche zu retten. Andere schlossen Kompromisse aus Feigheit oder Selbstsucht. Dies kam auch in der katholischen Kirche vor. Sogar unter den zwölf Aposteln gab es einen Schwächling, der Jesus verleugnete … und einen Verräter. Lasst uns nicht urtei­len, sondern helfen.“

Viele Menschen fühlten sich hingegen gerade von dieser Aktion angesprochen. Es gin­gen zahlreiche Briefe wie dieser ein, den eine Wohltäterin aus Großbritannien geschrie­ben hatte: „Ich hatte Tränen in den Augen, als ich Ihren Junibrief las. Seit langem bekümmert mich die Spaltung zwischen uns und unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern, und ich bete immer, dass sie geheilt werden möge. Endlich gibt es jeman­den, der in Liebe, ohne Furcht oder Argwohn im Namen Christi bereit ist, dort zu helfen, wo es am nötigsten ist.“

Nach der Predigt in einem flämischen Dorf sammelte Pater Werenfried 3,5 Millionen belgische Franken. Während eines Mittagessens in Kalifornien, bei dem er den Gästen diese Initiative vorstellte, wurden 37.00o Dollar in seinen Millionenhut gelegt. In Ma­drid erlebte er sogar die erste Pressekonferenz seines Lebens, die mit einer Kollekte endete. Die 47 anwesenden Journalisten waren von seinem Hilfsprojekt für die Ortho­doxe Kirche so begeistert, dass sie mehr geben wollten als nur ihren Applaus.

Sein Engagement für den Dialog zwischen der Römischen Katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche wurde insbesondere anlässlich des 60-jährigen Beste­hens von KIRCHE IN NOT im Jahr 2007 auch von Walter Kardinal Kasper, dem damaligen Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, gewürdigt. Er sagte, Pater Werenfried habe „früh begriffen, dass der Begegnung mit der Russi­schen Orthodoxen Kirche eine Schlüsselstellung zukommt und dass dabei noch viel praktische Versöhnungsarbeit notwendig ist“. Der Kardinal betonte in diesem Zusam­menhang auch, man dürfe dabei „nicht immer gleich auf Wechselseitigkeit bestehen“, sondern müsse „den ersten Schritt oder die ersten Schritte einfach in der Überzeugung tun, dass Werke der Liebe nie wertlos und fruchtlos bleiben“. So habe der Gründer von KIRCHE IN NOT gezeigt, „dass der ökumenische Dialog nicht nur eine akademisch-theo­logische Sache ist, sondern vor allem praktisch vonstatten geht. Das Wichtigste ist, ei­nander zu zeigen, dass wir wirklich Christen sind, die sich das Gebot der Nächstenliebe zu Eigen gemacht haben.“

Auch Christoph Kardinal Schönborn, der Erzbischof von Wien, war von diesem Enga­gement beeindruckt und sagte anlässlich dieses Jubiläums, Pater Werenfried sei „ein ganz großes Vorbild“ und meinte, er könne „eigentlich nur mit dem heiligen Paulus und mit Don Bosco verglichen werden“. Er selbst war ihm in Wien zweimal begegnet, und besonders stark im Gedächtnis war ihm das geblieben, was Pater Werenfried ihm über die Hilfsaktion für die Russische Orthodoxe Kirche berichtet hatte: „Ich muss sagen, es hat mich tief beeindruckt. Das war der Geist, aus dem heraus er nach dem Krieg in Deutschland geholfen hat, aus einem Land [Niederlande] kommend, das so viel unter der deutschen Herrschaft gelitten hat. Und jetzt seit einigen Jahren dieses Bemühen, der Russischen Orthodoxen Kirche in einer Situation zu helfen, die auch sehr schwierig war. Ich halte diesen Grundgedanken für sehr, sehr kostbar, einen zutiefst christlichen Gedanken, auch einen zutiefst ökumenischen Gedanken.“

Auch in Russland stieß die Initiative auf ein großes Echo und brachte viele Menschen zum Nachdenken. Ein gläubiger Russe schrieb Pater Werenfried: „Diesen Aufruf las ich mit großem Staunen und tiefer Dankbarkeit. Ich dachte immer, der Westen sei mate­rialistisch. Auch die Haltung unserer Kirche gegenüber den Katholiken ist nicht immer freundlich gewesen. Jetzt sehe ich die ganze Situation in einem anderen Licht: Es stellt sich heraus, dass Menschen im Westen wirklich um uns besorgt sind — besorgt genug, um zu geben!“

Die Liebe, die Mühe und das Herzblut, mit denen Pater Werenfried gegen alle Wider­stände dem Auftrag Papst Johannes Pauls II. nachkam, sind nicht vergeblich gewesen. Anlässlich seines 10. Todestages und 100. Geburtstages im Januar 2013 schrieb Metro­polit Hilarion an KIRCHE IN NOT: „Das Hilfswerk KIRCHE IN NOT war nahezu die erste katholische Organisation, die es verstand, konstruktive, freundschaftliche Beziehungen mit der russischen Kirche aufzubauen. Mit Dankbarkeit erinnern wir uns daran, dass in den schwierigen 1990er Jahren, der Zeit der stürmischen politischen Reformen und der wirtschaftlichen Erschütterungen, als sich das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche nicht allzu einfach gestaltete, der Gründer und die Leitung des Werkes klug und entschlossen die Richtung zur Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen und der Zusammenarbeit mit der russischen Kirche einschlugen. Mit besonderer Dankbarkeit erinnern wir uns in diesen Tagen an die Mühe Pater Werenfried van Straatens, und ich bringe die Hoffnung zum Ausdruck auf eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit des von ihm gegründeten Hilfswerkes mit dem Moskauer Patriarchat, zum Heile unserer Kirchen und zur Stärkung des christlichen Zeugnisses vor den neuen Herausforderun­gen der Gegenwart.“

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Quelle: Buch „Brückenschlag zwischen Rom und Moskau – Zwei Jahrzehnte Versöhnung und Aufbauhilfe für die Russische Orthodoxe Kirche“ von Eva-Maria Kolmann, KIRCHE IN NOT /Ostpriesterhilfe Deutschland e.V., München, 1. Auflage 2014.

Moskau: Duma-Diskussion über Rückgabe der Hagia Sophia

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Hagia Sophia – Die Heilige Weisheit

Abgeordnete der Staatsduma haben im Kontext der aktuellen Spannungen zwischen Moskau und Ankara gefordert, dass die derzeit als Museum fungierende ehemalige Kathedrale Hagia Sophia in Istanbul an die orthodoxe Kirche zurückgegeben wird. Das berichtet der Wiener Orthodoxe Informationsdienst (OID) am Montag. Der Leiter des Duma-Ausschusses für Eigentumsfragen und Koordinator der parlamentarischen Gruppe für den Schutz christlicher Werte, Sergej Gavrilov, habe dazu erklärt, dass „freundschaftliche Initiativen und Angebote von spezieller Wichtigkeit“ seien, „insbesondere heute, wo die russisch-türkischen Beziehungen einen Härtetest durchmachen“, so der OID.

„Die russische Seite erachtet es als möglich, zur Frage der Hagia Sophia zurückzukehren, dem historischen Heiligtum der christlichen Welt, mit Standort in Konstantinopel, einer historischen byzantinischen Kathedrale, verbunden mit der Geschichte der universellen Christlichen Kirche. Wir erwarten einen freundschaftlichen Schritt von der türkischen Seite, nämlich die Rückgabe der Hagia Sophia von Konstantinopel an die Christenheit“, so der Abgeordnete. Russland sei bereit, sich finanziell zu beteiligen und „die besten russischen Architekten und Wissenschaftler für die Restauration dieses universellen christlichen Monuments“ zu engagieren. „Dieser Schritt würde der Türkei und dem Islam helfen zu zeigen, dass der gute Wille über der Politik steht“, zitiert der OID den russischen Parlamentarier.

Die Hagia Sophia wurde nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken im Jahr 1453 in eine Moschee umgewandelt. 1935 erhielt die Hagia Sophia den bis heute gültigen Status eines Museums, das Millionen Menschen besucht haben. Die UNESCO erklärte 1985 die Hagia Sophia zum Weltkulturerbe.

(kap 30.11.2015 ma)

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Georgisch-orthodoxer Gesang mit wunderschönen Bildern aus der Hagia Sophia