Karl Hörmann – Lexikon der christlichen Moral: Todesstrafe

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gedruckt: 20.08.2018
Karl Hörmann: LChM 1976, Sp. 1583-1589

Die Frage, ob man einen Verbrecher, d.h. einen Menschen, der die Gesellschaft schuldhaft schwer geschädigt hat, mit dem Tod bestrafen darf, wird verschieden beantwortet, von der leidenschaftl. Bejahung bis zur leidenschaftl. Verneinung. Gegen die Todesstrafe scheinen weniger grundsätzl. Erwägungen als praktische Bedenken zu stehen.

1. Grundsätzl. kann man der Staatsgewalt nicht das Recht absprechen, im Interesse der öffentl. Ordnung, für die sie verantwortl. ist, gegen Verbrecher vorzugehen. Sie hat ja die Pflicht und daraus entspringend das Recht, für jenen Bereich des Gemeinwohls zu sorgen, der öffentl. Ordnung genannt wird, und alles dazu Notwendige zu unternehmen. Zweifellos gehört dazu die Ausübung der Strafgerechtigkeit. Zu fragen ist nun, ob in manchen Lagen die Strafgerechtigkeit die Todesstrafe notwendig macht.

Die Staatsgewalt kann den Eindruck haben, daß in der gegebenen Lage eine größere Zahl von Menschen nur durch die Todesstrafe von schweren Verbrechen abgeschreckt wird und nur so für die öffentl. Sicherheit genügend gesorgt werden kann. Aus einer solchen Erwägung heraus haben des öfteren Staaten, die die Todesstrafe abgeschafft hatten, in außerordentl. Notzeiten wieder auf sie zurückgegriffen. Mit der Abschreckung durch die Todesstrafe rechnet man im AT (Dtn 13,12), und auch Paulus verweist auf sie, wenn er von der staatl. Gewalt sagt: „Wenn du aber das Schlechte tust, so fürchte, denn nicht umsonst trägt sie das Schwert“ (Röm 13,4). So mag die Staatsgewalt die Verhängung der Todesstrafe als eine Art Notwehr der Gesellschaft gegen Verbrecher oder als Notstandsmaßnahme als gerechtfertigt, ja notwendig ansehen. Dabei kann sie auch das Ziel der Besserung mit im Auge behalten, wenn sie näml. unter Besserung in erster Linie die innere Sinnesänderung des Verbrechers versteht; Erfahrungsberichte sagen, daß viele zum Tod Verurteilte durch das Wissen um das nahe Ende aufgerüttelt und geläutert wurden.

Im großen und ganzen hat die Menschheit die Todesstrafe für schwere Verbrechen als zulässig angesehen. Auch durch die Offenbarung wird sie nicht auf alle Fälle ausgeschlossen. Das AT, das den Grundsatz „Leben um Leben“ lehrt (Dtn 19,21; vgl. Ex 21,23), setzt auf die Tötung eines Menschen die Todesstrafe: „Wer Menschenblut vergießt, durch Menschen soll sein Blut vergossen werden“ (Gen 9,6; vgl. Ex 21,12.14; Lev 24,17.21; Num 35,16–21; Dtn 19,11 f). Auch Paulus scheint die grundsätzl. Berechtigung der Todesstrafe vorauszusetzen, da er die das Schwert tragende Staatsgewalt Gottes Dienerin nennt (Röm 13,4). Die christl. Tradition hielt an dieser Auffassung fest (vgl. Clemens von Al., Strom. I 27; PG 8,917; Augustinus, De civon D. I 21; PL 41,35; Thomas von A., S.Th. 2,2 q.64 a.2). Erst die Waldenser bestritten die Berechtigung der Todesstrafe Im Glaubensbekenntnis, das ihnen Innozenz III. für ihre Versöhnung mit der Kirche vorschrieb, ist eine Stellungnahme zur Todesstrafe enthalten: „Von der weltl. Gewalt versichern wir, daß sie ohne Todsünde das Blutgericht ausüben kann, wenn sie nur zur Verhängung der Strafe nicht aus Haß, sondern aus Gerechtigkeit, nicht unbedacht, sondern überlegt vorgeht“ (D 795). Pius XI. und Pius XII. nehmen vom Grundsatz der Unantastbarkeit des menschl. Lebens jene aus, die todeswürdige Verbrechen begangen haben (D 3720–22; UG 2228 2239 2363).

Der Verbrecher selbst beraubt sich durch sein Verbrechen des Lebensrechtes, als Folge nimmt ihm der Staat das Lebensgut (UG 2280).

2. Nach dem Urteil der Kirche lädt die Staatsgewalt, die die Todesstrafe verhängt, nur unter bestimmten Voraussetzungen keine schwere Schuld auf sich: wenn sie gerecht und vorsichtig vorgeht (non odio, sed iudicio, non incaute, sed consulte; D 795).

a) Wie bei jeder Strafe muß bei der Todesstrafe gerecht vorgegangen werden: Sie darf nur für eine schuldhafte Tat verhängt werden, die in ihrer Schwere der Schwere dieser Strafe entspricht (nach dem AT soll das Blut dessen vergossen werden, der selbst Menschenblut vergossen hat; Gen 9,6). Nur wenn die Gerechtigkeit gewahrt wird, kann die Todesstrafe dazu beitragen, in den Staatsbürgern die Überzeugung zu festigen, daß die sittl. Ordnung gilt (die letztl. in Gott verankert ist; Paulus sieht daher die Obrigkeit, die das Schwert trägt, als „Gottes Dienerin, Vollstreckerin des Zorngerichts für den, der das Schlechte tut“, Röm 13,4); daß sich die Festigung dieser Überzeugung für das Gemeinwohl gut auswirkt, bedarf keines Beweises.

Die Todesstrafe darf also als Sanktion nur für schwere Verbrechen vorgesehen werden, durch die das Gemeinwohl empfindl. geschädigt wird (vgl. Thomas von A., S.Th. 2,2 q.66 a.6 ad 2; Pius XII., UG 408). Dazu müssen nicht zu allen Zeiten dieselben Taten gezählt werden; dasselbe Verbrechen kann zu verschiedenen Zeiten in verschiedenem Grad gemeinwohlschädl. sein. Mehr und mehr setzt sich in der Menschheit die Überzeugung durch, daß nur der Mord mit dem Tod bestraft werden soll.

Die Festsetzung, ob und für welche Verbrechen die Todesstrafe zu verhängen sei, ist Sache des staatl. Gesetzgebers, der für die öffentl. Ordnung verantwortl. ist. Er hat sorgfältig zu prüfen, ob die gesellschaftl. Zustände im betreffenden Staat die Todesstrafe erforderl. machen oder nicht und, wenn ja, welche Verbrechen darunter fallen sollen. Das Ergebnis der Prüfung kann sein, daß man die Todesstrafe unter den gegebenen Verhältnissen nicht mehr braucht; in einem solchen Fall ist sie als überholt und unzulässig anzusehen.

In Österreich wurde die Todesstrafe im ordentl. Gerichtsverfahren 1950 durch die Strafe lebenslangen schweren Kerkers ersetzt, in der BRD wurde sie durch das Grundgesetz (Art. 102) abgeschafft.

Die Kirche anerkennt die Rechtmäßigkeit der Todesstrafe unter entsprechenden Voraussetzungen, wirkt aber auf ihre Abschaffung hin, wo dadurch die öffentl. Ordnung nicht geschädigt wird.

So erklärt sie z.B. als zum Empfang und zur Ausübung einer Weihe ungeeignet (irregulares ex defectu) den Richter, der ein Todesurteil gefällt hat, und alle, die jemanden hingerichtet oder dabei freiwillig und unmittelbar mitgeholfen haben (CICc. 984 nn. 6.7; vgl. Thomas von A., S.Th. 2,2 q.64 a.4). Dort, wo das Gesetz die Todesstrafe vorsieht, entspricht dem Geist des Christentums die Begnadigung des Verurteilten, falls dadurch der Gesellschaft nicht ein Schaden droht (vgl. Augustinus, De mend. 14,25; PL 41,445; Thomas von A., S.Th. 2,2 q.67 a.4). Schon im AT nahm der König für sich das Begnadigungsrecht in Anspruch (vgl. 2 Sam 14,1–11). Dieses Recht des Staatsoberhauptes kann von besonderer Bedeutung werden, wenn das formale Gesetz, das die Todesstrafe vorsieht, dem Einzelfall nicht ganz gerecht wird. Allerdings sollte die an Stelle der Todesstrafe verfügte Freiheitsberaubung nicht vorzeitig aufgehoben werden; viele Wünsche, die Todesstrafe solle festgehalten oder wieder eingeführt werden, würden verstummen, wenn die Allgemeinheit nicht den Eindruck hätte, Begnadigungen würden auf Kosten ihrer Sicherheit gewährt.

Das Christentum zielt natürl. auf solche gesellschaftl. Verhältnisse hin, in denen keine todeswürdigen Verbrechen mehr vorkommen und sich die Todesstrafe damit von selbst erübrigt.

b) Nicht nur die gesetzl. Verankerung (Gesetzgebung) der Todesstrafe ist Sache des Staates, sondern auch ihre Verhängung im Einzelfall (Rechtssprechung), handelt es sich dabei doch um eine Angelegenheit von hervorragendem Interesse für die öffentl. Ordnung (vgl. Thomas von A., S.Th. 2,2 q.64 a.3). Der Staat übt dieses sein Recht durch die Gerichte aus.

Augustinus nennt als zur Tötung von Verbrechern berechtigt jene, die die öffentl. Gewalt vertreten („personam gerentes publicae potestatis“, De. civon D. I 21; PL 41,35; vgl. Thomas von A., S.Th. 2,2 q.64 a.3). Papst Alexander VII. lehnt die private Tötung von Übeltätern ab (D 2039), wäre sie doch eine Quelle neuen Übels. Blutrache ist nur dort in einem gewissen Ausmaß gerechtfertigt, wo noch keine staatl. Organisation besteht, die für den Rechtsschutz sorgt (vgl. Num 35,10–34).

Die Bedingung des gerechten und vorsichtigen Vorgehens ist nur dann erfüllt, wenn der Angeklagte in einem richtigen Gerichtsverfahren, in dem er die Möglichkeit der Verteidigung hat, eines todeswürdigen Verbrechens überführt (vgl. die Forderung von zwei Zeugen, Num 35,30; Dtn 17,6) und zum Tod verurteilt wird. Die Hauptverantwortung für die Hinrichtung liegt natürl. auf dem verurteilenden Richter, nicht auf dem ausführenden Henker (vgl. Thomas von A., S.Th. 2,2 q.64 a.3 ad 1); der letztere ist allerdings im Gewissen verpflichtet, seine Mitwirkung zu verweigern, wenn er von der Unschuld des Verurteilten überzeugt ist (vgl. ebd. ad 3).

Die Todesstrafe darf nur dann ausgesprochen werden, wenn die schwere Schuld des Angeklagten sicher ist, d.h. wenn nachgewiesen wurde, daß er sicher der Täter ist und daß er das Verbrechen schwer schuldbar begangen hat (Anrechenbarkeit, vgl. Pius XII., UG 4572). Bei bloßer Wahrscheinlichkeit muß zur Vermeidung eines nicht wiedergutzumachenden Fehlgriffs zu seinen Gunsten entschieden werden. Eines der praktischen Hauptbedenken gegen die Todesstrafe liegt in der häufig bestehenden Schwierigkeit, die erforderl. Sicherheit zu gewinnen.

3. Die Einwände, die man gegen die Berechtigung der Todesstrafe vorbringt, scheinen nicht deren Unzulässigkeit für jeden Fall zu erweisen.

a) Man beruft sich auf das Tötungsverbot des Dekalogs. Dieses Verbot bezieht sich jedoch nur auf schuldloses Menschenleben, wie sich aus der Gesamtschau der Hl. Schrift, im besonderen des AT, ergibt (vgl. Augustinus, De lib. arb. I 4; PL 32,1226). Sprachl. läßt sich der Unterschied schon daraus erkennen, daß das Tötungsverbot ein anderes hebräisches Verbum (rasach) verwendet als die Bestimmung über die Todesstrafe (qatal) („Du sollst nicht morden!“).

b) Wer die Todesstrafe als Verstoß gegen die Menschenwürde ansieht, sollte darauf achten, daß der Übeltäter diese Würde zuerst schon von sich wirft (vgl. Thomas von A., S.Th. 2,2 q.64 a.2 ad 3).

c) Der Behauptung, dem Verbrecher werde mit dem Vollzug der Todesstrafe die Gelegenheit zur Besserung genommen, kann entgegengehalten werden, daß er sich im Anblick des bevorstehenden Todes bekehren kann und daß das Interesse der Gesellschaft an der Beseitigung des Verbrechers vor dem Interesse an seiner Besserung den Vorrang haben kann (vgl. Thomas von A., S.c.G. III 146,5).

d) Der Befürchtung, ein nicht wiedergutzumachender verhängnisvoller Fehler könne durch Verurteilung und Hinrichtung eines Unschuldigen (Justizmord) begangen werden, versuchen andere mit der Forderung zu begegnen, die Todesstrafe dürfe eben nur in solchen Fällen verhängt werden, in denen jegl. Unsicherheit ausgeschlossen werden kann.

e) Der Behauptung, die Todesstrafe sei unmenschl., steht die Behauptung gegenüber, lebenslängl. Freiheitsberaubung sei in ihrer Eintönigkeit noch härter. Außerdem macht man geltend, daß allzu große Rücksicht auf den Verbrecher Unmenschlichkeit gegenüber seinen Opfern bedeuten kann.

f) Wer die Todesstrafe im Widerspruch zum Kulturfortschritt sieht, müßte überlegen, worin der Kulturfortschritt besteht. Wenn sein Wesen in der sittl. Entfaltung des Menschen liegt, wäre zu prüfen, ob in gewissen Situationen die Todesstrafe dazu eine unentbehrl. Hilfe sein kann.

© Gemeinschaft vom hl. Josef · 1996 – 2018

Kontinuität im Wandel: Die Kirche und ihre Lehre

Todesstrafe: Künstlerische Darstellung (ANSA)

Seit der Katechismusänderung am 2. August lehrt die Kirche offiziell, dass „die Todesstrafe unzulässig ist, weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt“. Das war nicht immer so: ein Gespräch über Wandel und Entwicklung, über Bewusstsein und Kultur und darüber, was absolut unwandelbar ist und bleibt.

Es war einmal vor gar nicht langer, langer Zeit, da war die Todesstrafe in der Kirche zumindest geduldet. Sie war eine Möglichkeit der Strafe, klare Bedingungen wie rechtsstaatlicher Prozess und so weiter vorausgesetzt. Von der Kirche gebilligt, gab es die Todesstrafe auch in katholischen Ländern. Selbst der Kirchenstaat praktizierte bis 1868 Hinrichtungen.

Papst Franziskus hat im Oktober vergangenen Jahres angekündigt, den Katechismus mit einem klaren Nein zur Todessstrafe zu versehen. Seit einer Woche ist es nun soweit, die Todesstrafe ist aus katholischer Sicht unter allen Umständen unzulässig. Hat sich hier oder wurde hier kirchliche Lehre geändert? Das hat Vatican News Michael Seewald gefragt. Er lehrt Dogmatik und Dogmengeschichte an der Universität Münster und hat unter anderem ein Buch mit dem Titel geschrieben „Dogma im Wandel: Wie Glaubenslehren sich entwickeln“.

Seewald: „Die Lehre wurde nicht im strengen Sinne geändert, sondern eine gewisse Offenheit, welche die kirchliche Lehre hatte, wurde geschlossen hin zu einer größeren Eindeutigkeit. Diese Eindeutigkeit besagt nun, dass die Todesstrafe aus kirchlicher und theologischer Sicht unter keinen Umständen als adäquates Mittel der Bestrafung angesehen wird.“

Vatican News: Die Neuformulierung des Katechismus beginnt mit „lange Zeit wurde …“. Ist Lehre der Zeit ‚unterworfen‘? Der ‚Einsicht‘? Muss sie also immer wieder angepasst werden?

Seewald: „Die Kirche versteht sich selber nicht als statische Gesellschaft, sondern als eine dynamische Gemeinschaft, die lebt aus dem Umgang und der Beziehung mit Gott, aus dem Umgang und der Beziehung zum Evangelium und natürlich auch aus dem Umgang und der Beziehung mit ihrer Zeit. Aus dieser Dreieckskonstellation ergeben sich immer wieder Verschiebungen und dadurch auch Korrekturen kirchlicher Lehrpositionen.“

Vatican News: Wie bleibt dann das Glaubensgut erhalten, das uns weiter zu geben aufgetragen ist? Wie kann ich mich überhaupt noch darauf verlassen, dass nicht vielleicht ein Papst etwas ändert?

Seewald: „Die Kirche hat verbindliche und normative Strukturen herausgebildet, mit denen sie versucht, Lehre festzuschreiben. Gleichzeitig muss man aber sagen, dass sich gewisse Festschreibungen nicht nur über die Zeit hinweg präzisiert haben, sondern über bestimmte Zeiten auch verändert haben. Und das betrifft unter Umständen auch ganz zentrale Dinge.

Papst Pius XII. hatte noch gelehrt, dass die Evolutionstheorie kirchlicherseits nur dann anzuwenden ist, wenn sie darauf hinausläuft, dass alle Menschen von dem einen Paar Adam und Eva im biologischen Sinne abstammen. Das war eine zentrale Angelegenheit, um die Lehre über die Erbsünde zu schützen. Nun ist das, was wir heute evolutionsbiologisch wissen, natürlich ganz anders als das, was Pius XII. damals gesagt hat, so dass hier eine mit hoher Verbindlichkeit eingeschärfte Lehre im Nachhinein gar nicht mehr weiter verfolgt wurde, sondern einfach ausgelaufen ist, könnte man sagen. Sie wird im Katechismus von 1992 gar nicht mehr erwähnt.

“ Gewisse Festschreibungen haben sich nicht nur über die Zeit hinweg präzisiert, sondern über bestimmte Zeiten auch verändert. Und das betrifft unter Umständen auch ganz zentrale Dinge. ”

Das ist ein signifikantes Beispiel dafür, dass auch verbindliche Dinge in der Kirche mit der Zeit besserer Einsicht weichen können. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Lehren wo wir sagen, dass hier Dinge am Werk sind, wo man eine vertiefende Einsicht gewinnen kann, die aber keiner Korrektur oder einem historischen Verfallsdatum unterworfen sind. ‚Jesus Christus, die lebendige Offenbarung Gottes, die den Menschen anspricht‘ – da ist es nicht vorstellbar, dass man in zehn oder zwanzig Jahren sagt, dass wir das falsch verstanden haben und nun anders machen müssen.“

Vatican News: Wie unterscheide ich das dann? Wie kann ich sagen, dass eine Sache für alle Menschen gilt, und dass etwas für verschiedene Kulturen nur eingeschränkt gilt? Andere und vor allem nichteuropäische Kulturen werden da ihre eigenen Ansichten und Prägungen haben.

Seewald: „Wie man das unterscheidet, ist immer eine Gratwanderung. Grundsätzlich muss man Entstehungs- und Erkenntniszusammenhänge unterscheiden von Geltungszusammenhängen. Natürlich ist die Idee von Menschenrechten in einem ganz konkreten kulturellen Zusammenhang entstanden, der übrigens nicht nur ein christlicher war, sondern der sich auch vom Christentum abgesetzt hat. Das Verhältnis der Kirche zu den Menschenrechten ist kein erfreuliches Thema für die Dogmengeschichte.

“ Das Verhältnis der Kirche zu den Menschenrechten ist kein erfreuliches Thema für die Dogmengeschichte. ”

Diese Rechte sind also in ganz konkreten Kontexten entstanden, was aber nicht bedeutet, dass die Geltungsansprüche, welche diese Rechte haben, nicht über diese Kontexte hinausgehen. Das ist jeweils die Gratwanderung, welche die Theologie und die Reflexion zu vollziehen hat: Was sind nun partikulare kulturelle Normen, die hier anders sein können als dort, und was sind Fragen universeller Verbindlichkeit, in der die Kirche auch als weltumspannende Gemeinschaft gefragt ist, um gewisse ethische Standards durchzusetzen und zu befördern.

Die Fragen stellte Pater Bernd Hagenkord (Vatican News)

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Quelle

Franziskus: Todesstrafe ist unzulässig und gehört abgeschafft

Pope Francis speaking to pilgrims during his weekly general audience, Aug. 1, 2018. (Daniel Ibáñez/CNA)

Todesstrafe – Papst Franziskus lässt Katechismus abändern – Neue Passage im Wortlaut auf kath.net
Rom (kath.net [02 August 2018, 12:30])

Der Vatikan hat am Donnerstag mitgeteilt, dass Papst Franziskus die Passage über die Todesstrafe im Weltkatechismus geändert hat und die alte Passage durch eine neue ersetzen hat lassen. Franziskus hat schon 2017 bei einer Veranstaltung mitgeteilt, dass die Verurteilung der Todesstrafe im Katechismus „angemessener und konsequenter“ einen Ausdruck finden müsse.

Die neue Passage im WORTLAUT:

Todesstrafe

2267. Lange Zeit wurde der Rückgriff auf die Todesstrafe durch die rechtmäßige Autorität – nach einem ordentlichen Gerichtsverfahren – als eine angemessene Antwort auf die Schwere einiger Verbrechen und als ein annehmbares, wenn auch extremes Mittel zur Wahrung des Gemeinwohls angesehen.

Heute gibt es ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Würde der Person auch dann nicht verloren geht, wenn jemand schwerste Verbrechen begangen hat. Hinzu kommt, dass sich ein neues Verständnis vom Sinn der Strafsanktionen durch den Staat verbreitet hat. Schließlich wurden wirksamere Haftsysteme entwickelt, welche die pflichtgemäße Verteidigung der Bürger garantieren, zugleich aber dem Täter nicht endgültig die Möglichkeit der Besserung nehmen.

Deshalb lehrt die Kirche im Licht des Evangeliums, dass „die Todesstrafe unzulässig ist, weil sie gegen die Unantastbarkeit und Würde der Person verstößt“ [[1]], und setzt sich mit Entschiedenheit für deren Abschaffung in der ganzen Welt ein.

 

KATH.NET dokumentiert auch einen Brief der Glaubenskongregation:

KONGREGATION FÜR DIE GLAUBENSLEHRE
Schreiben an die Bischöfe
über die neue Formulierung der Nr. 2267
des Katechismus der Katholischen Kirche
bezüglich der Todesstrafe

1. In der Ansprache zum 25. Jahrestag der Veröffentlichung der Apostolischen Konstitution Fidei depositum, mit der Johannes Paul II. den Katechismus der Katholischen Kirche promulgierte, hat Papst Franziskus dazu aufgerufen, die Lehre über die Todesstrafe neu zu formulieren, um die in jüngster Zeit erfolgte Entwicklung der Lehre zu diesem Thema besser zusammenzufassen.[1] Diese Entwicklung beruht hauptsächlich darauf, dass es in der Kirche ein immer klareres Bewusstsein der Achtung gibt, die jedem menschlichen Leben geschuldet wird. In diesem Sinn stellte Johannes Paul II. fest: «Nicht einmal der Mörder verliert seine Personwürde, und Gott selber leistet dafür Gewähr».[2]

2. In diesem Licht ist die Haltung zur Todesstrafe zu verstehen, die sich in der Lehre der Hirten und im Empfinden des Volkes Gottes immer mehr durchgesetzt hat. Wenn nämlich die politische und soziale Lage früherer Zeiten die Todesstrafe zu einem annehmbaren Mittel für die Wahrung des Gemeinwohls machte, so haben heute die wachsende Einsicht, dass die Menschenwürde auch durch das Begehen schwerster Verbrechen nicht verloren geht, ein vertieftes Verständnis vom Sinn der Strafsanktionen durch den Staat sowie das Vorhandensein von wirksameren Haftsystemen, die den erforderlichen Schutz der Bürger sicherstellen, zu einem neuen Bewusstsein geführt, das die Unzulässigkeit der Todesstrafe anerkennt und deshalb ihre Abschaffung fordert.

3. In dieser Entwicklung ist die Lehre der Enzyklika Evangelium vitae von Johannes Paul II. von großer Bedeutung. Dieser Papst erwähnte unter den Hoffnungszeichen für eine neue Zivilisation des Lebens «die immer weiter verbreitete Abneigung der öffentlichen Meinung gegen die Todesstrafe selbst als Mittel sozialer „Notwehr“, in Anbetracht der Möglichkeiten, über die eine moderne Gesellschaft verfügt, um das Verbrechen wirksam mit Methoden zu unterdrücken, die zwar den Täter unschädlich machen, ihm aber nicht endgültig die Möglichkeit der Besserung nehmen».[3] Die Lehre von Evangelium vitae wurde in der editio typica des Katechismus der Katholischen Kirche aufgegriffen. Darin ist die Todesstrafe nicht als eine der Schwere des Verbrechens entsprechende Strafe dargestellt, sondern wird nur dann gerechtfertigt, wenn sie «der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen», auch wenn heute «die Fälle, in denen die Beseitigung des Schuldigen absolut notwendig ist, schon sehr selten oder praktisch überhaupt nicht mehr gegeben» sind (Nr. 2267).

4. Johannes Paul II. äußerte sich auch bei anderen Gelegenheiten gegen die Todesstrafe und berief sich dabei auf die Achtung vor der Würde der Person wie auch auf die Mittel der modernen Gesellschaft, um sich vor Verbrechern zu schützen. So brachte er in der Weihnachtsbotschaft 1998 den Wunsch zum Ausdruck, dass «in der Welt der Konsens über dringende und angemessene Maßnahmen erhalten (bleibe) mit dem Ziel , die Todesstrafe abzuschaffen».[4] Im darauf folgenden Monat wiederholte er in den Vereinigten Staaten: «Ein Zeichen der Hoffnung ist die zunehmende Einsicht, dass die Würde des menschlichen Lebens niemals in Abrede gestellt werden darf, auch dann nicht, wenn jemand ein Verbrechen begangen hat. Die moderne Gesellschaft hat die Mittel, sich selbst zu schützen, ohne Verbrechern die Möglichkeit der Besserung endgültig zu nehmen. Ich rufe erneut dazu auf, wie ich es kürzlich an Weihnachten getan habe, zu einer Übereinstimmung bezüglich der Abschaffung der Todesstrafe, die grausam und unnötig ist, zu kommen».[5]

5. Der entschiedene Einsatz für die Abschaffung der Todesstrafe ging unter den nachfolgenden Päpsten weiter. Benedikt XVI. machte «die Verantwortlichen der Gesellschaft … auf die Notwendigkeit aufmerksam, alles im Bereich des Möglichen zu tun, um die Abschaffung der Todesstrafe zu erlangen».[6] Später brachte er vor einer Gruppe von Gläubigen den Wunsch zum Ausdruck, dass «eure Entscheidungen die politischen und gesetzgeberischen Initiativen fördern, die in einer wachsenden Zahl von Ländern vorangetrieben werden, um die Todesstrafe abzuschaffen und wesentliche Fortschritte zu unterstützen, damit das Strafrecht den Ansprüchen der Menschenwürde der Gefangenen wie auch der wirksamen Erhaltung der öffentlichen Ordnung angeglichen werden».[7]

6. Auf derselben Linie bekräftigte Papst Franziskus: «In der heutigen Zeit ist die Todesstrafe unzulässig, so schwer das Verbrechen des Verurteilten auch sein mag».[8] Auf welche Weise die Todesstrafe auch vollzogen wird, immer schließt sie «eine grausame, unmenschliche und erniedrigende Behandlung» ein.[9] Sie ist auch «wegen der mangelhaften Selektivität des Strafrechtssystems und angesichts der Möglichkeit des Justizirrtums» abzulehnen.[10] In diesem Licht rief Papst Franziskus dazu auf, den Abschnitt über die Todesstrafe im Katechismus der Katholischen Kirche neu zu formulieren, um zu betonen, «dass, egal wie schwer das begangene Verbrechen auch war, die Todesstrafe unzulässig ist, weil sie gegen die Unverletzbarkeit und Würde des Menschen verstößt».[11]

7. Die neue Formulierung der Nr. 2267 des Katechismus der Katholischen Kirche, die Papst Franziskus approbiert hat, liegt auf der Linie des vorausgehenden Lehramts und führt eine konsequente Entwicklung der katholische Lehre weiter.[12] Der neue Text folgt den Spuren der Lehre von Johannes Paul II. in Evangelium vitae und bekräftigt, dass die Unterdrückung des Lebens eines Verbrechers als Strafe für ein Vergehen unzulässig ist, weil sie gegen die Würde der Person verstößt, eine Würde, die auch dann nicht verloren geht, wenn jemand schwerste Verbrechen begangen hat. Zu diesem Schluss gelangt man auch, wenn man die vom modernen Staat angewandten Strafsanktionen in Betracht zieht, die vor allem auf die Besserung und soziale Wiedereingliederung des Verbrechers abzielen müssen. Schließlich ist die Todesstrafe unter Berücksichtigung der wirksameren Haftsysteme der modernen Gesellschaft nicht notwendig, um das Leben unschuldiger Personen zu schützen. Selbstverständlich bleibt die Pflicht der öffentlichen Autorität bestehen, das Leben der Bürger zu verteidigen, wie das Lehramt immer bestätigt hat und wie der Katechismus der Katholischen Kirche in den Nummern 2265 und 2266 bekräftigt.

8. All das zeigt, dass die neue Formulierung der Nr. 2267 des Katechismus eine authentische Entwicklung der Lehre ausdrückt, die nicht im Widerspruch zu früheren Aussagen des Lehramts steht. Diese Aussagen können nämlich im Licht der vorrangigen Verantwortung der öffentlichen Autorität für die Wahrung des Gemeinwohls in einem sozialen Umfeld verstanden werden, in dem die Strafsanktionen eine andere Bedeutung hatten und in einem Milieu erfolgten, in dem es schwerer war zu garantieren, dass der Verbrecher sein Vergehen nicht mehr wiederholen kann.

9. In der neuen Formulierung wird hinzugefügt, dass das Bewusstsein über die Unzulässigkeit der Todesstrafe «im Licht des Evangeliums»[13] gewachsen ist. Das Evangelium trägt nämlich zu einem besseren Verständnis der geschaffenen Ordnung bei, die der Sohn Gottes angenommen, gereinigt und zur Fülle gebracht hat. Es lädt uns auch ein, die Barmherzigkeit und die Geduld des Herrn zu üben, der jedem Zeit schenkt, sich zu bekehren.

10. Die neue Formulierung der Nr. 2267 des Katechismus der Katholischen Kirche möchte, auch durch einen respektvollen Dialog mit den politischen Autoritäten, zu einem entschiedenen Einsatz dafür anspornen, dass eine Mentalität gefördert wird, welche die Würde jedes menschlichen Lebens anerkannt, und die Bedingungen entstehen können, um die Todesstrafe heute abzuschaffen, wo sie noch in Kraft ist.

Papst Franziskus hat in der dem unterzeichneten Sekretär am 28. Juni 2018 gewährten Audienz das vorliegende Schreiben, das von der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation am 13. Juni 2018 beschlossen worden war, gutgeheißen und seine Veröffentlichung angeordnet.

Gegeben zu Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 1. August 2018, dem Gedenktag des heiligen Alfons Maria von Liguori.

Luis F. Card. Ladaria, S.I.
Präfekt
+ Giacomo Morandi
Titularerzbischof von Cerveteri
Sekretär

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Quelle

DIE KIRCHE – VOLK GOTTES, LEIB CHRISTI, TEMPEL DES HEILIGEN GEISTES

Katechismus der Katholischen Kirche:

Absatz 2:
DIE KIRCHE – VOLK GOTTES, LEIB CHRISTI, TEMPEL DES HEILIGEN GEISTES

 

I  Die Kirche ist Volk Gottes

781 „Zu jeder Zeit und in jedem Volk ist Gott jeder willkommen, der ihn fürchtet und Gerechtigkeit übt. Gott hat es jedoch gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen sollte. So hat er das israelitische Volk sich zum Volk erwählt und hat mit ihm einen Bund geschlossen und es Stufe für Stufe unterwiesen … Dies alles jedoch wurde zur Vorbereitung und zum Vorbild jenes neuen und vollkommenen Bundes, der in Christus geschlossen … werden sollte … Diesen neuen Bund hat Christus gestiftet in seinem Blute, indem er sich aus Juden und Heiden ein Volk berief das nicht dem Fleische nach, sondern im Geiste zur Einheit zusammenwachsen“ sollte (Lumen Gentium LG 9).

Die Besonderheiten des Volkes Gottes

782 Das Volk Gottes weist Besonderheiten auf, die es von allen Religions- und Volksgruppen, von allen politischen und kulturellen Gruppen der Geschichte klar unterscheiden:

Es ist das Volk Gottes. Gott gehört keinem Volk zu eigen. Er hat sich aber aus denen, die einst kein Volk waren, ein Volk erworben: „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, einen heiligen Stamm“ (1 Petr 2,9).

Glied dieses Volkes wird man nicht durch die leibliche Geburt, sondern durch die „Geburt von oben“, „aus Wasser und Geist“ (Joh 3,3-5), das heißt durch den Glauben an Christus und die Taufe.

Dieses Volk hat Jesus, den Christus [Gesalbten, Messias] zum Haupt. Weil ein und dasselbe Salböl, der Heilige Geist, vom Haupt in den Leib hinabfließt, ist es „das messianische Volk“.

„Es hat als Stand die Würde und die Freiheit der Kinder Gottes, in deren Herzen der Heilige Geist wie in einem Tempel wohnt.“

„Es hat als Gesetz das neue Gebot, zu lieben, wie Christus uns geliebt hat [Vgl. Job 13,34]“ (LG 9). Das ist das „neue“ Gesetz des Heiligen Geistes [Vgl. Röm 8,2; Gal 5,25].

Es hat als Sendung, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein [Vgl. Mt 15,13-16]. Es ist „für das ganze Menschengeschlecht die unzerstörbare Keimzelle der Einheit, der Hoffnung und des Heils“.

„Es hat schließlich als Ziel das Reich Gottes, das von Gott selbst auf Erden grundgelegt wurde und weiter ausgedehnt werden muß, bis es am Ende der Zeiten von ihm auch vollendet wird“ (LG 9).

Ein priesterliches, prophetisches und königliches Volk

783 Jesus Christus wurde vom Vater mit dem Heiligen Geist gesalbt und zum „Priester, Propheten und König“ bestellt. Das ganze Volk Gottes hat an diesen drei Ämtern Christi teil und ist verantwortlich für die Sendung und den Dienst, die sich daraus ergeben [Vgl. RH 18-21].

784 Wer durch den Glauben und die Taufe in das Volk Gottes eintritt, erhält Anteil an der einzigartigen Berufung dieses Volkes: an seiner priesterlichen Berufung. „Christus der Herr, als Hoherpriester aus den Menschen genommen, hat das neue Volk ‚zum Königreich und zu Priestern für Gott und seinen Vater gemacht‘. Durch die Wiedergeburt und die Salbung mit dem Heiligen Geist werden die Getauften nämlich zu einem geistigen Haus und einem heiligen Priestertum geweiht“ (LG 10).

785 „Das heilige Volk Gottes nimmt auch teil am prophetischen Amt Christi“, vor allem durch den übernatürlichen Glaubenssinn, der dem ganzen Volk, den Laien und der Hierarchie, zu eigen ist. Durch ihn „hängt [es] dem einmal den Heiligen übergebenen Glauben unwiderruflich an“ (LG 12), versteht ihn immer tiefer und wird inmitten dieser Welt zum Zeugen Christi.

786 Das Gottesvolk hat auch an der königlichen Funktion Christi Anteil. Christus übt sein Königtum dadurch aus, daß er durch seinen Tod und seine Auferstehung alle Menschen an sich zieht [Vgl. Joh 13,32]. Christus, der König und Herr des Weltalls, hat sich zum Diener aller gemacht, denn er „ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele“ (Mt 20,28). Für den Christen bedeutet Christus zu dienen „König sein“ (LG 36) – vor allem „in den Armen und Leidenden“, in denen die Kirche „das Bild ihres armen und leidenden Gründers erkennt“ (LG 8). Das Volk Gottes wahrt seine „königliche Würde“ dadurch, daß es der Berufung nachlebt, mit Christus zu dienen.

„Alle, die in Christus wiedergeboren sind, macht das Zeichen des Kreuzes zu Königen, während die Salbung des Heiligen Geistes sie zu Priestern weiht. Darum sollen sich auch alle geistlichen und geistigen Christen bewußt sein, daß sie – abgesehen von den besonderen Aufgaben Unseres Amtes – aus königlichem Geschlecht stammen und an den Pflichten des Priesters Anteil haben. Was ist so königlich, als wenn ein Gott untertäniger Geist die Herrschaft über seinen Leib führt? Und was entspricht den Obliegenheiten eines Priesters mehr, als dem Herrn ein reines Gewissen zu weihen und ihm auf dem Altare seines Herzens makellose Opfer der Frömmigkeit darzubringen?“ (Leo d. Gr., serm. 4,1).

 

II  Die Kirche ist Leib Christi

Die Kirche ist Gemeinschaft mit Jesus

787 Jesus hat von Anfang an die Jünger an seinem Leben teilnehmen lassen [Vgl. Mk 1,16-20; 3,13-19]. Er enthüllt ihnen das Mysterium des Gottesreiches [Vgl. Mi 13,10-17] und gibt ihnen Anteil an seiner Sendung, seiner Freude [Vgl. Lk 10,17-20] und an seinen Leiden [Vgl. Lk 22,28-30]. Jesus spricht von einer noch innigeren Verbundenheit zwischen ihm und denen, die ihm nachfolgen: „Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch … Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ (Joh 15,4-5). Und er kündigt eine geheimnisvolle, wirkliche Gemeinschaft zwischen seinem und unserem Leib an: „Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, der bleibt in mir, und ich bleibe in ihm“ (Joh 6,56).

788 Als seine sichtbare Gegenwart den Jüngern genommen wurde, ließ Jesus sie nicht als Waisen zurück [Vgl. Joh 14,18]. Er versprach, bei ihnen zu bleiben bis zum Ende der Zeiten [Vgl. Mt 28,20], und sandte ihnen seinen Geist [Vgl. Joh 20,22; Apg 2,33]. In gewissem Sinne wurde die Gemeinschaft mit Jesus dadurch noch vertieft: „Indem er nämlich seinen Geist mitteilte, hat er seine Brüder, die er aus allen Völkern zusammenrief, in geheimnisvoller Weise gleichsam zu seinem Leib gemacht“ (LG 7).

789 Der Vergleich der Kirche mit dem Leib wirft Licht auf die innige Verbindung zwischen der Kirche und Christus. Die Kirche ist nicht nur um ihn versammelt, sondern in ihm, in seinem Leib geeint. Drei Aspekte der Kirche als des Leibes Christi sind besonders hervorzuheben: die Einheit aller Glieder untereinander durch ihre Vereinigung mit Christus; Christus als das Haupt des Leibes; die Kirche als die Braut Christi.

Ein einziger Leib

790 Die Gläubigen, die auf das Wort Gottes antworten und zu Gliedern des Leibes Christi werden, werden eng mit Christus vereint: „In jenem Leibe strömt Christi Leben auf die Glaubenden über, die durch die Sakramente auf geheimnisvolle und wirkliche Weise mit Christus, der gelitten hat und verherrlicht ist, vereint werden“ (LG 7). Dies gilt vor allem von der Taufe, durch die wir mit dem Tod und der Auferstehung Christi vereint werden [Vgl. Röm 6,4-5; 1 Kot 12,13.], und von der Eucharistie, durch die „wir wirklich Anteil am Leib des Herrn [erhalten] und … zur Gemeinschaft mit ihm und miteinander erhoben“ werden (LG 7).

791 Die Einheit des Leibes hebt die Verschiedenheit der Glieder nicht auf:

„Bei der Auferbauung des Leibes Christi waltet die Verschiedenheit der Glieder und der Aufgaben. Der eine Geist ist es, der seine vielfältigen Gaben gemäß seinem Reichtum und den Erfordernissen der Dienste zum Nutzen der Kirche austeilt.“ Die Einheit des mystischen Leibes bewirkt und fördertunter den Gläubigen die Liebe zueinander: „Daher leiden, wenn ein Glied etwas leidet, alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit“ (LG 7). Die Einheit des mystischen Leibes überwindet alle menschlichen Trennungen: „Ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus [als Gewand] angelegt. Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid ‚einer‘ in Christus Jesus“ (Gal 3,27-28).

Christus ist das Haupt des Leibes

792 Christus „ist das Haupt des Leibes, der Leib aber ist die Kirche“ (Kol 1,18). Er ist Ursprung der Schöpfung und der Erlösung. In die Herrlichkeit des Vaters erhoben, „hat er in allem den Vorrang“ (Kol 1,18), besonders in der Kirche, durch die er sein Reich auf alles ausdehnt.

793 Er vereint uns mit seinem Pascha. Alle Glieder müssen sich ihm anzugleichen suchen, „bis Christus in [ihnen] Gestalt annimmt“ (Gal 4, 19). „Deswegen werden wir aufgenommen in die Mysterien seines Lebens … werden wir seinen Leiden – als Leib dem Haupt – zugesellt; wir leiden mit ihm, um mit ihm verherrlicht zu werden“ (LG 7).

794 Er sorgt für unser Wachstum [Vgl. Kol 2,19.]. Um uns ihm, unserem Haupt, entgegenwachsen zu lassen [Vgl. Eph 4,11-16.], versieht Christus seinen Leib, die Kirche, mit den Gaben und Diensten, durch die wir uns gegenseitig auf dem Weg des Heils voranbringen.

795 Christus und die Kirche bilden somit den „ganzen Christus“ [Christus totus]. Die Kirche ist mit Christus eins. Die Heiligen sind sich dieser Einheit sehr lebhaft bewußt:

„Laßt uns also jubeln und Dank sagen, daß wir nicht bloß Christen geworden sind, sondern Christus. Versteht ihr, Brüder, erfaßt ihr die Gnade, die Gott uns schenkte, als er uns Christus zum Haupt gab? Staunt, freut euch, Christus sind wir geworden. Denn wenn jener das Haupt ist, wir die Glieder, dann ist der ganze Mensch er und wir … Die Fülle Christi, das ist also Haupt und Glieder. Was heißt: Haupt und Glieder? Christus und die Kirche“ (Augustinus, ev. J0. 21,8).

„Unser Erlöser erweist sich als eine Person mit der heiligen Kirche, die er sich zu eigen gemacht hat“ (Gregor d. Gr., mor. præf. 1,6,4).

„Haupt und Glieder sind gleichsam eine mystische Person“ (Thomas v. A., s. th. 3,48,2, ad 1).

Der von den heiligen Glaubenslehrern gelehrte Glaube und das gesunde Empfinden der Gläubigen äußern sich in einem Wort der hl. Jeanne d‘Arc an ihre Richter: „Von Jesus und der Kirche denke ich, daß das alles eins ist und daß man daraus kein Problem machen soll“.

Die Kirche ist die Braut Christi

796 Die Einheit zwischen Christus und der Kirche, dem Haupt und den Gliedern des Leibes, besagt auch, daß die beiden zwar voneinander verschieden sind, aber in einer persönlichen Beziehung stehen. Dieser Aspekt wird oft durch das Bild von Bräutigam und Braut zum Ausdruck gebracht. Daß Christus der Bräutigam der Kirche ist, wurde von den Propheten angedeutet, und Johannes der Täufer verkündete es [Vgl. Joh 3,29]. Der Herr selbst hat sich als „der Bräutigam“ bezeichnet (Mk 2,19) [Vgl. Mt 22, 1-14; 25,1-13]. Der Apostel stellt die Kirche und jeden Gläubigen, der Glied des Leibes Christi ist, als eine Braut dar, die er Christus dem Herrn „verlobt“ hat, damit sie ein Geist mit ihm sei [Vgl. 1 Kor 6, 15-17; 2 Kor 11,2]. Sie ist die makellose Braut des makellosen Lammes [Vgl. Offb 22,17; Eph 1,4; 5,27], die „Christus … geliebt“ und für die er sich „hingegeben hat, um sie … rein und heilig zu machen“ (Eph 5,25-26), die er durch einen ewigen Bund mit sich verbunden hat und die er pflegt wie seinen eigenen Leib [Vgl. Eph 5,29].

„Der ganze Christus, Haupt und Leib, einer aus vielen … Rede nun das Haupt oder rede der Leib, immer redet Christus: er redet aus der Rolle des Hauptes [ex persona capitis] wie aus der des Leibes [ex persona corporis]. Wie steht es geschrieben? ‚Zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche‘ (Eph 5,31-32). Und der Herr selbst sagt im Evangelium: ‚Sie sind also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch‘ (Mt 19,6). Es sind, wie ihr wißt, zwei Personen, und doch wiederum nur eine durch die eheliche Verbindung Bräutigam nennt er sich selber als Haupt, Braut als Leib“ (Augustinus, Psal. 74,4).

 

III  Die Kirche – Tempel des Heiligen Geistes

797 „Was unser Geist, das heißt unsere Seele, für unsere Glieder ist, das ist der Heilige Geist für die Glieder Christi, für den Leib Christi, die Kirche“ (Augustinus, serm. 267,4). „Diesem Geist Christi als dem unsichtbaren Prinzip ist zuzuschreiben, daß alle Teile des Leibes sowohl untereinander als auch mit ihrem erhabenen Haupt verbunden sind, da er ganz im Haupt ist, ganz im Leib, ganz in den einzelnen Gliedern“ (Pius XII., Enz. „Mystici Corporis„: DS 3808). Der Heilige Geist macht die Kirche zum „Tempel des lebendigen Gottes“ (2 Kor 6, 16) [Vgl. 1 Kor 3, 16-17; Eph 2,21]:

„Dieses göttliche Geschenk ist der Kirche anvertraut … In ihr ist niedergelegt die Gemeinschaft mit Christus, das heißt der Heilige Geist, das Angeld der Unverweslichkeit, die Befestigung unseres Glaubens, die Himmelsleiter zu Gott Wo die Kirche, da ist auch der Geist Gottes; und wo der Geist Gottes, dort ist die Kirche und alle Gnade“ (Irenäus, hier. 3,24,1).

798 Der Heilige Geist ist „in allen Teilen des Leibes das Prinzip jeder lebenspendenden und wirklich heilsamen Handlung“ (Pius XII., Enz. „Mystici Corporis„: DS 3808). Er bewirkt auf vielfältige Weise die Auferbauung des ganzen Leibes in der Liebe [Vgl. Eph 4,16]: durch das Wort Gottes, „das die Kraft hat, aufzubauen“ (Apg 20,32); durch die Taufe, durch die er den Leib Christi bildet [Vgl. 1 Kor 12,13]; durch diejenigen Sakramente, die den Gliedern Christi Wachstum und Heilung geben; durch die „Gnade der Apostel“, die unter den Gnadengaben „hervorragt“ (LG 7); durch die Tugenden, die das gute Handeln bewirken; durch die vielfältigen besonderen Gaben, die sogenannten Charismen, durch die er die Gläubigen „geeignet und bereit macht, verschiedene für die Erneuerung und den weiteren Aufbau der Kirche nützliche Werke und Dienste zu übernehmen“ (LG 12) [Vgl. AA 3].

Die Charismen

799 Die Charismen, ob außergewöhnlich oder schlicht und bescheiden, sind Gnadengaben des Heiligen Geistes, die direkt oder indirekt der Kirche dienen: sie sind zum Aufbau der Kirche, zum Wohl der Menschen und für die Nöte der Welt geschenkt.

800 Die Charismen sind von dem, der sie erhält, aber auch von allen Gliedern der Kirche dankbar entgegenzunehmen. Sie sind ja ein wunderbarer Gnadenreichtum für die apostolische Lebenskraft und für die Heiligkeit des ganzen Leibes Christi. Es muß sich dabei um Gaben handeln, die wirklich vom Heiligen Geist kommen, und sie sind so auszuüben, daß sie den echten Anregungen dieses Geistes voll entsprechen. Kurz, sie müssen in Liebe ausgeübt werden, die das eigentliche Maß der Charismen ist [Vgl. 1 Kor 13].

801 In diesem Sinn ist es stets notwendig, die Charismen zu prüfen. Kein Charisma enthebt der Pflicht, die Hirten der Kirche zu ehren und ihnen zu gehorchen, da es ihnen „in besonderer Weise zukommt, den Geist nicht auszulöschen, sondern alles zu prüfen und, was gut ist, zu behalten“ (LG 12). Alle Charismen, die in ihrer Verschiedenheit einander ergänzen, sollen so zusammenwirken, daß „sie anderen nützen“ (1 Kor 12,7) [Vgl. LG 30; CL 24].

 

KURZTEXTE

802 Christus Jesus hat sich für uns hingegeben um uns von aller Schuld zu erlösen und sich ein reines Volk zu schaffen das ihm als sein besonderes Eigentum gehört (Tit 2 14)

803 Ihr seid ein auserwähltes Geschlecht eine königliche Priesterschaft ein heiliger Stamm ein Volk das sein besonderes Eigentum wurde (1 Petr 2 9).

804 Der Eintritt in das Volk Gottes geschieht durch den Glauben und die Taufe „Zum neuen Volk Gottes werden alle Menschen gerufen“ (LG 13) damit in Christus die Menschen eine einzige Familie und ein einziges Gottesvolk bilden“ (AG 1).

805 Die Kirche ist der Leib Christi Durch den Geist und sein Wirken in den Sakramenten vor allem in der Eucharistie macht der gestorbene und auferstandene Christus die Gemeinschaft der Gläubigen zu seinem Leib.

806 In der Einheit dieses Leibes gibt es eine Verschiedenheit der Glieder und der Aufgaben. Alle Glieder sind miteinander verbunden insbesondere mit denen die leiden arm sind oder verfolgt werden.

807 Die Kirche ist der Leib dessen Haupt Christus ist Sie lebt aus ihm in ihm und für ihn; er lebt mit ihr und in ihr.

808 Die Kirche ist die Braut Christi Er hat sie geliebt und sich für sie hin gegeben. Er hat sie durch sein Blut gereinigt. Er hat sie zur Frucht baren Mutter aller Kinder Gottes gemacht.

809 Die Kirche ist der Tempel des Heiligen Geistes Der Geist ist gleichsam die Seele des mystischen Leibes das Prinzip seines Lebens der Einheit in der Verschiedenheit und des Reichtums seiner Gaben und Charismen.

810 So erscheint die ganze Kirche als das von der Einheit des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes her geeinte Volk (Cyprian).

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Quelle

Franziskus will Nein zur Todesstrafe im Katechismus haben

Papst Franziskus bei seiner Rede am Mittwochabend, 11.10.2017

Das ausnahmslose Nein zur Todesstrafe soll verpflichtendes katholisches Glaubensgut werden  und als solches im Katechismus stehen. Das hat Papst Franziskus am Mittwochabend in einer weit ausgreifenden Rede über den Katechismus, den fortschreitenden Glauben der Kirche und die Tradition angekündigt. Er äußerte sich bei einer Audienz für Teilnehmer eines Treffens, zu dem der Päpstliche Rat zur Förderung der Neuevangelisierung geladen hatte.

Die Ablehnung der Todesstrafe müsse im Katechismus der Katholischen Kirche auf „angemessenere und schlüssigere“ Weise Platz finden als bisher, sagte Franziskus. Der Weltkatechismus war als späte Frucht des II. Vatikanischen Konzils vor nunmehr 25 Jahren erschienen. Seither habe sich in der Frage der Todesstrafe nicht nur das päpstliche Lehramt entwickelt, sondern auch das Bewusstsein des Gottesvolkes. Man müsse heute, so der Papst wörtlich, „energisch bekräftigen, dass die Verurteilung zur Todesstrafe eine unmenschliche Maßnahme ist, die, auf welche Art auch immer durchgeführt, die Menschenwürde demütigt“. Die Todesstrafe widerspreche dem Evangelium, weil sie das Leben eines Menschen beende; jedes Menschenleben aber sei heilig in den Augen Gottes, der letztlich der einzige wahre Richter sei.

Todesstrafe im Kirchenstaat entsprach “keiner christlichen Gesinnung“

Auch im Kirchenstaat verhängten Richter über lange Zeit die Todesstrafe. Die letzte Hinrichtung fand unter Papst Pius IX. im Jahr 1870 statt. Diese historische Last sparte Franziskus nicht aus: da sei im Kirchenstaat „der Vorrang der Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit vernachlässigt“ worden. „Nehmen wir die Verantwortung der Vergangenheit auf uns, und erkennen wir an, dass jene Mittel von einer mehr legalistischen als christlichen Gesinnung bestimmt waren.“

Nein zur Todesstrafe steht nicht im Widerspruch zur Tradition

In der Absicherung seiner Argumentation war dem Papst ein Punkt besonders wichtig: Das Nein zur Todesstrafe steht nicht im Widerspruch zur Tradition, zum Glaubensgut also, das die Kirche aller Zeiten lehrte. Immer habe die Kirche das Menschenleben von der Zeugung bis zum natürlichen Tod verteidigt, erinnerte der Papst. Eine „harmonische Entwicklung der Lehre“ erfordere es, sich von Positionen zu verabschieden, „die heutzutage dem neuen Verständnis der christlichen Wahrheit entschieden zuwiderlaufen“.

Franziskus berief sich auf das II. Vatikanische Konzil: Dieses habe davon gesprochen, dass die Tradition sich immer fortentwickle. Tradition, das sei nichts Starres, so der Papst, der mit einem für ihn typischen Sprachbild verdeutlichte: „Das Wort Gottes kann man nicht in Naftalin einlegen, als sei es eine alte Decke, die man vor Schädlingen schützen muss! Nein. Das Wort Gottes ist eine dynamische Wirklichkeit, immer lebendigt, die voranschreitet und wächst, weil sie zu einer Erfüllung hin unterwegs ist, die die Menschen nicht aufhalten können.“

Der Weltkatechismus von 1992 hat in der Frage der Todesstrafe eine spätere Veränderung erfahren und die Zulässigkeit der Todesstrafe 2003 weiter eingeschränkt, wenn auch nicht komplett ausgeschlossen, wie Papst Franziskus das nun fordert. Im Kanon 2267 in der heutige gültigen Fassung heißt es: „Unter der Voraussetzung, dass die Identität und die Verantwortung des Schuldigen mit ganzer Sicherheit feststehen, schließt die überlieferte Lehre der Kirche den Rückgriff auf die Todesstrafe nicht aus, wenn dies der einzig gangbare Weg wäre, um das Leben von Menschen wirksam gegen einen ungerechten Angreifer zu verteidigen.“

Ein Vorschlag von Pax Christi

Mit seinem Vorstoß zur „Abschaffung“ der Todesstrafe im Katechismus griff Franziskus einen Vorschlag der katholischen Friedensbewegung Pax Christi Europa auf, die im April anregte, künftige Ausgaben des Weltkatechismus sollten die Todesstrafe rundum und ausnahmslos ächten.

(rv 11.10.2017 gs)

Papst Franziskus zum 25. Jahrestag der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche

ANSPRACHE DES HEILIGEN VATERS PAPST FRANZISKUS
ZUM 25. JAHRESTAG DER VERÖFFENTLICHUNG DES
KATECHISMUS DER KATHOLISCHEN KIRCHE

Synodenhalle
11. Oktober 2017

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Verehrte Kardinäle,
liebe Mitbrüder im bischöflichen und priesterlichen Dienst,
sehr geehrte Botschafter,
geschätzte Professoren,
Brüder und Schwestern,

ich grüße euch herzlich und danke Erzbischof Fisichella für seine freundlichen Worte an mich.

Der 25. Jahrestag der Veröffentlichung der Apostolischen Konstitution Fidei depositum, mit der der hl. Johannes Paul II. dreißig Jahre nach der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils den Katechismus der Katholischen Kirche promulgiert hat, ist eine gute Gelegenheit, den Weg nachzuvollziehen, der in diesen Jahren zurückgelegt wurde. Der hl. Johannes XXIII. hatte das ökumenische Konzil nicht in erster Linie gewollt, um Irrtümer zu verdammen, sondern um der Kirche endlich die Möglichkeit zu geben, die Schönheit des Glaubens an Jesus Christus in einer erneuerten Sprache darzustellen.

Die Kirche darf sich vor allem – so der Papst damals in seiner Eröffnungsansprache – »nicht von dem Schatz ihrer Wahrheit trennen, den sie von den Vätern ererbt hat. Gleichzeitig jedoch muss sie auch der Gegenwart Rechnung tragen und auf die gewandelte Lage und die neuen Lebensformen, die in die moderne Welt Eingang gefunden haben und die dem katholischen Apostolat neue Wege geöffnet haben, eine Antwort geben« (Gaudet Mater Ecclesia [11. Oktober 1962], 12). Und der Papst fuhr fort: »Unsere Aufgabe ist es nicht nur, diesen kostbaren Schatz zu bewahren, als ob wir uns nur um Altertümer kümmern würden. Sondern wir wollen uns mit Eifer und ohne Furcht der Aufgabe widmen, die unsere Zeit fordert. So setzen wir den Weg fort, den die Kirche im Verlaufe von zwanzig Jahrhunderten gegangen ist« (ebd., 14)

Bewahren” und “den Weg fortsetzen” ist, entsprechend ihrer Natur, der ureigene Auftrag der Kirche, damit die von Jesus in die Botschaft des Evangeliums eingeprägte Wahrheit sich in ihrer ganzen Fülle bis zum Ende der Zeiten entfalten kann. Dies ist eine dem Volk Gottes geschenkte Gnade, und zugleich ein Auftrag und eine Mission für die wir Verantwortung tragen, um in neuer und immer vollständigerer Weise unseren Zeitgenossen das eine Evangelium zu verkünden. Mit der Freude, die aus der christlichen Hoffnung erwächst, und unterstützt durch die »Medizin der Barmherzigkeit« (ebd.) nähern wir uns den Männern und Frauen unserer Zeit, um ihnen den unerschöpflichen Reichtum zu erschließen, der uns in der Person Jesu Christi geschenkt ist.

Als Johannes Paul II. den Katechismus der Katholischen Kirche vorstellte, betonte er: »Er muss die Entfaltung der Lehre berücksichtigen, die der Heilige Geist im Laufe der Zeit der Kirche eingegeben hat. Er soll auch eine Hilfe sein, mit dem Licht des Glaubens die neuen Situationen und Probleme zu beleuchten, die sich in der Vergangenheit noch nicht ergeben hatten« (Apost. Konstitution Fidei depositum, 3). Darum ist der Katechismus ein wichtiges Instrument, das den Gläubigen die ewig gültige Lehre darbietet, und ihnen so hilft im Verständnis des Glaubens zu wachsen. Vor allem aber will er unsere Zeitgenossen mit ihren neuen und unterschiedlichen Problemen zur Kirche heranführen, die sich dafür einsetzt, den Glauben als die bedeutsame Antwort auf die Fragen der menschlichen Existenz in diesem besonderen geschichtlichen Moment anbietet. Darum genügt es nicht, eine neue Sprache zu finden, um den ewig gültigen Glauben zu formulieren. Es ist vielmehr dringend notwendig, angesichts der neuen Herausforderungen und Aussichten, vor denen die Menschheit steht, dass die Kirche die noch neu zu entdeckenden Wahrheiten des Evangeliums erschließt, die zwar im Wort Gottes enthalten sind, die aber noch nicht ans Licht gekommen sind. Es geht um diesen Schatz „alter und neuer Dinge“ von denen Jesus spricht, wenn er seine Jünger einlädt, die Neuigkeit seiner Botschaft zu verkünden, ohne das Alte zu vernachlässigen (vgl. Mt 13,52).

Der Evangelist Johannes überliefert uns mit dem sogenannten „Hohepriesterlichen Gebet“ eine der schönsten Stellen des Evangeliums. Jesus wendet sich vor seinem Leiden und Sterben im Gebet an den Vater und bestätigt seinen Gehorsam, den er in der Erfüllung der empfangenen Sendung gezeigt hat. Seine Worte sind ein Lobpreis der Liebe und enthalten die Bitte, seine Jünger zu schützen und zu behüten (vgl. Joh 17,12-15). Zugleich betet Jesus auch für die, die aufgrund der Verkündigung seiner Jünger zum Glauben kommen werden: Auch diese sollen zu dieser Einheit gehören und darin bewahrt bleiben (vgl. Joh 17,20-23). In dem Satz »Das ist das ewige Leben: dich, den einzigen wahren Gott, zu erkennen und Jesus Christus, den du gesandt hast« (Joh 17,3), kommt der Höhepunkt der Sendung Jesu zum Ausdruck.

Gott zu erkennen ist, wie wir wissen, nicht in erster Linie die Frucht einer theoretischen Übung des menschlichen Verstandes, sondern des unauslöschlichen Verlangens, das ins Herz jeder Person gelegt ist. Es ist ein Erkennen aus der Liebe heraus, denn wir sind dem Sohn Gottes auf unserem Lebensweg begegnet (vgl. Enzyklika Lumen fidei, 28). Jesus von Nazareth ist mit uns auf dem Weg, um uns durch sein Wort und die von ihm gewirkten Zeichen in das tiefe Geheimnis der Liebe des Vaters einzuführen. Diese Erkenntnis wird von Tag zu Tag stärker in der Glaubensgewissheit, dass wir geliebt und darum eingebunden sind in einen sinnerfüllten Plan. Wer liebt, will die geliebte Person immer besser kennenlernen, um den in ihr verborgenen Reichtum zu entdecken, der täglich neu in Erscheinung tritt.

Deswegen versteht sich unser Katechismus vor dem Hintergrund der Liebe als Erfahrung des Erkennens, des Vertrauens und des sich Einlassens auf das Mysterium. Der Katechismus der Katholischen Kirche greift in seiner Struktur auf den Römischen Katechismus zurück. Er macht sich einen Gedanken dieses Katechismus als hermeneutischen Schlüssel zu eigen: „Die ganze Belehrung und Unterweisung muss auf die Liebe ausgerichtet sein, die kein Ende hat. Mag man also etwas vorlegen, was zu glauben, zu erhoffen oder zu tun ist, immer ist dabei vor allem die Liebe zu unserem Herrn zu empfehlen, damit jeder einsieht, dass alle Werke vollkommener christlicher Tugend einzig und allein in der Liebe entspringen und auf kein anderes Ziel gerichtet werden können als auf die Liebe.“ (Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 25)

Vor diesem Gedankenhorizont möchte ich auf ein Thema eingehen, das im Katechismus der Katholischen Kirche, entsprechend des eben zitierten Grundsatzes, eigentlich angemessener behandelt werden müsste. Ich denke an die Todesstrafe. Bei dieser Problematik kann man es nicht bei einer hauptsächlich geschichtlichen Abhandlung belassen, die dabei nicht nur die lehramtliche Entwicklung unter den letzten Päpsten außer Acht lässt, sondern auch das veränderte Bewusstsein im Volke Gottes, das eine positive Haltung gegenüber einer Strafe ablehnt, die die Würde des Menschen schwer verletzt. Stattdessen muss deutlich festgestellt werden, dass die Todesstrafe eine unmenschliche Maßnahme ist, die – wie auch immer sie ausgeführt wird – die Würde des Menschen herabsetzt. Sie widerspricht in ihrem Wesen dem Evangelium, weil sie willentlich entscheidet ein menschliches Leben zu beenden, das in den Augen des Schöpfers immer heilig ist und dessen wahrer Richter und Garant im Letzten allein Gott ist. Kein Mensch, »nicht einmal der Mörder verliert seine Menschenwürde« (Brief an den Präsidenten der Internationalen Kommission gegen die Todesstrafe, 20. März 2015), denn Gott ist ein Vater, der immer auf die Rückkehr des Sohnes wartet, der, um seinen Fehler wissend um Vergebung bittet und ein neues Leben beginnt. Niemandem darf daher nicht nur das Leben, sondern damit auch die Möglichkeit einer moralischen und existenziellen Umkehr verwehrt werden, damit er zum Wohle der Gemeinschaft umkehrt.

Anbetracht mangelnder Instrumente zur Verteidigung und einer noch nicht so weit entwickelten gesellschaftlichen Reife, schien die Todesstrafe in vergangenen Jahrhunderten die logische Konsequenz, um Gerechtigkeit walten zu lassen. Leider wurde auch im Kirchenstaat auf dieses extreme und unmenschliche Mittel zurückgegriffen, und man hat dabei den Primat der Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit vernachlässigt. Wir übernehmen die Verantwortung für die Vergangenheit und bekennen, dass diese Methoden mehr von einer legalistischen als von einer christlichen Haltung bestimmt wurden. Die Sorge um Machterhalt und materiellen Reichtum haben zu einer Überbewertung des Gesetzes geführt und ein tiefes Verständnis des Evangeliums verhindert. Gerade deswegen können wir heute, angesichts einer neuen Notwendigkeit, die Würde des Menschen zu betonen, nicht gleichgültig bleiben. Wir würden uns noch mehr schuldig machen.

Wir stehen hier vor keinerlei Widerspruch zu früheren Lehraussagen, denn die Verteidigung der Würde des menschlichen Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod hat in der kirchlichen Lehre stets eine eindeutige und maßgebende Stimme gefunden. Die harmonische Entwicklung der kirchlichen Lehre gebietet es, Positionen zu vermeiden, die an Argumenten festhalten, die längst eindeutig einem neuen Verständnis der christlichen Wahrheit widersprechen. Schon der hl. Vinzenz von Lérins erinnerte: »Aber vielleicht sagt jemand: Wird es also in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion geben? Gewiss soll es einen geben, sogar einen recht großen. Denn wer wäre gegen die Menschen so neidisch und gegen Gott so feindselig, dass er das zu verhindern suchte?« (Commonitorium, 23.1; PL 50). Darum ist es notwendig zu betonen, dass, egal wie schwer das begangene Verbrechen auch war, die Todesstrafe unzulässig ist, weil sie gegen die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen verstößt.

»So führt die Kirche in Lehre, Leben und Kult durch die Zeiten weiter und übermittelt allen Geschlechtern alles, was sie selber ist, alles, was sie glaubt« (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogm. Konstitution Dei Verbum, 8). Die Konzilsväter konnten keine knappere und zugleich treffendere Formulierung finden, um die Natur und die Sendung der Kirche zum Ausdruck zu bringen. Nicht allein in der „Lehre“, sondern auch im „Leben“ und im „Kult“ wird den Gläubigen die Möglichkeit gegeben, Gottes Volk zu sein. Mit einer Folge von Verben drückt die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung die Dynamik dieses Prozesses aus: »Diese apostolische Überlieferung kennt […] einen Fortschritt […] wächst […] strebt […] ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllen« (ebd.).

Die Tradition ist eine lebendige Realität und nur eine begrenzte Sicht kann sich das „depositum fidei“, das Glaubensgut, als etwas statisches, unbewegliches vorstellen. Man kann das Wort Gottes nicht einmotten als wäre es eine alte Wolldecke, die man vor Schädlingen bewahren müsste. Nein! Das Wort Gottes ist eine dynamische Wirklichkeit, stets lebendig, und es entwickelt sich und wächst, denn es ist auf eine Erfüllung hin angelegt, die die Menschen nicht stoppen können. Dieses Gesetz des Fortschritts hat der hl. Vinzenz von Lérins folgendermaßen formuliert: »annis consolidetur, dilatetur tempore, sublimetur aetate« (Commonitorium, 23.9: PL 50). Es beschreibt die besondere Bedingung unter der die offenbarte Wahrheit von der Kirche weitergegeben wird und bedeutet keineswegs eine Änderung in der Lehre.

Man kann die Lehre nicht bewahren ohne ihre Entwicklung zuzulassen. Man kann sie auch nicht an eine enge und unveränderbare Auslegung binden, ohne den Heiligen Geist und sein Handeln zu demütigen. »Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten« (Heb 1,1), und »so ist Gott, der einst gesprochen hat, ohne Unterlass im Gespräch mit der Braut seines geliebten Sohnes« (Dei Verbum, 8). Diese Stimme gilt es in uns aufzunehmen in einer Haltung des »ehrfürchtigen Hörens« (ebd., 1) und uns so als Kirche zu erlauben, mit demselben Enthusiasmus des Anfangs voranzuschreiten zu den neuen Horizonten, zu denen der Herr uns führen möchte.

Ich danke euch für diese Begegnung und für eure Arbeit. Bitte betet für mich! Ich segne euch von Herzen. Danke.

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Quelle

„Die Religionsfreiheit ist der Weg für den Aufbau des Friedens“: Benedikt im Jahr 2011

Papst Benedikt XVI. im August 2010   Foto: CNA/L’Osservatore Romano

Heute sind seine Worte brennend aktuell – und geradezu prophetisch: Über den Terror in Ägypten und die Religionsfreiheit hat Papst Benedikt XVI. am 10. Januar 2011 einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Anlass war der Neujahrsempfang für den Diplomatischen Corps. 

Dabei sprach Benedikt im Angesicht des Terrors gegen Christen über das Menschenrecht auf Religionsfreiheit als „den grundlegenden Weg für den Aufbau des Friedens“. Der heutige Papst emeritus wörtlich weiter:

„Tatsächlich wird der Friede nur dann geschaffen und erhalten, wenn der Mensch Gott in seinem Herzen, in seinem Leben und in seinen Beziehungen zu den anderen in Freiheit suchen und ihm dienen kann.“

Nicht nur angesichts der Reise von Papst Franziskus nach Ägypten am heutigen 28. April lohnt sich ein genauer Blick auf diese Ansprache, die CNA im vollen Wortlaut dokumentiert, wie sie der Heilige Stuhl in deutscher Fassung zur Verfügung gestellt hat.

Neujahrsempfang für die Mitglieder des am Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps (10. Januar 2011) | BENEDIKT XVI.

Exzellenzen!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Freude heiße ich Sie zu dieser Begegnung hier willkommen, die Sie, verehrte Vertreter so zahlreicher Länder, alljährlich um den Nachfolger Petri versammelt. Dieser Begegnung kommt eine hohe Bedeutung zu, denn sie ist ein Bild und zugleich eine Veranschaulichung der Rolle der Kirche und des Heiligen Stuhls in der internationalen Gemeinschaft. An jeden von Ihnen richte ich herzliche Grüße und Glückwünsche, besonders an jene, die zum ersten Mal hier sind. Ich bin Ihnen dankbar für das Engagement und die Aufmerksamkeit, mit denen Sie in der Ausübung Ihrer anspruchsvollen Aufgaben meine Tätigkeiten, die der Römischen Kurie und so in gewisser Weise das Leben der katholischen Kirche überall in der Welt verfolgen. Ihr Doyen, Botschafter Alejandro Valladares Lanza, hat Ihre Empfindungen zur Sprache gebracht, und ich danke ihm für die guten Wünsche, die er im Namen aller übermittelt hat. Da ich weiß, wie sehr Ihre Gemeinschaft in sich geeint ist, bin ich sicher, daß in Ihren Gedanken heute die Botschafterin des Königreichs der Niederlande, Baronin van Lynden-Leijten, gegenwärtig ist, die vor einigen Wochen ins Haus des Ewigen Vaters heimgekehrt ist. Im Gebet schließe ich mich Ihren Gefühlen an.

Während nun ein neues Jahr beginnt, hallt in unseren Herzen und in der ganzen Welt noch das Echo der freudigen Botschaft nach, die vor zweitausend Jahren in der Nacht von Bethlehem erschallt ist, in jener Nacht, die die Situation der Menschheit in ihrem Bedürfnis nach Licht, Liebe und Frieden symbolisiert. Den Menschen von damals wie denen von heute haben die himmlischen Heerscharen die gute Nachricht von der Ankunft des Heilands gebracht: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1). Das Geheimnis des Sohnes Gottes, der zum Menschensohn wird, übersteigt gewiß alle menschliche Erwartung. An keinerlei Vorleistung gebunden, ist dieses Heilsgeschehen die authentische und erschöpfende Antwort auf das tiefste Sehnen des Herzens. Was jeder Mensch bewußt oder unbewußt sucht – die Wahrheit, das Gute, das Glück, das Leben in Fülle –, wird ihm von Gott geschenkt. Im Streben nach diesen Gaben ist jeder Mensch auf der Suche nach Gott, weil „nur Gott auf das Verlangen antwortet, das im Herzen eines jeden Menschen wohnt“ (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini, Nr. 23). In ihrer gesamten Geschichte zeigt die Menschheit durch ihre Glaubensanschauungen und ihre Riten ein unablässiges Suchen nach Gott, und „diese Ausdrucksweisen … sind so allgemein vorhanden, daß man den Menschen als ein religiöses Wesen bezeichnen kann“ (Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 28). Die religiöse Dimension ist ein unleugbares und unbezwingliches Merkmal des menschlichen Seins und Handelns, sie ist der Maßstab für die Verwirklichung seiner Bestimmung und für den Aufbau der Gemeinschaft, der er angehört. Wenn der einzelne selbst oder seine Umgebung diesen fundamentalen Aspekt vernachlässigt oder leugnet, bilden sich folglich Unausgeglichenheiten und Konflikte auf allen Ebenen, sowohl im persönlichen als auch im zwischenmenschlichen Bereich.

In dieser ersten und fundamentalen Wahrheit liegt der Grund, warum ich in der diesjährigen Botschaft zum Weltfriedenstag die Religionsfreiheit als den grundlegenden Weg für den Aufbau des Friedens bezeichnet habe. Tatsächlich wird der Friede nur dann geschaffen und erhalten, wenn der Mensch Gott in seinem Herzen, in seinem Leben und in seinen Beziehungen zu den anderen in Freiheit suchen und ihm dienen kann.

Meine Damen und Herren Botschafter, Ihre Anwesenheit bei diesem festlichen Anlaß ist eine Einladung, den Blick über all die Länder schweifen zu lassen, die Sie vertreten, und über die ganze Welt. Gibt es in diesem Panorama nicht zahlreiche Situationen, in denen leider das Recht auf die Religionsfreiheit verletzt oder geleugnet wird? Dieses Recht des Menschen, das in Wirklichkeit das erste der Rechte ist, weil es – geschichtlich gesehen – als erstes bestätigt wurde, und das andererseits die grundlegende Dimension des Menschen angeht, nämlich sein Verhältnis zu seinem Schöpfer, wird es nicht allzu oft in Frage gestellt oder verletzt? Mir scheint, daß die Gesellschaft, ihre Verantwortlichen und die öffentliche Meinung sich heute mehr, wenn auch nicht immer in rechter Weise, dieser schweren Verwundung bewußt wird, die der Würde und der Freiheit des homo religiosus zugefügt wird und auf die ich immer wieder allgemein aufmerksam machen wollte.

Dies habe ich auf meinen Apostolischen Reisen im vergangenen Jahr nach Malta und Portugal, nach Zypern, in das Vereinigte Königreich und nach Spanien getan. Unabhängig vom unterschiedlichen Charakter dieser Länder erinnere ich mich voller Dankbarkeit an sie alle wegen des Empfangs, den sie mir bereitet haben. Die Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten, die im Monat Oktober im Vatikan stattfand, war ein Moment des Gebetes und der Besinnung, in dem die Gedanken nachdrücklich zu den christlichen Gemeinschaften dieser Weltregion gingen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche so viel durchmachen müssen.

Ja, im Blick auf den Orient haben uns die Attentate zutiefst betrübt, die unter den Christen des Irak Tod, Schmerz und Verzweiflung gesät haben und sie sogar veranlassen, das Land zu verlassen, wo ihre Väter jahrhundertelang gelebt haben. Ich wiederhole meinen besorgten Appell an die Verantwortungsträger dieses Landes und an die islamischen Religionsführer, sich dafür einzusetzen, daß ihre christlichen Mitbürger in Frieden leben und weiterhin ihren Beitrag zu der Gesellschaft leisten können, deren vollgültige Mitglieder sie sind. Auch in Ägypten, in Alexandrien, hat der Terrorismus Gläubige beim Gebet in einer Kirche brutal getroffen. Diese Folge von Angriffen ist ein weiteres Zeichen für die dringende Notwendigkeit, daß die Regierungen der Region trotz der Schwierigkeiten und der Drohungen wirksame Maßnahmen zum Schutz der religiösen Minderheiten ergreifen. Muß es noch einmal gesagt werden? „Die Christen“ im Nahen Osten „sind ursprüngliche und vollwertige Bürger, die loyal zu ihrer Heimat und zu allen ihren staatsbürgerlichen Pflichten stehen. Es versteht sich von selbst, daß sie alle Rechte der Staatsbürgerschaft, der Gewissens- und Religionsfreiheit, der Freiheit im Erziehungs- und Bildungswesen sowie beim Gebrauch der sozialen Kommunikationsmittel in Anspruch nehmen können“ (Botschaft der Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten an das Volk Gottes, Nr. 10). In dieser Hinsicht schätze ich die Aufmerksamkeit für die Rechte der Schwächsten und den politischen Weitblick, den manche Länder Europas in den letzten Tagen bewiesen haben, indem sie eine konzertierte Antwort der Europäischen Union zum Schutz der Christen im Nahen Osten forderten. Ich möchte schließlich daran erinnern, daß das Recht auf Religionsfreiheit dort keine volle Anwendung findet, wo nur die Kultusfreiheit, noch dazu mit Einschränkungen, gewährleistet wird. Ferner lade ich ein, die umfassende Wahrung der Religionsfreiheit und der anderen Menschenrechte durch Programme zu begleiten, die von der Grundschule an und im Rahmen des Religionsunterrichts zum Respekt gegenüber allen Brüdern und Schwestern in der Menschheit erziehen. Was die Länder auf der Arabischen Halbinsel betrifft, wo zahlreiche zugewanderte christliche Arbeiter leben, wünsche ich, daß die katholische Kirche über geeignete pastorale Strukturen verfügen kann.

Unter den Normen, die das Recht der Menschen auf Religionsfreiheit verletzen, muß das Gesetz gegen Blasphemie in Pakistan besondere Erwähnung finden: Ich ermutige die Verantwortungsträger dieses Landes erneut, die nötigen Anstrengungen zu unternehmen, es aufzuheben, um so mehr, da es offensichtlich als Vorwand dient, um Ungerechtigkeit und Gewalt gegen die religiösen Minderheiten zu provozieren. Der tragische Mord am Gouverneur der Provinz Punjab zeigt, wie dringend es ist, in diesem Sinn voranzugehen: Die Verehrung Gott gegenüber fördert Brüderlichkeit und Liebe, nicht Haß und Entzweiung. Andere besorgniserregende Situationen mit gelegentlichen Gewaltakten können im Süden und Südosten des asiatischen Kontinents erwähnt werden, in Ländern, die übrigens eine Tradition friedlicher gesellschaftlicher Beziehungen haben. Das besondere Gewicht einer bestimmten Religion in einer Nation dürfte niemals zur Folge haben, daß die Bürger, die einem anderen Bekenntnis angehören, im gesellschaftlichen Leben diskriminiert werden oder, noch schlimmer, daß Gewalt gegen sie geduldet wird. In dieser Hinsicht ist es wichtig, daß der interreligiöse Dialog einen allgemeinen Einsatz unterstützt, die Religionsfreiheit aller Menschen und aller Gemeinschaften anzuerkennen und zu fördern. Schließlich verschont, wie ich schon gesagt habe, die Gewalt gegen Christen auch Afrika nicht. Die Angriffe gegen Kultstätten in Nigeria, gerade als die Geburt Christi gefeiert wurde, sind ein weiteres trauriges Zeugnis dafür.

In verschiedenen Ländern hingegen erkennt die Verfassung eine gewisse Religionsfreiheit an, de facto aber wird das Leben der Religionsgemeinschaften erschwert und manchmal sogar gefährdet (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 15), weil die rechtliche oder gesellschaftliche Ordnung sich an philosophischen und politischen Systemen orientiert, die eine strikte Kontrolle – um nicht zu sagen ein Monopol – des Staates über die Gesellschaft fordern. Solche Zweideutigkeiten müssen aufhören, damit die Gläubigen sich nicht zwischen der Treue zu Gott und der Loyalität gegenüber ihrem Heimatland hin- und hergerissen sehen. Ich fordere im besonderen, daß in Übereinstimmung mit den internationalen Normen und Standards auf diesem Gebiet den katholischen Gemeinschaften überall die volle Selbstbestimmung und die Freiheit, ihre Sendung zu erfüllen, garantiert wird.

In diesem Moment gehen meine Gedanken erneut an die Katholiken in Kontinental-China und an ihre Hirten, die eine Zeit von Schwierigkeiten und Prüfungen durchleben. Ich möchte auch ein Wort der Ermutigung an die Verantwortungsträger in Kuba richten – ein Land, das 2010 fünfundsechzig Jahre ununterbrochene diplomatische Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl gefeiert hat –, daß der mit der katholischen Kirche glücklicherweise begonnene Dialog weiter verstärkt und ausgeweitet wird.

Wenn wir unseren Blick vom Osten auf den Westen lenken, finden wir uns anderen Arten der Bedrohung der vollen Ausübung der Religionsfreiheit gegenüber. Ich denke an erster Stelle an die Länder, in denen dem Pluralismus und der Toleranz große Bedeutung zugemessen wird, wo aber die Religion eine zunehmende Ausgrenzung erleidet. Man neigt dazu, die Religion, jede Religion, als einen unbedeutenden Faktor anzusehen, welcher der modernen Gesellschaft fremd ist oder sie gar destabilisiert, und man sucht mit verschiedenen Mitteln allen Einfluß auf das gesellschaftliche Leben zu verhindern. Man geht so weit zu verlangen, daß die Christen bei der Ausübung ihres Berufs ohne Bezug auf ihre religiöse und moralische Überzeugung, ja sogar im Gegensatz zu ihnen handeln, wie zum Beispiel dort, wo Gesetze in Kraft sind, die das Recht der Weigerung aus Gewissensgründen für Fachkräfte im Gesundheitswesen oder für gewisse im Rechtsbereich Tätige einschränken.

In diesem Zusammenhang kann man sich nur darüber freuen, daß im vergangenen Oktober der Europarat eine Resolution angenommen hat, die das Recht der im medizinischen Bereich Tätigen auf Weigerung aus Gewissensgründen in bezug auf gewisse Handlungen, die – wie die Abtreibung – das Recht auf Leben schwer verletzen, schützt.

Ein anderer Ausdruck der Ausgrenzung der Religion, des Christentums im besonderen, besteht in der Verbannung religiöser Feste und Symbole aus dem öffentlichen Leben im Namen der Achtung derer, die anderen Religionen angehören oder die nicht glauben. Durch ein solches Handeln wird nicht nur das Recht der Gläubigen eingeschränkt, öffentlich ihren Glauben zu bekunden, sondern man schneidet auch die kulturellen Wurzeln ab, die die tiefste Identität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zahlreicher Nationen nähren. Im vergangenen Jahr haben sich einige europäische Länder dem Rekurs der italienischen Regierung gegen die bekannte Causa hinsichtlich der Anbringung des Kruzifixes an öffentlichen Orten angeschlossen. Ich möchte den Verantwortungsträgern dieser Nationen meinen Dank zum Ausdruck bringen, ebenso allen, die sich in diesem Sinne eingesetzt haben, den Bischöfen, Organisationen und den zivilen oder religiösen Vereinigungen, insbesondere dem Patriarchat von Moskau und den anderen Vertretern der Hierarchie der Orthodoxie, und ebenso allen Menschen – gläubig oder auch nicht gläubig –, die ihre Anhänglichkeit an dieses Symbol voll universaler Werte zeigen wollten.

Die Religionsfreiheit anzuerkennen bedeutet außerdem zu gewährleisten, daß die Religionsgemeinschaften in der Gesellschaft mit Initiativen im Sozial-, Wohltätigkeits- oder Bildungswesen frei wirken können. Überall in der Welt kann man im übrigen feststellen, wie fruchtbar die Werke der katholischen Kirche in diesen Bereichen sind. Es ist besorgniserregend, daß der Dienst, den die religiösen Gemeinschaften der ganzen Gesellschaft, insbesondere für die Erziehung der jungen Generationen, erweisen, durch Gesetzespläne gefährdet oder behindert wird, die eine Art staatliches Monopol in Schulangelegenheiten zu schaffen drohen, wie zum Beispiel in manchen Ländern Lateinamerikas festzustellen ist. Da die meisten von ihnen den zweihundertsten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feiern, was eine gute Gelegenheit darstellt, an den Beitrag der katholischen Kirche zur Formung ihrer nationalen Identität zu erinnern, lade ich alle Regierungen ein, Bildungssysteme zu fördern, die das Urrecht der Familien achten, über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden, und die sich an dem für die Organisation einer gerechten Gesellschaft grundlegenden Prinzip der Subsidiarität orientieren.

In Weiterführung meiner Überlegungen kann ich einen anderen Angriff auf die religiöse Freiheit der Familien in einigen europäischen Ländern nicht schweigend übergehen, wo die Teilnahme an Kursen der Sexualerziehung oder Bürgerkunde verpflichtend auferlegt wird, bei denen ein angeblich neutrales Bild des Menschen und des Lebens vermittelt wird, das aber in Wirklichkeit eine dem Glauben und der rechten Vernunft gegensätzliche Anthropologie widerspiegelt.

Meine Damen und Herren Botschafter, gestatten Sie, daß ich bei diesem feierlichen Anlaß einige Prinzipien darlege, an denen sich der Heilige Stuhl mit der ganzen katholischen Kirche bei seinen Tätigkeiten im Rahmen der zwischenstaatlichen internationalen Organisationen inspiriert, um die volle Achtung der Religionsfreiheit für alle zu fördern. Zunächst gibt es die Überzeugung, daß man eine Art Skala des Ausmaßes von Intoleranz zwischen den Religionen erstellen könne. Leider kommt eine solche Haltung häufig vor, und es sind eben Akte von Diskriminierungen gegenüber Christen, die als weniger schwerwiegend angesehen und seitens der Regierungen und der öffentlichen Meinung weniger der Aufmerksamkeit wert erachtet werden. Gleichzeitig muß auch der gefährliche Kontrast zurückgewiesen werden, den manche zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und den anderen Menschenrechten herstellen wollen, so daß sie die zentrale Rolle der Achtung der Religionsfreiheit bei der Verteidigung und beim Schutz der hohen Würde des Menschen vergessen oder leugnen. Ebensowenig gerechtfertigt sind die Versuche, dem Recht auf Religionsfreiheit sogenannte neue Rechte entgegenzusetzen, die von gewissen Kreisen der Gesellschaft gefördert werden und in die nationalen Gesetzgebungen oder in die internationalen Direktiven Eingang finden, die aber in Wirklichkeit nichts anderes als der Ausdruck egoistischer Wünsche sind und in der echten menschlichen Natur ihrer Grundlage entbehren. Schließlich muß festgestellt werden, daß eine rein abstrakte Proklamierung der Religionsfreiheit nicht ausreicht: Diese Grundnorm des gesellschaftlichen Lebens muß auf allen Ebenen und in allen Bereichen angewandt und respektiert werden; andernfalls läuft man trotz ihrer grundsätzlichen Bejahung Gefahr, gegenüber den Bürgern, die ihren Glauben frei bekennen und ausüben wollen, große Ungerechtigkeiten zu begehen.

Die Förderung einer vollen Religionsfreiheit der katholischen Gemeinschaften ist auch das Ziel, das der Heilige Stuhl beim Abschluß von Konkordaten oder anderen Verträgen verfolgt. Ich freue mich, daß Staaten in den verschiedenen Regionen der Erde und von verschiedenen Religions- Kultur- und Rechtstraditionen den Weg internationaler Abkommen wählen, um die Beziehungen zwischen der politischen Gemeinschaft und der katholischen Kirche zu organisieren. Dabei legen sie im Dialog den Rahmen einer Zusammenarbeit, die die gegenseitigen Kompetenzen achtet, fest. Im vergangenen Jahr wurde ein Abkommen bezüglich der Seelsorge für die katholischen Gläubigen in den Streitkräften Bosnien-Herzegowinas geschlossen und in Kraft gesetzt, und gegenwärtig sind Verhandlungen mit verschiedenen Ländern im Gange. Wir hoffen auf einen positiven Ausgang, der Lösungen garantiert, die die Natur und Freiheit der Kirche zum Wohl der ganzen Gesellschaft respektieren.

Die Tätigkeit der Vertreter des Papstes bei den Staaten und den internationalen Organisationen steht ebenso im Dienst der Religionsfreiheit. Mit Zufriedenheit möchte ich hervorheben, daß die Verantwortungsträger des Vietnam zugestimmt haben, daß ich einen Repräsentanten ernenne, der durch seine Besuche der geliebten katholischen Gemeinschaft dieses Landes die Fürsorge des Nachfolgers Petri zum Ausdruck bringen wird. Desgleichen möchte ich daran erinnern, daß im letzten Jahr das diplomatische Netz des Heiligen Stuhls in Afrika weiter ausgebaut wurde; in drei Ländern, wo der Nuntius nicht residiert, wurde nun eine stabile Präsenz gesichert. So Gott will, werde ich nochmals auf diesen Kontinent zurückkehren, nämlich im kommenden November nach Benin, um das Apostolische Schreiben zu übergeben, das die Frucht der Arbeiten der zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Afrika zusammenfassen wird.

Vor diesem geschätzten Auditorium möchte ich schließlich nochmals nachdrücklich sagen, daß die Religion kein Problem für die Gesellschaft darstellt, daß sie kein Unruhe- oder Konfliktfaktor ist. Ich möchte wiederholen, daß die Kirche weder Privilegien sucht, noch sich in ihrer Mission in fremde Bereiche einmischen, sondern einfach ihre Sendung in Freiheit ausüben will. Einen jeden lade ich ein, die große Lehre der Geschichte anzuerkennen: „Wie könnte man den Beitrag der großen Weltreligionen zur Entwicklung der Zivilisation leugnen? Die aufrichtige Suche nach Gott hat zu einer vermehrten Achtung der Menschenwürde geführt. Die christlichen Gemeinschaften haben mit ihrem Erbe an Werten und Grundsätzen erheblich dazu beigetragen, daß Menschen und Völker sich ihrer eigenen Identität und ihrer Würde bewußt wurden, und ebenso sind sie an der Errungenschaft demokratischer Einrichtungen sowie an der Festschreibung der Menschenrechte und der entsprechenden Pflichten beteiligt. Auch heute, in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft, sind die Christen berufen, nicht allein mit einem verantwortlichen zivilen, wirtschaftlichen und politischen Engagement, sondern auch mit dem Zeugnis der eigenen Nächstenliebe und des persönlichen Glaubens einen wertvollen Beitrag zu leisten zum mühsamen und erhebenden Einsatz für die Gerechtigkeit, für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und für die rechte Ordnung der menschlichen Angelegenheiten“ (Botschaft zum Weltfriedenstag 2011, Nr. 7).

Ein Sinnbild ist in dieser Hinsicht die Gestalt der seligen Mutter Teresa von Kalkutta: Der hundertste Jahrestag ihrer Geburt wurde in Tirana, Skopje und Priština sowie in Indien gefeiert. Nicht nur seitens der Kirche, sondern auch seitens der zivilen Verantwortungsträger und religiösen Führer, ohne die Menschen aller Glaubensrichtungen zu zählen, wurde ihr überschwengliche Ehre erwiesen. Beispiele wie ihres zeigen der Welt, wie das Engagement aus dem Glauben der ganzen Gesellschaft zugute kommt.

Keine menschliche Gesellschaft beraube sich freiwillig des grundlegenden Beitrags, den die Gläubigen und die Religionsgemeinschaften darstellen! Wie das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat, bedeutet die rechte religiöse Freiheit voll und für alle zu gewährleisten, daß „der Gesellschaft selber die Werte der Gerechtigkeit und des Friedens zugute kommen, die aus der Treue der Menschen gegenüber Gott und seinem heiligen Willen hervorgehen“ (Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 6).

Mit unserem Wunsch, daß dieses neue Jahr an Eintracht und wirklichem Fortschritt reich sein möge, ermutige ich daher alle, die Verantwortlichen in der Politik, die Religionsführer und die Menschen jeden Ranges, entschlossen den Weg zu einem echten und dauerhaften Frieden einzuschlagen, der über die Achtung des Rechts auf Religionsfreiheit in allen ihren Bereichen führt.

Damit dieser Einsatz in die Tat umgesetzt wird, ist es notwendig, daß die ganze Menschheitsfamilie sich darin einbringt. Für diesen Einsatz erbitte ich den Segen des allmächtigen Gottes, der unsere Versöhnung mit ihm und untereinander gewirkt hat durch seinen Sohn Jesus Christus, der unser Friede ist (vgl. Eph 2,14).

Ihnen allen wünsche ich ein gutes neues Jahr!

 

VATIKANSTADT , 28 April, 2017 / 12:06 AM (CNA Deutsch).-