Nigeria: UNO schlägt Alarm wegen Hunger

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Vor allem viele Kinder sind in Nigeria von der Hungerkrise bedroht

Vor einer Hungerkatastrophe in dem afrikanischen Land warnen die Vereinten Nationen. Rund eine halbe Million Kinder sind UNO-Angaben zufolge in Nigeria und den angrenzenden Gebieten vom Hungertod bedroht – die internationale Gemeinschaft müsse eingreifen. Im Nordosten des Landes seien rund 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht, mehr als sieben Millionen bräuchten Nahrungsmittelhilfe, die Gesundheitsversorgung sei zusammengebrochen. Die Region wurde bis vor Kurzem von der Terrororganisation Boko Haram kontrolliert. Ohne eine entschlossene Bekämpfung der Hungerkrise könnte Europa nach Ansicht der Vereinten Nationen eine neue Flüchtlingswelle drohen.

(reuters 31.01.2017 jg)

2016 wurden etwa 90.000 Christen getötet

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Helfen Sie Christen! Gebäude-Beleuchtung in Norditalien

Das ist eine Zeit der Märtyrer – Papst Franziskus hat an diesem Montag erst wieder daran erinnert. 90.000 Christen sind im Jahr 2016 um ihres Glaubens willen ermordet worden, sagt der italienische Forscher Massimo Introvigne, der ein internationales Netzwerk namens „Studienzentrum Neue Religionen“ leitet.

„Nächsten Monat erscheint eine neue Statistik. Aus ihr ergibt sich, dass alle sechs Minuten ein Christ um seines Glaubens willen umgebracht wird. Diese Zahl ist etwas zurückgegangen im Vergleich zu den 105.000 Getöteten vor zwei Jahren. Die meisten Morde an Christen, siebzig Prozent bzw. 63.000 Menschen, geschehen bei Stammeskonflikten in Afrika. Das US-„Center for Study of Global Christianity“ nimmt sie mit auf in seine Statistik, weil man bei den meisten Christen davon ausgeht, dass sie sich aus Gewissensgründen geweigert haben, zu den Waffen zu greifen. Die übrigen dreißig Prozent, also 27.000 Menschen, rühren aus Terroranschlägen her, aus der Zerstörung christlicher Dörfer oder Verfolgungen durch eine Regierung wie etwa die nordkoreanische.“

Hauptgrund: Stammeskonflikte

Und was sagen die Schätzungen zur Zahl der weltweit verfolgten Christen? Auch darauf hat Introvigne eine Antwort: „Wenn man die Statistiken von mindestens drei US-Forschungszentren und meinem eigenen Netzwerk zusammensieht, kommt man auf etwa 500 bis 600 Millionen Christen, die ihren Glauben nicht völlig frei leben können. Ohne die Leiden von Mitgliedern anderer Religionen in irgendeiner Weise herunterzuspielen, sind doch die Christen die bei weitem am stärksten verfolgte religiöse Gruppe in der Welt.“

Zurück zur Zahl der um ihres Glaubens willen ermordeten Christen im Jahr 2016: „Man kann sich über die Statistiken wundern; das „Center for Study of Global Christianity“ spricht nämlich von 90.000 Christen, andere hingegen von nur einigen Tausend, wieder andere nur von einigen Hundert. Wenn die Diskrepanzen so groß sind, ist klar, dass da verschiedene Dinge gezählt werden. Wer die Menschen zählt, die bewußt vor die tragische Wahl gestellt werden: Verleugne deinen Glauben oder stirb!, der kommt jedes Jahr auf einige Hundert. Andere sehen die Sache weniger eng: Da werden nicht nur Kandidaten für eine Seligsprechung gezählt, sondern auch die Christen, die wegen bestimmter Glaubensgesten oder –praktiken getötet werden, das sind dann einige Tausend. Spricht man hingegen in weiterem Sinn von Menschen, die umgebracht werden, weil sie Christen sind, dann kommt man auf 90.000 Menschen – das heißt, ein Toter alle sechs Minuten.“

Statistiken und Schicksale

Hinter den blanken Zahlen sind natürlich einzelne Schicksale besonders anrührend. Wie etwa die der Christen im Herrschaftsbereich der Terrorgruppe „Islamischer Staat“.

„Ja, auf dem Gebiet des sogenannten Islamischen Staats gibt es verschiedene Fälle, die die Kirche auch schon mit Blick auf eine mögliche Seligsprechung untersucht. Es gibt Christen, die bewußt in diesen Gebieten geblieben sind, um dort so gut wie möglich ihren Glauben zu bezeugen. Allerdings tötet der IS auch viele Muslime; für 2016 liegt die Zahl der Christen und die der Muslime, die um ihres jeweiligen Glaubens willen umgebracht wurden, in etwa gleichauf – wenn wir Afrika ausnehmen. Muslime werden in der Regel von anderen Muslimen getötet: die Schiiten durch Sunniten, das ist der häufigste Fall. In einigen Fällen werden Muslime, die mit einer bestimmten Ausrichtung des Islams nicht einverstanden sind, von extremistischen Muslimen umgebracht. So verhält sich das auch beim IS.“

(rv 27.12.2016 sk)

Nigeria: Die Terrorgruppe der Fulani verübt ähnliche Massaker wie Boko Haram

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Bischof Joseph D. Bagobiri / © KiN – KIRCHE IN NOT

Von 2006 bis 2014 wurden im bevökerungsreichsten Land Afrikas
durch Terrorakte mehr als 12 000 Christen getötet
und etwa 2 000 Kirchen zerstört

Von 2006 bis 2014 wurden in Nigeria durch Terrorakte mehr als 12 000 Christen getötet und etwa 2 000 Kirchen zerstört. Diese Zahlen gab Bischof Joseph D. Bagobiri vom Bistum Kafanchan im nigerianischen Staat Kaduna bei einem Besuch in der italienischen Niederlassung von KIRCHE IN NOT (ACN) an. Insbesondere wegen der fundamentalistischen islamischen Gruppe Boko Haram steht heute Nigeria an dritter Stelle im „Global Terror Index 2016“. Bischof Bagobiri erklärt jedoch, dass Boko Haram nicht als einzige Organisation in dem afrikanischen Land Terror verbreitet: „In den letzten drei Monaten ist in mehr als der Hälfte des südlichen Teils vom Staat Kaduna eine Zunahme der Angriffe durch die „Fulani Herdsmen Terrorist“ (FHT) festzustellen. Es handelt sich um eine terroristische Gruppe, die sich aus dem Nomaden-Hirtenvolk der Fulani zusammensetzt.“ Im Westen sei diese Terrorgruppe so gut wie unbekannt, so der Bischof weiter. Aber der nigerianische Bischof gibt die Fakten bekannt: Seit September seien „53 Dörfer niedergebrannt, 808 Menschen getötet und 57 verletzt, 1.422 Häuser und 16 Kirchen zerstört“ worden.

Die Fulani sind als Volksgruppe vornehmlich Hirten. Dies hat seit jeher für ununterbrochene Konflikte mit den Bauern der Region gesorgt. In letzter Zeit gehen die Angriffe jedoch weit über die klassischen Konflikte zwischen Hirten und Bauern hinaus. Denn die Hirten verfügen über „modernste Waffen, die es vorher nicht gab, etwa AK-47. Wir kennen allerdings ihre Bezugsquelle nicht“, so Bischof Bagobiri. Die Ursachen sind ebenfalls vielfältiger geworden. Der Bischof von Kafanchan: „Zu den herkömmlichen sozioökonomischen Gründen, etwa der Landverteilung und den mangelnden Weideflächen kommen neue Ursachen, die das Ausmaß des Konfliktes verändern: Die Fulani sind Moslems. Das Land gehört christlichen Volksgruppen. Nun erkennen wir deutlich ein antireligiöses Motiv. Beide Ursachen sind zwar festzustellen, aber in letzter Zeit überwiegt die religiöse Komponente. Der Konflikt hat sich zu einer religiösen Verfolgung entwickelt.“

Dass in vielen Ortschaften besonders kleine, von Christen betriebene Geschäfte sowie die Kirchen angegriffen werden, spricht für Bischof Mons. Bagobiri eine deutliche Sprache. „Die Gewalt richtet sich nicht gegen eine bestimmte Volksgruppe, weil die Christen zu verschiedenen Volksgruppen gehören“, sagt der Bischof.

Trotz der großen Bedrohung für die Christen, so der Bischof weiter, „weckt die Verfolgung in Nigeria weltweit nicht dieselbe Aufmerksamkeit wie beispielsweise der Nahe Osten“. Was für den Bischof aber noch schlimmer ist: Nicht einmal die Regierung widme ihr genügende Aufmerksamkeit. „Die Angriffe geschehen, während die Regierung gleichgültig bleibt. Sie beschränkt sich darauf zu beobachten, obwohl die Bevölkerung bewaffneten Terroristen ausgeliefert ist.“ Der Bischof fügt hinzu: „Die Polizeikräfte verfügen nicht über angemessene Waffen, um einzuschreiten. Oder sie erhalten nicht den Befehl, es zu tun“.

Laut Bischof Bagobiri steht die terroristische Bedrohung im Zusammenhang mit der Zunahme des islamischen Fundamentalismus im Land und mit der Scharia, die in zwölf von den 36 nigerianischen Staaten eingeführt wurde, darunter auch im Staat Kaduna. Das islamische Gesetz führe zu „Ungleichheit und Diskriminierung. Denn islamische Gerichte lassen Muslime frei, die etwa Christen ermordet haben, weil sie der mutmaßlichen Blasphemie beschuldigt wurden“, erläutert Bischof Bagobiri.

Weitere Informationen über Nigeria im Bericht „Religionsfreiheit“, der vom Päpstlichen Hilfswerk KIRCHE IN NOT am vergangenen 15. November vorgestellt wurde:www.religionsfreiheit-weltweit.at

(Quelle: KiN Österreich)

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„Unser Schweigen verletzt die Opfer“

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Ján Figeľ (Photo: 2014) / Wikimdia Commons – European People’s Party (EPP), CC BY 2.0 (Cropped)

Internationale Konferenz über „Christen in Bedrängnis“ in Wien

Der Sondergesandte der Europäischen Union zur Förderung der Religionsfreiheit außerhalb der EU, Jan Figel, hat Ignoranz, Gleichgültigkeit und Angst gegenüber den schwerster Menschenrechtsverletzungen Schuldigen angeprangert. Der ehemalige EU-Kommissar bezeichnete sie am Samstag bei einer internationalen Konferenz in Wien zur weltweiten Christenverfolgung als „Verbündete des Bösen“. Auf diese Weise werde Fanatikern und Tätern geholfen. „Unser Schweigen verletzt die Opfer“, warnte er in seiner Ansprache. Das Versprechen des Kriegsverbrechertribunals von Nürnberg 1946, keinen Völkermord mehr hinzunehmen, sei bereits mehrfach gebrochen worden.

„Wir haben die Selbstverpflichtung, Völkermord oder unmenschliche Behandlung zu verhindern zu oft aufgegeben“, beklagte der slowakische christdemokratische Politiker. Rhetorisch fragte er, ob das Jahrhundert der Genozide nun enden oder andauern solle. Eine ganze Serie von Schrecken habe sich dem ersten Völkermord, durch die Hand der Jungtürken 1915/16 an Armeniern, Assyro-Aramäern und Pontos-Griechen, angeschlossen, erinnerte Figel. Lobend erwähnte er, dass Parlamente rund um die Globus die Verbrechen des IS, wie Mord, Folter, Versklavung, Entführung, Vergewaltigung an Angehörigen religiöser und ethnischer Minderheiten als Völkermord angeprangert hätten.

Abgesehen vom Genozid zeige sich religiöse Unterdrückung in Gestalt von Blasphemie- und Anti-Konversion-Gesetzen sowie durch Gewalt gegen Andersgläubige. Totalitäre Regime seien bestrebt, zugunsten von Ideologie und Konformität die Freiheit des Gewissens auszulöschen. Das habe dazu geführt, dass mittlerweile 74 Prozent der Weltbevölkerung unter der Einschränkung von Religionsfreiheit leiden; immerhin 84 Prozent seien religiös geprägt. „Die Kultur der menschlichen Würde ist ohne Recht auf Religionsfreiheit nicht vorstellbar“, warnte Figel.

Unter dem Motto „Christen in Bedrängnis“ versammelten sich am Samstag Politiker und Vertreter von Menschenrechtsorganisationen und Rechtsexperten auf Einladung des „Observatory on Intolerance and Discrimination against Christians in Europe“ und vier weiterer Initiativen im Erzbischöflichen Palais in Wien. Der schwedische Europa-Parlamentarier Lars Adaktusson sprach dort ebenso wie die Wiener ÖVP-Landtagsabgeordnete Gudrun Kugler.

Ein ehemaliger Nordkoreaner legte das Klima äußerster Angst und umfassender Bespitzelung unter dem Regime dar, dass global als schärfster Feind der Religionsfreiheit gilt. Die Rechtsexpertin Ewelina Ochab warnte davor, über die Verbrechen der islamischen Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria die Taten der Fulani-Hirten zu übersehen, die auch islamistisch agierten, aber bislang international keine Beachtung fänden. Tamas Török, der Leiter des Staatssekretariats in Ungarn zur Unterstützung weltweit verfolgter Christen, sprach darüber, wie politische Verantwortungsträger verfolgte Christen unterstützen können.

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Bericht sieht religiösen Hass in „nie dagewesenem Ausmaß“

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Der Bericht zur Religionsfreiheit warnt vor den globalen Auswirkungen „eines neuen Phänomens religiös-motivierter Gewalt“. Ein „islamistischer Hyper-Extremismus“ töte, zerstöre und mache Menschen heimatlos.

Studie warnt vor Eliminierung religiöser Vielfalt durch „islamistischen Hyper-Extremismus“.

Religiöser Hass in nie dagewesenem Ausmaß bedroht zunehmend den Weltfrieden. Zu diesem Schluss kommt eine am Dienstag, 15. November 2016 in München veröffentlichte Studie des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“. Der Bericht zur Religionsfreiheit warnt vor den globalen Auswirkungen „eines neuen Phänomens religiös-motivierter Gewalt“. Ein „islamistischer Hyper-Extremismus“ töte, zerstöre und mache Menschen heimatlos.

Zu den zentralen Merkmalen dieser neuen Dimension von Extremismus gehörten systematische Versuche, andersdenkende Gruppen zu verjagen, heißt es in der Mitteilung. Dazu kämen beispiellose Grausamkeit, ein globales Agieren und der effiziente Einsatz der sozialen Medien. Diese würden häufig zur Gewaltverherrlichung genutzt. In den vergangenen zwei Jahren hat es laut Studie in jedem fünften Land der Welt Anschläge gegeben, die mit Hyper-Extremismus in Verbindung zu bringen seien. Betroffen gewesen seien Länder von Australien bis Schweden sowie 17 afrikanische Staaten.

 

Verfolgung durch IS als Völkermord einstufen

Die Autoren verlangen, die Verfolgungen religiöser Minderheiten durch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) als Völkermord einzustufen. Zugleich warnen sie vor einem breit angelegten Versuch, Pluralismus durch eine religiöse Monokultur zu ersetzen. Die Studie über die Beachtung der Religionsfreiheit in 196 Ländern kommt zu dem Ergebnis, dass der islamistische Hyper-Extremismus in Teilen des Nahen Ostens alle Formen religiöser Vielfalt eliminiere. Die Gefahr sei groß, dass dies auch in Teilen Afrikas und Asiens geschehe.

Der alle zwei Jahre veröffentlichte Bericht stützt sich nach den Angaben von „Kirche in Not“ auf Untersuchungen von Journalisten, Wissenschaftlern und Seelsorgern. Entgegen der weitläufig vertretenen Ansicht liege die Schuld für die Verfolgung religiöser Minderheiten nicht nur bei den Regierungen, hieß es. Stattdessen seien in zwölf der 23 am stärksten betroffenen Ländern zunehmend nicht-staatlich militante Gruppen verantwortlich.

Die Religionsfreiheit wird laut Studie aber auch durch ein „erneutes hartes Durchgreifen“ gegen religiöse Gruppen in Ländern wie China und Turkmenistan bedroht. Dazu komme eine fortwährende Missachtung der Menschenrechte für Gläubige in Nordkorea und Eritrea. Erfreuliches sei indes aus Bhutan, Ägypten und Katar zu berichten. Dort hätten religiöse Minderheiten zuletzt bessere Möglichkeiten bekommen, ihren Glauben zu praktizieren.

 

erstellt von: red/kap

Christentum, Islam und Gewalt

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Von Ludger Schwienhorst-Schönberger

Bischof Dr. Stefan Oster weist zurecht darauf hin, dass die „Ausübung von aggressiver Gewalt im Namen Jesu … nur als dramatisches Missverständnis“ zu beurteilen ist. Dem kann ich uneingeschränkt zustimmen. Die Verwendung des Begriffs „aggressive Gewalt“ lässt jedoch die Frage aufkommen, ob es auch Formen „nicht-aggressiver Gewalt“ gibt. Wenn das der Fall sein sollte, stellt sich die Frage, wie die Heilige Schrift und die Lehre der Katholischen Kirche dazu stehen.

I. EINGRENZUNG DER GEWALT DURCH GEWALT

Die Bibel und die Lehre der Kirche gehen davon aus, dass es zwei unterschiedlich zu bewertende Formen von Gewalt gibt: eine rechtmäßige Gewalt, die gewöhnlich „potestas“ (Macht) genannt wird, und eine unrechtmäßige Gewalt, die gewöhnlich „violentia“ genannt wird. Der Bischof spricht über den zweiten Typ der Gewalt, die „aggressive Gewalt“. Ich möchte etwas zum ersten Typ, der rechtmäßigen Gewalt sagen, weil auch ihre Beurteilung für das Verständnis des Christentums – gerade in unserer Zeit – wichtig ist.

Im Hintergrund der Unterscheidung steht das Dilemma von Recht und Gewalt. Einerseits soll die Gewalt durch das Recht überwunden werden. Anderseits ist dies aber nur möglich, wenn das Recht mit Gewalt ausgestattet wird. „Denn was könnte gegen Gewalt ohne Gewalt getan werden“, fragt Cicero (Epistolae ad familiares XII,3). Eine Gesellschaft, in der es Freiheit und Gesetz gibt, aber keine Gewalt, die dem Gesetz Anerkennung verschaffen könnte, bezeichnet Immanuel Kant als Anarchie. Innerhalb des Alten Testaments wird uns eine solche Gesellschaft im Buch der Richter vor Augen geführt. Das Volk ist in die Freiheit und in das Land geführt worden, ihm wurde das Gesetz, die Tora, gegeben, aber es fehlte eine Gewalt, die dem Gesetz Geltung verschafft: „In jenen Tagen gab es noch keinen König in Israel; jeder tat, was ihm gefiel“ (Ri 21,25 u.ö.). Es herrscht Anarchie. Ri 17-21 erzählt von eklatanten Verstößen gegen das Gesetz (Massentötungen und Frauenraub usw.) und plädiert damit für das Königtum (modern gesprochen: für den Staat), näherhin für das davidische Königtum, d.h. für eine Instanz, die dem Recht Geltung verschafft. In Ps 72, dem „Testament Davids an seinen Sohn und Nachfolger Salomo“ (in der Überschrift muss es „für Salomo“, nicht „von Salomo“ heißen!), wird uns ein solcher König vor Augen gestellt: Es soll ein König sein, der das Volk in Gerechtigkeit regiert, der den Gebeugten Recht verschafft und der den Gewalttätigen zermalmt. Was hier beschrieben wird ist der Sache nach die Idee des modernen Rechtsstaates: Die Gewalt wird monopolisiert und an das Recht gebunden. Deshalb weist der Berliner Historiker Heinrich August Winkler darauf hin, dass „das normative Projekt des Westens“ nicht ohne den jüdisch-christlichen Monotheismus verstanden werden kann (Geschichte des Westens, Bd. I, München 2009, 25-46). Damit das Recht nicht nur „leere Anpreisung“ (Kant) bleibt, muss es also mit Gewalt ausgestattet sein.

Diese Anwendung rechtmäßiger Gewalt hat die Katholische Kirche nie infrage gestellt. Sie steht damit in bester biblischer Tradition. In der Gestalt der Blutrache, die in Gesellschaften ohne Zentralgewalt eine später vom Staat übernommene Aufgabe übernimmt, wird sie sogar von Gott nach dem urgeschichtlichen Brudermord gestiftet (Gen 4,15). Ihr Kerngedanke lautet: Eingrenzung der Gewalt durch Androhung und Anwendung rechtmäßiger Gewalt.

Das Alte Testament befasst sich über weite Strecken mit diesem Thema. Davon wird durch das Neue Testament nichts zurückgenommen. Im 13. Kapitel des Römerbriefes gibt Paulus zu erkennen, dass er selbstverständlich in dieser Tradition steht, wenn schreibt: „Denn es gibt keine Gewalt (potestas), die nicht von Gott stammt … Denn nicht ohne Grund trägt sie das Schwert. Sie steht im Dienste Gottes und vollstreckt das Urteil an dem, der Böses tut.“ Aus dem letzten Satz geht eindeutig hervor, dass die ganze Argumentation nur dann dem christlichen Glauben entspricht, wenn die staatliche Gewalt an das Recht gebunden bleibt: „Vor den Trägern der Macht hat sich nicht die gute, sondern die böse Tat zu fürchten“ (Röm 13,3). Offen bleibt die Frage nach der Berechtigung des Tyrannenmordes, die später Thomas von Aquin ausführlich und differenziert behandelt. Paulus war also nicht der Ansicht, dass die Ausübung rechtmäßiger, staatlicher Gewalt der Botschaft Jesu widerspreche.

Weshalb ich so ausführlich darauf eingegangen bin: Nach Lehre der Katholischen Kirche widerspricht diese Form der Gewaltanwendung nicht der Botschaft Jesu. Die Kirche geht sogar soweit, dass sie das Recht auf Todesstrafe in extremen Fällen dem Staat nicht abspricht. Zumindest sagt das der Katechismus der Katholischen Kirche (KKK), approbiert von Papst Johannes Paul II. vom 25. Juni 1992, unter Nr. 2266: „Der Schutz des Gemeinwohls der Gesellschaft erfordert, dass der Angreifer außerstande gesetzt wird zu schaden. Aus diesem Grunde hat die überlieferte Lehre der Kirche die Rechtmäßigkeit des Rechtes und der Pflicht der gesetzmäßigen öffentlichen Gewalt anerkannt, der Schwere des Verbrechens angemessene Strafen zu verhängen, ohne in schwerwiegendsten Fällen die Todesstrafe auszuschließen.“ Hier ist allerdings zu ergänzen, dass Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika „Evangelium vitae“ zwar an der Todesstrafe als letztes Mittel zum sozialen Selbstschutz der Gesellschaft festhält, dann aber fortfährt: „Solche Fälle sind jedoch heutzutage infolge der immer angepassteren Organisation des Strafwesens schon sehr selten oder praktisch überhaupt nicht mehr gegeben.“ Im Jahre 1999 ging der Papst noch einen Schritt weiter und richtete einen Appell an alle Staatsführer, eine internationale Übereinkunft zur Abschaffung der Todesstrafe zu erreichen.“ (N.B.: Kardinal Schönborn sagte mir allerdings, bei der leichten Revision des KKK habe es an genau dieser Stelle eine Korrektur gegeben – auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Johannes Paul II., so dass die Todesstrafe jetzt auch nicht mehr als ultima ratio einer staatlichen Notwehr gebilligt würde – aber nicht aus prinzipiellen, sondern aus historisch-kontingenten Gründen. Leider bin ich nur im Besitz der Fassung des KKK von 1992 und auf der Homepage des Vatikans konnte ich im deutschen Text der Ausgabe von 1997 keine Änderung feststellen).

Das Thema wird im KKK unter der Überschrift „Notwehr“ abgehandelt, und darum geht es mir (und nicht um die Todesstrafe). Der entscheidende Punkt ist, dass jemand, der einen anderen Menschen im Falle der Notwehr tötet, weder gegen das 5. Gebot noch gegen die Bergpredigt verstößt. In gewissen Situationen kann er sogar dazu verpflichtet sein, etwa wenn er Verantwortung für andere trägt. Um ein aktuelles Beispiel zu bringen: Der Polizist, der den Amokfahrer von Nizza erschossen hat, hat nicht gegen das 5. Gebot verstoßen. Wenn er Katholik war, muss er die Tat also nicht beichten. Der KKK sagt das sehr klar unter den Nr. 2263 – 2265: „Die Notwehr kann für den, der für das Leben anderer oder für das Wohl seiner Familie oder des Gemeinwesens verantwortlich ist, nicht nur ein Recht, sondern eine schwerwiegende Verpflichtung sein“ (2265). Die Argumentation beruft sich auf den heiligen Thomas von Aquin, den „allgemeinen Lehrer der Katholischen Kirche“. Die Argumentationsfigur lautet „Handlung mit Doppelwirkung“: „Aus der Handlung dessen, der sich selbst verteidigt, kann eine doppelte Wirkung folgen: die eine ist die Rettung des eigenen Lebens, die andere ist die Tötung des Angreifers“ (s. th. II-II, q. 64, a. 7 i.c.a.: „Ex actu igitur alicuius seipsum defendentis duplex effectus sequi potest, unus quidem conservatio propriae vitae; alius autem occisio invadentis“).

II. ÜBERWINDUNG DER GEWALT DURCH GEWALTLOSIGKEIT

Dem Alten Testament geht es vor allem um die Eingrenzung der Gewalt durch Gewalt. Jesus hebt dieses Modell nicht auf (vgl. Mt 5,17-20), sondern geht einen wesentlichen Schritt darüber hinaus: Ihm geht es um die Überwindung der Gewalt durch Gewaltlosigkeit. Dabei konnte das Neue Testament Modelle aufgreifen und weiterführen und mit der Person Jesu verbinden, die bereits im Alten Testament entwickelt wurden, wie das Leiden und die Rettung des Gerechten (Psalmen; Weish 1,16-3,12) und das Motiv vom Gottesknecht (Jes 52,13-53,12). Mit diesem Thema hat sich Bischof Dr. Stefan Oster ausführlich befasst und ich habe dem eigentlich nichts hinzuzufügen. Wichtig ist mir der Hinweis, dass das Modell „Eingrenzung der Gewalt durch rechtmäßige Gewalt“ damit nicht aufgehoben, sondern weitergeführt wird. Beim Modell „Überwindung der Gewalt durch Gewaltlosigkeit“ geht es um Heilung und Erlösung, um die „Arbeit“ an den Tiefenstrukturen einer aus der Gottlosigkeit hervorgehenden Gewalt. Wenn wir in Theologie und Verkündigung aber ausschließlich dieses zweite Modell thematisieren und das erste überhaupt nicht mehr erwähnen und implizit vielleicht sogar den Eindruck erwecken, Jesus habe das erste Modell (und mit ihm das Alte Testament) mehr oder weniger verworfen und allein das Modell „Überwindung der Gewalt durch Gewaltlosigkeit“ sei adäquater Ausdruck des christlichen Glaubens, entsteht in der Öffentlichkeit leicht der Eindruck, das Christentum sei eine Religion für Weltfremde. Konsequent durchdacht würde das bedeuten, dass Christen keine Polizisten werden und keine Verantwortung im Staat übernehmen dürften. Wir würden damit Politikern, die sich aus christlicher Verantwortung um staatliche Angelegenheiten bemühen, den Boden unter den Füßen wegziehen. Heidnische Philosophen der Antike haben den Christen den Vorwurf gemacht, mit ihrer Lehre würden sie die staatliche Ordnung unterminieren, mit ihnen könne man „keinen Staat machen“. Von jüdischer Seite war der Vorwurf zu hören, Jesus zerstöre mit seinen sabbat- und familienkritischen Worten das Leben der Familien. Das sind sehr ernst zu nehmende Vorwürfe, mit denen sich beispielsweise Papst Benedikt XVI. in seinem Jesus-Buch redlich auseinandersetzt. Die christliche Theologie hat sich im intensiven Gespräch mit der antiken Philosophie um ein angemessenes und letztlich vertieftes Verständnis des Evangeliums bemüht und die heidnischen Vorwürfe als unbegründet zurückgewiesen (vgl. u.a. Origenes, Contra Celsum). So konnte das Christentum bereits ab dem 2. Jh., vor allem dann aber im 3. und 4. Jh. in intellektuellen Kreisen der römischen Gesellschaft argumentativ überzeugen. Marius Victorinus und Augustinus dürften die bekanntesten Beispiele dafür sein. Vor allem unter dem Einfluss der Bischöfe gelang es, Extrempositionen wie Gnostizismus und Montanismus als unangemessene Deutungen Jesu und seiner Botschaft zu verwerfen. Damit fand eine wichtige Weichenstellung statt, die auf eine Kompatibilität von Vernunft (Philosophie) und Bibel (Christentum) hinauslief. Jesu Botschaft ist, richtig verstanden, zutiefst vernünftig. Jesus war kein Spinner. Die Symbiose von Bibel und Vernunft hat in der Theologie und Spiritualität Meister Eckharts eine nach wie vor faszinierende Gestalt gefunden. Eckhart will zeigen, „dass das, was die Wahrheit der Heiligen Schrift in Bildreden (parabolice) gleichsam verborgen andeutet, mit dem, was wir über Gott, das sittliche Handeln und die Natur beweisen und ausführen, übereinstimmt“ (Liber parabolarum Genesis, prologus 4). So gesehen war die „Konstantinische Wende“ kein prinzipieller Sündenfall in der Geschichte des Christentums, wie häufig dargestellt.

III. CHRISTENTUM, ISLAM UND GEWALT

Dass der Islam von seiner Ursprungsgeschichte her in der Gestalt des Propheten Mohammed eine stärkere Affinität zur Gewalt aufweist als andere Religionen, dürfte nicht zu bestreiten sein. Mohammed hat erfolgreich Kriege geführt, was von keinem Muslim bestritten wird. Die Geschichte des Islams ist – zumindest in ihren Anfängen – eine Siegergeschichte. Nachdem Mohammed mit seiner Botschaft überwiegend auf Ablehnung gestoßen war, erschien sein Sieg über die Mekkaner bei Badr im Jahr 624 den Zeitgenossen als das eigentliche Beglaubigungswunder. Als Sieger in der Schlacht fand Mohammed über den engeren Kreis seiner Anhänger hinaus Anerkennung als ein von Gott erwählter Prophet. Dieses Modell hat Mohammed erfolgreich durchgezogen. Immer wenn es zum Stillstand der Expansion kam, fand er neue Möglichkeiten, sie an anderer Stelle fortzusetzen. So konnten in kurzer Zeit große Teile der arabischen Halbinsel bis nach Syrien eingenommen werden. Zur Ursprungsgeschichte des Islams gehört also der militärische Erfolg. In der Forschung wird darauf hingewiesen, dass dieses Motiv für den Übertritt vieler Stammesführer zum Islam ausschlaggebend gewesen sein dürfte.

Die Ursprungsgeschichte des Christentums ist anders verlaufen. Die Argumentationsfigur „Legitimation der religiösen Botschaft durch militärischen Sieg“ trat erst relativ spät in die Geschichte des Christentums ein (im Westen erst ab dem 4. Jahrhundert; Konstantin: „In diesem Zeichen wirst du siegen“ – so zumindest in einer späteren Deutung; Chlodwig usw.). Sie gehört nicht zu seiner Ursprungsgeschichte und somit nicht zu seinem Selbstverständnis. Im Gegenteil, am Beginn des Christentums stand eine Niederlage, der Tod, das Kreuz. Und diese Niederlage wurde nicht durch einen militärischen Sieg wettgemacht, sondern sie wurde angenommen und durchlitten. Es gab keinen Rachefeldzug. Das Kreuz impliziert eine prinzipielle Umwertung der Begriffe von „Ehre“ und „Schande“. Das Leid wird damit zu einem Ort, an dem Gott gegenwärtig ist.

Somit gehört die Gewalt als eine erlittene und nicht als eine siegreich ausgeübte zur Ursprungsgeschichte des Christentums. Es gibt im Neuen Testament keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass es Jesus und seinen Anhängern um eine gewaltsame Durchsetzung ihres „Projektes“ ging. Vielmehr ist die Überwindung der Gewalt durch Gewaltlosigkeit das Modell ihrer Mission. Diese verlief in den ersten drei Jahrhunderten gewaltlos. Und auch in den Jahrhunderten danach bildeten – entgegen einem verbreitete Klischee – „Ausbreitung des Christentums durch blanke Gewalt, Zwangsmission bei gleichzeitiger politischer Unterwerfung … eher die Ausnahme“ (Ernst-Dieter Hehl, WBG Weltgeschichte. Bd. III. Weltreligionen und Weltdeutungen 600 bis 1500, hg. von J. Fried / E.-D. Hehl, Darmstadt 2010, 10).

Dem widerspricht nicht das Alte Testament (vgl. meinen Beitrag: „Christentum ohne Altes Testament?, in: Herder Korrespondenz 8/2016, 26-30). Oft wird in diesem Zusammenhang auf alttestamentliche Texte verwiesen, die das Projekt einer gewaltsamen Durchsetzung religiöser Ansprüche, verbunden mit einer Ausrottung ganzer Völker, zu rechtfertigen scheinen. Gewöhnlich wird in diesem Zusammenhang das Buch Josua genannt. Doch sowohl die innerbiblische Exegese als auch die frühe Auslegungsgeschichte haben Sicherungsmechanismen eingebaut, um ein wörtliches Verständnis dieser und anderer ähnlich lautender Texte zu unterbinden. So endet die Tora, der erste und grundlegende Teil des Alten Testaments, nicht mit der gewaltsamen Eroberung des Landes, sondern mit einem Ausblick auf das Land. Wenn man also in der synagogalen Lesung am Ende des Buches Deuteronomium angelangt ist, geht es nicht mit Josua weiter, sondern es geht wieder von vorne los mit der Erschaffung der Welt im Buch Genesis. Das Land rückt damit in einen eschatologischen Horizont. Hier konnte das Neue Testament nahtlos anknüpfen: „Selig, die keine Gewalt anwenden, denn sie werden das Land in Besitz nehmen“ (Mt 5,5). Die eigentliche Landnahme steht also noch aus.

Der christliche Theologe Origenes (185 – 253 n. Chr.) verstand die im Buch Josua erzählten Kämpfe als „innere Kämpfe“. Josua war für ihn eine figura Christi (im Griechischen heißt Josua Jesus – also wie der Jesus des NT). Würden wir die Texte wörtlich verstehen, so Origenes, dann müssten wir täglich Blut vergießen. Das aber kann nicht gemeint sein. In der 5. Predigt zum Buch Josua schreibt Origenes: „Außer dir selbst sollst du außen kein Schlachtfeld suchen. In dir ist der Kampf, den du führen, im Inneren ist das morsche Gebäude, das du abreißen musst; dein Feind kommt aus deinem Herzen.“ In diesen und vielen anderen Texten zeigt sich das Selbstverständnis des Christentums als einer geistigen Religion.

Von daher ist es problematisch, wenn Christentum und Islam als in gleicher Weise gewaltanfällig hingestellt werden. Hier werden Unterschiede, die in der Genese und im Selbstverständnis der beiden Religionen begründet liegen, verwischt. Deshalb halte ich die in diesem Zusammenhang gestellten kritischen Anfragen von Bischof Oster für berechtigt. Sie können helfen, im respektvoll geführten Dialog Grundfragen des eigenen Selbstverständnisses zu klären und möglicherweise auch zu modifizieren. Auf diese Weise wird das friedliche Zusammenleben der Religionen gefördert und zugleich die gemeinsame Suche nach der Wahrheit stimuliert.

 

Univ. Prof. Dr. Ludger Schwienhorst-Schönberger hat den Lehrstuhl am Institut für Alttestamentliche Bibelwissenschaft der Universität Wien inne. Seine Forschungsschwerpunkte sind Alttestamentliche Rechts- und Weisheitsliteratur, Biblische Theologie und Hermeneutik, Geschichte der Schriftauslegung, Exegese und Spiritualität sowie Exegese und Philosophie.

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Quelle

Siehe ferner:

Wie es ist, verfolgter Christ zu sein: Diese Austellung zeigt es

Ein Teddybär, ein Hochschul-Diplom, eine Speisekarte – Gegenstände, die Christen besaßen, verliehen bekamen, berührten – bevor sie brutal wegen ihres Glaubens ermordet wurden. Im Jahr 2016.
Zu sehen sind diese stummen Zeugen in einer neuen Ausstellung, die Menschen hineinziehen will in die Erfahrung verfolgter Christen. Organisiert vom italienischen Zweig des Hilfswerks Kirche in Not, ist sie noch bis einschließlich 25. August in den Räumlichkeiten der Gemeinschaft „Comunione e Liberazione“ (Gemeinschaft und Begfreiung, CL) in Rimini zu sehen.
Eine Schaukel und ein kleines Kinder-Karrussell, sechs Pulte aus einer Universität, und ein Restaurant-Tisch stehen stellvertretend für die drei jüngsten Höhepunkte anti-christlicher Verfolgung: Der islamistische Selbstmordanschlag am Ostersonntag auf einen Park in Lahore, Pakiston, der 72 Menschen tötete und 280 verwundete; das islamistische Massaker an der Garissa Universität in Kenia am 2. April, bei dem 149 Christen umgebracht wurden, und der ebenfalls islamistische Anschlag am 1. Juli auf ein Café in Dhaka, Bangladesh.
Die Relikte dieser erlittenen Martyrien spielen eine zeichenhafte Rolle: Die Ausstellung zeigt den Teddybär eines der 30 Kinder, die in Lahore starben; das Hochschul-Diplom ist das von Muchire Shee – sie starb, bevor sie es erhalten konnte; die Speisekarte der „Holey Artisan Bakery“ in Dhaka, welche Opfer in der Hand hielten, bevor sie als Geiseln genommen, gefoltert und hingerichtet wurden.
Besucher der Ausstellung werden auch einen „Tunnel der Märtyrer“ durchqueren, einen dunklen Raum, der Bilder und Töne von neun Märtyrern unserer Zeit zeigen; darunter Pfarrer Jaques Hamel, der in Rouen von Islamisten ermordete Priester; Pater Andrea Santoro, der in der Türkei 2006 umgebrachte italienische Geistliche; Shabaz Bhatti, der als erster Christ pakistanischer Minister für Minderheiten wurde, aber zwei Jahre später wegen seiner Opposition am Blasphemie-Gesetz von einer Taliban-Splittergruppe ermordet wurde.

Welche Formen die Verfolgung von Christen in aller Welt annimmt, und zwar nicht nur durch radikalisierte Muslime: Das zeigen auch die „lebendigen Zeugnisse“ der Ausstellung. Sieben Zeugen der Verfolgung schildern die Situation in ihrem Land.

Monsignore Mtanios Haddad spricht über die Lage in Syrien; Professor Shaheed Mobeen erzählt von der Verfolgung von Christen in Pakistan; Pater Issa E. H. Abusafa beschreibt die Lage im Heiligen Land; und das Leid der Christen im Irak aus eigener Erfahrung schildert Pater Rebwar Basa.

Aus der Zentralafrikanischen Republik – die Papst Franziskus im November 2015 besuchte – kommt Pater Herman Tanguy; Pater Martino Serrano beschreibt den Friedensprozess in Kolumbien, während Pater Oleksandr Khalayin vom „vergessenen Konflikt“ in der Ukraine erzählt.

Gegenüber CNA betonte Pater Basa, wie wichtig es sei, die Ereignisse im Irak als das zu beschreiben, was sie sind: Ein Völkermord.

„Unsere Häuser wurden besetzt und mit dem [arabischen] ‚N‘ für Nazarener gekennzeichnet; unsere Kirchen wurden zu Moscheen gemacht, oder militärischen Unterkünften, oder gar zu Orten, an denen Frauen verkauft, vergewaltigt und wie Sklaven behandelt werden; viele unserer Gläubigen wurden angegriffen und getötet, oder entführt und gefoltert und befreit gegen ein sehr höhes Lösegeld; viele von uns wurden hingerichtet aus nur einem Grund: Weil sie ein Kreuz trugen.“

Letztlich handle es sich hier „um einen schwerwiegenden Versuch, alles zu vernichten, was uns mit unserem Land verbindet: Unsere Sprache, religiöse Identität, Gebetsorte, Immobilien, Traditionen, Kultur, Liturgie, Denkmäler, Manuskripte“.

Das päpstliche Hilfswerk Kirche in Not zeigt in der Ausstellung auch, wie es auf diese schrecklichen Zustände reagiert: Die Auslieferung der Kinderbibel etwa, mit einer Auflage von 52 Millionen Exemplaren, in 180 Sprachen (draunter die pakistanische Sprache Urdu sowie die zentralafrikanische Sprache Sango). Oder die Ausbildung von 11.000 Priesteramtskandidaten – von denen über ein Drittel Afrikaner sind. In Bangladesh baut das Hilfswerk eine Kirche, zusammen mit der Familie eines der Märtyrer, Simona Monti. Das Gotteshaus wird dem Erzengel Michael geweiht werden.

Die Gemeinschaft „Comunione e Liberazione“ wird in Rimini in diesem Jahr 106 Konferenzen abhalten, 14 Shows, 17 Ausstellungen und 22 Sportveranstaltungen. Weitere Informationen auf der Website.