Der Ablass – Den gibt’s doch gar nicht mehr! Ein Kommentar zum Reformationsfest

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François Marius Granet malte 1825 diese Darstellung einer jungen Bäuerin, die einen Ablass kauft. Foto: Gemeinfrei

Galileo Galilei habe aus Protest gegenüber der Zensur seiner These, die Erde kreise um die Sonne und nicht umgekehrt, ausgerufen: „Und sie bewegt sich doch!“ Am Ende des Heiligen Jahres, in dem es Papst Franziskus gelungen ist, den Ablass wieder „salonfähig zu machen“, möchte man sagen: „Es gibt ihn doch! Den Nachlass zeitlicher Sündenstrafen.“

Wie in keinem anderen Heiligen Jahr zuvor hat der Heilige Vater nicht nur die Bedeutung der Beichte, sondern auch des Ablasses hervorgehoben, der nicht nur an den Heiligen Pforten Roms, sondern an unzähligen Orten der Welt gewonnen werden konnte. So viele Türen, deren frommes Durchschreiten den Gläubigen Nachlass ihrer zeitlichen Sündenstrafen gewährte. Nie zuvor gab es das in dieser Form! Selbst Sträflinge, denen es ja unmöglich ist, das Gefängnis zu verlassen, erhielten – wiederum dank einer großherzigen Entscheidung des Papstes – beim Überschreiten ihrer Zellentür einen Ablass.

Heute gedenken Protestanten in aller Welt des berühmten, wohl eher legendären Thesenanschlag Martin Luthers. Die heilige Pforte evangelischer Christen ist die Tür der Schloßkirche von Wittenberg. An ihr begann die Reformation, die im kommenden Jahr groß gefeiert werden wird. Und so steht auch in den kommenden Monaten wieder der Ablass im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit vieler Christen und Nicht-Christen.

Der Wittenberger Mönch wollte sich gegen den Missbrauch dieser biblisch fundierten und frühkirchlichen Praxis wenden, beginnt aber schon im Jahr 1517 – später wird das noch viel deutlicher werden – die Mittlerrolle der Kirche zwischen Gott und den Menschen zu kritisieren.

Wieso braucht es eine Gemeinschaft, durch die ich Vergebung finde? Genügt es nicht, dass ich Gott um Verzeihung bitte? Ja, ist es nicht sogar schädlich für meine Freundschaft mit Christus, wenn ich Papst und Priester als Mittler seines Heils brauche? Mit Luthers Kritik am Missbrauch des Ablass hebt seine Zurückweisung der sakramentalen Beichte an, als einzigem ordentlichen Weg der Sündenvergebung und der Kirche als „heilsnotwendige“ Gesellschaft, in die ich durch die Taufe und den Glauben eingegliedert werde.

Jedes Schulkind hört von dem reißerischen Werbespruch der damaligen Ablassprediger: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ Zweifellos war das ein Missbrauch und Ärgernis, das auch von hohen Würdenträgern, etwa dem berühmten Kardinal Cajetan, schon damals kritisiert wurde.

Der Missbrauch einer guten Sache stellt sie selbst nicht in Frage. Niemand würde scharfe Küchenmesser verbieten, obwohl nicht selten damit scheußliche Morde verübt werden. Es kommt auf den rechten und achtsamen Gebrauch an – bei Schneidewerkzeugen nicht weniger als beim Ablass, der ein großartiges Geschenk der Kirche an uns Christen ist.

„Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“

Wir stehen inmitten zweier Jahre, die uns mit dem Thema Ablass – in seiner katholischen Renaissance während der vergangenen Monate und in seiner bekannten Kritik in den kommenden – konfrontieren werden. Was ist aber eigentlich der „Ablass“, diese scheinbar mittelalterliche Frömmigkeitsform, die längst überwunden schien und doch durch Papst Franziskus in ungeahnter Weise gefördert wurde? Das erste, bereits angedeutete Missverständnis ist die Meinung, ein Katholik könnte durch den Ablass, und das heißt in der Vorstellung vieler Menschen, durch eine bestimmte Summe Geld, die Verzeihung seiner Sünden „erkaufen“. Manche denken sogar, er erhalte dann, falls sein Portemonnaie dick genug ist, einen Freibrief zu sündigen, da er ja immer wieder die Münzen im Kasten klingen lassen kann. Ja in manchen Köpfen herrscht die Vorstellung als könne man sich dann geradezu den Preis ausrechnen, der zu begleichen sei, wenn man dreimal nicht in die Kirche geht, einmal den Ehepartner betrügt und immer wieder mal die Kartoffeln aus Nachbars Acker klaut. – „Macht 89,50 Euro. Als guter Kunde bekommen sie beim nächsten Mal eine schwere Sünde gratis erlassen.“ – So ein Blödsinn!  Eine solche Praxis gab es in der Kirche nie! Vergebung der Sünde geschieht – abgesehen von Notsituationen wie etwa Krieg, Seuche oder auch ein persönlicher Unfall – nur im Sakrament der Beichte. Dazu braucht es aber immer Reue und Bekenntnis. Vergebung gegen Barzahlung – nein, das gibt es nicht.

Ablass? – Was ist denn das?

Leider teilen nicht alle die offensichtliche Euphorie des Papstes, die heilige Pforten, und damit „Tore zum Nachlass zeitlicher Sündenstrafe“, wie Pilze aus dem Boden hat sprießen lassen. Es fehlt an Katechesen und Predigten, in denen man versucht,  Katholiken den Ablass zu erklären und ihnen Möglichkeiten zu geben, ihn häufig und gerne zu empfangen. Die meisten Katholiken haben nur vage, oft auch falsche Vorstellungen von dieser Wirklichkeit. Selbst gute Christen, die oft beichten, fragen sich, warum denn Reue, Bekenntnis nicht genügen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Ein einfaches Beispiel erklärt, warum der Ablass nicht unwichtig und nebensächlich, geschweige denn falsch und überholt ist.

„Und wer bitte bezahlt die Rechnung?“

Peter und Franz sind Freunde, aber eines Tages kommen sie doch in Streit. Erst beleidigen sich die Jungen, dann beginnen sie zu raufen, wälzen sich über den Boden und schlagen zu. Dabei trifft Peter den Franz so unglücklich, dass er ihm einen Zahn ausschlägt. Autsch! Schlagartig endet der Streit und die beiden laufen verärgert nach Hause. Daheim angekommen, bereut Peter seinen üblen Schlag in das Gesicht des Freundes. Er fährt zu seiner Wohnung und bittet um Verzeihung. Er erkennt ohne lange Diskussion an, dass er zu weit gegangen ist, und dass alles schon damit begann, dass er sich wegen einer Kleinigkeit über den Freund geärgert und ihn darum beleidigt habe. Franz lässt sich von diesem Bekenntnis rühren und erkennt die Reue des Freundes an. Mit blutendem Taschentuch vor dem Mund, stammelt er: „Ist schon wieder gut. Freunde?“ – „Freunde!“

Das, was hier zwischen Peter und Franz geschieht, das ereignet sich in der Beichte. Aus Feinden werden wieder die alten Freunde. Gott vergibt. Immer und immer wieder. Freilich bleibt der Schaden, die Folge der Sünde – in unserem Fall – der ausgeschlagene Zahn. Peter begleitet seinen neu gewonnenen, alten Freund zum Arzt, der die Sache recht schnell in Ordnung bringt.

Wer bezahlt aber nun für die medizinische Hilfe? Eigentlich muss Peter dafür bezahlen, aber so viel Geld bringt er nur bei monatelangem Sparen seines Taschengeldes zusammen. Nehmen wir an, er erzählt die Geschichte ehrlich seiner Mutter, die – als sie sieht, dass Peter schon „gebeichtet“ hat und ehrlich bereut, was er getan hat – sofort bereit ist, die Rechnung zu übernehmen und den Schaden im Namen ihres Sohnes wieder gut zu machen. Freilich stellt sie eine kleine Bedingung: Peter muss als Strafe – er soll ja doch auch irgendwie spüren, dass das kein harmloser Vorfall war, bei dem man mal ein Auge zudrücken kann – einen Monat lang den Müll raustragen. Peter atmet erleichtert auf: „Gerne mach ich das! Das hätte viel schlimmer für mich ausgehen können.“

Sünden provozieren kein schlechtes Karma, aber haben Konsequenzen

Was hier beschrieben wird, ist der Ablass, der Nachlass zeitlicher Sündenstrafen. Alles, was wir tun, hat Folgen – für die schlechten müssen wir geradestehen. Weil wir das aber oft nicht schaffen, greift „Mutter Kirche“ ein. Sie bezahlt für uns aus dem „Schatz der guten Werke Christi und der Heiligen“. Das Bankkonto dieser Frau ist voll – wieder einmal scheint sich alles „nur“ um’s Geld zu drehen! – weil sie so viel von Christus, Maria, den Aposteln und allen Heiligen bis heute geerbt hat mit dem Auftrag, damit Gutes zu tun. Die Kirche, das heißt in der Regel der Papst, verfügt über dieses Konto und teilt davon an alle aus, die darum bitten, das heißt einen Ablass gewinnen wollen. Freilich erwartet sie eine geradezu symbolische Gegenleistung, ein „kleines“ gutes Werk, einen Pfennigbetrag, den wir auf ihr Konto – man könnte auch sagen das Solidaritätskonto – aller Christen einzahlt. Einen vollkommen Ablass, also die volle Übernahme der Folgen meiner Sünde, gibt es daher nur unter fünf Bedingungen:

  1. Beichte – und das bedeutet, wie schon gesagt, Reue und Bekenntnis.
  2. Kommunion –ich muss zu Jesus laufen bzw. ihn zu mir einladen, damit die alte Freundschaft neu und vielleicht sogar noch stärker wieder auflebt.
  3. Vollkommene Reue – das bedeutet, dass ich aus Liebe alle meine Sünden bereue, also nicht nur aus Angst vor Strafe. Peter könnte fürchten, dass Franz‘ Vater ihn beschimpft, und deshalb die Sache bereinigen wollen. Er bittet jedoch um Verzeihung, weil er einsichtig ist und wieder seines Freundes Freund sein will.
  4. Gebet nach Meinung des Heiligen Vaters – Der Papst verwaltet das „Bankkonto der Heiligen“. Er teilt im Ablass davon aus und bittet, gleichsam als kleine Gegenleistung, dass man, in der Regel ein Vater unser und ein Ave Maria, in seinen monatlich bekanntgegeben Anliegen betet. Diese muss man nicht kennen, sondern es genügt „in der Meinung des Heiligen Vaters“ zu beten)
  5. Ein gutes Werk – Das ist die kleine „Strafe“, die die Mutter zur Besserung auferlegt). Solche Werke sind zum Beispiel den Rosenkranz in Gemeinschaft beten, eine halbe Stunde Bibellesen, eine halbe Stunde Anbetung, etc. Oder wie im Heiligen Jahr das Durchschreiten einer Heiligen Pforte. An Allerseelen und den folgenden acht Tagen kann ein Ablass, allerdings nur für die Verstorbenen, gewonnen werden, wenn man als „gutes Werk“ einen Friedhof besucht, und dort für die Seelen der Verstorbenen betet.

Weder Hölle, noch Himmel – ein „Vorzimmer“ zur ewigen Seligkeit

Der Ablass ist die Vergebung zeitlicher Sündenstrafen. Was heißt das? Die Folge der schweren Sünde ist die ewige Trennung von Gott. Das nennen wir „Hölle“. Die Beichte befreit uns von der schweren Schuld und dieser entsetzlichen Konsequenz, das heißt mit der Absolution erlischt auch die ewige Strafe. Es bleibt eine zeitliche Strafe, das heißt eine Folge der Sünde, die irgendwann wieder gut gemacht ist; sei es in diesem Leben, in dem ich mich bemühe als guter Christ zu leben; oder im anderen, das heißt im Fegefeuer. Dort freilich kann der Mensch aktiv nichts mehr für sich tun. Er wird gereinigt. Die Lebenden können aber, so glauben wir Katholiken, den Seelen der Verstorbenen durch unser Gebet und auch durch den Ablass helfen. Wir sind nicht völlig von unseren Lieben getrennt, denn der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, so Jesus selbst, ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten.

Katholiken können singen „We are family“

Für Martin Luther steht der Mensch allein vor Gott. Für uns Katholiken stehen neben uns die Engel und Heiligen im Himmel aber auch die Menschen auf Erden, die für uns beten. Die „Freiheit eines Christenmenschen“ von allen Mittlern, ist nur schwer durchzustehen und kann manchmal zur schmerzhaften Einsamkeit werden. Die Kirche aber ist eine Familie, deren Mitglieder füreinander einstehen. Sie ist eine Solidargemeinschaft, ein Leib, wie der heilige Paulus sagt, in dem alle leiden, wenn einer leidet; alle sich freuen, wenn einer sich freut. Unsere Gebete sind oft im Plural, weil wir immer mit und für unsere Brüder und Schwestern vor Gott stehen. Diese Dimension wird im Ablass deutlich. Er ist die Versicherung, in die alle einzahlen, und diejenigen davon profitieren, die aufgrund ihrer Sünden und Fehler in Not geraten.

Was ein Ferrari in der Waschstraße mit dem Fegefeuer zu tun hat

Der heutige Reformationstag – Luther wählte bewusst den Vorabend des Allerheiligenfestes, an dem zahlreiche Menschen zum Gottesdienst strömten und damit an der Kirchentüre Halt machten, um seine Thesen zu lesen –  mehr aber noch der 2. November als der Gedenktat „Allerseelen“, das heißt all jener, die sicher in den Himmel kommen werden und dann zu allen Heiligen gehören, jetzt aber noch im Fegefeuer leidvoll erkennen, erinnern uns an den Ablass. Er ist das große Geschenk der Kirche an ihre Kinder, die sie um Hilfe bitten. Wir müssen es nicht alleine schaffen, wieder alles in Ordnung zu bringen. Freilich versteht man ihn nur, wenn man an die Realität des Fegefeuers glaubt, in dem die Seelen schmerzvoll leiden, weil sie angesichts der Schönheit Gottes, all die vielen Flecken erkennen, die sie noch beschmutzen. Das tut weh.

Stellen Sie sich vor, ihr kostbares Auto, ein prächtiger Ferrari, der vollkommen verdreckt ist und daher unmöglich als „Hochzeitswagen“ genutzt werden kann; nein, besser noch – ein Auto empfindet keinen Schmerz – Sie selbst wären voller Ölflecken. Unmöglich, so zu seiner eigenen Hochzeit zu gehen. Kein Wasser, keine Seife, nichts in Sicht. Sie „müssen“ selbst in die Autowaschanlage, in der die harten Bürsten und die brennende Seife sie sauber reibt. Ein hinkender Vergleich, aber es geht darum, dass diese Reinigung im Fegefeuer notwendig (wie sollte man sonst zum Fest gehen?), leidvoll und passiv ist, das heißt die Seele nichts mehr für sich selbst tun kann. Sie kann sich nicht selbst waschen, aber doch erträgt Sie „gerne“ die schmerzhafte Prozedur, um endlich sauber zum Hochzeitsmahl gehen zu können. Sie werden „gefegt“, besser gesagt, gereinigt.

Wir können den Seelen der Verstorbenen helfen. Die „armen Seelen“ können nichts mehr für sich selbst tun. Sie sind Bettler, die von unseren Gebeten profitieren. Sie werden gerettet, wie der heilige Paulus über das Fegefeuer sagt, aber nur wie durch Feuer hindurch (vgl. 1 Kor 3, 12).

Beten wir für die armen Seelen in diesen Tagen, damit sie – die sicher in den Himmel kommen werden – auch für uns vor Gott eintreten. „We are family“ – eine große Familie, die auf Erden streitet, im Fegefeuer leidet und im Himmel triumphiert und feiert.

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Quelle

Was tun, wenn man sich schämt, zur Beichte zu gehen?

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Die Versöhnung ist dazu da, Gottes Sieg über die Sünde in unserem eigenen Leben erfahren zu dürfen. Aber was passiert, wenn die Scham über die eigenen Sünden uns davon abhält, zum Sakrament der Versöhnung, der Beichte, zu gehen?

Der bekannte Theologe und Priester José Antonio Fortea hat darüber auf seinem Blog geschrieben.

Normalerweise sollte schon das Gespür eines Christen für die Barmherzigkeit Gottes ausreichen, die Scham zu überwinden und zur Beichte zu gehen, um Verzeihung und Heilung zu erhalten.

Doch in manchen Fällen, räumte der Geistliche ein, sind die Menschen nicht in der Lage, sich zu überwinden. Die Scham oder der falsche Stolz würden zu einer „Mauer“, die einen von der Versöhnung fernhalte.

„Die würden lieber eine 100-Meilen-Wallfahrt machen als von Angesicht zu Angesicht gewisse Dinge zu beichten, die sie getan haben und sie schrecklich und erschreckend demütigen“, sagte er über Menschen, die sich „schwer tun“, sich der Hilfe der Beichte zu bedienen, obwohl sie genau diese dringend bräuchten.

Der spanische Priester betonte zuerst, die wichtig es sei, dass Priester mit väterlichem Mitleid jene empfangen, die „solche belastete Gewissen“ haben.

Gleichzeitg unterstrich er die Wichtigkeit, anonyme Beichten anzubieten. In jeder Stadt, sagte er, sollte es mindestens einen Beichststuhl geben, der entsprechend eine absolut undurchsichtige Trennwand habe. Und der Beichtende sollte für den Priester auch nicht erkennbar sein auf dem Weg zu und von der Beichte.

„Mit diesen Maßnahmen kann die große Mehrzahl aller Gläubigen das Problem der Scham lösen“, sagte Pater Fortea.

Doch für die „wirklich sehr seltenen“ Fälle, in denen sich Menschen trotzdem schämten, zur Beichte zu gehen, trotz anonymer Beichtstühle, könnten weitere Dinge getan werden.

In solchen Fällen extremer Scham könne die betroffene Person „anonym einen Priester in der Stadt anrufen und ihr Problem schildern“. Die Beichte selber könne zwar nicht per Telefon abgelegt werden, aber „in vielen Fällen reicht der Anruf aus, um den Betroffenen genug Vertrauen zu schöpfen zu lassen, um dann einen der oben genannten Beichtstühle aufzusuchen“.

Sollte der Büßer immer noch vor lauter Scham zögern, sich seiner Sünden zu befreien, dann könne mit einem Priester eine schriftliche Beichte arrangiert werden.

In vielen Beichtstühlen seiner Heimatstadt Alcalá de Henares sei es möglich, den Beichtschirm „ganz leicht um nur einen kleinen Spalt zu verschieben, damit durch diesen Schlitz ein Stück Papier geschoben werden kann“, so Pater Fortea.

Für einen solchen, seltenen Fall empfehle er, die Beichte auf nur einer Seite niederzuschreiben, „klar und bündig“, oder sogar gedruckt, damit es gut lesbar sei.

„Der Priester wird seinen Rat geben, die Buße und die Absolution, ohne Fragen an den Büßer richten zu missen. In diesem Fall wäre es kontraproduktiv, Fragen zu stellen“, so der Geistliche.

Normalerweise muss natürlich eine Beichte im persönlichen Gespräch geführt werden, betont der Priester wiederholt. Doch Taube und Stumme seien schon immer eine schriftliche Beichte möglich gewesen. Und in Fällen unüberwindbarer Scham wäre es eben vereinzelt auch möglich, sagte er. „Eine psychische Beschränkung kann genauso echt wie eine physische sein“.

PAPST BENEDIKT XVI. ZUR FÖRDERUNG DER HÄUFIGEN BEICHTE

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Aus dem nachsynodalen Apostolischen Schreiben SACRAMENTUM CARITATIS Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. vom 22.2.2007:

Einige pastorale Anweisungen

21. Die Synode hat daran erinnert, daß es die pastorale Aufgabe des Bischofs ist, in seiner Diözese eine entschiedene Wiederbelebung der Erziehung zur Umkehr anzuregen, die sich aus der Eucharistie ergibt, und unter den Gläubigen die häufige Beichte zu fördern. Alle Priester sollen sich großzügig mit Engagement und Kompetenz der Spendung des Sakramentes der Versöhnung widmen. [60] In diesem Zusammenhang muß darauf geachtet werden, daß die Beichtstühle in unseren Kirchen gut sichtbar sind und die Bedeutung dieses Sakramentes zum Ausdruck bringen. Ich bitte die Hirten, die Art des Vollzugs des Sakramentes der Versöhnung aufmerksam zu überwachen und die Praxis der Generalabsolution ausschließlich auf die eigens vorgesehenen Fälle zu beschränken, [61] da nur die persönliche Lossprechung die ordnungsgemäße Form darstellt.[62] Angesichts der Notwendigkeit der Wiederentdeckung der sakramentalen Vergebung sollte es in allen Diözesen immer den Pönitentiar geben. [63] Schließlich kann eine wertvolle Hilfe für die erneute Bewußtmachung der Beziehung zwischen Eucharistie und Versöhnung eine ausgeglichene und vertiefte Praxis des für sich selbst oder für die Verstorbenen gewonnenen Ablasses sein. Mit ihm erhält man „vor Gott den Nachlaß der zeitlichen Strafe für die Sünden, die – was die Schuld betrifft – schon vergeben sind.“ [64] Die Inanspruchnahme der Ablässe hilft uns verstehen, daß wir allein mit unseren Kräften niemals imstande wären, das begangene Böse wiedergutzumachen, und daß die Sünden jedes Einzelnen der ganzen Gemeinschaft Schaden zufügen. Darüber hinaus verdeutlicht uns die Ablaß-Praxis, da sie außer der Lehre von den unendlichen Verdiensten Christi auch die von der Gemeinschaft der Heiligen einschließt, „wie eng wir in Christus miteinander vereint sind und wie sehr das übernatürliche Leben jedes Einzelnen den anderen nützen kann“. [65] Da ihre Form unter den Bedingungen den Empfang des Beichtsakramentes und der Kommunion vorsieht, kann ihre Übung die Gläubigen auf dem Weg der Umkehr und bei der Entdeckung der Zentralität der Eucharistie im christlichen Leben wirkungsvoll unterstützen.


 [60] Vgl. Propositio 7.

 [61]Vgl. Johannes Paul II., Motu proprio Misericordia Dei (7. April 2002): AAS 94 (2002), 452-459.

 [62]Gemeinsam mit den Synodenvätern möchte ich daran erinnern, daß die nicht sakramentalen Bußfeiern, die im Rituale für das Sakrament der Versöhnung erwähnt werden, nützlich sein können, um in den christlichen Gemeinden den Geist der Umkehr zu fördern und so die Herzen auf die Feier des Sakramentes vorzubereiten: vgl. Propositio 7.

 [63] Vgl. Kodex des kanonischen Rechts, can. 508.

 [64]Paul VI., Apost. Konst. Indulgentiarum doctrina (1. Januar 1967), Normae, Nr. 1: AAS 59 (1967), 21.

 [65] Ebd., 9: AAS 59 (1967), 18-19.

PAPST PAUL VI.: DAS BUß-SAKRAMENT IN DER LEHRE DER KIRCHE

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PAPST PAUL VI.

Ansprache beim „ad-lad-limina“-Besuch der amerikanischen
Oberhirten des Bundesstaates New York, 20. April 1978

 

Im Namen des Herrn: „Friede sei mit euch!“ (Joh 20, 19).
Wir haben uns schon auf diesen Tag gefreut und heißen euch alle nun mit Freude, mit großer Freude willkommen. Für einen kurzen Augenblick seid ihr aus euren pastoralen Arbeitsbereichen in das Zentrum der kirchlichen Einheit zurückgekehrt; der apostolischen Tradition der Kirche entsprechend, seid ihr gekommen, „um Pe­trus zu sehen“ (Gal 1, 18). Und ihr bringt die Hoffnungen und Sehnsüchte von über sechs Millionen Katholiken des Staates New York mit. In euch als den Oberhirten der Ortskirchen umfassen wir in der Liebe des Erlösers das ganze Volk Gottes. Denn nach dem Willen Christi, unseres Herrn, sind alle eure Gläubigen auch unsere Söhne und Töchter in der Gemeinschaft der universalen Kirche, und mit großer, väterlicher Liebe möchten wir sie alle, zu­sammen mit euch, ihren Bischöfen, im Glauben an Jesus Christus, den Sohn des lebendigen Gottes, bestärken.

Eure Diözesen verdienen, so meinen wir, wahrhaftig besondere Ehre, besondere pastorale Aufmerksamkeit. Ihr steht in der Tradi­tion großer Heiliger. Das Blut nordamerikanischer Märtyrer hat eure Erde gesegnet, und die hl. Francesca Cabrini, die hl. Elizabeth Ann Seton und der hl. Johannes Neumann lebten in eurer Mitte. Ihr habt auch ein reiches Erbe an ethnischer Vielfalt zu bewahren. Wie viele Einwanderer vielleicht sogar eure eigenen Mütter oder Väter — betraten in New York zum ersten Mal amerikanischen Bo­den! Auch wir erinnern uns voll Dankbarkeit eurer Gastfreund­schaft.

Durch euren heutigen Besuch hier bei uns bekennt ihr euren Glauben an die Kirche als eine Gemeinschaft des Glaubens und der Liebe, die von Jesus Christus errichtet wurde und ihre sichtbare Einheit im Nachfolger Petri findet. Wir wissen, daß bei dieser un­serer Begegnung der Herr Jesus unter uns ist. Wir vertrauen darauf, daß ihr, durch die Kraft des Geistes gestärkt, hinausgehen werdet, um mit neuem Mut und frischer Kraft euer Amt der Glaubensverkündigung fortzusetzen: Christus zu verkündigen und sein Reich und seine Wiederkunft zu predigen.

Wir möchten einige Augenblicke mit euch zusammen kurz über einen grundlegenden Aspekt des Evangeliums nachdenken: den Ruf Christi zur Umkehr. Das Thema der Umkehr wurde schon von Johannes dem Täufer angekündigt: „Kehrt um!“ (Mt 3, 2). Dieselben Worte hat dann später Jesus gesprochen (vgl. Mt 4, 17). Und genauso wie die Apostel diese Botschaft vom Herrn gehört hatten, erhielten sie von ihm den Auftrag, diese zum Inhalt ihrer Verkündigung zu machen (vgl. Lk 24, 27). So verkündet Petrus, dem Gebot Jesu getreu, in seiner Pfingstpredigt die Umkehr zur Vergebung der Sünden (vgl. Apg 2, 38). Der hl. Paulus sagt in aller Klarheit: „Ich habe gepredigt, sie sollen umkehren und sich Gott zuwenden“ (Apg 26, 20).

Liebe Brüder, diese Aufforderung zur Umkehr ist vom Herrn Jesus auf uns gekommen: sie gilt für uns, für unser Leben und für unsere ständige, furchtlose Verkündigung an die Welt. Bei anderer Gelegenheit sagten wir, Umkehr sei ein ganzes Programm, das in enger Verbindung mit der Erneuerung durch das Evangelium steht (vgl. Ansprache bei der Generalaudienz vom 9. November 1977). So stellt Umkehr das Ziel dar, das durch unseren apostolischen Dienst erreicht werden soll: die Weckung des Bewußtseins von der Sünde, des Bewußtseins von der ewigen und tragischen Wirklich­keit der Sünde, ihrer persönlichen und sozialen Dimensionen, zu­gleich aber die Vergegenwärtigung der Tatsache, daß „dort, wo die Sünde mächtig wurde, die Gnade übermächtig geworden ist“ (Röm 5, 20); ferner die Verkündigung des Heils in Jesus Christus.

Heute möchten wir zu euch, euren Mitbrüdern im Bischofsamt und euren Priestern in Amerika im besonderen über die sakramen­talen Aspekte der Umkehr sprechen, über bestimmte Dimensio­nen des Sakraments der Buße oder Versöhnung. Vor sechs Jahren veröffentlichte die Kongregation für die Glaubenslehre mit unserer ausdrücklichen Billigung und in unserem Auftrag Pastoralnormen, die die Generalabsolution regeln sollten. Dieses Dokument, das den Titel Sacramentum paenitentiae trägt, wiederholte die feierliche Lehre des Konzils von Trient über das göttliche Gebot der per­sönlichen Beichte. Das Dokument gab zu, daß mancherorts wegen des Priestermangels für die Gläubigen erhebliche Schwierigkeiten bestehen, zur Einzelbeichte zu gehen. Es wurden Vorkehrungen für eine Generalabsolution in Notfällen getroffen, wobei genau de­finiert wurde, unter welchen Voraussetzungen derartige Notfälle gegeben sind (Norm 3).

Es wurde dem Ortsordinarius nach Beratung mit anderen Mit­gliedern der Bischofskonferenz vorbehalten, zu entscheiden, ob die vom Hl. Stuhl verlangten und in Norm 3 im einzelnen darge­legten notwendigen Bedingungen vorliegen. Die Bischöfe wurden nicht ermächtigt, die verlangten Bedingungen zu ändern, durch andere zu ersetzen oder aufgrund persönlicher Kriterien, auch wenn diese noch so achtbar sind, einen schweren Notfall zu kon­statieren. Sacramentum paenitentiae erkannte im Endeffekt an, daß die Normen, die die Grundordnung des kirchlichen Dienstes der Versöhnung regeln, in besonderer Weise Sache der Gesamtkir­che und der Regelung durch ihre oberste Autorität sind. Wichtig bei der Anwendung der Normen ist die generelle Wirkung des grundlegenden kirchlichen Dienstes der Versöhnung in Übereinstimmung mit dem Plan Christi, des Erlösers. Im Leben der Kirche ist die Entscheidung für die Generalabsolution nicht der Normal­fall und kein Mittel, irgendwelchen schwierigen pastoralen Situa­tionen zu begegnen. Sie ist nur in außergewöhnlichen Situationen von schwerer Notlage gestattet, wie in Norm 3 bestimmt ist. Wir haben bereits vergangenes Jahr öffentlich auf den absoluten Aus­nahmecharakter der Generalabsolution hingewiesen (Ansprache bei der Generalaudienz vom 23. März 77).

Brüder, wir erinnern auch an die Worte in unserem Schreiben an die amerikanischen Bischöfe anläßlich des 200jährigen Bestehens der Vereinigten Staaten: „Wir ersuchen um höchste Wachsamkeit in der Frage der Ohrenbeichte“ (AAS 68, 1976, S. 410). Und heute fügen wir ausdrücklich hinzu: Wir ersuchen um treue Einhaltung und Beachtung der Normen. Die Treue zur Gemeinschaft der uni­versalen Kirche verlangt das; diese Treue wird zugleich Garant sein für die übernatürliche Wirkung eures kirchlichen Sendungsauf­trags zur Versöhnung.

Darüber hinaus bitten wir euch, die Bischöfe, euren Priestern zu helfen, immer mehr Verständnis und Wertschätzung für ihren her­vorragenden Dienst als Beichtväter zu finden (vgl. Lumen gen­tium, Nr. 30). Eine jahrhundertelange Erfahrung bestätigt die Be­deutung dieses Dienstes. Wenn Priester wirklich begreifen, wie eng sie durch das Bußsakrament mit dem Erlöser in der Aufgabe der Bekehrung zusammenarbeiten, werden sie sich mit immer grö­ßerem Eifer dieser Sendung hingeben. Zugleich werden den Gläu­bigen mehr Beichtväter zur Verfügung stehen. Man wird aus Zeit­mangel andere Werke hintanstellen oder sogar aufgeben müssen ­aber auf keinen Fall die Beichte. Das Beispiel des hl. Johannes Vianney ist nicht überholt. Der Ermahnung von Papst Johannes XXIII. in seiner Enzyklika Sacerdotii Nostri Primordia kommt noch immer größte Bedeutung zu.

Wir haben wiederholt gefordert, die Hauptfunktion des Bußsa­kramentes zu bewahren (vgl. Ansprache bei der Generalaudienz vom 3. April 1974 und vom 12. März 1975). Und vor zwei Jahren bei der Seligsprechung des Kapuzinerpaters Leopold von Castel­nuovo führten wir aus, daß dieser Mann den höchsten Grad der Heiligkeit durch seinen Dienst im Beichtstuhl erlangt hat. Wir glauben, daß die Lage in der heutigen Kirche — in euren Diözesen wie anderswo — reif dafür ist, häufigeren und fruchtbareren Ge­brauch vom Bußsakrament in Übereinstimmung mit dem Ordo paenitentiae zu machen, und reif für einen intensiveren Dienst der Priester, was Früchte größerer Heiligkeit und Gerechtigkeit im Leben der Priester und Gläubigen zur Folge hätte. Aber der volle Erfolg dieser Erneuerung hängt mit Gottes Gnade von eurer eige­nen Wachsamkeit und Treue ab. Das erfordert von eurer Seite ständige Leitung und strenge geistliche Führung. Im Hinblick auf die Praxis häufigen Beichtens bitten wir euch zudem, eure Priester, Ordensleute und Laien — alle Gläubigen, die nach Heiligkeit stre­ben — an die Worte unseres Vorgängers Pius XII. zu erinnern: „Diese Praxis ist nicht ohne Eingebung des Heiligen Geistes in die Kirche eingeführt worden“ (AAS 35, 1943, S. 235).

Ein weiterer wichtiger Aspekt der kirchlichen Bußdisziplin ist die Praxis der Erstbeichte vor der Erstkommunion. Hier lautet un­sere dringende Bitte, die Normen des HI. Stuhls nicht durch gegenteilige Handhabung um ihre Bedeutung zu bringen. In dieser Hinsicht wiederholen wir, was wir vergangenes Jahr einer Gruppe von Bischöfen bei ihrem „ad-limina“-Besuch gesagt haben: „Der Gläubige würde mit Recht entrüstet sein, wenn augenfällige Miß­bräuche von jenen geduldet werden, die das Bischofsamt inneha­ben, das seit den frühesten Tagen der Kirche Wachsamkeit und Einheit bedeutet“ (AAS 69, 1977, S. 473).

Es gibt noch manche andere Aspekte der Umkehr, über die wir gerne zu euch sprechen würden. Aber wir werden jetzt schließen mit der dringenden Bitte, eurem Volk ein ermutigendes Wort des Vertrauens und der Zuversicht zu übermitteln: „Christus Jesus, unsere Hoffnung“ (1 Tim 1, 1). In der Nacht seiner Auferstehung und durch die Kraft seines Wortes fordert er die Gläubigen auf, den lebenslangen Weg der Umkehr fortzusetzen eingedenk der Worte: „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was keinem Menschen in den Sinn gekommen ist: wie Großes Gott de­nen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2, 9).

Liebe Brüder, wir danken euch aufrichtig als Mitarbeiter für das Evangelium und bitten den Herrn Jesus, eure Liebe zu ihm zu er­neuern. Allen euren Priestern und Diakonen, euren Ordensleuten und Laien senden wir unseren Friedensgruß und unseren Apostoli­schen Segen: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heili­gen Geistes. Amen.

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Quelle: WORT UND WEISUNG IM JAHR 1978, Libreria Editrice Vaticana – Butzon & Bercker

ÜBER EINIGE ASPEKTE DER FEIER DES SAKRAMENTES DER BUSSE

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JOHANNES PAUL II.

APOSTOLISCHES SCHREIBEN
ALS »MOTU PROPRIO« ERLASSEN

MISERICORDIA DEI

ÜBER EINIGE ASPEKTE
DER FEIER
DES SAKRAMENTES DER BUSSE

Durch die Barmherzigkeit Gottes, des Vaters, der versöhnt, hat das Wort Fleisch angenommen im reinen Schoß der seligen Jungfrau Maria, um »sein Volk von seinen Sünden« zu erlösen (Mt 1,21) und ihm »den Weg des ewigen Heiles« zu erschließen.(1) Der heilige Johannes der Täufer bestätigt diese Sendung, indem er auf Jesus hinweist als das »Lamm Gottes«, »das die Sünden der Welt hinwegnimmt« (Joh 1, 29). Das gesamte Handeln und die Verkündigung des Vorläufers Jesu sind ein nachdrücklicher und beherzter Ruf zur Buße und zur Umkehr, dessen Ausdruck die in den Wassern des Jordans gespendete Taufe ist. Jesus selbst unterwarf sich jenem Bußritus (vgl. Mt 3, 13-17), nicht weil er gesündigt hätte, sondern weil »er sich unter die Sünder rechnen läßt. Er ist schon ,,das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt “(Joh 1,29). Er nimmt schon die ,,Taufe“ seines blutigen Todes vorweg«.(2) Das Heil ist insbesondere Erlösung von der Sünde, die ein Hindernis für die Freundschaft mit Gott ist, Befreiung aus dem Zustand der Sklaverei, in dem der Mensch steht, der der Versuchung des Bösen nachgab und die Freiheit der Kinder Gottes verloren hat (vgl.Röm 8, 21).

Die von Christus den Aposteln anvertraute Sendung ist die Ankündigung des Reiches Gottes und die Verkündigung des Evangeliums im Hinblick auf die Bekehrung (vgl. Mk 16, 15; Mt 28, 18-20). Der Abend desselben Tages seiner Auferstehung, unmittelbar vor Beginn der apostolischen Sendung, schenkt Jesus den Aposteln, auf Grund der Kraft des Heiligen Geistes, die Macht, die reuigen Sünder mit Gott und mit der Kirche zu versöhnen: »Empfangt den Heiligen Geist! Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert« (Joh 20, 22-23).(3)

Im Laufe der Geschichte und in der ununterbrochenen Praxis der Kirche hat sich der »Dienst der Versöhnung« (2 Kor 5, 18), der durch die Sakramente der Taufe und der Buße gespendet worden ist, als eine pastorale Aufgabe erwiesen, die immer lebendig im Bewußtsein blieb und die gemäß dem Auftrag Jesu als ein wesentlicher Bestandteil des priesterlichen Amtes erfüllt worden ist. Die Feier des Sakramentes der Buße hat im Laufe der Jahrhunderte eine Entwicklung erfahren, die verschiedene Formen hervorgebracht hat, wobei die Grundstruktur jedoch immer bewahrt worden ist. Neben der Handlung des Beichtvaters — dieser ist immer ein Bischof oder ein Priester, der im Namen Jesu Christi richtet und freispricht, heilt und gesund macht — besteht diese notwendigerweise aus den Akten des Büßers: die Reue, das Bekenntnis und die Genugtuung.

Im Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte habe ich geschrieben: »Sodann bitte ich um einen neuen pastoralen Mut, damit die tägliche Pädagogik der christlichen Gemeinden überzeugend und wirksam die Praxis des Sakramentes der Versöhnungvorzulegen vermag. Wie ihr euch erinnert, habe ich mich im Jahre 1984 zu diesem Thema mit dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben Reconciliatio et paenitentia geäußert. Dieses Dokument faßte die Früchte der Überlegungen zusammen, die eine Generalversammlung der Bischofssynode zu diesem Problem hervorgebracht hatte. Damals habe ich darum gebeten, mit aller Anstrengung die Krise des ,,Sündenbewußtseins“ anzugehen, die sich in der zeitgenössischen Kultur feststellen läßt. (…) Als die schon erwähnte Synode das Problem behandelte, hatten alle die Krise des Sakramentes vor Augen, die sich besonders in einigen Gebieten der Welt zeigt. Die Gründe, die an der Wurzel liegen, sind in dieser kurzen Zeitspanne nicht geschwunden. Doch war das Jubiläumsjahr besonders von einer Rückkehr zur sakramentalen Buße geprägt; so hält es eine ermutigende Botschaft bereit, die man nicht unterschlagen sollte: Wenn viele Gläubige, darunter auch zahlreiche Jugendliche, dieses Sakrament fruchtbar empfangen haben, dann müssen wahrscheinlich die Hirten mehr Vertrauen, mehr Phantasie und einen längeren Atem haben, um das Bußsakrament in der Verkündigung vorzulegen und seine Wertschätzung zu fördern«.(4)

Mit diesen Worten hatte und habe ich die Absicht, meinen Mitbrüdern im bischöflichen Amt — und durch diese allen Priestern — Mut zu machen und sie gleichzeitig mit Nachdruck einzuladen, für eine rasche Erneuerung des Sakramentes der Versöhnung zu sorgen. Dies ist auch eine Forderung echter Nächstenliebe und wahrer pastoraler Gerechtigkeit.(5) Ich erinnere sie auch daran, daß jeder Gläubige, der die geforderte innere Disposition mitbringt, das Recht hat, persönlich die Gabe dieses Sakramentes zu empfangen.

Damit das Urteil über die Disposition des Büßers hinsichtlich der Gewährung bzw. der Verweigerung der Vergebung und der Auferlegung der angemessenen Buße von seiten des Spenders des Sakramentes gefällt werden kann, ist es notwendig, daß der Gläubige über das Bewußtsein um die begangenen Sünden, den Schmerz darüber und den Willen, nicht wieder darin zurückzufallen,(6) hinaus seine Sünden bekennt. In diesem Sinn erklärte das Konzil von Trient, daß es »nach göttlichem Recht notwendig sei, die Todsünden samt und sonders zu bekennen«.(7) Die Kirche sah schon immer einen wesentlichen Zusammenhang zwischen dem Urteil, das den Priestern in diesem Sakrament anvertraut ist, und der Notwendigkeit, daß die Büßer die eigenen Sünden bekennen,(8) außer bei Unmöglichkeit. Weil das vollständige Bekenntnis der schweren Sünden kraft göttlicher Einsetzung grundlegender Bestandteil des Sakramentes ist, ist es keineswegs der freien Verfügbarkeit der Hirten anheimgestellt (Dispens, Interpretation, örtliche Gewohnheiten, usw.). Allein die zuständige kirchliche Autorität gibt genau — im Rahmen der entsprechenden Disziplinarnormen — die Kriterien zur Unterscheidung an, um die echte Unmöglichkeit, die Sünden zu bekennen, zu unterscheiden von anderen Situationen, in denen die Unmöglichkeit nur scheinbar vorliegt oder jedenfalls überwindbar ist.

In den aktuellen pastoralen Situationen und indem ich den besorgten Anträgen zahlreicher Mitbrüder im Episkopat entgegenkomme, halte ich es für angebracht, auf einige der geltenden kanonischen Normen bezüglich der Feier dieses Sakramentes aufmerksam zu machen und dabei einige Aspekte zu präzisieren, um — im Geiste der Gemeinschaft mit der Verantwortung, die dem gesamten Episkopat eigen ist(9) —, eine bessere Spendung des Sakramentes zu begünstigen. Es geht darum, die Feier der Gabe, die der Herr Jesus Christus nach seiner Auferstehung der Kirche anvertraut hat, wirksamer zu gestalten, sie immer treu zu wahren, und auf diese Weise fruchtbarer werden zu lassen (vgl. Joh 20,19- 23). Dies scheint besonders notwendig zu sein, da in einigen Gegenden die Tendenz sichtbar wird, die persönliche Beichte fallen zu lassen, und gleichzeitig unerlaubterweise auf die »Generalabsolution« bzw. die »kollektive Absolution« zurückzugreifen, so daß diese nicht mehr als außerordentliches Mittel in ganz außergewöhnlichen Situationen erkennbar ist. Aufgrund einer willkürlichen Ausweitung der Bedingung einer schweren Notlage(10) verliert man praktisch die Treue zum göttlichen Charakter des Sakramentes aus den Augen, und konkret die Notwendigkeit der Einzelbeichte, was zu schweren Schäden für das geistliche Leben der Gläubigen und für die Heiligkeit der Kirche führt.

Nachdem ich diesbezüglich die Kongregation für die Glaubenslehre, die Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung und den Päpstlichen Rat für die Auslegung von Gesetzestexten angehört sowie die Meinung der verehrten Brüder Kardinäle, die den Dikasterien der Römischen Kurie vorstehen, eingeholt habe, bestätige ich die katholische Lehre über das Sakrament der Buße und der Versöhnung, die im Katechismus der Katholischen Kirche(11) zusammenfassend dargestellt ist. Deshalb bestimme ich im Wissen um meine pastorale Verantwortung und im vollen Bewusstsein über die immer aktuelle Notwendigkeit und Wirksamkeit dieses Sakramentes folgendes:

1. Die Ordinarien sollen alle Spender des Sakramentes der Buße daran erinnern, daß das universale Gesetz der Kirche unter Anwendung der diesbezüglichen katholischen Lehre folgendes bestätigt hat:

a) »Das persönliche und vollständige Bekenntnis und die Absolution bilden den einzigen ordentlichen Weg, auf dem ein Gläubiger, der sich einer schweren Sünde bewußt ist, mit Gott und der Kirche versöhnt wird; allein physische oder moralische Unmöglichkeit entschuldigt von einem solchen Bekenntnis; in diesem Fall kann die Versöhnung auch auf andere Weisen erlangt werden«.(12)

b) Deshalb ist »jeder, dem von Amts wegen die Seelsorge aufgetragen ist, zur Vorsorge dafür verpflichtet, daß die Beichten der ihm anvertrauten Gläubigen gehört werden, die in vernünftiger Weise darum bitten; des weiteren, daß ihnen an festgesetzten Tagen und Stunden, die ihnen genehm sind, Gelegenheit geboten wird, zu einer persönlichen Beichte zu kommen«.(13)

Ferner sollen alle Priester, die die Befugnis zur Spendung des Bußsakramentes haben, dazu allgemein und stets bereit sein, sooft die Gläubigen begründeter Weise darum bitten.(14) Der Mangel an Bereitschaft, die verwundeten Schafe aufzunehmen, vielmehr ihnen entgegenzugehen, um sie in den Schafstall zurückzuführen, wäre für den, der durch die Priesterweihe in sich das Bild des Guten Hirten tragen soll, ein schmerzliches Zeichen eines fehlenden pastoralen Empfindens.

2. Die Ortsordinarien sowie die Pfarrer und Rektoren von Kirchen und Heiligtümern müssen periodisch überprüfen, daß tatsächlich die größtmöglichen Erleichterungen für die Beichte der Gläubigen bestehen. Empfohlen wird insbeson dere die sichtbare Anwesenheit der Beichtväter in den Kultstätten während der vorgesehenen Zeiten, die Anpassung dieser Zeiten an die reale Lebenssituation der Pönitenten und die spezielle Bereitschaft dazu, vor den Meßfeiern die Beichte abzunehmen und, sofern andere Priester zur Verfügung stehen, dem Bedürfnis der Gläubigen nach der Beichte auch während der Meßfeier nachzukommen.(15)

3. Da »der Gläubige verpflichtet ist, alle nach der Taufe begangenen schweren Sünden, deren er sich nach einer sorgfältigen Gewissenserforschung bewußt ist, nach Art und Zahl zu bekennen, sofern sie noch nicht durch die Schlüsselgewalt der Kirche direkt nachgelassen sind und er sich ihrer noch nicht in einem persönlichen Bekenntnis angeklagt hat«,(16) muß jede Praxis mißbilligt werden, die die Beichte auf ein allgemeines oder auf das Bekenntnis nur einer oder mehrerer für gewichtiger gehaltener Sünden beschränkt. Indem man der Berufung aller Gläubigen zur Heiligkeit Rechnung trägt, wird ihnen andererseits empfohlen, auch ihre läßlichen Sünden zu bekennen.(17)

4. Die in can. 961 des kirchlichen Gesetzbuches vorgesehene Absolution, die mehreren Pönitenten gleichzeitig und ohne vorausgehende Einzelbeichte erteilt wird, muß im Licht und im Rahmen der vorangehenden Normen verstanden und entsprechend angewendet werden. Sie hat nämlich »den Charakter einer Ausnahme«(18) und »kann in allgemeiner Weise nur erteilt werden:

1º wenn Todesgefahr besteht und für den oder die Priester die Zeit nicht ausreicht, um die Bekenntnisse der einzelnen Pönitenten zu hören;

2º wenn eine schwere Notlage besteht, das heißt, wenn unter Berücksichtigung der Zahl der Pönitenten nicht genügend Beichtväter vorhanden sind, um die Bekenntnisse der einzelnen innerhalb einer angemessenen Zeit ordnungsgemäß zu hören, so daß die Pönitenten ohne eigene Schuld gezwungen wären, die sakramentale Gnade oder die heilige Kommunion längere Zeit zu entbehren; als ausreichend begründete Notlage gilt aber nicht, wenn allein aufgrund eines großen Andrangs von Pönitenten, wie er bei einem großen Fest oder bei einer Wallfahrt vorkommen kann, nicht genügend Beichtväter zur Verfügung stehen können«.(19)

Was den Fall der schweren Notlage betrifft, gilt präzise folgendes:

a) Es handelt sich um objektive Ausnahmesituationen, wie sie in Missionsgebieten oder in Gemeinden abgeschieden lebender Gläubiger vorkommen können, wo der Priester nur einmal oder wenige Male im Jahr vorbeikommen kann, wenn es ihm die kriegsbedingten oder meteorologischen Verhältnisse oder andere ähnliche Umstände gestatten.

b) Die beiden im Kanon festgelegten Voraussetzungen für die schwere Notlage dürfen nicht voneinander getrennt werden; deshalb reicht allein die Unmöglichkeit, wegen Priestermangels den einzelnen die Beichte »ordnungsgemäß« »innerhalb einer angemessenen Zeit« abzunehmen, niemals aus; diese Unmöglichkeit muß mit dem Umstand verbunden sein, daß andernfalls die Pönitenten gezwungen wären, ohne ihre Schuld »längere Zeit« die sakramentale Gnade zu entbehren. Daher muß die Gesamtsituation der Pönitenten und der Diözese im Hinblick auf ihre pastorale Organisation und auf die Zugangsmöglichkeit der Gläubigen zum Sakrament der Buße berücksichtigt werden.

c) Die erste Voraussetzung, die Unmöglichkeit, die Bekenntnisse »ordnungsgemäß« »innerhalb einer angemessenen Zeit« hören zu können, bezieht sich nur auf die Zeit, die für die unerläßliche, gültige und würdige Spendung des Sakramentes berechtigterweise erforderlich ist. Ein längeres Seelsorgsgespräch, das auf günstigere Umstände verschoben werden kann, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle. Diese berechtigterweise angemessene Zeit, innerhalb welcher die Bekenntnisse gehört werden können, wird von den realen Möglichkeiten des Beichtvaters bzw. der Beichtväter und der Pönitenten selbst abhängen.

d) Was die zweite Voraussetzung betrifft, wird eine kluge Beurteilung abschätzen, wie lange, sofern keine Todesgefahr besteht, die Zeit der Entbehrung der sakramentalen Gnade sein muß, damit tatsächlich die Unmöglichkeit, gemäß can. 960 gegeben ist. Diese Beurteilung ist unklug, wenn sie den Sinn der physischen oder moralischen Unmöglichkeit verzerrt, wie es zum Beispiel mit der Annahme der Fall wäre, bei einem Zeitabschnitt unter einem Monat läge eine solche Entbehrung für »längere Zeit« vor.

e) Es ist nicht zulässig, Situationen einer scheinbaren schweren Notlage zu erzeugen oder entstehen zu lassen, die sich aus der wegen Nichtbeachtung der oben angeführten Normen(20) versäumten ordentlichen Spendung des Sakramentes ergeben, und noch weniger solche, die aus der Option der Gläubigen für die Generalabsolution entstehen, so als handele es sich um eine normale und den beiden im Rituale beschriebenen ordentlichen Formen gleichwertige Möglichkeit.

f) Der große Andrang von Pönitenten stellt allein keine ausreichende Notlage dar, weder bei hohen Festen oder Wallfahrten, noch aus tourismusbedingten oder anderen Gründen, die mit der zunehmenden Mobilität der Menschen zusammenhängen.

5. Das Urteil darüber, ob die gemäß can. 961, § 1, 2º erforderlichen Voraussetzungen gegeben sind, steht nicht dem Beichtvater, sondern dem »Diözesanbischof zu; dieser kann unter Berücksichtigung der Kriterien, die mit den übrigen Mitgliedern der Bischofskonferenz abgestimmt sind, feststellen, wann solche Notfälle gegeben sind«.(21) Diese pastoralen Kriterien werden, nach den Gegebenheiten der jeweiligen Gebiete, Ausdruck des Bemühens um die vollkommene Treue zu den von der universalen Ordnung der Kirche formulierten Grundkriterien sein müssen, die sich im übrigen auf die aus demselben Sakrament der Buße in seiner göttlichen Stiftung herrührenden Forderungen stützen.

6. Da es in einem für das Leben der Kirche so wesentlichen Gegenstand von grundsätzlicher Bedeutung ist, daß unter den verschiedenen Episkopaten der Welt völlige Harmonie herrscht, sollen die Bischofskonferenzen gemäß can. 455, § 2 des CIC so bald wie möglich der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung den Text der Normen zukommen lassen, die sie im Lichte des vorliegenden Motu proprio, unter Anwendung von can. 961 des CIC zu erlassen oder zu aktualisieren beabsichtigen. Damit wird man nicht fehlgehen, eine immer größere Gemeinschaft zwischen den Bischöfen der ganzen Kirche zu fördern, indem man überall die Gläubigen dazu anspornt, reichlich aus den im Sakrament der Versöhnung immer sprudelnden Quellen der göttlichen Barmherzigkeit zu schöpfen.

Aus diesem Blickwinkel wird es auch angebracht sein, daß die Diözesanbischöfe den jeweiligen Bischofskonferenzen berichten, ob in ihrem Jurisdiktionsbereich Fälle von schwerer Notlage aufgetreten sind oder nicht. Es wird sodann Aufgabe der Bischofskonferenzen sein, die obengenannte Kongregation über die tatsächliche Situation in ihrem Gebiet und über eventuelle Veränderungen, die womöglich später festgestellt werden, zu informieren.

7. Was die persönliche Disposition der Pönitenten betrifft, wird folgendes bekräftigt:

a) »Damit ein Gläubiger die sakramentale Absolution, die gleichzeitig mehreren erteilt wird, gültig empfängt, ist nicht nur erforderlich, daß er recht disponiert ist; er muß sich vielmehr gleich zeitig auch vornehmen, seine schweren Sünden, die er gegenwärtig nicht auf diese Weise bekennen kann, zu gebotener Zeit einzeln zu beichten«.(22)

b) Soweit möglich, ist an die Gläubigen, selbst bei Todesgefahr, »die Aufforderung vorauszuschicken, daß sich jeder bemüht, einen Akt der Reue zu erwecken«.(23)

c) Es ist klar, daß Pönitenten, die im Gewohnheitszustand der schweren Sünde leben und nicht beabsichtigen, ihre Situation zu ändern, die Absolution nicht gültig empfangen können.

8. Unbeschadet der Verpflichtung, »seine schweren Sünden wenigstens einmal im Jahr aufrichtig zu bekennen«,(24) »hat der, dem durch Generalabsolution schwere Sünden vergeben werden, bei nächstmöglicher Gelegenheit, sofern nicht ein gerechter Grund dem entgegensteht, ein persönliches Bekenntnis abzulegen, bevor er eine weitere Generalabsolution empfängt«.(25)

9. Bezüglich des Ortes und seiner Ausgestaltung für die Feier des Sakramentes ist zu berücksichtigen, daß:

a) »der für die Entgegennahme sakramentaler Beichten eigene Ort eine Kirche oder eine Kapelle ist«,(26) wobei freilich klar ist, daß pastorale Gründe die Erteilung des Sakramentes auch an anderen Orten rechtfertigen können;(27)

b) seine Gestaltung durch die von den jeweiligen Bischofskonferenzen erlassenen Normen geregelt wird, die gewährleisten müssen, daß sich die Stelle der Beichtgelegenheit »an einem offen zugänglichen Ort« befindet und auch »mit einem festen Gitter versehen« ist, so daß die Gläubigen und die Beichtväter selbst, die dies wünschen, frei davon Gebrauch machen können.(28)

Ich bestimme, daß alles, was ich mit dem vorliegenden Apostolischen Schreiben in Form eines Motu proprio festgelegt habe, volle und bleibende Gültigkeit habe und vom heutigen Tag an eingehalten werde, ungeachtet jeder anderen gegenteiligen Anordnung. Alles, was ich in diesem Schreiben verfügt habe, hat seiner Natur entsprechend auch für die verehrungswürdigen katholischen Ostkirchen Geltung, in Übereinstimmung mit den jeweiligen Canones ihres eigenen Codex.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 7. April, 2. Sonntag der Osterzeit oder Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit (Weißer Sonntag), im Jahr des Herrn 2002, dem 24. Jahr meines Pontifikats.

JOHANNES PAUL II.


(1)Missale Romanum, Präfation vom I. Adventssonntag.

(2)Katechismus der Katholischen Kirche, 536.

(3)Vgl. Ökum. Konzil von Trient, 14. Sitzung, Über das Sakrament der Buße, can. 3: DH 1703.

(4)Nr. 37: AAS 93 (2001) 292.

(5)Vgl.C.I.C., can. 213 und 843 § I.

(6)Vgl. Ökum. Konzil von Trient, 14. Sitzung, Über das Sakrament der Buße, Kap. 4: DH 1676.

(7)Ebd., can. 7: DH 1707.

(8)Ebd., Kap. 5: DH 1679; Ökum. Konzil von Florenz, Dekret für die Armenier (22. November 1439): DH 1323.

(9)Vgl.C.I.C., can. 392; II.Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium, Nr. 23. 27; Dekret über das Amt der Bischöfe Christus Dominus, Nr.16.

(10)Vgl. can. 961, § 1, 2º.

(11)Vgl. Nr. 980-987; 1114-1134; 1420-1498.

(12)Can. 960.

(13)Can.986, § 1.

(14)Vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dekret über Dienst und Leben der Priester Presbyterorum ordinis, 13; Ordo Paenitentiae, editio typica, 1974, Praenotanda, Nr. 10,b.

(15)Vgl. Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Responsa ad dubia proposita: Notitiae 37 (2001) 259-260.

(16)Can. 988, § 1.

(17)Vgl. can. 988, § 2; Johannes Paul II., Apostol.Schreiben Reconciliatio et Paenitentia (2.Dezember 1984), 32: AAS 77 (1985) 267;Katechismus der Katholischen Kirche, 1458.

(18)Johannes Paul II., Apostol. Schreiben Reconciliatio et Paenitentia (2. Dezember 1984), 32: a.a.O.

(19)Can. 961, § 1.

(20)Vgl. oben Nr. 1 und 2.

(21)C.I.C., can. 961, § 2.

(22)Can. 962, § 1.

(23)Can. 962, § 2.

(24)Can. 989.

(25)Can. 963.

(26)Can. 964, § 1.

(27)Vgl. can. 964, § 3.

(28)Vgl. can. 964, § 2. Päpstlicher Rat für die Auslegung von Gesetzestexten, Responsa ad propositum dubium: de loco excipiendi sacramentales confessiones (7. Juli 1998): AAS 90 (1998) 711.

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Quelle

Die göttliche Barmherzigkeit kann alle unentgeltlich erreichen

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Audienz für die Teilnehmer an einem
von der Apostolischen Pönitentiarie veranstalteten Kurs
über das »Forum Internum«

Ansprache von Papst Franziskus am 4. März

Liebe Brüder, guten Tag!

Ich freue mich, euch in der Fastenzeit des Jubiläumsjahres der Barmherzigkeit anlässlich des jährlich stattfindenden Kurses über das »Forum Internum« zu begegnen. Sehr herzlich begrüße ich den Großpönitentiar, Kardinal Piacenza, und danke ihm für seine freundlichen Worte. Ich begrüße den Regenten – er hat ein so gütiges Gesicht, er muss ein guter Beichtvater sein! –, die Richter, die Beamten sowie die Mitarbeiter der Pönitentiarie, die Kollegien der ordentlichen und außerordentlichen Pönitentiare der Päpstlichen Basiliken – deren Präsenz anlässlich des Jubiläums erweitert wurde – und euch alle, die ihr an dem Kurs teilnehmt, der den neugeweihten Priestern und den Seminaristen, die kurz vor der Priesterweihe stehen, bei ihrer Ausbildung helfen soll, um das Sakrament der Versöhnung gut und richtig zu spenden. Denn die Feier dieses Sakraments erfordert eine angemessene und zeitgemäße Vorbereitung, damit jene, die es empfangen, mit Händen die Größe der Barmherzigkeit greifen können, Quelle wahren inneren Friedens (vgl. Bulle Misericordiae vultus, 17).

»Das Geheimnis des christlichen Glaubens scheint in diesem Wort« – Barmherzigkeit – »auf den Punkt gebracht zu sein. In Jesus von Nazareth ist die Barmherzigkeit des Vaters lebendig und sichtbar geworden und hat ihren Höhepunkt gefunden« (Ebd., 1). In diesem Sinne ist die Barmherzigkeit nicht nur eine Haltung oder eine menschliche Tugend, sondern vor allem die endgültige Entscheidung Gottes für einen jeden Menschen und sein ewiges Heil; diese Entscheidung ist mit dem Blut des Gottessohnes besiegelt.

Die göttliche Barmherzigkeit kann alle, die um sie bitten, unentgeltlich erreichen. Denn die Möglichkeit der Vergebung steht als größte der »Heiligen Pforten« wirklich allen offen, ja sogar weit offen. Denn sie entspricht dem Herzen des Vaters, der alle seine Kinder liebt und auf sie wartet – besonders auf jene, die die größten Fehler gemacht haben und fern sind. Die Barmherzigkeit des Vaters kann jeden Menschen auf vielerlei Weise erreichen: durch die Öffnung eines aufrichtigen Gewissens; durch das Lesen des Wortes Gottes, das das Herz bekehrt; durch die Begegnung mit einer Schwester oder einem Bruder, die barmherzig sind; in den Lebenserfahrungen, die von Wunden, von Sünde, von Vergebung und von Barmherzigkeit zu uns sprechen.

Dennoch gibt es den »sicheren Weg« der Barmherzigkeit, auf dem wir von der Möglichkeit zur Wirklichkeit, von der Hoffnung zur Gewissheit gelangen. Dieser Weg ist Jesus, der »die Vollmacht hat, hier auf der Erde Sünden zu vergeben« (Lk 5,24) und diese Sendung der Kirche übertragen hat (vgl. Joh 20,21-23). Das Sakrament der Versöhnung ist daher der bevorzugte Ort, um die Barmherzigkeit Gottes zu erfahren und das Fest der Begegnung mit dem Vater zu feiern. Wir vergessen diesen letzten Aspekt sehr leicht: Ich gehe hin, bitte um Vergebung, spüre die Umarmung der Vergebung und vergesse, ein Fest zu feiern. Das ist keine theologische Lehre, aber ich würde – vielleicht etwas überspitzt ausgedrückt – sagen, dass das Fest Teil des Sakraments ist: Auch das Fest, das ich mit dem Vater, der mir vergeben hat, feiern muss, ist gleichsam Teil der Buße.

Wenn wir uns als Beichtväter in den Beichtstuhl begeben, um die Brüder und Schwestern zu empfangen, müssen wir stets daran denken, dass wir für sie Werkzeuge der Barmherzigkeit Gottes sind; wir müssen daher achtgeben, diesem Geschenk des Heils kein Hindernis in den Weg zu legen! Auch der Beichtvater selbst ist ein Sünder, ein Mensch, der stets Vergebung braucht; er als Erster kann nicht auf die Barmherzigkeit Gottes verzichten, der ihn »erwählt« und zu dieser großen Aufgabe »bestimmt« hat (vgl. Joh 15,16). Er muss also stets eine Haltung demütigen und großherzigen Glaubens pflegen, mit dem einzigen Wunsch, dass jeder Gläubige die Liebe des Vaters erfahren möge. Dabei fehlt es uns nicht an heiligen Mitbrüdern, auf die wir schauen können: Denken wir an Leopold Mandic und Pio von Pietrelcina, deren sterbliche Überreste wir vor einem Monat im Vatikan verehrt haben. Und auch an einen Mitbruder – das erlaube ich mir – aus meiner Ordensfamilie: Pater Cappello.

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Jeder reuige Sünder hat nach der Lossprechung durch den Priester aus dem Glauben die Gewissheit, dass seine Sünden nicht mehr existieren. Sie existieren nicht mehr! Gott ist allmächtig. Ich stelle mir gern vor, dass er eine Schwäche hat: ein schlechtes Gedächtnis. Sobald er dir vergibt, vergisst er. Und das ist großartig! Die Sünden existieren nicht mehr, sie sind von der göttlichen Barmherzigkeit ausgelöscht worden. Jede Lossprechung ist gewissermaßen ein Jubiläum des Herzens, das nicht nur den Gläubigen und die Kirche erfreut, sondern vor allem Gott selbst. Jesus hat es gesagt: »Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren« (Lk 15,7). Daher ist es wichtig, dass der Beichtvater auch ein »Kanal der Freude« ist und dass der Gläubige, nachdem er die Vergebung empfangen hat, sich nicht mehr von der Schuld bedrückt fühlt, sondern das Werk Gottes, der ihn befreit hat, genießen und in Danksagung leben kann – in der Bereitschaft, das begangene Unrecht wiedergutzumachen und den Brüdern und Schwestern mit gutem und bereitwilligem Herzen entgegenzugehen.

Liebe Brüder, in unserer Zeit, die vom Individualismus, von vielen Wunden und von der Versuchung, sich zu verschließen, geprägt ist, ist es ein wahres Geschenk, Menschen zu sehen und zu begleiten, die die Barmherzigkeit empfangen. Das bringt für uns alle auch eine noch größere Pflicht mit sich, konsequent nach dem Evangelium zu leben, mit väterlichem Wohlwollen: Wir sind Hüter und niemals Herren, weder der Schafe noch der Gnade.

Wir wollen – und nicht nur in diesem Jubiläumsjahr! – das Sakrament der Versöhnung wieder in den Mittelpunkt stellen, als wahren Raum des Heiligen Geistes, in dem wir alle, Beichtväter und Pönitenten, die einzige endgültige und treue Liebe erfahren können: die Liebe Gottes zu jedem seiner Kinder, eine Liebe, die nie zugrunde gehen lässt. Der heilige Leopold Mandic sagte immer wieder: »Die Barmherzigkeit Gottes übersteigt alle unsere Erwartungen.« Zu den Leidenden pflegte er auch zu sagen: »Wir haben im Himmel das Herz einer Mutter. Die Jungfrau Maria, unsere Mutter, die unter dem Kreuz alles Leid erfahren hat, das ein menschliches Geschöpf erfahren kann, versteht unsere Nöte und tröstet uns.« Möge Maria, Zuflucht der Sünder und Mutter der Barmherzigkeit, den wichtigen Dienst der Versöhnung leiten und stützen.

Und was tue ich, wenn ich mich in Schwierigkeiten befinde und die Lossprechung nicht erteilen kann? Was soll man tun? Zunächst muss man suchen, ob es einen Weg gibt, oft findet man ihn. Zweitens: sich nicht nur an das gesprochene Wort binden, sondern auch an die Sprache der Gesten. Es gibt Menschen, die sich nicht ausdrücken können und die Reue und Schmerz mit Gesten zum Ausdruck bringen. Und drittens: Wenn man die Lossprechung nicht erteilen kann, wie ein Vater sprechen: »Hör mal, ich kann dich aus diesem Grund nicht lossprechen, aber ich kann dir versichern, dass Gott dich liebt, dass Gott auf dich wartet! Bitten wir gemeinsam die Gottesmutter, dass sie dich schützen möge; und komm wieder, kehre zurück, denn auch ich werde auf dich warten wie Gott auf dich wartet!«; und den Segen erteilen. So verlässt dieser Mensch den Beichtstuhl und denkt: »Ich bin einem Vater begegnet, und er hat mich nicht ›versohlt‹.« Wie oft habt ihr jemanden sagen gehört: »Ich beichte nie, denn einmal bin ich hingegangen, und er hat mit mir geschimpft.« Auch in dem extremen Fall, wo ich die Lossprechung nicht erteilen kann, soll er die Wärme eines Vaters spüren! Er möge ihn segnen; er möge ihm sagen, dass er wiederkommen soll. Und er möge auch ein wenig mit ihm oder mit ihr beten. Das ist immer der Punkt: Dort ist ein Vater. Und auch das ist ein Fest, und Gott weiß besser als wir, wie man die Dinge vergibt. Aber wir sollten wenigstens Abbild des Vaters sein können.

Ich danke der Apostolischen Pönitentiarie für ihren wertvollen Dienst, und ich segne von Herzen euch alle und den Dienst, den ihr als Kanäle der Barmherzigkeit vollbringt, besonders in diesem Jubiläumsjahr. Bitte denkt daran, auch für mich zu beten. Und heute werde auch ich mit euren Pönitentiaren in den Petersdom gehen, um dort die Beichte zu hören.

(Orig. ital. in O.R. 5.3.2016)

„Gott nagelt uns nicht an unsere Sünde fest“

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Wir dokumentieren im Folgenden in einer eigenen Übersetzung die Worte von Papst Franziskus beim Angelusgebet von Sonntag, dem 13. März 2016.

Heute, vor genau drei Jahren, am 13. März 2013, ist Kardinal Jorge Bergoglio zum Papst erwählt geworden.

***

[Vor dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern, guten Tag!

Das Evangelium des heutigen fünften Sonntags der Fastenzeit (vgl. Joh 8,1-11) ist von großer Schönheit. Ich lese es immer wieder gerne. Es handelt von der Frau, die Ehebruch begangen hat und beleuchtet das Thema der Barmherzigkeit Gottes, der niemals den Tod des Sünders wünscht, sondern dass dieser zu Lebzeiten umkehrt. Die Szene ereignet sich am Plateau des Tempelberges. Stellt sie euch hier vor, am Vorplatz [des Petersdoms]. Jesus erteilt den Menschen Lehren. Auf einmal kommen einige Schriftgelehrte und Pharisäer, die eine beim Ehebruch überraschte Frau vor Jesus schleppen. Diese Frau befindet sich somit zwischen Jesus und der Menge (vgl. V.3), zwischen der Barmherzigkeit des Gottessohns und der Gewalt, der Wut ihrer Beschuldiger. In Wahrheit sind diese nicht zum Meister gekommen, um ihn nach seiner Ansicht zu befragen – es handelte sich um böse Menschen –, sondern um ihm eine Falle zu stellen. Wenn Jesus nämlich dem strengen Gesetz entsprechend handelt und die Steinigung der Frau befürwortet, verliert er seinen Ruf als von Milde und Güte geprägter Mensch, der das Volk so sehr fasziniert. Wenn er hingegen Barmherzigkeit üben will, muss er das Gesetz brechen, von dem er selbst gesagt hat, dass er es nicht abschaffen, sondern erfüllen will (vgl. Mt 5,17). Jesus wurde in diese Lage gebracht.

Diese böse Absicht verbirgt sich hinter der Frage an Jesus, was er dazu sage (vgl. V. 5). Jesus gibt darauf keine Antwort. Er schweigt und vollbringt eine rätselhafte Geste: Er kniet sich hin und beginnt, mit den Finger in der Erde zu schreiben (vgl. V. 7). Vielleicht zeichnete er. Manche sagen, dass er die Sünden der Pharisäer aufschrieb… jedenfalls schrieb er und war gleichsam woanders. Auf diese Weise lädt er alle zur Ruhe ein; dazu, nicht den Impulsen folgend zu handeln, sondern nach der Gerechtigkeit Gottes zu suchen. Diese bösen Menschen sind jedoch beharrlich und erwarten sich eine Antwort von ihm. Sie scheinen nach Blut zu dürsten. Daher hebt Jesus den Blick und sagt: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein auf sie (vgl. V. 7). Diese Antwort verstört die Beschuldiger; sie entwaffnet sie im wahrsten Sinne des Wortes: Alle legten die „Waffen“, d.h. jene Steine nieder, die darauf warteten auf sie geworfen zu werden: sowohl die sichtbaren gegen die Frau, als auch die verborgenen gegen Jesus. Während der Herr weiter in die Erde schreibt, oder zeichnet, ich weiß es nicht …, gehen die Ankläger, beginnend bei den ältesten, denen stärker bewusst ist, nicht frei von Sünden zu sein, nacheinander mit gesenktem Haupt weg. Wie gut es uns tut im Bewusstsein zu leben, dass auch wir Sünder sind! Wenn wir schlecht über andere reden – alles Dinge, die wir gut kennen –, wie gut wird es uns dann tun, den Mut dazu aufzubringen, jene Steine fallen zu lassen, die wir auf die anderen werfen, und ein wenig an unsere eigenen Sünden zu denken!

Übrig blieben nur die Frau und Jesus: das Elend und die Barmherzigkeit, einer vor dem anderen. Wie oft geschieht uns das, wenn wir vor dem Beichtstuhl innehalten und uns schämen, um unser Elend zu offenbaren und um Vergebung zu bitten! Frau, wo bin ich? (vgl. V. 10), fragt sie Jesus. Es genügen diese Feststellung und sein von Barmherzigkeit und Liebe erfüllter Blick, um diesen Menschen spüren zu lassen – vielleicht zum ersten Mal – dass er Würde besitzt, nicht seine Sünde ist, Menschenwürde besitzt, die das Leben verwandeln kann, dass er aus seiner Versklavung austreten und einen neuen Weg einschlagen kann.

Liebe Brüder und Schwestern, diese Frau steht für uns alle, die wir vor Gott Sünder, d.h., Ehebrecher und Verräter seiner Treue sind. Seine Erfahrung repräsentiert den Willen Gottes für jeden einzelnen von uns: nicht unsere Verurteilung, sondern unsere Rettung durch Jesus. Er ist die Gnade, die uns von der Sünde und von dem Tod rettet. Er hat in die Erde, in den Staub, aus dem jeder Mensch besteht, (vgl. Gen 2,7) das Urteil Gottes geschrieben: „Ich will nicht, dass du stirbst, sondern dass du lebst“. Gott nagelt uns nicht an unsere Sünde fest. Er identifiziert uns nicht mit dem Bösen, das wir begangen haben. Wir haben einen Namen und Gott identifiziert diesen Namen nicht mit unseren bösen Taten. Er möchte uns befreien, dass auch wir dies mit ihm wollen. Er will, dass unsere Freiheit sich vom Bösen in das Gute verkehrt, und dies ist durch seine Gnade möglich – es ist möglich!

Die Jungfrau Maria helfe uns dabei, uns voll und ganz der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen, um neue Geschöpfe zu werden.

[Nach dem Angelus:]

Liebe Brüder und Schwestern,

ich grüße euch alle, die ihr aus Rom und verschiedenen Ländern gekommen seid; insbesondere die Pilger aus Sevilla, Freiburg (Deutschland), Innsbruck und Ontario (Kanada).

Mein  Gruß gilt dem Haus „Mater Dei“ von Vittorio Veneto. Seid willkommen, ihr zahlreichen Gruppen von Pfarrgemeinden, darunter die Gläubigen aus Boiano, Potenza, Calenzano, Zevio und Agropoli, sowie die jungen Menschen aus vielen Teilen Italiens. Ich kann sie nicht alle aufzählen, erinnere jedoch an jene aus Compiobbi und Mozzanica, der Katholischen Aktion der Diözese von Latina-Terracina-Sezze-Priverno sowie die Firmkandidaten aus Scandicci und Milano-Lambrate.

Nun möchte ich die Geste erneuern, euch ein Evangelium in Taschenbuchformat zu schenken. Es handelt sich um das Lukasevangelium, das wir an den Sonntagen dieses liturgischen Jahres lesen. Das Büchlein trägt den Titel: „Il Vangelo della Misericordia di San Luca“ (Evangelium der Barmherzigkeit des hl. Lukas). So überbringt der Evangelist die Worte Jesu: Seid barmherzig, so wie es euer Vater ist (vgl. 6,36), das die Inspiration zum Thema dieses Jubeljahres lieferte. Es wird euch von den Freiwilligen des Kinderdispensariums „Santa Marta“ im Vatikan mit einigen älteren Menschen und Großeltern Roms unentgeltlich überreicht werden. Wie verdienstvoll die Großeltern sind, die ihren Enkeln den Glauben vermitteln! Ich lade euch dazu ein, dieses Evangelium zu nehmen und daraus zu lesen; jeden Tag einen Abschnitt; so wird die Barmherzigkeit des Vaters in euren Herzen Wohnung beziehen und ihr könnt sie denen überbringen, die euch begegnen. Am Ende, auf Seite 123, finden sich sieben leibliche und sieben geistliche Werke der Barmherzigkeit. Es wäre schön, wenn ihr sie auswendig lernen könntet, dies erleichtert das Tun! Ich lade euch ein, dieses Evangelium entgegenzunehmen, damit die Barmherzigkeit des Vaters durch euch wirke. Und ihr, ihr Freiwilligen, Großväter und Großmütter, die ihr das Evangelium verteilt, denkt an die Menschen in der Piazza Pius XII. – die offensichtlich nicht eintreten konnten – damit auch sie dieses Evangelium erhalten.

Euch allen wünsche ich einen schönen Sonntag. Bitte vergesst nicht, für mich zu beten. Gesegnete Mahlzeit und auf Wiedersehen!

[Übersetzt aus dem Italienischen von Sarah Fleissner]
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Quelle