„Die Religionsfreiheit ist der Weg für den Aufbau des Friedens“: Benedikt im Jahr 2011

Papst Benedikt XVI. im August 2010   Foto: CNA/L’Osservatore Romano

Heute sind seine Worte brennend aktuell – und geradezu prophetisch: Über den Terror in Ägypten und die Religionsfreiheit hat Papst Benedikt XVI. am 10. Januar 2011 einen bemerkenswerten Vortrag gehalten. Anlass war der Neujahrsempfang für den Diplomatischen Corps. 

Dabei sprach Benedikt im Angesicht des Terrors gegen Christen über das Menschenrecht auf Religionsfreiheit als „den grundlegenden Weg für den Aufbau des Friedens“. Der heutige Papst emeritus wörtlich weiter:

„Tatsächlich wird der Friede nur dann geschaffen und erhalten, wenn der Mensch Gott in seinem Herzen, in seinem Leben und in seinen Beziehungen zu den anderen in Freiheit suchen und ihm dienen kann.“

Nicht nur angesichts der Reise von Papst Franziskus nach Ägypten am heutigen 28. April lohnt sich ein genauer Blick auf diese Ansprache, die CNA im vollen Wortlaut dokumentiert, wie sie der Heilige Stuhl in deutscher Fassung zur Verfügung gestellt hat.

Neujahrsempfang für die Mitglieder des am Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps (10. Januar 2011) | BENEDIKT XVI.

Exzellenzen!
Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Freude heiße ich Sie zu dieser Begegnung hier willkommen, die Sie, verehrte Vertreter so zahlreicher Länder, alljährlich um den Nachfolger Petri versammelt. Dieser Begegnung kommt eine hohe Bedeutung zu, denn sie ist ein Bild und zugleich eine Veranschaulichung der Rolle der Kirche und des Heiligen Stuhls in der internationalen Gemeinschaft. An jeden von Ihnen richte ich herzliche Grüße und Glückwünsche, besonders an jene, die zum ersten Mal hier sind. Ich bin Ihnen dankbar für das Engagement und die Aufmerksamkeit, mit denen Sie in der Ausübung Ihrer anspruchsvollen Aufgaben meine Tätigkeiten, die der Römischen Kurie und so in gewisser Weise das Leben der katholischen Kirche überall in der Welt verfolgen. Ihr Doyen, Botschafter Alejandro Valladares Lanza, hat Ihre Empfindungen zur Sprache gebracht, und ich danke ihm für die guten Wünsche, die er im Namen aller übermittelt hat. Da ich weiß, wie sehr Ihre Gemeinschaft in sich geeint ist, bin ich sicher, daß in Ihren Gedanken heute die Botschafterin des Königreichs der Niederlande, Baronin van Lynden-Leijten, gegenwärtig ist, die vor einigen Wochen ins Haus des Ewigen Vaters heimgekehrt ist. Im Gebet schließe ich mich Ihren Gefühlen an.

Während nun ein neues Jahr beginnt, hallt in unseren Herzen und in der ganzen Welt noch das Echo der freudigen Botschaft nach, die vor zweitausend Jahren in der Nacht von Bethlehem erschallt ist, in jener Nacht, die die Situation der Menschheit in ihrem Bedürfnis nach Licht, Liebe und Frieden symbolisiert. Den Menschen von damals wie denen von heute haben die himmlischen Heerscharen die gute Nachricht von der Ankunft des Heilands gebracht: „Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf“ (Jes 9,1). Das Geheimnis des Sohnes Gottes, der zum Menschensohn wird, übersteigt gewiß alle menschliche Erwartung. An keinerlei Vorleistung gebunden, ist dieses Heilsgeschehen die authentische und erschöpfende Antwort auf das tiefste Sehnen des Herzens. Was jeder Mensch bewußt oder unbewußt sucht – die Wahrheit, das Gute, das Glück, das Leben in Fülle –, wird ihm von Gott geschenkt. Im Streben nach diesen Gaben ist jeder Mensch auf der Suche nach Gott, weil „nur Gott auf das Verlangen antwortet, das im Herzen eines jeden Menschen wohnt“ (Nachsynodales Apostolisches Schreiben Verbum Domini, Nr. 23). In ihrer gesamten Geschichte zeigt die Menschheit durch ihre Glaubensanschauungen und ihre Riten ein unablässiges Suchen nach Gott, und „diese Ausdrucksweisen … sind so allgemein vorhanden, daß man den Menschen als ein religiöses Wesen bezeichnen kann“ (Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 28). Die religiöse Dimension ist ein unleugbares und unbezwingliches Merkmal des menschlichen Seins und Handelns, sie ist der Maßstab für die Verwirklichung seiner Bestimmung und für den Aufbau der Gemeinschaft, der er angehört. Wenn der einzelne selbst oder seine Umgebung diesen fundamentalen Aspekt vernachlässigt oder leugnet, bilden sich folglich Unausgeglichenheiten und Konflikte auf allen Ebenen, sowohl im persönlichen als auch im zwischenmenschlichen Bereich.

In dieser ersten und fundamentalen Wahrheit liegt der Grund, warum ich in der diesjährigen Botschaft zum Weltfriedenstag die Religionsfreiheit als den grundlegenden Weg für den Aufbau des Friedens bezeichnet habe. Tatsächlich wird der Friede nur dann geschaffen und erhalten, wenn der Mensch Gott in seinem Herzen, in seinem Leben und in seinen Beziehungen zu den anderen in Freiheit suchen und ihm dienen kann.

Meine Damen und Herren Botschafter, Ihre Anwesenheit bei diesem festlichen Anlaß ist eine Einladung, den Blick über all die Länder schweifen zu lassen, die Sie vertreten, und über die ganze Welt. Gibt es in diesem Panorama nicht zahlreiche Situationen, in denen leider das Recht auf die Religionsfreiheit verletzt oder geleugnet wird? Dieses Recht des Menschen, das in Wirklichkeit das erste der Rechte ist, weil es – geschichtlich gesehen – als erstes bestätigt wurde, und das andererseits die grundlegende Dimension des Menschen angeht, nämlich sein Verhältnis zu seinem Schöpfer, wird es nicht allzu oft in Frage gestellt oder verletzt? Mir scheint, daß die Gesellschaft, ihre Verantwortlichen und die öffentliche Meinung sich heute mehr, wenn auch nicht immer in rechter Weise, dieser schweren Verwundung bewußt wird, die der Würde und der Freiheit des homo religiosus zugefügt wird und auf die ich immer wieder allgemein aufmerksam machen wollte.

Dies habe ich auf meinen Apostolischen Reisen im vergangenen Jahr nach Malta und Portugal, nach Zypern, in das Vereinigte Königreich und nach Spanien getan. Unabhängig vom unterschiedlichen Charakter dieser Länder erinnere ich mich voller Dankbarkeit an sie alle wegen des Empfangs, den sie mir bereitet haben. Die Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten, die im Monat Oktober im Vatikan stattfand, war ein Moment des Gebetes und der Besinnung, in dem die Gedanken nachdrücklich zu den christlichen Gemeinschaften dieser Weltregion gingen, die wegen ihrer Zugehörigkeit zu Christus und zur Kirche so viel durchmachen müssen.

Ja, im Blick auf den Orient haben uns die Attentate zutiefst betrübt, die unter den Christen des Irak Tod, Schmerz und Verzweiflung gesät haben und sie sogar veranlassen, das Land zu verlassen, wo ihre Väter jahrhundertelang gelebt haben. Ich wiederhole meinen besorgten Appell an die Verantwortungsträger dieses Landes und an die islamischen Religionsführer, sich dafür einzusetzen, daß ihre christlichen Mitbürger in Frieden leben und weiterhin ihren Beitrag zu der Gesellschaft leisten können, deren vollgültige Mitglieder sie sind. Auch in Ägypten, in Alexandrien, hat der Terrorismus Gläubige beim Gebet in einer Kirche brutal getroffen. Diese Folge von Angriffen ist ein weiteres Zeichen für die dringende Notwendigkeit, daß die Regierungen der Region trotz der Schwierigkeiten und der Drohungen wirksame Maßnahmen zum Schutz der religiösen Minderheiten ergreifen. Muß es noch einmal gesagt werden? „Die Christen“ im Nahen Osten „sind ursprüngliche und vollwertige Bürger, die loyal zu ihrer Heimat und zu allen ihren staatsbürgerlichen Pflichten stehen. Es versteht sich von selbst, daß sie alle Rechte der Staatsbürgerschaft, der Gewissens- und Religionsfreiheit, der Freiheit im Erziehungs- und Bildungswesen sowie beim Gebrauch der sozialen Kommunikationsmittel in Anspruch nehmen können“ (Botschaft der Sonderversammlung der Bischofssynode für den Nahen Osten an das Volk Gottes, Nr. 10). In dieser Hinsicht schätze ich die Aufmerksamkeit für die Rechte der Schwächsten und den politischen Weitblick, den manche Länder Europas in den letzten Tagen bewiesen haben, indem sie eine konzertierte Antwort der Europäischen Union zum Schutz der Christen im Nahen Osten forderten. Ich möchte schließlich daran erinnern, daß das Recht auf Religionsfreiheit dort keine volle Anwendung findet, wo nur die Kultusfreiheit, noch dazu mit Einschränkungen, gewährleistet wird. Ferner lade ich ein, die umfassende Wahrung der Religionsfreiheit und der anderen Menschenrechte durch Programme zu begleiten, die von der Grundschule an und im Rahmen des Religionsunterrichts zum Respekt gegenüber allen Brüdern und Schwestern in der Menschheit erziehen. Was die Länder auf der Arabischen Halbinsel betrifft, wo zahlreiche zugewanderte christliche Arbeiter leben, wünsche ich, daß die katholische Kirche über geeignete pastorale Strukturen verfügen kann.

Unter den Normen, die das Recht der Menschen auf Religionsfreiheit verletzen, muß das Gesetz gegen Blasphemie in Pakistan besondere Erwähnung finden: Ich ermutige die Verantwortungsträger dieses Landes erneut, die nötigen Anstrengungen zu unternehmen, es aufzuheben, um so mehr, da es offensichtlich als Vorwand dient, um Ungerechtigkeit und Gewalt gegen die religiösen Minderheiten zu provozieren. Der tragische Mord am Gouverneur der Provinz Punjab zeigt, wie dringend es ist, in diesem Sinn voranzugehen: Die Verehrung Gott gegenüber fördert Brüderlichkeit und Liebe, nicht Haß und Entzweiung. Andere besorgniserregende Situationen mit gelegentlichen Gewaltakten können im Süden und Südosten des asiatischen Kontinents erwähnt werden, in Ländern, die übrigens eine Tradition friedlicher gesellschaftlicher Beziehungen haben. Das besondere Gewicht einer bestimmten Religion in einer Nation dürfte niemals zur Folge haben, daß die Bürger, die einem anderen Bekenntnis angehören, im gesellschaftlichen Leben diskriminiert werden oder, noch schlimmer, daß Gewalt gegen sie geduldet wird. In dieser Hinsicht ist es wichtig, daß der interreligiöse Dialog einen allgemeinen Einsatz unterstützt, die Religionsfreiheit aller Menschen und aller Gemeinschaften anzuerkennen und zu fördern. Schließlich verschont, wie ich schon gesagt habe, die Gewalt gegen Christen auch Afrika nicht. Die Angriffe gegen Kultstätten in Nigeria, gerade als die Geburt Christi gefeiert wurde, sind ein weiteres trauriges Zeugnis dafür.

In verschiedenen Ländern hingegen erkennt die Verfassung eine gewisse Religionsfreiheit an, de facto aber wird das Leben der Religionsgemeinschaften erschwert und manchmal sogar gefährdet (vgl. Zweites Vatikanisches Konzil, Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 15), weil die rechtliche oder gesellschaftliche Ordnung sich an philosophischen und politischen Systemen orientiert, die eine strikte Kontrolle – um nicht zu sagen ein Monopol – des Staates über die Gesellschaft fordern. Solche Zweideutigkeiten müssen aufhören, damit die Gläubigen sich nicht zwischen der Treue zu Gott und der Loyalität gegenüber ihrem Heimatland hin- und hergerissen sehen. Ich fordere im besonderen, daß in Übereinstimmung mit den internationalen Normen und Standards auf diesem Gebiet den katholischen Gemeinschaften überall die volle Selbstbestimmung und die Freiheit, ihre Sendung zu erfüllen, garantiert wird.

In diesem Moment gehen meine Gedanken erneut an die Katholiken in Kontinental-China und an ihre Hirten, die eine Zeit von Schwierigkeiten und Prüfungen durchleben. Ich möchte auch ein Wort der Ermutigung an die Verantwortungsträger in Kuba richten – ein Land, das 2010 fünfundsechzig Jahre ununterbrochene diplomatische Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl gefeiert hat –, daß der mit der katholischen Kirche glücklicherweise begonnene Dialog weiter verstärkt und ausgeweitet wird.

Wenn wir unseren Blick vom Osten auf den Westen lenken, finden wir uns anderen Arten der Bedrohung der vollen Ausübung der Religionsfreiheit gegenüber. Ich denke an erster Stelle an die Länder, in denen dem Pluralismus und der Toleranz große Bedeutung zugemessen wird, wo aber die Religion eine zunehmende Ausgrenzung erleidet. Man neigt dazu, die Religion, jede Religion, als einen unbedeutenden Faktor anzusehen, welcher der modernen Gesellschaft fremd ist oder sie gar destabilisiert, und man sucht mit verschiedenen Mitteln allen Einfluß auf das gesellschaftliche Leben zu verhindern. Man geht so weit zu verlangen, daß die Christen bei der Ausübung ihres Berufs ohne Bezug auf ihre religiöse und moralische Überzeugung, ja sogar im Gegensatz zu ihnen handeln, wie zum Beispiel dort, wo Gesetze in Kraft sind, die das Recht der Weigerung aus Gewissensgründen für Fachkräfte im Gesundheitswesen oder für gewisse im Rechtsbereich Tätige einschränken.

In diesem Zusammenhang kann man sich nur darüber freuen, daß im vergangenen Oktober der Europarat eine Resolution angenommen hat, die das Recht der im medizinischen Bereich Tätigen auf Weigerung aus Gewissensgründen in bezug auf gewisse Handlungen, die – wie die Abtreibung – das Recht auf Leben schwer verletzen, schützt.

Ein anderer Ausdruck der Ausgrenzung der Religion, des Christentums im besonderen, besteht in der Verbannung religiöser Feste und Symbole aus dem öffentlichen Leben im Namen der Achtung derer, die anderen Religionen angehören oder die nicht glauben. Durch ein solches Handeln wird nicht nur das Recht der Gläubigen eingeschränkt, öffentlich ihren Glauben zu bekunden, sondern man schneidet auch die kulturellen Wurzeln ab, die die tiefste Identität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zahlreicher Nationen nähren. Im vergangenen Jahr haben sich einige europäische Länder dem Rekurs der italienischen Regierung gegen die bekannte Causa hinsichtlich der Anbringung des Kruzifixes an öffentlichen Orten angeschlossen. Ich möchte den Verantwortungsträgern dieser Nationen meinen Dank zum Ausdruck bringen, ebenso allen, die sich in diesem Sinne eingesetzt haben, den Bischöfen, Organisationen und den zivilen oder religiösen Vereinigungen, insbesondere dem Patriarchat von Moskau und den anderen Vertretern der Hierarchie der Orthodoxie, und ebenso allen Menschen – gläubig oder auch nicht gläubig –, die ihre Anhänglichkeit an dieses Symbol voll universaler Werte zeigen wollten.

Die Religionsfreiheit anzuerkennen bedeutet außerdem zu gewährleisten, daß die Religionsgemeinschaften in der Gesellschaft mit Initiativen im Sozial-, Wohltätigkeits- oder Bildungswesen frei wirken können. Überall in der Welt kann man im übrigen feststellen, wie fruchtbar die Werke der katholischen Kirche in diesen Bereichen sind. Es ist besorgniserregend, daß der Dienst, den die religiösen Gemeinschaften der ganzen Gesellschaft, insbesondere für die Erziehung der jungen Generationen, erweisen, durch Gesetzespläne gefährdet oder behindert wird, die eine Art staatliches Monopol in Schulangelegenheiten zu schaffen drohen, wie zum Beispiel in manchen Ländern Lateinamerikas festzustellen ist. Da die meisten von ihnen den zweihundertsten Jahrestag ihrer Unabhängigkeit feiern, was eine gute Gelegenheit darstellt, an den Beitrag der katholischen Kirche zur Formung ihrer nationalen Identität zu erinnern, lade ich alle Regierungen ein, Bildungssysteme zu fördern, die das Urrecht der Familien achten, über die Erziehung ihrer Kinder zu entscheiden, und die sich an dem für die Organisation einer gerechten Gesellschaft grundlegenden Prinzip der Subsidiarität orientieren.

In Weiterführung meiner Überlegungen kann ich einen anderen Angriff auf die religiöse Freiheit der Familien in einigen europäischen Ländern nicht schweigend übergehen, wo die Teilnahme an Kursen der Sexualerziehung oder Bürgerkunde verpflichtend auferlegt wird, bei denen ein angeblich neutrales Bild des Menschen und des Lebens vermittelt wird, das aber in Wirklichkeit eine dem Glauben und der rechten Vernunft gegensätzliche Anthropologie widerspiegelt.

Meine Damen und Herren Botschafter, gestatten Sie, daß ich bei diesem feierlichen Anlaß einige Prinzipien darlege, an denen sich der Heilige Stuhl mit der ganzen katholischen Kirche bei seinen Tätigkeiten im Rahmen der zwischenstaatlichen internationalen Organisationen inspiriert, um die volle Achtung der Religionsfreiheit für alle zu fördern. Zunächst gibt es die Überzeugung, daß man eine Art Skala des Ausmaßes von Intoleranz zwischen den Religionen erstellen könne. Leider kommt eine solche Haltung häufig vor, und es sind eben Akte von Diskriminierungen gegenüber Christen, die als weniger schwerwiegend angesehen und seitens der Regierungen und der öffentlichen Meinung weniger der Aufmerksamkeit wert erachtet werden. Gleichzeitig muß auch der gefährliche Kontrast zurückgewiesen werden, den manche zwischen dem Recht auf Religionsfreiheit und den anderen Menschenrechten herstellen wollen, so daß sie die zentrale Rolle der Achtung der Religionsfreiheit bei der Verteidigung und beim Schutz der hohen Würde des Menschen vergessen oder leugnen. Ebensowenig gerechtfertigt sind die Versuche, dem Recht auf Religionsfreiheit sogenannte neue Rechte entgegenzusetzen, die von gewissen Kreisen der Gesellschaft gefördert werden und in die nationalen Gesetzgebungen oder in die internationalen Direktiven Eingang finden, die aber in Wirklichkeit nichts anderes als der Ausdruck egoistischer Wünsche sind und in der echten menschlichen Natur ihrer Grundlage entbehren. Schließlich muß festgestellt werden, daß eine rein abstrakte Proklamierung der Religionsfreiheit nicht ausreicht: Diese Grundnorm des gesellschaftlichen Lebens muß auf allen Ebenen und in allen Bereichen angewandt und respektiert werden; andernfalls läuft man trotz ihrer grundsätzlichen Bejahung Gefahr, gegenüber den Bürgern, die ihren Glauben frei bekennen und ausüben wollen, große Ungerechtigkeiten zu begehen.

Die Förderung einer vollen Religionsfreiheit der katholischen Gemeinschaften ist auch das Ziel, das der Heilige Stuhl beim Abschluß von Konkordaten oder anderen Verträgen verfolgt. Ich freue mich, daß Staaten in den verschiedenen Regionen der Erde und von verschiedenen Religions- Kultur- und Rechtstraditionen den Weg internationaler Abkommen wählen, um die Beziehungen zwischen der politischen Gemeinschaft und der katholischen Kirche zu organisieren. Dabei legen sie im Dialog den Rahmen einer Zusammenarbeit, die die gegenseitigen Kompetenzen achtet, fest. Im vergangenen Jahr wurde ein Abkommen bezüglich der Seelsorge für die katholischen Gläubigen in den Streitkräften Bosnien-Herzegowinas geschlossen und in Kraft gesetzt, und gegenwärtig sind Verhandlungen mit verschiedenen Ländern im Gange. Wir hoffen auf einen positiven Ausgang, der Lösungen garantiert, die die Natur und Freiheit der Kirche zum Wohl der ganzen Gesellschaft respektieren.

Die Tätigkeit der Vertreter des Papstes bei den Staaten und den internationalen Organisationen steht ebenso im Dienst der Religionsfreiheit. Mit Zufriedenheit möchte ich hervorheben, daß die Verantwortungsträger des Vietnam zugestimmt haben, daß ich einen Repräsentanten ernenne, der durch seine Besuche der geliebten katholischen Gemeinschaft dieses Landes die Fürsorge des Nachfolgers Petri zum Ausdruck bringen wird. Desgleichen möchte ich daran erinnern, daß im letzten Jahr das diplomatische Netz des Heiligen Stuhls in Afrika weiter ausgebaut wurde; in drei Ländern, wo der Nuntius nicht residiert, wurde nun eine stabile Präsenz gesichert. So Gott will, werde ich nochmals auf diesen Kontinent zurückkehren, nämlich im kommenden November nach Benin, um das Apostolische Schreiben zu übergeben, das die Frucht der Arbeiten der zweiten Sonderversammlung der Bischofssynode für Afrika zusammenfassen wird.

Vor diesem geschätzten Auditorium möchte ich schließlich nochmals nachdrücklich sagen, daß die Religion kein Problem für die Gesellschaft darstellt, daß sie kein Unruhe- oder Konfliktfaktor ist. Ich möchte wiederholen, daß die Kirche weder Privilegien sucht, noch sich in ihrer Mission in fremde Bereiche einmischen, sondern einfach ihre Sendung in Freiheit ausüben will. Einen jeden lade ich ein, die große Lehre der Geschichte anzuerkennen: „Wie könnte man den Beitrag der großen Weltreligionen zur Entwicklung der Zivilisation leugnen? Die aufrichtige Suche nach Gott hat zu einer vermehrten Achtung der Menschenwürde geführt. Die christlichen Gemeinschaften haben mit ihrem Erbe an Werten und Grundsätzen erheblich dazu beigetragen, daß Menschen und Völker sich ihrer eigenen Identität und ihrer Würde bewußt wurden, und ebenso sind sie an der Errungenschaft demokratischer Einrichtungen sowie an der Festschreibung der Menschenrechte und der entsprechenden Pflichten beteiligt. Auch heute, in einer zunehmend globalisierten Gesellschaft, sind die Christen berufen, nicht allein mit einem verantwortlichen zivilen, wirtschaftlichen und politischen Engagement, sondern auch mit dem Zeugnis der eigenen Nächstenliebe und des persönlichen Glaubens einen wertvollen Beitrag zu leisten zum mühsamen und erhebenden Einsatz für die Gerechtigkeit, für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und für die rechte Ordnung der menschlichen Angelegenheiten“ (Botschaft zum Weltfriedenstag 2011, Nr. 7).

Ein Sinnbild ist in dieser Hinsicht die Gestalt der seligen Mutter Teresa von Kalkutta: Der hundertste Jahrestag ihrer Geburt wurde in Tirana, Skopje und Priština sowie in Indien gefeiert. Nicht nur seitens der Kirche, sondern auch seitens der zivilen Verantwortungsträger und religiösen Führer, ohne die Menschen aller Glaubensrichtungen zu zählen, wurde ihr überschwengliche Ehre erwiesen. Beispiele wie ihres zeigen der Welt, wie das Engagement aus dem Glauben der ganzen Gesellschaft zugute kommt.

Keine menschliche Gesellschaft beraube sich freiwillig des grundlegenden Beitrags, den die Gläubigen und die Religionsgemeinschaften darstellen! Wie das Zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung gerufen hat, bedeutet die rechte religiöse Freiheit voll und für alle zu gewährleisten, daß „der Gesellschaft selber die Werte der Gerechtigkeit und des Friedens zugute kommen, die aus der Treue der Menschen gegenüber Gott und seinem heiligen Willen hervorgehen“ (Erklärung Dignitatis humanae, Nr. 6).

Mit unserem Wunsch, daß dieses neue Jahr an Eintracht und wirklichem Fortschritt reich sein möge, ermutige ich daher alle, die Verantwortlichen in der Politik, die Religionsführer und die Menschen jeden Ranges, entschlossen den Weg zu einem echten und dauerhaften Frieden einzuschlagen, der über die Achtung des Rechts auf Religionsfreiheit in allen ihren Bereichen führt.

Damit dieser Einsatz in die Tat umgesetzt wird, ist es notwendig, daß die ganze Menschheitsfamilie sich darin einbringt. Für diesen Einsatz erbitte ich den Segen des allmächtigen Gottes, der unsere Versöhnung mit ihm und untereinander gewirkt hat durch seinen Sohn Jesus Christus, der unser Friede ist (vgl. Eph 2,14).

Ihnen allen wünsche ich ein gutes neues Jahr!

 

VATIKANSTADT , 28 April, 2017 / 12:06 AM (CNA Deutsch).-

Homilie von Bischof Vitus Huonder am Ostersonntag 2017

Brüder und Schwestern im Herrn,

wir können dieses Osterfest nicht ohne tiefen Schmerz über die Verfolgung vieler unserer christlichen Brüder und Schwestern in verschiedenen Ländern und Gegenden der Welt begehen. Ihnen möchte ich diese Besinnung und mein Gebet widmen.

Am 28. Oktober 1965 verkündete das Zweite Vatikanische Konzil feierlich die Erklärung Nostra Aetate. Sie betrifft das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen. Da lesen wir: „In unserer Zeit, da sich das Menschengeschlecht von Tag zu Tag enger zusammenschließt und die Beziehungen unter den verschiedenen Völkern sich mehren, erwägt die Kirche mit um so größerer Aufmerksamkeit, in welchem Verhältnis sie zu den nichtchristlichen Religionen steht“ (1). Dies ist der Beginn der Erklärung. Von daher kommt die Bezeichnung des Dokuments Nostra Aetate – „In unserer Zeit“.

Das Schreiben Nostra Aetate erhielt beim Schlussvotum die meisten Gegenstimmen aller Dokumente. Es waren 2221 Ja-Stimmen zu 88 Nein-Stimmen bei einer ungültigen Einlage. Das fällt umso mehr auf, als die Konzilsväter, trotz der Zerrissenheit in zwei Parteien, die Konzilsdokumente möglichst einstimmig zu verabschieden suchten. Dies geschah vor allem aus Respekt gegenüber dem Papst und zur Wahrung der Einheit der Kirche. Auf diesem Hintergrund betrachtet, fallen 88 Nein-Stimmen ins Gewicht.

Nostra Aetate geht kurz auf die verschiedenen Religionen ein. Es nennt ausdrücklich den Hinduismus (2), den Buddhismus (2), die Muslim (3) und das jüdische Volk (4), in eben dieser Reihenfolge. Die positive Haltung der Kirche zu den Religionen kommt in der Aussage zum Ausdruck: „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heiligt ist“ (2). Das ist wohl eine der stärksten, aber auch umstrittensten Aussagen dieses Dokuments.

Nun, wie beurteilen wir das Dokument heute? Es ist ein sehr optimistisches Schreiben. Es weckte große Hoffnungen in den interreligiösen Dialog. Es führte aber auch zu einer gewissen religiösen Gleichgültigkeit dem christlichen Heilsgeheimnis und der göttlichen Offenbarung gegenüber. Es rief unter Christen Spaltungen und Auseinandersetzungen hervor. Es wurde von vielen sogar als Verrat am christlichen Glauben betrachtet. Heute, nach den vielen Gewalttaten an Christen, setzt dem Dialog gegenüber Nüchternheit ein. Ist Dialog überhaupt möglich? Wie kommt es für unsere christlichen Brüder und Schwestern in vielen Teilen der Welt trotz Dialog, trotz Nostra Aetate, zu diesem schrecklichen Leiden?

Anderseits hat Nostra Aetate auch versucht, das christliche Proprium in Erinnerung zu rufen. Deshalb darf man die Erklärung nicht als Verrat am christlichen Glauben bezeichnen. Es ist freundlich. Es ist friedfertig. Es ist offen. Es ist gutgläubig, wohlwollend, „spricht von Religion nur positiv und lässt dabei die kranken und gestörten Formen von Religion beiseite, die geschichtlich und theologisch von grosser Tragweite sind“, wie Papst Benedikt XVI., dessen 90. Geburtstag wir heute feiern, einmal gesagt hat (Gesammelte Schriften, 7/1, S. 8). Aber man muss auch anerkennen: Nostra Aetate ruft die Sendung der Kirche klar in Erinnerung. Viele Väter trugen sich vielleicht mit dem Gedanken, Nostra Aetate könnte für den Auftrag der Kirche Verständnis wecken und ihrem Wirken den Weg öffnen. Rückt es doch deutlich die Bedeutung unseres Herrn für das Heil jedes Menschen ins Licht. „Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist […] Unablässig aber verkündet sie und muss sie verkündigen Christus, der ist ‘der Weg, die Wahrheit und das Leben’ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden, in dem Gott alles mit sich versöhnt hat“ (2). Das ist eine zentrale Aussage von Nostra Aetate, ähnlich wie die Worte aus der Apostelgeschichte der heutigen Lesung: „Von ihm (Jesus) bezeugen die Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt“ (Apg 10,43). Eben das Osterfest, welches uns zur Mitte unseres Glaubens führt, zum auferstandenen Herrn, gibt uns von neuem die Gelegenheit, uns über die Verkündigung dieses Glaubens Rechenschaft zu geben, vor allem da wir nach Jahren der Erfahrung feststellen müssen, dass der interreligiöse Dialog nicht das gebracht hat, was man erwartete, vor allem nicht die Bereitschaft zum Hören, nicht Ruhe, nicht Frieden. Aufs ganze gesehen ist die Lebensgefahr für Christen heute größer denn je.

Das Osterevangelium schließt mit den Worten: „Er sah und glaubte“ (Joh 20,8). Wir müssen es von neuem lernen, nämlich zu sehen und zu glauben – und den Glauben zu verkünden. Wir müssen es von neuem lernen, die Einzigartigkeit unseres Glaubens, der im auferstandenen Herrn das zentrale Glaubensgeheimnis birgt, zu erkennen und davon nicht abzuweichen. Amen.

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Quelle

Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

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ERÖFFNUNG EINES KURSES FÜR DIPLOMATEN
AUS ISLAMISCHEN LÄNDERN AN DER
PÄPSTLICHEN UNIVERSITÄT GREGORIANA

ANSPRACHE VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Montag, 7. Mai 2007

Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Hochwürdige Patres,
verehrte Autoritäten,
meine Damen und Herren!

Ich möchte die Organisatoren und die Teilnehmer an dem Kurs »Die katholische Kirche und die internationale Politik des Heiligen Stuhls« für Diplomaten aus den Ländern des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens ehrerbietig begrüßen. Besonders danke ich dem Hw. Pater Franco Imoda, Präsident der Stiftung »La Gregoriana«, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kurses, und Professor Roberto Papini, Generalsekretär des internationalen Instituts »Jacques Maritain«, als ausführendem Direktor des Kurses. Meine Anerkennung gilt auch dem Hw. P. Gianfranco Ghirlanda, Rector Magnificus der Päpstlichen Universität Gregoriana, die uns Gastfreundschaft gewährt. Schließlich richte ich an Sie alle einen herzlichen und freundschaftlichen Gruß. Diese Initiative, an der angesehene Institutionen mitwirken, erscheint in der aktuellen geschichtlichen Situation notwendiger denn je, um qualifizierte Vertreter der muslimischen Welt in angemessener Weise mit dem Denken und der Tätigkeit der katholischen Kirche bekannt zu machen. Das gegenseitige Kennenlernen ist in der Tat der erste und notwendige Schritt, um eine harmonische Entwicklung des Dialogs und eine dauerhafte und gewinnbringende Zusammenarbeit sicherzustellen.

Das mir vorgeschlagene Thema – »Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden« – ist anregend und aktueller denn je bei der Suche nach dem Dialog zwischen den Religionen sowie für die Zukunftsperspektiven der Welt. Darum bewahrt der Heilige Stuhl ständiges und aufrichtiges Interesse am Dialog.

Das hat der Heilige Vater Benedikt XVI. bei der Begegnung mit den Vertretern einiger muslimischer Gemeinden am 20. August 2005 in Köln klar ausgesprochen: »Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.« Hier sehen wir den religiösen Dialog im Dienst des Friedens. Die Suche nach Frieden liegt bekanntlich dem Heiligen Stuhl sehr am Herzen. Ich werde mich darauf beschränken, einige ausdrückliche Bezugnahmen auf dieses Thema anzuführen, welche in den Botschaften enthalten sind, die der Papst seit über dreißig Jahren anläßlich des Weltfriedenstages an die Staatsoberhäupter, an die Katholiken und an die Menschen guten Willens sendet.

1. Der Dialog für den Frieden, eine Herausforderung für unsere Zeit

Das Thema der Botschaft zum Weltfriedenstag 1983 lautete: »Der Dialog für den Frieden: eine Herausforderung für unsere Zeit.« Darin sagte der verehrte Papst Johannes Paul II., er sei zutiefst davon überzeugt, daß der Dialog – ein echter Dialog – eine wesentliche Bedingung für den Frieden ist, und bemerkte: »Ja, dieser Dialog ist notwendig, nicht nur opportun; er ist schwierig, aber möglich, trotz der Hindernisse, die wir, realistisch gesehen, dabei beachten müssen. Er stellt deshalb eine echte Herausforderung dar, die ich euch bitte, anzunehmen« (Insegnamenti Giovanni Paolo II, 1982/III, S. 1542). Und er fügte hinzu: ein echter Dialog geht aus »von der Suche nach dem Wahren, dem Guten und dem Gerechten für jeden Menschen, für jede Gruppe und jede Gesellschaft« (ebd., S. 1545). Der Dialog verlangt daher eine wirkliche Öffnung und gegenseitige Annahme in Respekt und Verständnis für die Verschiedenheit und die Besonderheit des anderen. Zugleich ist der Dialog Suche nach dem, was den Menschen gemeinsam ist und ihnen, auch inmitten von Spannungen, Widerständen und Konflikten, gemeinsam bleibt. Alles in allem ist der wahre Dialog die Suche nach dem Guten mit friedlichen Mitteln; er ist eine Anerkennung der unveräußerlichen Würde der Menschen und stützt sich auf die Achtung vor dem menschlichen Leben.

2. Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens

Im Jahr 2001 hatte die Botschaft zum Weltfriedenstag als Thema »Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens.« In einer Analyse über den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Traditionen der Völker zeigte der Heilige Vater im Dialog den notwendigen Weg für den Aufbau einer versöhnten Welt auf, die fähig ist, mit Gelassenheit in ihre Zukunft zu blicken. Die Kultur – schrieb er – ist die qualifizierte Äußerung des Menschen und seiner Geschichte. Menschsein bedeutet notwendigerweise Leben in einer bestimmten Kultur. Wenn es daher einerseits darauf ankommt, daß man die Werte der eigenen Kultur zu schätzen weiß, so ist andererseits das Bewußtsein erforderlich, daß jede Kultur, da sie ein typisch menschliches und geschichtlich bedingtes Produkt ist, notwendigerweise auch Grenzen einschließt. Ein wirksames Mittel dagegen, daß das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl zur Abschottung wird, ist das unparteiliche, nicht von negativen Vorurteilen bestimmte Kennenlernen der anderen Kulturen (vgl. Nr. 7) (Insegnamenti Giov. Paolo II, 2000/II, S. 1066–1067). Wir können somit sagen – wie kürzlich von Seiner Exzellenz Francesco Follo bei der 176. Sitzung des Exekutivrates der UNESCO betont wurde –, daß die verschiedenen Kulturen, auch wenn sie von unterschiedlichen Interpretationen der Wirklichkeit geprägt sind, in der Grunderfahrung der menschlichen Situation, wo es um Fragen über Geburt und Tod, über Arbeit, Krankheit, soziale Ungerechtigkeit, die Erhaltung unseres Planeten geht, tief miteinander verbunden sind.

Unter diesem Aspekt erweist sich der Dialog zwischen den Kulturen als ein inneres Erfordernis der Natur des Menschen und der Kultur; er trägt dazu bei, den Reichtum der Unterschiedlichkeit anzuerkennen, indem er die Herzen zur gegenseitigen Annahme bereit macht, im Ausblick auf eine echte Zusammenarbeit, wie sie der ursprünglichen Berufung der ganzen Menschheitsfamilie zur Einheit entspricht. Der Dialog als solcher ist ein hervorragendes Werkzeug, um die Zivilisation der Liebe und des Friedens zu verwirklichen, die Papst Paul VI. als das Ideal bezeichnete, von dem sich das kulturelle, soziale, politische und wirtschaftliche Leben unserer Zeit inspirieren lassen sollte.

Angesichts der wachsenden Ungleichheiten in der Welt ist der erste gemeinsame Wert, dessen Bewußtmachung stärker gefördert werden muß, sicher die Solidarität. Aber im Mittelpunkt einer authentischen Kultur der Solidarität steht die Förderung der Gerechtigkeit, die eng mit dem Wert des Friedens verbunden ist, dem Hauptziel jeder Gesellschaft und gemeinsamen Gut für ein wirkliches nationales und internationales Zusammenleben. Außerdem ist zu betonen, daß ein echter Dialog zwischen den Kulturen auch eine lebendige Sensibilität für den Wert des Lebens nähren muß, das niemals als willkürlich verfügbares Objekt betrachtet werden darf, sondern als die heiligste und unantastbare Wirklichkeit. Wenn der Schutz eines so grundlegenden Gutes vernachlässigt wird, kann es keinen Frieden geben; man kann nicht zum Frieden aufrufen und das Leben mißachten.

3. Die Gläubigen vereint im Aufbau des Friedens: Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Was die Rolle der Religion und des interreligiösen Dialogs zugunsten des Friedens betrifft, scheint mir die Botschaft zum Weltfriedenstag 1992 von großem Interesse. In ihr hebt Johannes Paul II. mehrmals die Aufgabe der Gläubigen hervor, die »ja auf Grund ihres Glaubens – als einzelne und alle zusammen – dazu berufen sind, Boten und Baumeister des Friedens zu sein« (Insegnamenti G.P. II, 1991/II, S. 1332). Das ist nicht die Aufgabe einer Elite, einer »Nische«, wie man heute sagt, sondern »sie betrifft jeden Menschen guten Willens« (ebd.), auch wenn diese »Verpflichtung allen dringend auferlegt ist, die sich zum Glauben an Gott bekennen« (ebd.).

In den heiligen Büchern der verschiedenen Religionen nimmt der Bezug zum Frieden im Rahmen des Lebens des Menschen und seiner Beziehung zu Gott einen wichtigen Platz ein. In diesem Zusammenhang bemerkt Papst Wojtyla: »Religiöses Leben muß, wenn es authentisch gelebt wird, Früchte des Friedens und der Brüderlichkeit hervorbringen« (ebd., Nr. 2, S. 1333).

Man versteht also leicht die Bedeutung des Gebets für den Frieden als Faktor der Begegnung und Einheit, »wo Ungleichheiten, Unverständnis, Groll und Feindseligkeiten überwunden werden, nämlich vor Gott, dem Herrn und Vater aller« (ebd., Nr. 4, S. 1335). Zur Friedensförderung müssen zusammen mit dem Gebet die interreligiösen Kontakte und der ökumenische Dialog in Gang gebracht werden. »Dank diesen Formen der Gegenüberstellung und des Austausches« – schreibt Johannes Paul II. – »konnten sich die Religionen ihrer gewiß nicht leichten Verantwortung hinsichtlich des wahren Wohles der ganzen Menschheit klarer bewußt werden … Ein solches Vorgehen der Gläubigen kann entscheidend sein für die Befriedung der Völker und die Überwindung der immer noch bestehenden Spaltungen zwischen ›Zonen‹ und ›Welten‹« (ebd., Nr. 5, S. 1335–1336). Und er schließt: »Die interreligiösen Kontakte scheinen neben dem ökumenischen Dialog nunmehr die vorgeschriebenen Wege zu sein, damit so viele schmerzliche Verletzungen, die im Laufe der Jahrhunderte geschehen sind, nicht mehr vorkommen und die noch vorhandenen schnell geheilt werden« (ebd., Nr. 6, S. 1336).

4. Das interreligiöse Gebetstreffen von Assisi

Als historisches Ereignis, als Meilenstein im interreligiösen Dialog im Dienst des Friedens hat sich das Treffen vom 27. Oktober 1986 in Assisi erwiesen. Im Abstand von zwanzig Jahren hat Papst Benedikt XVI. am 2. September 2006 in einem Schreiben zur Erinnerung an jenes Ereignis ausgeführt, daß die Einladung an die Führer der Weltreligionen zu einem vielstimmigen Zeugnis für den Frieden damals dazu diente, unmißverständlich klarzustellen, daß die Religion nichts anderes sein könne als Verkünderin des Friedens. Das ist eine Auffassung, die in der Erklärung Nostra aetate des II. Vatikanischen Konzils über die Beziehungen der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen nachdrücklich unterstrichen wird, wo es in Nr. 5 heißt: »Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«. Und der Papst fährt fort: »Trotz der Unterschiede, die die verschiedenen religiösen Wege kennzeichnen, muß die Erkenntnis der Existenz Gottes, zu der die Menschen auch dann gelangen können, wenn sie von der Erfahrung der Schöpfung ausgehen (vgl. Röm 1,20), die Gläubigen veranlassen, die anderen Menschen als Brüder zu betrachten. Niemand darf also religiöse Unterschiede als Voraussetzung oder Vorwand für eine feindselige Haltung anderen Menschen gegenüber nehmen«. Und die Religionskriege? »Derartige Gewaltakte« – signalisiert Benedikt XVI. – »sind nicht der Religion als solcher zuzuschreiben, sondern vielmehr der kulturellen Begrenzung, mit der sie gelebt wird und sich im Laufe der Zeit entwickelt.«

Aber kommen wir für einen Augenblick auf Assisi, auf jenen 27. Oktober 1986 zurück, als der Diener Gottes Johannes Paul II. den Wert des Gebets bei der Friedensstiftung betonte, weil »der Friede zuallererst in den Herzen entstehen muß. Das Herz des Menschen ist der Ort des Eingreifens Gottes«. In einem Klima großen Interesses bat er alle um ein glaubwürdiges Gebet, das begleitet sein soll von Fasten und Ausdruck findet in der Wallfahrt, dem Symbol des Weges zur Begegnung mit Gott, und er erklärte, daß »das Gebet unsererseits die Umkehr des Herzens einschließt« (Insegnamenti G.P. II, 1986/II, S. 1253).

Um kein Mißverständnis über den Sinn dessen aufkommen zu lassen, was man bei diesem Treffen realisieren wollte, um das richtig zu verstehen, was man den »Geist von Assisi« zu nennen pflegt, ist es wichtig, nicht zu vergessen, wie sehr man darauf bedacht war, daß jenes interreligiöse Gebetstreffen keinen Anlaß zu synkretistischen Interpretationen auf relativistischer Grundlage gäbe. Um diesem Risiko vorzubeugen, erklärte Johannes Paul II. gleich zu Beginn: »Die Tatsache, daß wir hierhergekommen sind, beinhaltet nicht die Absicht, unter uns selbst einen religiösen Konsens zu suchen oder über unsere religiösen Überzeugungen zu verhandeln. Es bedeutet weder, daß die Religionen auf der Ebene einer gemeinsamen Verpflichtung gegenüber einem irdischen Projekt, das sie alle übersteigen würde, miteinander versöhnt werden könnten. Noch ist es eine Konzession an einen Relativismus in religiösen Glaubensfragen« (ebd., S. 1252).

5. Die Absage an den Terrorismus

Der aufrichtige Dialog zwischen den Religionen muß eine klare Absage an die Gewalt und an jede Art von Terrorismus enthalten. Nach den Geschehnissen vom 11. September 2001 hat Johannes Paul II. am 24. Januar 2002 noch einmal die Religionsführer nach Assisi zum Gebet für den Frieden zusammengerufen. Bei jener Gelegenheit sagte er klar und deutlich: »Darum ist es Pflicht, daß die Personen und religiösen Gemeinschaften der Gewalt, jeder Form von Gewalt, eine ganz klare und radikale Absage erteilen, angefangen von der Gewalt, die den Anspruch erhebt, sich als Religiosität zu bemänteln, indem sie sogar den heiligen Namen Gottes anruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist letztlich eine Beleidigung Gottes. Niemals kann eine religiöse Zielsetzung die Gewaltanwendung des Menschen gegen den Menschen rechtfertigen« (Insegnamenti G.P. II, 2002/I, S. 1011). Und in der Botschaft zum Weltfriedenstag jenes Jahres 2002 hatte er als Thema gewählt: »Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung«. In der Botschaft zu diesem jährlichen Anlaß verkündete er mit Nachdruck: »Der Terrorismus basiert auf der Verachtung des Lebens des Menschen. Deshalb bildet er nicht allein den Grund für unerträgliche Verbrechen, sondern stellt selbst ein wirkliches Verbrechen gegen die Menschheit dar, insofern er auf den Terror als politische und wirtschaftliche Strategie zurückgreift« (Insegnamenti G.P. II, 2001/II, S. 1083). Und an die religiösen Führer gewandt, fügte er hinzu: »Kein Verantwortlicher der Religionen kann daher dem Terrorismus gegenüber Nachsicht üben und noch weniger kann er ihn predigen« (ebd., S. 1085).

Auf den Terrorismus bezog sich auch Benedikt XVI. in der Botschaft zum Weltfriedenstag des Jahres 2006: »Bis zum heutigen Tag« – so schrieb er – »ist die Wahrheit des Friedens immer noch auf dramatische Weise gefährdet und geleugnet durch den Terrorismus, der mit seinen Drohungen und seinen kriminellen Handlungen imstande ist, die Welt im Zustand der Angst und der Unsicherheit zu halten« (Insegnamenti Benedetto XVI, 2005/I, S. 958). Und er fügt hinzu: »Es ist zu wünschen, daß man sich bei der Analyse der Ursachen des zeitgenössischen Phänomens des Terrorismus außer den Gründen politischen und sozialen Charakters auch die kulturellen, religiösen und ideologischen Motive vor Augen hält« (ebd., S. 959).

6. Förderung und Achtung der Menschenrechte

Die letzten Überlegungen meines Vortrags möchte ich der Förderung und Achtung der Menschenrechte widmen, ein Bereich, in dem der interreligiöse Dialog für den Aufbau des Friedens nützlicher denn je ist. Tatsächlich entsteht und festigt sich der Friede dann, wenn die Menschenrechte vollständig beachtet und respektiert werden. Der Heilige Stuhl ist der Überzeugung, daß dann feste und dauerhafte Fundamente für den Aufbau des Friedens gelegt werden, wenn die Förderung der Würde der menschlichen Person das inspirierende Leitprinzip darstellt, wenn die Suche nach dem Gemeinwohl die vorherrschende Aufgabe bildet. Wenn hingegen die Menschenrechte ignoriert oder mißachtet werden, wenn die Verfolgung von Sonderinteressen ungerechterweise über das Gemeinwohl gestellt werden, dann verbreiten sich unvermeidlich die Keime der Instabilität, der Auflehnung und der Gewalt.

Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« hat als grundlegende Präambel die Feststellung, nach welcher die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Menschheitsfamilie die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet.

Papst Benedikt XVI. hat in der Botschaft zum Weltfriedenstag dieses Jahres, deren Thema »Der Mensch – Herz des Friedens« ist, bekräftigt, daß für den Aufbau einer friedlichen Gesellschaft und für die Gesamtentwicklung von Menschen, Völkern und Nationen die Verteidigung der Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte wesentlich ist. Unter diesen Rechten möchte ich zwei herausgreifen, die heute besonders mehr oder weniger offenkundigen Verletzungen ausgesetzt sind: nämlich das Recht auf Leben und das Recht auf Religionsfreiheit. Das menschliche Leben ist heilig und muß von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende als solches betrachtet werden. Das ist ein unantastbares Recht, das die klare Ablehnung jeder Form von Gewalt einschließt.

Neben dem Recht auf Leben liegt der Kirche in gleicher Weise das Recht auf Religionsfreiheit am Herzen. In der Botschaft zum Weltfriedenstag 1999 schreibt Johannes Paul II.: »Die Religionsfreiheit bildet den Kern der Menschenrechte. Sie ist so unantastbar, daß sie fordert, daß der Person auch die Freiheit des Religionswechsels zuerkannt wird, wenn das Gewissen es verlangt. Denn jeder ist gehalten, dem eigenen Gewissen in jeder Situation zu folgen, und darf nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Gerade deshalb darf niemand gezwungen werden, unbedingt eine bestimmte Religion anzunehmen, welche Umstände oder Beweggründe es auch immer dafür geben mag« (Insegnamenti G.P. II, 1998/II, S. 1218).

7. Schluß

In meinem Beitrag zur Eröffnung Ihrer Arbeiten wollte ich auf einige Stichworte aus den Überlegungen und der Aktivität des Heiligen Stuhls hinweisen, die den Lehren der Päpste über ein Thema von großer Aktualität entnommen sind.

Als Priester und jetzt als Kardinalstaatssekretär komme ich immer mehr zur Überzeugung, daß jedem Dialog zwischen Menschen das Einander- Zuhören und das gegenseitige Kennenlernen zugrunde liegen muß; es muß die Achtung vorhanden sein, die aus der Anerkennung des guten Willens des anderen und aus der Klarheit und Aufrichtigkeit bei der Darlegung der eigenen Positionen entsteht. Der interreligiöse Dialog im Dienst des Friedens macht eine »Reinigung« des Glaubens erforderlich, die das Herz für die Liebe öffnet; er erfordert letzten Endes eine ständige »Umkehr« zu Gott. Denn Gott allein kann das Herz des Menschen berühren und den Funken jener Liebe überspringen lassen, die zu Annahme und Vergebung und damit zur günstigen Voraussetzung für die Verteidigung und den Aufbau des Friedens wird.

Möge auch diese Begegnung zu einem gegenseitigen Kennenlernen und zur Achtung zwischen allen Teilnehmern werden und dazu dienen, die Tätigkeit des Heiligen Stuhls und den Geist, der ihn beseelt, besser kennenzulernen. Möge sie uns vor allem helfen, unermüdliche Friedensstifter in einer Welt zu werden, wo Gott nicht als fremd oder, schlimmer, als Feind des Glücks des Menschen gesehen wird, sondern als echter Freund der Menschheit, die er unter seinen Schutz nimmt. In der väterlichen Umarmung Gottes kann die Menschheitsfamilie nur zu einer freieren, gedeihlicheren und glücklicheren Menschheit wachsen.

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Quelle

Dr. Kurt Koch: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers

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Kardinal Kurt Koch / ZENIT – HSM, CC BY-NC-SA

Prof. Josef Kreiml über das neueste Buch des Kardinals

Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, weilte erst im vergangenen September in Regensburg. Anlass war die Errichtung des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg sowie ein zweitägiges und hochkarätig besetztes internationales ökumenisches Symposium zum Thema „Dialog 2.0 – Braucht der Dialog neue Impulse?“, das im Diözesanzentrum Obermünster in Regensburg stattfand. Nun hat Kardinal Kurt Koch den Band „Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI.“ im Verlag Herder, Freiburg, publiziert. Prof. Dr. Josef Kreiml, Professor für Fundamentaltheologie, künftiger Direktor des Institutum Marianum Regensburg (IMR) und Priester der Diözese Regensburg, beschreibt, worum es in dem Buch geht. Einen der hier veröffentlichten Vorträge hat Kardinal Koch übrigens 2013 in Regensburg gehalten.

Im Vorwort betont der Verfasser, dass Joseph Ratzinger seine Theologie immer „als Mit-Denken mit der ganzen Kirche und als kirchlichen Dienst an der objektiven Wahrheit des Glaubens“ verstanden hat. Jesus Christus hat sich als Liebe und als Logos offenbart. Im Dienst an der glaubwürdigen Bewährung dieses Bundes zwischen Liebe und Vernunft „liegt das große Erbe, das Joseph Ratzinger als Theologe und als Papst hinterlässt“.

Der Text „Ein hörendes Herz haben. Zur prophetischen Dimension der Theologie Benedikts XVI.“ enthält die Predigt, die der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen 2012 im Freiburger Münster gehalten hat. Darin fragt Kurt Koch nach den biblischen Kennzeichen eines Propheten (Freundschaft mit dem lebendigen Gott, im Dienst eines Anderen stehen, prophetisch-marianische Kirche). Die Aufgabe eines wahren Propheten ist es, „sich selbst und die ganze Kirche immer wieder zum Gehorsam gegenüber dem Evangelium zu verpflichten, und zwar gegen alle Versuchungen zur Anpassung an den Zeitgeist und zur Verwässerung des lebendigen Wortes Gottes“. In ihrer gehorsamen Grundhaltung ist Maria das Urbild der Kirche. Die Mutter des Herrn ist „die wahre Prophetin“.

Der Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes

In seinem Vortrag „Offenbarung der Liebe Gottes und Leben der Liebe in der Glaubensgemeinschaft der Kirche“ (Universität Freiburg 2012; S. 18-53) führt der Kardinal aus, dass die Kirche Volk Gottes vom Leib Christi her ist. Joseph Ratzingers Theologie ist „im Kern Offenbarungstheologie“. Gerade in seiner Eschatologie zeigt sich, dass Benedikt XVI. eine personbezogene Theologie im Dienst an der Glaubensfreude entwickelt hat. Die Schönheit der Heiligkeit und die Schönheit der Kunst öffnen den Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes.

Den Vortrag „Theologie und Papst des Konzils. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. und das Zweite Vatikanische Konzil“ (S. 54-93) hat Kardinal Koch 2013 in Regensburg gehalten: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers. Papst Benedikt XVI. werde als „großer Interpret“ des Zweiten Vatikanums in die Geschichte eingehen; er erweist sich als „ein ganz konsequenter Papst“ dieses Konzils.

Im Vortrag „Die Heiligen und die Theologie im Denken von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“ (S. 94-114), den Kardinal Koch 2013 in Rom gehalten hat, zeigt der Verfasser, dass die Heiligen die wahren Repräsentanten der Kirche sind. Sie sind authentische Interpreten des Wortes Gottes und glaubwürdige Zeugen des Glaubens. Theologie und Spiritualität müssen sich gegenseitig befruchten.

Ein weiterer Text des Kardinals ist dem Thema „Gottes Antlitz in Jesus Christus schauen. Grundlinien der existenziellen Christologie von Benedikt XVI.“ (S. 115-140) gewidmet: Darin zeigt der Verfasser, dass das Beten Jesu der „Ort seiner Identität“ ist. Während Mose nur den Rücken des Herrn sehen konnte, hat sich Gott in Jesus Christus „von Angesicht zu Angesicht gezeigt“.

Pontifikat: christozentrisch und evangelisch

Im Aufsatz „Einheit in Christus und in seinem Leib. Ökumenisches Lehramt im Pontifikat von Papst Benedikt XVI.“ (S. 141-165) zeigt Kardinal Koch, dass es Benedikt XVI. als „vorrangige Verpflichtung“ des Petrusnachfolgers gesehen hat, „mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten“. Das Pontifikat Benedikts war „konsequent ökumenisch“, weil es „ein ganz christozentrisches und evangelisches Pontifikat“ gewesen ist.

Den Vortrag „Begegnung zwischen biblischem Glauben und griechischem Geist. Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. und die Welt der Orthodoxie“ (S. 166-190) hat der Kardinal 2014 in Konstantinopel gehalten: Es gibt eine „innere Nähe“ Ratzingers zur orthodoxen Theologie. Diese besteht darin, dass Benedikt XVI. mit der Orthodoxie die Anerkennung des Glaubens und der ekklesialen Struktur des ersten Jahrtausends als Kriterium für die Bewährung von Glauben und kirchlichem Leben auch in der Gegenwart teilt. Die Begegnung zwischen dem biblischen Glauben und dem griechischen Denken ist providentiell gewesen. Sie stellt die Vernunft auch heute vor neue Herausforderungen.

In seinem Beitrag „,Was ist Wahrheit?῾ Joseph Ratzingers Kernfrage angesichts der Diktatur des Relativismus“ (S. 191-208) fragt der Kardinal nach Implikationen der Wahrheitsfrage in der Theologie. Entscheidend ist, ob der Mensch nach Wahrheit sucht und in der Wahrheit lebt.

Ein weiterer Aufsatz des Schweizer Kardinals gilt dem Thema „Stern der Neuevangelisierung. Marianische Dimension des Missionsauftrags in der Sicht von Benedikt XVI.“ (S. 209-229): In seiner Homilie bei der Eröffnung der Bischofssynode im Oktober 2012 hat Papst Benedikt der Gottesmutter den Titel „Stern der Neuevangelisierung“ zugesprochen. Zwischen dem marianischen Glaubensgeheimnis und der Dynamik der missionarischen Tätigkeit der Kirche besteht kein Gegensatz. Die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. haben das Konzil unter einer „marianischen Leitperspektive“ gesehen. Es war der ausdrückliche Wunsch von Johannes XXIII., dass das Zweite Vatikanum – gemäß dem damaligen liturgischen Kalender – am Fest der Mutterschaft Marias eröffnet wurde. Zwischen der Mission des Sohnes und der Sendung seiner Mutter besteht eine tiefe innere Einheit. Die Mission der Kirche müsse mit einem „marianischen Notenschlüssel“ versehen werden. Neuevangelisierung ist die logische Konsequenz, die sich aus der Freude am Glauben von selbst ergibt.

Die Gottesfrage in modernen Gesellschaften

Abschließend beleuchtet der Kardinal „das Erbe des Pontifikats von Benedikt XVI.“ (S. 230-240): In diesem Vortrag aus dem Jahr 2013 betont er, dass der papa emerito die Kirche vornehmlich durch sein Lehren geleitet hat. Papst Benedikt wird man „gewiss als einen der großen Kirchenlehrer in Erinnerung behalten“. Wenn die Wahrheit nur eine mathematische Formel wäre, würde sie sich von selbst aufdrängen. Weil sie jedoch Liebe ist, verlangt sie den Glauben. „Im klaren Bewusstsein, dass die Frage nach Gott für die Zukunftsfragen der Menschheit von grundlegender Bedeutung ist, hat Papst Benedikt mit seinen großen Reden wesentlich dazu beigetragen, dass die Gottesfrage in den modernen Gesellschaften wach gehalten wird“ (S. 234). Die „entscheidende Herzmitte“ des Pontifikats von Benedikt XVI. besteht in der Christozentrik seiner Verkündigung.

Summa summarum: Mit diesem Buch legt der Schweizer Kardinal, der das Wirken von Papst Benedikt seit Jahrzehnten intensiv wahrgenommen hat, ein überaus kompetentes Werk vor. Dem Verfasser gelingt es, die entscheidenden theologischen und pastoralen Einsichten des emeritierten Papstes klar zu benennen und damit einer breiten Rezeption dieses Theologenpapstes den Weg zu bereiten. Prof. Dr. Josef Kreiml

Kurt Kardinal Koch, Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI., 240 Seiten, Verlag Herder, Freiburg 2016, ISBN 978-3-451-37533-0, 26 Euro.

(Quelle: Webseite des Bistums Regensburg, 28.12.2016)

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Quelle

Ö: „Papst will Konzil umsetzen und muss dabei querdenken“

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Papst Franziskus, querdenken und hochschauen

Papst Franziskus bemüht sich konsequent um die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils und muss in diesem Bemühen mitunter auch ein innerkirchlicher Provokateur und Querdenker sein: Dieses Resümee hat der Jesuit und Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“, P. Andreas Batlogg gezogen. In einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Furche“ zum 80. Geburtstag des Papstes betont Batlogg, dass dieser nicht lehrmäßig auf die Zeit reagieren wolle. Er wolle vielmehr „das Konzil umsetzen – und Türen öffnen“, so der Jesuit: „Hinter verschlossenen oder verschlossen geglaubten Türen warten Möglichkeiten. Das löst Angst aus.“

Ein Papst, der „ausprobiert“…

Papst Franziskus probiere aus – und wenn eine Idee misslinge, folge die nächste. Batlogg: „Manches kommt spontan. Aber von Herzen: Wie das Jahr der Barmherzigkeit, das mit dem Schließen der Heiligen Pforten nicht einfach zu Ende ist.“ Der Papst verstehe Barmherzigkeit als Programm der Kirche, nicht nur seines Pontifikats. Dass Papst Franziskus polarisiert und die Kirche spaltet, seien „absurde Unterstellungen“, betont Batlogg, „geschürt meistens von Frustrierten, die päpstlicher als der Papst sein wollen“, oder vom „Feuilletonkatholizismus“, der meint, „päpstliche Entscheidungen mit Kommentaren beeinflussen zu können“.

…und „verunsichert“

Viele in der Kirche seien freilich durch diesen Papst auch sehr verunsichert. Den einen regiere Franziskus zu wenig, den anderen zu autoritär; den einen lehre er zu wenig, für andere überhaupt nicht. Und manche würden sich – wie der Philosoph Robert Spaemann – zu der Behauptung versteigen, mit „Amoris laetitia“ sei „das Chaos“ gleichsam „mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben“ worden. Andere befürchteten einen Imageschaden für das Papstamt, wenn zu sehr auf Kollegialität und Dezentralisierung gesetzt wird. Und der Papst „lächelt … – und geht seinen Weg weiter“.

Franziskus nehme Kommentare, Sticheleien und Angriffe freilich durchaus zur Kenntnis. Batlogg erinnert etwa an ein Interview mit der Zeitung „Avvenire“. Darin habe der Papst zu Vorwürfen, er verunsichere die Kirche, darauf hingewiesen, es müsse „im Fluss des Lebens unterschieden“ werden, „Amoris laetitia“ werde nach wie vor nicht verstanden, es gebe keine weiteren Interpretationen, man könne nicht nur nach dem Schema „Schwarz und Weiß“ denken und handeln. Der Papst sehe in den Vorwürfen auch „die Unfähigkeit, das Zweite Vatikanische Konzil wirklich und wirksam zu rezipieren“, so Batlogg.

Werbung für die „Unterscheidung der Geister“

Papst Franziskus suche auch Verbündete „und er braucht sie“, so der Jesuit weiter. Als Papst wolle er Diener sein. Die Grundgeste seines Pontifikats sei das Sich-Herabbeugen, wie er es bei der Fußwaschung am Gründonnerstag 2013, wenige Tage nach seiner Wahl, an zwölf Strafgefangenen im römischen Jugendgefängnis Casal del Marmo vollzogen hatte. Das Foto dazu habe Symbolcharakter bekommen.

Batlogg abschließend: „Der beste Jesuit ist derzeit sicher der Papst. Er ist ein perfekter Werbeträger ignatianischer Spiritualität.“ Die Kunst der Unterscheidung der Geister sei wichtig für die Kirche, „Papst Franziskus erwähnt das, wo er nur kann“.

(kap 15.12.2016 pr)

JOHANNES XXIII. (1958-1963): DAS LEBEN DES KONZILSPAPSTES

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Weltweite Anerkennung errang der „gütige Papst“ („il Papa buono“) auch als Vorkämpfer für friedliche Konfliktlösungen, insbesondere während der bedrohlichen Kuba-Krise zwischen den USA und der Sowjetunion.

 

In seinem kurzen Pontifikat setzte Johannes XXIII. Dinge in Bewegung, die kaum jemand erwartet hatte.

(1958-1963) hat die Kirchengeschichte vor allem durch die Ankündigung und Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils geprägt. Der Papst eröffnete es im Oktober 1962 nach dreijähriger Vorbereitung, konnte es aber nicht mehr zu Ende führen. Mit seiner Forderung nach einem „Aggiornamento“ („Verheutigung“) in der Kirche gab er das Leitmotiv für eine neue Ära vor. Durch seine Menschenfreundlichkeit und Bescheidenheit wurde er zu einer weit über Kirchengrenzen hinaus anerkannten und beliebten Persönlichkeit.

Angelo Roncalli stammt aus armen Verhältnissen

Toleranz und Gesprächsbereitschaft des Papstes waren Ergebnis einer harten Lebensschule. Aus seiner Herkunft aus einem armen Bauernhaus in Sotto il Monte in der Gegend von Bergamo machte er nie ein Hehl. Hier wurde Johannes XXIII. wurde am 25. November 1881 als Angelo Giuseppe Roncalli geboren.

Nach der Priesterweihe 1904 förderte sein damaliger Bischof die soziale Ader Angelo Roncallis; für seinen Einsatz für Arbeiter und Gewerkschaften und wegen seiner aufgeschlossenen Haltung wurde er bald in Rom angeschwärzt, in seinen Akten fand sich der Vermerk „des Modernismus verdächtig“.

Als Diplomat in Istanbul

Nach kurzer Tätigkeit in Rom wurde Roncalli auf die unbedeutendsten und entlegendsten Posten der damaligen päpstlichen Diplomatie abgeschoben, nach Bulgarien und Istanbul. Er selbst fühlte sich „kaltgestellt“, lernte aber zugleich den Katholizismus in einer Situation der Minderheit, in einem laizistischen Staat sowie den Überlebenskampf der von den Nazis geflohenen Juden kennen.

Roncalli wurde in dieser „Verbannung“ 63 Jahre alt, bis er 1944 von Pius XII. überraschend zum Nuntius in Paris bestellt wurde – zu dieser Zeit die wichtigste Drehscheibe der vatikanischen Diplomatie. Die Regierung in Paris mockierte sich – wie neue Archivforschungen ergaben – über seinen unkonventionellen Amtsstil und seine vielen Reisen durch das Land, die Christdemokraten warfen ihm seine guten Kontakte zu Sozialisten und „Radikalen“ vor.

Er machte Türen und Fenster der Kirche auf

Mit 71 Jahren wurde Roncalli 1953 Patriarch von Venedig und Kardinal. Auch hier mischte er sich unters Volk und zeigte keinerlei Angst vor Kontakten mit Menschen unterschiedlichster Weltanschauung. Nach dem Tod von Pius XII. wurde Roncalli am 28. Oktober 1958 zum Papst gewählt. Als die 51 Kardinäle den Patriarchen von Venedig zum neuen Papst kürten, kam bald das Wort vom „Übergangspapst“ auf. Man hatte erwartet, dass der damals fast 77-Jährige seinen Lebensabend kaum mit großen Konflikten belasten würde.

Die Amtszeit Johannes XXIII. war tatsächlich kurz: vier Jahre und sieben Monate. Doch der Roncalli-Papst setzte in dieser kurzen Zeit Dinge in Bewegung, die kaum jemand erwartet hatte.

Der neue Papst wusste mit dem ausgefeilten protokollarischen Stil seines langjährigen asketischen Vorgängers Pius XII. nichts anzufangen. Dem Diplomaten und Kirchenrechtler Pacelli war mit Roncalli ein Seelsorger gefolgt. Er suchte die Nähe der Gläubigen und des Volkes, in der Seelsorge sah er seine Hauptaufgabe.

Johannes XXIII. erklärte offen die Zeit der „vatikanischen Gefangenschaft“ der Päpste für beendet und besuchte deshalb auch demonstrativ die römischen Kirchen und Pfarren, ja sogar das Gefängnis „Regina Coeli“.

Weltweites Aufsehen erregte er, als er als erster Papst seit 1870 wieder Rom verließ und Wallfahrten nach Assisi und Loreto unternahm. Damit leitete er die „Reisepastoral“ seiner Nachfolger Paul VI. und Johannes Paul II.

„Der Menschheitsfamilie ein Konzil schenken“

Mit einer Einladung an alle Bischöfe der Weltkirche erfolgte zu Weihnachten 1961 die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils. „Wir hielten die Zeit für reif“, schrieb der Papst in seiner Konstitution „Humanae salutis“ vom 25. Dezember 1961, „der katholischen Kirche und der Menschheitsfamilie die Möglichkeit eines neuen Ökumenischen Konzils zu schenken“.

Johannes XXIII. wollte kein Verurteilungs- oder Lehrkonzil mit neuen Dogmen, sondern ein von der Seelsorge geprägtes, dialogisches, nicht-autoritäres: eine Denkfabrik für die Fragen, die die Christen im 20. Jahrhunderts bewegten.

Am 11. Oktober 1962 eröffnete der Papst die bisher letzte beschlussfassende Versammlung der rund 2.800 katholischen Bischöfe, die nach seinem Tod 1963 durch seinen Nachfolger Papst Paul VI. fortgesetzt und am 8. Dezember 1965 abgeschlossen wurde. Bei der Eröffnung erklärte Johannes XXIII., er wolle den „Unglückpropheten“ der Zeit „entschieden widersprechen“ und sich furchtlos an die Aufgaben begeben, die das Jahrhundert an die Kirche stelle.

Noch bevor das Konzil begann, zeigten sich die Konfliktlinien zwischen „Bewahrern“ und „Reformern“, die sich später bei den entscheidenden Sitzungen des Konzils vertiefen sollten. Wohl niemand – auch nicht Johannes XXIII. selbst – konnte ahnen, wie viel Aktenstudium, wie viel theologisches und kirchenpolitisches Ringen und wie viel Gebet und „Wehen des Heiligen Geistes“ d8afür noch notwendig sein würden.

Anfang der Ökumene

Auch Vertreter der anderen christlichen Kirchen waren als Beobachter eingeladen. Damit wurde ein ökumenischer Dialog eröffnet, den die katholische Kirche bis dahin auf höchster offizieller Ebene verweigert hatte. Als erster Papst seit Jahrhunderten empfing er orthodoxe, protestantische und anglikanische Kirchenführer.

Die Sozialenzykliken

Zum Pontifikat Johannes‘ XXIII. gehören aber auch sieben Enzykliken, darunter „Mater et Magistra“ (1961) über die katholische Soziallehre sowie „Pacem in Terris“ (1963). In letzterer, die er „an alle Menschen guten Willens“ richtete, rief er zur internationalen Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit auf.

„Meine Koffer sind gepackt“

Mit zunehmender Amtsdauer wurde immer deutlicher, dass Johannes XXIII. an ein schweres Krebsleiden hatte. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt rund zehn Tage vor seinem Tod sagte er zu den Hunderttausenden Menschen auf dem Petersplatz in Rom: „Sorgt euch doch nicht so sehr um mich. Ich bin bereit, die große Reise anzutreten. Meine Koffer sind gepackt. Ich kann jederzeit abfahren.“ Johannes XXIII. starb am Pfingstmontag, 3. Juni 1963, um 19.49 Uhr im Apostolischen Palast im Vatikan. Am 3. September 2000 wurde Johannes XXIII. von Johannes Paul II. seliggesprochen.

Erstellt von: KAP (23.4.2014)

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Papst: Keine Rücknahme der Liturgiereform

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Eine „Reform der Reform“ hatte Kardinal Robert Sarah mit Blick auf die Liturgie angekündigt. Der Papst widerspricht diesem Vorhaben nun erneut – und erklärt, was es mit der „Alten Messe“ auf sich hat.

Papst Franziskus hat einer teilweisen Rücknahme der Liturgiereform erneut eine Absage erteilt. Es sei ein „Irrtum, von einer ‚Reform der Reform‘ zu sprechen“, sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview. Er bekräftigte zugleich, dass die Feier der Messe nach dem vorkonziliaren Messbuch von 1962 eine Ausnahme bleibe. Man müsse das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) und sein Dokument zur Liturgie „Sacrosanctum concilium“ ihrem Sinn nach in die Praxis umsetzen, so der Papst.

Sein Vorgänger Benedikt XVI. habe „eine richtige und großzügige Geste vollzogen“, sagte Franziskus mit Blick auf dessen Wiederzulassung der „Alten Messe“ als außerordentliche Form des römischen Ritus im Jahr 2007. Mit seiner Entscheidung sei Benedikt XVI. „einer bestimmten Mentalität verschiedener Gruppen und Einzelpersonen“ entgegengekommen, „die nostalgisch waren und sich entfernt hatten“. Dies bleibe jedoch die Ausnahme. „Deswegen sprechen wir ja auch von der außerordentlichen Form des Ritus. Das ist nicht die ordentliche Form,“ sagte Franziskus im Gespräch mit dem italienischen Jesuiten Antonio Spadaro.

Papst widerspricht Kardinal Sarah

Der vatikanische Liturgie-Verantwortliche, Kardinal Robert Sarah, hatte im Juli gesagt, der Papst habe ihn mit einer „Reform der Reform“ beauftragt, also mit einer teilweisen Rücknahme der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der Präfekt der Gottesdienst-Kongregation hatte Priestern in demselben Vortrag in London vorgeschlagen, die Messe probeweise wieder mit dem Rücken zum Kirchenvolk zu zelebrieren.

Als Reaktion auf das große Medienecho dieser Äußerungen stellte der Vatikan klar, dass eine Änderung der Zelebrationsrichtung nicht geplant sei. Zudem hätten sich der Papst und Sarah darauf verständigt, dass der Begriff „Reform der Reform“ nicht verwendet werden sollte, weil er Missverständnisse hervorrufe.

Das Gespräch des Chefredakteurs der italienischen Jesuiten-Zeitschrift „Civilta Cattolica“ mit dem Papst ist Teil eines Bandes mit Predigten, die der heutige Papst als Erzbischof von Buenos Aires hielt. Das Buch wurde am Donnerstag im Vatikan von Spadaro, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, dem neuen Generaloberen der Jesuiten, Pater Arturo Sosa, sowie dem ehemaligen Pressesprecher des Papstes, Jesuitenpater Federico Lombardi, vorgestellt. (KNA)

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