Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

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ERÖFFNUNG EINES KURSES FÜR DIPLOMATEN
AUS ISLAMISCHEN LÄNDERN AN DER
PÄPSTLICHEN UNIVERSITÄT GREGORIANA

ANSPRACHE VON KARDINAL TARCISIO BERTONE

Montag, 7. Mai 2007

Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Hochwürdige Patres,
verehrte Autoritäten,
meine Damen und Herren!

Ich möchte die Organisatoren und die Teilnehmer an dem Kurs »Die katholische Kirche und die internationale Politik des Heiligen Stuhls« für Diplomaten aus den Ländern des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens ehrerbietig begrüßen. Besonders danke ich dem Hw. Pater Franco Imoda, Präsident der Stiftung »La Gregoriana«, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Kurses, und Professor Roberto Papini, Generalsekretär des internationalen Instituts »Jacques Maritain«, als ausführendem Direktor des Kurses. Meine Anerkennung gilt auch dem Hw. P. Gianfranco Ghirlanda, Rector Magnificus der Päpstlichen Universität Gregoriana, die uns Gastfreundschaft gewährt. Schließlich richte ich an Sie alle einen herzlichen und freundschaftlichen Gruß. Diese Initiative, an der angesehene Institutionen mitwirken, erscheint in der aktuellen geschichtlichen Situation notwendiger denn je, um qualifizierte Vertreter der muslimischen Welt in angemessener Weise mit dem Denken und der Tätigkeit der katholischen Kirche bekannt zu machen. Das gegenseitige Kennenlernen ist in der Tat der erste und notwendige Schritt, um eine harmonische Entwicklung des Dialogs und eine dauerhafte und gewinnbringende Zusammenarbeit sicherzustellen.

Das mir vorgeschlagene Thema – »Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden« – ist anregend und aktueller denn je bei der Suche nach dem Dialog zwischen den Religionen sowie für die Zukunftsperspektiven der Welt. Darum bewahrt der Heilige Stuhl ständiges und aufrichtiges Interesse am Dialog.

Das hat der Heilige Vater Benedikt XVI. bei der Begegnung mit den Vertretern einiger muslimischer Gemeinden am 20. August 2005 in Köln klar ausgesprochen: »Der interreligiöse und interkulturelle Dialog zwischen Christen und Muslimen darf nicht auf eine Saisonentscheidung reduziert werden. Tatsächlich ist er eine vitale Notwendigkeit, von der zum großen Teil unsere Zukunft abhängt.« Hier sehen wir den religiösen Dialog im Dienst des Friedens. Die Suche nach Frieden liegt bekanntlich dem Heiligen Stuhl sehr am Herzen. Ich werde mich darauf beschränken, einige ausdrückliche Bezugnahmen auf dieses Thema anzuführen, welche in den Botschaften enthalten sind, die der Papst seit über dreißig Jahren anläßlich des Weltfriedenstages an die Staatsoberhäupter, an die Katholiken und an die Menschen guten Willens sendet.

1. Der Dialog für den Frieden, eine Herausforderung für unsere Zeit

Das Thema der Botschaft zum Weltfriedenstag 1983 lautete: »Der Dialog für den Frieden: eine Herausforderung für unsere Zeit.« Darin sagte der verehrte Papst Johannes Paul II., er sei zutiefst davon überzeugt, daß der Dialog – ein echter Dialog – eine wesentliche Bedingung für den Frieden ist, und bemerkte: »Ja, dieser Dialog ist notwendig, nicht nur opportun; er ist schwierig, aber möglich, trotz der Hindernisse, die wir, realistisch gesehen, dabei beachten müssen. Er stellt deshalb eine echte Herausforderung dar, die ich euch bitte, anzunehmen« (Insegnamenti Giovanni Paolo II, 1982/III, S. 1542). Und er fügte hinzu: ein echter Dialog geht aus »von der Suche nach dem Wahren, dem Guten und dem Gerechten für jeden Menschen, für jede Gruppe und jede Gesellschaft« (ebd., S. 1545). Der Dialog verlangt daher eine wirkliche Öffnung und gegenseitige Annahme in Respekt und Verständnis für die Verschiedenheit und die Besonderheit des anderen. Zugleich ist der Dialog Suche nach dem, was den Menschen gemeinsam ist und ihnen, auch inmitten von Spannungen, Widerständen und Konflikten, gemeinsam bleibt. Alles in allem ist der wahre Dialog die Suche nach dem Guten mit friedlichen Mitteln; er ist eine Anerkennung der unveräußerlichen Würde der Menschen und stützt sich auf die Achtung vor dem menschlichen Leben.

2. Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens

Im Jahr 2001 hatte die Botschaft zum Weltfriedenstag als Thema »Dialog zwischen den Kulturen für eine Zivilisation der Liebe und des Friedens.« In einer Analyse über den Dialog zwischen den verschiedenen Kulturen und Traditionen der Völker zeigte der Heilige Vater im Dialog den notwendigen Weg für den Aufbau einer versöhnten Welt auf, die fähig ist, mit Gelassenheit in ihre Zukunft zu blicken. Die Kultur – schrieb er – ist die qualifizierte Äußerung des Menschen und seiner Geschichte. Menschsein bedeutet notwendigerweise Leben in einer bestimmten Kultur. Wenn es daher einerseits darauf ankommt, daß man die Werte der eigenen Kultur zu schätzen weiß, so ist andererseits das Bewußtsein erforderlich, daß jede Kultur, da sie ein typisch menschliches und geschichtlich bedingtes Produkt ist, notwendigerweise auch Grenzen einschließt. Ein wirksames Mittel dagegen, daß das kulturelle Zugehörigkeitsgefühl zur Abschottung wird, ist das unparteiliche, nicht von negativen Vorurteilen bestimmte Kennenlernen der anderen Kulturen (vgl. Nr. 7) (Insegnamenti Giov. Paolo II, 2000/II, S. 1066–1067). Wir können somit sagen – wie kürzlich von Seiner Exzellenz Francesco Follo bei der 176. Sitzung des Exekutivrates der UNESCO betont wurde –, daß die verschiedenen Kulturen, auch wenn sie von unterschiedlichen Interpretationen der Wirklichkeit geprägt sind, in der Grunderfahrung der menschlichen Situation, wo es um Fragen über Geburt und Tod, über Arbeit, Krankheit, soziale Ungerechtigkeit, die Erhaltung unseres Planeten geht, tief miteinander verbunden sind.

Unter diesem Aspekt erweist sich der Dialog zwischen den Kulturen als ein inneres Erfordernis der Natur des Menschen und der Kultur; er trägt dazu bei, den Reichtum der Unterschiedlichkeit anzuerkennen, indem er die Herzen zur gegenseitigen Annahme bereit macht, im Ausblick auf eine echte Zusammenarbeit, wie sie der ursprünglichen Berufung der ganzen Menschheitsfamilie zur Einheit entspricht. Der Dialog als solcher ist ein hervorragendes Werkzeug, um die Zivilisation der Liebe und des Friedens zu verwirklichen, die Papst Paul VI. als das Ideal bezeichnete, von dem sich das kulturelle, soziale, politische und wirtschaftliche Leben unserer Zeit inspirieren lassen sollte.

Angesichts der wachsenden Ungleichheiten in der Welt ist der erste gemeinsame Wert, dessen Bewußtmachung stärker gefördert werden muß, sicher die Solidarität. Aber im Mittelpunkt einer authentischen Kultur der Solidarität steht die Förderung der Gerechtigkeit, die eng mit dem Wert des Friedens verbunden ist, dem Hauptziel jeder Gesellschaft und gemeinsamen Gut für ein wirkliches nationales und internationales Zusammenleben. Außerdem ist zu betonen, daß ein echter Dialog zwischen den Kulturen auch eine lebendige Sensibilität für den Wert des Lebens nähren muß, das niemals als willkürlich verfügbares Objekt betrachtet werden darf, sondern als die heiligste und unantastbare Wirklichkeit. Wenn der Schutz eines so grundlegenden Gutes vernachlässigt wird, kann es keinen Frieden geben; man kann nicht zum Frieden aufrufen und das Leben mißachten.

3. Die Gläubigen vereint im Aufbau des Friedens: Der interreligiöse Dialog als Weg zum Frieden

Was die Rolle der Religion und des interreligiösen Dialogs zugunsten des Friedens betrifft, scheint mir die Botschaft zum Weltfriedenstag 1992 von großem Interesse. In ihr hebt Johannes Paul II. mehrmals die Aufgabe der Gläubigen hervor, die »ja auf Grund ihres Glaubens – als einzelne und alle zusammen – dazu berufen sind, Boten und Baumeister des Friedens zu sein« (Insegnamenti G.P. II, 1991/II, S. 1332). Das ist nicht die Aufgabe einer Elite, einer »Nische«, wie man heute sagt, sondern »sie betrifft jeden Menschen guten Willens« (ebd.), auch wenn diese »Verpflichtung allen dringend auferlegt ist, die sich zum Glauben an Gott bekennen« (ebd.).

In den heiligen Büchern der verschiedenen Religionen nimmt der Bezug zum Frieden im Rahmen des Lebens des Menschen und seiner Beziehung zu Gott einen wichtigen Platz ein. In diesem Zusammenhang bemerkt Papst Wojtyla: »Religiöses Leben muß, wenn es authentisch gelebt wird, Früchte des Friedens und der Brüderlichkeit hervorbringen« (ebd., Nr. 2, S. 1333).

Man versteht also leicht die Bedeutung des Gebets für den Frieden als Faktor der Begegnung und Einheit, »wo Ungleichheiten, Unverständnis, Groll und Feindseligkeiten überwunden werden, nämlich vor Gott, dem Herrn und Vater aller« (ebd., Nr. 4, S. 1335). Zur Friedensförderung müssen zusammen mit dem Gebet die interreligiösen Kontakte und der ökumenische Dialog in Gang gebracht werden. »Dank diesen Formen der Gegenüberstellung und des Austausches« – schreibt Johannes Paul II. – »konnten sich die Religionen ihrer gewiß nicht leichten Verantwortung hinsichtlich des wahren Wohles der ganzen Menschheit klarer bewußt werden … Ein solches Vorgehen der Gläubigen kann entscheidend sein für die Befriedung der Völker und die Überwindung der immer noch bestehenden Spaltungen zwischen ›Zonen‹ und ›Welten‹« (ebd., Nr. 5, S. 1335–1336). Und er schließt: »Die interreligiösen Kontakte scheinen neben dem ökumenischen Dialog nunmehr die vorgeschriebenen Wege zu sein, damit so viele schmerzliche Verletzungen, die im Laufe der Jahrhunderte geschehen sind, nicht mehr vorkommen und die noch vorhandenen schnell geheilt werden« (ebd., Nr. 6, S. 1336).

4. Das interreligiöse Gebetstreffen von Assisi

Als historisches Ereignis, als Meilenstein im interreligiösen Dialog im Dienst des Friedens hat sich das Treffen vom 27. Oktober 1986 in Assisi erwiesen. Im Abstand von zwanzig Jahren hat Papst Benedikt XVI. am 2. September 2006 in einem Schreiben zur Erinnerung an jenes Ereignis ausgeführt, daß die Einladung an die Führer der Weltreligionen zu einem vielstimmigen Zeugnis für den Frieden damals dazu diente, unmißverständlich klarzustellen, daß die Religion nichts anderes sein könne als Verkünderin des Friedens. Das ist eine Auffassung, die in der Erklärung Nostra aetate des II. Vatikanischen Konzils über die Beziehungen der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen nachdrücklich unterstrichen wird, wo es in Nr. 5 heißt: »Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern«. Und der Papst fährt fort: »Trotz der Unterschiede, die die verschiedenen religiösen Wege kennzeichnen, muß die Erkenntnis der Existenz Gottes, zu der die Menschen auch dann gelangen können, wenn sie von der Erfahrung der Schöpfung ausgehen (vgl. Röm 1,20), die Gläubigen veranlassen, die anderen Menschen als Brüder zu betrachten. Niemand darf also religiöse Unterschiede als Voraussetzung oder Vorwand für eine feindselige Haltung anderen Menschen gegenüber nehmen«. Und die Religionskriege? »Derartige Gewaltakte« – signalisiert Benedikt XVI. – »sind nicht der Religion als solcher zuzuschreiben, sondern vielmehr der kulturellen Begrenzung, mit der sie gelebt wird und sich im Laufe der Zeit entwickelt.«

Aber kommen wir für einen Augenblick auf Assisi, auf jenen 27. Oktober 1986 zurück, als der Diener Gottes Johannes Paul II. den Wert des Gebets bei der Friedensstiftung betonte, weil »der Friede zuallererst in den Herzen entstehen muß. Das Herz des Menschen ist der Ort des Eingreifens Gottes«. In einem Klima großen Interesses bat er alle um ein glaubwürdiges Gebet, das begleitet sein soll von Fasten und Ausdruck findet in der Wallfahrt, dem Symbol des Weges zur Begegnung mit Gott, und er erklärte, daß »das Gebet unsererseits die Umkehr des Herzens einschließt« (Insegnamenti G.P. II, 1986/II, S. 1253).

Um kein Mißverständnis über den Sinn dessen aufkommen zu lassen, was man bei diesem Treffen realisieren wollte, um das richtig zu verstehen, was man den »Geist von Assisi« zu nennen pflegt, ist es wichtig, nicht zu vergessen, wie sehr man darauf bedacht war, daß jenes interreligiöse Gebetstreffen keinen Anlaß zu synkretistischen Interpretationen auf relativistischer Grundlage gäbe. Um diesem Risiko vorzubeugen, erklärte Johannes Paul II. gleich zu Beginn: »Die Tatsache, daß wir hierhergekommen sind, beinhaltet nicht die Absicht, unter uns selbst einen religiösen Konsens zu suchen oder über unsere religiösen Überzeugungen zu verhandeln. Es bedeutet weder, daß die Religionen auf der Ebene einer gemeinsamen Verpflichtung gegenüber einem irdischen Projekt, das sie alle übersteigen würde, miteinander versöhnt werden könnten. Noch ist es eine Konzession an einen Relativismus in religiösen Glaubensfragen« (ebd., S. 1252).

5. Die Absage an den Terrorismus

Der aufrichtige Dialog zwischen den Religionen muß eine klare Absage an die Gewalt und an jede Art von Terrorismus enthalten. Nach den Geschehnissen vom 11. September 2001 hat Johannes Paul II. am 24. Januar 2002 noch einmal die Religionsführer nach Assisi zum Gebet für den Frieden zusammengerufen. Bei jener Gelegenheit sagte er klar und deutlich: »Darum ist es Pflicht, daß die Personen und religiösen Gemeinschaften der Gewalt, jeder Form von Gewalt, eine ganz klare und radikale Absage erteilen, angefangen von der Gewalt, die den Anspruch erhebt, sich als Religiosität zu bemänteln, indem sie sogar den heiligen Namen Gottes anruft, um den Menschen zu beleidigen. Die Beleidigung des Menschen ist letztlich eine Beleidigung Gottes. Niemals kann eine religiöse Zielsetzung die Gewaltanwendung des Menschen gegen den Menschen rechtfertigen« (Insegnamenti G.P. II, 2002/I, S. 1011). Und in der Botschaft zum Weltfriedenstag jenes Jahres 2002 hatte er als Thema gewählt: »Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung«. In der Botschaft zu diesem jährlichen Anlaß verkündete er mit Nachdruck: »Der Terrorismus basiert auf der Verachtung des Lebens des Menschen. Deshalb bildet er nicht allein den Grund für unerträgliche Verbrechen, sondern stellt selbst ein wirkliches Verbrechen gegen die Menschheit dar, insofern er auf den Terror als politische und wirtschaftliche Strategie zurückgreift« (Insegnamenti G.P. II, 2001/II, S. 1083). Und an die religiösen Führer gewandt, fügte er hinzu: »Kein Verantwortlicher der Religionen kann daher dem Terrorismus gegenüber Nachsicht üben und noch weniger kann er ihn predigen« (ebd., S. 1085).

Auf den Terrorismus bezog sich auch Benedikt XVI. in der Botschaft zum Weltfriedenstag des Jahres 2006: »Bis zum heutigen Tag« – so schrieb er – »ist die Wahrheit des Friedens immer noch auf dramatische Weise gefährdet und geleugnet durch den Terrorismus, der mit seinen Drohungen und seinen kriminellen Handlungen imstande ist, die Welt im Zustand der Angst und der Unsicherheit zu halten« (Insegnamenti Benedetto XVI, 2005/I, S. 958). Und er fügt hinzu: »Es ist zu wünschen, daß man sich bei der Analyse der Ursachen des zeitgenössischen Phänomens des Terrorismus außer den Gründen politischen und sozialen Charakters auch die kulturellen, religiösen und ideologischen Motive vor Augen hält« (ebd., S. 959).

6. Förderung und Achtung der Menschenrechte

Die letzten Überlegungen meines Vortrags möchte ich der Förderung und Achtung der Menschenrechte widmen, ein Bereich, in dem der interreligiöse Dialog für den Aufbau des Friedens nützlicher denn je ist. Tatsächlich entsteht und festigt sich der Friede dann, wenn die Menschenrechte vollständig beachtet und respektiert werden. Der Heilige Stuhl ist der Überzeugung, daß dann feste und dauerhafte Fundamente für den Aufbau des Friedens gelegt werden, wenn die Förderung der Würde der menschlichen Person das inspirierende Leitprinzip darstellt, wenn die Suche nach dem Gemeinwohl die vorherrschende Aufgabe bildet. Wenn hingegen die Menschenrechte ignoriert oder mißachtet werden, wenn die Verfolgung von Sonderinteressen ungerechterweise über das Gemeinwohl gestellt werden, dann verbreiten sich unvermeidlich die Keime der Instabilität, der Auflehnung und der Gewalt.

Die »Allgemeine Erklärung der Menschenrechte« hat als grundlegende Präambel die Feststellung, nach welcher die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Menschheitsfamilie die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet.

Papst Benedikt XVI. hat in der Botschaft zum Weltfriedenstag dieses Jahres, deren Thema »Der Mensch – Herz des Friedens« ist, bekräftigt, daß für den Aufbau einer friedlichen Gesellschaft und für die Gesamtentwicklung von Menschen, Völkern und Nationen die Verteidigung der Universalität und Unteilbarkeit der Menschenrechte wesentlich ist. Unter diesen Rechten möchte ich zwei herausgreifen, die heute besonders mehr oder weniger offenkundigen Verletzungen ausgesetzt sind: nämlich das Recht auf Leben und das Recht auf Religionsfreiheit. Das menschliche Leben ist heilig und muß von seiner Empfängnis bis zu seinem natürlichen Ende als solches betrachtet werden. Das ist ein unantastbares Recht, das die klare Ablehnung jeder Form von Gewalt einschließt.

Neben dem Recht auf Leben liegt der Kirche in gleicher Weise das Recht auf Religionsfreiheit am Herzen. In der Botschaft zum Weltfriedenstag 1999 schreibt Johannes Paul II.: »Die Religionsfreiheit bildet den Kern der Menschenrechte. Sie ist so unantastbar, daß sie fordert, daß der Person auch die Freiheit des Religionswechsels zuerkannt wird, wenn das Gewissen es verlangt. Denn jeder ist gehalten, dem eigenen Gewissen in jeder Situation zu folgen, und darf nicht gezwungen werden, gegen sein Gewissen zu handeln. Gerade deshalb darf niemand gezwungen werden, unbedingt eine bestimmte Religion anzunehmen, welche Umstände oder Beweggründe es auch immer dafür geben mag« (Insegnamenti G.P. II, 1998/II, S. 1218).

7. Schluß

In meinem Beitrag zur Eröffnung Ihrer Arbeiten wollte ich auf einige Stichworte aus den Überlegungen und der Aktivität des Heiligen Stuhls hinweisen, die den Lehren der Päpste über ein Thema von großer Aktualität entnommen sind.

Als Priester und jetzt als Kardinalstaatssekretär komme ich immer mehr zur Überzeugung, daß jedem Dialog zwischen Menschen das Einander- Zuhören und das gegenseitige Kennenlernen zugrunde liegen muß; es muß die Achtung vorhanden sein, die aus der Anerkennung des guten Willens des anderen und aus der Klarheit und Aufrichtigkeit bei der Darlegung der eigenen Positionen entsteht. Der interreligiöse Dialog im Dienst des Friedens macht eine »Reinigung« des Glaubens erforderlich, die das Herz für die Liebe öffnet; er erfordert letzten Endes eine ständige »Umkehr« zu Gott. Denn Gott allein kann das Herz des Menschen berühren und den Funken jener Liebe überspringen lassen, die zu Annahme und Vergebung und damit zur günstigen Voraussetzung für die Verteidigung und den Aufbau des Friedens wird.

Möge auch diese Begegnung zu einem gegenseitigen Kennenlernen und zur Achtung zwischen allen Teilnehmern werden und dazu dienen, die Tätigkeit des Heiligen Stuhls und den Geist, der ihn beseelt, besser kennenzulernen. Möge sie uns vor allem helfen, unermüdliche Friedensstifter in einer Welt zu werden, wo Gott nicht als fremd oder, schlimmer, als Feind des Glücks des Menschen gesehen wird, sondern als echter Freund der Menschheit, die er unter seinen Schutz nimmt. In der väterlichen Umarmung Gottes kann die Menschheitsfamilie nur zu einer freieren, gedeihlicheren und glücklicheren Menschheit wachsen.

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Quelle

Dr. Kurt Koch: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers

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Kardinal Kurt Koch / ZENIT – HSM, CC BY-NC-SA

Prof. Josef Kreiml über das neueste Buch des Kardinals

Kurt Kardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, weilte erst im vergangenen September in Regensburg. Anlass war die Errichtung des Ostkircheninstituts der Diözese Regensburg sowie ein zweitägiges und hochkarätig besetztes internationales ökumenisches Symposium zum Thema „Dialog 2.0 – Braucht der Dialog neue Impulse?“, das im Diözesanzentrum Obermünster in Regensburg stattfand. Nun hat Kardinal Kurt Koch den Band „Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI.“ im Verlag Herder, Freiburg, publiziert. Prof. Dr. Josef Kreiml, Professor für Fundamentaltheologie, künftiger Direktor des Institutum Marianum Regensburg (IMR) und Priester der Diözese Regensburg, beschreibt, worum es in dem Buch geht. Einen der hier veröffentlichten Vorträge hat Kardinal Koch übrigens 2013 in Regensburg gehalten.

Im Vorwort betont der Verfasser, dass Joseph Ratzinger seine Theologie immer „als Mit-Denken mit der ganzen Kirche und als kirchlichen Dienst an der objektiven Wahrheit des Glaubens“ verstanden hat. Jesus Christus hat sich als Liebe und als Logos offenbart. Im Dienst an der glaubwürdigen Bewährung dieses Bundes zwischen Liebe und Vernunft „liegt das große Erbe, das Joseph Ratzinger als Theologe und als Papst hinterlässt“.

Der Text „Ein hörendes Herz haben. Zur prophetischen Dimension der Theologie Benedikts XVI.“ enthält die Predigt, die der Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen 2012 im Freiburger Münster gehalten hat. Darin fragt Kurt Koch nach den biblischen Kennzeichen eines Propheten (Freundschaft mit dem lebendigen Gott, im Dienst eines Anderen stehen, prophetisch-marianische Kirche). Die Aufgabe eines wahren Propheten ist es, „sich selbst und die ganze Kirche immer wieder zum Gehorsam gegenüber dem Evangelium zu verpflichten, und zwar gegen alle Versuchungen zur Anpassung an den Zeitgeist und zur Verwässerung des lebendigen Wortes Gottes“. In ihrer gehorsamen Grundhaltung ist Maria das Urbild der Kirche. Die Mutter des Herrn ist „die wahre Prophetin“.

Der Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes

In seinem Vortrag „Offenbarung der Liebe Gottes und Leben der Liebe in der Glaubensgemeinschaft der Kirche“ (Universität Freiburg 2012; S. 18-53) führt der Kardinal aus, dass die Kirche Volk Gottes vom Leib Christi her ist. Joseph Ratzingers Theologie ist „im Kern Offenbarungstheologie“. Gerade in seiner Eschatologie zeigt sich, dass Benedikt XVI. eine personbezogene Theologie im Dienst an der Glaubensfreude entwickelt hat. Die Schönheit der Heiligkeit und die Schönheit der Kunst öffnen den Weg zum Geheimnis der Schönheit Gottes.

Den Vortrag „Theologie und Papst des Konzils. Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. und das Zweite Vatikanische Konzil“ (S. 54-93) hat Kardinal Koch 2013 in Regensburg gehalten: Das Konzil bildet den „roten Faden“ im Leben Joseph Ratzingers. Papst Benedikt XVI. werde als „großer Interpret“ des Zweiten Vatikanums in die Geschichte eingehen; er erweist sich als „ein ganz konsequenter Papst“ dieses Konzils.

Im Vortrag „Die Heiligen und die Theologie im Denken von Joseph Ratzinger – Benedikt XVI.“ (S. 94-114), den Kardinal Koch 2013 in Rom gehalten hat, zeigt der Verfasser, dass die Heiligen die wahren Repräsentanten der Kirche sind. Sie sind authentische Interpreten des Wortes Gottes und glaubwürdige Zeugen des Glaubens. Theologie und Spiritualität müssen sich gegenseitig befruchten.

Ein weiterer Text des Kardinals ist dem Thema „Gottes Antlitz in Jesus Christus schauen. Grundlinien der existenziellen Christologie von Benedikt XVI.“ (S. 115-140) gewidmet: Darin zeigt der Verfasser, dass das Beten Jesu der „Ort seiner Identität“ ist. Während Mose nur den Rücken des Herrn sehen konnte, hat sich Gott in Jesus Christus „von Angesicht zu Angesicht gezeigt“.

Pontifikat: christozentrisch und evangelisch

Im Aufsatz „Einheit in Christus und in seinem Leib. Ökumenisches Lehramt im Pontifikat von Papst Benedikt XVI.“ (S. 141-165) zeigt Kardinal Koch, dass es Benedikt XVI. als „vorrangige Verpflichtung“ des Petrusnachfolgers gesehen hat, „mit allen Kräften an der Wiederherstellung der vollen und sichtbaren Einheit aller Jünger Christi zu arbeiten“. Das Pontifikat Benedikts war „konsequent ökumenisch“, weil es „ein ganz christozentrisches und evangelisches Pontifikat“ gewesen ist.

Den Vortrag „Begegnung zwischen biblischem Glauben und griechischem Geist. Joseph Ratzinger – Benedikt XVI. und die Welt der Orthodoxie“ (S. 166-190) hat der Kardinal 2014 in Konstantinopel gehalten: Es gibt eine „innere Nähe“ Ratzingers zur orthodoxen Theologie. Diese besteht darin, dass Benedikt XVI. mit der Orthodoxie die Anerkennung des Glaubens und der ekklesialen Struktur des ersten Jahrtausends als Kriterium für die Bewährung von Glauben und kirchlichem Leben auch in der Gegenwart teilt. Die Begegnung zwischen dem biblischen Glauben und dem griechischen Denken ist providentiell gewesen. Sie stellt die Vernunft auch heute vor neue Herausforderungen.

In seinem Beitrag „,Was ist Wahrheit?῾ Joseph Ratzingers Kernfrage angesichts der Diktatur des Relativismus“ (S. 191-208) fragt der Kardinal nach Implikationen der Wahrheitsfrage in der Theologie. Entscheidend ist, ob der Mensch nach Wahrheit sucht und in der Wahrheit lebt.

Ein weiterer Aufsatz des Schweizer Kardinals gilt dem Thema „Stern der Neuevangelisierung. Marianische Dimension des Missionsauftrags in der Sicht von Benedikt XVI.“ (S. 209-229): In seiner Homilie bei der Eröffnung der Bischofssynode im Oktober 2012 hat Papst Benedikt der Gottesmutter den Titel „Stern der Neuevangelisierung“ zugesprochen. Zwischen dem marianischen Glaubensgeheimnis und der Dynamik der missionarischen Tätigkeit der Kirche besteht kein Gegensatz. Die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. haben das Konzil unter einer „marianischen Leitperspektive“ gesehen. Es war der ausdrückliche Wunsch von Johannes XXIII., dass das Zweite Vatikanum – gemäß dem damaligen liturgischen Kalender – am Fest der Mutterschaft Marias eröffnet wurde. Zwischen der Mission des Sohnes und der Sendung seiner Mutter besteht eine tiefe innere Einheit. Die Mission der Kirche müsse mit einem „marianischen Notenschlüssel“ versehen werden. Neuevangelisierung ist die logische Konsequenz, die sich aus der Freude am Glauben von selbst ergibt.

Die Gottesfrage in modernen Gesellschaften

Abschließend beleuchtet der Kardinal „das Erbe des Pontifikats von Benedikt XVI.“ (S. 230-240): In diesem Vortrag aus dem Jahr 2013 betont er, dass der papa emerito die Kirche vornehmlich durch sein Lehren geleitet hat. Papst Benedikt wird man „gewiss als einen der großen Kirchenlehrer in Erinnerung behalten“. Wenn die Wahrheit nur eine mathematische Formel wäre, würde sie sich von selbst aufdrängen. Weil sie jedoch Liebe ist, verlangt sie den Glauben. „Im klaren Bewusstsein, dass die Frage nach Gott für die Zukunftsfragen der Menschheit von grundlegender Bedeutung ist, hat Papst Benedikt mit seinen großen Reden wesentlich dazu beigetragen, dass die Gottesfrage in den modernen Gesellschaften wach gehalten wird“ (S. 234). Die „entscheidende Herzmitte“ des Pontifikats von Benedikt XVI. besteht in der Christozentrik seiner Verkündigung.

Summa summarum: Mit diesem Buch legt der Schweizer Kardinal, der das Wirken von Papst Benedikt seit Jahrzehnten intensiv wahrgenommen hat, ein überaus kompetentes Werk vor. Dem Verfasser gelingt es, die entscheidenden theologischen und pastoralen Einsichten des emeritierten Papstes klar zu benennen und damit einer breiten Rezeption dieses Theologenpapstes den Weg zu bereiten. Prof. Dr. Josef Kreiml

Kurt Kardinal Koch, Bund zwischen Liebe und Vernunft. Das theologische Erbe von Papst Benedikt XVI., 240 Seiten, Verlag Herder, Freiburg 2016, ISBN 978-3-451-37533-0, 26 Euro.

(Quelle: Webseite des Bistums Regensburg, 28.12.2016)

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Quelle

Ö: „Papst will Konzil umsetzen und muss dabei querdenken“

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Papst Franziskus, querdenken und hochschauen

Papst Franziskus bemüht sich konsequent um die Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils und muss in diesem Bemühen mitunter auch ein innerkirchlicher Provokateur und Querdenker sein: Dieses Resümee hat der Jesuit und Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“, P. Andreas Batlogg gezogen. In einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Furche“ zum 80. Geburtstag des Papstes betont Batlogg, dass dieser nicht lehrmäßig auf die Zeit reagieren wolle. Er wolle vielmehr „das Konzil umsetzen – und Türen öffnen“, so der Jesuit: „Hinter verschlossenen oder verschlossen geglaubten Türen warten Möglichkeiten. Das löst Angst aus.“

Ein Papst, der „ausprobiert“…

Papst Franziskus probiere aus – und wenn eine Idee misslinge, folge die nächste. Batlogg: „Manches kommt spontan. Aber von Herzen: Wie das Jahr der Barmherzigkeit, das mit dem Schließen der Heiligen Pforten nicht einfach zu Ende ist.“ Der Papst verstehe Barmherzigkeit als Programm der Kirche, nicht nur seines Pontifikats. Dass Papst Franziskus polarisiert und die Kirche spaltet, seien „absurde Unterstellungen“, betont Batlogg, „geschürt meistens von Frustrierten, die päpstlicher als der Papst sein wollen“, oder vom „Feuilletonkatholizismus“, der meint, „päpstliche Entscheidungen mit Kommentaren beeinflussen zu können“.

…und „verunsichert“

Viele in der Kirche seien freilich durch diesen Papst auch sehr verunsichert. Den einen regiere Franziskus zu wenig, den anderen zu autoritär; den einen lehre er zu wenig, für andere überhaupt nicht. Und manche würden sich – wie der Philosoph Robert Spaemann – zu der Behauptung versteigen, mit „Amoris laetitia“ sei „das Chaos“ gleichsam „mit einem Federstrich zum Prinzip erhoben“ worden. Andere befürchteten einen Imageschaden für das Papstamt, wenn zu sehr auf Kollegialität und Dezentralisierung gesetzt wird. Und der Papst „lächelt … – und geht seinen Weg weiter“.

Franziskus nehme Kommentare, Sticheleien und Angriffe freilich durchaus zur Kenntnis. Batlogg erinnert etwa an ein Interview mit der Zeitung „Avvenire“. Darin habe der Papst zu Vorwürfen, er verunsichere die Kirche, darauf hingewiesen, es müsse „im Fluss des Lebens unterschieden“ werden, „Amoris laetitia“ werde nach wie vor nicht verstanden, es gebe keine weiteren Interpretationen, man könne nicht nur nach dem Schema „Schwarz und Weiß“ denken und handeln. Der Papst sehe in den Vorwürfen auch „die Unfähigkeit, das Zweite Vatikanische Konzil wirklich und wirksam zu rezipieren“, so Batlogg.

Werbung für die „Unterscheidung der Geister“

Papst Franziskus suche auch Verbündete „und er braucht sie“, so der Jesuit weiter. Als Papst wolle er Diener sein. Die Grundgeste seines Pontifikats sei das Sich-Herabbeugen, wie er es bei der Fußwaschung am Gründonnerstag 2013, wenige Tage nach seiner Wahl, an zwölf Strafgefangenen im römischen Jugendgefängnis Casal del Marmo vollzogen hatte. Das Foto dazu habe Symbolcharakter bekommen.

Batlogg abschließend: „Der beste Jesuit ist derzeit sicher der Papst. Er ist ein perfekter Werbeträger ignatianischer Spiritualität.“ Die Kunst der Unterscheidung der Geister sei wichtig für die Kirche, „Papst Franziskus erwähnt das, wo er nur kann“.

(kap 15.12.2016 pr)

JOHANNES XXIII. (1958-1963): DAS LEBEN DES KONZILSPAPSTES

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Weltweite Anerkennung errang der „gütige Papst“ („il Papa buono“) auch als Vorkämpfer für friedliche Konfliktlösungen, insbesondere während der bedrohlichen Kuba-Krise zwischen den USA und der Sowjetunion.

 

In seinem kurzen Pontifikat setzte Johannes XXIII. Dinge in Bewegung, die kaum jemand erwartet hatte.

(1958-1963) hat die Kirchengeschichte vor allem durch die Ankündigung und Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils geprägt. Der Papst eröffnete es im Oktober 1962 nach dreijähriger Vorbereitung, konnte es aber nicht mehr zu Ende führen. Mit seiner Forderung nach einem „Aggiornamento“ („Verheutigung“) in der Kirche gab er das Leitmotiv für eine neue Ära vor. Durch seine Menschenfreundlichkeit und Bescheidenheit wurde er zu einer weit über Kirchengrenzen hinaus anerkannten und beliebten Persönlichkeit.

Angelo Roncalli stammt aus armen Verhältnissen

Toleranz und Gesprächsbereitschaft des Papstes waren Ergebnis einer harten Lebensschule. Aus seiner Herkunft aus einem armen Bauernhaus in Sotto il Monte in der Gegend von Bergamo machte er nie ein Hehl. Hier wurde Johannes XXIII. wurde am 25. November 1881 als Angelo Giuseppe Roncalli geboren.

Nach der Priesterweihe 1904 förderte sein damaliger Bischof die soziale Ader Angelo Roncallis; für seinen Einsatz für Arbeiter und Gewerkschaften und wegen seiner aufgeschlossenen Haltung wurde er bald in Rom angeschwärzt, in seinen Akten fand sich der Vermerk „des Modernismus verdächtig“.

Als Diplomat in Istanbul

Nach kurzer Tätigkeit in Rom wurde Roncalli auf die unbedeutendsten und entlegendsten Posten der damaligen päpstlichen Diplomatie abgeschoben, nach Bulgarien und Istanbul. Er selbst fühlte sich „kaltgestellt“, lernte aber zugleich den Katholizismus in einer Situation der Minderheit, in einem laizistischen Staat sowie den Überlebenskampf der von den Nazis geflohenen Juden kennen.

Roncalli wurde in dieser „Verbannung“ 63 Jahre alt, bis er 1944 von Pius XII. überraschend zum Nuntius in Paris bestellt wurde – zu dieser Zeit die wichtigste Drehscheibe der vatikanischen Diplomatie. Die Regierung in Paris mockierte sich – wie neue Archivforschungen ergaben – über seinen unkonventionellen Amtsstil und seine vielen Reisen durch das Land, die Christdemokraten warfen ihm seine guten Kontakte zu Sozialisten und „Radikalen“ vor.

Er machte Türen und Fenster der Kirche auf

Mit 71 Jahren wurde Roncalli 1953 Patriarch von Venedig und Kardinal. Auch hier mischte er sich unters Volk und zeigte keinerlei Angst vor Kontakten mit Menschen unterschiedlichster Weltanschauung. Nach dem Tod von Pius XII. wurde Roncalli am 28. Oktober 1958 zum Papst gewählt. Als die 51 Kardinäle den Patriarchen von Venedig zum neuen Papst kürten, kam bald das Wort vom „Übergangspapst“ auf. Man hatte erwartet, dass der damals fast 77-Jährige seinen Lebensabend kaum mit großen Konflikten belasten würde.

Die Amtszeit Johannes XXIII. war tatsächlich kurz: vier Jahre und sieben Monate. Doch der Roncalli-Papst setzte in dieser kurzen Zeit Dinge in Bewegung, die kaum jemand erwartet hatte.

Der neue Papst wusste mit dem ausgefeilten protokollarischen Stil seines langjährigen asketischen Vorgängers Pius XII. nichts anzufangen. Dem Diplomaten und Kirchenrechtler Pacelli war mit Roncalli ein Seelsorger gefolgt. Er suchte die Nähe der Gläubigen und des Volkes, in der Seelsorge sah er seine Hauptaufgabe.

Johannes XXIII. erklärte offen die Zeit der „vatikanischen Gefangenschaft“ der Päpste für beendet und besuchte deshalb auch demonstrativ die römischen Kirchen und Pfarren, ja sogar das Gefängnis „Regina Coeli“.

Weltweites Aufsehen erregte er, als er als erster Papst seit 1870 wieder Rom verließ und Wallfahrten nach Assisi und Loreto unternahm. Damit leitete er die „Reisepastoral“ seiner Nachfolger Paul VI. und Johannes Paul II.

„Der Menschheitsfamilie ein Konzil schenken“

Mit einer Einladung an alle Bischöfe der Weltkirche erfolgte zu Weihnachten 1961 die Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils. „Wir hielten die Zeit für reif“, schrieb der Papst in seiner Konstitution „Humanae salutis“ vom 25. Dezember 1961, „der katholischen Kirche und der Menschheitsfamilie die Möglichkeit eines neuen Ökumenischen Konzils zu schenken“.

Johannes XXIII. wollte kein Verurteilungs- oder Lehrkonzil mit neuen Dogmen, sondern ein von der Seelsorge geprägtes, dialogisches, nicht-autoritäres: eine Denkfabrik für die Fragen, die die Christen im 20. Jahrhunderts bewegten.

Am 11. Oktober 1962 eröffnete der Papst die bisher letzte beschlussfassende Versammlung der rund 2.800 katholischen Bischöfe, die nach seinem Tod 1963 durch seinen Nachfolger Papst Paul VI. fortgesetzt und am 8. Dezember 1965 abgeschlossen wurde. Bei der Eröffnung erklärte Johannes XXIII., er wolle den „Unglückpropheten“ der Zeit „entschieden widersprechen“ und sich furchtlos an die Aufgaben begeben, die das Jahrhundert an die Kirche stelle.

Noch bevor das Konzil begann, zeigten sich die Konfliktlinien zwischen „Bewahrern“ und „Reformern“, die sich später bei den entscheidenden Sitzungen des Konzils vertiefen sollten. Wohl niemand – auch nicht Johannes XXIII. selbst – konnte ahnen, wie viel Aktenstudium, wie viel theologisches und kirchenpolitisches Ringen und wie viel Gebet und „Wehen des Heiligen Geistes“ d8afür noch notwendig sein würden.

Anfang der Ökumene

Auch Vertreter der anderen christlichen Kirchen waren als Beobachter eingeladen. Damit wurde ein ökumenischer Dialog eröffnet, den die katholische Kirche bis dahin auf höchster offizieller Ebene verweigert hatte. Als erster Papst seit Jahrhunderten empfing er orthodoxe, protestantische und anglikanische Kirchenführer.

Die Sozialenzykliken

Zum Pontifikat Johannes‘ XXIII. gehören aber auch sieben Enzykliken, darunter „Mater et Magistra“ (1961) über die katholische Soziallehre sowie „Pacem in Terris“ (1963). In letzterer, die er „an alle Menschen guten Willens“ richtete, rief er zur internationalen Zusammenarbeit für Frieden und Gerechtigkeit auf.

„Meine Koffer sind gepackt“

Mit zunehmender Amtsdauer wurde immer deutlicher, dass Johannes XXIII. an ein schweres Krebsleiden hatte. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt rund zehn Tage vor seinem Tod sagte er zu den Hunderttausenden Menschen auf dem Petersplatz in Rom: „Sorgt euch doch nicht so sehr um mich. Ich bin bereit, die große Reise anzutreten. Meine Koffer sind gepackt. Ich kann jederzeit abfahren.“ Johannes XXIII. starb am Pfingstmontag, 3. Juni 1963, um 19.49 Uhr im Apostolischen Palast im Vatikan. Am 3. September 2000 wurde Johannes XXIII. von Johannes Paul II. seliggesprochen.

Erstellt von: KAP (23.4.2014)

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Papst: Keine Rücknahme der Liturgiereform

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Eine „Reform der Reform“ hatte Kardinal Robert Sarah mit Blick auf die Liturgie angekündigt. Der Papst widerspricht diesem Vorhaben nun erneut – und erklärt, was es mit der „Alten Messe“ auf sich hat.

Papst Franziskus hat einer teilweisen Rücknahme der Liturgiereform erneut eine Absage erteilt. Es sei ein „Irrtum, von einer ‚Reform der Reform‘ zu sprechen“, sagte er in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview. Er bekräftigte zugleich, dass die Feier der Messe nach dem vorkonziliaren Messbuch von 1962 eine Ausnahme bleibe. Man müsse das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) und sein Dokument zur Liturgie „Sacrosanctum concilium“ ihrem Sinn nach in die Praxis umsetzen, so der Papst.

Sein Vorgänger Benedikt XVI. habe „eine richtige und großzügige Geste vollzogen“, sagte Franziskus mit Blick auf dessen Wiederzulassung der „Alten Messe“ als außerordentliche Form des römischen Ritus im Jahr 2007. Mit seiner Entscheidung sei Benedikt XVI. „einer bestimmten Mentalität verschiedener Gruppen und Einzelpersonen“ entgegengekommen, „die nostalgisch waren und sich entfernt hatten“. Dies bleibe jedoch die Ausnahme. „Deswegen sprechen wir ja auch von der außerordentlichen Form des Ritus. Das ist nicht die ordentliche Form,“ sagte Franziskus im Gespräch mit dem italienischen Jesuiten Antonio Spadaro.

Papst widerspricht Kardinal Sarah

Der vatikanische Liturgie-Verantwortliche, Kardinal Robert Sarah, hatte im Juli gesagt, der Papst habe ihn mit einer „Reform der Reform“ beauftragt, also mit einer teilweisen Rücknahme der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Der Präfekt der Gottesdienst-Kongregation hatte Priestern in demselben Vortrag in London vorgeschlagen, die Messe probeweise wieder mit dem Rücken zum Kirchenvolk zu zelebrieren.

Als Reaktion auf das große Medienecho dieser Äußerungen stellte der Vatikan klar, dass eine Änderung der Zelebrationsrichtung nicht geplant sei. Zudem hätten sich der Papst und Sarah darauf verständigt, dass der Begriff „Reform der Reform“ nicht verwendet werden sollte, weil er Missverständnisse hervorrufe.

Das Gespräch des Chefredakteurs der italienischen Jesuiten-Zeitschrift „Civilta Cattolica“ mit dem Papst ist Teil eines Bandes mit Predigten, die der heutige Papst als Erzbischof von Buenos Aires hielt. Das Buch wurde am Donnerstag im Vatikan von Spadaro, Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, dem neuen Generaloberen der Jesuiten, Pater Arturo Sosa, sowie dem ehemaligen Pressesprecher des Papstes, Jesuitenpater Federico Lombardi, vorgestellt. (KNA)

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Papst Benedikt XVI. zur richtigen Rezeption und Hermeneutik des II. Vatikanischen Konzils

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Zitat aus der Ansprache an das Kardinalskollegium
und die Mitglieder der Römischen Kurie beim Weihnachtsempfang

Donnerstag, 22. Dezember 2005

Das letzte Ereignis dieses Jahres, bei dem ich bei dieser Gelegenheit verweilen möchte, ist der Abschluß des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 40 Jahren. Dieser Anlaß läßt Fragen aufkommen: Welches Ergebnis hatte das Konzil? Ist es richtig rezipiert worden? Was war an der Rezeption des Konzils gut, was unzulänglich oder falsch? Was muß noch getan werden? Niemand kann leugnen, daß in weiten Teilen der Kirche die Konzilsrezeption eher schwierig gewesen ist, auch wenn man auf das, was in diesen Jahren geschehen ist, nicht die Schilderung der Situation der Kirche nach dem Konzil von Nizäa, die der große Kirchenlehrer Basilius uns gegeben hat, übertragen will: Er vergleicht die Situation mit einer Schiffsschlacht in stürmischer Nacht und sagt unter anderem: »Das heisere Geschrei derer, die sich im Streit gegeneinander erheben, das unverständliche Geschwätz, die verworrenen Geräusche des pausenlosen Lärms, all das hat fast schon die ganze Kirche erfüllt und so durch Hinzufügungen oder Auslassungen die rechte Lehre der Kirche verfälscht …« (vgl. De Spiritu Sancto, XXX, 77; PG32, 213 A; SCh 17bis, S. 524). Wir wollen dieses dramatische Bild nicht direkt auf die nachkonziliare Situation übertragen, aber etwas von dem, was geschehen ist, kommt darin zum Ausdruck. Die Frage taucht auf, warum die Rezeption des Konzils in einem großen Teil der Kirche so schwierig gewesen ist. Nun ja, alles hängt ab von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik, von seiner korrekten Deutung und Umsetzung. Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, daß zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen, was in der Stille geschah, aber immer deutlicher sichtbar wurde, und sie trägt auch weiterhin Früchte. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich »Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches« nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die »Hermeneutik der Reform«, der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität; die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg. Die Hermeneutik der Diskontinuität birgt das Risiko eines Bruches zwischen vorkonziliarer und nachkonziliarer Kirche in sich. Ihre Vertreter behaupten, daß die Konzilstexte als solche noch nicht wirklich den Konzilsgeist ausdrückten. Sie seien das Ergebnis von Kompromissen, die geschlossen wurden, um Einmütigkeit herzustellen, wobei viele alte und inzwischen nutzlos gewordene Dinge mitgeschleppt und wieder bestätigt werden mußten. Nicht in diesen Kompromissen komme jedoch der wahre Geist des Konzils zum Vorschein, sondern im Elan auf das Neue hin, das den Texten zugrunde liege: nur in diesem Elan liege der wahre Konzilsgeist, und hier müsse man ansetzen und dementsprechend fortfahren. Eben weil die Texte den wahren Konzilsgeist und seine Neuartigkeit nur unvollkommen zum Ausdruck brächten, sei es notwendig, mutig über die Texte hinauszugehen und dem Neuen Raum zu verschaffen, das die tiefere, wenn auch noch nicht scharf umrissene Absicht des Konzils zum Ausdruck bringe. Mit einem Wort, man solle nicht den Konzilstexten, sondern ihrem Geist folgen. Unter diesen Umständen entsteht natürlich ein großer Spielraum für die Frage, wie dieser Geist denn zu umschreiben sei, und folglich schafft man Raum für Spekulationen. Damit mißversteht man jedoch bereits im Ansatz die Natur eines Konzils als solchem. Es wird so als eine Art verfassunggebende Versammlung betrachtet, die eine alte Verfassung außer Kraft setzt und eine neue schafft. Eine verfassunggebende Versammlung braucht jedoch einen Auftraggeber und muß dann von diesem Auftraggeber, also vom Volk, dem die Verfassung dienen soll, ratifiziert werden. Die Konzilsväter besaßen keinen derartigen Auftrag, und niemand hatte ihnen jemals einen solchen Auftrag gegeben; es konnte ihn auch niemand geben, weil die eigentliche Kirchenverfassung vom Herrn kommt, und sie uns gegeben wurde, damit wir das ewige Leben erlangen und aus dieser Perspektive heraus auch das Leben in der Zeit und die Zeit selbst erleuchten können. Die Bischöfe sind durch das Sakrament, das sie erhalten haben, Treuhänder der Gabe des Herrn. Sie sind »Verwalter von Geheimnissen Gottes« (1 Kor 4,1); als solche müssen sie als »treu und klug« (vgl. Lk 12,41–48) befunden werden. Das heißt, daß sie die Gabe des Herrn in rechter Weise verwalten müssen, damit sie nicht in irgendeinem Versteck verborgen bleibt, sondern Früchte trägt, und der Herr am Ende zum Verwalter sagen kann: »Weil du im Kleinsten treu gewesen bist, will ich dir eine große Aufgabe übertragen« (vgl. Mt 25,14–30; Lk 19,11–27). In diesen biblischen Gleichnissen wird die Dynamik der Treue beschrieben, die im Dienst des Herrn wichtig ist, und in ihnen wird auch deutlich, wie in einem Konzil Dynamik und Treue eins werden müssen.

Der Hermeneutik der Diskontinuität steht die Hermeneutik der Reform gegenüber, von der zuerst Papst Johannes XXIII. in seiner Eröffnungsansprache zum Konzil am 11. Oktober 1962 gesprochen hat und dann Papst Paul VI. in der Abschlußansprache am 7. Dezember 1965. Ich möchte hier nur die wohlbekannten Worte Johannes’ XXIII. zitieren, die diese Hermeneutik unmißverständlich zum Ausdruck bringen, wenn er sagt, daß das Konzil »die Lehre rein und vollständig übermitteln will, ohne Abschwächungen oder Entstellungen« und dann fortfährt: »Unsere Pflicht ist es nicht nur, dieses kostbare Gut zu hüten, so als interessierte uns nur das Altehrwürdige an ihm, sondern auch, uns mit eifrigem Willen und ohne Furcht dem Werk zu widmen, das unsere Zeit von uns verlangt… Es ist notwendig, die unumstößliche und unveränderliche Lehre, die treu geachtet werden muß, zu vertiefen und sie so zu formulieren, daß sie den Erfordernissen unserer Zeit entspricht. Eine Sache sind nämlich die Glaubensinhalte, also die in unserer ehrwürdigen Lehre enthaltenen Wahrheiten, eine andere Sache ist die Art, wie sie formuliert werden, wobei ihr Sinn und ihre Tragweite erhalten bleiben müssen« (S. Oec. Conc. Vat. II Constitutiones Decreta Declarationes, 1974, S. 863–65). Es ist klar, daß der Versuch, eine bestimmte Wahrheit neu zu formulieren, es erfordert, neu über sie nachzudenken und in eine neue, lebendige Beziehung zu ihr zu treten; es ist ebenso klar, daß das neue Wort nur dann zur Reife gelangen kann, wenn es aus einem bewußten Verständnis der darin zum Ausdruck gebrachten Wahrheit entsteht, und daß die Reflexion über den Glauben andererseits auch erfordert, daß man diesen Glauben lebt. In diesem Sinne war das Programm, das Papst Johannes XXIII. vorgegeben hat, äußerst anspruchsvoll, wie auch die Verbindung von Treue und Dynamik anspruchsvoll ist. Aber überall dort, wo die Rezeption des Konzils sich an dieser Auslegung orientiert hat, ist neues Leben gewachsen und sind neue Früchte herangereift. 40 Jahre nach dem Konzil können wir die Tatsache betonen, daß seine positiven Folgen größer und lebenskräftiger sind, als es in der Unruhe der Jahre um 1968 den Anschein haben konnte. Heute sehen wir, daß der gute Same, auch wenn er sich langsam entwickelt, dennoch wächst, und so wächst auch unsere tiefe Dankbarkeit für das Werk, das das Konzil vollbracht hat.

Paul VI. hat dann in seiner Abschlußrede zum Konzil noch einen speziellen Grund aufgezeigt, warum eine Hermeneutik der Diskontinuität überzeugend erscheinen könnte. In der großen Kontroverse um den Menschen, die bezeichnend ist für die Moderne, mußte das Konzil sich besonders dem Thema der Anthropologie widmen. Es mußte über das Verhältnis zwischen der Kirche und ihrem Glauben auf der einen und dem Menschen und der heutigen Welt auf der anderen Seite nachdenken (ebd., S. 1066f.). Das Problem wird noch deutlicher, wenn wir anstatt des allgemeinen Terminus »heutige Welt« ein anderes, treffenderes Wort wählen: Das Konzil mußte das Verhältnis von Kirche und Moderne neu bestimmen. Dieses Verhältnis hatte mit dem Prozeß gegen Galilei einen sehr problematischen Anfang genommen. Es war im Folgenden vollkommen zerbrochen, als Kant die »Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft« beschrieb und als in der radikalen Phase der Französischen Revolution ein Staats- und Menschenbild Verbreitung fand, das der Kirche und dem Glauben praktisch keinen Raum mehr zugestehen wollte. Der Zusammenstoß des Glaubens der Kirche mit einem radikalen Liberalismus und auch mit den Naturwissenschaften, die sich anmaßten, mit ihren Kenntnissen die ganze Wirklichkeit bis zu ihrem Ende zu erfassen, und sich fest vorgenommen hatten, die »Hypothese Gott« überflüssig zu machen, hatte im 19. Jahrhundert seitens der Kirche unter Pius IX. zu harten und radikalen Verurteilungen eines solchen Geistes der Moderne geführt. Es gab somit scheinbar keinen Bereich mehr, der offen gewesen wäre für eine positive und fruchtbare Verständigung, und diese wurde von denjenigen, die sich als Vertreter der Moderne fühlten, auch drastisch abgelehnt. In der Zwischenzeit hatte jedoch auch die Moderne Entwicklungen durchgemacht. Man merkte, daß die amerikanische Revolution ein modernes Staatsmodell bot, das anders war als das, welches die radikalen Tendenzen, die aus der zweiten Phase der französischen Revolution hervorgegangen waren, entworfen hatten. Die Naturwissenschaften begannen, immer klarer über die eigenen Grenzen nachzudenken, die ihnen von ihrer eigenen Methode auferlegt wurden, die, auch wenn sie große Dinge vollbrachte, dennoch nicht in der Lage war, die gesamte Wirklichkeit zu erfassen. So begannen beide Seiten, immer mehr Offenheit füreinander zu zeigen. In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen und verstärkt nach dem Zweiten Weltkrieg hatten katholische Staatsmänner bewiesen, daß es einen säkularen modernen Staat geben kann, der dennoch nicht wertneutral ist, sondern sein Leben aus den großen Quellen christlicher Ethik schöpft. Die katholische Soziallehre, die sich nach und nach entwickelt hatte, war zu einem wichtigen Modell neben dem radikalen Liberalismus und der marxistischen Staatstheorie geworden. Die Naturwissenschaften, die sich rückhaltlos zu einer eigenen Methode bekannten, in der Gott keinen Zugang hatte, merkten immer deutlicher, daß diese Methode nicht die volle Wirklichkeit umfaßte, und öffneten daher Gott wieder die Türen, da sie wußten, daß die Wirklichkeit größer ist als die naturwissenschaftliche Methode und das, was mit dieser erfaßt werden kann. Man könnte sagen, daß sich drei Fragenkreise gebildet hatten, die jetzt, zur Zeit des Zweiten Vaticanums, auf eine Antwort warteten. Vor allem war es notwendig, das Verhältnis von Glauben und modernen Wissenschaften neu zu bestimmen; das galt übrigens nicht nur für die Naturwissenschaften, sondern auch für die Geschichtswissenschaft, weil in einer gewissen Schule die Vertreter der historisch-kritischen Methode das letzte Wort in der Bibelauslegung für sich in Anspruch nahmen und sich – da sie behaupteten, das einzig mögliche Schriftverständnis zu besitzen – in wichtigen Punkten der Auslegung, die dem Glauben der Kirche erwachsen war, widersetzten. Zweitens mußte das Verhältnis von Kirche und modernem Staat neu bestimmt werden, einem Staat, der Bürgern verschiedener Religionen und Ideologien Platz bot, sich gegenüber diesen Religionen unparteiisch verhielt und einfach nur die Verantwortung übernahm für ein geordnetes und tolerantes Zusammenleben der Bürger und für ihre Freiheit, die eigene Religion auszuüben. Damit war drittens ganz allgemein das Problem der religiösen Toleranz verbunden – und das verlangte eine Neubestimmung des Verhältnisses von christlichem Glauben und Weltreligionen. Angesichts der jüngsten Verbrechen, die unter der nationalsozialistischen Herrschaft geschehen waren, und überhaupt im Rückblick auf eine lange und schwierige Geschichte mußte besonders das Verhältnis der Kirche zum Glauben Israels neu bewertet und bestimmt werden.

All diese Themen sind von großer Tragweite – es waren die großen Themen der zweiten Konzilshälfte –, und es ist in diesem Zusammenhang nicht möglich, sich eingehender mit ihnen zu befassen. Es ist klar, daß in all diesen Bereichen, die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und daß in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war. Trotzdem stellte sich jedoch heraus, daß, nachdem man zwischen verschiedenen konkreten historischen Situationen und ihren Ansprüchen unterschieden hatte, in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war – eine Tatsache, die auf den ersten Blick leicht übersehen wird. Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform. Innerhalb dieses Entwicklungsprozesses des Neuen unter Bewahrung der Kontinuität mußten wir lernen – besser, als es bis dahin der Fall gewesen war – zu verstehen, daß die Entscheidungen der Kirche in bezug auf vorübergehende, nicht zum Wesen gehörende Fragen – zum Beispiel in Bezug auf bestimmte konkrete Formen des Liberalismus oder der liberalen Schriftauslegung – notwendigerweise auch selbst vorübergehende Antworten sein mußten, eben weil sie Bezug nahmen auf eine bestimmte in sich selbst veränderliche Wirklichkeit. Man mußte lernen, zu akzeptieren, daß bei solchen Entscheidungen nur die Grundsätze den dauerhaften Aspekt darstellen, wobei sie selbst im Hintergrund bleiben und die Entscheidung von innen heraus begründen. Die konkreten Umstände, die von der historischen Situation abhängen und daher Veränderungen unterworfen sein können, sind dagegen nicht ebenso beständig. So können die grundsätzlichen Entscheidungen ihre Gültigkeit behalten, während die Art ihrer Anwendung auf neue Zusammenhänge sich ändern kann. So wird beispielsweise die Religionsfreiheit dann, wenn sie eine Unfähigkeit des Menschen, die Wahrheit zu finden, zum Ausdruck bringen soll und infolgedessen dem Relativismus den Rang eines Gesetzes verleiht, von der Ebene einer gesellschaftlichen und historischen Notwendigkeit auf die ihr nicht angemessene Ebene der Metaphysik erhoben und so ihres wahren Sinnes beraubt, was zur Folge hat, daß sie von demjenigen, der glaubt, daß der Mensch fähig sei, die Wahrheit Gottes zu erkennen und der aufgrund der der Wahrheit innewohnenden Würde an diese Erkenntnis gebunden ist, nicht akzeptiert werden kann. Etwas ganz anderes ist es dagegen, die Religionsfreiheit als Notwendigkeit für das menschliche Zusammenleben zu betrachten oder auch als eine Folge der Tatsache, daß die Wahrheit nicht von außen aufgezwungen werden kann, sondern daß der Mensch sie sich nur durch einen Prozeß innerer Überzeugung zu eigen machen kann. Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, daß sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet (vgl. Mt 22,21), ebenso wie mit der Kirche der Märtyrer, mit den Märtyrern aller Zeiten. Die frühe Kirche hat mit größter Selbstverständlichkeit für die Kaiser und die politisch Verantwortlichen gebetet, da sie dies als ihre Pflicht betrachtete (vgl. 1 Tim2,2); während sie aber für den Kaiser betete, hat sie sich dennoch geweigert, ihn anzubeten und hat damit die Staatsreligion eindeutig abgelehnt. Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben – für ein Bekenntnis, das von keinem Staat aufgezwungen werden kann, sondern das man sich nur durch die Gnade Gottes in der Freiheit des eigenen Gewissens zu eigen machen kann. Eine missionarische Kirche, die sich verpflichtet weiß, ihre Botschaft allen Völkern zu verkündigen, muß sich unbedingt für die Glaubensfreiheit einsetzen. Sie will die Gabe der Wahrheit, die für alle Menschen da ist, weitergeben und sichert gleichzeitig den Völkern und ihren Regierungen zu, damit nicht ihre Identität und ihre Kulturen zerstören zu wollen; sie gibt ihnen im Gegenteil die Antwort, auf die sie im Innersten warten – eine Antwort, die die Vielfalt der Kulturen nicht zerstört, sondern die Einheit unter den Menschen und damit auch den Frieden unter den Völkern vermehrt.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen dem Glauben der Kirche und bestimmten Grundelementen des modernen Denkens einige in der Vergangenheit gefällte Entscheidungen neu überdacht oder auch korrigiert, aber trotz dieser scheinbaren Diskontinuität hat sie ihre wahre Natur und ihre Identität bewahrt und vertieft. Die Kirche war und ist vor und nach dem Konzil dieselbe eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die sich auf dem Weg durch die Zeiten befindet; sie »schreitet zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg dahin« und verkündet den Tod des Herrn, bis er wiederkommt (vgl. Lumen gentium, 8). Wenn jemand erwartet hatte, daß das grundsätzliche »Ja« zur Moderne alle Spannungen lösen und die so erlangte »Öffnung gegenüber der Welt« alles in reine Harmonie verwandeln würde, dann hatte er die inneren Spannungen und auch die Widersprüche innerhalb der Moderne unterschätzt; er hatte die gefährliche Schwäche der menschlichen Natur unterschätzt, die in allen Geschichtsperioden und in jedem historischen Kontext eine Bedrohung für den Weg des Menschen darstellt. Diese Gefahren sind durch das Vorhandensein neuer Möglichkeiten und durch die neue Macht des Menschen über die Materie und über sich selbst nicht verschwunden, sondern sie nehmen im Gegenteil neue Ausmaße an: Dies zeigt ein Blick auf die gegenwärtige Geschichte sehr deutlich. Auch in unserer Zeit bleibt die Kirche ein »Zeichen, dem widersprochen wird« (Lk 2,34) – diesen Titel hatte Papst Johannes Paul II. nicht ohne Grund noch als Kardinal den Exerzitien gegeben, die er 1976 für Papst Paul VI. und die Römische Kurie hielt. Es konnte nicht die Absicht des Konzils sein, diesen Widerspruch des Evangeliums gegen die Gefahren und Irrtümer des Menschen aufzuheben. Zweifellos wollte es dagegen Gegensätze beseitigen, die auf Irrtümern beruhten oder überflüssig waren, um unserer Welt den Anspruch des Evangeliums in seiner ganzen Größe und Klarheit zu zeigen. Der Schritt, den das Konzil getan hat, um auf die Moderne zuzugehen, und der sehr unzulänglich als »Öffnung gegenüber der Welt« bezeichnet wurde, gehört letztendlich zum nie endenden Problem des Verhältnisses von Glauben und Vernunft, das immer wieder neue Formen annimmt. Die Situation, der das Konzil gegenüberstand, kann man ohne Weiteres mit Vorkommnissen früherer Epochen vergleichen. Der hl. Petrus hatte in seinem ersten Brief die Christen ermahnt, bereit zu sein, jedem eine Antwort (»apo-logia«) zu geben, der sie nach ihrem »logos«, nach dem Grund für ihren Glauben, frage (vgl. 3,15). Das hieß, daß der biblische Glaube mit der griechischen Kultur ins Gespräch treten, eine Beziehung zu ihr aufbauen und durch deren Deutung lernen mußte, sowohl das Trennende als auch die Berührungspunkte und Affinitäten unter ihnen in der einen gottgegebenen Vernunft zu erkennen. Als im 13. Jahrhundert durch jüdische und arabische Philosophen das aristotelische Gedankengut mit dem mittelalterlichen Christentum, das in der platonischen Tradition stand, in Berührung kam, und Glaube und Vernunft Gefahr liefen, in unüberwindlichen Widerspruch zueinander zu treten, war es vor allem der hl. Thomas von Aquin, der im Aufeinandertreffen von Glauben und aristotelischer Philosophie eine Vermittlerrolle einnahm und so den Glauben in positive Beziehung stellte zu der Form der vernunftgemäßen Argumentation, die zu seiner Zeit herrschte. Das mühsame Streitgespräch zwischen moderner Vernunft und christlichem Glauben, das mit dem Prozeß gegen Galilei zuerst unter negativem Vorzeichen begonnen hatte, kannte natürlich viele Phasen, aber mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam die Stunde, in der ein Überdenken auf breiter Basis erforderlich geworden war. Sein Inhalt ist in den Konzilstexten natürlich nur in groben Zügen dargelegt, aber die Richtung ist damit im Wesentlichen festgelegt, so daß der Dialog zwischen Vernunft und Glauben, der heute besonders wichtig ist, aufgrund des Zweiten Vaticanums seine Orientierung gefunden hat. Jetzt muß dieser Dialog weitergeführt werden, und zwar mit großer Offenheit des Geistes, aber auch mit der klaren Unterscheidung der Geister, was die Welt aus gutem Grund gerade in diesem Augenblick von uns erwartet. So können wir heute mit Dankbarkeit auf das Zweite Vatikanische Konzil zurückblicken: Wenn wir es mit Hilfe der richtigen Hermeneutik lesen und rezipieren, dann kann es eine große Kraft für die stets notwendige Erneuerung der Kirche sein und immer mehr zu einer solchen Kraft werden.

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Quelle — Hervorhebungen von mir (POS)

Joachim Kardinal Meisner – Predigt zur Dankfeier der Heiligsprechung der Päpste Johannes XXIII. und Johannes Paul II. am 10. Mai 2014 im Kölner Dom

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Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. „Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, stärke deine Brüder“ (Lk 22,32), sind die nüchternen Worte des Herrn vor der Berufung des Petrus als Leiter der Universalkirche. Eine solche Berufung muss den Menschen, und wenn es der genialste wäre, immer überfordern. Wenn man die Paulusbriefe liest, wird man der Schwierigkeiten schon in den einzelnen wenigen Gemeinden des Anfangs ansichtig. Wie sollte das dann erst werden, wenn das Evangelium auf dem ganzen Erdkreis Fuß gefasst hat! Wenn in allen Ländern der Erde Jünger Jesu leben und in Gemeinden, kleinen und großen, das Evangelium sichtbar machen, dann werden die Probleme des Anfangs gewiss nicht kleiner geworden sein. Der Herr wusste, was er mit dem Petrusamt einem Menschen zumutet. Und er kann das nur, indem er ihm seinen absoluten Beistand verspricht, nämlich sein Gebet. Hier schon zeigt sich die Mächtigkeit des Gebetes.

2. Dass uns in der Wende vom zweiten ins dritte Jahrtausend zwei Petrusnachfolger geschenkt worden sind, die von der Kirche am 27. April heiliggesprochen wurden, ist eine Garantie dafür, dass der Herr wirklich bei uns bleibt, bis zur Vollendung der Welt. Das 20. Jahrhundert, dessen Geschichte wohl nur mit Blut und Tränen zu schreiben ist, ließ diese beiden Päpste über sich selbst hinauswachsen. Papst Johannes Paul II. hat mit größter Intensität die Jahrhundert- bzw. Jahrtausendwende vorbereitet und war überzeugt, dass mit dem 21. Jahrhundert ein neuer, friedlicherer Abschnitt der Weltgeschichte beginnen würde. Als dann das furchtbare Ereignis in New York am 11. September 2001 passierte, war Papst Johannes Paul II. zutiefst erschüttert. Ich konnte ihn am Tag danach in Castel Gandolfo besuchen, und erlebte ihn, wie er fassungslos vor dem Fernsehapparat saß und dieses grausame 2/5 Ereignis zur Kenntnis nehmen musste. Die Welt wird kein Land des Lächelns werden! Sie bleibt Herausforderung und Auftrag für das Evangelium und damit für die Kirche, sei es gelegen oder ungelegen! Johannes Paul II. wollte seine ganze, ihm noch verbliebene Kraft einsetzen, um diese Herausforderung anzunehmen.

3. Papst Johannes XXIII. folgte dem großen Papst Pius XII., der ebenfalls in schwieriger Zeit während des Nationalsozialismus die Kirche zu leiten hatte. Ihn löste – zunächst zur Enttäuschung vieler Gläubigen – der unbekannte Patriarch von Venedig, Giovanni Roncalli, ab, der mit seiner gar nicht fortteilhaften Figur zunächst viele in Erstaunen versetzte. Johannes XXIII. lernt man erst dann richtig kennen, wenn man sein geistliches Tagebuch aufschlägt, um auch für seine eigene Christusnachfolge Hilfe, Ideen und Ermutigung zu erlangen. Die tägliche Treue in der Nachfolge Christi ließ in der Verborgenheit seines Dienstes in der Türkei einen Mann heranwachsen, den Gott für den Petrusdienst bestimmt hatte. Hier legte der Herr selbst Hand an, um ihm das notwendige Format für seinen kommenden Petrusdienst zu geben. Die tägliche gewissenhafte Verrichtung des Breviergebetes, die tägliche Zelebration der hl. Messe, die wöchentliche Beichte, die jährlichen Exerzitien, die geistliche Lektüre, die Anbetung des Allerheiligsten Tag für Tag, die Nachbarschaftshilfe an Arme waren die Bauelemente, mit denen der Geist Gottes den künftigen Papst erstehen ließ. Papst Johannes XXIII. verstand sich gleichsam als „Pfarrer der ganzen Welt“. Und wie in den Pfarreien noch vor Jahrzehnten öfter Volksmissionen fällig waren. So wollte er als Papst eine weltweite Volksmission durchführen, indem er das II. Vatikanische Konzil einberufen hatte, das nach seinem Willen ein Pastoralkonzil werden sollte, in dem es also darum ging, auf die Nöte der Zeit in der Kirche und außerhalb der Kirche eine vom Evangelium gültige und hilfreiche Antwort zu geben.

Ich selbst bin davon ein Mitbetroffener, indem ich, bzw. unser Priester-Weihekurs 1962 auf unseren Spiritual im Priesterseminar Neuzelle als unmittelbaren Inspirator für die Priesterweihe verzichten mussten. Unser Spiritual wurde als theologischer Begleiter für Kardinal Bengsch aus Berlin mit nach Rom berufen. Unsere Priesterweihe war dann am 22. Dezember 1962, sodass wir die letzte Etappe der Vorbereitung mit einem Ersatzmann auskommen musste, der es übrigens auch gut gemacht hat. So hat mich und uns damals das II. Vatikanische Konzil schon sehr deutlich tangiert.

Papst Johannes XXIII. hat das Konzil eröffnet und konnte nur die erste Sitzungsperiode leiten, nachdem ihm Gott durch sein vorbildliches Sterben abberufen hat. Vielleicht war sein gläubiges Sterben gleichsam vor aller Welt eines seiner wesentlichsten Beiträge zum Konzil. Denn alles wahrhaftige Leben als Menschen und Christen muss sich im Tod vollenden können. Johannes XXIII. hat das Konzil eröffnet, beschlossen hat es dann drei Jahre später Papst Paul VI.. Und man sagt mit Recht, Papst Paul VI. hätte in seiner intel- 3/5 lektuellen Art und reichen diplomatischen Erfahrung das Konzil nicht beginnen können, und Papst Johannes XXIII. hätte es in seiner Einfachheit nicht beenden können. So hat also die göttliche Vorsehung – wie immer in der Kirche – deutlich Regie geführt.

Das Konzil sollte nach Papst Johannes XXIII. eine Erneuerung an Haupt und Gliedern bringen. Er war überzeugt, dass alle Schwierigkeiten, Gegenargumente, Zeitströmungen und weltlichen Verhältnisse durch das Evangelium eine Verwandlung zum Guten erfahren könnten, nicht aus der Kraft menschlicher Vernunft, sondern aus der Kraft des Heiligen Geistes. „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen, und du wirst das Angesicht der Erde erneuern“, war ein Lieblingsgebet von Papst Johannes XXIII.. Darauf wollte er die Probe aufs Exempel machen. Und er war überzeugt von dem Schriftwort, dass es die Freude Gottes ist, bei den Menschen zu sein. Darum sollte das Konzil auch eine große Freude für den lebendigen Gott in seiner Kirche sein.

Nun hat die Kirche diesen Pfarrer im Weltmaßstab zur Ehre der Altäre erhoben. Wir wissen ihn nun als eine normative Gestalt des Evangeliums in unserer Zeit neben uns und als unseren Anwalt im himmlischen Jerusalem bei uns. Er kennt die Nöte der modernen Welt aus eigener Erfahrung und weiß als heiliger Papst Johannes XXIII. ein helfendes Wort bei Gott, dem Geber aller guten Gaben, für uns einzulegen.

4. Papst Johannes Paul II. ist der Nach-Nachfolger vom heiligen Papst Johannes XXIII.. Auf Letzteren folgte Papst Paul VI., und nach ihm begann dann das 30-tägige Pontifikat von Johannes Paul I. Am 16. Oktober 1978 darauf trat der Erzbischof von Krakau, Karel Woityła, den Petrusdienst als Papst Johannes Paul II. an. Schon wie der Name zeigt, wollte er – wie Johannes Paul I. – die beiden großartigen Pontifikate von Johannes XXIII. und Papst Paul VI. weiterführen.

Der heilige Papst Johannes Paul II. war beschenkt mit einer Genialität des Herzens, aber auch mit einer Genialität des Kopfes. Er war ein typisch Intellektueller, und er war dabei – was selten vorkommt – ein großartiger Mystiker. Die göttliche Vorsehung hat ihn uns gerade für diese Zeit des Jahrtausendwechsels mit allen Schwierigkeiten und Chancen geschenkt. Der heilige Johannes Paul II. kommt aus der Bewährung der großen Christenverfolgungen der Nazis und der Kommunisten. Diese Ideologien haben ihn zutiefst davon überzeugt, dass nur das Evangelium imstande ist, intellektuell und vital die narzistische und die marxistische Ideologien zu überwinden und dass weiter nur das Evangelium, das Christus selbst in der Welt gegenwärtig setzt, die Kraft hat, die Menschheit von diesen dunklen Mächten zu befreien.

Mir persönlich bleiben zwei Ereignisse mit dem heiligen Papst Johannes Paul II. unvergesslich, die ganz unterschiedlich sind. Die erste Erfahrung 4/5 war im Jahre 1975. Erzbischof, Kardinal Woityła, hatte uns in Erfurt besucht, um die große Herbstwallfahrt im September mit dem Volke Gottes in Thüringen zu feiern. Er war schon am Samstag angereist. Um 8.00 Uhr war das Frühstück angesetzt, aber seit 5.00 Uhr war Karol Woityła in der Bischofshauskapelle tief im Gebet versunken. Nach Erfurt besuchte er dann noch die Bischofsstädte Berlin, Dresden und Görlitz. Von dort wurde das Gleiche berichtet, dass der Krakauer Erzbischof, auch wenn es am Abend vorher sehr spät geworden ist, früh um 5.00 Uhr auf den Knien vor dem Tabernakel lag, tief versunken in die Gegenwart des lebendigen Gottes. Der heilige Papst Johannes Paul II. war wirklich ein großer Beter. Auf manchen Bildern wird er gezeigt, wie er mit seinem päpstlichen Kreuzstab gleichsam zu einer Gestalt verschmolzen war. Das aber ist der hl. Johannes Paul II., wie er war und jetzt als Heiliger ist. Und darum konnte er die Menschen mit dem Evangelium berühren, konnte er sie in Kontakt bringen mit Christus, dem Sohn des lebendigen Gottes.

Und das zweite Ereignis, das mir unvergesslich blieb, war der erste Besuch nach seiner Papstwahl 1979 in Warschau, wo er zum ersten Mal als Papst aus Polen seine polnische Heimat besuchte. Er predigte über das Gebet der Kirche zum Heiligen Geist: „Sende aus deinen Geist, und alles wird neu geschaffen. Und du wirst das Angesicht der Erde erneuern!“. Und dann sagte er darauf: „Du wirst das Angesicht der Erde erneuern, und zwar dieser Erde! Hier, wo wir stehen, im Zentrum von Warschau, auf dem Heldenplatz. Du wirst das Angesicht dieser Erde hier erneuern! Dazu ist er willens, und dazu ist er vor allen Dingen in der Lage“. Und das hat er mit einer solchen Selbstverständlichkeit und Eindringlichkeit den Menschen ans Herz legen können, dass die Hörer der Überzeugung waren: „Ja, die Erneuerung ist ja schon jetzt ein großes Stück passiert“. Und dann entwickelte sich ja daraus die Bewegung, die den Kommunismus überwunden hat. Der Papst hat es nicht mit politischen Aktionen oder mit politischen Mitteln bewirkt, sondern rein durch die Verkündigung des Evangeliums, die den Menschen als Kind Gottes seine Freiheit und seine Rechte garantiert, die kein menschliches System verletzen darf.

Johannes Paul II. war ein Gigant des Glaubens und der Liebe. Und weil er die Versklavung des Menschen in der Nazi-Ideologie und bei den Kommunisten erlebt hat, hat er sich so leidenschaftlich und so kompetent für den Menschen eingesetzt, den Gott als sein Abbild, als Mann und Frau geschaffen und in der Ehe berufen hat, aus dieser Zweiheit eine Trinität zu schaffen, nämlich die Familie. Darum war die Sorge um die Heiligkeit von Ehe und Familie das Herzstück seines theologischen Denkens und Tuns. – Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen. Dafür ist Papst Johannes Paul II. gegen alle Relativierungen in- und außerhalb der Kirche eingetreten, um der Würde der Menschen willen. Papst Benedikt XVI. bezeugt, dass der hl. Johannes Paul II. bei seiner Audienz am 13. März 1981 auf dem Petersplatz in 5/5 Rom die Gründung eines Päpstlichen Institutes für Ehe und Familie verkünden wollte. Dabei trafen ihn die Kugeln des Attentates, sodass die Gründung erst später erfolgen konnte. Wie überaus wichtig Ehe und Familie für das Heil des Menschen in der Welt ist, zeigt dieses Attentat. Die Hölle wollte den Herold der Heiligkeit von Ehe und Familie töten. Sie ist auf diesem Gebiet bis heute wirksam geblieben.

Nicht nur wir als katholische Kirche, sondern die gesamte Christenheit, ja die Menschheit, hat diesen beiden neuen Heiligen sehr viel zu verdanken. Sie haben zwar keine Nobelpreise empfangen, aber die Heiligsprechung ist ein Nobelpreis, den Gott selbst verleiht. Und sie ist ein Geschenk an uns, denn wir haben die beiden neuen Heiligen nicht nur als Giganten vor uns, sondern als freundliche und zuverlässige Wegbegleiter neben uns, als Fürsprecher über uns und als lockendes Ziel vor uns. Heiliger Papst Johannes XXIII., heiliger Papst Johannes Paul II., ihr seid für viele von uns noch Zeitgenossen. Bittet für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes! Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof em. von Köln

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