Papst zum Welttag der Armen: Gelegenheit zur Neuevangelisierung

Der Papst beim gemeinsamen Essen mit Bedürftigen (Servizio Fotografico „Osservatore Romano“ @L’Osservatore Romano)

Eine Einladung, die Begegnung mit den Armen als besondere Gelegenheit zur Neuevangelisierung zu leben, kommt von Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Welttag der Armen. Diese hat der Vatikan an diesem Donnerstag veröffentlicht. „Da ist ein Armer; er rief und der Herr erhörte ihn“ (Ps 34,7) ist das Psalmwort, anhand dessen Franziskus seine Überlegungen entfaltet.

Christine Seuss – Vatikanstadt

Dieser Psalm, so der Papst, ermögliche es heute auch uns, zu verstehen, wer die wahrhaft Armen seien. Man habe sich mittlerweile daran gewohnt, die vielen Brüder und Schwestern, die in Not lebten, allgemein als „arm“ zu bezeichnen. Gott, so erinnert Franziskus, hat eine besondere Zuneigung zu den Menschen, die im irdischen Leben mit Füßen getreten, verfolgt und ausgegrenzt werden.

Drei Worte des Psalms seien es, die die Beziehung zwischen Gott und den Armen in besonderer Weise charakterisierten, führt Franziskus weiter aus. Diese Worte seien: „schreien“, „antworten“ und „befreien“.

“ An einem Welttag wie diesem sind wir zu einer ernsthaften Gewissenserforschung aufgerufen, um uns darüber klar zu werden, ob wir wirklich fähig sind, auf die Armen zu hören ”

Der Schrei, den der Arme in seiner Verzweiflung und Einsamkeit zum Himmel richte, werde von Gott erhört. Doch, so die Mahnung des Papstes, wir selbst müssten Gewissenserforschung darüber vornehmen, weshalb ein Schrei, der bis zu Gott dringe, von uns ignoriert werden könne. Zum Hinhören gehörten auch die Stille, das Schweigen, das auch im Getöse einiger „verdienstvoller und notwendiger Initiativen“ untergehen könne, die „häufig mehr darauf ausgerichtet sind, uns selbst zu gefallen, als darauf, den Schrei des Armen wirklich wahrzunehmen“.

Man sei allzu gefangen in einer Kultur, die der Selbstbeschau diene, so dass man fälschlicherweise das Gefühl haben könne, eine „Geste der Selbstlosigkeit“ entpflichte einen von seiner Verantwortung, ohne sich vertieft einzubringen.

“ Der Welttag der Armen will eine kleine Antwort sein, die sich von der Kirche, die über die ganze Welt verstreut ist, an die Armen jeder Art und jeden Landes richtet, damit sie nicht denken, ihr Schrei sei auf taube Ohren gestoßen. ”

Die „Antwort“ des Herrn auf den Ruf des Armen sei hingegen eine „Anteilnahme voller Liebe“ an dessen Situation. Gleichzeitig sei sie ein Appell an jeden Gläubigen, „innerhalb der Grenzen des menschlich Möglichen“ ebenso zu handeln. Hierbei sei es mit Almosen nicht getan, erinnert der Papst, denn es sei das persönliche Engagement, das wirklich wertvoll für die Geschwister in Not sei.

Eine Absage an rein materielle karitative Unterstützung also, während die Notwendigkeit von „liebevoller Zuwendung“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 199) betont wird, „die den anderen als Person ehrt und sein Wohl sucht“.

“ Die Armut wird nicht gesucht, sondern vom Egoismus, vom Stolz, von der Gier und von der Ungerechtigkeit erzeugt. ”

Ein drittes Wort, „befreien“: Das Eingreifen Gottes, das in zahlreichen Bibelstellen geschildert wird, befreit den Armen aus seiner Situation und gibt ihm die Möglichkeit, „zügig“ voranzuschreiten und „die Welt mit klaren Augen“ zu sehen.

Doch es dürfe nicht beim Eingreifen Gottes bleiben, vielmehr sei „jeder Christ und jede Gemeinschaft“ berufen, „Werkzeug Gottes für die Befreiung und die Förderung der Armen zu sein, so dass diese sich vollkommen in die Gesellschaft einfügen können“, zitierte Franziskus abermals aus seinem Programmschreiben Evangelii gaudium (187).

“ Wie viele Wege führen auch heute noch zu Formen der mangelnden Absicherung! ”

Es sei leider die herrschende Tendenz, eine Distanz zwischen sich und dem Armen, den man als störendes Element wahrnehme, zu schaffen, beklagt Franziskus. Er weist darauf hin, dass man „sich auf diese Weise vom Herrn Jesus distanziert, der sie nicht zurückweist, sondern sie zu sich ruft und sie tröstet“.

Anschließend geht der Papst auf konkrete Initiativen ein, die mit dem Welttag des Armen in Verbindung stehen können. Unter ihnen, an erster Stelle, das gemeinsame Mahl, das neben der Sättigung des hungrigen Magens auch eine echte Form der Gemeinschaft und des Dialogs mit den benachteiligten Menschen darstelle.

“ Oft gelingt es in der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren, die zwar nicht vom Glauben, aber von der menschlichen Solidarität bewegt sind, eine Hilfe zu bringen, die wir alleine nicht verwirklichen könnten. ”

Dabei warnt der Papst davor, den Glauben als Alleinstellungsmerkmal für solidarisches und karitatives Handeln zu sehen. Die Begrenztheit der menschlichen Mittel mache es nötig, Formen der Zusammenarbeit zu suchen, während der evangelische Auftrag der Nächstenliebe nicht darauf ausgerichtet sei, sich selbst und sein Handeln in den Vordergrund zu rücken, so die päpstliche Mahnung.

„Wir sind bewegt vom Glauben und vom Gebot der Nächstenliebe“, führt Franziskus in seiner Botschaft aus, „doch wissen wir andere Formen der Hilfe und der Solidarität anzuerkennen, die sich teilweise dieselben Ziele setzen; wenn wir nur nicht das vernachlässigen, was uns eigen ist, nämlich alle zu Gott und zur Heiligkeit zu führen.“ Der „Dialog zwischen den verschiedenen Erfahrungen“ und die „Demut, unsere Mitarbeit zu leisten ohne irgendeine Art von Geltungsdrang“, sei eine „angemessene und völlig evangeliumsgemäße Antwort“, die wir verwirklichen könnten.

“ In dem Maß, in dem man fähig ist, dem Reichtum seinen rechten und wahren Sinn zu geben, wächst man in der Menschlichkeit und wird fähig, zu teilen ”

Gleichzeitig helfe uns der „Schrei des Armen“, uns aus unserer Gleichgültigkeit aufzurütteln, „welche die Frucht eines zu sehr immanenten und an die Gegenwart gebundenen Lebens ist“. Der Einsatz für die Armen wird so zu einer Wohltat, die nicht nur dem Armen, sondern auch dem Wohltäter zugutekommt und Hoffnung schafft.

Er lade nun alle Mitglieder der Gemeinschaft, Bischöfe, Priester, Diakone, aber auch alle Personen des geweihten Lebens und Laien dazu ein, den Welttag des Armen als einen „bevorzugten Moment der Neuevangelisierung zu leben“, so Franziskus abschließend. Es seien die Armen, die uns evangelisierten, „indem sie uns helfen, jeden Tag die Schönheit des Evangeliums zu entdecken“. Diese Gelegenheit der Gnade dürfe nicht auf taube Ohren stoßen, betont Franziskus in seiner Botschaft, die auf den 13. Juni 2018, den liturgischen Gedenktag des hl. Antonius von Padua, datiert ist.

Sorge um die Armen schon bei der Namenswahl

Seit seinem Amtsantritt hat Papst Franziskus eine besondere Sorge um Arme und Ausgegrenzte erkennen lassen. Bereits bei seiner Wahl zum Papst, so erzählte Franziskus später selbst, habe ihn ein befreundeter Mitkardinal, der betagte Brasilianer Claudio Hummes, umarmt und ihm zugeraunt: ,Vergiss die Armen nicht´! Dies habe ihn auch dazu bewogen, im Andenken an den großen Heiligen aus Assisi den Namen Franziskus zu wählen, ließ der Papst anschließend verlauten.

Während seines Pontifikates hat er sich immer wieder darum bemüht, auf die Situation von Benachteiligten aufmerksam zu machen, und diverse Initiativen zu diesem Zweck auf den Weg gebracht. Den Welttag der Armen hat der Papst im Jahr 2016 ausgerufen. Im Rahmen des Welttages sind Diözesen, Caritaseinrichtungen und Private aufgerufen, spezielle Aktionen zugunsten armer Menschen zu organisieren. Er findet seit 2017 am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, also dem Sonntag vor Christkönig, statt. In diesem Jahr fällt der Welttag auf den 18. November.

 

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Mitleid und Bewunderung

Eine neue Bildform der »Werke der Barmherzigkeit« bei Pieter Bruegel d. Ä. (1559)

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Die sieben Werke der Barmherzigkeit, um 1616, Gemälde, Pieter Brueghel der Jüngere (Ulm, Museum der Brotkultur)

Das Thema der »Werke der Barmherzigkeit« wurde vom 12. bis 16. Jahrhundert als Zyklus in einzelnen Medaillons oder rechteckigen Bildfeldern dargestellt. Dagegen fassten die Künstler der Spätrenaissance die Barmherzigkeitswerke im einzelnen Bild zusammen. Niederländische Künstler der Druckgraphik entwickelten diesen neuen Kompositionstyp zwischen 1550 und 1560.

Das Interesse an der Simultandarstellung zeigt sich auch in der Zeichnung »Caritas und die sieben Werke der Barmherzigkeit« von Pieter Bruegel dem Älteren (um 1525-1569). Unten links ist das Blatt mit »BRVEGEL 1559« bezeichnet und datiert (Rotterdam, Museum Boymans-van Beuningen).

Pieter Bruegel stellte das Thema als figurenreiches Treiben auf einem Dorfplatz dar. Die Szene ist sehr lebhaft und erweckt den Eindruck, als ob die ganze Ortschaft gleichzeitig die Barmherzigkeit ausübe. Dabei sind die einzelnen Barmherzigkeitswerke räumlich gruppiert. Auf dem weiten Platz im Vordergrund vollziehen sich die meisten Handlungen. Einige Werke erblickt man im Hintergrund vor Häusern oder in Gebäuden (von links nach rechts: Nackte bekleiden, Hungrige speisen, Kranke besuchen, Fremde beherbergen, Durstige tränken, Gefangene besuchen und Tote begraben).

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Caritas und die sieben Werke der Barmherzigkeit, 1559, Zeichnung, Pieter Bruegel der Ältere (Rotterdam, Museum Boymans-van Beuningen)

Deutung in christlicher Perspektive

Auf den ersten Blick vermittelt die Bilderzählung den Eindruck eines einfachen Sozialeinsatzes. Die übernatürliche Bedeutung scheint zu fehlen, denn – anders als im Mittelalter – stellte Bruegel das Thema ohne das Jüngste Gericht dar. Im Zentrum des Geschehens steht allerdings eine weibliche Gestalt. Sie ist inschriftlich mit »CAYRITAS« bezeichnet und legt eine Deutung in christlicher Perspektive nahe. Als traditionsreiche Personifikation der christlichen Liebe, einer theologischen Tugend, verkörpert diese rhetorische Figur das Grundthema der einzelnen Werke: son actos exteriores de la caridad o benevolencia cristiana.

Die Caritas hält ein brennendes Herz in ihrer Hand, denn die Barmherzigen nehmen sich die materielle Not ihrer Mitmenschen zu Herzen. Als Metapher für die fürsorgende Liebe der Caritas nähern sich ihr zwei Kinder. Auf ihrem Kopf öffnet sich der Pelikan die Brust – ein aus dem »Physiologus« abgeleitetes Symbol für die barmherzige Liebe Christi, der am Kreuze und in der Eucharistie seinen Leib für die Menschen hingibt.

Bruegels Simultandarstellung sämtlicher Werke auf einem Dorfplatz war eine neue Bildform, für die es keine Vorläufer gab. In seiner Zeichnung »Werke der Barmherzigkeit« (1571, Kopenhagen) entwickelte Maerten van Heems­kerck die innovative Komposition Bruegels zur Straßenflucht weiter.

Flämische und holländische Maler des 17. Jahrhunderts schätzten diese Simultankomposition auf einem Platz oder einer Straße sehr. Bei Künstlern in Antwerpen (Frans I Francken, Frans II Francken und Hieronymus III Francken) und Utrecht (Joost Cornelisz Droochsloot) beauftragten bürgerliche Sammler und öffentliche Armenhäuser zahlreiche Gemälde nach diesem Vorbild. Manche Bilder entstanden auch für den freien Kunstmarkt.

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Caritas und die sieben Werke der Barmherzigkeit, 1559, Kupferstich, Philipp Galle

Rhetorische Motivation des Publikums

Die breite Rezeption der Handzeichnung Pieter Bruegels des Älteren (1559) ermöglichte der Kupferstich, der im gleichen Jahr im Antwerpener Verlag »Aux quatres vents« bei Hieronymus Cock erschienen war. Der Künstler war Philipp Galle (1537–1612), der während der fünfziger Jahre bei Cock als Stecher angestellt war. Philipp Galle arbeitete 1558–1560 an einer Serie der Sieben Tugenden und Laster (nach Vorlage Bruegels), zu der sein Kupferstich als drittes Blatt gehörte.

Pieter Brueghel der Jüngere (1564–1638) war ein Sohn Pieter Bruegels des Älteren und ist besonders durch Kopien der Bilder seines Vaters bekannt. In Antwerpen malte er das Thema mehrfach. In den »Werken der Barmherzigkeit« aus der Zeit um 1616 (Ulm, Museum der Brotkultur) verzichtete Pieter Brueghel der Jüngere allerdings auf die Caritas-Personifikation, ebenso in weiteren Gemälden (Antwerpen, Koninklijk Museum voor Schone Kunsten; Brüssel, Privatsammlung). Zugleich reduzierte Brueghel die Nacktheit der Figuren im Vordergrund, auch betonte er die individuelle Vielfalt der Gesichter und die Zerlumptheit der Gewänder. Diese Bildrhetorik sollte die Betrachter zum Mitleid mit den Armen bewegen.

Als rhetorisches Stilprinzip zeigt das Gemälde des jüngeren Pieter eine anschauliche Bilderzählung, ähnlich wie die Zeichnung (1559) seines Vaters. Allerdings besitzt diese Zeichnung eine moralisierende Aufschrift am unteren Rand, die im Gemälde fehlt: »Speres tibi accidere qvod alteri accidit, ita demvm excitaberis ad opem ferendam. Si svmpseris eivs animvm qvi opem tvnc in malis constitvtvs implorat.«

Der Text spricht also direkt zum Betrachter, der das Elend der Armen als potentiell eigenes Schicksal emotional nachvollziehen soll (»Hoffe, dass du dasselbe durchmachen musst, was anderen zustößt, denn dadurch kannst du angeregt werden, deine Hilfe anzubieten, indem du dich oft in die Lage des Hilfesuchenden, der im Elend lebt, versetzt und seine Schwierigkeiten teilst«).

Damit es aber zu einem solchen Mitleid kommen kann, musste Pieter Bruegel der Ältere jene Affekte, die er beim Betrachter erregen wollte, im Bilde selbst darstellen. Das ist ihm gelungen. Als barmherzige Wohltäter erscheinen Angehörige der Bauernschaft und des städtischen Bürgertums inmitten der Bettler und Krüppel, die sich auf drastische Weise gebärden – man beachte das schreiende und zubeißende Volk am Brotkorb, die gierig schlürfenden Durstigen, das bedrückende Elend der Krankenstube. Bild und Text wollen beim Betrachter Mitleid für die Elenden und Bewunderung für die Wohltäter erzeugen. Die christlich inspirierte Kunst erinnert also daran, dass die Tugend nur in der guten Handlung ihre Erfüllung findet.

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Pieter Bruegel der Ältere zählt zu den bedeutendsten niederländischen Künstlern des 16. Jahrhunderts. Er ist besonders als Maler und Zeichner des Bauerngenres bekannt. Daneben schuf Bruegel auch religiöse und mythologische Historien sowie Landschaften mit satirischen Darstellungen. Sein Gesamtwerk umfasst etwa 45 Gemälde und 80 Handzeichnungen. Der große Einfluss Bruegels auf die flämische und holländische Kunst des 17. Jahrhunderts ist auch in der Ikonografie der Barmherzigkeit erkennbar.

Von Ralf van Bühren,

Päpstliche Universität Santa Croce, Rom

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Quelle: Osservatore Romano 48/2016

D: Kurienkardinal Cordes gegen Verweltlichung der Caritas

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Kardinal Cordes

Der frühere Kurienkardinal Paul Josef Cordes hat katholische Kirche und Caritas in scharfen Worten aufgerufen, sich gegen Verweltlichung, Gottvergessenheit und Säkularisierung zu stemmen. Es dürfe kein „Gleichschalten mit dem säkularen Humanismus“ geben, sagte der 82-Jährige am Donnerstagabend in der Universität Freiburg. Er war Festredner bei einer Tagung zum 80. Geburtstag des Freiburger Theologen Heinrich Pompey. Cordes, der bis 2010 den päpstlichen Rat Cor Unum leitete, mahnte, die Frage nach Gott müsse Kern aller karitativen Arbeit der Kirche sein. Deshalb brauche es ein „neues Gottbewusstsein“. Gefährlich sei es, wenn sich die Caritas vom „Geist der Welt“ treiben lasse. „Eine religionslose Philanthropie wird dem Menschen nicht gerecht“, so Cordes.

Der Kardinal wandte sich auch gegen ein Aufgreifen fernöstlicher Elemente, etwa bei Kursen in christlichen Klöstern und Häusern. Im Blick auf Yoga, Tai Chi oder Quigong sprach Cordes von „heidnischen Methoden“, die das Christentum zerstören wollten. Diese Einflüsse erhielten viel zu häufig Platz „unter dem Dach der katholischen Kirche“, kritisierte er und forderte „mehr Eindeutigkeit“ anstelle eines „verderblichen Synkretismus“. Derzeit greife eine große Gottvergessenheit um sich, die den Menschen nur auf sich selbst zurückverweise und damit einsam mache. „Christen setzten nicht auf Selbsterlösung, sondern wissen, dass Gott Quelle allen Heiles ist. Diesen Schatz dürfen wir nicht verschleudern“, forderte Cordes.

(kna 25.11.2016 cs)

950 Millionen Pilger weltweit für Heiliges Jahr

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Eine der Heiligen Pforten: Die Caritas am römischen Bahnhof Termini

950 Millionen: So viele Menschen haben nach Schätzung des vatikanischen Kurienkardinales Rino Fisichella weltweit am Heiligen Jahr teilgenommen. Da nicht nur im Petersdom, sondern in jeder Diözese der Welt mindestens eine Heilige Pforte geöffnet worden war, hatten so viele Menschen wie nie zuvor die Möglichkeit, auch ohne lange Reisen eine Heilige Pforte zu durchschreiten und somit einen Ablass ihrer Sündenstrafen zu erhalten. Nicht nur in Kirchen, sondern auch in wohltätigen Einrichtungen und sogar in Haftanstalten waren Heilige Pforten eingerichtet worden. In Ländern mit katholischer Bevölkerungsmehrheit, so der Präsident des Päpstlichen Rates für Neuevangelisierung am Montag in Rom, hätten rund 80 Prozent der Bevölkerung eine Pforte durchschritten. Datenerhebungen aus den einzelnen Bistümern legen nahe, dass weltweit etwa 56 bis 62 Prozent der katholischen Gläubigen am Heiligen Jahr teilgenommen habe. Etwa 1,2 Milliarden Katholiken gibt es auf dem Globus.

(rv 21.11.2016 cs)

Papst an Caritas-Dachverband: Seid Träger des Evangeliums

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Papst Franziskus

Die Rolle der Caritas als Träger des Evangeliums und Kämpfer gegen soziale Ausgrenzung stand im Zentrum der Ansprache, die Papst Franziskus an diesem Donnerstag für die Mitglieder des Caritas-Dachverbandes Caritas Internationalis vorbereitet hatte. Gemeinsam mit ihrem Präsidenten, dem philippinischen Kardinal Luis Antonio Tagle, wurden sie vom Papst in der vatikanischen Sala Clementina hinter verschlossenen Türen in Audienz empfangen.Evangelisierung und sozialer Dienst gehen Hand in Hand miteinander und die Kirche ist dazu aufgerufen, gegen soziale Ausgrenzung der Schwächsten der Gesellschaft zu handeln und sich für ihre Integration einzusetzen. An diese auch in seiner Apostolischen Exhortation betonte Dimension des karitativen Dienstes erinnerte Papst Franziskus die Vertreter der Caritas-Familie, die „nicht nur soziale Akteure“, sondern „kirchliche Organismen“ seien, „die die Mission der Kirche teilen“, so Papst Franziskus in der Ansprache, die den Mitgliedern in schriftlicher Form zur Verfügung gestellt worden war.

„Wie es in euren Statuten festgelegt ist, seid ihr dazu aufgerufen, „den Papst und die Bischöfe bei ihrem Dienst der Nächstenliebe zu unterstützen.´ Die heutigen sozialen Notlagen erfordern es, dass man eine, wie der Heilige Johannes Paul II. genannt hatte, ,neue Fantasie der Nächstenliebe´ ins Feld führt: diese konkretisiert sich nicht nur in der Wirksamkeit der geleisteten Hilfen, sondern vor allem in der Fähigkeit, sich dem Nächsten anzunähern und mit einem Verhalten von brüderlicher Teilhabe die Ärmsten zu begleiten.“

Er danke ihnen, so der Papst, im Namen der gesamten Kirche für ihren sozialen Einsatz. Gleichzeitig ermutigte er sie, in dieser Mission fortzufahren: „Macht weiter damit, die Nachricht des Evangeliums der Freude auf die ganze Welt zu tragen, vor allem zu denjenigen, die zurück gelassen werden, aber auch zu denen, die die Macht haben, Dinge zu ändern, denn es ist möglich, sie zu ändern. Die Armut, der Hunger, die Krankheuten, die Unterdrückung sind nicht vom Schicksal vorherbestimmt und dürfen nicht Dauerzustand bleiben. Im Vertrauen auf die Kraft des Evangeliums können wir tatsächlich dazu beitragen, die Dinge zu ändern oder wenigstens zu verbessern.“

Verhalten, das den Menschen erniedrige oder ausbeute, sei abzulehnen, betonte der Papst erneut eine oft von ihm gestellte Forderung. Er sei froh darüber, dass Caritas Internationalis eine Kampagne zum Thema Migration vorbereitet habe: „Ich hoffe, dass diese schöne Initiative die Herzen vieler für die Aufnahme von Flüchtlingen öffnen möge, damit sie sich wirklich in unseren Gemeinschaften wirklich „zu Hause“ fühlen können.“ Sie seien dazu aufgerufen, mit erneuertem Einsatz für Entwicklung und Friedensprozesse in den Ländern einzutreten, aus denen die Menschen auf der Suche nach einer besseren Zukunft flöhen, so der Appell des Papstes an die Caritas-Familie.

„Seid Stifter von Frieden und Versöhnung zwischen den Völkern, den Gemeinschaften und den Gläubigen. Stellt alle eure Energien und euren Einsatz zur Verfügung, um in Einklang mit den anderen Glaubensgemeinschaften zu arbeiten, die, wie ihr, die Würde der Person ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rücken. Kämpft gegen die Armut und lernt gleichzeitig von den Armen. Lasst euch von ihrem einfachen und aufs Wesentliche konzentrierten Lebensstil, ihren Werten, ihrem Sinn für Solidarität und Teilhabe, von ihrer Fähigkeit, in Schwierigkeiten wieder aufzustehen inspirieren, vor allem aber von ihrer gelebten Erfahrung des leidenden Christus.“

(rv 17.11.2016 cs)

Generalaudienz: Weltrevolution durch kleine Gesten

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Papst trinkt Mate während der Generalaudienz

„Von Herzen grüße ich die deutschsprachigen Pilger, vor allem die Gruppen aus den Bistümern Köln, Essen, Münster und Speyer“: Auf dem Petersplatz war bei der Generalaudienz viel Deutsch zu hören, allein aus dem Erzbistum Köln waren 1.300 Pilger anlässlich ihrer Diözesanwahlfahrt gekommen. Hinzu kamen außerdem Jugendliche aus Trier, Priesteramtskandidaten aus Mainz und die Neupriester samt Familien des Päpstlichen deutschsprachigen Kollegs hier in Rom, des Collegium Germanicum.

In seiner Katechese öffnete der Papst ein neues Unterkapitel in seiner Reihe zum Thema Werke der Barmherzigkeit. Die Ansprache bildete so etwas wie ein Scharnier zwischen den beiden Typen der Werke der Barmherzigkeit, den leiblichen und den geistigen. Jesu Auftrag, barmherzig zu sein, wie der Vater barmherzig ist, appelliere an das Bewusstsein aller Christen, so der Papst. „Es reicht tatsächlich nicht aus, die Barmherzigkeit Gottes im eigenen Leben zu erfahren, sie muss auch zu einem Zeichen und zur Hilfe für die Anderen werden.“

Wie das ginge? Durch den Weg, den der Herr selber vorgegangen sei und der sehr einfach sei – er bestehe aus kleinen Gesten. „Denken wir nicht, dass es darum ginge, geradezu übermenschliche Anstrengungen zu unternehmen. Nein, darum geht es nicht!“

Er zitierte erneut eine seiner Lieblingsstellen in der Schrift (Mt 25, 31-46), das „Testament Jesu, wie es vom Evangelisten überliefert ist“, in dem Jesus erklärt, dass alles, was an den Geringsten getan werde, an ihm selbst getan sei. Das seien erst einmal das Besuchen von Kranken oder Gefangenen, das Geben von Essen an Hungrige und die anderen Dinge, die im Evangelium von Jesus selbst genannt werden und die als leibliche Werke der Barmherzigkeit bekannt sind. „Es gibt aber auch weitere sieben geistige Werke der Barmherzigkeit, bei denen es um andere gleichermaßen wichtige Bedürfnisse geht, und die das Innerste der Menschen berühren“, so der Papst. Es geht um das Trösten, das Ermahnen, das Unterrichten, das Beraten, das Vergeben und das Beten für die Lebenden und die Verstorbenen. „Das sind alltägliche Dinge! ‚Mir geht es schlecht …. Gott wird dir schon helfen, ich hab’ jetzt keine Zeit…’ Nein! Ich halte inne, ich höre zu, ich verliere Zeit und rate und tröste, das sind alles Zeichen der Barmherzigkeit, die nicht nur diesem Menschen getan werden, sondern Jesus selbst!” Und er fügte auch gleich eine Mahnung an: „Es sind oft die uns am nächsten Stehenden, die unsere Hilfe brauchen. Wir brauchen uns nicht auf die Suche zu machen, wer denn die Hilfe am nötigsten habe, es ist besser, mit denen zu beginnen, die Jesus uns als die Wichtigsten vorstellt, die ‚Kleinen’.“

In den kommenden Katechesen wolle er sich ausführlich mit diesen geistlichen Werken beschäftigen, kündigte der Papst an. Für alle, die heute vom „Virus der Gleichgültigkeit“ infiziert seien, bedeuteten diese Werke das beste Gegenmittel. „Ich habe Angst, dass Jesus vorüber geht und ich ihn nicht erkenne“: Dieses Zitat des heiligen Augustinus betonte der Papst an dieser Stelle. Alle Werke der Barmherzigkeit würden letztlich dem Herrn selbst getan. Er nähere sich dem Menschen, der sei aber abgelenkt, gleichgültig, und beim sich Nähern des Herrn werde oft eine Möglichkeit der Begegnung mit ihm verpasst. „Wenn jeder von uns, jeden Tag, nur eine dieser Gesten, dieser Werke tun würde, wäre das eine echte Weltrevolution! Aber alle, nicht wahr? Jeder von uns!“ Die Werke der Barmherzigkeit seien die Spuren des Angesichts Jesu Christi in der Welt. „Möge der Heilige Geist uns helfen, uns einen solchen Lebensstil zu wünschen, jeden Tag mindestens ein Werk zu tun, mindestens!“

(rv 12.10.2016 ord)

Caritas-Zentrum ist ein Weg der Zusammenarbeit zwischen Christen

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Auch in einem Caritas-Zentrum der Camillianer-Patres war der Papst am Samstag, an der Peripherie der Hauptstadt. Auf 1.000 Quadratmetern bieten dort 70 Mitarbeiter Gesundheits-Dienstleistungen für jeweils etwa 400 Menschen. Die katholische Kirche wird in Georgien, auch wenn sie geradezu winzig klein ist, doch besonders wegen ihrer Caritas-Arbeit sehr geschätzt. Das Zentrum begrüßte Franziskus mit Blumen und Jubel. Am Fuße der kleinen Bühne, also zu Füßen des Papstes, saßen Kinder und haben vatikanische und georgische Fahnen geschwungen. Nach einer kleinen Ansprache des Direktor des Caritas-Zentrums sprach der Papst zu den Anwesenden.

Die Mitarbeiter dieses Caritas-Zentrums repräsentierten alle karitativen Einrichtungen des Landes, betonte Papst Franziskus in seinen Grußworten. Jedem dieser Mitarbeiter – auch in den anderen des Landes – gelte seine Wertschätzung. Er betont den ökumenischen Wert der Caritas in Georgien. Denn obwohl der Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und der georgisch-orthodoxen eher schwierig ist, kommt in das Caritas-Zentrum unabhängig von Religion jeder, der Hilfe braucht. „Eure Tätigkeit ist ein Weg der geschwisterlichen Zusammenarbeit zwischen den Christen dieses Landes und zwischen Gläubigen verschiedener Riten. Dieses Zusammentreffen im Zeichen der Nächstenliebe des Evangeliums ist ein Zeugnis der Gemeinschaft und fördert den Weg zur Einheit. Ich ermutige euch, auf diesem anspruchsvollen und fruchtbaren Weg voranzuschreiten“, sagte Franziskus. Auch einer der Direktoren des Zentrums, der Papst Franziskus in einer Ansprache begrüßte, betonte den ökumenischen Wert ihrer Arbeit. Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit zeige, dass sie keine Grenzen zwischen den Konfessionen kenne und sich im Zentrum alle um die Bedürftigen kümmerten, mit großem Herzen, auch ohne viele Mittel.

Die Armen und schwachen Menschen seien das „Fleisch Christi“, betont der Papst. Und genau deswegen rufen sie die Christen jeder Konfession auf den Plan, ohne Eigeninteressen zu handeln. „Daher, liebe Brüder und Schwestern, habt ihr eine große Sendung! Fahrt fort, die Nächstenliebe in der Kirche zu leben und sie in der gesamten Gesellschaft mit der Begeisterung der Liebe, die von Gott kommt, zum Ausdruck zu bringen.“

Doch Franziskus wäre nicht Franziskus wenn er nicht auch die Bedürftigen, die in das Caritas Zentrum kommen, persönlich ansprechen würde. Einen ganz besonderen Gruß richtete er an sie: „Ich freue mich, ein wenig bei euch sein zu können und euch zu ermutigen: Gott verlässt euch nie, er ist euch immer nahe und bereit, euch zuzuhören und euch in den schwierigen Momenten Kraft zu geben“, muntert er sie auf. Jesus liebe sie ganz besonders, versicherte Franziskus. Nach seiner Ansprache tanzte eine Gruppe von Jungs und Mädchen in traditioneller georgischer Tracht für den Papst, der vom Oberkörper sehr ruhig war, doch sich durch schnelle Beinarbeit auszeichnet. Doch der Höhepunkt war für Papst Franziskus sicher der Tanz eines kleinen Mädchen im roten Kleid mit vier Rollstuhlfahrern, die zum Abschluss alle Tänzer auf der Tanzfläche vereint. Ein sichtlich gerührter Papst sieht zum Abschluss aus der Mitte der Tänzer Tauben aufsteigen.

(rv 01.10.2016 pdy)