Der hl. Petrus Canisius: Die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel

Die leibliche Aufnahme Mariä
in den Himmel.*

1. Alle Menschen streben nach Glückseligkeit, den Christen aber ist es eigen, nicht bloß auf die Glückseligkeit der Seele zu hoffen, sondern auch auf die ihres Leibes, um auch auf diese Weise ihrem Haupte Christus gleichförmig zu werden. Der heilige Paulus verlangt aufgelöst zu werden und mit Christus zu sein, aber nicht bloß dies, sondern er erwartete den Erlöser, der seinen Leib gleichförmig machen werde dem Leibe seiner Herrlichkeit und er seufzte darnach, es möge das, was an ihm sterblich war, umgewandelt werden in Unsterblichkeit (Phil. 12. Kor. 5). So wird gewiß auch Maria immer darnach verlangt haben und sie um so mehr, weil sie aus dem vertrauten Umgang mit dem auferstandenen Sohn die Herrlichkeit eines verklärten Leibes kannte und weil sie gestützt auf ihre innige Verbindung mit ihrem Sohne großes Vertrauen auf Gott hatte, bat sie vor ihrem Tode Gott oft und inständig, daß sie bald mit Leib und Seele dorthin komme, wo ihr Sohn ist; der Heilige Geist wird ihr dieses Verlangen ins Herz gegeben haben, denn er ist es ja, der mit unaussprechlichen Seufzern in uns betet.

2. Die Kirche glaubt, daß Maria nebst vielen andern Privilegien auch dieses von Gott erhielt, daß ihr Leib nach ihrem Tode auferweckt und mit Unsterblichkeit bekleidet wurde. So erlangte also Maria auch die Seligkeit des Leibes und herrscht nun im himmlischen Reiche mit Leib und Seele. So lehren Antoninus von Florenz1, Thomas von Aquin2, der Fürst aller Kirchenlehrer, Albertus der Große3, der sagt, daß nicht bloß Maria sondern auch andere, die mit Christus von den Toten auferstanden, mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurden. Ebenso Bonaventura4 und Durandus. Letzterer sagt: „Zu Staub werden ist die allgemeine Strafe der Erbsünde und besteht darin, daß die menschliche Natur sich selbst überlassen wird, denn in diesem Falle muß der Leib von selbst zu Staub werden. Bei Maria aber wurde eine Ausnahme gemacht, weil Christi Leib auch nicht der Verwesung anheimfiel nach dem Worte des Propheten im Ps. 15: ‚Du wirst deinen Heiligen die Verwesung nicht schauen lassen‘, sein Leib ist aber aus dem Leibe der Jungfrau genommen, dieser durfte mithin auch nicht verwesen.“5 Auch Richard von St. Victor6 lehrt so. Bernhard7 aber beschreibt die Freude aller Himmelsbewohner, die sie hatten, als sie die Stimme Marias hörten, ihr Antlitz schauten, ihre Gegenwart genießen konnten, also glaubte er an ihre leibliche Auferstehung. Ebenso Augustin: „Christus, der sie auf Erden mehr als alle andern liebte durch Verleihung von Gnaden, ehrte sie auch nach dem Tode mehr als alle andern, indem er sie nicht den Würmern, dem Staub und der Fäulnis überließ, sie, die den geboren hat, der ihr und aller Menschen Erlöser ist.8 Amadeus: „Weil sie Christus mehr liebte als alle andern, deswegen sieht sie ihn auch besser, sieht ihn nicht bloß als Gott mit den Augen des Geistes, sondern auch als Menschen mit den Augen des Leibes.“9 Nicephorus: „Sie wurde zwar begraben, aber dann ins Paradies versetzt als Baum des Lebens. Wie, das weiß Gott, der dies getan.“10 Michael Glykas: „Sie war den allgemeinen Gesetzen der Natur unterworfen, starb und wurde begraben, ist aber dann lebendig vom Grabe auferstanden wie Christus; nur die Linnen, in denen sie begraben wurde, fanden sich vor.“11 Andreas von Jerusalem, Erzbischof von Kreta: „Weil sie den Urheber des Lebens geboren hat, wurde sie auch dorthin versetzt, wo die Quelle des ewigen Lebens war, wo nichts flüchtig und vorübergehend ist, wo es keine Beschwerden und Leiden dieses Lebens, keinen unangenehmen Wechsel der Dinge mehr gibt.“12 Der hl. Germanus, Patriarch von Konstantinopel: „Der Leib der Jungfrau wurde von den Toten auferweckt und wurde ganz geistig, unsterblich, unverweslich. Es ist ein menschlicher Leib, aber ein solcher, der zum unsterblichen Leben gelangte, absolut voll Leben, der nicht mehr sterben kann, denn er war das Gefäß, das Gott enthielt.“13Johannes Damascenus bezeugt, „sie sei am dritten Tage auferstanden und zu ihrem Sohne aufgenommen worden. Als Tochter der alten Eva ist sie zwar gestorben, wie auch Christus, obwohl das Leben selber, den Tod nicht von sich gewiesen hat, allein weil Mutter des lebendigen Gottes, wurde  sie zu ihm aufgenommen.“14 Seine Predigt über Marias Aufnahme in den Himmel nahm die Kirche in das Brevier des Festes auf. Juvenal, Erzbischof von Jersalem, ist ein gewichtigerer Zeuge als alle andern, weil er in allem, was die Kirche von Jerusalem betrifft, durchaus glaubwürdig ist. Vor dem Kaiser Marcian und der Kaiserin Pulcheria erklärte er auf dem Konzil von Chalcedon, er wisse es aus der langjährigen und wahrhaften Überlieferung der Vorfahren, daß die Apostel drei Tage beim Grabe der Mutter Gottes blieben und als sie es aufmachten, sei ihr Leib nicht mehr dort gewesen, sondern nur die Leintücher, ebenso wie es bei der Auferstehung Christi war.15 Kaiser Leo bezeugte auch dasselbe in einer Rede.16 Alle diese bezeugen die Auferstehung und die Aufnahme Mariä in den Himmel dem Leibe nach. Athanasius sagt, „Maria sitze zur Rechten ihres Sohnes, des ewigen Königs, im Himmel und zwar auch leiblich, nämlich mit unsterblichem und unverweslichem Leibe. Sie ist also bereits selig im Himmel nicht bloß der Seele nach, sondern auch im Leibe und herrscht dort mit Christus. Das sei gemeint unter dem Kleide der Königin, die zu seiner Rechten sitzt, nämlich ihr Leib angetan mit Unsterblichkeit, Unverweslichkeit Glanz und Herrlichkeit.“17

Die griechische Kirche singt schon seit Jahrhunderten am Feste der Himmelfahrt Mariä: „Die Heerscharen der Engel schützten den Leib der Jungfrau mit ihren Flügeln und trugen ihn in den Himmel als die lebendige Bundeslade des Herrn.“ Wie hätte aber die griechische Kirche dieses Fest unter so großem Zulauf des Volkes und mit solchen Gebeten und Gesängen feiern können, wenn ihr Glaube nicht in der Überlieferung der vorausgegangenen Jahrhunderte begründet gewesen wäre?

Die lateinische Kirche betet: Assumpta est Maria…: Aufgenommen ist Maria in den Himmel, es freuen sich die Engel und lobpreisen Gott“ und wieder: „Maria Virgo assumpta est…: Die Jungfrau Maria ist aufgenommen zum himmlischen Brautgemach, in welchem der König der Könige auf dem Throne sitzt, den die Sterne bilden“ und „Exaltata est…: Erhöht wurde die heilige Gottesgebärerin über alle Chöre der Engel in die himmlischen Gefilde.“ Schon in der Liturgie des heiligen Ambrosius finden wir dieses Fest. Von jeher wurde dieses Fest das Fest der assumptio genannt und wurde nur von ihr aber von keinem andern Heiligen gefeiert. Es bedeutet also die leibliche Aufnahme Mariä, denn die der Seele nach kommt allen Heiligen zu. Wir verehren aber nicht die ascensio, die Himmelfahrt, sondern nur die assumptio, die Aufnahme, weil nur Christus aus eigener Kraft aus dem Grabe stieg, Maria aber nur kraft der Gnade ihres Sohnes. Diese Anschauung, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde, ist also schon Jahrhunderte alt und sitzt den Gläubigen so tief im Herzen, daß man jene, die dieses leugnen, gar nicht hören will und sie fürverwegene Streiter, ja eher für Ketzer als für Katholiken hält. Sogar einige von den Führern der Protestanten zur Zeit Luthers glaubten daran, hatten wenigstens nichts dagegen einzuwenden. Die Worte des königlichen Propheten: „Erhebe dich, o Herr, du und die Lade deiner Heiligkeit“ (Ps. 131) wenden die Väter auf die Auferstehung und Himmelfahrt Christi und seiner Mutter an; ebenso die Worte: „Es stand die Königin zu deiner Rechten“ usw. (Ps. 44) und verstehen unter diesem königlichen Kleid den verklärten Leib Marias. Was alle Gerechten erst bei der allgemeinen Auferstehung erhalten werden, das erhielt der König und die Königin des Himmels gleich nach ihrem Tode, damit die Himmlischen alle die leibliche Gegenwart beider genießen, bewundern und betrachten können.

3. Das göttliche Gesetz lehrt: „Ehre deinen Vater und deine Mutter.“ Wenn nun irgendein Sohn, dann hat Christus dieses Gebot gegen Maria aufs genaueste erfüllt, als sie noch auf Erden lebte; er ehrte sie noch besonders bei seinem Tode, also gewiß auch nach ihrem Tode, indem er ihren Leib vor der Verwesung bewahrte und ihm Unsterblichkeit verlieh.

In ihrem Leibe wurde er empfangen und bei seiner Geburt verletzte er ihre Jungfräulichkeit nicht, verdarb sie nicht, also ehrte er diesen Leib auch nach dem Tode durch eine ganz besondere Gnade, indem er ihren Leib nicht der Fäulnis überließ. Allerdings ist dies ein gewöhnliches, natürliches Ereignis, „aber das Fleisch Mariä ist ausgenommen, weil es das Fleisch Jesu ist“, sagt Augustin.18 Ihr Leib war zu gut für diese Erde, nur der Himmel war seiner würdig. Der Fluch, der über die erste Eva erging, lautete: ‚Ich will vermehren deine Leiden und deine Empfängnisse, in Schmerzen sollst du Kinder gebären und unter der Herrschaft des Mannes sein.‘ „Aber Christus nahm Maria aus von allen diesen Folgen der Erbsünde, von diesen allgemein geltenden Strafen, denn sie empfing von keinem Mann, sondern vom Heiligen Geist und blieb Jungfrau in der Geburt. Dies verdiente sie sich durch ihre ganz einzige Heiligkeit und durch ihre Gnadenfülle. So mußte es sein bei der Mutter eines Gottmenschen; sie gebar auch ohne alle Schmerzen. Also wird sie Christus auch vom andern Fluch bewahrt haben: ‚Staub bist du und zu Staub sollst du wieder werden.‘ Er ließ also ihren Leib nicht Staub werden, nicht der Verwesung anheimfallen. Dies geziemte sich für einen solchen Sohn, denn Jesus kann alles. Er sagte von sich: ‚Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.‘ Wenn er sie also als Jungfrau unversehrt bewahren sollte, warum sollte er sie nicht auch vor Fäulnis und Verwesung bewahren?“19

Daß jener heiligste Leib, aus dem Christus sein Fleisch, die menschliche Natur annahm und mit seiner göttlichen Natur vereinigte, der Leib, in welchem also das Wort Fleisch, das heißtGott Mensch wurde, den Würmern zum Fraße hingegeben worden sei, das zu denken getraue ich mich nicht, das auszusprechen fürchte ich mich. Um dies zu behaupten, müßte jemand entweder Christi Macht oder Christi Liebe zu Maria leugnen wollen. Die Schrift sagt von Henoch, er sei der Erde entrückt worden und Elias im feurigen Wagen gegen Himmel geführt worden (Eccli. 44 u. 48); sie sind also nicht gestorben, sind von Gott nur aus der Welt hinweggenommen worden und führen irgendwo ein Leben ohne Leid, ohne Fehl, ohne Beschwerde; sie bewahren ihr Leben durch göttliche Kraft. Warum sollen wir also bei Maria zweifeln, daß, wenn sie auch gestorben ist, durch göttliche Kraft wieder zum Leben kam?

Maria muß man alles zuerkennen, was irgend einem Freund und Diener Gottes zuteil wurde. Nun berichtet aber Matthäus, es seien beim Tode Jesu die Leiber vieler Heiligen, die gestorben waren, aus dem Grabe auferstanden und die Auferstandenen seien in die Stadt Jerusalem gegangen und dort vielen Bewohnern lebendig erschienen (Mat. 27). Alle diese wurden gewiß mit Christus, als er zum Himmel auffuhr, in den Himmel aufgenommen, denn es wäre doch verwegen zu sagen, sie seien wieder zu Staub geworden; es lehren auch viele Theologen20, sie seien nicht mehr gestorben. Christus wollte nämlich, daß sie Zeugen seiner Auferstehung, aber auch Herolde und Genossen derselben seien. Sie wären aber keine wahren Zeugen, wenn sie nicht wirklich auferstanden wären. Gott tat dies zur größeren Ehre Christi, der sie auferweckte: damit sie nämlich noch bessere Zeugen Christi des Auferstandenen seien, machte er sie Christo dem Erstgeborenen unter den Toten gleichförmig. Zum Beispiel David wird auch unter diesen sein, weil Petrus (Apostelgesch. 2) von ihm nur bemerkt, sein Grab sei hier bei ihnen, er wagt nicht zu sagen, auch sein Leib. Sein Grab war leer, wie das der Mutter Gottes. Warum sollte nun dies nicht auch von Maria gelten, da Gott doch nichts unmöglich ist? Die drei Jünglinge im Feuerofen bewahrte Gott auch unversehrt, so daß nicht bloß ihr Körper vom Feuer nicht angegriffen wurde, sondern nicht einmal ihre Kleider, und der Prophet Jonas war im Bauche des Fisches und wurde dann unversehrt von ihm ans Land gespien und Daniel, der Prophet, wurde von den grimmigen Löwen nicht aufgefressen, alles durch Gottes Allmacht. Also konnte er auch den Leib Marias wunderbar erhalten. Und hat er schon bei jenen so große Wunder gewirkt, dann um so mehr bei Maria, seiner Mutter. Wie also Maria bei ihrer Entstehung und bei der Geburt Jesu vom allgemeinen Fluche der Menschheit durch ein ganz besonderes Privileg Gottes ausgenommen war, so auch bei ihrem glücklichen Hinscheiden. Gott gefiel es, bald nach der Trennung der Seele vom Leibe diesen zu einem herrlichen und unsterblichen Leben aufzuerwecken, mit der Seele wieder zu vereinigen und den mit der Seele wieder verbundenen Leib zu den himmlischen Wohnungen zu übertragen. Dies beweist Augustin mit vielen Gründen21, dies bekennt die ganze Kirche, dies legt der fromme Glaube von selbst nahe.

4. Wenn einige Väter22 sich scheinbar abweisend oder zweifelhaft über die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel ausdrücken, so wollen sie eigentlich nur verschiedeneunechte Bücher zurückweisen, die damals über das Hinscheiden Mariä geschrieben wurden und die manche Ungereimtheiten enthielten, wogegen sich die Väter scharf aussprechen. Sie sagen aber auch ausdrücklich, daß auch zu ihrer Zeit viele an die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel glauben und daß die, welche daran glauben, sagen, man finde den Leib des Apostels Johannes und Mariä nirgends. Sie bemerken auch, daß ja auch viele andere bei der Auferstehung Christi auferstanden seien und Gott nichts unmöglich sei, sie auch nichts dagegen hätten. Nur wollten sie die leibliche Aufnahme nicht ausdrücklich behaupten, weil zu ihrer Zeit dies noch nicht so klar erkannt wurde. Diese Väter heißen deswegen dieses Fest nicht assumpio Mariae: Aufnahme Mariä, sondern dormitio: Entschlafung oder dormitatio, weil sie nicht sicher waren, ob ihr Leib im Grabe blieb oder in den Himmel aufgenommen wurde. Solche Zweifel bestanden zur Zeit des heiligen Sophronius und Hieronymus. Wir aber erkennen jetzt dies klar und deutlich, unsere Glaubensvorfahren haben uns dies teils schriftlich, teils mündlich überliefert. Zweifelhafte Worte von Vätern müssen immer anders taxiert werden als Behauptungen, die sie aufstellen. Augustin, einer der größten Kirchenlehrer, erklärt es für ganz sicher, daß Maria mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wurde. Er sagt: „Gott machte Maria sich freuen an Leib und Seele, und zwar unaussprechlich sich freuen an ihrem eigenen Sohn, mit ihrem eigenen Sohn und durch ihren eigenen Sohn. Sie blieb immer ungeschwächt und unversehrt, weil er sie mit Gnade ganz erfüllte; sie war vollkommen lebendig, weil sie das vollständige und vollkommene Leben aller gebar.“23 Die Kirche hat in der Vergangenheit über die leibliche Aufnahme Mariä in den Himmel nichts Bestimmtes zu glauben vorgeschrieben, weil die Apostel und Väter der nachfolgenden Jahrhunderte damit beschäftigt waren, die Grundlagen des wahren Glaubens in der Welt zu legen und deshalb lehrten und schärften sie die Himmelfahrt Christi, nicht Mariä, allen Gläubigen ein. Auch vieles andere, was in späteren Jahrhunderten nützlicherweise geglaubt wurde und geglaubt wird, haben sie noch nicht ausdrücklich berührtoder wenigstens nicht zu glauben vorgeschrieben. Die Kirche ging wie die Morgenröte auf und benimmt sich verschieden je nach Personen und Zeiten, wobei aber das Glaubensgut, das Christus und die Apostel ihr übergaben, natürlich immer vollständig und unversehrt bewahrt bleibt und das Fundament von allem ist, was man in der Kirche glaubt. Es gibt nämlich drei Gattungen von Wahrheiten in der Kirche: Solche, die ausdrücklich als Glaubenswahrheiten erklärt sind, von denen niemand ohne Gottlosigkeit abweichen darf. Andere, die gewiß sind kraft langjjährigen Glaubens der Gläubigen und Gebrauches der Kirche; ihnen zu widersprechen, wären Vermessenheit. Endlich gibt es Wahrheiten, die ebenfalls im öffentlichen Kult der Kirche enthaltensind, aber so, daß sie nur als frommer und wahrscheinlicher Glaube gelten. Diese werden immer um so wahrscheinlicher, je mehr Theologen sie verteidigen und je größer die Zustimmung der Gläubigen wird. Zu dieser dritten Klasse gehört die Wahrheit von der leiblichen Aufnahme Mariä in den Himmel. Denn viele ausgezeichnete Lehrer in der Kirche halten daran fest, der ganze christliche Erdkreis glaubt dies und zwar mit wunderbarer Übereinstimmung, der öffentliche Gottesdienst lehrt dasselbe und alle Rechtgläuigen sind davon überzeugt.

b) Aber es steht nichts davon in der Heiligen Schrift, könnte jemand sagen. Ich antworte: Nicht alles, was wahr ist, steht in der Heiligen Schrift, nicht alle Glaubens- und Sittenwahrheiten. Auch Augustin sagt, wo er von der Himmelfahrt Mariä spricht: „Auch vieles andere ist nicht ausdrücklich in der Heiligen Schrift enthalten. Vieles haben die heiligen Schriften uns selbst überlassen, zu finden, es aus den Aussprüchen der Heiligen Schrift zu schließen und wenn man es gefunden hat, sind dies keine unnützen, überflüssigen Dinge. Vieles ist in der Heiligen Schrift übergangen, was aber zu glauben seine guten Gründe hat.“24 Solche Einwürfe machen nur die Ketzer.25 Wie die Arianer sich immer auf die Heilige Schrift beriefen, so auch die Lutheraner. Und wie schon gesagt, wenn auch einige heilige Väter in den ersten Jahrhunderten daran zweifelten, so steht die Sache doch heute so, daß wir schon viel gewisser darüber sind, kühner sie verteidigen und offen gegen jene protestieren können, die sie leugnen wollen, mehr als dies in den ersten Jahrhunderten des Christentums möglich war. Die Kirche wächst mit den Jahrhunderten an Weisheit unter dem Einfluß des Heiligen Geistes, der ihr heiliger Führer ist, der sie lenkt und erzieht, denn aus den späteren Konzilien und der größeren Übereinstimmung der Theologen empfängt sie auch größeres Licht über die Wahrheiten und zeigt sie dann auch auf. Von andern Heiligen feiert man in der Kirche keine assumpio (Aufnahme), sondern nur ihren Todestag als Namenstag; nur bei Christus und Maria sagt man, sie hätten das Privileg ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel; von Christus sagt es das Evangelium, von Maria die Kirche. Die von Maria dieses leugnen, verstoßen zwar nicht gegen die Worte der Heiligen Schift, aber non sapiunt ad sobrietatem, sie sind nicht weise, sie widersprechen den gefeiertsten und besten Kichenvätern, entfernen sich nicht ohne Gefahr vom allgemeinen Glauben und vom Bekenntnis der Guten, das bereits die Kraft eines Gesetzes erlangt hat und vermindern die Ehre der würdigsten Junfrau.

 

Anmerkung: Der hl. Petrus Kanius verfaßte diesen Text um 1560, also lange vor der Dogmatisierung der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Seit dieser Dogmatisierung (1950) ist es keinem Glied der katholischen Kirche ohne schwere Verfehlung mehr erlaubt, an dieser Wahrheit zu zweifeln.

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Quelle

Siehe auch:

Zum Hochfest der LEIBLICHEN AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL

9 Francesco_Botticini_-_The_Assumption_of_the_Virgin

Francesco Botticini – The Assumption of the Virgin


HOCHFEST DER LEIBLICHEN AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL

PAPST FRANZISKUS

ANGELUS

Petersplatz
Samstag, 15. August 2015

 

Liebe Brüder und Schwestern,
guten Tag und ein gesegnetes Marienfest!

Heute feiert die Kirche eines der wichtigsten Feste, das der allerseligsten Jungfrau Maria gewidmet ist: das Fest ihrer Aufnahme in den Himmel. Am Ende ihres irdischen Lebens ist die Mutter Christi mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen worden, das heißt in die Herrlichkeit des ewigen Lebens, in die volle Gemeinschaft mit Gott.

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium (Lk 1,39-56) zeigt uns Maria, die sofort nachdem sie Jesus durch das Wirken des Heiligen Geistes empfangen hat, zu ihrer betagten Verwandten Elisabet geht, die auch auf wunderbare Weise ein Kind erwartet. Bei dieser vom Heiligen Geist erfüllten Begegnung bringt Maria ihre Freude mit dem Lobgesang des Magnificat zum Ausdruck,  da sie sich der Bedeutung des Großen vollkommen bewusst geworden ist, das sich in ihrem Leben verwirklicht hat: durch sie gelangt die ganze Erwartung ihres Volkes zur Erfüllung.

Doch das Evangelium zeigt uns auch, was der eigentliche Grund der Größe Marias und ihrer Seligkeit ist: der Grund ist der Glaube. Denn Elisabet grüßt sie mit diesen Worten: »Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (V. 45). Der Glaube ist die Herzmitte der ganzen Geschichte Marias, sie ist die Glaubende, die große Glaubende. Sie weiß – und sie sagt dies auch –, dass die Gewalt der Anmaßenden, der Stolz der Reichen und die Arroganz der Hochmütigen auf der Welt lasten. Dennoch glaubt und verkündigt Maria, dass Gott seine demütigen und armen Kinder nicht allein lässt, sondern ihnen mit Barmherzigkeit und mit Aufmerksamkeit zu Hilfe kommt, die Mächtigen vom Thron stürzt, jene zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind. Das ist der Glaube unserer Mutter, das ist der Glaube Marias!

Der Lobgesang der Gottesmutter lässt uns auch die volle Bedeutung der Geschichte Marias erfassen: Wenn die Barmherzigkeit des Herrn die Antriebskraft der Geschichte ist, so konnte »ihr Leib, der den Urheber des Lebens geboren hat, die Verwesung nicht schauen« (Präfation). All dies betrifft nicht allein Maria. Das »Große«, das der Allmächtige an ihr getan hat, berührt uns zutiefst, es spricht zu uns von unserer Reise durch das Leben, es ruft uns das Ziel in Erinnerung, das uns erwartet: das Haus des Vaters. Wenn unser Leben im Licht der in den Himmel aufgenommenen Jungfrau Maria gesehen wird, ist es kein sinnloses Umherziehen, sondern es ist eine Pilgerschaft, die trotz aller Ungewissheit und Leiden ein sicheres Ziel hat: das Haus unseres Vaters, der uns voll Liebe erwartet. Es ist schön, daran zu denken, dass wir einen Vater haben, der uns mit Liebe erwartet, und auch unsere Mutter ist dort oben und erwartet uns mit Liebe.

Während nun das Leben weitergeht, lässt Gott »dem pilgernden Volk […] ein untrügliches Zeichen der Hoffnung und eine Quelle des Trostes [erstrahlen]« (ebd.). Jenes Zeichen hat ein Gesicht, jenes Zeichen hat einen Namen: das leuchtende Antlitz der Mutter des Herrn, der gesegnete Name Marias, die voll der Gnade ist, weil sie an das Wort des Herrn geglaubt hat. Sie ist die große Glaubende! Als Glieder der Kirche sind wir dazu bestimmt, an der Herrlichkeit unserer Mutter teilzuhaben, da auch wir, Gott sei es gedankt, an das Kreuzesopfer Christi glauben und durch die Taufe in dieses Geheimnis des Heils aufgenommen worden sind.

Heute wollen wir alle gemeinsam beten, dass sie uns auf unserem Weg auf dieser Erde ihre barmherzigen Augen zuwende, uns den Weg erhelle, uns das Ziel weise und uns nach diesem Elend Jesus zeige, die gebenedeite Frucht ihres Leibes. Und gemeinsam wollen wir sprechen: O gütige, o milde, o süße Jungfrau Maria!

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Quelle


APOSTOLISCHE REISE VON PAPST FRANZISKUS
IN DIE REPUBLIK KOREA AUS ANLASS DES
6. ASIATISCHEN JUGENDTAGES

(13.-18. AUGUST 2014)

BEGEGNUNG MIT ASIATISCHEN JUGENDLICHEN

ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS

Heiligtum von Solmoe
Freitag, 15. August 2014

 

Liebe junge Freunde,

„Es ist gut, dass wir hier sind!“ (Mt 17,4). Diese Worte sprach der heilige Petrus auf dem Berg Tabor, als er vor dem in Herrlichkeit verklärten Jesus stand. Wahrlich, es ist gut, dass wir hier sind, gemeinsam in diesem Heiligtum der koreanischen Märtyrer, in denen die Herrlichkeit des Herrn zu Beginn des Lebens der Kirche in diesem Land offenbart wurde. In dieser großen Versammlung, die junge Christen aus ganz Asien zusammenführt, können wir die Herrlichkeit Jesu gleichsam greifen – die Herrlichkeit Jesu, der gegenwärtig ist in unserer Mitte, gegenwärtig ist in seiner Kirche, die alle Nationen, Sprachen und Völker umfasst, gegenwärtig ist in der Kraft seines Heiligen Geistes, der alles neu, jung und lebendig macht!

Ich danke euch für euren herzlichen Empfang. Sehr herzlich, sehr herzlich! Und für das Geschenk eurer Begeisterung, für eure freudigen Gesänge, eure Glaubenszeugnisse und eure schönen Darbietungen der Vielfalt und des Reichtums eurer unterschiedlichen Kulturen. In besonderer Weise sage ich Mai, Giovanni und Marina Dank, den drei jungen Freunden, die mich an euren Hoffnungen, euren Problemen und euren Sorgen haben teilhaben lassen. Ich habe ihnen aufmerksam zugehört und werde sie im Gedächtnis behalten. Ich danke Bischof Lazzaro You Heung-sik für seine  einführenden Worte und begrüße euch alle von Herzen.

Heute Nachmittag möchte ich mit euch über einen Teil des Themas vom Sechsten Asiatischen Jugendtag nachdenken: „Die Herrlichkeit der Märtyrer erstrahlt über euch.“ Genauso wie der Herr seine Herrlichkeit im heroischen Zeugnis der Märtyrer weiterleuchten ließ, möchte er seine Herrlichkeit auch in eurem Leben und durch euch aufscheinen lassen, um das Leben dieses weiten Kontinents hell zu machen. Heute klopft Christus an die Tür eures Herzens, meines Herzens. Er fordert euch und mich auf, uns zu erheben, ganz wach und aufmerksam zu sein und die Dinge im Leben zu sehen, die wirklich von Bedeutung sind. Mehr noch: Er bittet euch und mich, hinauszugehen auf die Straßen und Gassen dieser Welt und an die Türen der Herzen anderer zu klopfen mit der Einladung, ihn in ihrem Leben willkommen zu heißen.

Dieses große Treffen junger Asiaten ermöglicht uns ebenfalls, etwas von dem zu sehen, was die Kirche selbst in Gottes ewigem Plan sein soll. Gemeinsam mit jungen Menschen von überall her möchtet ihr dazu beitragen, eine Welt aufzubauen, wo wir alle in Frieden und Freundschaft zusammenleben, indem wir Barrieren überwinden, Zerwürfnisse heilen sowie Gewalt und Vorurteile zurückweisen. Und genau das ist es, was Gott uns wünscht. Die Kirche soll ein Same der Einheit für die gesamte Menschheitsfamilie sein. In Christus sind alle Nationen und Völker in eine Einheit gerufen, welche die Vielfalt nicht zerstört, sondern sie anerkennt, versöhnt und bereichert.

Wie weit entfernt erscheint der Geist der Welt von dieser wunderbaren Vorstellung und diesem großartigen Plan! Wie oft scheint der Same der Güte und Hoffnung, den wir zu säen versuchen, erstickt zu werden vom Unkraut des Egoismus, der Feindseligkeit und der Ungerechtigkeit nicht nur in unserer Umgebung, sondern auch in unserem eigenen Herzen! Wir sind beunruhigt durch die wachsende Kluft zwischen reich und arm in unseren Gesellschaften. Wir sehen Zeichen einer Vergötterung von Besitz, Macht und Vergnügen, was Menschen großen Schaden zufügt. In unserer näheren Umgebung gibt es so viele unserer eigenen Freunde und Altersgenossen, die sogar inmitten  von immensem materiellen Reichtum unter geistlicher Armut, Einsamkeit und stiller Hoffnungslosigkeit leiden. Gott scheint von der Bildfläche verschwunden zu sein. Es ist beinahe, als beginne eine geistige Wüste, sich über unsere ganze Welt auszubreiten. Es wirkt sich auch auf die jungen Menschen aus, indem es ihnen ihre Hoffnung nimmt und in allzu vielen Fällen sogar ihr Leben selbst.

Doch das ist die Welt, in die ihr hinausgehen und Zeugnis bringen sollt für das Evangelium der Hoffnung, für das Evangelium Jesu Christi und die Verheißung seines Reiches – das ist dein Thema, Marina. Ich werde darüber sprechen… In den Gleichnissen sagt Jesus uns, dass das Reich friedlich in die Welt kommt, indem es still, aber sicher wächst, wo immer es von Herzen empfangen wird, die für seine Botschaft der Hoffnung und des Heils offen sind. Das Evangelium lehrt uns, dass der Geist Jesu jedem menschlichen Herzen neues Leben bringen und jede Situation – sogar die scheinbar hoffnungsloseste – verwandeln kann. Jesus kann verwandeln, kann alle Situationen verwandeln! Das ist die Botschaft, die ihr mit euren Altersgenossen teilen sollt: in der Schule, am Arbeitsplatz, in euren Familien, euren Universitäten und euren Gemeinden. Weil Jesus vom Tod erstanden ist, wissen wir, dass er „Worte des ewigen Lebens“ hat (Joh 6,68), dass sein Wort die Macht hat, jedes Herz zu berühren, Böses mit Gutem zu überwinden und die Welt zu verändern und zu erlösen.

Liebe junge Freunde, in dieser Generation zählt der Herr auf euch! Er zählt auf euch! Er kam in euer Herz am Tag eurer Taufe, schenkte euch seinen Geist am Tag eurer Firmung und stärkt euch ständig durch seine Gegenwart in der Eucharistie, so dass ihr seine Zeugen sein könnt vor der Welt. Seid ihr bereit, „Ja“ zu sagen? Seid ihr bereit? [Die Jugendlichen rufen: „Ja!“] – Danke!

Seid ihr müde? [„Nein!“] Sicher? [„Ja!“] – Ein lieber Freund sagte mir gestern: „Du kannst zu den Jugendlichen nicht sprechen, indem du vom Papier abliest; du musst die jungen Leute spontan ansprechen, aus dem Herzen. [Applaus] Aber ich habe eine große Schwierigkeit: Mein Englisch ist schlecht. [„Nein, nein!“] – Doch, doch! Aber wenn ihr wollt, kann ich spontan noch andere Dinge sagen. Seid ihr müde? [„Nein!“] Kann ich weitermachen? [„Ja!“] Aber ich tue es auf Italienisch [großer Applaus – Er wendet sich an den Übersetzer] Würden Sie es übersetzen? Danke! Also los!

Ich habe sehr stark empfunden, was Marina gesagt hat: ihren Konflikt in ihrem Leben. Was tun? Den Weg zu einem gottgeweihten Leben, zum Ordensleben einschlagen, oder studieren, um besser vorbereitet zu sein, den anderen zu helfen.

Das ist ein scheinbarer Konflikt, denn wenn der Herr ruft, dann ruft er immer, um den anderen Gutes zu tun, sei es im Ordensleben, sei es im gottgeweihten Leben, sei es im Laienstand als Vater und Mutter der Familie. Aber der Zweck ist der gleiche: Gott anzubeten und den anderen Gutes zu tun. Was sollen Marina und viele von euch, die sich dieselbe Frage stellen, tun? Auch ich habe sie mir seinerzeit gestellt: Welchen Weg soll ich wählen? – Aber du sollst überhaupt keinen Weg wählen! Der Herr muss ihn wählen! Jesus hat ihn gewählt! Du musst ihn hören und fragen: Herr, was soll ich tun?

Das ist das Gebet, das ein junger Mensch sprechen muss: „Herr, was willst du von mir?“ Und mit dem Gebet und dem Rat einiger wirklicher Freunde – Laien, Priester, Schwestern, Bischöfe, Päpste – auch der Papst kann einen guten Rat geben – mit dem Rat von diesen Menschen den Weg finden, den der Herr für mich will.

Lasst uns zusammen beten! [Er wendet sich an den Übersetzer] Lasse du sie auf Koreanisch wiederholen: „Herr, was willst du von meinem Leben?“ Dreimal. Lasst uns beten! [Die Jugendlichen sprechen die Bitte dreimal im Chor.]

Ich bin sicher, dass der Herr euch erhören wird. Auch dich, Marina, bestimmt. Danke für dein Zeugnis. Entschuldige! Ich habe die Namen verwechselt: Die Frage kam von Mai, nicht von Marina.

Mai hat noch von etwas anderem gesprochen: von den Märtyrern, den Heiligen, den Zeugen. Und mit etwas Kummer, ein wenig Sehnsucht hat sie uns gesagt, dass es in ihrem Land, in Kambodscha, noch keine Heiligen gibt, doch wir hoffen… Heilige gibt es, und viele! Aber die Kirche hat noch keinen anerkannt, hat noch keinen seliggesprochen, noch keinen heiliggesprochen. Und ich danke dir sehr dafür, Mai. Ich verspreche dir, dass ich mich, wenn ich nach Hause zurückkomme, darum kümmern werde, mit dem Zuständigen zu sprechen – es ist ein fähiger Mann und er heißt Angelo – das ist ein guter Name: Angelo – und ich werde ihn bitten, in der Sache Nachforschungen anzustellen, um sie voranzubringen. Danke, vielen Dank!

Es ist Zeit, aufzuhören. Seid ihr müde? [„Nein!“] Sollen wir noch ein bisschen weitermachen? [„Ja!“]

Kommen wir jetzt zu Marina. Marina hat zwei Fragen gestellt… nicht zwei Fragen, sie hat zwei Überlegungen vorgetragen und eine Frage über das Glück. Sie hat uns etwas Wahres gesagt: Das Glück kann man nicht kaufen. Und wenn du ein Glück kaufst, dann merkst du, dass dieses Glück sich verflüchtigt hat… Das Glück, das man kauft, ist nicht von Dauer. Nur das Glück der Liebe, das ist es, was andauert.

Und der Weg der Liebe ist einfach: Liebe Gott und liebe den Nächsten, deinen Mitmenschen, den, der in deiner Nähe ist, den, der Liebe braucht und viele andere Dinge. – „Aber Pater, wie kann ich wissen, ob ich Gott liebe?“ – Einfach, wenn du den Nächsten liebst, wenn du nicht hasst, wenn du keinen Hass in deinem Herzen hast, liebst du Gott. Das ist der sichere Beweis.

Und dann hat Marina eine Frage gestellt – ich verstehe – eine schmerzliche Frage, und ich danke ihr, dass sie sie gestellt hat: die Spaltung zwischen den Brüdern und Schwestern der beiden Koreas. Aber gibt es zwei Koreas? Nein, es gibt ein Korea, aber es ist gespalten, die Familie ist gespalten. Und da ist dieser Schmerz… Wie kann man helfen, dass diese Familie sich vereint? Ich sage zweierlei: zuerst ein Rat und dann eine Hoffnung.

Vor allem der Rat: beten; für unsere Brüder und Schwestern im Norden beten: „Herr, wir sind eine Familie, hilf uns, verhilf uns zur Einheit, du kannst das tun. Dass es weder Sieger noch Besiegte gibt, sondern nur eine Familie, dass es nur die Geschwister gibt.“ Und jetzt lade ich euch ein, gemeinsam zu beten – nach der Übersetzung – schweigend zu beten für die Einheit der beiden koreanischen Staaten.

Beten wir im Schweigen. [Stille]

Und nun die Hoffnung. Welche Hoffnung? Es gibt so viele Hoffnungen, aber eine darunter ist besonders schön. Korea ist eins, ist eine Familie: Ihr sprecht die gleiche Sprache, die Sprache der Familie; ihr seid Geschwister, die die gleiche Sprache sprechen. Als [in der biblischen Erzählung] Josefs Brüder nach Ägypten zogen, um Nahrung zu kaufen – denn sie hatten Hunger; sie hatten Geld, aber nichts zu essen – kamen sie dort an, um Lebensmittel zu kaufen, und fanden einen Bruder! Wieso? Weil Josef gemerkt hatte, dass sie die gleiche Sprache sprachen. Denkt an eure Geschwister im Norden: Sie sprechen die gleiche Sprache, und wenn in der Familie die gleiche Sprache gesprochen wird, gibt es auch eine menschliche Hoffnung.

Eben haben wir etwas Schönes gesehen, diesen Sketch des „verlorenen Sohns“, jenes Sohnes, der fortgegangen war, der sein Geld und alles verschwendet hatte, der seinen Vater, die Familie und alles verraten hatte. Zu einem bestimmten Zeitpunkt – aus Not, aber tief beschämt – hat er sich entschieden zurückzukehren. Und er hatte auch überlegt, wie er seinen Vater um Verzeihung bitten wollte: „Vater, ich habe gesündigt, ich habe dieses Böse getan, aber ich will nun ein Knecht sein, nicht dein Sohn.“ Dies und viele andere schöne Worte hatte er sich zurechtgelegt. Aber das Evangelium erzählt uns, dass der Vater ihn von ferne sah. Und warum sah er ihn? Weil er jeden Tag auf die Dachterrasse stieg, um zu sehen, ob der Sohn heimkehrte. Und er hat ihn umarmt. Und er hat ihn kaum zu Wort kommen lassen, hat ihn jene vorbereiteten Worte gar nicht ausreden und nicht einmal um Verzeihung bitten lassen … und hat ein Fest gefeiert. Er hat ein Fest gefeiert! Und das ist das Fest, das Gott gefällt: Wenn wir nach Hause zurückkehren, zu ihm zurückkehren. – „Aber Pater, ich bin ein Sünder, ich bin eine Sünderin…“ – Umso besser, er erwartet dich! Umso besser, er wird ein Fest feiern! Denn Jesus selbst sagt uns, dass im Himmel für einen Sünder, der umkehrt, ein größeres Fest gefeiert wird, als für hundert Gerechte, die zu Hause bleiben.

Niemand von uns weiß, was uns im Leben erwartet. Und ihr Jugendlichen: „Aber was erwartet mich?“… Wir können üble Dinge tun, sehr üble… aber, bitte, nicht verzweifeln: Da ist immer der Vater, der auf uns wartet! Zurückkehren, zurückkehren! Das ist das Wort. Come back! Nach Hause zurückkehren, denn der Vater wartet auf mich. Und wenn ich ein großer Sünder bin, wird er ein großes Fest feiern. Und ihr Priester, bitte, umarmt die Sünder und seid barmherzig! Und das zu spüren, ist schön! Mich macht das glücklich, denn Gott wird niemals müde, uns zu verzeihen; er wird niemals müde, auf uns zu warten.

Ich hatte drei Vorschläge aufgeschrieben, aber ich habe schon darüber gesprochen: Gebet, Eucharistie und Arbeit für die anderen, für die Armen.

Nun ist es Zeit für mich, zu gehen. [„Nein!“] Ich freue mich darauf, euch in diesen Tagen zu sehen und wieder zu euch zu sprechen, wenn wir uns am Sonntag zur heiligen Messe versammeln. Für jetzt lasst uns dem Herrn danken für den Segen dieser gemeinsamen Zeit und ihn bitten um die Kraft, treue und frohe Zeugen seiner Liebe überall in Asien und in der ganzen Welt zu sein.

Möge Maria, unsere Mutter, über euch wachen und euch immer in der Nähe Jesu, ihres Sohnes bewahren. Und auch der heilige Johannes Paul II., der die Weltjugendtage eingeführt hat, sei euch vom Himmel aus ein ständiger Begleiter. In großer Liebe erteile ich euch meinen Segen. [Er segnet die Versammlung.]

Und bitte, betet für mich, vergesst es nicht, für mich zu beten! Vielen Dank!

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Working Title/Artist: The Assumption of the VirginDepartment: Robert Lehman CollnCulture/Period/Location: HB/TOA Date Code: Working Date: 1340 Digital Photo File Name: DT705.TIF Online Publications Edited By Steven Paneccasio for TOAH 3/17/14

HEILIGE MESSE AM HOCHFEST DER LEIBLICHEN AUFNAHME MARIENS IN DEN HIMMEL

PREDIGT VON PAPST FRANZISKUS

 Castel Gandolfo, 15. August 2013


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Liebe Brüder und Schwestern,

im Schlussteil der Konstitution über die Kirche hat das Zweite Vatikanische Konzil uns eine wunderschöne Meditation über die Allerseligste Jungfrau Maria hinterlassen. Ich erwähne nur die Aussagen, die sich auf das Geheimnis beziehen, das wir heute feiern. Die erste lautet: »Die unbefleckte Jungfrau, von jedem Makel der Erbsünde unversehrt bewahrt, [wurde] nach Vollendung des irdischen Lebenslaufs mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen und als Königin des Alls vom Herrn erhöht« (Nr. 59). Und gegen Ende des Textes heißt es dann: »Wie die Mutter Jesu, im Himmel schon mit Leib und Seele verherrlicht, Bild und Anfang der in der kommenden Weltzeit zu vollendenden Kirche ist, so leuchtet sie auch hier auf Erden in der Zwischenzeit bis zur Ankunft des Tages des Herrn als Zeichen der sicheren Hoffnung und des Trostes dem wandernden Gottesvolk voran« (Nr. 68). Im Licht dieser wunderschönen Ikone unserer Mutter können wir die Botschaft betrachten, die in den biblischen Lesungen enthalten ist, die wir eben gehört haben. Dabei können wir uns auf drei Schlüsselworte konzentrieren: Kampf, Auferstehung, Hoffnung.

Der Abschnitt aus der Offenbarung stellt die Vision eines Kampfes zwischen der Frau und dem Drachen vor Augen. Die Gestalt der Frau, die für die Kirche steht, ist einerseits herrlich, triumphierend, und andererseits liegt sie noch in Geburtswehen. So ist die Kirche tatsächlich: Auch wenn sie im Himmel schon an der Herrlichkeit ihres Herrn teilhat, erlebt sie in der Geschichte unablässig die Prüfungen und die Herausforderungen, die der Konflikt zwischen Gott und dem Bösen – dem Feind von jeher – mit sich bringt. Und in diesem Kampf, dem die Jünger Jesu sich stellen müssen – wir alle, wir, alle Jünger Christi müssen diesen Kampf aufnehmen –, lässt Maria sie nicht allein; die Mutter Christi und der Kirche ist immer bei uns. Immer ist sie mit uns unterwegs, ist bei uns. In gewissem Sinne teilt auch Maria diesen zweifachen Zustand. Natürlich ist sie bereits ein für allemal in die Herrlichkeit des Himmels eingetreten. Doch das bedeutet nicht, dass sie fern, dass sie von uns getrennt ist; im Gegenteil, Maria begleitet uns, sie kämpft an unserer Seite, sie unterstützt die Christen im Kampf gegen die Kräfte des Bösen. Das Gebet mit Maria, besonders der Rosenkranz – aber hört gut zu: der Rosenkranz! Betet ihr den Rosenkranz jeden Tag? – [Die Leute rufen: Ja!] – Aber ich weiß nicht… Wirklich? Na gut. Das Gebet mit Maria, besonders der Rosenkranz, besitzt auch diese „kämpferische“ Dimension des Ringens; es ist ein Gebet, das in der Schlacht gegen den Bösen und seine Helfershelfer Unterstützung bietet. Auch der Rosenkranz unterstützt uns im Kampf!

Die zweite Lesung spricht uns von der Auferstehung. Der Apostel Paulus betont in seinem Brief an die Korinther mit Nachdruck, dass Christ sein bedeutet, daran zu glauben, dass Christus wirklich von den Toten auferstanden ist. Unser ganzer Glaube gründet sich auf diese fundamentale Wahrheit, die keine Idee, sondern ein Ereignis ist. Und auch das Geheimnis von der Aufnahme Marias in den Himmel mit Leib und Seele ist ganz in die Auferstehung Christi eingefügt. Die Menschheit der Mutter ist vom Sohn in dessen Übergang durch den Tod hindurch gleichsam „mit hineingezogen“ worden. Jesus ist ein für allemal ins ewige Leben eingegangen, mit seiner ganzen Menschheit – jener Menschheit, die er von Maria genommen hatte. So ist Maria, die Mutter, die ihm das ganze Leben hindurch treu gefolgt ist – ihm mit dem Herzen gefolgt ist – mit ihm ins ewige Leben eingetreten, das wir auch Himmel, Paradies, Vaterhaus nennen.

Auch Maria hat das Martyrium des Kreuzes kennen gelernt: das Martyrium ihres Herzens, das Martyrium der Seele. Sie hat so sehr gelitten, in ihrem Herzen, als Jesus am Kreuz litt. Sie hat den Leidensweg ihres Sohnes in ihrem Innern bis zum Grund durchlebt. Im Tod war sie mit ihm völlig vereint, und darum wurde ihr das Geschenk der Auferstehung zuteil. Christus ist der Erste der Auferstandenen, und Maria ist die Erste der Erlösten, die Erste von denen, »die zu ihm gehören«. Sie ist unsere Mutter, doch wir können auch sagen, sie ist unsere Repräsentantin; sie ist unsere Schwester, unsere erste Schwester, sie ist die Erste der Erlösten, die im Himmel angekommen ist.

Das Evangelium schlägt uns das dritte Wort vor: Hoffnung. Hoffnung ist die Tugend dessen, der im Erleben des Konflikts, des täglichen Ringens zwischen Leben und Tod, zwischen Gut und Böse an die Auferstehung Christi, an den Sieg der Liebe glaubt. Wir haben den Gesang Marias gehört, das Magnificat: Es ist der Gesang der Hoffnung, es ist der Gesang des Gottesvolkes, das in der Geschichte unterwegs ist. Es ist der Gesang so vieler Heiliger, von denen einige bekannt, ganz viele andere unbekannt, Gott aber bestens bekannt sind: Mütter, Väter, Katecheten, Missionare, Priester, Schwestern, Jugendliche, sogar Kinder, Großväter und Großmütter: Diese haben sich dem Kampf des Lebens gestellt, indem sie die Hoffnung der Kleinen und der Demütigen im Herzen trugen. Maria sagt: »Meine Seele preist die Größe des Herrn«; das singt an diesem Tag auch die Kirche, und sie singt es in allen Teilen der Welt. Dieser Gesang ist besonders intensiv, wo der Leib Christi heute die Passion erleidet. Wo das Kreuz ist, da gibt es für uns Christen auch Hoffnung. Immer. Wenn keine Hoffnung da ist, sind wir keine Christen. Darum sage ich gerne: Lasst euch die Hoffnung nicht stehlen! Dass sie uns die Hoffnung nicht stehlen, denn diese Kraft ist eine Gnade, ein Geschenk Gottes, das uns voranbringt, indem wir auf den Himmel schauen! Und Maria ist immer dort, nahe bei den Gemeinschaften, die leiden, bei diesen unseren Brüdern und Schwestern, ist mit ihnen unterwegs, leidet mit ihnen und singt mit ihnen das Magnificat der Hoffnung.

Liebe Brüder und Schwestern, stimmen auch wir aus ganzem Herzen in diesen Gesang der Geduld und des Sieges, des Kampfes und der Freude ein – in diesen Gesang, der die triumphierende mit der wandernden Kirche, mit uns verbindet, der die Erde mit dem Himmel verbindet, der unsere Geschichte mit der Ewigkeit verbindet, zu der wir unterwegs sind. So sei es.

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