Neue Details zur Entstehung von „Humanae Vitae“

Papst Paul VI. (Giovanni Battista Montini)

In den vatikanischen Archiven sind neue Details zur Entstehungsgeschichte der Enzyklika „Humanae Vitae“ aufgetaucht. Das berichtet der Internetauftritt „Vatican Insider“.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Die Enzyklika, die Papst Paul VI. vor genau fünfzig Jahren veröffentlichte, verbot Katholiken die künstlichen Methoden der Empfängnisverhütung, vor allem die „Pille“. Damit sorgte der Text für eine jahrzehntelange Kontroverse. Jetzt stellt sich heraus, dass Paul auch eine vertrauliche Umfrage unter Bischöfen aus aller Welt durchgeführt hat, bevor er die Enzyklika veröffentlichte.

„Die Stimme Unserer Enzyklika Humanae Vitae hat großes Echo ausgelöst“ – das sagte der Montini-Papst am 4. August 1968 bei einem Angelusgebet mit gewohntem Understatement. Da war ihm längst ein Sturm des Widerspruchs entgegengebraust, wie es ihn in der neueren Kirchengeschichte selten gegeben hat. Auch Bischofskonferenzen hatten die Verbindlichkeit des Textes in Zweifel gezogen.

Vorgeschichte der Enzyklika fast wie ein Krimi

„Wir wissen, dass viele Unsere Lehre nicht wertgeschätzt haben und dass viele ihr widersprechen. Wir können auch dieses Unverständnis, selbst diese Opposition in einem gewissen Sinn verstehen. Unser Wort ist nicht einfach, es entspricht nicht dem, was heute leider weit verbreitet ist… Wir wollen einfach daran erinnern, dass die von Uns bekräftigte Norm gar nicht die Unsere ist, sondern dass sie zu den Strukturen des Lebens, der Liebe und der menschlichen Würde gehört, die sich also aus dem Gesetz Gottes ergibt.“

Dass sich Paul VI. seine Entscheidung in „Humanae Vitae“ nicht leichtgemacht hat, war schon bisher bekannt. Mehrere Kommissionen berieten jahrelang, und die Auseinandersetzung, die schon auf dem Konzil begonnen hatte, liest sich heute „phasenweise fast wie ein Krimi“, urteilt der Südtiroler Ethikprofessor Martin Lintner, Autor eines neuen Buches „Von Humanae Vitae bis Amoris Laetitia“.

Nur zwölf Prozent der Bischöfe gaben dem Papst eine Antwort

Bisher unbekannt war das Durchführen einer Umfrage unter Bischöfen durch Paul VI. Ans Licht gebracht hat es der Theologe Gilfredo Marengo vom Päpstlichen Institut Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie. Im Auftrag von Franziskus untersucht er die Entstehung von „Humanae Vitae“, dabei stieß er, wie er jetzt in einem Buch ausführt, auf Dokumente zur ersten Bischofssynode vom Herbst 1967.

Paul VI. forderte bei dieser Gelegenheit die etwa 200 anwesenden Bischöfe dazu auf, ihm schriftlich ihren Standpunkt zur Empfängnisverhütung darzulegen. Erstaunlich ist, dass nur zwölf Prozent der Bischöfe auf diese Bitte reagierten: 25 schriftliche Antworten gingen beim Papst ein. 18 Bischöfe traten dafür ein, die Entscheidung in die Hände der Eheleute zu legen. In dieser Richtung äußerten sich unter anderem – besonders ausführlich – die Kardinäle Döpfner (München) und Suenens (Brüssel), darüber hinaus John Krol (Philadelphia) und Aloisio Lorscheider (Brasilia).

Wojtyla – der spätere Johannes Paul II. – äußerte sich ausführlich

Ausführlich schrieb aber auch einer der nur sieben Bischöfe, die ein Verbot der künstlichen Empfängnisverhütung befürworteten: der Krakauer Erzbischof Karol Wojtyla, der später als Johannes Paul II. Nachfolger Pauls VI. wurde. Schon bisher war bekannt, dass Wojtyla in dieser Angelegenheit eine sogenannte „Krakauer Denkschrift“ an Paul VI. geschickt hatte.

Der Montini-Papst setzte sich nach reiflicher Überlegung über das Mehrheitsvotum dieser Bischofsumfrage wie auch über die Mehrheitsvoten zweier Kommissionen hinweg. Noch einmal O-Ton Paul VI. zu seinem Verbot der Pille:

„Es ist keine Norm, die die soziologischen oder demographischen Bedingungen unserer Zeit ignoriert; sie steht auch nicht per se einer vernünftigen Begrenzung der Zahl der Geburten, der Forschung oder der wirklich verantwortlichen Elternschaft entgegen… Es ist einfach eine anspruchsvolle, strenge moralische Norm, die heute noch gilt. Sie verbietet den Einsatz von Mitteln, die absichtlich die Empfängnis verhindern und die dadurch die Reinheit der Liebe und die Mission des ehelichen Lebens herabwürdigen. Wir haben aus der Pflicht Unseres Amtes und aus pastoraler Liebe gesprochen.“

Paul VI. steht vor der Heiligsprechung

Am 25. Juli jährt sich zum 50. Mal die Veröffentlichung von „Humanae Vitae“, Pauls siebter und bis heute umstrittenster Enzyklika. Im Oktober wird Papst Franziskus seinen Voränger Paul feierlich heiligsprechen – bei einer Bischofssynode.

(vatican news – sk)

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Quelle

Fides christianorum resurrectio Christi est — Ansprache Pauls VI. an die Teilnehmer des Symposiums über die Auferstehung Jesu, Rom, 4. April 1970

Der auferstandene Jesus und der Apostel Thomas, Detail, Freske aus dem 14. Jh., Oberkirche des Klosters Sacro Speco, Subiaco (Rom).

Sehr geehrte Herren,

Wir sind sehr gerührt über die warmherzigen, zuversichtlichen Worte, die der ehrwürdige Pater Dhanis in Ihrem Namen für Uns gefunden hat, und wir danken dem Herrn, der uns dieses Treffen mit hochrangigen Experten im Bereich der Exegese, der Theologie und der Philosophie bescherte, die gekommen sind, um sich brüderlich über ihre Arbeiten zum Geheimnis der Auferstehung Christi auszutauschen. Groß ist Unsere Freude über dieses Symposium, das dank der großherzigen Gastfreundschaft des Instituts „San Domenico“ in der Via Cassia veranstaltet werden konnte. Wir möchten den Verantwortlichen und allen Teilnehmern, die Wir hier begrüßen dürfen, Unseren herzlichen Dank aussprechen, vereint mit Unserer tiefen Wertschätzung, Unserem besonderen Wohlwollen und Zuspruch.

Wir wollen Ihnen hier in aller Einfachheit einige Denkanstöße geben, die uns dieses so bedeutungsvolle Thema der Auferstehung Jesu nahelegt, das Sie lobenswerterweise zum Thema Ihrer Arbeiten machen wollten.

1. Man muss wohl kaum betonen, welch große Bedeutung Wir – wie übrigens alle unsere christlichen Kinder, Brüder und Schwestern – dieser Studie beimessen. Ja, Wir möchten fast zu sagen wagen: die meiste Bedeutung messen Wir ihr bei – schon aufgrund der Rolle, die uns der Herr im Schoße Seiner Kirche zugedacht hat und die Uns zum privilegierten Zeugen und Glaubenshüter macht! Und dreht sich vielleicht nicht die ganze Evangeliengeschichte um die Auferstehung: was wären die Evangelien, die die Frohbotschaft des Herrn Jesus verkünden, ohne sie? Liegt vielleicht nicht gerade darin die Quelle der gesamten christlichen Verkündigung, angefangen beim ersten Kerygma, das ja gerade dem Zeugnis der Auferstehung erwächst (vgl. Apg2, 32)?

Ist es nicht vielleicht der Angelpunkt der gesamten Epistemologie des Glaubens, ohne den dieser seine Konsistenz verlieren würde, wie schon die Worte des Apostels Paulus besagen: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden […] dann ist euer Glaube sinnlos“ (vgl. 1Kor 15, 14)?

Ist es vielleicht nicht allein die Auferstehung Jesu, die der ganzen Liturgie, allen unseren „Eucharistiefeiern“ Sinn gibt, mit der Versicherung der Präsenz des Auferstandenen, den wir in der Danksagung feiern: „Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“ (Anamnesis)?

Ja, die ganze christliche Hoffnung gründet sich auf die Auferstehung Christi, in der unsere eigene Auferstehung mit Ihm „verankert“ ist. Ja, wir sind bereits mit Ihm auferweckt (vgl. Kol 3, 1): in den Stoff unseres christliches Lebens ist diese unerschütterliche Gewissheit und diese verborgene Wirklichkeit eingewoben, mit aller Freude und Dynamik, die sich daraus ergibt.

2. Und ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass ein derartiges Geheimnis – so grundlegend für unseren Glauben, so bereichernd für unseren Geist – im Laufe der Geschichte verschiedene Formen angenommen hat und nicht nur das leidenschaftliche Interesse seitens der Exegeten, sondern auch vielfältige Proteste hervorrief? Dieses Phänomen hatte sich schon zu Lebzeiten des Evangelisten Johannes gezeigt, der meinte, präzisieren zu müssen, dass der ungläubige Thomas aufgefordert worden war, die Male der Nägel zu berühren und seine Hand in die verwundete Seite des auferstandenen Wortes des Lebens zu legen(vgl. Joh 20, 24-29).

Wie sollte man hier nicht an die seither angestellten Versuche jener Gnosis denken, die in vielfältigen Formen immer wieder in Erscheinung tritt und die dieses Geheimnis mit allen Ressourcen des menschlichen Verstandes zu durchdringen und auf die Dimensionen rein menschlicher Kategorien zu verkürzen suchte? Eine mehr als verständliche Versuchung, und zweifellos eine unvermeidliche, aber mit der gefährlichen Tendenz, den Reichtum und die Tragweite dessen zu entleeren, was vor allem ein Fakt ist: die Auferstehung des Retters.

Noch heute – und das müssen Wir Ihnen gewiss nicht in Erinnerung rufen – haben wir die letzten dramatischen Folgen dieser Tendenz vor Augen, die nicht selten dazu führt, dass Gläubige, die sich Christen nennen, den historischen Wert des inspirierten Zeugnisses leugnen oder, in jüngerer Zeit, die leibliche Auferstehung Jesu in rein mythischer, spiritueller oder moralischer Weise interpretieren. Wie soll man die unleugbar zerstörerischen Auswirkungen nicht wahrnehmen, die diese schädlichen Diskussionen auf viele Gläubige haben? Aber Wir sehen das alles – wie Wir hier mit Nachdruck betonen – ohne Furcht: Heute wie gestern gelingt es dem Zeugnis „der Elf und der anderen Jünger“ nämlich, mit der Anmut des Heiligen Geistes den wahren Glauben zu erwecken: „Der Herr ist wirklich auferstanden und dem Simon erschienen“ (Lk 24, 34-35).

Paul VI. betet am Heiligen Grab.

3. Mit diesen Gefühlen verfolgen Wir also mit großem Respekt die hermeneutische und exegetische Arbeit, die so qualifizierte Männer der Wissenschaft wie Sie zu diesem wichtigen Thema leisten. Diese Haltung entspricht den Prinzipien und Normen, die die katholische Kirche für die Bibelstudien festgelegt hat; man muss nur an die bekannten Enzykliken Unserer Vorgänger denken: Providentissimus Deus von Leo XIII. aus dem Jahr 1893, und Divino afflante Spiritu von Pius XII. aus dem Jahr 1943 – oder an die dogmatische Konstitution Dei Verbum des II. Vatikanischen Konzils: Darin wird nicht nur die rechte Freiheit der Forschung anerkannt, sondern auch daran gemahnt, dass das Studium der Heiligen Schrift den heutigen Erfordernissen angepasst sein muss und es gilt, „sorgfältig zu erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten“ (vgl. Dei Verbum, Nr. 12). Diese Perspektive weckt auch in der Welt der Kultur Interesse und stellt eine Quelle neuer Bereicherung für die Bibelstudien dar. Wir freuen Uns, dass dem so ist. Wie immer zeigt sich die Kirche als gestrenge Hüterin der schriftlichen Offenbarung; und heute zeigt sie sich beseelt von einer berechtigten Sorge: Alles zu wissen, alles mit Unterscheidungsvermögen abzuwägen und den Bibeltext kritisch zu interpretieren. Auf diese Weise ist die Kirche, während sie sucht, das Denken der anderen zu kennen, darum bemüht, das zu überprüfen, was ihr eigen ist und den vielen aufrechten Geistern, die auf der Suche sind, die Gelegenheit offener und tröstlicher Begegnungen zu geben. Ja, die Kirche selbst kennt die Schwierigkeiten bei der Exegese von zweifelhaften und schwierigen Texten und weiß um die Nützlichkeit verschiedener Meinungen. So konnte schon Augustinus sagen: „Utile est autem ut de obscuritatibus divinarum Scripturarum, quas exercitationis nostrae causa Deus esse voluit, multae inveniantur sententiae, cum aliud alii videtur, quae tamen omnes sanae fidei doctrinaeque concordent“ (Ep. ad Paulinum 149, 3, 34: PL 33, 644) [Es ist überdies nützlich, dass hinsichtlich unklarer Stellen der Heiligen Schrift – durch die uns Gott ermöglicht, in Übung zu bleiben – viele Urteile gehört werden, solange diese nicht im Kontrast zur gesunden Glaubenslehre stehen].

Und die Kirche gemahnt ihre Kinder, stets unter Leitung des Augustinus, daran, die Lösung durch die Einheit von Gebet und Studium zu suchen: „Non solum admonendi sunt studiosi venerabilium Litterarum, ut in Scripturis sanctis genera locutionum sciant […], verum etiam, quod est praecipuum et maxime necessarium, orent ut intelligant“ (De doctrina christiana III, 37, 56: PL 34, 89).

[Was nun die Schrifterklärer angeht, sollten sie nicht nur dazu angehalten werden, die in der Heiligen Schrift gebrauchten literarischen Gattungen zu kennen […], sondern auch, und das ist das Wichtigste und Notwendigste, zu beten, um zu verstehen].

4. Aber kommen wir wieder auf das Thema Ihres Symposiums zurück. Uns scheint, dass das Ganze der Analysen und Reflexionen letztendlich mit Hilfe neuer Forschungen die Lehre bestätigt, die die Kirche bezüglich des Geheimnisses der Auferstehung anerkennt und bekennt. Wie schon Romano Guardini seligen Angedenkens in einer eindringlichen Glaubensmeditation so treffend erkannte, betonen die Evangelienberichte „oft und mit Nachdruck, dass der auferstandene Christus anders ist als er vor dem Pascha war, anders als die anderen Menschen. Seine Natur hat in den Erzählungen etwas Merkwürdiges. Sein Sich-Nähern erstaunt, erschreckt. Während er vorher ‚kam‘ und ‚ging‘, heißt es nun, dass er ‚auch den Elf erschien‘, als sie bei Tisch waren, dass er ‚verschwand‘“ (vgl. Mk 16, 9-14; Lk 24, 31-36). Körperliche Barrieren gibt es für ihn nicht mehr. Er ist nicht mehr an die Grenzen von Raum und Zeit gebunden. Er bewegt sich mit einer neuen, auf Erden nicht gekannten Freiheit, gleichzeitig aber wird mit Nachdruck bekräftigt, dass Er Jesus von Nazareth ist, in Fleisch und Blut – der, der vorher mit den Seinen gelebt hatte, kein Gespenst.“ Ja, „der Herr ist verwandelt. Er lebt in anderer Weise als zuvor. Seine gegenwärtige Existenz ist für uns unverständlich. Doch ist sie leiblich, umfasst den ganzen Jesus […] ja, durch seine Wundmale umfasst sie sein ganzes gelebtes Leben, das Los, das ihn getroffen hat, sein Leiden und seinen Tod.“ Es handelt sich also nicht nur um das Überleben in Herrlichkeit seines „Ichs“. Wir haben es hier mit der Präsenz einer tiefen und komplexen Realität zu tun, einem neuen, vollkommen menschlichen Leben: „Das Durchdringen, die Verwandlung des ganzen Lebens, einschließlich des Leibes, durch die Präsenz des Heiligen Geistes […] Wir realisieren diese Umpolung, die sich Glaube nennt und die, statt Christus in Funktion der Welt zu denken, bewirkt, dass man die Welt und alle Dinge in Funktion Christi denkt […] Die Auferstehung lässt einen Keim erblühen, der schon immer in Ihm war.“ So können wir mit Romano Guardini sagen: „Wir brauchen die Auferstehung und die Verklärung, um wirklich verstehen zu können, was der menschliche Leib ist […] in Wahrheit hat nur das Christentum gewagt, den Leib in den tiefsten Geheimnissen Gottes anzusiedeln“ (R. Guardini, Le Seigneur, Übersetzung: R. P. Lorson, Bd. II, Alsatia, Paris 1945, SS. 119-126).

Angesichts dieses Geheimnisses sind wir alle von Bewunderung erfüllt, voller Staunen, genauso wie angesichts der Geheimnisse der Fleischwerdung und der jungfräulichen Geburt (vgl. Gregor, der Große, Hom. 26 in Ev., Brevierlesung am 1. Sonntag nach Ostern). Lassen wir uns also – mit den Aposteln – in den Glauben an den auferstandenen Christus einführen, der uns allein das Heil schenken kann (vgl. Apk 4, 12). Und wir sind auch zuversichtlich hinsichtlich der Gewissheit der vom Lehramt der Kirche garantierten Überlieferung, die auch zur wissenschaftlichen Forschung ermutigt und zugleich weiterhin den Glauben der Apostel proklamiert.

Meine lieben Herren, diese wenigen einfachen Worte zum Ausklang Ihrer gelehrten Arbeiten sollten Sie eigentlich nur ermutigen, in diesem Glauben damit weiterzumachen, ohne je den Dienst am Gottesvolk aus den Augen zu verlieren, das vollends neu geschaffen wurde, „damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“ (1Pt 1, 3). Und wir, im Namen Dessen „der tot war und wieder lebendig wurde“, dieses „treuen Zeugen und Erstgeborenen der Toten“ (Apk 2, 8; 1, 5), erteilen Ihnen als Unterpfand Unseres herzlichen Dankes für Ihre Forschungen Unseren tief empfundenen apostolischen Segen.

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Kardinal Koch über die Ökumenische Chance des neuen Mariengedenktags

Kardinal Kurt Koch Foto: EWTN.TV / Paul Badde

Am Pfingstmontag hat die Weltkirche erstmals den Gedenktag der „Seligen Jungfrau Maria, Mutter der Kirche“ gefeiert, den Papst Franziskus eingeführt hat. Weshalb war es dem Heiligen Vater hier ein Anliegen, Maria mit Pfingsten, mit der Geburtsstunde der Kirche zu verbinden? Julia Wächter fragte den Präsidenten des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch.

Kardinal Kurt Koch: Die Lesung, die in der Heiligen Messe am Gedenktag vorgesehen ist, bietet den Schlüssel zum Verständnis. In der Apostelgeschichte (1,12-14) wird berichtet, dass nach der Himmelfahrt Christi sich die Jünger mit Maria im Obergemach versammelten und einmütig im Gebet verharrten und auf das Kommen des Heiligen Geistes warteten. Maria tritt hier als Vorbeterin der Jüngergemeinschaft vor unsere Augen; und es wird sichtbar, wie die neue Lebenskraft der Kirche an Pfingsten und die mütterliche Sorge Mariens für die Kirche eng zusammengehören. Maria ist die pfingstliche Mutter der Kirche. Da Maria die pfingstliche Geburt der Kirche mit ihrem Gebet begleitet hat, bittet sie auch heute darum, dass die Kirche stets auf den Heiligen Geist hört.

Für viele Menschen ist das ökumenische Miteinander gerade an Pfingsten wichtig. Müssen sich Gläubige in Zukunft entscheiden: Maria oder Ökumene?

Dies wäre eine schiefe Entscheidung. Denn Maria hat kein anderes Anliegen als dies, uns zu Christus zu führen. Dies ist sehr schön sichtbar bei der Hochzeit zu Kana, bei der Maria ihre Aufgabe darin sieht, die Sorgen der Hochzeitsleute Jesus anzuvertrauen und es ihm zu überlassen, was er daraufhin tun will. Was Maria in Kana getan hat, das tut sie auch heute: Sie ist ganz Ohr für ihren Sohn und will uns zu Christus führen, dass wir seinen Willen tun. Sein Wille ist die Einheit der Jünger, und deshalb sind wir gut beraten, uns in unserem Bemühen um die Einheit der Kirche Maria um ihre Fürbitte anzugehen. Maria braucht deshalb nicht zwischen den Konfessionen zu stehen. Sie, die „Gnadenvolle“, gleichsam die personifizierte Gnade, ist eine wahrhafte Anwältin der ökumenischen Suche nach der Einheit der Kirche.

Maria stand unter dem Kreuz und wird heute als Schmerzensmutter verehrt. Was heißt das für die zerspaltene Kirche?  

Im Evangelium der Gedenkmesse (Joh 19, 25-34) wird berichtet, dass Jesus unter dem Kreuz seine Mutter dem Jünger Johannes und ihm – und durch ihn allen Gliedern der Kirche in allen Generationen – seine Mutter anvertraut hat. Wenn es anschließend heißt, „von jener Stunde an“ habe der Jünger Maria zu sich genommen, dann dürfen wir hier die tiefste Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft wahrnehmen. Wie die Kirche gleichsam unter dem Kreuz Jesu Christi entstanden ist, so kann auch die Einheit der Kirche nur unter dem Kreuz gefunden werden. Dies bedeutet zugleich, dass die ökumenische Suche nach der Einheit nicht ohne Schmerzen möglich ist, dass diese Schmerzen aber bei der Schmerzensmutter gut aufgehoben sind.

Der evangelische Ministerpräsident Markus Söder hat in ganz Deutschland die Kreuzdebatte ausgelöst. In Regensburg haben Regionalbischof Hans-Martin Weiss und Diözesanbischof Rudolf Voderholzer mit einem „ökumenischen Ja“ zum Kreuz in öffentlichen Räumen positiv Stellung bezogen. Was können Christen in der Gesellschaft erreichen, wenn sie gemeinsam auftreten?

Alles, was Christen – unter Respektierung verschiedener Überzeugungen – gemeinsam bezeugen und tun können, sollen sie gemeinsam tun. Die wichtigste ökumenische Aufgabe erblicke ich in der heutigen Zeit darin, dass wir Christen in unserer immer mehr säkularisierten Gesellschaft gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes bezeugen und die schöne Botschaft verkünden, dass Gottes Liebe in Jesus Christus ein konkretes Gesicht erhalten und ihren Ernstfall am Kreuz gefunden hat. Wenn Repräsentanten verschiedener Kirchen dies mit einer Stimme bezeugen können, dient dies der Glaubwürdigkeit der Botschaft. Und was könnte uns Christen mehr miteinander verbinden als das Kreuz Jesu Christi?

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PAPST PAUL VI.: DIE KIRCHE KANN NIE ALT WERDEN

April 1976: Pope Paul VI, Giovanni Battista Montini, at his Easter Address on the balcony of St Peter’s Basilica. (Photo by Keystone/Getty Images)

Bei der Generalaudienz am 12. Juni 1974

Während uns noch Pfingsten, das Fest zur Erinnerung an die Belebung der Kirche durch den Heiligen Geist, Erleuchtung und Freude schenkt, ergibt sich ein für unser Le­ben wesentlicher Aspekt dieses Ereignisses, nämlich der seiner Fortdauer. Pfingsten ist ja nicht eine ferne und schon in die Geschichte eingegangene Begebenheit. Es ist ein Ereignis, das bleibt; fortdauernde Geschichte. Die Kirche lebt noch immer aus der Kraft dieser wunderbaren Ausgießung der göttlichen Gnade, aus der Liebe, die ausgegossen ist in unsere Herzen (vgl. Röm 5, 5). Die zur Kirche gewordene Menschheit wird von dem Geist belebt, den Christus als das Haupt nach seinem Aufstieg in die Herrlichkeit des Vaters seinem in Welt und Zeit zurückgebliebenen Leib sendet (vgl. Joh 16, 7: „Wenn ich fortgehe“, sagte er in der denkwürdigen Nacht des Letzten Abendmahles, „werde ich euch einen Beistand senden, damit er immer bei euch bleibt. Es ist der Geist der Wahrheit“; vgl. Joh 14, 16-17). Dies ist das großartige Geheimnis vom mysti­schen Leib Christi, das Geheimnis im Mittelpunkt lebendigen und wahren Christentums, über das wir nachdenken und das wir eifersüchtig hüten müssen. Immer noch ist uns der hl. Augustinus Lehrmeister, wenn er schreibt: „Nur die katholische Kirche ist der Leib Christi, dessen Haupt und Erlöser er ist (Eph 5, 23). Außerhalb dieses Leibes schenkt der Heilige Geist niemandem Leben… Wer sich der Einheit widersetzt, hat kei­nen Teil an der göttlichen Liebe. Wer außerhalb der Kirche steht, hat nicht den Heiligen Geist… Wer den Heiligen Geist haben will, gebe sorgfältig acht, daß er nicht außerhalb der Kirche bleibt!“ Epist. 185, C. XI, 50; PL 33, 815; vgl. Tract. in Ioannem 27, 6; PL 35, 1618: „Denn nichts soll der Christ mehr fürchten, als vom Leib Christi getrennt zu werden. Denn wenn er vom Leib Christi getrennt wird, ist er nicht mehr ein Glied von ihm; ist er aber nicht ein Glied von ihm, dann wird er nicht am Leben erhalten von Seinem Geist“.

Das könnte uns zum Nachdenken darüber veranlassen, daß wir unbedingt auf entsprechende Weise in die Strukturen der Institution eingefügt sein müssen, die der Kirche Bestand als Leib verleihen. Hier werden sie als Vorbedingung dafür aus­gesprochen, daß wir an der Belebung durch den Heiligen Geist Anteil bekommen, wie sie eben diesem Leib der Kirche, dem mystischen Leib Christi, eigen ist.

Aber wir wollen uns nun einer anderen charakteristischen Auswirkung von Pfingsten zuwenden, dem Fest dieser geheim­nisvollen und wunderbaren übernatürlichen Beseelung, gesche­hen durch die Ausgießung des Heiligen Geistes in den sicht­baren, sozialen, menschlichen Leib der Jünger Christi hinein. Wir meinen das ewige Jungsein der Kirche. „Durch die Kraft des Evangeliums läßt der Heilige Geist die Kirche allezeit sich verjüngen, erneuert sie immerfort …“ (Lumen gentium, Nr. 4). Wie in einem Springbrunnen der Strahl immer quicklebendig und frisch hochschießt, solange ihm Wasser zuströmt, auch wenn dieses danach herabfällt und sich unten verteilt, so wird zwar die zur Kirche gewordene Menschheit, dem Los dieser Zeit unterworfen, unausweichlich vom irdischen Tod ereilt, aber dadurch wird das Zeugnis der Kirche die Jahrhunderte hindurch weder aufgehoben noch unterbrochen. So hat es Christus vorhergesagt und versprochen : „Ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung der Welt“ (Mt 28, 20). Das ließ er auch den Simon erkennen, als er ihm einen Namen gab, der Unvergänglichkeit bedeutet : „Du bist Petrus, und auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte des To­des werden sie nicht überwältigen“ (Mt 16, 18).

Mit vielen Menschen unserer Zeit kann man sogleich ein­wenden: mag sein, daß die Kirche fortdauert; sie besteht schon fast zweitausend Jahre; aber gerade wegen ihres langen Beste­hens ist sie alt, antik. Weiterbestehen bedeutet nicht schon Jugend. Die Menschen von heute lieben das Moderne, Be­wegliche, das für den Tag Gemachte am meisten; nicht alte Dinge. Sie bringen vielleicht Achtung vor der Geschichte auf, sie bewundern die Archäologie. Aber ihre Vorliebe gilt dem Aktuellen. Die Kirche mag also aufgrund ihres Alters und ihrer besonders gearteten Beständigkeit im Wechsel der Zeiten verehrungswürdig sein. Aber, so sagen sie, die Kirche lebt nicht aus dem Atem der heutigen Zeit, der immer neu ist; sie ist einfach nicht jung.

Der Einwand wiegt schwer und würde als Antwort eine lange Abhandlung verdienen mit vielen Seiten voll kosmischer, theologischer, philosophischer, historischer, anthropologischer, phänomenologischer und anderer Darlegungen. Dagegen kann aber die Gleichsetzung von ewiger Dauer und Jugend einem für die Wahrheit geöffneten Geist von sich aus genügen. Denn es ist genau so, und „es ist ein Wunder in unseren Augen“ (Mt 21, 42) : die Kirche ist jung! Und was noch mehr Staunen erregt, ist die Tatsache, daß ihre Jugendkraft von ihrem un­veränderlichen Bestehen die Zeiten hindurch herkommt. Die Zeit läßt die Kirche nicht alt werden; sie läßt sie wachsen, sie fordert sie zum Leben, zur Fülle heraus. Sagen wir es ge­nauer: Der menschliche Teil der Kirche kann den unerbittli­chen Gesetzen der Geschichte und der Zeit unterliegen, und so ist es tatsächlich: ihre menschliche Gestalt kann verfallen, kann altern, kann absterben. Es sterben ja in der Tat viele Glieder der Kirche; ganzen Völkern ist es gelungen, das irdi­sche Leben der Kirche zu ersticken, ihre geschichtliche Gegen­wart zu unterdrücken. Und dann sterben natürlich, wie alle Menschen (und vielleicht aus einfacheren und handgreiflicheren Gründen), alle die, welche als Menschen die Kirche bilden. Aber die Kirche hat in sich selbst nicht nur einen unbesieg­baren, übernatürlichen und übergeschichtlichen Quellgrund der Unvergänglichkeit, sondern sie verfügt außerdem auch über unabsehbare Kräfte zur Erneuerung.

Hat man in der Zeit des Konzils nicht vor allem vom „ag­giornamento“ gesprochen, was nichts anderes heißt als Ver­jüngung? Und legt uns das Heilige Jahr nicht vor allem ein Programm der Erneuerung vor? Dabei muß die Kirche heute aber viele ihrer Kinder ermahnen, nicht einem Mißverständnis zu verfallen und zu glauben, Erneuerung bedeute Anpassung an die Welt, die ja dem Gesetz des Todes, der jeden rein irdi­schen Wert anfällt und vernichtet, nicht anders zu entfliehen weiß, als daß sie ihren Lauf beschleunigt, eine Bewegung, die oft eine Flucht vor eben den Dingen ist, die sie kennzeichnen.

Damit haben wir dann die Revolution als unerschöpfliches Programm des politischen und sozialen Lebens. Damit haben wir die „Mode“, bei der nichts länger als „einen Morgen“ leben darf … Gewiß darf sich die Kirche, wenn sie von Er­neuerung spricht und für ihre Verjüngung sorgt, keinesfalls den schwindelerregenden Veränderungen der sichtbaren Welt an­passen, und doch lebt in ihr die Kirche ihr geschichtliches und irdischzeitliches Sein. Sie kann zahlreiche Formen modernen menschlichen Lebens übernehmen und sich zu eigen machen. Sie kann mitgehen mit den sozialen Gewohnheiten, solange diese nicht die Grundbedingungen ihres Lebens verletzen, wel­ches sie aus dem Evangelium und anderen unantastbaren, stets fruchtbaren Überlieferungen für sich ableiten muß.

Zugleich steht aber auch fest, daß die Kirche, in Treue zu ihrer inneren religiösen Einstellung, den Menschen, auch den modernen Menschen versteht, und sie ist heute vielleicht mehr denn je imstande, ihm näherzukommen, ihn anzuhören, ihn zu stärken und ihm jene Botschaft der Wahrheit auszurichten, die allein das Geheimnis für jede Zeit, für jedes Volk und für jeden Menschen in sich trägt: das Geheimnis des Lebens (vgl. Gaudium et spes). Dieses Leben ist das Jungsein der Kirche! Das sei besonders den jungen Menschen gesagt, damit sie Ver­trauen in die Kirche haben.

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Quelle: PAPST PAUL VI. WORT UND WEISUNG IM JAHR 1974, Libreria Editrice Vaticana, Città del Vaticano.

PAPST PAUL VI. UND DIE ÖKUMENE

1964 in Jerusalem: Der ökumenische Patriarch Athenagoras und Papst Paul VI.

 

Jörg Ernesti  

Paul VI. und die Ökumene 

In: Catholica (Münster) 4 (2014)

Summary:

Paul VI. (1897-1978) is held to be a forgotten pope. Mainly his decisions on artificial contraception is still provoking controversial discussions. The article is focussed on another aspect, his contribution to ecumenism. He had inherited the topic by his predecessor, and during the Second Vatican Council he promoted it with personal conviction, even if he weakened some statements of the conciliar document on ecumenism. After the synod he initiated the bilateral dialogues with other churches and consequently implemented the conciliar decisions in ecclesiastical life. Thus he might be rightly called „the pope of ecumenism“.

 

1.     Gesten und ihr theologischer Gehalt

Paul VI., dessen Seligsprechung am 19. Oktober 2014 im Rahmen der Bischofssynode erfolgte, steht weniger im Mittelpunkt des öffentlichen Bewusstseins als die meisten anderen Päpste seit 1945, so dass man ihn mit einem gewissen Recht als einen „vergessenen Papst“ bezeichnen kann.1 Dabei hat er in verschiedenen Bereichen Weichenstellungen vorgenommen, die das Leben der

1 Meine Ausführungen gehen auf eine Gastvorlesung im Rahmen der Vorlesungsreihe „Weltökumene und europäische Integration“, veranstaltet vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte und der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, am 18.6.2012 zurück. – Zur Biographie Montinis: vgl. Jörg Ernesti: Paul VI. Der vergessene Papst, Freiburg i. Br. u.a. 22012; zu seinem Beitrag zur Entwicklung der Ökumene: Oscar Cullmann: Paul VI et l’oecumenisme, in: Notiziario Istituto Paolo VI 4 (1982), 51- 62; Yves Congar: Paolo VI e l’ecumenismo, in: Oikoumenikon 17 (1977), 643-646; Paolo VI e l’ecumenismo [= Tagung Istituto Paolo VI, 25.-27.9.1998 / Istituto Paolo VI. Pubblicazioni 21], Brescia / Rom 2001. – Wenn im folgenden von der katholischen Kirche die Rede ist, ist um der Lesbarkeit willen die römisch-katholische Kirche gemeint.

Kirche bis heute prägen. Dazu gehört auch sein Einsatz für die Wiedervereinigung der christlichen Kirchen.

In der modernen Mediengesellschaft zählen nicht nur konkrete Taten und Worte, sondern auch deren mediale Vermittlung. Durch sie erst haben sich viele Ereignisse dem kollektiven Gedächtnis eingeprägt. Zum Thema „Paul VI. und die Ökumene“ ließen sich zwei Bilder anführen, die durch die Presse gegangen sind und an denen so die Weltöffentlichkeit Anteil genommen hat. Ein erstes datiert vom 23. März 1966, Der Ort ist die römische Patriarchalbasilika St. Paul vor den Mauern. Michael Ramsey, das geistliche Oberhaupt der anglikanischen Kirche, ist nach Rom gekommen, um sich mit dem Papst zu treffen. Paul VI. steckt dem Erzbischof von Canterbury bei dieser Gelegenheit einen Bischofsring auf, den er selbst als Erzbischof von Mailand getragen hat – eine in jeder Hinsicht denkwürdige Geste.

Ein zweites, noch bekannteres Bild: Zwei Jahre zuvor, am 4. Januar 1964, besucht der Papst das Heilige Land – eine gleich mehrfache Premiere. Das erste Mal seit 150 Jahren verlässt ein Papst Italien, erstmals besteigt ein Papst ein Flugzeug, als erster Nachfolger Petri kehrt er in das Land Jesu zurück – und zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend trifft der Patriarch des Abendlandes den Ökumenischen Patriarchen, als Bischof von Konstantinopel das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie. Das Bild von der Umarmung der beiden Kirchenführer Athenagoras und Paul VI. ging um die ganze Welt und prägte sich dem allgemeinen Gedächtnis der Christenheit ein. Bis hin zu einzelnen Details war dieses Gipfeltreffen vom Papst geplant worden. Die Wahl des gewissermaßen neutralen Ortes zwang keinen der beiden Beteiligten, deren entfernte Vorgänger sich zuletzt im Konzil von Ferrara-Florenz vor mehr als 500 Jahren getroffen hatten, der anderen Seite räumlich entgegenzukommen. Eine Reise ins Heilige Land verwies auf die gemeinsamen Wurzeln, auf eine Zeit lange vor der Spaltung. Das gemeinschaftlich gebetete Vaterunser, das Credo und die Verlesung von Johannes 17, des Gebetes Jesu um die Einheit seiner Jünger, lenkten den Blick auf das Wesentliche, in dem die Einheit bis heute fortbesteht. Der Papst selbst hatte übrigens bei einer letzten Inspektion des Schauplatzes, die er vor diesem Zusammentreffen vorgenommen hatte, eine Peinlichkeit verhindert: So hatte das vatikanische Zeremoniell für den Patriarchen des Abendlandes einen erhöhten Sitz vorgesehen, für den Patriarchen von Konstantinopel dagegen einen niedrigeren… Diese beiden Bilder der Begegnungen mit dem anglikanischen und dem orthodoxen Kirchenführer zeigen deutlich die Ambiguität der ökumenischen Gesten dieses Papstes.2 Giovanni Battista Montini, von Ausbildung und Prägung her ein großbürgerlicher und hochkultivierter Mensch, ein lombardischer Intellektueller, wusste um die Wirkung von Zeichen und Symbolen. Er war als Substitut im vatikanischen Staatssekretariat einer der engsten Mitarbeiter Pius‘ XII. gewesen und hatte dessen ausgeprägten Sinn für Inszenierungen erlebt (nicht von ungefähr ist Pacelli auf einem römischen Kongress vor 2 Jahren als der gewissermaßen erste „Medienpapst“ gewürdigt worden3). Bewähren konnten sich die medialen Fähigkeiten Montinis bei der Begegnung mit dem Primas der Orthodoxie, mit dessen Kirche es im Grunde genommen keine wirklich tiefgreifenden, grundsätzlichen dogmatischen Differenzen gibt (sieht man von der heutigen Gestalt des päpstlichen Primates und dem filioque des Credo ab). Bei der Begegnung mit dem Primas der Anglikaner, zu denen vergleichsweise größere dogmatische Differenzen bestehen, stieß eine solche „Gestenpolitik“ deutlich an ihre Grenzen, ja es wirkte sich hier ein theologisches Defizit des Papstes verhängnisvoll aus. Mit dem Aufstecken des Bischofsrings intervenierte er indirekt in der Frage der Gültigkeit der anglikanischen Weihen, die Leo XIII. im Jahr 1896 bestritten hatte.4 Dem Bischof einer getrennten Kirche einen Bischofsring anzustecken, impliziert, dass man seine bischöfliche Würde anerkennt; eine solche Geste setzt voraus, dass dieser in der Successio apostolica steht. Ein zweideutiges Zeichen simuliert also etwas, das (noch) nicht vorhanden ist, nämlich die Gemeinsamkeit des Amtsverständnisses. Es wird etwas vorweggenommen, was bislang nicht existiert: die kirchliche Einheit. Der von Ramsey und Paul VI. aus Anlass ihres Zusammentreffens durch eine gemeinsame Erklärung ins Leben gerufene Dialog zwischen den beiden Kirchen, der in verschiedenen Verhandlungsrunden bis zum heutigen Tag fortgeführt wird (ARCIC), hat aber bis dato nicht zu einer Revision der Entscheidung Leos XIII. geführt. Eine Konvergenz oder gar ein voller Konsens in der Amtsfrage ist nicht in Sicht.

Mit seiner Geste gegenüber Ramsey bewegte sich der Papst also in dogmatischer Hinsicht auf dünnem Eis. Das Gastgeschenk für den Ökumenischen Patriarchen, ein Abendmahlskelch, war dagegen durchaus angemessen gewesen. Es brachte ein theologisches Faktum (nämlich die Anerkennung der Gültigkeit der von den

2 Zu den ökumenischen Gesten Pauls VI. vgl. Pierre Duprey: Les gestes oecuméniques de Paul VI, in: Proche-Orient chrétien 48 (1998), 145-167; Jörg Ernesti: Ökumene in Gesten. Die Sicht des Kirchenhistorikers, in: Brixner Theologisches Forum 118 (2007), 221-230.
3 Vgl. Dario E. Viganò: Pio XII, i media e la comunicazione, in: Philippe Chenaux (Hg.). L’eredità del Magistero di Pio XII [= Dibattiti per il Millennio 13], Rom 2010, 141-182.
4 Vgl. das Apostolische Schreiben Apostolicae Curae vom 13.9.1896: ASS 29 (1896/97), 198-202.

Orthodoxen gefeierten Eucharistie) wie eine ökumenische Zielvorstellung (die volle eucharistische Gemeinschaft) zum Ausdruck. Folgerichtig konnte das 1967 durch Paul VI. promulgierte erste Ökumenische Direktorium, das die Ausführungsbestimmungen des Konzilsdekrets zur Ökumene formuliert, eine Communicatio in Sacris mit den getrennten Ostkirchen ausdrücklich empfehlen. Gemeint sind nicht die mit Rom verbundenen unierten Kirchen, sondern die Kirchen byzantinischer und altorientalischer Tradition, welche den Primat des Papstes nicht anerkennen und nach dem kanonischen Recht im Schisma stehen – übrigens ein Rubikon, der hier aus katholischer Sicht überschritten wird, insofern erstmals Sakramentengemeinschaft ohne volle Einheit im Glauben avisiert wird.5

Die dogmatische Unsicherheit des Papstes wurde im Übrigen auch schon von Zeitgenossen bemerkt (es seien nur Karl Rahner, Hans Küng und Karl Barth genannt).6 Es würde zu weit führen, die Gründe für seine theologischen Defizite darzulegen. Nur soviel sei hier angedeutet: Montini war weitgehend Autodidakt. Wegen seiner kränklichen Konstitution musste er nicht im Priesterseminar studieren, sondern konnte zu Hause wohnen bleiben. Hier konnte er eigene Leseerfahrungen machen, die in der Hoch-Zeit des Antimodernismus durchaus ungewöhnlich waren. Sein persönlicher Interessensschwerpunkt lag eher bei der Literatur, bei den Klassikern der spirituellen Tradition und bei der Philosophie. Nach der Priesterweihe kam das Kirchenrechtsstudium in Rom hinzu. Gründlichere dogmatische Studien waren ihm nie vergönnt. Er blieb zeitlebens auf Anregungen von außen angewiesen, besonders in den theologischen Kerndisziplinen.

Im Istituto Paolo VI in Brescia wird die private Bibliothek des Papstes bewahrt. Paul VI. hat gerade in den Jahren des Konzils viel gelesen, sich in Themen eingearbeitet, die ihm wenig vertraut waren. Eine gründliche Auswertung dieses Bestandes stellt sicher ein Desiderat der Forschung dar. So ließe sich auch im Hinblick auf die Ökumene nachweisen, welche Autoren er wahrgenommen hat, welchen Einflüssen er ausgesetzt war.

5 Vgl. AAS 39 (1967), 587 (Nr. 38ff.).
6 Vgl. Karl Rahner: Einleitung, in: David A. Seeber: Paul. Papst im Widerstreit. Dokumentation und Analyse, Freiburg i. Br. 1971, 8; Hans Küng: Erkämpfte Freiheit, München 2002, 436ff.; Eberhard Busch: Meine Zeit mit Karl Barth. Tagebuch 1965-1968, Göttingen 2011, 84f.

 

2.     Die Rolle Pauls VI. im Konzil

Paul VI. hatte in seiner Zeit an der Kurie in den Jahren 1923-1953 und als Erzbischof von Mailand von 1954-1963 wenige Berührungspunkte mit der Frage der kirchlichen Einheit.7 Ex officio hatte er an der Kurie mit dem römischen Jesuiten Charles Boyer zu tun. Dieser schuf 1945 die Internationale Vereinigung Unitas und gab seit 1946 die gleichnamige Zeitschrift heraus. Dies geschah mit ausdrücklicher Billigung durch Pius XII., der Giovanni Battista Montini in der Angelegenheit zu seinem Vertrauensmann bestimmte.8 Dass der Professor an der Gregoriana niemals ernsthafte Schwierigkeiten mit dem Hl. Uffizium bekam, liegt nicht zuletzt daran, dass Montini seine schützende Hand über ihn hielt. Dieser sorgte auch dafür, dass das von Boyer im Jahr 1950 geschaffene Foyer Unitas im Palazzo Salviati einen angemessenen Sitz erhielt. Bereits in der Vorkonzilszeit wurden hier nichtkatholische Kirchenvertreter bei ihren Rombesuchen betreut, sodass schon vor 1962 wichtige Kontakte entstanden. Damit wurde eine Grundlage für die Arbeit des 1960 auf Anregung Erzbischof Lorenz Jaegers gegründeten vatikanischen Einheitssekretariates geschaffen. Während des Konzils wurde das Foyer dann zum Zentrum der Begegnung mit den nichtkatholischen Konzilsbeobachtern, Journalisten und Gästen. Boyers Bedeutung als Ökumeniker liegt vor allem darin, dass er die Anliegen der Ökumenischen Bewegung in Rom bekannt machte. Sein ökumenisches Engagement zeigt, dass der ökumenischen Öffnung, die das Konzil vollziehen sollte, auch in Rom eine lange Vorbereitungszeit vorausging. Neben Montini war die schwedische Konvertitin Maria Elisabetta Hesselblad (1870-1957), die Oberin des Birgittinnenklosters an der Piazza Farnese, Boyers wichtigste Stütze. Sie redigierte Unitas, stellte die nötigen Räumlichkeiten zur Verfügung und spannte auch ihre Mitschwestern für die Aufgaben der Vereinigung ein.

Montini empfing in den vierziger und frühen fünfziger Jahren als Substitut und Prosekretär im Staatssekretariat wiederholt Größen der Ökumene wie den anglikanischen Bischof George Bell, Roger Schutz, den Gründer der Kommunität von Taizé und dessen Mitarbeiter Max Thurian. Allgemein wurde seine verbindliche und

7 Vgl. Angelo Maffeis: Giovanni Battista Montini e il problema ecumenico. Dagli anni giovanili all’episcopato milanese, in: Paolo VI e l’ecumenismo [= Tagung Istituto Paolo VI, 25.-27.9.1998 / Istituto Paolo VI. Pubblicazioni 21], Brescia / Rom 2001, 39-96.
8 Vgl. Jörg Ernesti: art. Boyer, Charles, in: Ders. – Wolfgang Thönissen (Hgg.): Personenlexikon Ökumene, Freiburg i. Br. u.a. 2010, 46ff.; ders.: art. Hesselblad, Maria Elisabetta, ebd., 42.

interessierte Art hervorgehoben.9 Ansonsten hatte er aber keine weitergehende Affinität zum ökumenischen Gedanken.

Im Januar 1954 ging er als Erzbischof nach Mailand. Seine Eingabe für das mittlerweile begonnene Konzil zeigen, dass er sich nun mit der Einheitsfrage auch theologisch beschäftigte – beschäftigen musste, da diese von Johannes XXIII. zu einem zentralen Gegenstand der Versammlung erhoben worden war.10 In einem Hirtenbrief vom 22. Februar 1962 legt Montini dar, dass man vom Konzil echte Reformen erwarten dürfe.11 Sein Urteil über die Einheit der Christen ist erstaunlich nüchtern.12 Das Konzil werde diese nicht herstellen können, sondern sie allenfalls vorbereiten. Die von ihm angeführte weitgefächerte Literatur in italienischer, deutscher und französischer Sprache zeigt, dass er auf dieses Thema durchaus vorbereitet war, sich also eingelesen hatte oder zuarbeiten ließ.

Am 21. Juni 1963 wurde er zum Papst gewählt, am 29. September das Konzil mit der zweiten Periode fortgesetzt. Als verbleibende Aufgaben benannte er bei diesem Anlass in einer Grundsatzrede die Reflexion über die Aufgaben des Bischofskollegiums, die innere Erneuerung der Kirche, die Bemühungen um die Einheit der Christen sowie den Dialog mit den Zeitgenossen. Die Suche nach der Einheit setze die Bereitschaft voraus, die Mitschuld an der Trennung zu bekennen und Vergebung zu gewähren.13 In diesem Sinne wurden auf Wunsch des Pontifex weitere Nicht-Katholiken als Beobachter zum Konzil eingeladen.14 Diese empfing er immer wieder einzeln oder in Gruppen zu Audienzen und bekundete so sein Interesse an den getrennten Kirchen.

Drei Monate später, am 5. Januar 1964, traf er mit dem Ökumenischen Patriarchen Athenagoras in Jerusalem zusammen. Seine Reise sollte auch zum Katalysator für die Beratungen des Konzils über die Kirche und über die Einheitsfrage werden, wie seine Rede vom 4. Dezember 1963 deutlich macht, mit der er sein Vorhaben ankündigt.15 Seine Erfahrungen flossen in seine erste Enzyklika Ecclesiam Suam vom August des Jahres ein, wie er in dem Text eigens bemerkt.16 Hier formuliert er

„Gerne folgen wir dem Grundsatz, nach zunächst das beleuchtet werden soll, was

9 Vgl. Maffeis (2001), 68-75.
10 Vgl. Maffeis (2001), 93-96.
11 Vgl. Giovanni Battista Montini: Discorsi e scritti milanesi, Bd. 3, Brescia 1997, 4898-4935.
12 Vgl. ebd., 4931f.
13 Vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 165-185.
14 Vgl. Angelo Maffeis: Gli osservatori al Vaticano II, in: Notiziario Istituto Paolo VI 25 (1993), 39-45.
15 Siehe seine Konzilsrede vom 4.12.1963: Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 371- 381.
16 Vgl. Ecclesiam Suam III (AAS 56 [1964], 659).

allen gemeinsam ist, als zuerst das aufzuzeigen, was uns trennt. In dieser Hinsicht erweist sich unser Dialog als besonders nützlich, und wir sind sehr geneigt, ihn fortzuführen. Wir wagen aber noch eine weitergehende Behauptung: Wir sind selbstverständlich bereit, viele Meinungsverschiedenheiten, die Tradition, Frömmigkeitsformen, Kirchenrecht, Liturgie betreffen, einem eingehenden Studium zu unterwerfen, um den legitimen Wünschen der noch immer von uns getrennten Brüder entgegenzukommen.“17

Wenn man auch seinem Vorgänger Johannes XXIII. das Verdienst zuschreiben muss, durch die Gründung des Einheitssekretariates im Jahr 1960 die Ökumene in Rom institutionalisiert, im Verhältnis zu anderen Konfessionen eine neue Atmosphäre geschaffen und die Einheitsfrage auf die Agenda des Konzils gesetzt zu haben, so hat er in dieser Hinsicht doch noch nicht solche grundsätzlichen Aussagen getroffen wie Paul VI.18 Das Trennende über das Verbindende zu stellen, die eigene Praxis um des Dialogs willen zu hinterfragen: das war doch ein neuer Ton. Noch war Montini nicht bereit, auch die konkrete Art der Ausübung des Primates zur Diskussion zu stellen, wie dies Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ut Unum Sint im Jahr 1995 zumindest im Grundsatz tun sollte. Mit anderen Worten: Johannes XXII. hat die atmosphärischen Voraussetzungen für den Dialog der Kirchen geschaffen, die eigentliche Dialogphase beginnt jedoch erst mit Paul VI., der nicht von ungefähr den Dialogbegriff eigens reflektiert.19

Grundsätzliche Offenheit gegenüber der Ökumene steht bei ihm freilich neben einer unverkennbaren Vorsicht und Zurückhaltung in konkreten Fragen. Charakteristisch ist in diesem Sinn sein Beitrag zur Endredaktion des konziliares Dokumentes über den Ökumenismus, des Dekrets Unitatis Redintegratio.20 In der dritten

17 „Libenter hoc sequemur institutum ex quo ante ea, quae omnium sunt communia, in lucem proferantur quam ea, quae dividunt, commonstrentur. In hoc enim egregie utiliterque versatur colloquium nostrum; quod persequi ex animo sumus parati. Sed etiam maiora libet affirmare: scilicet circa plura ad differentias pertinentia, veluti ad traditionem, pietatis formas, leges canonicas, Dei cultum, promptos nos esse ad perpendendum, quomodo legitimis optatis fratrum a nobis adhuc seiunctorum obsecundare possimus”: Ecclesiam Suam II (AAS 56 [1956], 655).
18 Vgl. Jörg Ernesti: Die Päpste des Konzils und ihr Verhältnis zur Moderne, in: ders. – Leonhard Hell – Günter Kruk (Hgg.): Selbstbesinnung und Aufbruch in die Moderne. 50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil, Paderborn / Wien / Zürich 2013, 11-26.
19 Vgl. Hermann J. Pottmeyer: Die Öffnung der römisch-katholischen Kirche für die Ökumenische Bewegung und die ekklesiologische Reform des 2. Vatikanums. Ein wechselseitiger Einfluß, in: Paolo VI (2001), 98-117, 190f.
20 Vgl. Dekret über den Ökumenismus. Einführung von Werner Becker, in: LThK2.E, Freiburg i. Br. 1967, 11-39; Bernd Jochen Hilberath: Theologischer Kommentar zum Dekret über den Ökumenismus, in: Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil, Bd. 3, Freiburg i. Br. u.a. 2005, 69-223.

Konzilsperiode sollte das bereits zuvor diskutierte und mehrfach veränderte Schema nur noch abgestimmt werden. Paul VI. hatte bis dato keine einschneidenden Beiträge zum Entstehen des Textes geliefert. Dies entsprach seiner Haltung gegenüber dem Konzil: Er ließ den Vätern generell alle nötige Freiheit zur Beratung der anstehenden Fragen und griff nur selten direkt ein. Stets bestens informiert (er verfolgte die Arbeiten in der Aula durch eine Videokamera), nahm er indirekt auf den Fortgang Einfluss, indem er die Protagonisten (namentlich die von ihm eingesetzten Moderatoren) häufig empfing.21 Bei den Abstimmungen der einzelnen Paragraphen des Ökumenismusdekrets am 5. Oktober 1964 votierten bis zu 57 Väter mit Nein. Noch größer war die Zahl der Änderungsvorschläge, die das Einheitssekretariat zu bearbeiten und falls möglich auch bei der revidierten Textfassung zu berücksichtigen suchte (es waren um die 2000 „Modi“). Bei einer so heiklen Materie wie dem Ökumenismus schien dem Papst die offenkundig fehlende Einmütigkeit untragbar. In den Tagen vor der für den 19. November vorgesehenen endgültigen Abstimmung des Textes traten Vertreter der konservativen Minderheit an Paul VI. heran, die dadurch ermutigt waren, dass er in der Ekklesiologie und bei der Frage der Religionsfreiheit, die vorerst verschoben worden war, Entgegenkommen gezeigt hatte. Auch jetzt wollte er die Bedenken der Minderheit berücksichtigt wissen, um am Ende den Konsens zu verbreitern.22 Am Abend des 18. November erreichten den Präsidenten des Einheitssekretariates Kardinal Augustin Bea 40 „suggestiones benevolae“ des Papstes, von denen dieser diejenigen auswählen und in den Text einfügen sollte, die seiner Substanz nicht widersprachen. Paul VI. hatte also nicht die Absicht, in letzter Minute noch wesentliche Veränderungen in den Text eingehen zu lassen und damit die vorherige Arbeit der Konzilsväter zu desavouieren. Wohl aber wollte er einige aus seiner Sicht notwendige Nuancierungen anbringen. Die Bischöfe und Periti des Sekretariates einzuberufen, war keine Zeit mehr. Bea hatte die Direktive bekommen, die von ihm ausgewählten Veränderungen im Namen des Sekretariates, nicht aber des Papstes selbst zu veröffentlichen. Drei Beispiele seien an dieser Stelle angeführt, um den Charakter der päpstlichen „Vorschläge“ zu verdeutlichen:23

21 Paul VI. charakterisiert selbst seine Einstellung: vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 1 (1963), Rom 1964, 167. Sein Sekretär Pasquale Macchi beschreibt, wie sich diese Einstellung im konkreten Verhalten des Papstes niederschlug: Paolo VI nella sua parola, Brescia 2001, 110ff. Eine Monographie über den Konzilspapst Paul VI. steht noch aus.
22 Vgl. Becker (1967), 38.
23 Vgl. den Kommentar von Johannes Feiner, in: LThK2.E, Freiburg i. Br. 1967, 40-126.

Hatte es bis zum bei der Probeabstimmung 18. November über die Protestanten noch geheißen: „Spiritu Sancto movente in ipsis Sacris Scripturis Deum inveniunt sibi loquentem in Christo“, lautete der Text nach der Überarbeitung: „Spiritum Sanctum invocantes in ipsis Scris Scripturis Deum inquirunt quasi sibi loquentem in Christo“.24 Nicht „angetrieben vom Heiligen Geist“, sondern „unter Anrufung des Heiligen Geistes“ suchen bzw. finden sie in der revidierten Fassung Gott in den Heiligen Schriften. Es wird also die subjektive Seite des menschlichen Tuns in den Blick genommen, nicht das objektive Wirken des Geistes festgestellt. Ob Gott also in dieser Weise tatsächlich bei Ihnen wirkt, ist nicht sicher zu sagen. So „finden“ sie nicht Gott in den Heiligen Schriften, sondern „suchen“ ihn bloß – was deutlich weniger ist! Wiederum wird auf die menschlich-subjektive Seite des Vorgangs abgehoben. Überdies heißt es, Gott spreche nur „quasi“ zu ihnen in Christus. Auch wenn dieses Wort keine direkte Abschwächung der Aussage bedeuten muss, konnte es doch missverständlich in diesem Sinne gedeutet werden. Diese Beispiele zeigen: Der Gehalt der Aussage bleibt bestehen, aber diese wird deutlich vorsichtiger formuliert. Dasselbe gilt für die anderen von Paul VI. in diesem Zusammenhang verfügten Änderungen: Sie greifen nicht in den Gesamtduktus des Textes ein, nehmen ihm aber seine Schärfe und Pointiertheit. Es scheint im Übrigen sehr wahrscheinlich, dass die Bea vorgelegten Änderungswünsche von der Feder des Papstes, nicht aber von irgendwelchen Mitarbeitern stammten.25 Wie im Archiv in Brescia erhaltene Autographen zeigen, war er gewohnt, an Formulierungen zu feilen, selbst wenn es sich nicht um solche gewichtigen Fragen handelte.

Die Veränderungen wurden hektographiert und am 19. November in der Konzilsaula den Konzilsvätern ausgehändigt. Bei der Verlesung an diesem „schwarzen Donnerstag“ brach sich die Unzufriedenheit der Versammlung Bahn, und es kam es zu einer Krise des Konzils. Immerhin bestätigte das Endergebnis die Bemühungen des Papstes, denn bei der Schlussabstimmung zwei Tage später stimmten nur 10 Stimmberechtigte gegen die Annahme des Dekretes, 2137 dafür.

Weniger Probleme als das Ökumenismusdekret bereitete das zugleich verabschiedete Dekret über die unierten Kirchen Orientalium Ecclesiarum, die nun stärker in ihrer Eigenart als Brückenkirche zur orthodoxen Welt und als katholische

24 Vgl. ebd., 124.
25 Vgl. auch Guiseppe Alberigo (Hg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959-1965), Bd. 4: Die Kirche als Gemeinschaft (September 1964 – September 1965), herausgegeben von Günther Wassilowsky, Ostfildern 2006, 482ff.

Teilkirchen mit einer reichen liturgischen und theologischen Tradition gewürdigt werden.26 Das entsprach sicher dem Anliegen des Papstes, der die unierte Präsenz im Konzil und in der Leitung der Weltkirche stark zu machen suchte. Den Patriarchen der kleinen armenisch-katholischen Kirche, Pierre Agagianian, machte er zu einem der vier Konzilsmoderatoren. Er veranlasste, dass die Patriarchen der unierten Kirchen am Konsistorium, der Versammlung der Kardinäle, teilnehmen können – ein absolutes Novum in der Geschichte der Kirche. Das entsprechende Motu Proprio vom 11. Februar 1965 Ad Purpuratorum Patrum Collegium regelte die Zugehörigkeit zum Kardinalskollegium neu.27 Die Patriarchen sollten den Rang von Kardinalbischöfen erhalten und damit protokollarisch der höchsten Klasse der Kardinäle zugeordnet werden, ohne dass ihnen wie diesen ein suburbikarisches Bistum im Umkreis der Stadt Rom zugewiesen wurde.

 

3.     Die Krisenjahre nach dem Konzil

Im Jahr 2012 fand in Brixen eine internationale Tagung zum Thema „Paul VI. und die nachkonziliare Krise“ statt.28 1965 wurde allgemein erwartet, dass nach den turbulenten Jahren des Konzils eine ruhige Periode der Umsetzung des Beschlossenen beginnen würde. Doch es kam anders: Eine religiöse Krise, die in den sechziger Jahren alle großen, in den westlichen Ländern vertretenen Kirchen betraf, erfasste auch die katholische Kirche. Es traten bisher kaum wahrgenommene oder ungekannte Krisenphänomene auf, die durch die Ereignisse des Jahres 1968 noch verschärft wurden: Laisierungen von Priestern, Ordensaustritte, Nachwuchsmangel, der Widerstand gegen die Enzyklika Humanae Vitae zur künstlichen Empfängnisverhütung und in der Folge eine Krise der päpstlichen Autorität, eine Infragestellung des Zölibates, etc. „No pope in modern history had to cope with such dissidence“, schreibt der Biograph Peter Hebblethwaite.29

Diesen zeitgeschichtlichen Kontext muss man mitbedenken, wenn man die ökumenischen Entwicklungen jener Jahre in den Blick nimmt. Denn eine gewisse Zurückhaltung, die vielleicht noch durch die spektakulären ökumenischen Gesten überdeckt worden war, machte sich – bei aller grundsätzlichen Bejahung der

26 Vgl. AAS 57 (1965), 76-89.
27 Vgl. AAS 57 (1965), 295f.
28 Vgl. Jörg Ernesti (Hg.): Paolo VI e la crisi postconciliare – Paul VI. und die nachkonziliare Krise [= Tagung Brixen, 25.-26. Februar 2012 / = Istituto Paolo VI, Brescia. Pubblicazioni 37], Brescia / Rom 2013.
29 Peter Hebblethwaite: Paul VI. The First Modern Pope, New York u.a. 1993, 571.

Ökumene – nun doch stärker bemerkbar. Es kam zu einer institutionellen Verankerung der Ökumene im Leben der Kirche, aber damit auch zu einer Kanalisierung und Reglementierung, die ihren Schwung und Enthusiasmus zu mindern schien.

 

3.1 Das Verhältnis zum ÖRK

Das gilt im Besonderen für das Verhältnis zum Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), deren Genfer Sitz Paul VI. 10. September 1969 besuchte.30 Bei der Gründung dieser Organisation 21 Jahre zuvor war es Katholiken bei Strafe verboten gewesen teilzunehmen. Erst seit 8 Jahren wurden vatikanische Beobachter zu den Weltkonferenzen des ÖRK entsandt. Der erste ökumenische Gottesdienst in der Geschichte, an dem ein Papst teilgenommen hatte, war gerade einmal 5 Jahre her. Der Besuch in Genf markierte also wirklich eine Zeitenwende. Wiederum erwies Paul VI. sich als Meister der Inszenierung: Die Bilder, die um die Welt gingen, zeigen ihn, wie er mit weit geöffneten Armen die Eingangshalle durchschritt, auf diese Weise Offenheit und Herzlichkeit signalisierend. Doch war der Besuch auch von Dissonanzen gekennzeichnet: Dem Selbstverständnis des ÖRK als Bund gleichberechtigter Kirchen entsprechend, hatte man für den Papst auf dem Podium einen normalen Stuhl wie für die anderen Kirchenvertreter vorgesehen, ohne damit seine besondere Würde als Papst und den Anspruch seiner Kirche sichtbar zum Ausdruck bringen zu können. Die katholische Kirche sieht aber durchaus Rangunterschiede zwischen den Kirchen im eigentlichen Sinne, in denen Amt und Eucharistie gewahrt sind, und den kirchlichen Gemeinschaften.31 Von dieser Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit war auch seine Rede gekennzeichnet: So würdigte er die Bemühungen des ÖRK um die Einheit der Christenheit, betonte aber zugleich, dass diese Einheit in der katholischen Kirche bereits vorgegeben sei.32 Des Weiteren erinnerte er in seiner Ansprache zwar an die Taufe, in der die verschiedenen Kirchen geeint seien, strich ansonsten aber prononciert die Bedeutung des Petrusamtes heraus. Hierbei handelt es sich im Übrigen um eine Konstante seines Pontifikates, die angesichts der Krisen jener Zeit

30 Vgl. Angelo Maffeis: Il viaggio di Paolo VI a Ginevra e la visita al Consiglio Ecumenico delle Chiese, in: Notiziario Istituto Paolo VI 57 (2009), 47-54.
31 Vgl. UR 19 (AAS 57 [1965], 104).
32 Vgl. Insegnamenti di Paolo VI, Bd. 7 (1969), Rom 1970, 399.

noch deutlicher hervortrat. Man kann Paul VI. ein stark entwickeltes petrinisch-primatiales Bewusstsein bescheinigen.33

Paul VI. stellte in diesem Zusammenhang die Frage nach der Mitgliedschaft der römisch-katholischen Kirche und verwies auf die Arbeiten der einschlägigen gemeinsamen Arbeitsgruppe des ÖRK und der katholischen Kirche, deren Ergebnisse abzuwarten seien.34 Diese lagen 1972 vor und boten dem Papst Entscheidungshilfe. Auch wenn er sich nicht entsprechend öffentlich äußerte, kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass die Ablehnung einer Mitgliedschaft vor allem auf ihn selbst zurückgeht. Die Frage war zu zentral, als dass er sie auf untergeordneten Ebenen entscheiden lassen konnte (auch wenn man als Historiker mit dem argumentum ex silentio eher sparsam umgehen sollte).

Welche Motive waren für diese Entscheidung bestimmend? Für den Papst war klar, dass man über Glaubens- und Sittenfragen nicht demokratisch abstimmen könne. Das Konzil hatte in UR 2-3 festgehalten, dass die Einheit in der katholischen Kirche vorgebildet ist und dass diese alle Wesenselemente der wahren, von Christus gegründeten Kirche aufweist. Diese Elemente können sich auch bei den anderen Kirchen finden, sind dort allerdings nicht in Vollgestalt verwirklicht. Diese Auffassung war nicht mit einem gleichberechtigten Miteinander ekklesiologisch auf einer Stufe stehender Kirchen vereinbar. Die progressive sozialpolitische Ausrichtung des ÖRK (namentlich in der Dritte-Welt-Problematik und bei der Rassentrennung) dürfte dem Verfasser der Enzyklika Populorum Progressio (1967) noch die geringsten Probleme bereitet haben.

Auch wenn er die katholische Kirche nicht in den ÖRK integrierte, befürwortete er doch die Vollmitgliedschaft der katholischen Kirche in der Kommission Faith and Order, dem wichtigsten theologischen „think tank“ dieser Organisation. Auf diese Weise konnte der Vatikan direkten Einfluss auf die theologische Entwicklung des ÖRK nehmen.35 Auch gab er sein Placet, als die Päpstliche Kommission Iustitia et Pax und der ÖRK 1968 einen gemeinsamen Ausschuss für Gesellschaft,

33 Vgl. Adolfo González Montes: El ministerio petrino al servicio de la unidad de todos los cristianos. Doctrina y práctica en el magistero de Pablo VI, in: Paolo VI (2001), 284-310.
34 Jan Grootaers: An Unfinished Agenda. The Question of Roman Catholic Membership in the World Council of Churches (1968-1975), in: Ecumenical Review 49 (1997), 305-347; Jared Wicks: Collaboration and Dialogue. The Roman Catholic Presence in the Ecumenical Movement during the Pontificate of Paul VI, in: Paolo VI (2001), 215-267 (zu den Beratungen über die Mitgliedschaft der katholischen Kirche im ÖRK: 237-248).
35 Vgl. den Diskussionsbeitrag von Thomas Stransky, in: Paolo VI (2001), 324. Dieser war Leiter des von Paul VI. gestifteten ökumenischen Studienzentrums Tantur in Jerusalem und Mitglied der Gemeinsamen Arbeitsgruppe von ÖRK und katholischer Kirche.

Entwicklung und Frieden (SODEPAX – Society for Development and Peace) gründeten, der bis 1980 über sozialethische Fragen beriet und entsprechende Erklärungen abgab. Dreimal verlängerte er das Mandat dieser Institution.

 

3.2   Umsetzung der Konzilsbeschlüsse

In der Nachkonzilszeit ist eine Tendenz in der Ökumene unverkennbar, die sich auch in anderen Bereichen bemerkbar machte, die Tendenz, die begonnene Entwicklung in institutionalisierte Bahnen zu lenken. Die ekklesiologischen Vorgaben des Konzils wurden durch die Kurienreform in feste kirchliche Strukturen übersetzt, und die Anregungen der Liturguiekonstitution erhielten in der erneuerten Liturgie eine verbindliche Gestalt. In der Ökumene ist zuerst an die Direktorien von 1967 und 1970 zu denken, die das Ökumenismusdekret des Konzils auf die Ebene konkreter Einzelbestimmungen herunterbrechen.36 Hier werden alle möglichen konkreten Fragen geregelt (etwa die Bestellung von Ökumenebeauftragten auf der Ebene der Bischofskonferenzen und der Bistümer, die Vorschriften für ökumenische Gottesdienste etc.). Auf diese Weise wird die Ökumene gewissermaßen kanalisiert, und es werden Fehlentwicklungen beschnitten. Die Mischehenfrage, eine zentrale Frage des konfessionellen Miteinanders regelte der Papst in durchaus revolutionärer Weise und ging damit noch über die Anregungen des Konzils hinaus. Durch das Motu Proprio Matrimonia mixta vom 31. März 1970 wurden Mischehen nicht mehr wie zuvor erschwert, sondern als Chance des interkonfessionellen Miteinanders gedeutet. Die beiden Partner hatten bis zu diesem Zeitpunkt Versprechen abzulegen, die von Nicht-Katholiken vielfach als diskriminierend empfunden worden waren. Der nicht-katholische Partner durfte eine katholische Taufe und Erziehung der Kinder nicht verhindern, der katholische musste versichern, die Konversion des Partners zu betreiben. Nach den neuen Bestimmungen muss der Katholik lediglich zusagen, er werde sich bemühen, die Kinder katholisch taufen zu lassen und zu erziehen, während der andere Partner sich nur noch zu verpflichten hatte, die gläubige Praxis des Gatten nicht zu behindern.37

36 Vgl. Directorium Oecumenicum vom 14.5.1967: AAS 59 (1967), 574-592; Directorium  Oecumenicum vom 15.5.1970: AAS 62 (1970), 705-724.
37 Vgl. AAS 62 (1970), 257-263.

 

3.3   Offizielle bilaterale Dialoge

Paul VI. war auch nach seinem Genfer Besuch in oecumenicis sehr gut informiert und räumte den Begegnungen mit Vertretern des ÖRK stets hohe Priorität ein. Parallel dazu traf er auch wiederholt mit verschiedenen Führern altorientalischer Kirchen zusammen. Diese Kirchen, zu denen die syrisch- orthodoxe Kirche, die koptisch-orthodoxe Kirche, die armenisch-apostolische Kirche, die malankarische Kirche, die syrisch-orthodoxe Kirche und die die Kirche des Ostens gehören, nannte man früher wegen ihrer Ablehnung der christologischen Konzilsbeschlüsse von 431 und 451 Monophysiten. In Gesprächen unter dem Dach der von Kardinal Franz König ins Leben gerufenen Stiftung Pro Oriente wurde von altorientalischen Theologen die „Wiener Christologische Formel“ erarbeitet (1972). Diese schlägt sich bereits in der gemeinsamen Erklärung von Papst Schenouda III. und Papst Paul VI. im Jahr 1973 nieder, in der ein weitgehender Konsens im Bereich der Inkarnation festgestellt eine Studienkommission zur Klärung der bleibenden Differenzen ins Leben gerufen wird. Die Wiener Formel steht auch im Hintergrund der Erklärungen des syrisch-orthodoxen Patriarchen Ignatius I. und Papst Johannes Pauls II. von 1984 sowie des Konsenses mit der Syro-Malankarischen Kirche im Jahr 1990. Es wurde die Erklärung abgegeben, dass die alten christologischen Differenzen in ihrem historischen Kontext zu sehen sind und nicht weiter bestehen.38 Seit 2003 wird auch ein offizieller Dialog zwischen Altorientalen und Katholischer Kirche geführt.

In der zunehmend schwierigen Phase der Nachkonzilszeit setzte Paul VI. auf solcherlei Dialoge. In bilateralen Gesprächen sollten Fachleute, die offiziell von ihren jeweiligen Kirchen bestimmt worden waren, die doktrinären Differenzen in gründlicher theologischer Arbeit untersuchen und ihre Ergebnisse dokumentieren. Sechs Dialoge wurden in seiner Amtszeit begonnen, die vom Einheitssekretariat vorbereitet und von ihm selbst approbiert worden waren (mit den Anglikanern, den Lutheranern, den Methodisten, den Reformierten, den Pfingstlern und ein trilateraler Dialog mit Lutheranern und Reformierten). Derjenige mit den Orthodoxen byzantinischer Tradition war durch eine Phase der Gespräche und Begegnungen, die man gemeinhin als „Dialog der Liebe“ bezeichnet, schon weitgehend vorbereitet und konnte 1980 offiziell beginnen.39

Inwieweit im Einzelfall die Initiative zu diesen Dialogen vom ihm selbst ausging oder er Anregungen von Bea und dessen Nachfolger Willebrands aufnahm, ist im Einzelfall schwer einzuschätzen. Auf ihn selbst geht sicher die Initiative zum anglikanisch-katholischen Dialog und die Einrichtung der gemeinsamen Kommission

38 Vgl. Antonio Olmi: Il consenso cristologico tra le chiese calcedonesi e non calcedonesi (1964-1996) [= Analecta Gregoriana 290], Rom 2003.
39 Vgl. Dokumente wachsender Übereinstimmung. Sämtliche Berichte und Konsenstexte interkonfessioneller Gespräche auf Weltebene, 1931-1982, herausgegeben von Harding Meyer, Hans Jörg Urban, Lukas Vischer, Paderborn 1983; Pro oriente (Hg.): Tomos agapis. Dokumentation zum Dialog der Liebe zwischen dem Hl. Stuhl und dem Ökumenischen Patriarchat 1958-1976 (…), Innsbruck u.a. 1978; Wicks (2001), 248-259.

ARCIC bei Ramseys Rombesuch im Jahr 1966 zurück. Jedenfalls machte er sich die Anliegen aller Dialoge ganz zu Eigen und verfolgte ihre Arbeit intensiv.

Noch zweimal traf er sich mit Athenagoras, im Juli 1967 in Istanbul und drei Monate später in Rom. Die Kehrseite dieses engen Anschlusses an den Ökumenischen Patriarchen bestand darin, dass das Moskauer Patriarchat, das in einem gewissen Konkurrenzverhältnis zu ersterem steht, sich nicht in demselben Maße einbinden ließ. Insofern der Moskauer Patriarch für die mitgliederstärkste              autokephale orthodoxe Kirche steht, war dies sehr zu bedauern. Die unter Paul VI. vollzogene Weichenstellung wirkt noch heute fort, insofern es noch häufiger zu Gipfeltreffen des Papstes mit dem Ökumenischen Patriarchen gekommen ist, bisher aber nicht zu einer Begegnung des Moskauer Patriarchen mit dem Patriarchen des Abendlandes. Dass ihm die theologische Arbeit im Bereich der Ökumene ein besonders Anliegen war, zeigt sich auch daran, dass er bereits kurz nach seinem Besuch im Heiligen Land die Gründung eines ökumenischen Studien- und Begegnungszentrums ins Auge fasste, das 1972 unter dem Namen „Tantur“ seine Arbeit aufnehmen konnte.40

 

Fazit

Giovanni Battista Montini, der von Herkunft, Ausbildung und Werdegang kaum mit der konfessionellen Problematik vertraut war, nahm das Erbe seines Vorgängers loyal auf, durch das Konzil der Einheit der Kirche näherzukommen. Sein Wirken auf diesem Feld ist zweischneidig: Er schreitet auf der einen Seite mutig vorwärts, bremst aber auf der anderen Seite und sucht regulierend zu steuern. Er setzt einerseits mutige Gesten, die zum Stimulus der interkonfessionellen Annäherung werden, und lässt es zu ökumenischen „Gipfeltreffen“ mit weitreichenden Folgen kommen. Andererseits schwächt er im Konzil die Aussagen des Ökumenismusdekretes ab, verhindert vor dem Hintergrund der nachkonziliaren Krise eine Aufnahme seiner Kirche in den ÖRK und setzt stattdessen eher auf die bilaterale seriöse theologische Arbeit (Dialoge, Faith and Order, SODEPAX), und kanalisiert schließlich das ökumenische Leben durch Ausführungsbestimmungen. Grundsätzlicher Bejahung der Ökumene steht also eine pragmatische Vorsicht gegenüber. Diese doppelte Dimension ist auch für andere Bereiche seines Wirkens durchaus charakteristisch.

40 Vgl. Adalbert M. Franquesa: Pablo VI y el „Ecumenical Institute for Advanced Theological Studies“ en Jerusalén, in: Paul VI (2001), 380-392.

In der Summe wird man Paul VI. trotz gewisser Einschränkungen als Förderer der Ökumene bezeichnen können. Er band die katholische Kirche durch die Umsetzung der einschlägigen Konzilsbeschlüsse unumkehrbar in die Ökumene ein. Konkrete Regelungen erleichtern das praktische Miteinander bis zum heutigen Tag. Keiner der einmal begonnenen Dialoge blieb ohne sichtbare Gesprächsergebnisse. Besonders die Annäherung an die Orthodoxie hatte für ihn stets eine große Bedeutung, ja sie kann als echte Erfolgsgeschichte gelten. So konnte Paul VI. am 24. Januar 1973 in einer Ansprache resümieren: „Insbesondere im Verhältnis zu den ehrwürdigen Kirchen des Ostens haben wir eine fast vollständige Einheit wiedergefunden, die uns drängt, alles Menschenmögliche zu tun, damit sie vollkommen wird.“41

41 „Con le venerabili Chiese d’Oriente, in particolare, abbiamo riscoperto una comunione quasi piena che ci spinge a fare tutto il possibile per completarla”: Notiziario Istituto Paolo VI 35 (1998), 37.

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Quelle

Paul VI. zu Lefebvre: „Dann leiten Sie doch die Kirche!“

Überraschende Details aus der Amtszeit von Papst Paul VI. (1963-78) bietet das neue Buch eines hochrangigen Vatikan-Prälaten. In dem Buch „La barca di Paolo“, das am Mittwoch erschien, verrät Leonardo Sapienza u.a., dass der Montini-Papst schon wenige Jahre nach seiner Wahl zum Papst ein Rücktrittsschreiben für den Fall seiner Amtsunfähigkeit verfasst hat.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Das Schreiben sei in Pauls Schreibtisch aufbewahrt worden; von seiner Existenz hätten viele Kardinäle gewusst. Papst Franziskus, der seinen Vorgänger Paul VI. im Oktober heiligsprechen wird, erklärte in einem Grußwort zum Buch, auch dieses Rücktrittsschreiben sei ein Beleg für Pauls Heiligkeit.

Vor allem aber Sapienza mit Details aus einer Unterredung zwischen Paul VI. und Erzbischof Marcel Lefebvre auf; er empfing den Gründer der schismatisch orientierten Piusbruderschaft im September 1976 in Castel Gandolfo. Der Papst habe während des halbstündigen Treffens, das in sehr gespannter Atmosphäre stattfand, zu Lefebvre gesagt: „Sie stufen ja den Papst als dem Glauben untreu ein – dann nehmen Sie doch meinen Platz ein und leiten Sie die Kirche!“

“ Sie nehmen die Haltung eines Gegenpapstes ein ”

Der Papst sei sich mit Lefebvre, den er kurz zuvor vom Amt suspendiert hatte, darin einig gewesen, dass es bei der Umsetzung der Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu „Missbräuchen“ komme. Doch habe er Lefebvre vorgehalten: „Sie nehmen die Haltung eines Gegenpapstes ein.“ Und er habe ihn gefragt, ob er sich darüber im klaren sei, „welchen Skandal und wieviel Schlechtes Sie der Kirche antun“.

Lefebvre habe eingeräumt, dass seine Schriften und Äußerungen womöglich „unangemessen“ seien, aber betont, er könne nicht gegen sein Gewissen handeln. Mehrere Konzilsdokumente ließen sich mit der Tradition der Kirche nicht vereinbaren. „Alles wäre gelöst“, wenn der Papst die Bischöfe dazu aufrufen würde, Kapellen in ihren Bistümern zuzulassen, wo die Gläubigen „wie vor dem Konzil“ beten könnten. Dies habe der Papst zurückgewiesen: „Wir sind eine Gemeinschaft, wir können es nicht zulassen, dass einige sich autonom verhalten.“

Nach der Audienz begann Papst Paul zu fasten

Beide Gesprächspartner seien sich darin einig gewesen, dass die Kirche in einer Krise sei, so Sapienza in seiner Darstellung weiter. Papst Paul VI. habe betont, dass er „sehr hartnäckig“ gegen „Missbräuche“ und „Exzesse“ kämpfe, dass das Konzil aber „zu Zeichen der Zeit geführt“ habe. Das lasse sich unter anderem an einem „spirituellen Aufbruch unter jungen Menschen“ ablesen.

Nach der Audienz, die unversöhnlich endete, hat der Papst nach Darstellung seines zweiten Sekretärs John Magee ein mehrtägiges Fasten eingelegt. Damit habe er „Wiedergutmachung“ für den durch Lefebvre angerichteten Schaden leisten wollen.

(cath.ch/ vatican news)

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Siehe auch:

PAPST PAUL VI.: DAS KREUZ ZU TRAGEN, WAS BEDEUTET DAS?

Das Kreuz tragen, was bedeutet das? Wir tragen es symbolisch während des Kreuzweges und bei vielen liturgischen Feiern. Es gibt viele Personen, die Christus — wie auf dem Schauplatz des Evange­liums — nachfolgen; die von ihm einige Worte hören, einige seiner wunderbaren Werke bestaunen, die in Augenblicken des Wohlbe­hagens und einer guten Eingebung mit ihm sympathisieren und zum Herrn sagen: »Sequar te quocumque ieris — Ich werde dir fol­gen, wo immer du hingehst.« Von gleicher Art waren die Verspre­chungen der Apostel wenige Stunden vorher: »Etiam si oportuerit me mori tecum, non te negabo — Wenn es nötig sein wird, mit dir zu sterben, werde ich dich nicht verleugnen.« Aber dann: »relicto eum fugerunt — verlassen sie ihn, fliehen sie alle.«

Die Apostel, die treuesten, die belehrtesten Gläubigen, sie, die Treue geschworen hatten, waren, als es sich darum handelte, Jesus zum Prozeß zu folgen, als es darum ging, ihm auf diesem schmachvollen Kreuzweg zu folgen, allesamt abwesend. Dem Herrn bis zum Kreuze zu folgen ist ein Privileg, ist ein besonderer Akt, der sich einzig und allein mit demjenigen verbindet, der auf dem Kal­varienberg ankam, »quem diligebat Jesus — den Jesus liebte«, Johannes. Er war vielleicht der jüngste unter den Aposteln. Johan­nes langte an: Er stieg bis auf den Kalvarienberg empor. Er schäm­te, er fürchtete sich nicht, er stand unter dem Kreuz, stand neben Ihm, um das Weinen der Betrübten und der heiligsten Maria zu teilen und die Schande mitverantwortlich zu erleiden, die Qual der ebenso grausamen wie schandbaren Szene mitzuempfinden: die Kreuzigung.

Und da eröffnet sich ein viel tieferer, intimerer, ein viel realerer Sinn der Kreuztragung: Sie ist in Wirklichkeit ein Bekenntnis des Glaubens, so als wollten wir sagen, ja wir glauben, daß sich aus die­sem Drama nicht nur eine Szene des Schmerzes und der Unehre entwickelt, sondern daß sich hier etwas Tieferes vollendet hat. Es scheint, daß gerade dort, wo die Balken des Kreuzes einander be­rühren, sie uns zu Wegweisern werden, zu den großen Grundlinien aller menschlichen Schicksale. Da ist das Gesetz der Gerechtigkeit, das sich aus den Tiefen Gottes auf dieses Opfer stürzt, und da ist die Verurteilung; die aus den Abgründen des Bösen heraus einen Tod fordert; und diese beiden Gesetze kreuzen sich, und anstatt einander aufzuheben, werfen sie sich miteinander auf Christus und machen ihn zum Opferlamm, das geschlachtet wird für die Sünden der Welt. Und das Lamm, der gekreuzigte Christus, hat seine Hän­de geöffnet, weil sich nicht nur die Gerechtigkeit und die Sünde auf dem Kreuz treffen, sondern dort auch die Liebe anwesend ist. »Propter nos et propter nostram salutem descendit de coelis — für uns Menschen und um unseres Heiles willen ist er vom Himmel herabgestiegen.« Es ist das Sich-Auftun des Himmels, der die Welt mit Blitzen der Liebe durchzuckt, sie liebend umfängt und zu ihr kommt.

Das Kreuz ist die Ankunftsstation der unbegrenzten Liebe Gottes zu den Menschen. Für uns ist er gestorben — »dilexit me et tradidit semetipsum pro me — er liebte mich und gab sich selbst für mich hin« —, und es geht vom Kreuz für alle Menschen eine Welle der Güte aus, die zu allen Seelen geht, um sie zu erretten; mit anderen Worten, im Kreuz hat sich das Mysterium der Erlösung vollendet

Die Erlösung umschließt das Geheimnis der großen menschliche Schicksale; ohne das Kreuz ist das Menschengeschlecht verloren, mit dem Kreuz kann es gerettet werden. »Salve, spes unica — Sei gegrüßt, einzige Hoffnung«, ich grüße dich, o Kreuz, von dem das Heil der Welt abhängt. »Salus mundi pependit — Von dir hängt das Heil der Welt ab!« Und wir sagen es beinahe verwirrt durch die Größe des Geheimnisses, das zu ermessen uns nicht gelingt; in gewaltiger Tiefe und Höhe dehnt es sich durch die Schicksale der Seelen, durch die Zielsetzungen der Geschichte hin und durchzieht die Gedanken Gottes.

Alle sind wir daran beteiligt, alle sind wir davon betroffen, alle werden wir von Christus aus der Höhe des Kreuzes herab beobach­tet. Er beobachtet uns, er ruft uns, er liebt uns; wir glauben, daß unsere Schicksale im Kreuz Christi zusammenlaufen.

Und noch etwas: Wie hat sich das Epos, das Drama der Erlösung vollzogen? Es hat sich erfüllt im Opfer, in der Duldung des Schmer­zes, in der Herausforderung des Schmerzes, der Demütigung und des Todes. Es hat sich um der Werte, Ziele und Ideale willen voll­zogen, die höher stehen als das Leben selbst: Das Opfer ist eine Art Bilanz, eine Art Bewertung, es ist Auswählen: Was ist mehr wert? Ist mein Leben, das menschliche Leben, mehr wert, oder ist das Heil der anderen mehr wert, die Gerechtigkeit, das Ausströ­men der Barmherzigkeit, der Beweis der Liebe? Die wahre Liebe bestätigt sich im Opfer, in der Treue, die in den Schmerz mündet, in das Geschenk seiner selbst; man begegnet diesem in einem äu­ßersten, einem paradoxen Maß, das der Herr für sich bestimmte, indem er für die anderen, für das Heil anderer, starb.

Und dann müssen auch wir das Gesetz des »Sterbens, um zu leben«, das Gesetz des Opfers auf uns nehmen, müssen es neuerlich überdenken. Aber wir vergessen das Opfer immer wieder: Wir möchten es wohl gerne beständig vor Augen haben, aber es ent­weicht uns; wir trachten, anderen Gutes zu tun, lassen es aber auf halbem Wege sein und tun das Gute für uns selbst; der Egoismus verfolgt uns und läßt uns fast immer aus den idealen, guten, heili­gen und ehrlichen Absichten, die unsere Schritte zu Anfang be­flügelt haben, in die verschiedensten eigensüchtigen Zielsetzungen hineingeraten.

Das Kreuz muß mit seinem Gesetz des Opfers unsere egoistische, hedonistische, interessierte und zeitliche Konzeption umkehren, und die Gestaltung unseres moralischen Lebens möge gerade von diesem Prinzip des Glaubens ausgehen.

Es ist gesagt worden, daß man eine Askese braucht, die von der Mystik ausgeht. Wir sagen einfacher: Unser Leben muß, um christ­lich zu sein, auf der Bereitschaft zum Opfer, auf der Heiligung des Schmerzes, auf dem Bekenntnis zum Schmerz, auf der Fähigkeit begründet sein, anderen das zu geben, was sie vielleicht nicht ver­dienen, wessen sie aber bedürfen.

Es ist nötig, daß das Opfer zum Grundgesetz meiner inneren Haltung werde, meines Lebensprogramms; wir müssen, wie am Tag der Taufe, für immer vom Zeichen des Kreuzes gezeichnet sein.

Zuletzt, wenn man das Kreuz durch die Straßen der profanen Stadt trägt, rastend den Lauf der zeitlichen Dinge unterbricht und auf den großen Wegen der Stadt den vielen irdischen Angelegen­heiten begegnet, setzt man fast einen Gewaltakt, gibt man eine Erklärung ab; man sagt gleichsam zum Leben: Bleib einen Augen­blick stehen, das Kreuz geht vorüber. Es ist eine öffentliche Pro­klamation, ein Bekenntnis ohne menschliche Rücksicht, ohne Maß, fast ungehörig, nur um zu sagen: »Non erubesco evangelium — Ich schäme mich des Evangeliums nicht«, und ich verkünde gegenüber meiner Gesellschaft, meinen Mitbürgern, meinen Nächsten und im Angesicht der Affären dieser Welt: Das Evangelium hat das Recht, sich auch unter diesem Aspekt des menschlichen Lebens zu behaup­ten, hat ein Recht, so bejaht zu werden, gleichsam um seine Prin­zipien durch die Adern seiner Blutzirkulation und seines lebendigen Daseins kreisen zu lassen.

Wir werden immer so handeln; wir werden trachten, uns des Glaubens, den wir empfangen haben, und des Kreuzes, das wir bekennen, nie zu schämen. »Non erubesco evangelium — Ich schä­me mich des Evangeliums nicht.«

Wenn wir unser Leben an dieses heilige, trockene und nackte Holz binden, binden wir es nicht an einen toten Baum. Wir binden es an den Baum des Lebens, an den Baum, der über sich das Prinzip des Lebens trägt, Jesus Christus.

Auf einem der schrecklichsten, umkämpftesten Schlachtfelder des Krieges, wo zwanzigtausend junge Alpini gefallen sind — auf der Ortigara —, hat eines Tages jemand auf einen großen Felsstein ein Kreuz hingesetzt; er fügte zwei astfreie, dürre Pinienstämme zu­sammen; sie waren von den Bomben zerstückelt, die den unglück­lichen Boden gequält hatten. Die Worte, die darauf angebracht wurden, stammen aus der Hymne des Venantius Fortunatus: »Nulla silva talem profert frondem florem germine — Kein Wald hat je so schöne Frucht und Blüte getragen wie dieser.«

Auch wir können es voll Vertrauen sagen: Aus menschlichen Quellen quillt kein höheres Leben hervor als aus jenem dürren Holz des Kreuzes, weil aus ihm der Glaube hervorgeht, die Aus­söhnung mit Gott, die moralische Energie, die Verzeihung unserer Sünden und unsere und Christi Auferstehung.

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Quelle: Papst Paul VI. – Christus und der Mensch von heute – Ansprachen und Aufsätze, Wilhelm Goldmann Verlag, München