Biografie: Der heilige Franziskus von Assisi (1181/82 – 1226)

Franziskus: Fresco in der Abtei von Subiaco; angeblich das einzige zu Lebenszeiten angefertigte Bild

Er war ein außerordentlich redegewandter Mann mit fröhlichem Antlitz und gütigem Gesichtsausdruck, (…). Von nicht gerade großer Gestalt, eher klein als groß, hatte er einen nicht sonderlich großen, runden Kopf,  ein etwas längliches und gedehntes Gesicht, eine ebene und niedrige Stirn, nicht sonderlich große, schwarze, unverdorbene Augen, dunkles Haar, gerade Augenbrauen, eine gleichmäßige, feine und gerade Nase, aufwärts gerichtete, aber kleine Ohren, flache Schläfen, eine gewinnende, feurige und scharfe Sprache, eine mächtige, liebliche, klare und wohlklingende Stimme, dichte, gleichmäßige und weiße Zähne, schmale und zarte Lippen, einen schwarzen, nicht vollen Bart, einen schlanken Hals, gerade Schultern, kurze Arme, zarte Hände, lange Finger, etwas vorstehende Nägel, dünne Beine, sehr kleine Füße, eine zarte Haut, war sehr mager, trug ein raues Gewand, gönnte sich nur kurzen Schlaf, besaß eine überaus freigebige Hand.1

So beschreibt Bruder Thomas von Celano († 1260), ein glaubwürdiger Augenzeuge, den Poverello von Assisi. Die Florentiner Maler Cimabue (* 1240/50) und Giotto (* um 1266), die erst Jahrzehnte nach dem Tod des Heiligen zur Welt kamen und ihn daher nicht mehr persönlich kannten, ließen sich wohl für ihre Franziskus-Porträts von diesen Worten inspirieren.2 Ähnlich gehen auch wir vor: Um uns ein Bild zu machen vom „größten Heiligen, den das Christentum hervorgebracht hat“,3 lesen wir nach, was uns seine Freunde über ihn erzählen.

Als Sohn des reichen und angesehenen Stoffwarenhändlers Pietro Bernardone und seiner Frau Pica wurde er Ende 1181 in Assisi (Umbrien) geboren und zunächst auf den Namen Giovanni (Johannes) getauft. Sein Vater, der gerade von einer Geschäftsreise aus Frankreich zurückgekehrt war, veranlasste, ihn künftig Francesco (Französlein) zu nennen.4 Nachdem der kleine Franz in der Pfarrschule San Giorgio Rechnen, Lesen und Schreiben gelernt hatte,5 genoss er zunächst eine unbeschwerte Jugendzeit und träumte von Festen, Freiheit und Rittertum.6 Kaum hatte sich die Bevölkerung von Assisi der Fremdherrschaft des Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. entledigt (1198), kam es zwischen den Bürgern (Minores) und den aus der Stadt vertriebenen Adeligen (Maiores) zur kriegerischen Auseinandersetzung, die letztere mit Hilfe der Nachbarstadt Perugia für sich entscheiden konnten.7 Nach der verlorenen Schlacht Assisis bei Collestrada (1202) geriet Franz in Kriegsgefangenschaft, aus der er nach über einem Jahr schwerkrank heimkehrte.8 Nach seiner Gesundung flammte in ihm noch einmal die Sehnsucht auf, doch noch als Ritter zu Ehren zu kommen, diesmal bei einem Kreuzzug nach Apulien. Doch gleich bei Spoleto bewegte ihn ein nächtlicher Traum, seine militärische Laufbahn zu vergessen und umzukehren. Er träumte nämlich von einem Palast, der mit dem besten Rüstzeug ausgestattet war, und vernahm dabei eine innere Stimme, die an sein Gewissen appellierte, anstelle der irdischen Machthaber lieber Christus, dem wahren Herrn und Meister, nachzufolgen:

„Franziskus, wer kann dir mehr bieten, der Herr oder der Knecht ?“.9

Gefangenschaft und Krankheit hatten offensichtlich seinen bisherigen Lebensentwurf in Frage gestellt. In seiner Krise zog er sich an einsame Orte zurück, um dort dem eigenen Lebensweg und der Frage nachzuspüren:

Was willst du, Herr, dass ich tun soll?10

Es war wohl im Jahr 1205, als Franziskus in der Ebene einem Aussätzigen begegnete, vor dessen unappetitlichem Anblick und unangenehmen Fäulnisgeruch er sich zunächst ekelte.11 In seinem geistlichen Testament beschreibt er selbst dieses folgenreiche Erlebnis, das ihm viel Selbstüberwindung kostete, ihn künftig aber in jedem Armen und Aussätzigen das Gesicht des Gekreuzigten erkennen ließ:

So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen: denn als ich in Sünden war, kam es mir sehr bitter vor, Aussätzige zu sehen. Und der Herr selbst hat mich unter sie geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit erwiesen. Und da ich fortging von ihnen, wurde mir das, was mir bitter vorkam, in Süßigkeit der Seele und des Leibes verwandelt.12

Etwa zur gleichen Zeit dürfte sich die Vision vor dem byzantinischen Kreuzbild der verfallenen Kirche San Damiano abgespielt haben,13 vor dem er zu Gott vertrauensvoll um einen Fingerzeig für seine Lebensentscheidung betete:

Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.14

Tatsächlich hat ihn das Kreuz angesprochen und ihm den klaren Auftrag erteilt:

Franziskus, geh hin und stell mein Haus wieder her, das, wie du siehst, ganz verfallen ist!“15

Franz nahm Jesus beim Wort und restaurierte in der Folgezeit eigenhändig diese verwahrloste Kirche.16 Seinem Vater, der ihn einige Zeit in seinem Treiben gewähren ließ, riss der Geduldsfaden, als er feststellen musste, dass sein Sohn das hart verdiente Geld an die Armen verschenkte und ganz andere Dinge im Kopf hatte als sein Geschäft.17 Mit väterlicher Strenge versuchte er ihn zur Vernunft zu bringen und sperrte ihn daheim ein. Da auch das nichts half, und Francesco weiterhin seine „verrückten“ Ideen in die Tat umsetzte, entschloss sich der Vater, seinen Sohn zu enterben. So kam es schließlich zu jener Szene vor dem Bischofspalast, bei der sich Franz in aller Öffentlichkeit nackt auszieht, seinem empörten Vater alles zurückgibt und auf sein Erbe freiwillig verzichtet mit dem Hinweis, fortan nur mehr einen seinen Vater zu nennen, nämlich den im Himmel.18 In völliger Armut wollte er künftig im Gewand eines mittellosen Hirten Jesus nachfolgen, der arm und nackt geboren wurde und genau so für uns starb.19 Bereits bei seiner ersten Wallfahrt nach Rom 1206 hatte er vor der Peterskirche seine vornehme Kleidung gegen die eines Armen eingetauscht, um mit eigener Haut zu fühlen, wie es einem Bettler ergeht.20

Als er daher am Fest des hl. Matthias (24. Februar 1208) bei der Messe im Portiunkula-Kirchlein das Evangelium (Mt 10, 7-9) hörte, in dem Jesus seine Jünger ohne Geld, Vorratstasche, Brot und barfuss losschickt, treffen ihn diese Worte mitten ins Herz und er ruft voller Freude aus:

Das ist’s, was ich will, das ist’s, was ich suche, das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun.21

Nach und nach schließen sich Franziskus erste Gefährten an, um mit ihm das Büßerleben in schlichter Armut und als Liebesdienst an den Hilfsbedürftigen zu teilen: ein reicher junger Mann, namens Bernhard von Quintavalle, der Rechtsgelehrte Petrus Catani, der Bauer Ägidius und der Priester Silvester.22 Ganz ehrlich gesteht Franz später in seinem Testament, dass er eigentlich gar keinen neuen Orden gründen wollte:

Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hat, zeigte mir niemand, was ich zu  tun hätte, sondern der Höchste selbst hat mir geoffenbart, dass ich nach der Vorschrift des heiligen Evangeliums leben sollte.23

Auch wollte er keineswegs einfach die monastische Lebensform der Benediktiner, Augustiner oder Zisterzienser (mit der Regel eines hl. Bernhard von Clairvaux) übernehmen. Das Leben Jesu, in den Evangelien berichtet, war ihm Orientierung und Leitbild, das er selbst in einer kleinen Regel anhand einiger Bibelzitate nachzeichnete. Papst Innozenz III., der nachts von einem kleinen, unscheinbaren Ordensmann geträumt hatte, der eigenhändig den Einsturz der Lateranbasilika verhinderte,24 bestätigte 1209/10 diese Lebensform zunächst mündlich und gab den „Minderen Brüdern“25 den oberhirtlichen Auftrag, predigend durch die Lande zu ziehen und die Menschen dadurch zur Umkehr zu bewegen.26 Als nichtsesshafte Wanderprediger und Tagelöhner lebten sie vom Ertrag ihrer Handarbeit, deren unschätzbaren Wert Franz in seinem Testament ausdrücklich unterstreicht:

Und ich arbeitete mit meinen Händen und will arbeiten; und es ist mein fester Wille, dass alle anderen Brüder eine Handarbeit verrichten. (…) Und würde uns einmal der Arbeitslohn nicht gegeben, so wollen wir zum Tisch des Herrn Zuflucht nehmen und Almosen erbitten von Tür zu Tür.27

Ein verlassener Schuppen bei Rivotorto in der Ebene von Assisi diente den Brüdern als erstes Domizil, aus dem sie aber schon bald wieder von einem Bauern mit seinem Esel vertrieben wurden.28 Die kleine Portiunkula-Kapelle S. Maria mit einem Häuschen daneben im Wald unterhalb von Assisi wurde ihnen danach als Obdach von den Benediktinern zur Verfügung gestellt.29 Dieser symbolträchtige Ort ist aufs engste mit den Urerlebnissen der franziskanischen Familie verknüpft und erinnert an die anfängliche Begeisterung der neuen Bewegung. In einer Nacht- und Nebelaktion nach dem Palmsonntag 1212 verpflichtete sich dort die 19-jährige Klara aus der Adelsfamilie Favarone di Offreduccio zu einem Leben in Armut und Gebet, ließ sich als äußeres Zeichen ihrer innerlich getroffenen Entscheidung von Franz die Haare abschneiden und einkleiden.30 Wenig später wagten auch ihre beiden Schwestern Katharina (die spätere hl. Agnes) und Beatrix, schließlich sogar ihre eigene Mutter Hortulana den gleichen Schritt und zogen zu den „armen Frauen“ nach San Damiano.31 In Portiunkula begegneten sich die Brüder jedes Jahr zum Mattenkapitel, tauschten gegenseitig ihre Erfahrungen aus, stellten die Weichen für die Zukunft, um von hier aus in die ganze Welt auszuschwärmen. Auch Franz selbst ließ sich vom Missionseifer anstecken und brach 1212 nach Syrien auf. Wegen eines Schiffbruchs verschlug es ihn jedoch an die dalmatische Küste. Als er kurz darauf nach Marokko unterwegs war, durchkreuzte eine unvorhergesehene Krankheit seinen Plan und zwang ihn, bereits in Spanien wieder umzukehren.32

Das IV. Laterankonzil (1215), auf dem es wohl zur einmaligen Begegnung des Franziskus mit dem hl. Dominikus kam, hatte einen entscheidenden Einfluss auf die junge franziskanische Bewegung ausgeübt: Oft bis in den genauen Wortlaut hinein übernimmt Franz den Konzilsdokumenten Vorschriften und Weisungen für seine Eucharistie- und Bußfrömmigkeit.33 Das Tau-Zeichen, das Papst Innozenz III. in der Eröffnungsansprache des Konzils allen Christen ans Herz legte,34 hatte er wohl 1210 bei den Antonitern in Rom kennengelernt, die dieses Emblem auf ihrem Ordensgewand trugen und dementsprechend ein Leben in Buße als Liebesdienst an den Aussätzigen und Kranken führten. Franz unterzeichnete damit nicht nur den Brief an die Kleriker und den Segen an Bruder Leo, sondern erwies diesem Zeichen auch sonst eine besondere Verehrung:

Vertraut war ihm vor allen anderen Buchstaben das Zeichen Tau; mit ihm allein pflegte er seine Sendschreiben zu beglaubigen; mit ihm bemalte er überall die Wände der Zellen.35

Auch zu einem Kreuzzug gegen die Mohammedaner im Hl. Land hatte das Konzil unter dem Zeichen des Kreuzes aufgerufen. Das Generalkapitel der Franziskaner in Portiunkula (Pfingsten 1217) hatte weitreichende Auslandsmissionen beschlossen und sandte zunächst Mitbrüder nach Frankreich, Österreich, Ungarn, Spanien und Syrien.36 1219 wurde die Mission auf den Nahen Osten, Palästina und Ägypten ausgeweitet. In einem der zahlreichen Kreuzfahrerschiffe, die von Ancona nach Damiette (Ägypten) zum 5. Kreuzzug aufbrachen, reiste Franz mit einigen Mitbrüdern mit, nicht um mit den Soldaten unter dem Kommando von Kardinal Pelagius Galvani gegen die Andersgläubigen zu kämpfen, sondern um in einer gewaltlosen Aktion Frieden zu schaffen. Erst nach einer vernichtenden Niederlage des christlichen Heeres gelang es dem Poverello, mit dem Sultan Melek-al-Kamil persönlich zu reden. Unter Einsatz des eigenen Lebens wagte er sich in die Höhle des Löwen und versuchte ihm seinen Glauben nahezubringen. Er wäre sogar bereit gewesen, dafür durchs Feuer zu gehen.37 Der Sultan, der mit den islamischen Asketen (Sufi) sympathisierte,38 war jedenfalls vom mutigen Bekenntnis des Heiligen stark beeindruckt, hörte ihm aufmerksam zu und bat ihn beim Abschied um sein Gebet. Diese ökumenische Begegnung ist bis heute mustergültig geblieben.39

Nach seiner Rückkehr aus dem Hl. Land musste Franz erstaunt feststellen, wie sehr inzwischen die Zahl seiner Brüder angewachsen war. Damit verbunden ergaben sich natürlich viele organisatorische Probleme und Anfragen an die bisherige radikale Lebensform. Er selbst fühlte sich dabei überfordert, und da er allen weiterhin ein Bruder bleiben wollte, übertrug er die Leitung künftig einem seiner ersten Gefährten Petrus Cattani und nach dessen baldigen Tod dem Bruder Elias von Cortona. Auch erbat er sich als Schutzherrn für seinen Orden den Kardinal Hugolin von Ostia, der bald darauf als Gregor IX. den Papstthron besteigen sollte.40 Im geistlichen Sinne blieb Franz jedoch die Autorität für seine Mitbrüder, wie seine zahlreichen Sendschreiben und die Regel dokumentieren. Auf dem Pfingstkapitel 1221 wurde die ausführlichere Fassung der nichtbullierten Regel anerkannt, aus welcher der Ordensvater in Fontecolombo (im Rietital) die endgültige, gekürzte Form der Regel erarbeitete, wie sie Papst Honorius III. 1223 mit einer Bulle bestätigte.41

Unübertroffen und einzigartig war seine Liebe zur Natur, in der er immer wieder Gottes Spuren erkannte:

Der selige Franziskus war versunken in der Liebe Gottes und sah (…) in jedem Geschöpf die Güte Gottes in ihrer Vollkommenheit.42

Bekannt wurde der Trobadour Gottes unter anderem für seine Vogelpredigt. Die gefiederten Tiere nämlich lauschten der Melodie seiner Worte so aufmerksam und flogen nicht eher weg, als dass er sie mit dem Kreuzzeichen gesegnet hatte.43 Sogar  der wilde Wolf von Gubbio, der den Bewohnern der Umgebung soviel Angst einflößte, dass sie sich kaum mehr aus ihrem Haus herauswagten, gebärdete sich dem Heiligen gegenüber wie ein sanftes Lamm, als er zu ihm sprach:

Ich aber, Bruder Wolf, will Frieden stiften zwischen dir und ihnen, dass du ihnen kein Leid mehr zufügst und sie dir alles vergangene Übel verzeihen.44

Selbst im Wurm, der sich mühsam fortbewegt und vom Fuß des  unaufmerksamen Spaziergängers zertreten wird, erblickte der Poverello in ansprechender Einfalt den am Kreuz sich im Todeskampf windenden Erlöser.45

Originell gestaltete der Heilige das Weihnachtsfest 1223 in Greccio (Rieti-Tal), wo er die Menschwerdung Gottes in einer lebendigen Krippenfeier nachspielen ließ und damit zum Mitbegründer unserer Weihnachtskrippe wurde:

Ich möchte nämlich das Gedächtnis an jenes Kind begehen, das in Bethlehem geboren wurde, und ich möchte die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, wie es in eine Krippe gelegt, an der Ochs und Esel standen, und wie es auf Heu gebettet wurde, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen.46

Das besondere Charisma des hl. Franz bestand ja gerade darin, jederzeit an Jesus zu erinnern:

Immer war er mit Jesus beschäftigt, Jesus trug er stets im Herzen, Jesus im Munde, Jesus in den Ohren, Jesus in den Augen, Jesus in den Händen, Jesus in seinen übrigen Gliedern.47

1224 verbringt er zwischen Mariä Himmelfahrt (15. August) und dem Fest St. Michael (29. September) eine freiwillige Fastenzeit auf dem Berg La Verna. Bereits bei seiner Berufung hatte sich ihm das Bild des Gekreuzigten von San Damiano innerlich eingeprägt.48 In seinem Passionsoffizium meditierte er tagtäglich den Leidensweg Christi.49 Bei der Stigmatisation um das Fest der Kreuzerhöhung (17. September) zeigte sich dann äußerlich an seinem Körper, was ihn innerlich sein ganzes Leben lang beschäftigt und verwandelt hatte: die Wundmale des Gekreuzigten.50 So wurde er zum Christussymbol des Mittelalters, da er in das Bild dessen verwandelt wurde, den er zeitlebens von ganzem Herzen liebte.

Seine letzten beiden Lebensjahre waren gezeichnet von Krankheiten und Schmerzen: Schon von Jugend an machte ihm die Malaria zu schaffen. Sein Leib, den er liebevoll „Bruder Esel“ nannte,51 litt zudem an Magen- und Darmgeschwüren, Milz- und Lebererkrankung, Blutarmut und Wassersucht.52 Bei seiner Reise nach Ägypten hatte er sich noch eine Augenentzündung zugezogen, die mit starken Kopfschmerzen und ständigem Tränenfluss aufgrund der hohen Lichtempfindlichkeit verbunden war. Aber selbst der beste (päpstliche) Augenarzt in Rieti konnte ihm nicht helfen, sondern wollte durch das Ausbrennen der Schläfen wenigstens den lästigen Dauerschmerz lindern.53 Nahezu erblindet brachte man den Todkranken zur Pflege nach San Damiano. Es mag verwundern, dass er gerade in dieser Zeit den wunderschönen Sonnengesang komponierte, in dem er alle Geschöpfe zärtlich seine Geschwister nannte:

Gepriesen seist du, mein Herr, mit allen deinen Geschöpfen (…) Schwester Sonne, (…) Bruder Mond und die Sterne, (…) Bruder Wind, (…) Schwester Wasser, (…) Bruder Feuer (…) und unsere Schwester, Mutter Erde.54

Als ihm der scheinbar unversöhnliche Konflikt zwischen Bischof und Bürgermeister von Assisi zu Ohren kam, fügte er gleich noch hinzu:

Gepriesen seist du, mein Herr, durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen und Schwachheit ertragen und Drangsal. Selig jene, die solches ertragen in Frieden, denn von dir, Erhabenster, werden sie gekrönt.55

Jedenfalls kam es doch noch zur Versöhnung der beiden Streithähne, die sich liebevoll und unter Tränen umarmten, als ihnen zwei Mitbrüder den Sonnengesang mit seiner neuen Strophe vorgetragen hatten.56

Den letzten Monat seines Lebens beherbergte und pflegte man den Friedensstifter im Bischofspalast von Assisi. Ende September 1226 fühlte er sein Ende herannahen und er bat deshalb darum, ihn auf einer Bahre zu seiner geliebten Portiunkula-Kapelle hinabzutragen. Auf halber Strecke ließ er beim Aussätzigenhospital Casa Gualdi anhalten und wenden. Das Panorama seiner Heimatstadt vor Augen, segnete er alle.57 Am 3. Oktober 1226, einem Samstagnachmittag, ließ er sich Brot bringen, brach es und teilte es an die anwesenden Brüder aus. Dann bat er, ihm den Sonnengesang zu singen und folgende Strophe anzufügen:

Gelobt seist du, mein Herr, durch unseren Bruder, den leiblichen Tod; ihm kann kein Mensch lebend entrinnen. (…) Selig jene, die sich in deinem heiligsten Willen finden, denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.58

Weiter ließ er den Psalm 141 anstimmen und sich die letzten Stunden Jesu aus dem Johannesevangelium vorlesen. Nackt wie bei seiner Geburt ließ er sich auf die Erde neben der Portiunkula-Kapelle legen und starb mit den Worten auf den Lippen:

Was ich tun konnte, habe ich getan; möge euch nun Christus lehren, was ihr tun sollt.59

Bis heute hat das Lebensprogramm des Armen von Assisi, der bereits am 16. Juli 1228 von Papst Gregor IX. heiliggesprochen wurde,60 nichts an Aktualität verloren:

Nahezu 38.000 Mitglieder zählen die franziskanischen Männerorden, noch größer ist die Zahl der Schwestern auf der ganzen Welt, die ihr Leben nach Franz und Klara ausrichten. Ihr Geist lebt auch unter Laien in den Franziskanischen Gemeinschaften weiter. Dabei ist Franz von Assisi nicht nur Umweltpatron, Modell der Friedensstifter und der großen Ökumene oder Symbol eines alternativen Lebensstils, sondern als „zweiter Christus“ eine ernst zu nehmende Einladung, Christus auf der Spur zu sein und sein Evangelium in die Tat umzusetzen.

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Quelle (mit Fußnoten)

 

Papst Franziskus in Assisi: Die Barmherzigkeit Gottes erfahrbar machen

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Ansicht aus der Portiuncula-Kapelle

Bald ist es soweit: Papst Franziskus wird am 4. August bereits zum zweiten Mal während seiner Amtszeit das kleine Städtchen Assisi in Umbrien besuchen. Dort ist die Heimstätte des heiligen Franz von Assisi und gleichzeitig der Gründungsort der heute weltweit operierenden Ordensfamilie der Franziskaner. Wir haben mit Minoritenbruder Thomas Freidel gesprochen, er ist in Assisi verantwortlich für die Betreuung der deutschsprachigen Pilger, die zu der Lebens- und Wirkstätte des Heiligen kommen.

„Wir haben mit Freude vernommen, dass Papst Franziskus zum zweiten Mal nach Assisi kommt. Er war ja bereits 2013 in seinem ersten Amtsjahr hier und hat an einem Tag alle wichtigen Heiligtümer in Assisi besucht. Dieses Mal wird er wieder zu einem kurzen Besuch kommen, der aber eine besondere Bedeutung hat, denn er kommt in die Portiuncula-Kapelle zum Gebet am 4. August, zwei Tage nach dem eigentlichen Portiuncula-Fest.”

Am 2. August wird das Patrozinium dieser kleinen Kapelle gefeiert, deren offizieller Name Kapelle der Jungfrau Maria von den Engeln, oder Santa Maria degli Angeli, lautet. Eindrucksvoll: die kleine und wunderschön restaurierte Kapelle steht in einer um sie herum gebauten prächtigen Basilika. Bruder Freidel: „Diese Kapelle stand in einem kleinen Wald hier unterhalb der Stadt Assisi, bereits zu Zeiten des Heiligen Franz von Assis. Die Kapelle gehörte den Benediktinern von der Abtei San Benedetto am Monte Subasio und der hl. Franziskus entwickelte eine besondere Beziehung zu dem Ort, er hielt sich dort auf, wenn er hier in Assisi war. Es ist auch der Gründungsort seines Ordens. Hier versammelte man sich dann auch jährlich zum großen Kapitel – zum Beispiel im Jahr 1221, wo dann schon mehrere tausend Brüder sich dort treffen. Es ist also sozusagen das Herz des Minderbrüderordens des Franziskus, wo er lebt und auch am 3. Oktober abends verstorben ist.“

Ein Ort von besonderer Bedeutung also, dessen bescheidener Name Portiuncula (kleines Teilchen) nicht in die Irre führen sollte. Denn obwohl der hl. Franziskus auf dieser Welt nichts besitzen wollte, hatte er für diese kleine Kapelle eine Ausnahme gemacht und seinen Mitbrüdern ans Herz gelegt, diesen Ort niemals zu verlassen. Bedeutsam auch der Anlass, aus dem Papst Franziskus beschlossen hat, diese Kapelle zu besuchen:

„Der Anlass ist der 800. Jahrestag des so genannten Portiuncula-Ablasses. Das war eine besondere Idee des hl. Franziskus, dass er vom Papst das Privileg eines vollkommenen Ablasses für diese kleine Kapelle erbeten und auch bekommen hat. Dem hl. Franziskus ging es darum, den barmherzigen Gott auch erfahrbar zu machen. Ein Gott, der sich dem Menschen zuwendet und der Mensch, der sich zu Gott bekehrt und seine Schuld bekennt und damit ein neues Leben beginnen möchte.“

Der Missbrauch des Ablasshandels, der in Deutschland den Anstoß zur Reformation gegeben hatte, habe den Begriff des Ablasses gerade im deutschen Sprachraum negativ belegt, ist sich Bruder Thomas bewusst. Doch wichtig sei es, sich klar zu machen, was eigentlich hinter dem Wunsch nach Ablass stehe:

„Es bedeutet eigentlich, dass die Kirche an bestimmten Zeiten und Orten eine besondere Möglichkeit der Schuldaufarbeitung ermöglichen will. Denn was dahinter steckt, ist ja eine zutiefst menschliche Erfahrung. Schuld, auch wenn sie vergeben wird, hat negative Folgen, die den Menschen belasten. Die Kirche will somit in besonderer Weise den Zugang zur Barmherzigkeit Gottes ermöglichen,“ sagt uns Bruder Thomas. Doch ein vollständiger Ablass war zu damaligen Zeiten nur an sehr wenigen und mit den damaligen Mitteln schwer zu erreichenden Orten zu erhalten, in Jerusalem, Rom, Santiago de Compostela beispielsweise. Bruder Thomas: „Und das ist eben das Besondere, dass es Franziskus hier gelingt, den Papst zu überzeugen, dieser kleinen und damals unbekannten Kapelle die Möglichkeit eines Ablasses zu verleihen. Und Franziskus ist es ein Anliegen, den Menschen die Barmherzigkeit Gottes erfahrbar zu machen.“

Hintergrund

Der Portiuncula-Ablass geht auf den heiligen Franziskus selbst zurück. Beim Gebet in seiner kleinen Kirche sei ein Lichtstrahl erschienen, auf dem Altar habe er Christus und zu dessen Rechten die Gottesmutter Maria und Engel gesehen. Christus habe ihm aufgetragen, beim Papst um einen vollständigen Ablass für diejenigen zu bitten, die in die Kapelle als reuige Sünder kämen. Der damalige Papst Honorius III. gab der Bitte des Heiligen statt, allerdings verknüpfte er den Ablass mit einem engen Zeitfenster: nur am 2. August sollte dieser Ablass zu erhalten sein, unter der Bedingung, dass der Sünder ehrliche Reue zeige, gebeichtet habe, das Vaterunser und das Credo spreche, ein Gebet in der Intention des Papstes sage sowie einer Heiligen Messe beiwohne. Der Ablass kann heute in jeder franziskanischen Kirche der Welt gewonnen werden. In diesem Jahr wird der 800. Jahrestag des Portiuncula-Ablasses begangen.

(rv 17.07.2016 cs)

Papst Franziskus besucht am 4. August Assisi

Assisi,_Basilika_Santa_Maria_degli_Angeli,_Portiuncula

Papst Franziskus wird am kommenden 4. August die franziskanische Kirche Portiuncula zu Füßen der Stadt Assisi besuchen. Das gaben der Bischof von Assisi und die franziskanische Gemeinschaft der Stadt an diesem Montag bekannt. Anlass für den Besuch ist die 800-Jahrfeier des Portiuncula-Ablasses. Es sei eine glückliche Fügung, so die Ankündigung des Besuches, dass dieses wichtige Jubiläum mit dem Jahr der Barmherzigkeit zusammenfalle. Papst Franziskus werde als einfacher Pilger in der päpstlichen Basilika Santa Maria degli Angeli (die um die franziskanische Portiuncula-Kapelle herum erbaut worden ist) eintreffen und sich dort in stillem Gebet aufhalten. Anschließend werde er zu den Gläubigen sprechen, kündigen die lokalen Kirchenvertreter an. Papst Franziskus selbst hat erst vor wenigen Tagen die Portiuncula-Kapelle, die die Heimstatt seines heiligen Namenspatrons und Ausgangspunkt des heutigen weltweit operierenden Ordens war, in seiner Rede anlässlich des 65. Priesterjubiläums seines Vorgängers Benedikt XVI. erwähnt. Papst Franziskus war im Oktober 2013 das erste Mal in Assisi, dabei hatte er auch die Basilika und die Kapelle der Portiuncola besucht.

Der Portiuncula-Ablass geht auf den heiligen Franziskus selbst zurück. Beim Gebet in seiner kleinen Kirche sei ein Lichtstrahl erschienen, auf dem Altar habe er Christus und zu dessen Rechten die Gottesmutter Maria und Engel gesehen. Christus habe ihm aufgetragen, beim Papst um einen vollständigen Ablass für diejenigen zu bitten, die in die Kapelle als reuige Sünder kämen. Der damalige Papst Honorius III. gab der Bitte des Heiligen statt, allerdings verknüpfte er den Ablass mit einem engen Zeitfenster: nur am 2. August sollte dieser Ablass zu erhalten sein, unter der Bedingung, dass der Sünder ehrliche Reue zeige, gebeichtet habe, das Vaterunser und das Credo spreche, ein Gebet in der Intention des Papstes sage sowie einer Heiligen Messe beiwohne. Der Ablass kann in jeder franziskanischen Kirche der Welt gewonnen werden.

(rv 04.07.2016 cs)