Klara Kern: Das Geheimnis des Fegfeuers

Unsere Liebe Frau von Montligeon

Dem Dekret Urbans VIII. entsprechend erklärt der Herausgeber, dass den Berichten von übernatürlichen Gaben und Gnaden, wie sie in diesem Buche enthalten sind, nur eine rein menschliche Glaubwürdigkeit beigemessen wird.
Die Druckerlaubnis erteilte das Erzbischöfliche Ordinariat München-Freising
Offset- und Tiefdruck der Werkstätten des Verlages
Copyright 1933 bei Verlag ARS SACRA
Joseph Mueller, Munich, Printed in Germany

 

Geleitwort

Der Geist weht, wo er will. In einem der Alpenländer hat er in unseren Tagen ein junges Herz bis auf den Grund erregt. Hier auf diesen Blättern vernimmt man seine Stimme, eine schlichte, kindliche und doch so seltsame Stimme. Wovon sie spricht, ist eine geheime, aber doch allen Menschen gemeinsame Ange­legenheit. Oder wer hätte nie mit seinen Toten gesprochen? Und solche Unterredungen, in der Stille des betenden Geistes gepflogen mit den für immer Verstummten, sind hier aufge­zeichnet. Zwischen dem Dasein der «armen Seelen» in der Läuterung und dem unseren im lieben Sonnenlicht geht die Erkenntnis hin und her, und die Nacht, in der niemand mehr wirken kann, gibt uns eine helle und ernste Auskunft über das «Wirket, solange es Tag ist». Mir scheint, da hat in aller Einfalt ein Auge mehr gesehen und ein Ohr mehr gehört, als es den Klugen dieser Welt gegeben ist. Hier ist ein Kind des Volkes, ich weiss nicht wie und woher, mit einer Weisheit versehen worden, die ohne die Gnade von oben nicht zu haben ist. Oder wo sonst, wenn man absieht von den Lehrern der Kirche, von erleuchteten Männern und Frauen, hätte ein ungelehrtes Ge­müt im Morgen seines Lebens so viel ungewöhnliche Wahrheit aus sich selbst geschöpft? Was da beispielshalber über das göttliche Lehramt der «heiligen Vernunft» gesagt ist, tief im unbewussten Einklang mit dem hl. Thomas von Aquin, kann nicht weit genug unter die Menschen, nicht tief genug in ihre Herzen dringen.

Und nehme doch niemand daran Anstoss, wenn die Sprache zuweilen wie der zarte Quell Mühe hat, durch Steinicht und viele Hindernisse den Weg zu finden. Vielmehr hoffen wir, man wird es uns danken, dass Natur auch Natur geblieben ist.

Im Übrigen sieht der Leser selbst, woran er ist. Denn das Echte überzeugt aus sich, und auch die kleine Glocke nimmt die Art des Grossen an, wenn sie Gottes Lob und Wahrheit ver­kündet.

 

Das Geheimnis des Fegfeuers
30. August 1931

Die lehrreichsten Erfahrungen habe ich im Fegfeuer gewon­nen, und meine besten Vorsätze habe ich dort gefasst. Wie oft weile ich stundenlang in dieser Schule, um alles das ablegen zu lernen, was dem heiligen Gotte nicht gefällt.

Das Fegfeuer ist ein Ort der Barmherzigkeit und Güte. Ich hätte es nie gedacht, dass Gott mit den armen Seelen so unend­lich gut ist. Das ist und war mir stets die grösste Neuigkeit. Nir­gends sehe ich die barmherzige Liebe sich so ausströmen wie hier. Da – in diesem Fegfeuer – habe ich die Güte und Barmher­zigkeit Gottes so gefunden, wie meine Seele sie suchte.

Wenn eine Seele in einem Reueakt stirbt, dann kommt sie zu Gott. Und in seiner Gegenwart, seiner Nähe – da durchdringt ein Strahl der Erkenntnis die Seele: sie sieht die Güte und Liebe Gottes – und in diesem Moment geht die Reue, d.h. das Feg­feuer, an.1 Es ist mir, die Seelen bitten Gott: Ja – du darfst jetzt im Noviziate für den Himmel sein und hier alles, alles einsehen und gutleiden, und dann wirst du rein und darfst in mein Reich eingehen. – O mit welchem Danke übernimmt jede Seele ihr Fegfeuer! Jede Seele ist glücklich, dass Gott so gut ist und sie noch ins Fegfeuer schickt. Wie danken sie dem kostbaren Blute, denn durch dieses ist das Fegfeuer uns geschenkt worden. Es ist ja ein Ort der Erlösung, wo die Seelen vor dem Abgrund auf­gefangen werden, es ist die letzte Rettung – eine Ausdenkung der barmherzigen Liebe…

1 Reue hier nur als satispassio zu verstehen. Cf. Thomas v. Aquin, De malo qu. 7, a. 11, ad 9: Venalia remittuntur eis post hanc vitam eo modo quo remittuntur in hac vita, sc. per actum caritatis in Deum Quia tamen post hanc vitam non est status merendi, ille dilectionis motus in eis tollit quidem impedimentum venialis culpae, non tarnen meretur absolutionem vel diminutionem poenae sicut in hac vita.

Das Fegfeuer ist ein Ort der Erkenntnis – da erwachen die Seelen vom Schlafe…

Da sehen sie eigentlich nur, wie lieb und gut und gross Gott ist. Sie erkennen, dass sie diese Liebe und Güte verkannt und oft betrübt haben. Sie sehen die grossen Wohltaten des ganzen Lebens, all die verscherzten, verlorenen Gnaden und Güter, das bittere Leiden des Heilandes, dem sie kein Herz geschenkt, kurz – die ganze Güte Gottes steht vor ihnen, und sie erkennen das Unrecht, das sie Ihm und seiner Liebe angetan. Hier brennt das Feuer, das die Seelen verzehrt, hier ist die Qual, die nur durch das kostbare Blut, den Lösepreis aller Sünden, getröstet werden kann.

Ich denke immer: die armen Seelen leiden an der Güte und Liebe Gottes. Je grösser diese barmherzige Liebe vor ihnen steht, umso grösser ist der Schmerz.

In der Ewigkeit sind eben die Seelen nicht mehr so hart wie im Leben. Gottes Güte, Gottes barmherzige Liebe und ein Strahl seiner Erhabenheit macht sie mürbe. Gott ist nicht hart, nicht grausam mit den armen Seelen, wie viele es sich denken; nein, ach Er ist gut, voll Erbarmen und Liebe gegen sie, und jeder darf wissen, dass Er gut ist.

Es ist mir, als hörte ich das ganze Reich des Fegfeuers: 0 wie gut, gut ist Gott – hätten wir Ihn gekannt – hätten wir Ihn bes­ser kennen, besser verstehen und mehr lieben wollen! Die Er­kenntnis der göttlichen Liebe und die Erkenntnis der eigenen Härte, das bereitet einer Seele grosse Qual. Ich erfahre dies in meinem eigenen Herzen. Das ist ein so gewaltiger Gegensatz, der zu Leid werden muss.

Aber es ist auch ein seliges Leiden – es liegt keine Verzweif­lung darin, denn die armen Seelen wissen sicher, dass sie nicht verloren gehen. Sie wissen, dass Gott sogar so barmherzig sein und sie in den Himmel nehmen wird, wo alles verziehen wor­den ist – wo Er das wenige Gute, das sie im Leben getan, ewig belohnen wird. Die Macht dieser Liebe ist so gross für diese Seelen, dass sie dieselben nur mit Reuequal ertragen können. Aber so sehr sie an dieser Reue leiden, so sind sie doch glück­lich, sie sind frei von Bedrohung und Zweifel, sie steuern ein­fach dem ewigen Lichte zu.

Im Fegfeuer habe ich die Dankbarkeit gegen das kostbare Blut gelernt. Da ist alles vom kostbaren Blute betaut und be­glückt. Da sehe ich die Wohltaten des kostbaren Blutes.

Und ich glaube – auch wir können die armen Seelen nur mit dem kostbaren Blute trösten. Dort ist die schönste Verehrung und Benützung des kostbaren Blutes, die man sich denken kann.

O im Fegfeuer – da empfinde ich so viel Heilandskraft. Da sehe ich, wie Jesus von diesen Seelen das wieder zurückbe­kommt, was sie Ihm verschwendet und verloren haben. Diese vielen Lücken müssen wieder ausgefüllt werden.

Es kommt mir vor wie ein Mosaikbild: Gott ist dies wun­derbare Mosaikbild – von vielen Seelen zusammengesetzt mit wunderbarer Gotteskunst. Alle Gnaden, die wir besitzen, sind eingearbeitet in diese Gotteskunst.

Und – wenn wir so viele Mosaiksteinchen zerstören und ver­lieren, wenn wir nicht Sorge tragen für das Mosaikbild unserer Seele, dann gibt es solche Lücken. Im Fegfeuer muss dieses Bild ergänzt werden – alles muss wieder her, was verloren ist, damit nichts fehlt an der Herrlichkeit Gottes.

Gott selbst – der wunderbare Gott – wäre ja zerstört, wenn nicht alles wieder ersetzt würde. In den Seelen, die in den Him­mel einziehen, darf nichts fehlen – sonst würde ja an Gott etwas fehlen, und dann wäre die Seligkeit in Gott nicht mehr voll­kommen. Wir sind eben dazu berufen, die Herrlichkeit Gottes zu werden. Es ist ein wunderbares Geheimnis, das ich nicht beschreiben, nur schauen kann: wie wir alle zu Gott gehören, gleichsam seine Glieder sind.Hier liegt eben auch der Grund, warum es ein Fegfeuer geben muss – ich möchte es auch «Re­paraturstätte» nennen.

Ja, aus Liebe und Gnade lässt der liebe Gott die Seelen ins Fegfeuer. Die Seelen, wenn sie nicht göttlich rein sein müssten, um in den Himmel einzugehen, hätten ewig nicht diese Selig­keit – wie nach solcher Reinigung.

Sie haben dann viel mehr Verständnis für Gott und geniessen ewig mehr. O das längste Fegfeuer ist nichts im Vergleich zu den Freuden, die sie erwarten dürfen.

Darum ist keine Seele ohne Trost, mag sie noch so tief in den Flammen sein: die Gewissheit, dass sie nur darum leidet, um ewig glücklich zu sein, ist ihr Trost, ihre Sonne der barmher­zigen Liebe…

Aber – nicht alle Seelen haben das gleiche Fegfeuer. Viele meinen, diejenigen, die am meisten gesündigt haben, seien am längsten von Gottes Anschauung getrennt. – Ja, das kann wohl zutreffen, aber vielleicht nicht immer.

Im Fegfeuer habe ich gelernt, über solches nicht mehr zu urteilen. Gott hat unendlich viele barmherzige Entschuldi­gungen. O, es ist wunderbar, sie im Fegfeuer zu erfahren. O, es ist oft in der Ewigkeit ganz anders, als wir es uns denken. Da sind wir nicht fähig und nicht würdig, uns nur einen Gedanken zu machen, da sind wir nicht würdig, mitzurichten.

O wie ganz anders fällt oft dieses göttliche Gericht aus – als das unsrige! – o wie ganz anders…!

Da meint man oft: diese Seele ist sicher verloren – oder zum mindesten noch tief im Fegfeuer – und sie ist schon lange im Himmel.

Da meint man oft – ja sehr oft: diese Seele ist schon lange im Himmel, sie war heiligmässig – und sie ist tief im Fegfeuer… .

Ja, Gott allein kennt seine Herzen – Gott allein hat das Ur­teilsrecht… Gott ist in seinem Gerichte wunderbar zart und fein, da sind wir dagegen so hart und stumpf. Der liebe Gott tut niemandem unrecht – da kommt niemand schlecht an, der guten Willens war… o, Gott ist so zart, so lieb, so gerecht – als Richter.

 

Welche Seelen erleiden nun am meisten Fegfeuer…?
Welche am wenigsten…?

Die Seelen im Fegfeuer sind wie von einer Hülle, einer har­ten Schicht umgeben. Es ist diese Hülle, in die sich die Seelen gehüllt haben im Erdenleben: das eigene Ich – die zu grosse Sorge um sich selbst und um Ehre usw., die Hauptsache war… Das bildet diese Hülle, durch die das Licht Gottes fast gar nicht durchdringen mag.

Es sind die Seelen, die nicht stark fragen, ob ihr Leben Gott gefalle – die ohne Angst meinen, so sei es schon recht.

Ja, es gibt Seelen, sie gehen wohl in die Kirche, sie beten auch, sie tun gute Werke – und doch bildet sich so eine «Kruste» um die Seele. Sie meinen, es sei alles recht, was sie machen. Sie fragen nicht nach den Wünschen Gottes, sie tun alles ohne Liebe, ohne Gottesfurcht und betäuben das Gewissen durch die Erfüllung der äusserlichen Pflichten. Wenn man sie auf Fehler aufmerksam macht, machen sie alles schon recht.

Ja – solche Seelen gibt es viele im Fegfeuer; diese Seelen sind auch dort noch so unempfänglich für die Erkenntnis… Sie kommt erst allmählich – so nach und nach muss das göttliche Licht die Hülle durchbrechen und die Seele von diesem Schlafe wecken.

Es gibt Menschen, die im Leben eine grosse Weisheit hat­ten, die berühmt waren, die auch viel Gutes an der Menschheit getan hatten, die für alles Rechte und Gute ihr Wort einlegten; aber weil es nur aus eigener ehrgeiziger Weisheit geschah, sind sie ganz im Weltgeist aufgegangen, und so lebten sie in zu grosser Selbständigkeit – ohne Zusammenhalten mit dem göttlichen Meister. Diese Seelen kommen in die Ewigkeit mit der grössten Unwissenheit. Auf Erden sind sie in allem reif gewesen – und nun sind sie in grösster Verlegenheit. Sie haben so viel gewusst – und wissen jetzt nichts. Denn nur den Kleinen wird das Grosse geoffenbart…. Solch weise Menschen haben oft eine dumme Seele. – Sie bleiben oft lange im Fegfeuer, bis sie nur von sich selbst erlöst sind – bis sie vom Schlafe erwachen – bis sie die Betäubung des eigenen «Ich» verlieren. Sie liegen wie tot in ihrer Hülle – bis das ewige Licht sie durchbrochen hat. Das sind meist die unbeholfensten Seelen. Sie haben so viel «Welt» und «Ich» an sich. Sobald sie dann etwas erwachen, dann vermag das Licht sie immer mehr zu reinigen – und dann wird die Seele auch empfänglicher für alle Gebete, die man ihr zu­wendet, für alle heiligen Messen und guten Werke. Sie merken es erst allmählich, dass sie Gott brauchen. Im Leben aber – da brauchten sie ihn wenig. Sobald sie erwachen – zur Erkenntnis und Reue, dann werden sie glücklich. Aber bis zu diesem Er­wachen leiden sie besonders viel – sie ersticken in ihrer Hülle, haben kein Licht und keine Luft.

Es gibt im Fegfeuer Weise, die auf der Welt in hohen Ehren standen – und nun sind sie dort so in Verlegenheit… Da ist oft das ärmste Kind weiser. Ja, da sehe ich: dass nur den Kleinen das Grosse geoffenbart wird.

Ja, der liebe Gott ist unendlich zart im Richten. Das wirklich Gute aber, welches die Seele hatte, das reinigt Er und behält es schön, um es ewig der Seele zu lohnen. Und wenn noch so viele, viele Fehler geschehen sind, so lässt Er das Gute nicht verloren gehen. Bei Ihm wird alles anerkannt – das kleinste Öpferchen. Ja, würden wir doch alles Gute, das der liebe Gott uns tut, auch so anerkennen – wie Er uns.

Ach – wie müssen wir uns doch schämen ob unserer Un­dankbarkeit vor Gott. – Ja, im Fegfeuer, da müssen wir alles Gute von Ihm noch anerkennen und danken. Da zieht alles nochmals vor der Seele vorbei – und alles muss «gutgelitten»2 werden.

Diese Seelen auch haben am meisten Fegfeuer: die auf Er­den wegen der Menschen fromm waren. Ich sehe im Fegfeuer viele Seelen, die aus Eigensinn und Eigenliebe heilig werden wollten oder, um dem Seelenführer zu gefallen, ein «heiliges» Leben ausstudierten. Es gibt Seelen dort, die ihre Beichtväter und Seelenführer getäuscht haben, denen nicht Gott der ein­zige Beweggrund war, sondern die eigene Ehre, das eigene Schönsein. Es gibt Seelen, die alle Frömmigkeit übten, aber nicht demütig waren – die keine Fehler einsehen wollten, die selbstbewusst dachten, auf dem besten Wege zu sein. Seelen, die Bussübungen verrichteten aus stolzer Nachahmung der Heiligen, nicht aus Demut und Reue. – Es gibt so viel Imitation, die fast nicht zu unterscheiden ist von der Echtheit. Gott aber ist nicht zu täuschen … – Da sind Seelen, die ein stolzes Verlangen hatten, heilig zu werden – die sich in der Zahl ihrer Opfer und Bussen in dem Spiegel schauten – die alles Grosse tun konnten und die kleinen, wichtigsten Pflichten vernachlässigten.

Ja – solche Seelen gibt es tief in den Flammen des Fegfeuers – ihr Leben war eine Lüge. O wie muss da die ewige Wahrheit brennen! – Mit diesen ist Gott nicht zufrieden – und das fühlen die Seelen in grosser Qual. Aber es braucht bei ihnen noch so viel, bis sie so reumütig sein können, wie Gott es will – bis dieses harte «Ich» sich demütigen kann. Sobald dieser Reuezu­stand, diese Erkenntnis erwacht ist, wird diese Seele unsäglich vernichtet vom göttlichen Lichte – bis sie in der barmherzigen Liebe aufgeht und nicht mehr sich selbst, sondern Jesus lebt.

Diese Erfahrungen haben mich so sehr überrascht. Ich lernte nun vorsichtig zu sein. Ich suche nichts Grosses mehr in den Seelen, sondern nur das Kleine, Einfache. Und ich habe

2 Das Wort trifft schön den Sinn von <satispassio>.

auch immer mehr gelernt, ganz klein und einfach zu sein. So gibt es eben Seelen im Fegfeuer, die getäuscht haben. Ach – für diese betet niemand, weil man sie nur für fromm hielt. Ach die Armen! – diese hat Jesus mir gezeigt, dass ich für sie bete, weil andere sie im Himmel glauben. Diese Seelen, die so starr in sich selbst hineinleben – diese haben das Feuer der Demüti­gung so notwendig.

Eine Seele – und wenn sie noch so fromm ist, und wenn sie alle Werke der Heiligen kann: ist sie nicht reumütig, nicht de­mütig, dann sind eben ihre «Tugenden» Fehler geworden. Ja, das ist mir auch eine grosse Lehre geworden – dass im Fegfeuer selbst die Tugenden gereinigt werden.

Wie oft gibt es Tugenden – sie sind nicht rein! Besonders auch dann, wenn den Tugenden das Licht des Heiligen Geistes fehlt, wenn sie nur natürlich sind. Die Tugenden sind nur dann rein, wenn sie auch klug sind, wenn sie auch Mass haben, wenn sie nicht einseitig sind und wenn sie aus der Demut des Herzens kommen und Liebe sind. Einfach – wenn ihnen die Leitung des Heiligen Geistes nicht fehlt. Man darf auch in den Tugenden nicht sich selbst leben.3 Es gibt Tugenden, die viele Lästerlein in sich haben.

Darum müssen auch die Tugenden gereinigt werden. Wir beflecken eben oft die Gnaden und Tugenden mit unserem eigenen Ich. Sobald alle Tugenden mit heiliger Gottesfurcht geziert sind, dann erst werden sie rein.

Man muss eben immer wieder zu Gott aufblicken und sagen: O Heiland, hilf mir auch da, dass ich es recht mache. Niemand ist der göttlichen Hilfe und Barmherzigkeit so sicher wie eine solche Seele, die in sich selbst unsicher ist. Niemand kann so ruhig sein in seiner Seele wie diese Seele, die reumütig und vertrauensvoll – ängstlich ist, dem lieben Gott alles recht zu

3 Stimmt mit Augustinus und Thomas von Aquin überein.

machen. Die vertrauensvolle Besorgnis, alles so zu machen, wie Jesus es will, das macht die Seele rein. Nur in Jesus – nur im Vertrauen auf Ihn sicher und ruhig sein: das hab‘ ich im Fegfeuer gelernt, und das ist mein Trost. Denn durch meine Erfahrungen im Fegfeuer bin ich so ängstlich um meine Seele geworden: aber Jesus hat mir nun den Weg gezeigt – zum guten Willen, zur Reue und zur Hingabe. – Ach, lieber hier auf Erden schwer an «sich selbst» tragen als drüben in der Ewigkeit!

Jetzt möchte ich noch sagen, welche Seelen im Fegfeuer am glücklichsten sind – und bei welchen die Hülle am schnellsten gelöst ist.

Da kann ein armer, grosser Sünder sein – der viele Schwach­heiten hat. Der liebe Gott allein weiss, wie er erzogen ist und vielleicht veranlagt ist. Er kennt auch die Geheimnisse der Natur, Er weiss auch jede erbliche Belastung. Ach – er ist ein armer Sünder, der Heiland hat Erbarmen mit ihm, weil er seine Fehler und Sünden einsieht und ohne Entschuldigung, ohne Widerrede jede Mahnung annimmt. Ach – und er will sich si­cher bessern – alles, was man ihm vom lieben Gott sagt, klingt an und fällt auf demütigen Grund. Und er denkt: Ach – wenn ich doch besser werden könnte…! Wenn so ein armer Sünder ans Sterbelager gekettet wird, wenn er vor den Toren der Ewigkeit steht – dann ist seine Reue, seine Erkenntnis so gross, dass er seinen barmherzigen Gott um Verzeihung bittet – so aus Liebe wie noch nie im Leben. – O, da ist der Heiland gut – so gut. Da fällt die Hülle weg – es ist nur noch die reueflehende Seele, die alles erkennt, nur noch nach barmherziger Liebe lechzt. Da sind nicht mehr diese Hindernisse da – da braucht es nicht mehr viel, mit dem lieben Gott grosse, intime Freundschaft zu haben.

So kann ein armer Sünder sterben. Der Heiland geht mit ihm ins Fegfeuer – und dort wartet diese Seele glücklich, bis sie ganz rein ist, und verzehrt sich vor Reue und Dankbarkeit – bis der Heiland sie holt. Ja, da geht es viel leichter und schneller, weil die Seele aufrichtig und demütig und vertrauensvoll war, und die barmherzige Liebe hat so Freude an ihrem reuigen Kinde, entschuldigt seine Fehler und Schwachheiten, bezahlt seine Schulden. Und auf Erden hat man oft keine Ahnung, wie schnell so eine Seele in den Himmel kommt. Denken wir an den Schächer am Kreuze – dem ist auch die Hülle weggefallen. Jesus hatte auch viele Entschuldigungen für ihn: seine Erzie­hung, seine Veranlagung und so vieles andere bewegte den Heiland zum Erbarmen, umso mehr, weil es dem armen Schä­cher nie recht war, dass er sich nicht bessern konnte. Und als er den Heiland am Kreuze sah, verstand er das «Warum» – und söhnte sich mit der barmherzigen Liebe ganz aus.

O wie gut und gerecht ist doch Gott mit den armen Seelen.

O es ist doch ein lieber, lieber, lieber Gott – ach man muss Ihn lieben – wenn man an Seine Güte denkt. – Deo gratias.

Am schnellsten sind die Seelen im Himmel, die ihre Feh­ler schnell einsehen – die nicht hartnäckig verhüllt sind vom Selbstbewusstsein. Gott richtet uns nicht nach unseren Fehlern, sondern nach unserem guten Willen. Eine Seele, die immer be­reit ist, seinen Willen zu verstehen und zu tun – die ist gut dran: eine Seele, die man nicht so schnell verletzt, wenn man ihr einen Fehler sagt, die mit grosser Lust und Freude und Dank­barkeit einen Fehler abzulegen sucht.

O mit solchen Seelen hat der liebe Gott gut machen – sie haben nicht so viele Widerstände und so viele Lügen in sich selbst. Diesen Seelen hilft der Heiland, damit sie ihrer Fehler frei werden.

Die demütige Frömmigkeit, diese fehlt so oft – sie ist so sel­ten, diese fromme Frömmigkeit. Was nützt es, wenn wir alles wissen, was man über Himmel und Erde wissen kann, wenn wir aber die Hauptsache nicht wissen: dass wir nichts sind und nichts können – dass Gott alles tun muss, was wir tun? Was nützt alle Weisheit, wenn wir die Weisheit der Kleinen nicht haben? Dann kennen wir ja die barmherzige Liebe nicht – denn wer nicht arm ist, der weiss nichts von Barmherzigkeit.

Dann fällt das ganze selbstgebaute Gebäude zusammen, wenn es nicht auf dem Boden der Armut steht. Die Armut ist das Fundament für alle Gnaden – ja für unser ganzes ewiges Leben. Und wenn diese Wissenschaft fehlt, dann ist alle andere Wis­senschaft und alle Heiligkeit nichts – dann fällt sie beim ersten Windstoss in Trümmer. Wo die Armut ist – da ist der Reichtum der barmherzigen Liebe. Wo die Schwachheit ist – da ist die Kraft Gottes. Und wo die Reue ist – da ist die Treue!

O wie gerne weile ich bei den armen Seelen, um da die tiefen ewigen Lehren in meine durstige Seele einzusaugen. Ich gehe dorthin, um an den Quellen der barmherzigen Liebe zu trinken, wo die armen Seelen ihren Durst stillen… Ich bin ja auch eine arme Seele – auch so arm – so arm, aber ich habe die Quelle gefunden, wo die Durstigen hingehen.

O das Fegfeuer ist ein schöner Ort. Da ist Gott so gut – so gut – so gut!

Ich habe gesagt, wie die armen Seelen arm werden müssen von sich selbst. Dann verstehen sie den Heiland besser. Diese Seelen, die schon arm sind im Leben – diesen geht es am be­sten.

Besonders diese Seelen sind gut dran, die hungern und dür­sten nach dem Worte Gottes. Z.B. wenn eine Seele die Predigt und jeden Zuspruch andachtsvoll aufnimmt – als direkte Got­tesworte –, wenn sie dieselben mit ins Leben nimmt (und alles benützt, um besser zu werden) und sie nie verliert, diese Seele ist auf dem rechten Wege. Wenn ihr das einfachste Gotteswort kostbar ist, wenn sie keines anhört, ohne die Seele dafür zu öff­nen. Jedes Gotteswort ist ja ein Klopfen des Heilandes. In jedem Wort ist Er – und will hinein. O wie schön sind diese Seelen, die andächtig die Gottesworte aufnehmen. Dann fallen die Sämlein auf fruchtbaren Boden… O wie schön ist eine Seele, die das heilige Evangelium liebt und mit Ehrfurcht aufnimmt, die emp­fänglich ist für die einfachsten Heilandsgedanken, die Sorge trägt zu allem, was sie empfangen hat. O diese Seele – mag sie auch viele Fehler haben – sie wird rein werden.

Wenn solche Seelen ins Fegfeuer kommen, hat der liebe Gott nicht viel Arbeit mit ihnen. Nur ein Wort – und die Seele ist ge­sund.

Es gibt Seelen im Fegfeuer, die auf Erden fromm schienen; ­im Fegfeuer sind sie böser als die «Bösen».

Besonders solche, die die Worte und Werke Gottes boshaft angegriffen, die «bekrittelt» und oft verurteilt haben, was heilig und rein aus Jesu Herz kam.

Es gibt Seelen dort, die scheinbar fromm waren – aber ein Unrecht ums andere lastet auf der Seele. Es sind Seelen, die Un­recht getan haben – und die es nun einsehen müssen. Es sind Bosheiten in diesen Seelen – ungelöst –, uneingesehene Bos­heiten, die sie nur deswegen nicht erkannt haben, weil sie sich selbst blenden liessen von ihren Opfern, Gebeten und guten Werken. Gott will ihnen aber zeigen, dass nicht das Frömmig­keit ist – sondern Gerechtigkeit und Wahrheit und Gottesfurcht.

Es gibt eben Seelen, die nicht einmal beim Tod einsehen, dass sie da und dort Unrecht getan haben, – die es nicht einse­hen wollen, um den Stolz nicht zu beugen.

Solche Seelen, die wirklich Bosheiten auf sich haben und sie zu wenig bereuen, zu wenig ernstlich erkennen – diese kom­men, nachdem sie noch durch Gottes Barmherzigkeit gerettet wurden, in das «strafende» Fegfeuer.

Da sagt die Liebe Gottes besonders ernst, was sie begangen. Und doch kann ich es fast nicht Strafe nennen, sondern lieber Gnade – es sieht alles so barmherzig aus, was ich sehe.

Es gibt ja solche Seelen, die nur mit «knapper Not» noch gerettet werden, weil Gott in seiner Barmherzigkeit auch lang­mütig ist. Sie leiden eine grosse Qual, sie sind viel ferner diesen göttlichen Tröstungen und fühlen sich wie in einem ewigen Abgrund. Und doch sind diese Seelen voll Dank gegen die barmherzige Liebe und das kostbare Blut. So ganz verhärtete Bosheiten brauchen ein tüchtiges Fegfeuer, der göttliche Vor­wurf liegt dann auf den Seelen und brennt die Seele durch. Ja, es gibt verschiedene Zustände in jenem heiligen Reinigungsort – unerklärliche Zustände, die ich nicht niederschreiben kann.

Das sind nur einige Notizen, die ich fast nicht wage hier nie­derzulegen.

Aber unaussprechlich schön ist es, wenn eine arme Seele in den Himmel eingeht. O das ist so schön, dass man nicht ohne Tränen diesem Schauspiel zusehen kann.

Je ärmer eine arme Seele wird, umso näher ist sie dem gött­lichen Lichte. Wenn die Hülle aufgebrochen ist, dann wird die Seele vom göttlichen Licht wie aufgesogen; denn sie selbst ist wie ein Lichtlein vom göttlichen Lichte, und die Seele selbst ist ein Fünklein göttlichen Lebens. Und so wird dieses kleine Leben ganz Sein Leben, dieses kleine Lichtlein ganz Sein Licht. In dieser ewigen Liebe und dieser ewigen Ruhe verschwindet dann das Seelchen. Es ist eine Umarmung von unendlich zarter Liebe, ein wunderbares Versöhnungsfest und Erlösungsfest. O dieses Danken der Seele gegen den Erlöser, dieses Danken für sein heiligstes Leiden und Sterben, für sein kostbares Blut – es ist so rührend. O der Heiland und die Seele – beide so zufrieden, wenn sie einander nun ganz haben. Der Himmel ist so wunder­bar, dass selbst der Reine nicht rein genug ist um einzugehen.

Ja diese Heimat ist so rein und schön, dass es wirklich eine besondere Reinigung geben muss, damit die Seele dieser Herr­lichkeit würdig werden kann.

Könnten wir mit unserer Hülle von Selbstsucht in den Him­mel kommen, wir könnten nicht selig sein. Wir würden es gar nicht merken, dass wir im Himmel sind.

Gott hat in allem seine Gesetze, und nach diesen Gesetzen pflegt Er unsere Seelen für dieses reine Himmelsglück.

Diesem Schauspiel zuzuschauen – was dort in der Ewigkeit alles geschieht – ist so erschütternd. Bücher könnten es nicht fassen, was ein Herz da fassen kann…

Gott hat wunderbare Wege, um die Seelen zu retten. Er gibt Wege, die über Höllenqualen führen. Gott ist gut. Ach – Er will seine Seelen nicht verlassen.

Wie oft meint man, es sei eine Seele verloren – aber Gott al­lein ist es bekannt, wie Er sie gerettet hat. Das sind die stillen Wunder seiner barmherzigen Liebe, an denen Er sich aus gött­lichem Herzen freut. Jesus fängt seine Seelen noch an jedem Fädchen. Er hat so viel Liebe – so viel Liebe. Ach – was muss das für ein Riss im Herzen Jesu sein, wenn eine Seele in die Hölle will. Ich ahne nur leise diesen Heilandsschmerz – er muss unvergleichlich schrecklich sein. O was muss sein Herz am Kreuze gelitten haben, um uns Seelen – um uns dem Abgrund zu entreissen.

Ja, die Liebe Gottes ist das Fegfeuer, durch das wir arme Seelen werden.

Man kann aber diese Liebe Gottes schon auf dieser Erde als Fegfeuer haben.

Wenn man an diese Liebe Gottes denkt, die uns überall be­gegnet, dann wird man so arm – man erkennt so sehr, dass man undankbar ist und dass man diese Liebe so wenig erwidern kann. Nichts tut der Seele so weh als der Gedanke, dass der Heiland so gütig ist und wir so böse Kinder – die Ihn abermals gekreuzigt hätten. Wenn wir die Strahlen seiner Liebe auffan­gen, müssen wir davon brennen und arme Seelen werden im Fegfeuer seiner göttlichen Liebe… Je mehr wir Gott und seine Liebe erkennen, umso mehr erkennen wir auch «uns», und je mehr wir auch «uns» erkennen, desto mehr erkennen wir seine barmherzige Liebe. Je näher wir der göttlichen Liebe kommen, umso mehr vernichtet sie uns, und so werden wir «arme» See­len.

Ja – ich begreife immer mehr, dass man die Liebe Jesu lei­den kann.

Ich habe ja auch mein Seelenmartyrium dadurch bekom­men, dass die göttliche Güte mich so arm gemacht hat.

Ich habe in meinem Leben am meisten an Vernichtung und Armut gelitten. Darum bin ich mit den armen Seelen eins ge­worden und bin von ihrem Troste getröstet worden.

Ich komme mir vor wie ein schwarzer Fleck mitten in der Sonne der barmherzigen Liebe.

Ich kann es ja nur Gott allein klagen, was ich gelitten habe und immer noch leide an dieser einen Sehnsucht, seiner Liebe keinen Wunsch zu versagen und dem Heiland alles recht zu machen.

Ich schmachte Tag und Nacht in dieser einzigen Sehnsucht, und sie ist mir zum Schrei der Seele geworden. Meine Seele schreit und schreit – und sie dürstet nach Reinheit, sodass ich nie mehr ruhen kann. Selbst durch den Schlaf hindurch stöhnt meine Seele um Bekehrung.

Ach Gott, wie kann ich die Qualen der armen Seelen ver­stehen! Was habe ich schon gelitten an der göttlichen Liebe, weil sie mich so reuewund gemacht hat – was habe ich schon geweint und gerungen. Der Heiland, der im heiligsten Altarsa­kramente uns so viel Liebe zeigt – Ihm sollten wir nur Freude machen. Aber ich bin ja so arm – so arm – so lauter Elend und Schwachheit – ich fühle so viel Böses in mir. Ach, ich möchte doch gut sein – so gut, dass kein leises Wünschlein dem Heiland unerfüllt wäre. Ach, ich möchte aus Liebe zu seiner Liebe gut sein – allein nur, weil ich Ihn lieb habe und seiner zarten Liebe nie weh tun möchte. Seine Liebe und Güte ist es, die mich ver­zehrt im Rechtmachenwollen. Alle meine Wünsche sind erstor­ben – nur eines noch wünsche ich: seine zartesten Wünsche zu erfüllen.

Ich habe so Angst vor mir selber – so Angst vor mir selber – so Angst vor Selbsttrug und Eigenliebe. Ich muss fliehen vor mir selbst – sonst halte ich mein Ich nicht mehr aus.

O wie oft beneide ich die armen Seelen im Fegfeuer. Wie oft möchte ich mit ihnen tauschen.

Ach – sie dürfen nur gut sein – sie müssen4 nicht mehr bös sein. Die Bedrohung durch das Böse der gefallenen Natur ist von ihnen genommen. Die armen Seelen dürfen gut sein. Wie oft denke ich: das wird mein Himmel sein, wenn ich einmal sicher gut sein darf. Ich denke nicht mehr an ein anderes Selig-sein – nicht mehr an ein selbstisches Glücklichsein. Nur noch eines kann mein Glück, meine Seligkeit sein, wenn ich einmal ganz gut bin, wenn ich einmal alle Wünsche Jesu kennen und erfüllen darf. Gott, welch ein heisses Sehnen brennt in mir! Ich wäre ja zufrieden, wenn ich anstatt in den Himmel nur ins Fegfeuer dürfte, um ewig dort gut zu sein, so recht, wie es der Heiland wünscht. Das würde ja mein Himmel sein. Nur Jesu Wünsche müssen erfüllt sein – dann sind auch alle meinigen

4 Zu verstehen gemäss dem partikularen Heilswillen Gottes und der ira Dei nach Röm. 1, 18 ff. u. 9, 18. Auch Augustinus, De gratia et libero arbitrio c. 21, u. 42 : Satis manifestatur operari Deum in cordibus hominum ad inclinandas eorum voluntates quocumque voluerit, sive ad bona pro sua misericordia, sive ad mala pro meritis eorum.

gestillt. Nur Jesu Seligkeit, Jesu Trost und Jesu Freude ist mein Himmel. O wenn ich im Fegfeuer wäre, wo man doch ganz gut sein darf – wie glücklich wäre ich! ‑

Durch dieses Sehnen sage ich dem Heiland meine Liebe. Nicht durch Akte und viele Worte sage ich sie Ihm, sondern ich zeige Ihm mein Schmachten und Sehnen. Nichts im Himmel und auf der Erde zieht mich so an wie dieser eine Gedanke, der mich in jedem Augenblick meines Lebens verzehrt. O wie wird das mein Himmel sein, wenn ich den Heiland mit mir zu­frieden weiss. – O wie würde ich gerne auf alle ewigen Freuden verzichten, und ich weiss nicht, was ich täte, um das zu errei­chen… Ach – unter Tränen schreibe ich diese Worte, und mein Herz zittert vor Verlangen.

Wann wird der Augenblick kommen, o Gott, wo ich Dir eine reine, schöne Seele schenken darf, damit sie ganz zu Dir gehört! Es ist mir so, als sei ich von diesem einen Gedanken umsponnen – er ist der Pulsschlag meines Lebens… O Heiland, ich vertraue grenzenlos auf Dich, dass Du Dein Wünschen mir erfüllst – denn für Dich allein, o Heiland, ist ja alles, um was ich flehe…

Wenn einmal der Druck der Erbsünde mich erdrückt hat und die letzte Stunde meines Lebens kommen wird, dann wird diese letzte, schwerste Stunde die erste leichte Stunde meines Lebens sein. Dann wird der erste ungeteilte Trost in meine Seele strah­len – denn ich sehne mich ja zu sterben, um gut zu werden. Ich sehne mich zu sterben, um meine Eigenliebe, meine böse Sün­dennatur tot zu wissen – um sicher zu sein, dass ich dem Heiland nie mehr wehe tue. O dieses Ich, das ich im Leben fast nicht mehr ertragen möchte – wenn es stirbt, wird es dem Heiland nie mehr wehe tun. Ach, ich fürchte mein Ich. Aber Jesus – ich vertraue auf Dich! – Wie gerne denke ich an meine letzte Stunde – diese Stunde schon ist mir wie ein Himmelreich. Ich werde des Heilandes Ruf schon erkennen. Er wird sagen: Komm, Kind meiner barmherzigen Liebe, – jetzt darfst du gut sein.

Und dann ist der Moment da, wo ich ruhe – zum ersten Mal in meinem Leben. Dann werde ich mit Freudentränen in Jesu Herz sinken – um ewig gut zu sein. – O, schon während ich dies schreibe, bin ich selig berauscht – ich kann mir keine andere Seligkeit denken, als gut zu sein aus Liebe zum Heiland, der ein so zartes Herz hat und den ich doch so liebe, dass es nichts Schrecklicheres gibt als die Sorge, Ihm wehe zu tun.

Ach – ich möchte so Sorge tragen für das zarte Herz Jesu, möchte so zart sein, möchte doch seine Wunden lieber verbin­den als schmerzen. – Und doch bin ich noch so unfein mit dem feinen, zarten Heiland, bin so klotzig, so rücksichtslos – denke wieder zu sehr «Ich» – als Dich.

Ach, Heiland, fast verblutet mein Herz vor Schmerz und Liebe, und es brennt in heissem Verlangen. Ach Jesu – Du weisst es… Jesu…

Jetzt bin ich ganz in ein anderes Thema hineingeraten. – Ich ruhte ein wenig aus und komme nun zurück auf das Fegfeuer.

Solche Seelen, die so ganz gottausgesöhnt sterben, die ein grosses Vertrauen auf die barmherzige Liebe hatten, streifen oft nur am Fegfeuer vorbei oder gehen durchs Fegfeuer durch. Viele Seelen, die so ganz gut und brav waren, können oft Wo­chen und Monate lang im Übergang sein vom Fegfeuer in den Himmel.

Diesen ist Jesus ganz nahe, und sie kosten schon Himmels­seligkeit. Sie sind im Aufgehen ins ewige Licht. Diese Seelen leiden dann nicht viel; sie harren in einem seligen Erwarten, aber doch voll Reue, bis ihre Reue genug ist.

Ja, es kommt etwa vor, dass eine Seele sogleich in den Him­mel kommt. Das sind Seelen, die nach dem Himmel schmach­teten und die auf Erden schon genügend vertrauensvolle Reue hatten. Reue müssen wir halt haben, weil der Heiland für uns sterben musste.

Eine Seele im Reuezustand kann blendend weiss werden von der barmherzigen Liebe, so dass sie das Fegfeuer schon durch­gemacht hat. Jesus will nur die Armut – dann gibt Er uns das Himmelreich. Ja – solche Seelen, die nichts anderes mehr auf Erden liebten als Jesus und seine Gesetze – diese können schon direkt in die Arme Gottes, in den Himmel hinein fliegen. – Ja, es gibt solche wunderbare Seelen – die aber sind sehr selten, und sie haben das Fegfeuer auf Erden schon durchgemacht.

Zum Schlusse muss ich noch etwas sagen – das ich fast nicht schreiben darf. Aber ich schreibe diese Eindrücke ja nur im Gehorsam auf.

Ach – das schrecklichste Fegfeuer haben die Priester, die nicht treu waren, die ein schlechtes Beispiel gaben und dem Heiland viel Leid gemacht haben. – Wenn sie dann nicht mehr die Gnade haben, vor dem Tode viel zu leiden und viel und ganz zu bereuen – o dann gibt es ein furchtbares Fegfeuer. Es kommt viel vor, dass auch Priester sich noch ganz bekehren und dem Heiland noch viel Freude machen. Aber wenn diese gründliche Bekehrung und Einsicht noch fehlt, wenn der Weg zum Got­tesherzen noch viel zu weit ist, wenn es nur so ein schwaches Vorbereiten gibt auf die Ewigkeit, nur so ein schwaches Zu­sammenknüpfen mit der barmherzigen Liebe: o wie viel hat der liebe Gott dann zu sagen – beim heiligen Gerichte! Aber wie froh sind dann diese Priester, dass sie nicht verloren sind. Es gibt Priester, die bis ans Ende der Zeiten im Fegfeuer bleiben müssen. Mit niemandem ist der liebe Gott so streng wie mit den Priestern – weil niemand so sündigen kann wie ein Priester, der seine Pflicht vergisst.

Aber mit den einsamen, weltabgetrennten Priestern ist Gott so gut, so lieb, dass sie schnell, schnell in den Himmel kommen.

Auch mit den reumütigen Priestern, denen er viel zu verzeihen hat, ist Er so gut – aber gebüsst muss alles werden. – Ich kann es nicht beschreiben, wie ernst der liebe Gott über die Priester­pflichten denkt und wie ernst die Priester gerichtet werden…

Ein Priester, der ganz guten Willens ist, muss nie Angst ha­ben – er erfährt unerwartet und ungeahnt viel Milde und Güte von Gott. O ein Priester, der alles so recht machen wollte, der keine Anhänglichkeiten hatte – dem geht es gut. Einem Priester, der am eucharistischen Jesu allein Freude hatte. Solche Seelen werden nur ausgespült vom kostbaren Blute und dann in den Himmel aufgenommen. – Aber ich darf und kann fast nicht zusehen – wenn ich so viele Priester tief, tief im Fegfeuer sehe – wenn ich sehe, dass sie dem lieben Gott so viel Weh gemacht haben; wenn sie mit der Welt, mit den Menschen verknüpft waren … und der Würde vergassen. Mein Gott, diese Priester – sie stehen zitternd vor ihrem Gotte und büssen eine furchtbare Schuld, – und der liebe Gott ist wieder gut: sobald die Reue sie durchdrungen hat, holt Er sie heim – so lieb….

 

Fortsetzung: Allerheiligen 1931

Der Blick ins Fegfeuer, der heute so tief gedrungen ist, drängt mich, noch mehr von diesem wunderbaren Orte zu erzählen. Ich war wieder bei den armen Seelen, und ich habe wieder so grosse Lehren mit auf die Erde genommen.

Ich sah diese Seelen, die mit der heiligen Kommunion ge­storben sind. 0 der eucharistische Heiland in den armen Seelen – der eucharistische Heiland im Fegfeuer! – Die armen Seelen waren heute so dankbar – sie dankten immer und fühlten so sehr jede Wohltat der Sühne. Sie grüssten mich – als ein Wohl­täterlein – und ich konnte es fast nicht begreifen, dass sie mich kannten und dass sie dankten, denn ich fühlte vielmehr Reue und Armut, dass ich nicht mehr für sie gelitten und gebetet habe. Und doch redeten sie mit mir und sagten mir, dass ich für sie gesühnt habe und dass meine Tränen auch für sie geweint wurden. – Da auf einmal sah ich, dass Jesus es war, der aus den armen Seelen mit mir sprach, Jesus, der sich in den armen Seelen trösten liess. Denn auch hier gilt sein Wort: Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr Mir getan.

0 ich sah es mit tiefem, klarem Blick, dass Jesus es war, der für die armen Seelen dankbar war. Ich schaute Ihn in diesen Seelen – in der heiligen Kommunion. Ich sah, wie der euchari­stische Heiland mit den armen Seelen ist – bis Er sie ganz in den Himmel nehmen kann. Diejenigen, die Ihn fromm empfangen, dürfen Ihn mitnehmen, und Er leidet, schmachtet und dürstet mit ihnen.

Er leidet mit den Leidenden, Er büsst mit den Büssenden und sehnt sich mit den Sehnsüchtigen. – Diese Seelen werden nicht gepeinigt, sondern nur gereinigt. Und sie schätzen Jesus so sehr, sie schätzen die heilige Kommunion, die nicht nur auf Erden bei ihnen war, sondern auch dort ist, wo sie sonst so einsam und allein wären. Auf seine eucharistische Art leidet und fleht der liebe Heiland in diesen Seelen, die Ihn empfangen ha­ben. O wie sah ich eine Herablassung Gottes, dass Er da in und mit diesen Seelen das Fegfeuer erträgt. Er will sie begleiten, bis sie daheim sind. Diese wunderbare Güte und Barmherzigkeit Gottes konnte ich nicht ohne Tränen erleben…

Es gibt aber auch Seelen, die nicht direkt vor dem Sterben kommunizieren konnten, die aber im Leben immer beim eu­charistischen Heiland Trost und Kraft gesucht und Ihn recht andächtig empfangen haben – aber mit Armut und Reue. Diese Seelen haben es auch viel besser als diejenigen, die gewohn­heitsmässig und kalt den lieben Gott kommunizierten. 0 wie stöhnen diese Seelen den verlorenen Gütern nach, wie hungern und brennen sie im Glutofen der Reinigung. Auch Priester, die am Altare ihre schönsten Stunden verbracht, die dort mit tiefer Herzensarmut die barmherzige Liebe eintranken, sind gut dran, und selbst Sünden und Fehler werden bald getilgt sein in diesem Blute unseres Heilandes, welches sie schon im Leben geschätzt und gebraucht haben. – Andern hingegen fehlt die Er­kenntnis, und sie finden nicht das, was sie finden sollten, weil das Bedürfnis schon auf Erden fehlte… Sie sind abgestumpft für all die Erlösungsgnaden, und erst nach und nach erwachen sie zum Leben… und Erkennen.

Jede Seele hat ihren eigenen Zustand, weil jede ihre eigenen Pflichten und Gnaden hatte, und Gott richtet sie nach ihren Talenten, nach der Bestimmung und nach dem guten Willen. Ach – ich kann ja nur stammeln über die wunderbaren Ge­heimnisse des Fegfeuers. Dort sehe ich, wie Gott im heiligsten Sakramente auch dort wohnt, sodass die Seelen Kapellen der hl. Eucharistie sein dürfen. O, Gott ist so lieb und gerecht im Fegfeuer. Niemand verurteilt Er. Wenn es Seelen gibt, die den eucharistischen Heiland nie gefunden, nie gekannt haben, tadelt Er sie nicht. Er entschuldigt sie und ersetzt alles durch den guten Willen – durch den sie nur das Rechte wollten. Diesen Seelen gab Er die Begierdekommunion.

So gut ist Jesus – sodass ich sagen muss: 0 Gott, im Fegfeuer habe ich dein wunderbares Herz kennen gelernt. – Ausser im Himmel kann man seine Liebe und Gerechtigkeit, seine Barm­herzigkeit und Güte nirgends so finden wie in diesem heiligen Orte. Im Fegfeuer sehe ich auch seine heiligen Gesetze, die auf Erden oft zertreten, missachtet und übersehen werden. O seine Gesetze sind dort so schön, so lieb und so zart – und selig diese Seelen, die sie erfüllen. Aber leider sehen wir Menschen unsere Bosheiten oft erst drüben im Ewigen ein.

Wie viele Seelen finde ich da im Fegfeuer, die auf Erden mit­ten im Reichtum lebten; sie waren wohl religiös, aber wie viele Schäden leiden ihre Seelen durch Anhänglichkeit an Geld und Gut.

Mit Zittern und Bangen habe ich diese Schäden betrachtet und meine Erfahrungen daraus gezogen.

Der liebe Gott hat den Menschen, die an irdischen Gütern Überfluss haben, die Pflicht gegeben, anderen, die zu wenig haben, zu helfen. Die Reichen haben den Auftrag, im Namen ihres Gottes zu spenden, weil alles Gut und Geld Ihm gehört. – Und wollen die Reichen wirklich keine Schäden an der Seele erleiden, dann müssen sie ihren Reichtum nicht als eigen be­trachten, sondern als Gottes Sache, und sie müssen Gesandte Gottes sein, um seine Güter zu spenden.

Wenn der liebe Gott sie so sehr mit Gütern segnet und so gut für sie sorgt, so tut Er es, damit diese wieder für andere sorgen oder Er durch diese für andere sorgen kann. Jetzt erst verstehe ich die Warnung des Heilandes, als Er sagte: Wehe den Rei­chen… Erst heute verstehe ich alles – seit ich dieses Gesetz im Fegfeuer geschaut habe.

Es gibt im Fegfeuer viele Reiche, die dort furchtbar arm sind, aber auch viele Arme, die reich sind in Gott. Andern zu helfen und Gutes zu tun, ist nicht nur Wohltätigkeit, sondern Pflicht. Wehe aber den Reichen, die den Überfluss für sich allein ge­brauchten, während sie den armen Mitmenschen zu wenig gaben oder sie für minder anschauten.

Wie viele könnten mehr Gutes tun – und tun es nicht, wäh­rend sie selbst in Überfülle geniessen. – Der liebe Gott gab den Reichtum nicht für diejenigen, die ihn haben – sondern auch für die anderen. Wie vieles stiehlt man Gott weg, wenn man im Überflusse lebt. Ja, Gott verlangt auch Steuern. Wer wenig hat, der hat mit dem wenigsten am meisten gegeben; wer viel hat, soll aber viel geben, und zwar demütig spenden, weil die Gaben von Gott kommen – und Ihm gehören. Ich habe heute viele, viele Sünden gesehen, die durch den Reichtum entstanden sind, weil sie ihn nicht nach Sinn und Zweck Gottes gebrauchten, oder weil sie bei Wohltaten die Ehre für sich selbst erkaufen wollten. – Wie lange warten solche Seelen im Fegfeuer, die hier eine so grosse Pflicht versäumt haben… Wie haben selbst ihre Tugenden Schäden, furchtbare Schäden erlitten, und wie sind diese Reichen arm, bitter arm geworden.

O wie ist der Heiland gut mit denen, die auch gut waren.

Als ich all die armen Seelen mit innigem Flehen trösten wollte, zeigte Er mich den armen Seelen und sagte: Hier will ich für euch weinen, beten und sühnen und viele, viele Tränen vergiessen. Hier will ich euer Leben nochmals gutleben, hier will ich alles tun, was ihr vernachlässigt habt – und dann sagte Er: Das sei euer Trost, meine lieben Kinder. Und bis ins tiefste Fegfeuer hörte ich diese Worte fallen, und es war, als ob das Fegfeuer gelöscht würde – so sehr fühlte ich den Trost der ar­men Seelen.

Und dann fühlte ich mich so arm, und ich bat Jesus, mich hier im Fegfeuer zu lassen, um brav zu werden und all meine Versäumnisse zu büssen. Und dann hat der liebe Gott mich zum Schwesterchen der armen Seelen gemacht und sprach: Ja, dein Leben ist ein Fegfeuer – und so darfst du diese Leiden leiden und diese Sehnsucht nach dem Himmel durchmachen.

O wie fühlten diese Seelen die Güte und Liebe Gottes. Es war wie ein Freudenfest in dieser Reinigungsverbannung, und viele, unzählige Seelen steigen ein in die ewige Liebe und Güte Gottes und waren im Himmel. Sobald sie dieselben erkennen, ganz erkennen – sind sie erlöst… Aber wieder sah ich so viele Seelen, für die niemand betet. Und wie ich schon geschrieben habe, sind es sehr oft Seelen, die im Leben sehr fromm galten, die fromm sein wollten – nur um sich schön zu machen. Diese Seelen schmachten so allein im Fegfeuer, und es wäre ihnen eine Erleichterung, wenn ihre Fehler auf Erden bekannt wür­den, die sie mit aller Kunst verborgen hielten. – Ich habe es wieder gesehen – für diese betet man wenig oder gar nicht, weil man sie im Himmel glaubt. Da gab mir der Heiland den Auftrag, für sie zu leiden und zu beten und für ihre Heimlichkeiten zu sühnen.

Nicht umsonst habe ich deswegen schon so Schreckliches durchgemacht.

Diese Menschen waren auf Erden wie falsche Christusse ­sie liessen sich verehren und als Beispiele hinstellen, sie hatten eine selbstgemachte Heiligkeit, und es waren falsche Gnaden; nach aussen stimmte alles überein, nur nach innen nicht.

Ach – wenn ich mich nur nicht zu scharf ausdrücke – aber ich glaube es ja selber nicht gern, und es tut mir selber weh, während ich schreibe, und doch habe ich solche Seelen ge­schaut, die jetzt hundertmal lieber nicht verehrt worden wären auf Erden – die ihre Falschheit, ihre Eigenwerke, ihre geistigen Eitelkeiten bitter büssen mussten. Die Unwahrheit wird von Gott, der ewigen Wahrheit, verbrannt.

Aber ich sehe, wie sie nun alles einsehen, und darum ist der liebe Gott doch gut mit ihnen. Er hat sie ja doch gerettet und an jedem guten Fädchen sie gezogen. Ja, diese Seelen müssen zu­erst arm werden, und dann ist die Hauptsache an ihnen getan…

Ich sah auch Priester, die wegen dieser Seelen auch lei­den mussten, besonders dann, wenn sie diese Seelen in ihrer falschen Frömmigkeit unterstützt haben und wenn sie nicht um das Licht des Heiligen Geistes gebetet haben; denn ohne den Heiligen Geist kann man oft ein böses Kräutchen pflan­zen und pflegen. Der Heilige Geist muss den Priestern helfen, die echten und unechten Gnaden zu unterscheiden. – Aber in demütigen Herzen hat der Heilige Geist immer Platz – und zur rechten Zeit leuchtet er hinein in manch unsichere Stelle, be­sonders wenn man um das Licht gebetet, viel gebetet hat. – Es gibt Priester, die um einer Seele willen länger leiden müssen als die Seele. Aber es gibt auch Priester, die so recht guten Willens waren und alles, alles nach Gottes Willen machen wollten, die in aller Demut und Gottesfurcht ihr Amt ausübten. Bei diesen sind selbst die Fehler nicht so eingewurzelt, und sie sind wie aller Verantwortung frei. Ich sehe es ganz deutlich, dass diese Priester nicht nach ihren Fehlern gerichtet werden, sondern nach dem guten Willen, auch wenn sie viele Fehler hatten. So lieb und sanft löst der liebe Gott diese kleinen Feh­ler, und sie gehen so gut weg – wenn das Herz demütig ist. Die Demütigen sind halt am besten dran – sie lassen sich so leicht von der göttlichen Hand korrigieren. – Wir müssen darum viel zu Gott aufblicken, um demütig das zu erkennen, was Er von uns will – um nicht durch den eigenen Geist den Heiligen Geist zu verdrängen und nicht durch die eigenen Gedanken Gottes Gedanken zu verlieren.

O wie ruhig können diese Seelen sein, die schon in Demut gedient haben und immer so handeln wollen, wie Er handeln würde.

Jesus in den armen Seelen

November 1931

O es ist so schön, Jesus in den armen Seelen zu sehen – als den Erlöser.

Ich sehe diese Seelen an allen eigenen Fähigkeiten gebun­den, ohne eigene Macht; was sie tun, das muss ihnen Jesus tun.

Wenn sich die armen Seelen melden dürfen durch irgendein Zeichen, so ist das für sie eine grosse Gnade und schon ein grosser Fortschritt; dann sind sie schon aus der grössten Dun­kelheit heraus und näher dem Lichte, und dann nehmen sie schon viel mehr und immer mehr Jesus in sich auf. Und so ist es wiederum Jesus, der sich in den armen Seelen meldet, der für sie bittet, der ihre Wünsche zu den Menschen trägt und zu den Seinigen macht. So ist es Jesus, der um’s Gebet bittet, Jesus, der klagt; denn er will in seiner barmherzigen Liebe ganz für die armen Seelen leben. Jesus tut sie pflegen – und tut ihnen alles besorgen.

O ich kann es nicht beschreiben, wie wunderbar schön diese Herablassung Gottes aus diesen Seelen leuchtet – und von die­ser Güte ergriffen, werden sie zu immer vollkommenerer Reue und Selbsterkenntnis erweckt. Dadurch wird das böse Ich aus­gebrannt – und macht Jesus Platz. Und so wird die arme Seele immer schöner, je mehr sie ihr eigenes Ich sterben lässt. – Wie schön, schön werden allmählich diese ewigen Lichtlein, die sich im Öl der barmherzigen Liebe verzehren.

Wenn eine arme Seele aus dem Fegfeuer mit mir sprechen darf, dann ist es wiederum Jesus, der die Sprache spricht. – «Er ist Dolmetscher im Fegfeuer». Ich fühle und höre es dann so deutlich, dass Jesus aus der armen Seele spricht. Jedes Wort ist Jesus…

Und warum das? – Ja, die Seelen haben halt doch ihre Fehler mitgenommen – sonst wären sie nicht im Fegfeuer. Und würde nicht Jesus ganz allein ihre Wünsche besorgen, so könnte doch manche Eigenliebe dort noch fortdauern – wie manches Böse würde sich regen. Auch die Worte der armen Seelen würden ja nicht ganz himmelsrein, wenn sie selbst sprechen könnten. Da­rum sind sie aller eigenen Macht beraubt und gebunden, und was sie wirklich Gutes tun – tut ihnen Gott.

Das ist das Geheimnis, dass man dort gut sein darf und den lieben Heiland nicht mehr beleidigen kann. Nur noch Gott al­lein darf leben, nur Gott allein besorgt das Wünschen und Bit­ten der armen Seelen.

Wenn diese Seelen für uns beten, so ist es Jesus, der in ihnen betet. Wenn wir die armen Seelen bitten – so ist es Jesus, der uns erhört und hilft. Und wenn wir für die armen Seelen beten, so dürfen sie uns dankbar sein und auch für uns beten. Aber wiederum ist es Jesus, der in ihnen dankbar ist und der ihre Liebe zu den Lieben besorgt und der die Verbindung zwischen den Menschen und dem Fegfeuer ist. Er ist es, der uns aus den armen Seelen segnet und hilft, wenn wir für sie beten. Ich weiss, dass ich mich sehr unbeholfen ausdrücke über dieses Geheimnis. Aber ich schreibe es, so gut ich kann. So schaue ich das Geheimnis des Fegfeuers, aber es ist unbeschreiblich, wie wunderbar sich hier die Grösse und Herablassung der Güte Gottes offenbart. – Darum sind auch alle armen Seelen so ergriffen von der Güte Gottes. Er tut ihnen ja so viele Dienste und ist immer mit ihnen in ihrer Verbrennung und lässt keines ganz ohne Trost und ohne Jesus. Die armen Seelen müssen auch lernen dankbar werden. Gerade die Undankbarkeit gegen Gott müssen sie büssen – durch die Reue. Jetzt, da sie so froh um Jesus sind, müssen sie einsehen, wie sie ihn vergessen und auf die Seite gestellt haben – wie sie im Leben alles allein zu machen glaubten und machen wollten. Hätten sie ihre Armse­ligkeit erkannt und wären sie nicht blind gewesen an sich selbst – wie hätten sie im Leben schon den lieben Gott gebraucht, und wie wären sie dankbar gewesen um Ihn! Und damit sie diese Verfehlung erkennen und bereuen – lehrt Jesus die armen Seelen froh sein um Ihn. Darum müssen viele Seelen viel, viel leiden, wenn sie noch ganz im eigenen Ich leben und darin zu ersticken glauben.

So müssen sie lernen, um Jesus froh zu sein, und darum müssen sie auf Jesus allein ganz angewiesen sein und dürfen selbst keine Macht haben.

O ich sehe im Fegfeuer die Undankbaren zur Dankbarkeit sich umwandeln. Wie jammern sie da über all die Verluste, aber wie sind sie froh, das verlorene Leben nochmals leben zu dürfen. Ja, es ist eine grosse Barmherzigkeit Gottes, dass es sogar nach dem Tode noch einen Ort gibt zum Gutmachen.

Es könnte ja ebenso gut beim Sterben die letzte Frist sein.

Die Undankbarkeit gegen Gott ist meistens auch mit der Undankbarkeit gegen die Menschen verbunden. Wie oft hilft Gott durch Menschen – und wie oft erfährt Er auch auf diesem Wege bitteren Undank. Und auch das enthält oft grosse Sünden, und die müssen gebüsst werden. Durchs «Frohsein» lehrt Je­sus dankbar sein. Darum ist das Fegfeuer auch ein Dankfeuer. Sobald die Seelen zur grossen, durchdringenden Dankbarkeit vorgeschritten sind, ist der Himmel ihnen nahe. Dann dürfen sie umso mehr auch beten für alle (oder vielmehr Jesus betet in ihnen für alle), denen sie wehe getan durch Undankbarkeit und Unzufriedenheit. Und ich sah einmal, wie ein ganzer Strom von Segen und Gnade auf ein Menschenkind herabfloss: durch das Flehen aus dem Fegfeuer für ein Herz, das wegen Undankbar­keit viel Unrecht gelitten und geduldet hat. Und so durfte diese arme Seele die Undankbarkeit auch auf Erden gut machen ­durch das Gebet, durch die Reue und das Nachdankenwollen.

Jesus tut den armen Seelen alle Dienste, sobald sie alles er­kennen und alles bereuen. Dann eilt Er für sie auf die Erde und macht mit Gnade und Segen gut, was die Seele gutzumachen hat. Und so beruhigt Er die Seelen, bis alles in Ordnung ist, und dann kommt die wunderbare Stunde der Aufnahme in den Himmel – wo sie erst beginnen, Gott ewig zu danken. Der liebe Gott hat eben mit den Seelen auch seine Ordnung. Da muss alles nach seinem Gesetze sein, damit die Schönheit und Voll­kommenheit Gottes keinen Mangel hat. Wie Er sogar in jedem Blümchen und Pflänzchen seine Ordnung hat, so hat Er sie in den Seelen. Er ist ein genauer, vollkommener Gott, und darum kann nichts Unvollkommenes in den Himmel eingehen. Er hat es gern und Er wünscht es, dass auch wir in unserer Seele peinlich Ordnung halten und die geistige Reinlichkeit haben. Um Ordnung in der Seele zu haben, müssen wir immer wieder unsere Fehler erkennen und bereuen und bis ins Kleinste alles recht machen wollen. Wir müssen auch das Gute, das wir tun, mit Gott ausmachen und immer wieder beten, dass wir alles er­kennen und ablegen können, was nicht recht sein sollte. Dann wird es immer wieder Ordnung in der Seele, und sie wird stets auf’s Neue rein. Wie wir nach aussen reinlich und ordnungslie­bend sein müssen, so sollten wir es vor allem nach innen sein. Wir dürfen an uns keine Gleichgültigkeit dulden, wir sollten uns unserer täglichen Ewigkeitsaufgabe bewusst sein und un­ser Leben ganz für Gott und die Pflicht ausnützen. Jeder, jeder Lebensaugenblick sollte inhaltsvoll sein, damit nichts verlo­rengeht für Gott. Wenn wir bei allem eine gute Absicht haben, dann ist unser Leben nicht hohl, dann ist selbst das Irdische und scheinbar Nutzlose noch nützlich. So können wir wertvoll machen durch die gute Absicht und gute Meinung, und dann ist Jesus zufrieden mit uns, auch wenn wir viel Weltliches tun mussten. – Es kann ja eine Weltperson oft heiliger sein als eine Klosterfrau; wenn sie nur die ewigen Werte nicht verloren hat, dann ist sie schon auf Erden himmelnahe.

Die echte und unechte Frömmigkeit

(Die heilige Vernunft)

In diesem wunderbaren Fegfeuer, wo man so ganz die unver­stellten Seelen sieht, habe ich auch gelernt, was echte und un­echte Frömmigkeit ist. Alle Erfahrungen, die man für’s Erden­leben braucht, habe ich dort geschöpft – denn sonst wäre ich ja gar ein unerfahrenes Kind.

Ich sah viele Seelen, auch Ordensseelen, die sehr fromm waren; aber sie hatten eine eigensinnige Frömmigkeit. Gerade hier sind meine Augen aufgegangen, um mich vor Täuschung zu schützen. Die eigensinnige Frömmigkeit will so fromm sein, wie sie will, nicht wie Gott will. Diese Frömmigkeit ist kom­pliziert, hochtragend und wichtig – es sind Seelen, die grosse Geschichten machen mit sich selbst. Sie leben von diesem Gedanken: Ich bringe Opfer, ich strebe nach Heiligkeit, ich ma­che, dass ich heilig werde. Während die demütige Frömmigkeit denkt: Du Jesus musst es machen – habe Geduld mit mir – ich kann es nicht. Diese Seelen leben und gedeihen von Jesus aus – andere vom Ich aus.

Diese machen ihre Heiligkeit selbst – während andere nur den guten Willen haben, auf Jesus vertrauen und immer wieder um Gnade und Erbarmung beten.

Es gibt leider im Fegfeuer mehr Pharisäerseelen, als ich ahnte. Hätte ich nicht in’s Fegfeuer geschaut, ich würde der ganzen Welt und allem, was gut erscheint, glauben. Und weil mein Herz allzu gern alles für gut hält, muss der liebe Gott sein Kind im Fegfeuer belehren. Er weiss es, wie furchtbar schwer es mir in diesem Unterricht geht – es zu glauben, dass es solch verstellte Seelen und Menschen gibt. Ich habe in meinem Le­ben immer nur Gutes von anderen gedacht, und es geht mir so schwer, wenn ich nicht lauter Gutes sehen kann. – Leider muss sich die Wahrheit oft in der Unwahrheit finden. Es gibt eben im Fegfeuer Seelen, auch Ordensleute, die wegen ihrer unech­ten Frömmigkeit sehr viel zu leiden haben. Ich muss oft ihre Qualen mitfühlen, um für sie zu sühnen, denn sie hatten eine enge Frömmigkeit und hatten gegen andere ein so hartes, un­gerechtes Herz. Sie haben andere bei jeder Kleinigkeit verur­teilt, wenn sie etwas weitherziger waren als sie. – Das ist dann die unvernünftige Frömmigkeit.

Die wahre Frömmigkeit tut andere Fehler entschuldigen, tut andere Menschen als Beispiel betrachten, denn auch der fehlerhafteste Mensch hat etwas Gutes, das wir lernen können.

Die echte Frömmigkeit ist nur dann fromm, wenn sie von der heiligen Vernunft begleitet ist. Das ist das Zeichen, dass sie mit Jesus eins ist. Und wenn sie lang nicht so viele besondere Werke aufzuzählen hat – ist sie von der heiligen Vernunft be­gleitet, dann kann sie nicht so viel Unrecht und Härte auf ihrem Gewissen haben. – Die heilige Vernunft ist eine wunderbare Gabe, denn sie ist eine Übertragung vom göttlichen Verstande.5 Die heilige Vernunft ist etwas Göttliches. Der liebe Gott tut seine Menschenkinder durch die heilige Vernunft leiten, durch diese Vernunft und durch den Verstand gibt Er dem Menschen ein, was er tun soll –. Die heilige Vernunft ist die Empfangsstelle des Heiligen Geistes – und die Sendstelle für all unser Tun ­und Wirken. Darum wirkt Gott wunderbar durch die heilige Vernunft, die ihm kein Hindernis bereitet durch Eigensinn, sondern nur das will, was recht ist.

Menschen, die eine echte, wahre Frömmigkeit haben, sind immer sehr vernünftig und verständig, weil sie mit dem Hei­ligen Geiste verbunden sind, und darum tun sie niemandem Unrecht, wollen überall sanft und mild sein, überall helfen, und werden dadurch oft Beauftragte Gottes, um andere Menschen

5 bei Thomas, S. Theol. I 10, 3 ad 3; S. c. gentes I 3 u. a.

zu verstehen. Wie oft hilft Er uns durch diese heilige Vernunft, denn sie ist auch das Leitseil des Heiligen Geistes. Der Wille Gottes wird uns dadurch kund. Er hat die heilige Vernunft ge­macht, durch die Er den Menschen den Weg zeigen will.

Und darum ist Vernunft – Gerechtigkeit. Die Vernünftigen sind nie hart, sie können alle verstehen, auch die Sünder – sie können überall wohltun und gut sein. Wir betrachten die Ver­nunft oft für etwas ganz Irdisches, und doch ist sie so eine wun­derbare Einrichtung Gottes, um dem Menschen eine Sicherheit zu geben, was gut ist und was nicht.6 Die heilige Vernunft macht den Menschen so demütig, so einfach, so lieb und gut. Denn nicht Beten allein ist wahre Frömmigkeit – sondern vor allem Gerechtigkeit und Wahrheit.

Die Vernünftigen erwarten oder wünschen nicht überall aus­serordentliche Wunder und Offenbarungen, sondern handeln einfach, wie sie nach innigem Gebete die Gründe der heiligen Vernunft wahrgenommen – und wie oft erfährt man, dass durch dieselbe die Antwort Gottes kam und die Hilfe Gottes zuteil-wurde. Und diese Seelen sind dann so recht dankbar für solche Leitung Gottes, während andere nur mit ausserordentlichen Mitteilungen zufrieden sind. – O wie viele Tugenden liegen in dieser einen Tugend: der heiligen Vernunft. Ich hätte nie gedacht, dass das eine so schöne Gabe Gottes wäre, wenn Er es mir nicht gezeigt hätte. Diese heilige Vernunft ist wie ein geistiges Auge‘ – es ist ein Kunstwerk Gottes, wie auch das kör­perliche Auge ein Kunstwerk Gottes ist.

Ja – im Fegfeuer gibt es viele Gerechte. Diese Seelen sind so schön – und dort wird die Seele nur noch geschliffen wie ein feines Kristallglas. Das Gold wird nur noch geläutert von allen Schlacken der Erde – aber Gold ist es halt doch.

Intellectus als synderesis (Hege des natürlichen Gesetzes) bei Thomas von Aquin, S. th. I 79,2.
7 Thomas, de veritate 22, 13 obj. 1: Oculus in anima est ratio vel intellectus.

Ja die heilige Vernunft ist eine wichtige Sache – für die Ewig­keit. Sie enthält keinen Eigensinn, keine Hartherzigkeit, keinen Unverstand, keine Bosheit und keine Abneigung, keine Macht und keinen Stolz. Die wahre vernünftige und heilige Vernunft ist einfach ein Ausfluss göttlichen Verstandes, des göttlichen Denkens. Durch diese heilige Vernunft allein schon können die Seelen recht und rein sein – weil sie keine Härte haben.8 Die Härte nämlich muss im Fegfeuer Gewalt leiden.

Wie oft hat Jesus mir gesagt: «Mit Vernunftgründen bin ich immer einverstanden.» – Es ist eben ein Gesetz Gottes, dass wir seine Wege durch die heilige Vernunft erkennen. Und darum können wir vernünftig handeln. Es ist unsere Pflicht, überall zu helfen, wo es vernünftig ist, und auch selbst gehorsamst etwas anzunehmen, was eine gütige Vernunft uns tun will, damit wir nie eigensinnig Seine Hilfe versperren, nicht eigensinnig sind im opfern und büssen, sondern in allem vernünftig: dann bleibt man auch demütig und ist geschützt vor dem Stolze der unech­ten Frömmigkeit.

Aber wir müssen auch beten, dass unsere Vernunft heilig sei, sodass sie wirklich vernünftig ist und den Willen Gottes kund­tut.

Es gibt im Fegfeuer viele solche Seelen, die am meisten we­gen der Unvernunft leiden müssen und lange Zeit brauchen, bis diese Härte erweicht ist, denn sie haben durch die Unver­nunft gegen die heilige Vernunft gesündigt, sich dem Willen und Walten Gottes widersetzt durch eigene Macht. Viele haben vor lauter Eigenfrömmigkeit diese schöne, edle Gabe Gottes unterschätzt, als wäre sie nur für die «gewöhnlichen» Men­schen. Diese Seelen gleichen den stolzen Engeln, die mächtiger sein wollten als Gott.

8 Derselbe Gedanke bei Augustinus (De doctr. christ.): Ille autem juste et sancte vivit, qui rerum integer aestimator est.

Wie schwer büssen solche Seelen, die andern harte Op­fer auferlegt haben in unvernünftiger Weise. Denn über die Schicksale der Menschen regiert nur Gott allein. Nur Er hat das Recht, sie ihnen aufzuerlegen, weil Er es aus Liebe tut, um der Seele tausendmal mehr zu vergelten.

Diese Seelen, die so unvernünftig waren im Leben, sehen im Fegfeuer so dunkel aus, und sie können wohl länger leiden als ein armer, grosser Sünder, der sich aufrichtig bekehrt und sein ganzes Leben eingesehen hat. Denn es gibt auch in den «From­men» furchtbar harte, dunkle Stellen, die nur ein Gottes-Auge entdecken kann. So hat mir das Fegfeuer ein Übermass von Erfahrungen gebracht – und darum bete ich immer, dass ich nie etwas Unrechtes unterstütze und nie, nie ein Unrecht tue. –

O ich kann darum nichts anderes wünschen, als dass Gott mich vor solchen Widersetzungen gegen seinen Willen ver­schonen wolle.

O die einfache, schlichte Seele, die kindlich ihren Herrn und Gott liebt, die keine grossen Geschichten macht mit sich selbst, die unscheinbar auf dieser Erde blüht, kann oft viel hei­liger sein als – eine «heilige». O man würde staunen, wie die stillen, schlichten Seelen schön sind! Andere Seelen, wenn sie auch noch so schön beten und fromm sein können – es ist halt bei vielen doch viel Kunst dabei – selbstgemachte Kunst. Es ist wohl ein schönes Menschenkunstwerk in einem Geistesleben, aber ob es ein Gottes-Kunstwerk ist?? – Es gibt auch schöne, prächtige Kunst-Blumen – aber was ist das gegen eine echte Blume, die von einem göttlichen Leben lebt und den Wohlge­ruch Gottes atmet? Die Kunstblumen sind schön anzusehen ­aber das Leben fehlt ihnen.

So ist es mit den Seelen, die ihre Heiligkeit selbst machen. Nur dann ist unsere Seele eine echte Blume, wenn sie aus dem Boden der Armut hervorwächst – in der demütigen Hingabe an den göttlichen Willen und an der Sonne der barmherzigen Liebe gedeiht – so sind wir einfache Kinderlein. Was ist eine grosse Selbstkunst, wenn es nicht Gottes-Kunst ist und nur die Wurzel des Stolzes trägt? Was nützt es für die Ewigkeit?

O wie viele Seelen sind im Fegfeuer – sie glaubten voll zu sein von guten Werken, aber der Stolz hat alles zu nichts gemacht, und diese Seelen müssen im Fegfeuer erst lernen nichts haben – und erst dann bekommen sie das von der barmherzigen Liebe, was nur Gott der Seele geben kann. In der Ewigkeit hat nur das Wert, was Gott in der Seele gewirkt hat und was man in Demut mitwirken durfte – alles andere ist ein selbstgebautes Gebäude. «Wenn Gott nicht baut – bauen die Bauleute umsonst.»

 

Die wahre Nächstenliebe
und Wohltätigkeit

19. Dezember 1931

Die heilige Vernunft enthält auch eine wunderbare Nächsten­liebe – sie ist nicht geleitet von den menschlichen Sympathien, sondern von der göttlichen Gerechtigkeit.Auch die Nächsten­liebe muss von Gott geleitet werden und dadurch die heilige Vernunft in sich tragen. Auch diese Tugend muss rein sein – man muss nicht menschlich-gut sein, sondern göttlich-gut. Ich habe auch nur im Fegfeuer all diese Mängel und Fehler kennen gelernt, die man auch in der Nächstenliebe begehen kann. Ich sah Seelen – sie waren auf Erden wegen ihrer Werke der Nächstenliebe berühmt, und doch hatten sie im Fegfeuer wegen der fehlenden Nächstenliebe zu leiden. – Woher wohl das? – Viele haben nur Gutes getan und oft viel Gutes getan ­dort, wo sie sympathisch gesinnt waren. An einem anderen Ort – wo sie nicht diese Zuneigung hatten, die Not aber viel grösser war – konnten sie hart vorübergehen. Solche Fehler zeigte mir der liebe Gott, und ich sah, wie irdisch und menschlich-gesinnt diese Seelen wurden. Diese Seelen liessen sich von ihren Sym­pathien leiten. Und diese Sympathie gilt nicht vor Gott. Die wahre, gottliebende Nächstenliebe kennt und weiss nichts von Sympathie – sondern nur von Liebe. Wenn man in allem Gott etwas zu Liebe tun will, so richtet man das ganze Herz nach den Bedürfnissen des Nächsten, nicht nach den Launen und Sympathien.

Es kommt nicht darauf an, an wem man Gutes tut – wenn es nur zum Gutes-Tun ist. Dennoch muss man im Gutes-Tun auch klug und vorsichtig sein, muss man in der Nächstenliebe manches ins Auge fassen, wodurch die Güte gehemmt ist. Es kommt ja auch viel vor, dass man die Liebe für sich selber fan­gen könnte statt für Gott, dass man dadurch zu viel und zu sehr menschlich geliebt werden könnte – hier muss die Liebe klug und vorsichtig sein.

Man muss den Mitmenschen immer Jesus geben – nicht sich selbst. Ich habe diesbezüglich sehr vieles im Fegfeuer gesehen, was ich nicht beschreiben kann. Es hat mich gelehrt, vorsichtig zu sein. Diese Vorsicht hat mich schon traurig gestimmt – denn wie oft musste ich dadurch die Liebe zurückhalten, die so hel­fend entgegeneilen wollte. Irgendeine Vorsicht hielt mich ab, sodass ich schon oft weinte vor verhaltener Liebe. Dann trö­stete mich Jesus immer wieder und sagte: Wisse, im Himmel darfst du einmal so lieben, wie du liebst. – Dann war ich immer wieder getröstet. Man muss eben auch im Gutes-Tun Jesus fragen und mit Jesus sich beraten, damit man hierin Gottes Ab­sichten erfüllt – ihnen nichts in den Weg legt.

Man darf auch nicht dort Gutes tun, wo alles verschwendet wird – wo Gott nicht will, dass man gibt. Darum ist das Beraten mit Jesus so notwendig, dass man dann hilft, wenn Jesus helfen will, und so viel hilft, als Jesus helfen will. Darum ist eben auch in der Nächstenliebe die heilige Vernunft so notwendig. Durch sie wird uns das kund, was recht ist, besonders wenn wir gebe­tet haben. Es gibt auch Fälle, wo Jesus mir gesagt hat: Da tust du mehr, wenn du nichts tust – da hat die Not etwas Grosses von mir auszurichten. Wie oft hat mich der Heiland schon abgehal­ten, wenn meine Liebe durchbrennen wollte, um etwas zu tun –, dann sagte Er nur: Hier musst du beten – dann hast du das beste Gute getan.

Dann zeigte mir Gott oft seine Schicksalspläne, und ich sah, dass ich Ihn machen lassen musste – ich sah, dass manche Not schon Rettung brachte für innere Gefahren. – O ich habe in die­ser Sache schon so viel gelernt und vernommen, schon so tief ins Fegfeuer geschaut – und dann stellt sich die Güte des Her­zens auf die göttliche Seite ein, und man sieht erst nachher ein, wie unklug und unweise man gut sein könnte. Man muss bei allem, allem zuerst die heilige Vernunft auf den Heiligen Geist einschalten, und dann werden wir von den Weisheiten Gottes regiert. O sonst könnten wir dem Walten Gottes so vieles drein-pfuschen – die beste Absicht muss geläutert sein durch Gebet, durch einen Aufblick zu Gott, von dem alle Weisheit und Güte kommt und durch den die Güte unseres Herzens erst gut wird.

Und dann ist es immer Seine Güte, die gütig ist…

Ich sehe, dass ich fast in ein anderes Thema hineingeraten bin – ich erwache wieder daraus und komme wieder aufs Feg­feuer zurück.

Wie anders wird dort gedacht als hier in unserer törichten Welt. O könnten die armen Seelen zurückkommen – wie viel würden sie uns sagen und lehren, wie manch verstecktes La­ster würden sie uns aufdecken, auch wenn es in einer Tugend versteckt wäre.

Die wahre und heilige Güte sucht in allem nur Jesus Gutes zu tun. Und wo finden wir Jesus? Wir finden Jesus überall, wo eine wahre Not, ein wahres Bedürfnis ist, denn Er will hilfsbe­dürftig sein, damit Er zu denen, die lieben, sagen kann: Du hast mir geholfen. Überall, wo eine aufrichtige, wahre und echte Not ist, sei es in geistiger oder materieller Hinsicht – da ist Jesus.

O dieser Gedanke! Die herablassende Wahrheit verstehen die armen Seelen nun besser als in ihrem Erdenleben, und wir wollen von ihnen lernen, gut gütig zu sein und Ihm Gutes zu tun. O man sollte Jesus in seinen Verstecken der Armut und Bedürftigkeit viel höher halten.

Bei Menschen ist es üblich, denen am meisten Ehre zu er­weisen, die Geld und Gut haben, die überall in Ehren stehen, überall mit viel Achtung empfangen werden. Aber gebührt denn nicht denen am meisten Ehre, Aufmerksamkeit und Liebe, die überall zurückgesetzt, nicht beachtet werden, die auf Erden nicht viel gelten? In diesen kommt ja der König der Armen, Gott selber, zu uns zu Gaste. Sollten nicht diese den Eh­renplatz haben bis in unser Herz hinein? Denn von diesen gilt ja das Gotteswort: Ihr habt es mir getan. Diese sind ja das grosse, herablassende Mir Gottes. Diesem Mir gebührte eigentlich die grösste Ehre.

Bei denen man auf der Welt Geld und Gut verehrt, verehren wir die Menschen – bei den Armen aber verehren wir Gott sel­ber…

Es gibt wohl Menschen, die sind trotz Geld und Gut arm, weil sie ein Herzeleid oder sonst eine Not haben. Ja – die Glück­lichen, dann dürfen doch auch sie arm sein, und wir können auch dort mit jedem guten Wort, jedem Wohltun Jesus pflegen. Wo immer eine Not ist – da bittet uns Jesus… Ja, der liebste und schönste und verehrungswürdigste Gast ist nicht der Mensch, der in Glück und Reichtum und Wohlbehagen lebt, sondern der Arme – sei er innerlich oder äusserlich arm – der Verwundete – denn dann ist es Jesus, Er ist es dort, wo der Heiland in einer Ecke steht. – Wer Wohltätigkeit empfängt, soll auch wohltätig sein. O es ist so schön, ein Gotteswohltäter zu sein.

Nicht Wohltäter, um die eigene Ehre damit zu kaufen, nicht wohltätig nach eigenem, sondern nach Gottes Sinn und Liebe.

Ach – ich habe im Fegfeuer so zahllose Seelen geschaut, die nicht im richtigen Sinn Gutes taten, so viele, viele, auch so viele Pharisäer-Wohltaten. Ich hätte es nie glauben können, wenn das Fegfeuer nicht der Lehrmeister an mir gewesen wäre. Ich habe viel gelitten, bis ich all das glauben und ver­stehen konnte – denn mein Herz wollte der Welt zu viel trauen und glauben, und Gott musste es zu sich in die Schule des Feg­feuers nehmen.

Auch die urteilenden Seelen haben ihre Bekehrung im Feg­feuer. Wie viele haben so launenhaft geurteilt – auch hierin regierte sie die Sympathie oder Antipathie – nichts Grundtiefes, nichts Gerechtes war der Fuss ihrer Gedanken.

O diese verschiedenen Klassen, die ich dort im Fegfeuer finde! Die einen haben ihre harte Schicht und Hülle auf dieser, andere auf der anderen Seite. Manche haben ihre Härte mitten in ihrer Weichheit – einen Fehler mitten in der Tugend. Und das kann Jesus nicht brauchen für den Himmel – Er muss sie alle mit seiner Liebe rein und weich machen. Wer aber immer aus Liebe Gutes und Böses unterscheidet, um sich von der Wahr­heit zu überzeugen, nicht aber in Unwahrheit sich täuschen und fangen zu lassen und etwa Böses zu unterstützen – das ist die heilige Vorsicht, die heilige Vernunft und Klugheit –: diese haben nicht verurteilt und gerichtet. Wie sind solche Seelen froh, wenn sie von dieser Last frei sind, von der Urteilslast – denn die Urteilsseelen fühlen das Urteil Gottes viel schnei­dender in der Seele. Es sind oft Seelen, die bis zum Tode ihrem unrechten «Rechte» treu geblieben sind.

Es ist darum gut, wenn man auch hierin recht oft betet, da­mit wir es doch auch hier recht machen und immer lieb den­ken, es sei günstig oder ungünstig.

Da darf keine Sympathie – und keine Antipathie ihr Wort ha­ben, sondern nur die Liebe, dann ist es recht. Wohl aber dürfen wir immer ein scharfes Auge haben, um uns auf dieser bösen Welt vor Trug und Schwindel zu schützen – das gebietet ja auch die heilige Vernunft, die zur Vorsicht mahnt.

Hat die Sache einen Grund – durch die heilige Vernunft –, dann ist es schon in Ordnung. Aber bei vielen Seelen hat das Gute und Böse keinen wahren Grund und Entscheid – ihre Sympathie ist ihr Urteil, oder ihre Abneigung ist es, und so fehlt die heilige Gerechtigkeit und Wahrheit, und alles ist hohl und leer – nur die seelische Befleckung ist vorhanden. Man kann ja in Abneigung und Zuneigung zu viel tun, wenn der Heilige Geist uns nicht leitet. Den einen ist ein Mensch heilig, den andern schlecht, – oder das Heilige schlecht, das Schlechte heilig: es kommt ihnen einfach nur auf die Zuneigung an ­ohne Grund und ohne Zweck. Es ist nichts darin, was der Seele nützt – nur das leere, nutzlose Menschenurteil; nichts, das ei­nen zum Guten führt oder vor dem Bösen warnt, nur die leere, blosse Sympathie oder Antipathie – was nützt sie für das Leben und für die Ewigkeit? Wo nur die blosse Menschenlaune und Menschenstimmung ist – ach, diese armen Seelen, wie müssen sie schmachten nach den Strahlen der Ewigkeit und Wahrheit, weil sie so sehr der Unwahrheit und Zwecklosigkeit gelebt haben. Die Seelen aber, die bei allem eine heilige, liebevolle Begründung hatten, denen alles eine Lehre war für Zeit und Ewigkeit, die rechterdings das Böse vom Guten zu unterschei­den suchten, um nur Wahrheit zu finden und nichts Unrechtes zu unterstützen – diese Seelen werden von der ewigen Liebe als Liebe genannt und in den Himmel aufgenommen.

Ja, das Fegfeuer schon sagt einem, wie wunderbar der Him­mel sein muss – sonst nähme Gott nicht eine so peinlich genaue Reinigung mit den Seelen vor. O bereiten wir uns jetzt schon sehnsuchtsvoll auf die Himmelsreinheit vor.

Die kostbare Zeit

Die armen Seelen im Fegfeuer! Wenn ich ihnen so zuschaue und ihre Leiden und Gedanken durchforsche – sie haben eine unbeschreibliche Reue über jeden vergeudeten Lebensaugen­blick. Sie möchten jeden zurückschreien, um ihn für Gott aus­zufüllen. Sie hungern diesen Gnadenhunger, den sie im Leben hätten hungern sollen.

Ich sehe so klar, wie tief diese Reue ist, wenn sie mit der Zeit gespielt haben. Diese Leere, die sie in ihren Seelen dadurch ha­ben, bereitet ihnen so Hunger, dass sie gleichsam ihre Zungen ausstrecken, um geistige Nahrung zu erhalten. Wenn sie aber von dieser Reue durchglüht sind, dann kommt der liebe Gott und bringt ihnen sein heiliges Blut und seine ganze Ewigkeit, um mit ihr die leeren Stellen auszufüllen und mit seinem heili­gen Leiden und Blute das auszufüllen, was tiefbereut ist.

Ja, man denkt noch nicht so ernst daran, solange man noch lebt, wie ernst es Gott mit der Zeit nimmt, besonders bei de­nen, die einen höheren Beruf haben, besonders bei den Gott­geweihten und Gottgeopferten, den Dienern und Dienerinnen Gottes.

Es gibt viele arme Seelen, die mich bitten und bestürmen: Gehe doch auf die Welt und sage es ihnen, damit nicht auch sie in dieser Blindheit leben. So schreibe ich hier – von den armen Seelen gedrängt – diese Worte nieder, so gut ich es eben kann.

Ja, es ist besonders für Gottgeweihte etwas sehr Wichtiges um die Zeit. Es gibt so viel Nutzloses im Leben, und das sind alles leere Stellen, die zum Fegfeuer werden müssen. Es sind alles Lücken, die in der Ewigkeit geflickt werden müssen.

Nicht wir verfügen eben über unsere Zeit. Gott hat sie uns gegeben zum Ausfüllen mit heiligen Zwecken. Er gab sie uns gleichsam als ein Gefäss mit den Worten: Geh hin und schöpfe damit aus dem Brunnen des ewigen Lebens, und dann komm zu mir und bring mir das Gefäss voll zurück.

Und dann wird Jesus aus diesem Gefässe trinken und die Seele zum Danke in diese unendliche Ewigkeit, in das Meer des ewigen Lebens einlassen, wo sie mitströmt in die Ströme der Unendlichkeit und ewigen Ewigkeit.

Die Zeit unseres Lebens muss mit heiligen Zwecken ausge­füllt sein – man sollte eigentlich nichts tun, das keinen heiligen Grund hat. Man kann ja alles mit Wert versehen durch eine hei­lige Absicht, auch das Nutzlose und Wertlose. Wie manch Nutz­loses gehört zu unseren Anstands- und Freundlichkeitsregeln, wie manch Nutzloses zu Beruf und Pflicht! Aber so tut man halt, was man muss, um nicht aufzufallen und um sich andern Men­schen anzupassen – doch auch diese Zeit soll heilig ausgerech­net sein, damit auch im Wertlosen der Wert dieser oder jener Pflicht liegt, was man auch aus Liebe zu Gott tue. Aber auch da möchten viele zu weit sich entschuldigen und mehr Rücksicht nehmen auf alles Irdische als auf Gott allein, indem sie zu lange Zeit brauchen für solche Äusserlichkeiten, die man oft viel kür­zer abmachen oder oft auch ganz unterlassen könnte.

Wer die Welt und ihr Treiben und Tun liebt, der macht gerne mit. Wer sie nicht liebt, dem ist alles ein Opfer, was er mitma­chen muss, und dann verkürzt er von selbst alles aufs Notwen­digste. O, Gott nimmt es ernst mit der Zeit! Wir, die wir nur ein Augenblicklein leben – wie sollten wir da rechnen und sparen! So wie der Geschäftsmann mit seinen Geschäften und seinen Einnahmen, damit er ja viel herausschlägt und aus allem etwas verdient.

O es ist so schade um jeden Augenblick, den wir ohne hö­heren Grund leben – wenn wir die schöne Bahn der Gnade un­benützt lassen. Man kann ja aus allem, auch aus allem Irdischen etwas für Gott gewinnen. Er selbst hat ja unser Leben bestreut mit ewigen Schätzen – bestreut bis in alles, alles hinein. Wir dürfen einfach nicht vergessen, bei allem einen heiligen Grund und Zweck zu haben und ohne dies nichts zu tun.

Jesus hat es gerne, und Er ist zufrieden, wenn wir die Zeit einteilen, wenn wir nicht so selbstherrschend darüber verfü­gen. Die Zeit gehört nicht uns – sondern Ihm. Er hat die Se­kunden unseres Lebens gezählt, und er weiss, was daraus zu gewinnen ist. Er sieht genau, was wir verlieren und was wir finden… Er hat in jeden Augenblick unseres Lebens einen hei­ligen Zweck gelegt, eine Aufgabe, einen Plan, und wir müssen all diese Absichten Gottes erfüllen, indem auch wir allem eine Begründung geben, ich meine, dass seine Zwecke unsere Zwe­cke seien und dass wir nichts, was Er für uns gemacht hat zur Erfüllung, leer zurückbringen.

Der grosse, allmächtige Gott ist auch Gott über die Sekunden unseres Lebens – Gott über unsere kostbare Zeit. Er ist Meister, unser guter Meister, und wir sollen Ihm überall gehorchen. Ich sehe im Fegfeuer auch viele, viele Ordenspersonen, die durch die vielen und zu langen nutzlosen Unterhaltungen bei den Menschen so viele leere Stellen in den Seelen haben, solche, die durch weltliche Freundschaftsverkehre die klösterliche Zierde der Zurückgezogenheit verloren haben, die es nicht verstanden haben, Besuchen und Freundschaften nur diese Zeit zu schenken, die zur klösterlichen Abgeschiedenheit nicht im Widerspruch steht. Ach, so viel Welt finde ich da in diesen Seelen – und diese Welt bedeutet lauter Null für die Ewigkeit. Wie viele haben Stunden und Stunden gebraucht für die Welt, wo man alles hätte kürzer machen können. Wie viele Stunden des inneren Gebetes und des stillen Tabernakelbesuches hätten sie herausschlagen können – wie viele solche kostbare Stunden wurden verscherzt und gingen für Gott und die Ewigkeit verlo­ren. – Wie manche Minute hätte man für den eucharistischen Heiland ersparen können, wenn die Seele den Hunger, den wahren Hunger nach ihren Pflichten, nach Gott gehabt hätte. Wie gut ist Gott, dass die Seelen dies alles im Fegfeuer noch gut machen dürfen. Das Fegfeuer ist darum auch ein Zeitleiden. Sie leiden an der Zeit, und das ist die Sehnsucht: diese Seelen sehnen sich unsäglich nach Gott, nach Reinheit, nach der Ver­besserung, und sie sind auch glücklich, weil sie wissen dürfen, im Ort der Besserung zu sein – das löst sie von jeder Verzweif­lung, ihr Leiden ist ein Hoffen und Vertrauen, ein Sehnen und Bekehren.

Ja, Gott hat uns eben die Zeit nicht gegeben, um damit zu spielen, um damit zu tun, was man will. Die Zeit ist das Gefäss, mit dem wir am Brunnen des ewigen Lebens schöpfen müssen, und wer es nicht voll zurückbringt – den schaut der Herr mit fragendem Blick an und sagt: Was hast du getan mit diesen Gnadenschätzen? Ich habe dir befohlen, mir dieses Gefäss voll zurückzubringen, und du bist deine Wege gegangen, hast den Befehl deines Gottes vergessen, hast sogar das schöne, heilige Gefäss zerbrochen – und was bringst du mir nun zurück?

Dann sinkt die Seele vor Gott nieder, denn jetzt, wo sie vor dem ewigen Richter steht, kann sie nicht mehr davon, nicht mehr seinem Worte entfliehen, wie sie es vielleicht im Leben oft getan. Dann steht sie vor Ihm, dem allmächtigen Gott, und hat Ihm vielleicht nur die Scherben zurückzugeben – die Scher­ben so manch zerbrochener Gnade, so manch verlorener Zeit! Und dann bittet sie Gott: Ach bitte, mach es doch wieder heil! Und wenn die Seele schon beim Sterben reumütig war, wird sie dies noch viel reumütiger sagen – und dann ist der Heiland so gut und sagt: So komm – hier – im Fegfeuer machen wir es wieder heil. Aber ohne Leiden kann und darf dieses Heilen nicht gehen, denn die Seele wird ja nur durch Reue weich, und Reue tut wehe. Wer aber das Gefäss voll zurückbringt, der kommt gut an – dann werden die Tore der Ewigkeit weit offen stehen. O wir haben ja so viel, unendlich viel zu schöpfen am Brunnen der barmherzigen Liebe – bei den heiligen Kommu­nionen und zuerst beim Beichten – in den heiligen Messen und den Predigten. Es fehlt uns ja gar nichts, wir müssen nur keine Verschwender des Wortes Gottes sein – dann lernen wir alles, alles, was zu unserem Heile gut und uns zur himmlischen Rein­heit führt.

O wir sind ja mit Gnaden so gut versehen – wir müssen sie nur nicht undankbar, gewohnheitsmässig und ungerührt emp­fangen. Gott ist aber auch so gut, dass man, wenn man guten Willens ist, auch hier auf Erden noch besser machen kann, was man gefehlt hat. Man muss nur umkehren und mit gutem Wil­len besser werden wollen – dann wird auch die Vergangenheit von Jesus selbst gutgemacht. Wenn das Gefäss der Zeit noch nicht voll ist, kann man es nachfüllen durch Reue und guten Willen und durch heiligen Hunger nach dem Worte Gottes, durch das wir Jesus empfangen, um es zu befolgen. Durchs Wort Gottes finden wir den Weg zu den Quellen der Gnade und lernen sie recht gebrauchen. Im Worte Gottes kommunizieren wir Jesus durchs Ohr, und wer Ihn andächtig empfängt, ist Sei­nem Rufe gefolgt und hat Ihm Einlass ins Herz gewährt. Jedes Wort Gottes, jedes Priesterwort ist ein Pochen ans Herz – und jeder gute Wille ist das Auftun.

Und wer auftut – dem besorgt Jesus selbst die ganze Seele und Ewigkeitsaufgabe.

Weihnachten 1931

_______

Quelle: Ars Sacra: Klara Kern – Das Geheimnis des Fegfeuers – Copyright 1933