PAPST FRANZISKUS: APOSTOLISCHES SCHREIBEN „GAUDETE ET EXSULTATE“

Im Wortlaut: Gaudete et Exsultate auf Deutsch

Hier die amtliche Übersetzung der Apostolischen Exhortation von Papst Franziskus, Gaudete et Exsultate, über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit.

Apostolisches Schreiben 

Gaudete et exsultate 

des Heiligen Vaters

Papst Franziskus 

über den Ruf zur Heiligkeit

in der Welt von heute

1.         »Freut euch und jubelt« (Mt 5,12), sagt Jesus denen, die um seinetwillen verfolgt oder gedemütigt werden. Der Herr fordert alles; was er dafür anbietet, ist wahres Leben, das Glück, für das wir geschaffen wurden. Er will, dass wir heilig sind, und erwartet mehr von uns, als dass wir uns mit einer mittelmäßigen, verwässerten, flüchtigen Existenz zufriedengeben. Der Ruf zur Heiligkeit ist nämlich von den ersten Seiten der Bibel an auf verschiedene Weise präsent. So erging die Aufforderung des Herrn an Abraham: »Geh vor mir und sei untadelig!« (Gen 17,1).

2.         Es soll hier nicht um eine Abhandlung über die Heiligkeit gehen, mit vielen Definitionen und Unterscheidungen, die dieses wichtige Thema bereichern könnten, oder mit Analysen, die über die Mittel der Heiligung anzustellen wären. Mein bescheidenes Ziel ist es, den Ruf zur Heiligkeit einmal mehr zum Klingen zu bringen und zu versuchen, ihn im gegenwärtigen Kontext mit seinen Risiken, Herausforderungen und Chancen Gestalt annehmen zu lassen. Denn der Herr hat jeden von uns erwählt, damit wir in der Liebe »heilig und untadelig leben vor ihm« (Eph 1,4).

                                                                                      

ERSTES KAPITEL 

DER RUF ZUR HEILIGKEIT

Die Heiligen, die uns ermutigen und begleiten

3.         Im Hebräerbrief werden verschiedene Zeugen genannt, die uns ermutigen sollen, »mit Ausdauer in dem Wettkampf [zu] laufen, der vor uns liegt« (12,1). Die Rede ist von Abraham, Sara, Mose, Gideon und einigen anderen (vgl. Kapitel 11); vor allem werden wir eingeladen, zu erkennen, dass wir »eine solche Wolke von Zeugen um uns haben« (12,1), die uns dazu anspornen, auf unserem Weg nicht stehen zu bleiben, und uns ermutigen, weiter dem Ziel entgegen zu gehen. Unter ihnen sind vielleicht unsere eigene Mutter, eine Großmutter oder andere Menschen, die uns nahestehen (vgl. 2 Tim 1,5). Vielleicht war ihr Leben nicht immer perfekt, aber trotz aller Fehler und Schwächen gingen sie weiter voran und gefielen dem Herrn.

4.         Die Heiligen, die bereits in der Gegenwart Gottes sind, unterhalten mit uns Bande der Liebe und der Gemeinschaft. Das Buch der Offenbarung des Johannes bezeugt dies, wenn es von den Märtyrern spricht, die für uns eintreten: Ich sah »unter dem Altar die Seelen aller, die hingeschlachtet worden waren wegen des Wortes Gottes und wegen des Zeugnisses, das sie abgelegt hatten. Sie riefen mit lauter Stimme und sagten: Wie lange zögerst du noch, Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, Gericht zu halten?« (6,9-10). Wir können sagen: »Wir sind von den Freunden Gottes umgeben, geleitet und geführt. […] Ich brauche nicht allein zu tragen, was ich wahrhaftig allein nicht tragen könnte. Die Schar der Heiligen Gottes schützt und stützt und trägt mich.«[1]

5.         In den Selig- und Heiligsprechungsprozessen werden neben den Zeichen eines heroischen Tugendgrades und der Hingabe des Lebens im Martyrium auch diejenigen Fälle berücksichtigt, in denen eine bis zum Tod durchgehaltene Aufopferung des eigenen Lebens für andere erfolgt ist. Diese Hingabe ist Ausdruck einer vorbildlichen Nachahmung Christi und der Bewunderung der Gläubigen würdig.[2] Erinnern wir uns zum Beispiel an die selige Maria Gabriela Sagheddu, die ihr Leben für die Einheit der Christen aufopferte.

Die Heiligen von nebenan

6.         Denken wir nicht nur an die, die bereits selig- oder heiliggesprochen wurden. Der Heilige Geist verströmt Heiligkeit überall, in das ganze heilige gläubige Gottesvolk hinein, denn es hat Gott gefallen, »die Menschen nicht einzeln und unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volke zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll«.[3] Der Herr hat in der Heilsgeschichte ein Volk gerettet. Es gibt keine vollständige Identität ohne Zugehörigkeit zu einem Volk. Deshalb kann sich niemand allein, als isoliertes Individuum, retten, sondern Gott zieht uns an, wobei er das komplexe Geflecht zwischenmenschlicher Beziehungen berücksichtigt, das der menschlichen Gemeinschaft innewohnt: Gott wollte in eine soziale Dynamik eintreten, in die Dynamik eines Volkes.

7.         Es gefällt mir, die Heiligkeit im geduldigen Volk Gottes zu sehen: in den Eltern, die ihre Kinder mit so viel Liebe erziehen, in den Männern und Frauen, die arbeiten, um das tägliche Brot nach Hause zu bringen, in den Kranken, in den älteren Ordensfrauen, die weiter lächeln. In dieser Beständigkeit eines tagtäglichen Voranschreitens sehe ich die Heiligkeit der streitenden Kirche. Oft ist das die Heiligkeit „von nebenan“, derer, die in unserer Nähe wohnen und die ein Widerschein der Gegenwart Gottes sind, oder, um es anders auszudrücken, „die Mittelschicht der Heiligkeit“.[4]

8.         Lassen wir uns anregen von den Zeichen der Heiligkeit, die uns der Herr durch die einfachsten Glieder dieses Volkes schenkt, das auch teilnimmt »an dem prophetischen Amt Christi, in der Verbreitung seines lebendigen Zeugnisses vor allem durch das Leben in Glauben und Liebe«.[5] Denken wir mit der heiligen Teresia Benedicta vom Kreuz (Edith Stein) daran, dass viele von ihnen die Gestalter der wahren Geschichte sind: »Aus der dunkelsten Nacht treten die größten Propheten – Heiligengestalten hervor. Aber zum großen Teil bleibt der gestaltende Strom des mystischen Lebens unsichtbar. Sicherlich werden die entscheidenden Wendungen in der Weltgeschichte wesentlich mitbestimmt durch Seelen, von denen kein Geschichtsbuch etwas meldet. Und welchen Seelen wir die entscheidenden Wendungen in unserem persönlichen Leben verdanken, das werden wir auch erst an dem Tage erfahren, an dem alles Verborgene offenbar wird.«[6]

9.         Die Heiligkeit ist das schönste Gesicht der Kirche. Aber auch außerhalb der Katholischen Kirche und in sehr unterschiedlichen Umgebungen weckt der Geist »Zeichen seiner Gegenwart, die selbst den Jüngern Christi helfen«.[7] Im Übrigen erinnerte uns der heilige Johannes Paul II. daran, dass »das Zeugnis für Christus bis hin zum Blutvergießen […] zum gemeinsamen Erbe von Katholiken, Orthodoxen, Anglikanern und Protestanten geworden«[8] ist. Bei der schönen ökumenischen Gedächtnisfeier im Jubiläumsjahr 2000 im Kolosseum sagte er, dass die Märtyrer »ein Erbe [sind], das lauter spricht als die Faktoren der Trennung«.[9]

Der Herr ruft

10.       All dies ist wichtig. Was ich jedoch mit diesem Schreiben in Erinnerung rufen möchte, ist vor allem der Ruf zur Heiligkeit, den der Herr an jeden und jede von uns richtet, den Ruf, den er auch an dich richtet: »Seid heilig, weil ich heilig bin« (Lev 11,44; 1 Petr 1,16). Das Zweite Vatikanische Konzil hat das sehr deutlich hervorgehoben: »Mit so reichen Mitteln zum Heile ausgerüstet, sind alle Christgläubigen in allen Verhältnissen und in jedem Stand je auf ihrem Wege vom Herrn berufen zu der Vollkommenheit in Heiligkeit, in der der Vater selbst vollkommen ist.«[10]

11.       »Je auf ihrem Wege«, sagt das Konzil. Es geht also nicht darum, den Mut zu verlieren, wenn man Modelle der Heiligkeit betrachtet, die einem unerreichbar erscheinen. Es gibt Zeugnisse, die als Anregung und Motivation hilfreich sind, aber nicht als zu kopierendes Modell. Das könnte uns nämlich sogar von dem einzigartigen und besonderen Weg abbringen, den der Herr für uns vorgesehen hat. Worauf es ankommt, ist, dass jeder Gläubige seinen eigenen Weg erkennt und sein Bestes zum Vorschein bringt, das, was Gott so persönlich in ihn hineingelegt hat (vgl. 1 Kor 12,7), und nicht, dass er sich verausgabt, indem er versucht, etwas nachzuahmen, das gar nicht für ihn gedacht war. Wir sind alle aufgerufen, Zeugen zu sein, aber es gibt »viele existentielle Weisen der Zeugenschaft«.[11] Als der große heilige Mystiker Johannes vom Kreuz seinen Geistlichen Gesang schrieb, zog er es fürwahr vor, feste allgemeingültige Regeln zu vermeiden, und erklärte, dass seine Verse so geschrieben seien, dass jeder sie »gemäß seiner Eigenart«[12] nutzen könne. Denn das göttliche Leben teilt sich »den einen auf diese, den anderen auf jene Weise«[13] mit.

12.       In Bezug auf diese verschiedenen Weisen möchte ich eigens betonen, dass sich der „weibliche Genius“ auch in weiblichen Stilen der Heiligkeit manifestiert, die unentbehrlich sind, um die Heiligkeit Gottes in dieser Welt widerzuspiegeln. Gerade auch in Zeiten, in denen die Frauen stark eingeschränkt waren, hat der Heilige Geist Heilige erweckt, deren Leuchtkraft zu neuen geistlichen Dynamiken und wichtigen Reformen in der Kirche geführt hat. Wir können hier etwa die heilige Hildegard von Bingen, die heilige Birgitta von Schweden, die heilige Katharina von Siena, die heilige Teresa von Ávila oder die heilige Thérèse von Lisieux nennen. Aber ich möchte hier besonders auch an so viele unbekannte oder vergessene Frauen erinnern, die, jede auf ihre eigene Art und Weise, Familien und Gemeinschaften mit der Kraft ihres Zeugnisses getragen und verwandelt haben.

13.       Das sollte jeden und jede dazu anregen und ermutigen, alles zu geben, um auf den einzigartigen und unwiederholbaren Entwurf hin zu wachsen, den Gott von Ewigkeit her für ihn oder sie wollte: »Noch ehe ich dich im Mutterleib formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt« (Jer 1,5).

Auch für dich

14.       Um heilig zu sein, muss man nicht unbedingt Bischof, Priester, Ordensmann oder Ordensfrau sein. Oft sind wir versucht zu meinen, dass die Heiligkeit nur denen vorbehalten sei, die die Möglichkeit haben, sich von den gewöhnlichen Beschäftigungen fernzuhalten, um viel Zeit dem Gebet zu widmen. Es ist aber nicht so. Wir sind alle berufen, heilig zu sein, indem wir in der Liebe leben und im täglichen Tun unser persönliches Zeugnis ablegen, jeder an dem Platz, an dem er sich befindet. Bist du ein Gottgeweihter oder eine Gottgeweihte? Sei heilig, indem du deine Hingabe freudig lebst. Bist du verheiratet? Sei heilig, indem du deinen Mann oder deine Frau liebst und umsorgst, wie Christus es mit der Kirche getan hat. Bist du ein Arbeiter? Sei heilig, indem du deine Arbeit im Dienst an den Brüdern und Schwestern mit Redlichkeit und Sachverstand verrichtest. Bist du Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter? Sei heilig, indem du den Kindern geduldig beibringst, Jesus zu folgen. Hast du eine Verantwortungsposition inne? Sei heilig, indem du für das Gemeinwohl kämpfst und auf deine persönlichen Interessen verzichtest.[14]

15.       Lass zu, dass die Taufgnade in dir Frucht bringt auf einem Weg der Heiligkeit. Lass zu, dass alles für Gott offen ist, und dazu entscheide dich für ihn, erwähle Gott ein ums andere Mal neu. Verlier nicht den Mut, denn du besitzt die Kraft des Heiligen Geistes, um das möglich zu machen. Im Grunde ist die Heiligkeit die Frucht des Heiligen Geistes in deinem Leben (vgl. Gal5,22-23). Wenn du die Versuchung verspürst, dich in deiner Schwäche zu verstricken, dann richte deine Augen auf den Gekreuzigten und sage: „Herr, ich bin ein armseliger Mensch, aber du kannst das Wunder vollbringen, mich ein wenig besser zu machen.“ In der Kirche, die heilig ist und zugleich aus Sündern besteht, findest du alles, was du brauchst, um auf dem Weg zur Heiligkeit zu wachsen. Der Herr hat sie mit reichen Gaben beschenkt: mit dem Wort, den Sakramenten, den Heiligtümern, dem Leben der Gemeinschaften, dem Zeugnis der Heiligen und mit einer vielfältigen Schönheit, die aus der Liebe zum Herrn kommt, »wie eine Braut, die ihr Geschmeide anlegt« (Jes 61,10).

16.       Diese Heiligkeit, zu der der Herr dich ruft, wächst und wächst durch kleine Gesten. Eine Frau geht beispielsweise auf den Markt zum Einkaufen, trifft dabei eine Nachbarin, beginnt ein Gespräch mit ihr, und dann wird herumkritisiert. Trotzdem sagt diese Frau innerlich: „Nein, ich werde über niemandem schlecht reden.“ Das ist ein Schritt hin zur Heiligkeit. Zu Hause möchte ihr Kind dann über seine Phantasien sprechen, und obwohl sie müde ist, setzt sie sich zu ihm und hört ihm mit Geduld und Liebe zu. Das ist ein weiteres Opfer, das heilig macht. Dann erlebt sie etwas Beängstigendes, aber sie erinnert sich an die Liebe der Jungfrau Maria, nimmt den Rosenkranz und betet gläubig. Das ist ein weiterer Weg der Heiligkeit. Dann geht sie aus dem Haus, trifft einen Armen und bleibt stehen, um liebevoll mit ihm zu reden. Das ist ein weiterer Schritt.

17.       Manchmal stellt einen das Leben vor größere Herausforderungen und durch sie lädt uns der Herr zu neuen Veränderungen ein, die es ermöglichen, dass seine Gnade in unserer Existenz deutlicher offenbar wird, »damit wir Anteil an seiner Heiligkeit gewinnen« (Hebr 12,10). Ein anderes Mal geht es nur darum, etwas, das wir bereits tun, auf eine vollkommenere Art und Weise zu tun: »Es gibt Eingebungen, die nur auf eine außergewöhnliche Vollkommenheit gewöhnlicher Übungen des christlichen Lebens hinzielen.«[15] Als Kardinal François-Xavier Nguyên Van Thuân im Gefängnis saß, verzichtete er darauf, sich in Erwartung seiner Freilassung aufzureiben. Er entschied: »Ich lebe in diesem Augenblick und werde ihn mit Liebe füllen«; und die Art und Weise, in der dies konkret wird, ist folgende: »Nütze jeden Tag die Gelegenheit, um kleine Dinge in großartiger Weise zu erledigen.«[16]

18.       So verleihen wir durch den Anstoß der göttlichen Gnade mit vielen Gesten jener Heiligkeit Gestalt, die Gott uns zugedacht hat, aber nicht als sich selbst genügende Wesen, sondern »als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes« (1 Petr 4,10). Die neuseeländischen Bischöfe haben uns gezeigt, dass es möglich ist, mit der bedingungslosen Liebe des Herrn zu lieben, weil der Auferstandene sein machtvolles Leben mit unserem zerbrechlichen Leben teilt: »Seine Liebe kennt keine Grenzen, und einmal gewährt, wurde sie nie zurückgenommen. Sie war bedingungslos und blieb treu. So zu lieben ist nicht einfach, weil wir oft so schwach sind. Aber gerade der Versuch, so zu lieben, wie Christus uns geliebt hat, zeigt, dass Christus sein eigenes Leben als Auferstandener mit uns teilt. Auf diese Weise zeugt unser Leben von seiner Wirkmacht, selbst inmitten menschlicher Schwäche.«[17]

Deine Sendung in Christus

19.       Für einen Christen ist es unmöglich, an seine eigene Sendung auf Erden zu denken, ohne sie als einen Weg der Heiligkeit zu begreifen, denn das »ist es, was Gott will: eure Heiligung« (1 Thess 4,3). Jeder Heilige ist eine Sendung; er ist ein Entwurf des Vaters, um zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte einen Aspekt des Evangeliums widerzuspiegeln und ihm konkrete Gestalt zu verleihen.

20.       Diese Sendung hat ihren vollen Sinn in Christus und kann nur von ihm her verstanden werden. Im Tiefsten bedeutet Heiligkeit, in Einheit mit ihm die Geheimnisse seines Lebens zu leben. Sie besteht darin, sich auf einzigartige und persönliche Weise mit dem Tod und der Auferstehung des Herrn zu verbinden, ständig mit ihm zu sterben und mit ihm aufzuerstehen. Es kann aber auch beinhalten, in der eigenen Existenz verschiedene Aspekte des irdischen Lebens Jesu nachzubilden: sein verborgenes Leben, sein Leben in der Gemeinschaft, seine Nähe zu den Geringsten, seine Armut und andere Erscheinungsformen seiner Hingabe aus Liebe. Die Betrachtung dieser Geheimnisse, wie sie der heilige Ignatius von Loyola vorgeschlagen hat, führt uns dazu, sie in unseren Entscheidungen und Haltungen immer mehr zu verwirklichen.[18] Denn »im Leben Jesu ist alles […] Zeichen seines innersten Geheimnisses«,[19] »das ganze Leben Christi ist […] Offenbarung des Vaters«,[20] »das ganze Leben Christi ist Erlösungsgeheimnis«,[21] »das ganze Leben Christi ist ein Mysterium der erneuten Zusammenfassung von allem unter ein Haupt«[22] und »alles, was Christus gelebt hat, lässt er uns in ihm leben und er lebt es in uns«.[23]

21.       Der Heilsplan des Vaters ist Christus, und wir in ihm. Letztendlich ist es Christus, der in uns liebt, denn Heiligkeit ist »nichts anderes als die in Fülle gelebte Liebe«.[24] Deshalb ist das Maß der Heiligkeit durch die Gestalt gegeben, die Christus in uns annimmt, dadurch, wie sehr wir in der Kraft des Heiligen Geistes unser ganzes Leben nach seinem Leben formen.[25] So ist jeder Heilige eine Botschaft, die der Heilige Geist aus dem Reichtum Jesu Christi schöpft und seinem Volk schenkt.

22.       Um zu erkennen, welches Wort der Herr durch einen Heiligen sagen will, ist es nicht ratsam, sich mit Details aufzuhalten, denn es kann da auch Fehler und Schwächen geben. Nicht alles, was ein Heiliger sagt, ist dem Evangelium vollkommen treu, nicht alles, was er tut, ist authentisch oder perfekt. Was wir betrachten müssen, ist die Gesamtheit seines Lebens, sein ganzer Weg der Heiligung, jene Gestalt, die etwas von Jesus Christus widerspiegelt und die zum Vorschein kommt, wenn es gelingt, den Sinn der Gesamtheit seiner Person auszumachen.[26]

23.       Das ist ein starker Aufruf an uns alle. Auch du musst dein Leben im Ganzen als eine Sendung begreifen. Versuche dies, indem du Gott im Gebet zuhörst und die Zeichen recht deutest, die er dir gibt. Frage immer den Heiligen Geist, was Jesus von dir in jedem Moment deiner Existenz und bei jeder Entscheidung, die du treffen musst, erwartet, um herauszufinden, welchen Stellenwert es für deine Sendung hat. Und erlaube dem Geist, in dir jenes persönliche Geheimnis zu formen, das Jesus Christus in der Welt von heute widerscheinen lässt.

24.       Hoffentlich kannst du erkennen, was dieses Wort ist, diese Botschaft Jesu, die Gott der Welt mit deinem Leben sagen will. Lass dich verwandeln, lass dich vom Geist erneuern, damit dies möglich wird und damit deine wertvolle Sendung nicht scheitert. Der Herr wird sie auch inmitten all deiner Fehler und schlechten Momente zur Vollendung führen, wenn du nur den Weg der Liebe nicht verlässt und immer offen bleibst für sein übernatürliches Wirken, welches reinigt und erleuchtet.

Heiligmachendes Tun

25.       Wie man Christus nicht verstehen kann, ohne das Reich, das zu bringen er gekommen war, so ist auch deine eigene Sendung untrennbar mit dem Aufbau jenes Reiches verbunden: »Sucht aber zuerst sein Reich und seine Gerechtigkeit« (Mt 6,33). Deine Identifikation mit Christus und seinen Wünschen impliziert das Bemühen, mit ihm das Reich der Liebe, der Gerechtigkeit und des Friedens für alle zu errichten. Christus selbst will es mit dir leben, in all den Anstrengungen oder Entsagungen, die es mit sich bringt, wie auch in den Freuden und der Fruchtbarkeit, die es für dich bereithält. Deshalb wirst du dich nicht heiligen, ohne dich mit Leib und Seele hinzugeben, um in diesem Bemühen dein Bestes zu geben.

26.       Es ist nicht gesund, die Stille zu lieben und die Begegnung mit anderen zu meiden, Ruhe zu wünschen und Aktivität abzulehnen, das Gebet zu suchen und den Dienst zu verachten. Alles kann als Teil der eigenen Existenz in dieser Welt akzeptiert und integriert werden und sich in den Weg der Heiligung einfügen. Wir sind aufgerufen, die Kontemplation auch inmitten des Handelns zu leben, und wir heiligen uns in der verantwortlichen und großherzigen Ausübung der eigenen Sendung.

27.       Kann der Heilige Geist uns etwa dazu anspornen, eine Mission zu erfüllen, und uns gleichzeitig auffordern, vor ihr zu flüchten oder uns nicht ganz hinzugeben, um den inneren Frieden zu bewahren? Manchmal sind wir jedenfalls versucht, die pastorale Hingabe oder das Engagement in der Welt als zweitrangig zu betrachten, als wären sie „Ablenkungen“ auf dem Weg der Heiligung und des inneren Friedens. Man vergisst dabei, dass »das Leben nicht eine Mission hat, sondern eine Mission ist«.[27]

28.       Ein Einsatz, der von der Angst, vom Stolz oder vom Bedürfnis, gut dazustehen und zu herrschen, motiviert ist, wird sicherlich nicht heiligend sein. Die Herausforderung besteht darin, die eigene Selbsthingabe so zu leben, dass die Bemühungen einen dem Evangelium entsprechenden Sinn haben und uns immer mehr Jesus Christus angleichen. Deshalb ist es üblich, z.B. von einer Spiritualität des Katecheten, von einer Spiritualität des Diözesanklerus, von einer Spiritualität der Arbeit zu sprechen. Aus demselben Grund schloss ich in Evangelii gaudium mit einer Spiritualität der Mission, in Laudato si’ mit einer ökologischen Spiritualität und in Amoris laetitia mit einer Spiritualität des Familienlebens.

29.       Das bedeutet nicht, die Momente der Ruhe, der Einsamkeit und der Stille vor Gott zu verachten. Ganz im Gegenteil. Die ständig neuen technologischen Errungenschaften, die Attraktivität des Reisens, die unzähligen Konsumangebote lassen nämlich dem Erklingen der Stimme Gottes manchmal keinen Raum. Alles füllt sich in immer größerer Geschwindigkeit mit Worten, oberflächlichem Genuss und Lärm. Dort herrscht keine Freude, sondern die Unzufriedenheit derer, die nicht wissen, wofür sie leben. Wie können wir da nicht erkennen, dass wir dieses hektische Rennen stoppen müssen, um einen persönlichen Raum wiederzuerlangen, was manchmal schmerzhaft, aber letztlich immer fruchtbar ist, in dem ein aufrichtiger Dialog mit Gott aufgenommen wird? Irgendwann werden wir uns mit der Wahrheit über uns selbst konfrontieren müssen, um sie vom Herrn durchdringen zu lassen, und das gelingt nicht immer, »wenn man nicht auf einmal an den Rand des Abgrunds, der schwersten Versuchung gerät, ausgesetzt auf den Klippen der Verlassenheit, ausgesetzt auf einem einsamen Gipfel, wo man den Eindruck hat, völlig im Stich gelassen zu sein«.[28] Auf diese Weise finden wir die wichtigen Beweggründe, die uns antreiben, unsere Aufgaben bis in die Tiefe zu leben.

30.       Die gleichen Ablenkungsmöglichkeiten, die das moderne Leben überfluten, führen auch zu einer Verabsolutierung der Freizeit, in der wir die Geräte, die uns Unterhaltung oder kurzlebige Vergnügen bieten, uneingeschränkt nutzen können.[29] Die Konsequenz ist, dass unsere eigentliche Sendung darunter leidet, dass das Engagement schwächer wird und der großzügige und bereitwillige Dienst nachzulassen beginnt. Dies entstellt das spirituelle Leben. Kann denn ein spiritueller Eifer gesund sein, der mit einer Trägheit in der Verkündigung des Glaubens oder im Dienst an den anderen einhergeht?

31.       Wir brauchen einen Geist der Heiligkeit, der sowohl die Einsamkeit als auch den Dienst, die Innerlichkeit wie auch den Einsatz für die Verkündigung durchdringt, damit jeder Moment ein Ausdruck hingebungsvoller Liebe unter den Augen Gottes ist. So werden all diese Momente zu Stufen auf unserem Weg der Heiligung.

Lebendiger, menschlicher

32.       Hab keine Angst vor der Heiligkeit. Sie wird dir nichts an Kraft, Leben oder Freude nehmen. Ganz im Gegenteil, denn du wirst dabei zu dem Menschen werden, an den der Vater dachte, als er dich erschaffen hat, und du wirst deinem eigenen Wesen treu bleiben. Von Gott abzuhängen befreit uns von der Sklaverei und lässt uns unsere Würde erkennen. Dies wird an der heiligen Josephine Bakhita sichtbar. Sie wurde »im zarten Alter von sieben Jahren als Sklavin verkauft und hatte unter grausamen Herren schwere Leiden zu ertragen. Dennoch verstand sie die tiefe Wahrheit, dass Gott, und nicht der Mensch, der wahre Herr eines jeden Menschen und Menschenlebens ist. Diese Erfahrung wurde für diese demütige Tochter Afrikas zur Quelle großer Weisheit.«[30]

33.       In dem Maß, in dem er sich heiligt, wird jeder Christ umso fruchtbarer für die Welt. Die Bischöfe Westafrikas haben uns gelehrt: »Im Geist der Neuevangelisierung sind wir berufen, dadurch evangelisiert zu werden und zu evangelisieren, dass ihr Getauften alle befähigt werdet, eure Rolle als Salz der Erde und Licht der Welt zu übernehmen, wo immer ihr seid.«[31]

34.       Fürchte dich nicht davor, höhere Ziele anzustreben, dich von Gott lieben und befreien zu lassen. Fürchte dich nicht davor, dich vom Heiligen Geist führen zu lassen. Die Heiligkeit macht dich nicht weniger menschlich, denn sie ist die Begegnung deiner Schwäche mit der Kraft der Gnade. Im Grunde genommen gibt es, wie Leon Bloy sagte, »nur eine Traurigkeit im Leben: kein Heiliger zu sein«.[32]

 

ZWEITES KAPITEL 

ZWEI SUBTILE FEINDE DER HEILIGKEIT

35.       In diesem Rahmen möchte ich die Aufmerksamkeit auf zwei Verfälschungen der Heiligkeit lenken, die uns vom Weg abbringen könnten: der Gnostizismus und der Pelagianismus. Es sind zwei Häresien, die in den ersten christlichen Jahrhunderten aufgekommen sind, die aber weiterhin von alarmierender Aktualität sind. Auch heute lassen sich die Herzen vieler Christen, vielleicht ohne dass sie es bemerken, von diesen trügerischen Angeboten verführen. In ihnen kommt ein als katholische Wahrheit getarnter anthropozentrischer Immanentismus zum Ausdruck.[33] Betrachten wir diese zwei Formen vermeintlicher doktrineller oder disziplinarischer Sicherheit, »die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein, wo man, anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und, anstatt den Zugang zur Gnade zu erleichtern, die Energien im Kontrollieren verbraucht. In beiden Fällen existiert weder für Jesus Christus noch für die Menschen ein wirkliches Interesse.«[34]

Der gegenwärtige Gnostizimus

36.       Der Gnostizismus setzt einen im Subjektivismus eingeschlossenen Glauben voraus, »bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt«.[35]

Ein Geist ohne Gott und ohne Fleisch 

37.       Gott sei Dank wurde im Laufe der Geschichte der Kirche sehr deutlich, dass die Vollkommenheit der Menschen an ihrer Nächstenliebe gemessen wird, nicht an der Fülle erworbener Daten und Kenntnisse. Die „Gnostiker“ unterliegen in diesem Punkt einem Missverständnis und beurteilen die anderen ausgehend von der Überprüfung, ob sie in der Lage sind, die Tiefe bestimmter Lehren zu verstehen. Sie stellen sich einen Geist ohne Menschwerdung vor, der nicht in der Lage ist, das leidende Fleisch Christi in den anderen zu berühren, einen Geist, der in das Korsett einer Enzyklopädie von Abstraktionen geschnürt wird. Indem sie das Geheimnis entleiblichen, bevorzugen sie schließlich »eine[n] Gott[…] ohne Christus, eine[n] Christus ohne Kirche, ein[e] Kirche ohne Volk«.[36]

38.       Letztendlich handelt es sich um eine selbstgefällige Oberflächlichkeit: viel Bewegung an der Oberfläche des Geistes, aber die Tiefe des Denkens bewegt sich nicht, noch wird sie angerührt. Dennoch gelingt es, manche mit einer betrügerischen Faszination in den Bann zu ziehen, denn das gnostische Gleichgewicht ist formal und vermeintlich unpersönlich und kann den Anschein einer gewissen Harmonie oder einer allumfassenden Ordnung annehmen.

39.       Aber geben wir acht. Ich beziehe mich nicht auf die Rationalisten, die Feinde des christlichen Glaubens sind. Das hier kann innerhalb der Kirche vorkommen, ebenso sehr unter den Laien in den Pfarreien wie unter denjenigen, die in Bildungszentren Philosophie oder Theologie lehren. Denn es ist gerade den Gnostikern eigen zu glauben, dass sie mit ihren Erklärungen den ganzen Glauben und das ganze Evangelium vollkommen verständlich machen können. Sie verabsolutieren ihre eigenen Theorien und verpflichten die anderen, sich den von ihnen genutzten Argumentationen zu unterwerfen. Eine Sache ist der gesunde und demütige Gebrauch der Vernunft, um über die theologische und moralische Lehre des Evangeliums nachzudenken; etwas anderes ist es, danach zu streben, die Lehre Jesu auf eine kalte und harte Logik zu reduzieren, die alles zu beherrschen sucht.[37]

Eine Lehre ohne Geheimnis

40.       Der Gnostizismus ist eine der schlimmsten Ideologien. Er überbetont nämlich die Erkenntnis oder eine bestimmte Erfahrung und hält gleichzeitig seine eigene Sicht der Wirklichkeit für vollkommen. Auf diese Weise nährt sich diese Ideologie, vielleicht ohne es zu merken, von sich selbst und wird noch verblendeter. Zuweilen wird sie besonders trügerisch, wenn sie sich als entleiblichte Spiritualität tarnt. Denn der Gnostizismus will »von Natur aus dem Geheimnis die Flügel stutzen«,[38] dem Geheimnis Gottes und seiner Gnade genauso wie dem Geheimnis des Lebens der anderen.

41.       Wenn jemand Antworten auf alle Fragen hat, zeigt er damit, dass er sich nicht auf einem gesunden Weg befindet; möglicherweise ist er ein falscher Prophet, der die Religion zu seinem eigenen Vorteil nutzt und in den Dienst seiner psychologischen und geistigen sinnlosen Gedankenspiele stellt. Gott übersteigt uns unendlich, er ist immer eine Überraschung, und nicht wir bestimmen, unter welchen geschichtlichen Umständen wir auf ihn treffen, denn Zeit und Ort sowie Art und Weise der Begegnung hängen nicht von uns ab. Wer es ganz klar und deutlich haben will, beabsichtigt, die Transzendenz Gottes zu beherrschen.

42.       Genauso wenig kann man beanspruchen festzulegen, wo Gott nicht ist, weil er geheimnisvoll im Leben jeder Person anwesend ist, im Leben eines jeden, so, wie er will; wir können dies mit unseren vermeintlichen Gewissheiten nicht leugnen. Auch wenn jemandes Existenz eine Katastrophe gewesen sein sollte, auch wenn wir ihn von Lastern und Süchten zerstört sehen, ist Gott in seinem Leben da. Wenn wir uns mehr vom Geist als von unseren Überlegungen leiten lassen, können und müssen wir den Herrn in jedem menschlichen Leben suchen. Dies ist Teil des Mysteriums, das die gnostische Denkweise letztlich ablehnt, weil sie es nicht kontrollieren kann.

Die Grenzen der Vernunft 

43.       Es gelingt uns kaum, die Wahrheit, die wir vom Herrn empfangen haben, zu verstehen. Unter größten Schwierigkeiten gelingt es uns, sie auszudrücken. Deshalb können wir nicht beanspruchen, dass unsere Art, die Wahrheit zu verstehen, uns ermächtigt, eine strenge Überwachung des Lebens der anderen vorzunehmen. Ich möchte daran erinnern, dass in der Kirche unterschiedliche Arten und Weisen der Interpretation vieler Aspekte der Lehre und des christlichen Lebens berechtigterweise koexistieren, die in ihrer Vielfalt »helfen, den äußerst reichen Schatz des Wortes besser deutlich zu machen«. Gewiss, »denjenigen, die sich eine monolithische, von allen ohne Nuancierungen verteidigte Lehre erträumen, mag das als Unvollkommenheit und Zersplitterung erscheinen«.[39] Genau genommen haben einige gnostische Strömungen die so konkrete Einfachheit des Evangeliums verachtet und versucht, den trinitarischen und menschgewordenen Gott durch eine höhere Einheit zu ersetzen, in der sich die reiche Vielfalt unserer Geschichte verflüchtigt hat.

44.       In Wirklichkeit ist die Lehre, oder besser unser Verständnis und unsere Ausdrucksweise derselben, »kein geschlossenes System, ohne Dynamiken, die Probleme, Fragen, Zweifel hervorbringen können«. »Die Fragen unseres Volkes, seine Leiden, seine Auseinandersetzungen, seine Träume, seine Kämpfe, seine Sorgen besitzen einen hermeneutischen Wert, den wir nicht unbeachtet lassen dürfen, wenn wir das Prinzip der Menschwerdung ernst nehmen wollen. Seine Fragen tragen dazu bei, dass wir uns Fragen stellen, seine Probleme stellen uns vor Probleme.«[40]

45.       Vielfach entsteht eine gefährliche Verwirrung: zu glauben, dass wir, weil wir etwas wissen oder es mit einer bestimmten Logik erklären können, schon heilig, vollkommen, besser als die „unwissende Masse“ sind. Der heilige Johannes Paul II. hat alle, die in der Kirche die Möglichkeit einer höheren Bildung haben, vor der Versuchung gewarnt, ein »gewisse[s] »Überlegenheitsgefühl gegenüber den anderen Gläubigen«[41] zu entwickeln. In Wirklichkeit sollte das, was wir zu wissen glauben, immer ein Ansporn sein, auf die Liebe Gottes besser zu antworten, denn »man lernt für das Leben: Theologie und Heiligkeit gehören untrennbar zusammen«.[42]

46.       Als der heilige Franz von Assisi sah, dass einige seiner Jünger in der Lehre unterrichteten, wollte er die Versuchung des Gnostizismus unterbinden. Deshalb schrieb er dem heiligen Antonius von Padua: »Es gefällt mir, dass du den Brüdern die heilige Theologie vorträgst, wenn du nur nicht durch dieses Studium den Geist des Gebetes und der Hingabe auslöschst.«[43] Er erkannte die Versuchung, die christliche Erfahrung in eine Ansammlung von geistigen Gedankenspielen umzuwandeln, die uns letztlich von der Frische des Evangeliums entfernen. Der heilige Bonaventura machte seinerseits darauf aufmerksam, dass die wahre christliche Weisheit nicht von der Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten getrennt werden darf: »Die größte Weisheit, die es geben kann, besteht darin, das fruchtbringend zu verteilen, was man zu geben hat, das, was man eben empfangen hat, um es auszuteilen […] Deshalb ist, so wie die Barmherzigkeit Freundin der Weisheit ist, der Geiz ihr Feind.«[44] »Es gibt Tätigkeiten, die, wenn sie sich mit der Kontemplation verbinden, diese nicht behindern, sondern erleichtern, wie die Werke der Barmherzigkeit und der Frömmigkeit.«[45]

Der gegenwärtige Pelagianismus 

47.       Der Gnostizismus hat zu einer weiteren alten Häresie geführt, die auch heute anzutreffen ist. Im Laufe der Zeit begannen viele zu erkennen, dass es nicht die Erkenntnis ist, welche uns besser oder heiliger macht, sondern das Leben, das wir führen. Das Problem ist, dass dies langsam auf subtile Weise verfremdet wurde, so dass der gleiche Fehler der Gnostiker bloß verwandelt, aber nicht überwunden wurde.

48.       Denn einige begannen, die Macht, welche die Gnostiker dem Verstand beimaßen, dem menschlichen Willen zuzuerkennen, der persönlichen Anstrengung. So kamen die Pelagianer und die Semipelagianer auf. Es war nicht mehr der Verstand, der den Platz des Geheimnisses und der Gnade einnahm, sondern der Wille. Man vergaß, dass »es nicht auf das Wollen und Laufen des Menschen ankommt, sondern auf den sich erbarmenden Gott« (Röm 9,16), und dass »er uns zuerst geliebt hat« (1 Joh 4,19).

Ein Wille ohne Demut

49.       Diejenigen, die dieser pelagianischen oder semipelagianischen Mentalität entsprechen, verlassen sich, auch wenn sie mit süßlichen Reden von der Gnade Gottes sprechen, »letztlich einzig auf die eigenen Kräfte« und fühlen sich »den anderen überlegen […], weil sie bestimmte Normen einhalten oder weil sie einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind«.[46] Wenn einige von ihnen sich an die Schwachen wenden und ihnen sagen, dass man mit der Gnade Gottes alles kann, pflegen sie im Grunde die Idee zu vermitteln, dass man alles mit dem menschlichen Willen kann, als ob dieser etwas Reines, Vollkommenes, Allmächtiges wäre, zu dem die Gnade hinzukommt. Man gibt vor, nicht darum zu wissen, dass »nicht alle alles können«,[47] und dass in diesem Leben die menschliche Hinfälligkeit nicht vollständig und ein für alle Mal durch die Gnade geheilt wird.[48] Wie der heilige Augustinus lehrte, lädt Gott in manchen Fällen ein, das zu tun, was man kann, und »das zu erbitten, was man nicht kann«,[49] oder aber dem Herrn demütig zu sagen: »Gib, was du verlangst, dann verlange, was du willst.«[50]

50.       Wenn es keine aufrichtige, erlittene und durchbetete Anerkennung unserer Grenzen gibt, wird die Gnade im Grunde daran gehindert, wirksam in uns tätig zu sein. Denn es wird ihr kein Raum gelassen, um gegebenenfalls das Gut zu entwickeln, das zu einem ehrlichen und echten Wachstumsprozess beiträgt.[51] Gerade weil sie unsere Natur voraussetzt, macht uns die Gnade nicht auf einen Schlag zu Übermenschen. Diesen Anspruch zu erheben, hieße übermäßig auf uns selbst zu vertrauen. In diesem Fall könnten unsere Haltungen, hinter der Rechtgläubigkeit versteckt, nicht dem entsprechen, was wir über die Notwendigkeit der Gnade behaupten; und wir vertrauen in den Taten letztlich wenig auf sie. Denn wenn wir unsere konkrete und begrenzte Wirklichkeit nicht erkennen, werden wir auch die wirklichen und möglichen Schritte nicht sehen, die der Herr jeden Augenblick von uns erbittet, nachdem er uns mit seiner Gabe an sich gezogen und befähigt hat. Die Gnade wirkt geschichtlich und ergreift und verwandelt uns üblicherweise nach und nach.[52] Sollten wir diese geschichtliche und fortschreitende Art und Weise ablehnen, könnten wir tatsächlich dazu kommen, sie zu verneinen und zu blockieren, auch wenn wir sie mit unseren Worten preisen.

51.       Als Gott sich an Abraham wendet, sagt er: »Ich bin Gott, der Allmächtige. Geh vor mir und sei untadelig!« (Gen 17,1). Um untadelig sein zu können, wie es ihm wohlgefällt, müssen wir demütig in seiner Gegenwart leben, eingehüllt in seine Herrlichkeit, wir müssen vereint mit ihm gehen und seine beständige Liebe in unserem Leben erkennen. Wir müssen die Angst vor dieser Gegenwart verlieren, die uns nur guttun kann. Es ist der Vater, der uns das Leben gegeben hat und uns so sehr liebt. Wenn wir dies einmal akzeptieren und aufhören, unsere Existenz ohne ihn zu denken, verschwindet die Drangsal der Einsamkeit (vgl. Ps 138,7). Und wenn wir Gott nicht mehr auf Abstand halten und in seiner Gegenwart leben, werden wir zulassen können, dass er unsere Herzen prüft, um zu erkennen, ob sie auf dem rechten Weg sind (Ps 139,23-24). So werden wir den liebenden und vollkommenen Willen Gottes erkennen (vgl. Röm 12,1-2) und zulassen, dass er uns wie ein Töpfer formt (vgl. Jes 29,16). Wir haben oft gesagt, dass Gott in uns wohnt, aber es ist besser zu sagen, dass wir in ihm wohnen, dass er uns erlaubt, in seinem Licht und seiner Liebe zu leben. Er ist unser Tempel: »Dieses erbitte ich: im Haus des Herrn zu wohnen alle Tage meines Lebens« (Ps 27,4). »Besser ist ein einziger Tag in deinen Höfen als tausend andere« (Ps 84,11). In ihm sind wir geheiligt.

Eine oftmals vergessene Lehre der Kirche

52.       Die Kirche hat wiederholt gelehrt, dass wir nicht durch unsere Werke oder unsere Anstrengungen gerechtfertigt werden, sondern durch die Gnade des Herrn, der die Initiative ergreift. Die Kirchenväter haben schon vor Augustinus mit Klarheit diese grundlegende Überzeugung zum Ausdruck gebracht. Der heilige Johannes Chrysostomos sagte, dass Gott uns die eigentliche Quelle aller Gaben eingießt, »bevor wir in den Kampf eingetreten sind«.[53]Der heilige Basilius der Große unterstrich, dass der Gläubige sich nur in Gott rühmt, weil »er erkennt, dass er der wahren Gerechtigkeit beraubt worden ist und dass er einzig durch den Glauben an Christus gerechtfertigt wird«.[54]

53.       Die zweite Synode von Orange lehrte mit sicherer Autorität, dass kein Mensch die Gabe der göttlichen Gnade einfordern, verdienen oder käuflich erwerben kann und dass jede Mitwirkung mit ihr vorausgehend von der derselben Gnade geschenkt ist: Sogar der Wunsch, rein zu sein, wird »durch die Eingießung und das Wirken des Heiligen Geistes in uns« geweckt.[55] Als das Konzil von Trient später die Bedeutung unserer Mitwirkung für das geistige Wachstum betont hat, bekräftigte es zugleich diese dogmatische Lehre: »Dass wir aber umsonst gerechtfertigt würden, wird deshalb gesagt, weil nichts von dem, was der Rechtfertigung vorhergeht, ob Glaube oder Werke, die Gnade der Rechtfertigung selbst verdient; „wenn sie nämlich Gnade ist, dann nicht mehr aufgrund von Werken; sonst wäre (wie derselbe Apostel sagt) Gnade nicht mehr Gnade“ [Röm 11,6].«[56]

54.       Der Katechismus der Katholischen Kirche erinnert uns auch daran, dass das Geschenk der Gnade »über die Verstandes- und Willenskräfte des Menschen und jedes Geschöpfes hinausgeht«,[57] denn »gegenüber Gott gibt es vonseiten des Menschen keinen Verdienst im eigentlichen Sinn. Zwischen ihm und uns besteht eine unermessliche Ungleichheit«.[58] Seine Freundschaft übertrifft uns unendlich, sie kann von uns nicht mit unseren Taten erkauft werden, und sie kann nur ein Geschenk seiner Liebesinitiative sein. Dies lädt uns dazu ein, in einer freudigen Dankbarkeit für dieses Geschenk zu leben, das wir niemals verdienen werden, da »nachdem jemand die Gnade schon besitzt, die schon empfangene Gnade nicht unter das Verdienst fallen kann«.[59] Die Heiligen vermeiden es, das Vertrauen in ihre eigenen Handlungen zu setzen: »Am Abend dieses Lebens werde ich mit leeren Händen vor dir erscheinen, denn ich bitte dich nicht, Herr, meine Werke zu zählen. Alle unsere Gerechtigkeiten sind befleckt in deinen Augen.«[60]

55.       Dies ist eine der wichtigen, von der Kirche definitiv errungenen Überzeugungen, und sie kommt im Wort Gottes so klar zum Ausdruck, dass sie unbestreitbar ist. So wie das oberste Liebesgebot müsste diese Wahrheit unseren Lebensstil kennzeichnen. Sie speist sich aus dem Herzen des Evangeliums und will, dass wir sie nicht nur geistig annehmen, sondern auch in eine ansteckende Freude verwandeln. Wir werden aber das ungeschuldete Geschenk der Freundschaft mit dem Herrn nicht mit Dankbarkeit feiern können, wenn wir nicht anerkennen, dass auch unsere irdische Existenz und unsere natürlichen Fähigkeiten ein Geschenk sind. Uns tut es not, »jubelnd einzuwilligen, dass unsere Wirklichkeit Gabe ist und dass wir auch unsere Freiheit als Gnade annehmen. Dies ist heutzutage die Schwierigkeit in einer Welt, die glaubt, etwas als Frucht der eigenen Originalität oder der Freiheit für sich selbst zu besitzen.«[61]

56.       Nur ausgehend von der in Freiheit aufgenommenen und in Demut angenommenen Gabe Gottes können wir mit unseren Bemühungen daran mitwirken, dass wir uns immer mehr verwandeln lassen.[62] An erster Stelle steht, Gott anzugehören. Es geht darum, dass wir uns ihm darbringen, der uns gegenüber die Initiative ergreift, und ihm unsere Fähigkeiten, unser Engagement, unseren Kampf gegen das Böse und unsere Kreativität schenken, damit seine ungeschuldete Gabe wachsen und sich in uns entwickeln kann: »Ich ermahne euch also, Brüder und Schwestern, kraft der Barmherzigkeit Gottes, eure Leiber als lebendiges, heiliges und Gott wohlgefälliges Opfer darzubringen« (Röm 12,1). Die Kirche hat schon immer gelehrt, dass allein die Liebe das Wachstum im Leben der Gnade ermöglicht, denn »hätte [ich] die Liebe nicht, wäre ich nichts« (1 Kor 13,2).

Die Neopelagianer

57.       Dennoch gibt es Christen, die einen anderen Weg gehen wollen: jenen der Rechtfertigung durch die eigenen Kräfte, jenen der Anbetung des menschlichen Willens und der eigenen Fähigkeit; das übersetzt sich in eine egozentrische und elitäre Selbstgefälligkeit, ohne wahre Liebe. Dies tritt in vielen scheinbar unterschiedlichen Haltungen zutage: dem Gesetzeswahn, der Faszination daran, gesellschaftliche und politische Errungenschaften vorweisen zu können, dem Zurschaustellen der Sorge für die Liturgie, die Lehre und das Ansehen der Kirche, der mit der Organisation praktischer Angelegenheiten verbundenen Prahlerei, oder der Neigung zu Dynamiken von Selbsthilfe und ich-bezogener Selbstverwirklichung. Hierfür verschwenden einige Christen ihre Kräfte und ihre Zeit, anstatt sich vom Geist auf den Weg der Liebe führen zu lassen, sich für die Weitergabe der Schönheit und der Freude des Evangeliums zu begeistern und die Verlorengegangenen in diesen unermesslichen Massen, die nach Christus dürsten, zu suchen.[63]

58.       Oftmals verwandelt sich das Leben der Kirche, dem Antrieb des Heiligen Geistes entgegen, in ein Museumsstück oder in ein Eigentum einiger weniger. Dies geschieht, wenn einige christliche Gruppierungen der Erfüllung bestimmter eigener Vorschriften, Gebräuche und Stile übermäßige Bedeutung beimessen. Auf diese Weise pflegt man das Evangelium zu beschränken und einzuschnüren und man nimmt ihm so seine fesselnde Einfachheit und sein Aroma. Es ist vielleicht eine subtile Form des Pelagianismus, weil es das Leben der Gnade menschlichen Strukturen zu unterwerfen scheint. Dies betrifft Gruppen, Bewegungen und Gemeinschaften, und es erklärt, wieso sie oftmals mit einem intensiven Leben im Geist beginnen, aber später versteinert enden … oder verdorben.

59.       Wenn wir denken, dass alles von der menschlichen Anstrengung abhängt, die durch Vorschriften und kirchliche Strukturen gelenkt wird, verkomplizieren wir unbewusst das Evangelium und werden wieder zu Sklaven eines Schemas, das wenige Poren für das Wirken der Gnade offenlässt. Der heilige Thomas von Aquin hat uns daran erinnert, dass die von der Kirche dem Evangelium hinzugefügten Gebote maßvoll eingefordert werden müssen, »um das Leben der Gläubigen nicht beschwerlich zu machen«, weil sich sonst »unsere Religion in eine Sklaverei verwandeln würde«.[64]

Die Zusammenfassung des Gesetzes

60.       Um dies zu vermeiden, ist es heilsam, oft daran zu erinnern, dass es eine Hierarchie der Tugenden gibt, die uns einlädt, das Wesentliche zu suchen. Der Vorrang kommt den göttlichen Tugenden zu, die Gott zum Gegenstand und Beweggrund haben. In ihrem Zentrum steht die Liebe. Das, was wirklich zählt, sagt der der heilige Paulus, ist »der Glaube, der durch die Liebe wirkt« (Gal 5,6). Wir sind aufgerufen, die Liebe aufmerksam zu pflegen: »Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt […] Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes« (Röm 13,8.10). »Denn das ganze Gesetz ist in dem einen (ení) Wort erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (Gal 5,14).

61.       Mit anderen Worten: Inmitten des Dickichts von Geboten und Vorschriften schlägt Jesus eine Bresche, die uns erlaubt, zwei Gesichter zu erkennen, das des Vaters und das des Bruders. Er überreicht uns nicht zwei weitere Formeln oder Gebote. Er gibt uns zwei Angesichter oder besser ein einziges, das Angesicht Gottes, das sich in vielen widerspiegelt. Denn in jedem Bruder oder in jeder Schwester, besonders in dem oder der kleinsten, gebrechlichsten, wehrlosesten und bedürftigsten, ist das Bild Gottes selbst gegenwärtig. Mit dieser verwundbaren Menschheit, die ausgesondert wurde, wird nämlich der Herr am Ende der Zeit sein letztes Werk formen. Denn »was bleibt, was ist wertvoll im Leben, welche Reichtümer schwinden nicht dahin? Sicher zwei: der Herr und der Nächste. Diese beiden Reichtümer schwinden nicht dahin!«[65]

62.       Möge der Herr die Kirche von den neuen Formen des Gnostizismus und des Pelagianismus befreien, die sie auf ihrem Weg der Heiligkeit beschweren und aufhalten! Diese Irrwege nehmen verschiedene Formen an, entsprechend dem jeweiligen Temperament und Charakter. Deshalb ermahne ich jeden, sich zu fragen und vor Gott zu prüfen, auf welche Weise sie in seinem Leben auftreten können. 

 

DRITTES KAPITEL

IM LICHT DES MEISTERS

63.       Es mag viele Theorien darüber geben, was die Heiligkeit ist, mit ausführlichen Erklärungen und Unterscheidungen. Diese Reflexion kann nützlich sein, doch ist nichts erhellender, als sich dem Wort Jesu zuzuwenden und seine Art, die Wahrheit weiterzugeben, umfassender zu betrachten. Jesus erklärte mit aller Einfachheit, was es heißt, heilig zu sein, und er tat dies, als er uns die Seligpreisungen hinterließ (vgl. Mt 5,3-12; Lk 6,20-23). Sie sind gleichsam der Personalausweis des Christen. Wenn sich also jemand von uns die Frage stellt: „Wie macht man es, ein guter Christ zu werden?“, dann ist die Antwort einfach: Es ist notwendig, dass ein jeder auf seine Weise das tut, was Jesus in den Seligpreisungen sagt.[66] In ihnen zeichnet sich das Antlitz des Meisters ab; wir sind gerufen, es im Alltag unseres Lebens durchscheinen zu lassen.

64.       Das Wort „glücklich“ oder „selig“ wird zum Synonym für „heilig“, denn es drückt aus, dass der Mensch, der Gott treu ist und nach seinem Wort lebt, in seiner Selbsthingabe das wahre Glück erlangt.

Gegen den Strom

65.       Die Worte Jesu mögen uns poetisch erscheinen, sie richten sich jedoch deutlich gegen den Strom der Gewohnheit, gegen das, was man in der Gesellschaft so tut; und wenn uns diese Botschaft Jesu auch anzieht, treibt uns die Welt im Grunde zu einem anderen Lebensstil. Die Seligpreisungen sind in keiner Weise unbedeutend oder oberflächlich; im Gegenteil, wir können sie nur leben, wenn uns der Heilige Geist mit seiner ganzen Kraft durchdringt und uns von der Schwäche des Egoismus, der Bequemlichkeit und des Stolzes befreit.

66.       Hören wir wieder auf Jesus, mit all der Liebe und Achtung, die der Meister verdient. Gestatten wir ihm, dass er uns mit seinen Worten trifft, uns herausfordert, uns zu einer tatsächlichen Änderung des Lebens aufruft. Anderenfalls wird die Heiligkeit nur in Worten bestehen. Rufen wir uns nun die verschiedenen Seligpreisungen in der Version des Matthäusevangeliums in Erinnerung (Mt 5,3-12).[67]

»Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.«

67.       Das Evangelium lädt uns ein, die Wahrheit unseres Herzens zu erkennen, um zu sehen, worauf wir die Sicherheit unseres Lebens setzen. Normalerweise fühlt sich der Reiche sicher mit seinen Reichtümern, und er glaubt, dass, wenn diese gefährdet sind, der ganze Sinn seines Lebens auf Erden zerfällt. Jesus selbst sagte es uns im Gleichnis vom reichen Mann, wenn er von diesem sicheren Mann erzählt, der gleich einem Narren nicht daran dachte, dass er noch am gleichen Tag sterben könnte (vgl. Lk 12,16-21).

68.       Die Reichtümer bieten dir keine Sicherheit. Es ist vielmehr so: Wenn das Herz sich reich fühlt, ist es so zufrieden mit sich selbst, dass kein Platz bleibt für das Wort Gottes, dafür, die Brüder und Schwestern zu lieben oder sich an den wichtigsten Dingen des Lebens zu erfreuen. So beraubt es sich der größten Güter. Daher nennt Jesus die Armen im Geiste glücklich, die ein armes Herz haben, in das der Herr mit seiner steten Neuheit eintreten kann.

69.       Diese Armut im Geiste hängt eng mit jener „heiligen Indifferenz“ zusammen, die der heilige Ignatius von Loyola darlegte. In ihr erlangen wir eine schöne innere Freiheit: »Deshalb ist es nötig, dass wir uns gegenüber allen geschaffenen Dingen in allem, was der Freiheit unserer freien Entscheidungsmacht gestattet und ihr nicht verboten ist, indifferent machen. Wir sollen also nicht unsererseits mehr wollen: Gesundheit als Krankheit, Reichtum als Armut, Ehre als Ehrlosigkeit, langes Leben als kurzes, und genauso folglich in allem sonst.«[68]

70.       Lukas spricht nicht von einer Armut „im Geiste“, sondern nur davon, „arm“ zu sein (vgl. Lk 6,20). So lädt er uns auch zu einem schlichten und genügsamen Leben ein. Auf diese Weise ruft er uns auf, das Leben mit den Notleidenden zu teilen, das Leben, das die Apostel führten, und uns letztendlich Jesus gleichförmig zu machen: »Er, der reich war, wurde […] arm« (2 Kor 8,9).

Im Herzen arm sein, das ist Heiligkeit.

»Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.«

71.       Das ist eine starke Aussage in einer Welt, die seit Anbeginn ein Ort der Feindschaft ist, wo überall gestritten wird, wo auf allen Seiten Hass herrscht, wo wir ständig die anderen klassifizieren, nach ihren Ideen und Gewohnheiten bis hin zu ihrer Art zu sprechen oder sich anzuziehen. Letztendlich ist es ein Reich des Stolzes und der Eitelkeit, wo ein jeder glaubt, das Recht zu haben, sich über die anderen zu erheben. Obwohl es unmöglich erscheint, schlägt Jesus dennoch einen anderen Stil vor: Sanftmut. Das ist es, was er mit seinen eigenen Jüngern praktiziert, und was wir bei seinem Einzug in Jerusalem beobachten können: »Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und er reitet auf einer Eselin« (Mt 21,5; vgl. Sach 9,9).

72.       Er sagte: »Lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele« (Mt 11,29). Wenn wir hochmütig und stolz vor den anderen leben, sind wir am Ende müde und erschöpft. Wenn wir aber ihre Grenzen und Fehler mit Milde und Sanftmut sehen, ohne uns für besser zu halten, dann können wir ihnen zur Hand gehen und vermeiden, unsere Energie in unnützen Klagen zu verschwenden. Für die heilige Thérèse von Lisieux besteht »die vollkommene Liebe darin […], die Fehler der anderen zu ertragen, sich nicht über ihre Schwächen zu wundern«.[69]

73.       Paulus erwähnt die Sanftmut als eine Frucht des Heiligen Geistes (vgl. Gal 5,23). Er schlägt vor, dass wir, wenn uns die Verfehlungen des Bruders oder der Schwester Sorgen machen, uns nähern sollen, um ihn oder sie zurechtzuweisen, aber »im Geist der Sanftmut« (Gal 6,1). Dabei mahnt er: »Gib Acht, dass du nicht selbst in Versuchung gerätst!« (ebd.). Auch wenn man seinen Glauben und seine Überzeugung verteidigt, muss man es »bescheiden« tun (1 Petr 3,16), und selbst die Gegner müssen »mit Güte« behandelt werden (2 Tim 2,25). In der Kirche haben wir uns oft verfehlt, weil wir diesem Auftrag des göttlichen Wortes nicht entsprochen haben.

74.       Die Sanftmut ist ein anderer Ausdruck für die innere Armut dessen, der sein Vertrauen allein auf Gott setzt. Deswegen verwendet die Bibel für gewöhnlich das gleiche Wort anawim in Bezug auf die Armen und auf die Sanftmütigen. Es könnte jemand einwenden: „Wenn ich so sanftmütig bin, werden sie denken, ich sei ein Dummkopf, ich sei blöd oder schwach.“ Manchmal mag es so sein, doch lassen wir es zu, dass die anderen das denken. Es ist besser, immer sanftmütig zu sein; unsere größten Wünsche werden sich dann erfüllen: Die Sanftmütigen »werden das Land erben«, das heißt, in ihrem Leben werden sich die Verheißungen Gottes erfüllen. Denn gegen alle Umstände hoffen die Sanftmütigen auf den Herrn, »die aber auf den Herrn hoffen, sie werden das Land besitzen […] ihre Lust haben an der Fülle des Friedens« (Ps 37,9.11). Gleichzeitig vertraut der Herr auf sie: »Auf den blicke ich: auf den Armen und auf den, der zerschlagenen Geistes ist und der zittert vor meinem Wort« (Jes 66,2).

Mit demütiger Sanftmut reagieren, das ist Heiligkeit.

»Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.«

75.       Die Welt schlägt uns das Gegenteil vor: Unterhaltung, Genuss, Zerstreuung, Vergnügen. Eben das macht das Leben gut, so sagt sie uns. Der weltlich Gesinnte beachtet es nicht, er schaut weg, wenn es in der Familie oder in seiner Umgebung Probleme durch Krankheit oder Leid gibt. Die Welt will nicht trauern: Sie zieht es vor, leidvolle Situationen zu ignorieren, zu verdecken oder zu verstecken. Man verschwendet viel Energie darauf, den Umständen zu entkommen, in denen das Leiden gegenwärtig ist, und glaubt dabei, dass es möglich ist, die Wirklichkeit zu verschleiern, in der nie, niemals, das Kreuz fehlen kann.

76.       Der Mensch, der die Dinge sieht, wie sie wirklich sind, der sich vom Schmerz durchdringen lässt und in seinem Herzen weint, ist fähig, die Tiefen des Lebens zu berühren und wahrhaft glücklich zu sein.[70] Dieser Mensch wird getröstet, aber mit dem Trost Jesu und nicht mit dem der Welt. So kann er sich trauen, fremdes Leid zu teilen, und hört auf, vor den schmerzvollen Situationen zu fliehen. Auf diese Weise findet er, dass das Leben Sinn hat, wenn man dem anderen in seinem Schmerz beisteht, wenn man die fremde Angst versteht, wenn man den anderen Erleichterung verschafft. Dieser Mensch spürt, dass der andere Fleisch von seinem Fleisch ist; er fürchtet sich nicht davor, sich zu nähern und sogar seine Wunde zu berühren; er hat solches Mitleid, das ihn erfahren lässt, dass alle Distanz verschwindet. So kann man die Ermahnung des heiligen Paulus annehmen: »Weint mit den Weinenden!« (Röm 12,15).

Mit den anderen zu trauern wissen, das ist Heiligkeit.

»Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.«

77.       Hunger und Durst sind sehr intensive Erfahrungen, weil sie den Grundbedürfnissen entsprechen und mit dem Selbsterhaltungstrieb zu tun haben. Es gibt Menschen, die mit derselben Intensität die Gerechtigkeit begehren und mit großer Sehnsucht nach ihr streben. Jesus sagt, sie werden gesättigt werden, da früher oder später die Gerechtigkeit kommt. Wir können daran mitarbeiten, damit das möglich wird, selbst wenn wir nicht immer die Früchte dieses Einsatzes sehen.

78.       Die Gerechtigkeit, die Jesus anbietet, ist jedoch nicht wie die, nach der die Welt trachtet, die oft von schäbigen Interessen befleckt und von der einen oder anderen Seite manipuliert wird. Die Realität zeigt uns, wie leicht es ist, Korruptionsbanden beizutreten oder die tägliche Politik des „do ut des“ mitzumachen, wo alles Geschäft ist. Und wie viele Menschen leiden unter Ungerechtigkeit, wie viele müssen ohnmächtig zusehen, wie die anderen abwechselnd den Kuchen des Lebens unter sich aufteilen. Einige geben auf, für die wahre Gerechtigkeit zu kämpfen, und entscheiden sich dafür, sich auf die Siegerseite zu schlagen. Das hat nichts mit dem Hunger und Durst nach Gerechtigkeit zu tun, den Jesus lobpreist.

79.       Diese Gerechtigkeit wird im Leben eines jeden Wirklichkeit, wenn er in seinen eigenen Entscheidungen gerecht ist, und drückt sich dann in der Suche nach Gerechtigkeit für die Armen und Schwachen aus. Gewiss kann das Wort „Gerechtigkeit“ Synonym für die Treue zu Gottes Willen in unserem ganzen Leben sein. Wenn wir sie jedoch in sehr allgemeinen Sinn verstehen, vergessen wir, dass sie sich vor allem in der Gerechtigkeit gegenüber den Hilflosen zeigt: »Sucht das Recht! Schreitet ein gegen die Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen! (Jes 1,17).

Voll Hunger und Durst die Gerechtigkeit suchen, das ist Heiligkeit.

»Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.«

80.       Die Barmherzigkeit beinhaltet zwei Aspekte: den anderen geben, helfen, dienen und ebenso vergeben, verstehen. Matthäus fasst es in der Goldenen Regel so zusammen: »Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!« (7,12). Der Katechismus erinnert uns, dass dieses Gesetz »in allen Fällen«[71] gilt, besonders, wenn jemand »zuweilen vor Situationen [steht], die das Gewissensurteil unsicher und die Entscheidungen schwierig machen«.[72]

81.       Geben und vergeben heißt zu versuchen, in unserem Leben einen kleinen Widerschein der Vollkommenheit Gottes, der überreichlich gibt und vergibt, abzubilden. Aus diesem Grund hören wir im Lukasevangelium nicht mehr das Wort: »Seid also vollkommen« (Mt 5,48), sondern: »Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! Gebt, dann wird auch euch gegeben werden!« (Lk 6,36-38). Und dann fügt Lukas etwas hinzu, dass wir nicht übersehen dürfen: »Denn nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden« (6,38). Das Maß, das wir verwenden, um zu verstehen und zu vergeben, wird bei uns angewendet werden, um uns zu vergeben. Das Maß, das wir anwenden, um zu geben, wird im Himmel bei uns angewendet werden, um uns zu vergelten. Das sollten wir nicht vergessen.

82.       Jesus sagt nicht: „Selig, die auf Rache sinnen“, sondern er preist die selig, die vergeben und es »bis zu siebzigmal siebenmal« (Mt 18,22) tun. Wir müssen daran denken, dass wir alle ein Heer von Begnadigten sind. Wir alle wurden mit göttlichem Erbarmen angeschaut. Wenn wir uns ehrlich dem Herrn nähern und genau hinhören, werden wir möglicherweise einige Male diesen Tadel vernehmen: »Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?« (Mt 18,33).

Mit Barmherzigkeit sehen und handeln, das ist Heiligkeit.

»Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.«

83.       Diese Seligpreisung bezieht sich auf die, welche ein einfaches, reines Herz haben, frei von Schmutz. Denn ein Herz, das zu lieben weiß, lässt nichts in sein Leben eintreten, was gegen diese Liebe verstößt, nichts, was sie abschwächt oder gefährdet. In der Bibel steht das Herz für unsere wahren Absichten, also für das, was wir über das hinaus, was wir vorgeben, wirklich suchen und ersehnen: »Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz« (1 Sam 16,7). Der Herr möchte uns zu Herzen reden (vgl. Hos 2,16) und will sein Gesetz darauf schreiben (vgl. Jer 31,33). Letztendlich will er uns ein neues Herz schenken (vgl. Ez 36,26).

84.       »Mehr als alles hüte dein Herz« (Spr 4,23). Nichts, was durch Falschheit beschmutzt ist, hat echten Wert für den Herrn. Er »flieht vor der Falschheit, er entfernt sich von unverständigen Gedanken« (Weish 1,5). Der Vater, der »das Verborgene sieht« (Mt 6,6), erkennt, was nicht rein ist, das heißt, was nicht ehrlich ist, sondern nur Schale und Anschein, so wie auch der Sohn weiß, was in jedem Menschen ist (vgl. Joh 2,25).

85.       Gewiss, es gibt keine Liebe ohne Werke der Liebe, aber diese Seligpreisung ruft uns in Erinnerung, dass der Herr eine Hingabe an den Bruder oder die Schwester erwartet, die aus dem Herzen entspringt, denn »wenn ich meine ganze Habe verschenkte, und wenn ich meinen Leib opferte, um mich zu rühmen, hätte aber die Liebe nicht, nützte es mir nichts« (1 Kor 13,3). Im Matthäusevangelium sehen wir ebenso: Das, was »aus dem Herzen [kommt,] macht den Menschen unrein« (15,18), denn von dort kommen Mord, Diebstahl, falsche Zeugenaussagen und andere böse Taten (vgl. 15,19). In den Absichten des Herzens haben die Wünsche und die tieferen Entscheidungen, die uns wirklich bewegen, ihren Ursprung.

86.       Wenn das Herz Gott und den Nächsten liebt (vgl. Mt 22,36-40), wenn dies seine echte Absicht ist und nicht leere Worte, dann ist dieses Herz rein und kann Gott schauen. Der heilige Paulus ruft uns in seinem Hohelied der Liebe in Erinnerung: »Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse« (1 Kor 13,12), aber in dem Maß, in dem die Liebe wirklich herrscht, werden wir fähig werden, zu schauen »von Angesicht zu Angesicht« (ebd.). Jesus verheißt: Die reinen Herzens sind, »werden Gott schauen«.

Das Herz rein halten von allem, was die Liebe befleckt, das ist Heiligkeit.

»Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.«

87.       Diese Seligpreisung lässt uns an die zahlreichen Kriegssituationen denken, die sich wiederholen. Es kommt häufig vor, dass wir Auseinandersetzungen oder zumindest Missverständnisse verursachen. Zum Beispiel, wenn ich etwas über jemanden höre, zu einem anderen gehe und es ihm weitersage; dabei mache ich vielleicht eine zweite, etwas erweiterte Version daraus und verbreite sie. Wenn ich damit mehr Schaden anrichten kann, scheint es mir größere Befriedigung zu bereiten. Die Welt des Geredes, gemacht von Menschen, die gerne kritisieren und zerstören, baut den Frieden nicht auf. Diese Menschen sind vielmehr Feinde des Friedens und in keiner Weise selig.[73]

88.       Die Friedfertigen sind Quelle des Friedens, sie bauen Frieden und soziale Freundschaft auf. Denen, die sich darum bemühen, überall Frieden zu säen, macht Jesus eine schöne Verheißung: »Sie werden Kinder Gottes genannt werden« (Mt 5,9). Er trug seinen Jüngern auf, beim Betreten eines Hauses zu sagen: »Friede diesem Haus!« (Lk 10,5). Das Wort Gottes fordert jeden Gläubigen dazu auf, »zusammen mit allen« nach Frieden zu streben (vgl. 2 Tim 2,22), denn »die Frucht der Gerechtigkeit wird in Frieden für die gesät, die Frieden schaffen« (Jak 3,18). Wenn wir manchmal in unserer Gemeinschaft Zweifel darüber haben, was zu tun ist, dann »lasst uns also dem nachjagen, was dem Frieden dient« (Röm 14,19), denn die Einheit steht über dem Konflikt.[74]

89.       Es ist nicht einfach, diesen Frieden des Evangeliums aufzubauen, der niemanden ausschließt, sondern der auch die einschließt, die etwas seltsam sind, die schwierigen und komplizierten Menschen, diejenigen, die nach Aufmerksamkeit verlangen, die verschieden sind, die vom Leben schwer getroffen wurden, die andere Interessen haben. Es ist hart und erfordert eine große Weite des Denkens und des Herzens, weil es nicht um »einen Konsens auf dem Papier […] oder einen oberflächlichen Frieden für eine glückliche Minderheit«[75] geht, noch um einen »Plan einiger weniger für einige wenige«.[76] Ebenso wenig geht es darum zu versuchen, die Konflikte zu ignorieren oder sie zu verschleiern, sondern um »die Bereitschaft, den Konflikt zu erleiden, ihn zu lösen und zum Ausgangspunkt eines neuen Prozesses zu machen«.[77] Es geht darum, Handwerker des Friedens zu sein, weil den Frieden aufzubauen eine Kunst ist, die Gelassenheit, Kreativität, Feingefühl und Geschicklichkeit erfordert.

Um uns herum Frieden säen, das ist Heiligkeit.

»Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.«

90.       Jesus selbst betont, dass dieser Weg gegen den Strom geht, ja so weit führt, dass wir zu Menschen werden, die mit ihrem Leben die Gesellschaft infrage stellen, zu Personen, die stören. Jesus erinnert daran, wie viele Menschen verfolgt werden und wurden, einfach weil sie für die Gerechtigkeit gekämpft haben, weil sie ihr Engagement für Gott und für die anderen gelebt haben. Wenn wir nicht in einer blassen Mittelmäßigkeit versinken wollen, dürfen wir kein bequemes Leben anstreben, denn »wer sein Leben retten will, wird es verlieren« (Mt 16,25).

91.       Man kann nicht erwarten, dass alles um uns herum günstig dafür ist, um das Evangelium zu leben. Oft stehen nämlich Machtambitionen und weltliche Interessen im Weg. Der heilige Johannes Paul II. sagte: »Entfremdet wird eine Gesellschaft, die in ihren sozialen Organisationsformen, in Produktion und Konsum, die Verwirklichung [der] Hingabe und die Bildung [der] zwischenmenschlichen Solidarität erschwert.«[78] In einer solchen entfremdeten Gesellschaft, die gefangen ist in einem politischen, medialen, wirtschaftlichen, kulturellen und sogar religiösen Geflecht, das ihre authentische menschliche und soziale Entwicklung behindert, gestaltet es sich schwierig, die Seligpreisungen zu leben, ja dies kann geradezu verpönt, beargwöhnt oder lächerlich gemacht werden.

92.       Das Kreuz, vor allem die Erschöpfung und die Schmerzen, die wir ertragen, um das Gebot der Liebe zu leben und den Weg der Gerechtigkeit zu gehen, ist Quelle der Reifung und der Heiligung. Denken wir daran, dass das Neue Testament, wenn es von den Leiden spricht, die um des Evangeliums willen ertragen werden müssen, sich eben auf die Verfolgungen bezieht (vgl. Apg 5,41; Phil 1,29; Kol 1,24; 2 Tim 1,12; 1 Petr 2,20; 4,14-16; Offb 2,10).

93.       Wir sprechen jedoch von den unausweichlichen Verfolgungen, nicht von denen, die wir selbst durch eine missverständliche Art und Weise, die anderen zu behandeln, verursachen können. Ein Heiliger ist kein abgehobener Sonderling, der unausstehlich wird wegen seiner Eitelkeit, seiner Negativität und seinem Unmut. Die Apostel Christi waren nicht so. Die Apostelgeschichte erzählt nachdrücklich, dass sie Gunst »beim ganzen Volk« fanden (Apg 2,47; vgl. 4,21.33; 5,13), während manche, die etwas zu sagen hatten, sie drangsalierten und verfolgten (vgl. Apg 4,1-3; 5,17-18).

94.       Die Verfolgungen sind keine Realität der Vergangenheit; auch heute erleiden wir sie, sei es auf blutige Weise, wie viele Märtyrer unserer Zeit, oder auf subtilere Weise durch Verleumdungen und Unwahrheiten. Jesus sagt, dass wir selig sein werden, wenn man »alles Böse über euch redet um meinetwillen« (Mt 5,11). Andere Male handelt es sich um Verspottungen, die unseren Glauben verzerren und uns als lächerlich darstellen wollen.

Jeden Tag den Weg des Evangeliums annehmen, auch wenn er Schwierigkeiten mit sich bringt, das ist Heiligkeit.

Der grosse Massstab

95.       Im Kapitel 25 des Matthäusevangeliums (Verse 31-46) verweilt Jesus erneut bei einer dieser Seligpreisungen, nämlich bei der, welche die Barmherzigen selig nennt. Wenn wir die Heiligkeit suchen, die in Gottes Augen gefällt, dann entdecken wir gerade in diesem Text einen Maßstab, nach dem wir geurteilt werden: »Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen« (25,35-36).

Aus Treue zum Meister

96.       Heilig sein bedeutet daher nicht, in einer vermeintlichen Ekstase die Augen zu verdrehen. Es sagte schon der heilige Johannes Paul II.: »Wenn wir wirklich von der Betrachtung Christi ausgegangen sind, werden wir in der Lage sein, ihn vor allem im Antlitz derer zu erkennen, mit denen er sich selbst gern identifiziert hat.«[79] Die Aussage von Matthäus 25,35-36 »ist nicht nur eine Aufforderung zur Nächstenliebe; sie ist ein Stück Christologie, das einen Lichtstrahl auf das Geheimnis Christi wirft«.[80] In diesem Aufruf, ihn in den Armen und Leidenden zu erkennen, offenbart sich das Herz Christi selbst, seine Gesinnung und seine innersten Entscheidungen, die jeder Heilige nachzuahmen sucht.

97.       Angesichts dieser schlagkräftigen Aufforderungen Jesu ist es meine Pflicht, die Christen zu bitten, sie anzunehmen und zu empfangen, und zwar „sine glossa“, das heißt, ohne Kommentar, ohne Ausflüchte und Ausreden, die ihnen Kraft entziehen. Der Herr hat uns ganz deutlich gesagt, dass die Heiligkeit weder verstanden noch gelebt werden kann, wenn man von seinen Forderungen absieht, denn die Barmherzigkeit ist »das pulsierende Herz des Evangeliums«.[81]

98.       Wenn ich einem Menschen begegne, der in einer kalten Nacht unter freiem Himmel schläft, kann ich fühlen, dass dieser arme Wicht etwas Unvorhergesehenes ist, das mir dazwischenkommt, ein Nichtsnutz und Gauner, ein Störenfried auf meinem Weg, ein lästiger Stachel für mein Gewissen, ein Problem, das die Politiker lösen müssen, und vielleicht sogar ein Abfall, der den öffentlichen Bereich verschmutzt. Oder ich kann aus dem Glauben und der Liebe heraus reagieren und in ihm ein menschliches Wesen erkennen, mit gleicher Würde wie ich, ein vom Vater unendlich geliebtes Geschöpf, ein Abbild Gottes, ein von Jesus Christus erlöster Bruder oder Schwester. Das heißt es, Christ zu sein! Oder kann man etwa die Heiligkeit abseits dieses konkreten Anerkennens der Würde jedes menschlichen Wesens verstehen?[82]

99.       Dies bringt für die Christen eine gesunde bleibende Unruhe mit sich. Auch wenn die Unterstützung einer einzigen Person schon alle unsere Anstrengungen rechtfertigt, ist es nicht genug für uns. Die Bischöfe Kanadas haben dies deutlich zum Ausdruck gebracht. In ihren biblischen Katechesen über das Jubeljahr haben sie zum Beispiel gezeigt, dass es nicht bloß darum geht, einige gute Werke zu vollbringen, sondern darum, einen gesellschaftlichen Wandel anzustreben: »Damit die künftigen Generationen auch befreit wären, musste das Ziel klar darin liegen, gerechte soziale und wirtschaftliche Systeme wiederherzustellen, damit es keine Exklusion mehr geben könnte.«[83]

Die Ideologien, die den Kern des Evangeliums entstellen

100.     Ich bedaure, dass uns die Ideologien oft zu zwei schädlichen Fehlern verleiten. Einerseits zu dem jener Christen, die diese Forderungen des Evangeliums von ihrer persönlichen Beziehung zum Herrn, von ihrer inneren Verbindung mit ihm, von der Gnade trennen. So wird das Christentum zu einer Art NGO, es wird jener leuchtenden Spiritualität beraubt, die der heilige Franz von Assisi, der heilige Vinzenz von Paul, die heilige Teresa von Kalkutta und viele andere so klar gelebt und sichtbar gemacht haben. Weder das Gebet noch die Liebe zu Gott oder das Lesen des Evangeliums gaben diesen großen Heiligen Anlass dazu, die Leidenschaft und die Wirksamkeit ihrer Hingabe an den Nächsten zu verringern, ganz im Gegenteil.

101.     Schädlich und ideologisch ist ebenso der Fehler derer, die in ihrem Leben dem sozialen Einsatz für die anderen misstrauen, weil sie ihn für oberflächlich, weltlich, säkularisiert, immanentistisch, kommunistisch oder populistisch halten, oder die ihn relativieren, als würde es wichtigere Dinge geben bzw. als würde er nur eine bestimmte von ihnen verteidigte Ethik oder ein entsprechendes Argument betreffen. Die Verteidigung des ungeborenen unschuldigen Lebens zum Beispiel muss klar, fest und leidenschaftlich sein, weil hier die Würde des menschlichen Lebens, das immer heilig ist, auf dem Spiel steht und es die Liebe zu jeder Person unabhängig von ihrer Entwicklungsstufe verlangt. Aber gleichermaßen heilig ist das Leben der Armen, die schon geboren sind und sich herumschlagen mit dem Elend, mit der Verlassenheit, der Ausgrenzung, dem Menschenhandel, mit der versteckten Euthanasie der Kranken und Alten, denen keine Aufmerksamkeit geschenkt wird, mit den neuen Formen von Sklaverei und jeder Form des Wegwerfens.[84] Wir können kein Heiligkeitsideal in Erwägung ziehen, das die Ungerechtigkeit dieser Welt nicht sieht, wo einige feiern, fröhlich verbrauchen und ihr Leben auf die Neuheiten des Konsums reduzieren, während andere nur von außen zuschauen können und gleichzeitig ihr Leben weiter voran schreitet und armselig zu Ende geht.

102.     Oft hört man, dass angesichts des Relativismus und der Grenzen der heutigen Welt beispielsweise die Lage der Migranten eine weniger wichtige Angelegenheit wäre. Manche Katholiken behaupten, es sei ein nebensächliches Thema gegenüber den „ernsthaften“ Themen der Bioethik. Dass ein um seinen Erfolg besorgter Politiker so etwas sagt, kann man verstehen, aber nicht ein Christ, zu dem nur die Haltung passt, sich in die Lage des Bruders und der Schwester zu versetzen, die ihr Leben riskieren, um ihren Kindern eine Zukunft zu bieten. Sehen wir, dass es genau das ist, was Jesus von uns verlangt, wenn er uns sagt, dass wir in jedem Fremden ihn selbst aufnehmen (vgl. Mt 25,35)? Der heilige Benedikt hat dies ohne Vorbehalte angenommen. So hat er, auch wenn dies das Leben der Mönche „verkomplizieren“ könnte, festgelegt, dass alle Gäste, die zum Kloster kommen, »wie Christus«[85] aufgenommen werden sollen, indem ihnen sogar Zeichen der Verehrung erwiesen werden[86], und dass die Armen und Pilger vor allem mit »Eifer und Sorge«[87] behandelt werden sollen.

103.     Ähnliches legt das Alte Testament dar, wenn es sagt: »Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen« (Ex 22,20). »Wenn bei dir ein Fremder in eurem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen« (Lev 19,33-34). Es handelt sich daher nicht um die Erfindung eines Papstes oder um eine momentane Begeisterung. Auch wir sind im gegenwärtigen Kontext berufen, den Weg der geistlichen Erleuchtung zu leben, den uns der Prophet Jesaja zeigt, wenn er sich fragt, was dem Herrn gefällt: »Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot« (58,7-8).

Der Gottesdienst, der Gott mehr gefällt

104.     Wir denken vielleicht, dass wir Gott die Ehre nur mit dem Gottesdienst und dem Gebet geben oder wenn wir lediglich einige ethische Vorschriften beachten – in der Tat kommt der Beziehung zu Gott der Vorrang zu –, und vergessen dabei, dass das Kriterium für die Beurteilung unseres Lebens vor allem darin besteht, was wir den anderen getan haben. Das Gebet ist wertvoll, wenn es eine tägliche liebende Hingabe fördert. Unser Gottesdienst ist dem Herrn wohlgefällig, wenn wir dort unsere Vorsätze, großherzig zu leben, hineintragen und wenn wir zulassen, dass die Gabe Gottes, die wir im Gottesdienst empfangen haben, in der Hingabe an die Brüder und Schwestern sichtbar wird.

105.     Aus demselben Grund besteht die beste Art und Weise zu beurteilen, ob unser Weg des Gebets authentisch ist, darin zu beobachten, in welchem Maß sich unser Leben im Licht der Barmherzigkeit verwandelt. Denn die »Barmherzigkeit [ist] nicht nur eine Eigenschaft des Handelns Gottes […] Sie wird vielmehr auch zum Kriterium, an dem man erkennt, wer wirklich seine Kinder sind.«[88] Sie ist »der Tragebalken, der das Leben der Kirche stützt«.[89] Ich möchte einmal mehr unterstreichen: Wenngleich die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit und Wahrheit nicht ausschließt, »müssen wir [vor allem] erklären, dass die Barmherzigkeit die Fülle der Gerechtigkeit und die leuchtendste Bekundung der Wahrheit Gottes ist«.[90] Sie ist »der Schlüssel zum Himmel«.[91]

106.     Ich kann nicht umhin, an die Frage zu erinnern, die sich der heilige Thomas von Aquin bezüglich unserer größten Handlungen, der äußeren Werke, die unserer Liebe zu Gott am besten Ausdruck verleihen, stellte. Ohne zu zweifeln antwortete er, dass es die Werke der Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten[92] sind, mehr als die Akte des Gottesdienstes: »Wir ehren Gott durch die äußeren Opfer und Geschenke nicht seinetwegen, sondern unseretwegen und des Nächsten wegen; denn er bedarf unserer Opfer nicht, sondern will, dass sie ihm dargebracht werden um unserer Hingabe und um des Nutzens des Nächsten willen. Deshalb ist das Erbarmen, durch das wir dem Elend der anderen zu Hilfe kommen, ein Opfer, das ihm wohlgefälliger ist, weil es dem Nutzen des Nächsten näherkommt.«[93]

107.     Wer in Wahrheit Gott mit seinem Leben ehren möchte, wer sich wirklich nach der Heiligung sehnt, damit sein Dasein Gott, den Heiligen, verherrlicht, der ist berufen, sich voll Leidenschaft zu verzehren und abzuplagen im Bemühen, die Werke der Barmherzigkeit zu leben. Eben dies hat die heilige Teresa von Kalkutta sehr gut verstanden: »Ja, ich habe viele menschliche Schwächen, viele menschliche Armseligkeiten. […] Aber er erniedrigt sich und bedient sich unser – deiner und meiner –, damit wir seine Liebe und sein Mitleid in der Welt sind, trotz unserer Sünden, trotz unserer Armseligkeiten und unserer Fehler. Er hängt von uns ab, um die Welt zu lieben und ihr zu zeigen, wie sehr er sie liebt. Wenn wir uns zu sehr um uns selbst kümmern, bleibt uns keine Zeit für die anderen.«[94]

108.     Der hedonistische Konsumismus kann uns einen bösen Streich spielen, denn in der Vergnügungssucht sind wir schließlich allzu sehr konzentriert auf uns selbst, auf unsere Rechte und auf die verbissene Jagd auf freie Zeit, um das Leben zu genießen. Kraft zur Hilfe für Notleidende aufzubringen und einzusetzen fällt uns schwer, wenn wir nicht eine gewisse Genügsamkeit pflegen und gegen den fieberhaften Kaufzwang der Konsumgesellschaft ankämpfen, der uns am Ende bloß zu unzufriedenen Armen macht, die alles haben und ausprobieren wollen. Auch der Konsum oberflächlicher Nachrichten und die Formen schneller virtueller Kommunikation können ein Faktor von Verblödung sein, der uns unsere ganze Zeit raubt und uns vom leidenden Fleisch der Brüder und Schwestern entfernt. Inmitten dieses aktuellen Trubels erschallt wieder das Evangelium, um uns ein anderes, gesünderes und glücklicheres Leben anzubieten.

* * *

109.     Die Kraft des Zeugnisses der Heiligen liegt darin, die Seligpreisungen und den Maßstab des Jüngsten Gerichts zu leben. Es sind wenige, einfache Worte, aber praktisch und für alle gültig; das Christentum ist nämlich vor allem dafür gemacht, gelebt zu werden; wenn es auch Gegenstand von Reflexion ist, so hat dies nur Wert, wenn es hilft, das Evangelium im Alltag zu leben. Ich empfehle nachdrücklich, diese großen biblischen Texte immer wieder zu lesen, sich an sie zu erinnern, mit ihnen zu beten und zu versuchen, sie Gestalt werden zu lassen. Sie werden uns gut tun und uns wahrhaft glücklich machen.

 

VIERTES KAPITEL 

EINIGE MERKMALE DER HEILIGKEIT IN DER WELT VON HEUTE

110.     Innerhalb des großen Rahmens der Heiligkeit, die uns die Seligpreisungen und Matthäus 25,31-46 vorlegen, möchte ich einige Merkmale oder spirituelle Ausdrücke aufgreifen, die meines Erachtens nicht fehlen dürfen, um den Lebensstil zu verstehen, zu dem der Herr uns ruft. Ich werde mich nicht dabei aufhalten, die Mittel der Heiligung zu erklären, die wir bereits kennen: die verschiedenartigen Methoden des Gebets, die kostbaren Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung, das Opferbringen, die verschiedenen Frömmigkeitsformen, die geistliche Begleitung und viele andere. Ich werde mich nur auf einige Aspekte des Rufes zur Heiligkeit beziehen, von denen ich hoffe, dass sie in besonderer Weise Resonanz finden.

111.     Diese Merkmale, die ich hervorheben will, umfassen beileibe nicht alle, die einem Modell von Heiligkeit Gestalt geben können. Es sind jedoch fünf große Bekundungen der Liebe zu Gott und zum Nächsten, die ich als von besonderer Wichtigkeit erachte aufgrund einiger Gefahren und Grenzen der heutigen Kultur. In ihr zeigen sich: die nervöse und heftige Unruhe, die uns zerstreut und schwächt; die negative Einstellung und die Traurigkeit; die bequeme, konsumorientierte und egoistische Trägheit; der Individualismus und viele Formen einer falschen Spiritualität ohne Gottesbegegnung, die den aktuellen Religionsmarkt beherrschen.

Durchhaltevermögen, Geduld und Sanftmut

112.     Das erste dieser wichtigen Merkmale ist, auf Gott hin, der uns liebt und trägt, zentriert und in ihm gefestigt zu sein. Von dieser inneren Gefestigtheit her ist es möglich, die Unannehmlichkeiten zu ertragen und zu erdulden, die Höhen und Tiefen des Lebens, aber auch die Aggressionen der anderen, ihre Treulosigkeiten und Fehler: »Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?« (Röm 8,31). Dies ist die Quelle des Friedens, der sich im Verhalten eines Heiligen zeigt. Ausgehend von einer solchen inneren Gefestigtheit besteht in unserer beschleunigten, unbeständigen und aggressiven Welt das Zeugnis der Heiligkeit aus Geduld und Beständigkeit im Guten. Es ist die Treue der Liebe, denn wer sich auf Gott stützt (griech.pistis), der kann auch den Brüdern und Schwestern gegenüber treu sein (griech. pistós), lässt sie in schlechten Zeiten nicht im Stich, lässt sich nicht von ihrer Angst anstecken und bleibt beharrlich an der Seite der anderen, auch wenn ihm das keine unmittelbaren Genugtuungen bringt.

113.     Der heilige Paulus lud die Römer dazu ein, »niemandem Böses mit Bösem« zu vergelten (Röm 12,17), sich »nicht selbst« Gerechtigkeit zu verschaffen (12,19) und sich nicht vom Bösen besiegen zu lassen, sondern »das Böse durch das Gute zu besiegen« (12,21). Diese Haltung ist nicht Ausdruck von Schwäche, sondern von wahrer Stärke, denn Gott selbst »ist langmütig und groß an Kraft« (Nah 1,3). Das Wort Gottes fordert uns auf: »Jede Art von Bitterkeit und Wut und Zorn und Geschrei und Lästerung mit allem Bösen verbannt aus eurer Mitte!« (Eph 4,31).

114.     Wir müssen kämpfen und aufmerksam sein gegenüber unseren eigenen aggressiven und egozentrischen Neigungen, um sie nicht Wurzeln schlagen zu lassen: »Wenn ihr zürnt, sündigt nicht! Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen« (Eph 4,26). Wenn es belastende Umstände gibt, können wir immer auf den Anker der inständigen Bitte zurückgreifen, der uns wieder in den Händen Gottes und an der Quelle des Friedens fest macht: »Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott! Und der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, wird eure Herzen […] bewahren« (Phil 4,6-7).

115.     Auch Christen können über das Internet und die verschiedenen Foren und Räume des digitalen Austausches Teil von Netzwerken verbaler Gewalt werden. Sogar in katholischen Medien können die Grenzen überschritten werden; oft bürgern sich Verleumdung und üble Nachrede ein, und jegliche Ethik und jeglicher Respekt vor dem Ansehen anderer scheinen außen vor zu bleiben. So entsteht ein gefährlicher Dualismus, weil in diesen Netzwerken Dinge gesagt werden, die im öffentlichen Leben nicht tolerierbar wären, und man versucht, im wütenden Abladen von Rachegelüsten die eigene Unzufriedenheit zu kompensieren. Es ist auffällig, dass unter dem Vorwand, andere Gebote zu verteidigen, das achte Gebot – »Du sollst kein falsches Zeugnis geben« – zuweilen komplett übergangen und das Ansehen anderer gnadenlos zerstört wird. Dort zeigt sich ohne Kontrolle, dass die Zunge »eine Welt voll Ungerechtigkeit ist« und »das Rad des Lebens in Brand setzt«, während sie selbst »von der Hölle in Brand gesetzt« wird (Jak 3,6).

116.     Die innere Gefestigtheit ist ein Werk der Gnade und bewahrt uns davor, uns von der Gewalt mitreißen zu lassen, die sich im sozialen Leben verbreitet. Denn die Gnade schwächt die Eitelkeit ab und ermöglicht die Sanftmut des Herzens. Der Heilige verschwendet seine Energien nicht damit, über fremde Fehler zu klagen; er kann über die Schwächen seiner Brüder und Schwestern schweigen und vermeidet verbale Gewalt, die zerstört und misshandelt; er hält sich nämlich nicht für würdig, den anderen gegenüber hart zu sein, sondern schätzt sie vielmehr »höher ein als sich selbst« (Phil 2,3).

117.     Es tut uns nicht gut, von oben herabzuschauen, die Rolle gnadenloser Richter einzunehmen, die anderen für unwürdig zu halten und ständig Belehrungen geben zu wollen. Dies ist eine subtile Form der Gewalt.[95] Der heilige Johannes vom Kreuz schlug etwas anderes vor: »Sei stets mehr ein Freund davon, von allen belehrt zu werden, als auch nur den geringsten von allen belehren zu wollen.«[96] Und er fügte einen Ratschlag hinzu, um den Feind fernzuhalten: »Indem du dich über das Gute bei den anderen genauso freust wie über das deine und wünschst – und zwar mit aufrichtigem Herzen –, dass man ihnen in allem den Vorrang vor dir gebe. Auf diese Weise wirst du das Böse durch das Gute besiegen und den bösen Geist weit vertreiben und Herzensfreude erlangen. Bemühe dich, das noch mehr denen gegenüber zu üben, die dir am wenigsten gefallen. Und wisse, dass du, wenn du dies nicht ausübst, weder zur wahren Nächstenliebe gelangen, noch in ihr vorankommen wirst.«[97]

118.     Die Demut kann im Herzen nur durch Demütigungen Wurzeln schlagen. Ohne sie gibt es weder Demut noch Heiligkeit. Wenn du nicht fähig bist, einige Demütigungen zu ertragen und aufzuopfern, so bist du nicht demütig und befindest dich nicht auf dem Weg der Heiligkeit. Die Heiligkeit, die Gott seiner Kirche schenkt, kommt durch die Demütigung seines Sohnes, das ist der Weg. Die Demütigung macht dich Jesus ähnlich, sie ist unumgänglicher Teil der Nachfolge Christi: »Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt« (1Petr 2,21). Er bringt seinerseits die Demut des Vaters zum Ausdruck, der sich demütigt, um mit seinem Volk unterwegs zu sein, der dessen Treulosigkeiten und Murren erträgt (vgl. Ex 34,6-9; Weish 11,23-12,2; Lk 6,36). Aus diesem Grund »freuten sich« die Apostel nach ihrer Demütigung, »dass sie gewürdigt worden waren, für Jesu Namen Schmach zu erleiden« (Apg 5,41).

119.     Ich beziehe mich nicht nur auf die grausamen Situationen des Martyriums, sondern auf die alltäglichen Demütigungen jener, die schweigen, um ihre Familie zu retten; oder die es vermeiden, gut von sich selbst zu sprechen, und es vorziehen, andere zu preisen, anstatt sich selbst zu rühmen; die weniger glanzvolle Aufgaben wählen, und es sogar manchmal vorziehen, etwas Ungerechtes zu ertragen, um es dem Herrn aufzuopfern: »Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes« (1Petr 2,20). Das bedeutet nicht, mit gesenktem Kopf umherzulaufen, wenig zu sprechen oder die Gesellschaft zu fliehen. Manchmal kann jemand – gerade weil er von der Ichbezogenheit befreit ist – es wagen, auf liebevolle Weise zu diskutieren, Gerechtigkeit einzufordern oder die Schwachen vor den Mächtigen zu verteidigen, auch wenn ihm das negative Folgen für sein Ansehen einbringt.

120.     Ich sage nicht, dass die Demütigung etwas Angenehmes ist – denn das wäre Masochismus –, sondern dass es sich um einen Weg handelt, um Jesus nachzuahmen und in der Vereinigung mit ihm zu wachsen. Das ist nicht auf natürliche Weise zu verstehen und die Welt spottet über einen solchen Vorschlag. Es ist eine Gnade, die wir erbitten müssen: „Herr, wenn die Demütigungen kommen, so hilf mir, zu erkennen, dass ich dir folge, auf deinem Weg.“

121.     Eine solche Haltung setzt ein durch Christus befriedetes Herz voraus, befreit von dieser Aggressivität, die aus einem überhöhten Ich hervorgeht. Ebendiese gnadengewirkte Befriedung erlaubt uns, eine innere Sicherheit zu bewahren sowie im Guten durchzuhalten und auszuharren, selbst wenn ich »durch das trostlose Tal« gehe (Ps 23,4), oder selbst wenn »ein Heer mich belagert« (Ps 27,3). Fest gegründet im Herrn, dem Fels, können wir singen: »In Frieden leg’ ich mich nieder und schlafe ein; denn du allein, Herr, lässt mich sorglos wohnen« (Ps 4,9). Letzten Endes »ist« Christus »unser Friede« (Eph 2,14), er kam, »um unsre Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens« (Lk 1,79). Er übermittelte der heiligen Faustyna Kowalska: »Die Menschheit wird keinen Frieden finden, solange sie sich nicht mit Vertrauen an die göttliche Barmherzigkeit wendet.«[98] Verfallen wir also nicht der Versuchung, die innere Sicherheit in den Erfolgen, in den leeren Vergnügungen, in den Besitztümern, in der Herrschaft über andere oder im gesellschaftlichen Ansehen zu suchen: »Meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt« (Joh 14,27).

Freude und Sinn für Humor

122.     Das bisher Gesagte impliziert nicht einen apathischen, traurigen, säuerlichen, melancholischen Geist oder ein schwaches Profil ohne Kraft. Der Heilige ist fähig, mit Freude und Sinn für Humor zu leben. Ohne den Sinn für die Wirklichkeit zu verlieren, erleuchtet er die anderen mit einem positiven und hoffnungsfrohen Geist. Christ sein bedeutet »Freude im Heiligen Geist« (Röm 14,17), denn »auf die heilige Liebe folgt mit Notwendigkeit die Freude. Denn der Liebende freut sich über die Verbindung mit dem Geliebten […] Daher ist die Gefolgschaft der Liebe die Freude.«[99] Wir haben die Schönheit seines Wortes empfangen und es mit offenen Armen »trotz großer Bedrängnis mit der Freude aufgenommen, die der Heilige Geist gibt« (1Thess 1,6). Wenn wir zulassen, dass der Herr uns aus unserem Korsett herausholt und unser Leben verwandelt, dann werden wir verwirklichen können, was der heilige Paulus forderte: »Freut euch im Herrn zu jeder Zeit! Noch einmal sage ich: Freut euch!« (Phil 4,4).

123.     Die Propheten kündigten die Zeit Jesu, die wir nun leben, als eine Offenbarung der Freude an: »Jauchzt und jubelt!« (Jes 12,6). »Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude!« (Jes 40,9). »Freut euch, ihr Berge! Denn der Herr hat sein Volk getröstet und sich seiner Armen erbarmt« (Jes 49,13). »Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Gerecht ist er und Rettung wurde ihm zuteil« (Sach 9,9). Vergessen wir nicht die Aufforderung Nehemias: »Seid nicht besorgt, denn die Freude am Herrn ist eure Stärke« (8,10).

124.     Maria hat verstanden, die Neuheit zu entdecken, die Jesus uns brachte, und sang: »Mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter« (Lk 1,47). Jesus selbst war »vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude« (Lk 10,21). Wenn er vorüberging, »freute sich das ganze Volk« (Lk 13,17). Nach seiner Auferstehung herrschte dort, wo die Jünger hinkamen, »große Freude« (Apg 8,8). Uns gibt Jesus eine Sicherheit: »Ihr werdet traurig sein, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln […] ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude« (Joh 16,20.22). »Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.« (Joh 15,11).

125.     Es gibt schwere Momente, Zeiten des Kreuzes, doch nichts kann die übernatürliche Freude zerstören: »Sie passt sich an und verwandelt sich, und bleibt immer wenigstens wie ein Lichtstrahl, der aus der persönlichen Gewissheit hervorgeht, jenseits von allem grenzenlos geliebt zu sein.«[100] Es ist eine innere Sicherheit, eine hoffnungsfrohe Gelassenheit, die eine geistliche Zufriedenheit schenkt, die für weltliche Maßstäbe unverständlich ist.

126. Normalerweise wird die christliche Freude von einem Sinn für Humor begleitet, sehr markant zum Beispiel beim heiligen Thomas Morus, beim heiligen Vinzenz von Paul oder beim heiligen Philipp Neri. Missmut ist kein Zeichen von Heiligkeit: »Halte deinen Sinn von Ärger frei!« (Koh 11,10). Es ist so viel, was wir vom Herrn erhalten, »um es zu genießen« (1Tim 6,17), dass die Traurigkeit mitunter mit Undankbarkeit zu tun hat: Man ist so in sich selbst verschlossen, dass man unfähig wird, die Geschenke Gottes anzuerkennen.[101]

127.     Seine väterliche Liebe lädt uns ein: »Mein Sohn, tu dir selbst Gutes […] Versag dir nicht das Glück des heutigen Tages« (Sir 14,11.14). Er will, dass wir positiv sind, dankbar und nicht zu kompliziert: »Am Glückstag erfreue dich […] Gott hat die Menschen recht gemacht, sie aber haben sich in allen möglichen Berechnungen versucht« (Koh 7,14.29). In jedem Fall muss man einen beweglichen Geist bewahren und es wie der heilige Paulus machen: »Ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden« (Phil 4,11). Dies lebte der heilige Franz von Assisi. Er konnte angesichts eines Stücks harten Brotes von Dankbarkeit ergriffen werden oder Gott allein wegen der Windbrise, die sein Gesicht streichelte, glücklich lobpreisen.

128.     Ich rede nicht von der konsumorientierten und individualistischen Freude, die in einigen kulturellen Ausprägungen von heute so präsent ist. Denn der Konsumismus stopft das Herz nur voll; er kann gelegentliches und vorübergehendes Vergnügen bieten, aber keine Freude. Ich beziehe mich vielmehr auf die Freude, die man in Gemeinschaft erlebt, die man teilt und verteilt, denn »geben ist seliger als nehmen« (Apg 20,35) und »Gott liebt einen fröhlichen Geber« (2Kor 9,7). Die geschwisterliche Liebe vervielfacht unsere Fähigkeit zur Freude, weil sie uns fähig macht, uns über das Wohl der anderen zu freuen: »Freut euch mit den Fröhlichen« (Röm 12,15). »So ist es uns eine Freude, wenn wir schwach dastehen, ihr aber euch als stark erweist« (2Kor 13,9). Wenn wir uns dagegen »vor allem auf unsere eigenen Bedürfnisse konzentrieren, verurteilen wir uns dazu, mit wenig Freude zu leben«.[102]

Wagemut und Eifer

129.     Zugleich bedeutet Heiligkeit auch parrhesía: sie ist Wagemut, ist Antrieb zur Evangelisierung, die eine Spur in dieser Welt hinterlässt. Damit das möglich ist, kommt Jesus selbst uns entgegen und sagt uns einmal mehr mit Gelassenheit und Entschlossenheit: »Fürchtet euch nicht!« (Mk 6,50). »Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt« (Mt 28,20). Diese Worte helfen uns, voranzuschreiten und zu dienen mit jener Haltung voller Mut, die der Heilige Geist in den Aposteln weckte und die sie antrieb, Jesus Christus zu verkünden. Wagemut, Enthusiasmus, mit Freimut sprechen, apostolischer Eifer – all das ist im griechischen Wort parrhesía enthalten, dem Wort, mit dem die Bibel auch die Freiheit einer Existenz ausdrückt, die offen ist, weil sie für Gott und für die anderen verfügbar ist (vgl. Apg 4,29; 9,28; 28,31; 2Kor 3,12; Eph 3,12; Hebr 3,6; 10,19).

130.     Der selige Paul VI. erwähnte unter den Hindernissen für die Evangelisierung gerade den Mangel an parrhesía: »den Mangel an Eifer, der umso schwerwiegender ist, weil er aus dem Innern entspringt«.[103] Wie oft sind wir versucht, aus Bequemlichkeit am Ufer zu bleiben! Doch der Herr ruft uns, aufs Meer hinauszufahren und die Netze in tieferen Gewässern auszuwerfen (vgl. Lk 5,4). Er lädt uns ein, unser Leben in seinem Dienst zu verausgaben. In ihm verankert fassen wir Mut, alle unsere Charismen in den Dienst der anderen zu stellen. Hoffentlich fühlen wir uns durch seine Liebe gedrängt (vgl. 2Kor 5,14) und können mit dem heiligen Paulus sagen: »Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!« (1Kor 9,16).

131.     Schauen wir auf Jesus: Sein tiefes Mitleid ließ ihn nicht in sich selbst zurückziehen, es war kein lähmendes, furchtsames oder verschämtes Mitleid, wie es bei uns oft vorkommt, sondern das genaue Gegenteil. Es war ein Mitleid, das ihn dazu bewegte, kraftvoll aus sich herauszugehen, um zu verkünden, um in die Mission zu senden, um auszusenden, zu heilen und zu befreien. Erkennen wir unsere Schwachheit, aber lassen wir zu, dass Jesus sie in seine Hände nimmt und uns in die Mission hinaustreibt. Wir sind schwach, aber Träger eines Schatzes, der uns groß macht und der die besser und glücklicher machen kann, die ihn empfangen. Wagemut und apostolischer Mut sind konstitutiv für die Mission.

132.     Die parrhesía ist Kennzeichen des Heiligen Geistes, Zeugnis für die Glaubwürdigkeit der Verkündigung. Sie ist frohe Sicherheit, die uns dazu bringt, uns des Evangeliums, das wir verkünden, zu rühmen, sie ist unerschütterliches Vertrauen in die Treue des treuen Zeugen schlechthin, der uns die Sicherheit gibt, dass nichts »uns scheiden« kann »von der Liebe Gottes« (Röm 8,39).

133.     Wir brauchen den Anstoß des Heiligen Geistes, um nicht durch Furcht und Berechnung gelähmt zu werden, um uns nicht daran zu gewöhnen, nur innerhalb sicherer Grenzen unterwegs zu sein. Denken wir daran, dass verschlossene Räume am Ende nach Moder riechen und uns krank machen. Als die Apostel die Versuchung spürten, sich vor Ängsten und Gefahren lähmen zu lassen, begannen sie, gemeinsam zu beten und um die parrhesía zu bitten: »Doch jetzt, Herr, sieh auf ihre Drohungen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut dein Wort zu verkünden!« (Apg 4,29). Und die Antwort war: »Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und sie verkündeten freimütig das Wort Gottes.« (Apg 4,31).

134.     Wie der Prophet Jona sind wir immer latent in der Versuchung, an einen sicheren Ort zu fliehen, der viele Namen haben kann: Individualismus, Spiritualismus, Einschließen in kleine Welten, Abhängigkeit, Sich-Einrichten, Wiederholung bereits festgelegter Schemata, Dogmatismus, Nostalgie, Pessimismus, Zuflucht zu den Normen. Womöglich haben wir uns dagegen gesträubt, ein Gebiet zu verlassen, das uns bekannt und leicht handzuhaben war. Die Schwierigkeiten können jedoch so etwas sein wie der Sturm, wie der Wal, wie der Wurm, der den Rizinusstrauch des Jona vertrocknen ließ, oder wie der Wind und die Sonne, die Jona auf den Kopf brannte; wie für ihn, so können sie auch für uns die Funktion haben, uns zu diesem Gott zurückkehren zu lassen, der Zärtlichkeit ist und der uns auf eine ständige und erneuernde Wanderung mitnehmen möchte.

135.     Gott ist immer Neuheit, die uns antreibt, ein ums andere Mal aufzubrechen und uns an neue Orte zu begeben, um über das Bekannte hinauszugehen, hin zu den Rändern und Grenzen. Er bringt uns dort hin, wo die Menschheit am meisten verletzt ist und wo die Menschen – unter dem Anschein der Oberflächlichkeit und des Konformismus – weiter die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens suchen. Gott hat keine Angst! Er hat keine Angst! Er geht immer über unsere Schemata hinaus und hat keine Angst vor den Rändern. Er selbst hat sich zum „Rand“ gemacht (vgl. Phil 2,6-8; Joh 1,14). Deshalb werden wir, wenn wir es wagen, an die Ränder zu gehen, ihn dort antreffen, er wird schon dort sein. Jesus kommt uns zuvor im Herzen unserer Brüder und Schwestern, in ihrem verletzten Leib, in ihrem unterdrückten Leben, in ihrer verdunkelten Seele. Er ist schon dort.

136.     Es ist wahr, dass wir die Tür unseres Herzens öffnen müssen, denn er klopft an und ruft (vgl. Offb 3,20). Allerdings frage ich mich manchmal, ob Jesus – wegen der stickigen Luft unserer Selbstbezogenheit – in unserem Inneren nicht schon klopft, damit wir ihn hinauslassen. Im Evangelium sehen wir: Jesus »wanderte von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes« (Lk 8,1). Ebenso sehen wir es nach seiner Auferstehung, als die Jünger überallhin auszogen: »Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten« (Mk 16,20). Dies ist die Dynamik, die aus der wahren Begegnung entspringt.

137.     Die Gewohnheit verführt uns und behauptet, dass es keinen Sinn habe, etwas zu ändern zu versuchen, dass wir angesichts dieser Situation nichts tun können, dass es immer so gewesen ist und dass wir dennoch weitergelebt haben. Weil wir daran gewöhnt sind, treten wir dem Bösen nicht mehr entgegen und lassen es zu, dass die Dinge „eben sind, wie sie sind“ oder wie einige wenige entschieden haben, dass sie sein sollen. Lassen wir doch zu, dass der Herr kommt, um uns aufzuwecken, um uns in unserer Schläfrigkeit einen Ruck zu versetzen, um uns von der Trägheit zu befreien. Bieten wir der Gewohnheit die Stirn, öffnen wir weit unsere Augen und Ohren, vor allem aber das Herz, um uns bewegen zu lassen durch das, was um uns herum geschieht, und durch den Ruf des lebendigen und wirkmächtigen Wortes des Auferstandenen.

138.     Das Vorbild vieler Priester, Ordensfrauen, Ordensmänner und Laien, die sich mit großer Treue hingeben, um zu verkündigen und zu dienen – oftmals unter Einsatz ihres Lebens und gewiss auf Kosten ihrer Bequemlichkeit –, versetzt uns in Bewegung. Ihr Zeugnis erinnert uns daran, dass die Kirche nicht viele Bürokraten und Funktionäre braucht, sondern leidenschaftliche Missionare, die verzehrt werden von der Begeisterung, das wahre Leben mitzuteilen. Die Heiligen überraschen, verwirren, weil ihr Leben uns einlädt, aus der ruhigen und betäubenden Mittelmäßigkeit hinauszugehen.

139.     Bitten wir den Herrn um die Gnade, nicht zu zögern, wenn der Heilige Geist uns auffordert, einen Schritt vorwärts zu tun; bitten wir um den apostolischen Mut, anderen das Evangelium weiterzugeben und es zu unterlassen, aus unserem christlichen Leben ein Museum voller Andenken zu machen. Lassen wir es unbedingt zu, dass der Heilige Geist bewirkt, dass wir die Geschichte unter dem Vorzeichen des auferstandenen Jesus betrachten. Auf diese Weise wird die Kirche, statt zu ermüden, weiter vorwärtsgehen und dabei die Überraschungen des Herrn begrüßen.

In Gemeinschaft

140.     Es ist sehr schwierig, gegen die eigene Begehrlichkeit und gegen die Nachstellungen und Versuchungen des Bösen und der egoistischen Welt zu kämpfen, wenn wir uns absondern. Es ist ein solches Bombardement, das uns verleitet, dass wir – wenn wir zu viel alleine sind – leicht den Sinn für die Wirklichkeit, die innere Klarheit, verlieren und unterliegen.

141.     Die Heiligung ist ein gemeinschaftlicher Weg, immer zu zweit. So spiegeln es einige heilige Gemeinschaften wider. Bei verschiedenen Gelegenheiten hat die Kirche ganze Gemeinschaften heiliggesprochen, die das Evangelium auf heroische Weise lebten oder Gott das Leben all ihrer Mitglieder darbrachten. Denken wir zum Beispiel an die sieben heiligen Gründer des Ordens der Diener Mariens (Serviten), an die sieben seligen Ordensfrauen des ersten Heimsuchungsklosters in Madrid (Salesianerinnen), an den heiligen Paul Miki und seine Gefährten, Märtyrer in Japan, an den heiligen Andreas Kim Taegon und seine Gefährten, Märtyrer in Korea, an den heiligen Roque González de Santa Cruz und seine Gefährten, Märtyrer in Südamerika. Wir erinnern uns auch an das jüngste Zeugnis der Trappistenmönche von Tibhirine (Algerien), die sich gemeinsam auf das Martyrium vorbereiteten. Ebenso gibt es viele heilige Ehepaare, bei denen jeder einzelne ein Werkzeug Christi zur Heiligung des Ehepartners war. Mit anderen zusammen zu leben oder zu arbeiten, ist zweifellos ein Weg der geistlichen Entwicklung. Der heilige Johannes vom Kreuz sagte zu einem seiner Schüler: Du lebst mit anderen zusammen, »damit sie dich bearbeiten und einüben«.[104]

142.     Die Gemeinschaft ist dazu berufen, diesen »göttlichen Ort« zu schaffen, »an dem die mystische Gegenwart des auferstandenen Herrn erfahren werden kann«.[105] Das Wort Gottes miteinander zu teilen und die Eucharistie gemeinsam zu feiern, macht uns immer mehr zu Brüdern und Schwestern und verwandelt uns in eine heilige und missionarische Gemeinschaft. Daraus erwachsen auch echte mystische und in Gemeinschaft gelebte Erfahrungen, wie es beim heiligen Benedikt und der heiligen Scholastika der Fall war oder bei jener erhebenden geistlichen Begegnung, die der heilige Augustinus und seine Mutter, die heilige Monika, gemeinsam erlebten: »Schon nahte der Tag, da sie aus diesem Leben scheiden sollte – du kanntest ihn, wir nicht –, da traf es sich, wie ich glaube durch deine geheime Fügung, dass wir beide allein, ich und sie, an ein Fenster gelehnt standen, das in den Garten innerhalb des Hauses ging, das uns beherbergte […] Doch lechzte begierig unser Herz nach den Wassern aus der Höhe, den Wassern „deiner Quelle“, der „Quelle des Lebens, die bei dir ist“ […] Und während wir so reden von dieser ewigen Weisheit, voll Sehnsucht nach ihr, da streiften wir sie leise in einem vollen Schlag des Herzens […] dass so nun ewig Leben wäre, wie jetzt dieser Augenblick Erkennen, dem unser Seufzen galt.«[106]

143.     Doch diese Erfahrungen sind weder sehr häufig, noch sind sie das Wichtigste. Das Gemeinschaftsleben – sei es in der Familie, in der Pfarrei, in der Ordensgemeinschaft oder in irgendeiner anderen Gemeinschaft – besteht aus vielen kleinen alltäglichen Details. Das geschah in der heiligen Gemeinschaft, die Jesus, Maria und Josef bildeten und wo sich auf vorbildhafte Weise die Schönheit der Gemeinschaft der Dreieinigkeit widerspiegelte. Das ist es auch, was sich in dem Gemeinschaftsleben ereignete, das Jesus mit seinen Jüngern und mit dem einfachen Volk führte. 

144. Erinnern wir uns daran, wie Jesus seine Jünger einlud, aufmerksam zu sein für die Details.

  • Das kleine Detail, dass bei einem Fest der Wein ausging.
  • Das kleine Detail, dass ein Schaf fehlte.
  • Das kleine Detail der Witwe, die zwei kleine Münzen als Opfergabe gab.
  • Das kleine Detail, für die Lampen Öl in Reserve zu haben, falls der Bräutigam sich verspätet.
  • Das kleine Detail, seine Jünger aufzufordern, sie sollten nachschauen, wie viele Brote sie hatten.
  • Das kleine Detail, ein Feuer vorbereitet und Fisch auf dem Grillrost liegen zu haben, während er die Jünger frühmorgens erwartete.

145.     Die Gemeinschaft, die die kleinen Details der Liebe bewahrt,[107] wo die Mitglieder sich umeinander kümmern und einen offenen und evangelisierenden Raum bilden, ist Ort der Gegenwart des Auferstandenen, der sie entsprechend dem Heilsplan des Vaters heiligt. Gelegentlich werden uns – durch ein Gnadengeschenk des Herrn – inmitten dieser kleines Details tröstliche Erfahrungen Gottes geschenkt: »Eines Abends im Winter verrichtete ich wie gewöhnlich meinen kleinen Dienst […] plötzlich hörte ich aus der Ferne den harmonischen Klang eines Musikinstrumentes, da stellte ich mir einen wohlerleuchteten Salon vor, glänzend in Goldschmuck, worin elegant gekleidete Mädchen Artigkeiten und weltliche Höflichkeiten austauschten; dann fiel mein Blick auf die arme Kranke, die ich stützte; statt einer Melodie vernahm ich von Zeit zu Zeit ihr klagendes Stöhnen […] Ich vermag nicht in Worte zu fassen, was in meiner Seele vorging; was ich weiß, ist, dass der Herr sie mit den Strahlen der Wahrheit erleuchtete, die den trüben Glanz irdischer Feste derart übertreffen, dass ich mein Glück nicht zu fassen vermochte.«[108]

146.     Gegen die Tendenz zum konsumistischen Individualismus – der uns schließlich isoliert auf der Suche nach dem Wohlergehen abseits von den anderen – dürfen wir auf unserem Weg der Heiligung nicht aufhören, uns mit dem Wunsch Jesu zu identifizieren: »Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin« (Joh 17,21).

In beständigem Gebet

147.     Auch wenn es offenkundig scheinen mag, erinnern wir schließlich daran, dass die Heiligkeit in einer gewohnheitsmäßigen Offenheit für die Transzendenz besteht, die sich in Gebet und Anbetung äußert. Der Heilige ist ein Mensch mit einem betenden Geist, der es nötig hat, mit Gott zu kommunizieren. Er ist jemand, der es nicht erträgt, in der verschlossenen Immanenz dieser Welt zu ersticken, sondern inmitten seiner Anstrengungen und Hingabe nach Gott Luft holt, der aus sich herausgeht im Lobpreis und seine Grenzen weitet in der Betrachtung des Herrn. Ich glaube nicht an eine Heiligkeit ohne Gebet, auch wenn es sich nicht notwendigerweise um ausgedehnte Zeiten oder intensive Gefühle handeln muss.

148.     Der heilige Johannes vom Kreuz empfahl, sich »zu bemühen, immer in der Gegenwart Gottes zu wandeln – sei es in der wirklichen, in der imaginären oder in der einigenden –, in Abstimmung mit dem, was die Werke erlauben, die man gerade ausführt«.[109] Im Grunde ist es die Sehnsucht nach Gott, die sich unweigerlich auf irgendeine Weise inmitten unseres alltäglichen Lebens zeigt: »Bemühen Sie sich, im Gebet beständig zu sein, und inmitten der körperlichen Arbeiten unterlassen Sie es nicht. Sei es, dass Sie essen, trinken, mit anderen sprechen, oder irgendeine Sache tun, wandeln Sie immer im Sehnen nach Gott und Ihr Herz ihm zuneigend.«[110]

149.     Damit dies jedoch möglich ist, sind auch einige Momente nur für Gott notwendig, in Abgeschiedenheit mit ihm. Für die heilige Teresa von Ávila ist das Gebet ein »freundschaftliches Umgehen, indem wir uns viele Male ganz allein mit dem unterreden, von dem wir wissen, dass er uns liebt«.[111] Ich möchte darauf bestehen, dass dies nicht nur für einige wenige Privilegierte gilt, sondern für alle, weil »wir alle dieses von angebeteter Gegenwart erfüllte Schweigen nötig haben«.[112] Das vertrauensvolle Gebet ist eine Reaktion des Herzens, das sich Gott von Angesicht zu Angesicht öffnet, wo alles Gerede zum Verstummen kommt, um auf die sanfte Stimme des Herrn zu horchen, die im Schweigen widerhallt.

150.     In diesem Schweigen kann man im Licht des Heiligen Geistes die Wege der Heiligkeit erkennen, die der Herr uns vorschlägt. Andernfalls werden alle unsere Entscheidungen nur „Dekorationen“ sein können, die das Evangelium verdecken oder ersticken, anstatt es in unserem Leben zu verherrlichen. Für jeden Jünger ist es unerlässlich, mit dem Meister zusammen zu sein, auf ihn zu hören, von ihm zu lernen, immer zu lernen. Wenn wir nicht hinhorchen, werden alle unsere Worte einzig und allein Lärm sein, der zu nichts dient. 

151.     Erinnern wir uns daran: »Es ist die Betrachtung des Antlitzes des gestorbenen und auferstandenen Jesus, die unsere Menschheit wieder zusammenfügt, auch jene, die durch die Mühen des Lebens zerteilt oder von der Sünde gezeichnet ist. Wir dürfen die Macht des Antlitzes Christi nicht domestizieren.«[113] Also wage ich es, dich zu fragen: Gibt es Momente, in denen du dich im Schweigen in seine Gegenwart versetzt, ohne Hast bei ihm verweilst und dich von ihm anschauen lässt? Lässt du es zu, dass sein Feuer dein Herz entflammt? Wenn du ihm nicht erlaubst, dass er die Wärme seiner Liebe und Zärtlichkeit nährt, wirst du kein Feuer besitzen. Wie also wirst du dann das Herz der anderen mit deinem Zeugnis und deinen Worten entflammen können? Und wenn du es vor dem Antlitz Jesu noch immer nicht schaffst, dich heilen und verwandeln zu lassen, dann dring in das Innere Jesu ein, begib dich in seine Wunden, denn dort hat die göttliche Barmherzigkeit ihren Sitz.[114]

152.     Ich bitte aber, dass wir das betende Schweigen nicht als eine Flucht verstehen, welche die Welt verneint, die uns umgibt. Der russische Pilger, der im immerwährenden Gebet unterwegs war, erzählt, dass dieses Gebet ihn nicht von der äußeren Realität trennte: »Geschah es aber am Tage, dass ich irgendjemanden traf, so erschienen mir alle ohne Ausnahme so lieb und nah, als wären sie meine Verwandten […] Diese [Wonne] fühlte ich nicht nur im Inneren meiner Seele, sondern auch die ganze Außenwelt schien mir wunderbar schön.«[115]

153.     Ebenso wenig verschwindet die Geschichte. Das Gebet sollte – gerade weil es sich von der Gabe Gottes nährt, die sich in unser Leben ergießt – immer ein gutes Gedächtnis besitzen. Das Gedächtnis der Taten Gottes ist die Grundlage der Erfahrung des Bundes zwischen Gott und seinem Volk. Da Gott in die Geschichte eintreten wollte, ist das Gebet aus Erinnerungen gewoben: nicht nur aus der Erinnerung des geoffenbarten Wortes, sondern auch aus der Erinnerung des eigenen Lebens, des Lebens der anderen, dessen, was der Herr in seiner Kirche gewirkt hat. Es ist das dankbare Gedächtnis, von dem auch der heilige Ignatius von Loyola in seiner »Betrachtung, um Liebe zu erlangen«[116] spricht, wenn er uns auffordert, uns alle Wohltaten Gottes in Erinnerung zu rufen, die wir vom Herrn empfangen haben. Schau auf deine Lebensgeschichte, wenn du betest, und du wirst in ihr so viel an Erbarmen finden. Zugleich wird dies in dir das Bewusstsein nähren, dass der Herr dich in seinem Gedächtnis behält und dich niemals vergisst. Daher ist es sinnvoll, ihn zu bitten, dass er auch die kleinen Details deiner Existenz, die ihm nicht entgehen, erleuchten möge.

154.     Die inständige Bitte ist Ausdruck des Herzens, das auf Gott vertraut, das weiß, dass es alleine nichts vermag. Im Leben des gläubigen Gottesvolkes finden wir viel an inniger Bitte, voll gläubiger Zärtlichkeit und tiefen Vertrauens. Nehmen wir dem Bittgebet nicht seinen Wert, das oft unser Herz beruhigt und uns hilft, mit Hoffnung weiter zu kämpfen. Die Fürbitte hat einen besonderen Wert, weil sie ein Akt des Gottvertrauens und zugleich ein Ausdruck der Nächstenliebe ist. Manche glauben aufgrund von spiritualistischen Vorurteilen, dass das Gebet eine reine Kontemplation Gottes sein müsse, ohne Ablenkungen, so als ob die Namen und Gesichter der Brüder und Schwestern eine zu vermeidende Störung wären. Die Realität ist dagegen, dass das Gebet Gott gefälliger und heiligmachender wird, wenn wir darin durch die Fürbitte versuchen, das von uns Jesus hinterlasse Doppelgebot zu leben. Die Fürbitte drückt das brüderliche Engagement für andere aus, wenn wir in ihr fähig sind, das Leben anderer aufzunehmen, mit ihren verstörenden Seelennöten und besten Träumen. Wer sich großmütig der Fürbitte widmet, von dem kann man mit den Worten der Heiligen Schrift sagen: »Dieser ist der Freund seiner Brüder, der viel für das Volk betet« (2 Makk 15,14).

155.     Wenn wir wirklich glauben, dass Gott existiert, können wir es nicht unterlassen, ihn anzubeten – bisweilen in einem von Anbetung erfüllten Schweigen – oder ihn in festlichem Lobpreis zu besingen. So drücken wir das aus, was der selige Charles de Foucauld lebte, wenn er sagte: »Sobald ich glaubte, dass es einen Gott gibt, wurde mir klar, dass ich nichts anderes tun konnte, als für ihn allein zu leben.«[117] Auch im Leben des pilgernden Volkes Gottes gibt es viele schlichte Gesten der reinen Anbetung, zum Beispiel wenn »der Blick des Pilgers […] auf einem Abbild [ruht], das die zärtliche Zuwendung und Nähe Gottes symbolisiert. Die Liebe hält inne, betrachtet das Mysterium und erfreut sich im Schweigen daran.«[118]

156.     Das betende Lesen des Wortes Gottes, das »süßer als Honig« (Ps 119,103) und »schärfer als jedes zweischneidige Schwert« (Hebr 4,12) ist, erlaubt uns, innezuhalten und dem Meister zuzuhören, damit er eine Leuchte für unsere Schritte sei, Licht für unsere Wege (vgl. Ps 119,105). Wie die Bischöfe Indiens uns richtig in Erinnerung gerufen haben, ist »die Verehrung des Wortes Gottes […] nicht bloß eine von vielen Andachtsformen, schön, aber etwas Optionales. Sie gehört zum Herzen und zur ureigenen Identität des christlichen Lebens. Das Wort Gottes hat eine ihm innewohnende Kraft, das Leben der Menschen zu verwandeln.«[119]

157.     Die Begegnung mit Jesus in der Heiligen Schrift führt uns zur Eucharistie, wo eben dieses Wort selbst seine größte Wirksamkeit erlangt, weil die Eucharistie Realpräsenz dessen ist, der das Lebendige Wort ist. Dort empfängt der einzig Absolute die höchste Anbetung, die ihm diese Erde geben kann, weil es Christus selbst ist, der sich hingibt. Und wenn wir ihn in der Kommunion empfangen, erneuern wir unseren Bund mit ihm und erlauben ihm, dass er sein verwandelndes Werk immer mehr verwirklicht.

 

FÜNFTES KAPITEL 

KAMPF, WACHSAMKEIT UND UNTERSCHEIDUNG

158.     Das Leben des Christen ist ein ständiger Kampf. Es bedarf Kraft und Mut, um den Versuchungen des Teufels zu widerstehen und das Evangelium zu verkünden. Dieses Ringen ist schön, weil es uns jedes Mal feiern lässt, dass der Herr in unserem Leben siegt.

Der Kampf und die Wachsamkeit

159.     Es handelt sich nicht nur um einen Kampf gegen die Welt und die weltliche Mentalität, die betrügt, betäubt und uns mittelmäßig werden lässt, ohne Engagement und freudlos. Ebenso wenig beschränkt er sich auf ein Ringen mit der eigenen Schwäche und den eigenen Lastern (ein jeder hat seine: Trägheit, Wollust, Neid, Eifersucht usw.). Es ist auch ein beständiger Kampf gegen den Teufel, welcher der Fürst des Bösen ist. Jesus selbst feiert unsere Siege. Er freute sich, als seine Jünger mit der Verkündigung des Evangeliums fortzuschreiten vermochten und den Widerstand des Bösen überwanden. Da rief er jubelnd aus: »Ich sah den Satan wie einen Blitz aus dem Himmel fallen« (Lk 10,18).

Mehr als ein Mythos

160.     Wir würden die Existenz des Teufels nicht anerkennen, wenn wir darauf beharrten, das Leben nur mit empirischen Kriterien und ohne übernatürlichen Sinn zu betrachten. Gerade die Überzeugung, dass diese böse Macht unter uns gegenwärtig ist, lässt uns verstehen, weshalb das Böse manchmal eine so zerstörerische Kraft besitzt. Gewiss hatten die biblischen Verfasser nur ein begrenztes begriffliches Rüstzeug zur Verfügung, um einige Sachverhalte auszudrücken, und man konnte zu Jesu Zeiten zum Beispiel eine Epilepsie mit der Besessenheit durch den Teufel verwechseln. Das darf uns jedoch nicht dazu verleiten, die Wirklichkeit so zu vereinfachen, dass wir sagen, dass alle Fälle, von denen in den Evangelien berichtet wird, von psychischen Krankheiten handeln und dass letztendlich der Teufel nicht existiert oder nicht tätig ist. Der Teufel ist auf den ersten Seiten der Bibel gegenwärtig, an deren Ende aber steht der Sieg Gottes über den Satan.[120] Als Jesus uns das Vaterunser lehrte, wollte er tatsächlich, dass wir am Ende den Vater bitten, er möge uns von dem Bösen erlösen. Der dort benutzte Ausdruck bezieht sich nicht auf etwas Böses im abstrakten Sinn, sondern lässt sich genauer mit „der Böse“ übersetzen. Er weist auf ein personales Wesen hin, das uns bedrängt. Jesus lehrte uns, täglich um diese Befreiung zu bitten, damit die Macht Satans uns nicht beherrsche.

161.     Wir sollen also nicht denken, dass dies ein Mythos, ein Schauspiel, ein Symbol, ein Bild oder eine Idee sei.[121] Dieser Irrtum bringt uns dazu, die Hände in den Schoß zu legen, nachlässig zu sein und mehr Gefährdungen ausgesetzt zu sein. Der Teufel hat es nicht nötig, uns zu beherrschen. Er vergiftet uns mit Hass, Traurigkeit, Neid, mit den Lastern. Er nützt dann unsere Achtlosigkeit, um unser Leben, unsere Familien und unsere Gemeinschaften zu zerstören, denn er »geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann« (1 Petr 5,8).

Wach und vertrauensvoll

162.     Das Wort Gottes lädt uns mit deutlichen Worten ein, »den listigen Anschlägen des Teufels zu widerstehen« (Eph 6,11) und »alle feurigen Geschosse des Bösen« (Eph 6,16) abzuwehren. Das sind keine romantischen Phrasen, denn unser Weg auf die Heiligkeit zu ist auch ein ständiger Kampf. Wer das nicht akzeptieren will, wird scheitern oder mittelmäßig bleiben. Für den Kampf haben wir die wirksamen Waffen, die der Herr uns gibt: der im Gebet zum Ausdruck gebrachte Glaube, die Betrachtung des Wortes Gottes, die Feier der heiligen Messe, die eucharistische Anbetung, das Sakrament der Versöhnung, die guten Werke, das Gemeinschaftsleben, der missionarische Einsatz. Wenn wir nachlässig werden, werden die falschen Versprechungen des Bösen uns leicht verführen, wie der heilige Pfarrer Brochero sagt: »Was nützt es, wenn Luzifer euch freimachen und mit all seinen Gütern überschütten will, wenn diese Güter verlogen sind, wenn es vergiftete Güter sind.«[122]

163.     Auf diesem Weg ist das Wachstum im Guten, in der geistlichen Reife und der Liebe das beste Gegengewicht zum Bösen. Niemand widersteht, wenn er sich entscheidet, an einem toten Punkt stehen zu bleiben; wenn er sich mit Wenigem begnügt; wenn er aufhört, davon zu träumen, sich dem Herrn noch mehr hinzugeben. Am allerwenigsten, wenn er einem Gefühl der Niederlage verfällt, denn »wer ohne Zuversicht beginnt, hat von vornherein die Schlacht zur Hälfte verloren und vergräbt die eigenen Talente. […] Der christliche Sieg ist immer ein Kreuz, doch ein Kreuz, das zugleich ein Siegesbanner ist, das man mit einer kämpferischen Sanftmut gegen die Angriffe des Bösen trägt.«[123]

Die geistliche Korruption

164.     Der Weg der Heiligkeit ist eine Quelle des Friedens und der Freude, die uns der Heilige Geist schenkt. Zugleich verlangt er jedoch, dass unsere »Lampen brennen« (Lk 12,35) und dass wir wachsam bleiben: »Meidet das Böse in jeder Gestalt!« (1 Thess 5,22). »Seid also wachsam!« (Mt 24,42; Mk 13,35). »Darum wollen wir nicht schlafen« (1 Thess 5,6). Denn wer meint, keine schweren Fehler gegen das Gesetz Gottes zu begehen, kann in einer Art Verblödung oder Schläfrigkeit nachlässig werden. Da er nichts Schlimmes findet, das er sich vorwerfen müsste, bemerkt er die Lauheit nicht, die sich allmählich in seinem geistlichen Leben breitmacht, und am Ende ist er aufgerieben und verdorben.

165.     Die geistliche Korruption ist schlimmer als der Fall eines Sünders, weil es sich um eine bequeme und selbstgefällige Blindheit handelt, wo schließlich alles zulässig erscheint: Unwahrheit, üble Nachrede, Egoismus und viele subtile Formen von Selbstbezogenheit – denn schon »der Satan tarnt sich als Engel des Lichts« (2 Kor 11,14). So passierte es seinerzeit Salomon, während der große Sünder David sein Elend zu überwinden wusste. In einer Erzählung warnte uns Jesus sehr vor dieser trügerischen Versuchung, die uns in die Korruption hineingleiten lässt: Er spricht von einem Menschen, der von einem Dämon befreit wurde. Als dieser meint, dass sein Leben schon rein wäre, wird er am Ende von sieben anderen bösen Geistern heimgesucht (vgl. Lk 11,24-26). Ein weiterer biblischer Text verwendet ein drastisches Bild: »Der Hund kehrt zurück zu dem, was er erbrochen hat« (2 Petr 2,22; vgl. Spr 26,11).

Die Unterscheidung

166.     Wie wissen wir, ob etwas vom Heiligen Geist kommt oder ob es im Geist der Welt oder im Geist des Teufels seinen Ursprung hat? Die einzige Methode ist die Unterscheidung, die nicht nur ein gutes Denkvermögen und einen gesunden Menschenverstand voraussetzt. Sie ist auch eine Gabe, um die man beten muss. Wenn wir sie vertrauensvoll vom Heiligen Geist erbitten und uns zugleich darum bemühen, sie durch Gebet, Betrachtung, Lektüre und guten Rat zu entfalten, können wir sicherlich in dieser geistlichen Fähigkeit wachsen.

Eine dringende Notwendigkeit

167.     Heutzutage ist die Haltung der Unterscheidung besonders notwendig. Das gegenwärtige Leben bietet enorme Möglichkeiten der Betätigung und der Ablenkung. Die Welt präsentiert sie, als wären sie alle wertvoll und gut. Alle, besonders die jungen Menschen, sind einem ständigen Zapping ausgesetzt. Man kann auf zwei oder drei Bildschirmen gleichzeitig navigieren und zugleich auf verschiedenen virtuellen Ebenen interagieren. Ohne die Weisheit der Unterscheidung können wir leicht zu Marionetten werden, die den augenblicklichen Trends ausgeliefert sind.

168.     Das erweist sich als besonders wichtig, wenn eine neue Situation in unserem Leben auftaucht und wir dann unterscheiden müssen, ob es neuer Wein ist, der von Gott kommt, oder aber eine trügerische Neuigkeit des Geistes der Welt oder des Geistes des Teufels. Bei anderen Gelegenheiten geschieht das Gegenteil, wenn die Kräfte des Bösen uns verleiten, uns nicht zu ändern, die Dinge so zu lassen, wie sie sind, sich für die Unbeweglichkeit und eine starre Haltung zu entscheiden. So behindern wir das Wehen des Heiligen Geistes. Wir sind frei, mit der Freiheit Jesu Christi; doch er ruft uns, das zu prüfen, was in uns ist – Wünsche, Ängste, Furcht, Sehnsüchte – und das, was außerhalb von uns geschieht – die „Zeichen der Zeit“ –, damit wir die Wege der Freiheit in Fülle erkennen: »Prüft alles und behaltet das Gute!« (1 Thess 5,21).

Immer im Licht des Herrn

169.     Der Unterscheidung bedarf es nicht nur bei außergewöhnlichen Ereignissen, wenn es schwierige Probleme zu lösen gilt oder wenn eine wichtige Entscheidung getroffen werden soll. Sie ist ein Mittel im Kampf, um dem Herrn besser zu folgen. Wir brauchen sie immer, um fähig zu sein, die Zeiten Gottes und seiner Gnade zu erkennen, um die Inspirationen des Herrn nicht zu verpassen, um seine Einladung zum Wachstum nicht vorbeigehen zu lassen. Oftmals entscheidet sich dies im Kleinen, in dem, was irrelevant erscheint, weil sich die Hochherzigkeit im Einfachen und Alltäglichen zeigt.[124] Es handelt sich darum, dem Großen, dem Besten und Schönsten keine Grenzen zu setzen, aber sich gleichzeitig auf das Kleine zu konzentrieren, auf die tägliche Hingabe. Deshalb bitte ich alle Christen, es nicht zu unterlassen, jeden Tag im Gespräch mit dem uns liebenden Herrn eine ehrliche Gewissenserforschung zu machen. Zugleich führt uns die Unterscheidung dazu, die konkreten Mittel zu erkennen, die der Herr in seinem geheimnisvollen Plan der Liebe vorbereitet hat, damit wir nicht nur bei guten Vorsätzen stehen bleiben.

Eine übernatürliche Gabe

170.     In der Tat schließt die geistliche Unterscheidung die Hilfe der menschlichen, existentiellen, psychologischen, soziologischen oder moralischen Weisheit nicht aus. Sie transzendiert sie jedoch. Nicht einmal die weisen Normen der Kirche reichen ihr aus. Erinnern wir uns immer daran, dass die Unterscheidung eine Gnade ist. Sie schließt Vernunft und Besonnenheit mit ein, übersteigt sie aber; denn sie trachtet danach, das Geheimnis des einzigartigen und unwiederholbaren Plans zu erfassen, den Gott für jeden einzelnen Menschen hegt und der sich inmitten der unterschiedlichsten Lebensumstände und Begrenzungen verwirklicht. Es geht nicht nur um ein zeitlich begrenztes Wohlbefinden, noch um die Befriedigung, etwas Nützliches zu tun, und nicht einmal um das Verlangen, ein ruhiges Gewissen zu haben. Es geht um den Sinngehalt meines Lebens vor dem Vater, der mich kennt und liebt; es geht um den wahren Sinn meiner Existenz, die niemand besser kennt als er. Die Unterscheidung führt letzten Endes zur Quelle des Lebens selbst, das nicht stirbt, zur Erkenntnis des Vaters, des einzigen wahren Gottes, und dessen, den er gesandt hat, Jesus Christus (vgl. Joh 17,3). Das erfordert weder besondere Fähigkeiten, noch bleibt es nur den Klugen und Gebildeten vorbehalten. Der Vater offenbart sich gerne den Demütigen (vgl. Mt11,25).

171.     Wenn auch der Herr auf verschiedene Weise zu uns spricht, inmitten unserer Arbeit, durch die anderen und in jedem Augenblick, so kann man doch nicht auf die Stille des Gebets verzichten, um seine Sprache besser wahrzunehmen, um die wirkliche Bedeutung von Eingebungen zu interpretieren, die wir zu empfangen glauben, um die Angst zu verlieren und um die Gesamtheit unserer eigenen Existenz im Licht Gottes wieder zusammenzufügen. So können wir diese neue Synthese entstehen lassen, die aus einem vom Heiligen Geist erleuchteten Leben entspringt.

Rede, Herr

172.     Dennoch kann es sein, dass wir uns selbst beim Gebet nicht der Freiheit des Geistes, der wirkt, wo er will, stellen wollen. Wir müssen uns bewusst sein, dass die Unterscheidung im Gebet von einer Bereitschaft zum Hören ausgehen muss: auf den Herrn, auf die anderen, auf die Wirklichkeit selbst, die uns immer auf neue Weisen fordert. Nur wer bereit ist zu hören, besitzt die Freiheit, seine eigene partielle und unzulängliche Betrachtungsweise, seine Gewohnheiten und seine Denkschemata aufzugeben. So ist man wirklich bereit, den Ruf zu hören, der die eigenen Sicherheiten aufbricht und zu einem besseren Leben führt, weil es nicht genügt, dass alles soweit gut geht und ruhig ist. Vielleicht will Gott uns Größeres schenken, und wir in unserer bequemen Zerstreutheit merken es nicht.

173.     Diese Haltung des Hörens schließt im Übrigen den Gehorsam gegenüber dem Evangelium als letztes Kriterium ein, aber auch gegenüber dem Lehramt, das es bewahrt und versucht, im Schatz der Kirche das zu finden, was am fruchtbarsten für das Heute des Heils ist. Es geht nicht darum, Rezepte anzuwenden oder die Vergangenheit zu wiederholen; denn die gleichen Lösungen gelten nicht unter allen Umständen, und was in einem Zusammenhang nützlich war, kann es in einem anderen nicht sein. Die Unterscheidung der Geister befreit uns von einer Starrheit, die keinen Bestand hat vor dem ewigen Heute des Auferstandenen. Einzig und allein der Heilige Geist weiß, in die dunkelsten Winkel der Wirklichkeit vorzudringen und alle ihre Schattierungen im Auge zu haben, damit die Neuheit des Evangeliums in einem anderen Licht aufleuchtet.

Die Logik des Geschenks und des Kreuzes

174.     Eine wesentliche Bedingung für das Fortschreiten in der Unterscheidung besteht in der Einübung in die Geduld Gottes und in seine Zeitmaßstäbe, die niemals unseren entsprechen. Er lässt nicht Feuer über die Ungläubigen vom Himmel fallen (vgl. Lk 9,54); er gestattet es den Eifernden nicht, das Unkraut auszureißen, das gemeinsam mit dem Weizen wächst (vgl. Mt13,29). Zudem bedarf es der Großherzigkeit, denn »geben ist seliger als nehmen« (Apg 20,35). Wir führen die Unterscheidung nicht durch, um herauszufinden, was wir sonst noch aus diesem Leben herausholen können, sondern um zu erkennen, wie wir diese Sendung, die uns in der Taufe anvertraut wurde, besser erfüllen können. Das bedeutet, zum Verzicht bereit zu sein und sogar alles hinzugeben. Denn das Glück ist paradox, und es schenkt uns die tiefsten Erfahrungen, wenn wir diese geheimnisvolle Logik, die nicht von dieser Welt ist, akzeptieren. So sagte der heilige Bonaventura in Bezug auf das Kreuz: »Das ist unsere Logik.«[125] Wenn jemand diese Dynamik annimmt, dann lässt er sein Gewissen nicht betäuben und öffnet sich großherzig der Unterscheidung.

175.     Wenn wir vor Gott die Wege des Lebens prüfen, gibt es keine Räume, die ausgeschlossen bleiben. In allen Bereichen unserer Existenz können wir weiter wachsen und sie etwas mehr Gott übergeben, auch dort, wo wir die größten Schwierigkeiten erfahren. Doch müssen wir den Heiligen Geist darum bitten, dass er uns befreie und jene Angst vertreibe, die uns dazu bringt zu verhindern, dass er in einige Bereiche unseres Lebens eintritt. Wer alles von ihm erbittet, dem gibt er auch alles. Er will nicht bei uns eintreten, um zu verstümmeln oder zu schwächen, sondern um die Fülle zu schenken. Dies lässt uns sehen, dass die Unterscheidung keine stolze Selbstanalyse oder egoistische Nabelschau ist, sondern ein wahrer Ausgang von uns selbst auf das Geheimnis Gottes zu, der uns hilft, die Sendung zu leben, zu der wir zum Wohl der Mitmenschen berufen sind.

* * *

176.     Mein Wunsch ist es, dass Maria diese Überlegungen kröne, weil sie wie keine andere die Seligpreisungen Jesu gelebt hat. Sie erbebte vor Freude in der Gegenwart des Herrn, sie bewahrte alles in ihrem Herzen und ließ es von einem Schwert durchdringen. Sie ist die Heilige unter den Heiligen, die Hochgebenedeite, die uns den Weg der Heiligkeit lehrt und uns begleitet. Sie nimmt es nicht hin, dass wir fallen und liegen bleiben, und zuweilen nimmt sie uns in ihre Arme, ohne uns zu verurteilen. Das Gespräch mit ihr tröstet uns, macht uns frei und heiligt uns. Die Mutter braucht nicht viele Worte, sie hat es nicht nötig, dass wir uns anstrengen, um ihr zu erklären, was uns passiert. Es genügt, ein ums andere Mal zu flüstern: »Gegrüßet seist du, Maria …«

177.     Ich hoffe, dass diese Seiten nützlich sind, damit sich die ganze Kirche um die Förderung des Wunsches nach Heiligkeit bemüht. Bitten wir darum, dass der Heilige Geist uns eine große Sehnsucht eingebe, heilig zu sein zur größeren Ehre Gottes. Ermutigen wir uns gegenseitig in diesem Anliegen. So werden wir ein Glück teilen, das uns die Welt nicht nehmen kann.

Gegeben zu Rom, bei St. Peter, am 19. März, dem Hochfest des heiligen Josef, im Jahr 2018, dem sechsten meines Pontifikats.

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Quelle

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Frankreich: Vergebungsbitte für Katharer-Verfolgung

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Der Bischof von Pamiers (l.) mit Bauern – AFP

Etwa achthundert Jahre nach der Verfolgung der Katharer hat ein Bischof in Südfrankfreich um Vergebung gebeten. In der Nähe der Festung von Montségur am Fuss der Pyrenäen feierte Bischof Jean-Marc Eychenne von Pamiers einen Sühnegottesdienst. Damit erinnerte er an die Verbrennung von 220 Katharern am 16. März 1244. Die Katharer werden auch Albigenser genannt; sie galten wegen ihrer Ablehnung der kirchlichen Hierarchie und Sakramente als Ketzer. Verbrannt wurden die 220 Anhänger der Buß- und Armutsbewegung, weil sie sich weigerten, ihrem Glauben abzuschwören. Diese Verbrennung war die letzte größere Aktion im Kreuzzug gegen die Katharer.

Das Bistum Pamiers betont, es handle sich bei der Vergebungsbitte um eine lokale Initiative, die nicht über die Bistumsgrenzen ausgreife. Sie stehe im Zusammenhang mit dem Heiligen Jahr der Barmherzigkeit. „Wir haben uns darum bemüht, zu unterscheiden, welche Geste der Barmherzigkeit wir tun könnten, um die Menschen in der Ariège-Region insgesamt zu erreichen“, so Bischof Eychenne. Das Vorgehen gegen die Katharer sei zwar lange her, aber „extrem grausam“ gewesen und daher immer noch im kollektiven Gedächtnis präsent.

Der Bischof betonte, dass die katholische Kirche seit der Katharer-Verfolgung einiges dazugelernt habe. Mittlerweile gehöre es zum festen Bestand der katholischen Soziallehre, dass Kirche und Staat getrennt sein sollen und dass die Gewissensfreiheit jedes einzelnen unbedingt zu respektieren sei.

„Es geht uns nicht um Selbstgeißelung“, erläuterte Eychenne gegenüber der katholischen Tageszeitung La Croix. „Wir bitten nicht die Katharer um Vergebung, sondern Gott – wegen dieses verletzten, kollektiven Unterbewußten. Viele Menschen haben hier noch das Gefühl, die Katholiken von heute seien im Grunde genauso wie die von damals.“

(apic/la croix 17.10.2016 sk)

Kongretation für die Glaubenslehre: ORDNUNG FÜR DIE LEHRÜBERPRÜFUNG

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Art. 1. Die Kongregation für die Glaubenslehre hat die Aufgabe, die Glaubens- und Sittenlehre in der ganzen katholischen Kirche zu fördern und zu schützen[1]. In der Erfüllung dieser Aufgabe leistet sie einen Dienst an der Wahrheit und schützt sie das Recht des Volkes Gottes auf die getreue und vollständige Verkündigung des Evangeliums. Damit Glaube und Sitten durch verbreitete Irrtümer keinen Schaden leiden, hat sie auch die Pflicht, Schriften und Meinungen zu überprüfen, die dem rechten Glauben entgegengesetzt oder gefährlich scheinen[2].

Art. 2. Dieser pastorale Grundauftrag kommt ferner allen Hirten der Kirche zu. Sie haben die Pflicht und das Recht, sowohl als einzelne, wie auch in Partikularkonzilien oder Bischofskonferenzen versammelt, darüber zu wachen, daß Glaube und Sitten bei den ihnen anvertrauten Gläubigen keinen Schaden nehmen[3]. Zu diesem Zweck können sie sich auch der Glaubenskommissionen bedienen, die institutionalisierte Beratungsorgane für die Bischofskonferenzen und die einzelnen Bischöfe in ihrer Sorge um die Glaubenslehre darstellen[4]. Dabei bleibt aber das Prinzip unangetastet, daß der Heilige Stuhl zu jeder Zeit intervenieren kann; dies tut er normalerweise dann, wenn der Einfluß einer Veröffentlichung über die Grenzen einer Bischofskonferenz hinausgeht oder der Glaube einer besonders schweren Gefahr ausgesetzt ist[5]. In diesem Fall hält sich die Glaubenskongregation an die im folgenden beschriebene Verfahrensweise.

 

I. Vorprüfung

Art. 3. Die angezeigten, wie auch immer verbreiteten Schriften und Lehrmeinungen werden vom zuständigen Ufficio einer aufmerksamen Lektüre unterzogen, deren Ergebnis demCongresso zur Prüfung vorgelegt wird. Nach einer ersten Bewertung der Gewichtigkeit der Frage entscheidet der Congresso, ob ein Studium durch das Ufficio vorzunehmen ist oder nicht.

 

II. Studium durch das Ufficio

Art. 4. Nach Feststellung seiner Authentizität wird die Schrift unter Mitarbeit eines oder mehrerer Konsultoren oder anderer Fachleute einer sorgfältigen Prüfung unterzogen[6] .

Art. 5. Das Ergebnis dieser Prüfung wird dem Congresso vorgetragen, der darüber entscheidet, ob es ausreichend ist, um bei den örtlichen Autoritäten zu intervenieren, oder ob eine ausführlichere Prüfung gemäß den beiden vorgesehenen Verfahrensweisen, dem ordentlichen oder dringlichen Lehrprüfungsverfahren[7], erforderlich ist.

Art. 6. Die Kriterien für diese Entscheidung ergeben sich von den möglichen vorhandenen Irrtümern, wobei deren Offensichtlichkeit, Schwere, Verbreitung, Einfluß und Gefahr für die Gläubigen zu berücksichtigen sind.

Art. 7. Hält der Congresso die durchgeführte Prüfung für ausreichend, kann er den Fall direkt dem Ordinarius übergeben und durch dessen Vermittlung dem Autor die in der Schrift enthaltenen lehrmäßigen Probleme zur Kenntnis bringen. In diesem Fall wird der Ordinarius[8] aufgefordert, die Frage zu vertiefen und den Autor zu ersuchen, daß er die notwendigen Klarstellungen vornehme, die anschließend dem Urteil der Kongregation zu unterbreiten sind.

 

III. Ordentliches Lehrprüfungsverfahren

Art. 8. Das ordentliche Prüfungsverfahren wird angewandt, wenn eine Schrift schwere lehrmäßige Irrtümer zu enthalten scheint, deren Aufdeckung ein sorgfältiges Unterscheidungsvermögen erfordert und deren möglicher negativer Einfluß auf die Gläubigen nicht zu besonderer Eile anzutreiben scheint. Dieses Verfahren hat zwei Phasen: die interne Phase, die aus der am Sitz der Kongregation vorgenommenen Voruntersuchung besteht[9], und die externe Phase, welche die Beanstandung und den Dialog mit dem Autor vorsieht[10].

Art. 9. Der Congresso bestimmt zwei oder mehrere Fachleute, welche die entsprechenden Schriften einer Prüfung unterziehen, in einem eigenen Gutachen dazu Stellung nehmen und beurteilen, ob der Text mit der kirchlichen Lehre übereinstimmt.

Art. 10. Der Congresso bestimmt auch den «relator pro auctore», dessen Aufgabe es ist, die positiven Aspekte der Lehre und die Vorzüge des Autors wahrheitsgemäß aufzuzeigen, zur richtigen Interpretation seines Denkens im allgemeinen theologischen Kontext beizutragen und ein Urteil über den Einfluß der Ansichten des Autors abzugeben. Zu diesem Zweck hat er das Recht auf Einsicht in alle den Fall betreffenden Akten.

Art. 11. Der Bericht des Ufficio, der alle zur Prüfung des Falles nützlichen Unterlagen, die Gutachten der Fachleute und die Darstellung des «relator pro auctore» enthält, wird derConsulta zugeleitet.

Art. 12. Zur Consulta können neben den Konsultoren, dem «relator pro auctore», dem Ordinarius des Autors, der sich nicht vertreten lassen kann und an die Schweigepflicht gebunden ist, auch die Fachleute eingeladen werden, welche die Gutachten vorbereitet haben[11]. Der «relator pro auctore» stellt zu Beginn der Diskussion den Sachverhalt in einer umfassenden Stellungnahme dar. Danach geben der Ordinarius des Autors, die Fachleute und alle Konsultoren mündlich und schriftlich ihr Gutachten zum Inhalt der untersuchten Veröffentlichung ab. Der «relator pro auctore» und die Fachleute können auf mögliche Einwände antworten und Klarstellungen vorschlagen.

Art. 13. Nach Abschluß der Diskussion bleiben zur allgemeinen Abstimmung über den Ausgang der Prüfung allein die Konsultoren im Sitzungszimmer, um festzustellen, ob die Schrift lehrmäßige Irrtümer oder gefährliche Auffassungen enthält. Diese sind im Licht der in der Professio fidei[12] enthaltenen unterschiedlichen Kategorien der Wahrheitsverkündigung konkret anzugeben.

Art. 14. Das gesamte Dossier mit dem Protokoll über die Diskussion, dem Abstimmungsergebnis und den Gutachten der Konsultoren wird der Prüfung der Sessione ordinaria [Ordentlichen Versammlung] der Kongregation vorgelegt; diese entscheidet, ob eine Beanstandung des Autors erfolgen soll, und wenn ja, welche Punkte zu beanstanden sind.

Art. 15. Die Entscheidungen der Sessione ordinaria werden dem Papst vorgelegt[13].

Art. 16. Falls in der vorausgehenden Phase entschieden worden ist, eine Beanstandung vorzunehmen, sind der Ordinarius des Autors oder die betreffenden Ordinarien zu informieren, ebenso die zuständigen Dikasterien des Heiligen Stuhls.

Art. 17. Die Zusammenstellung der zu beanstandenden irrigen oder gefährlichen Ansichten wird, versehen mit einer entsprechenden Begründung und der zur Verteidigung erforderlichen Dokumentation «reticito nomine», durch den Ordinarius dem Autor und seinem Ratgeber zugestellt. Der Autor hatdas Recht, diesen zu seiner Unterstützung zu benennen; dazu ist das Einverständnis des Ordinarius erforderlich. Der Autor muß innerhalb einer Frist von drei Monaten schriftlich seine Antwort vorlegen. Es ist angebracht, daß der Ordinarius zusammen mit der schriftlichen Antwort des Autors der Kongregation ein eigenes Gutachten zukommen läßt.

Art. 18. Vorgesehen ist auch die Möglichkeit einer persönlichen Begegnung des Autors mit Vertretern der Kongregation. Dabei ist auch dessen Ratgeber anwesend, der an dem Gespräch aktiv teilnimmt. In diesem Fall haben die Vertreter der Kongregation, die vomCongresso bestimmt werden, ein Gesprächsprotokoll abzufassen und dieses zusammen mit dem Autor und seinem Ratgeber zu unterschreiben.

Art. 19. Falls der Autor die geforderte schriftliche Antwort nicht übermittelt, trifft dieSessione ordinaria die entsprechenden Entscheidungen.

Art. 20. Der Congresso prüft die schriftliche Antwort des Autors sowie das Protokoll des eventuell erfolgten Gesprächs. Falls diese wirklich neue lehrmäßige Elemente enthalten, die eine eingehendere Bewertung erfordern, entscheidet er, ob die Frage erneut der Consultavorzulegen ist, die durch andere Fachleute erweitert werden könnte, auch durch den gemäß Art. 17 bestimmten Ratgeber des Autors. Im gegenteiligen Fall werden die schriftliche Antwort und das Gesprächsprotokoll direkt der Sessione ordinaria zur Beurteilung unterbreitet.

Art. 21. Sollte die Sessione ordinaria die Frage als gelöst und die Antwort für ausreichend erachten, wird die Angelegenheit nicht weiter verfolgt. Im gegenteiligen Fall sind, auch zum Wohl der Gläubigen, die angemessenen Maßnahmen zu ergreifen. Darüber hinaus entscheidet die Sessione ordinaria, ob und wie das Ergebnis der Lehrprüfung zu veröffentlichen ist.

Art. 22. Die Entscheidungen der Sessione ordinaria werden dem Papst zur Approbation vorgelegt und danach dem Ordinarius des Autors, der Bischofskonferenz und den zuständigen Dikasterien mitgeteilt.

 

IV. Dringliches Lehrprüfungsverfahren

Art. 23. Das dringliche Lehrprüfungsverfahren wird angewandt, wenn eine Schrift offensichtlich und sicher Irrtümer enthält und wenn durch deren Verbreitung ein schwerer Schaden für die Gläubigen entstehen könnte oder bereits entstanden ist. In diesem Fall werden sofort der Ordinarius oder die betreffenden Ordinarien sowie die zuständigen römischen Dikasterien benachrichtigt.

Art. 24. Der Congresso bestimmt eine Kommission mit dem besonderen Auftrag, die irrigen und gefährlichen Ansichten so schnell wie möglich näher zu bezeichnen.

Art. 25. Die von dieser Kommission ausfindig gemachten Ansichten werden zusammen mit der entsprechenden Dokumentation der Sessione ordinaria unterbreitet, die der Prüfung der Frage Vorrang einräumt.

Art. 26. Falls die Sessione ordinaria die genannten Ansichten tatsächlich als irrig oder gefährlich beurteilt, werden sie nach der Approbation des Papstes durch den Ordinarius dem Autor übermittelt mit der Aufforderung, diese innerhalb einer Frist von zwei Monaten richtigzustellen.

Art. 27. Hält es der Ordinarius nach Anhörung des Autors für notwendig, diesen auch um eine schriftliche Erklärung zu bitten, muß diese zusammen mit der Stellungnahme des Ordinarius der Kongregation zugesandt werden. Diese Erklärung wird daraufhin der Sessione ordinaria zur Entscheidung vorgelegt.

 

V. Maßnahmen

Art. 28. Sollte der Autor die angezeigten Irrtümer nicht in befriedigender Weise und in angemessener öffentlicher Form richtigstellen und die Ordentliche Versammlung zur Schlußfolgerung kommen, daß er sich die Straftat der Häresie, der Apostasie oder des Schismas zugezogen hat[14], schreitet die Kongregation zur Erklärung der latae sententiaezugezogenen Strafen[15]; gegen diese Erklärung ist eine Beschwerde nicht zugelassen.

Art. 29. Wenn die Sessione ordinaria das Vorhandensein von lehrmäßigen Irrtümern feststellt, die keine Strafen latae sententiae vorsehen[16], handelt die Kongregation nach Maßgabe des universalen[17] bzw. Eigenrechts[18].

 

Papst Johannes Paul II. hat in der dem unterzeichneten Kardinalpräfekten am 30. Mai 1997 gewährten Audienz die vorliegende Ordnung, die in der Ordentlichen Versammlung dieser Kongregation beschlossen worden war, gebilligt und die Art. 28-29in forma specifica approbiert und deren Veröffentlichung angeordnet contrariisquibuslibet non obstantibus.

 

Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, dem 29. Juni 1997, am Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus.

 

 

+ Joseph Card. RATZINGER
Präfekt

 

+ Tarcisio Bertone, S.D.B.
Erzbischof em. von Vercelli
Sekretär

 


[1] Vgl. Apostolische Konstitution Pastor bonus, Art. 48: AAS 80 (1988) 873.

[2] Vgl. ebd., Art. 51, Nr. 2 und Regolamento proprio della Congregazione per la Dottrina della Fede, Art. 4b.

[3] Vgl. CIC, can. 823 §§ 1,2; CCEO, can. 652 § 2.

[4] Vgl. Kongregation für die Glaubenslehre, Schreiben über die Glaubenskommissionen, 23. November 1990, Nr. 3.

[5] Vgl. Apostolische Konstitution Pastor bonus, Art. 48: AAS 80 (1988) 873.

[6] Vgl. Regolamento proprio della Congregazione per la Dottrina della Fede, Art. 74.

[7] Vgl. ebd., Art. 66 § 2.

[8] Vgl. CIC, cann. 134 §§ 1,2; 295 § 1; CCEO, can. 984 §§ 1-3.

[9] Vgl. Nr. 8-15.

[10] Vgl. Nr. 16-22.

[11] Vgl. Apostolische Konstitution Pastor bonus, Art. 12: AAS 80 (1988) 855.

[12] Vgl. AAS 81 (1989) 104f.

[13] Vgl. Regolamento proprio della Congregazione per la Dottrina della Fede, Art. 16 § 2 und Art. 77.

[14] Vgl. CIC, can. 751.

[15] Vgl. CIC, can. 1364 § 1; CCEO, cann. 1436 § 1 und 1437.

[16] Vgl. CIC, can. 752; CCEO, can. 599.

[17] Vgl. CIC, can. 1371, n. 1; CCEO, can. 1436 § 2.

[18] Vgl. Apostolische Konstitution Pastor bonus, Art. 52: AAS 80 (1988) 874.

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Quelle

DAS SIEBEN VON PÄPSTEN – Schwierigkeiten mit den Sedisvakantisten

Von Laszlo Szijarto

Laszlo Szijarto war ein FSSPX-Seminarist
(St. Thomas Aquinas Winona) von 1989 – 1991

Entnommen dem „Angelus Press Magazine“, Oktober 1995

(Aus dem Englischen übersetzt von P. O. Schenker)

(Fortsetzung vom ersten Teil)

Das Sieben von Päpsten

Sedisvakantisten haben jene „traditionellen“ Katholiken kritisiert, die sich nicht an ihre Denkschule halten, wegen „Siebens“ des Lehramtes, d.h. das Herauslesen und Wählen aus Verlautbarungen, die (vermeintlich) von ihm veröffentlicht worden sind, auf der Basis privaten Urteils über ihre Rechtgläubigkeit. Der Sedisvakantismus führt jedoch zum Sieben von Päpsten, d.h. dem Auslesen und Wählen unter Päpsten aufgrund privaten Urteils über ihre Rechtgläubigkeit.

Johannes vom hl. Thomas

Nachdem ich den Hauptteil dieses Textes verfasst hatte, stieß ich auf den Cursus Theologicus von Johannes vom hl. Thomas – genauer den Traktat mit dem Titel „De Auctoritate Summi Pontificis [Von der Autorität des Pontifex]. In einem überraschend detaillierten Kommentar zum Problem eines häretischen Papstes kam er abschließend zum genau gleichen Argument, das ich dargelegt habe. Anstatt  Zitate seines Werkes an geeigneter Stelle in meine [schriftliche] Arbeit einzuweben, entschloss ich mich, ihm einen separaten Abschnitt zu widmen. Ich fühlte, dass das Argument überzeugender sein würde, wenn die Leser wüssten, dass beide von uns zur gleichen Schlussfolgerung gekommen sind unabhängig von einander,  d.h. dass ich nicht bloß „wiederkäue“, was er geschrieben hat. Vielmehr sind wir beide nur einer Denklinie gefolgt, die von einer eigenen inneren Logik bestimmt war.

…[Depositio] facienda est post declarativam criminis sententiam… (disp. II, art. III 17).
…[die Absetzung] ist durchzuführen nach einem erklärenden Urteil über den Frevel…

…Concilium congregari potest auctoritate Ecclesiae, quae est in ipsis episcopis, vel majore eorum parte; habet enim jus Ecclesia ad segregandum se a papa haeretico ex jure divino, et consequenter ad adhibendum omnia media ad talem segregationem per se necessaria; medium autem necessarium, et per se est ut juridice constet tale crimen; non potest autem juridice constare nisi formetur competens judicium, non potest autem in re tam gravi competens esse judicium, nisi per Concilium generale, qua tractatur de universali capite Ecclesiae, unde pertinet hoc ad juidicium universales Ecclesiae, quod est Concilium generale (disp. II, art. III 19).

…Aufgrund der Autorität der Kirche kann ein Konzil einberufen werden. Diese Autorität wohnt inne in den Bischöfen oder einer Mehrheit von ihnen. Denn die Kirche hat das Recht von Gott, sich von einem häretischen Papst zu trennen, und folgerichtig sämtliche Mittel anzuwenden, die in und an sich nötig sind für eine solche Abtrennung. Aber es ist ein notwendiges Mittel – in sich und aus sich selbst, dass ein solcher Frevel gerichtlich festgestellt wird. Doch kann es nicht gerichtlich festgestellt werden solange nicht ein kompetentes Urteil gefällt wird. In einer so gravierenden Sache jedoch kann es kein kompetentes Urteil geben außer durch ein Allgemeines Konzil. Da diese Sache das universelle Haupt der Kirche betrifft, untersteht sie dem Urteil der Universellen Kirche. Und dieses Gericht ist ein Allgemeines Konzil.

Et ex his concordantur jura, quae aliquando dicunt Pontificis depositionem pertinere ad solum Deum, aliquando in causa haeresis posse judicar ab inferioribus, utrumque enim verum est, et quod ejectio, seu depositio Pontificis soli Deo reservatur auctoritative, et principaliter…; ministerialiter autem, et dispositive declarando crimen, et proponendo papam, ut evitandum Ecclesia judicat de Pontifice… (disp. II, art. III 24).

Als ein Ergebnis werden die Prinzipien – die manchmal festhalten, dass die Absetzung eines Pontifex einzig Gott allein zusteht und bei anderen Malen dass er gerichtet werden kann durch Untergebene im Falle von Häresie – versöhnt. Beide sind wahr. Gott allein ist der Hinauswurf oder die Absetzung eines Pontifex vorbehalten (autoritativ und prinzipiell). Jedoch (ministeriell und ausführend) fällt die Kirche ein Urteil über einen Pontifex, indem sie den Frevel erklärt und vorschlägt, dass der Papst gemieden werden soll…

Respondetur haereticum esse evitandum propter duas correptiones juridic scilicet factas, et ab Ecclesiae auctoritate, et non secundum privatum judicium; sequeretur enim magna confusio in Ecclesia si sufficeret hanc correptionem esse factam ab homine private… Unde sic videmus practicatum in Ecclesia, quod in casu depositionis papae causa ipsa in generali Concilio prium tractata est quam pro non papa habitus… Nec Hierornymus quando dicit haereticum per se discedere a corpore Christi, excludit ipsum Ecclesiae judicium praesertim in re tam gravi, qualis est depositio papae, sed criminis judicat qualitatem, quod per se sine alia censura superaddita excludit ab Ecclesia, dummodo tamen per Ecclesiam declaretur; licet enim ex se separet ab Ecclesia, tamen quoad nos non intelligitur facta separatio sine ista declaratione… … [Q]uoad nos autem adhuc non fit juridice declaratus, ut infidelis, vel haereticus, quantumcumque manifestus sit secundum privatum judicium, adhuc quoad nos est membrum Ecclesiae, et consequenter caput. Requiritur ergo judicium Ecclesiae, quo proponatur, ut non Christianus, et evitandus, et tunc desinit quoad nos esse papa, et consequenter antea non desierat etiam in se, quia omnia quae faciebat erant valida in se (disp. II, art III 26).

Die Übersetzung der drei vorangehenden Paragraphen ist wie folgt :

In Antwort darauf muss ein Häretiker vermieden werden als ein Ergebnis von zwei Zurechtweisungen, die rechtlich gemacht worden sind – durch die Autorität der Kirche und nicht gemäß privatem Urteil. Eine große Verwirrung würde in der Kirche entstehen, wenn es genügen würde, dass diese Zurechtweisung von einer privaten Einzelperson gemacht werden sollte… Der heilige Hieronymus  – wenn er sagt, dass ein Häretiker von sich aus aus dem Leib Christi ausscheidet – verhindert nicht das Urteil der Kirche, besonders in einer so gravierenden Sache wie die Absetzung eines Papstes. Er bezieht sich eben auf die Natur dieses Frevels, die solcherart ist, dass sie jemand von sich aus und ohne eine andere zusätzliche Zensur von der Kirche abschneidet – jedoch nur so lange als sie durch die Kirche erklärt werden soll. Obwohl sie von sich aus von der Kirche trennt, wird die Tatsache der Separierung sich uns nicht selber bekannt machen ohne diese Erklärung.

Solange er nicht uns gegenüber gerichtlich als ein Ungläubiger oder Häretiker erklärt worden ist, sei er noch so manifest häretisch gemäß privatem Urteil, bleibt er, soweit es uns betrifft, ein Glied der Kirche und folglich ihr Haupt. Gerichtliches Urteil ist erforderlich von der Kirche, also ein Gerichtsurteil, durch das er als ein Nicht-Christ und zu meiden vorgeschlagen wird. Erst dann hört er auf Papst zu sein, soweit es uns betrifft. Als ein Resultat jedoch würde er nicht aufgehört haben so zu sein auch in und aus sich selbst, da alles, was er verordnet hat Kraft hatte in und durch sich selbst [meine Hervorhebung].

Ich habe den Ausdruck „quoad nos“ durchgehend sehr locker/unbestimmt übersetzt. Tatsächlich stellt er ein hochtechnischer Terminus dar – das Äquivalent  zu „kriteriologisch“. Manche Theologen würden wahrscheinlich nicht zustimmen zum allerletzten Zitat oben, d.h. dass ein manifest häretischer Papst Papst bleiben würde, sogar ontologisch, bis er anders beurteilt worden ist kriteriologisch. Ich halte jedoch aufrecht, dass Johannes von St. Thomas recht brilliant ein bereits von den meisten Theologen, die sich mit der Frage beschäftigt haben, gefundenes Prinzip zu seinem logischen Schluss geführt hat. In der Tat haben nur wenige Theologen aufrechterhalten, dass ein geheim häretischer Papst ipso facto abgesetzt sein würde, aus dem Grund, weil die Mitgliedschaft in der Kirche sichtbare Wirklichkeit sein muss (so dass sie kriteriologisch verifiziert werden kann). Andernfalls müsste die Kirche ins Chaos fallen, wenn die Aktivitäten geheimer Häretiker in Wirklichkeit null und nichtig wären. Ontologisch jedoch würde sogar ein geheimer Häretiker aufhören vor Gott ein Katholik zu sein. Jedoch Mitgliedschaft in der Kirche stellt nicht  bloß eine sichtbare – auch wenn nicht ontologisch manifeste – Realität dar, sondern eine juridisch sichtbare Wirklichkeit. D.h., kriteriologisch manifeste – offensichtlich im wahren Sinne dieses Terminus. Rechtliche Zuständigkeit innehaben hängt von der rechtlichen Wirklichkeit der Mitgliedschaft in der Kirche ab. Mit diesem Prinzip versöhnte Johannes vom heiligen Thomas erfinderisch den langanhaltenden Disput zwischen der papa haereticus ipso facto depositus [ein häretischer Papst ist ipso facto abgesetz) und papa haeritus deponendus [ein häretischer Papst ist abzusetzen] Schule.

Die Behandlung des Problems der Unfehlbarkeit

Theologen (ohne Ausnahme) geben zu, dass es in der Tat gewisse Arten von lehrmäßigen Erklärungen gibt, die nicht das Prärogativ der Unfehlbarkeit besitzen, und die präzisen Grenzen zwischen dem, was eine unfehlbare Definition ist oder nicht ist, wurden heftig angefochten fast seit dem Abschluss des I. Vatikanischen Konzils. Vermutlich einer der entscheidendsten Faktoren bei einer unfehlbaren Entscheidung jedoch schließt die Absicht/Intention eines Papstes ein, die universale Kirche zu binden. Paul VI. selber erklärte, dass Vatikan II nicht beabsichtigte, irgendetwas unfehlbar zu definieren.

Es ist unstrittig, dass das Vorgehen von nicht-sedisvakantistischen „traditionellen“ Katholiken viele Schwierigkeiten verursacht. Es beruht jedoch auf theoretisch haltbaren Prinzipien. Kardinal Newman, zum Beispiel, hielt an einer sehr engen Interpretation betreffend die Art von Dingen, welche unfehlbare Beschlüsse darstellen würden, fest. Er blieb in gutem Ruf als Katholik – und seine Meinungen wurden nie verurteilt.

Unter den andern Widersprüchen, in die sich Sedisvakantisten verwickeln: viele verwerfen die von Pius XII. geänderten Riten der Heiligen Woche. Gleichzeitig halten sie an der Legitimität von Pius XII. fest. Wenn Pius XII eine mit modernistischen Prinzipien infizierte Liturgie, wie sie sagen, promulgieren kann, wie könnte Paul VI. nicht dasselbe getan haben (mit Bezug auf den Novus Ordo) und dennoch ein legitimer Pontifex bleiben? Schließlich würde es zwischen ihnen nur eine graduelle Differenz geben. Die Ablehnung der reformierten Riten der Heiligen Woche, die nebenbei bemerkt ohne irgend einen Protest von der Universalen Kirche angenommen worden sind – bleibt absolut unerklärlich im Licht ihres Arguments von der Unfehlbarkeit.

Wie immer man die Unfehlbarkeits-Frage löst, jene letzte Entscheidung über die Legitimität von Johannes XXIII, Paul VI, Johannes Paul I., Johannes Paul II, oder irgend eine anderen Papstes steht nicht uns zu, sondern der Autorität der Heiligen Mutter Kirche.

Früchte des Sedisvakantismus

Ich bin einst selber Sedisvakantist gewesen. Nur im Rückblick kann ich ehrlich die große Bitterkeit und den Mangel an Nächstenliebe sehen, wozu dies meinerseits geführt hatte. Ich habe nichts als geistige Unordnung gefunden – in verschiedenem Maß – bei allen Sedisvakantisten, welchen ich begegnet bin (mich eingeschlossen und am meisten von ihnen). Es wäre am besten die zahlreichen Niederlagen – in sakandalöser Art – wegzulassen von verbitterten Sedisvakantisten. Unser Herr sagte, dass man Seine wahren Nachfolger erkennen würde an ihrer Liebe für einander. Hass gegen das Böse wird ungeordnet, wenn er nicht direkt aus der Liebe für das Gute entspringt und im richtigen Verhältnis zu ihm. Wenn wir die Konzilsreformen ablehnen, sollte dies von einer brennenden Liebe für Gott und für unseren Nächsten herrühren. Papst Johannes XXIII pflegte zu sagen, dass wenn wir uns als wahre Christen benähmen, es keine Heiden mehr geben würde. Wenn wir „Traditionalisten“ uns als wahre Christen betragen würden, gäbe es keine Modernisten mehr. Lasst uns also jegliche Bitterkeit aus unseren Herzen vertreiben, jeglichen pharisäischen Geist von Anhänglichkeit an Minutiae (kleinen Dingen), als ob sie Zwecke in sich selbst wären, jede selbstgerechte Verachtung/Geringschätzung jener, die irregeführt worden sind, als ob es irgend etwas anderes gäbe als die Gnade Gottes, die uns davor behütet, selber vom Wege abzukommen, wenn wir dies nicht bereits sind. Wir müssen uns in Erinnerung rufen, dass unser Urteil auch über die behaupteten „Irrtümer“ von Vatikan II nicht die Autorität der Kirche hinter sich hat – und deshalb dem Irrtum unterliegt. Folglich ist alles, was wir in diesen verworrenen Zeiten als Katholiken tun können und müssen, das, was wir zu tun haben, um unsere Seelen zu retten. Lasst uns vorgehen mit intellektueller Demut, mit Nächstenliebe, mit Vertrauen in Gottes Vorsehung, und, wie Erzbischof Lefebvre sagte, „ohne Bitterkeit“.

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Die Übersetzung der Fußnoten folgt später!

Vere antiqui erroris novi reparatores! – (Petrus Venerabilis)

Erneuerer alter Irrlehren!

Grossherzog Leopold I., Bruder des Kaisers Joseph II., sehnte sich danach, kirchliche Reformen im Geiste des Jansenismus und Gallikanismus in seinen Staaten einzuführen. Sein Reformplan empfiehlt die Verbesserung des Breviers und des Missale; die ganze Heilige Schrift soll in jedem Jahre gelesen werden, die Ausspendung der heiligen Sakramente soll in der Landessprache geschehen, der Kultus beschränkt werden, Bilder und Reliquien reduziert, alle Pracht aus den Kirchen sollte verschwinden und nur ein Altar sein, wie auch „abergläubische“ Andachten und Prozessionen vermindert werden, usw. Predigten sollen moralischer Art sein, alles mystische und dogmatische gemieden werden. In seinem Ratgeber, dem Bischof Scipio Ricci von Pistoja, fand er einen eifrigen Helfer. Im Jahre 1786 wurden alle erwünschten Reformen von der in Pistoja gehaltenen Synode angenommen. Im Kerne würde alles geopfert, was sich seit dem zweiten Vatikanischen Konzil durchgesetzt hat.

Der Herr und sein Hirte schliefen jedoch nicht; die Synode wurde vom Papst Pius VI. durch die Apostolische Konstitution „Auctorem fidei“ verdammt. „Absit, ut vox Petri in lila unquam sede sua conticescat, in qua perpetuo vivens ille ac praesidens praestat quaerentibus fidei veritatem.“ Fern sei es, dass die Stimme Petri je still werde auf diesem Stuhle, wo er ununter­brochen lebt und den Vorsitz hat, bereit denen, die die Wahr­heit suchen, diese zu gewähren – so lesen wir in der Einleitung zu dieser für uns heute so wichtigen Konstitution. „In solchen Dingen“, setzt die Einleitung fort, „ist Nachsicht nicht mehr gestattet, da es sozusagen ein Verbrechen ist, in solchen Din­gen nachsichtsvoll zu sein, wie es ist, solch gottloses Zeug zu predigen. Solch eine Wunde muss herausgeschnitten werden, die nicht nur ein Glied verletzt, sondern den ganzen Leib der Kirche gefährdet!“

„Wir befehlen deshalb allen Christgläubigen beiderlei Geschlech­tes, dass sie es ja nicht wagen, eine im Gegensatz zur unserer Konstitution stehende Ansicht zu haben, zu lehren oder zu predigen, so dass wer auch nur immer das, was gegen unsere Konsti­tution ist — sei es im ganzen oder einzelnen — lehren, vertei­digen, herausgeben oder darüber öffentlich wie auch privat disputieren würde, es sei denn, um die verurteilten Sätze zu be­kämpfen, den kirchlichen Zensuren, wie auch ähnlichen vom Ge­setze angegebenen Strafen, welche festgesetzt sind gegen solche, die ähnliches begehen, allein schon durch die Tat selbst ver­fallen, ohne dass es notwendig wäre, dies noch öffentlich zu verlautbaren.“

Nachdem der Papst die Veröffentlichung der Synodalakten in jed­welcher Sprache und Ausgabe, an jedem Ort, mögen sie schon ge­druckt worden sein oder es noch werden, aufgrund seiner Aposto­lischen Autorität verboten und verurteilt hatte, verbietet er auch alle anderen Bücher, welche die verworfene Lehre verteidi­gen, seien sie geschrieben oder bereits gedruckt, wie auch, was Gott verhüte noch herausgegeben würden, das Lesen dieser Bü­cher, ihr Abschreiben, Behalten und den Gebrauch, und zwar allen Christgläubigen und jedem einzelnen, unter der Strafe der Exkommunikation welcher ein jeder durch dieTat selbst verfällt ohne dass es notwendig wäre dies noch zu verlautbaren.“

Dass dies auch für die Teilnehmer am sogenannten zweiten Vati­kanum gilt, dürfte einleuchtend sein!

Um diese Sache ernst zu nehmen, schrieb Papst Pius VI. einige Male an den Bischof von Pistoja, Scipio Ricci, und seine Mah­nungen müssen auch wir uns zu Herzen nehmen. „Es gibt sicher niemanden, der sich dessen nicht bewusst wäre“ – schreibt er an den Bischof in einem Breve -, „dass (durch die verurteilten Sätze O.K.) dogmatische Urteile verletzt werden, die vom Stuhle Petri erlassen wurden, deren Aufsicht dir anvertraut wurde.“ … „Wenn nun bei einer Synode Dekrete des apostolischen Stuh­les angeführt wurden, nie geschah dies, um sich herumzustreiten, als wären sie nicht unumstösslich, sondern sie wurden als si­cher und unveränderlich betrachtet.“ (1) Es handelt sich dies­bezüglich also NICHT UM FRAGEN DER DISZIPLIN!!!

Nach dem hl. Thomas von Aquin ist es Recht und Pflicht des Apostolischen Stuhles, „endgültig zu entscheiden, in dem, was sich auf den Glauben bezieht, und dafür zu sorgen, dass es von allen mit unerschütterlichem Glauben festgehalten werde.“ (2)

Es ist niemandem gestattet, gegen apostolische Dekrete aufzu­treten, so dass wenn jemand etwas anderes behaupten wollte, er sich selbst zunichte macht, nicht aber diese! Eine bereits entschiedene Angelegenheit erneut dem Unverstand einiger Weni­gen darzubieten, ist nicht gestattet; dies verfolgen nur einige wenige Pseudobischöfe und Widerspenstige… Wenn es gestattet wäre, menschlichen Meinungen freie Bahn zu lassen, nie würde es an jenen mangeln, die es wagten, die Wahrheit zu verspotten. Die Streitigkeiten und Auseinandersetzungen würden kein Ende nehmen, wenn es gestattet wäre, das, was von mehreren Päpsten festgesetzt wurde, von neuem zu beurteilen… Wir, die wir Hü­ter der väterlichen Beschlüsse sein sollen, dürfen solche An­feindungen nicht zulassen, nach den Worten des hl. Petrus Da­mianus: „Bedenke, dass der, der die Schlüssel Petri besitzt, gegen jede neue Lehre sich erheben muss, und die Förderer der Schlechtigkeit mit dem Richterspruch unschädlich machen muss.“

In einem weiteren Schreiben betont der Papst, dass es auch ihm nicht gestattet sei, über nach ernster Besprechung ausgesprochene Urteile Rechenschaft abzulegen. Ja, er muss sich aufgrund seines Amtes und seiner Würde solchen Auseinandersetzungen völlig und gewissenhaft widersetzen, sonst würden solche kein Ende nehmen und die Autorität, vor der mich ein jeder beugen muss, geschmälert werden.“ (4) „Infolgedessen“, so bemerkt er in seinem Schreiben an Ferdinand III.,“musste er gegen die Synode von Pistoja einschreiten und so den künftigen Bischöfen von Pistoja und Prato, wie auch allen anderen, denen nichts im Wege stehen würde, mit ebensolcher Autorität, wie der jetzige Bischof es getan, den (unfehlbaren Beschlüssen) entgegengesetzte Regeln herauszugeben, womit eine neue Synode von Pistoja ins Leben gerufen wäre.“ (5)

In diesem Zusammenhange ist noch ausdrücklich auf das hinter­listige Vorgehen gegen das Dogma der Unbefleckten Empfängnis Mariae, wie verlautbart durch die Bulle „Ineffabilis Deus“ vom Jahre 1854, aufmerksam zu machen, wie es aufgrund des Nichtaus­schliessens der Polygenie (= der Mensch ist zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten von verschiedenen tierischen Ahnen entstanden; das Paradies ist ein Mythus. Was wir im Sündenfallbericht lesen, will kein Protokoll über den „Sündenfall“ sein. ES IST NICHT WIRKLICH SO GESCHEHEN, WIE ES DARGESTELLT WIRD. (6)), immer wieder mit „kirchlicher“ Approbation geschieht. Papst Plus IX, bestätigt in seiner erwähnten Bulle die vom Papst Sixtus IV. verhängten Strafen und fügt noch weitere zu: „Das Verbot zu predigen, der öffentlichen Vorlesung, den Verlust der Berechtigung zum Lehramte und zur Interpretation, den Ver­lust des aktiven und passiven Wahlrechtes, und zwar per sofort, ohne die Notwendigkeit einer Verlautbarung. Auch wird solch ein Priester für immer unfähig zu predigen, vorlesen, interpretie­ren und belehren, durch die Tat selbst, ohne dass noch eine Ver­lautbarung diesbezüglich notwendig wäre. (7)

Gott lässt Seiner nicht spotten!

Dr. theol. Otto Katzer
Postfach 34
CH-9057 Weissbad

 

Literatur

  1. Anfang und Schluss der Bulle „Auctorem fidei“. Mansi, Con­ciliorum Collectio XXXVIII col. 1104: „Nemo autem non intelligit apertam hinc inferri violationem dogmaticis judiciis, quae Petri cathedra tulit, eorumque censorem te con­stituere.“ „Dum in synodis prolata sunt apostolicae sedis decreta, numquam est actum, ut contenderetur de incertis, sed ut certa atque immutabilia.“
  1. II. II. q.1 art.10
  2. Mansi, op. cit. col. 1105: „Contra ea, quae apostolicis sunt fundata decretis, nihil cuique audere conceditur; ita ut si quis diversum aliquid decernere velit, se potius minuat, quam iila corrumpat, causamque jampridem definitam haud decere per paucorum insipientiam ad conjecturas opinionum, et ad carnalium disputationum bella revocare… Nam si hu­manis persuasionibus semper foret liberum disceptare, num­quam deessent qui veritati audeant insultare, nullusque con­tentionibus ac certaminibus finis, si de his, quae pluri­morum pontificum consensione firmata sunt, novum liceret ferre judicium…“
    Col. 1106: „Nos qui custodes esse debemus paternarum consti­tutionum, unde assensum praebere non possumus illarum im­pugnationibus… monito d. Petri Damiani tradentis: „Qui vice Petri claves tenet, ipse potissimum adversus novum dogma consurgat, et introductores pravitatis dignae sen­tentiae jaculatio confodiat.“
  1. Mansi, op. cit. col. 1108: „Quapropter nobis minime con­venit, ut de semel prolatis judiciis, quae nonnisi praevia severiori discussione sunt edita, reddamus rationem; immo pro munere dignitateque nostra a novis concertationibus omnino ac diligenter abstinere debemus; alias nunquam foret disputationum finis, ac minueretur auctoritas, cul sese subiicere quisque constringitur.
  1. Mansi, op. cit. col. 1258: „… ut certa atque expressa pateat damnatio quae omnem praecludat vlam futuris tam Pistoriensihus et Pratensibus episcopis, quam ceteris omni­bus, quibus nihil obstare viden passet, ut eadem pariquae auctoritate, qua hodiernus usus est episcopus, contrarias ipsius epistolae pastorali illi constituant ac edicant, et ita fiat ut Ricciana rursus synodus in lucem proferatur.“
  2. Ferdinand Krenzer, Morgen wird man wieder glauben, 18. Auf­lage 1978, Seite 190,
  3. Litterae apostolicae de dogmatica definitione immaculati Conceptus beatae Mariae Virginis, A.D. 1854 „Ineffabilis Deus“.
    a meis subditis, vel illis, quorum cura ad me in munere meo spectabit, tenen, doceri, et prædicari, quantum in me erit, curaturunt Jurans manu dextera tangit librum Evangeliorum apertum ac dicit: ego idem N. N. spondeo, voveo, ac juro; sic me Deus adjuvet, et hæc sancta Dei Evangelia.
  4. Das Tridentinisch-Vatikanische Glaubensberenntnis

Alle katholischen Geistlichen sind zur Ablegung dieses Tridentinisch-Vatikanischen Glaubensbekenntnisses ver­pflichtet: Zum erstenmal vor ihrer Subdiakonatsweihe und später jedesmal vor Antritt eines höheren Amtes — auch vor der Teilnahme an einem Konzil.

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Quelle: Manuskript Archiv Immaculata-Verlag (P.O. Schenker)

UM KATHOLISCH ZU SEIN, MUSS [und soll] MAN NICHT SEDISVAKANTIST SEIN

Die katholischen Christen bekennen u.A.: Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche … Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.

Vor allem diejenigen Sedisvakantisten, die die Ansicht/Überzeugung vertreten, dass alle katholischen Christen (Klerus und Laien), die die Päpste des Konzils und Post-Konzils als gültige Päpste betrachten und sich ihnen im kirchlichen Gehorsam pflichtgemäß fügen/unterwerfen, den ganzen wahren katholischen Glauben nicht (mehr) vertreten und folglich nicht (mehr) katholisch (sondern häretisch und/oder schismatisch) sind, diese Sedisvakantisten befinden sich in einem gefährlichen, sträflichen Irrtum!

Selbst wenn es zutreffen würde, dass diese Päpste — aufgrund von erwiesenen Glaubensirrtümern, Häresien, Apostasien — vor Gott keine gültigen, wahren Oberhirten (mehr) wären, so müss(t)en sie es vor der Gesamtheit der Gläubigen dennoch solange bleiben, bis GOTT Selber diese Usurpatoren, diese Thronräuber, diese Irrlehrer samt ihren Steigbügelhaltern aus Amt und Ehre entfernt, sei dies durch eine Erweckung der für eine Amtsenthebung vorgesehenen/zuständigen Kleriker (primär Kardinäle, Bischöfe), sei es durch ein direktes göttliches Eingreifen, z.B. eine Bekehrungs-Bewirkung des amtierenden Papstes1). Denn ein Papst, der Stellvertreter Christi, richtet alle, und niemand richtet ihn – außer CHRISTUS, unser HERR und GOTT.

Die hinlänglich glaubensinstruierten und wachsamen katholischen Christen (Klerus und Volk) können und dürfen, ja müssen, sofern sie es können, einem augenscheinlich irrenden und irreführenden Hirten und erst recht Oberhirten dennoch in allem widerstehen, was klar, eindeutig glaubensgefährdend, glaubenswidrig ist.

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1) Wie z.B. die hl. Katharina von Siena Papst Gregor XI. 1376 zur Rückkehr von Avignon auf den Stuhl Petri in Rom gebracht hat oder wie die hl. Jeanne d’Arc 1429 den entmutigten, zögerlichen Dauphin zu seiner Krönung als König Karl VII. nach Reims geführt hat.

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[POS]

Ist die FSSPX häretisch, schismatisch? – sind ihre Mitglieder Häretiker, Schismatiker?

Meine Antwort an den Kommentator „Stephan“ auf diese nachfolgende Präzisierung zum sog. “Mittelweg”:

Der “Mittelweg”, wie ich ihn hier meine, ist jener:

Die “Lehre” und die für die “Konziskirche” verbindlichen Verkündigungen seitens der V2-Häretiker als unkatholisch zurückzuweisen, während man die V2-Häretiker weiter als rechtmäßige Autoritäten der röm.-kath. Kirche betrachtet.

Die “Konzilskirche” der unkatholischen Lehrverkündigung zu bezichtigen, sie aber weiterhin als die von Jesus Christus gegründete röm.-kath. Kirche zu betrachten.

Doch was die Kirche zu so einer Haltung sagt, ist eindeutig:

“Wir haben daher nach Anrufung des Lichtes des Heiligen Geistes… zu verdammen und zu verwerfen für wert erachtet, so, wie Wir sie durch diese Unsere auf ewige Zeiten gültige Konstitution verdammen und verwerfen: Die Vorlage, welche behauptet, in diesen letzten Zeiten habe sich eine allgemeine Dunkelheit über die wichtigeren Wahrheiten verbreitet, die sich auf die Religion beziehen und die Grundlage der Glaubens- und Sittenlehre Jesu Christi sind, als HÄRETISCH.” (Apostolische Konstitution “Auctorem Fidei”, 1794)

Um aber an dieser Haltung gegen jedwede Kritik festzuhalten, wird sich dann zwangsläufig nicht mehr an die von der Kirche tatsächlich verkündete Lehre, insbesondere zur Ekklesiologie und zum Papst- bzw. Lehramt, gehalten. Anstelle der verbindlichen und klaren Lehre der Kirche treten sophistische Krücken und “Notstands”-Konstruktionen, die der Lehre der Kirche und dem Kirchenrecht nicht standhalten.

Der “Mittelweg” zeichnet sich dadurch aus, daß er einerseits die “Konzilskirche” als unkatholisch betrachtet und vorgibt, der katholischen Tradition treu bleiben zu wollen, aber gleichzeitig an derselben häretischen “Konzilskirche” (und auch gewissen modernistisch-”theologischen” Standpunkten) grundsätzlich festhalten will, anstatt letztendlich den folgerichtigen konsequenten Bruch mit einer solchen antikatholischen Organisation (welche von den antikatholischen Modernisten mittels des “2. Vatikanum” geschaffen wurde) zu tätigen, damit der wahre Glauben auch tatsächlich in seiner Reinheit bewahrt werden könne.

Der “Mittelweg” ist also keine Position zwischen zwei katholischen Möglichkeiten, sondern der “Mittelweg” orientiert sich dann doch stets an der Entwicklung der “Konzilskirche” und des Zeitgeistes. Somit scheint der “Mittelweg” (zumindest implizit) zwei Herren dienen zu wollen, wobei es sich nun zeigt, daß die Anhänglichkeit an die “Konzilskirche” bzw. eine rein irdische Institution sogar stärker zu sein scheint…

 

Ich „mystifiziere“ die FSSPX nicht, wenn ich sie verteidige gegenüber den – wie ich sie nenne – „konsequenten Sedisvakantisten“. Ich behaupte nur, dass die Priesterbruderschaft als solche, wie sie von Erzbischof Lefebvre gewollt und verwirklicht wurde, nicht „in die Irre führt“; ganz im Gegenteil, sie führt, solange und insofern sie ihrem Gründer treu bleibt, ihre Priester und Gläubigen traditionstreu zum ewigen Heil.
Sie geht insgesamt nicht den „Mittelweg“, den Sie meinen. Denn für sie gilt:

  • Sie weist die eindeutig unkatholischen, mit der Tradition nicht vereinbaren „Lehren“ und Praktiken der römischen Autoritäten zurück, und damit betrachtet sie jene Autoritäten, die diese vertreten und deren Anwendung einfordern, als nicht „rechtmäßig“ handelnd.
  • Sie betrachtet die sogenannte „Konzilskirche“ nicht als DIE katholische Kirche. Sie betrachtet jene „Autoritäten“, die in(mitten) der katholischen Kirche klar und nachweislich von der immerwährenden Lehre abweichen und wegführen, nicht als (weiterhin) der von Jesus Christus gegründeten röm.-kath. Kirche (innerlich) zugehörig.
  • Sie enthält sich dabei aber eines „richterlichen“ (äußeren, öffentlichen) Urteils über diese Autoritäten. Sie appelliert explizit und implizit an die höchste kirchliche Autorität, den Papst. Aber wenn und insoweit dieser selbst versagt, überlässt sie das Gericht GOTT, dem Haupte der Kirche, JESUS CHRISTUS, wissend, dass JEDE Autorität von Ihm, GOTT, kommt (Römer 13:1-2).
  • Sie ist nicht der Ansicht und behauptet nicht, dass „in diesen letzten Zeiten sich eine allgemeine Dunkelheit über die wichtigeren Wahrheiten verbreitet (habe), die sich auf die Religion beziehen und die Grundlage der Glaubens- und Sittenlehre Jesu Christi sind“ (und dass deshalb die Reformen des II. Vatikanums notwendig gewesen seien).
  • Sie hält nicht grundsätzlich „an der häretischen Konzilskirche und (auch nicht) an gewissen modernistisch-„theologischen“ Standpunkten fest.
  • Sie orientiert sich nicht an der Entwicklung der „Konzilskirche“ und am Zeitgeist, sondern sie orientiert sich am gesicherten Glaubensdepositum und am überzeitlichen Heilig-Geist-Gewirkten.
  • Sie ist nicht „anhänglich an der Konzilskirche“, sondern anhänglich an der römisch-katholischen, apostolischen Kirche und ihren Oberhirten soweit sie glaubenstreu sind.
  • Sie ist damit/folglich nicht häretisch und nicht schismatisch.
  • Und ihre Mitglieder sind keine Häretiker und keine Schismatiker, sondern wahre katholische Christen.
  • Es ist auch klar, dass es keine impliziten Häretiker gibt. Als Häretiker kann man nur jene bezeichnen, die eine Glaubenswahrheit explizit leugnen, bzw. eine Unwahrheit als Glaubenswahrheit lehren. Erzbischof Lefebvre hat sich niemals weder des einen noch des andern schuldig gemacht, und ebensowenig seine getreuen Anhänger.

Hierauf antwortete „Stephan“ (die fettgedruckten Einschübe sind meine Repliken):

Gesendet am 13.05.2014 um 21:31

In Ihrem Artikel gegen den von Ihnen so genannten “konsequenten Sedisvakantismus” vertreten Sie modernistische Positionen und weichen die Religion und den antimodernistischen Widerstand letztendlich im Sinne eines “gesellschaftsfähigen” Pragmatismus (in diesem Fall gegenüber einer offen antichristlichen bzw. satanischen Gesellschaft und Zeitgeist-”Kirche”) auf.

Aber nun zu Ihren gestrigen Aussagen:

1. Können Sie uns erklären, wie das dann aussehen müsse bzw. wie sich die FSSPX nun gegenüber Bergoglio und Co. verhalten müßte, um Lefebvre “treu zu bleiben”?

Sie muss sich gegenüber Franziskus (I.) gleich/ähnlich verhalten wie Erzb. Lefebvre sich gegenüber Paul VI. und Johannes Paul II. verhalten hat. Er hat die amtierenden Päpste nicht als Nicht-Päpste behandelt; er hat sich ihnen nur insoweit widersetzt, als sie sich ihren Vorgängern in wesentlichen Glaubensaspekten eklatant widersetzt haben.

2. Wie kann man “traditionstreu” sein, wenn man doch Irrlehren und Positionen (z.B. die der Gallikaner und Jansenisten) vertritt, die von der Kirche bereits verurteilt und verworfen wurden.

Erzb. Lefebvre vertrat keine einzige Irrlehre und Position der Gallikaner. Er wollte ausdrücklich nie autonom/unabhängig sein und handeln gegenüber dem amtierenden Papst. Und er vertrat auch keine einzige Irrlehre und „Position“ der Jansenisten. Welche denn?

3. Wie kann man “traditionstreu” sein, wenn man ein Kirchenbild bzw. eine Haltung gegenüber dem Lehramt vertritt, welche von der Kirche bereits klar und deutlich als häretisch verworfen wurde? Die FSSPX vertritt selber modernistische Positionen und bereits verurteilte Irrlehren bezüglich des Lehramtes und der Ekklesiologie.

Erzb. Lefebvre vertrat kein Kirchenbild und keine Haltung gegenüber dem Lehramt, welche von der Kirche bereits klar und deutlich als häretisch verworfen wurde. Und die FSSPX, sofern sie sich an Erzb. Lefebvre hielt/hält, vertrat/vertritt ebenfalls keine modernistische Positionen und bereits verurteilte Irrlehren bezüglich des Lehramtes und der Ekklesiologie.

4. Wenn eine Autorität unkatholische “Lehren” verkündet, dann handelt es sich hierbei offenkundig NICHT um eine Autorität der röm.-kath. Kirche, gemäß folgendem katholischen Grundsatz: “Eine Autorität, welche den IRRTUM lehrt, sei es in guter oder in böser Absicht, IST ÜBERHAUPT KEINE AUTORITÄT mehr.” (Dom Guéranger, zitiert nach Bischof de Castro Mayer) Die Haltung der FSSPX ist somit offenkundig widersprüchlich und unkatholisch.

Gewiss, aber dies muss präziser wie folgt ausgedrückt werden: „Eine Autorität, welche klar, beharrlich den Irrtum (Falsches/Glaubensgefährendes) lehrt, (sei es in guter oder in böser Absicht,) ist keine Autorität mehr (allerdings vorerst aber nur) in Bezug auf die betreffende Lehre oder Weisung. Und wenn diese Autorität die päpstliche ist, dann ist punkto Amtsverlust das Urteil der Kirche (bzw. GOTTES Eingreifen) abzuwarten.

5. Warum nennt sie z.B. einen Bergoglio “Heiligen Vater” bzw. betrachtet diesen Nicht-Katholiken als Papst bzw. Oberhaupt der röm.-kath. Kirche? Und warum wollen sich die Oberen der FSSPX denn mit der “Konzilskirche” einigen, wenn es sich bei der “Konzilskirche” gemäß der Oberen der FSSPX nicht um die von Jesus Christus gegründete röm.-kath. Kirche handeln würde?

Die FSSPX nennt (auch) Bergoglio „Heiliger Vater“, bzw. betrachtet ihn als Papst und Oberhaupt der röm.-kath. Kirche, weil er für sie tatsächlich immer (noch) Papst ist, und zwar solange er nicht offiziell seines Amtes enthoben wird/ist.

6. Sie verhandelt offenkundig mit Häretikern um einen Beitritt zu der Gemeinschaft dieser Häretiker und möchte nur nicht “öffentlich” über die Häretiker “richten”? Übrigens, es geht nicht ums Richten, sondern es geht um die Feststellung, daß es sich bei den angeblichen “Hirten” um Wölfe handelt. Würde die FSSPX ihre Hirtenaufgabe ernstnehmen, dann würde sie ihre Schafe nicht den Wölfen zuführen wollen.

Die Autoritäten, mit welchen sie verhandelt(e), sind/waren keine offenkundige „Häretiker“/“Wölfe“, keine Nicht-Autoritäten wegen offenkundiger Häresie, und sie sucht(e) nicht den Beitritt zur Gemeinschaft „dieser Häretiker/von Häretikern“, sondern sie kundschaftet(e) aus, ob die amtierenden kirchlichen römischen Autoritäten, mit welchen sie spricht/sprach, rechtgläubig/bzw. bekehrbar sind/waren, und sie sucht(e) stets nur die Zusammenarbeit mit den amtierenden Autoritäten, um ihr Apostolat, ihre Mission offiziell kirchlich anerkannt ausüben zu können.

Wie sieht die Kirche diese Problematik:

“The Catholic Church wages war against all heresies.” (St. Augustinus, De symbolo ad catechumenos)

“Men are not bound or able to read hearts; but when they SEE that someone is a HERETIC by his EXTERNAL WORKS, they judge him to be a heretic pure and simple and condemn him as a heretic.” (St. Robert Bellarmin, De Romano Pontifice, lib. IV)

“HERESY, being a deadly poison generated within the organism of the Church, MUST BE EJECTED if she is to live and perform her task of continuing Christ’s work of salvation.” (The Catholic Encyclopedia, 1914)

Es ist also eine offenkundig unkatholische Haltung, wenn man die Häresien der “Konzilskirche” und der entsprechenden “Autoritäten” immer mehr banalisiert und nicht die entsprechenden Schlüsse daraus zieht.

Sie banalisiert keine wirklichen Häresien, wessen auch immer. Und wenn sie tatsächliche Häresien festmacht, zieht sie entsprechende Schlüsse daraus für sich, für ihr Wirken.

7. Warum appelliert die FSSPX an einen offensichtlichen Häretiker und will uns weismachen, dieser Häretiker sei der Stellvertreter Christi? Wie gesagt, es geht überhaupt nicht um einen Richterspruch über die Seele eines Menschen, sondern es geht um die Feststellung der äußeren Tatsachen. Und wenn sich äußerlich zeigt, daß man es mit Häretikern zu tun hat, dann muß man sich entsprechend verhalten. Die Lehre der Kirche hierzu ist eindeutig:

Wenn sie an die höchste Autorität der Kirche appelliert, dann nicht “an einen offensichtlichen Häretiker”, sondern an das HEILIGE AMT dieser Autorität, das unter der Höchstaufsicht GOTTES, des HEILIGEN GEISTES steht.

“From the MOMENT that ONE SUFFICIENTLY KNOWS the existence of the RULE OF the FAITH in the Church and that, ON ANY POINT whatsoever, FOR WHATEVER MOTIVE AND IN WHATEVER FORM, one REFUSES to SUBMIT to it, FORMAL HERESY is COMPLETE.” (Michel, “Héresie, Héretique,” Dictionnaire de Théologie Catholique, 1909)

“It is proven with arguments from authority and from reason that the manifest HERETIC is IPSO FACTO deposed. The argument from authority is BASED ON ST. PAUL (Titus, c. 3), who orders that the HERETIC BE AVOIDED after two warnings, that is, after showing himself to be manifestly obstinate – which means BEFORE ANY EXCOMMUNICATION or judicial sentence. And this is what St. Jerome writes, adding that the other sinners are excluded from the Church by sentence of excommunication, but the HERETICS EXILE THEMSELVES and SEPERATE THEMSELVES by their own act from the BODY OF CHRIST.” (St. Robert Bellarmin, “De Romano Pontifice”)

„Noch weniger kann der römische Pontifex sich rühmen, denn er kann von Menschen gerichtet werden – oder besser, es kann gezeigt werden, daß er gerichtet ist, wenn er nämlich in Häresie fällt [quia potest ab hominibus judicari, vel potius judicatus ostendi, si videlicet evanescit in haeresim]. Denn wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“ (Innozenz III., Sermo 4: In Consecratione, PL 218:670).

“He [the pope] would AUTOMATICALLY lose pontifical power, because, having become an unbeliever [factus infidelis], he put himself OUTSIDE of the Church BY HIS OWN WILL.” (Cardinal Billot, De Ecclesia Christi, 1927)

Die FSSPX mißachtet also diese kirchlichen Wahrheiten mit ihrer angeblich “demütigen” Haltung.

Nein, sie missachtet diese Wahrheiten nicht; denn ob der amtierende Papst „nicht glaubt“, ob er „in Häresie gefallen ist“, kann sie für sich zwar erwägen; aber sie kann ohne Bestätigung der Kirche als Ganzes nicht einfach davon ausgehen, dass dem wirklich so ist.

8. Es geht bei der in “Auctorem Fidei” als häretisch verworfenen Behauptung um das Lehramt. Diese häretische Behauptung (unter I.) wurde einst gegen das kirchliche Lehramt vorgebracht. Doch wenn die FSSPX behauptet, daß die angeblichen Autoritäten der röm.-kath. Kirche unkatholische Dinge lehren würden oder daß sie nicht katholisch denken könnten, weil sie ja modernistisch seien und deshalb die katholische Wahrheit nicht verstehen würden, dann trifft sich das mit der als Häresie verworfenen Behauptung. Denn das kirchliche Lehramt bzw. die entsprechenden Träger des Lehramtes können über die wahre Lehre der Kirche nicht im “Dunkeln” bzw. im Unklaren sein. Denn, entweder sind die Autoritäten der “Konzilskirche” das tatsächliche Lehramt der röm.-kath. Kirche, dann wären deren “Lehren” keineswegs unkatholisch. Oder aber – so wie es ja auch die FSSPX selber meint -diese “Lehren” sind tatsächlich unkatholisch, dann kann es sich bei den V2-Autoritäten eben offenkundig NICHT um das kirchliche Lehramt handeln (und somit sind sie auch keine rechtmäßigen Autoritäten der röm.-kath. Kirche). Beides gleichzeitig geht nicht, das wäre wie eckige Eier.

9. Wer sich von der “Konzilskirche” nicht wirklich lösen will, der hält freilich grundsätzlich an ihr fest. Wer sich von einer Todsünde über Jahrzehnte nicht lösen will, der hält grundsätzlich an dieser Todsünde fest. Und wer modernistische Positionen vertritt, der hält eben daran grundsätzlich fest. Außer natürlich wir erklären nun den gesunden Menschenverstand für abgeschafft…

Erzb. Lefebvre und seine FSSPX wollten und wollen sich von der sog. „Konzilskirche“, d.h. von jenen Gliedern in der Kirche, die durch irrige Lehre und Praxis, durch Modernismus die wahre Kirche verfälschen, wirklich lösen, niemals aber von den Gliedern in der Kirche, die die lebendige, heilige Kirche ausmachen.

10. Wer Irrlehren vertritt, der orientiert sich ganz sicher NICHT am gesicherten Glaubensdepositum. Wer mit der “Konzilskirche” um einen Beitritt verhandelt, der scheint kein wirkliches Problem mit dem Zeitgeist zu haben.

Erzb. Lefebvre und seine Getreuen vertreten keine Irrlehren. Sie wissen sich absolut gebunden an das gesicherte Glaubensdepositum. Sie verhandeln deshalb auch nicht mit offensichtlichen Kirchenfeinden um einen Beitritt zur „Konzilskirch“, sondern mit Autoritäten im Amt, um eine Anerkennung als Werk der wahren römisch-katholischen, apostolischen Kirche.

11. Was soll bitte ein “überzeitlichen Heilig-Geist-Gewirkten” sein?? Sind wir nun vollends bei den Pfingstlern und Charismatikern angekommen?

Ich hatte geschrieben: Sie orientiert sich nicht an der Entwicklung der „Konzilskirche“ und am Zeitgeist, sondern sie orientiert sich am gesicherten Glaubensdepositum und am überzeitlichen Heilig-Geist-Gewirkten, d.h. an all dem, was der Heilige Geist in den rund 2000 Jahren in der Kirche an Überzeitlichem (also nicht Zeitgebundenem, sondern Ewiggültigem) gewirkt hat.

Die Glaubensregel der röm.-kath. Kirche lautet dagegen folgendermaßen:

“The RULE OF FAITH. It seems timely to add here a few remarks on the rule of faith. This term signifies the standard or norm according to which each individual Christian must determine what is the material object of his faith. Protestants claim that the written Word of God, Holy Scripture, and that alone, is the one rule of faith. CATHOLICS, on the other hand, even though they, too, admit that our faith must be regulated in the final analysis by the Word of God — including tradition as well as Scripture — hold that the PROXIMATE and immediate RULE OF FAITH — that RULE to which EACH of the FAITHFUL and EACH GENERATION of the faithful MUST LOOK DIRECTLY — is the PREACHING of the CHURCH. And so, according to Catholics, there exists a twofold rule of faith: one remote and one proximate. The remote rule of faith is the Word of God (handed down in writing or orally), which was directly entrusted to the Church’s rulers that from it they might teach and guide the faithful. The proximate RULE OF FAITH, from which the faithful, one and ALL, ARE BOUND TO ACCEPT their faith and in accordance with which they are to regulate it, is the PREACHING of the ecclesiastical MAGISTERIUM” (Monsignor G. van Noort, Dogmatic Theology, Volume II)

Leo XIII. beantwortet in seiner Enzyklika “Sapientiae Christianae” die Frage, “woran man die Katholiken erkennt”, folgendermaßen: “Mit eindrucksvollen Worten erklärt der heilige Thomas von Aquin diese Wahrheit: … Wer also der Lehre der Kirche, die aus der in den heiligen Schriften offenbar gemachten Erstwahrheit hervorgeht, nicht als unfehlbarer, göttlicher Richtschnur anhängt, besitzt das Gehaben des Glaubens NICHT, sondern hält an dem, was des Glaubens ist, auf andere Weise fest als kraft des Glaubens … Es ist aber klar, dass der, welcher der Lehre der Kirche als unfehlbarer Glaubensrichtschnur anhängt, ALLEM BEISTIMMT, was die Kirche lehrt. Andernfalls, wenn er von der Lehre der Kirche das, was er will, festhält, und was er will, nicht festhält, hängt er nicht mehr der Lehre der Kirche als unfehlbarer Glaubensregel an, sondern seinem eigenen Wollen.“

Es ist offensichtlich, daß die FSSPX nicht allen (bis V2) verkündeten Lehren der röm.-kath. Kirche beistimmt. Beispiele sind bereits weiter oben genannt. Die Ausführungen von Tomás waren auch hinreichend.

Erzb. Lefebvre und seine Getreuen hängen der Lehre der Kirche, die aus der in den heiligen Schriften offenbar gemachten Erstwahrheit hervorgeht, als unfehlbarer, göttlicher Richtschnur an und stimmen allem bei, was die Kirche lehrt!

Beispielhaft sei hier noch eine Aussage von Pius IX. aufgelistet:

“Welchen Sinn hat es, den Lehrsatz der Suprematie St. Peters und seiner Nachfolger öffentlich zu verkündigen? Welchen Sinn hat es, immer und immer wieder den Glauben an die katholische Kirche und den Gehorsam zum Apostolischen Stuhl zu wiederholen, wenn die Handlungen diesen Worten entgegenstehen? Ist nicht Ungehorsam um so schändlicher, als Gehorsam Pflicht ist? Erstreckt sich die Autorität des Heiligen Stuhls nicht auf die Maßnahmen, die Wir verpflichtet gewesen sind zu ergreifen? Reicht es vielleicht aus, in Glaubensgemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl zu stehen, ohne gehorsam zu sein? So etwas kann es nicht geben, ohne daß der Katholische Glaube beschädigt wird! Tatsächlich, Ehrwürdige Brüder und geliebte Söhne, geht es darum, die Macht des Heiligen Stuhls anzuerkennen, sogar über die Kirchen, nicht bloß darin, was den Glauben betrifft, sondern auch in dem, was zur Disziplin gehört. Wer das bestreiten würde, ist ein KETZER; wer das anerkennt, sich aber hartnäckig weigert zu folgen, ist des ANATHEMAS würdig!” (Pius IX. in “Quae in Patriarchatu”)

Somit ist deutlich, daß die Haltung der FSSPX gegenüber Bergoglio und Co. NICHT katholisch ist, wenn Bergoglio und Co. tatsächlich Päpste (gewesen) seien.

Ob „Bergoglio und Co.“ nicht katholisch ist, ob er nicht Papst ist, kann die FSSPX offen, unentschieden lassen. Sie ist dem Apostolischen Stuhl gehorsam, insoweit dieser von GOTT die Vollmacht hat, den Gehorsam zu fordern. Der intakte Glaube steht aber immer über dem Gehorsam.

12. Wer nicht der Lehre der röm.-kath. im vollen Umfang treu ist, kann nicht von sich sagen, dieser Kirche tatsächlich anzuhängen. Wer immer nach der “Konzilskirche” schielt und um eine Einigung mit dieser offenkundig häretischen Organisation sucht, der hängt ganz offensichtlich an ihr.

Erzbischof Lefebvre und Seine FSSPX waren/sind der Lehre der röm.-kath. Kirche im vollen Umfang treu. Und nur dieser Kirche, der wahren, hängen sie an. Sie schielt nicht nach der „Konzilskirche“

13. Nennen Sie uns doch bitte die (angeblichen) jetzigen Oberhirten der röm.-kath. Kirche.

Der derzeitige Obersthirte der röm.-kath. Kirche ist Franziskus I.

14. Erklären Sie uns doch einmal, wie man ein wahrer katholischer Christ sein könne, wenn man gar nicht der Lehre der Kirche in vollem Umfang anhängt, sondern sogar modernistische Standpunkte vertritt?

Erzbischof Lefebvre und Seine Getreuen hingen/hängen der Lehre der Kirche in vollem Umfang an und vertrat(en)/vertreten keine modernistischen Standpunkte. Punkt!


„ICH WERDE NIEMALS KOMPROMISSE MACHEN“

„Ich werde das annehmen, was von der richtigen Autorität stammt und mit der Wahrheit, den Lehren und Traditionen der Heiligen Mutter Kirche ist, und ich werde alles ablehnen, was nicht damit übereinstimmt“.

(Mgr. Lefebvre am 23. Januar 1979 – zitiert in seinem amerikanischen Organ „THE ANGELUS“ Nr. 2, 1979)