Philippinen: „Alarmierende Situation“

Straßensperre in Marawi am Mittwoch

Wird Rodrigo Duterte bei seinem Kampf gegen Islamisten auf der Insel Mindanao Rücksicht auf Verluste nehmen? Wird der philippinische Präsident etwa auf den Hilfsappell der in Marawi entführten Geiseln eingehen? Vor dem Hintergrund von Dutertes rigoroser Sicherheitspolitik scheint das eher unwahrscheinlich. Pater Sebastiano D’Ambra wirkt für die Päpstlichen Missionswerke auf den Philippinen. Er sieht die etwa 240 Geiseln akut in großer Gefahr, wie er im Interview mit Radio Vatikan ausführt:

„Das ist eine neue und alarmierende Situation. Wir wissen nicht, wie sie sich weiterentwickeln wird, sicher aber werden die Angriffe weitergehen. Man kann nur hoffen, dass das Militär vorsichtig vorgeht, denn die Tendenz (des Militär, Anm.) ist, alles plattzumachen und sich nicht darum zu scheren, was passiert. Ich wünsche mir, dass es da guten Willen gibt – ich weiß nicht, wieviel es davon heute gibt… Man muss dafür beten, dass es zumindest die Vision gibt, eine Einigung zu finden.“

Pater D’Ambra will die Hoffnung auf eine glimpfliche Lösung für die Geiseln trotz allem nicht ganz aufgeben. Immerhin habe der Präsident vor Stunden noch gesagt, der Raum für Dialog sei „noch offen“, so der Geistliche. An dieses Duterte-Zitat klammert er sich, viel mehr bleibt ihm nicht übrig.

IS-treue Gruppe mit „viel Geld“

Die Islamistengruppe „Maute“, die sich zum IS bekennt, hatte letzte Woche Teile der Großstadt Marawi unter ihre Kontrolle gebracht. Unter anderem entführte sie einen Priester und 15 Gläubige aus der Kathedrale. Mit Panzern und Artillerie gehen Regierungstruppen seit dem Wochenende gegen die Rebellen vor; Dutzende von Menschen kamen bis heute ums Leben, darunter auch Zivilisten. Duterte hat das Kriegsrecht über die ganze Insel verhängt. Pater D’Ambra berichtet über die Hintergründe des Konfliktes:

„Mit seiner teuflischen Logik denkt der Islamische Staat, hier eine Provinz des Kalifats errichten zu können, und er ist auf fruchtbaren Boden gestoßen: Diese Gruppe, „Maute“, was ein Familienname hier ist, verfügt über Kontakte ins Ausland und hat diese Ideologie auch mit Hilfe von viel Geld konstruiert. Wir wissen darüber hinaus von vielen jungen Leuten, die hohe Gehälter bekommen und deswegen Teil dieser Gruppe werden.“

Angesichts der neuen islamistischen Infiltration auf Mindanao markiert die philippinische Regierung Unnachgiebigkeit: Duterte ließ die Rebellen bombardieren. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Regierung die Kontrolle zurückerlange, sagt der Armeesprecher. Für die örtliche Bevölkerung hat der Kampf fatale Folgen: Fast 90 Prozent der 200.000 Einwohner flohen laut Angaben der Behörden, der Rest harrt in den umkämpften Stadtbezirken aus. Dass Duterte es auf Mindanao jetzt mit dem IS zu tun hat, macht nach Ansicht von Pater D’Ambra „alles komplizierter“:

„Vor ein paar Jahren ist in Zamboanga etwas ähnliches mit sehr vielen Opfern passiert, es gab zehntausend verbrannte Häuser. Doch in Marawi wird das noch schlimmer werden, denn das Element des religiösen Fanatismus ist noch deutlicher. In Zamboanga war es uns gelungen, den religiösen Hass zu stoppen, wir haben uns zusammengetan, Christen und Muslime, und gemeinsam erklärt, dass dies kein religiöser Fall ist. In Marawi wird durch den IS alles komplizierter.“

Der Kampf muslimischer Aufständischer gegen die Regierung ist auf den Philippinen nicht neu: Mehr als 120.000 Menschen wurden bei solchen Kämpfen in den letzten 40 Jahren getötet. Auf Mindanao verüben Mitglieder islamistischer Gruppen, die eine Unabhängigkeit anstreben, regelmäßig Anschläge.

Hilfsappell der Entführten an die Regierung

Eine Woche nach der Entführung von 240 Menschen durch Islamisten auf der Insel Mindanao hat sich einer der Entführten in einem Video direkt an Rodrigo Duterte gewandt. In dem 5-minütigen Film bittet der Generalvikar des Bistums Marawi, Pater Teresito „Chito“ Suganob, den Präsidenten mit brüchiger Stimme darum, die Militäroffensive auf die Großstadt zu stoppen. Der von der Terrorgruppe „Maute“ festgehaltene Geistliche verweist in seinem Appell auf die dramatische Lage der Entführten: „Bitte denken Sie an uns“, richtet er sich an Duterte. Die philippinische Bischofskonferenz hatte sich zuvor ebenfalls mit einem Aufruf an Duterte gewandt, das Leben der Geiseln zu schützen.

(rv/diverse 31.05.2017 pr)

Islamisten entführen 15 Katholiken und verwüsten die Kathedrale von Marawi

Father Teresito Soganub, a Catholic Priest, poses for a photograph inside his cathedral

ASIEN/PHILIPPINEN – Duterte ruft Kriegsrecht auf Mindanao aus.

Marawi City (Fides) – Die islamistische Gruppe “Maute”, die nach eigenen Angaben mit dem Islamischen Staat in Verbindung steht “hat die katholische Kathedrale in Marawi City verwüstet und rund 15 Gläubige, darunter ein Priester, mehrere Schwestern und einige Laiengläubige, die sich in der Kirche zum Gebet auf hielten verschleppt”, die bestätigt Bischof Edwin De la Pena, der die Territorialpräslatur Marawi City auf der Insel Midanao im Süden der Philippinen leitet. Rund einhundert Maute-Milizionäre belagerten gestern die Stadt, nachdem Präsident Rodrigo Duterte auf der Insel das Kriegsrecht ausrief.

“Heute feiern wir das Patronatsfest unsere Prälatur, das Fest ‘Maria, Hilfe der Christen’. Die Gläubigen hielten sich zum Mariengebet in der Kirche auf, als die Terroristen in die Kirche eindrangen und verschleppten sie als Geiseln an einen unbekannten Ort. Danach kamen sie auch in die bischöfliche Residenz, wo sie unseren Generalvikar Pfarrer Teresito Soganub entführten. Danach legten sie einen Brand in der Kathedrale und in der Residenz. Es ist alles verwüstet. Wir sind entsetzt“.

Der Bischof selbst blieb unversehrt, weil er sich in einer Pfarrei außerhalb Marawis aufhielt. “Die Terroristen belagerten die ganze Stadt. Die Menschen sind verängstigt und verlassen ihre Wohnungen nicht. Nun warten wir auf die Reaktion der Armee. Die Stadt soll mit dem so wenig Blutvergießen wie möglich wieder zurückerobert werden. Über die Geiseln spricht niemand. Wir haben unsere Kanäle, die Kirche und islamische Religionsvertreter aktiviert und wir hoffen, dass es bald Verhandlungen geben wird und die Entführten gesund zu uns zurückkehren können”, so der Bischof, der mitteilt, dass die Kirche in den vergangenen Monaten mehrfach Drohungen erhalten hatte.

“Der Anschlag”, so der Bischof, “hat am Vorabend des Marienfests stattgefunden: sie bitten wir nun um Hilfe. Sie, die Hilfe der Christen, möge unsere Gläubigen beschützen. Nur sie wird uns helfen können. Wir bitten auch Papst Franziskus um das Gebet für uns und einen Appell an die Entführer richten und sie im Namen unsere Gemeinde um die Freilassung der Geiseln bitten. Gewalt und Hass bringen nur Verwüstung: wir bitten die Gläubigen in aller Welt, sich uns im Gebet für den Frieden anzuschließen”.

Unterdessen unterbrach Präsident Duterte angesichts der Krise seinen Besuch in Moskau und kehrte auf die Philippinen zurück. In Marawi steckten die islamistischen Belagerer auch das Gefängnis und zwei Schulen in Brand. Die Stadt ist von der Armee umzingelt. Der Bürgermeister von Marawi bat die Armee die Stadt mit ihren 200.000 vorwiegend muslimischen Einwohnern nicht mit Bomben unter Beschuss zu nehmen.

(PA) (Fides 24/5/2017)

Todesstrafe droht auf Philippinen: Bischöfe zu Widerstand bereit

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Erzbischof Ramon Arguelles: „Bin bereit wie der heilige Maximilian Kolbe anstelle der Gefangenen in den Todestrakt zu gehen und zu sterben“

Manila (kath.net/KAP) Der neu gewählte und am 30. Juni zur Vereidigung vorgesehene philippinische Präsident Rodrigo Duterte schockt mit scharfer Kirchenkritik und problematischen Rechtsauffassungen Katholiken und Zivilgesellschaft. Bei einer Pressekonferenz bezeichnete er die Bischöfe des Landes als korrupt und „sons of whores“ (Hurensöhne), wie das Nachrichtenportal „www.catholicwordreport“ am Sonntag berichtet. Duterte, der auch die Todesstrafen-Einführung fordert, erhielt Konter von Erzbischof Ramon Arguelles von Lipa. Dieser sagte Medienberichten zufolge, er sei bereit, wie der heilige Maximilian Kolbe anstelle der Gefangenen in den Todestrakt zu gehen und zu sterben, sollte das Land zur Todesstrafe zurückkehren. „Hätte nicht Christus dasselbe getan?“, wird Erzbischof Arguelles zitiert.

Duterte hatte im Wahlkampf erklärt, er wolle die Todesstrafe wieder einführen, die 2006 abgeschafft worden war. Er hoffe, dass sie für Drogendelikte, Vergewaltigung, Raub, Autodiebstahl und Korruption gelten werde. Arguelles sagte dazu, er werde dann eben „freiwillig an die Stelle all derer treten, die die Regierung hängen will“.

Arguelles ist innerhalb der Bischofskonferenz mit seiner Widerstandsankündigung nicht allein. „Wir werden uns auf jedem Fall dem Plan widersetzen, und zwar die ganze katholische Bischofskonferenz der Philippinen“, sagte Erzbischof Oscar Valero Cruz aus der Erzdiözese Lingayen-Dagupan: „Die Kirche wird nicht ruhig sitzen bleiben, sondern gegen die Todesstrafe aufstehen.“

Bischof Ruperto Santos von Balanga sagte, Duterte versuche, „Gott zu spielen“: „Nur Gott hat Macht über das Leben. Gott gibt das Leben, und Gott nimmt das Leben. Niemand sollte Gott spielen“, sagte er. „Das Leben ist heilig. Das Leben muss gefördert, respektiert und geschützt werden. Was zu tun wäre ist eine Gefängnissystem-Reform und eine Überprüfung des Justizsystems.“

Duterte hatte den Kampf gegen das Verbrechen in den Mittelpunkt seiner Wahlkampagne gestellt. Er versprach, die Kriminalität in den Bereichen Raub und Mord innerhalb von drei bis sechs Monaten völlig zu beenden, sollte er gewählt werden. Er werde dafür Zehntausende von Kriminellen der Todesstrafe zuführen und Sicherheitskräften „shoot-to-kill“ Befehle geben.

Der derzeitige Präsident der nationalen Bischofskonferenz, Erzbischof Socrates Villegas von Lingayen-Dagupan, sagte, er hoffe, bald ein Treffen mit Duterte zu haben und ihn davon zu überzeugen, die Pläne zur Todesstrafe wieder in die Schublade zu führen. „Als Menschen des Glaubens sind wir keine Verfechter der Todesstrafe, weil wir nicht das Recht haben, zu entscheiden, wer leben und wer sterben soll“, sagte Pater Lito Jopson, Leiter des Kommunikationsbüros der Bischofskonferenz. Duterte selbst hatte vor einigen Monaten bestätigt, dass er Verbindungen zu den illegalen Todesschwadronen in Davao gehabt habe.

In der philippinischen Kirche sorgt auch das Privatleben Dutertes für Diskussionen. Auch dieser Bereich bietet keine vertrauensbildende Basis. Seine Ehe mit der deutsch-amerikanischen Stewardess Elizabeth Zimmermann, mit der er drei Kinder hat, wurde annulliert. Mit seiner Lebenspartnerin Honeylet Avancena hat der 71-Jährige eine zwölfjährige Tochter. Zudem prahlt er gerne mit seiner Männlichkeit, mit der er als bekennender Frauenheld die Damenwelt „beglücke“. Einer seiner Söhne ist mit einer Muslima verheiratet und konvertierte zum Islam, weshalb vier der acht Enkel Dutertes als Muslime aufwachsen. Doch Religion ist für den in einer katholischen Familie aufgewachsenen Duterte, der eigenen Aussagen zufolge an Gott glaubt und nicht per se gegen die Kirche ist, ohnehin reine Privatsache, die in der Politik nichts zu suchen habe. In einer Wahlkampfrede vor Unternehmern bekannte der Präsident in spe fröhlich: „Würde ich die Zehn Gebote befolgen oder auf die Priester hören, hätte ich als Bürgermeister nichts zuwege gebracht.“

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Synode: „Barmherzigkeit und Gerechtigkeit sind in Gott vereint“

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Der philippinische Kardinal Tagle – RV

Der philippinische Kardinal und Synodenvater Luis Antonio Tagle wünscht sich einen „seelsorgerlichen Blick“ der Kirche auf die Familie, egal ob sie leidet oder freudig voranschreitet. Einen Gegensatz zwischen Barmherzigkeit und Wahrheit, wie manche Synodenväter ihn zeichnen, kann der Erzbischof von Manila nicht sehen. Kardinal Tagle unterstützt den Papst als einer von vier „delegierten Präsidenten“ wie schon 2014 bei der Durchführung der Synode und gilt als engster Papst-Vertrauter aus Asien. Im Gespräch mit Radio Vatikan sagte er:

„Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Mitleid sind in Gott vereint! Nur wir sterblichen Menschen, Geschöpfe mit einem Geist, der nicht alle Dinge vereinen kann, wir unterschieden das, um es uns selbst zu erklären. Aber wir müssen vorsichtig sein, denn in Gott und in den Augen des Glaubens gibt es keinen Gegensatz zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Ich als Hirte und als Glaubender brauche die Barmherzigkeit Gottes, und nicht nur Gottes, sondern vieler Menschen. Für mich ist das Gebet ‚Herr, erbarme dich!‘ zugleich ein Schrei: ‚Gott, sei gerecht mit mir!‘ Die wahre Gerechtigkeit finden wir nur in einem barmherzigen Gott.“

Letztes Jahr empfing Kardinal Tagle Papst Franziskus zu Besuch auf den Philippinen. Als Erzbischof von Manila versucht Tagle die Empfehlung des Papstes an die Priester und Bischöfe zu verwirklichen, das Volk aufzusuchen und mit den Menschen sich zu freuen und zu leiden. Das gilt auch für verletzte Familien. Das Um und Auf sieht Tagle in der persönlichen Begegnung mit den ihm anvertrauten Menschen.

„Persönliche Begegnung heißt nicht bloß körperliche Anwesenheit, sondern eine besondere Aufmerksamkeit mit den Augen des Glaubens und den Augen des Guten Samariters: die Augen von Jesus, dem Hirten. Das sind die Augen eines Bruders, der die Freuden und Leiden, die Träume und auch die Frustrationen der Geschwister teilt. Wie der Heilige Paulus sagte: ich bin alles für alle geworden. Wenn die Herde sich freut, dann wird das Herz des Hirten mit Empathie und freudigem Mitempfinden wissen, wie es sich mitfreut. Und dann gibt es die Aufmerksamkeit für die Wunden. Da muss man die Präsenz eines Gottes zeigen, der alle liebt, nicht nur die, die würdig sind: denn wer wäre der Liebe des Herrn überhaupt würdig? Das ist der Blick des Guten Samariters, ein seelsorgerlicher Blick.“

Die Philippinen sind – neben dem kleinen Osttimor – das einzige katholische Land Asiens. Armut, Mangel an Arbeit sowie Migration stellen die Familien dort auf eine harte Probe. „Aber in meiner Erfahrung lehren uns die armen Familien, wie man in der Hoffnung lebt“, so Kardinal Tagle. Mit Blick auf die Synode – für den erst 57 Jahre alten Kardinal ist es bereits die sechste – warnte er davor, Diversität als Anlass für Spaltung zu sehen.

„Es ist normal, dass es in jeder Synode verschiedene Beiträge gibt, denn die Teilnehmer kommen aus einer komplexen Diversität von Kulturen, Traditionen und Sprachen. Ich bin nicht nervös über diese Diversität, aber wir alle müssen in jeder Synode, auch in dieser, aufmerksam überprüfen, ob die Diversität nicht als Grund der Spaltung benutzt wird, statt ein Reichtum zu sein. Sie ist eine Gelegenheit, einen weiteren Horizont zu haben, um die Lehre, die Tradition, das Wort Jesu im Kontext der menschlichen Existenz zu verstehen.“

Kardinal Tagle wirkt seit diesem Frühjahr auch als Präsident von Caritas Internationalis, dem im Vatikan angesiedelten Dachverband der gut 160 nationalen Caritas-Einrichtungen der katholischen Kirche. In dieser Eigenschaft besuchte Tagle am Montag das griechische Flüchtlingslager Idomeni an der Grenze zu Mazedonien. „Welches Leid, welches Elend in diesen Lagern“, berichtete Tagle. „Die Leute haben nichts, nur das Wertvollste: die Familie, die Kinder. Ich habe diese müden Kinder gesehen, die schlafen wollten und Trost auf den Schultern der Mutter oder des Vaters gefunden haben. Und in all dem Elend des Lagers, in all dem Leid und der Demütigung, gibt es die Liebe.“

(rv 20.10.2015 gs)

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Siehe ferner: