PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: MODERNE EHEPROBLEME

IV

MODERNE EHEPROBLEME

Zahlreich sind die Nöte der Familie, die Papst Pius XII. in den bisher angeführten Ansprachen aufzählt. Aber die tiefste Ursache seines Kummers um die Familie und die Würde der Frau liegt in der Haltung zur Frage der Nachkommenschaft. Immer wieder klingt in verschiedenen Reden die Sorge des Papstes über diese Einstellung, die an den Wurzeln, am Fortbestand der Familie nagt, an. Wir hören schon in den Ansprachen an Neuvermählte manche väterliche Mahnung, die gerade bei den jungen Ehepaaren, die das Glück hatten, sich persönlich nach ihrer Trauung den Segen des Heiligen Vaters holen zu dürfen, noch am ehesten auf fruchtbaren Boden fallen konnten. „Das Eheleben aber, das unauflösliche Eheband, fordert, daß die Eigenliebe geopfert werde. Das Ich muß zurücktreten gegenüber der Pflicht, gegenüber der Liebe zu Gott, der euer gemeinsames Sehnen erhört und gesegnet hat, gegenüber der Liebe zu den Kindern, deretwegen ihr den Segen des Priesters und den des Himmels empfangen habt. O ihr Mütter, schreckt nicht zurück vor dem Schmerz! Wenn er auch einen Augenblick lang eure Stirne durchfurcht, er führt euch doch zur Freude einer Wiege. Ein Kinderweinen wird euer Herz aufjubeln machen, Kinderlippen werden eure Brust suchen, ein Händchen wird euch liebkosen und ein Engellächeln wird euch Paradiesesfreuden verkosten machen.“1

1 Rede vom 17. Juni 1942. (Eheleben, S. 132).

„Die unleugbaren Schwierigkeiten, die ein schöner Kreis von Kindern mit sich bringt, vor allem in unseren Zeiten des teuren Lebens und in den wenig wohlhabenden Familien erfordern Opfer, ja bisweilen wird Gott sie erschaffen, er, der auf das Zeichen des Sakramentes hin getreulich die Gnade bewirkt hat… Gott allein kann die Gnade hervorbringen. Aber er wird Heldenkraft. Aber wie die heilsame Myrrhe, so bewahrt diese Strenge der ehelichen Pflichten die Eheleute vor allem vor einer schweren Schuld, der unheilvollen Quelle des Verderbens für die Familien und die Völker. Außerdem sichern ihnen diese Schwierigkeiten, selbst wenn sie mutig überwunden werden, die Bewahrung der sakramentalen Gnade und eine Fülle göttlichen Beistandes. Schließlich halten sie vom häuslichen Herde die vergifteten Elemente der Auflösung fern, nämlich die Selbstsucht, das dauernde Verlangen nach Reichtum, die falsche und fehlerhafte Erziehung einer freiwillig eingeschränkten Nachkommenschaft. Wie viele Beispiele in eurer Umgebung werden euch dagegen hinweisen auf eine auch natürliche Quelle der Freude und gegenseitigen Ermunterung in den Anstrengungen der Eltern, das tägliche Brot einer teuren und zahlreichen Kinderschar zu verschaffen, die unter dem Auge Gottes im Nest der Familie das Licht der Welt erblickt hat!“2

2 Rede vom 10. Jänner 1940 (Z. S. 31 f. — vgl. Ideal, S. 50)

„Ja, Gott hat euch zu großer Ehre und Würde erhoben! Und scheint es nicht, als wolle der Herr euch gleich vom ersten Schritte an, den ihr, gestärkt mit dem priesterlichen Segen, vom heiligen Altare weg tut, zu seinen neuen und bleibenden Mitarbeitern machen, in jenem Dienst, zu dem er euch den Weg eröffnet und geheiligt hat? Im Sakrament der Ehe war es eine äußere Handlung, die auf euch die göttliche Gnade herabgezogen hat: die gegenseitige Hingabe und Hinnahme der Personen und die in Worten kundgegebene Einwilligung. — In eurem ehelichen Leben werdet ihr Werkzeuge des göttlichen Künstlers sein, wenn er den stofflichen Leib eurer Kinder formt. Ihr werdet in das Fleisch von eurem Fleisch eine geistige und unsterbliche Seele herabrufen. Auf eure Bitte hin sich herablassen und eure Hilfe in Anspruch nehmen, wenn er die Seelen aus dem Nichts hervorbringt, so wie er sich auch eurer bedient hat, um euch die Gnade zu schenken… Bei der einen wie bei der anderen Mitarbeit wartet Gott auf euer Jawort, um seine schöpferische Allmacht zu gebrauchen… Sein Wille ist es, daß ihr frei die Tat setzt, auf die er wartet, um sein schöpferisches und heiligendes Werk zu vollführen. So steht ihr denn, liebe Söhne und Töchter, vor dem Schöpfer, dazu ausersehen, seine Wege zu bereiten. Aber ihr steht da in Freiheit und innerer Verantwortlichkeit. Hängt es doch von euch ab, ob jene ,einfachen Seelen, die noch nichts wissen‘ (Dante) über die Schwelle des Lebens treten werden. So gern möchte Gott sie aus dem Nichts rufen und mit unendlicher Liebe sie empfangen, damit sie eines Tages als Erwählte ihn selbst besitzen sollen, in der ewigen Seligkeit des Himmels. Von euch hängt es ab, ob diese Seelen nur herrliche Bilder in Gottes Gedanken bleiben, sie, die leuchtende Strahlen hätten sein können jener Sonne, die jeden Erdgeborenen erleuchtet. So aber werden sie nur Lichter bleiben, die menschliche Feigheit und Ichsucht ausgelöscht haben… In den unvernünftigen Lebewesen sichert ein blinder Instinkt die Weitergabe des Lebens. Im Menschengeschlechte dagegen, das in Adam fiel, im Sohne Gottes aber, dem fleischgewordenen Worte, erlöst und geheiligt wurde, können kalte und boshafte Berechnungen einer genießerischen und entarteten Ichsucht es fertigbringen, die Blüte eines körperlichen Lebens, das sich nach Entfaltung sehnte, abzubrechen.“3

3 Rede vom 5. März 1941. (Ideal, S. 146 ff.).

„Eine andere, leider noch häufigere Prüfung, der die Treue ausgesetzt ist, kommt daher, daß einer der Gatten die Heiligkeit der ehelichen Pflicht verkennt. Aus Furcht vor vermehrten Familienlasten, aus Furcht vor der Mühe, dem Leid, der Gefahr (die hie und da wohl übertrieben wird), aus Furcht — und diese Furcht ist unvergleichlich nichtiger —, eine Linie der eigenen Eleganz, einen Zipfel des eigenen Lebens, der Lust und Freiheit opfern zu müssen, manchmal auch aus Herzenskälte oder Kleinlichkeit des Geistes, aus schlechter Laune oder ans vermeintlicher, falschverstandener Tugend, versagt sich ein Gatte dem anderen oder zeigt, wenn er sich hingibt, deutlich sein Mißbehagen und seine Befürchtungen. — Wir sprechen hier natürlich nicht von der schuldhaften Abmachung zweier Eheleute, den Kindersegen von ihrem Herde fernzuhalten. — Eine solche Prüfung ist für einen Gatten oder eine Gattin, die ihre Aufgabe erfüllen möchten, sehr hart. Und wenn sie sich wiederholt und wenn sie andauert und zu einem bleibenden und gleichsam endgültigen Zustand wird, dann entsteht aus ihr leicht die Versuchung, anderswo einen unerlaubten Ersatz zu suchen.“4

4 Rede vom 9. Dezember 1942 (Eheleben, S. 243/44)

Die unheilvolle Zeit des Krieges mit ihren verderbenbringenden Folgen in den darauffolgenden Jahren zwang den Papst, deutlicher zu werden und auf die unverhüllt schamlose Einstellung der Welt zur Ehe mit aller Klarheit und Festigkeit eine Antwort zu geben, zumal katholische Gläubige, in erster Linie katholische Ärzte, an den Papst herangetreten waren und um seine Stellungnahme in einer Reihe von Problemen baten. Es sind hier einige Ansprachen zu nennen, die sich ausschließlich mit der Beantwortung dieser Fragen befassen: „Über die christliche Ehe und Mutterschaft“ vom 29. Oktober 1951; „Fragen der Familienmoral und der Nachkommenschaft“ vom 28. November 1951; „Über das Problem der künstlichen Befruchtung“ vom 30. September 1949. Da die Mutterschaft das Geschenk Gottes an die Frau, ihre Hauptaufgabe und Krone ist, so wird alles, was sie an der Erfüllung ihres Frauentums hindert, zugleich ihre Würde beein­trächtigen. Wir müssen darum die Worte des Papstes, dem das Ansehen der Frau, der Fortbestand der christ­lichen Familie so sehr am Herzen liegen, in den wichtigen Fragen unbedingt zur Kenntnis nehmen.

Schon Pius XI. griff mit seiner Enzyklika „Casti connubii“ die Ehefrage auf, aber die letzten Jahrzehnte machten ein weiteres Eingehen auf verschiedene Probleme notwendig. Als im Oktober 1951 in Rom ein Kongreß von katholischen Hebammen Italiens zusammenkam, benutzte der Papst bei ihrem Empfang die Gelegenheit, um vor ihnen seine Einstellung, zur Frage der Geburtenrege­lung darzulegen:

„Wer daher dieser Wiege des werdenden Lebens nahe­kommt und sich daselbst auf die eine oder andere Weise betätigt, muß die Ordnung kennen, die nach dem Willen des Schöpfers dort zu beobachten ist, wie auch die Gesetze, die für sie bestimmt sind. Denn es handelt sich hier nicht um rein physische und biologische Gesetze, denen ver­nunftlose Wesen und blinde Kräfte mit Notwendigkeit gehorchen, sondern um Gesetze, deren Ausführung und deren Mitwirkungen dem selbstbestimmenden und freien Mittun der Menschen anvertraut sind.

Diese Ordnung, festgesetzt von der höchsten Vernunft, ist eingestellt auf den vom Schöpfer gewollten Zweck; sie umfaßt das äußere Tun des Menschen und die innere Zu­stimmung seines freien Willens; sie schließt Handlung und auch pflichtgemäße Enthaltung ein… Wenn der Mensch das Seine getan und die wunderbare Entwicklung des Lebens in Gang gebracht hat, ist es seine Pflicht, des­sen Fortschritt ehrfürchtig zu achten, eine Pflicht, die es ihm verbietet, das Wirkeberr Natur aufzuhalten oder seinen natürlichen Ablauf zu verhindern.“

Der Papst spricht dann von dem Beruf der Heb­ammen als von einem Apostolat, zu dem sie durch ihren Beruf verpflichtet sind.

„Warum ruft man euch! Weil man überzeugt ist, daß ihr eure Kunst versteht, daß ihr wißt, was Mutter und Kind brauchen, welchen Gefahren beide ausgesetzt sind und wie diese Gefahren vermieden oder überwunden werden können. Man erwartet von euch Rat und Hilfe, natürlich nicht unbedingt, sondern innerhalb der Grenzen des   menschlichen Wissens und Könnens, gemäß dem Fortschritt und dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft und der Praxis eures Faches. Wenn man das alles von euch erwartet, so darum, weil man Vertrauen zu euch hat, und dieses Vertrauen ist vorwiegend eine Sache der Persönlichkeit. Eure Persönlichkeit muß es einflößen. Daß dieses Vertrauen nicht getäuscht werde, ist nicht nur euer lebhafter Wunsch, sondern auch eine Forderung eures Berufes und daher eine Gewissenspflicht für euch. Darum müßt ihr danach streben, eure fachlichen Kenntnisse zur höchsten Vollendung zu bringen. Indes ist eure berufliche Tauglichkeit auch eine Forderung und Form eures Apostolats. Welchen Wert genösse in der Tat euer Wort in Fragen der Sitte und Religion, die mit eurem Amt verknüpft sind, wenn ihr in den Fragen eures Faches versagt? Umgekehrt wird euer Eingreifen auf sittlichem und religiösem Gebiet von ganz anderem Gewicht sein, wenn ihr es versteht, durch euer überlegenes berufliches Können Achtung einzuflößen . .. Man wird klar erkennen, daß ihr bei der Ausübung eures Berufes euch eurer Verantwortung gegenüber Gott bewußt seid; daß ihr in eurem Glauben an Gott den stärksten Antrieb findet, mit um so größerer Hingabe zu helfen, je größer die Not ist; daß ihr aus dem festen religiösen Fundament die Kraft nehmt, unvernünftigen und widersittlichen Wünschen — von welcher Seite sie immer kommen mögen — ein ruhiges, aber unerschrockenes und unentwegtes Nein entgegenzusetzen.

Der heutigen Welt tut es dringend not, dessen durch das dreifache Zeugnis des Geistes, des Herzens und der Tat sicher zu werden. Euer Beruf bietet euch die Möglichkeit und macht es euch zur Pflicht, ein solches Zeugnis abzulegen. Mitunter ist es ein bloßes Wort, zur rechten Zeit und mit Takt zur Mutter oder zum Vater gesprochen; und häufiger werden euer ganzes Verhalten und euer gewissenhaftes Tun unscheinbar und still auf sie einwirken…
Jedes Menschenwesen, auch das Kind im Mutterschoß, hat sein Lebensrecht unmittelbar von Gott, nicht von den Eltern, nicht von irgendeiner Gemeinschaft oder menschlichen Autorität. Darum gibt es keinen Menschen, keine menschliche Autorität, keine Wissenschaft, keine medizinische, eugenische, soziale, wirtschaftliche oder ethische ‚Indikation‘, die einen Rechtstitel darstellen oder geben könnte zu einer überlegten direkten Verfügung über schuldloses Menschenleben, das heißt eine Verfügung, die auf Vernichtung abzielt, sei sie Selbstzweck, sei sie Mittel für einen anderen Zweck, der an sich vielleicht nicht unerlaubt ist. So ist zum Beispiel die Rettung des Lebens der Mutter ein sehr edles Ziel; aber die direkte Tötung des Kindes als Mittel zu diesem Ziel ist nicht erlaubt. Die direkte Zerstörung des sogenannten ,lebensunwerten Lebens‘, ob geboren oder noch nicht geboren, wie sie vor einigen Jahren in größtem Ausmaß geübt wurde, läßt sich in keiner Weise rechtfertigen. Als darum die Praxis begann, hat die Kirche in aller Form als dem natürlichen und positiv göttlichen Recht entgegen und darum als unerlaubt erklärt, selbst wenn es auf Anordnung der öffentlichen Autorität geschieht, diejenigen zu töten, die zwar schuldlos, aber wegen physischer oder psychischer Mängel für die Nation keinen Nutzen, sondern vielmehr eine Belastung darstellen .. .

Über jedes menschliche Gesetz, auch über jede ‚Indikation‘ erhebt sich unantastbar das Gesetz Gottes… Euer Apostolat richtet sich indes vor allem an die Mutter. Zweifellos spricht die Stimme der Natur in ihr und legt ihr das Verlangen, die Freude, den Mut, die Liebe und den Willen ins Herz, für das Kind zu sorgen. Um aber die Einflüsterungen des Kleinmuts in allen ihren Formen zu überwinden, bedarf jene Stimme der Stärkung und gleichsam eines übernatürlichen Einschlags. An euch liegt es, weniger durch Worte als durch euer ganzes Benehmen und Handeln die junge Mutter Größe, Schönheit und Adel des Lebens verkosten zu lassen, das in ihrem Schoß erwacht, Form gewinnt und lebt, das von ihr geboren wird, das sie in ihrem Arm trägt und an ihrer Brust nährt; an euch, in ihren Augen und ihrem Herzen aufleuchten zu lassen, wie reich das Geschenk der Liebe Gottes ist für sie und für ihr Kind…

Im übrigen haben Wir nicht nötig, euch, die ihr hier eure Erfahrung habt, zu beweisen, wie sehr heute das Apostolat der Hochschätzung und Liebe des neuen Lebens notwendig ist. Leider sind die Fälle nicht selten, wo das Sprechen oder auch nur eine vorsichtige Andeutung vom Kind als einem ‚Segen‘ genügt, um Widerspruch oder vielleicht auch Spott hervorzurufen. Viel öfter herrscht heute die Idee und das Wort von der großen ‚Last‘ des Kindes vor. Wie sehr ist doch diese Geisteshaltung dem Gedanken Gottes, der Sprache der Heiligen Schrift, ja auch der gesunden Vernunft und dem natürlichen Empfinden entgegen! Wenn Bedingungen und Umstände vorherrschen, unter denen die Eltern ohne Verletzung des göttlichen Gesetzes den Kindersegen vermeiden können, so berechtigen doch diese Fälle einer höheren Gewalt nicht dazu, die Begriffe zu verkehren, die Werte zu mißachten, die Mutter geringzuschätzen, die den Mut und die Ehre hatte, Leben zu geben …

Es ist eines der Grunderfordernisse der rechten sittlichen Ordnung, daß der Ausübung der ehelichen Rechte die aufrichtige und innerliche Annahme des Berufes und der Pflichten der Mutterschaft entspreche. Unter dieser Be-dingung wandelt die Frau auf dem vom Schöpfer gebahnten Wege dem Ziele zu, das er seinem Geschöpf bestimmt hat, indem er es in der Ausübung jener Funktion an seiner Güte, seiner Weisheit und seiner Allmacht teilhaben läßt, entsprechend der Botschaft des Engels: ,Du wirst empfangen und gebären‘ (vgl. Luk 1, 31).

Häufig ist das Kind unerwünscht; schlimmer noch, man fürchtet sich vor ihm. Wie könnte bei solcher Verfassung noch Bereitwilligkeit zur Pflicht bestehen? Hier braucht es den wirksamen Einsatz eures Apostolates; vor allem ab­lehnend, indem ihr jegliche sittenwidrige Mitwirkung ver­sagt; dann aber auch aufbauend, indem ihr taktvoll eure Sorge darauf richtet, Vorurteile, mannigfaltige Besorg­nisse und kleinmütige Vorwände zu zerstreuen, Hinder­nisse, auch von außen kommende, welche die Annahme der Mutterschaft erschweren könnten, zu beseitigen. Wenn man sich an euch um Rat und Hilfe wendet, nur um die Erweckung neuen Lebens zu erleichtern, um es zu schüt­zen und zur vollen Entfaltung zu bringen, so könnt ihr ohne weiteres eure Mitwirkung angedeihen lassen; aber in wie vielen anderen Fällen wendet man sich an euch, um die Weckung und Erhaltung solchen Lebens zu verhin­dern, ohne jede Rücksicht auf die Vorschriften der sitt­lichen Ordnung? Solchen Zumutungen zu willfahren, hieße euer Wissen und Können erniedrigen, weil ihr euch dadurch der Mittäterschaft sittenwidrigen Tuns schuldig machen würdet; das hieße, euer Apostolat in sein Gegenteil verkehren. Hier ist ein ruhiges, aber entschie­denes Nein erforderlich, das keine Übertretung der Ge­bote Gottes und der Entscheidung des Gewissens duldet… Unser Vorgänger, Pius XI. seligen Angedenkens, verkün­dete in seiner Enzyklika ,Casti connubii‚ vom 31. Dezem­ber 1930 von neuem feierlich das Grundgesetz des ehe­lichen Aktes und der ehelichen Beziehungen: daß näm­lich jeder Eingriff der Gatten in den Vollzug des ehelichen Aktes oder in den Ablauf seiner natürlichen Folgen, ein Eingriff, der zum Zwecke hat, ihn der ihm innewohnen­den Kraft zu berauben und die Weckung neuen Lebens zu verhindern, widersittlich ist und daß keine ‚Indika­tion‘, kein Notstand ein innerlich sittenwidriges Tun in ein sittengemäßes und erlaubtes verwandeln kann (vgl. A.A.S. 22, p. 599 ss.). Diese Vorschrift hat ihre volle Geltung heute wie gestern, und sie wird sie auch morgen und immer haben, weil sie kein einfaches Gebot menschlichen Rechtes ist, sondern der Ausdruck eines Gesetzes der Natur und Gottes selbst. Mögen Unsere Worte eine sichere Norm bieten für alle Fälle, in denen euer Beruf und euer Apostolat von euch eine klare und feste Entscheidung verlangt!

Es wäre sehr viel mehr als ein einfacher Mangel an Bereitschaft zum Dienst am Leben, wenn der Eingriff des Menschen nicht nur einen einzelnen Akt anginge, sondern den Organismus selbst träfe zum Zweck, ihn mittels Sterilisierung der Fähigkeit zur Weckung neuen Lebens zu berauben. Auch hier habt ihr eine klare Wegweisung in der Lehre der Kirche. Die direkte Sterilisierung — also jene, die als Mittel oder als Zweck darauf ausgeht, die Zeugung unmöglich zu machen — ist eine schwere Verletzung des Sittengesetzes und deshalb unerlaubt. Auch die öffentliche Autorität hat kein Recht, unter dem Vorwand irgendwelcher Indikation sie zu erlauben und noch viel weniger sie vorzuschreiben oder zum Schaden von Schuldlosen zur Ausführung zu bringen. Dieser Grundsatz findet sich schon ausgesprochen in der vorher erwähnten Ehe-Enzyklika Pius‘ XI. (a.a.O. p. 564-565). Als deshalb vor einem Jahrzehnt die Anwendung der Sterilisierung immer weiter um sich griff, sah sich der Heilige Stuhl genötigt, ausdrücklich und öffentlich zu erklären, daß die direkte Sterilisierung, ob dauernd oder nur zeitweise, ob Sterilisierung des Mannes oder der Frau, unerlaubt ist, in Kraft des Naturgesetzes, von dem zu entpflichten, wie ihr wißt, auch die Kirche keine Gewalt hat (Decr. S. Off., 22. Febr. 1940 — A. A. S. 1940, p. 73). Widersetzt euch deshalb, soweit ihr vermögt, in eurem Apostolat diesen widernatürlichen Bestrebungen und versagt ihnen eure Mitwirkung. Heutzutage wird außerdem die ernste Frage gestellt, ob und inwieweit die Pflicht der Bereitschaft zum Mutterdienst sich vereinbaren läßt mit der immer mehr sich ausbreitenden Flucht in die Zeiten der natürlichen Unfruchtbarkeit (die sogenannten Perioden der Empfängnisunfähigkeit der Frau), was ein klarer Ausdruck des jener Bereitschaft entgegengesetzten Willens zu sein scheint. Man erwartet von euch mit Recht, daß ihr bezüglich der medizinischen Seite gut unterrichtet seid über die bekannte Theorie und die Fortschritte, die sich auf diesem Gebiet noch erwarten lassen, daß aber anderer­seits euer Rat und eure Hilfe sich nicht auf einfache populäre Veröffentlichungen stützen, sondern auf wissen­schaftlicher Sachlichkeit und dem bewährten Urteil gewissenhafter Fachmänner in Medizin und Biologie beruhen. Eure Aufgabe ist es, nicht die des Priesters, die Eheleute in persönlicher Beratung oder durch ernste Ver­öffentlichungen über die biologische und technische Seite der Theorie zu unterrichten, ohne euch jedoch zu einer weder zu rechtfertigenden noch passenden Propaganda verleiten zu lassen. Aber auch auf diesem Gebiet verlangt euer Apostolat von euch als Frauen und Christinnen, die sittlichen Maßstäbe zu kennen und zu verteidigen, denen die Anwendung jener Theorie unterliegt. Und hier ist die Kirche zuständig.

Es sind vor allem zwei Voraussetzungen zu beachten: Wenn die Anwendung jener Theorie nichts weiter besagen will, als daß die Gatten auch an den Tagen der natürlichen Unfruchtbarkeit von ihrem Eherecht Gebrauch machen können, so ist dagegen nichts einzuwenden; damit ver­hindern und vereiteln sie tatsächlich in keiner Weise den Vollzug des natürlichen Aktes und seiner weiteren natürlichen Folgen. Gerade dadurch unterscheidet sich die Anwendung der Theorie, von der Wir sprechen, wesentlich von dem schon bezeichneten Mißbrauch, der in der Verkehrung des Aktes selbst liegt.

Geht man indessen weiter, indem man nämlich den ehe­lichen Akt ausschließlich an jenen Tagen zuläßt, dann muß das Verhalten der Eheleute genauer geprüft werden. Hier stellen sich Unserer Erwägung wiederum zwei Voraussetzungen. Wenn schon beim Abschluß der Ehe wenigstens einer der Gatten die Absicht gehabt hätte, das Gatten-Recht, also nicht nur seinen Gebrauch, selbst auf die Zeiten der Unfruchtbarkeit zu beschränken, derart, daß an den anderen Tagen der andere Eheteil nicht einmal das Recht hätte, den Akt zu verlangen, so würde dies einen wesentlichen Mangel des Ehewillens in sich begreifen, einen Mangel, der die Ungültigkeit der Ehe selbst zur Folge hätte; denn das aus dem Ehevertrag sich herleitende Recht ist ein dauerndes, ununterbrochenes, nicht aussetzendes Recht eines jeden der Gatten dem anderen gegenüber. Wenn hingegen die Beschränkung des Aktes auf die Tage der natürlichen Unfruchtbarkeit nicht das Recht selbst trifft, sondern nur den Gebrauch des Rechtes, so bleibt die Gültigkeit der Ehe unbestritten; immerhin wäre die sittliche Erlaubtheit solchen Verhaltens der Ehegatten zu bejahen oder zu verneinen, je nachdem die Absicht, ständig sich an jene Zeiten zu halten, auf ausreichenden und zuverlässigen sittlichen Gründen beruht oder nicht. Die Tatsache allein, daß die Gatten sich nicht gegen die Natur des Aktes verfehlen und auch bereit sind, das Kind anzunehmen und aufzuziehen, das trotz ihrer Vorsichtsmaßregeln zur Welt käme, würde für sich allein nicht genügen, die Rechtlichkeit der Absicht und die unbedingte Sittengemäßheit der Beweggründe zu gewährleisten. Der Grund liegt darin, daß die Ehe zu einem Lebensstand verpflichtet, der einerseits bestimmte Rechte verleiht, andererseits aber auch die Ausführung einer positiven, dem Stand selber obliegenden Leistung verlangt. In einem solchen Fall läßt sich der allgemeine Grundsatz anwenden, daß eine positive Leistung unterlassen werden kann, wenn unabhängig vom guten Willen der Verpflichteten schwerwiegende Gründe zeigen, daß jene Leistung unzweckmäßig ist, oder beweisen, daß sie vom Berechtigten — in diesem Fall dem Menschengeschlecht — billigerweise nicht verlangt werden kann.

Der Ehevertrag, der den Brautleuten das Recht verleiht, dem Naturtrieb Genüge zu tun, versetzt sie in einen Lebensstand, den Ehestand. Den Gatten nun, die mit dem ihrem Stand eigentümlichen Akt von jenem Recht Gebrauch machen, legen die Natur und der Schöpfer die Aufgabe auf, für die Erhaltung des Menschengeschlechts Sorge zu tragen. Das ist die eigenartige Leistung, die den eigentlichen Wert, die Bedeutung ihres Standes ausmacht, das bonum prolis — das Gut der Nachkommenschaft. Der einzelne und die Gesellschaft, das Volk und der Staat, ja selbst die Kirche hängen nach der von Gott gesetzten Ordnung für ihre Existenz von der fruchtbaren Ehe ab. Daraus folgt: den Ehestand ergreifen, ständig die ihm eignende und nur ihm erlaubterweise zu tätigende Fähigkeit nutzen, und andererseits sich immer und absichtlich ohne schwerwiegenden Grund seiner hauptsächlichen Pflicht entziehen, hieße gegen den Sinn des Ehelebens selbst sich verfehlen.

Von dieser pflichtmäßigen positiven Leistung können nun ernste Beweggründe, auch auf lange Zeit, ja für die Dauer der Ehe, entpflichten, wie solche nicht selten bei der sogenannten medizinischen, eugenischen, wirtschaftlichen und sozialen Indikation vorliegen. Daraus folgt, daß die Einhaltung der unfruchtbaren Zeiten sittlich erlaubt sein kann; und unter den erwähnten Bedingungen ist sie es tatsächlich. Wenn dagegen nach vernünftigem und billigem Urteil derartige persönliche oder aus den äußeren Verhältnissen sich herleitende gewichtige Gründe nicht vorliegen, so kann der Wille der Gatten, gewohnheitsmäßig der Fruchtbarkeit ihrer Vereinigung aus dem Wege zu gehen, während sie fortfahren, die volle Befriedigung ihres Naturtriebs in Anspruch zu nehmen, nur von einer falschen Wertung des Lebens und von Beweggründen kommen, die außerhalb der richtigen ethischen Maßstäbe liegen.

Nun werdet ihr dazu vielleicht bemerken, daß ihr in Ausübung eures Berufs gelegentlich vor sehr heiklen Fällen steht, nämlich Fällen, in denen das Wagnis der Mutterschaft nicht verlangt werden kann, diese im Gegenteil unbedingt zu vermeiden ist, in denen aber andererseits die Einhaltung der unfruchtbaren Zeiten entweder nicht genügend Sicherheit bietet oder aber aus anderen Gründen von ihr abgesehen werden muß. Und da fragt ihr nun, wie dann noch die Rede sein könne von einem Apostolat im Dienst der Mutterschaft.

Wenn nach eurem sicheren und erprobten Urteil die Umstände unbedingt ein ‚Nein‘ erfordern, also den Ausschluß der Mutterschaft, so wäre es ein Irrtum und ein Unrecht, ein ,Ja‘ aufzuerlegen oder anzuraten. Es handelt sich hier in Wahrheit nicht um eine theologische, sondern um eine medizinische Frage; sie liegt also innerhalb eurer Zuständigkeit. Indes erfragen die Eheleute in solchen Fällen von euch keine ärztliche, notwendigerweise verneinende Antwort, sondern die Billigung einer ‚Technik‘ der ehelichen Betätigung, die gegen das Wagnis der Mutterschaft gesichert wäre. Damit seid ihr also schon wieder gerufen, euer Apostolat auszuüben, insofern ihr keinen Zweifel lassen werdet, daß auch in diesen äußersten Fällen jede Präventiv-Maßnahme und jeder direkte, unmittelbare Eingriff in das Leben oder die Entwicklung des Keimes im Gewissen verboten und ausgeschlossen ist, und daß nur ein Weg offen bleibt, nämlich die Enthaltung von jeglicher Vollbetätigung der Naturanlage. Hier ver-pflichtet euch euer Apostolat zu einem klaren und sicheren Urteil und zu ruhiger Festigkeit.

Indes wird man einwenden, daß solche Enthaltsamkeit unmöglich, daß solcher Heroismus nicht durchführbar ist. Diesen Einwand werdet ihr heute überall hören und lesen von seiten derer, die nach Pflicht und Zuständigkeit in der Lage sein sollten, ganz anders zu urteilen. Zur Rechtfertigung wird folgender Beweis vorgebracht: niemand ist zu Unmöglichkeiten verpflichtet, und man kann von keinem vernünftigen Gesetzgeber voraussetzen, daß er mit seinem Gesetz auch zu Unmöglichem verpflichten wolle. Für die Eheleute ist jedoch die Enthaltung auf lange Dauer unmöglich. Sie sind also nicht verpflichtet zur Enthaltsamkeit. Das göttliche Gesetz kann diesen Sinn nicht haben. Hier wird aus teilweise richtigen Vordersätzen eine falsche Schlußfolgerung gezogen. Um sich davon zu überzeugen, genügt es, den Beweis umzukehren! Gott verpflichtet nicht zu Unmöglichem. Nun aber verpflichtet Gott die Ehegatten zur Enthaltsamkeit, wenn ihre Vereinigung nicht naturgemäß vollziehbar ist. Also ist in diesen Fällen Enthaltsamkeit möglich. Wir haben zur Bestätigung dieser Beweisführung die Lehre des Konzils von Trient, das in dem Kapitel über die notwendige und mögliche Beobachtung der Gebote, auf eine Stelle des heiligen Augustinus zurückgreifend, lehrt: ‚Gott befiehlt nichts Unmögliches, er ermahnt vielmehr, während er befiehlt, zu tun, was du kannst, und um das zu bitten, was du nicht kannst, und er hilft, daß du kannst.‘ (Conc. Trid. sess. 6 cap. 11; Denzinger n. 804. — S. August., De natura et gratia cap. 43 n. 50; Migne P. L. vol. 44 col. 271).

Laßt euch also in eurer Berufspraxis und in eurem Apostolat von diesem aufdringlichen ,Unmöglichkeitsgerede‘ nicht verwirren, weder in eurem inneren Urteil noch in eurem äußeren Verhalten. Gebt euch nie her für irgendetwas, das gegen das Gesetz Gottes und euer christliches Gewissen verstößt. Es hieße, den Männern und Frauen unserer Zeit ein Unrecht antun, wenn man sie eines fortgesetzten Heroismus für unfähig hielte. Heute wird aus so vielen Gründen — vielleicht unter dem Zwang der harten Not, manchmal auch im Dienst des Unrechts — Heroismus in einem Grad und Ausmaß geübt, wie man es in vergangenen Zeiten für unmöglich gehalten hätte. Wenn also die Umstände dieses Heldentum wirklich verlangen, warum sollte es dann haltmachen an den Grenzen der Leidenschaften und Naturtriebe? Das ist klar: wer sich nicht beherrschen will, wird es auch nicht können; und wer glaubt, sich beherrschen zu können, dabei aber nur auf die eigene Kraft zählt, ohne aufrichtig und beharrlich die göttliche Hilfe zu suchen, wird elendiglich enttäuscht werden.

Dies zu eurem Apostolat, das bezwecken soll, die Ehegatten für den Dienst der Mutterschaft zu gewinnen, nicht im Sinn einer blinden Knechtschaft unter dem Drang der Natur, sondern im Sinn eines nach den Grundsätzen der Vernunft und des Glaubens geregelten Handhabung der ehelichen Rechte und Pflichten. Die ,Persönlichkeitswerte‘ und die Notwendigkeit sie zu achten — dieser Gegenstand beschäftigt seit zwei Jahrzehnten immer mehr das Schrifttum. In vielen seiner Erzeugnisse ist auch dem spezifischen sexuellen Akt ein eigener Platz angewiesen, um ihn in den Dienst der Persönlichkeit der Gatten zu stellen. Der eigentliche und tiefste Sinn der Ausübung des Gattenrechtes sollte darin liegen, daß die körperliche Verbindung der Ausdruck und die Bestätigung der persönlichen und affektiven Vereinigung ist. Artikel, Kapitel, ganze Bücher, Konferenzen, besonders auch über die ,Technik der Liebe‘, dienen der Verbreitung dieser Ideen, ihrer Beleuchtung mit Ratschlägen an die Brautleute, als Führer in der Ehe, damit sie nicht aus Torheit oder mißverstandener Scham oder unbegründeter Ängstlichkeit das vernachlässigen, was Gott, der Schöpfer auch der natürlichen Neigung, ihnen anbietet. Wenn aus diesem völligen gegenseitigen Sichschenken der Gatten ein neues Leben entsprießt, so ist das ein Ergebnis, das außerhalb oder höchstens am Rand der ,persönlichen Werte‘ bleibt; ein Ergebnis, das nicht verleugnet wird, das man aber nicht im Mittelpunkt der Gattenbeziehungen wissen will.

Nach diesen Theorien hätte eure Hingabe zum besten des noch im Mutterschoß verborgenen Lebens und seiner glücklichen Geburt nur eine untergeordnete Bedeutung und rückte in die zweite Linie. Wenn nun diese relative Abschätzung weiter nichts täte, als daß sie den Ton mehr auf den Wert der Persönlichkeit der Gatten legte als auf den des Kindes, so könnte man, streng genommen, diese Frage auf sich beruhen lassen. Hier handelt es sich indes um eine schwerwiegende Verkehrung der Wertordnung und der vom Schöpfer selbst gesetzten Zwecke. Wir finden uns gegenüber der Verbreitung eines Komplexes von Gedanken und Gefühlen, die der Klarheit, der Tiefe, dem Ernst des christlichen Denkens direkt entgegengesetzt sind. Da muß nun euer Apostolat von neuem einsetzen. Es kann ja auch geschehen, daß ihr von Mutter und Gattin ins Vertrauen gezogen und befragt werdet über die geheimen Wünsche und Intimitäten des Ehelebens. Wie könntet ihr dann aber, im Bewußtsein eurer Sendung, der Wahr­heit und der rechten Ordnung in der Bewertung und dem Tun der Gatten Geltung verschaffen, hättet ihr nicht selbst davon genaue Kenntnis und wäret ihr nicht ausgerüstet mit der Charakterfestigkeit, die nötig ist, um aufrecht zu erhalten, was ihr als wahr und gerecht erkennt?

Wahr ist nun aber, daß die Ehe als Natureinrichtung nach dem Willen des Schöpfers zum ersten und innersten Zweck nicht die persönliche Vervollkommnung der Gatten hat, sondern die Weckung und Aufzucht neuen Lebens. So sehr auch die anderen Zwecke von der Natur gewollt sind, so stehen sie doch nicht auf dem gleichen Höhegrad wie der erste, und noch weniger sind sie ihm übergeordnet. Das gilt für jede Ehe, auch wenn sie unfruchtbar ist; wie man von jedem Auge sagen kann, daß es bestimmt und geformt ist zum Sehen, auch wenn es in anormalen Fällen infolge besonderer innerer und äußerer Umstände nie in der Lage sein wird, zum Sehakt zu führen.

Gerade um Schluß zu machen mit allen Unsicherheiten und Entgleisungen, die über die Stufenleiter der Ehezwecke und ihre gegenseitigen Beziehungen Irrtümer zu verbreiten drohten, verfaßten Wir selbst vor einigen Jahren (10. März 1944) eine Erklärung über die Ord­nung jener Zwecke und gaben als solche das an, was die innere Struktur der Naturanlage selbst kundgibt, was Erb­gut der christlichen Überlieferung ist, was die Päpste zu wiederholten Malen gelehrt haben, was dann in geeigneter Form vom kirchlichen Gesetzbuch (Can. 1013, § 1) fest­gelegt worden ist. Ja, zur Rechtfertigung der entgegen­stehenden Auffassungen verkündete kurz hernach der Heilige Stuhl in einem öffentlichen Dekret als unzulässig die Meinung einiger Autoren, die leugneten, daß der erste Ehezweck die Weckung und Aufzucht der Nachkommenschaft sei, oder lehren, daß die zweitrangigen Zwecke dem ersten Zwecke nicht wesentlich untergeordnet, sondern ihm gleichgestellt und von ihm unabhängig seien (S. C. Off., 1. April 1944. — A. A. S. 36, 1944, p. 103). Soll damit vielleicht verneint oder verkleinert werden, was an Gutem und Berechtigtem in den aus der Ehe und ihrer Betätigung sich ergebenden ‚Persönlichkeitswerten‘ enthalten ist? Sicherlich nein! Denn zur Weckung neuen Lebens hat der Schöpfer in der Ehe Menschenwesen bestimmt, gebildet aus Fleisch und Blut, mit Geist und Herz begabt, und sie sind berufen, als Menschen und nicht wie vernunftlose Sinnenwesen Urheber ihrer Nachkommenschaft zu sein. Zu dem Zweck will Gott die Vereinigung der Gatten…

Nicht allein das gemeinsame äußere Tun, auch die ganze Persönlichkeitsbereicherung, auch der geistige und seelische Reichtum, ja sogar all das Höchste und Tiefste am Seelischen in der Gattenliebe als solcher ist nach dem Willen der Natur und des Schöpfers in den Dienst der Nachkommenschaft gestellt worden. Aus der Natur der Sache heraus bedeutet das vollkommene Eheleben auch die völlige Hingabe der Eltern an das Wohl der Kinder, und die Gattenliebe selbst in ihrer Stärke und ihrer Zartheit ist eine Forderung der vollen Sorge um das Kind und die Gewähr ihrer Verwirklichung (vgl. S. Th. III. q. 29 a. 2 in c; Suppl. q. 49 a. 2 ad 1) .

Alle die zweitrangigen Werte auf dem Gebiet und in der Betätigung der Zeugungskraft münden ein in den Bereich der den Ehegatten eigentümlichen Aufgabe, Urheber und Erzieher neuen Lebens zu sein. Eine hohe und edle Aufgabe, die jedoch nicht zum Wesen des vollkommenen Menschseins gehört, als ob es in irgendeiner Weise oder irgendeinem Grad eine Herabminderung der menschlichen Persönlichkeit bedeutete, wenn der natürliche Fortpflanzungstrieb nicht zur Betätigung käme. Der Verzicht auf jene Betätigung — besonders wenn er aus edelsten Beweggründen geschieht — ist keine Verstümmelung der persönlichen seelischen Werte. Von jenem freiwilligen Verzicht aus Liebe zum Reich Gottes hat der Herr gesagt: ,Non omnes capiunt verbum istud, sed quibus datum est. — Nicht alle erfassen dieses Wort, sondern nur die, denen es gegeben ist.‘ (Matth 19, 11).
Die Zeugungsfunktion, auch in ihrer rechten und sittlichen Form des Ehelebens, im Übermaß verherrlichen, wie es heute nicht selten geschieht, ist deshalb nicht nur ein Irrtum und eine Verirrung; diese birgt in sich auch die Gefahr einer Verstandes- und Gefühlsentgleisung, die geeignet ist, gute und hehre Gesinnungen zu verhindern oder zu ersticken, besonders in der noch unerfahrenen, mit den Enttäuschungen des Lebens noch nicht vertrauten Jugend, denn welcher normale, an Leib und Seele gesunde Mensch möchte schließlich zu der Zahl der an Charakter und innerem Gehalt Minderwertigen gehören?

Möge es eurem Apostolat da, wo ihr euren Beruf ausübt, vergönnt sein, hier aufklärend zu wirken und die richtige Wertordnung einzuprägen, damit die Menschen ihr Urteil und Verhalten derselben angleichen! Unsere Darlegung über die Aufgabe eures Berufsapostolats wäre trotzdem unvollständig, wenn Wir nicht noch ein kurzes Wort anfügten über den Schutz der Menschenwürde bei der Betätigung des Zeugungstriebes.

Derselbe Schöpfer, der in seiner Güte und Weisheit für die Erhaltung und Fortpflanzung des Menschengeschlechtes sich der Mitwirkung von Mann und Frau bedienen wollte und sie deshalb in der Ehe vereinte, hat auch angeordnet, daß die Gatten in jener Betätigung Freude und Glück an Leib und Seele innewerden. Wenn deshalb die Gatten diese Freude suchen und kosten, tun sie nichts Böses. Sie nehmen entgegen, was der Schöpfer ihnen bestimmt hat. Nichtsdestoweniger müssen auch hier die Eheleute es verstehen, in den Grenzen des rechten Maßhaltens zu bleiben. Wie beim Genuß von Speise und Trank, sollen sie sich auch beim sexuellen Genuß nicht zügellos dem sinnlichen Drang überlassen! Der rechte Maßstab ist folgender: Der Gebrauch der natürlichen Fortpflanzungsanlage ist sittlich erlaubt nur in der Ehe, im Dienst und nach der Ordnung der Zwecke der Ehe selbst. Daraus folgt, daß auch nur in der Ehe und unter Beobachtung dieser Regel das Verlangen und der Genuß jener Freude und Befriedigung zulässig sind. Denn das Genießen untersteht dem Gesetz des Tuns, aus dem es stammt, und nicht umgekehrt das Tun dem des Genießens. Und dieses vernünftige Gesetz betrifft nicht nur die Substanz, sondern auch die Umstände des Tuns, so daß man auch bei Wahrung der Substanz des Aktes sich verfehlen kann in der Art seiner Ausführung.

Die Übertretung dieser Norm ist so alt wie die Erbsünde. In unserer Zeit läuft man jedoch Gefahr, das Grundgesetz selbst aus dem Auge zu verlieren. Gegenwärtig pflegt man tatsächlich in Wort und Schrift (auch von seiten mancher Katholiken) die notwendige Eigengesetzlichkeit, den Selbstzweck und Eigenwert des Geschlechtlichen und seiner Betätigung zu behaupten, unabhängig vom Ziel der Weckung neuen Lebens. Man möchte die von Gott selbst getroffene Ordnung einer Überprüfung und Neuregelung unterziehen. Man möchte bezüglich der Art, wie der Instinkt befriedigt werden soll, keine andere Beschränkung zulassen als die Innehaltung des Wesens der Instinkthandlung. Damit träte an die Stelle der sittlichen Pflicht der Beherrschung der Leidenschaften die Freiheit, blind und zügellos den Launen und dem Drang der Natur sich zu fügen, was über kurz oder lang nur zum Schaden der Sittlichkeit, des Gewissens und der menschlichen Würde sich auswirken kann.

Wenn die Natur ausschließlich oder wenigstens in erster Linie ein gegenseitiges Sichschenken und Besitzen der Gatten in Freud und Lust angestrebt hätte, und wenn sie jene Handlung angeordnet hätte, nur um ihre persönliche Erfahrung im höchstmöglichen Grad glückvoll zu gestalten, und nicht, um sie zum Dienst am neuen Leben anzutreiben, dann hätte der Schöpfer in der ganzen Einrichtung des Naturaktes einen anderen Plan zur Anwendung gebracht. Nun aber ist im Gegenteil das alles unter- und eingeordnet jenem einen und großen Gesetz der ,generatio et educatio prolis` — ,Weckung und Erziehung von Nachkommenschaft‘, das heißt der Verwirklichung des ersten Zwecks der Ehe als Ursprung und Quelle des Lebens.

Leider überspülen unaufhörlich Sturzwellen von Hedonismus (,Lust`) die Welt und drohen in der wachsenden Flut der Vorstellungen, Wünsche und Handlungen, das ganze Eheleben in die Tiefe zu ziehen, nicht ohne ernste Gefahren und schweren Nachteil für die Hauptaufgabe der Ehegatten.

Allzuoft scheut man sich nicht, diesen antichristlichen Hedonismus zur Lehre zu erheben, indem man aufdringlich das Verlangen erweckt, in der Vorbereitung und in der Tätigung der ehelichen Verbindung den Genuß immer intensiver zu gestalten; als ob in den ehelichen Beziehungen das Sittengesetz sich auf den ordnungsmäßigen Vollzug des Aktes beschränkte und alles übrige, mag es getätigt werden wie es will, gerechtfertigt würde vom gegen
seitigen Liebesaustausch, geheiligt durch das Sakrament der Ehe, verdienstlich an Lob und Lohn vor Gott und dem Gewissen. Um die Würde des Menschen und die Würde des Christen, die dem Übermaß der Sinnlichkeit einen Zügel anlegen, kümmert man sich nicht.

Nein, der Ernst und die Heiligkeit des christlichen Sittengesetzes erlauben keine zügellose Befriedigung des sexuellen Triebes, um so nur auf Lust und Genuß auszugehen; jenes Gesetz erlaubt es vernunftbegabten Menschen nicht, sich in solchem Ausmaß unterjochen zu lassen, weder was das Wesen noch was die Umstände der Handlung angeht.

Der eine oder andere möchte vielleicht ins Feld führen, daß das Glück in der Ehe dem Genuß der ehelichen Beziehungen ganz parallel laufe. Nein: das Glück in der Ehe entspricht vielmehr genau der Achtung der Gatten voreinander, auch in ihren intimsten Beziehungen; nicht als ob sie als unsittlich verurteilten oder ablehnten, was die Natur darbietet und der Schöpfer geschenkt hat; sondern weil diese Rücksichtnahme und die mit ihr gegebene gegenseitige Hochschätzung eines der wirksamsten Mittel einer reinen und eben dadurch umso zarteren Liebe wird.

Widersetzt euch in eurer Berufstätigkeit, so viel wie euch möglich, dem Ansturm dieses ausgeklügelten Hedonismus, der ohne seelische Werte und deshalb christlicher Eheleute unwürdig ist! Zeigt, daß die Natur ganz gewiß das instinktive Verlangen nach Genuß gegeben hat und es in der gültigen Ehe billigt, aber nicht als Zweck in sich selbst, vielmehr letztlich für den Dienst am Leben! Verbannt aus eurem Innern jenen Kult des Genusses und tut euer Bestes, um die Verbreitung einer Literatur zu verhindern, die meint, die Vertraulichkeiten des Ehelebens bis in alle Einzelheiten beschreiben zu sollen, unter dem Vorwand aufzuklären, anzuleiten und zu beruhigen! Um die zarten Gewissen der Eheleute zu beruhigen, genügen im allgemeinen der gesunde Menschenverstand, der natürliche Instinkt und eine kurze Unterweisung über die klaren und einfachen Grundsätze des christlichen Sittengebotes. Wenn aber einmal unter besonderen Umständen eine Braut oder junge Gattin ausführlichere Anweisungen über irgendeinen Einzelpunkt benötigt, so ist es an euch, ihnen taktvoll und mit entsprechendem Zartgefühl eine dem Naturgesetz und dem gesunden christlichen Gewissen entsprechende Aufklärung zu geben. Unsere Unterweisung hier hat nichts zu tun mit Manichäismus oder Jansenismus, wie manche glauben machen wollen, um sich selbst zu rechtfertigen. Sie ist nur eine Ehrenrettung der christlichen Ehe und der Persönlichkeitswürde der Ehegatten.

Diesem Zweck zu dienen ist besonders in unseren Tagen eine drängende Pflicht eurer Berufssendung…“5

5 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 835 SS. – Hd. VI, 112 ff.

Mit dieser Rede vor den Hebammen Italiens hat Pius XII. bewußt und unerschrocken das tiefste und gefährlichste sittliche Übel unserer Zeit aufgedeckt. Daß der Widerhall in der ganzen Welt laut und widerspruchsvoll sein würde, das mußte ihm vorher klar sein. Und dennoch ging der Papst ruhig und sachlich an das Problem heran, ging von der Natur und dem göttlichen Gebot aus und entwickelte daraus folgerichtig den Standpunkt der Kirche. Durch die immer mehr in Gebrauch gekommene Theorie der unfruchtbaren Zeiten von Knaus-Ogino erklärt sich sein Eingehen auf dieses Problem. Auch darin bleibt keine Frage offen. Der Papst erwägt die Möglichkeit der Anwendung der Theorie in allen nur denkbaren Fällen und spricht dementsprechend sein „licet“ oder „non licet“. Die sich immer mehr ausbreitende Ansicht, daß der eheliche Akt in erster Linie der persönlichen Vervollkommnung der Ehegatten diene, war unter seinem Pontifikat bereits durch das Dekret des heiligen Offiziums abgelehnt und dahin berichtigt worden, daß die Zeugung und Erziehung der Kinder der primäre Zweck der Ehe sei. Aber wie stark die Reaktion auf die „Hebammen-Rede“ tatsächlich wurde, das war wegen ihrer aggressiven, oft unvornehmen Kampfesart dennoch überraschend. „Despotismus“, „gefühllos“, „Intoleranz“, ja „grausam“ und „unmenschlich“, um von weniger taktvollen Worten ganz abzusehen, das waren die wenig sachlichen Antworten aus aller Welt. In England war die Aufregung besonders stark, wo man wegen der Frage, ob nun die katholischen Ärzte und Hebammen das Leben des Kindes in den fraglichen Fällen dem der Mutter vorziehen würden, zu böswilligen Angriffen überging.

Papst Pius XII. ergriff darum am 28. November 1951, als er die Teilnehmer des Kongresses „Front der Familie‘ empfing, die Gelegenheit, sich nochmals zu dem Thema der Ehe und Nachkommenschaft zu äußern, um in seiner gütigen, ruhigen Art den Mißverständnissen entgegenzutreten, um zu helfen, soweit die katholische Lehre das zuläßt. Die Gedankengänge des ersten Teiles dieser Ansprache betreffen die Nöte, die wir bereits in dem Kapitel über die Familie wiedergaben. Im zweiten Teil kommt Pius XII. dann auf die Ehemoral zu sprechen:

„Noch ein anderes Übel bedroht die Familie, freilich nicht erst seit gestern, sondern schon seit langer Zeit. Dieses Übel wächst jedoch zur Zeit zusehends und kann der Familie zum Verhängnis werden, weil es ihre Wurzel angreift. Wir meinen die Erschütterung der Ehemoral in ihrer ganzen Ausdehnung. Wir haben im Lauf der letzten Jahre jede Gelegenheit wahrgenommen, um den einen oder anderen wesentlichen Punkt der Ehemoral aufzuzeigen, und erst kürzlich legten Wir sie in ihrem großen Zusammenhang dar. Wir haben nicht nur die Irrtümer zurückgewiesen, die sie untergraben, sondern hellten auch positiv den Sinn der Ehemoral auf, ihre Aufgabe, ihre Bedeutung, ihren Wert für das Glück der Ehegatten, der Kinder und der ganzen Familie, für den Bestand und die Forderung des sozialen Wohles vom häuslichen Herd bis zu Staat und Kirche.

Im Mittelpunkt dieser Lehre wurde die Ehe als eine Einrichtung im Dienste des Lebens hervorgehoben. In enger Anlehnung an diese Grundlage haben Wir im Sinne der steten Lehre der Kirche einen Satz herausgestellt, der eine der wesentlichen Grundlagen nicht nur der Ehemoral, sondern überhaupt der Sozialethik im allgemeinen ist, daß nämlich der direkte Angriff auf schuldloses menschliches Leben als Mittel zum Zweck — im vorliegenden Fall zum Zweck der Erhaltung eines anderen Lebens — unerlaubt ist. Das schuldlose menschliche Leben, ganz gleich in welchem Zustand es sich befindet, ist vom ersten Augenblick seiner Existenz an jedem direkten absichtlichen Angriff entzogen.

Dies ist ein Fundamentalrecht der menschlichen Persön­lichkeit und nach christlicher Lebensauffassung von allgemeiner Gültigkeit; ebenso gültig für das Leben, das noch verborgen im Mutterschoß ruht, wie für das schon zur Welt gekommene Leben; ebenso gültig gegen die direkte Abtreibung wie gegen die direkte Tötung des Kindes vor, während und nach der Geburt. Wie begründet auch die Unterscheidung zwischen diesen verschiedenen Entwick­lungsmomenten des geborenen oder noch nicht geborenen Lebens sein mag im profanen wie im kirchlichen Recht und für gewisse bürgerliche und strafrechtliche Folgen — nach dem Sittengesetz handelt es sich in all diesen Fällen um ein schweres und unerlaubtes Attentat auf das unverletzte menschliche Leben.

Dieser Grundsatz gilt ebenso für das Leben des Kindes wie für das Leben der Mutter. Niemals und in keinem Fall hat die Kirche gelehrt, daß das Leben des Kindes jenem der Mutter vorzuziehen sei. Es ist irrig, die Frage mit dieser Alternative zu stellen: entweder das Leben des Kindes oder das Leben der Mutter. Nein! Weder das Leben der Mutter noch das Leben des Kindes dürfen einem Akt direkter Vernichtung unterzogen werden. Für den einen wie für den anderen Teil kann nur die eine Forde­rung bestehen: alles aufzubieten, das Leben beider zu retten, der Mutter und des Kindes (vgl. Pius‘ XI. Enzyklika ,Casti connubii‚, 31. Dezember 1930. ­A. A. S., 22, p. 562-563). Es ist eine der schönsten und edelsten Bestrebungen der Medizin, immer neue Wege zu suchen, um das Leben beider sicherzustellen. Wenn aber trotz aller Fortschritte der Wissenschaft noch Fälle übrig bleiben, jetzt und auch in Zukunft, in denen man mit dem Tode der Mutter rechnen muß, wenn diese die Geburt des Lebens, das sie in sich trägt, zu Ende führen und es nicht unter Verletzung des Gebotes Gottes: Du sollst nicht töten! zerstören will, so bleibt dem Menschen, der sich bis zum letzten mühen wird, zu helfen und zu retten, nichts übrig, als sich in Ehrfurcht vor den Gesetzen der Natur und dem Walten der göttlichen Vorsehung zu beugen.

Aber — so wendet man ein — das Leben der Mutter und insbesondere der Mutter einer kinderreichen Familie, ist ein unvergleichlich höherer Wert als das eines noch nicht geborenen Kindes. Die Anwendung der Güterabwägungstheorie auf den Fall, der uns gegenwärtig beschäftigt, hat schon in juristischen Erörterungen Aufnahme gefunden. Die Antwort auf diesen viele bedrückenden Einwand ist nicht schwer. Die Unverletzlichkeit des keimenden Lebens eines Schuldlosen hängt nicht von seinem größeren oder geringeren Wert ab. Bereits vor mehr als zehn Jahren hat die Kirche die Tötung des als ‚wertlos‘ erachteten Lebens in aller Form verurteilt. Wer die traurigen Ereignisse kennt, die diese Verurteilung hervorriefen, wer die verhängnisschweren Folgen zu erwägen weiß, zu denen man gelangen würde, wollte man die Unantastbarkeit schuldlosen Lebens nach seinem Wert bemessen, der weiß sehr wohl die Beweggründe zu schätzen, die zu jenem Entscheid geführt haben.

Wer kann übrigens beurteilen, welches von den beiden Leben das kostbarere ist? Wer kann wissen, welchen Weg jenes Kind gehen wird, zu welcher Höhe der Leistung und der Vollkommenheit es gelangen wird? Hier werden zwei Größen miteinander verglichen, von denen man die eine gar nicht kennt. Wir möchten hier ein Beispiel anführen, das vielleicht einigen von euch schon bekannt ist, das aber deswegen nichts von seinem eindrucksvollen Wert einbüßt. Es geht auf das Jahr 1905 zurück. Da lebte eine junge Frau adeliger Abstammung, noch adeliger jedoch von Gesinnung. Sie war schwächlicher Konstitution und von zarter Gesundheit. Als Mädchen hatte sie eine kleine Rippenfellentzündung gehabt, die jedoch geheilt zu sein schien. Als sie sich glücklich verheiratet hatte und fühlte, wie sich in ihrem Schoß neues Leben regte, mußte sie sehr bald feststellen, wie ein eigenartiges Übel ihre Gesundheit untergrub, das die beiden tüchtigen Ärzte, die mit liebender Sorge ihre Gesundheit überwachten, sehr beunruhigte. Die frühere Rippenfellerkrankung mit ihrem schon ausgeheilten Infektionsherd war wieder aufge­brochen. Nach Meinung der Ärzte war keine Zeit zu verlieren; das einzige Mittel, die zarte Frau zu retten, bestand darin, ohne Aufschub die medizinische Abtreibung einzuleiten. Auch der Gemahl begriff seinerseits die Schwere des Falles und gab sein Einverständnis zum pein­lichen Eingriff. Als jedoch der behandelnde Gynäkologe ihr sehr taktvoll die Entscheidung der Ärzte mitteilte und ihr nahelegte, derselben beizupflichten, antwortete sie fest und entschieden: ,Ich danke Ihnen für Ihre teilnehmenden Ratschläge; ich kann jedoch nicht das keimende Leben meines Kindes töten! Ich kann und kann es nicht! Ich spüre schon einen Herzschlag in meinem Schoß. Das Kind hat das Recht zum Leben; von Gott kommt es, und es muß Gott kennenlernen, um ihn zu lieben und in ihm glücklich zu werden.‘ Auch der Gemahl bat und flehte sie an; sie blieb unbeugsam und erwartete ruhig den Ausgang. Ein Mädchen kam gesund zur Welt; sofort nach der Geburt verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand der Mutter. Der Infektionsherd in der Lunge erweiterte sich; der Verfall des Organismus schritt voran. Zwei Monate später lag sie im Sterben; sie sah noch einmal die Kleine, die gesund bei einer kräftigen Amme heranwuchs; die Lippen bewegten sich noch einmal zu seligem Lächeln, dann starb sie friedlich. Viele Jahre gingen dahin. Man konnte in einem Schwesternheim eine junge Ordensfrau sehen, die ganz der Pflege und Erziehung verlassener Kinder hingegeben war und sich mit Augen voll mütter­licher Liebe über die kleinen Kranken neigte, wie wenn sie ihnen Leben schenken wollte. Das war sie, das Kind des Opfers, die jetzt mit ihrem edlen Herzen so viel Gutes wirkte unter der verlassenen Jugend. Der unerschrockene Heroismus der Mutter ist wahrlich nicht umsonst gewesen! (Vgl. Andreas Majocchi, Tra bistori e forbici, 1940, S. 21 ff.) Wir fragen jedoch: Ist denn das christliche, ja, auch nur das menschliche Empfinden schon so sehr geschwunden, daß kein Verständnis mehr da ist für das wunderbare Opfer der Mutter und für die sichtbare Führung der göttlichen Vorsehung, die aus diesem Opfer eine so edle Frucht hervorwachsen ließ?

Wir haben absichtlich immer den Ausdruck gebraucht ,direkter Angriff auf das Leben eines Schuldlosen‘, ,direkte Tötung‘. Denn wenn zum Beispiel die Rettung des Lebens der zukünftigen Mutter, unabhängig von ihrem Zustand der Schwangerschaft dringend einen chirurgischen Eingriff oder eine andere therapeutische Behandlung erfordern würde, die als keineswegs gewollte oder beabsichtigte, aber unvermeidliche Nebenfolge den Tod des Kindes im Mutterleib zur Folge hätte, könnte man einen solchen Eingriff nicht als einen unmittelbaren Angriff auf schuldloses Leben bezeichnen. Unter solchen Bedingungen kann die Operation erlaubt sein wie andere vergleichbare ärztliche Eingriffe — immer vorausgesetzt, daß ein hohes Gut, wie es das Leben ist, auf dem Spiele steht, daß der Eingriff nicht bis nach der Geburt des Kindes verschoben werden kann und kein anderer wirksamer Ausweg gangbar ist.

Da also die erste Aufgabe der Ehe im Dienst am Leben besteht, gilt Unser besonderes Wohlgefallen und Unser väterlicher Dank jenen Ehegatten, die aus Liebe zu Gott und im Vertrauen auf ihn mutig eine zahlreiche Familie gründen und aufziehen. Andererseits fühlt die Kirche Teilnahme und Verständnis für die wirklichen Schwierigkeiten des Ehelebens in unserer heutigen Zeit. Deswegen haben Wir in Unserer letzten Ansprache über die Ehemoral die Berechtigung und zugleich die tatsächlich weit gesteckten Grenzen für eine Regulierung der Nachkommenschaft herausgestellt, die — im Gegensatz zur sogenannten ‚Geburtenkontrolle‘ — mit dem Gesetz Gottes vereinbar ist. Man kann sogar hoffen — doch überläßt hier die Kirche das Urteil natürlich der medizinischen Wissenschaft —, daß es gelingt, diesem erlaubten Verhalten eine genügend sichere Grundlage zu geben, und die neuesten Berichte scheinen eine solche Hoffnung zu bestätigen. Im übrigen helfen zur Überwindung der viel­fachen Prüfungen des ehelichen Lebens vor allem ein lebendiger Glaube und regelmäßiger Empfang der heili­gen Sakramente. Daraus erwachsen Kraftquellen, von denen sich jene, die außerhalb der Kirche leben, nur schwer eine Vorstellung machen können. Und mit diesem Hinweis auf die höheren übernatürlichen Kraftquellen möchten Wir schließen. Auch euch, geliebte Söhne und Töchter, könnte es eines Tages geschehen, daß ihr euren Mut wanken fühlt unter dem wuchtigen Sturm, der um euch oder, noch viel gefährlicher, innerhalb der Familie ausgebrochen ist, durch die Lehren nämlich, welche die gesunde und normale Auffassung der christlichen Ehe zu unterhöhlen drohen. Habt Vertrauen! Die Kräfte der Natur, vor allem aber jene der Gnade, die der Herrgott im Sakrament der Ehe in eure Seelen gesenkt hat, sind wie ein starker Fels, an dem die brandenden Wogen des stürmischen Meeres sich brechen. Und wenn Katastrophen wie Krieg und Nachkrieg der Ehe und Familie Wunden geschlagen haben, die auch heute noch bluten, so haben doch gerade in jenen Jahren die Treue und Standhaftig­keit der Ehegatten und die bis zu unvorstellbaren Opfern bereite Mutterliebe in ungezählten Fällen wahre und leuch­tende Triumphe davongetragen.“6

6 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 855 ss. — Hd. VI, 170 ff.

Das war die Antwort des Papstes auf die vielfäl­tigen Anschuldigungen, ja Beschimpfungen auf seine Sep­tember-Rede hin. Kein Pochen auf seine päpstliche Auto­rität, keine zurückweisende Schärfe — statt dessen die Güte eines Vaters, der seinen Kindern zeigt, daß er um ihre Schwierigkeiten weiß und mit ihnen leidet. ,,Fortiter in re, suaviter in modo“ macht er ihnen verständlich, daß er ihnen in der Sache nicht nachgeben darf; väterlich be­lehrend zeigt er an einem Beispiel, wie großartig auch die schwerste Frage im Opfer und Gehorsam gegen Gott gelöst werden muß. Er macht ergänzend klar, in welchem Fall bei der Erkrankung einer Mutter ein ärztlicher Eingriff erlaubt ist, und wie weit schon die Grenzen für eine Regulierung der Nachkommenschaft gesteckt sind; ja, er weist sogar auf die Möglichkeit hin, daß „eine genügend sichere Grundlage“ dafür zu erhoffen ist. Außer der Teilnahme und dem Verständnis der Kirche versichert er die Ehegatten der göttlichen Hilfe in ihren Schwierigkeiten und Prüfungen, wenn sie sich Kraft holen im Empfang der heiligen Sakramente. In der Ansprache vom 21. Oktober 1942 an Neuvermählte zog Pius XII. den Vergleich zwischen dem Ehrenfeld des Mannes, wenn er dem Vaterland sein Leben schenkt, und dem Ehrenfeld der ehelichen Pflicht der Frau mit seinen Gefahren und Leiden. Die Frau muß sich trotz der erschwerten Lage der heutigen Zeit, die ihr in so vielen Fällen kaum Zeit und Besinnlichkeit läßt, ihre Kinder in Ruhe und Geborgenheit zur Welt zu bringen und sich an ihrem ersten Wachstum zu erfreuen, in geradezu heldenhafter Weise bewähren. Wie sehr sie da der Kraft und Gnade durch den Sakramentenempfang bedarf, weiß jede katholische Mutter. Sie versteht darum auch das Wort des Heiligen Vaters: „Daraus erwachsen Kraftquellen, von denen sich jene, die außerhalb der Kirche leben, nur schwer eine Vorstellung machen können.“ So mögen jene dann aber auch zu den Papstreden schweigen, in Ehrfurcht schweigen oder doch ehrlich bekennen, daß ihnen darum die „Rede hart“ vorkommt, weil sie ihnen vielfach unbequem ist und die eigene Eheauffassung anklagt. Auch der gläubigen katholischen Frau erscheint oft die Forderung fast unerträglich schwer, besonders wenn sie schon Kinder hat, sich gegebenenfalls opfern zu müssen, um das kommende Kindlein zu retten. Vielleicht darf hier ein solch seltener Fall, der sich wirklich ereignete, eingefügt werden. Eine Dame, die bereits Mutter war, fühlte, daß sie ihr Kind in Querlage, in der gefährlichsten Lage also, trug. Sie wußte, was das wahrscheinlich für sie und das Kind bedeuten konnte, und machte sich Gedanken, was sie als gläubige Katholikin tun müsse; sie entschied sich gegen den Stand-punkt der Kirche. Kurz vor der Geburt trat eine weitere Erschwerung der Lage hinzu. Da der Gatte beruflich abwesend war, mußte der Arzt der Mutter die Schwierigkeit der Geburt klarmachen. Diese hatte inzwischen in sich eine große Wandlung mitgemacht; so ganz allein in ihrer Verantwortung vor Gott und dem kommenden Leben gegenüber, hatte sie es plötzlich als große Selbstverständlichkeit erkannt, daß das Leben des Kindes vorging. Sie verlangte dann auch vom Arzte ausdrücklich, daß er das Kind rette; sich selbst hatte sie aufgegeben. Sie hatte im gegebenen Moment nicht kalte Überlegung, nicht die Selbstsucht, sondern ihr Mutterherz entscheiden lassen. Die mütterliche Natur gibt also der Forderung der katholischen Kirche recht. Dem Herrgott hatte das gehorsame Fiat genügt — die Geburt war schwer, aber die Mutter und ein gesundes Kind wurden gerettet. „Habt Vertrauen!“ Im übrigen machten gerade englische katholische Ärzte in einer sehr positiven Antwort auf die englische Haltung der ersten Papstrede gegenüber unter anderem bekannt: „Mit dem Fortschritt der modernen Medizin kommt ein Fall, bei dem die Mutter geopfert werden müßte, um das Kind zu retten, sehr selten vor.“ (Veröffentlicht in der Lukas-Gilde.)

Die dritte Rede, die Papst Pius XII. zu dem modernen Eheproblem hielt, liegt zeitlich vorher. Vom 26. bis 29. September 1949 fand in Rom der vierte Internationale Kongreß katholischer Ärzte statt. Am 30. September empfing der Papst die Teilnehmer in Audienz und hielt eine Ansprache „Über das Problem der künstlichen Befruchtung“.

„Der Arzt würde nicht voll und ganz dem Ideal seines Berufes entsprechen, wenn er bei der Anwendung der neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft und der medizinischen Kunst in der Praxis nur seine Intelligenz und Geschicklichkeit einsetzen würde und nicht auch — und das betonen Wir besonders — sein menschliches Herz, sein mildtätiges christliches Feingefühl. Er arbeitet nicht in ,anima vili`; er wirkt zweifellos direkt auf die Körper ein, aber auf Körper, die mit einer unsterblichen geistigen Seele belebt sind auf Grund des geheimnisvollen, aber unauflöslichen Bandes zwischen dem Physischen und Geistigen; er wirkt nur dann mit Erfolg auf den Körper ein, wenn er zugleich auf den Geist einwirkt.

Ob er sich nun mit dem Leib oder mit der Gesamtheit des Menschen und seiner Einheit beschäftigt, der christliche Arzt wird sich immer vor der Bezauberung durch die Technik, vor der Versuchung, sein Wissen und seine Kunst zu anderen Zwecken als zur Pflege des ihm anvertrauten Patienten zu benutzen, hüten müssen. Gott sei Dank wird er sich nie gegen eine andere, eine verbrecherische Versuchung zu verteidigen haben, nämlich die, die von Gott im Schoße der Natur verborgenen Wohltaten im Dienste niederer Interessen, beschämender Leidenschaften und unmenschlicher Anschläge zu benutzen. Die natürliche und christliche Moral besitzt überall ihre unabdingbaren Rechte; von diesen und nicht von Erwägungen des Gefühls, der materialistischen und naturalistischen Philanthropie, müssen die wesentlichen Grundsätze der ärztlichen Pflichtenlehre abgeleitet werden: die Würde des menschlichen Körpers, der Vorrang der Seele vor dem Leibe, die Brüderlichkeit aller Menschen, die souveräne Herrschaft Gottes über das menschliche Leben und das Schicksal.

Wir haben schon manchmal Gelegenheit gehabt, eine ganze Anzahl von besonderen Punkten der ärztlichen Moral zu berühren. Doch heute steht eine Frage an erster Stelle, die nicht minder dringend als die anderen das Licht der katholischen Morallehre verlangt, die der künstlichen Befruchtung. Wir können die gegenwärtige Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, ohne kurz in großen Zügen das sittliche Urteil aufzuzeigen, das diesem Gegenstand gegen-über notwendig ist.

1. Die Praxis dieser künstlichen Befruchtung kann, sobald es sich um den Menschen handelt, nicht ausschließlich und nicht einmal in erster Linie vom biologischen und ärztlichen Gesichtspunkt aus unter Nichtachtung der Moral und des Rechtes betrachtet werden.

2. Die künstliche Befruchtung außerhalb der Ehe ist kurz und einfach als unmoralisch zu beurteilen. Das positive natürliche Recht, das göttliche Recht sagen, daß die Zeugung neuen Lebens nur die Frucht der Ehe sein darf. Die Ehe allein garantiert die Würde der Eheleute (im gegenwärtigen Falle vor allem die der Frau) und ihr persönliches Heil. Sie allein sorgt für das Wohl und die Erziehung der Kinder. Folglich ist über die Verurteilung der
künstlichen Befruchtung außerhalb der ehelichen Verbindung keine Meinungsverschiedenheit unter Katholiken möglich. Das unter solchen Bedingungen empfangene Kind wäre eben darum illegitim.

3. Die künstliche Befruchtung in der Ehe, jedoch hervorgerufen durch die aktive Einwirkung eines Dritten, ist ebenfalls unmoralisch und deshalb unwiderruflich abzulehnen.

Nur die Eheleute haben ein gegenseitiges Recht auf ihren Körper, um ein neues Leben zu zeugen, ein ausschließliches und unübertragbares Recht. Das ist auch im Hinblick auf das Kind notwendig. Wer einem kleinen Wesen das Leben schenkt, dem überträgt die Natur auf Grund eben dieses Bandes auch seine Erhaltung und Erziehung. Aber zwischen dem legitimen Gatten und dem Kind, das Frucht der aktiven Mitwirkung eines Dritten (auch mit Zustimmung des Gatten) wäre, besteht kein ursprüngliches Band ehelicher Zeugung.

4. Im Hinblick auf die Erlaubtheit der künstlichen Zeugung in der Ehe möge es Uns im Augenblick genügen, an folgende Grundsätze des natürlichen Rechts zu erinnern: die einfache Tatsache, daß das Ergebnis, auf das man hinzielt, auf diese Weise erreicht wird, rechtfertigt nicht den Gebrauch des Mittels selbst; und der an sich sehr berechtigte Wunsch der Eheleute, ein Kind zu haben, genügt nicht, um die Rechtmäßigkeit des Rückgriffs auf die künstliche Befruchtung, die diesen Wunsch erfüllt, zu beweisen. Es wäre falsch zu denken, daß die Möglichkeit, dieses Mittel anzuwenden, eine Ehe zwischen Personen gültig machen könnte, die auf Grund des impedimentum impotentiae zu ihrem Vollzug nicht fähig wären. Andererseits ist es überflüssig zu bemerken, daß das aktive Element niemals rechtmäßigerweise durch Handlungen gegen die Natur herbeigeführt werden kann.

Obwohl man nicht im voraus neue Methoden ausschließen kann, nur weil sie neu sind, muß man doch hinsichtlich der künstlichen Befruchtung nicht nur äußerst zurückhaltend sein, sondern sie absolut verwerfen. Wenn man das sagt, verwirft man nicht notwendig den Gebrauch gewisser künstlicher Mittel, die nur dazu bestimmt sind, den natürlichen Akt zu erleichtern, das heißt zu bewirken, daß der normal vollzogene Akt sein Ziel erreicht. Man darf nicht vergessen: nur die Zeugung eines neuen Lebens nach dem Willen und Plan des Schöpfers bewirkt in einem erstaunlichen Maß von Vollendung die Verwirklichung der erstrebten Ziele. Sie ist gleichzeitig der körperlichen und geistigen Natur und der Würde der Eheleute und der normalen und glücklichen Entwicklung des Kindes gemäß.“7

7 A. A. S. vol. 41 (1949) P. 557 ss. — Hd. IV, 113 f. 120

Zu dem gleichen Problem äußert sich Papst Pius XII. zwei Jahre später noch kurz in der Rede an die Hebammen:
„Das Zusammenleben der Gatten und den ehelichen Akt herabmindern auf eine rein organische Funktion zur Übertragung der Keime, hieße das Heim, das Heiligtum der Familie, in ein gewöhnliches biologisches Laboratorium verwandeln. Deshalb haben Wir in Unserer Ansprache vom 29. September 1949 an den Internationalen Kongreß der katholischen Ärzte die künstliche Befruchtung in aller Form aus der Ehe hinausgewiesen. Der eheliche Akt ist in seinem natürlichen Gefüge eine persönliche Betätigung, ein gleichzeitiges und unmittelbares Zusammenwirken der Gatten, das durch die Natur der Handelnden und die Eigenheit der Handlung der Ausdruck des gegenseitigen Sichschenkens ist und dem Wort und der Schrift gemäß das Einswerden ,in einem Fleisch allein‘ bewirkt. Das ist viel mehr als die Vereinigung von zwei Keimen, die auch künstlich getätigt werden kann, also ohne die natürliche Handlung der Gatten. Der eheliche Akt, so wie die Natur ihn angeordnet und gewollt hat, ist ein persönliches Zu-sammenwirken, zu dem die Brautleute im Eheabschluß sich gegenseitig das Recht übertragen.

Ist daher diese Leistung in ihrer naturgemäßen Form von Anfang an dauernd unmöglich, so ist der Gegenstand des Ehevertrages mit einem wesentlichen Mangel behaftet. Das ist es, was Wir damals gesagt haben: ,Man vergesse nicht: nur die Weckung neuen Lebens nach dem Willen und Plan des Schöpfers bringt in einem Grad der Vollkommenheit, der Staunen erregt, die Verwirklichung der angestrebten Ziele. Sie ist gleichzeitig angepaßt der leiblichen und seelischen Natur der Gatten wie der natürlichen und glücklichen Entwicklung des Kindes`.“8

8 Vergleiche a. a. 0. — Die Stelle: A. A. S. vol. 43, 2 (1951), P. 85o. — Hd. VI, 118.

Vor wenigen Jahrzehnten noch wäre diese Ansprache vor katholischen Ärztinnen und Ärzten undenkbar, unfaßbar gewesen. Heute ist das Problem der künstlichen Befruchtung durch Literatur, leider sogar durch Zeitschriften, so verbreitet worden, daß der Heilige Vater um der Würde der Frau willen, der Heiligkeit der Ehe und des Anrechts des Kindes auf Zeugung durch Liebe den Standpunkt der Kirche in den einzelnen Fragen festlegen mußte. Im August-Heft 1953 der „Frankfurter Hefte“ befaßt sich ein Artikel von Hermann Frühauf mit dem Thema der künstlichen Befruchtung. Er gibt bekannt, daß in Amerika jährlich etwa 20.000, in England 10.000 und in Frankreich 1000 Kinder in dieser Art zur Welt kommen. In Amerika führten 80 von 100 der Gynäkologen die Insemination aus; nur bei 10 Prozent seien die eigenen Ehegatten die Spender. Wie würdelos ein solches Verfahren für die Frau ist, wie gefahrvoll durch die Erbgesetze für die Kinder, braucht hier wirklich nicht ausgeführt zu werden. Frühauf gibt an, daß die „Académie française des Sciences morales et politiques“ und die englische Staatskirche nicht die künstliche Befruchtung unter den Ehegatten, wohl aber durch Fremdsperma ablehnen. Da auf dem katholischen Ärztekongreß 1949 in Rom die Stellung bezüglich des Spermas des Ehemannes unter den Ärzten nicht eindeutig klar gewesen sei, habe man den Papst um seine Stellungnahme gebeten.

Die Antwort des Papstes ist nun aber ganz eindeutig ablehnend, klar und bindend und muß um der Frauenwürde willen auch allen Eheleuten bekannt sein. Hier kann nur die Frau selbst sich schützen, daß man ihre Ehre, ihr tiefstes Frauentum nicht antastet und herabzieht.

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

Papst Franziskus warnt vor falschen Lichtern

Angelus, 29. Januar 2017

Angelus vom Sonntag, dem 26. März 2017

Beim Angelus am Sonntag hat Papst Franziskus dazu aufgefordert, für die Fastenzeit das „Licht“ der Taufe wieder zu entdecken und einen radikalen Wandel der Mentalität anzunehmen. Vor 25.000 Menschen im Vatikan warnte vor der Versuchung, den „kleinen Lichtern“ zu vertrauen, vor allem dem „falschen Licht“, dem Vorurteil, dass „die Realität verzerrt“ und dem Eigennutz.

Von einem Fenster des Apostolischen Palastes auf den Petersplatz blickend, stellte der Papst die Betrachtung des heutigen Evangeliums (Joh 9: 1-411) über die Heilung des Blindgeborenen, in den Mittelpunkt. Der Blinde „steht für jeden von uns“, erklärte er, durch die Sünde geblendet.

Jedoch sollten sich die Getauften „wie Kinder des Lichts verhalten.“ Dies erfordere „eine radikale Veränderung der Mentalität, die Fähigkeit, Menschen und Dinge nach einer neuen Werteskala zu beurteilen, die von Gott kommt.“ Er ermutigte dazu, falsche Lichter aufzugeben, angefangen von Vorurteilen gegenüber anderen, weil sie die Realität verzerren und uns gegen diejenigen aufladen, die wir ohne Mitleid beurteilen und unwiderruflich verurteilen. Wer andere verleumde, wandle nicht im Licht, sondern im Schatten.

Franziskus sprach von „einem anderen falschen Licht“: Die Menschen und die Dinge auf der Grundlage des Kriteriums der Brauchbarkeit, unserer Freude, unseres Prestiges zu beurteilen.

Der Papst sprach auch über eine Gewissensprüfung: „Glaubt Ihr, dass Jesus der Sohn Gottes ist? Denkt Ihr, dass er das Herz ändern kann? Glaubt Ihr, er kann Euch die Wirklichkeit sehen lassen, wie er sie sieht, nicht wie wir sie sehen? Glaubt Ihr, Er ist das Licht, das uns das wahre Licht gibt?“ (mk)

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Monza: Angesichts des Leidens nicht Zuschauer bleiben

Papst Franziskus, Hl. Messe Monza, 25. März 2017

Pastoralbesuch Mailand — Messe am Hochfest Mariä Verkündigung

„Angesichts so vieler schmerzhafter Situationen dürfen wir nicht als bloße Zuschauer den Himmel beobachten und warten bis es aufhört zu regnen.“ Diese mahnenden Worte richtete Papst Franziskus an die etwa eine Million Gläubigen, die sich am Hochfest Mariä Verkündigung, dem 25. März 2017, im Park von Monza für die Messe versammelt hatten. Während er die in der heutigen Welt verbreitete „Spekulation“ anprangerte, rief er die Anwesenden dazu auf, an „die Möglichkeit des Unmöglichen“ zu glauben.

„Wir haben gerade die wichtigste Ankündigung unserer Geschichte gehört: Die Verkündigung an Maria“, betonte der Papst zu Beginn seiner Predigt. Im Unterschied zur Verkündigung des Täufers, geschah die Verkündigung an Maria nicht im Tempel von Jerusalem, sondern „in einem verlorenen Ort, in einer Stadt der Peripherie, die keinen sonderlich guten Ruf hatte, in der Anonymität des Hauses eines jungen Mädchens namens Maria“, erklärte er.

Dies zeige,  dass „die neue Begegnung Gottes mit seinem Volk an Orten stattfinden werde, die wir normalerweise nicht erwarten, am Rande, an der Peripherie“, sagte Franziskus, der betonte, die Freude des Heils beginne im Alltagslebens des Hauses einer jungen Frau aus Nazareth.

Aber wie könne man die Freude des Evangeliums heute innerhalb unserer Städte leben, fragte Franziskus. Um uns zu helfen, unsere Sendung voranzubringen, habe der Engel Gabriel drei „Schlüssel“ gegeben, erklärte er: die Erinnerung, die Zugehörigkeit zum Volk Gottes und das Unmögliche möglich zu machen.

Die Erinnerung helfe uns, nicht Gefangene von Reden zu bleiben, die als einziges Mittel zur Konfliktlösung nur Brüche und Spaltungen säen. Sie sei das beste Gegenmittel gegen die magischen Lösungen der Spaltung und der Entfremdung, betonte Franziskus.

Die Zugehörigkeit zum Gottesvolk dagegen helfe uns, keine Angst vor Beschränkungen und Grenzen zu haben. Das Volk Gottes sei ein Volk „tausend Gesichter, Geschichten und Hintergründe, ein multikulturelles und multiethnisches Volk“.

Das Unmögliche möglich zu machen sei der dritte und letzte „Schlüssel“ des Engels. „Wenn wir glauben, dass alles nur von uns abhängt, bleiben wir Gefangene unserer Fähigkeiten, unserer Kräfte, unserer kurzsichtigen Horizonte“, erläuterte der Papst. „Wenn wir uns jedoch im Gegenteil darauf einstellen, uns helfen zu lassen, uns beraten zu lassen, wenn wir uns der Gnade öffnen, dann scheint es, dass das Unmögliche beginnt Wirklichkeit zu werden“, sagte Franziskus.

Am Schluss seiner Predigt erinnerte er die Gläubigen an die Worte des Heiligen Ambrosius, dass Gott ständig Herzen wie dieses von Maria suche, bereit zu glauben, sogar unter sehr außergewöhnlichen Bedingungen. (pdm)

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PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DIE FAMILIE

III

DIE FAMILIE

Wenn wir den Gedankengängen des Papstes folgen und immer klarer das Bild vor uns sehen, das er von einer christlichen Mutter hat, wie er ihre Freuden an ihren Kindern kennt, aber nicht minder die vielfältigen Sorgen, die sie in der Erziehung von früh an hat, so fragen wir uns unwillkürlich, wie kommt dieser Papst, der jahrzehntelang, fast ein ganzes Leben hindurch als Diplomat im Staatssekretariat, als Nuntius und zuletzt als engster Mitarbeiter seines Vorgängers Pius‘ XI., als dessen Kardinal-Staatssekretär, gearbeitet hat, zu diesem bis in Einzelheiten gehenden Wissen, zu diesem tiefen Mitempfinden mit den Müttern? Einmal wird es ein Rückblick sein in seine Jugend, die er in einer glücklichen christlichen Familie erleben durfte, denn bei gar manchen Worten sehen wir unwillkürlich das Bild seiner gütigen, edlen Mutter Virginia Graziosi vor uns, andererseits beweisen diese Erwägungen, wie sehr Pius XII. zutiefst Seelsorger ist. Dazu kommt, daß er als oberster Hirte mit Schrecken die Gefährdung der Familie in den letzten Jahrzehnten immer mehr wachsen sieht.

Bereits in seiner ersten Enzyklika „Summi Pontificatus“ vom 20. Oktober 1939 widmet er dieser Frage seine Sorge.

„In schmerzhafter Klarheit stehen vor Unserem Blick die Gefahren, die dem heutigen und kommenden Geschlecht aus der Verkennung, Verkürzung und fortschreitenden Auslöschung der Eigenrechte der Familie erwachsen müssen. Darum erheben Wir Uns, in vollem Bewußtsein Unserer heiligen Amtspflicht, zu ihrem freimütigen Anwalt. Nirgendwo werden die äußeren und inneren, die materiellen und geistigen Nöte unserer Zeit so bis zur Neige verkostet, nirgendwo die vielfachen Irrtümer in ihren tausend Auswirkungen so bitter durchlitten wie innerhalb der Klein- und Edelzelle der Familie. Ein richtiger Wagemut, ja ein Heldentum, das in seiner Schlichtheit dreifach achtunggebietend dasteht, ist oft vonnöten, um die Härten des Lebens, die tägliche Leidenslast, die wachsenden Entbehrungen und fortschreitende Einengung zu ertragen, die ein früher nie gekanntes Ausmaß erreichen und deren innerer Sinn und sachliche Notwendigkeit oft nicht zu sehen sind. Wer in der Seelsorge steht, wer in die Herzen schauen kann, weiß um die heimlichen Tränen der Mütter, um den stillen Schmerz ungezählter Väter, weiß um die Bitternis, von der keine Statistik spricht noch sprechen kann… Der Auftrag, den Gott den Eltern gab, für die materielle und seelische Wohlfahrt ihrer Kinder zu sorgen und ihnen eine ausgeglichene Erziehung im Geiste echter Religiosität zu vermitteln, kann ihnen von niemandem ohne schwere Rechtsverletzung entrissen werden… Eine Erziehung jedoch, die darauf vergäße oder gar bewußt unterließe, Auge und Herz der Jugend auch auf das ewige Vaterland zu lenken, wäre ein Unrecht an der Jugend, ein Unrecht an den unabtretbaren Erzieherrechten und Erzieherpflichten der christlichen Familie — eine Grenzüberschreitung, die nach Abhilfe ruft, gerade auch im Interesse des Volkes und Staatswohls. Mag sie denen, die dafür verantwortlich sind, vorübergehend als Quelle wachsender Kraft und Macht erscheinen; in Wirklichkeit wäre sie das Gegenteil und ihre bitteren Auswirkungen würden das beweisen…

Derselbe Christus, der gesagt hat: Lasset die Kinder zu mir kommen, hat — bei all seiner erbarmenden Güte — ein schneidendes Wehe gerufen über jene, die den Lieblingen seines Herzens Ärgernis bereiten. Und welches Ärgernis wirkt vernichtender und nachhaltiger auf ganze Geschlechter als eine Fehlleitung der Jugenderziehung in eine Richtung, die von Christus, der Weg, Wahrheit und Leben ist, wegführt in offenem oder getarntem Abfall von ihm. Dieser Christus, dem man die heutige und kommende Jugend zu entfremden sucht, er ist derselbe, der aus den Händen seines himmlischen Vaters alle Königsgewalt empfing im Himmel und auf Erden… Ein Erziehungs-system, das den von Gottes heiligem Gesetz umfriedeten Bannkreis der christlichen Familie nicht achtete, ihre sitt-lichen Grundlagen bedrohen, der Jugend den Weg zu Christus, zu den Lebens- und Freudenquellen des Heilands (vgl. Is 12, 3) versperren wollte, das gar den Abfall von Christus und seiner Kirche als Kennzeichen der Treue zum Volk oder einer bestimmten Klasse erachten sollte, würde sich selbst das Urteil sprechen und zu gegebener Zeit die unentrinnbare Wahrheit des Prophetenwortes an sich erfahren: ,Alle, die dich verlassen, werden in den Staub geschrieben‘ (Jer 17, 13)… Bei der Förderung dieses heute so wichtigen Laien-Apostolates fällt eine besondere Sendung der Familie zu. Der Geist der Familie ist für den Geist des jungen Geschlechts entscheidend. Solange am heimischen Herd des Christus-Glaubens heilige Flamme brennt, solange Vater und Mutter das Leben ihrer Kinder nach diesem Glauben formen und prägen, wird es immer wieder Jugend geben, die bereit ist, die Königsrechte des Erlösers anzuerkennen und jedem Widerstand zu leisten, der diesen Erlöser aus der Öffentlichkeit verbannen oder in seine Rechte frevelnd eingreifen will. Wo die Kirchen geschlossen werden, wo von den Schulwänden das Bild des Gekreuzigten entfernt wird, bleibt die Familie die providenzielle, in einem gewissen Grade der unangreifbare Zufluchtsort christlicher Glaubensgesinnung. Und — Gott sei es gedankt! — unzählige Familien erfüllen diese ihre Sendung in unbeirrbarer Treue, die allen Anfechtungen und Opfern trotzt. Jugend aus beiden Geschlechtern, in großer Zahl, auch in solchen Ländern, wo das Bekenntnis zu Christus Leid und Verfolgung bedeutet, harrt aus am Throne des Erlöserkönigs mit jener ruhigen, sicheren Entschlossenheit, die an die ruhmreichsten Zeiten der kämpfenden Kirche erinnert.“ 1

Gewiß ist zu bedenken, daß die Worte der Enzyklika 1939 in der Hauptsache als Mahnruf an die totalitären Staaten gerichtet sind. Die prophetischen Worte, die der Papst darin von ihrem Untergang gebraucht, sind für die Reiche Hitlers und Mussolinis bereits in Erfüllung gegangen. Der Krieg ist beendet. Aber der Frieden ist darum noch nicht gekommen, und die Worte Pius‘ XII. gelten uneingeschränkt auch für andere Staaten. „Die bitteren Auswirkungen“ jener Bedrängung der Familie sind in den Staaten, die jetzt wieder friedlich arbeiten können — vielleicht in einer Ruhepause — immer noch stark zu spüren.

Wenige Monate nach Erscheinen der Enzyklika spricht Pius XII. die Worte: „Die Familie ist die Grundlage der Gesellschaft. Wie der menschliche Körper sich aus lebendigen Zellen zusammensetzt, die nicht für sich allein nebeneinander bestehen, sondern durch die inneren und dauernden Beziehungen zueinander einen Gesamtorganismus darstellen, so wird auch die menschliche Gesellschaft nicht gebildet von einer Vielheit von Einzelpersonen, getrennten Wesen, die einen Augenblick erscheinen, um wieder zu verschwinden, sondern von der wirtschaftlichen Gemeinschaft und der sittlichen Verbundenheit der Familien, die das wertvolle Erbe desselben Ideals, derselben Kultur und desselben Glaubens von Geschlecht zu Geschlecht fortpflanzen und so den inneren Zusammenhang und die zeitliche Fortdauer der Gemeinschaftsbande sichern. Der hl. Augustinus bemerkte das vor 1500 Jahren, als er schrieb, daß die Familie das Urelement und wie eine Zelle (particula) der Stadt sein muß. Und da jeder Teil hingerichtet ist auf das Ziel und

1 Stellen aus: „Summi Pontificatus“ — A. A. S. vol. 31 (1939) p. 581 s. — Jussen, S. 156 ff.

die Unversehrtheit des Ganzen, zog er daraus die Folgerung, daß der Friede am häuslichen Herd zwischen dem, der befiehlt, und dem, der gehorcht, die Eintracht unter den Bürgern fördert. (De civ. Dei, 1, 19, c. 16). Das wissen jene wohl, die Gott aus der menschlichen Gesellschaft verbannen und sie umstürzen wollen. Deshalb gehen sie darauf aus, der Familie die Achtung, ja sogar den Gedanken an das göttliche Gesetz zu nehmen, indem sie die Ehescheidung und die freie Liebe preisen, den Eltern die ihnen von Gott übertragene Aufgabe gegen ihre Kinder schwer machen, indem sie ihnen Angst machen wegen der materiellen Opfer und der moralischen Verantwortlichkeit, die die ehrenvolle Last einer zahlreichen Kinderschar mit sich bringt.“ 2 „Wer die Familie entheiligt, wird keinen Frieden haben; nur die christliche Familie, die mit Hilfe der Gnade das Gesetz des Schöpfers und Erlösers befolgt, ist Bürgschaft für den Frieden.“ 3

Im Jahre 1946 berührt der Papst vor den Teilnehmern des I. Nationalkongresses des italienischen Verbandes der Lehrer am 8. September das in allen Ländern immer brennender werdende Thema des Rechtes der Eltern auf eine konfessionelle Schule. Er führt aus:

„Gerade unsere Zeit hat gezeigt, daß die Ergebnisse der religionslosen Schule, die ja in Wirklichkeit schon anti-religiös ist oder es wird, schlimm waren. Sie hat nach den Erfahrungen des vergangenen wie auch unseres Jahrhunderts bittere Früchte gezeitigt und hat also ihren wahren Zweck verfehlt, während die christliche Erziehung in fast 2000 Jahren jede Bewährungsprobe bestanden hat… Euer Leitgedanke bekommt also folgenden Sinn: Laßt das Kind in der reinen Luft der christlichen Familie aufwachsen und gewährt ihm eine Schule, die im Einvernehmen mit dem Elternhaus und mit der Kirche an einer gesunden Bildung der Jugend arbeitet. Die Eltern

2 Rede vom 26. Juni 1940 (Z. S. 44 f. — vgl. Ideal, S. 79/8o).
3 Rede vom 19. Juli 1939 (Z. S. 17. — vgl. Ideal, S. 33).

haben ein primäres, in der Naturordnung begründetes Recht auf die Erziehung ihrer Nachkommenschaft, ein Recht, das unverletzlich ist und dem der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates voransteht, wie Unser glorreicher Vorgänger Pius XI. erklärte (Enzyklika ,Divini illius Magistri` vom 31. Dezember 1929). Aber auch der Kirche als Lehrerin und übernatürlichen Mutter der Seelen steht ein unmittelbares und höchst bedeutendes Recht auf Mitwirkung an der Erziehung und auf alles, was dazu notwendig und nützlich ist, zu, da ihr die Seelsorge unter den Menschen anvertraut und sie deshalb für die religiöse und sittliche Erziehung der Kinder verantwortlich ist. Wir beabsichtigen gewiß nicht, das Eigenrecht auch des Staates auf seinen Anteil an der Erziehung zu verneinen oder zu schmälern. Dieses Recht hat seine Grundlage im allgemeinen Wohl, das ihm gleichzeitig Maß und Grenze setzt. Das allgemeine Wohl aber verlangt, daß der Staat das der Familie und der Kirche zustehende Recht auf Erziehung schütze und achte.“ 4

In einer Ansprache über die Weltlage an das Hl. Kollegium der Kardinäle, das dem Papst seine Glückwünsche zum Namensfest überbrachte, äußert er sich am 2. Juni 1947 voll Trauer über die Familie: „In einem ähnlichen Zustand völliger Unsicherheit, einem Zustand, der sich verewigen zu wollen scheint, schwebt auch die Familie, diese naturgemäße Pflanz- und Bildungsstätte, in der der Mensch von morgen heranwächst und sich aufs Leben vorbereitet. Was wird ihr Schicksal sein? Herzzerreißend sind die Berichte, die aus den am schwersten heimgesuchten Gebieten zu Uns gelangen, über die Frau. Erschütternd ist vor allem die Lage jener Familienheime — wenn man herumirrende Menschengruppen noch so nennen kann —, auf welche die Treue der Gatten zu Gottes Gebot den Segen einer reichen Kinderschar herabgezogen hatte. Nach ihren im Vergleich

4 Hd. I (1946/47). S. 119 f.

zu anderen sehr oft besonders schweren Blutopfern im Kriege müssen sie nun noch den allgemeinen Mangel an Wohnung und Nahrung mit seinen Folgen ganz besonders spüren.

Nun wird Gott zu seinem Wort stehen, ganz im Gegensatz zu dem, was die höhnischen Bemerkungen der Egoisten und Lebemänner unterstellen; aber Unverstand, Herzlosigkeit, Übelwollen von außen machen den Helden der Ehepflichten das Leben fast unerträglich schwer. Tatsächlich kann nur ein wahres, von der göttlichen Gnade getragenes Heldentum in den Herzen der jungen Gatten das Verlangen nach einer zahlreichen Kinderschar und die Freude an ihr erhalten. Aber welche Erniedrigung liegt für die Welt darin, so tief gefallen zu sein, in soziale Verhältnisse, die dermaßen naturwidrig sind!

Vor Gott und vor der schmerzlichen Wahrheit der Tatsachen rufen Wir mit all Unserer Kraft um beschleunigte Abhilfe, Wir vertrauen darauf, daß Unser Notruf bis an die Grenzen der Erde gehört werde und ein Echo bei denen finde, die das öffentliche Leben verantwortlich leiten und wissen müssen, daß ohne die gesunde und lebenstüchtige Familie Volk und Nation verloren sind. Es gibt vielleicht nichts, was so dringend die Befriedung der Welt verlangt wie die unsagbare Not der Familie und der Frau!“ 5

In einem Dankschreiben an die deutschen Bischöfe für die Weihnachts- und Neujahrswünsche zeigt Pius XII. sein Wissen um die vielgestaltige Not Deutschlands und sein Mitempfinden und seinen Dank für alle bereits geleistete Arbeit. „Wir kennen diese Not in ihrer ganzen erschütternden Größe, in ihrer zerstörenden Wirkung auf die physische Lebenskraft und die seelische Gesundung eures Volkes. Wir wissen um die verheerenden sittlichen Folgen dieser Not vor allem für die Jugend, die Frau, die Familie und jenen Grundstock von sozialer

5 Ansprache vom 2. Juni 1947, A. A. S. vol. 39 (1947) P. 258 SS. Hd. I, 524.

Ordnung, ohne den eine christliche Kultur nicht zu bestehen vermag.“ 6

Vor den Teilnehmern einer Tagung des Internationalen Verbandes der Familienorganisationen sprach Papst Pius XII. in einer Audienz vom 21. September 1949 ausführlich über die Bedeutung der Familie und über Möglichkeiten, die zu ihrer Gesundung beitragen können: „Die Würde, die Rechte und die Pflichten des häuslichen Herdes, den Gott als Lebensquell der Gesellschaft eingerichtet hat, sind eben darum ebenso alt wie die Mensch-heit; sie sind unabhängig von der Macht des Staates (vgl. Leo XIII., Enzyklika ,Rerum Novarum`), aber wenn sie bedroht sind, muß dieser sie schützen und verteidigen. Rechte und Pflichten, die zu jeder Epoche der Geschichte und unter jedem Himmel gleich heilig sind, doppelt heilig in den tragischen Stunden des Unglücks, der Kriege, in denen immer die Familie das große Opfer ist. Und gerade weil sie das organische Element der Gesellschaft ist, stellt jedes gegen sie verübte Attentat ein Attentat auf die Menschheit dar. Gott hat in die Herzen des Mannes und der Frau wie einen eingeborenen Instinkt die eheliche Liebe, die väterliche und mütterliche Liebe, die kindliche Liebe gelegt. Wenn man daher diese dreifache Liebe entwurzeln oder lähmen will, so ist das eine Entweihung, die schon als solche Entsetzen einflößt und die unweigerlich das Vaterland und die Menschheit zum Untergang führt … Das Programm der Aktion, deren Ziel es ist, die Familie wieder zu festigen, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu heben, sie in den lebenden Mechanismus der Welt einzuordnen, kann man in einige ganz bestimmte Programmpunkte zusammenfassen: dem Unvermögen der Familie abzuhelfen, indem man ihr, was ihr fehlt, verschafft, damit sie ihre häusliche und soziale Funktion auszuüben vermag; die Familien untereinander zu einer

6 Brief vom i. März 5948. — Hd. II, S. 346.

festen, ihrer Kraft bewußten Front zusammenzuschließen; der Familie dazu zu verhelfen, daß ihre Stimme in den öffentlichen Angelegenheiten jedes Landes wie auch der ganzen Gesellschaft gehört wird, so daß sie niemals unter diesen zu leiden hat, sondern im Gegenteil in möglichst weitem Ausmaße von ihnen profitiert. Es ist also vor allem wichtig, daß die Familie und ihr Wesen, ihr Zweck und ihr Leben unter ihrem wahren Gesichtspunkt betrach­tet werden, das heißt unter dem Gottes und seines religiösen und moralischen Gesetzes. Ist es nicht beklagenwert, anzusehen, zu welchen Lösungen der schwierigsten Probleme eine materialistische Anschauung hinabsinkt: Auflösung der Familie durch eine Zuchtlosig­keit der Sitten, die durch eine nicht mehr tragbare Freiheit ermöglicht wurde; Zerrüttung der Familie durch die in allen Formen in die Gesetzgebung eingeführte Eugenik; materielle und sittliche Unterjochung der Familie, in der die Eltern in der Erziehung ihrer Kinder allmählich auf die Stufe von Verurteilten herabgedrückt wurden, die jeder väterlichen Gewalt beraubt sind. Die Auffassung der Familie, vom Standpunkt Gottes aus betrachtet, wird notwendigerweise zum einzigen Grundsatz einer ehrlichen Lösung führen: alle Mittel zu gebrauchen, um die Familie in den Stand zu versetzen, sich selbst zu genügen und ihren Beitrag zum allgemeinen Wohl zu leisten … Was damals [nach dem ersten Weltkrieg] notwendig war und was hier und da mit gleichem Mute versucht worden ist, das ist eine Politik großen Stiles, die die Gebäude leert, in denen die Mieter wie in Kasernen hausen, und die statt dessen Familienwohnstätten schafft. Heute, nach dem zweiten Weltkrieg, ist diese Forderung sicher an die erste Stelle gerückt.

Dazu muß die Bildung eines geschärften Gewissens für die Verantwortlichkeit bei der Gründung einer Familie, die Entwicklung eines gesünderen Familienlebens in einem Eigenheim kommen, das für den Geist ebenso wohltätig ist wie für das Herz. Wir haben nicht versäumt, auch die Organisationen zu erwähnen, die sich zum Ziel gesetzt haben, besser auf die Aufgaben und Pflichten der Ehe vorzubereiten. Welche Hilfe können hier Presse, Radio und Film leisten, und wie schwer ist ihre Verantwortung im Hinblick auf die Familie! Sollte der Film sich nicht in der Tat, anstatt sich in der Darstellung von Ehe­scheidungen und Ehetrennungen zu erniedrigen, in den Dienst der Einheit der Ehe, der ehelichen Treue, der Gesundung der Familie und des Glückes des häuslichen Herdes stellen? Das Volk verlangt nach einer edleren und höheren Auffassung vom häuslichen Leben. Der un­erwartete Erfolg gewisser Filme der letzten Zeit beweist es. Wir wollen ebenfalls auf die bereits geleistete Hilfe hin­weisen: auf die Hilfe für die Kinder, für die Jugendlichen, auf die Erholungsheime für Mütter, auf die so wohltätige Organisation der Soforthilfe für überlastete Familien ­wenn es z. B. für die Mutter nicht mehr möglich ist, die Hausarbeiten selbst zu verrichten —; es ist ein ungeheuer großes Arbeitsfeld, das sich den öffentlichen Fürsorge­organisationen, vor allem aber der privaten Caritas bietet. Wir wollen natürlich die größte Aufmerksamkeit auf die kinderreichen Familien lenken: Steuerermäßigung, Unter­stützungen, Gehaltszulagen, die nicht als eine freiwillige Gabe angesehen werden sollen, sondern eher als eine sehr bescheidene Entschädigung für den großen sozialen Dienst, den die Familie, besonders die kinderreiche, erweist. Sehr zu Recht verleiht ihr in euren Statuten eurem Willen Nachdruck, die Bande der Solidarität zwischen allen Familien der Welt zu stärken; das ist eine sehr günstige Bedingung für die Erfüllung ihrer Funktion als lebenskräftige Zellen der Gesellschaft. Wie viele kost­bare moralische Kräfte würden sich so vereinigen, um gegen den Krieg im Dienste des Friedens zu kämpfen! Daß sich alle Familien der Welt zusammenschließen, um sich gegenseitig zu helfen, um die bösen Kräfte durch ihre gesunde und fruchtbare Kraft zu überwinden, ist sehr gut. Noch ein Schritt bleibt zu tun: den Geist der christlichen Familie auf die Ebene der Nation, der inter­nationalen Beziehungen, der Welt auszudehnen! So wenig eine einzelne Familie nur die Zusammenfassung ihrer Mitglieder unter einem Dach ist, so wenig soll die Gesellschaft die einfache Summe der Familien sein, die sie bilden. Sie soll aus dem familienhaften Geist leben, der sich auf die Gemeinschaft von Herkunft und Ziel gründet. Wenn die Lebensumstände unter den Gliedern einer Familie Ungleichheit schaffen, so hilft man sich gegenseitig. So sollte es auch zwischen den Gliedern der großen Familie der Nationen sein. Zweifellos ein hohes Ideal! Doch warum sollte man sich nicht sofort an die Arbeit machen, so fern die Verwirklichung auch scheinen mag? Selbst die bedrückenden Fragen der kontinentalen und der Weltwirtschaft würden unter diesem Gesichts­punkt eine fühlbare Entspannung und wohltätige Hilfe erfahren. Die Arbeit, die zu tun übrig bleibt, ist also unermeßlich und wird nur durch allmähliche Fortschritte erfüllt werden. Euer Eifer richtet sich darauf, diese Fort­schritte zu vertiefen und zu beschleunigen.“ 7

Zwei Jahre später, fast am gleichen Tage, griff Papst Pius XII. in einer Ansprache vor einer Gruppe der französischen Katholischen Aktion das Thema „Über die Heiligkeit, Rechte und Pflichten der Familie“ wieder auf. „Der Staat sollte also gerade aus Selbsterhaltungstrieb das erfüllen, was wesentlich und nach dem Plan Gottes, des Schöpfers und Erlösers, seine erste Pflicht ist, nämlich bedingungslos die Werte schützen, die der Familie Ordnung, Menschenwürde, Gesundheit und Glück sichern. Diese Werte, die die Elemente des Gemeinwohles selber sind, dürfen niemals irgend etwas geopfert werden, was als ein Gemeingut erscheinen könnte. Weisen Wir beispiels­halber nur auf einige hin, die heute in größter Gefahr sind: die Unauflöslichkeit der Ehe; der Schutz des Lebens vor der Geburt; die angemessene Wohnung für die

7 A. A. S. vol. 41 (1949) P. 551 ss. — teilweise: Hd. IV, 112 ff.

Familie, nicht nur mit einem oder zwei Kindern, oder selbst ohne Kinder, sondern für die normale, zahlreichere Familie; die Arbeitsbeschaffung, denn die Arbeitslosigkeit des Vaters ist die bitterste Not für die Familie; das Recht der Eltern über ihre Kinder gegenüber dem Staat; die volle Freiheit der Eltern, ihre Kinder im wahren Glauben zu erziehen, und folglich auch das Recht der katholischen Eltern auf die katholische Schule; die Verhältnisse des öffentlichen Lebens und besonders einer öffentlichen Mo­ral, die so geschaffen sein sollte, daß die Familien und besonders die Jugend nicht mit moralischer Gewißheit durch sie verdorben werden … Doch was die wesent­lichen Rechte der Familie anbetrifft, so werden sich die wahren Gläubigen der Kirche bis zum letzten einsetzen, um sie zu erhalten. Es wird hier und da geschehen kön­nen, daß man sich in dem einen oder anderen Punkt ge­nötigt sieht, vor der Überlegenheit der politischen Kräfte zurückzuweichen. Aber in diesem Fall kapituliert man nicht, sondern man wartet geduldig. Außerdem muß in einem solchen Fall die Lehre unversehrt bleiben, alle wirk­samen Mittel müssen eingesetzt werden, um allmählich dem Ziel näher zu kommen, auf das man nicht verzichtet hat.“ 8

Eine weitere große Ansprache über „Familiennot und Familienhilfe“ hielt Pius XII. zwei Monate später, am 28. November 1951, als er die Teilnehmer des Natio­nalen Kongresses „Front der Familie“ in Audienz empfing. Der erste Teil dieser Rede ist wieder den allgemeinen Nöten der Familie gewidmet, von denen er bereits in der letzten Ansprache in teilnahmsvollen Worten gesprochen hatte.

„In der Ordnung der Natur, unter den sozialen Schöpfun­gen gibt es keine, die der Kirche mehr am Herzen liegt als die Familie. Die Wurzel der Familie, die Ehe, hat Chri­stus zur Würde eines Sakramentes erhoben. Die Familie hat in all dem, was ihre unverletzlichen Rechte, ihre Frei‑

8 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 730 ss. — Hd. VI, 68.

heit und die Ausübung ihrer hohen Aufgabe angeht, in der Kirche immer Verteidigung, Schutz und Hilfe gefunden … Eine Familienbewegung, die, wie die eure, sich dafür einsetzt, im Volke voll und ganz die Ideale der christlichen Familie zu verwirklichen, wird sich immer durch ihre innere, sie beseligende Kraft wie durch die Nöte des Volkes, in dessen Mitte eure Bewegung lebt und wächst, in den Dienst jenes bekannten dreifachen Zieles stellen, das den Gegenstand eurer Bestrebungen bildet: Einfluß ausüben durch die Gesetzgebung in dem weiten Ausmaß, in dem sie mittel- oder unmittelbar die Familie berührt; Solidarität der christlichen Familien untereinander; christliche Kultur der Familie. Dieser letztere Gegenstand ist grundlegend; die beiden ersteren wollen zusammenwirken, ihn zu unterstützen und ihn zu fördern.

Zu den verschiedensten Gelegenheiten haben Wir zu Gunsten der christlichen Familie gesprochen. In den meisten Fällen taten Wir es, um ihr zu helfen oder um andere zu ihrer Hilfe aufzurufen, wenn es darum ging, sie aus schwerster Not zu erretten. Insbesondere taten Wir es, um sie im Kriegsunglück zu unterstützen. Bei weitem waren noch nicht die durch den ersten Weltkrieg verursachten Schäden geheilt, als der zweite, noch furchtbarere Weltkrieg hereinbrach, um sie ins Unermeßliche zu steigern. Noch vieler Zeit und vieler Mühen seitens der Menschen und noch größeren göttlichen Beistandes wird es bedürfen, bis die tiefen Wunden, die diese beiden Kriege der Familie zugefügt haben, wirklich vernarbt sind. Ein anderes übel, das teilweise ebenso von den Kriegszerstörungen herkommt, darüber hinaus aber auch in einer Überbevölkerung oder in verkehrten bzw. selbstsüchtigen Tendenzen seinen Grund hat, ist die Wohnungskrise. Alle diejenigen, die sich mühen, hier Abhilfe zu schaffen, Gesetzgeber, Staatsmänner, Mitglieder sozialer Werke, erfüllen, sei es auch nur indirekt, ein höchstwertiges Apostolat.

Dasselbe gilt für den Kampf gegen die Geißel der Arbeitslosigkeit, für die Sicherstellung eines hinreichenden Familieneinkommens, damit die Mutter, wie es leider häufig der Fall ist, sich nicht gezwungen sieht, außerhalb des Hauses eine Arbeit zu suchen, sondern sich mehr dem Mann und der Familie widmen kann.
Die Arbeit zu Gunsten der Schule und der religiösen Erziehung bedeutet ebenfalls einen wertvollen Beitrag zum Wohl der Familie, wie auch die Pflege einer gesunden Natürlichkeit und anspruchslosen Lebensart, sowie die Ver-tiefung religiöser Überzeugungen; ferner im Bereich der Familie einer Atmosphäre christlicher Reinheit Raum zu schaffen, die geeignet ist, die Familie vor den schädlichen äußeren Einflüssen zu schützen und von all jenen krank-haften Erregungen freizuhalten, die in der Seele des Jugendlichen ungeordnete Leidenschaften wecken.
Aber es gibt noch eine tiefergreifende Not, von der man die Familie bewahren muß, eine entwürdigende Versklavung: dahin wird die Familie gebracht durch eine Mentalität, die darauf ausgeht, aus ihr lediglich einen Organismus im Dienste der kollektiven Gemeinschaft zu machen, um für diese eine hinreichende Masse von ‚Menschenmaterial‘ zu schaffen.“ 9

Am 23. März 1952, dem „Tag der Familie“ der Katholischen Aktion Italiens, sprach der Papst über den Rundfunk: „Über das Wesen des christlichen Gewissens, seine Bedeutung und Stellung innerhalb der christlichen Moral und über die Gewissenserziehung“. Diese Ansprache steht inhaltlich der Rede an die Jugend vom 19. April 1952 sehr nahe, in der er wenige Wochen später das Thema der „neuen Moral“ weiter ausführt und über die Situationsethik spricht.10

„Die Familie ist die Wiege, in der ein neues Leben entsteht und sich entwickelt. Damit es nicht zugrunde geht, bedarf es der Sorge und Erziehung. Dies ist das Grundrecht und die Grundpflicht der Eltern, die Gott ihnen unmittelbar verliehen und auferlegt hat. Inhalt und Ziel

9 A. A. S. vol. 43, 2 (1951) p. 85 ss. — Hd. VI, 17o ff.

10 Vgl. S. 226 ff.

der Erziehung in der natürlichen Ordnung ist die Ent-wicklung des Kindes zu einem vollen Menschen. Inhalt und Ziel der christlichen Erziehung ist die Bildung des neuen, in der Taufe wiedergeborenen menschlichen Wesens zu einem vollkommenen Christen. Diese Pflicht war immer schon Brauch und Stolz der christlichen Familien . . . Wir möchten aber auf eine Grundwirklichkeit aufmerksam machen, die die Grundlage und Stütze der Erziehung, besonders der christlichen Erziehung ist, die aber einigen auf den ersten Blick als nebensächlich erscheint. Wir wollen von dem sprechen, was zutiefst und zuinnerst im Menschen ist: sein Gewissen. Wir sind darüber unterrichtet, daß einige Strömungen des modernen Denkens beginnen, den Begriff des Gewissens zu entstellen und seinen Wert anzufechten. Wir wollen also das Gewissen behandeln, insofern es Gegenstand der Erziehung ist … Um genau zu verstehen, daß das Gewissen erzogen werden kann und muß, ist es von Nutzen, auf einige Grundbegriffe der katholischen Lehre einzugehen. Der göttliche Heiland hat dem unwissenden und schwachen Menschen seine Wahrheit und seine Gnade gebracht. Die Wahrheit, um ihm den Weg zu weisen, der zu seinem Ziele führt, die Gnade, um ihm die Kraft zu geben, daß er dieses Ziel erreichen kann.

Diesen Weg zu durchlaufen, bedeutet in der Praxis, den Willen und die Gebote Christi anzunehmen und nach ihnen das Leben auszurichten, das heißt alle einzelnen Akte, die inneren wie die äußeren, die der freie menschliche Wille erwählt und für die er sich entscheidet. Welches ist nun das Seelenvermögen, das im Einzelfall dem Willen zeigt, welche Akte dem göttlichen Willen gemäß sind, damit der Wille wähle und entscheide, wenn nicht das Gewissen? Es ist also das getreue Echo, der reine Widerhall der göttlichen Norm in den menschlichen Handlungen . . . Daraus ergibt sich, daß die Bildung des christlichen Gewissens eines Kindes oder eines Jugendlichen vor allem darin besteht, ihren Geist über den Willen Christi, sein Gesetz und seinen Weg aufzuklären und außerdem auf ihre Gesinnung einzuwirken, soweit sich das von außen her machen läßt, um sie zu einer freien und beständigen Erfüllung des göttlichen Willens anzu­leiten. Dies ist die höchste Aufgabe der Erziehung … … Wie in der dogmatischen Lehre, so möchte man nun auch in der katholischen Sittenordnung eine radikale Revi­sion vornehmen, um daraus eine neue Wertung abzuleiten. Der erste Schritt, oder besser gesagt, der erste Schlag gegen das Gebäude der christlichen, sittlichen Normen soll darin bestehen, daß man sie loslöst von der, wie man behauptet, beengenden und bedrückenden Überwachung durch die Autorität der Kirche. Die Moral soll von den Spitzfindigkeiten der kasuistischen Methode befreit, zu ihrer ursprünglichen Form zurückgeführt und einfachhin der Einsicht und der Bestimmung des individuellen Ge­wissens anheimgestellt werden. Jeder sieht, zu welch un­heilvollen Folgen eine solche Umwälzung der eigentlichen Grundlage der Erziehung führen würde. Wir unterlassen es, auf die offenbare Unerfahrenheit und Unreife der Ur­teile derjenigen hinzuweisen, die derartige Meinungen vertreten. Doch wird es nützlich sein, den Hauptfehler dieser ,neuen Moral‘ ins Licht zu setzen. Sie stellt jedes sittliche Kriterium dem persönlichen Gewissen anheim, das, stolz in sich verschlossen, der absolute Richter über seine Entscheidungen ist. So ist sie weit entfernt, ihm den Weg zu erleichtern. Sie würde es vielmehr von dem eigentlichen Weg, der da Christus ist, abbringen. Der göttliche Erlöser hat seine Offenbarung, zu der die sitt­lichen Pflichten als wesentliche Bestandteile gehören, nicht etwa den einzelnen Menschen anvertraut, sondern seiner Kirche, der er den Auftrag gegeben hat, die Menschen zu führen, damit sie in Treue sein heiliges Vermächtnis annehmen .

Die ,neue Moral‘ stellt die Behauptung auf, daß die Kirche, statt das Gesetz der menschlichen Freiheit und Liebe zu pflegen und es mit Nachdruck zur treibenden Kraft des sittlichen Lebens zu machen, fast ausschließlich und mit übertriebener Strenge auf der Festigkeit und Unbeugsamkeit der christlichen Sittengesetze besteht und häufig ihre Zuflucht nimmt zu dem: ,Ihr seid verpflichtet‘ und ,Es ist nicht erlaubt‘, was doch allzusehr nach demütigender Pe-danterie schmeckt.

Nun will aber die Kirche, und sie hebt es ausdrücklich hervor, wenn es sich um die Bildung des Gewissens handelt, daß der Christ in die unendlichen Reichtümer des Glaubens und der Gnade in überzeugender Form eingeführt werde, so daß er sich angeregt fühlt, tief in sie einzudringen. Die Kirche kann aber nicht darauf verzichten, die Gläubigen zu ermahnen, daß diese Reichtümer nur um den Preis genauer sittlicher Verpflichtungen erworben und bewahrt werden können . . . So trifft die Anklage wegen drückender Härte, die die ,neue Moral` gegen die Kirche erhebt, in Wirklichkeit an erster Stelle die anbetungswürdige Person Christi. Im Bewußtsein des Rechtes und der Pflicht des Apostolischen Stuhles, wenn nötig mit Autorität in die sittlichen Fragen einzugreifen, haben Wir es Uns in Unserer Rede vom 29. Oktober des letzten Jahres zur Aufgabe gemacht, die Gewissen über die Probleme des ehelichen Lebens aufzuklären.11 Mit derselben Autorität erklären Wir heute den Erziehern und der Jugend selbst: Das göttliche Gebot der Reinheit der Seele und des Leibes gilt ohne Abschwächung auch für die heutige Jugend. Auch sie hat die sittliche Pflicht und mit Hilfe der Gnade die Möglichkeit, sich rein zu erhalten. Wir weisen also die Behauptung derer als irrig zurück, die die Niederlagen in den Jahren der Pubertät für unvermeidlich halten, für Dinge, die es nicht verdienen, daß man von ihnen viel Aufhebens macht, als wären sie keine schwere Schuld. Denn gewöhnlich, fügen jene hinzu, hebt die Leidenschaft die Freiheit auf, die für die sittliche Verantwortlichkeit eines Aktes notwendig ist. Im Gegensatz zu

11 Wir verweisen auf die Rede im folgenden Kapitel S. 91 ff. 80

dieser Meinung ist es eine verpflichtende und weise Regel, daß der Erzieher nicht versäumt, dem jungen Menschen die hohen Werte der Reinheit darzustellen, um sie dahin zu führen, sie zu lieben und für persönlich erstrebenswert zu halten. Auf alle Fälle sollen die Erzieher klar das Ge­bot als solches, in seiner ganzen Schwere und Ernsthaftig­keit, als göttliche Anordnung erklären. So werden sie die jungen Menschen anspornen, die nächsten Gelegenheiten zu meiden; der Erzieher wird sie stärken in einem Kampf, dessen Härte er ihnen nicht verheimlichen wird; er wird sie dahin führen, daß sie mutig die Opfer bringen, die die Tugend fordert, und er wird sie ermahnen, auszuhalten und nicht der Gefahr zu erliegen, die Waffen schon im Anfang wegzuwerfen und widerstandslos den verkehrten Gewohnheiten sich zu ergeben.

Noch mehr als auf dem Gebiete des privaten Lebens wol­len heute viele die Geltung des Sittengesetzes aus dem öffentlichen, wirtschaftlichen und sozialen Leben, aus der Tätigkeit der öffentlichen Gewalten im Innern und Äuße­ren, im Frieden und im Kriege ausschließen, als wenn Gott dazu nichts, wenigstens nichts unbedingt Verpflich­tendes zu sagen hätte. Die Verselbständigung der äuße­ren menschlichen Tätigkeiten, zum Beispiel der Wissen­schaften, der Politik, der Kunst, gegenüber der Moral wird zuweilen in philosophischer Art mit der Autonomie be­gründet, die ihnen zusteht, sich auf ihrem Gebiet aus­schließlich nach den eigenen Gesetzen zu richten, wenn man auch zugibt, daß diese für gewöhnlich mit den sitt­lichen Gesetzen zusammenfallen … Die rein theoretische Trennung hat keinen Sinn im Leben, das immer eine Syn­these ist. Denn das einzige Subjekt jeder Art von Tätig­keit ist der Mensch selbst, dessen freie und bewußte Akte der sittlichen Bewertung nicht entgehen können…

Das war es, was Wir euch heute sagen wollten, geliebte Söhne und Töchter, die ihr Uns zuhört… Erzieht die Gewissen eurer Kinder mit zäher und beharrlicher Sorge. Erzieht sie zur Furcht wie zur Liebe Gottes. Erzieht sie zur Wahrhaftigkeit. Aber seid zuerst selber wahrhaftig und verbannt aus eurer erzieherischen Tätigkeit alles, was nicht echt und wahr ist. Prägt in die Gewissen der jungen Menschen den richtigen Begriff von Freiheit ein, von der wahren Freiheit, wie sie eines Geschöpfes, das nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde, würdig und ihm eigentümlich ist. Sie ist etwas ganz anderes als Auflösung und Zügellosigkeit. Sie ist vielmehr die erprobte Möglichkeit zum Guten, sie ist der Entschluß, es zu wollen und zu vollbringen (vgl. Gal 5, 13). Sie ist die Herrschaft über die eigenen Fähigkeiten, Instinkte und Erlebnisse. Erzieht sie zum Beten und dazu, daß sie aus den Quellen der Buße, der heiligen Eucharistie das schöpfen, was die Natur nicht geben kann: die Kraft, nicht zu fallen, die Kraft, wieder aufzustehen. Schon als junge Menschen sollen sie innewerden, daß sie ohne die Hilfe dieser übernatürlichen Kräfte weder gute Christen noch einfachhin ehrenhafte Menschen zu sein vermögen, denen ein glückliches Leben beschieden ist. Doch so gerüstet, werden sie nach dem Höchsten streben können, werden sie sich der großen Aufgabe hinzugeben vermögen, deren Erfüllung ihr Ruhm sein wird: Christus in ihrem Leben zu verwirklichen.“ 12

Hören wir noch, was Pius XII. in einem Schreiben vom 1. Jänner 1954 an die Bischöfe Italiens „Über das Fernsehen“, über dessen Bedeutung innerhalb der Familie zu sagen hat. „Wie sollen Wir Uns nicht darüber freuen, daß Wir sehen, wie das Fernsehen dazu beiträgt, das Gleichgewicht wieder herzustellen, indem es der ganzen Familie, fernab von den Gefahren ungesunder Gesellschaften und Orte, eine ehrbare Unterhaltung ermöglicht…“

Demgegenüber sieht er aber auch eine große Gefahr des Fernsehens für die Familie. „Man kann sich deshalb leicht darüber Rechenschaft geben, wie nahe das Fernsehen vor allem die Erziehung der Jugend und die

12 A. A. S. vol. 44, 1 (1952) p. 270 SS. – Hd. VI, S. 36o ff. 82

Gesundheit des Familienheimes angeht. Wenn man nun an den unschätzbaren Wert der Familie denkt, der die Urzelle der Gesellschaft ist, und wenn man darüber nach­denkt, daß in den häuslichen Wänden nicht nur die kör­perliche, sondern auch die geistige Entwicklung der Kin­der ihren Anfang nehmen und sich entwickeln muß, in denen die kostbare Hoffnung der Kirche und des Vater­landes liegt, dann können Wir es nicht unterlassen, alle diejenigen, die an der Verantwortung für das Fernsehen beteiligt sind, darauf hinzuweisen, daß die Pflichten und Verantwortlichkeiten, die vor Gott und der Gesellschaft auf ihnen liegen, allerschwerster Natur sind. Vor allem ist es Sache der Behörden, jede Vorsorge zu treffen, daß in keiner Weise jene Atmosphäre der Reinheit und Dis­kretion beleidigt oder getrübt wird, die über dem Heim der Familie liegen muß… Vor Unserem Geiste steht un­unterbrochen das traurige Bild der verderblichen und um­stürzenden Macht der Filmschauspiele. Aber wie sollte man nicht erschrecken bei dem Gedanken, daß mittels des Fernsehens jene vergiftete Atmosphäre des Materialismus, der Oberflächlichkeit und des Hedonismus, die man allzu­oft in so vielen Kinosälen einatmet, in die Wände des Hauses eindringen kann? Man könnte sich wirklich kein größeres Unglück für die geistigen Kräfte des Volkes vor­stellen, als wenn sich diese eindrucksmächtigen Darstel­lungen von Vergnügen, Leidenschaft und Sünde, die ein für allemal das Gefüge von Reinheit, Güte und gesunder persönlicher und sozialer Erziehung erschüttern und rui­nieren können, im Schoß der Familie vor so vielen un­schuldigen Seelen wiederholen würden.“ 13

Pius XII. fordert darum die verantwortliche Be­hörde zur Überwachung auf und verlangt katholische Mit­arbeit am Fernsehen, gemäß seinem Grundsatz, daß alle Fortschritte der Technik für die „Ausbreitung des Reiches Gottes auf Erden“ nutzbar gemacht werden sollen.

13 A. A. S. vol. 46 (1954) p. 18 ss. — Hd. VIII, S. 229 f.

Im Juni 1954 fand zum ersten Male eine Gemeinschafts-sendung der verschiedenen europäischen Fernsehstationen statt, an der auch der Vatikansender teilnahm und Papst Pius XII. am Pfingstsonntag, den 6. Juni, in fünf Sprachen selbst vor der Fernsehkamera über die Bedeutung des Fernsehens sprach:

„… Das Fernsehen hat es auf die interessantesten Vorfälle des menschlichen Lebens abgesehen, und zwar gerade in dem Augenblick, da sie sich ereignen. Handle es sich nun um wissenschaftliche, künstlerische oder sportliche Ereignisse, um technische Bereiche oder soziale Belange: heute will jeder sofort unterrichtet werden, sozusagen daran teilnehmen und selber Augenzeuge sein. Der Wille, nur hochstehende Programme zu gestalten, nötigt zur Zusammenarbeit: dadurch werden die Lasten verteilt und das Bearbeitungsgebiet erweitert.“ (Aus dem französischen Abschnitt.)

„ . . . Kaum hat sich indes die weittragende Be-deutung dieses Werkzeugs zur Verbreitung von Kenntnissen und Wissen gezeigt, als sich schon gleich ein heikles Problem zu Wort meldet: Wie steht es um den sittlichen Wert der zum Teil neuen Welt, die das Fernsehen noch viel umfassender und anziehender eröffnet als Radio und Film? Ist es nicht möglich, daß sich neben Bestem auch anderes findet, das ein sittsames Empfinden verletzt? Ist es deshalb nicht doch wohl die erste und selbstverständliche Pflicht der Fernsehunternehmen wie der Zuschauer, eine umsichtige und passende Auswahl zu treffen? Der Gesellschaftskörper von heute weist bereits zu viele offene Wunden auf, die ihm die zersetzende Tätigkeit einer bestimmten Art von Presse, Film und Radio geschlagen hat. Wird vielleicht das neue, noch wirksamere Mittel das Übel nur verschlimmern, oder wird man von Anfang an sich bereit finden, etwas wirklich Aufbauendes und echt Gesundes zu schaffen? Die Sorge um den nötigen Absatz verleitet die Unternehmen oft zur Verbreitung von Unterhaltungsstoff und Stücken, die auf die minder edlen

menschlichen Instinkte abgestimmt sind und ihnen schmei-cheln. Es genügt nicht, die Folgen eines solchen Übels, besonders die diesseitstrunkene-selbstische Vergnügungssucht mit dem verschlossenen, harten Herzen gegenüber der Not und den Wünschen der Mitmenschen zu beklagen. Man muß in geeigneter Weise vorbeugen. Will die Television ihre glänzenden Versprechungen halten, so möge sie sich hüten, sich der billigen Künste zu bedienen, die nicht weniger dem guten Geschmack als dem sittlichen Empfinden so sehr widersprechen; sie möge davon Abstand nehmen, sich auf die unnatürlichen Erzeugnisse eines kranken Zeitgeistes einzulassen; es sei ihr vielmehr darum zu tun, die wahre Schönheit zur Anerkennung zu bringen und alles, was die Menschheitskultur und besonders die christliche Religion an Gesundem, Hohem und Bestem hervorgebracht hat und hervorbringt.“ (Aus dem deutschen Abschnitt.)

„Das Fernsehen kann Bilder vom tiefsten Trachten und Sehnen der Menschen auf den Bildschirm bannen: Bilder menschlicher Verbrüderung, Bilder von Gerechtig-keit und Frieden, Bilder von Familien- und Heimatliebe. Wir denken jetzt vor allem auch an euch, die ihr durch Krankheit oder Gebrechen ans Haus gefesselt seid und darum mehr als die anderen das Bedürfnis empfindet, im Geiste den heiligen Handlungen zu folgen und so euer Gebet mit jenem der Kirche zu vereinen. Euch versetzt nun das Fernsehen noch besser als das Radio ins Heiligtum. Möge diese europäische Gemeinschaftssendung Symbol und Versprechen sein — Symbol der Eintracht unter den Nationen: man kann sich so besser verstehen lernen, die Schönheiten anderer Länder und Kulturschätze kosten. So können Vorurteile zu Fall gebracht werden.“ (Aus dem englischen Abschnitt.)…14

Möge am Schluß dieses Kapitels die Mahnung des Heiligen Vaters zum Familiengebet stehen, wie er sie

14 A. A. S. vol. 46, p. 369 ss. — Hd. VIII, S. 45o f.

wiederum in einem Schreiben an Kardinal Griffin ausspricht:
„Das mächtigste Gegenmittel gegen die Übel, die die menschliche Gesellschaft in Gefahr bringen, ist das Gebet, zumal das gemeinschaftliche Gebet… Und welche Form gemeinschaftlichen Gebetes ist einfacher und wirksamer als der Familienrosenkranz, durch den Eltern und Kinder sich in flehentlichem Gebet zum ewigen Vater vereinigen, mittels der Fürsprache ihrer so liebevollen Mutter und in Betrachtung der heiligen Geheimnisse unseres Glaubens. Es gibt kein sichereres Mittel, Gottes Segen auf die Familie herabzuziehen und besonders den häuslichen Frieden und das Glück zu bewahren, als das tägliche Rosenkranzgebet. Abgesehen von seiner fürbittenden Kraft kann der Familienrosenkranz sehr weitreichende Wirkungen haben. Wenn die Gewohnheit dieser frommen Übung den Kindern in jungem und eindrucksfähigem Alter eingeprägt wird, werden sie auch später dem Rosenkranz treu bleiben, und ihr Glaube wird daraus Nahrung und Stärke ziehen.“ 15

15 Schreiben vom 14. Juli 1952. A. A. S. vol. 44, 2 (1952) P. 625. Hd. VII (1952/53) S. 18.

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955

Im Wortlaut: Franziskus an 27 EU- Staats- und Regierungschefs

Papst Franziskus bei seiner Ansprache an die EU-Spitzen im Vatikan, 24.03.2017

Radio Vatikan dokumentiert hier die Rede von Papst Franziskus an die Staats- und Regierungschefs von 27 EU-Ländern, gehalten am 24. März 2017 im Vatikan. Anlass der Begegnung ist der 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge.

Verehrte Gäste,

ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit heute Abend, am Vorabend des 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Gründungsverträge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft. Jedem möchte ich die Verbundenheit des Heiligen Stuhls mit Ihren jeweiligen Ländern und mit ganz Europa zum Ausdruck bringen, an dessen Geschick er durch Fügung der Vorsehung untrennbar gebunden ist. Mein besonderer Dank gilt dem Ministerpräsidenten der Republik Italien Paolo Gentiloni für die ehrerbietigen Worte, die er im Namen aller gesprochen hat, wie auch für die Bemühungen Italiens in der Vorbereitung dieses Treffens. Zudem danke ich dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Antonio Tajani, der den Erwartungen der Völker der Europäischen Union bei diesem Anlass Ausdruck verliehen hat.

Sechzig Jahre später nach Rom zurückzukehren darf nicht bloß eine Reise in die Erinnerungen sein, sondern ist vielmehr das Verlangen, das lebendige Gedächtnis jenes Ereignisses wiederzuentdecken, um dessen Bedeutung in der Gegenwart zu verstehen. Man muss sich in die damaligen Herausforderungen hineinversetzen, um sich denen von heute und von morgen stellen zu können. Die Bibel bietet uns mit ihren an Bezügen reichen Erzählungen eine wesentliche pädagogische Methode: Man kann die Zeit, in der wir leben, nicht ohne die Vergangenheit begreifen, die nicht als die Gesamtheit ferner Tatsachen zu verstehen ist, sondern als der Lebenssaft, der die Gegenwart durchströmt. Ohne dieses Bewusstsein verliert die Realität ihre Einheit, die Geschichte ihren logischen Faden, und die Menschheit geht des Sinnes ihrer eigenen Taten sowie der Richtung der eigenen Zukunft verlustig.

Der 25. März 1957 war ein Tag voller Erwartungen, voller Hoffnung, Begeisterung und Bangen, und nur ein aufgrund seiner Tragweite und historischer Konsequenzen außergewöhnliches Ereignis konnte ihn zu einem einzigartigen Tag in der Geschichte machen. Das Gedenken jenes Tages verbindet sich mit den Hoffnungen von heute und den Erwartungen der Völker Europas, die ein Nachdenken über die Gegenwart fordern, um mit neuem Schwung zuversichtlich den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Die Gründerväter und die Verantwortungsträger, die durch die Unterzeichnung der zwei Verträge jene politische, wirtschaftliche, kulturelle, aber vor allem menschliche Wirklichkeit ins Leben gerufen haben, die wir heute Europäische Union nennen, waren sich dessen wohl bewusst. Andererseits ging es, wie der belgische Außenminister Spaak sagte, »gewiss um den materiellen Wohlstand unserer Völker, um die Ausweitung unserer Wirtschaft, um den sozialen Fortschritt, um völlig neue Industrie- und Handelsmöglichkeiten, aber vor allem […] um eine Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht«[1].

Nach den dunklen und blutigen Jahren des Zweiten Weltkrieges haben die Verantwortungsträger damals an die Möglichkeit einer besseren Zukunft geglaubt, »ihnen hat es nicht an Wagemut gefehlt und sie haben nicht zu spät gehandelt. Die Erinnerung an das vergangene Unheil und […] an ihre Schuld scheint sie angeregt und ihnen den notwendigen Mut verliehen zu haben, um die alten Auseinandersetzungen zu vergessen […] und in einer wahrhaft neuen Weise zu denken und zu handeln, um die größte […] Veränderung […] Europas zu verwirklichen«[2].

Die Gründerväter erinnern uns daran, dass Europa nicht eine Summe von einzuhaltenden Regeln, nicht ein Handbuch von zu befolgenden Protokollen und Verfahrensweisen ist. Es ist ein Leben; eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen und nicht nur als eine Gesamtheit von zu verteidigenden Rechten oder einzufordernden Ansprüchen. Am Ursprung der Idee Europa steht »die Gestalt und die Verantwortlichkeit der menschlichen Person samt dem Ferment einer im Evangelium gegründeten Brüderlichkeit, […] mit ihrem Willen zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit, der von einer tausendjährigen Erfahrung geschärft wurde«[3]. Rom ist mit seiner Berufung zur Universalität[4] Symbol dieser Erfahrung und wurde deswegen als Ort für die Unterzeichnung der Verträge ausgewählt. Denn hier – wie der niederländische Außenminister Luns ins Gedächtnis rief – »wurden die politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Fundamente unserer Kultur gelegt«[5].

Von Anfang an war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte. Zugleich bestand offenkundig das Risiko, dass die Verträge toter Buchstabe bleiben könnten. Diese mussten mit lebendigem Geist erfüllt werden. Und das erste Element europäischer Lebenskraft ist die Solidarität. »Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft«, bekräftigte der luxemburgische Premierminister Bech, »wird nur dann leben und erfolgreich sein, wenn sie in ihrem Bestehen dem Geist europäischer Solidarität, der sie geschaffen hat, treu bleibt und wenn der gemeinsame Wille des entstehenden Europas mächtiger ist als die nationalen Willensbestrebungen«[6]. Dieser Geist ist angesichts der zentrifugalen Kräfte wie auch der Versuchung, die Gründungsideale der Union auf produktive, wirtschaftliche und finanzielle Erfordernisse zu reduzieren, heute höchst notwendig.

Aus der Solidarität entspringt die Fähigkeit, sich für die anderen zu öffnen. »Unsere Pläne sind nicht eigensüchtiger Natur«[7], sagte der deutsche Kanzler Adenauer. »Ohne Zweifel beabsichtigen die Länder, die im Begriff sind, sich zu vereinen, […] nicht, sich von der restlichen Welt zu isolieren und um sich herum unüberwindliche Schranken aufzurichten«[8], pflichtete der französische Außenminister Pineau bei. In einer Welt, der das Drama der Mauern und Teilungen wohl vertraut war, war man sich der Bedeutung überaus bewusst, für ein geeintes und offenes Europa zu arbeiten, und man hatte den gemeinsamen Willen, sich für die Beseitigung jener unnatürlichen Schranke einzusetzen, die von der Ostsee bis zur Adria den Kontinent teilte. So viele Mühen hat man aufgewendet, um jene Mauer zu Fall zu bringen! Und doch ist heute die Erinnerung an die Mühen verloren gegangen. Ebenso ist das Bewusstsein des Dramas getrennter Familien, von Armut und Elend, die jene Teilung hervorrief, abhandengekommen. Dort, wo Generationen sich sehnlichst wünschten, die Symbole einer aufgezwungenen Feindschaft fallen zu sehen, diskutiert man heute, wie man die jetzigen „Gefahren“ fernhalten kann: angefangen von dem langen Treck von Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg und Armut sind und nur um die Möglichkeit einer Zukunft für sich und die ihnen nahestehenden Personen bitten.

In dem Erinnerungsvakuum, das unsere heutige Zeit kennzeichnet, vergisst man oft auch eine weitere große Errungenschaft, die Frucht der am 25. März 1957 sanktionierten Solidarität ist: die längste Friedensära der letzten Jahrhunderte. »Völker, die im Lauf der Zeit sich oftmals in gegensätzlichen Lagern befunden und sich gegenseitig bekämpft haben, […] finden sich jetzt hingegen durch den Reichtum ihrer nationalen Besonderheiten geeint wieder«[9]. Der Friede wird immer durch die freie und bewusste Mitwirkung eines jeden begründet. Dennoch »[erscheint] heute für viele der Friede in gewisser Weise als ein selbstverständliches Gut«[10], und so ist es einfach, ihn schließlich gar als überflüssig zu erachten. Der Friede ist hingegen ein kostbares und wesentliches Gut, da man ohne ihn nicht in der Lage ist, für jemanden eine Zukunft aufzubauen, und am Ende „in den Tag hineinlebt“.

Das geeinte Europa entsteht in der Tat aus einem klaren, wohl definierten und sachgemäß durchdachten Projekt, auch wenn zunächst nur in einem Anfangsstadium. Jedes gute Projekt schaut auf die Zukunft, und die Zukunft sind die Jugendlichen, die dazu berufen sind, die Verheißungen der kommenden Zeit zu verwirklichen[11]. Den Gründervätern war demnach klar bewusst, Teil eines gemeinsamen Werkes zu sein, das nicht nur Staats-, sondern auch Zeitgrenzen überschritt, um die Generationen untereinander zu verbinden, die alle am Aufbau des gemeinsamen Hauses ebenbürtig beteiligt sind.

Verehrte Gäste,

den Vätern Europas habe ich diesen ersten Teil meiner Ansprache gewidmet, damit wir uns von ihren Worten herausfordern lassen, von der Aktualität ihres Denkens, vom leidenschaftlichen Einsatz für das Gemeinwohl, der sie auszeichnete, von der Gewissheit, Teil eines Werkes zu sein, das größer ist als sie selbst, und von der Weite des Ideals, das sie beseelte. Ihr gemeinsamer Nenner war der Geist des Dienens. Damit verbunden war die politische Leidenschaft und das Bewusstsein, dass »am Ursprung der europäischen Kultur das Christentum steht«[12], ohne das die westlichen Werte der Würde, Freiheit und Gerechtigkeit zumeist nicht verständlich erscheinen. »Auch in unserer Zeit«, erklärte der heilige Johannes Paul II., »bleibt die Seele Europas geeint, weil es über seinen gemeinsamen Ursprung hinaus von den gleichen christlichen und humanen Werten lebt, wie beispielsweise der Würde der menschlichen Person, dem echten Gefühl für Gerechtigkeit und Freiheit, der Arbeitsamkeit, dem Unternehmungsgeist, der Liebe zur Familie, der Achtung vor dem Leben, der Toleranz, dem Wunsch zur Zusammenarbeit und zum Frieden, die seine charakteristischen Merkmale sind und es kennzeichnen«[13]. In unserer multikulturellen Welt werden diese Werte weiterhin volles Heimatrecht finden, wenn sie ihre lebensnotwendige Verbindung mit der Wurzel, aus der sie hervorgegangenen sind, aufrecht zu erhalten wissen. In dieser fruchtbaren Verbindung liegt die Möglichkeit, authentisch laikale Gesellschaften aufzubauen, die frei von ideologischen Gegensätzen sind und in denen Fremde und Einheimische, Gläubige und Nichtgläubige gleichermaßen Platz finden.

In den letzten sechzig Jahren hat sich die Welt sehr verändert. Wenn die Gründerväter, die einen verheerenden Konflikt überlebt hatten, von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft beseelt und von dem Willen bestimmt waren, diese zu verfolgen, indem sie das Aufkommen neuer Konflikte zu verhindern suchten, so wird unsere Zeit mehr von der Vorstellung der Krise beherrscht. Es gibt die Wirtschaftskrise, die das letzte Jahrzehnt gekennzeichnet hat, es gibt die Krise der Familie und von gefestigten gesellschaftlichen Formen, es gibt eine verbreitete „Krise der Institutionen“ und die Flüchtlingskrise: viele Krisen, welche die Angst und die tiefe Verwirrung des heutigen Menschen verbergen, der nach einer neuen Hermeneutik für die Zukunft verlangt. Dennoch hat der Begriff „Krise“ an und für sich keine negative Bedeutung. Er zeigt nicht bloß einen schlimmen Augenblick an, der zu überwinden ist. Das Wort Krise hat seinen Ursprung im griechischen Verb crino (κρίνω), das untersuchen, prüfen, entscheiden bedeutet. Unsere Zeit ist also eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen: es ist somit eine Zeit von Herausforderungen und Möglichkeiten.

Welche ist also die Hermeneutik, der Interpretationsschlüssel, mit dem wir die Schwierigkeiten der Gegenwart lesen und Antworten für die Zukunft finden können? Die Erinnerung an das Denken der Väter wäre nämlich unfruchtbar, wenn sie nicht dazu diente, einen Weg aufzuzeigen, wenn sie nicht zu einem Ansporn für die Zukunft und einer Quelle der Hoffnung würde. Jedes Wesen, das den Sinn seines Weges verliert und dem dieser nach vorwärts gerichtete Blick abhandenkommt, erleidet zunächst eine Rückbildung und läuft auf lange Sicht Gefahr zu sterben. Was ist also die Hinterlassenschaft der Gründerväter? Welche Perspektiven zeigen sie uns auf, um uns den Herausforderungen zu stellen, die auf uns warten? Welche Hoffnung geben sie uns für das Europa von heute und morgen?

Die Antworten finden wir eben genau in den Pfeilern, auf denen sie die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichten wollten und an die ich schon erinnert habe: die Zentralität des Menschen, eine tatkräftige Solidarität, die Offenheit für die Welt, das Verfolgen des Friedens und der Entwicklung, die Offenheit für die Zukunft. Es ist Aufgabe der Regierenden, die Straßen der Hoffnung zu erkennen, die konkreten Pfade ausfindig zu machen, damit die bisher vollbrachten bedeutenden Schritte sich nicht zerstreuen, sondern Unterpfand eines langen und fruchtbaren Weges werden.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn der Mensch die Mitte und das Herz seiner Institutionen ist. Ich meine, dies muss das aufmerksame und vertrauensvolle Anhören der Anliegen miteinschließen, die sowohl von den Einzelnen vorgebracht werden als auch von der Gesellschaft und den Völkern, welche die Union bilden. Leider hat man oft den Eindruck, dass eine „affektive Kluft“ zwischen den Bürgern und Institutionen Europas besteht, die häufig als fern wahrgenommen werden und unaufmerksam gegenüber den verschiedenen Sensibilitäten, welche die Gemeinschaft bestimmen. Der Zentralität des Menschen Geltung zu verschaffen bedeutet auch, den Familiengeist wiederzufinden, in dem jeder frei entsprechend den eigenen Fähigkeiten und Gaben seinen Beitrag zum gemeinsamen Haus leistet. Es ist angebracht, sich vor Augen zu halten, dass Europa eine Familie von Völkern[14] ist und dass es – wie in jeder guten Familie – unterschiedliche Sensibilitäten gibt, aber alle in dem Maße wachsen können, wie sie geeint sind. Die Europäische Union entsteht als eine Einheit der Verschiedenheiten und Einheit in den Verschiedenheiten. Die Eigenheiten dürfen deshalb nicht erschrecken und man darf auch nicht denken, dass Einheit durch Uniformität bewahrt würde. Diese ist vielmehr die Harmonie einer Gemeinschaft. Die Gründerväter wählten gerade diesen Begriff als Angelpunkt für die Einrichtungen, die aus den Verträgen entstehen sollten, indem sie betonten, dass die Ressourcen und Talente jedes Einzelnen gemeinsam genutzt werden sollten. Heute muss die Europäische Union wieder den Sinn dafür entdecken, „Gemeinschaft“ von Menschen und Völkern zu sein, die sich bewusst ist, dass »das Ganze […] mehr [ist] als der Teil, und es […] auch mehr [ist] als ihre einfache Summe«[15] und dass man also »immer den Blick weiten [muss], um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt«[16]. Die Gründerväter suchten jene Harmonie, in der das Ganze in jedem der Teile ist, und die Teile – jedes mit seiner eigenen Originalität – im Ganzen sind.

Europa findet wieder Hoffnung in der Solidarität, die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus ist. Die Solidarität bringt das Bewusstsein mit sich, Teil eines einzigen Körpers zu sein, und schließt gleichzeitig die Fähigkeit eines jeden Gliedes mit ein, mit dem anderen und dem Ganzen zu „sympathisieren“. Wenn einer leidet, leiden alle (vgl. 1 Kor 12,26). So betrauern auch wir heute zusammen mit dem Vereinigten Königreich die Opfer des Attentats in London vor zwei Tagen. Die Solidarität ist nicht ein guter Vorsatz: Sie ist gekennzeichnet durch konkrete Taten und Handlungen, die einem den Mitmenschen näher bringen unabhängig von seiner momentanen Lage. Die Formen von Populismus hingegen sind eben Blüten des Egoismus, der in einen engen und erdrückenden Kreis einschließt und nicht zulässt, die Enge der eigenen Gedanken zu überwinden und darüber hinaus zu sehen. Man muss wieder beginnen, europäisch zu denken, um die gegensätzliche Gefahr einer grauen Uniformität oder des Triumphs der Partikularismen abzuwehren. Eine solche Führungsrolle der Ideen ist Sache der Politik; diese soll vermeiden, Emotionen auszunutzen, um Zustimmung zu gewinnen, sondern vielmehr im Geist der Solidarität und Subsidiarität politische Handlungsweisen erarbeiten, welche die gesamte Union in einer harmonischen Entwicklung wachsen lassen. So mag, wer schneller zu laufen fähig ist, dem langsameren die Hand reichen, und wer mehr Mühe hat, sei bestrebt, den an der Spitze zu erreichen.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich nicht in die Angst falscher Sicherheiten einschließt. Im Gegenteil, seine Geschichte ist sehr von der Begegnung mit anderen Völkern und Kulturen bestimmt und seine Identität »ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität«[17]. Es besteht in der Welt Interesse für das europäische Projekt. Es bestand vom ersten Tag an, wie die dicht gedrängte Menge auf dem Kapitolsplatz und die Glückwunschschreiben aus anderen Staaten zeigten. Noch mehr besteht es heute angefangen von den Ländern, die um Aufnahme in die Union bitten, wie auch von den Staaten, welche die Hilfeleistungen erhalten, die ihnen sehr großzügig angeboten werden, um die Folgen der Armut, der Krankheiten und der Kriege bekämpfen zu können. Die Öffnung für die Welt schließt die Fähigkeit des »Dialog[s] als Form der Begegnung«[18] auf allen Ebenen mit ein, von der Begegnung zwischen den Mitgliedsstaaten und zwischen den Institutionen und den Bürgern bis hin zur Begegnung mit den zahlreichen Immigranten, die an den Küsten der Union landen. Man kann sich nicht darauf beschränken, die schwerwiegende Flüchtlingskrise dieser Jahre so zu bewältigen, als sei sie nur ein zahlenmäßiges, wirtschaftliches oder ein die Sicherheit betreffendes Problem. Die Migrationsproblematik stellt eine tiefere Frage, die vor allem kultureller Natur ist. Welche Kultur bietet Europa heute an? Die Angst, die man häufig wahrnimmt, findet nämlich ihren tieferen Grund im Verlust der Ideale. Ohne eine echte Perspektive der Ideen wird man am Ende von der Angst beherrscht, dass der andere uns aus den festen Gewohnheiten herausreißt, uns die erworbenen Annehmlichkeiten nimmt, auf gewisse Weise einen Lebensstil in Frage stellt, der allzu oft nur aus materiellem Wohlstand besteht. Der Reichtum Europas ist hingegen immer seine geistige Offenheit gewesen und die Fähigkeit, sich grundlegende Fragen über den Sinn des Daseins zu stellen. Der Offenheit für den Sinn des Ewigen entspricht zudem eine positive – wenn auch nicht spannungsfreie und fehlerlose – Öffnung gegenüber der Welt. Der erworbene Wohlstand scheint ihm hingegen die Flügel gestutzt und ihn dazu gebracht zu haben, den Blick zu senken. Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art. Diese Ideale haben Europa, jene „Halbinsel Asiens“, die vom Ural bis zum Atlantik reicht, hervorgebracht.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert. Die Entwicklung ist nicht durch eine Gesamtheit von Produktionstechniken gegeben. Sie betrifft den ganzen Menschen: die Würde durch seine Arbeit, angemessene Lebensbedingungen, die Möglichkeit des Zugangs zu Bildung und der notwendigen medizinischen Versorgung. »Die Entwicklung [ist] gleichbedeutend […] mit Frieden«[19], sagte Paul VI., da es keinen wahren Frieden gibt, wenn Menschen ausgegrenzt oder zu einem Leben im Elend gezwungen werden. Es gibt keinen Frieden, wo Arbeit oder die Aussicht auf einen menschenwürdigen Lohn fehlen. Es gibt keinen Frieden in den Peripherien unserer Städte, in denen Drogen und Gewalt grassieren.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich der Zukunft öffnet; wenn es sich den jungen Menschen öffnet und ihnen ernsthafte Perspektiven zur Bildung sowie reale Möglichkeiten zur Eingliederung in die Arbeitswelt bietet; wenn es in die Familie, die erste und grundlegende Zelle der Gesellschaft, investiert; wenn es das Gewissen und die Ideale seiner Bürger respektiert; wenn es die Möglichkeit garantiert, Kinder zu bekommen, ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können; wenn es das Leben in seiner ganzen Unantastbarkeit schützt.

Verehrte Gäste,

aufgrund der allgemein längeren Lebenserwartung sieht man sechzig Jahre heute als die Zeit der vollen Reife an. Ein entscheidendes Alter, in dem man nochmals gerufen ist, sich zu prüfen. Auch die Europäische Union ist heute gerufen, sich zu prüfen sowie die unvermeidlichen Beschwerden, die mit den Jahren einhergehen, zu behandeln und neue Pfade zu finden, um den eigenen Weg fortzusetzen. Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen aber hat die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. Ihr Erfolg wird vom Willen abhängen, weiter zusammenzuarbeiten, und von der Lust, auf die Zukunft zu setzen. Es ist Ihre Aufgabe als Verantwortungsträger, den Weg zu einem »neuen europäischen Humanismus«[20] auszumachen, der aus Idealen und konkreter Umsetzung besteht. Dies bedeutet, keine Angst davor zu haben, wirksame Entscheidungen zu übernehmen, die auf die realen Probleme der Menschen Antwort geben und der Erprobung durch die Zeit standhalten können.

Meinerseits kann ich nur versichern, dass der Heilige Stuhl und die Kirche ganz Europa nahe ist. An seinem Aufbau hat die Kirche stets mitgewirkt und wird immer mitwirken. Dazu bittet sie für Europa um den Segen des Herrn, damit er es beschütze und ihm Frieden und Fortschritt schenke. Ich mache mir deshalb die Worte zu eigen, die Joseph Bech auf dem Kapitol gesprochen hat: Ceterum censeo Europam esse aedificandam. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Europa es wert ist, aufgebaut zu werden.

Vielen Dank.

 

 

[1] P. H. Spaak, Außenminister Belgiens, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[2] P. H. Spaak, Ansprache, ebd.

[3] A. De Gasperi, La nostra patria Europa. Discorso alla Conferenza Parlamentare Europea, 21 aprile 1954, in: Alcide De Gasperi e la politica internazionale, Cinque Lune, Rom 1990, Vol. III, 437-440.

[4] Vgl. P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[5] J. Luns, Außenminister der Niederlande, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[6] J. Bech, Premierminister Luxemburgs, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[7] K. Adenauer, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[8] C. Pineau, Außenminister Frankreichs, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[9] P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[10] Franziskus, Ansprache an die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps, 9. Januar 2017.

[11] P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[12] A. De Gasperi, La nostra patria Europa, ebd.

[13] Johannes Paul II., Europa-Feier, Santiago de Compostela, 9. November 1982: AAS 75/I (1983), 329.

[14] Vgl. Franziskus, Ansprache an das Europaparlament, Straßburg, 25. November 2014: AAS  106 (2014), 1000.

[15] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 235.

[16] Ebd.

[17] Franziskus, Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46, Nr. 19 (13. Mai 2016), S. 7.

[18] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 239.

[19] Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 26. März 1967, 87: AAS 59 (1967), 299.

[20] Franziskus, Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46, Nr. 19 (13. Mai 2016), S. 8.

 

(rv 24.03.2017 gs)

Franziskus: Europa ist eine Lebenshaltung – brüderlich und gerecht

Waren in Audienz beim Papst: Die Spitzen der EU sowie der 27 Mitgliedstaaten ohne Großbritannien

Die europäische Staatengemeinschaft ist kein Handbuch von zu befolgenden Protokollen, sondern sie verkörpert eine „Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht“: Daran hat Papst Franziskus die 27 europäischen Staats- und Regierungschefs erinnert, die er an diesem Freitagabend in einer feierlichen Zeremonie im Apostolischen Palast im Vatikan empfing. Anlass der Europa-Grundsatzrede des Papstes war der Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren, am 25. März 1957 – der Tag gilt als Geburtsdatum der Europäischen Union.

Europa scharte sich einmal mehr um den lateinamerikanischen Papst. Aus allen EU-Hauptstädten mit Ausnahme Londons, das sich auf seinen EU-Austritt vorbereitet, waren die Staats- und Regierungschef der Union angereist und hörten Franziskus zu. In der prachtvollen Sala Regia im Apostolischen Palast hielt der Papst seine vierte große Europa-Rede. Von Anfang an war es das Anliegen der Gründerväter, in Europa nicht bloß Wohlstand und Fortschritt zu schaffen, sondern es ging „um eine Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht“, zitierte der Papst den damaligen belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak aus dessen Rede zur Unterzeichnung der Römischen Verträge.Das neue Europa, das sich nach den blutigen Jahren des Kriegs zu einer besseren Zukunft aufmachte, war von seinen Gründervätern nicht gedacht als „eine Summe von einzuhalten Regeln“, betonte der Papst. Vielmehr liegt Europa ein besonderes Menschenbild zugrunde, sagte Franziskus durchaus anerkennend: Europa, das sei „ein Leben; eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen und nicht nur als eine Gesamtheit von zu verteidigenden Rechten oder einzufordernden Ansprüchen“. Von Anfang an, sagte der Papst, „war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte.“

Unter ausgiebigem Zitieren der Gründerväter, darunter Konrad Adenauer, legte Franziskus die europäischen Kerngedanken frei, auf denen der Zusammenschluss der Nationen damals aufbaute – und die heute noch Gültigkeit haben müssen, wie der Papst hinzufügte. Beispiel: Solidarität und „die Fähigkeit, sich für die anderen zu öffnen“. Die Gründungsväter wollten ein „geeintes und offenes Europa“, das heutige Bild präsentiere sich anders, so Franziskus unter Verweis auf die zwiespältigen Debatten über Flucht und Migration, die Europa auf eine schwere Probe stellen.

„Dort, wo Generationen sich sehnlichst wünschten, die Symbole einer aufgezwungenen Feindschaft fallen zu sehen, diskutiert man heute, wie man die jetzigen ,Gefahren´ fernhalten kann: angefangen von dem langen Treck von Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg und Armut sind und nur um die Möglichkeit einer Zukunft für sich und die ihnen nahestehenden Personen bitten.“

Dabei ist Europa ein außerordentlich erfolgreiches Friedensprojekt, erinnerte der Papst. Freilich habe sich die Welt in diesen 60 Jahren sehr verändert. In Europa herrsche heute, anders als damals, nicht Hoffnung, sondern die Wahrnehmung von Krise: Wirtschaftskrise, Krise der Familie, Krise der Institutionen, Flüchtlingskrise. Das biete aber auch Chancen, betonte Franziskus: „Unsere Zeit ist eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen“.

Genau die Pfeiler, auf denen die Gründungsväter damals die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichten wollten, seien dazu in der Lage, Europa heute wieder aus der Krise führen, sagte der Papst und nannte: „die Zentralität des Menschen, eine tatkräftige Solidarität, die Offenheit für die Welt, das Verfolgen des Friedens und der Entwicklung, die Offenheit für die Zukunft“.

Wie findet Europa wieder Hoffnung? Ein Fahrplan in fünf Punkten

Wie Europa wieder Hoffnung finden kann, dazu legte der Papst in seiner Rede an die EU-Staaten fünf Punkte vor.

Zunächst: Der Mensch müsse „die Mitte und der Herz“ der europäischen Institutionen sein. Da sei verlorener „Familiengeist“ wiederzufinden, regte der Papst an. Europa sei „eine Familie von Völkern“, und da gebe es wie in jeder Familie „unterschiedliche Sensibilitäten“. Franziskus hielt ein Plädoyer für Einheit in der Verschiedenheit. Nicht alle müssten gleich sein, der zentrale Punkt sei „Harmonie“. „Heute muss die Europäische Union wieder den Sinn dafür entdecken, ,Gemeinschaft´ von Menschen und Völkern zu sein, die sich bewusst ist, dass ,das Ganze mehr [ist] als der Teil, und es […] auch mehr [ist] als ihre einfache Summe´“, und dass sich der Blick weiten müsse, „um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt“, zitierte der Papst aus seiner Ansprache an das Europaparlament in Straßburg sowie aus seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium.

Zweitens finde Europa wieder Hoffnung in der tätlichen Solidarität, „die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus” sei. Der Politik schrieb der Papst eine „Führungsrolle der Ideen“ zu: Sie muss „vermeiden, Emotionen auszunutzen, um Zustimmung zu gewinnen, sondern vielmehr im Geist der Solidarität politische Handlungsweisen erarbeiten, welche die Union in einer harmonischen Entwicklung wachsen lassen“. Hier müssten dann die „Schnelleren“ den „Langsameren“ die Hand reichen, „und wer Mühe hat, sei bestrebt, den an der Spitze zu erreichen“.

Drittens solle Europa sich nicht „in die Angst falscher Sicherheiten“ einschließen, riet der Papst. Stichwort Flüchtlingskrise: Die dürfe man nicht allein als wirtschaftliches oder Sicherheitsproblem angehen, sondern als kulturelle Herausforderung begreifen. Der Wohlstand habe offenbar Europa heute „die Flügel gestutzt“, dabei sei der Reichtum des Kontinents „immer seine geistige Offenheit gewesen“, betonte Franziskus. „Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art.“

Viertens finde Europa wieder Hoffnung, „wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert“. Franziskus nannte als Hindernisse zum sozialen Frieden ein Leben im Elend, ohne Arbeit oder Aussicht auf menschenwürdigen Lohn. Es gebe auch „keinen Frieden in den Peripherien unserer Städte, in denen Drogen und Gewalt grassieren“.

Fünftens gebe es Europa wieder Hoffnung, wenn es auf die Jugend setzt. Europa müsse seinen jungen Menschen Bildung garantieren und ihnen ermöglichen, Familien zu gründen und Kinder zu bekommen, „ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können“.

60 Jahre, das sei heutzutage mit der langen Lebenserwartung „die Zeit der vollen Reife“, sagte der Papst in Anspielung auf seine Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg, bei der er den Kontinent als „Großmutter“, bezeichnet hatte, die „nicht mehr fruchtbar und lebendig“ sei. Diesmal bemühte sich der Papst darum, das Bild ins Positive zu wenden: „Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen hat die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. Ihr Erfolg wird vom Willen abhängen, weiter zusammenzuarbeiten, und von der Lust, auf die Zukunft zu setzen.“ Und der Papst widerholte seine Bitte an die Verantwortungsträger Europas, wie er sie bei seiner Karlspreisrede geäußert hatte: Es gelte, einen „neuen europäischen Humanismus“ zu finden, der aus Idealen und konkreter Umsetzung besteht.

Wer alles da war

Neben den Staats- und Regierungschefs von 27 europäischen Staaten, darunter die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, waren auch die Granden der Europäischen Union als solcher gekommen: Antonio Tajani, der neue Präsident des Europaparlaments, Donald Tusk, soeben im Amt bestätigter Präsident des Europäischen Rates, und Jean-Claude Juncker, Präsident der europäischen Kommission.

Die Staaten, die vor 60 Jahren im Senatorenpalast auf dem römischen Kapitol die Römischen Verträge unterzeichneten, waren die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien sowie die Benelux-Staaten, also Belgien, die Niederlande und Luxemburg. Der Kreis hat sich inzwischen auf 28 minus eins erweitert: Großbritannien tritt aus.

(rv 24.03.2017 gs)

PIUS XII. / RUF AN DIE FRAU: DIE FRAU ALS MUTTER

Die Ehe ist nicht Selbstzweck, sondern von Gott einge­setzt für die Nachkommenschaft. So ist also die Krönung der Ehe für die Frau die Mutterschaft. Zahllos sind die Worte, die der Papst den Frauen darüber zu sagen hat. Er verlangt für dieses Amt eine besonders sorgfältige Vorbe­reitung, wie er es ausdrücklich in seiner großen Ansprache vom 26. Oktober 1941 vor den italienischen Frauen der Katholischen Aktion am Christkönigsfest zum Ausdruck bringt. „Aber es genügt nicht, daß man von einer Pflicht weiß und den Willen hat, sie zu erfüllen; man muß sich auch die Fähigkeit aneignen, sie gut zu erfüllen. Nun seht ihr etwas Seltsames, das auch Pius XI. in seiner En­zyklika (,Divini illius Magistri‘) vom 31. Dezember 1929 (über die christliche Erziehung der Jugend) beklagte: Während es niemand in den Sinn kommen würde, plötz­lich und auf einmal, ohne Lehrzeit und Vorbereitung, Handwerker oder Techniker, Arzt oder Rechtsanwalt zu werden, verheiraten und vereinigen sich alle Tage nicht wenige junge Männer und junge Frauen, ohne auch nur einen Augenblick daran gedacht zu haben, sich auf die schwierigen Pflichten vorzubereiten, die sie bei der Erzie­hung ihrer Kinder erwarten.“ 1

Was der Papst hier in einer Schulung der italienischen Frauen ausführt, ist grundlegend auch für seine späteren

1 A. A. S. vol. 33 (1941) p. 450-458.— „Gerechtigkeit schafft Frie­den.“ Reden und Enzykliken des Heiligen Vaters Papst Pius XII. Herausgegeben von W. Jussen S. J., Hansa Verlag, Hamburg 1947. S. 237 f. (zit. als „Jussen“).

Reden über diesen Pflichtenkreis. Die Ansprache vom Oktober 1941 über die Pflichten der Mutter in der Erziehung der Kinder ist an Bedeutung der späteren großen Rede „Über die Pflichten der Frau im sozialen und politi­schen Leben“ vom Oktober 1945 gleichzustellen; grund­legende Fragen in beiden Hauptberufszweigen der Frauen werden richtunggebend beantwortet. Daß die ersten Reden des Papstes bis 1945 sich an Italienerinnen wen­den, ergibt sich aus der Kriegslage, die es den Frauen anderer Nationen damals noch unmöglich machte, nach Rom zu kommen. Aber der Inhalt seiner Ansprachen ist an alle Frauen gerichtet, auch an diejenigen, die vorerst noch nicht anwesend sein konnten. Da in den Jahren des Nationalsozialismus die Papstreden in Deutschland und einigen anderen Ländern nicht verbreitet werden durften, ist uns eine Reihe der bedeutendsten Ansprachen und Enzykliken aus jener Zeit durch P. Wilhelm Jussen S. J. im Jahre 1946 in Übersetzung vorgelegt worden. In die­ser Ausgabe sind auch zwei Reden an Frauen enthalten: die Osteransprache 1939 an die Internationale Frauen­liga über das Katholische Apostolat und diese Schulungs­rede für Mütter. Den Familienmüttern und Erzieherin­nen, denen er am Christkönigs-Tag Audienz gewährte, sagt er zu Beginn: „Während Wir sonst Unser Wort an alle richten, auch wenn Wir zu den Neuvermählten spre­chen, so betrachten Wir dieses als eine ausgezeichnete Ge­legenheit, um Uns besonders an euch zu wenden, geliebte Töchter, weil Wir in den Familienmüttern — zusammen mit den frommen und erfahrenen Personen, die ihnen helfen — die ersten und vertrautesten Erzieherinnen der Kleinen zum Wachstum in der Frömmigkeit und in der Tugend sehen.“ 2

Die erste Sorge des Papstes, die er ausspricht, gilt dem Ausbau von Einrichtungen, „die wie die ‚Mütter­woche‘ sich wirksam dafür einsetzen, daß in jedem Stande

Jusssen. S. 237.

und gesellschaftlichem Rang Erzieherinnen herangebildet werden, die die Größe ihrer Sendung spüren, die in der Gesinnung und in der Haltung auf der Hut sind gegen­über dem Bösen, fest und voll Sorge gegenüber dem Guten…“

„Ein besonders günstiges Licht verbreitet eure Vereini­gung der Katholischen Aktion durch die Organisation des ,Apostolates der Wiege‘ und der ‚Mater parvulorum‘, durch die ihr Sorge tragt, die jungen Frauen schon vor der Geburt ihrer Kinder und dann während der ersten Kindheit zu bilden und ihnen zu helfen.“ 3 Bei den ge­nannten Organisationen hat der Papst italienische Ver­hältnisse im Auge. In Deutschland hatten wir bereits nach dem ersten Weltkriege Mütterschulen und Mütter­kurse, wie zum Beispiel die des Katholischen Frauenbun­des. Dazu kam die kirchliche Betreuung durch die Katho­lischen Müttervereine. Da diese Einrichtungen in der Zeit des Nationalsozialismus vom Staat abgelöst wurden, ging man nach der Beendigung des Krieges sofort daran, ein neues katholisches Mütterbildungswerk aufzubauen. In Nachmittags- oder Abendkursen werden die jungen Frauen dort alles lernen können, was ihnen für die Pflege und Erziehung der Kleinen an Wissen und Erfahrung noch fehlt.

Daß die Erziehung der Kinder nicht früh genug einsetzen kann, ist die nächste Mahnung des Papstes. „Sorget schon vor der Geburt des Kindes für die Reinheit der Atmosphäre in der Familie, in der seine Augen und seine Seele sich dem Licht und dem Leben öffnen: der Atmosphäre, die alle Schritte seines sittlichen Fortschrittes mit dem Wohlgeruch Christi umgibt. Ihr Mütter liebt, da ihr gefühlvoller seid, auch umso zärtlicher! Ihr wer­det euren Kleinen während der Kindheit in jedem Augen­blick mit eurem wachsamen Blick folgen und über ihr

3 Ebendas. S. 238 f.

Wachstum und die Gesundheit ihres kleinen Körpers wachen müssen … Bedenkt, daß diese Kinder durch die Taufe zu angenommenen Kindern Gottes geworden, die Lieblinge Christi sind, deren Engel immer das Antlitz des himmlischen Vaters schauen. Auch ihr müßt als gute Engel sie hüten, fördern und erziehen und in eurer Sorge und Wachsamkeit immer zum Himmel schauen. Von der Wiege an habt ihr nicht nur die körperliche, sondern auch die seelische Erziehung zu beginnen; denn, wenn ihr sie nicht erzieht, werden sie sich selber erziehen, gut oder schlecht. Denkt daran, daß nicht wenige, auch moralische Züge, die ihr im heranwachsenden, im reifen Menschen seht, tatsächlich ihren Ursprung haben in den Formen und in den Umständen des ersten leiblichen Wachstums der Kindheit; rein organische Gewohnheiten von klein auf an­geeignet, werden später vielleicht eine schwere Störung für das geistige Leben einer Seele werden. Ihr werdet da­her allen Eifer darauf verwenden, daß die euren Kleinen gewidmete Sorge in Übereinstimmung stehe mit den For­derungen einer vollkommenen Gesundheitspflege. So sollt ihr in ihnen für den Augenblick, wo sie zum Gebrauch der Vernunft gelangen, körperliche Fähigkeiten und ge­sunde Organe ohne die Anlage zu verkehrten Neigungen bereiten und festigen. Gerade aus diesem Grunde ist es so sehr zu wünschen, daß, abgesehen vom Fall der Un­möglichkeit, die Mutter selbst das Kind ihres Schoßes nährt. Wer kann die geheimnisvollen Einflüsse ergrün­den, die auf das Wachstum dieses kleinen Wesens die Ernährerin ausübt, von der es in seiner Entwicklung ganz und gar abhängt? Habt ihr nie diese offenen, fragenden, unruhigen Äuglein beobachtet, die über tausend Gegen­stände hingleiten und bald bei diesem, bald bei jenem verweilen, die einer Bewegung oder einer Geste folgen, die schon Freude und den Schmerz, den Zorn und die Starrköpfigkeit und die Anzeichen von kleinen Leiden­schaften offenbaren, die sich in dem menschlichen Herzen einnisten, noch bevor die kleinen Lippen gelernt haben, ein Wort auszusprechen? Wundert euch nicht darüber. Man wird nicht geboren — wie es philosophische Schulen gelehrt haben — mit den Begriffen eines angeborenen Wissens, noch auch mit den Träumen einer schon erlebten Vergangenheit. Der Geist eines Kindes ist ein Blatt, auf das bei der Geburt noch nichts geschrieben ist; seine Augen und die anderen Sinne, die durch sein ganzes Le­ben ihm das Leben der Welt vermitteln, werden darauf die Bilder und die Begriffe der Dinge schreiben, inmitten derer es sich befinden wird, von Stunde zu Stunde, von der Wiege bis zum Grabe. Daher hebt ein unwidersteh­licher Trieb zum Wahren und Guten ,die junge Seele, die nichts weiß und sinnt‘ (Dante, Fegefeuer XVI, 88) über die sinnlich wahrnehmbaren Dinge hinweg. Alle diese Sinnesfähigkeiten, alle diese kindlichen Empfindungen, durch die der Verstand und der Wille sich langsam offen­baren und wach werden, brauchen unbedingt eine wach­same und richtungweisende Erziehung und Unterweisung, damit das normale Erwachen und die richtige Entwicklung so edler geistiger Fähigkeiten nicht gefährdet oder ent­stellt werden. Schon jetzt wird das Kind durch einen liebevollen Blick, durch ein leitendes Wort lernen müs­sen, nicht jedem Eindruck nachzugeben; mit dem Wach­sen seiner erwachenden Vernunft richtig zu unterscheiden, den Wechsel seiner Empfindungen zu beherrschen; kurz, unter der mütterlichen Leitung und Ermahnung den Weg und das Werk seiner Erziehung zu beginnen.

Studiert das Kind im zarten Alter! Nur wenn ihr es gut kennt, werdet ihr es gut erziehen. Ihr werdet seine Natur nicht falsch und schief auffassen; ihr werdet es verstehen können, nicht zur Unzeit nachzugeben. Nicht alle Men­schenkinder haben eine gute Anlage!

Bildet den Verstand eurer Kinder! Gebt ihnen keine fal­schen Begriffe oder Erklärungen der Dinge. Antwortet nicht auf ihre Fragen, wie sie auch sein mögen, mit Scher­zen oder mit unwahren Behauptungen, auf die ihr Geist so leicht eingeht, sondern benutzt sie, um mit Geduld und Liebe ihren Verstand zu leiten und zu stützen, der nichts anderes verlangt, als sich dem Besitz der Wahrheit zu er­öffnen und zu lernen, sie mit den unbefangenen Schritten des ersten Denkens und Überlegens zu erobern. Wer wird je sagen können, was so viele herrliche Menschengeister diesem langen und vertrauensvollen Fragen und Antwor­ten verdanken, die in der Kindheit am häuslichen Herd gewechselt wurden?

Bildet den Charakter eurer Kinder! Schwächt oder verbes­sert die Fehler. Lasset wachsen und pflegt die guten Eigenschaften und richtet sie aus auf die Festigkeit, die der Stärke des Willens im Laufe des Lebens den Weg be­reitet. Wenn die Kleinen, die älter werden, zu der Zeit, wo sie allmählich anfangen zu denken und zu wollen, einen guten, von Heftigkeit und Zorn freien, beständigen und starken, nicht zu Schwächen und Launen geneigten väterlichen und mütterlichen Willen über sich fühlen, werden sie mit der Zeit lernen, darin den Dolmetsch eines höheren Willens zu sehen, nämlich des göttlichen Willens. Auf diese Weise werden sie ihrem Geist jene mächtigen ersten Gewohnheiten einpflanzen und einwurzeln lassen, die einen Charakter bilden und stützen, der bereit ist, sich in den verschiedensten Schwierigkeiten und Widerständen zu beherrschen, fest entschlossen, nicht zurückzuweichen vor dem Kampf oder vor dem Opfer, durchdrungen von einem tiefen christlichen Pflichtbewußtsein.

Bildet das Herz! Welche Schicksale, welche Kämpfe, welche Gefahren bereiten nur zu oft den Herzen der her­anwachsenden Kleinen die glückseligen Bewunderungen und Lobsprüche, die unvorsichtige Besorgtheit, die weich­liche Nachgiebigkeit der Eltern, die von einer unverstän­digen Liebe verblendet sind und diese flatterhaften klei­nen Herzen daran gewöhnen zu sehen, wie sich alles um sie bewegt und dreht, wie sich alles vor ihrem Willen und vor ihren Launen beugt. Gerade dadurch pflanzen sie ihren Herzen die Wurzeln eines zügellosen Egoismus ein, dessen erste Opfer später die Eltern selbst sein werden.

Das ist eine ebenso häufige wie gerechte Strafe jener egoi­stischen Überlegungen, aus denen man einem einzigen Sohn die Freude kleiner Brüder versagt, die mit ihm die mütterliche Liebe teilten und ihm abgewöhnt hätten, nur an sich selbst zu denken. Eine wie tiefe und starke Kraft der Liebe, der Güte und der Hingabe schläft im Herzen der Kinder! Ihr Mütter werdet sie wecken, sie pflegen, sie leiten, sie erheben zu dem, der sie heiligen muß, zu Jesus, zu Maria. Die himmlische Mutter wird dieses Herz der Frömmigkeit öffnen, wird es mit dem Gebet lehren, dem göttlichen Kinderfreund seine reinen Opfer und seine unschuldigen Siege darzubieten, auch eine barm­herzige Hand dem Armen und Elenden zu zeigen. O glück­licher Frühling der Kindheit ohne Stürme und Winde! Es wird aber der Tag kommen, an dem dieses Kinderherz neue Triebe, neue Neigungen in sich erwachen fühlt, die den heiteren Himmel des Kindesalters trüben. In dieser gefährlichen Zeit, ihr Mütter, denkt daran, daß das Herz erziehen auch bedeutet, den Willen erziehen gegenüber den Nachstellungen des Bösen und der Tücke der Leiden­schaften. In diesem Übergang von der unbewußten Rein­heit der Kindheit zur bewußten und siegreichen Reinheit der Jugendzeit wird eure Aufgabe von höchster Bedeu­tung sein. Bei euch steht es, eure Söhne und eure Töchter vorzubereiten, daß sie frei, wie einer, der über Schlangen schreitet, durch diese Zeit der Krisis und der körper­lichen Umbildung hindurchgehen, ohne etwas zu verlie­ren von dem unschuldigen Frohsinn. Ihr sollt jenes natür­liche und einzigartige Schamgefühl hüten, womit die Vorsehung sie wie mit einem Zaun gegenüber den Leiden­schaften, die nur zu leicht auf Abwege führen, umgeben hat. Ihr werdet dafür Sorge tragen, daß dieses Scham­gefühl, der liebliche Bruder des religiösen Gefühls, in seiner unwillkürlichen Ehrfurcht, an die man heutzutage so wenig denkt, in ihnen nicht verletzt werde durch Klei­dung, durch Putz, durch unziemliche Vertraulichkeiten, in unsittlichen Schauspielen und Darstellungen. Ihr werdet es vielmehr immer zarter und wachsamer, reiner und echter gestalten. Ihr werdet mit offenen Augen über ihre Schritte wachen, ihr werdet nicht zulassen, daß die Rein­heit ihrer Seele befleckt und vernichtet wird durch die Gesellschaft mit schon verdorbenen Kameraden und Ver­führern; ihr werdet ihnen Hochachtung und tiefe Liebe zur Reinheit einflößen, indem ihr ihnen als treue Wäch­terin den mütterlichen Schutz der Unbefleckten Jungfrau gebt. Mit eurem Scharfblick als Mutter und Erzieherin und dank der vertrauensvollen Offenherzigkeit, die ihr euren Kindern eingepflanzt habt, werdet ihr nicht verfehlen, die Gelegenheit und den Augenblick zu beachten und zu erkennen, in dem gewisse heimliche Fragen in ihrem Geiste aufgetaucht sind und in ihren Empfindungen be­sondere Störungen hervorgerufen haben. Dann wird es eure Sache sein, für eure Töchter, die des Vaters für eure Söhne — soweit es notwendig erscheint — in vorsichtiger zarter Weise den Schleier der Wahrheit zu lüften und ihnen auf diese Fragen und diese Unruhen kluge, richtige und christliche Antwort zu geben. Wenn sie diese Beleh­rung über die geheimnisvollen und wunderbaren Lebens­gesetze aus eurem Mund, aus dem Mund christlicher Eltern, zur geeigneten Stunde und mit aller notwendigen Vorsicht empfangen, dann werden sie diese mit ehrfürch­tiger Dankbarkeit annehmen, und die Aufklärung wird mit viel weniger Gefahr für ihre Seele verbunden sein, als wenn sie diese auf gut Glück erfahren hätten durch trübe Erlebnisse, durch geheime Unterredungen, durch Belehrung von unzuverlässigen und schon allzu erfahrenen Kameraden, durch geheime Lektüre, die um so gefähr­licher und verderblicher ist, als das Geheimnis die Phan­tasie entzündet und die Sinne erregt. Eure Worte können, wenn sie angemessen und taktvoll sind, eine Schutzwehr und eine Warnung inmitten der Versuchungen einer ver­dorbenen Umwelt sein; denn … ,vorausgeschaut, scheint minder tief ein Pfeil sich einzuwühlen‘. (Dante, Paradies XVII, 27. )

Ihr seht aber auch ein, daß in diesem herrlichen Werk der christlichen Erziehung eurer Söhne und eurer Töchter die häusliche Bildung, so weise und tief sie auch sein mag, nicht genügt, sondern vollendet und vervollkommnet wer­den muß durch die machtvolle Hilfe der Religion. Neben dem Priester, dessen väterliche, geistliche und seelsorg­liche Autorität über eure Kinder vom Taufbrunnen an sich an eure Seite stellt, müßt ihr selbst seine Mitarbeiter sein bei den Anfangsgründen der Frömmigkeit und der kate­chetischen Unterweisung, die das Fundament jeder soliden Erziehung sind und wovon auch ihr als die ersten Lehrer eurer Kinder hinreichende und sichere Kenntnis haben müßt. Wie könnt ihr lehren, was ihr selbst nicht wißt? Lehrt sie Gott, Jesus Christus, die Kirche, unsere Mutter und die Hirten der Kirche, die euch leiten, lieben. Liebet den Katechismus und macht, daß eure Kinder ihn lieben. Er ist das große Buch von der Liebe und der Furcht Got­tes, von der christlichen Weisheit und vom ewigen Leben. Bei eurer vielseitigen Erziehungsarbeit werdet ihr außer­dem das Bedürfnis und die Verpflichtung fühlen, andere als Helfer heranzuziehen. Wählet dafür Christen aus, wie ihr es seid, und zwar mit der ganzen Sorgfalt, die der kostbare Schatz verdient, den ihr ihnen anvertraut: der Glaube, die Reinheit und die Frömmigkeit eurer Kinder. Aber wenn ihr sie auch ausgewählt habt, so haltet euch darum doch nicht selbst für frei und ledig eurer Pflichten und eurer Wachsamkeit, vielmehr müßt ihr mit ihnen zu­sammenarbeiten. Mögen auch jene Lehrer und Lehrerin­nen ganz ausgezeichnete Erzieher sein, sie werden wenig ausrichten in der Erziehung eurer Kinder, wenn ihr nicht mit ihrer Tätigkeit die eure verbindet. Was würde dann eintreten, wenn eure Tätigkeit, statt die ihrige zu unter­stützen und zu stärken, sie geradezu durchkreuzen und ihr entgegenarbeiten würde; wenn eure Schwächen, wenn eure, aus einer Liebe, die in Wirklichkeit ein versteckter, erbärmlicher Egoismus ist, hervorgehenden Maßnahmen zu Hause das zerstören würden, was in der Schule, in der Katechese, in den katholischen Vereinen grundgelegt wurde, um den Charakter eurer Kinder zu zügeln und ihre Frömmigkeit zu fördern?

Vielleicht wird manche Mutter sagen, die Kinder von heute sind so schwer zu leiten, mit meinem Sohn, mit mei­ner Tochter ist nichts anzufangen, kann man nichts errei­chen! — Ja, es ist wahr, mit zwölf oder fünfzehn Jahren sind nicht wenige Knaben und Mädchen schwer zu be­handeln. Aber warum? Weil ihnen mit zwei oder drei Jahren alles gewährt und erlaubt, alles gutgeheißen wurde. Es ist wahr, es gibt undankbare und widerspenstige Tem­peramente; aber hört denn dieser verschlossene, starrköp­fige, gefühllose Kleine infolge dieser Fehler auf, euer Sohn zu sein? Würdet ihr ihn weniger lieben als seine Geschwister, wenn er kränklich oder ein Krüppel wäre? Gott hat auch ihn euch anvertraut; hütet euch, daß ihr ihn nicht zum Stiefkind in der Familie werden laßt! Keiner ist so wild, daß er nicht gesänftigt werden könnte durch Sorge, durch Geduld, durch Liebe. Meist wird es euch gelingen, auf diesem steinigen und mit Unkraut bewach­senen Boden manche Blume des Gehorsams und der Tu­gend ans Wachsen zu bringen, wenn ihr nicht durch par­teiische und unvernünftige Strenge euch der Gefahr aus­setzt, in diesem Kleinen den im Grund der Seele verbor­genen guten Willen zu entmutigen. Ihr würdet die ganze Erziehung eurer Kinder verderben, wenn sie je in euch ­Gott weiß, daß sie ein gutes Auge dafür haben — eine Vorliebe für einzelne Kinder, Bevorzugung oder Abnei­gung gegen das eine oder andere Kind entdeckten. Zu eurem und der Familie Wohl ist es notwendig, daß alle in eurer wohlüberlegten Strenge wie in euren gütigen Er­mahnungen und in euren Liebkosungen eine gleiche Liebe sehen und fühlen, die keinen Unterschied macht zwischen ihnen, außer wenn es sich darum handelt, das Böse zu verbessern und das Gute zu fördern. Habt ihr sie nicht alle in gleicher Weise von Gott empfangen?

An euch, christliche Mütter, war Unser Wort besonders gerichtet, aber zusammen mit euch sehen Wir heute um Uns einen Kranz von Ordensschwestern, von Lehrerinnen, von Beauftragten, von Apostolinnen, von Helferinnen, die der Erziehung und der Fürsorge der Kinder all ihre Mühen und Arbeiten widmen. Sie sind nicht Mütter dem Blute nach, aber durch ihre Liebe zur Jugend, die von Christus und seiner Braut, der Kirche, so sehr geliebt wird. Ja, auch ihr, die ihr als Erzieherinnen an der Seite der christlichen Mütter wirkt, seid Mütter, denn ihr habt ein Mutterherz und in ihm brennt die Flamme der Liebe, die der Heilige Geist in eure Herzen ausgießt. In dieser Liebe, der Liebe Christi, die euch zum Guten drängt, findet ihr euer Licht, euren Trost und eure Lebensaufgabe. Diese bringt euch den Müttern, den Vätern und den Kindern nahe und aus so lebendigen Sprößlingen der menschlichen Gesellschaft, der Hoffnung der Eltern und der Kirche, macht ihr eine große Familie von zwanzig, von hundert, ja von tausend und abertausend Kleinen und Kindern, deren Verstand, Charakter und Herz ihr in höherer Weise erzieht, indem ihr sie in die geistliche und sittliche Atmo­sphäre erhebt, wo mit dem Frohsinn der Unschuld der Glaube an Gott und die Ehrfurcht gegen heilige Dinge, die Liebe zu den Eltern und zum Vaterland leuchten. Mit der Anerkennung für die Mütter verbindet sich Unser Lob und Unser Dank. Erzieherinnen wie sie, eifert ihr ihnen nach und geht ihnen voraus in euren Schulen, in euren Asylen und Heimen, in euren Vereinen, als Schwestern in geistiger Mutterschaft, geschmückt mit einem Lilienkranz.

Welch unvergleichliche Aufgabe ist es, deren Schönheit Wir soeben in einigen Punkten gestreift haben! Eine Aufgabe in unserer Zeit voll von schweren Hindernissen und Gefahren, der ihr euch widmet, christliche Mütter und geliebte Töchter, indem ihr euch so sehr abmüht, die wachsenden Zweige der Ölbäume, welche die Familien sind, zu pflegen. Wie groß ist in Unseren Augen eine Mutter im häuslichen Kreise, von Gott an eine Wiege gesetzt als Ernährerin und als Erzieherin ihrer Kinder! Staunet über ihre mühevolle Tätigkeit, mit der sie den­noch nicht, so könnte man zu glauben versucht sein, ihrer Aufgabe genügen würde, wenn ihr nicht die allmächtige Gnade Gottes zur Seite stünde, um sie zu erleuchten, zu leiten, zu stützen in der täglichen Sorge und Mühe; wenn die Gnade nicht andere Erzieherinnen mit einem Herzen und einem Eifer, der aus gleicher mütterlicher Liebe stammt, anregte und beriefe, mit ihr mitzuwirken an der Bildung dieser jungen Seelen …“ 4

Während es möglich war, nahezu den vollen Wortlaut der Ansprache vom Oktober 1941 im Zusammen­hang zu geben, sollen zur Ergänzung kostbare Worte über die Mutterschaft der Frau aus den Reden an Neuvermählte hinzugefügt werden.

„Und wenn der Herr in seiner Güte der Gattin die Mutterwürde schenkt und sie an der Wiege steht, so wird das Wimmern des neugeborenen Kindes das Glück des Heimes weder schmälern noch stören; es wird im Gegenteil es in jene göttliche Höhe erheben, wo die Engel des Himmels erglänzen und von wo ein Strahl des Lebens herniedersteigt, der die Natur überragt und die Menschen­kinder zu Gottes-Kindern macht. Seht die Heiligkeit des Ehegemachs! Seht die Würde der christlichen Mutter­schaft! . .. Eine Wiege heiligt die Mutter der Familie, und mehr Wiegen heiligen und verklären sie vor dem Manne und den Kindern. Törichte, ihr eigenes Wesen verleugnende und unglückliche Frauen sind jene Mütter, die jammern, wenn ein neues Kind sich an ihre Brust schmiegt und Nahrung verlangt am Quell des Schoßes! Ein Feind des häuslichen Glückes ist das Jammern wegen des Segens Gottes, der es umhegt und stärkt.“ 5

„Je reiner eure Augen sind, ihr jungen Mütter von morgen, desto mehr werdet ihr in den teuren, kleinen

4 vgl. Jussen, a. a. 0. S. 239 – 249.

5 Rede vom 25. Februar 1942 (Z. S. 162 f. — vgl. Eheleben, S. 34 f.).

Wesen, die eurer Sorge anvertraut sind, die Seelen sehen, die mit euch bestimmt sind zur Verherrlichung des einzigen Gegenstandes, der aller Ehre und Herrlichkeit würdig ist. Anstatt wie so viele andere euch in ehrgeizigen Träumen an der Wiege eines Neugeborenen zu verlieren, werdet ihr dann frommen Sinnes euch beugen über das gebrechliche Herz, das zu schlagen beginnt, und werdet ohne über­flüssige Unruhe an die Geheimnisse seiner Zukunft denken, die ihr der zarten Liebe der Jungfrau vom Rosenkranz anvertrauen werdet, die noch mütterlicher und mächtiger ist als eure eigene Liebe.“ 6„Die Frau ist nicht nur die Sonne, sondern auch das Allerheiligste der Familie, wohin die Kleinen sich in ihrem Schmerz flüchten, die, welche die Schritte der Heran­wachsenden lenkt, sie in ihrem Leid stärkt, ihre Zweifel beruhigt, der sie ihre Zukunft anvertrauen. Sie, die Herrin der Sanftmut, ist auch die Herrin des Hauses. Die Achtung, die ihr Familienhäupter ihr entgegenbringt, sollen die Kinder und Angestellten des Hauses merken, spüren und sehen an eurem Blick, an eurem Benehmen, an euren Mie­nen, an euren Lippen, an eurem Wort, an eurem Gruß.“ 7 „Das Mutteramt mit seinen Sorgen, seinen Leiden und seinen Gefahren fordert und verlangt Mut: die Frau muß auf dem Ehrenfeld der ehelichen Pflicht nicht weniger heldenhaft sein und sich zeigen als der Mann auf dem Ehrenfeld der Bürgerpflicht, wo er dem Vaterland das Geschenk seines Lebens macht.“ 8 Für die Erziehung der Kinder ist die Autorität in der Familie äußerst wichtig. Dafür ist die Ansprache vom 24. September 1941 besonders aufklärend und wert­voll. „Die Väter und Mütter in unseren Tagen führen oft Klage darüber, daß es ihnen nicht mehr gelingt, ihre Kinder zum Gehorsam zu bringen. Es seien launische

6 Rede vom 16. Oktober 194o (Z. S. 92 f. — vgl. Ideal, S. tot f.).

7 Rede vom 8. April 1942 (Z. S. 146. — vgl. Eheleben, S. 8z).

8 Rede vom 21. Oktober 1942 (Z. S. 167. — vgl. Eheleben, S. 212).

Kinder, die auf keinen hören, Jungen, die jede Führung ablehnen, Jungmänner und Mädchen, die jeden Rat ver­schmähen, taub sind gegen jede Ermahnung, voll Ver­langen, bei Spielen und Wettkämpfen zu glänzen, die alles nach ihrem eigenen Kopf tun wollen, weil sie meinen, sie verständen wohl allein die Notwendigkeiten des modernen Lebens. Kurz, das neue Geschlecht ist gewöhn­lich (es gibt gewiß so viele schöne und herrliche Ausnahmen!) nicht geneigt, sich vor der Autorität von Vater und Mutter zu beugen.

Und was ist der Grund für diese unbelehrbare Haltung? Gewöhnlich pflegt man dafür anzugeben, daß heute die Kinder wohl oft keinen Sinn mehr haben für Gehorsam, für die Achtung, die sie ihren Eltern und ihrem Wort schuldig sind: in der Atmosphäre starken jugendlichen Selbstbewußtseins, in der sie leben, arbeitet alles darauf hin, daß sie sich frei machen von jeder Abhängigkeit von den Eltern und sie überflüssig machen; alles, was sie in ihrer Umgebung sehen und hören, steigert, begeistert und verhärtet schließlich ihr Wesen und zügelt nicht ihren Hang nach Unabhängigkeit, ihre Verachtung vor der Vergangenheit und ihre Sbrigens nach der Zu­kunft .. . Die reibungslose Ausübung der Autorität hängt nicht nur von denen ab, die gehorchen müssen, sondern auch, und zwar in weitem Maße, von jenen, die zu befehlen haben. Ganz deutlich gesagt: etwas anderes ist das Recht auf den Besitz der Autorität, das Recht, Befehle zu geben, und etwas anderes ist jenes moralische Übergewicht, das die erfolgreiche, tätige und wirksame Autorität begründet und ziert, der es gelingt, bei anderen sich Achtung zu verschaffen und wirklich Gehorsam zu erreichen. Das erste Recht wird von Gott übertragen mit dem Augenblick, der euch zu Vater und Mutter macht. Das zweite Vorrecht muß man erwerben und bewahren; denn es kann verloren­gehen, wie es auch gesteigert werden kann. Nun wird das Recht, euren Kindern zu befehlen, ziemlich wenig bei ihnen erreichen, wenn es nicht begleitet ist von jener Macht und jenem persönlichen Einfluß auf sie, die euch erst den wirklichen Gehorsam sichern. Wie und auf welche kluge Art werdet ihr denn eine solche moralische Macht erobern, erhalten und steigern können?

Gott gewährt einigen die natürliche Gabe zu befehlen, die Gabe, bei anderen ihren Willen durchsetzen zu können. Das ist ein kostbares Geschenk; ob es ganz im Geistigen ruht oder zum Teil in der äußeren Persönlichkeit, in der Haltung, im Wort, im Blick, in der Miene, das ist oft schwer zu sagen, aber es ist gleichzeitig ein Geschenk, das man fürchten muß. Mißbraucht es nicht, wenn ihr es besitzt, bei der Erziehung eurer Kinder, ihr möchtet sonst ihre Seelen in der Furcht einschließen und erhalten und aus ihnen Sklaven und nicht liebenswürdige Kinder machen. Mildert diese Macht durch die Weitherzigkeit der Liebe, die ihrer Liebe entgegenkommt, durch freund­liche, geduldige, eifrige und ermunternde Güte! .. . Denkt daran, ihr Eltern, daß Strenge nur dann zu Recht besteht, wenn das Herz gütig ist! .. .

Die Milde und die Autorität verbinden, heißt siegen und triumphieren in jenem Kampf, zu dem euch eure elterliche Stellung verpflichtet. Übrigens ist für alle jene, die zu gebieten haben, die Grundvoraussetzung einer wohltätigen Herrschaft über den Willen anderer die Herrschaft über sich selbst, über die eigenen Leidenschaften und Sinne . Wenn die Befehle, die ihr euren Kindern gebt, wenn die Vorwürfe, die ihr ihnen macht, aus den Eingebungen des Augenblicks stammen, aus Ausbrüchen der Ungeduld, aus falschen Voraussetzungen oder aus blinden oder schlecht beherrschten Gefühlen, dann kann es meistens nicht anders sein, als daß sie ihnen willkürlich, zusammenhanglos, vielleicht auch ungerecht und unangebracht vorkommen. Heute seid ihr gegen diese armen Kleinen unvernünftig in eurer Forderung, von einer unerbittlichen Strenge, morgen laßt ihr alles durchgehen. Ihr beginnt damit, ihnen eine Kleinigkeit abzuschlagen, die ihr einen Augenblick nachher, müde von ihrem Weinen oder ihrem Trotz, ihnen gewährt, um zu verhüten, daß die Sache dann mit einer Szene endet, die euch auf die Nerven geht. Warum versteht ihr denn nicht, Herr zu sein über die Stimmungen eures Herzens, eure Phantasie zu zügeln, euch selbst zu beherrschen, da ihr doch die Absicht und die Sorge habt, eure Kinder zu regieren? Wenn es euch bisweilen scheint, daß ihr nicht ganz Herr seid über euch selbst, dann verschiebt auf später, auf eine gelegenere Stunde, den Tadel, den ihr anbringen wollt, die Strafe, die ihr glaubt verhängen zu müssen. In der versöhnlichen und ruhigen Festigkeit eures Geistes werden euer Wort und eure Strafe eine ganz andere Wirkung, eine mehr erzieherische und gebieterische Kraft haben als beim Ausbruch einer unbeherrschten Leidenschaft.

Vergeßt nicht, daß die Kinder, auch sehr kleine, ganz Ohr sind im Aufpassen und Beobachten und unverzüglich den Wechsel eurer Stimmung bemerken. Von der Wiege an, kaum daß sie so weit sind, die Mutter von jeder anderen Frau unterscheiden zu können, werden sie schnell merken, welche Gewalt über schwache Eltern ein Eigen­sinn oder ein Tränenausbruch hat, und sie werden sich in ihrer kindlichen Boshaftigkeit nicht scheuen, sie zu miß­brauchen. Hütet euch darum vor allem, was eure Autori­tät bei ihnen mindern könnte! Hütet euch davor, diese Autorität zu zerstören durch die Spielereien ständiger, unausgesetzter Ermahnungen und Zurechtweisungen, die ihnen schließlich lästig fallen; sie werden sie anhören, aber nicht ernst nehmen. Hütet euch davor, eure Kinder zu täuschen oder zu hintergehen mit Gründen oder Erklä­rungen, die auf schwachen Füßen stehen oder unwahr sind und leichthin abgegeben werden, um euch aus der Verlegenheit zu ziehen und lästige Fragen abzuwehren. Wenn es euch nicht gut scheint, ihnen die wirklichen Gründe einer Anordnung oder einer Tatsache auseinander­zusetzen, dann wird es heilsamer sein, euch auf ihr Ver­trauen zu euch, auf ihre Liebe zu euch zu berufen. Fälscht die Wahrheit nicht, allenfalls verschweigt sie ihnen. Ihr ahnt vielleicht gar nicht, welche Verwirrungen und welche Krisen eines Tages in jenen jungen Seelen entstehen, wenn sie merken, daß man ihre natürliche Gutgläubigkeit miß­braucht hat. Hütet euch davor, durchblicken zu lassen, daß ihr nicht eins seid untereinander und verschieden denkt über die Art, eure Kinder erzieherisch zu behandeln: sie würden dann recht bald darauf ausgehen, die Autorität der Mutter gegen die des Vaters oder die des Vaters gegen die der Mutter auszuspielen, und sie würden nur schwer der Versuchung widerstehen, eine solche Uneinigkeit auszunutzen für die Befriedigung all ihrer Einfälle. Hütet euch endlich davor, darauf zu warten, daß eure Kinder heranwachsen, um über sie gut und ruhig, zugleich aber fest und kraftvoll eure Autorität auszuüben, die vor keinem Tränenstrom oder keiner Trotzszene zurückweicht! Schon von klein auf, von der Wiege an, mit dem Auf­dämmern ihrer kindlichen Vernunft, sollen sie liebevolle und zarte, aber auch weise und kluge Hände über sich erfahren und spüren.

Autorität ohne Schwäche sei die eure, aber eine Autorität, die aus der Liebe kommt und ganz von der Liebe durch­drungen und getragen ist. Ihr sollt die ersten Lehrer und die ersten Freunde eurer Kinder sein. Wenn wirklich Vater- und Mutterliebe — das heißt eine in jeder Hinsicht christliche und nicht eine mehr oder weniger selbstsüchtige Liebe — eure Befehle lenken, dann werden eure Kinder davon berührt und ihnen nachkommen aus tiefstem Her­zen, ohne daß es vieler Worte bedarf; denn die Sprache der Liebe ist beredter in schweigendem Tun als im Laut der Lippen. Tausend kleine unmerkliche Zeichen, ein Wechsel im Ton, eine unauffällige Geste, ein flüchtiger Ausdruck im Gesicht, ein Zeichen der Zustimmung offenbaren ihnen besser als alle Beteuerungen, wieviel Liebe hinter einem Verbot steht, das sie betrübt, wieviel Wohlwollen sich verbirgt in einer Ermahnung, die ihnen lästig vorkommt, und so wird das Wort der elterlichen Autorität ihnen nicht wie ein lastendes Gewicht oder wie ein verhaßtes Joch erscheinen, das man möglichst bald abschütteln muß, sondern als die höchste Offenbarung eurer Liebe. Und wird mit der Liebe nicht das Beispiel zusammengehen? Wie sollen die Kleinen, die von Natur aus bereitwillige Nachahmer sind, gehorchen lernen, wenn sie sehen, daß in allem die Mutter tut, was den Anord­nungen des Vaters entgegen ist, ja sogar über ihn sich beklagt; wenn sie innerhalb der häuslichen Wände ständig ehrfurchtlose Kritiken über jede Autorität hören; wenn sie merken, daß ihre Eltern die ersten sind, die das nicht tun, was Gott und die Kirche gebieten? Wenn sie aber einen Vater und eine Mutter vor Augen haben, die in ihrer Art zu sprechen und zu handeln das Beispiel der Achtung vor den rechtmäßigen Obrigkeiten und der ständigen Pflichttreue geben; von einem so erbaulichen Bild werden sie mit größerem Erfolg als von einer ein­studierten Ermahnung lernen, was wahrer christlicher Gehorsam ist und wie sie selbst ihn gegen ihre Eltern betätigen können. Seid überzeugt, … daß das gute Bei­spiel das kostbarste Erbe ist, das ihr euren Kindern schenken und hinterlassen könnt! Es ist der unvergäng­liche Anblick eines Schatzes von Werken und Taten, von Worten und Ratschlägen, von frommen Betätigungen und tugendhaften Schritten, der stets lebendig haften wird in ihrem Gedächtnis als eine der eindrucksvollsten und teuersten Erinnerungen, die eure Person in ihnen lebendig machen wird, in den Stunden des Zweifels und Schwan­kens zwischen Gut und Bös, zwischen Gefahr und Sieg. In trüben Augenblicken, wenn der Himmel sich ver­dunkelt, werdet ihr ihnen wieder in einem Licht erscheinen, das ihren Weg erhellen und leiten wird in Erinnerung an jenen Weg, den ihr schon gegangen seid und der angefüllt ist mit jener Arbeit und Mühe, die das Unterpfand des irdischen und himmlischen Glückes sind. Ist das vielleicht ein Traum? Nein, das Leben, das ihr mit eurer Familie beginnt, ist kein Traum, es ist ein Weg, den ihr geht, umkleidet mit einer Würde und Autorität, die eine Schule und Lehrzeit sein soll für die Nachkommen, die eures Blutes sind.

Möge der himmlische Vater, der euch berufen hat zur Teilnahme an der Größe seiner Vaterschaft und auch seine Autorität euch übertragen hat, euch die Gnade geben, sie in seiner Nachahmung weise und liebevoll auszuüben.“ 9

9 Rede vom 24. September 1941 (Z. S. 228 ff. — vgl. Ideal, S. 201 ff.).

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Quelle: Eigener Scan mit Textaufbereitung aus meinem persönlichen Buch-Exemplar:

Pius XII. – Ruf an die Frau – Aus den Rundschreiben, Ansprachen, Briefen und Konstitutionen des Heiligen Vaters – Zusammengestellt von Dr. Käthe Seibel-Royer. – Mit einem Vorwort von Dr. Josef Schoiswohl, Bischof von Graz-Seckau – Verlag Styria, Erste Auflage 1955