Gänswein: „Emeritierter Papst ist instrumentalisiert worden“

Um Klarstellung bemüht: Erzbischof Gänswein, hier mit Papst Franziskus

Erzbischof Georg Gänswein hat Spekulationen zurückgewiesen, Benedikt XVI. habe Papst Franziskus in seinem Grußwort zum Begräbnis von Kardinal Meisner kritisieren wollen. „Der emeritierte Papst ist willkürlich instrumentalisiert worden, mit diesem Satz, der auf nichts Konkretes anspielt“, sagte der Privatsekretär von Benedikt XVI. der italienischen Tageszeitung „Il Giornale“ vom Dienstag. Zudem verwies er darauf, dass Benedikt XVI. die Botschaft auf Wunsch von Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki verfasst habe.

Benedikt XVI. hatte in seiner Botschaft geschrieben, Meisner habe in seiner letzten Lebensphase immer mehr aus der tiefen Gewissheit gelebt, „dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist“. Dies war von einigen Kommentatoren als Kritik an Papst Franziskus gedeutet worden. Denn wenn Benedikt XVI. das Bild vom gefährdeten Boot, das er bereits 2005 gebraucht hatte, erneut vor großem Publikum aufgreife, liege die Vermutung nahe, dass er die Lage der Kirche 2017 nicht für stabiler hält als unter seiner Führung.

Gänswein hatte die Botschaft Benedikts am Samstag in Köln verlesen. Benedikt XVI. habe über die Situation der Kirche von heute und in der Vergangenheit gesprochen und sie mit einem Boot verglichen, das nicht in stillen Gewässern fährt, sagte Gänswein weiter: „Das sagt auch Franziskus.“

(kap 18.07.2017 pr)

Alle Formen des Rassismus überwinden

Twitter / Pixabay CC0 – Mizter_x94, Public Domain

Papst-Tweet am Dienstag, dem 18. Juli 2017

„Es gilt, alle Formen des Rassismus, der Intoleranz und der Instrumentalisierung der menschlichen Person zu überwinden.“ So lautet die von Papst Franziskus am gestrigen Dienstag, dem 18. Juli 2017, auf seinem Account @Pontifex_de veröffentlichte Kurzbotschaft oder Tweet.

Gestern beging die Welt den im Jahr 2009 von den Vereinten Nationen eingeführten und 2010 erstmals gefeierten „Nelson Mandela International Day“ oder kurz „Mandela Day“, d.h. „Mandela-Tag“.

Obwohl die Zahl der Papst-Tweets im Monat Juli leicht zurückgegangen ist, bleibt Franziskus aktiv und aktuell.

Am Samstag, dem 8. Juli, dem vierten Jahrestag seines Besuchs auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa, veröffentlichte er folgendes Tweet: „Die Migranten sind unsere Brüder und Schwestern, die ein besseres Leben suchen fern von Armut, Hunger und Krieg“.

Am Sonntag, dem 9. Juli, „Sea Sunday“, vertraute er die Seeleute der Gottesmutter an. „Ich empfehle die Seeleute, Fischer und alle, die in Schwierigkeiten und fern der Heimat sind, dem mütterlichen Schutz Mariens an“, so lautete das Tweet.

Und am jüngsten Sonntag, dem 16. Juli, war das Papst-Tweet der Muttergottes vom Berge Karmel gewidmet: „Lassen wir uns von der Jungfrau Maria zu dem heiligen Berg führen, der Christus ist und wo sich Gott und der Mensch treffen“. (pdm)

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Quelle

Papst em. Benedikt XVI. – Gedenkwort für Kardinal Meisner

Erzbischof Gänswein trägt das Grußwort Benedikts XVI. vor

 

Benedikt: „Es hat mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens … immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.“

Köln-Vatikanstadt (kath.net) kath.net dokumentiert das Grußwort von Papst em. Benedikt XVI. beim Requiem für Joachim Kardinal Meisner im Hohen Dom zu Köln, vorgetragen von Erzbischof Georg Gänswein, in voller Länge:

In dieser Stunde, in der die Kirche von Köln und gläubige Menschen weit darüber hinaus Abschied nehmen von Kardinal Joachim Meisner, bin auch ich in meinem Herzen und meinen Gedanken bei Ihnen und folge deshalb gern dem Wunsch von Kardinal Woelki, ein Wort des Gedenkens an Sie zu richten. Als ich vergangenen Mittwoch durch ein Telefonat den Tod von Kardinal Meisner erfuhr, wollte ich es zunächst nicht glauben. Am Tag zuvor hatten wir noch über das Telefon miteinander gesprochen. Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür, dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Teofilius Matulionis in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu der Kirche in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass der letzte Besuch in seinem Leben einem der Bekenner des Glaubens in jenen Ländern gegolten hat.

Was mich in den letzten Gesprächen mit dem heimgegangenen Kardinal besonders beeindruckt hat, das war die gelöste Heiterkeit, die innere Freude und die Zuversicht, zu der er gefunden hatte. Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und dies gerade in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.

Aber umso mehr hat es mich bewegt, dass er in dieser letzten Periode seines Lebens loszulassen gelernt hat und immer mehr aus der tiefen Gewissheit lebte, dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist.

Zwei Dinge haben ihn in der letzten Zeit immer mehr froh und gewiss werden lassen:
Zum einen hat er mir immer wieder berichtet, wie es ihn mit tiefer Freude erfüllt, im Bußsakrament zu erleben, wie gerade junge Menschen, vor allem auch junge Männer, die Gnade der Vergebung erleben, das Geschenk, wirklich das Leben gefunden zu haben, das ihnen nur Gott geben kann.

Das andere, das ihn immer wieder neu berührt und freudig gestimmt hat, war das leise Wachsen der eucharistischen Anbetung. Beim Weltjugendtag in Köln war ihm dies ein zentraler Punkt: Dass es die Anbetung gebe, eine Stille, in der nur der Herr zu den Menschen und zu den Herzen spricht. Manche Experten der Pastoral und der Liturgie waren der Meinung, dass sich eine solche Stille im Hinschauen auf den Herrn bei einer so riesigen Anzahl von Menschen nicht erreichen lasse. Einige waren wohl auch der Meinung, eucharistische Anbetung sei als solche überholt, da ja der Herr im eucharistischen Brot empfangen und nicht angeschaut werden wolle. Aber dass man dieses Brot nicht essen kann wie irgendwelche Nahrungsmittel und dass den Herrn im eucharistischen Sakrament zu empfangen alle Dimensionen unserer Existenz einfordert, dass Empfangen Anbeten sein muss, ist inzwischen doch wieder sehr deutlich geworden. So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.

Als an seinem letzten Morgen Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben, im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm. So dürfen wir seine Seele getrost der Güte Gottes anempfehlen.

Herr, wir danken dir für das Zeugnis deines Dieners Joachim. Lass ihn nun Fürbitter für die Kirche in Köln und auf dem ganzen Erdenrund sein.

Requiescat in pace!

Benedikt XVI., Papa emeritus

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D: Requiem für Kardinal Meisner – Beisetzung im Dom

Meisners Sarg wird seine Mitra vorangetragen

Mit einem einfühlsamen Brief hat sich der emeritierte Papst Benedikt XVI. von seinem langjährigen Weggefährten Kardinal Joachim Meisner verabschiedet. Benedikts Privatsekretär und Präfekt des Päpstlichen Hauses, Erzbischof Georg Gänswein, verlas an diesem Samstag das Schreiben des emeritierten Papstes beim Pontifikalrequiem für den verstorbenen Alterzbischof von Köln. Dabei konnte Erzbischof Gänswein seine Rührung nicht unterdrücken.

Ein „leidenschaftlicher Hirte und Seelorger“

Er habe die Todesnachricht, die er telefonisch erhalten habe, zunächst nicht glauben wollen, so die Worte Benedikts XVI. Noch am Tag zuvor hätten sie miteinander gesprochen. „Aus seiner Stimme klang die Dankbarkeit dafür“, zitierte Gänswein aus dem Schreiben Benedikts, „dass er nun im Urlaub angelangt war, nachdem er am Sonntag zuvor noch an der Seligsprechung von Bischof Theophilius in Vilnius teilgenommen hatte. Die Liebe zu den Kirchen in Nachbarländern im Osten, die unter der kommunistischen Verfolgung gelitten hatten, wie die Dankbarkeit für das Standhalten in den Leiden jener Zeit hat ihn zeitlebens geprägt. Und so ist es wohl doch kein Zufall, dass sein letzter Besuch einem Bekenner des Glaubens in einem jener Länder gegolten hat.“

Die gelöste Heiterkeit, innere Freude und die Zuversicht, zu der der heimgegangene Kardinal zuletzt gefunden habe, hätten ihn besonders beeindruckt, so Benedikt XVI. „Wir wissen, dass es ihm, dem leidenschaftlichen Hirten und Seelsorger, schwerfiel, sein Amt zu lassen, und das in einer Zeit, in der die Kirche besonders dringend überzeugender Hirten bedarf, die der Diktatur des Zeitgeistes widerstehen und ganz entschieden aus dem Glauben leben und denken.“ Tiefe Freude habe dem Geistlichen die wachsende Bereitschaft auch junger Leute zu eucharistischer Anbetung und die Art, wie sie die Gnade des Beichtsakraments erlebten, bereitet. Die Anbetung sei auch 2005 beim Weltjugendtag in Köln – auch „gegen die Meinung so mancher Experten“ aus Pastoral und Theologie – ein zentrales Anliegen Meisners gewesen, betonte der emeritierte Papst. „So ist die Weile der eucharistischen Anbetung beim Kölner Weltjugendtag zu einem inneren Ereignis geworden, das nicht nur dem Kardinal unvergesslich blieb. Dieser Augenblick war ihm seither immer inwendig gegenwärtig und ein großes Licht für ihn selbst.“

„Als an seinem letzten Morgen“, las Erzbischof Gänswein sichtlich bewegt weiter, „Kardinal Meisner nicht zur Messe erschien, wurde er in seinem Zimmer tot aufgefunden. Das Brevier war seinen Händen entglitten. Er war betend gestorben. Im Blick auf den Herrn, im Gespräch mit dem Herrn. Die Art des Sterbens, die ihm geschenkt wurde, zeigt noch einmal auf, wie er gelebt hat: Im Blick auf den Herrn und im Gespräch mit ihm.“

„Unerschrockener Einsatz“  für den Glauben

Papst Franziskus wiederum hat den „unerschrockenen Einsatz“ des verstorbenen Kardinals für Kirche und Glauben gewürdigt. Im Rahmen der Exequien im Kölner Dom verlas der Apostolische Nuntius in Deutschland, Nikola Eterovic, ein entsprechendes Schreiben des Papstes. Darin würdigte Franziskus auch die Anstrengungen, mit denen der Kardinal gleichermaßen für Ost und West gewirkt habe.

Streitbar und kompromisslos

Mit Kardinal Meisner ist nur zwei Wochen nach Altbundeskanzler Kohl ein weiterer großer Deutscher und Europäer zu Grabe getragen worden. Nicht alle waren mit seiner oft kompromisslos anmutenden Haltung einverstanden – doch gerade sein aufrechtes Einstehen für Glaubenswahrheiten rang so manchem seiner Gegner doch großen Respekt ab. Dem wortgewaltigen Kardinal war es egal, wenn er deswegen aneckte; und das bewies der frühere Bischof des geteilten Berlins und Erzbischof von Köln bis zum Schluss, als er als einer von vier Kardinälen einen Zweifel-Brief an Papst Franziskus schickte.

Ein bewegtes Leben zwischen Ost und West

Am 25. Dezember 1933 wurde der spätere Erzbischof und Kardinal in Breslau als zweiter von vier Brüdern in die Familie eines Einzelhändlers geboren, dieser kam im Krieg um. Im Jahr 1945 gelingt der verbliebenen Familie die Flucht nach Thüringen. In Erfurt wird Meisner im Jahr 1962 zum Priester geweiht, ein gutes Jahrzehnt später erhält er am 17. Mai 1975 ebendort seine Bischofsweihe und ist als Weihbischof von Erfurt/Meinigen tätig. In diese Zeit fällt eine Episode, die Meisner sein Leben lang vor allem in den ehemaligen Ostblockstaaten hoch angerechnet wurde: In konspirativer und mutiger Aktion weihte er in seinem von der Stasi observierten Haus tschechoslowakische Geheimbischöfe. Papst Johannes Paul II. vertraut ihm ab dem 17. Mai 1980 das Bistum Berlin an, am 5. Januar 1983 erhebt er ihn zum Kardinal. Im Februar 1989, nur kurz vor dem Fall der Mauer, vertraut der Papst ihm mit dem Erzbistum Köln einen der wichtigsten Bischofssitze Europas an. Dort wird Kardinal Meisner bis zur Annahme seines Rücktrittsgesuches gut 2 Monate nach Erreichen seines 80. Geburtstages tätig sein. Am 5. Juli 2017 ereilt ihn während eines Urlaubes in Bad Füssing der Tod.

Prägende Persönlichkeit

Wie stark Kardinal Meisner den deutschen Katholizismus, aber auch den gesellschaftlichen und europäischen Diskurs geprägt hat, lässt sich an der illustren Gästeliste zu seiner Beerdigung ablesen. Aus Rom sind Kardinal Gerhard Ludwig Müller und Erzbischof Georg Gänswein angereist. Aus Prag kam Kardinal Dominik Duka, aus Meisners ehemaligen Bistum Berlin kam Erzbischof Heiner Koch. Ebenso anwesend waren der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof em. Robert Zollitsch von Freiburg, sowie der Münchner Alterzbischof Kardinal Wetter. Die Politik war unter anderen vertreten durch Nordrhein-Westfalens neu gewählten CDU-Ministerpräsidenten Armin Laschet.

„Delikate Mission in Berlin“

Meisners Nachfolger im Erzbistum Köln, Kardinal Woelki, leitete die Exequien. Konzelebranten waren der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sowie der Apostolische Nuntius Erzbischof Nikola Eterovic. Die Predigt hielt der langjährige Freund Meisners, Kardinal Peter Erdö aus Esztergom-Budapest und Primas von Ungarn. In seiner Ansprache erinnerte er sich an seine erste Begegnung mit Meisner, der damals noch in Erfurt tätig war. „Später hörte ich, dass er zum Bischof von Berlin ernannt worden war. Eine Aufgabe, die in der damaligen Zeit ganz außerordentlich war. Eine Diözese, die in Ost- und Westberlin gleichzeitig zuständig war, ein Bischof, der seinen pastoralen Dienst sogar in beiden Teilen der Stadt ausüben durfte. Es war eine ganz heikle Position, die viel Verständnis und Diplomatie von ihm verlangte. Bischof Meisner wurde dann in Kürze Kardinal und Vorsitzender der Berliner Bischofskonferenz. In dieser verantwortungsvollen Position hat er einen kaum zu überschätzenden Beitrag zur deutschen Wiedervereinigung geleistet.“

Auch Erdö würdigte Meisners unermüdlichen Einsatz für den Glauben und die Weltkirche, insbesondere im Ostteil Europas. Immer hätten ihm vor allem die Armen und Bedürftigen am Herzen gelegen, so Kardinal Erdö. „Sein christliches und soziales Zeugnis hat sich weit über die Grenzen der Erzdiözese Köln ausgewirkt. Seine pastorale Einstellung wurde durch Unmittelbarkeit, Offenheit für Kinder und Jugendliche, Arme und Fremde charakterisiert. Sein soziales Engagement für die Armen und Bedürftigen hat ihn sein ganzes Leben lang begleitet. Er hat aber auch die christliche Lehre und die Wahrheit leidenschaftlich gesucht und geliebt. Er hat viel Freude am Glauben und an der pastoralen Arbeit gefunden. In dieser Hinsicht kann man sogar sagen, dass er mit Papst Franziskus kongenial war.“

Bestattung in der Bischofsgruft

Die musikalische Begleitung des Pontifikalrequiems oblag den Kölner Dommusikern. Nach dem Gottesdienst im Kölner Dom wurde Meisners Sarg in die Bischofsgruft verbracht. Dort wird er seine letzte Ruhestätte unter zehn seiner hier beigesetzten Vorgängern finden, unter ihnen auch der beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Erscheinung getretene und weit über Köln hinaus bekannte Kardinal Josef Frings (1887-1978). Damit sind in der Gruft noch fünf Grabstätten unbesetzt.

(rv/dr/erzbistum köln 15.07.2017 cs)

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Quelle

DER HEILIGE JOHANES-PAUL II.: DIE SÜNDE GEGEN DEN HEILIGEN GEIST

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Auszug aus der Enzyklika
„DOMINUM ET VIVIFICANTEM“
über den Heiligen Geist im Leben der Kirche und der Welt:

6. Die Sünde gegen den Heiligen Geist

46. Auf dem Hintergrund dessen, was wir bisher ausgeführt haben, werden einige beeindruckende und bestürzende Worte Jesu verständlicher. Wir könnten sie als Worte der »Nicht-Vergebung« bezeichnen. Sie sind uns von den Synoptikern überliefert und beziehen sich auf eine besondere Sünde, die »Lästerung wider den Heiligen Geist« genannt wird. Hier die Texte in ihrer dreifachen Fassung:

Matthäus: »Jede Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben werden, aber die Lästerung gegen den Geist wird nicht vergeben. Auch dem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden, wer aber etwas gegen den Heiligen Geist sagt, dem wird nicht vergeben, weder in dieser noch in der zukünftigen Welt«180.

Markus: »Alle Vergehen und Lästerungen werden dem Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften«181.

Lukas: »Jedem, der etwas gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben«182.

Warum ist die Lästerung gegen den Heiligen Geist nicht zu vergeben? Was ist unter dieser Lästerung zu verstehen? Der heilige Thomas von Aquin antwortet, daß es sich hier um eine Sünde handelt, »die ihrer Natur nach unvergebbar ist, weil sie jene Elemente ausschließt, derentwegen die Vergebung der Sünden geschieht«183.

Nach dieser Deutung besteht die Lästerung nicht eigentlich in verletzenden Worten gegen den Heiligen Geist, sondern in der Weigerung, das Heil anzunehmen, welches Gott dem Menschen durch den Heiligen Geist anbietet, der in der Kraft des Kreuzesopfers wirkt. Wenn der Mensch jenes »Offenlegen der Sünde«, das vom Heiligen Geist ausgeht und heilswirksamen Charakter hat, zurückweist, weist er damit zugleich das »Kommen« des Trösters zurück, jenes »Kommen«, das sich im Ostergeheimnis vollzieht, in der Einheit mit der erlösenden Kraft des Blutes Christi, das »unser Gewissen von toten Werken reinigt«.

Wir wissen, daß die Frucht einer solchen Reinigung die Vergebung der Sünden ist. Wer den Geist und das Blut zurückweist, verbleibt deshalb in »toten Werken«, in der Sünde. Die Lästerung gegen den Heiligen Geist besteht gerade in der radikalen Verweigerung der Annahme jener Vergebung, deren innerster Vermittler er ist und die eine echte Bekehrung voraussetzt, die von ihm im Gewissen gewirkt wird. Wenn Jesus sagt, daß die Lästerung gegen den Heiligen Geist weder in diesem noch im zukünftigen Leben vergeben wird, dann liegt der Grund darin, daß diese »Nicht-Vergebung« ursächlich mit der Unbußfertigkeit verbunden ist, das heißt mit der radikalen Weigerung, sich zu bekehren. Dies bedeutet eine Weigerung, sich den Quellen der Erlösung zu nähern, die jedoch in der Heilsordnung, in der sich die Sendung des Heiligen Geistes vollzieht, »immer« geöffnet bleiben. Der Tröster-Geist hat die unbegrenzte Macht, aus diesen Quellen zu schöpfen: »Er wird von dem, was mein ist, nehmen«, hat Jesus gesagt. Auf diese Weise vollendet er in den Seelen der Menschen die von Christus gewirkte Erlösung, indem er deren Früchte austeilt. Nun ist aber die Lästerung gegen den Heiligen Geist die Sünde jenes Menschen, der sich auf sein vermeintliches »Recht« zum Verharren im Bösen – in jeglicher Sünde – beruft und dadurch die Erlösung verwirft. Ein solcher Mensch bleibt in der Sünde gefangen, indem er von seiner Seite her seine Bekehrung und damit die Sündenvergebung unmöglich macht, die er als unwesentlich und unbedeutsam für sein Leben erachtet. Dies ist eine Situation des geistlichen Ruins; denn die Lästerung gegen den Heiligen Geist erlaubt es dem Menschen nicht, sich aus seiner selbstverhängten Gefangenschaft zu befreien und sich den göttlichen Quellen der Reinigung der Gewissen und der Verzeihung der Sünden zu öffnen.

47. Das Wirken des Heiligen Geistes, das auf das heilbringende »Offenlegen der Sünde« gerichtet ist, trifft im Menschen, der sich in einer solchen Situation befindet, auf einen inneren Widerstand, gleichsam auf eine undurchdringliche Wand seines Gewissens, auf eine seelische Verfassung, die sich sozusagen aufgrund einer freien Wahl verfestigt hat: Die Heilige Schrift nennt das gewöhnlich »Verhärtung des Herzens«184. In unserer Zeit entspricht dieser Verfassung des Geistes und des Herzens in etwa der Verlust des Gespürs für die Sünde, dem das Apostolische Schreiben über »Versöhnung und Buße« viele Seiten widmet185. Schon Papst Pius XII. hat gesagt, daß »die Sünde des Jahrhunderts der Verlust des Gespürs für die Sünde ist«186; dieser Verlust aber geht einher mit dem »Verlust des Gespürs für Gott«. Im erwähnten Schreiben lesen wir: »Gott ist tatsächlich der Ursprung und das höchste Ziel des Menschen, und dieser trägt in sich einen göttlichen Keim. Deshalb ist es die Wirklichkeit Gottes, die das Geheimnis des Menschen enthüllt und beleuchtet. Es ist also vergeblich, zu hoffen, daß ein Sündenbewußtsein gegenüber den Menschen und den menschlichen Werten Bestand haben könnte, wenn das Gespür für die gegen Gott begangene Beleidigung, das heißt das wahre Sündenbewußtsein, fehlt«187.

Darum erbittet die Kirche beständig von Gott die Gnade, daß der Mensch das rechte Gewissen nicht verliere und sich sein gesundes Gespür für das Gute und Böse nicht abstumpfe. Beides, Gewissenhaftigkeit und Empfindsamkeit, sind zutiefst mit dem inneren Wirken des Geistes der Wahrheit verbunden. Von daher erhalten die Mahnungen des Apostels eine besondere Bedeutung: »Löscht den Geist nicht aus«; »beleidigt nicht den Heiligen Geist«188. Vor allem aber hört die Kirche nicht auf, mit größtem Eifer dafür zu beten, daß jene Sünde, die das Evangelium »Lästerung gegen den Heiligen Geist« nennt, in der Welt nicht zunehme, sondern vielmehr in den Seelen der Menschen – und folglich in den Lebensräumen selbst und in den verschiedenen Bereichen der menschlichen Gesellschaft – zurückgehe und sich stattdessen die Gewissen öffnen, was für das heilbringende Wirken des Heiligen Geistes unerläßlich ist. Die Kirche bittet darum, daß die gefährliche Sünde gegen den Geist einer heiligen Bereitschaft weiche, seine Sendung als Beistand anzunehmen, wenn er kommt, um »die Welt zu überführen (und aufzudecken), was Sünde, Gerechtigkeit und Gericht ist«.

48. Jesus hat in seiner Abschiedsrede diese drei Teilbereiche des »Überführens« in der Sendung des Beistandes zusammengefaßt: die Sünde, die Gerechtigkeit und das Gericht. Diese bezeichnen den Raum jenes Geheimnisses des Glaubens, das sich in der Geschichte des Menschen der Sünde, dem Geheimnis der Bosheit, entgegenstellt189. Nach einem Wort des heiligen Augustinus geht es hier auf der einen Seite um die »Selbstliebe bis zur Verachtung Gottes« und auf der anderen Seite um die »Liebe Gottes bis zur Verachtung seiner selbst«190. Beständig betet und bemüht sich die Kirche in ihrem Dienst darum, daß die Geschichte des Gewissens und der Gesellschaft in der großen Menschheitsfamilie nicht zum Pol der Sünde abgleitet, mit der Verwerfung der göttlichen Gebote »bis zur Verachtung Gottes«, sondern sich vielmehr zu jener Liebe erhebt, in der sich der Geist offenbart, »der lebendig macht«. Wer sich vom Heiligen Geist »der Sünde überführen« läßt, läßt sich auch »die Gerechtigkeit« und »das Gericht« offenlegen. Der Geist der Wahrheit, der den Menschen und ihrem Gewissen hilft, die Wahrheit der Sünde zu erkennen, läßt sie zugleich die Wahrheit jener Gerechtigkeit erkennen, die mit Jesus Christus in die Geschichte des Menschen eingetreten ist. Auf diese Weise werden diejenigen, die, »der Sünde überführt«, sich durch das Wirken des Trösters bekehren gewissermaßen aus dem Bereich des »Gerichts« herausgeführt, jenes »Gerichts«, durch welches »der Herrscher dieser Welt bereits gerichtet ist«191. Die Bekehrung bedeutet in der Tiefe ihres göttlich-menschlichen Geheimnisses das Zerreißen jeglicher Fessel, durch welche die Sünde den Menschen an das gesamte Geheimnis der Bosheit bindet.

Wer sich bekehrt, wird also vom Heiligen Geist aus dem Bereich des »Gerichts« befreit und zu jener Gerechtigkeit geführt, die in Jesus Christus gegeben ist und die er besitzt, weil er sie »vom Vater empfängt«192 als Abglanz der dreifaltigen Heiligkeit. Dies ist die Gerechtigkeit des Evangeliums und der Erlösung, die Gerechtigkeit der Bergpredigt und des Kreuzes, welche die Reinigung des Gewissens bewirkt durch das Blut des Lammes. Es ist die Gerechtigkeit, die der Vater dem Sohn und allen zuteil werden läßt, die mit ihm in Wahrheit und Liebe verbunden sind. In dieser Gerechtigkeit offenbart sich der Heilige Geist, der Geist des Vaters und des Sohnes, welcher »die Welt der Sünde überführt«, und wird im Menschen gegenwärtig als Geist ewigen Lebens.

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180 Mt 12, 31 f.

181 Mk 3, 28 f.

182 Lk 12, 10.

183 THOMAS VON AQUIN, Summa Theol. II (a)-II (ae), q. 14, a. 3; Vgl. AUGUSTINUS, »Epist.« 185, 11, 48-49: PL 814 f.; BONAVENTURA, »Comment. in Evang.« »S. Luc.« Kap. XIV, 15-16: Ad Claras Aquas, VII, S. 314 f.

184 Vgl. PS 81, 13; Jer 7, 24; Mk 3, 5.

185 JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben im Anschluß an die Bischofssynode »Reconciliatio et paenitentia« (2. Dezember 1984), 18: AAS 77 (1985) 224-228.

186 Pius XII., Radiobotschaft an den Nationalen Katechetischen Kongreß der Vereinigten Staaten von Amerika in Boston (26. Oktober 1946): »Discorsi e Radiomessaggi«, VIII (1946) 288.

187 JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben im Anschluß an die Bischofssynode » Reconciliatio et paenitentia« (2. Dezember 1984), 18: AAS 77 (1985), 255 f.

188 1 Thess 5, 19; Eph 4, 30.

189 JOHANNES PAUL II., Apostolisches Schreiben im Anschluß an die Bischofssynode »Reconciliatio et paenitentia« (2. Dezember 1984), 14-22: AAS 77 (1985) 211-233.

190 Vgl. AUGUSTINUS, »De Civitate Dei«, XIV, 28: CCL 48, 451.

191 Vgl. Joh 16, 11.

192 Vgl. Joh 16, 15.

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Quelle

Benedikt XVI. und das Konzil

Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, 1996 vor dem Petersdom im Vatikan.

Modernist oder beinharter „Konservativer”?

Sichtbar geworden ist:

Die Fruchtlosigkeit einer Entgegensetzung.

Von Armin Schwibach

Am 11. Oktober 2012 hat das Jahr des Glaubens mit einer feierlichen heiligen Messe auf dem Petersplatz begonnen. Papst Benedikt XVI. hat dieses besondere Jahr zur Vertiefung und Gründung des Glaubens in den Rahmen des fünfzigsten Jahrestages des II. Vatikanischen Konzils gestellt. Auf das Datum des 11. Oktobers 2012 fiel auch das zwanzigjährige Jubiläum der Veröffentlichung des Katechismus der Katholischen Kirche. Dabei handelt es sich um einen Text, den Papst Johannes Paul II. mit dem Ziel promulgierte, allen Gläubigen die Kraft und die Schönheit des Glaubens vor Augen zu führen. Zu jenem Anlass hatte der Papst erklärt: „Als vollständige und umfassende Darstellung der katholischen Wahrheit, der ‚doctrina tam de fide quam de moribus’, die immer und für alle gültig ist, ermöglicht es der Katechismus durch seine wesentlichen und grundlegenden Inhalte, all das, was die Kirche glaubt, feiert, lebt und betet, auf positive und sachliche Art und Weise zu erkennen und zu vertiefen. Durch die unverfälschte und systematische Darlegung der katholischen Lehre führt der Katechismus, trotz seines zusammenfassenden Charakters (‚non omnia sed totum’), jeden der Inhalte der Katechese zu seinem vitalen Mittelpunkt zurück, nämlich zu Christus, dem Herrn.

Der breite Raum, der darin der Bibel, der westlichen und östlichen Kirchentradition, den heiligen Vätern, dem Lehramt und der Hagiographie gegeben wird; die gesicherte Zentralität des reichen Gehalts des christlichen Glaubens; die enge Verbindung der vier Teile, aus denen das Textgerüst besteht und die das enge Verhältnis zwischen ‚lex credendi, lex celebrandi, lex agendi, lex operandi’ herausstellen: Das sind nur einige der Vorzüge dieses Werks, das uns aufs neue ermöglicht, über die Schönheit und den Reichtum der Botschaft Christi zu staunen“. Der Katechismus ist eine authentische Frucht des Konzils, eine sichtbare Frucht, die weit über die Beschwörung eines Konzilsgeistes hinausgeht, erstellt unter der direkten Verantwortung des damaligen Präfekten des Kongregation für die Glaubenslehre sowie einstigen Beraters von Kardinal Frings und späteren „peritus“ während der größten Versammlung der Kirchengeschichte: Joseph Ratzinger.

Jenseits aller negativen oder auch triumphalistisch angelegten Konzilsrhetorik bildet für Benedikt XVI. das II. Vatikanische Konzil mit den Worten seines Vorgängers einen „sicheren Kompass“ (vgl. Novo millennio ineunte, 57), der es dem Schiff der Kirche erlaubt, auf offener See inmitten von Stürmen oder ruhigen und sanften Wellen voranzukommen, um sicher ans Ziel zu gelangen. „Das Konzil“ – es kondensiert sich in den von ihm produzierten Dokumenten. Daher fordert das Papst dazu auf, zum Buchstaben dieser Dokumente zurückzukommen. Diese Dokumente müssen für Benedikt XVI. von der Menge von Publikationen befreit werden, die sie häufig eher verdeckt haben als sie bekannt zu machen (vgl. Katechese zur Generalaudienz vom 10. Oktober 2012).

Benedikt XVI. spricht nicht nur als Papst, sondern in Erinnerung an jenen jungen und begeisterten Theologen, der an jenem „glanzvollen Tag“ im Oktober 1962 beim feierlichen Einzug von weit über 2000 Konzilsvätern dabei war und in einem eigenen Beitrag für den Sonderband der vatikanischen Zeitung „L’Osservatore Romano“ zum Konzilsjubiläum schreibt: „Dies war ein Augenblick einer außerordentlichen Erwartung. Großes musste geschehen“. War es bei früheren Konzilien um bestimmte Probleme der Lehre oder Disziplin gegangen, so hatte Johannes XXIII. „sein“ Konzil aus anderen Gründen einberufen. Weder musste sich die Kirche mit besonderen Glaubensirrtümern beschäftigen, die es zu korrigieren oder zu verurteilen galt, noch waren bestimmte Lehr- oder Disziplinarfragen zu klären, wie Benedikt am 10. Oktober 2012 erläuterte: der Glaube sollte auf eine „erneuerte“, nachdrücklichere Weise sprechen, wobei jedoch seine immerwährenden Inhalte ohne Zugeständnisse oder Kompromisse beibehalten werden sollten. Dieses vertiefte Nachdenken über den Glauben „sollte auf neue Weise die Beziehung zwischen der Kirche und der Neuzeit, zwischen dem Christentum und gewissen wesentlichen Elementen des modernen Denkens umreißen, nicht, um sich diesen anzupassen, sondern um dieser unserer Welt, die dazu neigt, sich von Gott zu entfernen, den Anspruch des Evangeliums in seiner ganzen Größe und Klarheit zu zeigen“.

„Aggiornamento“ war das dieses Bewusstsein zusammenfassende Wort, das „Wieder-auf –den-Tag-bringen“. Dem von Johannes XXIII. geprägten Begriff entspricht für Benedikt XVI. das Bewusstsein, dass das Christentum „nicht als ‚etwas der Vergangenheit Zugehöriges’ gesehen werden darf; ebenso wenig darf es mit einem fortwährend ‚rückwärtsgewandten’ Blick gelebt werden, denn: Jesus ist heute, morgen, in Ewigkeit“ (12. Oktober 2012). Wie Benedikt XVI. bereits in seiner Weihnachtsansprache an die Römische Kurien im Jahr 2005 erklärt hatte, bedeutet die Rede vom „aggiornamento“ in dieser Hinsicht keinen Bruch mit der Tradition. Vielmehr bringt es die beständige Vitalität der Tradition zum Ausdruck. „Aggiornamento“ bedeutet für den Papst nicht, den Glauben zurückzuschneiden und ihn auf die Moden der Zeit herunterzudeklinieren, „auf das Maß dessen, was uns gefällt, was der öffentlichen Meinung gefällt“. Im Gegenteil: wie dies die Konzilsväter getan hätten, „müssen wir das Heute, in dem wir leben, zum Maß des christlichen Ereignisses bringen, wir müssen das Heute unserer Zeit in das Heute Gottes bringen“ (12. Oktober 2012).

Für Benedikt XVI. ist klar: die Bezugnahme auf die Dokumente des Konzils „schützt vor den Extremen anachronistischer Nostalgien einerseits und eines Vorauseilens andererseits und erlaubt, die Neuheit in der Kontinuität zu erfassen. Was den Gegenstand des Glaubens betrifft, hat sich das Konzil nichts Neues ausgedacht, noch hat es Altes ersetzen wollen. Es hat sich vielmehr darum bemüht dafür zu sorgen, dass derselbe Glaube im Heute weiter gelebt werde, dass er in einer sich verändernden Welt weiterhin ein gelebter Glaube sei. Wir müssen in der Tat dem Heute der Kirche treu sein, nicht dem Gestern oder dem Morgen. Und dieses Heute finden wir gerade in den Konzilsdokumenten, weil sie immer so aktuell sind, wie der Diener Gottes Paul VI. und die Konzilsväter sie verkündet haben, in ihrer Vollständigkeit und in ihrem Zusammenhang, ohne Abstriche und ohne Hinzufügungen“ (Predigt am 11. Oktober 2012).

Und doch: war dies wirklich so? Ist Benedikt XVI. derselbe wie der junge Theologe Joseph Ratzinger, der voll Begeisterung für die Ausarbeitung wesentlicher Texte des Konzils mitverantwortlich gezeichnet hatte? Immer wieder wurde der Theologe und Kardinal Ratzinger in der Vergangenheit mit dem Vorwurf konfrontiert, er habe zunächst radikal-progressistische Positionen vertreten, die er dann im Lauf der Zeit zurückgenommen habe. Vor allem hatte sich gleich zu Beginn des Konzils besonders bei den Teilnehmern aus Nordeuropa Missbehagen darüber breit gemacht, so Kardinal Ratzinger, dass die biblische und patristische Erneuerungsbewegung der Jahrzehnte vor dem Konzil keinen hinreichenden Eingang in die von der Römischen Kurie vorbereiteten Schemata gefunden hatte. Es wurde eine zu große Präsenz scholastischer Theologe und zuwenig pastorales Denken beklagt. Besonders aber gehörte Joseph Ratzinger auch zu jenen, die von der Notwendigkeit einer Reform der Liturgie überzeugt waren, eine Überzeugung, die von vielen geteilt wurde.

Der Text über die heilige Liturgie – der erste des II. Vatikanums – schien der am wenigsten umstrittene zu sein, wie Benedikt XVI, am 26. September 2012 in seiner Katechese zur Generalaudienz erklärte. Indem es mit dem Thema „Liturgie“ begonnen hat, „hat das Konzil den Primat Gottes, seine absolute Priorität ganz deutlich herausgestellt. Gott vor allem: Genau das sagt uns die Entscheidung des Konzils, von der Liturgie auszugehen. Wo der Blick auf Gott nicht entscheidend ist, verliert alles andere seine Ausrichtung. Das grundlegende Kriterium für die Liturgie ist ihre Ausrichtung auf Gott, um so an seinem Werk teilnehmen zu können. Wir können uns jedoch fragen: Was ist dieses Werk Gottes, an dem teilzunehmen wir aufgerufen sind? Die Konzilskonstitution über die heilige Liturgie gibt uns scheinbar eine zweifache Antwort. Denn unter der Nummer 5 sagt sie uns, dass das Werk Gottes sein Wirken in der Geschichte ist, das uns das Heil bringt und das seinen Höhepunkt im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi hat; unter Nummer 7 dagegen bezeichnet dieselbe Konstitution die liturgische Feier als das ‚Werk Christi’. In Wirklichkeit sind beide Bedeutungen untrennbar miteinander verknüpft“.

Um zu diesem Ziel zu gelangen, wollte Ratzinger zu Beginn des Konzils im Sinn der liturgischen Erneuerung, die bereits unter Pius XII. begonnen hatte, dass Liturgie „wieder“ der Gottesdienst alles Gläubigen werde, bereinigt von allem Überflüssigen und jenseits des „beengten lateinischen Horizonts“: die „Mauer der Latinität“ sollte aufgebrochen werden. Doch bald erkannte er, dass andere weit über sein Grundanliegen hinausgingen, so dass er sich bereits vor dem Ende des Konzils immer weiter von den Fortschrittstendenzen im Sinn eines herannahenden Konzilsgeistes absetzte. Immer aufgeregter sei der Gemütszustand in der Kirche und bei den Theologen geworden, je weiter das Konzil fortgeschritten sei. Ratzinger konnte die Ansicht nicht teilen, dass es in der Kirche nichts Festes gibt und alles einer revolutionären Revision unterzogen werden muss. Dies führte bei Ratzinger dann zur Feststellung: nicht ich habe mich verändert, sondern die anderen.

Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. haben daher nie „das Konzil“ verleugnet oder den Versuch unternommen, die Zeit zurückzudrehen. Weder die Liberalisierung der „Alten Messe“ noch der Aufruf zu einer „Hermeneutik der Reform in Kontinuität“ sind Teil eines Revisionismus, sondern Ausdruck der einen Wahrheit: wesentlich sind nicht nachkonziliare Winde, die das Schiff der Kirche vor sich hertrieben und hertreiben, die Winde eines ungelesenen, aber gern beschworenen „Konzils“. Wesentlich ist die Verankerung allen Handelns in den Texten des Konzils. 50 Jahre später erklärt der Papst hinsichtlich der dogmatischen Konstitution „Gaudium et spes“ über die Kirche in der Welt von heute zur Frage, ob die Kirche in ein positives Verhältnis zur „modernen Welt treten konnte: „Hinter dem verschwommenen Begriff ‚Welt von heute’ steht die Frage des Verhältnisses zur Neuzeit. Um sie zu klären, wäre nötig gewesen, das Wesentliche und Konstitutive für die Neuzeit genauer zu definieren“. Einen großen Teil seines Lehramtes hat Benedikt XVI. daher wie bereits sein Vorgänger genau dieser Problematik gewidmet.

Weder Joseph Ratzinger noch Benedikt XVI. lassen sich in Schablonen wie „rechts“ – „links“, „konservativ“ oder „progressiv“ zwängen. Von Anfang an stand im Mittelpunkt, das Volk Gottes zu seinem Herrn zu bringen, das müde Christentum zu erneuern, es in seine Geschichte zurückzuführen und aus dieser Geschichte heraus das Frische des Neuen sprudeln zu lassen. Dass dabei auch spekulative Sackgassen eingeschlagen werden können, gehört zur Natur der Sache einer wissenschaftlichen theologischen Reflexion. Was zählt, ist jedoch am Schluss die Erkenntnis des großen Zusammenhangs. Eines ist klar: Benedikt XVI., seine Theologie und Lehre können nicht über Polarisierungen hinweg verstanden werden. Eine Entgegenstellung vor polemischem Hintergrund des 35jährigen Theologen, der das Aufregende seiner Zeit wahrgenommen hatte, und des 85jährigen Papstes, der mit den auch dramatischen Folgen des Konzilsereignisses insgesamt konfrontiert ist, ist eine Verzerrung. Sie zeichnet sich dadurch aus, der Größe eines Denkens und eine Lebens nicht gerecht werden zu können – oder zu wollen. Dies gilt für jene, die dem heutigen Papst vorwerfen, er habe sich selbst und seine anfänglichen Positionen verleugnet. Es gilt ebenso für die anderen, die einen Joseph Ratzinger laut einem jüngst veröffentlichten Brief von Karl Rahner an seinen Bruder Hugo bereits während des Konzils gern „als Häretiker“ abgekanzelt hatten, „der die Hölle leugnet“.

Dass gerade die von Benedikt XVI. eingeforderte Hermeneutik der Reform in Kontinuität mit der Tradition sowohl „rechts“ als auch „links“ ein Hindernis für das wahre Verständnis des Konzils erscheint, gehört zu diesem Problemfeld dazu. Sowohl der rechte als auch der linke Rand stellt gegen die vom Papst vorgegebenen Leitlinien eine Diskontinuität fest: des revolutionären nach Vorwärts gerichteten „Aufbruchs im Konzilsgeist“ auf der einen, des radikalen „Bruchs“ mit der Vergangenheit auf der anderen. Beide Extreme treffen sich so. Theologie und Lehramt Benedikts XVI. stehen jenseits dieser Vereinfachungen und bilden so einen festen Boden wahrer Erneuerung der Lebens der Kirche.

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Quelle

Das Ende der Zeit – und die Wiederkunft des Herrn – bei Joseph Ratzinger

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Die vier Reiter der Apokalypse, von Albrecht Dürer (Ausschnitt). Foto: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe via Wikimedia (Gemeinfrei)

Symposium der Stiftung Joseph Ratzinger –
Papst Benedikt XVI. an der Päpstlichen Universität Santa Croce
behandelt Eschatologie und Theologie der Hoffnung

Von Angela Ambrogetti

Es ist das wahrscheinlich bedeutendste systematische Werk von Professor Joseph Ratzinger, bevor er Erzbischof von München wurde: Seine Arbeit über die Eschatologie.

Und dieser – der Lehre der letzten Dinge und dem Anbruch einer neuen Welt – war auch das diesjährige internationale Symposium der vatikanischen Stiftung Joseph Ratzinger – Papst Benedikt XVI. gewidmet.

Drei Tage trafen sich die Gelehrten an der Päpstlichen Universität vom Heiligen Kreuz, der „Santa Croce“, um Analysen und Perspektiven auszutauschen.

Die Präsentation des Gedankenguts Joseph Ratzingers war Paul O’Callaghan, dem Leiter des Fachbereichs Dogmatische Theologie der Santa Croce anvertraut worden.

Der Theologe stellte drei Fragen vor: Die biblische Frage, die Frage nach dem Tod, der Unsterblichkeit und der Auferstehung, und die Frage nach der Bedeutung der Parusie und vor allem des Gerichts; verbunden mit der Vorwegnahme – oder auch nicht – des Reiches Gottes in der Welt durch die christliche Hoffnung.

Gerade die Parusie – die erhoffte Wiederkunft Christi am Ende der Zeit – war das Thema, anhand dessen der Professor sich der Eschatologie Ratzingers näherte. Im Einklang mit dem heiligen Bonaventura glaubt jener Theologe, der später Papst werden sollte, dass „die zukünftige Zeit die grundlegende für den Christen sei… denn die Gegenwart ist wesentlich provisorisch. Daher entspringt die echte Theologie aus dem Leben der Heiligen, die auf die Zukunft hin leben.“

Und er stellt sich die Frage: „Wo bricht in diesem Leben das Reich Gottes ein, wo sieht man es? Hauptsächlich in der Liturgie, in der Eucharistiefeier.“

Theologie der Hoffnung

Ein weiteres fundamentales Thema, so O’Callaghan, ist jenes der „Theologie der Hoffnung“, die ihre Bestätigung in der Enzyklika Spe salvi von Papst Benedikt XVI. finden wird.

Im Text ist die Rede von Lern- und Übungsorten der christlichen Hoffnung: das Gebet, das Leid, das christliche Handeln und am Ende: Das Gericht, das die Christenheit von frühesten Zeiten an bis in das alltägliche Leben hinein bestimmt hat. Die Solidität und Unumstößlichkeit des Gerichtes Gottes verhindert, dass der Mensch denken könnte, dass seine Wahrheit und sein Schicksal in seinen eigenen Händen liegen würden.

Der Professor endet damit, dass „die Position Ratzingers zur Eschatologie sich im Lauf seiner Karriere entfaltet und bereichert, von den ersten geschriebenen Werken an. Aber es bleibt immer die gleiche Grundposition, dass nämlich die Eschatologie in Wahrheit Heil ist. Konkreter: Sie ist die Anwendung des Heilswerkes Christi in der Zeit, bis zu dem Moment, in dem der Vater die Geschichte mit dem Gericht beschließen wird. Mit den Augen des Glaubens und der Hoffnung erwartet der Christ den letzten Augenblick und bereitet sich selbst und die Welt darauf vor. Aber letztendlich ist es allein Gott, der die Welt rettet, Gnade schenkt, Gerechtigkeit schafft und sein Handeln kann nie vom Menschen instrumentalisiert werden.“

Unter den vielen bedeutenden Beiträgen war auch der von Romano Penna, der die Eschatologie des heiligen Paulus darstellte.

Rabbiner und Ontologie

Im Symposium fand auch die hebräische Eschatologie des Alten Testamentes Platz, mit einigen Rabbinern als Gast, darunter Riccardo Di Segni und Giuseppe Momigliano.

Interessant war des weiteren der Raum, der Theologen gegeben wurde, die Themen angesprochen haben, die eng mit der Theologie Joseph Ratzingers verbunden sind, wie beispielsweise die Beziehung zwischen Eschatologie und Ontologie oder der Dialog mit der Zivilgesellschaft in ihrem „etsi Deus non daretur„, das die Debatten der letzten Jahre vor der Wahl des Präfekten der Glaubenskongregation zum Papst gezeichnet hatte.

Viele Beiträge waren mit dem Sinn der theologischen Studien zur Eschatologie heute verbunden – und am Ende wurde die Schließung des Symposiums Kardinal Ravasi anvertraut, der die „Eschatologie Jesu von Nazareths“ veranschaulichte.

Am Vormittag des 26. November fand die Übergabe des Ratzinger-Preises statt, der dieses Jahr an Inos Biffi und erstmals an einen Orthodoxen, den jungen griechischen Theologen Ioannis Kourempeles, verliehen wurde.

Der Theologe hatte 2014 am Treffen des „Neuen Schülerkreises“ in Konstantinopel unter Schirmherrschaft des Patriarchen Bartholomeos I. teilgenommen.

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