Papst zum Welttag der Armen: Gelegenheit zur Neuevangelisierung

Der Papst beim gemeinsamen Essen mit Bedürftigen (Servizio Fotografico „Osservatore Romano“ @L’Osservatore Romano)

Eine Einladung, die Begegnung mit den Armen als besondere Gelegenheit zur Neuevangelisierung zu leben, kommt von Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Welttag der Armen. Diese hat der Vatikan an diesem Donnerstag veröffentlicht. „Da ist ein Armer; er rief und der Herr erhörte ihn“ (Ps 34,7) ist das Psalmwort, anhand dessen Franziskus seine Überlegungen entfaltet.

Christine Seuss – Vatikanstadt

Dieser Psalm, so der Papst, ermögliche es heute auch uns, zu verstehen, wer die wahrhaft Armen seien. Man habe sich mittlerweile daran gewohnt, die vielen Brüder und Schwestern, die in Not lebten, allgemein als „arm“ zu bezeichnen. Gott, so erinnert Franziskus, hat eine besondere Zuneigung zu den Menschen, die im irdischen Leben mit Füßen getreten, verfolgt und ausgegrenzt werden.

Drei Worte des Psalms seien es, die die Beziehung zwischen Gott und den Armen in besonderer Weise charakterisierten, führt Franziskus weiter aus. Diese Worte seien: „schreien“, „antworten“ und „befreien“.

“ An einem Welttag wie diesem sind wir zu einer ernsthaften Gewissenserforschung aufgerufen, um uns darüber klar zu werden, ob wir wirklich fähig sind, auf die Armen zu hören ”

Der Schrei, den der Arme in seiner Verzweiflung und Einsamkeit zum Himmel richte, werde von Gott erhört. Doch, so die Mahnung des Papstes, wir selbst müssten Gewissenserforschung darüber vornehmen, weshalb ein Schrei, der bis zu Gott dringe, von uns ignoriert werden könne. Zum Hinhören gehörten auch die Stille, das Schweigen, das auch im Getöse einiger „verdienstvoller und notwendiger Initiativen“ untergehen könne, die „häufig mehr darauf ausgerichtet sind, uns selbst zu gefallen, als darauf, den Schrei des Armen wirklich wahrzunehmen“.

Man sei allzu gefangen in einer Kultur, die der Selbstbeschau diene, so dass man fälschlicherweise das Gefühl haben könne, eine „Geste der Selbstlosigkeit“ entpflichte einen von seiner Verantwortung, ohne sich vertieft einzubringen.

“ Der Welttag der Armen will eine kleine Antwort sein, die sich von der Kirche, die über die ganze Welt verstreut ist, an die Armen jeder Art und jeden Landes richtet, damit sie nicht denken, ihr Schrei sei auf taube Ohren gestoßen. ”

Die „Antwort“ des Herrn auf den Ruf des Armen sei hingegen eine „Anteilnahme voller Liebe“ an dessen Situation. Gleichzeitig sei sie ein Appell an jeden Gläubigen, „innerhalb der Grenzen des menschlich Möglichen“ ebenso zu handeln. Hierbei sei es mit Almosen nicht getan, erinnert der Papst, denn es sei das persönliche Engagement, das wirklich wertvoll für die Geschwister in Not sei.

Eine Absage an rein materielle karitative Unterstützung also, während die Notwendigkeit von „liebevoller Zuwendung“ (Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 199) betont wird, „die den anderen als Person ehrt und sein Wohl sucht“.

“ Die Armut wird nicht gesucht, sondern vom Egoismus, vom Stolz, von der Gier und von der Ungerechtigkeit erzeugt. ”

Ein drittes Wort, „befreien“: Das Eingreifen Gottes, das in zahlreichen Bibelstellen geschildert wird, befreit den Armen aus seiner Situation und gibt ihm die Möglichkeit, „zügig“ voranzuschreiten und „die Welt mit klaren Augen“ zu sehen.

Doch es dürfe nicht beim Eingreifen Gottes bleiben, vielmehr sei „jeder Christ und jede Gemeinschaft“ berufen, „Werkzeug Gottes für die Befreiung und die Förderung der Armen zu sein, so dass diese sich vollkommen in die Gesellschaft einfügen können“, zitierte Franziskus abermals aus seinem Programmschreiben Evangelii gaudium (187).

“ Wie viele Wege führen auch heute noch zu Formen der mangelnden Absicherung! ”

Es sei leider die herrschende Tendenz, eine Distanz zwischen sich und dem Armen, den man als störendes Element wahrnehme, zu schaffen, beklagt Franziskus. Er weist darauf hin, dass man „sich auf diese Weise vom Herrn Jesus distanziert, der sie nicht zurückweist, sondern sie zu sich ruft und sie tröstet“.

Anschließend geht der Papst auf konkrete Initiativen ein, die mit dem Welttag des Armen in Verbindung stehen können. Unter ihnen, an erster Stelle, das gemeinsame Mahl, das neben der Sättigung des hungrigen Magens auch eine echte Form der Gemeinschaft und des Dialogs mit den benachteiligten Menschen darstelle.

“ Oft gelingt es in der Zusammenarbeit mit anderen Akteuren, die zwar nicht vom Glauben, aber von der menschlichen Solidarität bewegt sind, eine Hilfe zu bringen, die wir alleine nicht verwirklichen könnten. ”

Dabei warnt der Papst davor, den Glauben als Alleinstellungsmerkmal für solidarisches und karitatives Handeln zu sehen. Die Begrenztheit der menschlichen Mittel mache es nötig, Formen der Zusammenarbeit zu suchen, während der evangelische Auftrag der Nächstenliebe nicht darauf ausgerichtet sei, sich selbst und sein Handeln in den Vordergrund zu rücken, so die päpstliche Mahnung.

„Wir sind bewegt vom Glauben und vom Gebot der Nächstenliebe“, führt Franziskus in seiner Botschaft aus, „doch wissen wir andere Formen der Hilfe und der Solidarität anzuerkennen, die sich teilweise dieselben Ziele setzen; wenn wir nur nicht das vernachlässigen, was uns eigen ist, nämlich alle zu Gott und zur Heiligkeit zu führen.“ Der „Dialog zwischen den verschiedenen Erfahrungen“ und die „Demut, unsere Mitarbeit zu leisten ohne irgendeine Art von Geltungsdrang“, sei eine „angemessene und völlig evangeliumsgemäße Antwort“, die wir verwirklichen könnten.

“ In dem Maß, in dem man fähig ist, dem Reichtum seinen rechten und wahren Sinn zu geben, wächst man in der Menschlichkeit und wird fähig, zu teilen ”

Gleichzeitig helfe uns der „Schrei des Armen“, uns aus unserer Gleichgültigkeit aufzurütteln, „welche die Frucht eines zu sehr immanenten und an die Gegenwart gebundenen Lebens ist“. Der Einsatz für die Armen wird so zu einer Wohltat, die nicht nur dem Armen, sondern auch dem Wohltäter zugutekommt und Hoffnung schafft.

Er lade nun alle Mitglieder der Gemeinschaft, Bischöfe, Priester, Diakone, aber auch alle Personen des geweihten Lebens und Laien dazu ein, den Welttag des Armen als einen „bevorzugten Moment der Neuevangelisierung zu leben“, so Franziskus abschließend. Es seien die Armen, die uns evangelisierten, „indem sie uns helfen, jeden Tag die Schönheit des Evangeliums zu entdecken“. Diese Gelegenheit der Gnade dürfe nicht auf taube Ohren stoßen, betont Franziskus in seiner Botschaft, die auf den 13. Juni 2018, den liturgischen Gedenktag des hl. Antonius von Padua, datiert ist.

Sorge um die Armen schon bei der Namenswahl

Seit seinem Amtsantritt hat Papst Franziskus eine besondere Sorge um Arme und Ausgegrenzte erkennen lassen. Bereits bei seiner Wahl zum Papst, so erzählte Franziskus später selbst, habe ihn ein befreundeter Mitkardinal, der betagte Brasilianer Claudio Hummes, umarmt und ihm zugeraunt: ,Vergiss die Armen nicht´! Dies habe ihn auch dazu bewogen, im Andenken an den großen Heiligen aus Assisi den Namen Franziskus zu wählen, ließ der Papst anschließend verlauten.

Während seines Pontifikates hat er sich immer wieder darum bemüht, auf die Situation von Benachteiligten aufmerksam zu machen, und diverse Initiativen zu diesem Zweck auf den Weg gebracht. Den Welttag der Armen hat der Papst im Jahr 2016 ausgerufen. Im Rahmen des Welttages sind Diözesen, Caritaseinrichtungen und Private aufgerufen, spezielle Aktionen zugunsten armer Menschen zu organisieren. Er findet seit 2017 am vorletzten Sonntag des Kirchenjahres, also dem Sonntag vor Christkönig, statt. In diesem Jahr fällt der Welttag auf den 18. November.

 

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Das Erbe des Lehramtes Pius’ XII. und das II. Vatikanische Konzil

ANSPRACHE VON BENEDIKT XVI.
AN DIE TEILNEHMER DES KONGRESSES
„DAS ERBE DES LEHRAMTES PIUS‘ XII.
UND DAS II. VATIKANISCHE KONZIL“

Samstag, 8. November 2008

Meine Herren Kardinäle,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, Sie anläßlich des Kongresses über »Das Erbe des Lehramtes Pius’ XII. und das II. Vatikanische Konzil« zu empfangen, der von der Päpstlichen Lateranuniversität gemeinsam mit der Päpstlichen Universität Gregoriana veranstaltet wurde. Es ist ein wichtiger Kongreß, sowohl wegen des Themas, das er aufgreift, als auch wegen der Wissenschaftler aus verschiedenen Nationen, die daran teilnehmen. Während ich jeden herzlich begrüße, danke ich besonders Erzbischof Rino Fisichella, Rektor der Lateranuniversität, und P. Gianfranco Ghirlanda, Rektor der Universität Gregoriana, für die freundlichen Worte, mit denen sie die gemeinsamen Gefühle aller zum Ausdruck gebracht haben.

Ich bin sehr erfreut über das anspruchsvolle Thema, auf das Sie Ihre Aufmerksamkeit konzentriert haben. Wenn in den letzten Jahren von Pius XII. gesprochen wurde, galt die Aufmerksamkeit in überzogener Weise zumeist nur einer Problematik, die zudem ziemlich einseitig behandelt wurde. Das erschwerte, abgesehen von jeder anderen Überlegung, eine angemessene Annäherung an eine Gestalt von so großer historisch-theologischer Bedeutung, wie Papst Pius XII. es war. Die eindrucksvolle Aktivität, die dieser Papst insgesamt entfaltet hat, und ganz besonders sein Lehramt, mit dem Sie sich in diesen Tagen befaßt haben, sind ein beredter Beweis für das, was ich eben gesagt habe. Sein Lehramt zeichnet sich nämlich ebenso durch eine umfassende und positive Breitewie durch seine außerordentliche Qualität aus, weshalb man mit Recht behaupten kann, daß es ein wertvolles Erbe darstellt, aus dem die Kirche geschöpft hat und dies weiterhin tut.

Ich habe von der »umfassenden und positiven Breite« dieses Lehramtes gesprochen. Diesbezüglich genügt es, auf die Enzykliken und die unzähligen Ansprachen und Radiobotschaften hinzuweisen, die in den zwanzig Dokumentationsbänden – den »Insegnamenti« – seines Pontifikats enthalten sind. Von ihm wurden mehr als vierzig Enzykliken veröffentlicht. Darunter ragt die Enzyklika Mystici Corporis heraus, in der sich der Papst mit dem Thema des wahren und innersten Wesens der Kirche auseinandersetzt. Durch seine umfassende Untersuchung bringt er Licht in unsere tiefe ontologische Verbundenheit mit Christus und – in Ihm, durch Ihn und mit Ihm – mit allen anderen, von seinem Geist beseelten Gläubigen, die sich von seinem Leib nähren und, nachdem sie in Ihm verwandelt wurden, Ihm die Möglichkeit zur Fortsetzung und Ausweitung seines Heilswerkes in der Welt geben. Eng verbunden mit Mystici Corporis sind zwei andere Enzykliken: Divino afflante Spiritu über die Heilige Schrift und Mediator Dei über die heilige Liturgie. In ihnen werden die beiden Quellen vorgestellt, aus denen diejenigen stets schöpfen müssen, die zu Christus gehören, dem Haupt jenes mystischen Leibes, der die Kirche ist.

In diesem umfassenden Kontext hat Pius XII. über die verschiedenen Personengruppen gesprochen, die nach dem Willen des Herrn – wenn auch mit unterschiedlichen Berufungen und Aufgaben – zur Kirche gehören: die Priester, die Ordensleute und die Laien. So hat er weise Vorschriften für die Ausbildung der Priester erlassen, die sich durch die persönliche Liebe zu Christus auszeichnen sollen sowie durch ein einfaches, anspruchsloses Leben, durch die Treue gegenüber ihren Bischöfen und durch die Verfügbarkeit für jene, die ihrer pastoralen Sorge anvertraut sind. In der Enzyklika Sacra Virginitas und in anderen Dokumenten über das Ordensleben hat Pius XII. sodann die Vortrefflichkeit des »Geschenks« klar herausgestellt, das Gott gewissen Menschen mit dem Ruf gewährt, sich in der Kirche ganz dem Dienst an Ihm und am Nächsten zu weihen. Aus dieser Sicht besteht der Papst nachdrücklich auf der Rückkehr zum Evangelium und zum authentischen Charisma der Gründer und Gründerinnen der verschiedenen Orden und Ordenskongregationen, wobei er auch die Notwendigkeit einiger heilsamer Reformen anspricht. Außerdem gab es unzählige Anlässe, bei denen Pius XII. die Verantwortung der Laien in der Kirche behandelt hat. Im besonderen nutzte er die Gelegenheit der großen internationalen Kongresse, die dieser Thematik gewidmet waren. Gern setzte er sich mit den Problemen der einzelnen Berufe auseinander und wies zum Beispiel auf die Aufgaben und Pflichten der Richter, der Rechtsanwälte, der Sozialarbeiter und der Ärzte hin: Diesen letzteren widmete der Papst zahlreiche Ansprachen, in denen er die deontologischen Normen erläuterte, die sie bei ihrer Tätigkeit befolgen sollen. In der Enzyklika Miranda prorsus ging der Papst dann auf die große Bedeutung der modernen Kommunikationsmedien ein, die auf immer stärkere Weise die öffentliche Meinung zu beeinflussen begannen. Gerade deshalb unterstrich dieser Papst, der die neue Erfindung des Radios in höchstem Maße zur Geltung brachte, die Pflicht der Journalisten, wahrheitsgetreue und den sittlichen Normen entsprechende Informationen weiterzugeben.

Auch den Wissenschaften und den von ihnen erzielten außerordentlichen Fortschritten widmete Pius XII. seine Aufmerksamkeit. Trotz aller Bewunderung für die auf diesen Gebieten erreichten Errungenschaften versäumte es der Papst nicht, vor den Gefahren zu warnen, die eine Forschung, die sich nicht um die moralischen Werte kümmert, zur Folge haben kann. Ein Beispiel soll genügen: seine berühmte Ansprache über die Kernspaltung. Mit außerordentlichem Weitblick hat der Papst allerdings warnend auf die Notwendigkeit hingewiesen, mit allen Mitteln zu verhindern, daß diese genialen wissenschaftlichen Fortschritte für den Bau von tödlichen Waffen eingesetzt werden, die schreckliche Katastrophen und sogar die völlige Zerstörung der Menschheit auslösen könnten. Zu erwähnen sind ferner die langen, erleuchteten Ansprachen, welche die gewünschte Neuordnung der nationalen und internationalen Zivilgesellschaft betreffen, als deren unverzichtbares Fundament er die Gerechtigkeit nannte, die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben zwischen den Völkern ist: »opus iustitiae pax! – Das Werk der Gerechtigkeit ist der Friede«. Besonders erwähnenswert ist auch die Lehre Pius’ XII. über Maria, die ihren Höhepunkt in der Verkündigung des Dogmas von der Aufnahme Mariens in den Himmel gefunden hat, mit dem der Heilige Vater die eschatologische Dimension unseres Daseins hervorheben und außerdem die Würde der Frau ehren wollte.

Was läßt sich über die Qualität des Lehramtes Pius’ XII. sagen? Er war gegen jede Art von Improvisation: Er schrieb jede Ansprache mit größter Sorgfalt, wobei er jeden Satz und jedes Wort abwog, bevor er es öffentlich aussprach. Er studierte aufmerksam die verschiedenen Sachverhalte und hatte die Gewohnheit, sich mit herausragenden Experten zu beraten, wenn es sich um Themen handelte, die eine spezielle Sachkenntnis erforderten. Von seiner Natur und seinem Wesen her war Pius XII. ein maßvoller Mensch und ein Realist, dem ein leichtfertiger Optimismus fremd war, aber er war ebenso immun gegenüber der Gefahr jenes Pessimismus, der nicht zu einem Gläubigen paßt. Fruchtlose Polemiken widerstrebten ihm, und er mißtraute zutiefst jedem Fanatismus und Sentimentalismus.

Diese inneren Haltungen geben Rechenschaft vom Wert und der Tiefe sowie auch von der Zuverlässigkeit seiner Lehre und erklären die vertrauensvolle Zustimmung zu ihr, die nicht allein auf die Gläubigen beschränkt war, sondern auch von vielen Menschen kam, die nicht zur Kirche gehörten. Angesichts der großen Breite und hohen Qualität des Lehramtes Pius’ XII. muß man sich fragen, wie er das alles zu leisten vermochte, da er sich ja auch den zahlreichen anderen Aufgaben widmen mußte, die mit seinem Papstamt verbunden waren: die tägliche Leitung der Kirche, die Ernennungen und Besuche der Bischöfe, die Besuche von Staatsoberhäuptern und Diplomaten, die zahllosen Audienzen, die er Privatpersonen und ganz unterschiedlichen Gruppen gewährte.

Alle anerkennen in Pius XII. einen Mann von außergewöhnlicher Intelligenz, mit einem ausgezeichneten Gedächtnis, einer einzigartigen Vertrautheit mit den Fremdsprachen und einer bemerkenswerten Sensibilität. Man sagt von ihm, er sei ein höflicher Diplomat, ein hervorragender Jurist, ein ausgezeichneter Theologe gewesen. Das alles trifft zu, aber es erklärt nicht alles. Es gab darüber hinaus in ihm das ständige Bemühen und den festen Willen, sich selbst Gott zu schenken, ohne sich etwas zu ersparen und ohne Rücksicht auf seine schwache Gesundheit. Die eigentliche Triebfeder seines Verhaltens war folgende: Alles erwuchs aus der Liebe zu seinem Herrn Jesus Christus und aus der Liebe zur Kirche und zur Menschheit. Er war nämlich vor allem der Priester in ständiger, inniger Verbundenheit mit Gott, der Priester, der in langen Gebetszeiten vor dem Allerheiligsten, im stillen Gespräch mit seinem Schöpfer und Erlöser die Kraft für seine enorme Arbeit fand. Darin hatte sein Lehramt seinen Ursprung und erhielt von daher, wie übrigens jede andere seiner Tätigkeiten, seinen Antrieb.

Es braucht deshalb nicht zu verwundern, daß seine Lehre auch heute weiterhin Licht in der Kirche verbreitet. Fünfzig Jahre sind seit seinem Tod vergangen, aber sein vielseitiges und fruchtbares Lehramt bleibt auch für die heutigen Christen von unschätzbarem Wert. Gewiß ist die Kirche, der Mystische Leib Christi, ein lebender und lebendiger Organismus, der nicht starr an dem festhält, was vor fünfzig Jahren war. Aber die Entwicklung vollzieht sich in Kontinuität. Deshalb ist das Erbe des Lehramtes Pius’ XII. vom Zweiten Vatikanischen Konzil gesammelt und den nachfolgenden christlichen Generationen neu vorgelegt worden. In den von den Konzilsvätern des Zweiten Vatikanums eingebrachten mündlichen und schriftlichen Beiträgen finden sich bekanntlich mehr als tausend Bezugnahmen auf das Lehramt Pius’ XII. Nicht alle Konzilsdokumente haben einen Anmerkungsapparat, aber in den Dokumenten, die ihn haben, taucht über zweihundert Mal der Name Pius XII. auf. Das heißt: Mit Ausnahme der Heiligen Schrift ist dieser Papst die am häufigsten zitierte maßgebliche Quelle. Man weiß außerdem, daß die den Dokumenten angefügten Anmerkungen im allgemeinen nicht bloße erklärende Hinweise sind, sondern daß in ihnen oft wesentliche Bestandteile der Konzilstexte enthalten sind; sie sind nicht nur Anmerkungen zur Bekräftigung dessen, was im Text gesagt wurde, sondern sie bieten einen Interpretationsschlüssel dafür.

Wir können also sagen, daß der Herr in der Person Papst Pius’ XII. seiner Kirche ein außerordentliches Geschenk gemacht hat, für das wir alle Ihm dankbar sein müssen. Ich spreche daher noch einmal meine Anerkennung für die wichtige Arbeit aus, die Sie in der Vorbereitung und Durchführung dieses Internationalen Symposions über das Lehramt Pius’ XII. geleistet haben, und wünsche mir, daß man weiter über das wertvolle Erbe, das von dem unsterblichen Papst der Kirche hinterlassen wurde, nachdenkt, um daraus nützliche Anwendungen auf die heute auftauchenden Probleme zu gewinnen. Mit diesem Wunsch rufe ich auf Ihre Arbeit die Hilfe des Herrn herab und erteile jedem von Ihnen von Herzen meinen Segen.

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Quelle

Johannes Paul II.: Ich bin ganz in Gottes Hand – Persönliche Notizen 1962-2003

Geleitwort des Metropoliten von Krakau

„Ich hinterlasse kein Eigentum, über das Verfügungen zu treffen wären. Was die Dinge des täglichen Gebrauchs betrifft, die mir dienten, bitte ich, sie nach Gutdünken zu verteilen. Die persönlichen Aufzeichnungen sind zu verbrennen. Ich bitte darum, dass darüber Don Stanislaw wacht, dem ich für seine jahrelange verständnisvolle Mitarbeit und Hilfe danke. Alle anderen Danksagungen dagegen behalte ich im Herzen vor Gott selbst, weil es schwierig ist, sie hier auszudrücken“ (Papst Johannes Paul II., Testament, 6. März 1979).

Diese Anordnung hat der Heilige Vater Johannes Paul II. in seinem Testament hinterlassen. Ich habe sie getreu dem Willen des Heiligen Vaters nach seinem Tod im Jahr 2005 erfüllt, als ich alle Dinge, die er besaß, vor allem persönliche Sachen, verteilt habe. Ich hatte aber nicht den Mut, die Blätter und Hefte mit den persönlichen Notizen, die er hinterlassen hat, zu verbrennen, denn sie enthalten wichtige Informationen über sein Leben. Ich habe sie auf dem Schreibtisch des Heiligen Vaters gesehen, aber ich habe nie in sie hineingeschaut. Als ich das Testament sah, hat mich die Tatsache sehr berührt, dass Papst Johannes Paul II., den ich fast 40 Jahre lang begleitet habe, mir auch seine persönlichen Dinge anvertraut hat.

Ich habe die Notizen Johannes Pauls II. nicht verbrannt, denn sie sind ein Schlüssel zum Verständnis seiner Spiritualität, also dessen, was das Innerste des Menschen ausmacht: seine Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und zu sich selbst. Sie enthüllen gewissermaßen die andere Seite der Person, die wir in Krakau als Bischof und in Rom als Petrus unserer Zeit, als Hirte der Weltkirche kannten. Sie zeigen sein Leben sogar schon früher, nämlich in den Jahren, als er die Bischofsweihe empfing und in Krakau das Bischofsamt übernahm. Sie erlauben, in diese intime, persönliche Glaubensbeziehung zu Gott, dem Schöpfer, dem Spender des Lebens, zum Meister und Lehrer hineinzublicken. Sie zeigen zugleich die Quelle seiner Spiritualität seine innere Stärke und seinen festen Willen, Christus zu dienen bis zum letzten Atemzug seines Lebens.

Wenn ich nun zu den Notizen Johannes Pauls II. zurückkomme, so steht mir die Figur des Heiligen Vaters vor Augen, den ich in seiner Privatkapelle in der Franciszkanska-Straße sehe, wie er geradezu in Gott versunken betet, vor dem Allerheiligsten Sakrament verharrt, und ich höre auch seine Seufzer aus der kleinen Kapelle des Apostolischen Palastes im Vatikan. Sein strahlendes Gesicht verriet nie, was er erlebte. Immer blickte er mutig auf das Kreuz und auf die Ikone der Gottesmutter von Tschenstochau. Von ihr lernte er die totale Hingabe an Gott, als er die Worte von Louis-Marie Grignion de Montfort wiederholte: „Totus Tuus ego sum, o Maria, et omnia mea Tua sunt — Ich bin ganz dein, o Maria, und alles, was mein ist, ist dein.“ Die totale Hingabe an Gott nach dem Beispiel Marias und die Erfüllung des Willens Gottes bis zum Ende waren charakteristische Merkmale dieses Mannes des Gebetes, der in der Beziehung zu Gott eine reiche Welt des Geistes entdeckt hat.

Möge die Lektüre der geistlichen Notizen Johannes Pauls II. allen bei der Entdeckung der geistigen Tiefe des Menschen des 21. Jahrhunderts helfen und möge sie alle zu einer noch größeren Liebe zu Gott und den Menschen führen.

Am Fest der Darstellung Marias im Tempel, der Schutzpatronin der Pfarrei in Wadowice1
Krakau, 21. November 2013

Stanislaw Kardinal Dziwisz Metropolit von Krakau

 

Das Geheimnis der Persönlichen Notizen
Karol Wojtylas – Johannes Pauls II.

Von Jan Machniak2

Die erhaltenen „Persönlichen Notizen“ Karol Wojtylas – Papst Johannes Pauls II. (1920-2005) weckten bereits zum Zeitpunkt seines Todes ein enormes Interesse. In seinem Testament schrieb der Papst, dass Stanislaw Dziwisz, der persönliche Sekretär und engste Mitarbeiter des Heiligen Vaters, der ihn während der fast 40 Jahre seines Bischofsamtes in Krakau und dann auf dem Stuhl Petri in Rom begleitet hat, sie verbrennen solle. Aus Respekt vor dem Autor hat der heutige Metropolit von Krakau sie nicht vernichtet, sondern sie der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse präsentiert, die das Leben des Heiligen Vaters während des Seligsprechungsprozesses untersucht hat. Schon ein flüchtiger Blick auf die Notizen bestätigt, dass der Autor ein reiches spirituelles Innenleben führte, das alle Dimensionen seiner Aktivitäten mit einschloss.

Die geistlichen Notizen enthüllen die Tiefe des Lebens Karol Wojtylas mit Gott – als Weihbischof, Erzbischof von Krakau, Kardinal und Papst im Lauf mehrerer Jahrzehnte (1962-2003). Sie offenbaren das Geheimnis des Herzens dieses Petrus unserer Zeit, der in der schwierigen Periode der kommunistischen Herrschaft in Polen Bischof in Krakau war und dann für fast 27 Jahre das Schiff Petri auf den stürmischen Wellen vom 20. ins 21. Jahrhundert steuerte. Die geistlichen Notizen beinhalten Reflexionen über innere Erlebnisse, Vorsätze, Gebete, Meditationen und Beobachtungen zum spirituellen Fortschritt. Sie drücken in erster Linie die persönliche Beziehung des Autors zu Gott aus, der im Zentrum seines geistlichen Lebens stand.

2 Jan Machniak (geb. 1957), Priester, Dr. theol. habil., Professor an der Päpstlichen Universität Johannes Paul II. in Krakau, Rektor der Internationalen Akademie der Göttlichen Barmherzigkeit ebd. – Der Beitrag wurde für die deutsche Ausgabe leicht überarbeitet.

1. Zwei Hefte

Die Persönlichen Notizen wurden in zwei Heften niedergeschrieben: „Agenda 1962″ und „1985″; die beiden Terminplaner wurden in Italien von der Erzdiözese Mailand herausgegeben.

Im ersten Heft führte der Autor eine eigene Seitennummerierung ein, von 1 bis 220. Die Notizen wurden jedoch nicht chronologisch verfasst: Die ersten Eintragungen beziehen sich auf Exerzitien, an denen Erzbischof Karol Wojtyla vom 1. bis 4. September 1971 zusammen mit der polnischen Bischofskonferenz in Jasna Gora3 teilnahm. Schon auf den nachfolgenden Seiten erscheinen die Notizen aus früheren Jahren – ab 1962 –, die mit späteren Exerzitien wechseln. Der Autor schrieb die Anmerkungen nach eigener Anordnung nieder und stellte seine persönlich-spirituellen Erfahrungen denen anderer Jahre gegenüber.

Die Notizen in diesem ersten Heft, das vor allem die Dienstjahre Karol Wojtylas als Weih- und Erzbischof von Krakau umfasst, beinhalten Reflexionen aus Einkehrtagen und Privatexerzitien in Kalwaria Zebrzydowska4, bei den Benediktinern in Tyniec5, bei den Ursulinen vom Herzen-Jesu-in-Todesangst in Zakopane-Jaszczurowka6, bei den Paulinern in Bachledowka7, bei den Albertinerinnen in der sogenannten „Hütte“ (Gebäude im Garten neben dem Generalat der Albertinerinnen in der Woronicza-Straße 10) in Krakau-Pradnik, ebenfalls bei den Albertinerinnen in Rzaska8, und aus den jährlichen Exerzitien zusammen mit der polnischen Bischofskonferenz in Jasna Gora und in Gnesen. Das erste Heft enthält auch die Notizen zu den Exerzitien der ersten sechs Jahre seines Pontifikats (1979-1984).

Das zweite Heft gehörte ursprünglich dem päpstlichen Sekretär, Prälat Emery Kabongo Kanundowi, was die undeutliche Schrift auf der ersten Seite und der Abdruck des Trockensiegels belegen. In der Mitte des Siegels befindet sich die Abkürzung „EK“, auf dem Kreis steht „Library of Emery Kabongo“ [Bibliothek von Emery Kabongo]. Johannes Pauls Eintragungen beziehen sich auf den Zeitraum 1985 bis 2003. Sie beginnen auf der Seite mit dem Datum vom 5. Januar und reichen über die nächsten 315 Seiten, von denen jedoch nicht alle beschrieben worden sind.

3 Jasna Gora (dt. Heller Berg), Wallfahrtsort mit der wundertätigen Ikone der Schwarzen Madonna in Tschenstochau (Wojewodschaft Schlesien).
4 Kleinstadt in Südpolen (Wojewodschaft Kleinpolen); in der Karwoche finden hier die berühmten Passionsspiele mit Hunderttausenden von Menschen statt.
5 Heute Stadtteil von Krakau mit berühmter Benediktinerabtei.
6 Zakopane, Stadt in Südpolen (Wojewodschaft Kleinpolen).
7 Ortschaft in der Nähe von Zakopane, Südpolen.
8 Dorf in Südpolen (Wojewodschaft Kleinpolen).

Das zweite Heft umfasst die Jahre 1985-2003 mit den Exerzitien, die gehalten wurden von:
– Erzbischof Achille Glorieux (24.2.-2.3.1985) [S. 225]
– P. Egidio Viganö SDB (16.-22.2.1986) [S. 237]
– P. Peter-Hans Kolvenbach SJ (8.-14.3.1987) [S. 254]
– Erzbischof James Aloysius Hickey (21.-27.2.1988) [S. 273]
– Kardinal Giacomo Biffi (12.-18.2.1989) [S. 286]
– P. Georges Marie Martin Cottier OP (4.-10.3.1990) [S. 302]
– Erzbischof Ersilio Tonini (17.-23.2.1991) [S. 318]
– Kardinal Ugo Poletti (8.-14.3.1992) [S. 331]
– Bischof Jorge Arturo Medina Estévez (28.2.-6.3.1993) [S. 347]
– Kardinal Giovanni Saldarini (20.-26.2.1994) [S. 361]
– P. Toms Spidlik SJ (5.-11.3.1995) [S. 377]
– Erzbischof Christoph Schönborn (25.2.-2.3.1996) [S. 384]
– Kardinal Roger Etchegaray (16.-22.2.1997) [S. 402]
– Kardinal Jan Chryzostom Korec SJ (1.-7.3.1998) [S. 417]
– Bischof André-Joseph (Mutien) Léonard (21.-27.2.1999) [S. 432]
– Erzbischof François-Xavier Nguyên Van Thuân (12.-18.3.2000) [S. 440]
– Kardinal Francis Eugene George OMI (4.-10.3.2001) [S. 454]
– Kardinal Claudio Hummes OFM (17.-23.2.2002) [S. 462]
– Bischof Angelo Comastri (9.-15.3.2003) [S. 466].

Die Eintragungen zu den Exerzitien in beiden Notizbüchern wurden auf Polnisch verfasst. Oft fügte der Autor aber auch Ausdrücke auf Latein und auf Italienisch ein, vor allem während der vatikanischen Exerzitien. Die Exerzitien im Vatikan für den Heiligen Vater und für die römische Kurie wurden immer in italienischer Sprache gehalten.

2. Die Tagesordnung der Exerzitien

Eine straffe Tagesordnung strukturierte die Exerzitien und Einkehrtage. Das Schema für die Exerzitien wurde bereits in Krakau entwickelt, als Karol Wojtyla sein Bischofsamt antrat. Es bestand aus: drei Meditationes [Impulsreferate], Lectio spiritualis [geistliche Lesung], Corona Rosarii [Rosenkranz], Via crucis [Kreuzweg], Adoratio [Anbetung], Matutinum [Matutin], Lectio [Lektüre, Lesung], Sacrum, Officium Eucharisticum [Opfer, Heilige Messe], Vesperae [Vesper], Adoratio Sanctissimi [Anbetung des Allerheiligsten], Completorium [Komplet].

Karol Wojtyla absolvierte die Exerzitien nach der ignatianischen Methode. Diese hatte er bereits im Priesterseminar unter dem wachsamen Auge seines geistlichen Vaters, des Krakauer Pfarrers Stanislaw Smolenski, des späteren Weihbischofs der Erzdiözese Krakau, erlernt. Sie bedurfte stets der genauen Bestimmung des Themas der Meditation und der geistlichen Lektüre. In seiner Zeit als Bischof in Krakau leitete Karol Wojtyla die Einkehrtage und Exerzitien selbst. Dabei berieten ihn in geistlichen Angelegenheiten Weihbischof Smolenski oder Pfarrer Tadeusz Fedorowicz, der eine Zeitlang Spiritual des Lemberger Priesterseminars in Kalwaria Zebrzydowska war und danach geistlicher Leiter einer Einrichtung in Laski bei Warschau. Fedorowicz reiste später auch nach Rom, wo er dem Heiligen Vater mit seinem Rat zur Verfügung stand.

Dank dieser Ordnung konnte Karol Wojtyla den Einkehr- oder Exerzitien-Tag nach einem charakteristischen Plan ordnen. Der Rhythmus des Einkehrtags wurde dabei durch das Breviergebet strukturiert, zunächst nach der Art und Weise, wie es vor dem Konzil gebetet wurde, also zusammen mit Matutin, Laudes, Terz, Sext und Non; der Tag umfasste dabei gewöhnlich:

– Laudes
– Meditatio ante Sacrum [Meditation vor der Heiligen Messe]
– Sacrum [Opfer, Heilige Messe]
– Gratiarum actio [Danksagung]
– Lectio S. Scripturae [Lesung der Heiligen Schrift]
– Meditatio [Meditation]
– Via crucis [Kreuzweg]
– Vesper
– Adoratio [Anbetung]
– Rosarium [Rosenkranz]
– Lectio spiritualis [geistliche Lesung]
– Meditatio [Meditation]
– Matutinum anticipatum [vorweggenommene Matutin]
– Lectio S. Scripturae [Lesung der Heiligen Schrift]
– Rosarium [Rosenkranz]
– Komplet
– Hora Sancta (Sacra) [Heilige Stunde, Anbetung vor dem Allerheiligsten]
– Lectio [Lesung]

Karol Wojtyla blieb dieser Tagesordnung bei Einkehrtagen und Exerzitien während seines gesamten Lebens treu, wie die späteren Notizen, auch aus seiner Zeit als Papst, belegen.

3. Zum Inhalt der Persönlichen Notizen

Die Notizen, die während der Exerzitien niedergeschrieben wurden, spiegeln die geistliche Haltung Karol Wojtylas – Papst Johannes Pauls II. wider. Sie offenbaren seine spirituelle Sensibilität für die Probleme, denen die Kirche in Polen und die Weltkirche ausgesetzt waren. Der Autor bereitete das Thema des privaten Einkehrtages und der Exerzitien selbst vor. Während der Exerzitien, an denen er mit den Mitgliedern der polnischen Bischofskonferenz teilnahm, bediente er sich der Gedanken der Exerzitien-Leiter, um über seine Beziehung zu Gott und die Erfüllung der Pflichten des Bischofs, die der Inhalt seines Lebens waren, eigene Reflexionen zu entfalten.

Der Autor der Notizen tritt uns als eine sehr ordentliche und sehr gut organisierte Person entgegen, die ganz auf spirituelle Fragen konzentriert ist. Er verliert sich nicht in der Darstellung emotionaler Zustände oder in der Beschreibung von Details aktueller Ereignisse, noch schreibt er über daran beteiligte Personen. Seine ganze Aufmerksamkeit ist darauf fokussiert, inwieweit sich in seinem Leben Christus – der Hohepriester widerspiegelt. Ans Ende jeder seiner Notizen setzt der Autor häufig Abkürzungen: AMDG/UIOGD – Ad maiorem Dei gloriam / Ut in omnibus glorificetur Deus (Zur größeren Ehre Gottes / Damit in allem Gott verherrlicht werde).

Charakteristisch für die Notizen ist ihre Christozentrik. Karol Wojtyla bezog seine Erfahrungen sämtlich auf Christus, den Hohepriester. Mit ihm versuchte er durch regelmäßiges Gebet, durch Nachdenken über Gottes Wort sowie durch die Seelsorge persönlich in Verbindung zu treten. Vor Christus brachte er alle seine persönlichen Anliegen und Probleme, die ihm als Diözesanbischof, Kardinal und Papst widerfuhren.

Jeden Tag stand für den Autor die Heilige Messe im Mittelpunkt. Ihr widmete er sich bei der Morgenandacht, bei der Danksagung nach der Heiligen Messe und während des Tages, auch während der Heiligen Stunde am Abend vor dem Allerheiligsten. Die Eucharistie bildete für Wojtyla den Raum, in dem er das Opfer Christi erfahren und gleichzeitig sein eigenes Leben als Opfer Gott darbringen konnte. Die Eucharistie entsprach seinem Lebensstil, der darin bestand, sich selbst ganz zu geben, so wie sich Christus am Kreuz ganz gegeben hat. Durch die tägliche Feier der Heiligen Messe vereinte sich Wojtyla mit dem einmaligen Opfer Christi und trat dadurch in eine persönliche Beziehung mit dem dreieinen Gott: dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist.

Ein weiteres wichtiges Charakteristikum der Persönlichen Notizen ist ihr marianischer Charakter, der sich der Theologie und Spiritualität des heiligen Louis-Marie Grignion de Montfort (Traité de la vraie dévotion à la sainte Vièrge 10 mitverdankt. Maria erscheint in diesen Gebeten und Gedanken als diejenige, die den Willen Gottes vollkommen annahm und erfüllte. Der Autor der Notizen betont ihre Größe, die sich darin ausdrücke, dass Maria als Mutter des fleischgewordenen Wortes von Gottes Gnade reich beschenkt worden sei. Zugleich war Maria für Karol Wojtyla eine reife Person des Glaubens, die mit ihrem „fiat“ [es geschehe mir nach deinem Wort (Lk 1,38)1 — zur Teilnehmerin in Gottes Heilsplan wurde.

4. Treu bis zum Ende

In den letzten Jahren wurden die Notizen der Exerzitien immer kürzer. Der Heilige Vater notierte das Thema der Exerzitien und die Tagesordnung. Die eigenen Anmerkungen werden weniger. Man kann sehen, dass ihm das Schreiben schwerer fiel. Es veränderte sich auch die Handschrift, die zunehmend undeutlicher wurde.

Im Jahr 2005 hielt Bischof Renato Corti aus Novara vom 13. bis 19. Februar die vatikanischen Exerzitien. Dabei hielt er die Impuls-Referate, wie es der Brauch vorsieht, in der Kapelle „Redemptoris Mater“. Das Thema der Exerzitien lautete: „Die Kirche im Dienst des Neuen und Ewigen Bundes“ („La Chiesa a servizio della nuova ed eterna alleanza“). Papst Johannes Paul II. verfolgte sie im Radio. Er hörte alle Impulsreferate und praktizierte während dieser Exerzitien privat seine geistlichen Übungen. Dabei begleiteten ihn sein persönlicher Sekretär, Erzbischof Stanislaw Dziwisz, und andere Hausgenossen. Johannes Paul II. blieb damit der Tradition, die jährlichen Exerzitien zu absolvieren, treu. Diese letzten Exerzitien füllte er mit seinem Leiden, das ein besonderes Zeichen in seinem geistlichen Tagebuch geworden ist.

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Quelle: Karol Wojtyla – Johannes Paulus PP II – Ich bin ganz in Gottes Hand – Persönliche Notizen 1962-2003 – Aus dem Polnischen übersetzt von Anna und Stefan Meertschen – Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau, 2014.

Nein zu „Vertuschung“: Predigt des Papstes in Ostia (voller Wortlaut)

Franziskus in Ostia

Papst Franziskus hat in der römischen Hafenstadt Ostia dazu aufgerufen, „die Mauern der Gleichgültigkeit und der Vertuschung niederzureißen“ und den Weg der „Legalität“ einzuschlagen. In seiner Predigt am Sonntagabend spielte er auf die Mafia-Probleme in Ostia an.

„Ihr habt schmerzliche Situationen erlebt; der Herr will euch nahe sein“, sagte Franziskus wörtlich. Wir dokumentieren hier die Predigt des Papstes bei der Messe in ihrer amtlichen Übersetzung.

„Im Evangelium, das wir gehört haben, wird vom Letzten Abendmahl berichtet, aber überraschenderweise liegt die Aufmerksamkeit mehr auf den Vorbereitungen als auf dem Abendmahl selbst. Es wiederholt sich mehrfach das Wort „vorbereiten“. Die Jünger fragen zum Beispiel: »Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?« (Mk 14,12). Jesus schickt sie mit genauen Angaben zur Vorbereitung und sie finden »einen großen Raum […], der schon für das Festmahl hergerichtet und mit Polstern ausgestattet« (V. 15) ist. Die Jünger gehen, um vorzubereiten, aber der Herr hatte schon vorbereitet.

Etwas Ähnliches geschieht nach seiner Auferstehung, als Jesus den Jüngern zum dritten Mal erscheint: Während sie fischen, erwartet er sie am Ufer, wo er schon Brot und Fisch für sie vorbereitet. Aber zugleich bittet er seine Jünger, etwas von dem Fisch herbeizubringen, den sie soeben gefangen haben und von dem er selbst gesagt hatte, wie sie ihn fischen sollten (vgl. Joh 21,6.9-10). Auch hier bereitet Jesus im Voraus vor und bittet die Seinen mitzuwirken. Noch einmal hatte Jesus kurz vor Ostern zu seinen Jüngern gesagt: »Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten […], damit auch ihr dort seid, wo ich bin« (Joh 14,2.3). Jesus ist derjenige, der vorbereitet, der gleiche Jesus, der wie vor seinem Hinübergang mit deutlichen Ermahnungen und Gleichnissen jetzt auch uns bittet, uns bereit zu halten (vgl. Mt 24,44; Lk 12,40).

Eucharistie ist die Reservierung des Paradieses

Jesus bereitet also für uns vor und bittet auch uns, vorzubereiten. Was bereitet er für uns vor? Einen Platz und eine Speise. Einen Platz, der viel würdiger ist als der „große hergerichtete Raum“ aus dem Evangelium. Es ist unser geräumiges und großes Haus hier unten, die Kirche, wo es Platz für alle gibt und geben muss. Aber er hat uns auch einen Platz dort oben, im Paradies, bereitet, um für immer mit ihm zusammen und miteinander verbunden zu sein. Außer dem Platz bereitet er uns eine Speise, ein Brot, das er selbst ist: »Nehmt, das ist mein Leib« (Mk 14,22). Diese zwei Gaben, der Platz und die Speise, sind das, was wir zum Leben brauchen. Sie sind die endgültige Kost und Wohnung. Beide werden uns in der Eucharistie gegeben: Kost und Wohnung.

Da bereitet uns Jesus einen Platz hier unten, weil die Eucharistie das schlagende Herz der Kirche ist, sie bringt sie wieder und wieder hervor, sie versammelt sie und gibt ihr Kraft. Aber die Eucharistie bereitet uns auch einen Platz dort oben, in der Ewigkeit, weil sie das Brot vom Himmel ist. Sie kommt von dort, sie ist die einzige Materie auf dieser Erde, die wahrhaft den Geschmack der Ewigkeit trägt. Sie ist das Brot der Zukunft, das uns schon jetzt eine Zukunft vorauskosten lässt, die unendlich größer ist als jede beste Erwartung. Sie ist das Brot, das unsere größten Erwartungen stillt und unserer schönsten Träume nährt. Sie ist mit einem Wort das Unterpfand des ewigen Lebens: nicht nur eine Verheißung, sondern ein Unterpfand, also eine konkrete Vorwegnahme dessen, was uns geschenkt werden wird. Die Eucharistie ist die „Reservierung“ des Paradieses; sie ist Jesus, Wegzehrung auf unserem Weg zum glückseligen Leben, das niemals enden wird.

“ Seien wir unersättlich! ”

In der verwandelten Hostie bereitet uns Jesus über den Platz hinaus die Speise, die Nahrung. Im Leben müssen wir uns beständig ernähren, und dies nicht nur durch Nahrungsmittel, sondern auch durch Vorhaben und Gefühle der Zuneigung, durch Sehnsüchte und Hoffnung. Wir hungern danach, geliebt zu werden. Aber die willkommensten Komplimente, die schönsten Geschenke und die fortschrittlichsten Technologien genügen nicht, sie sättigen uns nie zur Gänze. Die Eucharistie ist eine einfache Nahrung wie das Brot, aber sie ist das einzige, das sättigt, weil es keine größere Liebe gibt. Dort begegnen wir Jesus wirklich, wir nehmen an seinem Leben teil, wir spüren seine Liebe. Dort kannst du erfahren, dass sein Tod und seine Auferstehung für dich sind. Und wenn du Jesus in der Eucharistie anbetest, empfängst du von ihm den Heiligen Geist und du findest Frieden und Freude. Liebe Brüder und Schwestern, wählen wir diese Speise des Lebens: Setzen wir die Messe an die erste Stelle, entdecken wir die Anbetung in unseren Gemeinschaften neu! Bitten wir um die Gnade, nach Gott zu hungern, und seien wir unersättlich nach dem, was er für uns bereitet.

Verlassene Tabernakel

Aber Jesus bittet heute auch uns wie die Jünger damals, vorzubereiten. Fragen wir ihn wie die Jünger: »Herr, wohin sollen wir gehen, um vorzubereiten?“. Wohin: Jesus bevorzugt nicht exklusive oder ausschließende Orte. Er sucht Orte, die von der Liebe nicht erreicht und von der Hoffnung nicht berührt wurden. Zu diesen unbequemen Orten möchte Jesus gehen und er bittet auch uns, für ihn die Vorbereitungen zu treffen. Wie viele Personen sind eines würdigen Ortes zum Leben und der Speise zum Essen beraubt! Aber wir alle kennen einsame, leidende, bedürftige Personen: Sie sind verlassene Tabernakel. Wir, die wir von Jesus Kost und Logis erhalten, sind hier, um diesen schwächsten Brüdern einen Platz und Speise zu bereiten. Er ist für uns zum gebrochenen Brot geworden; er bittet uns, dass wir uns den anderen schenken, nicht mehr für uns selbst zu leben, sondern füreinander. So lebt man eucharistisch, indem man die Liebe, die wir aus dem Fleisch des Herrn schöpfen, in die Welt ausgießen. Die Eucharistie übersetzt sich ins Leben, wenn wir vom Ich zum Du übergehen.

“ Die Mauern der Vertuschung niederreißen ”

Die Jünger, sagt das Evangelium weiter, bereiteten das Abendessen vor, nachdem sie »in die Stadt gekommen waren« (V. 16). Der Herr ruft uns auch heute, sein Kommen vorzubereiten, nicht indem wir draußen, in der Ferne bleiben, sondern indem wir in unsere Städte eintreten. Auch in dieser Stadt, deren Namen „Ostia“ gerade den Eintritt, die Tür in Erinnerung ruft. Herr, welche Türen willst du, dass wir sie hier für dich öffnen? Welche Gitter rufst du uns weit zu öffnen, welche verschlossenen Zugänge müssen wir überwinden? Jesus wünscht, dass die Mauern der Gleichgültigkeit und der Vertuschung niedergerissen werden, die Gitterstäbe der Gewalttaten und Anmaßung entfernt, die Wege der Gerechtigkeit, des Anstands und der Legalität geöffnet werden. Der weitläufige Strand dieser Stadt ruft uns die Schönheit in Erinnerung, sich zu öffnen und auf das Meer das Lebens hinauszufahren. Um aber dies zu tun, ist es notwendig, jene Knoten zu lösen, die uns an die Leinen der Angst und der Beklemmung binden. Die Eucharistie lädt dazu ein, sich von der Welle Jesu mitreißen zu lassen, nicht mit Ballast beladen am Strand zurückzubleiben in der Erwartung, dass etwas kommt, sondern frei, mutig und vereint in See zu stechen.

Die Jünger, so schließt das Evangelium, gingen »nach dem Lobgesang zum Ölberg hinaus« (V. 26). Am Ende der Messe werden auch wir hinausgehen. Wir werden mit Jesus gehen, der durch die Straßen dieser Stadt ziehen wird. Er wünscht, in eurer Mitte zu wohnen. Er will euch in euren Lebenslagen besuchen, in die Häuser eintreten, seine befreiende Barmherzigkeit anbieten, segnen, trösten. Ihr habt schmerzliche Situationen erlebt; der Herr will euch nahe sein. Öffnen wir ihm die Türen und sagen wir zu ihm:

Komm, Herr, kehre bei uns ein.
Wir nehmen dich in unseren Herzen auf,
in unseren Familien, in unseren Städten.
Danke, dass du uns die Speise des Lebens bereitest
und einen Platz in deinem Reich.
Mache uns rührig in der Vorbereitung und
lasse uns deine freudigen Träger sein, der du der Weg bist,
um Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Frieden
in unsere Straßen zu bringen. Amen.“

(vatican news – sk)

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PAPST JOHANNES PAUL II. ANSPRACHE AN DIE UNESCO 2. JUNI 1980

ANSPRACHE VON PAPST JOHANNES PAUL II.
AN DIE ORGANISATION DER VEREINTEN NATIONEN
FÜR  ERZIEHUNG, WISSENSCHAFT UND KULTUR
(UNESCO)

Paris
Montag, 2. Juni 1980

Herr Präsident der Generalversammlung,
Herr Präsident des Exekutivrates,
Herr Generaldirektor,
meine Damen und Herren!

1. Ich möchte zunächst meinen herzlichsten Dank für die Einladung zum Ausdruck bringen, die Herr Amadou Mahtar-M’Bow, Generaldirektor der UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur, wiederholt an mich gerichtet hat, und zwar schon beim ersten Besuch, den abzustatten er mir die Ehre gemacht hat. Aus zahlreichen Gründen freue ich mich, heute die von mir hochgeschätzte Einladung annehmen zu können.

Für die an mich gerichteten, liebenswürdigen Willkommensworte danke ich dem Vorsitzenden der Generalversammlung, Herrn Napoleon Leblanc, dem Präsidenten des Exekutivrates, Herrn Chams Eldine El-Wakil, und dem Generaldirektor der Organisation, Herrn Amadou Mahtar-M’Bow. Ich möchte auch alle Damen und Herren grüßen, die sich zur 109. Sitzung des Exekutivrates der |UNESCO hier versammelt haben. Ich kann meine Freude darüber nicht verbergen, so viele |   Delegierte von Nationen der ganzen Welt, so viele hervorragende Persönlichkeiten, so viele Sachverständige und so viele bekannte Vertreter der Kultur und der Wissenschaft bei dieser Gelegenheit hier versammelt zu sehen.

Mit meiner Intervention möchte ich versuchen,  meinen bescheidenen Baustein zu dem Gebäude  beizutragen, das Sie, meine Damen und Herren,  mit Beharrlichkeit und Ausdauer durch Ihre Überlegungen und Entschließungen auf allen in die Zuständigkeit der UNESCO gegebenen Gebieten errichten.

2. Es sei mir erlaubt, zu Beginn an die Anfänge Ihrer Organisation zu erinnern. Die Ereignisse, die die Gründung der UNESCO bezeichnen, sind für mich Anlaß zu Freude und Dankbarkeit  gegenüber der göttlichen Vorsehung: die Unterzeichnung ihrer Satzung am 16. November 1945; das Inkrafttreten dieser Satzung und die Errichtung der Organisation am 4. November 1946; und die im selben Jahr von der UN-Vollversammlung angenommene Vereinbarung zwischen der UNESCO und der Organisation der Vereinten Nationen. Ihre Organisation ist wahrhaftig das Werk von Nationen, die nach dem Ende des furchtbaren Zweiten Weltkriegs von einem  wie man sagen könnte  spontanen Wunsch nach Frieden, Einheit und Versöhnung getrieben wurden. Diese Nationen suchten damals nach den Mitteln und Formen einer Zusammenarbeit, die in der Lage sein sollte, die neugefundene Verständigung zu festigen, zu vertiefen und auf Dauer zu sichern. Die UNESCO wurde also als Organisation der Vereinten Nationen geboren, weil die Völker erkannt hatten, daß als Grundlage der großen Unternehmungen im Dienst des Friedens und des Fortschritts der Menschheit auf dem ganzen Erdball die Einheit der Völker, die gegenseitige Achtung und die internationale Zusammenarbeit notwendig waren.

3. In Weiterführung des Wirkens, des Denkens und der Botschaft meines großen Vorgängers Papst Paul VI. hatte ich im vergangenen Oktober auf Einladung von UN-Generalsekretär Kurt Waldheim die Ehre, vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen das Wort zu ergreifen. Kurz darauf wurde ich vom Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) in Rom, Herrn Edouard Saouma, eingeladen. Bei diesen Gelegenheiten konnte ich Fragen behandeln, die zutiefst mit der Gesamtheit der Probleme um eine friedliche Zukunft des Menschen auf der Erde verbunden sind. Tatsächlich sind alle diese Probleme innerlich miteinander verknüpft. Wir haben sozusagen ein ausgedehntes System kommunizierender Röhren vor uns: Die Probleme der Kultur, der Wissenschaft und der Erziehung erweisen sich im Leben der Völker und in den internationalen Beziehungen als nicht mehr unabhängig von den anderen Problemen der Existenz des Menschen, wie etwa dem Problem des Friedens und des Hungers. Die Probleme der Kultur werden beeinflußt von den anderen Dimensionen menschlicher Existenz, genau wie diese ihrerseits von jenen Problemen beeinflußt werden.

4. Trotzdem gibt es  und ich habe das in meiner Rede vor der UNO unterstrichen, als ich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hinwies  eine fundamentale Dimension; sie kann die Systeme, die die ganze Menschheit strukturieren, bis in ihre Grundlage verändern und den Menschen in seiner persönlichen und gesellschaftlichen Existenz von den Drohungen befreien, die auf ihm lasten. Diese fundamentale Dimension ist der Mensch selbst  der integrale Mensch, der Mensch, der gleichzeitig in der Sphäre der materiellen und der spirituellen Werte lebt. Die Achtung der unveräußerlichen Rechte der menschlichen Person ist die Grundlage von allem (vgl. Ansprache an die UNO, Nr. 7 und 13) Jede Bedrohung der Rechte des Menschen  sei es im Bereich seiner geistigen, sei es im Bereich seiner materiellen Werte  tut dieser fundamentalen Dimension Gewalt an. Deswegen habe ich in meiner Ansprache an die FAO unterstrichen, daß kein Mensch, kein Land und kein System dieser Erde gegenüber der „Geographie des Hungers“ und den gigantischen Bedrohungen gleichgültig bleiben kann, die sich daraus ergeben werden, wenn sich die ganze Ausrichtung der Wirtschaftspolitik und speziell die Prioritäten der Investitionen nicht grundlegend und radikal ändern. Deswegen habe ich, als ich die Anfänge Ihrer Organisation erwähnte, unterstrichen, daß alle Kräfte mobilisiert werden müssen, die der geistigen Dimension der menschlichen Existenz die Richtung weisen und den Vorrang des Geistes im Menschen  die Würde seiner Vernunft, seines Willens und seines Herzens  bezeugen, damit wir nicht noch einmal der ungeheuerlichen Entfremdung durch das kollektiv Böse unterliegen, das stets darauf lauert, die materiellen Kräfte im Ausrottungskampf des Menschen gegen den Menschen und der Völker gegen die Völker für sich auszunutzen.

5. Am Ursprung der UNESCO wie auch an der Basis der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stehen also diese ersten, edlen Impulse des menschlichen Gewissens, der Vernunft und des Willens. Ich appelliere an diesen Ursprung, diesen Beginn, diese Voraussetzungen und diese ersten Prinzipien. In ihrem Namen komme ich heute nach Paris an den Sitz Ihrer Organisation mit einer Bitte: daß Sie sich nach über 30jähriger Arbeit noch enger auf diese Ideale und Prinzipien des Anfangs einigen möchten. Auch in ihrem Namen möchte ich mir jetzt erlauben, Ihnen einige wirklich fundamentale Erwägungen vorzulegen, denn nur in ihrem Licht erscheint die volle Bedeutung dieser Institution, deren Name UNESCO ist  Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur.

6. Genus humanum arte et ratione vivit  das Menschengeschlecht lebt durch seiner Hände Kunst und seine Vernunft (vgl. Thomas v. Aquin zu Aristoteles, Post analyt., Nr. 1). Diese Worte eines der größten Genies des Christentums, gleichzeitig ein fruchtbarer Portsetzer des antiken Denkens, weisen über den Bereich der abendländischen Kultur  der mediterranen wie der atlantischen hinaus. Ihre Bedeutung trifft auf die gesamte Menschheit zu, in der sich verschiedene Traditionen als geistiges Erbe und verschiedene Kulturstufen begegnen. Die wesentliche Bedeutung der Kultur nach diesen Worten des hl. Thomas von Aquin besteht in der Tatsache, daß sie ein Wesensmerkmal des menschlichen Lebens an sich ist. Der Mensch lebt nur dank der Kultur ein wahrhaft menschliches Leben. Das menschliche Leben ist auch in dem Sinne Kultur, daß sich der Mensch durch sie von allem unterscheidet, was in der übrigen sichtbaren Welt existiert: Der Mensch kann auf Kultur nicht verzichten.

Die Kultur ist eine besondere Form des „Daseins“ und des „Seins“ des Menschen. Der Mensch lebt immer in den Formen einer Kultur, die zu ihm gehört und die ihrerseits ein Band unter den Menschen schafft, das ebenfalls zu ihnen gehört, weil es den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Charakter der menschlichen Existenz prägt. In der Einheit der Kultur als der eigentümlich menschlichen Daseinsweise hat auch der Pluralismus der Kulturen ihre Wurzel, in denen der Mensch lebt. In dieser Vielfalt entfaltet sich der Mensch, ohne deswegen die wesentliche Verbindung mit der Einheit der Kultur als der fundamentalen und wesentlichen Dimension seiner Existenz und seines Seins zu verlieren.

7. Der Mensch, der in der sichtbaren Welt der einzige Wesensträger der Kultur ist, ist auch ihr einziges Objekt und Ziel. Kultur ist das, wodurch der Mensch als solcher mehr Mensch wird, mehr Mensch „ist“, besser zum „Sein“ gelangt. Das ist auch die Grundlage für die grundlegende Unterscheidung zwischen dem, was der Mensch „ist“, und dem, was er „hat“, zwischen Sein und Haben! Die Kultur steht immer in wesentlicher und notwendiger Beziehung zu dem, was der Mensch ist, während ihre Beziehung zu dem, was er hat, zu seinem „Haben“, nicht nur zweitrangig, sondern völlig relativ ist. Das ganze „Haben“ des Menschen ist nur so weit bedeutsam für die Kultur, ist nur in dem Maß ein Kultur schaffender Faktor, wie es dem Menschen als Hilfsmittel zu einem volleren „Sein“ als Mensch dient, wie es ihm verhilft, in vollerem Sinne Mensch in allen Dimensionen seines Daseins und in allem, was seine Menschlichkeit auszeichnet, zu sein. Die Erfahrung der verschiedenen Epochen  einschließlich unserer gegenwärtigen  zeigt, daß man über die Kultur in erster Linie in ihrer Beziehung zur Natur des Menschen denkt und spricht und erst danach in zweitrangiger und indirekter Form in ihrer Beziehung zur Gesamtheit seiner Werke. Dies beeinträchtigt nicht die Tatsache, daß wir das Phänomen Kultur nach dem beurteilen, was der Mensch hervorbringt, oder daß wir daraus gleichzeitig Rückschlüsse über den Menschen ziehen. Ein solcher Zugang  typisch für den Erkenntnisprozeß „a posteriori“  enthält in sich die Möglichkeit, im umgekehrten Sinne zu den Seins-kausalen Zusammenhängen vorzudringen. Der Mensch, und er allein, ist „Täter“ oder „Baumeister“ der Kultur; der Mensch, und er allein, drückt sich in ihr aus und findet in ihr sein Gleichgewicht.

8. Wir alle, die wir hier anwesend sind, begegnen einander auf dem Boden der Kultur als einer grundlegenden Realität, die uns eint und die Grundlage für die Errichtung und die Zielsetzungen der UNESCO darstellt. Wir begegnen einander in der Sorge um den Menschen, ja in gewissem Sinne in ihm, im Menschen selbst. Dieser Mensch, der sich in der Kultur und durch die Kultur ausdrückt und objektiviert, ist ein einzigartiges, vollständiges und unteilbares Ganzes. Er ist Subjekt und Baumeister der Kultur in einem. Man kann ihn schon von da her nicht allein als das Produkt all seiner konkreten Daseinsbedingungen betrachten, beispielsweise  um nur eines zu nennen  als das Resultat der Produktionsverhältnisse, die in einer bestimmten Epoche vorherrschend waren. Stellt dieses Kriterium der Produktionsverhältnisse deswegen in keinem Fall einen Schlüssel zum Verständnis der Geschichtlichkeit des Menschen, zum Verständnis seiner Kultur und der vielfältigen Formen seiner Entwicklung dar? Nein, dieses Kriterium ist sehr wohl ein Schlüssel, sogar ein sehr wertvoller, aber es ist nicht der wesentliche Schlüssel. Ohne Zweifel spiegeln die menschlichen Kulturen die verschiedenen Systeme der Produktionsverhältnisse wider; dennoch hat nicht dieses oder jenes System die Kultur hervorgebracht, sondern der Mensch  der Mensch, der in diesem System lebt, der es bejaht oder zu verändern sucht. Man kann sich keine Kultur ohne den Menschen als Subjekt und ohne den Menschen als Ursache vorstellen. Im Bereich der Kultur ist der Mensch immer die Hauptfigur: Der Mensch ist das wesentliche und fundamentale Faktum der Kultur.

Und der Mensch ist dies immer in seiner Totalität: in der integralen Ganzheit seiner geistigen  und materiellen Subjektivität. Wenn auch die Unterscheidung zwischen geistiger und materieller Kultur im Hinblick auf den Charakter und den Gehalt der Werke, in denen sich die Kultur manifestiert, richtig ist, so müssen doch gleichzeitig zwei Feststellungen getroffen werden: Auf der einen Seite lassen die Werke der materiellen Kultur immer eine „Vergeistigung“ der Materie, eine Unterwerfung des materiellen Elements unter die geistigen Kräfte des Menschen  seine Vernunft und seinen Willen  erkennen; anderseits stellen die Werke der geistigen Kultur auf eine ihnen eigene Weise eine „Materialisation“ des Geistes, eine Inkarnation des Geistigen dar. Im ganzen Kulturschaffen scheint dieses doppelte Wesensmerkmal ebenso ursprünglich wie dauerhaft zu sein.

Hier haben wir anstelle einer theoretischen Schlußfolgerung eine hinreichende Basis, um die Kultur auf dem Weg über den Menschen in seiner Ganzheit, auf dem Weg über die Realität sein Subjektivität zu verstehen. Wir haben hier auch  im Bereich des Handelns  eine hinreichende Basis, um in der Kultur immer den ganzen Menschen, den Menschen in der ganzen Wirklichkeit seiner geistigen und körperlichen Subjektivität zu suchen; die Basis, die ausreicht, um der Kultur  diesem echt menschlichen System, dieser glänzenden Synthese von Geist und Körper  nicht länger die vorgefaßten Spaltungen und Gegensätze überzuordnen. In der Tat bringt weder die Verabsolutierung der Materie in den Strukturen des Subjekts Mensch noch ihre Umkehrung, nämlich die Verabsolutierung des Geistes, die Wahrheit über den Menschen zum Ausdruck, und weder das eine noch das andere dient seiner Kultur.

9. Ich möchte an dieser Stelle bei einer anderen, wesentlichen Überlegung, einer Realität von ganz anderer Art verweilen. Wir können uns ihr nähern, wenn wir von der Tatsache ausgehen, daß der Hl. Stuhl bei der UNESCO durch einen Ständigen Beobachter vertreten ist. Seine Anwesenheit erklärt sich aus dem Wesen des Apostolischen Stuhls und seiner Zielsetzung. Sie ist letztlich ein Ausdruck der Natur und des Auftrags der katholischen Kirche, ja indirekt des gesamten Christentums. Ich ergreife die mir heute gebotene Gelegenheit, um eine tiefe  persönliche Überzeugung auszudrücken: Die Präsenz des Apostolischen Stuhls bei Ihrer Organisation, die allein schon durch die besondere Souveränität des Heiligen Stuhls begründet ist, findet darüber hinaus ihre Berechtigung in der organischen Seinsverbindung von Religion im allgemeinen, Christentum im besonderen und Kultur. Diese Beziehung hat sich auf die vielfältigen Realitäten ausgewirkt, die in den verschiedensten Geschichtsepochen und an verschiedensten Punkten des Erdballs Ausdruck der Kultur wurden. Es dürfte gewiß nicht übertrieben sein, zu behaupten, daß insbesondere Europa als ganzes  vom Atlantik bis zum Ural  durch eine Vielfalt von Fakten in der Geschichte jeder einzelnen Nation wie in der Geschichte der Gesamtheit der Nationen die Bindung zwischen Kultur und Christentum bezeugt.

Wenn ich daran erinnere, möchte ich damit in keiner Weise das Erbe anderer Kontinente oder die Besonderheit und den Wert des Erbes, das aus anderen Quellen religiöser, humanistischer und ethischer Inspiration stammt, schmälern. Vielmehr möchte ich allen Kulturen der Menschheitsfamilie  von den ältesten bis zu denen unserer Tage  tiefste und aufrichtigste Ehrerbietung erweisen. Im Gedanken an alle Kulturen möchte ich heute hier, in Paris, am Sitz der UNESCO, mit lauter Stimme ausrufen: „Seht da: der Mensch!“ Ich möchte meine Bewunderung für den schöpferischen Reichtum des menschlichen Geistes und für seine unermüdlichen Bemühungen um eine immer bessere Erkenntnis und Bestätigung der Identität des Menschen verkünden: dieses Menschen, der immer und in allen Sonderformen der Kultur präsent ist.

10. Wenn ich umgekehrt über den Platz der Kirche und des Apostolischen Stuhles bei Ihrer Organisation spreche, denke ich nicht nur an all jene kulturellen Werke, in denen sich im Verlauf der letzten zwei Jahrtausende der Mensch ausdrückt, der Christus und das Evangelium angenommen hat. Ich denke auch nicht nur an die verschiedenen Institutionen, die aus gleicher Inspiration heraus in den Bereichen der Erziehung, des Unterrichts, der Wohlfahrt, der Caritas und in so vielen anderen entstanden sind. Ich denke vor allem, meine Damen und Herren, an die fundamentale Verbindung des Evangeliums, das heißt der Botschaft Christi und der Kirche mit dem Menschen und seiner Menschlichkeit selbst. Diese Verbindung ist in der Tat in ihrem Fundament selbst kulturschaffend. Um Kultur zu schaffen, muß man den Menschen bis in seine letzten Konsequenzen und ganzheitlich als einen besonderen und autonomen Wert betrachten, als das Subjekt, das Träger der Transzendenz der Person ist. Man muß den Menschen seinetwegen und nicht aus irgendeinem anderen Motiv oder Grund bejahen, einzig und allein seinetwegen. Mehr noch: Man muß den Menschen lieben, weil er Mensch ist. Man muß Liebe zum Menschen fordern wegen der besonderen Würde, die er besitzt. Die volle Bejahung des Menschen gehört zum Wesen der christlichen Botschaft und der Sendung der Kirche selbst ‒ trotz allem, was kritische Geister in dieser Sache erklärt haben, und allem, was die verschiedenen, der Religion im allgemeinen und dem Christentum im besonderen feindlichen Strömungen unternehmen konnten.

Im Lauf der Geschichte waren wir mehr als einmal und sind immer noch Zeugen eines sehr bezeichnenden Phänomens. Da, wo die religiösen Institutionen unterdrückt wurden, da, wo die Ideen und Werke religiöser Inspiration, insbesondere christlicher Inspiration, ihrer Rechte im Staat beraubt wurden, finden die Menschen wieder die gleichen Gegebenheiten außerhalb der institutionellen Wege. Dies geschieht durch eine Konfrontation, die sich in der Wahrheit und der inneren Bemühung innerhalb dessen vollzieht, was zu ihrer Menschennatur gehört und den Inhalt der christlichen Botschaft bildet.

Meine Damen und Herren! Sie werden mir diese Behauptung verzeihen. Wenn ich sie vortrage, will ich niemandem zu nahetreten. Ich bitte Sie, zu verstehen, daß ich im Namen dessen, was ich bin, nicht darauf verzichten kann, dieses Zeugnis zu geben. Es enthält in sich auch die Wahrheit ‒ ich kann dies nicht verschweigen ‒ über die Kultur, wenn man in ihr das Menschliche sucht, das, worin der Mensch sich ausdrückt oder wodurch der Mensch Träger seines Daseins sein will. Wenn ich das sage, möchte ich gleichzeitig meinen Dank äußern für die Bande, die die UNESCO mit dem Apostolischen Stuhl verbindet. Eine Verbindung, für die meine heutige Präsenz ein besonderer Ausdruck sein will.

11. Aus all dem ergeben sich einige wesentliche Schlußfolgerungen. In der Tat beweisen die von mir vorgebrachten Überlegungen bis zur Evidenz, daß die erste und wesentlichste Aufgabe der Kultur im allgemeinen und jeder Kultur die Erziehung ist. Die Erziehung besteht doch darin, daß der Mensch immer mehr Mensch wird; daß er mehr „sein“ kann und nicht nur mehr „haben“ kann; daß er versteht, mehr und mehr voll Mensch „zu sein“. Deshalb ist es notwendig, daß der Mensch versteht, „mehr zu sein“, nicht nur „mit“ den anderen, sondern auch „für“ die anderen. Die Erziehung ist von fundamentaler Bedeutung für die Bildung der zwischenmenschlichen und sozialen Beziehungen. Auch hier befinde ich mich auf dem Boden einer Fülle von Axiomen, auf dem die aus dem Evangelium hergeleiteten Traditionen des Christentums sich mit der erzieherischen Erfahrung so vieler recht geleiteter und sehr kluger Menschen treffen, die in allen Jahrhunderten der Geschichte so zahlreich waren. Sie fehlen auch in unserer Zeit nicht: Menschen, die einfach groß sind durch ihre Menschlichkeit, mit der sie an anderen, vor allem an der Jugend Anteil zu nehmen verstehen. Gleichzeitig beweisen Krisensymptome aller Art, denen das Milieu und die Gesellschaft, vor allem die bessergestellten Gesellschaften, unterliegen ‒ Krisen, die besonders die jüngere Generation betreffen ‒ zur Genüge, daß sich die Erziehung des Menschen nicht nur mit Hilfe von Institutionen, organisierten und materiellen Mitteln vollzieht, mögen diese auch ausgezeichnet sein. Sie beweisen auch, daß das Wichtigste immer der Mensch ist, der Mensch und seine moralische Autorität, die sich aus der Wahrheit seiner Prinzipien und der Übereinstimmung seiner Handlungen mit diesen Prinzipien ergibt.

12. Insofern die Weltorganisation die größte Kompetenz in allen Fragen der Kultur hat, kann die UNESCO die andere wichtige Frage nicht vernachlässigen: Was läßt sich für die Erziehung des Menschen vor allem in der Familie tun? Welcher Status der öffentlichen Moral sichert der Familie und vor allem  den Eltern die nötige moralische Autorität in dieser Zielsetzung? Welche Form der Bildung, welche Formen der Gesetzgebung unterstützen diese Autorität, bzw. schwächen oder zerstören sie? Die Ursachen des Erfolgs und Mißerfolgs bei der Erziehung des Menschen durch seine Familie liegen immer gleichzeitig im fundamental-schöpferischen Milieu der Kultur, das die Familie ist, und auch auf höherer Ebene, nämlich der Zuständigkeit des Staates und seiner Organe, von denen die Familie abhängig ist. Diese Probleme müssen in einem Forum, in dem sich qualifizierte Vertreter der Staaten begegnen, zum Nachdenken und zur Besorgnis führen. Es besteht kein Zweifel, daß das erste und grundlegende kulturelle Faktum der geistig reife Mensch ist, d.h. der vollerzogene Mensch, der Mensch, der fähig ist, sich selbst und andere zu erziehen. Es besteht kein Zweifel, daß die erste und grundlegende Dimension der Kultur ihre gesunde Moral ist: also die moralische Kultur.

13. Gewiß, man findet in diesem Bereich zahlreiche Sonderprobleme, aber die Erfahrung zeigt, daß alles darauf hinausläuft und daß diese Fragen sich in einem klaren System wechselseitiger Abhängigkeit stellen. Ist z.B. in dem Gesamtzusammenhang des Erziehungsprozesses, der Schulerziehung im besonderen, nicht eine einseitige Abwertung der Erziehung im strengen Sinn des Wortes geschehen? Wenn man die Stellungnahmen zu diesem Phänomen wie auch das systematische Anwachsen der Erziehung betrachtet, die sich einseitig auf das bezieht, was der Mensch „hat“, ist es dann nicht so, daß der Mensch selbst sich mehr und mehr verloren geht? Dieser Trend ist eine wirkliche Selbstentfremdung der Erziehung: Statt für das zu arbeiten, was der Mensch „sein“ muß, arbeitet die Erziehung einseitig für das, was der Mensch sich im Bereich des „Habens“, des „Besitzes“ zunutze machen kann. Die nächste Stufe dieser Selbstentfremdung ist es, den Menschen, indem man ihn seiner eigenen Subjektivität beraubt, daran zu gewöhnen, Objekt vielfältiger Manipulationen zu sein ‒ ideologischer oder politischer Manipulationen, die durch die öffentliche Meinung gemacht werden; Manipulationen, die sich in Monopol oder Kontrolle, in wirtschaftlichen oder politischen Mächten und in Medien auswirken; Manipulationen schließlich, deren Lehre zufolge das Leben nichts anderes ist als typische Selbstmanipulation.

Es scheint, daß solche Gefahren in Sachen Erziehung vor allem die technisch hochentwickelten Gesellschaften bedrohen. Diese Gesellschaften stehen vor einer spezifischen Krise des Menschen. Sie besteht in einem mangelnden Vertrauen in seine eigene Humanität, in die Bedeutung des Menschseins und die Bejahung und Freude, die sich daraus ergeben und Quelle der Kreativität sind. Die zeitgenössische Zivilisation versucht, dem Menschen eine Reihe scheinbarer Imperative aufzulegen, die ihre Befürworter durch den Rückgriff auf das Prinzip der Entwicklung und des Fortschritts rechtfertigen. So z.B. wird anstelle der Achtung vor dem Leben der Imperativ gesetzt, sich das Leben vom Hals zu schaffen und es zu zerstören; an die Stelle der Liebe, die verantwortliche Gemeinschaft von Personen ist, wird der Imperativ größtmöglichen sexuellen Vergnügens außerhalb jeden Sinnes für Verantwortung gesetzt; anstelle des Primats der Wahrheit in den Handlungen wird der Primat des modischen, des subjektiven und des unmittelbaren Erfolgs gesetzt.

In alledem drückt sich indirekt ein großer systematischer Verzicht auf einen gesunden Ehrgeiz aus: den Ehrgeiz, Mensch zu sein. Machen wir uns keine Illusionen: ein auf der Grundlage dieser falschen Imperative, dieser fundamentalen Verzichte gebildetes System kann die Zukunft des Menschen und die Zukunft der Kultur entscheiden.

14. Ja, man muß im Namen der künftigen Kultur verkünden, daß der Mensch das Recht hat, mehr zu „sein“. Aus dem gleichen Grund muß man einen gesunden Primat der Familie in der gesamten Erziehungsarbeit des Menschen zu einer wirklichen Humanität fordern. Man muß das Recht der Nation in die gleiche Linie stellen; man muß den Menschen auch zur Grundlage der Kultur und Erziehung machen.

Die Nation ist in der Tat die große Gemeinschaft der Menschen, die geeint sind durch verschiedene Bande, aber vor allem gerade durch die Kultur. Die Nation besteht „durch“ die Kultur und „für“ die Kultur. Sie ist deshalb die große Erzieherin der Menschen zu dem, was sie „mehr sein“ könnten in der Gemeinschaft. Sie ist die Gemeinschaft, die eine Geschichte besitzt und gleichzeitig über die Geschichte des Individuums und der Familie hinausgeht. Es ist jene Gemeinschaft, die die Familie ihr Erziehungswerk beginnen läßt, und zwar angefangen beim einfachsten, nämlich der Sprache. Die Sprache gibt dem Menschen, sobald er sprechen kann, die Möglichkeit, Mitglied der Gemeinschaft der Familie und der Nation zu werden. Bei allem, was ich jetzt sage und was ich noch weiterentwickeln werde, übersetzen meine Worte eine eigene Erfahrung und geben ein besonderes Zeugnis wieder: Ich bin Sohn einer Nation, die im Lauf ihrer Geschichte die meisten Erfahrungen damit machte, daß ihre Nachbarn sie zum Tod verurteilt haben, zu wiederholten Malen, die aber überlebt hat, sie selbst geblieben ist. Sie hat ihre Identität bewahrt und sie hat trotz der Teilungen und fremden Besatzungen nationale Souveränität bewahrt, indem sie sich nicht auf die Mittel physischer Gewalt gestützt hat, sondern einzig und allein auf ihre Kultur. Diese Kultur hat sich als eine Macht herausgestellt, die größer ist als alle anderen Mächte. Das, was ich hier sage, das Recht der Nation auf die Grundlage ihrer Kultur und ihre Zukunft betreffend, ist nicht das Echo irgendeines Nationalismus, sondern es geht hier um ein festes Element menschlicher Erfahrung und menschlicher Vorstellung von der Entwicklung des Menschen. Es gibt eine fundamentale Souveränität der Gesellschaft, die sich in der Kultur der Nation manifestiert. Es geht um die Souveränität, durch die gleichzeitig der Mensch höchster Souverän ist. Wenn ich mich so ausdrücke, denke ich in gleicher Weise mit tiefer innerer Bewegung an die Kulturen so vieler alter Völker. Diese ließen sich nicht verdrängen, als sie sich mit den Zivilisationen der Eindringlinge konfrontiert sahen. Sie blieben weiter für den Menschen die Quelle seines Mensch-„Seins“ in der inneren Wahrheit seiner Menschlichkeit. Ich denke auch voll Bewunderung an die Kulturen neuer Gesellschaften, die zum Leben der Gemeinschaft der eigenen Nation erwacht sind ‒ ganz wie meine Nation zu dem Leben erwacht ist, das sie seit tausend Jahren hat ‒ und die kämpfen, um ihre eigene Identität und ihre eigenen Werte zu behalten, gegen die Einflüsse und den Druck der ihnen von außen vorgeschlagenen Modelle.

15. Wenn ich mich an Sie wende, meine Damen und Herren, die Sie hierhergekommen sind, an diesen Ort, der seit 30 Jahren im Namen des Primats der kulturellen Wirklichkeit des Menschen, der menschlichen Gemeinschaft, der Völker und Nationen besteht, sage ich: Wachen Sie mit allen Mitteln, die zu Ihrer Verfügung stehen, über die grundlegende Souveränität, die jede Nation kraft ihrer eigenen Kultur besitzt. Schützen Sie sie wie Ihren Augapfel für die Menschheitsfamilie. Schützen Sie sie! Lassen Sie nicht zu, daß diese grundlegende Souveränität die Beute politischer oder wirtschaftlicher Interessen wird. Erlauben Sie nicht, daß sie Opfer von Totalitarismen, Imperialismen oder Hegemonien wird, für die der Mensch nichts mehr ist als Gegenstand der Beherrschung und nicht Träger seiner menschlichen Existenz. Für alle diese zählt die Nation ‒ die eigene und die anderen ‒ nur noch als Objekt der Beherrschung und als Köder verschiedener Interessen und nicht als Subjekt: nämlich Subjekt der Souveränität, die sich aus der Kultur ergibt und ihr zu eigen ist. Gibt es nicht auf der Karte von Europa und der Welt Nationen, die eine großartige historische Souveränität besitzen, die sich aus ihrer Kultur ergibt, und die gleichzeitig ihrer vollen Souveränität beraubt sind? Ist sie nicht ein wichtiger Punkt für die Zukunft der menschlichen Kultur ‒ wichtig vor allem für unsere Epoche, in der die Beseitigung der Reste des Kolonialismus dringend erforderlich ist.

16. Diese Souveränität, die ihren Ursprung in der eigenen Kultur der Nation und der Gesellschaft, dem Primat der Familie bei der Erziehung und schließlich der persönlichen Würde jedes Menschen hat, muß das grundlegende Kriterium für die Behandlung des für die heutige Menschheit wichtigen Problems der Mittel der sozialen Kommunikation bleiben. (Der Information, die mit ihnen verbunden ist, und auch dessen, was man Massenkultur nennt.)

Angesichts der Tatsache, daß diese Medien „gesellschaftliche“ Kommunikationsmittel sind, dürfen sie nicht Mittel zur Herrschaft der anderen sein seitens der Beauftragten der politischen Macht oder seitens der finanziellen Mächte, die ihr Programm und Modell bestimmen. Sie müssen Mittel ‒ und was für ein mächtiges Mittel ‒ des Ausdrucks der Gesellschaft sein, die sich ihrer bedient und die ihre Existenz sichert. Sie müssen den wahren Bedürfnissen der Gesellschaft Rechnung tragen. Sie müssen der Kultur der Nation und ihrer Geschichte Rechnung tragen. Sie müssen die Verantwortung der Familie im Bereich der Erziehung achten. Sie müssen das Gemeinwohl des Menschen, seine Würde berücksichtigen. Sie dürfen nicht dem Interesse, der Sensation und dem unmittelbaren Erfolg unterworfen sein, sondern wenn sie die Forderung der Ethik berücksichtigen, müssen sie dem Bau eines „menschlicheren“ Weges dienen.

17. Genus humanum arte et ratione vivit ‒ das Menschengeschlecht lebt durch seiner Hände Kunst und seine Vernunft. Es wird allgemein bejaht, daß der Mensch durch die Wahrheit er selbst ist und er durch die immer vollkommenere Kenntnis der Wahrheit noch mehr er selbst wird. Ich möchte hier, meine Damen und Herren, alle Verdienste Ihrer Organisation anerkennen und gleichzeitig für das Engagement und alle Bemühungen der Staaten und den durch sie repräsentierten Nationen meine Anerkennung aussprechen für die Bemühungen um die Verbreitung der Bildung auf allen Stufen und Ebenen, um die Beseitigung des Analphabetismus, der den Mangel an jeder, auch der elementarsten Bildung bedeutet und der nicht nur vom Gesichtspunkt der elementaren Kultur, der Individuen und ihrer Umwelt bedauerlich ist, sondern auch vom Gesichtspunkt des sozial-wirtschaftlichen Fortschritts. Es gibt beunruhigende Anzeichen der Verzögerung in diesem Bereich. Sie hängen zusammen mit der häufig von Grund auf ungleichen und ungerechten Verteilung der Güter. Denken wir auch an jene Situationen, in denen es neben einer Oligarchie von wenigen Superreichen eine Menge Bürger gibt, die im Elend hungern. Diese Verzögerung kann nicht auf dem Weg des blutigen Kampfes um die Macht beseitigt werden, sondern vor allem auf dem Weg der systematischen Alphabetisierung durch die Verbreitung der Bildung im ganzen Volk. Eine so orientierte Bemühung ist notwendig, wenn man jene Veränderungen bewirken will, die im sozialwirtschaftlichen Bereich notwendig sind. Der Mensch, der mehr „ist“, weil er mehr „hat“ und deshalb mehr „besitzt“, muß verstehen zu besitzen, d.h. lernen, die Mittel, die er besitzt, zu verteilen und zu verwalten für sein eigenes Wohl wie für das Gemeinwohl. Zu diesem Ziel ist die Bildung unerläßlich.

18. Das Bildungsproblem war immer eng mit der Sendung der Kirche verknüpft. Im Verlauf der Jahrhunderte hat sie Schulen aller Art gegründet; sie hat die Universitäten des Mittelalters entstehen lassen, in Europa die in Paris und in Bologna, in Salamanca und Heidelberg, in Krakau und Löwen. Auch in unserer Zeit leistet sie den gleichen Beitrag überall dort, wo ihr Eingreifen auf diesem Gebiet gewünscht und geachtet wird. Es sei mir gestattet, an dieser Stelle für die katholischen Familien das Recht zu beanspruchen, das allen Familien zusteht, nämlich ihre Kinder in Schulen erziehen zu lassen, die ihrer Weltanschauung entsprechen, und zumal das strenge Recht, als gläubige Eltern ihre Kinder nicht in den Schulen Lehrprogrammen ausgesetzt zu sehen, die vom Atheismus geprägt sind. Es handelt sich hier tatsächlich um eins der Grundrechte des Menschen und der Familie.

19. Das Erziehungssystem ist organisch verbunden mit dem System der unterschiedlichen Orientierung, die man der Praxis und Förderung der Verbreitung des Wissens gibt; dazu dienen die Höheren Lehranstalten, die Universitäten sowie auch angesichts des heutigen Entwicklungsstandes der Spezialisierung und der wissenschaftlichen Methoden die Fachinstitute. Es geht hier um Einrichtungen, von denen man kaum ohne tiefe Ergriffenheit sprechen kann. Sind sie doch jene Stätten, an denen die Berufung des Menschen zur Erkenntnis und das naturgegebene Band, das die Menschheit mit der Wahrheit als Ziel der Erkenntnis verbindet, tägliche Wirklichkeit werden und sozusagen das tägliche Brot so vieler Lehrer und verehrter Größen der Wissenschaft sind. An ihrer Seite finden sich junge Forscher, die sich der Wissenschaft und ihrer Anwendung verschrieben haben, ferner die große Schar der Studenten, die diese Zentren der Wissenschaft und Erkenntnis besuchen.

Wir stehen hier gleichsam auf den höchsten Stufen der Leiter, die der Mensch von Beginn an emporsteigt, um die Wirklichkeit der ihn umgebenden Welt zu erkennen und die Geheimnisse seines Menschseins zu ergründen. Dieser geschichtliche Vorgang hat in unserer Zeit bisher ungekannte Möglichkeiten erreicht. Er hat dem menschlichen Geist bis dahin ungeahnte Horizonte eröffnet. Nur schwer könnte man sich hier auf Einzelheiten einlassen, denn auf dem Weg der Erkenntnis sind die besonderen Aspekte der Spezialisten ebenso zahlreich wie die Entwicklung der Wissenschaft umfassend ist.

20. Ihre Organisation ist ein Ort der Begegnung, einer Begegnung, die im weitesten Sinn den gesamten so wesentlichen Bereich der menschlichen Kultur umfaßt. Dieses Gremium ist daher auch der angemessene Ort, um alle Wissenschaftler zu grüßen und zumal denen Ehre zu erweisen, die hier anwesend sind und die für ihre Arbeiten höchste Anerkennung und die größten Auszeichnungen auf Weltebene erlangt haben. Es sei mir aber gestattet, an dieser Stelle auch einige Wünsche vorzutragen, die zweifellos Geist und Herz der Mitglieder dieser hohen Versammlung beschäftigen.

Was immer uns bei der wissenschaftlichen Arbeit erbauen mag ‒ es erbaut uns wirklich und schenkt uns tiefe Freude: ich denke an den Weg der zweckfreien Erkenntnis der Wahrheit, der sich der Gelehrte mit größter Hingabe verschrieben hat, zuweilen trotz der Gefahr für seine Gesundheit und sogar für sein Leben , so muß uns doch anderseits all das beunruhigen, was dem Grundsatz der Zweckfreiheit und Objektivität widerspricht, all das, was aus der Wissenschaft ein Werkzeug zur Erreichung von Zielen macht, die nichts mit ihr zu tun haben. Gewiß müssen wir uns um alles Sorge machen, was nichtwissenschaftlichen Zielsetzungen dient oder solche voraussetzt, was von den Wissenschaftlern Dienstbarkeit verlangt, ohne ihnen über die Zielsetzungen ein Urteil oder eine Entscheidung in voller Unabhängigkeit des Geistes, in menschlicher und sittlicher Aufrichtigkeit zu gestatten, was sie bedroht, sie hätten im Fall einer Verweigerung der Mitarbeit mit Konsequenzen zu rechnen.

Muß man diese unwissenschaftlichen Zielsetzungen, von denen ich rede, und dieses Problem, auf das ich hier hinweise, noch beweisen oder näher erläutern? Sie wissen, worauf ich mich beziehe. Es mag genügen, die Tatsache zu erwähnen, daß unter denen, die nach dem Ende des letzten Weltkriegs vor internationale Gerichte gestellt wurden, auch Wissenschaftler waren. Meine Damen und Herren, ich bitte Sie, verzeihen Sie mir diese Worte, aber ich wäre den Verpflichtungen meines Amtes untreu, wenn ich sie nicht aussprechen würde. Es geht mir nicht um die Vergangenheit; es geht mir um die Verteidigung der Zukunft der Wissenschaft und der menschlichen Kultur, ja noch mehr: um die Verteidigung der Zukunft des Menschen und der Welt! Ich denke an Sokrates, der in seiner ungewöhnlichen Gradheit die Meinung vertreten konnte, die Wissenschaft sei auch eine sittliche Tugend. Wenn er sich die Erfahrungen unserer Zeit vor Augen führen könnte, so müßte er seine Gewißheit erneut bekräftigen.

21. Wir sind uns bewußt, meine Damen und Herren, daß die Zukunft des Menschen und der Welt bedroht, radikal bedroht ist, trotz der gewiß edlen Absichten der Menschen des Wissens und der Wissenschaft. Sie ist bedroht, weil die glänzenden Ergebnisse ihrer Forschungen und Entdeckungen, vor allem auf dem Gebiet der Naturwissenschaften, auf Kosten des ethischen Imperativs für Zielsetzungen ausgenutzt wurden und werden, die nichts zu tun haben mit den Erfordernissen der Wissenschaft selbst. Bis hin zu bewußter Zerstörung und Tötung, und das in einem bisher völlig ungeahnten Ausmaß mit wahrhaft unvorstellbaren Zerstörungen. Während die Wissenschaft aufgerufen ist, sich in den Dienst des menschlichen Lebens zu stellen, stellt man allzuoft fest, daß sie Zielsetzungen dienstbar gemacht wird, die die wahre Würde des Menschen, die das menschliche Leben zerstören. Das ist der Fall, wenn die wissenschaftliche Forschung selber sich solche Ziele setzt oder wenn ihre Ergebnisse in den Dienst von Zielen gestellt werden, die dem Wohl der Menschheit zuwiderlaufen. Das ist der Fall bei genetischen Manipulationen, bei biologischen Experimenten und beim Vervollkommnen chemischer, bakteriologischer und nuklearer Waffen.

Zwei Überlegungen veranlassen mich, Ihrem Nachdenken vor allem die nukleare Bedrohung zu empfehlen, die auf der Welt heute lastet und die, wenn nicht abgewendet, zur Zerstörung der Errungenschaften der Kultur, der Ergebnisse der Zivilisation, führen kann, die in Jahrhunderten von vielen Generationen aufgebaut wurden die an den Primat des Geistes geglaubt und weder Kraft noch Mühe gescheut haben. Die erste Überlegung ist folgende: geopolitische Gründe, wirtschaftliche Probleme von weltweitem Ausmaß, schreckliche Mißverständnisse, verletzter Nationalstolz, der Materialismus unserer Zeit und das Schwinden der moralischen Wertungen haben unsere Welt in eine Situation der Unbeständigkeit und in ein labiles Gleichgewicht gebracht, das jeden Augenblick infolge von Fehlurteilen, Fehlinformationen oder Fehldeutungen auseinanderbrechen kann.

Zu dieser beunruhigenden Aussicht kommt noch ein anderer Gedanke. Kann man in unseren Tagen noch sicher sein, daß die Zerstörung des Gleichgewichts nicht zum Kriege führt, und zwar zu einem Krieg, bei dem der Rückgriff auf nukleare Waffen nicht ausgeschlossen ist? Bis vor kurzem hat man noch behauptet, die Nuklearwaffen seien ein Mittel der Abschreckung, das den Ausbruch eines größeren Krieges verhindert, und das stimmt vermutlich. Man kann sich aber fragen, ob das immer so bleiben wird. Die Nuklearwaffen, welcher Art und Größe sie auch sein mögen, werden Jahr für Jahr vollkommener; sie werden auch in immer mehr Ländern ein Bestandteil der Rüstung. Wie darf man dann noch sicher sein, daß der Einsatz von Nuklearwaffen, auch als Mittel nationaler Verteidigung öder bei begrenzten Konflikten, nicht zu einer unvermeidlichen Eskalation führt und damit zu einem Ausmaß an Zerstörung, das die Menschheit sich nicht vorstellen! aber auch nicht bejahen kann? Muß ich nicht gerade Ihnen als Wissenschaftlern und Kulturschaffenden nahelegen, Ihre Augen nicht vor dem zu verschließen, was ein Atomkrieg für die ganze Menschheit bedeuten kann? (vgl. Predigt am Weltfriedenstag, 1. Januar 1980).

22. Meine Damen und Herren, die Welt kann nicht mehr lange auf diesem Weg weitergehen. Jedem Menschen, der sich der wirklichen Lage und der Gefahr bewußt geworden ist, der  wenn auch nur elementar  die jedem obliegende Verantwortung kennt, drängt sich die Überzeugung auf, die zugleich ein moralischer Imperativ ist: Wir müssen das Gewissen wachrütteln! Wir müssen die Macht des Gewissens in dem Maß steigern, in dem die Spannung zwischen Gut und Böse gewachsen und dem Menschen gegen Ende des zweiten Jahrtausends als Aufgabe gestellt ist: Wir müssen überzeugt sein vom Vorrang der Ethik gegenüber der Technik, vom Primat der Person gegenüber den Sachen, von der Überlegenheit des Geistes gegenüber der Materie (vgl. Redemptor hominis,Nr. 16). Die Sache des Menschen kommt voran, wenn sich die Wissenschaft mit dem Gewissen zusammenschließt. Der Wissenschaftler wird der Menschheit einen echten Dienst leisten, wenn er „den Sinn für die Transzendenz des Menschen gegenüber der Welt und Gottes gegenüber dem Menschen“ bewahrt (Ansprache vor der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, 10: November 1979, Nr. 4)..

So wende ich mich heute, bei Gelegenheit meiner Anwesenheit am Sitz der UNESCO, als Sohn der Menschheit und Bischof von Rom direkt an Sie Wissenschaftler, an Sie hier Versammelte, an Sie höchste Autoritäten auf allen Gebieten des modernen Wissens. Ich wende mich durch Sie zugleich an Ihre Kollegen und Freunde in allen Ländern und Kontinenten.

Ich wende mich an Sie im Namen dieser schrecklichen Bedrohung, die auf der Menschheit lastet, und zugleich im Namen der Zukunft und des Wohls der Menschheit auf der ganzen Welt. Ich bitte Sie dringend: Vereinen wir unsere Kräfte, um auf allen Gebieten der Wissenschaft den Primat des Sittlichen wieder aufzurichten und zu achten, Vereinen wir vor allem unsere Kräfte, um die Menschheitsfamilie vor der fürchterlichen Aussicht auf einen Atomkrieg zu bewahren.

Ich bin auf dieses Thema vor der Vollversammlung der Organisation der Vereinten Nationen in New York am 2. Oktober letzten Jahres eingegangen. Ich lege es auch Ihnen heute vor. Ich appelliere an Ihre Vernunft und an Ihr Herz, jenseits aller Leidenschaften, Ideologien und Grenzen. Ich wende mich an all jene, die ob ihrer politischen oder wirtschaftlichen Macht in der Lage sein können und es oft sind, den Wissenschaftlern die Arbeitsbedingungen und Zielsetzungen vorzuschreiben. Ich wende mich vor allem an jeden einzelnen Wissenschaftler persönlich und an die gesamte Gemeinschaft der internationalen Wissenschaft. Sie alle zusammen sind eine gewaltige Macht: eine Macht der Vernunft und des Gewissens! Erweisen Sie sich mächtiger als die Mächtigsten unserer zeitgenössischen Welt! Entschließen Sie sich, den Beweis Ihrer edelsten Solidarität mit der Menschheit zu erbringen, einer Solidarität, die auf der Würde der menschlichen Person gründet. Erbauen Sie den Frieden auf seinen Fundamenten: auf der Achtung aller Rechte des Menschen, derer, die mit seiner materiellen und wirtschaftlichen Situation, aber auch derer, die mit der geistigen und inneren Dimension seines Daseins in dieser Welt verbunden sind. Möge die Weisheit Ihnen Leitstern sein! Möge die Liebe Sie führen, jene Liebe, die die wachsende Drohung des Hasses und der Zerstörung besiegt! Männer und Frauen der Wissenschaft, bieten Sie alle Ihre moralische Autorität auf, um die Menschheit vor der nuklearen Zerstörung zu retten!

23. Es war mir heute vergönnt, einen der lebhaftesten Wünsche meines Herzens zu verwirklichen. Es war mir vergönnt, hier ins Innere des Areopas zu gelangen, des Areopags der ganzen Welt. Es war mir vergönnt, Ihnen allen etwas zu sagen, Ihnen, den Mitgliedern der Organisation der vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur. Ihnen, die Sie arbeiten für das Wohl und für die Versöhnung der Menschen und Völker auf allen Gebieten der Kultur, Erziehung, Wissenschaft und Information. Ihnen zu sagen aus der Tiefe des Herzens zuzurufen: Ja, die Zukunft des Menschen hängt von der Kultur ab! Ja, der Friede der Welt hängt vom Primat des Geistes ab! Ja, die friedliche Zukunft der Menschheit hängt von der Liebe ab!

Ihr persönlicher Beitrag, meine Damen und Herren, ist wichtig, ja er ist lebenswichtig. Er besteht im richtigen Angehen der Probleme, deren Lösung Sie Ihren Dienst widmen.

So heißt mein letztes Wort: Lassen Sie nicht nach, machen Sie weiter, immer weiter!

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Quelle

 

Fides christianorum resurrectio Christi est — Ansprache Pauls VI. an die Teilnehmer des Symposiums über die Auferstehung Jesu, Rom, 4. April 1970

Der auferstandene Jesus und der Apostel Thomas, Detail, Freske aus dem 14. Jh., Oberkirche des Klosters Sacro Speco, Subiaco (Rom).

Sehr geehrte Herren,

Wir sind sehr gerührt über die warmherzigen, zuversichtlichen Worte, die der ehrwürdige Pater Dhanis in Ihrem Namen für Uns gefunden hat, und wir danken dem Herrn, der uns dieses Treffen mit hochrangigen Experten im Bereich der Exegese, der Theologie und der Philosophie bescherte, die gekommen sind, um sich brüderlich über ihre Arbeiten zum Geheimnis der Auferstehung Christi auszutauschen. Groß ist Unsere Freude über dieses Symposium, das dank der großherzigen Gastfreundschaft des Instituts „San Domenico“ in der Via Cassia veranstaltet werden konnte. Wir möchten den Verantwortlichen und allen Teilnehmern, die Wir hier begrüßen dürfen, Unseren herzlichen Dank aussprechen, vereint mit Unserer tiefen Wertschätzung, Unserem besonderen Wohlwollen und Zuspruch.

Wir wollen Ihnen hier in aller Einfachheit einige Denkanstöße geben, die uns dieses so bedeutungsvolle Thema der Auferstehung Jesu nahelegt, das Sie lobenswerterweise zum Thema Ihrer Arbeiten machen wollten.

1. Man muss wohl kaum betonen, welch große Bedeutung Wir – wie übrigens alle unsere christlichen Kinder, Brüder und Schwestern – dieser Studie beimessen. Ja, Wir möchten fast zu sagen wagen: die meiste Bedeutung messen Wir ihr bei – schon aufgrund der Rolle, die uns der Herr im Schoße Seiner Kirche zugedacht hat und die Uns zum privilegierten Zeugen und Glaubenshüter macht! Und dreht sich vielleicht nicht die ganze Evangeliengeschichte um die Auferstehung: was wären die Evangelien, die die Frohbotschaft des Herrn Jesus verkünden, ohne sie? Liegt vielleicht nicht gerade darin die Quelle der gesamten christlichen Verkündigung, angefangen beim ersten Kerygma, das ja gerade dem Zeugnis der Auferstehung erwächst (vgl. Apg2, 32)?

Ist es nicht vielleicht der Angelpunkt der gesamten Epistemologie des Glaubens, ohne den dieser seine Konsistenz verlieren würde, wie schon die Worte des Apostels Paulus besagen: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden […] dann ist euer Glaube sinnlos“ (vgl. 1Kor 15, 14)?

Ist es vielleicht nicht allein die Auferstehung Jesu, die der ganzen Liturgie, allen unseren „Eucharistiefeiern“ Sinn gibt, mit der Versicherung der Präsenz des Auferstandenen, den wir in der Danksagung feiern: „Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir, bis Du kommst in Herrlichkeit“ (Anamnesis)?

Ja, die ganze christliche Hoffnung gründet sich auf die Auferstehung Christi, in der unsere eigene Auferstehung mit Ihm „verankert“ ist. Ja, wir sind bereits mit Ihm auferweckt (vgl. Kol 3, 1): in den Stoff unseres christliches Lebens ist diese unerschütterliche Gewissheit und diese verborgene Wirklichkeit eingewoben, mit aller Freude und Dynamik, die sich daraus ergibt.

2. Und ist es vielleicht nicht erstaunlich, dass ein derartiges Geheimnis – so grundlegend für unseren Glauben, so bereichernd für unseren Geist – im Laufe der Geschichte verschiedene Formen angenommen hat und nicht nur das leidenschaftliche Interesse seitens der Exegeten, sondern auch vielfältige Proteste hervorrief? Dieses Phänomen hatte sich schon zu Lebzeiten des Evangelisten Johannes gezeigt, der meinte, präzisieren zu müssen, dass der ungläubige Thomas aufgefordert worden war, die Male der Nägel zu berühren und seine Hand in die verwundete Seite des auferstandenen Wortes des Lebens zu legen(vgl. Joh 20, 24-29).

Wie sollte man hier nicht an die seither angestellten Versuche jener Gnosis denken, die in vielfältigen Formen immer wieder in Erscheinung tritt und die dieses Geheimnis mit allen Ressourcen des menschlichen Verstandes zu durchdringen und auf die Dimensionen rein menschlicher Kategorien zu verkürzen suchte? Eine mehr als verständliche Versuchung, und zweifellos eine unvermeidliche, aber mit der gefährlichen Tendenz, den Reichtum und die Tragweite dessen zu entleeren, was vor allem ein Fakt ist: die Auferstehung des Retters.

Noch heute – und das müssen Wir Ihnen gewiss nicht in Erinnerung rufen – haben wir die letzten dramatischen Folgen dieser Tendenz vor Augen, die nicht selten dazu führt, dass Gläubige, die sich Christen nennen, den historischen Wert des inspirierten Zeugnisses leugnen oder, in jüngerer Zeit, die leibliche Auferstehung Jesu in rein mythischer, spiritueller oder moralischer Weise interpretieren. Wie soll man die unleugbar zerstörerischen Auswirkungen nicht wahrnehmen, die diese schädlichen Diskussionen auf viele Gläubige haben? Aber Wir sehen das alles – wie Wir hier mit Nachdruck betonen – ohne Furcht: Heute wie gestern gelingt es dem Zeugnis „der Elf und der anderen Jünger“ nämlich, mit der Anmut des Heiligen Geistes den wahren Glauben zu erwecken: „Der Herr ist wirklich auferstanden und dem Simon erschienen“ (Lk 24, 34-35).

Paul VI. betet am Heiligen Grab.

3. Mit diesen Gefühlen verfolgen Wir also mit großem Respekt die hermeneutische und exegetische Arbeit, die so qualifizierte Männer der Wissenschaft wie Sie zu diesem wichtigen Thema leisten. Diese Haltung entspricht den Prinzipien und Normen, die die katholische Kirche für die Bibelstudien festgelegt hat; man muss nur an die bekannten Enzykliken Unserer Vorgänger denken: Providentissimus Deus von Leo XIII. aus dem Jahr 1893, und Divino afflante Spiritu von Pius XII. aus dem Jahr 1943 – oder an die dogmatische Konstitution Dei Verbum des II. Vatikanischen Konzils: Darin wird nicht nur die rechte Freiheit der Forschung anerkannt, sondern auch daran gemahnt, dass das Studium der Heiligen Schrift den heutigen Erfordernissen angepasst sein muss und es gilt, „sorgfältig zu erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten“ (vgl. Dei Verbum, Nr. 12). Diese Perspektive weckt auch in der Welt der Kultur Interesse und stellt eine Quelle neuer Bereicherung für die Bibelstudien dar. Wir freuen Uns, dass dem so ist. Wie immer zeigt sich die Kirche als gestrenge Hüterin der schriftlichen Offenbarung; und heute zeigt sie sich beseelt von einer berechtigten Sorge: Alles zu wissen, alles mit Unterscheidungsvermögen abzuwägen und den Bibeltext kritisch zu interpretieren. Auf diese Weise ist die Kirche, während sie sucht, das Denken der anderen zu kennen, darum bemüht, das zu überprüfen, was ihr eigen ist und den vielen aufrechten Geistern, die auf der Suche sind, die Gelegenheit offener und tröstlicher Begegnungen zu geben. Ja, die Kirche selbst kennt die Schwierigkeiten bei der Exegese von zweifelhaften und schwierigen Texten und weiß um die Nützlichkeit verschiedener Meinungen. So konnte schon Augustinus sagen: „Utile est autem ut de obscuritatibus divinarum Scripturarum, quas exercitationis nostrae causa Deus esse voluit, multae inveniantur sententiae, cum aliud alii videtur, quae tamen omnes sanae fidei doctrinaeque concordent“ (Ep. ad Paulinum 149, 3, 34: PL 33, 644) [Es ist überdies nützlich, dass hinsichtlich unklarer Stellen der Heiligen Schrift – durch die uns Gott ermöglicht, in Übung zu bleiben – viele Urteile gehört werden, solange diese nicht im Kontrast zur gesunden Glaubenslehre stehen].

Und die Kirche gemahnt ihre Kinder, stets unter Leitung des Augustinus, daran, die Lösung durch die Einheit von Gebet und Studium zu suchen: „Non solum admonendi sunt studiosi venerabilium Litterarum, ut in Scripturis sanctis genera locutionum sciant […], verum etiam, quod est praecipuum et maxime necessarium, orent ut intelligant“ (De doctrina christiana III, 37, 56: PL 34, 89).

[Was nun die Schrifterklärer angeht, sollten sie nicht nur dazu angehalten werden, die in der Heiligen Schrift gebrauchten literarischen Gattungen zu kennen […], sondern auch, und das ist das Wichtigste und Notwendigste, zu beten, um zu verstehen].

4. Aber kommen wir wieder auf das Thema Ihres Symposiums zurück. Uns scheint, dass das Ganze der Analysen und Reflexionen letztendlich mit Hilfe neuer Forschungen die Lehre bestätigt, die die Kirche bezüglich des Geheimnisses der Auferstehung anerkennt und bekennt. Wie schon Romano Guardini seligen Angedenkens in einer eindringlichen Glaubensmeditation so treffend erkannte, betonen die Evangelienberichte „oft und mit Nachdruck, dass der auferstandene Christus anders ist als er vor dem Pascha war, anders als die anderen Menschen. Seine Natur hat in den Erzählungen etwas Merkwürdiges. Sein Sich-Nähern erstaunt, erschreckt. Während er vorher ‚kam‘ und ‚ging‘, heißt es nun, dass er ‚auch den Elf erschien‘, als sie bei Tisch waren, dass er ‚verschwand‘“ (vgl. Mk 16, 9-14; Lk 24, 31-36). Körperliche Barrieren gibt es für ihn nicht mehr. Er ist nicht mehr an die Grenzen von Raum und Zeit gebunden. Er bewegt sich mit einer neuen, auf Erden nicht gekannten Freiheit, gleichzeitig aber wird mit Nachdruck bekräftigt, dass Er Jesus von Nazareth ist, in Fleisch und Blut – der, der vorher mit den Seinen gelebt hatte, kein Gespenst.“ Ja, „der Herr ist verwandelt. Er lebt in anderer Weise als zuvor. Seine gegenwärtige Existenz ist für uns unverständlich. Doch ist sie leiblich, umfasst den ganzen Jesus […] ja, durch seine Wundmale umfasst sie sein ganzes gelebtes Leben, das Los, das ihn getroffen hat, sein Leiden und seinen Tod.“ Es handelt sich also nicht nur um das Überleben in Herrlichkeit seines „Ichs“. Wir haben es hier mit der Präsenz einer tiefen und komplexen Realität zu tun, einem neuen, vollkommen menschlichen Leben: „Das Durchdringen, die Verwandlung des ganzen Lebens, einschließlich des Leibes, durch die Präsenz des Heiligen Geistes […] Wir realisieren diese Umpolung, die sich Glaube nennt und die, statt Christus in Funktion der Welt zu denken, bewirkt, dass man die Welt und alle Dinge in Funktion Christi denkt […] Die Auferstehung lässt einen Keim erblühen, der schon immer in Ihm war.“ So können wir mit Romano Guardini sagen: „Wir brauchen die Auferstehung und die Verklärung, um wirklich verstehen zu können, was der menschliche Leib ist […] in Wahrheit hat nur das Christentum gewagt, den Leib in den tiefsten Geheimnissen Gottes anzusiedeln“ (R. Guardini, Le Seigneur, Übersetzung: R. P. Lorson, Bd. II, Alsatia, Paris 1945, SS. 119-126).

Angesichts dieses Geheimnisses sind wir alle von Bewunderung erfüllt, voller Staunen, genauso wie angesichts der Geheimnisse der Fleischwerdung und der jungfräulichen Geburt (vgl. Gregor, der Große, Hom. 26 in Ev., Brevierlesung am 1. Sonntag nach Ostern). Lassen wir uns also – mit den Aposteln – in den Glauben an den auferstandenen Christus einführen, der uns allein das Heil schenken kann (vgl. Apk 4, 12). Und wir sind auch zuversichtlich hinsichtlich der Gewissheit der vom Lehramt der Kirche garantierten Überlieferung, die auch zur wissenschaftlichen Forschung ermutigt und zugleich weiterhin den Glauben der Apostel proklamiert.

Meine lieben Herren, diese wenigen einfachen Worte zum Ausklang Ihrer gelehrten Arbeiten sollten Sie eigentlich nur ermutigen, in diesem Glauben damit weiterzumachen, ohne je den Dienst am Gottesvolk aus den Augen zu verlieren, das vollends neu geschaffen wurde, „damit wir durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten eine lebendige Hoffnung haben“ (1Pt 1, 3). Und wir, im Namen Dessen „der tot war und wieder lebendig wurde“, dieses „treuen Zeugen und Erstgeborenen der Toten“ (Apk 2, 8; 1, 5), erteilen Ihnen als Unterpfand Unseres herzlichen Dankes für Ihre Forschungen Unseren tief empfundenen apostolischen Segen.

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Quelle

Catholic youth issue their own pre-Synod text: Proclaim truth ‘without apology’

May 21, 2018 (LifeSiteNews) – On Sunday, group of Catholic youth released a response to the “pre-synod” document that has been given to Pope Francis, explaining in it they want “reverence in the liturgy,” wider availability of the Traditional Latin Mass, and for the Church to proclaim unpopular truths “boldly, without apology, and without adulteration or dilution.”

“I hope to see this document start an authentic, accurate dialogue about the wants and needs of the young church that can have a positive and lasting impact upon the Catholic Church as a whole,” Connor McLaughlin, a 20-year-old spearheading the initiative, told LifeSiteNews.

“We do not desire any watering down [or] alterations to the teachings of the Church,” says the document, which was prepared by orthodox young people concerned their participation in “pre-synod” discussions via Vatican-sanctioned Facebook groups was ignored.

“We reject utterly the notion that the Church needs to change her teaching to accommodate the world,” the youth wrote. “We desire that the Church fulfils her charism of teaching, preaching the truth boldly, unashamedly, and without redaction even if it means we are rejected by the world. The Church is not a Facebook page trying to get as many likes as possible by being ‘modern’ or ‘trendy;’ it is the teacher of truth.”

“The surest way to damage or even destroy the faith of young people is by promulgating a disingenuous or misguided alteration of the truth in a bid for popularity,” they continued. “We desire the Church to be popular, as we desire all to know the love of Christ. However, if the choice is between popularity and authenticity, we choose authenticity.”

“It is of utmost importance that the Church be a ‘light [which] shines in the darkness’ rather than a receptacle for the failures of the world,” the three-section document says. “The Church must inform the culture rather than the culture informing the Church.”

“The Holy Catholic Church has survived the threats and persecutions levied against Her by countless societies, emperors, kings, and governments; She has done this through holding fast to the rock upon which she was founded, the pillar of truth given by Christ at Her institution. We must not submit ourselves to the sinfulness of the modern era. The prince of this world, satan, desires nothing more than to have Christ’s mystical body bow down to his commands and ingest his wicked lies. We must stand strong against the forces demanding that we change our doctrine and our faith in order to be ‘relevant’ to modern man.”

Organizers say a second part of the document is forthcoming.

They do not want to be heard “as voices raised in chorus against the Church or against the Pre-Synod Meeting or English Language Group, but as faithful sons and daughters, speaking humbly and more fully on these topics which are near and dear to our hearts,” they concluded. “We express our abiding gratitude to Our Holy Father and the organizers and participants of the Pre-Synod and Synod Meeting, for without these people we would have no occasion to be heard. We submit this document and its forthcoming sister document once again to the care of our Blessed Mother as we offer it to the scrutiny of the Synod Fathers and the wider Catholic community.”

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Quelle