Generalaudienz von Papst Franziskus: „Gott will alle retten“

„Gott will, dass seine Kinder alle Absonderung überwinden und sich der Universalität des Heils öffnen.“ Das sagte Papst Franziskus bei seiner Generalaudienz an diesem Mittwoch auf dem Petersplatz.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Gott wolle „alle retten“, sagte Franziskus eindringlich. Der Heilige Geist begleite das Evangelium „auf seiner Reise durch die Welt“, und wir sollten uns seiner „Kreativität“ dabei nicht in den Weg stellen.

Der Papst kommentiert in diesen Wochen bei seinen Generalaudienzen Bibelstellen aus der Apostelgeschichte. Diesmal war eine Vision des hl. Petrus aus dem 10. Kapitel dran: Sie lässt den Apostelfürsten verstehen, „dass nicht die Kategorien rein und unrein zählen, sondern der Mensch und die Absicht seines Herzens“. „Denn das, was den Menschen unrein macht, kommt nicht von außen, sondern von innen – das hat Jesus klar gesagt.“

“ Das erste Mal, dass so etwas passiert ”

Franziskus referierte, wie Petrus, durch seine Vision ermuntert, den Heiden Cornelius tauft – ein entscheidender Schritt des Christentums von seinen jüdischen Ursprüngen hin zur Universalität.

„In diesem Haus eines Heiden predigt Petrus den gekreuzigten und auferstandenen Christus und die Vergebung der Sünden für alle, die an ihn glauben. Und während er spricht, kommt der Heilige Geist auf Cornelius und seine Familie herab. Daraufhin tauft Petrus sie im Namen Jesu Christi. Ein außerordentlicher Schritt – es ist das erste Mal, dass so etwas geschieht!“

Petrus hat dazugelernt

Kein Wunder, dass die Gemeinde von Jerusalem dem Petrus daraufhin Vorhaltungen gemacht habe. „Also so etwas! Petrus hat etwas getan, das über das Übliche, über das Gesetz hinausging! Das werfen sie ihm vor. Petrus selbst aber ist nach seiner Begegnung mit Cornelius freier von sich selbst und noch stärker mit Gott und den anderen verbunden. Er hat im Wirken des Heiligen Geistes den Willen Gottes erfahren.“

Der Apostel, als dessen Nachfolger sich die Päpste begreifen, habe damals verstanden, dass Israel durch seine Auserwählung Vermittler des Segens Gottes unter den Völkern sein solle.

“ Sich von den Überraschungen Gottes verzaubern lassen ”

„Liebe Brüder und Schwestern, vom Apostelfürsten lernen wir, dass jemand, der das Evangelium verbreitet, sich dem kreativen Wirken Gottes nicht in den Weg stellen darf, sondern die Begegnung der Herzen mit dem Herrn fördern sollte. Und wir – wie verhalten wir uns denn unseren Schwestern und Brüdern gegenüber? Vor allem den nichtchristlichen gegenüber? Sind wir ein Hindernis für die Begegnung mit Gott? Behindern wir ihre Begegnung mit dem Vater, oder erleichtern wir sie ihnen?

Gott „will, dass alle Menschen gerettet werden“, zitierte Papst Franziskus aus dem 1. Brief des Paulus an Timotheus (2,4). „Bitten wir heute um die Gnade, uns von den Überraschungen Gottes verzaubern zu lassen und seine Kreativität nicht zu behindern, sondern die immer neuen Wege zu erkennen und zu fördern, durch die der Auferstandene seinen Geist über der Welt ausgießt und sich als ,der Herr aller‘ (Apg 10,36) zu erkennen gibt!“

(vatican news)

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Papst Franziskus verurteilt Beihilfe zum Suizid

Franziskus bei seiner Audienz für Mediziner (Vatican Media)

Mit deutlichen Worten hat Papst Franziskus ärztliche Beihilfe zur Selbsttötung von Schwerkranken verurteilt. Kein Arzt dürfe sich zum „Ausführer eines nicht existenten Rechts“ aufschwingen.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Das sagte der Papst am Freitag zu italienischen Chirurgen im Vatikan. „Die Medizin ist von ihrem Wesen her Dienst am menschlichen Leben: Dienst am ganzen Menschen und an jedem Menschen“, so Franziskus. „Ärzte brauchen neben ihrer technisch-beruflichen Kompetenz einen Wertekodex, mit dem sie den Sinn einer Krankheit und ihrer eigenen Arbeit einordnen und aus jedem klinischen Fall eine menschliche Begegnung machen können.“

Gerade bei schweren Krankheiten müssten Patienten „bewusst, mit Intelligenz und Herz“ begleitet werden. „Mit dieser Einstellung kann man die Versuchung zurückweisen, zu der auch Änderungen der Rechtslage beitragen: dass man nämlich die Medizin nutzt, indem man den möglichen Todeswunsch des Kranken ausführt oder dazu Beihilfe leistet. Das sind voreilige Lösungen für Fragen, bei denen es – anders als man denken könnte – nicht um die Freiheit der Person geht, oder ein falsches Mitleid… Es gibt kein Recht, über das eigene Leben verfügen; kein Arzt kann sich also zum Ausführer eines nicht existenten Rechts machen.“

Franziskus zitiert Lebensschutz-Enzyklika von Johannes Paul II.

Der Papst zitierte auch seinen Vorgänger, den hl. Johannes Paul II. Dieser hatte 1995 in seiner Enzyklika „Evangelium Vitae“ geschrieben:

„In dem heutigen kulturellen und sozialen Umfeld, in dem die Wissenschaft und die ärztliche Kunst Gefahr laufen, die ihnen eigene ethische Dimension zu verlieren, können sie bisweilen stark versucht sein, zu Urhebern der Manipulation des Lebens oder gar zu Todesvollstreckern zu werden. Angesichts dieser Versuchung ist ihre Verantwortung heute enorm gewachsen und findet ihre tiefste Inspiration und stärkste Stütze gerade in der dem Ärzteberuf innewohnenden, unumgänglichen ethischen Dimension, wie schon der alte und immer noch aktuelle hippokratische Eid erkannte, demgemäß von jedem Arzt verlangt wird, sich zur absoluten Achtung vor dem menschlichen Leben und seiner Heiligkeit zu verpflichten.“

Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge

Um’s Thema Gesundheit drehte sich auch eine weitere Ansprache, die der Papst an diesem Freitag gehalten hat. Zu Mitarbeitern einer US-Hilfsorganisation sprach er über ein „weltweites Menschenrecht auf Gesundheitsleistungen“; es sei „eine wesentliche Dimension“ für die menschliche Entwicklung.

„Allerdings wird dieses Recht auf weltweitem Level nur wenigen garantiert und vielen vorenthalten! Und selbst dort, wo die Gesundheitsfürsorge garantiert ist, wird sie oft von technischen Erwägungen dominiert, was den letzten Sinn dieser Fürsorge entstellt. Diese Fürsorge ist nämlich nicht nur eine technische Aktivität, sondern hat etwas mit Hingabe und Nächstenliebe zu tun.“

(vatican news – sk)

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Papst Franziskus an Religionstreffen: „Frieden kennt keine Grenzen“

Teilnehmerinnen am Madrider Friedenstreffen (ANSA)

„Zeugnis geben für die Kraft des ‚Geistes von Assisi‘, der Gebet zu Gott und Förderung des Friedens unter den Völkern bedeutet“: So beschreibt Papst Franziskus das Anliegen des Friedenstreffens der Religionen und Kulturen, das in die 33. Runde geht. Das von der SantʼEgidio-Gemeinschaft organisierte Treffen, das noch bis Dienstag in der spanischen Hauptstadt Madrid tagt, will Krieg, Gewalt und Rassismus eine klare Absage erteilen.

Silvia Kritzenberger – Vatikanstadt

Seit nunmehr 33 Jahren greift SantʼEgidio den „Geist von Assisi“ auf und verbreitet mit dem Friedenstreffen der Religionen die Botschaft des ersten großen Friedensgebets, das Johannes Paul II. im Oktober 1986 einberufen hatte. Die diesjährige Auflage, die vom 15. bis 17. September in Madrid stattfindet, steht unter dem Motto „Frieden ohne Grenzen“. Aus ganz Europa werden Tausende von Teilnehmern erwartet, die Krieg und das wachsende Klima von Gewalt und Rassismus nicht länger hinnehmen wollen.

Pilgerweg des Friedens

„Es ist eine Quelle der Freude zu sehen, dass dieser Pilgerweg des Friedens nie unterbrochen wurde, ja sogar weiterwächst“, beginnt die Botschaft, die Papst Franziskus zum Auftakt des Treffens an Kardinal Carlos Osoro Sierra, Erzbischof von Madrid, und die Teilnehmer geschickt hat.

Die Kraft des Gebets

Mit Verweis auf den Fall der Berliner Mauer vor 30 Jahren erinnert Franziskus an den Moment, als die „schmerzliche Spaltung des europäischen Kontinents, die so viel Leid verursacht hatte, beendet wurde“. An diesem Tag seien der Welt „neuer Frieden und Hoffnung“ gebracht worden. „Wir sind überzeugt davon, dass die Friedensgebete so vieler Söhne und Töchter Gottes zu diesem Fall beigetragen haben“, betont Franziskus.

Schon die biblische Geschichte von Jericho zeige, dass Mauern fallen, wenn man sie „mit Gebet und nicht mit Waffen belagert, mit Sehnsucht nach Frieden und nicht Eroberung, wenn die Menschen von einer guten Zukunft für alle träumen“. Dazu sei es notwendig, unaufhörlich in der Perspektive des Friedens zu beten und den Dialog voranzutreiben, so der Rat des Papstes: „Der Herr erhört das Gebet seines gläubigen Volkes.“

Das Geschenk Gottes nicht vergeuden

In den ersten zwei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts hätten wir gesehen, wie Gottes Geschenk, das der Frieden ist, mit Kriegen und dem Bau neuer Mauern und Barrieren „vergeudet“ worden sei, beklagt Papst Franziskus in seiner Botschaft. Es sei töricht, „Räume zu schließen und Völker zu trennen, die einen gegen die anderen auszuspielen“. Vielmehr benötige unsere Welt – unser gemeinsames Haus – Liebe, Fürsorge, Respekt, die Menschheit Frieden und Brüderlichkeit. Statt Mauern, die trennen, brauche das gemeinsame Haus offene Türen, die helfen zu kommunizieren, einander zu treffen und zusammenzuarbeiten. Nur so könnten wir friedlich zusammenleben, die Vielfalt respektieren und unsere gemeinsame Verantwortung übernehmen. „Der Friede kennt keine Grenzen“, brachte es Franziskus auf den Punkt.

Die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden

Als Gläubige seien wir uns bewusst, dass das Gebet die Wurzel des Friedens ist, hob Papst Franziskus in seiner Botschaft an die Vertreter der christlichen Kirchen und Gemeinschaften sowie der großen Weltreligionen hervor. Das Gebet, das zu Gott emporsteige, verbinde uns, lasse uns einander nah fühlen, ohne Verwirrung zu stiften. Schließlich würde uns in der Vielfalt unserer Erfahrungen und religiösen Traditionen doch die gemeinsame Sehnsucht nach Frieden verbinden.

Die Geschwisterlichkeit unter den Menschen fördern

Papst Franziskus erinnert in seiner Botschaft auch daran, dass er erst im Februar dieses Jahres in Abu Dhabi mit dem Großscheich von al-Azhar das „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt“ unterzeichnet hat. Ein Dokument, das die gemeinsame Verpflichtung enthalte, „das Vergießen von unschuldigem Blut zu stoppen und Kriegen, Konflikten, Umweltzerstörung und dem kulturellen und moralischen Niedergang, den die Welt derzeit erlebt, ein Ende zu setzen.“ Den Teilnehmern vertraute er die Aufgabe an, sich die Ziele dieses Dokuments zu eigen zu machen. Schließlich habe der Geist von Assisi, 800 Jahre nach dem Treffen des hl. Franz mit dem Sultan, auch die Arbeit inspiriert, die zum Dokument von Abu Dhabi geführt hat, betonte Franziskus.

(vatican news)

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D: Richard Henkes selig gesprochen

Deutschland hat einen neuen Seligen: Es ist der Pallottinerpater und Nazigegner Richard Henkes (1900-1945), der 1945 im KZ Dachau gestorben ist. Kurienkardinal Kurt Koch hat ihn am Sonntag im Limburger Dom selig gesprochen.

An dem feierlichen Gottesdienst in der romanischen Basilika nahmen etwa tausend Menschen teil, darunter viele aus Polen und der Tschechischen Republik. Henkes hat sich in Dachau freiwillig um Typhuskranke gekümmert und ist am 22. Februar 1945 selbst an der Krankheit gestorben.

Kardinal Koch erklärte in seiner Predigt, Henkes habe sich im KZ mutig und selbstlos für Menschen eingesetzt, die keine Hoffnung auf Überleben hatten. Mit seinem Gottvertrauen und seiner Opferbereitschaft habe er das christliche Menschenbild gegen die Ideologie der Nationalsozialisten verteidigt: „Auch an dem menschenverachtenden Ort hat er seine Glaubensüberzeugung bewahrt und seinen christlichen Dienst an den an Typhus erkrankten Menschen ausgeübt“, so der Präsident des Päpstlichen Einheitsrates. Der 21. Februar ist künftig der Gedenktag für Henkes.

Märtyrer aufgrund von „Hass auf den Glauben“

Henkes wurde in Ruppach im Westerwald geboren und 1925 in Limburg zum Priester geweiht. Ab 1931 arbeitete er als Prediger und Exerzitienleiter in Oberschlesien. Mehrmals wurde er wegen regimekritischer Predigten bei der Gestapo angezeigt. Im April 1943 positionierte er sich gegen den Abtransport von Kranken aus der örtlichen Heilanstalt und nannte das Vorgehen Mord. Er wurde wegen „Aufwiegelung des Volkes von der Kanzel“ verhaftet und schließlich ins KZ Dachau gebracht. Das Verfahren zur Seligsprechung wurde 2003 vom damaligen Limburger Bischof Franz Kamphaus eröffnet. Im Dezember 2018 folgte Papst Franziskus der Empfehlung und erkannte Henkes als Märtyrer aufgrund von „Hass auf den Glauben“ an.

(vatican news – sk)

Kardinal Koch hat uns seine Predigt bei der Seligsprechung zur Verfügung gestellt. Hier finden Sie den vollen Wortlaut.

„Die Seligen und Heiligen sind die Antworten Gottes auf die Fragen von uns Menschen. Und sie sind die besten Exegeten des Evangeliums. Denn sie haben das Wort Gottes nicht nur gelesen und interpretiert; sie haben es vor allem mit ihrem eigenen Leben bezeugt. Dies gilt in besonderer Weise vom seligen Pallottinerpater Richard Henkes, der sich während der Typhusepidemie, die im Konzentrationslager Dachau im Übergang zwischen den Jahren 1944 und 1945 ausgebrochen war, in den Quarantäneblock 17 freiwillig einschliessen liess, um die von dieser schweren Krankheit betroffenen Häftlinge zu pflegen, der sich dabei infiziert hat und am 22. Februar 1945 in Dachau gestorben ist. Die Lebenshingabe von Pater Henkes bis zum Tod für andere Menschen hat Papst Franziskus als Martyrium anerkannt; und der Heilige Vater hat entschieden, dass Pater Henkes seliggesprochen wird. Pater Henkes steht vor uns als Märtyrer der Nächstenliebe, der sein Leben als Opfer für Christus hingegeben und damit Anteil am Kreuz Jesu Christi erhalten hat.

Das Kreuz Jesu als Liebesbeweis Gottes

Es ist von daher ein ebenso schönes wie sinnvolles Zusammentreffen, dass die Seligsprechung von Pater Henkes am Fest der Kreuzerhöhung, das in der Diözese Limburg als besonderes Bistumsfest begangen wird, gefeiert werden kann. Denn Pater Henkes ist ein besonders glaubwürdiger Exeget der Verkündigungstexte des heutigen Festes, das uns das Kreuz Jesu als Zeichen der grenzenlosen Liebe Gottes zu uns Menschen nahebringt. Der Evangelist Johannes verdichtet das Geheimnis des Kreuzes Jesu Christi in dem wunderbaren Spitzensatz: „Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 16). Das Kreuz ist die Erscheinung der grössten Liebe Gottes zu uns Menschen. Und es ist das deutlichste Zeichen dafür, dass Jesus sich nicht bloss mit verbalen Liebeserklärungen an uns Menschen begnügt, dass er vielmehr einen sehr hohen Preis für seine Liebe bezahlt hat, indem er am Kreuz in Liebe sein Herzblut für uns Menschen investiert und uns das kostbarste Geschenk, das ewige Leben, gegeben hat.

Das Kreuz Jesu ist keineswegs, wie heute selbst nicht wenige Christen meinen, ein Gegensatz zur Liebe Gottes und kein Widerspruch zur Würde des Gottessohnes, sondern die glaubwürdige Darstellung seiner Liebe zu uns Menschen und zu seiner ganzen Schöpfung. Der Evangelist Johannes nimmt die in der alttestamentlichen Lesung berichtete Geschichte vom Aufhängen der Schlange aus Kupfer an einer Fahnenstange durch Mose als Vorausbild dafür, dass auch die Erniedrigung Jesu in seinem Leiden und Sterben bereits Erhöhung ist: „Wie Mose die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat“ (Joh 3, 14-15). Das Kreuz Jesu schenkt uns die wunderschöne Botschaft: Wer bis in den Tod hinein von Jesus Christus geliebt ist, der darf sich wirklich geliebt wissen und über dieses Geschenk der Erlösung froh werden. Denn in der Liebe Jesu am Kreuz sind wir erlöst von unseren Sünden; und seine Liebe ist der Wärmestrom der Erlösung, nämlich des Geschenks des ewigen Lebens.

Das heutige Kreuzfest lädt uns ein, im Geheimnis der Kreuzesliebe Jesu noch tiefer zu bohren. Aus eigener Erfahrung wissen wir alle, dass es Liebe nicht ohne Opfer und nicht ohne Leiden geben kann. Dies gilt zumal im Licht des christlichen Glaubens, in dem das Opfer seinem tiefsten Wesen nach nicht mit dem Bösen und der Sünde verbunden ist, sondern mit der Liebe. Denn Liebe gibt es nicht ohne Opfer; Liebe als Hingabe des eigenen Lebens für Andere ist Opfer. Dieses Liebesopfer hat Jesus am Kreuz für uns Menschen dargebracht, indem er die an ihm geübte Gewalt in Liebe für uns Menschen umgewandelt hat. Die Passion Jesu ist das Ur-Martyrium und zugleich das Urbild des Martyriums der ihm Nachfolgenden, die Anteilhabe am Kreuzesgeheimnis Jesu erhalten haben.

Martyrium als höchster Akt der Liebe

Dieser Zusammenhang ist im Martyrium von Pater Henkes sichtbar geworden. Wie Jesus Leiden und Kreuz nicht gesucht, sondern sich am Willen Gottes für das Leben der Menschen orientiert hat und wegen seiner Liebe zu uns Menschen getötet worden ist, so hat auch Pater Henkes das Martyrium keineswegs gesucht, sondern er hat es als Konsequenz seiner Treue zu seinem katholischen Glauben frei und freiwillig auf sich genommen. Darin besteht die Authentizität seines Glaubenszeugnisses. Denn die christliche Tradition hat die Sehnsucht eines potenziellen Märtyrers nach seinem Getötetwerden geradezu als Infragestellung des Martyriums betrachtet. Das christliche Martyrium ist keineswegs von Todessehnsucht und Lebensverachtung geprägt; sein entscheidendes Merkmal ist vielmehr die Liebe. Das christliche Martyrium ist nur echt, wenn es als höchster Akt der Liebe zu Gott und zu den Brüdern und Schwestern verwirklicht wird, wie das Zweite Vatikanische Konzil hervorgehoben hat: „Das Martyrium, das den Jünger dem Meister in der freien Annahme des Todes für das Heil der Welt ähnlich macht und im Vergiessen des Blutes gleichgestaltet, wertet die Kirche als hervorragendes Geschenk und als höchsten Erweis der Liebe.“ (Lumen Gentium)

Wie Jesus hat auch Pater Henkes in seinem Glauben darum gewusst, dass es Liebe nicht ohne Opfer geben kann. Von dieser Überzeugung ist seine Spiritualität als Priester geprägt gewesen. Bereits vor seiner Priesterweihe hat er die Worte niedergeschrieben: „Ich will in der Hauptsache Opferpriester werden, Kreuzträger für andere.“ Diese Überzeugung, die er kurz vor seiner Weihe zum Ausdruck gebracht hat, ist im Konzentrationslager Dachau harte Realität geworden. Denn auch an diesem menschenverachtenden Ort hat er seine Glaubensüberzeugung bewährt und seinen christlichen und priesterlichen Dienst an den an Typhus erkrankten Menschen ausgeübt. Sein Leben in Dachau, zunächst auf der Plantage, dann im Postdienst, anschliessend beim Desinfektionskommando und schliesslich beim Krankendienst im Block 17 ist ein glaubwürdiges Zeugnis seiner Lebenshingabe bis zum Tod, indem er vor allem ein Beispiel der Liebe bis zur Ganzhingabe seiner selbst für die Kranken ohne Hoffnung auf Überleben gegeben hat.

Das Martyrium von Pater Henkes ist freilich nicht zu verstehen ohne seine tiefe Verwurzelung im katholischen Glauben. Im beschwerlichen Leben im Konzentrationslager Dachau hat er sich stets bestärken lassen im persönlichen Gebet und vor allem in der regelmäßigen Teilnahme an der Heiligen Messe. In der Eucharistie, in der wir die sakramentale Vergegenwärtigung des Liebesopfers Jesu am Kreuz feiern und Gott bitten, dass auch wir „eine Opfergabe in Christus“ werden, ist ihm die Glaubensverpflichtung bewusstgeworden, selbst eucharistische Hingabe für andere zu werden und sich als lebendige Hostie für die Menschen hinzugeben, die seine Liebe nötig haben.

Martyrium als Konsequenz gelebten Glaubens

Sein Zeugnis des Glaubens und seiner Lebenshingabe bis zum Tod wird erst voll verständlich auf dem Hintergrund seines ganzen Lebens. Pater Henkes hat mit seinen Augen des Glaubens sehr früh und klar wahrgenommen, dass die nationalsozialistische Ideologie mit dem christlichen Menschenbild schlicht nicht zu vereinbaren ist, weil sie keine menschlichen und christlichen Werte vertritt, sondern neuheidnische Ideen propagiert. Pater Henkes hat sensibel verspürt, was der Propagandaminister Goebbels in seinem Tagebuch hemmungslos notiert hat: „Der Führer ist tief religiös, aber ganz antichristlich. Er sehe im Christentum ein Verfallssymptom, eine Abzweigung der jüdischen Rasse, eine Absurdität, der er allmählich auf allen Gebieten das Wasser abgraben werde. Er hasst das Christentum, das den freien, hellen, antiken Tempel in einen düsteren Dom, mit einem schmerzverzerrten. Gekreuzigten Christus verwandelt habe.“ Angesichts dieser neuheidnischen Ideologie hat Pater Henkes geahnt, dass überall dort, wo Gott klein gemacht und aus der Öffentlichkeit verdrängt wird, auch der Mensch klein gemacht wird, wie wir dies im vergangenen Jahrhundert in den antichristlichen Diktaturen des Nationalsozialismus und des sowjetischen Kommunismus zur Genüge erfahren mussten. In seinem christlichen Glauben ist Pater Henkes überzeugt gewesen, dass nur dort, wo Gott durch uns Menschen gross gemacht wird, wie Maria dies im „Magnifikat“ exemplarisch vorgelebt hat, dass nur dort der Mensch gerade nicht kein gemacht wird, sondern an der Grösse der Liebe Gottes Anteil erhält.

Bei seinen verschiedenen Aufgaben als Lehrer und Seelsorger, als Exerzitienbegleiter und Wallfahrtsprediger in Vallendar-Schönstatt und in Oberschlesien ist Pater Henkes immer wieder in Konflikt mit den Repräsentanten des Nazi-Regimes geraten und wurde zweimal von der Gestapo verhört. Als er sich in Branitz in einer Predigt gegen das eugenische Programm der Nazis und konkret gegen den Abtransport von kranken Menschen aus den dortigen Heilanstalten gewandt hatte, wurde er von der Gestapo verhaftet, während sieben Wochen in Ratibor in Isolationshaft gehalten und zum Abtransport nach Dachau verurteilt. Im dortigen Konzentrationslager hat er die neuheidnische Ideologie der Nazis am eigenen Leib erfahren. Da seine Gefangennahme und seine Verurteilung zum Lager in Dachau von seinem Glaubenszeugnis und seinem priesterlichen Handeln motiviert gewesen ist, steht der Sachverhalt seines Martyriums aus Hass auf den Glauben („in odium fidei“) fest.

Seligsprechung als Christusverehrung

Die Fama seines Martyriums hat bereits beim Tod von Pater Henkes begonnen. Auf dem Weg der Bestechung des Krematoriumswärters durch priesterliche Mitbrüder konnte erreicht werden, dass der Leichnam von Pater Henkes einzeln verbrannt und seine Asche so geborgen werden konnte. Später wurde sie nach Limburg gebracht, wo sie im Friedhof der Pallottiner aufbewahrt ist. Wenn heute seine Reliquien im Gottesdienst erhoben worden sind, drücken wir damit unseren Glauben aus, dass Gott in seiner Liebe so treu zu uns Menschen steht, dass er sich zu unserem ganzen Menschsein und damit auch zu unserer Leiblichkeit bekennt.

Die heutige Feier der Seligsprechung ist gewiss ein Tag der Freude zunächst für die Gemeinschaft der Pallottiner und das Bistum Limburg, besonders für die Heimatpfarrei Ruppach im Westerwald, und für die Katholiken in Tschechien, wo Pater Henkes auch gewirkt hat. Es ist ein Tag der Freude für die ganze Kirche in Deutschland, indem die heutige Feier uns nahelegen will, dass die eigentlichen Reformer der Kirche die Seligen und Heiligen sind. Denn wir können in struktureller Hinsicht nur das Äusserste tun, wenn wir auch bereit sind, im Glauben das Innerste zu tun, wie Papst Franziskus in seinem Brief „An das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ in Erinnerung gerufen hat. Und es ist ein Tag der Freude für die weltweite Kirche. Denn in Pater Richard Henkes steht ein authentischer Zeuge des Glaubens vor uns, der in seinem Gottvertrauen und in seiner Opferbereitschaft das christliche Menschenbild gegen die menschenverachtende Ideologie der Nazis verteidigt und sich für die Würde des Menschen mit jenem großem Mut eingesetzt hat, der ihm das Leben gekostet hat.

Pater Henkes ist ein Märtyrer der Nächstenliebe in tiefer Verbundenheit mit Christus. In seinem Geist begehen wir das heutige Fest nur, wenn wir seine Seligsprechung als Verehrung Jesu Christi begehen. Denn der christliche Märtyrer stirbt nicht einfach für eine Idee, und sei es auch die höchste Idee der Menschenwürde. Er wird vielmehr „mit Christus gekreuzigt“ und stirbt „mit jemandem, der schon vorweg für ihn gestorben ist“ (Hans-Urs von Balthasar). In dieser Verbindung zwischen dem Kreuzestod Jesu und dem Glaubenszeugnis des Martyriums leuchtet der tiefe Sinn auf, dass wir die Seligsprechung von Pater Richard Henkes am Kreuzfest feiern dürfen, über dem der Eröffnungsvers steht: „Wir rühmen uns des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus. In ihm ist uns Heil geworden und Auferstehung und Leben. Durch ihn sind wir erlöst und befreit.“ Amen.

(vatican news – sk)

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Papst Franziskus zum Start des „Bildungspakts“

BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM START DES BILDUNGSPAKTS

 

Liebe Freunde,

in der Enzyklika Laudato siʼ habe ich alle eingeladen, an der Bewahrung unseres gemeinsamen Hauses mitzuwirken und sich gemeinsam den Problemen zu stellen, die uns herausfordern. Nach einigen Jahren erneuere ich nun meine Einladung zum Dialog über die Art und Weise, wie wir die Zukunft des Planeten gestalten, und über die Notwendigkeit, die Talente aller zu mobilisieren, denn zu jeder Veränderung gehört ein Bildungsprozess, um eine neue weltweite Solidarität und eine gastfreundlichere Gesellschaft zu fördern.

Zu diesem Zweck möchte ich eine internationale Veranstaltung am 14. Mai 2020 ankündigen, die unter dem Thema „Wiederherstellung des globalen Bildungspakts“ steht: ein Treffen zur Wiederbelebung des Engagements für und mit den jungen Menschen, bei dem die Begeisterung für eine offenere und integrativere Bildung, die fähig ist, geduldig zuzuhören, einen konstruktiven Dialog und gegenseitiges Verständnis zu fördern, erneuert wird. Noch nie zuvor war es so notwendig, die Bemühungen in einem breiten Bildungsbündnis zu vereinen, um reife Menschen zu formen, die in der Lage sind, Spaltungen und Gegensätze zu überwinden und das Gefüge der Beziehungen für eine geschwisterlichere Menschheit wiederherzustellen.

Die heutige Welt befindet sich in einem ständigen Wandel und ist vielfach krisengeschüttelt. Wir erleben einen epochalen Wandel: eine Metamorphose nicht nur kultureller, sondern auch anthropologischer Art, die neue Sprachen hervorbringt und Paradigmen, die uns die Geschichte überliefert hat, unterscheidungslos verwirft. Die Bildung kollidiert mit der sogenannten Rapidación („Beschleunigung“), die die Existenz in den Sog der technologischen und digitalen Geschwindigkeit einsperrt und ständig die Bezugspunkte verändert. In diesem Zustand verliert die Identität selbst an Konsistenz und die psychologische Struktur zerfällt angesichts eines unaufhörlichen Wandels, der »im Gegensatz zu der natürlichen Langsamkeit der biologischen Evolution steht« (Enz. Laudato siʼ, 18).

Doch jede Veränderung braucht einen Bildungsprozess, der alle einbezieht. Aus diesem Grund ist es notwendig, eine Bildungsgemeinschaft als ein „Dorf der Bildung“ zu errichten, in dem wir in Vielfalt die Verpflichtung teilen, ein Netzwerk von offenen menschlichen Beziehungen aufzubauen. Ein afrikanisches Sprichwort besagt: „Um ein Kind zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf“. Wir müssen aber dieses Dorf als Voraussetzung für die Bildung errichten. Zunächst muss durch die Ausbreitung der Geschwisterlichkeit der Boden bereitet und von der Ungleichbehandlung befreit werden, wie ich in dem Dokument bekräftigt habe, das ich am vergangenen 4. Februar mit dem Großimam von Al-Azhar in Abu Dhabi unterzeichnet habe.

In einem solchen Dorf ist es einfacher, eine globale Verständigung zu finden für eine Bildung, die in der Lage ist, eine Verbundenheit herzustellen zwischen allen Aspekten der Person: zwischen Studium und Leben; zwischen den Generationen; zwischen Lehrenden und Studierenden, zwischen den Familien und der Zivilgesellschaft mit ihren intellektuellen, wissenschaftlichen, künstlerischen, sportlichen, politischen, unternehmerischen und solidarischen Ausdrucksformen. Eine Allianz zwischen den Bewohnern der Erde und dem „gemeinsamen Haus“, dem wir Sorge und Respekt schulden. Eine Allianz, die Frieden, Gerechtigkeit und Akzeptanz unter allen Völkern der Menschheitsfamilie sowie den Dialog zwischen den Religionen schafft.

Um diese globalen Ziele zu erreichen, muss der gemeinsame Weg des „Dorfes der Bildung“ wichtige Schritte unternehmen. Erstens, den Mut zu haben, die Person in den Mittelpunkt zu stellen. Aus diesem Grund muss ein Bündnis besiegelt werden, um formellen und informellen Bildungsprozessen eine Seele zu geben. Sie dürfen nicht verkennen, dass alles in der Welt eng miteinander verbunden ist und dass es – entsprechend einer gesunden Anthropologie – notwendig ist, alternative Wege der Definition von Wirtschaft, Politik, Wachstum und Fortschritt zu finden. Auf einem Weg der integralen Ökologie wird der eigene Wert jedes Lebewesens in den Mittelpunkt gestellt, in Bezug auf den Menschen und seiner Umwelt, und ein Lebensstil vorgeschlagen, der die Wegwerfkultur ablehnt.

Zweitens braucht es den Mut, mit Kreativität und Verantwortung die besten Energien zu investieren. Das proaktive und zuversichtliche Handeln öffnet die Bildung für eine langfristige Planung, die nicht unter den statischen Bedingungen versandet. Auf diese Weise werden wir Menschen haben, die offen und verantwortungsbewusst sind und bereit, Zeit zum Zuhören, zum Dialog und zur Reflexion zu finden, und die in der Lage sind, ein Geflecht von Beziehungen zu Familien, zwischen Generationen und zu den verschiedenen Ausdrucksformen der Zivilgesellschaft aufzubauen, um so einen neuen Humanismus zu bilden.

Drittens braucht es den Mut, Menschen zu bilden, die bereit sind, sich in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Das Dienen ist eine tragende Säule der Kultur der Begegnung: »Es bedeutet, sich über den Bedürftigen zu beugen und ihm die Hand zu reichen, ohne Berechnung, ohne Angst, mit Zärtlichkeit und Verständnis, wie Jesus sich niedergebeugt hat, um den Aposteln die Füße zu waschen. Dienen bedeutet, an der Seite der Bedürftigsten zu arbeiten, mit ihnen vor allem menschliche Beziehungen aufzubauen, ihnen nahe zu sein, Bande der Solidarität zu knüpfen«.[1]Im Dienen erfahren wir, dass Geben seliger ist als Nehmen (vgl. Apg 20,35). Vor diesem Hintergrund müssen sich alle Institutionen nach den Zielen und Methoden fragen lassen, mit denen sie ihrem Bildungsauftrag nachkommen.

Aus diesem Grund möchte ich Sie alle in Rom willkommen heißen, die Sie mit verschiedenen Funktionen in der Bildung, Wissenschaft und Forschung tätig sind. Ich lade Sie ein, zusammen durch einen gemeinsamen Bildungspakt diejenigen Dynamiken zu fördern und zu aktivieren, die der Geschichte einen Sinn geben und sie in eine positive Richtung lenken. Gemeinsam mit Ihnen appelliere ich an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die weltweit Verantwortung tragen und denen die Zukunft der neuen Generationen am Herzen liegt. Ich bin zuversichtlich, dass sie meine Einladung annehmen werden. Und ich appelliere auch an Euch, junge Menschen, an dem Treffen teilzunehmen und Euch verantwortlich zu fühlen für den Aufbau einer besseren Welt. Das Treffen findet am 14. Mai 2020 in Rom in der Aula Pauls VI. im Vatikan statt. Eine Reihe von thematischen Seminaren in verschiedenen Bildungseinrichtungen wird die Vorbereitung der Veranstaltung begleiten.

Lasst uns gemeinsam Lösungen finden, ohne Angst Transformationsprozesse starten und mit Hoffnung in die Zukunft blicken. Ich lade einen jeden und eine jede ein, ein Protagonist dieses Bündnisses zu sein und sich persönlich und gemeinschaftlich dafür einzusetzen, zusammen den Traum von einem solidarischen Humanismus zu verwirklichen, der den Hoffnungen des Menschen und dem Willen Gottes entspricht.

Ich freue mich auf Sie, und schon jetzt grüße und segne ich Sie.

 

Aus dem Vatikan, 12. September 2019

 

FRANZISKUS

 


[1] Ansprache beim Besuch des Zentrums für Migranten Astalli in Rom, 10. September 2013.

 

Papst Johannes Paul II. zu den Terroranschlägen am 11. September 2001

JOHANNES PAUL II.

GENERALAUDIENZ

Mittwoch, 12. September 2001

Ich kann diese Audienz nicht beginnen, ohne meinen tiefen Schmerz zum Ausdruck zu bringen über die Terroranschläge, die gestern Leid und Zerstörung über Amerika gebracht und Tausende von Todesopfern und zahllose Verletzte gefordert haben. Dem Präsidenten der Vereinigten Staaten und allen amerikanischen Bürgern spreche ich mein tief empfundenes Beileid aus. Angesichts eines solch unaussprechlichen Schreckens können wir alle nur zutiefst beunruhigt sein. Ich vereine meine Stimme mit all den Stimmen, die in diesen Stunden ihre Empörung und Verurteilung äußern, und ich betone erneut, daß die Wege der Gewalt niemals zu wirklichen Lösungen der Menschheitsprobleme führen werden.

Gestern war ein dunkler Tag in der Geschichte der Menschheit, es ereignete sich ein schrecklicher Angriff auf die Würde des Menschen. Seit dem Moment, als ich die Nachricht erhielt, habe ich die Entwicklung der Lage mit großer Sorge weiterverfolgt, und ich habe mein inniges Gebet zum Herrn erhoben. Wie ist es nur möglich, daß solche Taten bestialischer Grausamkeit geschehen können? Das menschliche Herz hat Abgründe, die gelegentlich Pläne unerhörter Ruchlosigkeit hervorbringen können. Diese führen dann dazu, in wenigen Augenblicken das friedliche Alltagsleben eines Volkes zu zerstören. Wenn in solchen Momenten jedes Wort unangemessen scheint, kommt uns der Glaube zu Hilfe. Allein das Wort Christi kann uns helfen, eine Antwort auf die Fragen zu geben, die unser Gemüt quälen. Alle, die an Gott glauben, wissen, daß auch dann das Böse und der Tod nicht das letzte Wort haben, wenn die Mächte der Finsternis zu triumphieren scheinen. Auf dieser Wahrheit gründet die christliche Hoffnung; in diesen Stunden bezieht unser im Gebet verankertes Vertrauen daraus seine Kraft.

Mit tief empfundener Anteilnahme wende ich mich in diesem Augenblick der Angst und Fassungslosigkeit, in dem die Tapferkeit so vieler Männer und Frauen guten Willens auf eine harte Probe gestellt wird, an das geliebte Volk der Vereinigten Staaten. In ganz besonderer Weise umarme ich die Angehörigen der Toten und der Verletzten und versichere sie meiner geistlichen Nähe. Die wehrlosen Opfer dieser Tragödie, für deren ewige Ruhe ich heute morgen die heilige Messe gefeiert habe, vertraue ich der Barmherzigkeit des Allerhöchsten an. Möge Gott den Überlebenden Kraft schenken. Er komme den Rettungskräften und den vielen Freiwilligen zu Hilfe, die in diesen Stunden all ihre Kräfte einsetzen, um mit dieser dramatischen Notsituation fertig zu werden. Ich bitte euch, liebe Brüder und Schwestern, schließt euch meinem Gebet an.

Laßt uns Gott bitten, daß die Spirale von Haß und Gewalt nicht die Oberhand gewinnt. Möge die allerseligste Jungfrau, die Mutter der Barmherzigkeit, die Herzen aller mit Gedanken der Weisheit und dem Streben nach Frieden erfüllen.

* * * * *

An die englischsprachigen Teilnehmer der Generalaudienz wandte sich der Papst mit folgenden Worten: 

Heute gilt meine tief empfundene Anteilnahme dem amerikanischen Volk, das gestern von unmenschlichen Terroranschlägen getroffen wurde, die das Leben Tausender unschuldiger Menschen gefordert und die Herzen aller Männer und Frauen guten Willens mit unaussprechlichem Leid erfüllt haben. Gestern war in der Tat ein dunkler Tag in unserer Geschichte, ein schrecklicher Angriff auf den Frieden, ein furchtbarer Anschlag auf die Menschenwürde.

Ich lade euch alle ein, mit mir zusammen die Opfer dieser erschütternden Tragödie der ewigen Liebe des allmächtigen Gottes anzuempfehlen. Laßt uns seinen Trost erflehen für die Verletzten, für die betroffenen Familien und für alle, die ihr Äußerstes tun, um die Überlebenden zu bergen und den Betroffenen zu helfen. Ich bitte Gott, dem amerikanischen Volk die Kraft und Mut zu schenken, die es in dieser Zeit des Leids und der Prüfung braucht.

An die Angehörigen des Karmelordens aus aller Welt richtete Johannes Paul II.  folgende Grußworte:

Besonders herzlich begrüße ich die Familie der Karmeliten, die anläßlich der Gedenkversammlung zum 750. Jahrestag der Übergabe des Skapuliers mit einer großen Gruppe von Pilgern aus verschiedenen Ländern hier zusammengekommen ist. Meine Lieben! Dieser freudige Anlaß betrifft nicht nur die Verehrer der Muttergottes vom Berg Karmel, sondern die gesamte Kirche, denn das reiche marianische Erbe der Karmeliten wurde im Laufe der Zeit, auch dank der sich immer mehr ausbreitenden Verehrung des hl. Skapuliers, zu einem Schatz für das ganze Gottesvolk. Schöpft ständig aus diesem wundervollen spirituellen Erbe, um Tag für Tag glaubhafte Zeugen Christi und seines Evangeliums zu sein.

Zu dieser besonderen Aufgabe habe ich euch in einem eigenen Schreiben aufgefordert, das ich am vergangenen 25. März an die Generaloberen des Ordens der Karmeliten und des Ordens der Unbeschuhten Karmeliten richtete. Darin schrieb ich unter anderem, daß das Skapulier im wesentlichen ein Gewand ist: Es erinnert einerseits an den steten Schutz der Jungfrau Maria in diesem Leben und im Übergang zur Fülle der ewigen Herrlichkeit. Andererseits weckt es in uns das Bewußtsein, daß die Verehrung Mariens eine Art »Uniform«, also ein christlicher Lebensstil, sein muß, erfüllt von Gebet und innerlichem Leben. Ich wünsche euch, daß dieser Jahrestag für jeden von euch eine Gelegenheit zu persönlicher Umkehr und gemeinschaftlicher Erneuerung sei. Gebt hierbei stets Antwort auf die Gnade Gottes, die uns auf dem Weg zur Heiligkeit Kraft verleiht.


FÜRBITTEN

Der Heilige Vater:

Brüder und Schwestern,
angesichts der entsetzlichen, zerstörerischen Gewalt wenden wir uns mit großer Bestürzung, aber von jenem Glauben gestärkt, der seit jeher unsere Väter geleitet hat, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Retter seines Volkes, und flehen ihn mit kindlichem Vertrauen an, uns in diesen Tagen der Trauer und des unverschuldeten Leids zu Hilfe zu kommen.

Vorsänger: Dominum deprecemur: Te rogamus, audi nos.

1. Für die Kirchen des Ostens und Westens, und insbesondere für die Kirche in den Vereinigten Staaten von Amerika, daß sie, obwohl sie gegenwärtig von Trauer und Ohnmacht gebeugt ist, sich auf die Mutter des Herrn besinnt, die sich beim Kreuz des Sohnes als starke Frau erwies. Möge sie dadurch in den Herzen den Wunsch nach Versöhnung und Frieden nähren und sich für den Aufbau der Zivilisation der Liebe einsetzen.

2. Für alle, die den Namen Christen tragen, daß sie in den traurigen Ereignissen einer Menschheit voller Unverständnis und Haß weiterhin Zeugen der Gegenwart Gottes in der Geschichte und des Sieges Christi über den Tod bleiben.

3. Für die Verantwortlichen der Nationen, daß sie sich nicht von Haß und Vergeltung leiten lassen. Mögen sie alles unternehmen, um zu verhindern, daß Vernichtungswaffen erneut Haß und Vergeltung säen können. Ihr Bemühen gehe dahin, der Dunkelheit der menschlichen Wechselfälle
mit Werken des Friedens zu begegnen.

4. Für die Menschen, die wegen des gewaltsamen Verlusts von Verwandten und Freunden weinen und leiden. Mögen sie sich in dieser leidvollen Stunde nicht von Schmerz, Verzweiflung und Rache überwältigen lassen, sondern auch in Zukunft an den Sieg des Guten über das Böse, des Lebens über den Tod glauben und sich für den Aufbau einer besseren Welt einsetzen.

5. Für alle, die bei diesen sinnlosen Terroranschlägen verletzt und in tiefes Leid gestürzt worden sind, damit sie bald ihr inneres Gleichgewicht und ihre Gesundheit wiedererlangen. Mögen sie, frei von nachtragenden und rachsüchtigen Gefühlen, in Dankbarkeit gegenüber dem Geschenk des Lebens in ihren Herzen den Wunsch nach Aufbau, Zusammenarbeit und Dienst für jede Lebensform nähren und zu Erbauern der Gerechtigkeit und des Friedens werden.

6. Für die Brüder und Schwestern, die im Wahn der Gewalt den Tod gefunden haben. Mögen sie im Frieden des Herrn ihre sichere Freude und das Leben ohne Ende finden. Ihr Sterben sei nicht umsonst gewesen, sondern es werde zum Sauerteig für eine neue Zeit der Brüderlichkeit und Zusammenarbeit zwischen den Völkern.

Der Heilige Vater:

O Herr Jesus, gedenke bei deinem Vater unserer verstorbenen Brüder und Schwestern und all jener, die leiden. Denke auch an uns, und laß uns mit deinen Worten beten:

Pater noster …

Allmächtiger und barmherziger Gott, wer Zwietracht sät, kann dich nicht verstehen, wer Gewalt liebt, kann dich nicht aufnehmen: Schau auf unseren leidvollen Zustand als Menschen, von grausamen Todes- und Terroranschlägen geprüft, tröste deine Kinder, und öffne unsere Herzen für die Hoffnung, damit unser Zeitalter wieder Tage der Ruhe und des Friedens erleben kann. Durch Christus, unseren Herrn.

Amen.

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HORA TERTIA EINEN MONAT NACH DEN
TERRORANSCHLÄGEN IN DEN USA AM 11. SEPTEMBER 2001

GEBET VON JOHANNES PAUL II.

Donnerstag, 11. Oktober 2001

Am 11. Oktober – einen Monat nach den schrecklichen Terroranschlägen in den USA – begannen die Synodenväter in Anwesenheit von Papst Johannes Paul II. die 16. Generalkongregation mit einem eindringlichen Gebet für den Frieden in der Welt. Der Papst richtete beim gemeinsamen Stundengebet, der »Hora tertia«, folgende Worte an die Synodenteilnehmer:

Brüder und Schwestern,
liebe Synodenväter,
einen Monat nach den unmenschlichen Terroranschlägen,
die in verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten von Amerika verübt wurden,
wollen wir die unzähligen unschuldigen Opfer erneut
der ewigen Barmherzigkeit des Gottes unserer Väter empfehlen.

Wir bitten um Trost und Beistand
für ihre Familienangehörigen und Verwandten,
die vom Schmerz niedergedrückt werden;
wir erflehen Kraft und Mut für alle,
die auch weiterhin an den Orten des schrecklichen Unglücks im Einsatz sind;
wir bitten darum, daß alle Menschen guten Willens
mit Beharrlichkeit und Ausdauer
auf den Wegen der Gerechtigkeit und des Friedens vorangehen.

Der Herr möge aus dem Herzen des Menschen
jede Form von Groll, Feindschaft und Haß entfernen
und mache ihn bereit zur Versöhnung,
zur Solidarität und zum Frieden.

Beten wir dafür, daß sich überall auf der Welt
die »Zivilisation der Liebe« ausbreiten möge …

Allmächtiger und barmherziger Gott,
es kann Dich nicht verstehen, wer Zwietracht sät,
es kann Dich nicht aufnehmen, wer die Gewalt liebt:
Schau auf unsere schmerzerfüllte Menschennatur,
die von abscheulichen Anschlägen des Terrors und des Todes heimgesucht wird,
tröste Deine Kinder und öffne unsere Herzen für die Hoffnung,
damit unsere Zeit noch Tage der Ruhe und des Friedens erlebe.

Durch Christus unsern Herrn.

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„Cui bono? Welche ‚List der Idee‘ steckt hinter dem Ganzen?“

04 September 2019, 06:00

„Mit Entsetzen, tiefer Bestürzung und Trauer verfolge ich mit vielen Kollegen die in einer Nacht- und Nebelaktion durchgesetzten Entscheidungen“ – Offene Stellungnahme zu den Turbulenzen um das Institut Papst Johannes Paul II. – Von Norbert Martin

Rom (kath.net) Offene Stellungnahme zu den Turbulenzen um das „Familieninstitut „Papst Johannes Paul II.” in Rom

Gerichtet an:
Erzbischof Vincenzo Paglia, Großkanzler des Instituts
Msgr. Pierangelo Sequeri, Präsident des Instituts
Kardinal Giuseppe Versaldi, Präfekt der Bildungskongregation
Erzbischof Vincenzo Zani, Sekretär der Bildungskongregation

Durch die breite Berichterstattungen in den Medien (Tagespost, kath.net, CNA und viele andere im Ausland) und die Veröffentlichungen des Briefes der Studentenvertreter des Instituts mit inzwischen über 1.500 Unterschriften von Studenten und Alumnen, sowie des ausführlichen Interviews des Vize-Präsidenten Prof. Granados sowie den Interviews der Professoren MelinaGrygiel und von Prof. Pesci von der staatlichen Universität La Sapienza/Rom, sind die Tatsachen und die momentane Lage des „Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie“ Instituts an der Lateran-Universität in Rom, das Papst Johannes Paul II. 1981 gegründet hat, allgemein bekannt. Deshalb setzen wir deren Kenntnis im Folgenden voraus.

Seit meiner (Prof. Martin) Berufung als erster Soziologe an das Institut durch Papst Johannes Paul II. 1981 war ich für ca. zwei Jahrzehnte mit seinem Auf- und Ausbau durch seinen ersten Präsidenten, dem späteren Kardinal Prof. Dr. Carlo Caffarra, vertrauensvoll verbunden. In mehreren Sitzungen mit dem gesamten internationalen Lehrkörper zusammen mit Papst Johannes Paul II. wurden damals die Vision des Papstes und seine Zielsetzung intensiv beraten. Der Papst (und nach ihm auch gleichermaßen Papst Benedikt XVI.) erhofften sich mit der Gründung dieses neuartigen Instituts eine weitreichende Erneuerung der katholischen Theologie und Pastoral von Ehe und Familie. Wir alle waren und sind überzeugt, dass der Kirche und Welt von der göttlichen Vorsehung in Papst Johannes Paul ein charismatischer Neuaufbruch auf dem Gebiet der kirchlichen Ehelehre geschenkt wurde (anthropologische Begründung von „Humanae vitae“, Personalismus, Entfaltung des Ehesakraments usw.), der zugleich ein Bollwerk darstellt gegen inzwischen aufgekommene familienfeindliche Ideologien.

Das Institut entwickelte unter der Führung seines Präsidenten und führenden Moraltheologen Carlo Caffarra (zuletzt Kardinal von Bologna), seiner Nachfolger Kardinal Angelo Scola (Mailand) und Livio Melina in den folgenden Jahrzehnten eine enorme Wirkung und Ausbreitung in vielen Ländern der Erde (Gründung verschiedener Filialinstitute). Ich kann aus eigenem Erleben bekunden, wie hier in freundschaftlicher Zusammenarbeit ein interdiziplinäres und internationales Institut aufgebaut wurde, in dem in bisher unbekannter Weise verschiedene Disziplinen und deren Professoren und Dozenten (Theologie, Soziologie, Anthropologie, Pädagogik, Spiritualität, Psychologie, NER, Politologie) integrativ in Hinsicht auf das Ehe- und Familienthema zusammen lehrten und forschten.

Diese segensreiche Entfaltung fand nun ein abruptes Ende durch das eigenwillige Vorgehen des von Papst Franziskus neu eingesetzten Großkanzlers Erzbischof Paglia und des neuen Präsidenten Mons. Sequeri. Mit Entsetzen, tiefer Bestürzung und Trauer verfolge ich mit vielen Kollegen in aller Welt die in einer beispiellosen „Nacht- und Nebelaktion“ durchgesetzten Entscheidungen: die Ersetzung der alten durch neue Statute, die Entlassung aller Professoren und die neuen Studienbedingungen für die Studenten. Das alles stellt uns vor die Fragen: Cui bono? Was geht hier vor? Welche „List der Idee“ steckt hinter dem Ganzen? Welche Motivationen, ideologischen Absichten und zielführenden Handlungsstrategien bestimmen die Akteure? Kann es sein, dass die von seinem Gründer vorgegebene Linie der Orientierung an der bisherigen Lehre der Kirche (z. B. die Enzykliken und Apostolischen Lehrschreiben Humanae vitae, Fides et ratio, Veritatis splendor, Evangelium vitae usw.) den leitenden Personen teilweise obsolet erscheint und man mit allen erdenklichen Mitteln eine „liberalere“ Wende herbeiführen will, was nur gelingen würde, wenn damit die Abschaffung der ursprünglichen Vision Papst Paul II. einherginge?

Es heißt, eine „Neugründung sei notwendig“ geworden, weil „bestimmte Aspekte nicht mehr zeitgemäß“ seien. Welche Aspekte sind das und welche sind jetzt „zeitgemäßer“? Die Fragen beziehen sich ganz offensichtlich in erster Linie auf das Fachgebiet der Moral. Es ist bekannt, dass hier in der Kirche seit langem ein erbitterter Kampf zwischen verschiedenen Richtungen tobt. Wurde Prof. Livio Melina und allen anderen Entlassen vielleicht ihre Treue zu Humanae vitae und Veritatis splendor, ihre Orientierung an der Lehrtradition der Päpste von Paul VI. über Johannes Paul II. bis zu Benedikt XVI. zum Verhängnis? Missfällt den aktuellen Hochschul-Autoritäten diese theologische Ausrichtung? Warum diese subtil-hintergründige Vorgehensweise? Warum kämpft man nicht „mit offenem Visier“?

Es scheint eine Frage der Zeit zu sein, bis das am Gründer des Instituts orientierte Lehrpersonal durch ein neues ersetzt ist, das dann den neuen, „zeitgemäßeren Aspekten“ entspricht. Darauf weisen die jetzt schon Druck erzeugenden willkürlichen Restriktionen auf die Dozenten (z. B. auf Prof. Grygiel vom Woityla-Lehrstuhl des Instituts, Prof. Luisa di Pietro – beide wurden inzwischen entlassen) und andere hin. Wenn statt dessen Dozenten Lehraufträge erhalten, die über die moralische Rechtmäßigkeit von Verhütung nachdenken oder homosexuelle Handlungen in manchen Situationen für möglich und akzeptabel halten, dann wird der Relativismus deutlich, der hier die Grundlagen der diesbezüglichen kirchlichen Lehre zerstört. Die Handlungen des Menschen werden in der Folge dann nicht mehr nach den Grundsätzen einer naturrechtlich begründeten Morallehre beurteilt, nach der es „in sich“ schlechte und böse Handlungen gibt („intrinsice malum“), die dem Menschen immer und unter allen Umständen verboten sind.

Vielmehr werden dann seine Handlungen nach den Grundsätzen einer neuen, der sog. „autonomen Moral“ (Proportionalismus, Güterabwägung) vom Menschen selbst abwägend als „gut oder böse“ qualifiziert, bzw. nach ihren Folgen beurteilt (Konsequentialismus). Das ist eine Lehre, die der von Papst Johannes Paul II. vertretenen und an seinem Institut bisher gelehrten diametral entgegensteht und die in der Enzyklika „Veritatis splendor“ 1993 eindeutig als nicht katholisch verworfen wurde. Man lese in diesem Zusammenhang auch die luzide Analyse der eigentlichen Hintergründe der „Missbrauchskrise“, die kürzlich von Papst Emeritus Benedikt XVI. vorgelegt wurde und in der die verderbliche Rolle dieser sog. „autonomen Moral“ und der 68-er Revolution deutlich dargestellt sind. Der Freiburger Moraltheologe Schockenhoff hat eben erst in einem Vortrag vor der deutschen Bischofskonferenz mit Bezug auf diese bisher in der Kirche abgelehnte autonome Moral öffentlich die „Theologie des Leibes“ von Papst Johannes Paul II. kritisiert und zurückgewiesen.

Offenbart sich hier vielleicht der tiefste und eigentliche Grund der Zerstörung des bisherigen römischen Instituts: die Ersetzung eines an der naturrechtlichen Begründung der Moral insgesamt orientierten Lehrpersonals durch einen die „autonome Moral“ akzeptierenden Lehrkörper?

Nachdem der erste Pulverdampf sich langsam verzieht, wird das Ausmaß des Schadens sichtbar: Zunächst ist offensichtlich, dass hier in eklatanter Weise gegen Recht und Gesetz der in der europäischen Universitätstradition sich herausgebildeten Verfahrensregeln verstoßen worden ist. Insofern kann man den Protest, der sich allenthalben im akademischen Raum der kirchlichen und weltlichen Universitäten gegen diese unverhohlene Verletzung und Missachtung der akademischen Freiheit erhebt, verstehen und voll unterstützen. Es sind ja keinerlei persönlich oder wissenschaftlich relevante Vergehen der beiden hauptbetroffenen und Knall auf Fall von ihren festen Lehrstühlen entlassenen Professoren Melina und Noriega und aller übrigen bekannt, auf Grund derer man ihnen – ohne fairen Prozess, ohne Anhörung oder Gerichtsverfahren, ohne Beteiligung der legitimierten Gremien – von heute auf morgen die Lehrstühle entzogen hat. Das gleiche gilt für die übrigen Professoren, die jetzt entlassen sind und auf ihre eventuelle neuerliche Einstellung warten. Von was und wem ist diese Neueinstellung abhängig, nachdem ihre Qualifikation bei ihrer ersten Einstellung schon geprüft wurde? Haben sie eine erwartete Beflissenheit vermissen lassen? Spielen hier Aspekte eines bestimmten „Wohlverhaltens“ (wem gegenüber?) eine Rolle, ihre „Eignung“ hinsichtlich neuer kirchlicher Orientierungen der Lehre oder irgendwelche Missliebigkeiten? Der Willkür und den evtl. interessegesteuerten subjektiven Entscheidungen derer, die die Macht haben, sind hier Tür und Tor geöffnet. Die Unsicherheit schwebt wie ein Damoklesschwert über den Köpfen dieser Professoren.

Führt man sich die Summe der Neuerungen insgesamt vor Augen, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es letztlich hinter den Nebelkerzen und durchsichtigen Intrigen tatsächlich ein verborgenes Ziel gibt: die Zerstörung des Erbes von Papst Johannes Paul II., das Beiseiteschieben der grundlegenden Dokumente seines Pontifikates (Familiaris consortio, Fides et ratio, vor allem auch Veritatis splendor und Evangelium vitae und anderer Lehrschreiben), sowie der Mittwochskatechesen zur „Theologie des Leibes“, deren Lehre und Verbreitung eben beginnen, europaweit eine segensreiche Wirkung zu entfalten. Dafür nimmt man den beispiellosen Eingriff in die akademische Freiheit und in die Selbstverwaltungskompetenz der universitären Gremien in Kauf. Welche Folgen dieser Paukenschlag insgesamt für die kirchlichen Hochschulen weltweit und insbesondere die römischen haben wird (die ja an die europäisch-universitären Standards durch juristische Verträge gebunden sind – u.a. auch durch den sog. „Bologna-Prozess“), ist noch gar nicht absehbar – aber dass die Folgen schwerwiegend sein werden, ist jetzt schon klar. Wie ein pyroklastischer Strom bei einem Vulkanausbruch werden sich die Folgen durch die universitäre Landschaft verbreiten. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die für die Misere Verantwortlichen Papst Franziskus ein Kuckucksei ins Nest gelegt haben!

Betrachtet man den allgemeinen Niedergang des Glaubens – vor allem in Europa -, dann wird deutlich, welch ein Geschenk der Vorsehung das Pontifikat des heiligen Papstes Johannes Paul II. mit seinen Initiativen der „Familiensynode 1980“, des „Päpstlichen Rates für die Familien“, des „Instituts Johannes Paul II.“ und seine verschiedenen Lehrschreiben darstellen. Welche „Fehlentwicklungen“ und Gefahren müssten denn korrigiert werden – wenn nicht die, dem Zeitgeist vielleicht ungenügend widerstanden zu haben, dem Ehe, Familie und die diesbezügliche Lehre der Kirche ein Dorn im Auge sind?

Das Vorgehen der Akteure zeigt ein Doppeltes: fehlende Dialogbereitschaft, die von ihrem Vorgesetzen Papst Franziskus immer wieder für alle Ebenen des Vatikans angemahnt wird, und ausgeprägten Klerikalismus als Machtmissbrauch, den der Papst oftmals beklagt hat. Hier offenbart sich nicht selbstloser Dienst an der Sache sondern kalte Herrschaft. Die Instrumentalisierung des Instituts, seiner Professoren und Studenten (s. deren Reaktionen) hat einen Schwelbrand entfacht mit noch unabsehbaren Folgen für die Reputation der Kirche auf dem Gebiet der universitas; für die Gegner der Lehre der Kirche sind es auflodernde Freudenfeuer

Wo ist die Feuerwehr, die diesen Brand löscht? Wie kann man sich eine Lösung der verfahrenen Situation vorstellen? Man gewinnt beim Abwägen aller bisher bekannter Tatsachen den Eindruck, dass hier ein bewusst andere Ziele anvisierender Lenker großen Schaden anrichtet – woraus sich vernünftigerweise nur eine klare Konsequenz ergibt: Man muss ihn entlassen und durch einen vertrauenswürdigen Steuermann ersetzen, der den status-quo-ante wieder herstellt (Zurücknahme der autoritären Maßnahmen, vor allem der Wiedereinsetzung der grundlos entlassenen Professoren), damit das Institut in Ruhe seine bisherige segensreiche Wirkung weiter entfalten kann. Der Schlüssel dazu liegt bei Papst Franziskus.

Eine der weitreichendsten Folgen der Vorgänge am Institut dürften die für die zukünftige Entwicklung der „Theologie des Leibes“ sein. Diese Lehre, deren Entdeckung, Entfaltung und Bedeutung für die Theologie insgesamt nach George Weigel im 21. Jahrhundert „wie eine Bombe hochgehen“ wird, erfährt eine akademische Bedeutung im deutschsprachigen Raum nur an der „Theologischen Hochschule Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien (daneben gibt es vielversprechende Projekte in Deutschland, Frankreich, Österreich, Holland und weiteren Ländern, vor allem auch den USA, die sich mehr und mehr vernetzen). Offensichtlich schätzt Papst Franziskus diese Lehre seines Vorgängers hoch, denn in seinem Apostolischen Schreiben „Amoris laetitia“ (Über die Liebe in der Familie) zitiert er elfmal aus der „Theologie des Leibes“ und insgesamt 24mal aus „Familiaris consortio“, der großen Summa seines heiligen Vorgängers über die Familie. Umso weniger ist der jetzt vollzogene scharfe Bruch in der Entwicklung des Instituts zu verstehen, zumal Papst Franziskus noch im September 2017 seinem Vorgänger Johannes Paul II. eine „weitblickende Intuition“ (s. Brief der Studenten) bei der sog. „Neugründung“ des Familieninstituts bescheinigt hatte. Man wird abzuwarten haben, welche Bedeutung die „Theologie des Leibes“ in der weiteren Zukunft des Instituts noch haben wird – bisher spielte sie in Lehre und Forschung eine zentrale Rolle. Hoffen wir, dass ihre weltweite Entfaltung durch den „Tsunami“, der momentan über das Institut fegt, nicht abgewürgt wird und sie ihre segensreiche Wirkung für eine moderne, genuin katholische Ehekatechese, von der schon so viel junge Eheleute angezogen wurden, auch in Zukunft entfalten kann.

Prof. em. Dr. Norbert Martin, Universität Koblenz; von 1981-1993 Soziologe am Institut Johannes Paul II.; Vizepräsident des „MEDO-Instituts in Rolduc/Holland; Auditor der Bischofssynode über die Familie 1980; Mitglied des „Päpstlichen Rates für die Familie“ von 1981 – 2016; Professor am Studiengang „Theologie des Leibes“ an der Theologischen Hochschule „Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien

Prof. em. Dr. Manfred Spieker, Christliche Soziallehre an der Universität Osnabrück
Prof. Dr. Katrin Keller, Doz. an der Universität Koblenz und am Interdiziplinären Zentrum für Gesundheitswissenschaften der PTH Vallendar

Dozentin Renate Martin, Ehespiritualität am Medo-Institut in Rolduc/Holland und Studiengang „Theologie des Leibes“ an der Theologischen Hochschule „Benedikt XVI.“ in Heiligenkreuz bei Wien; von 1981 – 2016 Mitglied des „Päpstlichen Rates für die Familie“; Auditorin der Bischofsynode über die Familie 1980

Akademischer Direktor Dr. Helmut Müller i. R., Sozialethik, Moraltheologie und Philosophie an der Universität Koblenz

Prof. Dr. Jean Marie Meyer, Philosophe Agrégé de l’Univerité 1 de Paris

Prof. Dr. Thibaut-Colliste, Pilosophe Agrégé de l’Université 1 de Paris

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Quelle

Archivbild: Papst Johannes Paul II.