DAS HEILIGE HAUS IN TERSATZ / LORETO

Loretto_Santa_Casa_1-1Die denkwürdigste Stätte von Nazareth im Heiligen Land ist wohl unstreitig „Mariae Verkündigung„. Sie ist der prächtigste Bau des Städtchens und wohl eines der schön­sten Heiligtümer des HI. Landes. Sie gehört den Katholiken. Die Kirche ist nicht groß und im Verhältnis zur Höhe und Breite vielleicht etwas zu kurz. Nicht die Patres, nicht die Baumeister sind schuld daran, sondern die Habsucht und Geldgier der damaligen Türken, welche nur gegen große und uner­schwingliche Geldsummen eine größere Länge zugestehen wollten. Im Barockstil gar schön und solid gebaut, ist sie reich mit Marmor geziert und doch nicht mit Schmuck überladen. Auf mächtigen Säulen, neben welchen rechts und links ein Seitengang hinführt, ruht das Gewölbe. Der Hochaltar, der über dem ehemaligen Hause Mariens steht, ist ein herrliches, von Gold und Mar­mor strotzendes Weihegeschenk des Kai­sers Franz Joseph von Osterreich. Zwei marmorne Treppen von je 12 Stufen führen hinauf, eine andere breitere von 15 Stufen aber führt in die Grottenkapelle, das Naza­reths größtes Heiligtum in sich birgt. Die orientalischen Christen wag(t)en nur mit bloßen Füßen dasselbe zu betreten. Diese Grotte heißt „Engelskapelle“ und bezeich­net genau die Stelle, welche heute noch von den Grundmauern des hl. Hauses umfaßt wird. Sie ist an den Wänden mit weißem Marmor bekleidet, hat zwei Altäre von weißem und Säulen von buntfarbigem Marmor, während oben die natürlichen Felsen sichtbar sind. Der Altar links ist dem hl. Erzengel Gabriel, jener zur Rechten dem hl. Joachim und der hl. Anna geweiht. Eine Granitsäule, halb in die Wand eingelassen, bezeichnet den Ort, an dem der Erzengel Gabriel gestanden. Eine andere aus Porphyr, 50 cm im Durchmes­ser, aber die Stelle, an der die hochge­benedeite Jungfrau betete, als sie die frohe Botschaft empfing. Die Sara­zenen, welche in derselben verborgene Schätze zu finden hofften, haben sie in der Mitte entzweigeschlagen. Der obere Teil samt dem Kapitäle ist durch Klammern mit dem Gewölbe dauerhaft befestigt und hängt noch von der Decke herunter in die Luft. Nach der Überlieferung soll sie von der hl. Helena herrühren. In der Mitte der Rück­wand gelangt man zwei Staffeln tiefer in den vordern Teil der Felsengrotte, in der der Altar der Verkündigung steht. (Auf diesem Altar wurde immer die Missa de Annuntiatione B.M.V., von der Verkündigung Marias gelesen.) Unter und über dem Altar brennen zahlreiche goldene und silberne Lampen zwischen mit frischen Blumen geschmückten Urnen. Ein schönes Ölgemälde stellt die Szene der Verküdigung dar. Auf dem Marmorboden sind in Goldschriftdie Worte zu lesen:

Verbum hic caro factum est.“
„Das Wort ist hier Fleisch geworden.“

Die hintere ganz dunkle Kapelle hat einen Altar (Das Altargemälde stellt die Flucht nach Aegypten dar.) mit der Inschrift:

„Hic erst subditus illis.“
„Hier war er ihnen untertan.“

Ein enger Gang führt 12 Stufen aufwärts in eine zweite dunkle Felsenhöhle, welche als Küche der hl. Jungfrau bezeichnet wird. Ein uralter Kamin, den man dort heute noch sieht, scheint diesen Namen zu rechtferti­gen.

Diese hervorragende Stätte war die Wohnung des hl. Joachim und der hl. Anna, dann der Aufenthalt des hl. Joseph, oder besser gesagt, der durch eine lange Reihe von Jahren ärmste und heiligste Palast Jesu, Mariä und Josephs.

Nicht mit Unrecht wird daher das hl. Haus sowohl vor als nach der Himmelfahrt Christi ehrwürdig genannt. Man kann es gewissermaßen als das Buch von der Nachfolge Christi bezeichnen, in dem Gelehrte und Ungelehrte, Arm und Reich, Hohe und Niedere lesen können.

Daß dies hl. Haus zuerst in der Stadt Naza­reth gestanden, geht hervor aus Lukas Kap. 1, in dem es heißt: „In jener Zeit ward der Erzengel Gabriel von Gott gesandt in eine Stadt Galiläas, mit Namen Nazareth, zu einer Jungfrau, welche mit einem Manne vom Hause Davids verlobt war, welcher Joseph hieß, und der Name der Jungfrau war Maria“ u.s.w.

Die Überlieferung, die Apostel hätten dieses hl. Haus wegen der hohen, zum Heile des menschlichen Geschlechtes darin vollbrach­ten Geheimnisse, in ein Bethaus verwandelt, indem sie es mit großer Feierlichkeit ein­weihten, kann vernünftigerweise nicht ange­zweifelt werden, im Gegenteil bezeugt schon Flavius Lucius Dexter in seiner Chronik vom Jahre 42 nach Christus folgendes: „Der hl. Jakobus (der ältere nämlich) war in diesem Jahre zugleich mit den andern Aposteln bei der Einweihung des hl. Hauses von Nazareth zugegen, worin die Jungfrau Gott empfing.“

Als der Kirche nach 300jähriger Schmach und Verfolgung der Friede wiedergegeben und die Lehre Christi als Staatsreligion er­klärt worden war, besuchte die hl. Hele­na, die Mutter des Kaisers Konstantin, im Jahre 336 Nazareth und die andern Orte des HI. Landes. Sie umgab das HI. Haus mit einem prachtvollen Tempel, der folgende Inschrift hatte: „Dieses ist das Heiligtum, in welchem der erste Grund zum Heile der Menschheit gelegt worden ist.“ (Die Funda­mente sind, da das hl. Haus bekanntlich ohne dieselben übertragen wurde, heute noch an der Stätte Mariae Verkündigung zu sehen.)

Um das Jahr 386 kamen der hl. Hierony­mus und die hl. Paula nach Nazareth und besuchten mit andächtigem Herzen das in besagter Basilika gelegene Haus. Der hl. Hieronymus sagt ausdrücklich: „Nazareth ist ein kleiner Ort in Galiläa und hat eine Kirche an der Stätte, wo der Engel zur hl. Maria kam, um ihr die Botschaft zu bringen, und eine andere, wo der Herr auferzogen wurde.“ (Hieronymus, de locis Hebr., cap. 16.) Das Gleiche bestätigen uns der hl. Antonius der Martyrer, Arculf und Willibald. Von jetzt an mehren sich die Besuche aus dem Abendland. Doch waren die Pilger vor den Überfällen wilder Araber oder der Sarazenen nie sicher. Mit der Herrschaft der Türken, welche um das Jahr 1050 Jerusalem und das hl. Land eroberten, wurden diese Bedrückungen noch ärger. Als in den ruhmvollen Tagen des ersten Kreuzzuges der kühne und fromme Tan­kred Fürst von Galiläa wurde, bekam Nazareth einen Erzbischof, und die Reihen­folge seiner Nachfolger wurde selbst nach der für die Herrschaft der Christen im Mor­genland verhängnisvollen Schlacht bei Hittin (5. Juli 1187) nicht unterbrochen.

Hierher pilgerte 1219 der hl. Franz von Assisi. Wir lesen in der Ordenschronik des Minoritenordens: „Endlich kam er nach Nazareth, um das Haus zu verehren, in welchem das Wort ist Fleisch geworden. Hier fiel er auf seine Kniee und begann mit häufigen Thränen den kostbaren Boden zu benetzen, den Jesus und Maria so oft betre­ten haben.“

Als König Ludwig IX., nach seinem unglücklichen Kreuzzug aus der Gefangen­schaft des ägyptischen Sultans befreit war, besuchte er vor seiner Heimreise noch den geheiligten Boden. Am 25. März 1252 kniete er voll Andacht im hl. Hause und empfing unter Tränen die hl. Kommunion am Verkündigungsaltar. Zum Andenken an diesen Besuch ließ König Ludwig ein Wand­gemälde an der innern Wand des hl. Hau­ses anbringen, das ihn selbst im Gebete vor dem Bild der hl. Jungfrau darstellt. Im Jahr 1626 war dies noch im hl. Haus zu Loreto  sichtbar, ja selbst heute noch soll ein schar­fes Auge Spuren davon entdecken können. Als im Jahre 1263 Nazareth und das hl. Land in die Hand des wilden, rohen Sultans Bibras kam, wurden die Christen in Palästi­na wieder hart bedrängt. Er zerstörte unter andern Denkwürdigkeiten auch den von der hl. Helena erbauten Dom in Nazareth. Doch das hl. Haus blieb unversehrt. Ein erneuter Versuch der Kreuzfahrer, das HI. Land zu erobern, war 1271 mißlungen, und als 1291 das letzte Bollwerk der Christen, die  herrliche Meeresstadt Ptolemais, in den Besitz des Halbmondes gekommen war, da muß­ten Jahrhunderte vergehen, ehe das Kreuz wieder auf dem geweihten Boden des HI. Landes sich zeigen konnte als leuchtendes und siegreiches Zeichen der Christenheit. Das HI. Haus aber, das Throngemach des einst auf Erden wandelnden Gottmenschen, floh gleichsam von den durch so große Verwüstung und Gottlosigkeit entweihten Gegenden und wurde durch den Dienst der Engel unter dem Pontifikat Nikolaus IV. über Länder und Meere zuerst nach Dalma­tien, später nach Italien getragen.

Die Übertragung des hl. Hauses nach Dalmatien

mapa_do_voo_da_santa_casaAm 10. Mai 1291 gerieten arme Landleute zwischen den Städten Fiume und Tersato in Dalmatien (heute Trsat, Jugoslawien), welche ihr Vieh, wie immer, auf die dort befindlichen Anhöhen trieben, in nicht ge­ringes Erstaunen, als sie auf einer dersel­ben, an einer Stelle, wo noch nie ein Gebäu­de gestanden hatte, ja, wo noch am Abend vorher nicht die geringste Spur eines sol­chen gewesen war, ein unscheinbares Häuschen mit einem Fensterchen, und ei­nem Glockentürmchen gewahrten. Sie wagten nicht, in das Gebäude einzutreten, versammelten aber bald eine ansehnliche Menschenmenge um sich, welche ebenso erstaunt und in Aufregung war. Das Häus­chen war ungefähr 32 Fuß lang, 10 Fuß breit und 18 Fuß hoch. Es war aus einem Gestein gebaut, wie er sich in Dalmatien nicht fand. Ohne Grundmauern stand es auf einer grünenden Wiese. Endlich getrauten sich einige, voll heiliger Ehrfurcht, in das Haus einzutreten und fanden, daß an den Wänden noch Spuren früherer Malereien waren, die Decke aber einen himmelblauen Grund mit goldenen Sternen hatte. Da war ein steinerner Altar mit einem Kreuz, zur Seite in der Wand eine Nische mit einer lieblichen, aus Holz geschnitzten Madon­na, gegenüber stand ein sonderbarer Schrank zur Aufbewahrung von einigem irdenen Geschirr. Während alle voll heili­ger Scheu sich das merkwürdige Haus be­trachteten und allerlei Vermutungen über dasselbe aussprachen, erschien zu ihrem größten Erstaunen der fromme, greise Seelenhirt Alexander di Giorgio zu Tersato. Derselbe war schon seit drei Jahren an das Bett gefesselt und verkündete ihnen mit verklärtem Gesicht, er sei plötzlich geheilt. In der letzten Nacht sei ihm in einer Vision  die Mutter Gottes erschienen und habe ihm  gesagt, daß dieses wunderbare Haus ihr einstiges, irdisches Wohngemach sei, in dem sie des Engels Botschaft empfing. Engelshände hätten es von Nazareth über das Meer getragen. Der Altar in demselben sei vom hl. Petrus selbst errichtet und geweiht, das Kreuzbild und die Madonna seien vom hl. Evangelisten Lukas gemalt.

Tersatto (Santuario antico)Voll heiliger Rührung drängte sich nun das Volk in die Hütte, und bald hatte sich die Kunde von diesem wunderbaren Ereignis überallhin verbreitet. Wie im Hl. Lande, so strömten auch dahin Scharen von Pilgern, ja noch viel größere. Auch zu Ohren des deutschen Kaisers Rudolf von Habs­burg drang die Kunde. Eine eigene Kom­mission von gelehrten und besonnenen Männern wurde nun nach dem Heiligen Land geschickt, welche sich an Ort und Stelle über die Wahrheit erkundigen sollten. Und siehe, in Nazareth fanden sie die Christen untröstlich über den Verlust des Hl. Hauses, welches von ihnen auf unerklärli­che Weise verschwunden war. Das Maß, welches die Männer von dem Häuschen in Dalmatien genommen hatten, stimmte ganz genau mit den in Nazareth noch vorhande­nen Grundmauern und ebenso stimmte die Zeit des Erscheinens des Hauses in Dalma­tien mit dessen Verschwinden in Nazareth überein. Jetzt konnte kein Zweifel mehr sein, und die Pilgerfahrt nach dem neuen Heilig­tum nahm immer mehr zu. Graf Nikolaus Frangipani, Statthalter von Dalmatien, ließ das Hl. Haus mit einem starken, hölzernen Bau umgeben, um es gegen den Einfluß der Witterung zu schützen, ja er hatte schon den Vorsatz gefaßt, eine Kirche zu bauen, um den kostbaren Schatz zu ehren.

Aber die hl. Jungfrau hatte es anders be­schlossen und die Freude der Bewohner zu Tersato und Umgebung sollte nicht von langer Dauer sein.

Übertragung nach Loreto in Italien

In der Nacht des 10. Dezember 1294 verschwand das Hl. Haus von Tersato und ward an die Küste des adriatischen Meeres versetzt, in die Picenische Landschaft. Die ersten Zeugen, die es sahen, waren aber­mals arme Hirten, welche auf einer Anhöhe, unweit der Stadt Recanati, bei ihren Her­den Nachtwache hielten. Sie sahen hoch in den Lüften über dem Meere ein Haus, von Lichtglanz umflossen, heranschweben, das in einem Walde, unweit der Meeresküste, niedergelassen wurde. Sie beeilten sich, die erleuchtete Stelle aufzusuchen und fanden ein Häuschen von fremder Bauart auf einer bis dahin unbewohnten Stelle. Sie traten ein, und alles, was sie sahen, erfüllte sie mit heiliger Andacht und Wonne, aber auch mit Erstaunen. Bis Tagesanbruch verweilten sie betend in dem Heiligtum und betrachteten es mit heiliger Scheu. Voll Freude eilten sie nach Recanati und erzählten ihren Herren alles, was sie in der vergangenen Nacht gesehen und erlebt hatten. Groß war das Erstaunen der Bewohner von Recanati bei dieser Erzählung. Wenn auch anfangs diese nicht recht geglaubt werden wollte, so gaben sie doch dem Drängen der Hirten nach, sich selbst an Ort und Stelle von der Wahrheit der Tatsache zu überzeugen. Und was erblickten sie? Ein Häuschen, von fremdar­tigem Aussehen, nicht erst neu gebaut, ohne Grundmauern auf dem Boden stehend, nir­gends von der Seite gestützt, im Innern aber einen Altar, eine Statue der allerseligsten Jungfrau mit dem Jesuskind auf dem Arm u.s.w. Sofort kehrten sie nach Hause zurück und verkündeten eilends laut das frohe Ereignis. Augenblicklich war die ganze Stadt auf den Beinen. Alles wollte Zeuge sein und beten vor dem wunderbaren Bilde Mariens. Kranke und Sieche fanden plötzlich Heilung in diesem unscheinbaren Häuschen. Sünder bekehrten sich und fingen ein bußfertiges Leben an. Was war wohl natürlicher, als daß dieses Ereignis sich überallhin verbrei­tete und immer mehr Pilgerscharen an sich zog? Zufällig kamen auch einige Kaufleute aus der Gegend von Fiume und Tersato nach Recanati und zogen, als sie von dem neuen Gnadenort hörten, dahin. Aufs höch­ste waren sie erstaunt, als sie in demselben das Hl. Haus von Nazareth erkannten, das zum großen Schmerz der Dalmatiner von ihnen verschwunden war. Als die Recana­ter dies erfuhren, war natürlich ihre Freude unbeschreiblich. Eine nach Dalmatien und Nazareth reisende Gesandtschaft fand alles bestätigt. Von da an strömten wieder Scha­ren von Pilgern zu dem Heiligtum, das den Namen „Domus lauretana“, „Haus von Loreto“, erhielt. Infolge der vielen Pilger zog sich aber auch schlechtes Gesindel in der Umgegend zusammen, das die Pilger überfiel und beraubte, so daß man fast nicht mehr dem Heiligtum sich zu nahen wagte. Doch siehe, das Hl. Haus rückte nun den menschlichen Wohnungen um etwa 1000 Schritte näher, an eine Stelle, die zwei Brüdern von Recanati gehörte. Allein auch hier blieb es nicht. Die beiden Brüder gerieten wegen der vielen Opfergaben miteinander in Streit und zeigten sich so durch ihre Habgier der Gnadenstätte als unwürdig. Gleichsam zur Bestrafung des Unfriedens entfernte sich das Hl. Haus und ward am 7. September 1295 mitten auf die Landstraße gestellt und zwar genau an den heutigen Standort, der nur 200 Schritte vom Gebiete der feindlichen Brüder ent­fernt war und zu Recanati gehörte.

Einige Beweise für die Echtheit des hl. Hauses

102Das ist die Geschichte der wunderbaren Übertragung des hl. Hauses von Nazareth nach Tersato und Loreto. Die ganze Erzäh­lung stützt sich auf die unzweifelhaftesten, geschichtlichen Zeugnisse. Aus der großen Zahl derselben wollen wir nur einige weni­ge anführen.

Eine Gesandtschaft von 16 angesehenen Bürgern der Provinz Picenum, die im Jahre 1296 nach Dalmatien und nachher nach Palästina ging, stimmte genau mit dem Zeugnis der ersten Gesandtschaft aus Dal­matien überein. Auch die kirchliche Obrig­keit untersuchte alles aufs genaueste und strengste. Papst Clemens VII. sandte eine fachkundige Gesandtschaft nach Ter­sato und Nazareth. Diese prüfte dort alle Einzelheiten und fand dabei die Übertra­gung und die Echtheit des Hl. Hauses außer allem Zweifel.

Der edle und fromme Statthalter von Dalma­tien, Nikolaus von Frangipani, ließ auf dem Platze, auf dem das hl. Haus 3 1/2 Jahre gestanden, eine Gedenkkapelle errichten. Ein Nachkomme desselben, Martin mit Namen, erbaute im Jahre 1453 darüber eine geräumige Kirche samt einem Franzis­kanerkloster. Beide stehen heute noch in hohen Ehren. Eine Gedenktafel aus Stein, auf der kurz die Geschichte der Ankunft des hl. Hauses eingegraben ist, findet sich ebenfalls heute noch bei einer Kapelle an der Stiege. Die Inschrift jenes Steines, den Nikolaus Frangipani aufstellen ließ, lautet: „Venne la Casa della Beata Vergine Maria da Nazaret a Tersato l’anno 1291 alli 10 di maggio e si partì alli 10 di dicembre 1294.“ — „Das hl. Haus der gebenedeiten Jungfrau Maria kam den 10. Mai 1291 von Naza­reth nach Tersato und entfernte sich den 10. Dezember 1294 von da wieder.“ (Übri­gens soll, laut kürzlicher Ankündi­gung, Papst Johannes Paul II. am 10. Mai 1991 zur 700-Jahrfeier der Übertragung des HI. Hauses nach Tersatz nach Fiume und Trsat reisen, um an den geplanten großen Feier­lichkeiten teilzunehmen!)

Die Dalmatiner konnten den Verlust des hl. Hauses nur schwer ertragen. Noch lange zogen sie über das Meer nach Loreto und beweinten ihn schmerzlich. Mehr als 200 Jahre nach dem Verschwinden des Hl. Hauses hörte man sie unter Seufzen und Tränen in Loreto rufen: „Komm, o komm zurück, Maria, o heiligste Maria, komm zurück, nach Fiume kehre zurück.“

Im Laufe der Jahrhunderte hat das Hl. Haus von Loreto den geschichtlichen Nachweis wie die kritisch-wissenschaftlichen Untersu­chungen gänzlich ausgehalten. Mit mensch­licher Gewißheit konnten daher die Päpste die Echtheit des Hl. Hauses in Loreto verkün­den. Wir erwähnen aus der großen Zahl derselben — es sind deren mehr als 50 — nur einige wenige Repräsentanten.

Julius II. (1503-13) besuchte 1508 das Heiligtum und sagt von ihm in seiner Bulle vom 23. Oktober 1507: „Daß dort in Loreto das Zimmer ist, in dem die gebenedeite Jungfrau empfangen, in dem sie unter Mit­wirkung des Hl. Geistes den Weltheiland empfing, wo sie ihren Sohn ernährte und erzog.“

Clemens IX. (1667-69) schrieb zum 10. Dezember jene denkwürdigen Worte ins römische Martyrologium: „Laureti in Piceno Translatio sacrae Domus Dei Genitricis Mariae, in qua Verbum Caro factum est.“— „Zu Loreto in Picenum die Übertragung des heiligen Hauses der Gottesgebärerin Ma­ria, in dem das Wort ist Fleisch geworden.“ Innocenz XII. (1691-1700) befahl in der sechsten Lektion den Tagzeiten zum 10. Dezember folgendes beizufügen: „Das Geburtshaus der allerseligsten Jungfrau selbst, durch göttliche Geheimnisse geweiht, ist durch die Engel aus der Gewalt der Ungläubigen zuerst nach Dalmatien, darauf unter der Regierung des hl. Coelestin V. auf das Lauretanische Gebiet in der Provinz Picenum übertragen worden; und daß dies eben jenes Haus sei, in welchem das Wort Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, wird sowohl durch päpstliche Urkunden und die größte Verehrung des ganzen Erd­kreises, als auch durch fortwährende Wun­derwirkung und Verleihung himmlischer Gaben bestätigt. Hierdurch bewogen, hat Innocenz XII., damit die Gläubigen desto eifriger der Verehrung der liebreichsten Mutter gedächten, befohlen, daß die Über­tragung dieses hl. Hauses, welches in der ganzen Provinz Picenum durch ein alljährli­ches Fest gefeiert wird, auch durch eine eigene Messe und ein eigenes Officium verherrlicht werde.“

Von Benedikt XIV. (1740-1758) haben wir eine Abhandlung über die Santa Casa. Dieser große gelehrte Papst erinnert zuerst daran, daß das Wunder der Übertragung des hl. Hauses kein Glaubensartikel sei. Nachdem er aber den Gegenstand ernst behandelt und alle Beweise in Erwägung gezogen hat, drückt er schließlich seine innerste Überzeugung in folgender Weise aus: „Das hl. Zimmer, in dem das Wort Fleisch geworden, ist in Wahrheit durch die Hilfe der Engel hierher getragen worden. Alle Urkunden beweisen es, die sich gleich bleibende Überlieferung, die Zeugnisse der Päpste sowie die noch immer auftretenden Wunder bestätigen es.“ (Benedikt XIV., Abhandlung über die Heiligsprechung und die Feste der hl. Jungfrau)

Pius IX. (1846-78) schreibt in seinem Breve vom 26. Aug. 1852: „Unter allen der Mutter Gottes und der unbefleckten Jungfrau ge­weihten Tempeln gibt es einen, der die erste Stelle einnimmt, und in einem unvergleichli­chen Glanze leuchtet. Das ehrwürdige und erhabene Haus von Loreto, durch die göttli­chen Geheimnisse geweiht, durch unzähli­ge Wunder verherrlicht, durch den Zufluß und die Andacht der Völker geehrt, erfüllt den ganzen katholischen Erdkreis mit dem Ruhm seines Namens und ist mit Recht der Gegenstand der Verehrung aller Völker und aller Geschlechter. In Loreto verehrt man dieses Gott selbst in so mannigfacher Weise teure Haus, das zuerst in Galiläa gebaut, dann von seinen Frundamenten losgelöst und durch göttliche Kraft jenseits des Mee­res zuerst nach Dalmatien und dann nach Italien gebracht wurde. Glückliches Haus, in dem die von Ewigkeit her zur Mutter Gottes bestimmte und von aller Makel der Erbsünde frei bewahrte heilige Jungfrau empfangen, geboren und erzogen ward, wo der himmlische Bote sie „als voll der Gnaden und gesegnet unter den Weibern“ bezeichnete, wo sie von Gott erfüllt und vom Hl. Geist beschattet, ohne eine Spur ihrer Jungfräulichkeit zu verlieren, die Mutter des eingeborenen Sohnes Gottes wurde, des­sen, der da ist der Abglanz der Herrlichkeit des Vates und das Ebenbild seines Wesens, der sich herabließ, von dieser reinen Jung­frau geboren zu werden, um das Menschen­geschlecht zu erretten und zu erkaufen zu einer Zeit, als es durch die Sünde unserer ersten Eltern in die Knechtschaft Satans geraten war. Daher darf man auch nicht überrascht sein, daß seit den ersten Zeiten der christlichen Religion dieses selige in eine schöne Kirche verwandelte Haus der Gegenstand der Ehrfurcht, der Andacht und der Huldigung aller Gläubigen war, daß alle Jahrhunderte seitdem nicht aufgehört haben, dasselbe zu verherrlichen, daß die Fürsten von den entferntesten Gegenden kamen, ihre Huldigung ihm darzubringen und um die Wette mit den kostbarsten Geschenken es schmückten, daß unsere Vorgänger, die Päpste, besonders seit Bonifaz VIII., seligen Andenkens, sich eine Ehre daraus machten, die hehre Wiege der hl. Jungfrau in einen durch den Titel „Basili­ka“ ausgezeichneten, reichen und herrli­chen Tempel einzuschließen und demselben alle Rechte einer Basilika zu verleihen. Um demnach von einem Ende der Erde bis zum andern die Verehrung U.L. Frau von Loreto zur Blüte zu bringen … billigen und bestäti­gen wir alle Ablässe“ …

Leo XIII. sagt in seinem Schreiben anläßlich des 600jährigen Jubiläums der Übertra­gung des Hl. Hauses unterm 23. Januar 1894: „Das glückselige Haus von Naza­reth, worin der Engel die auserwählte Got­tesmutter begrüßte, und worin „das Wort Fleisch geworden ist“, wird mit Recht als eines der heiligsten Denkmäler des christli­chen Glaubens betrachet und geehrt. Zeug­nis dafür geben die Verleihungen und Privi­legien, die unsere Vorgänger gewährten.

Und wie die kirchlichen Aufzeichnungen bestätigen, lenkte dieses Haus, sobald es nach Gottes gütigem Ratschluß in wunder­barer Weise nach Italien in das Gebiet von Picenum übertragen und auf dem loretani­schen Hügel zur Verehrung hingestellt wor­den war, die frommen Wünsche und Bestre­bungen aller stets auf sich und hielt sie rege im Laufe der Jahrhunderte. Erwähnenswert ist, wie viele und großartige Pilgerfahrten allenthalben dorthin sind unternommen worden, wie prächtig man eine Basilika erbaute, die durch ihre Kunstwerke und die Würde ihres Gottesdienstes sehr berühmt ist, und wie ringsherum in gleicher Weise gleich einem zweiten Nazareth, eine neue Stadt unter dem Schutz der hl. Jungfrau sich erhob. Die Verehrung des Ortes wurde noch erhöht und das Vertrauen der Besucher gestärkt durch die zahlreichen und bedeu­tenden, öffentlich wie im Geheimen gespen­deten Wohltaten, die hier wie aus einer beständig fließenden Quelle sich ergossen und durch die Gott den Namen Maria, den man anrief, also zu verherrlichen pflegte, daß die Weissagung: „Selig werden mich preisen alle Geschlechter“ hier aufs herrlich­ste an ihr sich erfüllte. Und wir betrachten mit Freuden, wie in der Erinnerung an diese Wohltaten der Dank, der von den Höchsten wie von den Geringsten in mannigfachen Kundgebungen der Liebe zum Ausdruck kam, die schönste Ruhmeskrone für ihr Haupt tagtäglich flocht.“

Einen weiteren schlagenden Beweis geben uns die wissenschaftlichen Untersuchungen. In neuerer Zeit sind als beredte Zeugen für die Echtheit des hl. Hauses Mineralogie und Chemie eingestanden.

Papst Pius IX. erlaubte im Jahre 1860 dem römischen Prälaten und Gelehrten Bartolini an verschiedenen Stellen der Mauer des hl. Hauses Steine herauszunehmen. Er tat es, hüllte dieselben sorgfältig ein und brachte sie nach Rom in Gewahrsam. Er erkannte, diese Steinsorte finde sich in ganz Italien nirgens vor. Um ja ganz unparteiisch zu verfahren, machte er eine Reise nach Naza­reth, verschaffte sich von dem noch vorhan­denen Fundament des hl. Hauses einige Steine und etwas Mörtel und kehrte nach Rom zurück.

Dort angekommen, übergab er diese Steine und den Mörtel dem fachkundigen Universi­tätsprofessor Dr. Ratti, auf daß er sie che­misch untersuche, ohne ihm übrigens zu sagen, um was es sich handle, oder woher sie stammten. Die Untersuchung ergab, daß die Steine beider Orte in ihrer Zusammen­setzung und ihren Eigenschaften, überhaupt nach jeder Richtung ganz die gleichen sei­en. Alle bestehen aus kohlensaurem Kalk, kohlensaurer Magnesia und aus eisenhalti­gem Thon. Nun aber ist das Gestein in den Felsen von Nazareth Kalkstein, während in der Umgegend von Loreto sich ein solches Gestein nicht vorfindet. Und der Mörtel bestand ebenfalls aus Kalk, der mit einigen Stückchen vegetabilischer Kohle versetztwar. Es ist dies genau die natürliche Beschaffen­heit des Mörtels der alten Gebäulichkeiten Palästinas und namentlich desjenigen, den man heute noch in Nazareth anwendet. In seiner Schrift „Sopra la Santa Casa di Loreto“, Roma 1861, hat Bartolini die Gut­achten des Professors Dr. Ratti veröffentlicht. Man kann also angesichts dieser Untersu­chung mit Recht von Loretos Heiligtum sa­gen: „Wenn die Menschen schwiegen, so würden die Steine reden.“

Noch eines andern Beweises müssen wir aber gedenken, wie hoch diese vier armse­ligen Mauern von Gott selbst geschätzt wurden, und das ist eine außerordentliche Erscheinung und die vielen Wunder.

Ein Einsiedler, Paul della Sylva, der auf einem benachbarten Hügel sich niederge­lassen hatte, sah am 8. September 1297 zuerst ein Licht. Es schien ihm 4 m lang und 2 m breit zu sein. Es kam vom Himmel und schwebte in der Morgendämmerung des genannten Tages, wie einst der Stern über dem Stalle zu Bethlehem, unbeweglich über der Wohnung der heiligen Familie. Diese Lichterscheinung wiederholte sich in dem kommenden Jahre öfters.

Im Jahre 1555 war Riera Augenzeuge hier­von. „Er warf sich“, so sagt er in seiner „Geschichte des erhabenen Hauses von Loreto“, „auf den Boden der Kirche nieder und fühlte sich von einer himmlischen Freu­de überflutet. Er las auf dem Gesichte der ihn umgebenden Gläubigen, in ihren Blicken und ihren Gebärden den gleichen Ausdruck der Gefühle, die ihn selbst erfüll­ten.“ Zwei Jahre später predigte ein Jesuit, mehrere hörten Beicht und einige beteten im hl. Hause, als man plötzlich eine himmlische Flamme gleich einem Kometen am Firma­ment leuchten und auf das hl. Haus herab­schweben sah. Hier blieb sie kurze Zeit, dann umgab sie die im Schiffe versammelte Gemeinde und ruhte nachher auf jedem der Beichtstühle, endlich zog sie nach dem Bilde des Gekreuzigten, das im hl. Hause aufbe­wahrt wird, und nachdem sie daselbst eine Weile geblieben war, verschwand sie. (Tursellinus, Hist. lauret. lib. I. cap. 15,17.) „Wer“, sagt Pater Renzoli, „wer sieht nicht in dieser wunderbaren Erscheinung, daß der Hl. Geist durch den Glanz seiner Flam­men die jungfräuliche Mutter an jener gehei­ligten Stätte verherrlichte, in der er sie über­schattet hat? Wer sieht nicht, daß diese selbe Gnade, welche der hl. Jungfrau selbst und den hl. Aposteln im Abendmahlssaale gewährt worden war, damals im Tempel der Jungfrau erneuert wurde? Wer sieht nicht ein, wie wohlgefällig ihr der hl. Dienst dessen ist, der ihr in ihrem hl. Hause dient, in dem er in dem Sakrament der Buße den großen Schatz der Verdienste ihres Sohnes ausspendet? Und was für ein großes Unter­pfand ist dieses, daß diejenigen Verzei­hung, Gnade und Rettung erlangen wer­den, welche zu den Füßen der Jungfrau kommen, um daselbst, wie die Schlange, die alte Haut ihrer Sünden abzulegen? Und endlich, wer sieht nicht in dieser wunderba­ren Gunst die Fülle der Gaben, welche der Hl. Geist immer bereit ist, in diesem hl. Hause mitzuteilen?“ (La Santa Casa illustra­ta e difesa. Impressa a Macerata 1697.) Und da ist noch eine liebliche Episode aus dem von Wunderdingen ganz erfüllten Leben des hl. Josef von Copertino (1603-1663) aus der Ordensfamilie der schwarzen Fran­ziskaner oder Konventualen zu erwähnen. Nachdem der Heilige auf Geheiß des Hl. Offiziums vier Jahre in verschiedenen einsa­men Kapuzinerklöstern interniert gewesen war, durfte er am 10. Juli 1657 zu seinen Mitbrüdern zurückkehren, und zwar dies­mal nach Osimo unweit Loreto, wo noch immer sein Grab verehrt wird. Auf dem Weg dorthin kehrte er in einem Hause ein, stieg zur Terrasse hinauf und sah in einiger Entfernung die Kuppel einer Kirche. Es handelte sich um die Basilika von Loreto, was der Heilige aber noch nicht wußte. Auf einmal geriet er in Ekstase und rief laut: „O Gott, was ist das, was sehe ich? Wieviel Engel steigen zum Himmel hinauf und stei­gen herunter! Seht ihr sie nicht? Schaut doch, wie sie mit Gnaden ganz beladen herabsteigen und zum Himmel zurückkeh­ren, um neue Gnaden zu holen! Sagt mir, was ist das für ein Ort?“

Also der mystisch begnadete Heilige sieht, wie das Gesicht des Patriarchen Jakob (1 Moses 28), auf das Jesus zu Beginn seines öffentlichen Lebens anspielt (Joh. 1,51), in Loreto eine neue Erfüllung erhält. Wie pas­send ist also als Introitus der Festmesse der Übertragung des Heiligen Hauses 1 Mos. 28,17 gewählt: „Wie ehrfurchtgebietend ist dieser Ort! Ja, hier ist Gottes Haus und hier die Pforte des Himmels!“

Doch kehren wir zum hl. Joseph von Coper­tino zurück. Als er von seinen Begleitern gehört hatte, unter jener Kuppel werde das Hl. Haus von Nazareth verehrt, warf er sich zu Boden und rief: „Kein Wunder, daß die Engel des Paradieses in so großer Zahl dort herabsteigen, wenn der Herr des Paradie­ses dort herabgestiegen ist, um Mensch zu werden. Seht doch, wie dort die göttlichen Erbarmungen herabregnen! 0 glücklicher Ort! 0 seliger Ort!“

Kardinal Borgongini Duca machte dazu die treffende Bemerkung: „Die Äußerungen des hl. Joseph von Copertino über die Santa Casa sind von hoher Bedeutung. Wenn ein von Gott so begnadeter Heiliger im gehobe­nen mystischen Zustand das sagt, wer darf es dann wagen, das Hl. Haus als unechte Reliquie zu verwerfen?“

Anna Katharina Emmerick bietet auch beachtenswerte Aussagen über das Ausse­hen des Marienhauses in Nazareth, über die wunderbare Übertragung eines Teiles desselben, welche zu glauben sie selber sich lange sträubte, und über den ehemali­gen Zustand des Loretoheiligtums, das sie doch niemals auf natürlichem Wege ge­kannt hat. Wenn sie z.B. zu Loreto eine getäfelte, mit Sternmustern geschmückte Decke sieht, so entspricht das durchaus der Wirklichkeit vor 1531. Über jenen Zeit­punkt schreibt Georg Hüffer: „Die alte Holz­decke, welche Eichen-Gebälk besaß, getä­felt und mit einem Ornament von vergolde­ten Sternen ausgestattet war, mußte wegen der durch die vielen Votiv-Ampeln entstan­denen Feuersgefahr einem kassettierten Tonnengewölbe weichen“ (II, 127). Man darf also mit gutem Grunde annehmen, Gott selber habe vor zwei Jahrhunderten einer ungebildeten, aber tugendreichen Tochter des deutschen Volkes die wunderbare Übertragung des Marienhauses von Naza­reth nach Loreto geoffenbart.

Hundert Jahre nach A.K. Emmerick lebte in Italien eine hochgebildete und in der katho­lischen Aktion erfolgreich tätige Dame, die Professorin Guglielmina (Wilhelmina) Ron­coni (gest. 22.3.1936). Gemäß ihren priva­ten Aufzeichnungen glaubte sie durch höhe­re Mitteilungen bestimmt zu wissen, das Hl. Haus von Loreto sei nicht nur der Ort der Menschwerdung des Sohnes Gottes, sondern auch der Ort der Geburt Mariens, was übrigens auch im ältesten schriftlichen Bericht und im Römi­schen Brevier zu lesen ist. Vgl. Lina Pennesi, „Missionaria dei tempi nuovi: Guglielmina Ronconi“. Imprimatur: Citta del Vaticano, 1.8.1950.) (Dr. Clemens M. Henze C.S.S.R.) Lauter und beredter aber als diese Erschei­nungen und Offenbarungen, ja als selbst die unumstößlichsten Beweise der Wissen­schaft reden die Wunder und Gnaden. „Diese Wunder und Gnaden, die sich im Hause ereignen und vor sich gehen, sind“, wie Papst Benedikt XIV. in seinem Werke „über die Heiligsprechung“ und in dem „über die Feste“ sich ausdrückt, „nahezu unzählig und folgen sich so fortgesetzt der Reihe nach und sind so weltbekannt, daß es die Zeit mißbrauchen hieße, darüber noch ausführlicher zu sprechen.“

Es ist unmöglich, alle Beispiele von wunder­baren Heilungen an Leib und Seele im einzelnen anzuführen. Zuerst pflegte man sie aufzuzeichnen, später aber, da sie täg­lich, ja sozusagen ununterbrochen vorka­men, wurde das regelmäßige Aufzeichnen unterlassen. Bei Tursellinus zählte ich eine Auswahl von 60 der auffallendsten Wun­der, die auf das genaueste und umständlich­ste von ihm beschrieben sind. Um wenig­stens eine Vorstellung der zu Loreto gewirk­ten Wunder zu ermöglichen, sollen zum mindesten drei kurz erwähnt werden.

Im Jahre 1552 lag ein türkischer Pascha zu Konstantinopel an einem Brustgeschwür tödlich krank darnieder. Jeden Augenblick erwartete man dessen Ende. Da trat ein frommer Christ, einer seiner Sklaven, an das Krankenlager und gab ihm den Rat, er solle die Mutter Gottes von Loreto voll Vertrauen anrufen und ihr versprechen, ihm die Frei­heit zu schenken, wenn er gesund würde. Alsdann fiel der Sklave auf die Knie, rief mit großer Inbrunst die Hilfe Mariens an und veranlaßte seinen Herrn, die Worte auszusprechen: „Ich bitte die Mutter Gottes von Loreto um Hilfe.“ In diesem Augenblick bricht das Geschwür auf und der Pascha ist gerettet. Sogleich schenkt er dem Sklaven die Freiheit und sendet ihn mit einem eigenhändigen Schreiben und Ge­schenken nach Loreto. (Tursellinus, Hist. lauret., lib. III, cap. 18.)

Im Jahre 1561 erhielt Bischof Johannes von Coimbra einen Stein aus dem hl. Hause, mußte ihn aber wieder zurücksenden, um von einer schweren Krankheit, die über ihn kam, befreit zu werden. Das Original des Briefes, den derselbe mit dem Steine nach Loreto sandte, befindet sich im Schrank des hl. Hauses in Loreto.

Wer weiß endlich nicht, daß der unver­geßliche hochselige Papst Pius IX. im Jahre 1816 hier von der Fallsucht befreit wurde und den Beruf zum Priesterstand erhielt?

Wir schließen diese Beweise für die Echtheit des hl. Hauses mit dem Urteil des Horatius Tursellinus: „An einerso sehr bezeugten und erforschten Sache kann nur der zweifeln, welcher entweder an der Macht und Vorse­hung Gottes zweifeln oder den menschli­chen Glauben selbst aus der Welt verban­nen will.“

Hermann Joseph Delabar

Dokumente aus der Zeit des Ursprungs des lauretanischen Heiligtums 

Diejenigen aus dem 13. und 14. Jahrhun­dert führen wir alle an, von denjenigen aus dem 15. und 16. Jahrhundert nur die wich­tigsten. Wir geben sie in chronologischer Reihenfolge wieder, ausgehend von den Daten der Übertragungen.

1291 — 10. Mai. Übertragung des Hl. Hauses von Nazareth nach Tersatto.

1291 — 92. Die Einwohner von Tersatto senden eine Kommission nach Nazareth, um die Offenbarungen, welche dem Priester Alessandro von Tersatto zuteil geworden, nachzuprüfen.

1294 — 10. Dezember. Übertragung nach Loreto.

1294 — 95. Am 13. Dezember 1294 leiste­te Cölestin V. Verzicht auf das Pontifikat und machte sich bald darauf auf den Weg nach Tersatto, wo er das Hl. Haus immer noch vermutete. Aber er gelangte nicht dorthin, da er durch die bekannten Vorfälle daran gehindert wurde.

1295 — 9. Sept. Brief der Magistraten von Recanati an Alessandro De Servandis, ihren Abgeordneten bei Bonifaz VIII., mit der Anweisung, dem Papst über das Hl. Haus Bericht zu erstatten und sein Interesse für dasselbe zu wecken. Das Hl. Haus stand damals auf dem Grundstück der Brüder Antici.

1296 — Die Recanatesen senden eine Kommission vertrauenswürdiger Männer nach Palästina mit dem Auftrag, Vergleiche mit dem Hl. Hause anzustellen. Die Resultate bestätigen die Übertragung vollauf.

1297— Der Mönch Paolo della Selva schickt einen Brief an den König von Neapel und berichtet ihm über die wunderbare Übertragung.

1310 — 20. Dante schreibt sein „Paradiso“, wo er Pier Damiani diese Worte in den Mund legt: „In quel loco fu‘ io Pier Damiano — e Pietro Peccator fu nella casa — die Nostra Donna in sul lito Adriano“ (21,121). (An jenem Orte war ich Pier Damiano — und Pietro Peccator war in dem Hause U.L.F. am adriatischen Strande). Einige glauben, Dante mache hier eine Andeutung auf das Hl. Haus von Loreto.

1310 — Clemens V. gibt von Avignon aus die von allen als authentisch anerkannte Urkunde heraus, welche sich mit Loreto befaßt. Dieser entnimmt man, daß das Häuschen bereits das Ziel ausländischer Pilgerzüge war.

1313 u. 1318 — Die Ghibellinen von Reca­nati berauben, dem Bischof zum Trotz, das Heiligtum von Loreto, das damals im Erste­hen und wenig bewacht war.

1320—Johannes X11. regelt mit Bulle von 24. Dez. die Position des Canonicus Bozio di Montelupone, welcher ein Anrecht auf ei­nen Anteil an den Gaben für das Heiligtum von Loreto hatte.

1329 — Pietro Moluzzi, Bischof von Macera­ta und Recanati, ließ einen Bericht über das Hl. Haus schreiben, der wahrscheinlich derselbe ist, welcher sich auf dem berühm­ten Täfelchen befindet, das am Hl. Hause angebracht ist und von Mantovano reprodu­ziert wurde. Ungefähr drei Jahrhunderte später, 1578, läßt Gregor XIII., die loretani­sche Traditon weiterführend, die Geschich­te der Übertragung und das Summarium der Privilegien in Stein hauen.

1341 — Benedikt XII. verleiht der Kirche des hl. Gabriel in Recanati für die Greise und die Kranken den gleichen Ablaß, wie ihn die Pilger in Loreto gewinnen.

1341 — Im gleichen Jahr wurde die erste Kirche, in sehr einfacher Form, beendigt, welche die Recanatesen zur Überbauung des Hl. Hauses erstellten.

1367 — Urban V. sollte auf Anregung des Kardinals Albaroz auf seiner Rückreise von Avignon Loreto besuchen, wurde dann aber daran verhindert.

1367 — Urban V. sendet den Einwohnern von Tersatto ein Bild der Madonna, welches dem Pinsel des hl. Lukas zugeschrieben wird (Pasconi, in Martorelli, II. S. 36), um sie über den Verlust des Hl. Hauses zu trösten. 1375 — Gregor XI. spricht von den „vielen Wundern“, welche die Mutter Gottes in Loreto erwirkt, und verleiht den Pilgern an einigen bestimmten Festen des Jahres be­sondere Ablässe.

1387 — Urban VI. erleiht Loreto mit Bulle vom 5. Nov. weitere Privilegien.

1389 — Bonifaz IX. läßt die obengenannte Bulle seines Vorgängers übersenden, die dieser nicht hatte abschicken können. 1417 — Martin V. unterstellt Loreto direkt dem Hl. Stuhle. Diese Anordnung wurde aber auf inständiges Bitten der Recanatesen wieder rückgängig gemacht. Man sagt, er sei in Loreto gewesen, bevor er zum Papst gewählt wurde.

1441 — Eugen IV. regelt die Güter von Santa Maria di Montorso in ihrem Verhältnis zu Santa Maria von Loreto mit Bulle vom 7. Oktober.

1449 — Nikolaus V: „ging in diesem Jahre unsere gnadenreiche Madonna von Loreto besuchen“ (Muratori, T. XV., col 954). Der gleiche Papst verlieh Ablässe, und er appro­bierte außerdem zu Ehren der Übertragung die Gründung des Schatzes in Loreto und den Bau einer Kirche in Tersatto — die den Franziskanern anvertraut werden sollte. 1464 — Pius II. Piccolomini begibt sich in frommer Wallfahrt nach Loreto und bringt als Gabe an die seligste Jungfrau einen goldenen Kelch mit einer sehr schönen In­schrift.

1464 — Paul II., der in demselben Jahre als Kardinal Loreto besucht hatte, wo er geheilt und ihm sein bevorstehendes Pontifikat geweissagt worden war, bekundet in seiner ersten Enzyklika vom 19. Nov. desselben Jahres seine Dankbarkeit gegenüber der hl. Jungfrau von Loreto, spricht von den fast zahllosen Wundern „quae in persona Nostra evidenter experti sumus“, sagt, auf Grund von Dokumenten und glaubwürdigen Zeug­nissen, daß das hl. Bild wunderbarerweise von den Engeln übertragen und das Haus „Domus“ wunderbarerweise gegründet (d.h. ebenso wunderbarerweise wie das Bild übertragen) wurde. Dieses ist die erste päpstliche Urkunde, die deutlich von der Ubertragung spricht.

1455 — 70. Während dieser Zeit kommt der erste geschichtliche Bericht über die Über­tragung heraus, derjenige von Teramano. 1470 — 71. Der gleiche Papst, Paul II., gewährt mit Bullen resp. vom 12. Februar 1470 und 25. Januar 1471, für Loreto zwei Perioden „Anno Santo“ zugunsten der neu­en großartigen Kirche — der heute bestehen­den — dessen Bau damals, vielleicht auf seine Anregung hin, begonnen hatte.

1479 oder 1489 — Der historische Bericht des Mantovano wird für den Druck heraus­gegeben.

1507 —Julius II., der während der Belage­rung von Mirandola aus schwerer Gefahr wunderbar gerettet wurde, erläßt eine vom 21. Okt. datierte Bulle, mit welcher er dem Heiligtum sehr große Privilegien verleiht, bestätigt vollauf, noch nachdrucksvoller als Paul II., die Tradition der Übertragung und läßt an den Mauern des Hl. Hauses als Ex­voto die Kanonenkugel anbringen, vor der er wunderbarerweise verschont geblieben war.

Wir erwähnen das immer deutlicher und großmütiger auftretende Eingreifen der Päpste in Loreto nicht mehr ausführlich und begnügen uns mit folgenden Angaben:

Leo X. (1513-1521), der eine große Vereh­rung für die Madonna von Loreto hegt, ordnet unter anderem die kostbare Überklei­dung des HI. Hauses an.

Clemens VII. (1523-1534) begibt sich persönlich nach Loreto, er nimmt die Wid­mung der loretanischen Geschichte an, die ihm von dem Verfasser Angelita überreicht wird, sendet eine Kommission, bestehend aus drei Prälaten, nach Tersatto und nach Palästina, um Vergleiche mit dem Hl. Hause anzustellen. Das ist die dritte nach Palästina entsandte Kommission, von welcher uns die Geschichte berichtet.

Gregor XIII. (1572-1585) läßt, die Tradi­tion der Inschriften auf Tafeln fortsetzend, im Jahre 1578 vier große, heute noch gut erhaltene Tafeln, anbringen, die man an den Pfeilern der Basilika sehen kann, und auf welchen vom Wunder und den Privile­gien von Loreto berichtet wird.

Sixtus V. (1585-1590) erhebt Loreto zum Range einer Stadt: Felix Civitas Lauretana. Clemens VIII. (1592-1605) läßt an der Rückwand der Marmorverkleidung des Hl. Hauses die großartige und herrliche In­schrift anbringen, welche die gesamte lau­retanische Überlieferung zusammenfaßt und von neuem bestätigt.

Urban VIII. (1623-44). Während seines Pontifikates werden in den Jahren 1634 und 1635 an den Pfeilern der Basilika vier große, schwarze Tafeln angebracht, auf welchen in fremden Sprachen die ganze wunderbare Übertragung zusammengefaßt ist. Auch durch diese wird die loretanische Tradition fortgesetzt, im Gotteshaus histori­sche Tafeln anzubringen. Dies erhöht die Glaubwürdigkeit des wirklichen Vorhanden­seins der von Mantovano erwähnten Tafel.

Innozenz XII. gründet unter den römischen Ministerien (1698) zurVerwaltung der Güter des Heiligtums die Lauretanische Kongrega­tion. Diese erhielt sich bis auf Pius X., unter welchem Papste sie der Konzils-Kongrega­tion einverleibt wurde. Der gleiche Papst approbierte die Liturgie der Übertragung. Sehr bezeichnend sind die Lektion des Bre­viers und des Martyrologiums, ebenso die erste Oration der Messe. Die Einfügung in das Martyrologium geschah durch Clemens IX. am 30. August 1669.

Benedikt XIV. verteidigt die Authentizität des Hl. Hauses in seinem „De Canonizatio­ne Sanctorum“ (Band X, c. X.).

Pius IX. tut den Ausspruch, Loreto „erfülle mit dem Ruhm seines Namens die ganze katho­lische Welt“.

Leo XIII. gibt seine Zustimmung zu den Feierlichkeiten anläßlich des 6. Centenars der Übertragung. Er approbiert auch die Allgemeine Kongregation.

Benedikt XV. führt die Liturgie der Übertra­gung für Italien und die umliegenden Inseln wieder ein und bestätigt mittels Dekret der Ritenkongragation vom 16. April 1916, daß es sich wirklich um das Haus der Mutter Gottes handle. Derselbe Papst erklärt am 24. März 1920 die hl. Jungfrau von Loreto als die Patronin der Flieger.

Pius XI. anerkannte neuerlich die Tradition der Übertragung und bewies sein besonde­res Interesse durch die Gründung der päpst­lichen Verwaltung in Loreto.

Pius XII. bewilligte wiederholt, daß am 25. März, dem Feste Mariä Verküdigung, im Hl. Hause den ganzen Tag bis nachts 12 Uhr hl. Messen zelebriert werden durften.

Angelo M. d’Anghiari (1948/49)

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Siehe auch:

Die Wallfahrt zum heiligen Haus von Nazareth

Loreto - Übertragung des Heiligen HausesWie der heilige Evangelist Lukas in seinem heiligen Evangelium uns erzählt, hatte die heilige Jungfrau ihr Haus zu Nazareth, einer kleinen, von den Juden verachteten Stadt in Galiläa, drei Tagreisen von Jerusalem. Sie lebte da in stiller Zurückgezogenheit, als ihr der Erzengel Gabri­el den himmlischen Gruß brachte und das Ge­heimnis der Menschwerdung ankündigte. – Nach der Rückkehr von der Flucht nach Aegypten wohnte sie mit dem heiligen Joseph und dem süßen Jesuskinde wieder darin; und diese hei­lige Familie blieb da, bis Jesus sein öffentliches Lehramt antrat. – Das kleine Haus zu Nazareth war also der stille Zeuge der Kindheit Jesu, des Sohnes Gottes, seiner Tugenden und seiner heiligen Unterhaltungen mit Maria, seiner ge­benedeiten Mutter, und dem heiligen Joseph, seinem Nährvater. In diesem kleinen, unschein­baren Haus geschahen, der Welt unbekannt, jene unaussprechlichen Geheimnisse der Ar­mut, der Demut, des Gehorsams und der Liebe, welche später die Grundlage des Evangeliums, des ganzen Christentums werden sollten. Jeder Stein dieses kleinen Hauses wurde geweiht und geheiligt durch den himmlischen Duft und Wohlgeruch, den Jesus, Maria und Joseph at­meten.

Kein Wunder, wenn die Apostel und die ersten Christen gegen dieses heilige Haus die tiefste Verehrung fühlten und hegten, wenn sie es bewachten, vor jeder Schädigung bewahrten und oft besuchten. Daß dies wirklich der Fall gewesen, bezeugt die Geschichte, und be­schreibt der heilige Hieronymus in einem Brief an die selige Eustochium. „Von den Tagen der Himmelfahrt Christi an, bezeugt ein alter Ge­schichtsschreiber, haben die Apostel wegen der Geheimnisse, welche in dieser Stadt ge­wirkt wurden, das Haus der allerseligsten Jung­frau Maria, in welchem sie, vom Engel begrüßt, Christus den Herrn empfing, zum heiligen Dien­ste geweiht.“ Seit dieser Zeit strömten ununter­brochen Pilger aus allen Gegenden des Abend- und Morgenlandes nach Nazareth, um dort das heilige Haus zu besuchen und zu verehren.

Die heilige Kaiserin Helena, Mutter Konstantinus, des ersten christlichen Kaisers, wallfahrtete ebenfalls hierher und ließ die präch­tige Kirche der Verkündigung erbauen. Inmit­ten dieser Kirche stand das Haus, wo die heilige Familie wohnte. – Noch ist unter dem Hochaltar die Grotte sichtbar, wo die heilige Jungfrau den Gruß des Engels empfing. Auf 17 Marmor­stufen steigt man in das unterirdische Gemach hinab, welches viereckig ausgemeißelt und zu einer Kapelle eingerichtet ist. Unweit des Marmoraltares sieht man zwei Säulen, die an der Stelle errichtet wurden, wo die heilige Jungfrau im Gebet kniete und wo der Engel sie begrüßte. Daß in einer solchen Grotte oder Höhle der Engel der allerseligsten Jungfrau erschien, darf nicht wunder nehmen. Die Häu­ser in Nazareth sind an einem Berg angebaut, der voll von der Natur gebildeten Höhlen ist. Diese Felsenhöhlen haben die Bewohner zu Zimmern und Kammern eingerichtet, was auch beim heiligen Haus der Fall war. Solange das Heilige Land unter der Herrschaft der Christen stand, wurde fort und fort das heilige Haus zu Nazareth von zahllosen Scharen Wallfahrer aus allen Ländern der Erde besucht. Nachdem aber das Heilige Land in die Gewalt der Osma­nen fiel, ließen die Wallfahrten nach, denn die Christen waren zu sehr den Plackereien und Verfolgungen der Ungläubigen ausgesetzt. Doch ließen sich viele Pilger nicht davon ab­schrecken und wallten zur heiligen Stätte, um dort zu beten und zu weinen. Endlich gelang es den Christen, das heilige Grab zu Jerusalem und die umliegenden heiligen Orte den Händen der Türken zu entreißen. Nazareth wurde zu einem Erzbistum erhoben, und es begannen die Züge der Wallfahrer zum heiligen Haus wieder von neuem. Könige und Fürsten, die tapfersten Ritter des Abendlandes fielen auf ihre Knie nieder in dem kleinen Hause, wo Maria mit ihrem süßesten Kinde einst geweilt hatte. Im Jahre 1251 am Fest Mariä Verkündigung un­ternahm auch der heilige König Ludwig von Akkon aus, umgeben von einer glänzeden Schar der tapfersten Ritter, eine Wallfahrt nach Naza­reth. Als er von weitem den heiligen Ort sah, stieg er vom Pferde, kniete eine Weile betend nieder, und ging dann zu Fuß an die Stelle, wo das größte Geheimnis sich ereignet hat. Nach­dem sein Beichtvater an dem Altare der Ver­kündigung die Messe gelesen, empfing der König die heilige Kommunion. Der päpstliche Legat, Odo von Tusculum, sang das Hochamt an dem Hochaltare und hielt eine „salbungsvol­le Anrede“. Dies war die letzte feierliche Wall­fahrt zum heiligen Hause. Bald nach der Abrei­se des Königs überschwemmten die wilden Scharen des Kalifen von Aegypten das ganze Land. – Die heiligen Stätten wurden verwüstet und entweiht und die Christen grausam be­drückt. Da, wo einst fromme Pilger beteten, hörte man das Geheul und die Verwünschun­gen der Ungläubigen.

Da geschah es, daß plötzlich das heilige Haus zu Nazareth verschwand. Gott wollte nicht zulassen, daß jenes Haus, welches Zeuge der erhabensten Wunder der Liebe gewesen, den schändlichen Entweihungen der Ungläubi­gen ausgesetzt bleibe; Er befahl seinen heiligen Engeln die heilige Stätte hinwegzuheben, und an einen andern Ort zu tragen, wo es jene Verehrung finden sollte, die ihm gebührt.

Im Jahre 1291 am 10. Mai unter dem Papste Nikolaus IV., als Nikolaus Frangipani Statthal­ter von Dalmatien war, und der fromme Bi­schof Alexander zu St. Georg die christliche Herde in Dalmatien weidete, gingen einige Bewohner am Ufer des Adriameeres sehr früh auf ihre Felder zur Arbeit. Da fanden sie nicht weit vom Meer an einem Ort, Raunizza ge­nannt, ein kleines, fremdes Gebäude an einer Stelle, wo niemals ein Haus oder eine Hütte gesehen wurde. Man eilte von allen Seiten herbei, und betrachtete das unbekannte Haus von kleinen roten und viereckigen miteinander verkitteten Steinen. Man erstaunt über die selt­same Bauart, über sein altes Aussehen; man kann sich nicht erklären, wie es ohne Funda­ment auf dem Boden stehen bleiben kann. Man öffnet endlich verwundert die einzige an der Seite angebrachte Türe, und sieht ein kleines Zimmer, das ein längliches Viereck bildete. Die Decke, worüber ein hölzernes Glocken­türmchen ist, ist blau gemalt, und mit goldenen Sternen belegt. Auf der rechten Seite der Türe befindet sich nur ein einziges schmales Fenster. Ihm gegenüber erhebt sich ein Altar von star­ken viereckigen Steinen, auf welchem ein Kru­zifix steht mit der Überschrift: „Jesus von Nazreth ein König der Juden.“ Auf der rechten Seite befindet sich die Statue der heiligen Jung­frau mit dem Jesuskinde auf dem Arm. Ihre Gesichter sind durch die Zeit und auch durch den Rauch der vor diesem heiligen Bilde ver­brannten Kerzen fast ganz schwarz. Das Haupt der Mutter Gottes ist mit einer Perlenkrone geschmückt, ihre Haare sind gescheitelt, ihr Leib mit einem vergoldeten Rock bekleidet, um ihre Mitte schlingt sich ein Gürtel, der bis zu den Füßen herabreicht; ein blauer Mantel bedeckt ihre Schultern. Das Jesuskind voll Größe und Majestät hat ebenfalls die Haare an der Stirne gescheitelt, es trägt Kleid und Gürtel wie die Nazaräer und hebt segnend die ersten Finger der rechten Hand, in der linken hält es die Weltkugel.

Links neben dem Altar sieht man einen klei­nen Schrank in der Mauer für die ärmlichen Hausgeräte. In ihm stehen einige kleine Gefä­ße, ähnlich jenen, deren sich die armen Land­leute um Nazareth beim Essen bedienen. End­lich ist dabei ein Herd, der 4 Fuß hoch ist. So war das kleine Haus beschaffen. Woher kam nun dieses unbekannte Haus, wer hat es ohne ein Fundament hiehergesetzt? So fragen sich alle, welche herumstehen. Niemand weiß Auf­schluß zu geben. Alles staunt! Siehe, da eilt plötzlich der Bischof Alexander aus St. Georg daher. Er lag seit drei Jahren an einer unheilba­ren Wassersucht darnieder und ist nun gesund. Alle, die ihn sehen, wundern sich. Er aber spricht: „Ich war in meinem Bette schon nahe am Tode, als man mich von der Ankunft dieses Hauses in Kenntnis setzte. Ich beschwor die heilige Jungfrau, mir soviel Kraft zu erwirken, daß ich selbst dieses wunderbare Haus besu­chen und darin ihren mächtigen Beistand anru­fen könnte, fest entschlossen, mich hieher brin­gen zu lassen, wenn ich nicht selbst hierher gehen könne. Siehe da erscheint mir die heilige Jungfrau, strahlend von Licht, und spricht zu mir: „Alexander, du hast zu mir gerufen, hier bin ich, um dir zu helfen. Wisse, daß das Haus, welches in diesem Lande erschien, eben das Haus ist, wo ich in Nazareth geboren ward, wo ich den Gruß des Engels empfing, wo das Wort in meinem Schoße Fleisch geworden. Du sollst der lebendige Beweis für die Wahrheit meiner Worte sein; sei gesund.“ Die heilige Jungfrau verschwand, und ich war gesund.“

Indes kommt die Nachricht von dem wun­derbaren Ereignis zu den Ohren des Statthalters von Dalmatien. Er eilt herbei, nimmt sorgfälti­gen Augenschein von dem Hause und sendet dann vier Kommissäre in das Heilige Land nach Nazareth, welche sich selbst mit Augen überzeugen und dann eidlich aussagen sollten, ob das Haus der heiligen Jungfrau wirklich in Nazareth verschwunden, ob der Grund davon noch vorhanden, ob seine Steine ebenso be­schaffen seien, wie die Steine des unbekannten Hauses, und ob die ganze Bauart dieselbe sei, so daß man nicht leugnen könne, daß das in Nazareth gebliebene Fundament und das eben bei Raunizza erschienene Haus ein und dassel­be Gebäude seien.

Die vier Kommissäre, gleich ausgezeichnet durch Wissenschaft und Tugend, reisten in das Heilige Land ab. Sie forschten dort sorgfältig bei den Christen in Nazareth nach, und vernah­men von denselben, daß das Haus der heiligen Jungfrau vor kurzer Zeit verschwunden sei, ohne daß man wisse, was daraus geworden. Man führt nun die Kommissäre auf den Platz, wo das Haus stand; diese sehen staunend den Grund des Hauses, messen seine Länge und Breite, untersuchen die Steine und die Bauart und berechnen die Zeit, welche seit dem Ver­schwinden des Hauses bis zu seiner Ankunft in Dalmatien verflossen sein konnte. Was sie ge­sehen und gehört, schreiben sie nieder, kehren kann wieder nach Dalmatien zurück, bringen ihr Zeugnis dem Statthalter und bekräftigen es mit einem Eid. Das Haus zu Raunizza bei der Stadt Tersato ist wirklich das heilige Haus von Nazareth! – Von dieser Stunde an wallfahrtet eine unzählbare Menge Menschen zu diesem Hause. Drei und ein halbes Jahr dauern diese Wallfahrerzüge, siehe da verschwindet das Haus wieder. Engel tragen es über das adriatische Meer in ein Lorbeerwäldchen im Gebiet von Recanati, welches einer Matrone mit Namen Lauretta, daher der Name Loretto – angehörte. Damals wohnte der heilige Nikolaus von Tolentino, ein gar treuer Diener der allerseligsten Jungfrau, zu Recanati. Er wurde auf eine wunderbare Weise von dem Dasein des heiligen Hauses im Lorbeerwäldchen benach­richtigt. Kaum hatte er davon geredet, als so­gleich Alles hinauseilt, um das Haus zu suchen und zu sehen. Das Heiligtum war im Innersten des Wäldchens verborgen, wo sich die Zweige am dichtesten und am höchsten gegen den Himmel streckten, nur zwei Meilen vom Meer entfernt. Nur wenige Fußsteige führten zu dem­selben und diese waren des dichten Gebüsches wegen schwer zugänglich und unsicher. Diebe legten den Pilgern häufig einen Hinterhalt und beraubten sie. Furcht befiel die ganze Umge­gend, die Pilger blieben aus und das heilige Haus stand verlassen da. –

Siehe da, nach acht Monaten trugen die En­gel das Haus von neuem auf eine liebliche Anhöhe bei Recanati etwa eine Meile vom Lorbeerwäldchen entfernt. Zwei Brüder waren die Besitzer dieser Gegend, wo das Haus stand, und erfreut über die Ehre des himmlischen Besuches beeiferten sie sich, die heilige Jung­frau auf alle mögliche Weise zu verehren. Aber bald darnach entspann sich zwischen den Brü­dern ein heftiger Streit über den Besitz des Heiligtums; da wurde das Haus durch die Hand Gottes wieder entrückt, und einen Bogenschuß weit fern von den streitenden Brüdern auf eine freundliche Anhöhe, mitten auf die Heerstrasse versetzt, wo es nun seit damals steht.

Der Papst Bonifaz VIII. hörte mit Staunen, was auf dem Gebiet von Recanati vorging. Sogleich befahl er dem dortigen Bischof, das heilige Haus unter seine besondere Obhut zu nehmen, und von neuem darüber Untersuchun­gen anzustellen. Es wurde im Jahre 1296 eine Gesandtschaft aus vierzehn Rittern nach Recanati gesandt, welche das heilige Haus von Loretto, so wurde es jetzt genannt, genau unter­suchten, und dann in das Heilige Land abrei­sten, um auch in Nazareth getreue Nachfor­schung zu halten. Nach genauer Untersuchung kehren sie zurück, und sagen eidlich aus, daß das Haus von Loretto wirklich das Heilige Haus von Nazareth sei. Ihr eidliches Zeugnis wird niedergeschrieben und in den Archiven der Stadt für die Nachwelt hinterlegt. – Seit dieser Zeit besuchten unzählige Andächtige die heilige Stätte. Mehrere Päpste, Pius VI., Pius VII., Gregor XVI. und Pius IX. erschienen hier, beteten und opferten. Kaiser, Könige und Fürsten kamen hieher und huldigten der Himmelskönigin. Männer welche die Kirche Gottes unter ihre größten Heiligen zählt, der hl. Ignatius von Loyola, der hl. Franz Borgias, der hl. Franz Xaver, der hl. Aloyisius, der hl. Franz Sales, der hl. Franz von Paul, der hl. Karl Borromäus knieten in dem kleinen Haus, ver­gossen Tränen der Andacht und weihten sich der Himmelskönigin. Da möchte sich bewahr­heiten, was einst der hl. Joseph von Cupertino in einem Gesicht schaute. Er sah die seligen Geister vom Himmel auf- und absteigen auf das Haus Loretto; die einen trugen Bitten zum Throne Gottes, die anderen brachten Gnaden hinunter an jene Gläubigen, welche innerhalb des hl. Hauses beteten. Man zählt jährlich über Hundertausend Pilger, welche das hl. Haus besuchen; in einem Monat, besonders im Mo­nat September, beläuft sich oft die Zahl auf 115’000. An feierlichen Liebfrauentagen wer­den bei 400 hl. Messen gelesen. Wunderbare Gebetserhörungen haben hier schon ohne Zahl stattgefunden, und haben bezeugt, daß Maria wirlich die fürbittende Allmacht am Throne Gottes ist!

Nach [Mgr Jean-Joseph] Gaume und [Mgr Augustin-Jean] Le Tourneur