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Das polnische Dorf Spycimierz gibt an Fronleichnam alles — Blütenteppich der Superlative

Fronleichnam wird seit dem Mittelalter auch in Polen mit einer feierlichen Prozession gefeiert. Im Dorf Spycimierz legen die Bewohner dafür den längsten zusammenhängenden Blütenteppich im ganzen Land.

Mohnblumen, Händelwurz-Blüten, gelbe Kamille, Heide-Ehrenpreis oder die dunkelblaue Kornblume – wenn Jozefa Michalak wenige Tage vor Fronleichnam auf die Wiese hinter ihr altes Bauernhaus geht, erntet sie alles, was blüht und farbenfroh ist. „Alle aus unserer Familie helfen mit, und das ganze Dorf ist auf den Beinen“, sagt die 55-Jährige und pflückt weitere Blüten.

Tatsächlich: Nur vereinzelnde Blumen und Blüten sind noch auf den Wiesen um das 600-Einwohner Dorf Spycimierz bei Lodz vor Fronleichnam zu finden, und auch die Gärten der Einwohner wirken merkwürdig farblos. Denn jährlich am 60. Tag nach dem Ostersonntag verwandeln die Bewohner die kleine Straße vor ihren Häusern mit Blumen zu Polens längstem Fronleichnam-Blumenteppich.

„Ungeschriebene Pflicht“

Eine Friedenstaube, ein Kirchengebäude, Kreuze oder das Konterfei des „polnischen Papstes“ Johannes Paul II. sind entlang des fast zwei Kilometer langen Blumenteppichs aus Naturmaterialien geformt. Seit dem Morgen ist Michalak auf den Beinen, um die Motive vor ihrem Gartenzaun auszulegen. „Wenn man hier wohnt, dann ist es eine ungeschriebene Pflicht“, sagt die 55-Jährige, die längst in der nächsten Kleinstadt wohnt und jährlich zu ihrer Familie aufs Dorf zurückkehrt.

Gutes Timing ist wichtig, denn zu früh dürfen die Blüten nicht auf den Teppich gelegt werden, ergänzt Pan Marek, ein Nachbar. „Die Blumen gehen kaputt, wenn sie zu lange in der Sonne liegen.“ Der 60-Jährige hat gleich den Gartenschlauch zur Hand und wässert den Teppich vor seinem fast hundert Meter langen Grundstück. Er selbst, wie auch manch andere Nachbarn verwenden Sand als Unterlage für die Blüten. Dieser dient als Wasserspeicher und – in verschiedenen Farbtönen – als Dekoration.

Mehr als bunte Blumen

Sand ist mittlerweile nicht der einzige „Zusatzstoff“. Längst gestalten die Dorfbewohner ihren Zwei-Kilometer-Blumenteppich flexibel und arbeiten auch Getreide- und Maiskörner, Tannenzapfen und bunte Steinchen in die Motive ein. Es gebe keinen Wettbewerb um die schönsten Arrangements, versichert Pan Marek. „Aber wir schauen schon, was die Nachbarn haben“, schmunzelt der 60-Jährige.

Nicht nur die Dorfbewohner schauen sich an, welche Motive aus welchen Blüten die Nachbarn vor ihren Häusern gelegt haben. Spycimierz hat für seinen langen Blumenteppich längst polenweit Berühmtheit erlangt. Kilometerlange Autoschlangen stehen Fronleichnam vor der Dorfeinfahrt, denn jährlich zieht der Blumenteppich der Superlative 70.000 Touristen an. In Spycimierz ist der Feiertag durch Imbiss- und Verkaufsstände zum „Volksfest“ gewachsen.

Eine kurze Geschichte

Boze Cialo, wie Fronleichnam auf Polnisch genannt wird, ist im katholischen Polen ein gesetzlicher Feiertag. Das Fest des heiligsten Leibes und Blutes Christi, wie der liturgische Kalender es bezeichnet, wurde durch eine päpstliche Bulle von 1264 zum Fest der Gesamtkirche erhoben. In Polen fand es Mitte des 15. Jahrhunderts Einzug in den Glaubensalltag und wird seitdem in den Pfarreien traditionell mit einer Prozession begangen.

Die Fronleichnamsprozession in Spycimierz selbst blickt auf eine „nur“ rund 200-jährige Geschichte. Napoleons Truppen sollen den Brauch nach Spycimierz gebracht haben, sagt Wojciech Kazmierczak, Pfarrer der örtlichen Gemeinde. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zieht sich der Blumenteppich durch den gesamten Ort, und fast alle Anwohner entlang des Prozessionszugs machen mit.

Nicht allein

„Zum Glück muss ich nicht alleine vor meinem ‚Anwesen‘ den Teppich legen“, sagt der Geistliche und deutet auf den mehreren Hundert Meter langen Streifen vor dem Pfarrhaus und der Kirche. Als Pfarrer ist er für den Ablauf der Feier zuständig, ebenso für die Absprachen mit Feuerwehr und Polizei.

Er selbst ist noch nie über den grünen Teppich geschritten. Denn ein ranghöherer Zelebrant – häufig der Bischof oder Weihbischof der Erzdiözese Lodz – leitet das Hochfest in dem sonst beschaulichen Dorf. Bei der Prozession nach dem Nachmittagsgottesdienst trägt dieser dann die Monstranz unter dem Baldachin zu den vier Altären.

Dutzende Ministranten, Blaskapelle, zahlreiche Fahnen- und Figurenträger und Kommunionkinder gehen der Monstranz voran. Dass dabei die liebevoll gestaltenden Blüten-Arrangement zertrampelt werden, nimmt Jozefa Michalak mit Gelassenheit. „Das wird weggefegt, und die Blumen wachsen ja wieder“, sagt sie. Ihr Nachbar Pan Marek pflichtet bei und vergleicht Fronleichnam mit einer Hochzeit. „Da werden Torten und die Deko aufwendig vorbereitet, und am Ende gehen alle satt nach Hause.“

Markus Nowak

(KNA)

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Quelle

Polen: „Bewahrt eure geistliche und kulturelle Tradition“

Gniezno, Kathedrale / Wikimedia Commons – Diego Delso, CC BY-SA 3.0

In seinem Gruß an die Pilger polnischer Sprache
erwähnt Franziskus das Fest des heiligen Adalbert

„Bewahrt eure geistliche und kulturelle Tradition für die künftigen Generationen am Leben.“ Diese mahnenden Worte richtete Papst Franziskus im Laufe der Generalaudienz am Mittwoch, dem 26. April 2017, an die Pilger polnischer Sprache auf dem Petersplatz.

In seinem Grußwort erinnerte er die Pilger an das Fest des heiligen Adalbert (um 956 – 997), Schutzpatron Polens und Märtyrer, dessen Gedenktag am 23. April begangen wurde.

Der Gedenktag sei auch eine Gelegenheit gewesen, um das 600-jährige Jubiläum der Einrichtung des Primatsitzes von Gnesen (Gniezno) zu feiern, so Franziskus, der vor einigen Tagen eine Botschaft an den Gnesener Erzbischof und Primas von Polen, Msgr. Wojciech Polak, geschickt hatte.

„Ich vertraue alle Hirten und Gläubigen der Kirche Polens dem Schutz dieses großen Bischofs und Märtyrers an, der die Evangeliumsbotschaft und das Zeugnis des christlichen Lebens in euer Land brachte“, fuhr Franziskus fort.

„Bewahrt eure geistliche und kulturelle Tradition, die aus seinem Blut entstanden ist, für die künftigen Generationen am Leben“,  so sagte er zum Schluß.

[Unter Mitarbeit von Sarah Fleissner]

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Quelle

Erzbischof Joachim Kardinal Meisner – Predigt im Fatima-Heiligtum in Zakopane / Polen am 13. August 2006

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

1. Als die Muttergottes vor 89 Jahren ihren Fuß auf den äußersten Westrand Europas, auf Fatima in Portugal, gesetzt hat, da hatte sie dieses herrliche Stückchen Erde Zakopane im Südosten Mitteleuropas schon mit im Blick, sodass dann hier dieses herrliche Fatima-Heiligtum entstehen konnte. Hier im Fatima-Heiligtum von Zakopane sind Kultur und Natur, Gottesdienst und Schöpfungsherrlichkeit zu einer unvergleichlichen Symbiose zusammengewachsen. „Selig bist du, Zakopane, weil du geglaubt hast!“, dürfen wir hier sagen, wie Elisabeth in ihrem Hause zu Maria. Auch von hier aus wurde, wie von allen Fatima-Heiligtümern der Welt, dem Reich des Bösen Einhalt geboten. Die Fatima-Heiligtümer sind der Wüstenort, an dem die apokalyptische Frau mit ihrem Kind vor dem Drachen geflüchtet ist. Und gerade von hier aus wurde der Teufel, der alte Drache, besiegt. Wir sind berufen, in den Fatima-Heiligtümern bei Maria in die Schule zu gehen, um den Willen Gottes für unser Leben zu erlernen. Maria steht nicht haushoch über uns, sondern sie lebt geschwisterlich neben uns. Sie hilft uns, den Willen Gottes zu erkennen und zu befolgen. Denn wir haben – wie Maria – nur ein einziges Leben. Darum gibt es Leben, Liebe und Glaube nicht auf Probe, sondern hier ist sofort Ernstfall. Im Vollzug unseres Lebens gibt es keine verantwortungsfreie Zeit der Fahrschule wie im Verkehrswesen, sondern hier fängt man gleich als vollverantwortlicher Verkehrsteilnehmer an. Hier dürfen wir uns keine Fehlstarts leisten. Maria war zwar ohne Erbsünde, aber sonst hatte sie ein ganz normales menschliches Leben zu bewältigen wie wir auch.

2. Immer wenn ein Mensch geboren wird, dann weint er bittere Tränen, aber die Mitwelt, die Mitmenschen, die Angehörigen und die Familie freuen sich, dass ein neuer Mensch zur Welt gekommen ist. Und am Ende unseres Lebens sollte es genau umgekehrt sein: Dann sollte der sich freuen dürfen, der nun zum himmlischen Vater nach Hause gehen darf, und unsere Angehörigen, unsere Mitmenschen, sollten ein wenig weinen dürfen, weil wir ihnen dann fehlen werden. Im Leben der Gottesmutter Maria war es jedenfalls so. Wer einmal vor dem unvergleichlich schönen Marienaltar in der Marienkirche auf dem Marktplatz in Krakau gestanden ist, der wird den Anblick der Mutter Christi nicht mehr vergessen können, die sterbend mit einem österlichen Lächeln auf dem Antlitz in die Arme der weinenden Apostel sinkt. Und wenn wir fragen: „Warum war das denn so stimmig im Leben der Muttergottes?“, dann müssen wir darauf antworten: „Weil sie dort nicht fehlte, wo sie nötig war!“.

3. Maria fehlte nicht in der Kammer von Nazareth, am Ort schweigender Verfügbarkeit und glühender Anbetung vor dem lebendigen Gott. Immer sind die Engel Gottes mit den Ratschlüssen Gottes unterwegs, um uns den Willen Gottes erkennen zu lassen. Aber wir sind nicht im Haus. Wir sind außerhalb von uns selbst. Deshalb werden die Engel Gottes die Ratschlüsse Gottes für uns nicht los. Es ist gar nicht auszudenken, wenn Maria damals nicht in der Kammer von Nazareth gegenwärtig gewesen wäre. Dann wäre der Engel mit der Botschaft Gottes umsonst gekommen, dann hätte es keine Menschwerdung Gottes und keine Erlösung gegeben, dann wäre alles bei der alten Sünde geblieben. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte, wo sie nötig war: gegenwärtig vor dem Angesichte Gottes und verfügbar für den Willen Gottes. Sie fehlte dort nicht, wo sie nötig war. Und hier sind wir berufen, ihr geschwisterlich ähnlich zu werden. Auch in unserem Leben muss es das Haus von Nazareth geben, den Ort unserer Gegenwart vor dem Angesichte des lebendigen Gottes, den Raum schweigender Verfügbarkeit und glühender Anbetung. Auch heute noch sind die Engel Gottes permanent unterwegs, um uns ihre Botschaften zu überbringen. Aber sie sind dabei oft erfolglos, weil wir zuweilen dort fehlen, wo wir nötig sind, weil wir nicht zu Hause sind. Darum ist ja die Welt oft so ratlos im privaten wie im öffentlichen Leben, in den Familien wie in der Gesellschaft. Maria konnte sich bei den Kindern von Fatima bemerkbar machen, weil sie gegenwärtig waren: im Raum der Verfügbarkeit vor dem Angesichte des lebendigen Gottes. Die seligen Kinder von Fatima sind uns dazu eine liebevolle Einladung.

4. Dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind – wie Maria: im Lebensraum mitten unter den Menschen. Dafür steht im Neuen Testament der Hochzeitssaal der Brautleute von Kana in Galiläa. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte! Denn dann hätte es von einem bestimmten Zeitpunkt an bei dieser Hochzeit keinen Wein mehr gegeben, sondern höchstens Saft. Und mit Saft kann man keine Hochzeiten feiern. Maria aber war dabei, und zwar mit ihren guten Augen. Mit ihnen entdeckte sie schon den Mangel hinter der glänzenden Fassade einer Hochzeitsgesellschaft, bevor es der Öffentlichkeit bekannt wurde. Und dann ging sie zu den Personen, bei denen Abhilfe zu erhoffen war. Sie ging mit der bittenden Feststellung zu ihrem Sohn: „Sie haben keinen Wein mehr“ (Joh 2,3). Und sie wandte sich an die Tischdiener und sagte ihnen: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Dann ließ der Herr aus dem Mangel die Fülle werden, aus der mangelnden Qualität die höchste Qualität, sodass der Speisemeister den Brautleuten den Vorwurf machte: „Jeder setzt zuerst den guten Wein vor und erst, wenn die Gäste zuviel getrunken haben, den weniger guten. Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten“ (Joh 2,10). Christus ist der Mensch der Fülle. Die 6 steinernen Wasserkrüge, die voll des besten Weines waren, konnte niemand mehr austrinken. So wie bei der wunderbaren Brotvermehrung mit 5 Broten Fünftausend satt wurden und die übrigen Stücke noch in 12 Körben eingesammelt werden mussten, weil sie niemand mehr aufessen konnte. Christus ist kein Hungerkünstler der Liebe, sondern der Mensch der Fülle Gottes. Ein Glück, dass Maria dort nicht fehlte, wo sie nötig war, eben bei den armen Brautleuten von Kana in Galiläa. Das gilt aber auch für uns, dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind: mitten unter den Menschen mit den guten Augen Mariens, die hinter den glänzenden Fassaden den Mangel, die Hilflosigkeit und ihre Not in den Blick bekommen. Dann heißt es auch für uns, dorthin zu gehen, wo die Möglichkeiten der Abhilfe gegeben sind. Da ist zunächst immer der Herr, zu dem Maria ging und sagte: „Sie haben keinen Wein mehr“. Zu ihm gehen wir in unseren Gebeten, in denen wir dem Herrn sagen, was unseren Mitmenschen und vielleicht auch uns selbst fehlt. Dann sollten wir – ebenfalls wie Maria – zu Mitmenschen gehen, die der Herr für seine Hilfsaktionen mit einbeziehen möchte. „Was er euch sagt, das tut!“. Dass wir auch dort nicht fehlen – wie Maria – wo wir nötig sind: im Lebensraum mitten unter den Menschen.

5. Und dass wir schließlich auch dort nicht fehlen, wo wir nötig sind – wie Maria – im pfingstlichen Abendmahlssaal zu Jerusalem, d.h. inmitten der Kirche Gottes. Nach der Himmelfahrt des Herrn hatten sich die Apostel aus Angst vor den Juden und den Hohenpriestern versteckt. Maria sammelt nun die Zerstreuten aus ihren Verstecken und führt sie zusammen unter das gleiche Dach, an den gleichen Tisch und in den gleichen Raum, nämlich in den Abendmahlssaal zu Jerusalem. Hier leitet sie mit den versammelten Jüngern die erste Pfingstnovene, an deren Ende dann das Kommen des Heiligen Geistes geschenkt wird und damit die Geburtsstunde der Kirche schlägt. Die Kirche nennt den Teufel den „Diabolos“, den „Durcheinanderwerfer“, der das Gesammelte zerstreut und das Vereinte auseinanderreißt. Maria aber ist die große Gegenkraft: Sie steht gegen den Diabolos als „Sammlerin“, d.h. als „Zusammenfügerin“, als diejenige, die das Zerstreute sammelt und das Auseinandergerissene wieder zusammenfügt. Sie bringt die Apostel zusammen, sodass der Urgemeinde dann der Heilige Geiste geschenkt werden kann. Der Kirche wird damit die Seele eingehaucht. Ein Glück, dass Maria damals nicht fehlte, wo sie nötig war! Und das ist auch für jeden von uns wichtig. Jeder lebt in einer Pfarrgemeinde. Und da gibt es auch Kräfte, die das Gesammelte zerstreuen, und Mächte, die das Zusammengefügte auseinanderreißen möchten. Dann sind wir aufgerufen, dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind. Wir sind aufgerufen, unseren Schwestern und Brüdern, die nicht mehr am Leben unserer Pfarrgemeinden teilnehmen, die an den Rand geraten sind, nachzugehen – wie Maria den Aposteln –, sie zu suchen, sie zu sammeln, sie zusammenzuführen und mit ihnen zu beten, damit uns der Heilige Geist geschenkt werde. Dass wir dort nicht fehlen, wo wir nötig sind wie Maria: im Lebensraum unserer Pfarrgemeinden, unserer Ordenskonvente, unserer Kirche.

6. Wenn ein Mensch geboren wird, dann weint er bittere Tränen, aber die Mitmenschen freuen sich, dass ein Mensch geboren worden ist. Das liegt bei uns mehr oder weniger weit zurück. Aber das andere Geschehen, nämlich dass wir uns dann freuen dürfen, aber unsere Mitmenschen, die wir verlassen, dann ein wenig weinen sollten, das liegt noch vor uns. Wie weit, das weiß niemand von uns. Das müssen wir auch gar nicht wissen, wenn wir nur jetzt dort nicht fehlen, wo wir nötig sind wie Maria: in der Kammer von Nazareth, d.h. im Lebensraum vor Gottes Angesicht in schweigender Anbetung und glühender Verfügbarkeit, im Hochzeitssaal von Kana in Galiläa, d.h. im Lebensraum mitten unter den Menschen, um ihre Not zu erkennen und um uns ihrer anzunehmen, und schließlich im Abendmahlssaal von Jerusalem, d.h. mitten im Leben unserer Pfarrgemeinden, dass wir dort mithelfen, das Zerstreute zu sammeln und das Auseinandergerissene zusammenzufügen. Dann dürfen wir wie Maria auf dem Marienaltar in der Marienkirche von Krakau heimgehen und mit dem österlichen Lächeln auf dem Angesicht in die Arme unserer weinenden Angehörigen sinken. Maria lächelt, die anderen weinen. Wir werden lächeln, die anderen werden weinen. Warum? – Weil sie und wir dort nie fehlten, wo sie und wir nötig waren. Amen.

+ Joachim Kardinal Meisner Erzbischof von Köln

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Kulturkämpfe, Kirche und Staat: Auf den Spuren der göttlichen Barmherzigkeit

Dritter und letzter Teil des großen EWTN-Interviews
mit Erzbischof Marek Jedraszewski

Von Robert Rauhut

Seit kurzem ist er dritter Nachfolger des heiligen Johannes Paul II. als neuer Erzbischof von Krakau: Der profilierte Oberhirte, langjährige Professor für christliche Philosophie und heute stellvertretende Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Marek Jedraszewski. Im EWTN-Interview, aufgenommen mit Robert Rauhut im Umfeld des Weltjugendtages 2016, spricht er unter anderem über das Verhältnis von Kirche und Staat, echte Toleranz, Kulturkämpfe und Euthanasie.

Das Interview ist auch in der Reihe „Polonia semper fidelis“ beim katholischen Fernsehsender EWTN zu sehen. Weitere Infos hierzu finden Sie auf www.ewtn.de und auf der Facebookseite von EWTN. (Lesen Sie den ersten Teil und den zweiten Teil des Gesprächs.)

Robert Rauhut: kommen wir noch einmal zum Verhältnis zwischen Kirche und Staat, Kirche und Kultur. Heutzutage besteht eine Tendenz, auch innerhalb der Kirche, zu sagen: die Zeit der so genannten kulturellen Konfrontation ist vorbei. Dazu gehören ja Themen wie die Verteidigung des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod,  die Bioethik, die Technologien, die Globalisierung, eine große Palette. Manche sagen, die Zeit dieser Themen ist vorbei, Kirche ist Caritas, und soll für Suppenküchen sorgen oder andere gute Werke tun. Mehr nicht. Wie soll man hier reagieren? Droht die Kirche tatsächlich als NGO zu enden?

Erzbischof Jedraszewski: Ich würde vielleicht folgendermaßen antworten. Im Dekalog finden sie kein Wort darüber, dass die Armen mit einer Suppe oder mit einer Heimunterkunft versorgt werden sollen. Im Dekalog steht aber: du sollst nicht töten. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht ehebrechen. Du sollst Vater und Mutter ehren. Du sollst nicht stehlen. Stellen Sie sich jetzt vor, dass die Kirche plötzlich den Dekalog aufgibt, um sich unter den vielen – sehr wichtigen und nützlichen – karitativen Organisationen vorfinden zu dürfen. Damit wäre ihre Identität verleugnet. Ich spreche hier vom Dekalog, aber das zweite Antlitz des Dekalogs ist das, wovon ich unter Heranziehung des Doppelgebots von Jesus Christus gesprochen habe: Du sollst lieben! Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Erklären Sie mir, wie ich sagen kann, dass ich einerseits meinen Nächsten liebe und andererseits der Abtreibung zustimme, das heißt der Tötung eines ungeborenen Kindes? Oder der Euthanasie zustimme. Welche Gestalt hat diese Liebe? Und als Substitut, damit man sein allgemeines Wohlbefinden stärken kann, steht die Teilnahme an karitativen Unterfangen.

Sie unterstreichen, dass wir alle, als Katholiken, als Geistliche, Laien, dass jeder dazu berufen ist, die katholische Perspektive in den Dialog einzuführen. Sie haben aber auch das Jahr 1968 erwähnt, die kulturelle Revolution. Der klassische Marxismus mag vorbei sein. Aktuell ist es aber der kulturelle Marxismus, der im Westen eine starke Position hat. Ist diese Strömung gefährlich? Wie begegnen wir den Herausforderungen aus der Perspektive der christlichen Anthropologie?

Soweit ich den Neomarxismus kenne… zum Glück kenne ich ihn eher aus der Literatur und nicht aus der direkten Konfrontation, wobei einige Elemente des Neomarxismus bzw. der neumarxistischen Anthropologie, wie auch immer wir das nennen würden, sind schon in Polen angelangt, haben auch in Polen ihre Position, – vor allem in der akademischen Wirklichkeit – erlangt. So ist die Wahrheit. Inwiefern sich die polnische Gesellschaft dessen bewusst ist, das ist schon eine andere Frage. Diese Einflüsse dürfen jedoch keinesfalls gering geschätzt werden.

„abgesperrt und ausgelacht werden“

Nun, außer Zweifel steht, dass es ein Zusammenstoß zweier Anthropologien, zweier Menschenverständnisse ist. Das eine – unter Bezug auf Marx, und noch früher, auf Hegel – argumentiert, dass der Konflikt das Wesentliche ausmacht, dass aus dem Konflikt neues Leben, die Zukunft, eine richtige Entwicklung hervorgehen. Der Konflikt soll auch zur Eliminierung des Gegners führen, wenn nicht direkt, körperlich, dann zu einer solchen, dass ihm der Mund zugemacht wird, indem er in der Sakristei – jetzt nicht mehr wie in kommunistischen Zeiten, sondern unter neuen Bedingungen – abgesperrt bleibt, ausgelacht wird, ausgebürgert wird.

Die andere Auffassung spricht vom Menschen, der seine Natur hat und dadurch seine persönliche Würde. Von diesem Menschen dürfen wir nicht sagen, wenn wir das katholische, breiter gesagt, das christliche Menschenverständnis annehmen – von diesem Menschen dürfen wir nicht sagen, dass das Leben eine gewisse Wanderung ist, die – nicht mal zum Zeitpunkt der Empfängnis, das wird eliminiert – bei der Geburt ansetzt und mit dem Tod endet, wobei es auch beim Tod nicht feststeht, ob es sich um den natürlichen Tod oder den sogenannten „guten“ Tod, das heißt Euthanasie, handeln sollte. Und das ist es. Dieses Menschenverständnis wird propagiert. Es ließe sich auf Kriterien reduzieren, nach denen mehr oder weniger Tiere leben. Ein Maximum an Vergnügen, ein Minimum an Leiden.

„Ein Wesen, das zum ewigen Leben berufen ist“

Natürlich ist das Vergnügen auch eine der Dimensionen des Lebens – das ist etwas sehr Gutes. Kann aber nicht das Ziel an sich sein. Mehr noch, Werte müssen in einer angemessenen Hierarchie angeordnet werden, in der die ideellen Werte über den hedonistischen stehen. Und über all denen steht die Vision, die alles umfasst, den gesamten Menschen, eine Vision, die besagt, dass der Mensch nicht nur auf dieser Erde verankert ist. Dass er nicht nur ein Tier ist, das für sich selbst besser als die anderen Tiere sorgen konnte und sich die anderen Tiere unterstellt, oder andere Lebewesen seinem Egoismus untergeordnet hat. Nein, das ist ein Wesen, das zum ewigen Leben berufen ist. Eigentlich ist die Perspektive der Transzendenz schlüssig. Und unsere Konfrontation – wenn wir von der Ebene des Zusammenstoßes bestimmter Theorien sprechen aber auch auf der Ebene des Lebens, das heißt einer gewissen Praxis – sollte durch die Frage aufgelöst werden: sehe ich mich selbst in der Perspektive der Ewigkeit, von der Jesus Christus spricht und zu der er mich aufruft. Oder ob ich damit einverstanden bin, dass ich eins der Lebewesen dieser Erde bin, das ohne ein bekanntes Ziel zur Welt kam…

…ein Zustand des Vegetierens ist es, oder?

Ja, ein Vegetieren, das man sich mit Vergnügen ein bisschen versüßt, wenn ich es so sagen darf. Oder man kann es wie Sartre ausdrücken: es ist ein Fluch, dass wir geboren wurden und es ist ein Fluch, dass wir sterben werden. Das heißt, von Anfang an schwebt über uns ein Fluch. Hier hat ihre Wurzeln auch eine andere Denkweise, die in der modernen philosophischen oder ethisch-philosophischen, anthropologischen Literatur auch ihre Widerspiegelung findet: es ist eine Sünde, oder besser gesagt, es ist etwas Böses – denn Sünde ist eher ein Religionsbegriff –  meinen Kindern leben zu schenken. Denn, wenn ich ein Kind habe, verdamme ich es zum Fluch, das heißt, dass es zur Welt kommt, es sterben müssen wird und dass auf dieses Kind zwischen Geburt und Tod mehrmals Leiden, und zwar wahrscheinlich kein geringes Leiden, zukommt. Ich darf es nicht tun, es würde mich mit Schuld belasten.

Es würde sich hier eine ausgezeichnete Unterscheidung anbieten, die ich vor kurzem in der Philosophie von Rémi Brague, einem bekannten Philosophen aus Paris, gefunden habe. Er behauptet, man müsse unterscheiden zwischen aimer vivre und aimer la vie. Aimer vivre bedeutet, das Leben lieben, eigenes Leben, ein Leben voll von Vergnügen, Freude und alles andere vergessen. Da ist was Schönes dran! Zweifellos. Damit ist aber nicht erschöpft, was unter aimer la vie verstanden wird – das Leben als Wert an sich lieben, einen Wert, den man den nächsten Generationen weitergeben will. Das bedeutet aber ein Vertrauen, eine Hoffnung auf das Leben, die ohne Bezug auf Gott nicht möglich ist.

Der Unterscheidung von Rémi Brague  wird eine nihilistische Vision gegenübergestellt, die im gewissen Sinne postmodern ist, mit häufigen Bezügen auf Heidegger, Nietzsche und andere Protagonisten. Wir haben einen christlichen, katholischen Anhaltspunkt. Das Fundament bilden hier der Transzendenzbezug und der Bezug auf die Inkarnation. Was für eine Strategie – wenn wir es überhaupt Strategie nennen können – sollen wir Katholiken annehmen, damit diese Frage nach Gott im Zentrum der gesamten Wirklichkeit steht? Wie kann dies belebt werden, so dass die Gnade das vervollständigt, was die Natur bereits macht?

Es ist eine fundamentale Frage. Es ist aber schwierig eine eindeutige Strategie festzulegen und diese dann umzusetzen. Allerdings ist meiner Ansicht nach sehr wichtig, dass unser Denken über den Menschen nicht nur auf anthropologische Fragen reduziert wird. Das heißt dass das Denken nicht nur auf mich konzentriert bleibt. Sonst droht uns, nicht immer, aber oft ist es so, dass aus unserem Horizont der Bezug auf die Transzendenz, der Gottesbezug verschwindet. Es wird zu wenig über Gott gesprochen, oder anders: wir als Katholiken trauen uns nicht über Gott zu sprechen. Wir fliehen vor Ihm. Denken Sie an die Diskussionen der zweiten Hälfte der 90er Jahre darüber, ob Gott in die Europäische Verfassung gehört oder nicht. In diesen Diskussionen hat sich auch Johannes Paul II. sehr engagiert. Er meinte, dass der Gottesbezug dorthin unbedingt gehört, unabhängig davon, welchen Inhalt die einzelnen Menschen diesem Begriff zuschreiben. Dieser wird nämlich immer so verstanden werden, dass es sich da um einen Transzendenzbezug handelt – bei der Auffassung von uns selbst, unserer Existenz, unserer Bestimmung. Ohne diesen Bezug verlieren wir uns selbst.

„das Sprechen über Gott ist etwas, worüber man schamhaft zu schweigen hat“

Die Initiativen, die Bitten des Papstes wurden – wie wir wissen – abgelehnt. In diesem Europäischen Vertrag fehlt der Begriff Gott. Mehr noch, es wird versucht uns einzutrichtern, dass das Sprechen über Gott jemanden verletzen könne, deshalb sei es besser, wenn wir über Gott gar nicht sprechen. Es lässt sich mit der Situation vergleichen, wenn wir über uns sagen würden, dass wir zwar das Gehirn haben, aber kein Herz. Dieses Bild habe ich der Anatomie des Menschen entnommen. Wir dürfen nämlich nicht behaupten, dass ein Teil des menschlichen Körpers ein Ganzes bildet oder all das erschöpft, was einen Menschen ausmacht. Dies ist ein Bild der kulturellen Wirklichkeit, in der wir leben und in der es keinen Platz für Gott gibt und das Sprechen über Gott ist etwas, worüber man schamhaft zu schweigen hat, was man zu vermeiden hat, etwas, was verletzen kann. Eine umgekehrte Position wird gar nicht berücksichtigt, denn ein totales Schweigen über Gott kann – eigentlich „soll“ sogar – denjenigen verletzen, der sich zu Gott bekennt und der, nach seinen Möglichkeiten, gemäß den Geboten Gottes leben will.

Der wahren Toleranz bedarf es meiner Meinung nach, dass sowohl die einen als auch die anderen ihre Stimme hören lassen dürfen. Und nicht, dass die einen, ihrer Gewissheit wegen, den anderen ihr Recht darauf verweigern, dass ihre Stimme gehört wird. Deshalb soll Gott in dem Diskurs, der nicht nur im politischen Raum, sondern auch im kulturellen Raum stattfindet, in allen Dimensionen der Kultur präsent sein. Schauen Sie sich die amerikanischen Filme aus den 60er Jahren über Cowboys und so weiter an. Da wurde manchmal gezeigt, wie sie sich im Kreis ihrer protestantischen Familie an den Esstisch setzten und ihre Mahlzeit mit einem Gebet begannen. Zeigen Sie mir einen amerikanischen Film von heute, der eine solche Szene hat!

Erstmal säßen da wahrscheinlich nicht so viele Personen am Tisch, oder vielleicht eine Patchworkfamilie.

Das was Sie sagen, ist im Grunde genommen tragisch. Das ist ein Anzeichen des Untergangs einer bestimmten Zivilisation, wenn es so weitergeht, vom biologischen Standpunkt aus betrachtet. Sie sehen, wozu es gekommen ist, welche gesellschaftlichen Strukturen entstanden sind, nachdem Gott eliminiert worden ist. Gott, der unser aller Vater ist und der möchte…

Wird der Vater marginalisiert, so wird auch das Kind marginalisiert. Das heißt marginalisiert wird der Mensch. Der Mensch erlischt.

Ja, erlischt. Auch seine Zukunft erlischt.

Und wie führen Sie Ihren Dialog? Der Dialog ist ein Spezifikum in Ihrer Diözese…

Als ich vor vier Jahren hierher kam, besuchten mich die jungen Priester und sagten: Lassen Sie uns vielleicht „Dialoge mit dem Erzbischof“ organisieren. Dann fragte ich sie: Aber wo? Sie schlugen vor: Wir würden eine Aula finden und dort würden wir uns treffen. Ich habe gesagt: Nein. Ich habe keine Angst vor dem Auftreten in einer Aula, im Gegenteil, ich mache es sehr gerne. Wenn ich aber als Dozent oder Professor in einer Aula auftrete, so wird unser Dialog einen philosophischen oder religionswissenschaftlichen Charakter haben. Das ist selbstverständlich so und so sollte es auch sein. Ich möchte aber in meiner Eigenschaft als Erzbischof sprechen dürfen. Deshalb muss der Ort dieses Treffens meine Kathedrale sein, von wo aus ich als Bischof lehre. Ich möchte auch, dass diese Treffen die Form eines Dialogs haben.

Und so entstanden die Dialoge – wir haben die Form der Treffen, die ununterbrochen bereits vier Jahre lang, jeden Monat, stattfinden, etwas geändert. In die Kathedrale kommen immer sehr viele Menschen. Die Themen der Treffen werden für das ganze Jahr im Voraus festgelegt. Alle können sich auf diese Treffen vorbreiten, Fragen auch früher stellen, per Internet oder per Fragekasten. Ich lese und ordne mir die Fragen, bereite mich vor, um sie beantworten zu können. Allerdings ist ein Drittel der Zeit immer für freie Fragen der Teilnehmer und Teilnehmerinnen vorgesehen. Sie können alles fragen. Ich kenne sie nicht, jeder von ihnen hat seine Erfahrungen.

Probleme und Angelegenheiten erzählen

Einmal kam jemand, der sich als qualifizierter Atheist bezeichnet hat. Eine sehr bunte Person. Auch er durfte kommen und Fragen stellen und ich habe diese Frage ernst genommen, habe mich bemüht sie in aller Öffentlichkeit zu beantworten. Und wenn diese Treffen bereits vier Jahre stattfinden – ursprünglich waren sie nur für ein Jahr vorgesehen und hingen zusammen mit dem von Benedikt XVI. ausgerufenen Jahr des Glaubens – so bedeutet es, dass die Menschen sie brauchen, dass man diese Treffen eine Art Katechese für Erwachsene nennen könnte. Aber auf jeden Fall kann man sagen, dass es ein Forum ist, wo sich der Bischof mit den Menschen trifft, mit ihren Problemen, oft sehr dramatischen persönlichen Problemen, die öffentlich geäußert werden. Jeweils im Anschluss an diese Treffen muss ich noch eine weitere Stunde bleiben, weil sich Leute anstellen, um mir über ihre Probleme, ihre Angelegenheiten zu erzählen.

Nicht alles wird sofort beantwortet – manchmal sind es formelle Angelegenheiten und ich erkläre, wie in diesen Sachen vorgegangen werden kann. Manchmal ist es so, dass jemand über sich selbst, seine Probleme erzählen, etwas fragen will. Für mich als Bischof ist es wunderbar, Menschen hören zu dürfen, die den Mut haben, zu kommen und ihre oft schwierigen, dramatischen Angelegenheiten mit uns zu teilen, hier Hilfe zu suchen, mit all dem Vertrauen darauf, dass sie nicht zurückgewiesen werden und dass sie gehört werden. Ja, sie werden gehört, sie sind aufgehoben. Wir bilden eine Kirche.

Eine letzte Frage. Sie haben über den Dialog erzählt, in dem Glaube und Vernunft aufeinandertreffen. Fides et ratio. Aber es ist auch ein Treffen mit der Kultur. Der Dialog wird in der Kultur sichtbar, in der Kultur des Dialogs. Sie haben auch erwähnt, dass, wenn wir unsere Ursprünge, unsere Wurzeln vergessen – diesen Faden, der zum Himmel führt – der Mensch stirbt. Wir erfahren heutzutage sehr viele krisenhafte Phänomene aber als Christen sollen wir Freude ausstrahlen und Hoffnung gegen alle Hoffnung verkünden, wie es der Heilige Paulus sagen würde. Welche Bedeutung hat vor dem Hintergrund dieser Krisen die Botschaft der Barmherzigkeit?

Die Botschaft der Barmherzigkeit – ich weiß nicht, ob sie es wissen – nimmt hier, in Łódź, ihren Anfang. Denn als junge Frau hat Helena Kowalska in Łódź gearbeitet. Und hier, auf einer Tanzveranstaltung im Park, der damals den Namen „Wenecja“ also „Venedig“ trug, hatte sie plötzlich, wie sie in ihrem Tagebuch schreibt, eine Vision des Leidenden Christus, der sie fragte: wie lange wirst du mich noch täuschen? Sie machte sich auf den Weg zu der nächsten Kirche. Das war die Kathedrale. Hier. Dort hörte sie: geh möglichst schnell ins Kloster. Und sie wusste schon, was sie zu tun hat. Sie erhob sich, denn sie kniete vor dem Allerheiligsten, erhob sich, nahm ihre Sachen und mit einem einzigen Kleid fuhr sie nach Warschau.

Die Stadt hier war damals ganz anders als heute. Łódź war eine Industriestadt, eine multikulturelle Stadt, eine Stadt von verschiedenen Religionen. Ich will nicht sagen, dass es eine intolerante Stadt war, im Gegenteil. Soweit ich es herausfinden konnte, machten ein Drittel die Juden, ein Drittel die Deutschen und ein Drittel die Polen aus. Die Juden besaßen die meisten Fabriken, sie waren deren Inhaber, es gab aber auch sehr arme Juden aus niedrigen Gesellschaftsschichten. Die Deutschen waren meistens Ingenieure und Führungskräfte in diesen Fabriken, die Polen bildeten das verarmte Proletariat. Sie konnten aber zusammenleben.

Der Funke der Liebe

Trotzdem gab es hier viel an realer Armut. Nicht nur wirtschaftlicher Armut, sondern auch der moralischen. Vor allem unter Menschen, die für geringes Geld arbeiteten, um überleben und ihre Familie unterhalten zu können. Es waren meistens Frauen, die so gearbeitet haben. Das ist die Realität der Textilindustrie, deren Zentrum Łódź war. Und Jesus Christus will, dass Faustina von hier aus in die Welt geht. Dass von hier aus dieser Funke der Liebe ausgeht, der vergibt, der vereint, der Hoffnung gibt. Und dieser Funke – hier gehe ich über zum Leben der heiligen Faustina – hat ganz Polen durchquert. Denn auf ihrem Weg sind Warschau, Vilnius, Krakau, Płock, Poznań – also die wichtigsten Zentren – und dann wieder Krakau, wo sie gestorben ist und von wo aus, dank Erzbischof Karol Wojtyła, dem späteren Papst, der Funke in der ganzen Welt bekannt wurde. Ich erzähle Ihnen etwas aus eigener Erfahrung: Als Bischof muss ich relativ viel reisen und treffe in verschiedenen Gremien, vor allem den europäischen Gremien, viele Menschen. Da werde ich oft gefragt, woher ich komme. Aus Łódź, antworte ich. Wo liegt das? Fast unglaublich, aber der Name der drittgrößten, im zentralen Polen gelegenen Stadt, sagt nichts. Und dann sage ich – in Łódź fängt die Geschichte der heiligen Faustina an. Ach so! – bekomme ich zu hören und diese Welt wirkt sofort so nah und vertraut. Vertraut für die gesamte katholische Gemeinschaft, wo auch immer wir sind. Auch das hier ist paradox: sie ist Schutzpatronin von Łódź, eine Schutzpatronin, die vom Vatikan offiziell als solche genehmigt wurde – denn dafür muss im Rahmen eines Verfahrens eine Genehmigung eingeholt werden. Als Schutzpatronin wurde sie auch von den Stadtbehörden akzeptiert und zwar zu dem Zeitpunkt, als die Mehrheit des Stadtrates die Vertreter der postkommunistischen Partei bildeten. Auch sie haben die Bedeutung der Botschaft, der durchaus humanistischen Botschaft der Barmherzigkeit, verstanden. Einstimmig wurde der entsprechende Beschluss gefasst.

„Ein jeder braucht die Hoffnung auf einen neuen Anfang“

Wir haben jetzt ein Stadtfest, das der Schutzpatronin, der heiligen Faustina gewidmet ist. Das zeugt nur davon, dass die Botschaft der Barmherzigkeit für einen jeden wichtig ist. Denn ein jeder bedarf es verstanden zu werden, Vergebung zu erfahren. Ein jeder braucht die Hoffnung auf einen neuen Anfang. Das geben wir uns auch gegenseitig, wenn wir füreinander offen sind. Diese Offenheit ist nur dann möglich, wenn über uns allen unser Gott steht – Vater unser.

Lesen Sie den ersten Teil und den zweiten Teil des Gesprächs.

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Quelle

Auf den Spuren der göttlichen Barmherzigkeit (Teil 2)

Feier des Westfälischen Friedens 1648, ein Gemälde von Bartholomeus van der Helst. Foto: Wikimedia (Gemeinfrei)

Europa, Islam und Reformation:

Zweiter Teil des großen EWTN-Interviews mit Erzbischof Marek Jedraszewski

Seit kurzem ist er dritter Nachfolger des heiligen Johannes Paul II. als neuer Erzbischof von Krakau: Der profilierte Oberhirte, langjährige Professor für christliche Philosophie und heute stellvertretende Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Marek Jedraszewski. Im EWTN-Interview, aufgenommen mit Robert Rauhut im Umfeld des Weltjugendtages 2016, spricht er unter anderem über den Umgang mit dem Islam und dem Reformationsgedenken.

Den ersten Teil des Gesprächs lesen Sie hier. Der dritte und letzte Teil erscheint am morgigen Dienstag, 7. März. Das Interview ist auch in der Reihe „Polonia semper fidelis“ beim katholischen Fernsehsender EWTN zu sehen. Weitere Infos hierzu finden Sie auf www.ewtn.de und auf der Facebookseite von EWTN.

Robert Rauhut: Herr Erzbischof, was sind heute die größten Herausforderungen der katholischen Kirche in Polen?

Erzbischof Jedraszewski: Zweifellos könnte uns hier mögliche Selbstzufriedenheit drohen. Der Zustand des religiösen Lebens der Menschen in Polen ist viel besser als der der Menschen in Westeuropa. Das ist eine soziologische Tatsache, die allgemein beobachtbar ist. Allerdings ist ein gewisses Ringen vorhanden. Wir wissen nicht genau, was in zehn, zwanzig Jahren auf uns zukommt, in welche Richtung sich die Kirche entwickeln wird. Ob wir als Kirche und eine gläubige Nation dieser Vorstellung von einer Welt und von einem Leben ohne Gott nicht unterliegen werden, darüber haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. oft geschrieben, der Vorstellung, es gäbe keinen Gott. Die Möglichkeit einer Entwicklung in diese Richtung besteht. Dieses Ringen kann aber durchaus in eine andere Richtung umschlagen, so dass wir daraus gestärkt hervorgehen, mit der Wahrheit von Jesus Christus noch stärker verbunden. Also ist es eine Zeit des Ringens. Gott weiß, was in Zukunft kommt.

Kirche ein Raum von Freiheit und Liebe

Wenn wir aber vom Ringen sprechen, so müssen wir uns der Orte dieses Ringens bewusst sein, denn von den Ergebnissen des Ringens wird die Zukunft abhängen. Erstens sind es die Jugendlichen. Viele kennzeichnet ein Verlorenheitsgefühl. Es hat sich etwas ereignet, was einerseits interessant andererseits sehr wichtig ist. Wenn wir nämlich die Kirche in Polen in den letzten Jahrzehnten, zu kommunistischen Zeiten, betrachten, war die Kirche für die Menschen ein Raum der Freiheit. Auch für die Nichtgläubigen, die in der Kirche Schutz oder auch Unterstützung suchten. Diesen Freiheitsraum konnten auch die Jugendlichen erfahren. Heute wird die Kirche als ein Menschenkreis ohne Freiheit dargestellt, ja, ein Raum, wo gegen Freiheit gekämpft wird. Denn dies ist verboten, jenes ist verboten… Man versucht, die Kirchenlehre als Verbote zu deuten. Bis zu einem gewissen Grad ist es richtig, denn die meisten Gebote des Dekalogs sind als Verbote formuliert. Bis auf zwei – das dritte und das vierte.

Zu wenig wird darüber gesprochen, dass die Freiheit erstens auch ihre Grenzen hat. Und wenn sie als Freiheit gelten will, so muss sie auch diese Grenzen anerkennen. Zweitens wird vielleicht die positive Aussage des Evangeliums zu wenig akzentuiert. Jesus Christus sprach, wir sollen Gott und unsere Nächsten lieben. Da ist kein Verbot drin, es wird gesagt – du sollst lieben! Wir können auch sagen, liebe und mache, was du willst. Du sollst aber mit dieser Liebe lieben, die uns Jesus Christus beigebracht hat. Sehe nicht als Liebe dasjenige an, was oft Gegensatz der Liebe ist. Gegensatz der Liebe, die als Agape, Caritas, als selbstlose, opferbereite Liebe aufgefasst wird, die alles zu leiden bereit ist, wenn dadurch einem Menschen Gutes getan werden kann. Eine schwierige Liebe ist es. Das ist aber dasjenige, was das Christentum ausmacht. Den jungen Menschen diese Perspektive des Evangeliums und dadurch eine der Perspektive entsprechende Botschaft der Kirche zu zeigen, halte ich für eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Werden die jungen Menschen sie annehmen wollen, so besteht die Hoffnung, dass die Zukunft der Kirche in Polen besser als die Gegenwart sein wird.

Wenn wir die Herausforderungen im Jugendbereich in der Kirche und in der Gesellschaft vergleichen, so sehen wir, dass der Westen heute auch vor anderen großen Herausforderungen steht. Einerseits sind wir mit dem kämpfenden Atheismus, dem sich verbreitenden Agnostizismus konfrontiert, andererseits haben wird den stark wachsenden Islam. Was ist aus ihrer Sicht die Hauptschwäche des Westens bei der Begegnung dieser Herausforderungen?

Ich antworte auf Ihre Frage vielleicht etwas indirekt, glaube aber, dass es sich lohnt, diese Geschichte zu erzählen. Vor mehreren Jahren wurde ein heute schon etwas älterer Herr durch sein staatliches Unternehmen – damals hieß staatlich so viel wie kommunistisch – zur Arbeit in den Irak entsandt. Als er eine Umfrage ausfüllen musste, wurde er darauf hingewiesen, dass er unter Konfession unbedingt „katholisch“ eintragen sollte. Der Hinweis kam von jemandem, der die kommunistische Regierung vertrat. Dann kam von dem Mann nun die Frage: „Warum? Der Glaube wird doch bei uns verleugnet.“ Da kam die Antwort: „denn die Menschen im Irak behandeln Ungläubige wie Tiere, denen keine Rechte zustehen. Man behandelt sie wie Hunde“. Ich kannte das nicht. Ich kenne den Koran auch nicht gut genug, um dies entsprechend zu interpretieren. Ich schließe aber nicht aus, dass es in bestimmten Ländern, wo ein kämpferischer Islam herrscht, es Richtlinien gibt, wie sich ein gläubiger Muslim zu verhalten hat. Und jetzt komme ich auf Ihre Frage zurück – Menschen, wie sie diese Geschichte beschreibt, kommen nach Europa. Wie betrachten sie Atheisten, Agnostiker, diejenigen, die das Christentum bekämpfen? Sie betrachten sie nicht über die Würde einer Person, unabhängig davon, ob diese gläubig oder ungläubig ist, das heißt sie greifen nicht auf Kategorien zurück, die für uns offensichtlich sind.

„Das sprengt unsere Denkweise“

Ein grundsätzliches Betrachtungskriterium verläuft entlang dem Gegensatzpaar: gläubig – ungläubig. Bist du ungläubig, ja, bist du der Meinung, dass dies ein Ideal ist und dieses Ideal auch die Christen annehmen sollten, so schauen sie umso herablassender auf dich, auf die Länder des westlichen Europas, in denen sie angekommen sind. Es ist für sie keine Kultur, die sie imstande sind zu achten, geschweige denn zu akzeptieren. Das wird für sie eher der Gegenstand eines Kampfes sein, etwas, was vernichtet werden muss. Ich möchte es nochmals unterstreichen – das sprengt unsere Denkweise, eine europäische Denkweise, die auf der christlichen Kultur aufbaut. Aber so ist es und davor die Augen zu verschliessen bringt nichts. Und ich komme noch auf den anderen Teil ihrer Frage zurück: Was soll getan werden?

„Es herrscht eine axiologische Leere“

Sicherlich ist damit kein Versuch gemacht, diese Probleme zu lösen, wenn man gegen das Christentum scharf vorgeht, was heutzutage der Fall ist. Übrigens, vor dieser axiologischen Leere, vor dem Nihilismus im Bereich der Ideen, der zur Zeit herrscht, haben Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Europa mehrmals gewarnt. Sie haben unterstrichen, dass es kein richtiger Weg zur Aufrechterhaltung der europäischen Identität ist. Und hier noch eine für uns sehr traurige aber treffende Aussage von Benedikt XVI. – Europa liebt sich nicht mehr, liebt SICH nicht mehr, seine Tradition, seine Wurzeln. Von denen will es sich um jeden Preis abkehren. Dies ist aber ein suizidaler Weg.

Benedikt XVI. sagte nicht nur, dass der Westen sich nicht liebt, sondern dass er sich geradezu hasst. Eine sehr scharfe Formulierung war das.

Wenn wir dabei an den kämpfenden Atheismus denken, dann ja, dann müssen wir vom Hass sprechen.

Das Fehlen der Liebe…

Ja, das Fehlen der Liebe. Mehr noch, denn mit „Fehlen“ wird es positiv umschrieben. Man will das vernichten, was einem nicht passt.

Das heißt, dass eine Antwort auf diese zwei Herausforderungen darin bestände, dass wir als Katholiken, Christen unsere Identität formen, leben und sich zu ihr öffentlich bekennen.

Das ist unsere Hauptaufgabe. Dazu hat Jesus Christus seine Jünger aufgefordert. So war auch die Kirche in den ersten Jahrhunderten, den ersten drei Jahrhunderten grausamster Verfolgungen der Kirche, ununterbrochener Kämpfe – so war es. Wollen wir an die Ursprünge zurückgehen, an die Ursprünge der Kirche, des eigenen Glaubens, so müssen wir zu diesem Bekenntnis zurückkehren: Wer bin ich? Wir müssen stets zeigen, dass das, was ich vertrete, dessen wert ist, dass man sich dafür interessiert, ja, es vielleicht sogar achtet und bewundert.

Ich komme kurz nochmal zurück auf die drei ersten Jahrhunderte der Christenverfolgung. Sie waren grausam, gekennzeichnet durch einen schwer nachvollziehbaren Hass gegenüber den Christen. Irrationalen Hass. Andererseits, dieselben Römer, die die Christen den Löwen zum Fraß vorwarfen, sagten: „seht, wie sie sich lieben“. Die Römer haben in den Christen etwas Außergewöhnliches gesehen, jene Kraft, die es ermöglicht bei Christus zu bleiben. Und die Christen haben es selbst begriffen, dass die Saat der jungen, kräftigen Kirche das Blut der Märtyrer ist.

Wenn wir das theologisch ausdrücken sollten, dann würden wir sagen, die Christen haben sakramental gelebt, sie waren ein Zeichen dessen, was vorangegangen ist. Das hat die anderen betroffen gemacht.

Anders hätte es nicht sein können. Wenn jemand das zutiefst lebt, dann sprechen wir von der Menschlichkeit in ihrer Vollendung, der der Tod keine Grenzen setzt. Eine Menschlichkeit, die sich auch nach dem Tod weiter verwandelt und als ehrenvolles Leben der Erlösten fortgesetzt wird.

Wie ist aber vor diesem Hintergrund die politische Korrektheit/political correctness gegenüber den Muslimen zu erklären? Das Bild des Islams wird oft entweder sehr märchenhaft gezeichnet, wie die Erzählungen aus „Tausend und eine Nacht“. Oder der Islamismus und Terrorismus werden vom Islam so strikt auseinander gehalten, dass der Eindruck entsteht, das eine hätte mit dem anderen überhaupt nichts zu tun.

Ich habe neulich einen Artikel über den Islam gelesen. Er berichtete darüber, dass Mohammed selbst seinen Anhängern beigebracht haben sollte, wie sie sich zu verhalten haben. Es hieß: seid ihr in der Minderheit, so achtet diejenigen, unter denen ihr lebt. Seid ihr auf gleicher Augenhöhe, so fordert Rechte für euch. Seid ihr in der Mehrheit, bekämpft sie.

Ich spreche darüber unter Bezug auf einen Artikel – persönlich habe ich es nicht überprüft. Aber vielleicht stimmt es. Damit wird gezeigt, dass der Islam kein einheitliches Gesicht hat. In der katholischen Kirche wird die Einheit gewahrt – durch das kirchliche Lehramt und eine strikt festgelegte Doktrin.

Der Islam ist sehr gespalten…

Ja, höchst gespalten. Jeder Imam kann seine Koraninterpretation verkünden, die etwas mehr oder etwas weniger von den politischen Faktoren abhängt. Es bestehen also Unterschiede. Es wäre falsch zu sagen, dass einerseits ein Islam wie aus dem Märchen „Tausend und eine Nacht“, ein guter Islam besteht und auf der anderen Seite haben wir den Terrorismus, der keine Verbindung zum Islam hat. Er ist mit einem Teil des Islams verbunden, so sind die Fakten.

Die politische Korrektheit ähnelt der Vogel-Strauß-Politik – ich ignoriere Probleme und stecke den Kopf in den Sand. Aber die Folgen dieser Politik können verheerend sein. Das Problem der Verantwortung in der Politik ist nämlich keins der aktuellen Unterstützung einer Partei oder dass um die Wählerstimmen um jeden Preis gekämpft wird, um in den nächsten Wahlen zu gewinnen. Umso weniger ist es der Versuch, über die Köpfe der wählenden Nationen, Gemeinschaften hinweg zu regieren. Wir haben neulich den Aufruf der europäischen Regierenden gehört, man solle die Stimmen der Wähler nicht zu ernst nehmen. Da drängt sich die Frage auf, wie ist das mit der Demokratie zu vereinbaren. Die große Politik ist ein Versuch die Gegenwart vor dem Hintergrund der Vergangenheit zu verstehen, und solche Maßnahmen für die Zukunft zu ergreifen, die den Bürgern zugute kommen.

„Europa der Vaterländer“

Wenn wir heute auf die Ursprünge der Europäischen Union zurückblicken, so sehen wir, dass ihr Entstehen keine einfache Geburt war. Sie entstand nach der Katastrophe des zweiten Weltkriegs, aus der Vision von drei Großen heraus: Konrad Adenauer, Schuman und de Gasperi. Drei großartige Politiker aus unterschiedlichen Ländern mit unterschiedlichen Traditionen. Aus Ländern, die in unterschiedlichem Grade in die Katastrophe – zuerst des ersten, dann des zweiten Weltkrieges – verwickelt waren. Sie haben aber eingesehen, dass wir zu den Ursprüngen zurückgehen müssen, wenn Europa erhalten bleiben sollte, und zwar in seiner Rolle als ein gewisses Zentrum, aus dem die anderen Nationen schöpfen können. Nicht im kolonialen Sinne, auch nicht im kulturkolonialen Sinne. Denn wenn man zurückblickt, dann sieht man, dass sich Europa von der Einwanderung der Barbaren im 7. und 8. Jahrhundert erholen konnte, dass Europa die Katastrophe der Reformation und der Religionskriege im 16. und 17. Jahrhundert überlebte, und dass darauf zurückgegriffen werden muss, und zwar in einer bestimmten Form – dafür hat de Gaulle geschwärmt – in Form eines Europas der Vaterländer.

Das heißt, wenn wir unsere europäische Identität betonen, dann meinen wir nicht nur den Glauben, sondern auch die Wahrheit. Man hört oft, es gäbe keine einzige Wahrheit. Das hat eine Reihe Konsequenzen, nicht zuletzt im Umgang mit den Flüchtlingen und Migranten und der Herausforderung, wie diese sich integrieren können, sofern sie denn das auch wollen.

Ich habe das schon erwähnt – wenn Sie eine Kultur per definitionem als schlecht betrachten, eine die es zu bekämpfen gilt, dann ist es kaum zu erwarten, dass Sie sich in diese Kultur integrieren. Sie können uns – ich spreche von Europa – achten, wenn es ein Europa der Menschen sein wird, die nicht tun und lassen, was sie wollen. Sondern ein Europa der Gemeinschaft von Nationen, die eine gemeinsame Welt der Werte teilen. Beständige Werte. Objektive Werte. Werte, die in Gott verankert sind. Das hat Benedikt XVI. oft wiederholt: dem Leben, als ob es keinen Gott gäbe hat er das gegenübergestellt, was zum Inhalt der Pascalschen Wette gehört: Lebe dein Leben so, als ob es Gott gäbe. Damit ist dein Überleben garantiert. Du betrittst die Welt beständiger Werte, die du nicht unbedingt mit Gott verbindest. Aber die Welt der Werte ist da. Die Welt der objektiven Wahrheit ist da. Gerade dies wird in der heutigen Kultur eliminiert, vor allem in der akademischen Kultur.

Wir kommen noch auf das Thema der akademischen Kultur zurück. Ich hätte noch eine abschließende Frage zu diesem Gesprächsteil: sollten wir uns als Katholiken in Westeuropa mehr mit den Christen bei uns aber auch im Nahen Osten solidarisieren?

Die Bischöfe aus diesen Ländern, aus dem Irak, aus Syrien, sagen: macht bitte alles, damit unsere Gläubigen dort bleiben. Wir dürfen nicht vergessen, dass in Palästina aber auch im heutigen Irak, in Syrien, Libanon – Christen leben, deren Geschichte auf die Anfänge des Christentums zurückgeht. Sie haben so viel Schrecken erfahren müssen. Es gab Zeiten einer prachtvollen Entwicklung, aber größtenteils mussten sie leiden. Und sie haben überlebt. Und plötzlich drohen sie zu erlöschen. Es gibt sie nicht mehr. Das ist tragisch. Das müssen wir, Christen in Europa, mitempfinden. Deshalb ist unsere Hilfe, unsere Solidarität erforderlich. Hilfe, die den Christen vor Ort, den dort lebenden Christen geliefert werden sollte. Übrigens, solche Hilfemaßnahmen liefert die Caritas Polen. Auch mehrere Besuche des Vorsitzenden der polnischen Bischofskonferenz, von Erzbischof Gądecki in Syrien, sind der beste Beweis dafür.

Wir haben darüber gesprochen, wie wir als Katholiken auf diese Herausforderung des Islams reagieren sollten, welche Maßnahmen wir ergreifen sollten, auch vor dem Hintergrund der säkularisierten westlichen Kultur. Ich stelle vielleicht noch eine zusätzliche Frage: inwiefern sollten wir uns als Kirche von der Welt abgrenzen, inwiefern sollten wir mit dieser Welt verschmelzen?

Beides ist falsch. Die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils aus der Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute „Gaudium et spes“ äußert sich in dieser Hinsicht eindeutig. Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Angst dieser Welt, sind Freude, Hoffnung aber auch Trauer und Angst der Kirche. Wir dürfen uns nicht gettoisieren. Das macht das Christentum, vor allem die katholische Kirche so einzigartig – die Kirche wollte sich nie ghettoisieren lassen.

Als Johannes Paul II. 1991 in Polen, gleich nach der Wende, war, sagte er, dass wir als Nation in den letzten 50 Jahren die Erfahrung der Ghettoisierung machen mussten. Eine Nation, die – wie es ein prominenter kommunistischer Politiker mal gesagt hat – in der Sakristei abgesperrt werden muss. Betet so viel wie ihr wollt, sprecht Litaneien, weint vor den Bildnissen der Gottesmutter, aber wehe denen, die es wagen, diesen Glauben außerhalb von der Kirche zu tragen, zu leben und durch diesen Glauben die Welt zu verändern.

Kommt hier der Aspekt der Tapferkeit hinzu? Geschichtlich gesehen, zum Beispiel die Schlacht bei Wien 1683, früher die Seeschlacht von Lepanto…

Die beiden Schlachten, die Sie erwähnt haben, stehen als Symbole für ständige Kämpfe an der polnisch, ja, europäisch-osmanischen Grenze. Diese Siege waren jeweils eine Antwort auf eine enorme Gefahr des Einmarsches durch die Türken. Es schien, als ob dem Christentum in Europa ein Ende gesetzt wird. Natürlich hing dies zusammen mit der geistigen Schwäche des damaligen Europa. Und plötzlich kommt eine enorme Mobilisierung; die Mobilisierung durch das Gebet, durch das Gebet zur Gottesmutter.

Zu Christus im Alltag stehen ist Tapferkeit

Es war der Fall bei Lepanto, genauso war es bei der Schlacht unter Führung von Jan III. Sobieski. Und dann kommt der Sieg, die Freude. Das stärkt. Die Tapferkeit ist eine Eigenschaft, die mit dem Mut zusammenhängt. Sie ist einerseits eine natürliche Eigenschaft, sie ist aber auch ein Beweis für die Reife einer Person. Ich würde sie auch im Kontext der Fähigkeit sehen, ein Zeugnis für Christus im Alltag zu geben. Ein Zeugnis für die Treue. Das ist oft viel schwieriger als ein einmaliges Tapferkeitszeichen, selbst bei einer sehr dramatischen Schlacht.

Der Fernsehsender, in dem dieses Gespräch ausgestrahlt wird, hat viele deutsche Zuschauerinnen und Zuschauer. Nun wird die protestantische Kirche das 500-jährige Jubiläum der Reformation im Jahre 1517 feiern. Meine Frage wäre, wie wir als Katholiken diese 500 Jahre betrachten sollen? Das war nicht nur ein buntes Ereignis, sondern auch ein etwas brutales Ereignis, das viele Menschen betroffen hat.

Ich wage zu sagen, dass es eine Tragödie für den Westen war. Ich denke dabei an die Folgen. Ich möchte jetzt nicht von den Absichten von Luther, Calvin oder anderer großer Väter der Reformation sprechen, das ist eine andere Angelegenheit. Dafür würde ich gerne ein paar Worte zu den für Europa verheerenden Folgen sagen. Erstens kam es zu Religionskriegen, die sehr grausam waren, so auf der einen, wie auf der anderen Seite. Bis auf Polen, auf dessen Gebiet die Kriege gar nicht stattfanden. Das möchte ich sehr deutlich unterstreichen. Ich komme noch darauf zurück. Nach meiner Ansicht hätte es weder die Aufklärung gegeben, noch den deistischen Begriff von Gott, wenn es zu den Religionskriegen und zu der schrecklichen Trennung Europas in ein katholisches und protestantisches nicht gekommen wäre. Denn bei den Menschen, die dieses Böse irgendwie abwehren wollten, musste die folgende Frage aufkommen: Wie ist es möglich, dass die beiden Parteien im Namen von Christus so grausam töten? Kann man die Religionen noch als wahr bezeichnen?

„Im Namen des Menschen gegen das Christentum“

Vielleicht können Sie sich daran erinnern, was Jesus Christus beim letzten Abendmahl gesagt hat: Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr eins seid. Hier, in der sogenannten Reformation, wurde die Einheit brutal zerstört. Mit verheerenden Folgen. Und es wundert mich nicht, dass viele auf die Frage, ob das Christentum die wahre Religion ist, eine verneinende Antwort gaben und sich sagten: lasst uns etwas konzipieren, was uns einigen könnte, was die Religion der Vernunft wäre. So ist der Deismus entstanden. Und die Aufklärung. Und all das, was die Aufklärung mit sich brachte, indem sie im Namen des Menschen gegen das Christentum kämpfte. Im gewissen Grad kehrt das immer wieder zurück, bis heute.

Sie wollten aber auch an die Toleranz in Polen anknüpfen, die war da, auch wenn es zu keiner Konfrontation mit dem Protestantismus kam.

Richtig, es kam zu keiner Konfrontation. Sie müssen wissen, dass der polnische König Sigismund II. August, der letzte der Jagiellonen, sehr schnell die Beschlüsse des Konzils von Trient angenommen hat, das in der Geschichte als Ausdruck der Gegenreformation gilt. Er hat die Beschlüsse genehmigt, damit sie in Polen gelten können, gleichzeitig jedoch sagte derselbe König: „ich bin nicht der Herr eurer Gewissen. Ihr seid es, die sich entscheiden.“  So etwas, wie in Deutschland nach dem Westfälischen Frieden von 1648 – Cuius regio, eius religio – gab es nicht. Dass von einem Tag auf den anderen die Religion des Herrschers zur Religion aller Bewohner seines Landes wurde. Es war doch in gewissem Grad ein extremer Ausdruck der Intoleranz.

„Pogrome sind kein polnischer Geist“

Freilich ging es darum, weitere Konflikte und Spannungen zu vermeiden. Durch rationales Vorgehen. Es wurden aber Maßnahmen herangezogen, die mit der Achtung des persönlichen Glaubens eines jeden Bürgers bzw. der Untertanen eines konkreten Herrschers nichts zu tun hatten. In Polen war dies nicht der Fall. Die Königliche Republik der polnischen Krone und des Großfürstentums Litauen war ein großes europäisches Land, wohl das flächengrößte Land des damaligen Europa. Sie umfasste die heutige Ukraine, Litauen, Livland, das heißt Lettland und Estland, bis hin zur Moldau. Es war ein großer Organismus , in dem ein Mosaik von Ethnien und Religionen lebte. Wohl gefühlt haben sich hier die Juden, die in Westeuropa verfolgt wurden. Hier fanden sie den Ort der Zuflucht. Sie waren es, die den Ausdruck Paradisus Iudaeorum, Polen – Paradies der Juden geprägt haben. Das dauerte bis zur Teilung Polens und bis das orthodoxe Russland mit Pogromen vorging – das geschah zwar auf dem ehemaligen polnischen Gebiet, dahinter stand aber kein polnischer Geist. Das möchte ich ausdrücklich unterstreichen. So was war Polen – das Phänomen der Religionskriege war Polen, einem katholischen Land, nicht bekannt.

Ich gebe Ihnen noch ein anderes Beispiel. Das, was wir in unserer Geschichte die Schwedische Sintflut nennen. Die Invasion des schwedischen Heeres auf Polen im Jahre 1655. Laut der schwedischen Propaganda sollte damit die Befreiung der Protestanten von der Macht der scheußlichen Katholiken ermöglicht werden. Dabei fanden sie vor Ort zu ihrer großen Überraschung keine Unterstützung. Keine Unterstützung im folgenden Sinne: sie haben hier keine Protestanten vorgefunden, die in Unterdrückung gelebt hätten.

Sie haben dieses Problem nicht gesehen, weil es ein künstlich geschaffenes Problem war…

Ja. Ich gebe Ihnen aber noch ein anderes Beispiel. In unserer Geschichtsschreibung, sicherlich nicht nur in unserer, gilt als Gipfel der polnischen Intoleranz die Vertreibung der Arianer 1658. Arianer ist die polnische Bezeichnung für Böhmische Brüder, eine – wie soll ich sagen – Sekte bzw. religiöse Gemeinschaft, die historisch mit Jan Hus und den Hussiten zu assoziieren ist. Sie wurde aus Böhmen vertrieben und hat Zuflucht in Polen gefunden. Einer ihrer Hauptvertreter war Johann Comenius, der schließlich in Holland eintraf. Und so begrüßten Comenius und die Brüder, dort wo sich gerade aufgehalten haben, zum Beispiel im polnischen Lissa, also dem großpolnischen Leszno, die Schweden als Erlöser. Sie öffneten den Schweden die Stadttore, und Comenius selbst stiftete die große Kanone, mit der die Mauern von Jasna Góra zerstört werden sollten.

„Invasion von allen Seiten“

Und nun meine Frage: was wurde im damaligen Europa mit eindeutigen Verrätern von Europa, Verzeihung, Verrätern ihres Landes gemacht? Tod durch Erschießen war die mildeste Strafe. Was wurde in Polen gemacht? Im besagten Jahr 1658, während der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Schweden aber andererseits auch mit dem zaristischen Russland; Polen hat zu dieser Zeit eine Invasion von fast allen Seiten erlebt. Also in Polen hat man sie gebeten, sich zu entscheiden. Sind sie Polen, dann müssen sie ihr Vaterland verteidigen, sind sie keine Polen, dann müssen sie das Land verlassen. Und auf diese Weise kamen Comenius und die anderen nach Holland. Ist das ein Beispiel für Intoleranz, für den Kampf gegen andere Religionen? Ich füge noch zu der Frage hinzu: unter Berücksichtigung der damaligen Mentalität.

Es gab verschiedene weitere gute Beispiele in der Geschichte Polens. Nennen wir Paweł Włodkowic und seine Rede über die Evangelisierung…

Ja, auf dem Konzil von Konstanz, ja…

…und seine Auseinandersetzung mit dem Deutschen Orden. Kommen wir aber auf einen bereits kurz angesprochenen Aspekt zurück: der Westfälische Frieden 1648 und die Spaltung. Die dort getroffenen Entscheidungen waren vor allem politischer Natur, aber auch geistiger. Wie sollte das Verhältnis zwischen dem Sacrum, dem geistigen Aspekt und der Politik heute aussehen?

Ich glaube, man müsste sich hier wieder auf die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils beziehen, insbesondere auf die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute. Dort steht ausdrücklich geschrieben, dass die öffentliche Wirklichkeit, das heißt auch die staatliche und die kirchliche Wirklichkeit, zwei unterschiedliche autonome Wirklichkeiten sind. Allerdings, Autonomie, Abgesondertheit kann als Feindlichkeit aufgefasst werden. So war es der Fall in der Französischen Revolution 1789. Es war auch der Fall während der kommunistischen Zeit in unserem Teil Europas.

„Staatsbürger und Mitglied der Kirche“

Diese zwei Wirklichkeiten – des Staates und der Kirche – können aber auch, bei (gleichzeitiger) jeweiliger Autonomie, als Wirklichkeiten aufgefasst werden, die bereit sind in allen Fragen zusammenzuarbeiten, die das Wohl des Menschen betreffen. Denn ein und derselbe Mensch kann gleichzeitig Bürger eines Staates und Mitglied der Kirche sein. Und als Bürger hat er das Recht, im Lichte seiner unantastbaren Rechte als Mensch, sich zu seinem Glauben zu bekennen, auch im öffentlichen Raum, im Einklang mit dem Glauben zu leben und auf diese Weise das gemeinsame Wohl aufzubauen. Ich glaube, bei diesem Modell des Verhältnisses Kirche-Staat, ja, durch die Umsetzung dieses Modells, würde Europa sehr viel gewinnen.

Bedeutet es, dass auf der innerkirchlichen Ebene die Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils vertieft werden muss, damit der Begriff der Autonomie besser verstanden werden kann? Das ist sicherlich die Frage der Implementierung der Beschlüsse des 2. Vatikanischen Konzils und der Diskussion um diese Implementierung, um die Hermeneutik des Konzils.

Seit dem Abschluss dieses Konzils ist bereits ein halbes Jahrhundert verstrichen und immer wieder zeigt sich, dass es schwierig ist nicht so sehr die konkreten Empfehlungen oder Beschlüsse des Konzils anzuwenden, sondern einen bestimmten Geist des Konzils, der in diesen Dokumenten präsent ist, zu implementieren. Das letztere stellt für uns eine große Verpflichtung dar, die Beschlüsse des Konzils ins Leben umzusetzen.

Umsetzung in neuer Wirklichkeit

Wenn Sie genauer hinschauen, müssen Sie feststellen, dass das Programm, das Johannes Paul II. am Anfang seines Pontifikats vorgestellt hat, im Grunde genommen auf die Umsetzung der Beschlüsse des Konzils abzielte. Die Umsetzung in einer neuen Wirklichkeit, in der sich die Welt vorfand oder vorfinden sollte. Es hieß aber – konstanter Rückgriff auf die Ideen, die während des Konzils reiften und ihren Ausdruck in unterschiedlichen Dokumenten fanden. Leider haben wir damit immer wieder Probleme.

Das ist natürlich ein weites Feld. Aber bedeutet es, dass wir die Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils als Fortsetzung der früheren Tradition des kirchlichen Lehramtes lesen sollten?

Es ist nicht so, dass die jüngste Geschichte der Katholischen Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil beginnt. Und dass es früher nur eine Leere bzw. nur das Böse gab. Wenn wir uns die großen Dokumente des Konzils näher anschauen, so finden wir unter den Formulierungen vielerlei Bezüge auf die frühere Lehre der Kirche…

…zum Beispiel auf Pius XII.

Ja, auch auf Pius XII., einen großen Papst, einen Papst, der in gewissem Grade dazu beigetragen hat, vielleicht nicht mit Absicht, vielleicht nicht unmittelbar, aber trotzdem dazu beigetragen hat, dass sein Nachfolger, Johannes XXIII. das Konzil letztlich einberufen hat. Es ist also nicht so, dass alles seinen Beginn in dem Konzil nimmt. Das wäre eine verfehlte Perspektive auf das, was die Kirche ist. Übrigens, widmete sich das Konzil vor allem den pastoralen und nicht so sehr den dogmatischen Fragen, auch wenn es zwei dogmatische Konstitutionen beschlossen hat. Also vor allem seelsorgerisch, das heißt, der Versuch die Verortung der Kirche und ihre Mission zu verstehen, zu verstehen, wie die Kirche mit der gegenwärtigen Welt sprechen soll, so dass die Botschaft des Evangeliums verständlich ist und angenommen werden kann. Es ist wahrhaftig etwas paradox – das Konzil endet 1965 und drei Jahre später kommt es zur Revolution von 1968. Damit wird – so könnte man sagen – die Kirche als eventueller Partner bei der Gestaltung der Zukunft der Welt vollständig abgelehnt.

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