Franziskus kondoliert zum Tod Fidel Castros

ap3760120_articolo

Franziskus mit Fidel Castro, September 2015

Papst Franziskus betet für den verstorbenen früheren Staatschef Kubas, Fidel Castro. In einem Telegramm an Raul Castro, Fidels Bruder und Nachfolger, brachte der Papst sein Mitgefühl zum Ausdruck und kondolierte „der Familie, der Regierung und dem Volk dieser geliebten Nation“. Er bete für die ewige Ruhe des Verstorbenen. Franziskus war Fidel Castro noch im September letzten Jahres in Havanna begegnet. Der 90-jährige Revolutionsführer, der drei Päpste getroffen hatte, verschied Freitagabend in der kubanischen Hauptstadt. Fidel Castro hatte als Schüler ein Jesuitenkolleg absolviert und später, obgleich Atheist und Sozialist, im Gegensatz zu den sozialistischen Führern des Ostblocks nie vollständig mit der katholischen Kirche gebrochen.

Der „Maximo Lider“, der fast 50 Jahre lang Kuba mit harter Hand geführt hatte, hatte als Schüler ein Jesuitenkolleg in Havanna besucht. Die Karierrehoffnungen des Jus-Studenten und später im Kampf gegen die korrupte Regierung engagierten Anwalts wurden durch den Batista-Putsch 1952 jäh zerstört, woraufhin Castro Revolutionär wurde. Ein Umsturzversuch 1953 scheiterte, nach einem Exil in Mexiko versuchte er es jedoch erneut und zog dank großen Zulaufs 1959 siegreich und unter allgemeinem Jubel in Havanna ein.

Der damalige Erzbischof von Santiago reagierte skeptisch auf die Machtübernahme und mahnte Castro per Hirtenbrief, sich an den „bewährten sozialethischen Prinzipien“ zu orientieren. Trotz massiver Auseinandersetzungen mit der Kirche riss der Gesprächsfaden nie ganz ab. Nach dem Untergang seines Hauptgeldgebers Sowjetunion unternahm Castro vorsichtige Annäherungsversuche. 1996 traf er in Rom Johannes Paul II., der zwei Jahre später Havanna besuchte. Die Annäherung zeigte Wirkung: Ein Weihnachtsfeiertag wurde bald darauf wieder eingeführt, und politische Gefangene gelangten in Freiheit.

Fidels jüngerer Bruder Raul Castro (85), der 2006 die Regierung übernahm, setzte diesen Kurs fort. Papst Benedikt XVI. (2012) und Franziskus (2015) reisten nach Kuba. Der erste Papst aus Lateinamerika begegnete am 25. September 2015 in Havanna dem gesundheitlich angeschlagenen Fidel, der sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte und nur noch geringen politischen Einfluss hatte. Zuletzt sorgte er beim Kongress der Kommunistischen Partei für Aufsehen, als er sitzend im Trainingsanzug über seinen nahenden Tod sinnierte. Vor einem zu Tränen gerührten Publikum bemerkte er treffend: „Wir alle kommen an die Reihe.“

Posthum gab es durchaus Würdigungen für Castro von Kirchenseite. Der brasilianische Befreiungstheologe Leonardo Boff (77) bezeichnete Castro als „einen der größten Führer der Welt“. Er habe der langjährigen kubanischen Staatschef „als charismatische Persönlichkeit sehr geschätzt“, sagte Boff am Samstag in Berlin. Castro sei „seinen Ideen des Sozialismus immer treu geblieben“. Seine Erziehung durch Jesuiten sei immer spürbar geblieben. „Er hat die christlichen Traditionen gekannt“, sagte Boff. In den vergangenen Jahren habe der frühere Revolutionsführer sich „auch sehr für ökologische Fragen interessiert“.

(rv 26.11.2016 gs)

Kreml und russische Zeitungen würdigen ökumenisches Treffen von Kyrill und Franziskus – „Brüder in Havanna“

Russia, Moscow, type to the Moscow Kremlin and the river

Moskauer Kreml

Der Kreml hat die Begegnung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill mit Papst Franziskus als „absolut einzigartiges Treffen“ gewürdigt. Die russische Presse stufte das Treffen als historisch ein und berichtet ausführlich.

Kreml-Sprecher Dimitri Peskow sagte am Montag laut russischen Nachrichtenmedien, beide Kirchenoberhäupter seien sich einig im Schutz der „Interessen der Christen“, insbesondere an den Orten, wo Christen bedroht würden.

Bedeutsam sei zudem, dass Kyrill I. und Franziskus ihren Dialog fortsetzen wollten, so Peskow. Ministerpräsident Dmitri Medwedew hatte am Wochenende am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz die erste Begegnung eines Moskauer Patriarchen mit einem römischen Papst als „leuchtendes Beispiel“ für eine mögliche Annäherung zwischen dem Westen und Russland bezeichnet.

Presse: „Treffen des Jahrtausends“

Die russische Presse würdigte die erste Begegnung eines orthodoxen Moskauer Patriarchen mit einem römischen Papst als Durchbruch in den Beziehungen beider Kirchen. Alle Zeitungen berichten ausführlich über das Ereignis und stufen es als historisch ein.

Das Massenblatt „Moskowski Komsomolez“ bezeichnet die Begegnung des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. mit Papst Franziskus auf Kuba als „Treffen des Jahrtausends“. Unter der Schlagzeile „Brüder in Havanna“ wertet die Zeitung den Ökumene-Gipfel als „diplomatischen Sieg von Franziskus“. Dem Vatikan sei es in fast 30-jähriger Arbeit gelungen, die russisch-orthodoxe Kirche für die Zusammenkunft der Oberhäupter beider Kirchen zu gewinnen.

Mit Blick auf die orthodoxe Begrüßungsgeste und den Inhalt der gemeinsamen Erklärung von Kyrill I. und Franziskus meint „Moskowski Komsomolez“ allerdings: „Das Treffen fand zweifellos unter dem Diktat Moskaus statt.“ Denn in der Erklärung werde die Entstehung der mit Rom verbundenen („unierten“) griechisch-katholischen Kirche vor mehr als 400 Jahren kritisiert.

„Zur richtigen Zeit am richtigen Ort“

Die Tageszeitung „Iswestija“ titelt: „Mehr als Politik“. Die Begegnung werde die Grundpfeiler der Weltordnung stark beeinflussen. Das Treffen fördere die kirchliche und die politische Zusammenarbeit. Das Blatt hebt die Bedeutung der Erklärung der Kirchenoberhäupter für die Ukraine-Krise hervor. Sie hätten sich darin für eine Verbesserung der russisch-ukrainischen Beziehungen ausgesprochen.

Der „Kommersant“ stellte fest, der Patriarch und der Papst hätten sich «zur richtigen Zeit am richtigen Ort» getroffen. Der Sprecher des katholischen Moskauer Erzbistums Kyrill Gorbunow sagte der Zeitung, die russischen Katholiken hätten lange für diese Begegnung gebetet. „Wir hoffen, dass ein Treffen in Moskau zustande kommt“, wird er zitiert.

Kyrill I. und Franziskus waren am Freitag auf Kuba zusammengetroffen. Es war das erste Treffen der Kirchenoberhäupter aus Moskau und Rom seit der Entstehung des Moskauer Patriarchates im 15./16. Jahrhundert.

(KNA)

PAPST BENEDIKT XVI.: Apostolische Reise nach Mexiko und Kuba 2012

maxresdefault

APOSTOLISCHE REISE NACH MEXIKO UND IN DIE REPUBLIK KUBA
(23.-29. MÄRZ 2012)

PRESSEKONFERENZ MIT PAPST BENEDIKT XVI.
AUF DEM FLUG NACH MEXIKO

Freitag, 23. März 2012

 

Auf dem Hinflug nach Mexiko beantwortete der Heilige Vater wie üblich die Fragen einiger Journalisten. P. Lombardi, Direktor des Pressebüros des Heiligen Stuhls, moderierte die Begegnung. Zunächst dankte er Benedikt XVI. für seine Anwesenheit und stellte ihm die über 70 mitreisenden Journalisten vor. Neben den Italienern bildeten die Mexikaner mit 14 Journalisten die größte Gruppe, mehrfach vertreten waren auch die Vereinigten Staaten von Amerika und Frankreich. Von den in den vergangenen Tagen gesammelten Fragen waren fünf ausgewählt worden, die die Journalisten selbst stellten. Es handelte sich um die mexikanischen Staatsangehörigen Maria Antonieta Collins (Univision), Javier Alatorre Soria (Tele Azteca) und Valentina Alazraki (Televisa) sowie Paloma Gómez Borrero (Spanische Journalistin) und Jean-Louis de La Vaissière (France Press).

Maria Antonieta Collins: Heiliger Vater, in Mexiko und Kuba sind die Reisen Ihres Vorgängers Johannes Paul II. in die Geschichte eingegangen. Mit welchem Geist und mit welchen Hoffnungen begeben Sie sich heute auf seine Spuren?

Papst Benedikt XVI.: Liebe Freunde, vor allem möchte ich euch sagen: herzlich willkommen und danke für eure Begleitung bei dieser Reise, die, wie wir hoffen, vom Herrn gesegnet sein wird. Ich fühle mich bei dieser Reise völlig in Kontinuität zu Papst Johannes Paul II. Ich erinnere mich sehr gut an seine erste Reise nach Mexiko, die wirklich historisch war. In einer rechtlich noch sehr verwirrten Situation hat sie die Türen geöffnet, es hat eine neue Phase der Zusammenarbeit zwischen Kirche, Gesellschaft und Staat begonnen. Und ich erinnere mich auch gut an seine erste historische Reise nach Kuba. Ich möchte also auf seinen Spuren wandeln und das fortsetzen, was er begonnen hat. Ich hatte von Anfang an den Wunsch, Mexiko zu besuchen. Als Kardinal bin ich in Mexiko gewesen und habe sehr schöne Erinnerungen daran, und jeden Mittwoch höre ich den Applaus, die Freude der Mexikaner. Jetzt als Papst hier zu sein, ist eine große Freude für mich und entspricht einem Wunsch, den ich schon lange hatte. Um zum Ausdruck zu bringen, welche Empfindungen mich bewegen, kommen mir die Worte des Zweiten Vatikanischen Konzils in den Sinn: »gaudium et spes, luctus et angor«, Freude und Hoffnung, aber auch Trauer und Furcht. Ich teile die Freuden und Hoffnungen, doch ich teile auch die Trauer und die Schwierigkeiten dieses großen Landes. Ich komme, um zu ermutigen und um zu lernen, um im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu stärken, und um im Einsatz für das Gute zu stärken, im Einsatz für den Kampf gegen das Böse. Hoffen wir, daß der Herr uns helfe!

Javier Alatorre Soria: Heiliger Vater, Mexiko ist ein Land mit wunderbaren Ressourcen und Möglichkeiten, aber wir wissen, daß in diesen Jahren durch das Problem des Drogenhandels dort auch Gewalt herrscht. Es soll in den letzten fünf Jahren 50.000 Tote gegeben haben. Wie begegnet die katholische Kirche dieser Situation? Werden Sie Worte für die Verantwortlichen und für die Drogenhändler haben, die sich bisweilen als Katholiken bekennen oder sogar als Wohltäter der Kirche bezeichnen?

Papst Benedikt XVI.: Wir wissen sehr wohl um all die Schönheit Mexikos, kennen aber auch das große Problem des Drogenhandels und der Gewalt. Es ist gewiß eine große Verantwortung für die katholische Kirche in einem Land, in dem 80 Prozent der Bevölkerung Katholiken sind. Wir müssen gegen dieses Übel, das die Menschheit und unsere Jugend zerstört, alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht. Ich würde sagen, daß an erster Stelle die Verkündigung Gottes steht: Gott ist der Richter, der Gott, der uns liebt – der uns jedoch liebt, um uns zum Guten, zur Wahrheit hinzuziehen gegen das Böse. Somit ist es die große Verantwortung der Kirche, die Gewissen zu bilden, zur moralischen Verantwortung zu erziehen und das Böse zu entlarven, den Götzendienst des Geldes zu entlarven, der die Menschen allein um dieser Sache willen versklavt – auch die falschen Versprechungen zu entlarven, die Lüge, den Betrug, der hinter der Droge steht. Wir müssen sehen, daß der Mensch der Unendlichkeit bedarf. Wenn Gott nicht da ist, schafft sich das Unendliche seine eigenen Paradiese, einen Schein von »Unendlichkeiten «, der nur eine Lüge sein kann. Daher ist es so wichtig, daß Gott gegenwärtig, zugänglich ist. Es ist eine große Verantwortung vor Gott, dem Richter, der uns leitet, der uns zur Wahrheit und zum Guten hinzieht, und in diesem Sinn muß die Kirche das Böse entlarven, die Güte Gottes gegenwärtig machen, seine Wahrheit gegenwärtig machen, das wahrhaft Unendliche, nach dem wir dürsten. Das ist die große Pflicht der Kirche. Wir wollen alle gemeinsam alles tun, was in unseren Möglichkeiten steht, immer mehr.

Valentina Alazraki: Heiliger Vater, wir heißen Sie wirklich in Mexiko willkommen: Wir freuen uns alle, daß sie nach Mexiko kommen. Meine Frage ist folgende: Heiliger Vater, Sie haben gesagt, daß Sie sich von Mexiko aus anläßlich des 200. Jahrestags der Unabhängigkeit an ganz Lateinamerika wenden. Lateinamerika ist trotz der Entwicklung weiterhin eine Region der sozialen Gegensätze, in der die Reichsten neben den Ärmsten stehen. Manchmal hat es den Anschein, daß die katholische Kirche nicht ausreichend ermutigt wird, sich in diesem Bereich einzusetzen. Kann man weiterhin in positiver Form von »Befreiungstheologie« sprechen, nachdem gewisse Exzesse – bezüglich des Marxismus oder der Gewalt – korrigiert worden sind?

Papst Benedikt XVI.: Natürlich muß sich die Kirche immer fragen, ob genug für die soziale Gerechtigkeit auf diesem großen Kontinent getan wird. Das ist eine Gewissensfrage, die wir uns immer stellen müssen. Man muß sich fragen: Was kann und muß die Kirche tun, was kann und darf sie nicht tun? Die Kirche ist keine politische Macht, sie ist keine Partei, sondern eine moralische Wirklichkeit, eine moralische Macht. Da die Politik grundsätzlich eine moralische Wirklichkeit sein soll, hat die Kirche in diesem Sinn grundlegend mit der Politik zu tun. Ich wiederhole, was ich schon gesagt hatte: Zunächst geht es der Kirche darum, die Gewissen zu bilden und so die notwendige Verantwortung zu schaffen; die Gewissensbildung sowohl in der individuellen als auch in der öffentlichen Ethik. Und hier besteht vielleicht ein Mangel. In Lateinamerika, aber auch anderswo ist bei nicht wenigen Katholiken eine gewisse Schizophrenie zwischen individueller und öffentlicher Moral zu erkennen: Persönlich, im individuellen Bereich, sind sie katholisch, gläubig, doch im öffentlichen Leben folgen sie anderen Wegen, die nicht den großen Werten des Evangeliums entsprechen, welche für die Gründung einer gerechten Gesellschaft notwendig sind. Somit ist es notwendig, zur Überwindung dieser Schizophrenie zu erziehen, nicht nur zu einer individuellen Moral, sondern zu einer öffentlichen Moral zu erziehen, und dies versuchen wir durch die Soziallehre der Kirche zu tun, denn die öffentliche Moral muß natürlich eine vernünftige Moral sein, die auch von Nichtgläubigen geteilt wird und geteilt werden kann, eine Moral der Vernunft. Gewiß, im Licht des Glaubens können wir viele Dinge besser sehen, die auch die Vernunft sehen kann, doch gerade der Glaube dient auch dazu, die Vernunft von falschen Interessen und von der Verdunkelung durch Interessen zu befreien und so in der Soziallehre die grundlegenden Modelle für eine politische Zusammenarbeit, vor allem für eine Überwindung dieser sozialen, unsozialen Spaltung zu schaffen, die leider vorhanden ist. Wir wollen in diesem Sinn arbeiten. Ich weiß nicht, ob uns das Wort »Befreiungstheologie«, das auch sehr gut ausgelegt werden kann, viel helfen würde. Wichtig ist die gemeinsame Vernünftigkeit, zu der die Kirche einen grundlegenden Beitrag leistet und die immer bei der Gewissensbildung sowohl für das öffentliche als auch für das private Leben helfen muß.

Paloma Gómez Borrero: Heiliger Vater, blicken wir auf Kuba. Wir alle erinnern uns an die berühmten Worte Johannes Pauls II.: »Kuba möge sich der Welt, und die Welt Kuba öffnen.« 14 Jahre sind vergangen, doch es scheint, daß diese Worte immer noch aktuell sind. Wie Sie wissen, haben sich in Erwartung Ihrer Reise viele Stimmen der Opposition und der Vertreter der Menschenrechte zu Wort gemeldet. Heiliger Vater, haben Sie die Absicht, an die Botschaft Johannes Pauls II. anzuknüpfen, mit dem Gedanken sowohl an die innere Situation Kubas als auch an die internationale Lage?

Papst Benedikt XVI.: Wie gesagt fühle ich mich in absoluter Kontinuität zu den Worten des Heiligen Vaters Johannes Paul II., die noch immer sehr aktuell sind. Dieser Besuch des Papstes hat einen Weg der Zusammenarbeit und des konstruktiven Dialogs eingeleitet – einen Weg, der lang ist und Geduld erfordert, aber der vorangeht. Heute ist offensichtlich, daß die marxistische Ideologie so, wie sie konzipiert war, nicht mehr der Wirklichkeit entspricht: So kann man nicht mehr antworten und keine Gesellschaft aufbauen. Es müssen neue Modelle gefunden werden, mit Geduld und auf konstruktive Weise. Zu diesem Prozeß, der Geduld, aber auch Entschlossenheit fordert, wollen wir in einem Geist des Dialogs beitragen, um Traumata zu vermeiden und den Weg zu einer brüderlichen und gerechten Gesellschaft zu unterstützen, wie wir sie für die ganze Welt ersehnen, und in diesem Sinn wollen wir zusammenarbeiten. Es ist offensichtlich, daß die Kirche immer auf der Seite der Freiheit steht: der Gewissensfreiheit, der Religionsfreiheit. In diesem Sinne tragen wir, tragen gerade auch die einfachen Gläubigen zu diesem Weg nach vorn bei.

Jean-Louis de La Vaissière: Heiliger Vater, seit der Konferenz von Aparecida ist von »kontinentaler Mission« der Kirche in Lateinamerika die Rede. In wenigen Monaten wird die Synode über die Neuevangelisierung stattfinden und das Jahr des Glaubens beginnen. Auch in Lateinamerika gibt es die Herausforderungen der Säkularisierung, der Sekten. In Kuba gibt es die Auswirkungen einer langen Propaganda des Atheismus, die afro-kubanische Religiosität ist sehr verbreitet. Denken Sie, daß diese Reise eine Ermutigung für die »Neuevangelisierung« ist, und was liegt Ihnen in dieser Hinsicht besonders am Herzen?

Papst Benedikt XVI.: Die Zeit der Neuevangelisierung hat mit dem Konzil begonnen. Das war im Grunde die Absicht von Papst Johannes XXIII. Sie wurde von Papst Johannes Paul II. sehr hervorgehoben, und ihre Notwendigkeit wird in einer Welt, die großen Veränderungen ausgesetzt ist, immer deutlicher: Notwendigkeit in dem Sinne, daß das Evangelium neue Ausdrucksformen finden muß, und Notwendigkeit auch in dem anderen Sinne, daß die Welt in der Verwirrung, in der Schwierigkeit, sich heute zu orientieren, eines Wortes bedarf. Die Welt befindet sich in einer gemeinsamen Lage; da ist die Säkularisierung, die Abwesenheit Gottes, die Schwierigkeit, Zugang zu ihm zu finden, ihn als eine Wirklichkeit zu betrachten, die mein Leben betrifft. Und andererseits gibt es die spezifischen Kontexte. Sie haben die kubanischen erwähnt, mit dem afro-kubanischen Synkretismus, mit vielen anderen Schwierigkeiten, doch jedes Land hat seine spezifische kulturelle Situation. Und einerseits müssen wir vom gemeinsamen Problem ausgehen: wie wir heute, im Kontext unserer modernen Rationalität, Gott als grundlegende Ausrichtung unseres Lebens wiederentdecken können, die grundlegende Hoffnung unseres Lebens, das Fundament der Werte, die wirklich eine Gesellschaft aufbauen, und wie wir der Besonderheit der unterschiedlichen Situationen Rechnung tragen können. Das erste scheint mir sehr wichtig zu sein: einen Gott zu verkündigen, der unserer Vernunft entspricht, da wir die Rationalität des Kosmos sehen, da wir sehen, daß etwas dahinter steht, jedoch nicht sehen, wie nahe dieser Gott ist, wie sehr er mich angeht. Und diese Synthese aus dem großen, majestätischen Gott und dem kleinen Gott, der mir nahe ist, mir Orientierung schenkt, mir die Werte meines Lebens zeigt, ist der Kern der Evangelisierung: also ein auf seine Essenz zurückgeführtes Christentum, wo sich wirklich der Grundkern des heutigen Lebens mit allen Problemen unserer Zeit befindet. Andererseits müssen wir der konkreten Wirklichkeit Rechnung tragen. In Lateinamerika ist es im allgemeinen sehr wichtig, daß das Christentum nie so sehr eine Sache der Vernunft, sondern des Herzens ist. Die Gottesmutter von Guadalupe wird von allen anerkannt und geliebt, da sie verstehen, daß sie eine Mutter für alle und von Anfang an in diesem neuen Lateinamerika nach der Ankunft der Europäer gegenwärtig ist. Und auch in Kuba haben wir die Gottesmutter von Cobre, die die Herzen berührt, und alle wissen intuitiv, daß es wahr ist, daß diese Gottesmutter uns beisteht, daß es sie gibt, daß sie uns liebt und uns beisteht. Doch diese Intuition des Herzens muß sich mit der Rationalität des Glaubens und mit der Tiefe des Glaubens verbinden, die über die Vernunft hinausgeht. Wir müssen versuchen, das Herz nicht zu verlieren, sondern Herz und Vernunft miteinander zu verbinden, so daß sie zusammenwirken, da der Mensch allein auf diese Weise vollständig ist und wirklich zu einer besseren Zukunft beitragen und sich für sie einsetzen kann.

(L´OSSERVATORE ROMANO, Wochenausgabe in deutscher Sprache,
Nr. 13, 30. März 2012
)

_______

Siehe auch:

Durchbruch: Der Papst trifft Kyrill

ANSA828180_Articolo

Der Papst mit Metropolit Hilarion im Juni letzten Jahres

Zu einer historischen Begegnung wird es am 12. Februar auf Kuba kommen: Dort wollen sich Papst Franziskus und der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. von Moskau treffen. Das gaben der Vatikan und das Moskauer Patriarchat an diesem Freitagmittag in einer gemeinsamen Presseerklärung bekannt. Es wird die erste Begegnung der Oberhäupter dieser beiden Kirchen überhaupt in der Geschichte sein. Schon Johannes Paul II. hatte einst vergeblich auf ein Treffen mit dem damaligen russisch-orthodoxen Patriarchen gehofft. Die Bemühungen scheiterten bisher immer an Meinungsverschiedenheiten über das kanonische Territorium der beiden Kirchen und an einem Streit um mit Rom unierte Kirchen des Ostens wie beispielsweise in der Ukraine.

Kyrill wird sich am 12. Februar zu einem offiziellen Besuch auf Kuba aufhalten; Franziskus will auf dem Flug nach Mexiko, dem er eine Apostolische Visite abstattet, einen Zwischenstopp in Havanna einlegen. Auf dem Flughafen der kubanischen Hauptstadt wollen Papst und Patriarch zunächst ein Gespräch führen. Anschließend ist die Unterzeichnung einer gemeinsamen Erklärung geplant. Kardinal Kurt Koch, als Präsident des Päpstlichen Einheitsrates für die Ökumene zuständig, wird dabei anwesend sein, wie aus dem Einheitsrat zu erfahren war.

Der Heilige Stuhl und das Moskauer Patriarchat betonen, die Begegnung der beiden Kirchenführer sei „schon seit langer Zeit vorbereitet worden“. Sie werde eine „wichtige Etappe in den Beziehungen zwischen beiden Kirchen darstellen“. Beide Seiten hofften, dass das Treffen auch „als Zeichen der Hoffnung für alle Menschen guten Willens“ diene: „Sie laden alle Christen dazu ein, inständig darum zu beten, dass Gott diese Begegnung segnen möge, damit sie gute Früchte bringt.“

Auch wenn das persönliche Treffen der beiden Kirchenchefs eine Premiere ist, so unterhält der Vatikan doch schon seit langem gute Arbeitsbeziehungen zum orthodoxen Patriarchat von Moskau. Der Leiter des Moskauer Außenamtes, Metropolit Hilarion, ist häufig im Vatikan zu Gast; erst im vergangenen Juni hat ihn Franziskus wieder zu einem Gespräch empfangen. Besser als zur russisch-orthodoxen Kirche sind die Beziehungen des Vatikans zum griechisch-orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel, Bartholomaios I., der in Istanbul residiert. Johannes Paul II., Benedikt XVI. und auch Franziskus haben einige Monate nach ihrem Amtsantritt den Sitz des Ökumenischen Patriarchen – so sein Ehrentitel – besucht.

Etwa vier Stunden Gespräch geplant

Das Treffen zwischen Papst und Patriarch findet nur wenige Monate vor einem geplanten panorthodoxen Konzil statt; zu ihm wollen orthodoxe Kirchenführer im Juni auf der Insel Kreta zusammentreten.

Kyrill wird, wie Vatikansprecher Federico Lombardi am Freitagmittag erläuterte, bereits am 11. Februar auf Kuba eintreffen, wo er eine Pastoralreise nach Lateinamerika beginnt. Franziskus will, anders als ursprünglich geplant, schon am frühen Morgen und nicht erst am Mittag des 12. Februar von Rom aus aufbrechen. Nach Angaben von Reisemarschall Alberto Gasbarri landet der Papst gegen 14 Uhr Ortszeit in Havanna und wird dort von Kubas Staatschef Raúl Castro empfangen, der den Gast in einen Saal des Flughafens begleitet, ihn offiziell begrüßt und sich dann zurückzieht. Auf 14.15 Uhr ist die private Unterredung zwischen Franziskus und Kryrill in einem anderen Saal des Flughafengebäudes angesetzt. Die beiden Kirchenführer werden durch getrennte Türen gleichzeitig in den Saal eintreten, kündigte Gasbarri an; die Begegnung sei bis in die kleinsten Details abgestimmt.

Aufhorchen ließ, dass für die Unterredung zwischen Papst Franziskus und Patriarch Kyrill volle zwei Stunden geplant sind. Metropolit Hilarion und Kurienkardinal Koch werden dabei anwesend sein, zuzüglich zweier Dolmetscher: die Gespräche werden auf Russisch und Spanische geführt, so Gasbarri. Im Anschluss tauschen der Papst und der Patriarch Geschenke aus. Gegen halb fünf gehen beide miteinander in einen anderen Saal des Gebäudes, in dem sie Präsident Castro bereits erwartet. Dort werden Franziskus und Kyrill die rund sechs Seiten lange Erklärung unterzeichnen, deren Original auf Spanisch bzw. auf Russisch verfasst ist. Das Dokument wird bei der Gelegenheit nicht verlesen, aber veröffentlicht. Anschließend werden sowohl der Papst als auch der Patriarch in freier Rede in ihrer jeweiligen Muttersprache ihre Eindrücke von dem Treffen schildern, sagte Gasbarri.

Die historische Begegnung endet ungefähr um 17 Uhr mit einer gegenseitigen Vorstellung der Delegationen, die den Patriarchen und den Papst begleiten. Präsident Castro wird Franziskus dann zum Flugzeug zurückbegleiten, und der Papst setzt seinen Flug nach Mexiko fort. Änderungen am Reiseprogramm von Franziskus für Mexiko gibt es keine, er trifft planmäßig um 19.30 Uhr in Mexiko Stadt ein.

(rv 05.02.2016 sk)


 

EPA1771119_Articolo

Archivbild: Metropolit Hilarion beim Papst

Russland: Dringende Lage wegen „Völkermord“

Der Leiter des Außenamts des Patriarchats, Metropolit Hilarion, begründete in Moskau das überraschende Treffen auf Kuba vor allem mit der Lage im Nahen Osten, Nord- und Zentralafrika und anderen Regionen, in denen Extremisten einen „wirklichen Völkermord“ an Christen verübten. Dies erfordere dringende Maßnahmen und eine engere Zusammenarbeit zwischen den christlichen Kirchen, sagte Hilarion vor Journalisten.

Angesichts der gegenwärtigen tragischen Situation müsse man „interne Meinungsverschiedenheiten“ zurückstellen und seine Anstrengungen vereinen, um die unter schweren Verfolgungen leidende Christenheit zu retten. Das Thema werde auch im Zentrum der Begegnung auf Kuba stehen. Zudem werde es dort um die bilateralen Beziehungen zwischen den beiden Kirchen und um die internationale Politik gehen, so der Metropolit.

Zur Wahl der Karibikinsel als Begegnungsort meinte Hilarion, Kyrill I. habe immer ein Treffen in Europa für unangebracht gehalten, weil mit diesem Kontinent die belastete Geschichte von Trennungen und Konflikten verbunden sei. Das zeitliche Zusammenfallen beider Lateinamerika-Reisen biete die Gelegenheit eines Treffens in der Neuen Welt. „Wir hoffen, dass es eine neue Seite in den Beziehungen zwischen den beiden Kirchen öffnet“, so der Außenamtsleiter.

(kap 05.02.2016 mg)

Ansprache von Franziskus zu den Familien in Santiago de Cuba

ANSA871842_Articolo

Papst Franzikus traf auf Familien in Santiago de Cuba – ANSA

 

Wir halten hier die Ansprache von Papst Franziskus fest bei der Begegnung mit den Familien in der Kathedrale “Nuestra Señora de la Asunción“ in Santiago de Cuba. 

Wir sind „in Familie“! Und wenn man in der Familie ist, fühlt man sich zu Hause. Ich danke euch, liebe kubanische Familien, danke, liebe Kubaner, dass ihr mir in all diesen Tagen das Gefühl vermittelt habt, „in Familie“ zu sein, das Gefühl, zu Hause zu sein! Danke für all das! Diese Begegnung mit euch ist wie das „Pünktchen auf dem i“. Meinen Besuch mit dem Erlebnis dieser Begegnung „in Familie“ abzuschließen, ist ein Grund, Gott zu danken für die „Wärme“, welche Menschen ausstrahlen, die es verstehen, einen willkommen zu heißen, zu empfangen, einem das Gefühl zu vermitteln, zu Hause zu sein. Danke allen Kubanern!

Ich danke dem Erzbischof von Santiago Dionisio García für seinen Gruß, den er im Namen aller an mich gerichtet hat, und den Eheleuten, die den Mut hatten, ihre Sehnsüchte, ihre Bemühungen, ihr Heim als „Hauskirche“ zu leben, mit uns allen zu teilen.

Das Evangelium von Johannes zeigt uns als erstes öffentliches Auftreten Jesu die Hochzeit zu Kana, das Fest einer Familie. Hier ist er mit Maria, seiner Mutter, und einigen seiner Jünger. Sie nehmen am Familienfest teil.

Die Hochzeit ist ein besonderer Moment im Leben vieler. Für die „Älteren“, die Eltern, die Großeltern, ist es eine Gelegenheit, die Früchte ihrer Saat zu ernten. Es erfreut die Seele, die Kinder heranwachsen zu sehen und zu erleben, dass sie ihr eigenes Zuhause bilden können. Es ist die Gelegenheit, für einen Augenblick zu sehen, dass alles, um das man gerungen hat, der Mühe wert war. Die Kinder zu begleiten, zu unterstützen, anzuspornen, damit sie sich entschließen können, ihr Leben aufzubauen, ihre eigene Familie zu gründen, ist eine große Herausforderung für die Eltern. Und auf der anderen Seite ist da die Freude der jungen Brautleute. Alles ist Auftakt einer Zukunft. Und alles hat den „Geschmack“ eines neuen Hauses, den „Geschmack“ der Hoffnung. Bei der Hochzeit vereint sich immer die Vergangenheit, die wir erben, mit der Zukunft, die uns erwartet. Erinnerung und Hoffnung. Immer tut sich die Gelegenheit auf, für all das zu danken, das uns ermöglicht hat, bis zum Heute zu gelangen, mit derselben Liebe, die wir empfangen haben.

Und Jesus beginnt sein öffentliches Auftreten ausgerechnet auf einer Hochzeit. Er fügt sich ein in diese Geschichte von Aussaat und Ernte, von Träumen und Bestrebungen, von Anstrengung und Engagement, von harter Arbeit, die den Boden gepflügt hat, damit er seine Frucht bringt. Jesus beginnt sein Leben im Schoß einer Familie, im Innern eines Zuhauses. Und gerade dort, in das Innere unserer häuslichen Gemeinschaften fügt er sich immer noch ständig ein, nimmt immer noch daran teil. Es gefällt ihm, sich in die Familie einzufügen.

Es ist interessant zu beobachten, wie Jesus sich auch bei den Mahlzeiten, bei den Abendessen offenbart. Mit verschiedenen Menschen zu speisen, verschiedene Häuser zu besuchen, war für Jesus ein bevorzugter Ort, um den Plan Gottes bekannt zu machen. Er geht ins Haus seiner Freunde – Marta und Maria –, doch er schließt nicht aus – nicht wahr? – es stört ihn nicht, wenn dort Zöllner oder Sünder sind wie Zachäus. Er geht ins Haus des Zachäus. Nicht nur er handelte so, sondern als er seine Jünger aussandte, die Frohe Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden, sagte er ihnen: Bleibt in dem Haus, das euch aufnimmt; esst und trinkt, was sie haben (vgl. Lk 10,7). Hochzeiten, Hausbesuche, Abendessen – diese Momente werden etwas „Besonderes“ im Leben der Menschen haben, weil Jesus bevorzugt, sich dort zu offenbaren.

Ich erinnere mich, dass in meiner früheren Diözese viele Familien mir erzählten, dass der einzige Moment, den sie hatten, um beisammen zu sein, normalerweise das Abendessen war, zu später Stunde, wenn man von der Arbeit zurückkam und die meisten Kinder mit den Schulaufgaben fertig waren. Das war ein besonderer Moment im Familienleben. Man erzählte vom Tag, das, was jeder getan hatte, man räumte das Haus auf, brachte die Kleider in Ordnung, organisierte grundlegende Aufgaben für die übrigen Tage, die Kinder zankten sich… aber das war eben der Augenblick. Es sind Momente, in denen einer auch müde ankommt, und da kann die eine oder andere Diskussion aufkommen, der eine oder andere „Streit“ zwischen den Eheleuten, doch davor muss man keine Angst haben… Ich fürchte mich mehr vor Ehen, von denen mir gesagt wird, dass sie nie, nie eine Diskussion miteinander hatten… Selten, das ist selten. Jesus wählt diese Momente, um uns die Liebe Gottes zu zeigen. Jesus wählt diesen Rahmen, um in unsere Häuser einzutreten und uns zu helfen, die lebendige Gegenwart des Heiligen Geistes zu entdecken, der in unseren Häusern und in unseren alltäglichen Dingen wirkt. Im Hause lernen wir die Geschwisterlichkeit, lernen wir die Solidarität, lernen wir, die anderen nicht zu überfahren. Im Hause lernen wir, das Leben als Segen zu empfangen und dafür zu danken, und wir lernen, dass jeder den anderen braucht, um voranzukommen. Im Hause erfahren wir Vergebung und sind aufgefordert, ständig zu vergeben und uns verwandeln zu lassen. Es ist interessant: Im Hause gibt es keinen Platz für „Masken“; wir sind die, die wir sind, und so oder so sind wir eingeladen, nach dem zu streben, was das Beste für die anderen ist.

Darum bezeichnet die christliche Gemeinde die Familien als „Hauskirchen“, denn in der häuslichen Wärme durchdringt der Glaube jeden Winkel, erleuchtet jeden Raum und bildet Gemeinschaft. Denn in solchen Momenten haben die Menschen Schritt für Schritt gelernt, die konkrete Liebe und die wirkende Liebe Gottes zu entdecken.

In vielen Kulturen verschwinden heutzutage diese Räume, verschwinden diese familiären Momente, und alles führt dazu sich zu trennen, zu isolieren. Gemeinsame Momente, um beisammen zu sein, um in Familie zu sein, werden seltener. Daher ist man nicht imstande abzuwarten, versteht nicht, um Erlaubnis zu bitten, versteht nicht, um Vergebung zu bitten, weiß nicht zu danken, weil das Haus allmählich leer wird, nicht menschenleer, sondern leer aus Mangel an Beziehungen, Mangel an Kontakten, Mangel an Begegnungen zwischen Eltern, Kindern, Großeltern, Enkelkindern, Geschwistern. Vor Kurzem erzählte mir jemand, der mit mir zusammenarbeitet, dass seine Frau und seine Kinder in die Ferien gegangen waren und er allein geblieben war, weil er in diesen Tagen arbeiten musste. Am ersten Tag war das Haus ganz still,  „in Frieden“, er war glücklich, nichts war unordentlich. Am dritten Tag, als ich ihn fragte, wie es ihm gehe, sagte er mir: „Ich wollte, sie kämen schon alle zurück.“ Er spürte, dass er ohne seine Frau und seine Kinder nicht leben konnte. Und das ist schön. Das ist schön.

Ohne Familie, ohne die häusliche Wärme wird das Leben leer, beginnen die Netze zu fehlen, die uns im Unglück unterstützen, die Netze, die uns im Alltag versorgen und das Ringen um Wohlergehen motivieren. Die Familie bewahrt uns vor zwei gegenwärtigen Phänomenen, vor zwei Dingen, die heutzutage vorkommen: vor der Zersplitterung, das heißt der Spaltung, und vor der Vermassung. In beiden Fällen verwandeln sich die Menschen in isolierte Individuen, die leicht zu manipulieren, zu regieren sind. Und daher finden wir in der Welt gespaltene, zerbrochene, berührungslose oder stark uniformierte Gesellschaften, die eine Folge des Zerreißens der familiären Bindungen sind – wenn die Beziehungen verloren gehen, die uns zu Personen machen, die uns lehren, Person zu sein. Ja, und so verlernt man, Papa, Mamma, Sohn, Tochter, Großvater, Großmutter zu sagen…man vergisst gleichsam diese Beziehungen, die das Fundament sind. Sie sind das Fundament des Namens, den wir haben.

Die Familie ist eine Schule der Menschlichkeit, eine Schule, die uns lehrt, uns die Bedürfnisse der anderen zu Herzen zu nehmen, aufmerksam zu sein auf das Leben der anderen. Wenn wir gut in der Familie leben, bleiben die Egoismen ganz klein – sie existieren, denn alle haben wir etwas davon in uns –; wenn man aber kein Familienleben lebt, entwickeln sich diese „Persönlichkeiten“, die wir so benennen können: „ich, mich, mein, mit mir, für mich“, völlig auf sich selbst konzentriert, die nichts verstehen von Solidarität, von Brüderlichkeit, von gemeinsamer Arbeit, von Liebe, von Aussprache unter Brüdern. Das kennen sie nicht. Trotz der vielen Schwierigkeiten, die heute unsere Familien in aller Welt quälen, wollen wir bitte eines nicht vergessen: Die Familien sind nicht ein Problem, sie sind in erster Linie eine Gelegenheit. Eine Gelegenheit, die wir hüten, schützen und begleiten müssen. Das ist eine Weise, zum Ausdruck zu bringen, dass sie ein Segen sind. Wenn du beginnst, die Familie als ein Problem zu erleben, dann wirst du müde, kommst nicht weiter, weil du sehr auf dich selbst konzentriert bist.

Es wird heute viel über die Zukunft diskutiert, darüber, welche Welt wir unseren Kindern hinterlassen wollen, welche Gesellschaft wir uns für sie wünschen. Ich glaube, dass sich eine der möglichen Antworten im Blick auf euch – auf diese Familie, die gesprochen hat, auf jeden von euch – findet: Hinterlassen wir eine Welt mit Familien! Das ist das beste Erbe: Hinterlassen wir eine Welt mit Familien. Sicher, es gibt keine perfekte Familie, es gibt keine perfekten Eheleute, keine perfekten Eltern und Kinder und, wenn sie es mir nicht übel nimmt, würde ich sagen: auch keine perfekte Schwiegermutter. Es gibt sie nicht, es gibt sie nicht. Das ist aber kein Hindernis dafür, dass sie die Antwort für ein Morgen sind. Gott spornt uns an zur Liebe, und die Liebe engagiert sich immer für die Menschen, die sie liebt. Die Liebe engagiert sich immer für die Menschen, die sie liebt! Lasst uns deshalb für unsere Familien sorgen, die wahren Schulen für morgen! Sorgen wir für unsere Familien, die wahren Räume der Freiheit! Sorgen wir für unsere Familien, die wahren Zentren der Menschlichkeit!

Und hier kommt mir ein Bild in den Sinn: Wenn ich bei den Mittwochs-Audienzen durch die Reihen fahre, um die Leute zu begrüßen, zeigen viele, viele Frauen auf ihren Bauch und sagen: „Pater, segnen Sie mir das Kind?“ Ich biete jetzt allen Frauen, die schwanger sind und die Hoffnung unter ihrem Herzen tragen – denn ein Kind ist eine Hoffnung – etwas an: dass sie in diesem Moment ihren Bauch berühren. Wenn eine hier ist, soll sie es hier tun, oder auch diejenigen, die über Radio oder Fernsehen zuhören. Und ich gebe jeder von ihnen, jedem Jungen oder Mädchen, das dort in ihrem Innern wartet, den Segen. So berühre jede ihren Bauch, und ich gebe ihr den Segen: im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Und ich wünsche, dass das kleine Kindlein gesund zur Welt komme, dass es gut wachse, dass es schön ins Leben begleitet werde. Liebkost das Kind, das ihr erwartet!

Ich möchte nicht schließen, ohne die Eucharistie zu erwähnen. Ihr werdet bemerkt haben, dass Jesus die Feier seines Gedächtnisses in den Rahmen eines Abendmahls legen wollte. Als Rahmen für seine Gegenwart unter uns wählt er einen konkreten Moment im Familienleben. Einen Moment, den alle erleben und den alle verstehen können: das Abendessen.

Und die Eucharistie ist das Abendessen der Familie Jesu, die sich an allen Enden der Erde versammelt, um sein Wort zu hören und sich von seinem Leib zu nähren. Jesus ist das Brot des Lebens für unsere Familien. Er möchte immer gegenwärtig sein und uns mit seiner Liebe ernähren, uns mit seinem Glauben unterstützen und uns helfen, mit seiner Hoffnung unseren Weg zu gehen, damit wir in allen Situationen erfahren können, dass er das wahre Brot vom Himmel ist.

In einigen Tagen werde ich gemeinsam mit den Familien aus aller Welt am Weltfamilientreffen teilnehmen und in weniger als einem Monat an der Bischofssynode, deren Thema die Familie ist. Ich lade euch ein zu beten. Ich bitte euch von Herzen, für diese beiden Anliegen zu beten, damit wir alle einander helfen können, für die Familie zu sorgen; damit wir immer mehr den Immanuel entdecken können, das heißt den Gott, der inmitten seines Volkes lebt und jede Familie sowie alle Familien zu seinem Zuhause macht. Ich verlasse mich auf euer Gebet. Danke!

Abschließender Gruß des Papstes von der Terrasse vor der Kirche aus

Ich grüße euch. Ich danke euch… für den Empfang, die Wärme… Die Kubaner sind wirklich liebenswürdig, gütig und vermitteln einem das Gefühl, zu Hause zu sein. Vielen Dank! Und ich möchte ein Wort der Hoffnung sagen. Ein Wort, das uns vielleicht veranlasst, zurück zu schauen und nach vorn zu schauen. Der Blick zurück ist die Erinnerung. Erinnerung an die, welche uns das Leben geschenkt haben, und besonders Erinnerung an die Großeltern. Ein herzlicher Gruß an die Großeltern! Vernachlässigen wir nicht die Großeltern! Sie sind unsere lebendige Erinnerung. Und im Blick nach vorn stehen die Kinder und die Jugendlichen; sie sind die Kraft eines Volkes. Ein Volk, das für seine Großeltern sorgt und das für seine Kinder und Jugendlichen sorgt, hat den sicheren Triumpf in der Hand! Möge Gott euch segnen. Und erlaubt mir, dass ich euch den Segen gebe – aber unter einer Bedingung. Ihr müsst etwas dafür bezahlen: Ich bitte euch, für mich zu beten. Das ist die Bedingung. Es segne euch der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Auf Wiedersehen und Danke!

(rv 258.09.2015 no)

Kuba: Papst Franziskus: Predigt auf dem Platz der Revolution

AFP4541669_Articolo

Papst Franziskus auf dem Platz der Revolution in Havanna. – AFP

Papstmesse auf der Plaza de la Revolución in Havanna

Wir dokumentieren hier die offizielle deutsche Übersetzung:

Das Evangelium zeigt uns Jesus, wie er seinen Jüngern eine scheinbar indiskrete Frage stellt: „Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?“ (Mk 9,33). Eine Frage, die er auch uns heute stellen kann. Worüber sprecht ihr täglich? Was sind eure Bestrebungen? „Sie schwiegen“, sagt das Evangelium, „denn sie hatten unterwegs miteinander darüber gesprochen, wer [von ihnen] der Größte sei“ (Mk 9,34). Die Jünger schämten sich, Jesus zu sagen, worüber sie gesprochen hatten. Wie bei den Jüngern von damals, so kann auch uns heute dieselbe Diskussion begleiten: Wer ist der Größte?Jesus besteht nicht auf der Frage, er zwingt sie nicht, ihm zu antworten, worüber sie unterwegs gesprochen haben, doch seine Frage bleibt nicht nur im Gedächtnis, sondern auch im Herzen der Jünger bestehen.Wer ist der Größte? – Eine Frage, die uns das ganze Leben hindurch begleiten wird, und in den verschiedenen Lebensphasen werden wir herausgefordert sein, sie zu beantworten. Wir können dieser Frage nicht ausweichen; sie ist ins Herz eingraviert. Ich erinnere mich, wie mehr als einmal in Familienzusammenkünften die Kinder gefragt wurden: Wen hast du mehr lieb, Papa oder Mamma? Das ist, als fragte man sie: Wer ist wichtiger für euch? Ist diese Frage so nur ein einfaches Kinderspiel? Die Geschichte der Menschheit ist durch die Art und Weise, auf diese Frage zu antworten, geprägt worden.

Jesus fürchtet die Fragen der Menschen nicht; er fürchtet weder die Menschheit noch das unterschiedliche Suchen, das diese anstellt. Im Gegenteil, er kennt die „Schlupfwinkel“ des menschlichen Herzens, und als guter Pädagoge ist er bereit, uns immer zu begleiten. Wie es seiner Art entspricht, nimmt er unser Suchen, unsere Bestrebungen an und gibt ihnen einen neuen Horizont. Wie es seiner Art entspricht, gelingt es ihm, eine Antwort zu geben, die fähig ist, eine neue Herausforderung zu stellen, indem er „die erwarteten Antworten“ oder das scheinbar Feststehende aus den Angeln hebt. Wie es seiner Art entspricht, stellt Jesus immer die Logik der Liebe auf. Eine Logik, die von allen gelebt werden kann, weil sie für alle ist.

Weit entfernt von jeglichem Elitismus, umfasst der Horizont Jesu nicht nur einige wenige Privilegierte, die fähig sind, zur „ersehnten Erkenntnis“ oder zu verschiedenen Ebenen der Spiritualität zu gelangen. Der Horizont Jesu ist immer ein Angebot für das tägliche Leben, auch hier auf „unserer Insel“; ein Angebot, das dem Alltag immer den Geschmack der Ewigkeit verleiht.

Wer ist der Größte? Jesus ist in seiner Antwort ganz einfach: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35). Wer groß sein will, soll den anderen dienen und nicht sich der anderen bedienen.

Hier liegt die große Paradoxie Jesu. Die Jünger diskutierten darüber, wer den wichtigsten Platz einnehmen werde, wer als Privilegierter auserwählt werden würde, wer vom allgemeinen Recht, von der generellen Norm entbunden sein werde, um sich in einem Streben nach Überlegenheit von den anderen abzuheben. Wer schneller aufsteigen werde, um die Ämter zu besetzen, die gewisse Vorteile mit sich brächten.

Jesus bringt ihre Logik durcheinander, indem er ihnen einfach sagt, dass das authentische Leben im konkreten Engagement für den Nächsten gelebt wird.

Die Einladung zum Dienst beinhaltet eine Besonderheit, die wir beachten müssen. Dienen bedeutet großenteils, Schwäche und Gebrechlichkeit zu beschützen, für die Schwachen in unseren Familien, in unserer Gesellschaft, in unserem Volk zu sorgen. Die leidenden, schutzlosen, verängstigten Gesichter sind es, auf die zu schauen und die konkret zu lieben Jesus uns einlädt. Eine Liebe, die in Taten und Entscheidungen Form annimmt. Eine Liebe, die sich in den verschiedenen Aufgaben zeigt, die wir als Bürger entfalten sollen. Wir sind von Jesus aufgefordert, für die Menschen in ihrer Leiblichkeit mit ihrem Leben, ihrer Geschichte und besonders mit ihrer Gebrechlichkeit einzutreten, für sie zu sorgen und ihnen zu dienen. Denn Christ zu sein schließt ein, der Würde der Mitmenschen zu dienen, für die Würde der Mitmenschen zu kämpfen und für die Würde der Mitmenschen zu leben. Darum sind die Christen immer aufgefordert, im konkreten Blick auf die Schwächsten ihr Suchen, ihr Streben und ihre Sehnsucht nach Allmacht auszublenden.

Es gibt einen Dienst, der dienlich ist; doch wir müssen uns hüten vor dem anderen „Dienst“, vor der Versuchung des „Dienstes“, der sich bedient. Es gibt eine Form, den Dienst auszuüben, deren Interesse darin besteht, die „Meinen“ zu begünstigen im Namen des „Unsrigen“. Dieser Dienst lässt die „Deinen“ immer draußen und schafft eine Dynamik der Ausschließung.

Alle sind wir aufgrund der christlichen Berufung zu dem Dienst aufgefordert, der dienlich ist, und dazu, einander zu helfen, nicht den Versuchungen zum „Dienst, der sich bedient“ zu erliegen. Alle sind wir von Jesus eingeladen und angeregt, uns aus Liebe wechselseitig umeinander zu kümmern. Und das, ohne zur Seite zu blicken, um zu sehen, was der Nachbar tut oder zu tun unterlassen hat. Jesus sagt uns: „ Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein“ (Mk 9,35). Er sagt nicht: Wenn dein Nachbar der Erste sein will, soll er dienen. Wir müssen uns vor dem beurteilenden Blick hüten und uns entschließen, an den verwandelnden Blick zu glauben, zu dem Jesus uns einlädt.

Diese Haltung, uns aus Liebe umeinander zu kümmern, läuft nicht auf Servilität und Unterwürfigkeit hinaus, sondern stellt im Gegenteil in den Mittelpunkt der Frage den Mitmenschen und Bruder: Der Dienst schaut immer auf das Gesicht des Bruders oder der Schwester, berührt seine Leiblichkeit, spürt seine Nähe und in manchen Fällen sogar das „Kranke“ und sucht, ihn zu fördern. Darum ist der Dienst niemals ideologisch, denn man dient nicht Ideen, sondern man dient den Menschen.

Das heilige gläubige Gottesvolk, das seinen Weg in Kuba geht, ist ein Volk, das Freude hat am Fest, an der Freundschaft und am Schönen. Es ist ein Volk, das singend und lobpreisend vorangeht. Es ist ein Volk, das Wunden hat wie jedes Volk, das aber versteht, mit offenen Armen da zu sein, ein Volk, das voller Hoffnung voranschreitet, denn es ist zu Großem berufen. Heute lade ich euch ein, diese Berufung zu pflegen, diese Gaben zu pflegen, die Gott euch geschenkt hat, aber ich möchte euch auffordern, euch in besonderer Weise der Schwäche eurer Brüder und Schwestern anzunehmen und ihnen zu dienen. Vernachlässigt sie nicht aufgrund von Vorhaben, die sich als verführerisch erweisen können, aber das Gesicht dessen, der neben euch steht, nicht beachten. Wir kennen und bezeugen die „unvergleichliche Kraft“ der Auferstehung, die „überall Keime dieser neuen Welt hervorbringt“ (vgl. Evangelii gaudium, 276.278).

Vergessen wir nicht die Frohe Botschaft von heute: Die Größe und Bedeutung eines Volkes, einer Nation, die Größe einer Person beruht immer auf der Art, wie man der Schwäche und Gebrechlichkeit der Mitmenschen dient. Darin begegnen wir einer der Früchte einer wahren Menschlichkeit.

„Wer nicht lebt, um zu dienen, versteht nicht zu leben.“

(rv 20.09.2015 no)

Ergänzend hierzu:

Die Tagespost: „Die Kirche ist sichtbar geworden“

Die Grafik bietet eine Übersicht über die Reise von Papst Franziskus nach Kuba und in die USA vom 19. bis 27. September 2015.

Die Grafik bietet eine Übersicht über die Reise von Papst Franziskus nach Kuba und in die USA vom 19. bis 27. September 2015.

Mit gestärktem Selbstbewusstsein empfangen Kubas Katholiken den Heiligen Vater als „Missionar der Barmherzigkeit“.

Von Oliver Maksan

11 Cuba - Havana Vedado - Plaza de la Revolucion - Ministerio del Interior Che Guevara muralHavanna (DT) Überlebensgroß schaut das Bildnis des Revolutionärs Che Guevara über den Platz der Revolution in Havanna, das Herz der Millionenmetropole. „Immer dem Sieg entgegen“, steht unter dem Bild des Mannes, der zur weltweit bekannten Pop-Ikone des revolutionären Kuba geworden ist. Die kulturellen und politischen Institutionen der kommunistischen Insel umstehen den Platz. Da ist die Parteizentrale oder der Sitz der kommunistischen Zeitung Granma. Neuerdings hängt an einem der Gebäude ein anderes Bild, das nicht unbedingt aus dem marxistischen Ikonen-Fundus stammt – das des barmherzigen Jesus. „Kommt zu mir“, steht darunter. Kubas Revolutionär und der Erlöser der Welt in Sichtweite: Deutlicher lässt sich der Wandel nicht veranschaulichen, den die Stellung der Kirche im öffentlichen Leben Kubas in den letzten Jahren durchgemacht hat.

„Noch in meiner Jugend wäre das undenkbar gewesen“, meint der 41-jährige Antonoine Sedeno. Der Mann bereitet für die Erzdiözese Havanna, die am heutigen Samstag bereits den dritten Papst in nur 17 Jahren begrüßen kann, den Papstbesuch mit vor. „Vor dem Besuch Johannes Pauls II. 1998 hatten wir Angst, uns zum Glauben zu bekennen. Seither hat sich viel zum Besseren gewendet. Die Kirche ist sichtbar geworden. Sie ist aus der Sakristei gekrochen.“ Etwa eine Million Menschen erwartet die Kirche am Sonntag zur Messfeier auf dem Platz der Revolution, auf dem auch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. schon die Messe feierten. „Ob es wirklich so viele werden, hängt natürlich auch vom Wetter ab“, meint Antoine. „Wenn es sehr heiß ist oder regnet, dann können es auch weniger Menschen sein. Aber in jedem Fall wird es ein gewaltiges Ereignis.“

Seit Wochen bereits ist der Papst allgegenwärtig auf der Insel. Poster und Plakate heißen den Stellvertreter Christi willkommen. Neben die am Straßenrand allgegenwärtigen kommunistischen Plakatparolen – „Vereint im Aufbau des Sozialismus“, „Mit Mut in die Zukunft“, „Wir verwirklichen unsere Träume“ – sind Willkommensgrüße an den „Missionar der Barmherzigkeit“ getreten. Diesen Titel hat Kubas Kirche dem Papst verliehen. Seit Wochen sendet das Staatsfernsehen Dokumentationen über Papst Franziskus, die von der Kirche erarbeitet wurden. Und erstmals in ihrer Geschichte hat die Parteizeitung Granma eine Botschaft der Bischöfe Kubas anlässlich des Papstbesuchs veröffentlicht.

Als Geste guten Willens vor dem Besuch hat der Staat vergangene Woche zudem die Freilassung von über 3 500 Häftlingen bekannt gegeben. Ausgenommen sind neben Schwerverbrechern allerdings auch solche, die die „Staatssicherheit“ gefährdet hätten – ein Hinweis auf die politischen Häftlinge des Regimes. Raúl Castro hatte in einer ähnlichen Geste bereits zum Besuch Benedikts 2012 2 900 Häftlinge amnestiert. Sein Bruder Fidel ließ zum Besuch Johannes Pauls II. 1998 immerhin 300 frei.

„Für uns ist der Besuch eine wunderbare pastorale Möglichkeit“, meint der Jesuit Juan Miguel Arregui Echeverria, der die kubanische Ordenskonferenz leitet. „Dieser Besuch, so hoffen wir, ist ein wichtiger Schritt, um die Situation der Kirche auf Kuba zu normalisieren. Bis vor gar nicht langer Zeit konnte die Kirche nur innerhalb des Kirchengebäudes wirken.“

Normal ist die Lage der Kirche trotz der allgemeinen Papstbegeisterung und dem Wandel der letzten Jahre aber noch immer nicht. Der Kirchenbau ist praktisch noch immer unmöglich. Die praktizierenden Katholiken sind dort, wo es keine Kirchen gibt, die vor der Revolution gebaut wurden, auf Messfeiern und Versammlungen in Privatwohnungen angewiesen. Nur manchmal gewährt der Staat eine Baugenehmigung wie etwa in Guiteras, einem Vorort Havannas. Dort überließ Staatschef Raúl Castro der Kirche nach dem Besuch Benedikts ein Grundstück. Doch der Bau der dem heiligen Johannes Paul II. geweihten Kirche stockt wegen des Mangels an Baugerät und Material. Katholische Schulen gibt es auf Kuba ebenfalls keine mehr. Fidel Castro, einst selbst Schüler einer kirchlichen Schule, verbot sie nach der Revolution und ließ viele Gebäude beschlagnahmen.

„Von den Ereignissen der sechziger Jahre hat sich die Kirche nur langsam erholt“, meint ein kubanischer Geistlicher, der seinen Namen nicht in der Zeitung sehen will. „Die Revolution hat damals wirklich gewütet. Wer beruflich etwas werden wollte, wer wollte, dass seine Kinder studieren und etwas werden können, der konnte nicht in der Kirche sein. Viele Priester und Bischöfe wurden ins Gefängnis gesteckt. Zahlreiche Orden mussten die Insel verlassen. Es war wirklich eine schwere Zeit.“ Der Besuch Johannes Pauls II. habe dann eine große Änderung gebracht. Weihnachten wurde wieder ein Feiertag, nachdem Fidel ihn in den sechziger Jahren abgeschafft hatte. Der Besuch Benedikts 2012 hatte weniger spürbare Effekte, das hatte der Besuch von 1998 schon besorgt. Aber immerhin wurde damals der Karfreitag wieder zum Feiertag. „Und anlässlich der 400-Jahr-Feier der Nationalheiligen, der Gottesmutter von El Cobre, bejubelten Millionen Kubaner eine durch das Land tourende Replik der hochverehrten Figur. Auch das hatte es seit 1959 nicht gegeben“, so der Geistliche.

„Heute versucht die Kirche, einerseits ihr neu gewonnenes pastorales Selbstbewusstsein zu leben, gleichzeitig aber nicht die roten Linien des Staates zu übertreten und sich direkt politisch zu betätigen“, fasst der Priester die pastorale Strategie der Kirche zusammen. Denn der Staat wache im Bereich Bildung und Medien misstrauisch über sein Monopol. Die Kirche wolle vor allem über soziale und Bildungsprojekte das Vertrauen der Kubaner gewinnen, an denen trotz einer natürlichen Religiosität fünfzig Jahre kommunistische Erziehung nicht spurlos vorbeigegangen seien. „Das öffentliche Schulwesen ist lausig. Wir bieten deshalb Nachhilfekurse, Englisch- und Computerkurse an. Viele junge Leute nehmen das dankbar an. Sie sagen, dass ihre Vorurteile der Kirche gegenüber verschwunden seien.“ Tatsächlich nehmen Beobachter der Situation auf Kuba eine verstärkte Hinwendung zum Glauben wahr. Viele lassen sich oder ihre Kinder taufen. Von einem kleinen Glaubensfrühling sprechen manche deshalb. Den soll Papst Franziskus jetzt mit seinem Besuch richtig zum Blühen bringen.

„Natürlich weiß nur Gott, welche Früchte dieser Besuch haben wird“, meint Pater Sergio Cabrera vom Vorbereitungskomitee für den Papstbesuch. „Aber es ist wichtig, dass der Papst Kuba eine Botschaft der Barmherzigkeit bringt, die uns hier so oft fehlt.“ Spurlos, da ist er sich mit Blick auf den Besuch Johannes Pauls II. sicher, wird der Besuch von Franziskus an Kubas Kirche jedenfalls nicht vorübergehen. „Ich stand 1998 auf diesem Platz als junger Mann, der sich mit der Idee auseinandersetzte, Priester zu werden. Ich war mir aber nicht sicher. Nach der Messe mit Johannes Paul aber gab es für mich keine Zweifel mehr. Insofern hat der Besuch mein Leben verändert, aber auch das der Kirche auf Kuba. Das wird diesmal nicht anders sein.“

Auf dem Platz der Revolution üben sie noch am Donnerstagabend. Ein Orchester junger kubanischer Talente wird die Papstmesse begleiten. Dirigent Jose Antonio Mendez leitet die Musiker an. „Ich bin selbst kein Katholik und glaube nicht. Aber dass ich hier bin, zeigt, dass wir in Frieden zusammen leben können.“ An Kubas Kirche jedenfalls dürfte das zuletzt scheitern.

_______

Quelle: Die Tagespost

Siehe des weiteren: