Erzbischof Fisichella: Wir haben ein Pontifikat der Neuevangelisierung

Erzbischof Rino Fisichella

Das vergangene Jahr hat eine Neuigkeit für den Päpstlichen Rat für Neuevangelisierung bereit gehalten: die Zuständigkeit für Wallfahrtsorte, die Papst Franziskus von der Kleruskongregation an den Päpstlichen Rat übertragen hatte.

Christine Seuss und Alessandro Gisotti – Vatikanstadt

Darüber und über die anderen Tätigkeitsfelder seines Rates, der auch bei der Organisation des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit federführend war, spricht im Interview mit Vatican News Erzbischof Rino Fisichella, der Leiter der Einrichtung. Das Gespräch ist das zweite in einer Reihe, die wir mit den Leitern der verschiedenen Kuriendikasterien führen – den Anfang machte am vergangenen 10. März Erzbischof Ladaria Ferrer, der Präfekt der Glaubenskongregation.

Ein typischer Tag an seinem Rat gestalte sich „extrem dynamisch“, erzählt uns Erzbischof Fisichella, „denn sehr früh am Morgen beginnen wir, alle Vorgänge einzusehen, die Post… und vor allem empfangen wir: wir empfangen viele Gruppen aus den Diözesen, wir empfangen die Bischöfe, die auf Ad-limina-Besuch sind, Gruppen von Seminaristen und jungen Leuten: all die Einrichtungen, von Bewegungen zu Vereinigungen, konkret jeden Tag Neuevangelisierung betreiben.“ Dazu gehörten seit vergangenem April auch die Gruppen, die sich um die Wallfahrtsorte kümmern, führt der Erzbischof weiter aus. „Also, ich würde sagen, dass das ein extrem dynamisches Leben ist, aber die Evangelisierung ist dynamisch! Deshalb müssen wir uns an die Evangelisierungsmission der Kirche anpassen.“

“ Evangelisierung ist dynamisch ”

Dabei sieht sich Fisichella ganz auf einer Linie mit dem Pontifikat von Franziskus: man dürfe nicht vergessen, dass dessen programmatisches erstes Schreiben, die postsynodale Exhortation Evagelii gaudium, die Beratungen der Bischofsynode zur Neuevangelisierung und Glaubensweitergabe zur Basis hatte, betont der Erzbischof: „Deshalb scheint es mir, dass man mit Fug und Recht sagen kann, dass das Pontifikat von Papst Franziskus sich durch diese Sehnsucht, diesen Drang zur Evangelisierung auszeichnet. An wie viele Ausdrücke, die Papst Franziskus geprägt hat, erinnern wir uns täglich: eine Kirche, die „herausgeht“, ein „Feldlazarett“ ist… Das sind alles Ausdrücke, die nichts anderes tun, als zum Herzen seiner zentralen Botschaft zurückzutragen: die Kirche lebt für die Evangelisierung! Die Kirche ist von Jesus gewollt und die Mission, die Jesus ihr anvertraut hat, ist die der Evangelisierung.“

“ Die Kirche lebt für die Evangelisierung! ”

Evangelisierung, die auch an den Wallfahrtsstätten der Welt geschieht und nach dem Wunsch des Papstes noch stärker betont werden soll. Aus diesem Grund hatte er am vergangenen 1. April mit dem Motu Proprio „Sanctuarium in Ecclesia“ die Zuständigkeiten neu geregelt und dem Päpstlichen Rat für Neuevangelisierung die Aufgabe übertragen, künftig die Errichtung internationaler Wallfahrtsstätten und die Billigung ihrer Statuten zu übernehmen. Außerdem soll der Rat weiter die Prüfung und Umsetzung von katechetischen Programmen sowie die Förderung einer geeigneten Seelsorge überwachen, unter anderem mit Tagungen und einer speziellen Ausbildung der Wallfahrtsseelsorger.

Diese Entscheidung des Papstes sieht Fisichella als „geglückte Intuition“: „Aus den Wallfahrtsorten besondere Orte der Evangelisierung machen! Wir haben Wallfahrtsorte in den Vereinigten Staaten, in Afrika, in Indien… Das sind Situationen, die die Fähigkeit aufzeigen – wenn auch mit der speziellen Prägung, die jedes Heiligtum in Verbindung mit der eigenen Ortskirche aufweist – aus diesen Orten einen speziellen Ort für die Evangelisierung zu machen. Und das verwirklicht man mit der Aufnahme, durch die Feier der Sakramente, durch die Verkündigung des Wortes Gottes und das Zeugnis der Nächstenliebe.“

600 Missionare der Barmherzigkeit in Rom

Eine große Rolle spiele auch nach dem Jahr der Barmherzigkeit sein Rat bei der Fortführung der Initiativen, die die Spiritualität der Barmherzigkeit im Zentrum hätten, erzählt Fisichella. Ein besonderes Event in diesem Zusammenhang: Ein Kongress, der an den Tagen nach dem Sonntag der Barmherzigkeit, den Papst Franziskus am Sonntag nach Ostern eigeführt hat, rund 600 Missionare der Barmherzigkeit in Rom zusammenführen wird. „Wie wir wissen hat Papst Franziskus gewünscht, dass diese Priester die gleichen Befugnisse des Papstes haben, was die Vergebung bestimmter Sünden betrifft. Diese kommen hier in Rom zusammen, weil der Papst will, dass sie ihr Amt auch nach dem Jahr der Barmherzigkeit weiterführen. Sie werden hier für drei Tage mit dem Papst zusammentreffen: ein Moment der Begegnung, ein Moment der Besinnung und des Gebetes, der ihnen helfen wird, noch ihr Amt noch besser und reicher zu versehen.“

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Debatte um Papstentscheidung zu Abtreibung

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Abtreibungspille

Mit mehr „Laxheit“ im Umgang mit Abtreibung hat die neue Anweisung des Papstes zur Lossprechung von dieser Sünde nichts zu tun. Das stellte Erzbischof Rino Fisichella schon an diesem Montag auf Journalistenfragen hin ganz klar. Es gehe bei der Lossprechung von der Sünde der Abtreibung durch Priester um Bekehrung und Barmherzigkeit zugleich, so der Präfekt des Päpstlichen Rates für Neuevangelisierung. Der Papst bekräftige das „ganz klar, um Missverständnisse derjenigen vorzubeugen, die nur den ersten Teil seiner Aussage lesen wollen“, so der Präfekt, der aus dem Papstbrief zitiert, „,dass Abtreibung eine schwere Sünde ist, da sie einem unschuldigen Leben ein Ende setzt. Mit gleicher Kraft kann und muss ich jedoch sagen, dass es keine Sünde gibt, die durch die Barmherzigkeit Gottes nicht erreicht und vernichtet werden kann, wenn diese ein reuevolles Herz findet, das um Versöhnung mit dem Vater bittet.‘ “ Radio Vatikan fasst im Folgenden bisherige Reaktionen auf die Neuerung zusammen.

Weihbischof Losinger: „Den Weg der Vergebung verbreitern“

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger begrüßt die Anweisung des Papstes, dass alle Priester in der Beichte von der schweren Sünde der Abtreibung lossprechen dürfen. Im Gespräch mit Radio Vatikan erläutert der Ethik-Experte, dass es sich auch nicht um ein kleines Problem handelt

Losinger: „Ich persönlich glaube, dass es wenige Priester gibt, die es noch nicht erfahren haben, dass jemand mit dem Bekenntnis einer Abtreibung bei ihnen erschienen ist. Die Zahlen sind vor allem in Deutschland, aber auch in ganz Europa sehr hoch. Wir rechnen mit einer Zahl von 100.000 Menschen – mit der Dunkelziffer wohl 200.000 [Anm. d. Red.: in Deutschland, pro Jahr] – so dass diese Frage auf viele Seelsorger zukommt.“

RV: Ging es dem Papst bei der Neuregelung Ihrer Einschätzung nach eher um die Frage der Abtreibung oder die Frage der Vergebung?

Losinger: „Ich glaube, dass Papst Franziskus in einer klaren Fortsetzung der Idee des Jahres der Barmherzigkeit gehandelt hat. Selbstverständlich sieht der Papst das gravierende Unrecht, das mit der Tötung eines ungeborenen Menschen zu tun hat. Aber er will all diesen Menschen, die davon betroffen sind, einen breiten Weg öffnen, dass sie mit ihrem Leben wieder klar kommen, dass sie Versöhnung finden können und dass sie mit einem positiven Blick in die Zukunft leben können.
Menschen, die mit dem Bekenntnis der Tötung eines ungeborenen Lebens kommen, sind oft jahrzehntelang belastet und spüren den Stein auf ihrer Seele. Darum halte ich diese breite Tür der Versöhnung, die der Papst öffnet, für absolut richtig und gut.“

RV: Sie sehen also nicht die Gefahr der Laxheit oder der Minimierung der Sünde?

Losinger: „Ganz im Gegenteil. Ich glaube, dass das Problem der hohen Zahl allen Menschen bewusst ist und dass auch ein Sozialstaat heutzutage einen klaren Fokus darauf richten muss, die Zahl der Tötungen von Menschen, die noch nicht geboren sind, zu minimieren. Aber auf der anderen Seite muss auf klare Weise denjenigen Menschen in einer seelsorglichen Perspektive geholfen werden, die von einer Abtreibung aktiv betroffen sind.“

RV: Warum ist in der Vergangenheit denn das Tötungsdelikt der Abtreibung schärfer behandelt worden als etwa das Tötungsdelikt des Mordes, den Priester immer schon lossprechen konnten?

Losinger: „Ich glaube, dass ganz intuitiv Menschen damit das Gefühl verbunden haben, dass mit der Abtreibung ein besonders wehrloses Geschöpf betroffen ist und dass deswegen diese besondere kirchenjuristische Härte verbunden war.“

Emeritierter Kurienerzbischof äußert Kritik

Ein emeritierter Kurienerzbischof hat sich kritisch zu der Verfügung von Papst Franziskus geäußert. Er sehe „die ernste Gefahr, dass die Sünde der Abtreibung jetzt minimisiert werden könnte“, sagte der frühere Regent der Apostolischen Pönitentiarie, Gianfranco Girotti. Die Pönitentiarie, ein vatikanischer Gerichtshof, ist u.a. für die Lossprechung von den schweren Sünden („delicta graviora“) im Klerus zuständig, die dem Vatikan vorbehalten ist.

„Zunächst muss man sagen, dass der Heilige Vater eine Geste großer Barmherzigkeit getan hat“, so der 79-jährige Franziskaner in der Tageszeitung „Repubblica“ vom Dienstag. Es stimme durchaus, „dass die Kirche sich allen öffnen muss“. Das „wirkliche Problem“ bestehe darin, „zu welchen Reaktionen das Schreiben des Papstes führen könnte“: „Ich fürchte, dass jemand die Entscheidung, eine Schwangerschaft abzubrechen, herunterspielen könnte mit dem Eindruck, das werde dann ja sowieso leicht vergeben.“

Etwas Ähnliches sei bereits früher eingetreten, als Johannes Paul II. die Vollmacht zur Lossprechung im Fall einer Abtreibung an die Bischöfe delegiert habe. „Damals gab es Polemiken und negative Reaktionen von denen in der Kirche, die fürchteten, dass man jetzt in die Richtung des Laxismus gehen würde. Heute könnte dasselbe geschehen. Das würde allerdings der wirklichen Bedeutung der Geste des Heiligen Vaters Unrecht tun – dass nämlich der, der bereut und um Vergebung bittet, sich der göttlichen Barmherzigkeit anvertrauen soll. Denn Gott ist größer als jede Sünde, einschließlich der Abtreibung.“

Cei-Sprecher: Keine Gefahr des „Werteausverkauf“

Die Gefahr, dass der Vorstoß des Papstes einen „Ausverkauf moralischer Werte“ einleiten könne, teilt der Sprecher der italienischen Bischofskonferenz (Cei) nicht. Franziskus rufe vielmehr „jeden, angefangen bei den Priestern“, dazu auf, „sich selbst als Sünder zu erkennen, der Barmherzigkeit braucht“, so Nunzio Galantino in einem Beitrag für das Newsportal „Il Sole 24 Ore“. In einer „Kultur der Barmherzigkeit“ brauche es diese „Grundehrlichkeit“ für den Dienst am Nächsten, erinnerte der Bischof: „Man findet so die Bereitschaft und Fähigkeit, sich zum Begleiter, Unterstützer und Trost derjenigen zu machen, die den Weg der Vergebung und des Friedens suchen.“ Formales Gehabe und Worthülsen brächten hier nicht weiter. Der Papst fordere die Kirche mit seinem Apostolischen Schreiben heraus, „Barmherzigkeit im Alltag mit Taten und solidarisch-verantwortlichen Entscheidungen“ umzusetzen und somit „der Fantasie der Barmherzigkeit Raum zu geben“, formulierte der Geistliche.

Vatikan-Journalistin: Papst kennt Wirklichkeit

Die Entscheidung des Papstes, dass fortan alle Priester von der Sünde der Abtreibung lossprechen können, rühre von seiner „Kenntnis der Wirklichkeit“ her, kommentierte die italienische Journalistin Lucetta Scaraffia die Neuerung. Der Papst anerkenne, dass vielen Frauen, die abtreiben, die Tragweite der Entscheidung im Moment des Eingriffs nicht bewusst sei, sagte die Verantwortliche der Frauenzeitschrift des Vatikan „Donne Chiesa Mondo“ am Montag in einem Interview mit der Beilage „Io, Donna“ der italienischen Zeitung „Repubblica“. Die Darstellung der Abtreibung als „Recht der Frau“ in der modernen Gesellschaft verschleiere sozusagen die Schwere des Problems: Die Frauen verstünden so „erst danach, auf Grundlage des daraus folgenden Leid und ihrer Erfahrung“, dass es bei Abtreibung um eine „sehr viel größere Entscheidung“ gehe, so die Historikerin wörtlich. Aus diesem Irrtum entspringe die „Notwendigkeit der Vergebung“. Als „feministische Entscheidung“ des Papstes wertet die Journalistin die Neuerung nicht. Schließlich machten sich laut katholischer Moral auch die an einer Abtreibung beteiligten Männer, also etwa die Ärzte, schuldig.

Exkommunikation nach Abbruch oder Mitwirkung daran

Nach dem katholischen Kirchenrecht zieht die Mitwirkung an einem Schwangerschaftsabbruch die Exkommunikation nach sich. In den meisten Ländern war bislang eine sakramentale Lossprechung und die Aufhebung der Exkommunikation nur durch bestimmte Beichtväter möglich. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ändert sich durch die neue Praxis nichts; hier konnte schon vor dem Heiligen Jahr jeder Priester Vergebung für eine Abtreibung erteilen.

(rv/die welt/la repubblica 22.11.2016 sk/pr)