Kardinal Müller: Piusbrüder, Frauendiakonat und Entlassungen

Kardinal Müller auf dem Petersplatz

Eine Einigung zwischen der traditionalistischen Piusbruderschaft und dem Vatikan ist laut Kurienkardinal Gerhard Ludwig Müller noch nicht in greifbarer Nähe. „Das braucht Zeit“, sagte der Präfekt der römischen Glaubenskongregation dem katholischen Sender EWTN. Nötig sei eine „tiefere Versöhnung, nicht nur die Unterzeichnung eines Dokuments“. Wer katholisch sein wolle, müsse unter anderem die Konzilien und die übrige kirchliche Lehre sowie die „hierarchische Gemeinschaft mit dem Ortsbischof, der Gemeinschaft aller Bischöfe und dem Heiligen Vater“ akzeptieren.

Zur Streitfrage der Liturgiereform im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sagte Müller, es sei seit jeher katholische Auffassung, dass der Papst und Synoden das Recht und die Pflicht hätten, die „äußere Form der Liturgie“ neu zu gestalten. „Die Substanz der Liturgie ist durch die Offenbarung gegeben und kann von niemandem geändert werden“, fügte er hinzu. Das Interview wurde am Donnerstag als Video im Internet veröffentlicht; am Samstag erschienen schriftliche Auszüge in Sozialen Netzwerken.

Diakoninnenweihe „unmöglich“ 

Mit Blick auf eine von Papst Franziskus eingesetzte Studienkommission zu Diakoninnen in der Kirchengeschichte sagte Müller, der Papst beziehe sich dabei nicht auf das dreistufige katholische Weiheamt von Diakon, Priester und Bischof. Es gehe um Frauen, die in der frühen Kirche etwa als Helferinnen bei der Taufe von Frauen oder in karitativen Aufgaben tätig gewesen seien.

Eine Diakoninnenweihe schloss der Kardinal als „unmöglich“ aus. „Das wird nicht kommen“, so Müller. Überdies sei dies auch nicht nötig. Heute seien Frauen in der Kirche in höheren Verantwortungspositionen als die Diakoninnen der Antike.

Mitarbeiter besser behandeln

Ungewöhnlich offene Kritik übte der Kardinal an der angeblichen Entlassung von drei Mitarbeitern der Glaubenskongregation durch den Papst. Der Schritt war Ende 2016 bekanntgeworden und soll gegen den Willen Müllers erfolgt sein. Er sagte dazu im Interview, diese Geschichte sei wahr. Er wünsche sich „eine bessere Behandlung unserer Mitarbeiter beim Heiligen Stuhl“. Man dürfe nicht nur über die Soziallehre reden, sondern müsse sie auch respektieren, so der Kardinal.

Müller rückte die Personalentscheidung in die Nähe eines „alten höfischen Gebarens“, das Franziskus selbst kritisierte. Mitarbeiter könne man nur dann entlassen, wenn sie einen Fehler machten oder Voraussetzungen wie Rechtgläubigkeit, integre Lebensführung und Sachkompetenz nicht erfüllten.

(kap 28.05.2017 cs)

„Zahl der Widersprüche ist beschränkt“: Was der FSSPX noch zur Versöhnung mit Rom fehlt

Interview mit Pater Franz Schmidberger,
Regens des Priesterseminars der Piusbruderschaft

Nach der Beichte jüngst auch die Eheschließung: Mittlerweile können katholische Paare in Gottesdiensten der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) gültig heiraten. Stimmen also Spekulationen in den Medien, dass die Piusbruderschaft schon bald in den Rang einer Personalprälatur erhoben wird? Was steht aus Sicht der Piusbrüder noch einer Versöhnung im Weg? Und: Was ist dran an dem Gerücht, dass Papst Franziskus in Fatima eine solche bekanntgeben will? Antworten von Pater Franz Schmidberger, Regens des Priesterseminars „Herz Jesu“ und ehemaliger Distriktoberer der Bruderschaft in Deutschland und Österreich.

PAUL BADDE: Herr Pater Schmidberger, in das Priesterseminar der Erzdiözese von München und Freising ist zuletzt, wie ich gehört habe, ein einziger Priesternachwuchskandidat eingetreten. – Wie sieht die Situation bei Ihnen  im Priesterseminar „Herz Jesu“ von der Priesterbruderschaft Pius X. aus?

SCHMIDBERGER: Unser Seminar zählt im Augenblick 31 Seminaristen, von denen einer ein Pastoraljahr in einem Priorat in den USA verbringt. Die gute Hälfte von ihnen stammt aus dem deutschen Sprachraum, die andere Hälfte vor allem aus den Ländern des Ostens: Polen, Tschechien, Litauen, Russland und Ungarn. Im Herbst 2016 hatten wir 9 Eintritte, darunter vier Deutsche. Deshalb planen wir einen Erweiterungsbau. Natürlich gibt es auch immer den einen oder anderen Abgang, wie man dies bei einem lebendigen Organismus nicht anders erwarten kann. Schließlich geht es ja bei der Erneuerung der Kirche nicht um Quantitäten, sondern um die Heranbildung eines gut geschulten, frommen und seeleneifrigen Klerus. Und in diesem Sinn werden unsere jungen Leute, einmal zum Priester geweiht, unsere Stellungen im deutschen Sprachraum und in den Ländern des Ostens wesentlich stärken und festigen. Die Ausbildung in unserem Seminar könnte auch beispielhaft für andere Seminare sein. Um sich davon zu überzeugen, brauchen Sie nur unseren Seminarfilm anzuschauen.

BADDE: Wie erklären Sie diesen Unterschied und was bedeutet er für die Zukunft der Kirche in Deutschland?

SCHMIDBERGER: Die „Konzilskirche“ in Deutschland ist ein auslaufendes Modell. Von geistiger Konkursverwaltung zu sprechen ist nicht übertrieben. Man kann darum jedem jungen Mann, der zum Priestertum berufen ist, sagen: „Lass die Toten die Toten begraben; du aber, verkünde das Evangelium und arbeite für das Leben in den Seelen und für die Erneuerung der Kirche an Haupt und Gliedern.“

BADDE: Es ist immer wieder zu hören, dass eine vollständige Aussöhnung der Bruderschaft mit Rom kurz bevor stehe. Es würden nur noch letzte Unterschriften fehlen, sonst sei alles wohl vorbereitet. Was können Sie uns als sicher mitteilen?

SCHMIDBERGER: Was die zukünftige Struktur der Priesterbruderschaft St. Pius X. bei einer Anerkennung von Rom anbetrifft, so ist diese im Wesentlichen tatsächlich ausgearbeitet. Man wird aber noch über eine lehrmäßige Erklärung sprechen müssen, insbesondere bezüglich des II. Vatikanischen Konzils. Das Datum für eine endgültige Regelung liegt selbstverständlich in erster Linie bei der göttlichen  Vorsehung, die alles lenkt und leitet. Es braucht eben viel Geduld, aber auch den festen Willen, mit Energie auf dieses Ziel hinzuarbeiten zum Wohle der ganzen Kirche.

BADDE: Als wir das letzte Mal – im Februar 2012 – miteinander sprachen, ließen Sie durchblicken, dass „die Zeit für Sie arbeite“ , trotz Ihres Zögerns vor Benedikt XVI, der Ihnen bis dahin so weit entgegen gekommen war wie noch kein Papst zuvor. Ein Jahr nach unserem Gespräch trat Benedikt als Papst zurück, den Sie mit Ihrem Erzbischof Williamson in die bis dahin schwerste Krise seines Pontifikats gestürzt hatten.  Wie haben Sie damals auf die Nachricht des Rücktritts reagiert und was hat er in der Priesterbruderschaft bewirkt?

SCHMIDBERGER: Wir alle haben unter den inakzeptablen Äußerungen von Bischof Williamson gelitten. Natürlich sahen wir sehr wohl, wie die Feinde der Kirche diese benützt haben, um auf den Papst einzuschlagen, wie er dies ja auch selber in seinem Brief an die Bischöfe gesagt hat. Wir haben seinen Rücktritt bedauert, umso mehr, als er mit Summorum Pontificum der Kirche einen großen Dienst erwiesen und dann auch mit der Rücknahme des Exkommunikationsdekrets 2009 einen weiteren Schritt auf eine Normalisierung hin getan hat.

BADDE: Dennoch scheint die Zeit Ihrer Einschätzung von damals Recht zu geben – zumindest was die Annäherung der Bruderschaft mit Rom betrifft und umgekehrt. Was hat Papst Franziskus, das Papst Benedikt nicht hatte?

SCHMIDBERGER: Nicht die Zeit gibt uns Recht, sondern die Gnade Gottes in ihrem Wirken in der Zeit, die jene nicht verlässt, welche glauben, lehren und beten, wie die Kirche immer geglaubt, gelehrt und gebetet hat. Lesen Sie das demnächst erscheinende Buch von Prälat Georg May mit dem Titel „300 Jahre gläubige und ungläubige Theologie“; dann werden Sie die richtige Einschätzung bezüglich der heutigen Lage gewinnen.

Papst Franziskus hat zu unserer eigenen Überraschung uns gegenüber ein ausgesprochenes Wohlwollen. Andererseits hat er mit seiner Geringschätzung der Lehre in der Kirche viel Verwirrung gestiftet, aber wiederum auch der Konzilsideologie ein Ende bereitet. Und genau hier liegt die Möglichkeit zu einer Verständigung. Da der Papst an die Ränder geht, ist es logisch, wenn er jene nicht vergisst, die als treue Söhne der Kirche jahrelang marginalisiert worden sind.

BADDE: Gleichwohl tragen die wichtigsten Dokumente der Annäherung heute die Unterschrift Kardinal Müllers, der als Erzbischof von Regensburg Ihr schärfster Opponent in Deutschland war. In allem Streit scheint er die Konstante Ihrer Debatten geblieben zu sein. Wie deuten Sie dieses Paradox?

SCHMIDBERGER: Es ist vor allem der Papst und auch der Sekretär der Kommission Ecclesia Dei, Erzbischof Pozzo, die in einer echten Hirtensorge sich unsrer annehmen und einen jetzt schon 40 Jahre lange dauernden Konflikt beenden wollen. Wenn Kardinal Müller dieses Bemühen mitträgt, dann können wir uns darüber nur freuen. Vielleicht sind dem Kardinal auch in Rom die Augen für die Katastrophe in der Kirche aufgegangen und sucht er nach Verbündeten im Kampf gegen die Zerstörer.

BADDE: Vor sechs Jahren zitierten Sie vor mir  die Ansprache von Papst Benedikt an die Vertreter des Zentralkomitees der deutschen Katholiken vom 24. September 2011, wo er sagte: „Die eigentliche Krise der Kirche in der katholischen Welt ist eine Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden, werden alle strukturellen Reformen wirkungslos bleiben.“ Und Sie kritisierten, dass durch das Konzil eben nicht der Geist der Kirche die Welt durchdrungen habe, sondern umgekehrt sei  der Geist der Welt in die Kirche eingedrungen. Scheint der Prozess eines derart verstandenen  „aggiornamento“ aber nicht gerade unter Papst Franziskus an sein Ziel zu kommen, der Ihnen nun die Türen in Rom weiter öffnet als jeder seiner Vorgänger? Erklären Sie uns bitte diesen Widerspruch.

SCHMIDBERGER: Wiederholen wir: Die Verwirrung in der Kirche ist groß, vielleicht größer als je zuvor in ihrer ganzen Geschichte. Wir erleben einen wahren Zusammenbruch in der Theologie, der Moral, der Disziplin, der Liturgie und der Spiritualität. Man darf  ohne Übertreibung vom großen Glaubensabfall sprechen. Schlechte Ratgeber bieten dabei verderbliche Falschlösungen an, wie z.B. die Weihe von viri probati oder auch das Frauendiakonat. Gewiss darf man das Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche nicht übersehen, der sich menschlicher Werkzeuge bedient und vielleicht unsere Bruderschaft als die größte geschlossene religiöse Gruppe benützen will, die eben aus einem Guss heraus auf diesen Zusammenbruch antworten will und in einem bescheidenen Rahmen antworten kann. Jedenfalls haben wir ein Gesamtkonzept für eine wahre Neuevangelisierung.

BADDE: Ohne vorbehaltlose Anerkennung der Konzilsdekrete wird die Bruderschaft des heiligen Pius X in der „una sancta catholica ecclesia“ keine Heimat finden, erst recht nicht, nachdem inzwischen auch die Konzilspäpste Johannes XXIII. und Paul VI. heilig und selig gesprochen worden sind, woran die Bruderschaft mit vernünftigen Argumenten des Glaubens nicht mehr rütteln kann.  Bisher – so hatte es den Anschein – forderten Sie  immer die Umkehr Roms. Ist inzwischen aber nicht auch die Bruderschaft umgekehrt und was können Sie uns dazu sagen?

Erzbischof Lefebvre hat im Konzil immer drei Teile unterschieden: Einen Löwenanteil, der mit der bisherigen Lehre der Kirche vollkommen übereinstimmt, einen zweiten Teil an Zweideutigkeiten, die dringend eines klärenden Wortes bedürfen, und schließlich eine verhältnismäßig beschränkte Zahl von Widersprüchen, die so nicht stehenbleiben dürfen, wie z.B. gewisse Aussagen im Dekret über den Ökumenismus oder in der Erklärung über die Religionsfreiheit. Natürlich ergibt sich hier ein Fragezeichen bezüglich der Kanonisation der zwei Konzilspäpste und auch Johannes Paul II. mit dem Skandal der Assisi-Treffen und daraus folgend der Diktatur des Relativismus. In diese Frage Licht zu bringen wird dann unter anderem die theologische Arbeit sein, die nach einer kirchenrechtlichen Anerkennung der Bruderschaft auf uns alle wartet.

BADDE: Nun verdichten sich die Gerüchte, dass Papst Franziskus die Priesterbruderschaft anlässlich seiner Reise nach Fatima wieder ganz in den Schoß der Mutter Kirche heimholen und die praktische Trennung beenden will. Was halten Sie von diesen Gerüchten?

SCHMIDBERGER: Wahrscheinlich ist hier eher der Wunsch der Vater des Gedankens oder des Gerüchtes.

BADDE: Fürchten Sie in dem Fall aber nicht eine enorme Zerreißprobe und mögliche Spaltung der Bruderschaft, weil ein nicht geringer Teil von Ihnen diesen Schritt womöglich nicht mehr mitmachen will – nach all den Jahren ihrer leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit Rom?

SCHMIDBERGER: Bei einer Regularisierung unserer Beziehung zu Rom würde uns vielleicht der eine oder andere Mitbruder verlassen; viele werden es aber bestimmt nicht sein. Bei der Bischofskonsekration 1988 waren es 17. Jedenfalls sehe ich nicht die Gefahr einer Spaltung.

ZAITZKOFEN , 17 April, 2017 / 9:29 AM (CNA Deutsch).-

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Quelle

II. Vatikanum: die Hermeneutik der Reform in der Kontinuität

Text des Vortrags von Mons. Guido Pozzo, Sekretär der Päpstlichen Kommission „Ecclesia Dei“ , am 2 Juli 2010, für die europäischen Priester der Priesterbruderschaft, in Wigratzbad. Am Vormittag hatte Mons. Pozzo ein feierliches Levitenamt in der Kirche Maria Thann, im Gegenwart von mehr als hundert Priester und Seminaristen, zelebriert (zu den Bildern). Am darauffolgenden Tag fanden die Priesterweihen statt, die von S. Eminenz, Kardinal Canizares Llovera, fünf Diakone gespendet wurden (Bilder der Priesterweihe).

Aspekte der katholischen Ekklesiologie
in Bezug auf die Rezeption des II. Vatikanischen Konzils

Einleitung

pozzo01Wenn man die Dogmatische Konstitution des II. Vatikanischen Konzils über die Kirche betrachtet, wird sofort die Größe und die Weite der Vertiefung des Geheimnisses der Kirche und der inneren Erneuerung dieses Geheimnisses, als Werk der Konzilsväter sichtbar.

Wenn man hingegen vieles von dem liest oder hört, was von gewissen Theologen, darunter einigen berühmten, und anderen, die eine dilettantische Theologie lehren, oder auch von einer verbreiteten nachkonziliaren katholischen Publizistik gesagt worden ist, wird man ergriffen von einer tiefen Traurigkeit und ernste Bedenken werden genährt.

Es ist in der Tat schwierig, sich einen größeren Gegensatz vorzustellen als jenen, der existiert zwischen den offiziellen Dokumenten des II. Vatikanischen Konzils, dem nachfolgenden päpstlichen Lehramt, den Interventionen der Kongregation für die Glaubenslehre einerseits und den vielen Ideen oder zweideutigen Darstellungen, die fragwürdig und oft der geraden katholischen Lehre zuwider sind und die sich im katholischen Raum und allgemein in der öffentlichen Meinung verbreitet haben, andererseits.

Wenn man vom II. Vatikanischen Konzil und seiner Rezeption spricht, muß der Bezugspunkt jetzt ein einziger sein, nämlich jener, den das päpstliche Lehramt selbst in äußerst klarer und unzweideutiger Weise formuliert hat. In der Ansprache des 22. Dezember an die Römische Kurie hat sich Papst Benedikt XVI. wie folgt ausgedrückt: „Die Frage taucht auf, warum die Rezeption des Konzils in einem großen Teil der Kirche so schwierig gewesen ist. Nun ja, alles hängt ab von einer korrekten Auslegung des Konzils oder – wie wir heute sagen würden – von einer korrekten Hermeneutik, von seiner korrekten Deutung und Umsetzung. Die Probleme der Rezeption entsprangen der Tatsache, daß zwei gegensätzliche Hermeneutiken miteinander konfrontiert wurden und im Streit lagen. Die eine hat Verwirrung gestiftet, die andere hat Früchte getragen, was in der Stille geschah, aber immer deutlicher sichtbar wurde, und sie trägt auch weiterhin Früchte. Auf der einen Seite gibt es eine Auslegung, die ich“ – fügt der Hl. Vater hinzu – „‘Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches‘ nennen möchte; sie hat sich nicht selten das Wohlwollen der Massenmedien und auch eines Teiles der modernen Theologie zunutze machen können. Auf der anderen Seite gibt es die ‘Hermeneutik der Reform‘, der Erneuerung des einen Subjekts Kirche, die der Herr uns geschenkt hat, unter Wahrung der Kontinuität; die Kirche ist ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg.“ (im italienischen Original cf. Benedetto XVI., Insegnamenti, vol. I, 2005, Ed. Vaticana., Città del Vaticano 2006, S. 1023 ff.).

Wenn der Hl. Vater von zwei abweichenden Interpretationen oder Leseschlüsseln spricht, einer Interpretation der Diskontinuität oder des Bruches mit der katholischen Tradition, und einer der Erneuerung in der Kontinuität, dann bedeutet dies offenbar, daß die entscheidende Frage oder der wahrhaft ausschlaggebende Punkt zu Beginn der Schwierigkeiten, der Desorientierung und der Konfusion, die unsere Zeiten geprägt haben und noch prägen, nicht das II. Vatikanische Konzil als solches ist, nicht die objektive Lehre in seinen Dokumenten, sondern die Interpretation dieser Lehre.

In dieser Darstellung nehme ich mir vor, kurz zwei besondere Aspekte mit dem Ziel herauszuarbeiten, die sicheren Grundlagen einer korrekten Interpretation der konziliaren Lehre ins Licht zu rücken: Diese werden den Abweichungen und den Missverständnissen gegenüber gestellt, die von der Hermeneutik der Diskontinuität verursacht sind:
I. Die Einheit und Einzigkeit der katholischen Kirche
II. Die katholische Kirche und die Religionen in Bezug zum Heil

In der Konklusion am Ende möchte ich einige Überlegungen über die Ursachen der Hermeneutik der Diskontinuität mit der Tradition, vorlegen, indem ich vor allem die forma mentis hervorhebe, die dieser Hermeneutik zugrunde liegt.

I. Die Einheit und Einzigkeit der katholischen Kirche

pozzo021. Entgegen der Meinung, die von vielen Theologen vertreten wird, daß das II. Vaticanum radikale Änderungen in Bezug auf das Kirchenverständnis eingeführt habe, muß man vor allem feststellen, daß das Konzil für das, was die Lehre von der Kirche betrifft, auf dem Boden der Tradition bleibt. Dies schließt trotzdem nicht aus, daß das Konzil neue Ausrichtungen vorlegte und bestimmte Aspekte verdeutlichte. Die Neuheit gegenüber den Erklärungen vor dem Konzil besteht schon darin, daß das Verhältnis der katholischen Kirche gegenüber den orthodoxen Kirchen und den evangelischen Gemeinschaften, die durch die lutherische Reformation entstanden sind, als eigenes Thema behandelt wird und in einer förmlich positiven Art, während die Enzyklika Mortalium animos Pius XI. (1928), zum Beispiel, das Ziel verfolgte, die katholische Kirche von den christlichen, nicht katholischen Konfessionen klar abzugrenzen und zu unterscheiden.

2. Und trotzdem hält das II. Vaticanum entschieden an der Einheit und Einzigkeit der wahren Kirche fest, indem es sich auf die bestehende katholische Kirche bezieht: „Dies ist die einzige Kirche Christi, die wir im Glaubensbekenntnis als die eine, heilige, katholische und apostolische bekennen.“ (LG 8). An zweiter Stelle antwortet das Konzil auf die Frage, wo es möglich sei, die wahre Kirche zu finden: „Diese Kirche, in dieser Welt als Gesellschaft verfaßt und geordnet, ist verwirklicht in der katholischen Kirche“ (LG 8). Und um jedes Mißverständnis in Bezug auf die Identifikation der wahren Kirche Christi mit der katholischen Kirche zu vermeiden, wird hinzugefügt, daß es sich um die Kirche handle, „die vom Nachfolger Petri und von den Bischöfen in Gemeinschaft mit ihm geleitet wird“ (LG 8). Die einzige Kirche Christi hat also in der der katholischen Kirche ihre Verwirklichung, ihre Existenz, ihren Bestand. Es gibt keine andere Kirche Christi neben der katholischen Kirche. Damit wird bestätigt – zumindest implizit – daß die Kirche Jesu Christi nicht in sich selbst oder in ihrem Wesen gespalten ist und daß ihre unzertrennte Einheit nicht ausgelöscht worden ist durch die vielen Spaltungen der Christen.

Diese Lehre über die Unteilbarkeit der Kirche Christi, über ihre wesentliche Identifikation mit der katholischen Kirche, wurde unterstrichen in den Dokumenten der Kongregation für die Glaubenslehre Mysterium Ecclesiae (1973), Dominus Iesus, 16 und 17 (2000) und in denAntworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche (2007).

Die Formulierung subsistit in von Lumen gentium 8 bedeutet, daß die Kirche Christi nicht verloren ging in den Ereignissen der Geschichte, sondern als einziges und ungeteiltes Subjekt in der katholischen Kirche fortbesteht. Die Kirche Christi subsistiert, findet sich und lässt sich erkennen in der katholischen Kirche. In diesem Sinn herrscht hier volle Kontinuität zu der Lehre, wie sie zuvor vom Lehramt vorgelegt worden ist (Leo XIII., Pius XI. und Pius XII.)

3. Mit der Formulierung „subsistit in“ wollte die Lehre des Konzils – in Übereinstimmung mit der katholischen Tradition – gerade jede Form des ekklesiologischen Relativismus ausschließen. Zugleich beabsichtigt die Ersetzung des „est“, wie es von der Enzyklika Mystici Corporis von Pius XII. gebraucht wurde, durch das „subsistit in“, sich dem ökumenischen Problem in einer direkteren und ausdrücklicheren Weise zu stellen, als dies in der Vergangenheit geschehen war. Obwohl die Kirche nur eine ist und sich in einem einzigen Subjekt findet, existieren dennoch außerhalb dieses Subjekts wahre und wirkliche kirchliche Elemente, die jedoch, da sie der katholischen Kirche gehören, zur katholischen Einheit drängen.

Das Verdienst des Konzils besteht einerseits darin, die Einzigkeit, die Unteilbarkeit und die Nicht-Multiplizierbarkeit der katholischen Kirche zum Ausdruck gebracht zu haben, andererseits darin, anerkannt zu haben, daß auch in den christlichen, nicht katholischen Konfessionen Gaben und Elemente existieren, die kirchlichen Charakter haben. Diese rechtfertigen es und drängen dazu, sich um die Wiederherstellung der Einheit aller Jünger Christi zu mühen. Der Anspruch, die einzige Kirche Christi zu sein, darf tatsächlich nicht dahingehend interpretiert werden, den wesentlichen Unterschied nicht zu würdigen, der zwischen den christlichen, nicht katholischen Gläubigen und den Nichtgetauften besteht. Was die Zugehörigkeit zur Kirche betrifft, ist es nämlich nicht möglich, die nicht katholischen Christen und jene, die nicht die Taufe erhalten haben, auf die gleiche Stufe zu stellen. Die Beziehung der christlichen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften mit der katholischen Kirche existiert nicht zwischen alles oder nichts, sondern zwischen teilweiser und voller Gemeinschaft.

4. In dem Paradox, sozusagen, des Unterschieds zwischen Einzigkeit der katholischen Kirche und Existenz von wirklich kirchlichen Elementen außerhalb dieses einzigen Subjekts, spiegelt sich der Widerspruch der Spaltung und der Sünde. Aber diese Teilung ist etwas ganz Anderes als jene relativistische Sicht, die die Teilung zwischen den Christen nicht als schmerzlichen Bruch, sondern als Ausdruck der verschiedenen doktrinellen Variationen ein und desselben Themas sieht, bei dem alle Variationen oder Abweichungen in gewisser Weise gerechtfertigt wären und sich untereinander als Unterschiede oder Abweichungen anerkennen und annehmen müßten. Daher kommt dann die Idee, daß die Ökumene in der wechselseitigen und respektvollen Anerkennung der Verschiedenheit bestehen müsse, und das Christentum am Ende das Gesamte der Fragmente der christlichen Wirklichkeit sei. Eine solche Interpretation des konziliaren Gedankengutes ist gerade Ausdruck jener Diskontinuität oder jenes Bruches mit der katholischen Tradition und stellt eine schwere Verfälschung des Konzils dar.

5. Um eine authentische Interpretation des Konzils auf der Linie einer Entwicklung in der wesentlichen Kontinuität mit der traditionellen Lehre der Kirche wiederzugewinnen, ist es notwendig zu unterstreichen, daß die Elemente der „Heiligung und der Wahrheit“, die die anderen Kirchen oder Gemeinschaften mit der katholischen Kirche gemeinsam haben, zusammen die Basis für die gegenseitige kirchliche Gemeinschaft und das Fundament bilden, das diese Kirche beziehungsweise Gemeinschaften in wahrhafter, authentischer und wirklicher Weise charakterisiert. Es wäre dennoch für die Vollständigkeit notwendig hinzuzufügen, daß insofern jene etwas zu eigen haben, das nicht von der katholischen Kirche geteilt wird und das so diese Gemeinschaften von ihr trennt, diese Gemeinschaften als nicht-Kirche kennzeichnet. Jene also sind „Werkzeuge des Heils“ (UR 3) für jenen Teil, den sie mit der katholischen Kirche gemeinsam haben und ihre Gläubigen können das Heil erlangen, indem sie diesem gemeinsamen Teil folgen; für jenen Teil jedoch, der der katholischen Kirche fremd oder ihr entgegengesetzt ist, sind sie nicht Werkzeuge des Heils (außer es handelt sich um das unüberwindbar irrende Gewissen; in diesem Fall ist ihr Irrtum nicht ihnen zuzuschreiben, obgleich man dennoch das Gewissen als irrend bezeichnen muß) [vgl. z. B. das Faktum der Weihe von Frauen zum Priestertum oder Episkopat oder die Weihe von homosexuellen Personen in gewissen anglikanischen oder altkatholischen Gemeinschaften].

6. Das II. Vaticanum lehrt daß alle Getauften als solche in Christus eingegliedert sind (UR 3), aber zugleich stellt es fest, daß man nur von einer aliqua communio, etsi non perfecta, zwischen den an Christus glaubenden und getauften nicht Katholiken einerseits und der katholischen Kirche andererseits sprechen könne (UR 3).

Die Taufe begründet das sakramentale Band der Einheit der Glaubenden in Christus. Dennoch ist sie per se sozusagen nur der Beginn und Anfang, weil die Taufe innerlich danach strebt, das ganze Leben in Christus zu erlangen. Deshalb ist die Taufe auf das unversehrte Bekenntnis des Glaubens hingeordnet, auf die vollständige Gemeinschaft in der von Christus gewollten Institution des Heils, die die Kirche ist, und schließlich auf die vollständige Einfügung in die eucharistische Gemeinschaft (UR 22). Es ist also evident, daß die Zugehörigkeit zur Kirche nicht vollständig bewahrt sein kann, wenn das Leben der Taufe ein objektiv defektes und verfälschtes sakramentales und doktrinelles Gefolge hat. Eine Kirche ist im vollen Sinne nur da auszumachen, wo sich die notwendigen und unverzichtbaren „heiligen“ Elemente vereint finden, die sie als Kirche begründen: Die apostolische Sukzession (die die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri einschließt), die Sakramente, die Heilige Schrift. Wenn eines dieser Elemente fehlt oder mangelhaft vorhanden ist, wird die kirchliche Wirklichkeit in Proportion zum entsprechenden Mangel verfälscht. Insbesondere kann der Begriff „Kirche“ legitim auf die getrennten Ostkirchen angewandt werden, hingegen nicht auf die Gemeinschaften, die aus der Reformation hervorgegangen sind, weil bei jenen das Fehlen der apostolischen Sukzession und der Verlust des größten Teils der Sakramente und speziell der Eucharistie, einen wesentlichen Teil ihrer Kirchlichkeit verwunden und schwächen (cf. Dominus Iesus, 16 e 17).

7. Die katholische Kirche trägt alle Wahrheit in sich, weil sie Leib und Braut Christi ist. Trotzdem umfaßt sie diese ganze Wahrheit nicht in vollkommener Weise. Deshalb bedarf sie der Führung des Heiligen Geistes, dier sie „in die ganze Wahrheit“ führt (Joh 16, 13). Das Sein ist eines, ein anderes die volle Erkenntnis des Seins. Deshalb schreiten die Suche und die Erkenntnis voran und entwickeln sich. Auch die Glieder der katholischen Kirche leben nicht immer auf der Höhe ihrer Wahrheit und Würde. Deshalb kann die katholische Kirche im Verständnis der Wahrheit wachsen, im Sinn eines sich bewußt und reflektierten Aneignens von etwas, was sie ontologisch und daseinsmäßig schon ist. In diesem Kontext versteht man, dass der Nutzen und die Notwendigkeit des ökumenischen Dialogs darin besteht, wiederzugewinnen, was eventuell in gewissen Epochen an den Rand gedrängt oder vernachlässigt worden ist, und um Erkenntnisse in die Gesamtheit der christlichen Existenz zu integrieren, die zum Teil vergessen waren. Der Dialog mit den Nichtkatholiken ist weder steril noch formal, hat aber immer zur Voraussetzung, daß die Kirche sich bewußt ist, in ihrem Herrn die Fülle der Wahrheit und der Heilsmittel zu haben.

Diese genannten doktrinellen Akzentuierungen erlauben, eine Theologie zu entwickeln, die in voller Kontinuität zur Tradition steht und zugleich in einer Linie mit der Ausrichtung und der Vertiefung, die vom II. Vatikanischen Konzil und dem nachfolgenden Lehramt bis heute gewollt ist.

II. Die katholische Kirche und die Religionen im Bezug zum Heil

Es ist normal, daß in einer Welt, die immer mehr zusammenwächst bis dahin, ein globales Dorf hervorzubringen, auch die Religionen einander begegnen. So prägt heute die Koexistenz verschiedener Religionen immer mehr das tägliche Leben der Menschen. Dies führt nicht nur zu einer äußeren Annäherung von Anhängern verschiedener Religionen, sondern fördert das Interesse an Religionssystemen, die bislang unbekannt waren. Im kollektiven Bewußtsein des Westens überwiegt immer mehr die Tendenz des modernen Menschen, Toleranz und Freiheit zu kultivieren, indem man immer mehr den Anspruch des Christentums aufgibt, die „wahre“ Religion zu sein. Dieser Absolutheitsanspruch des Christentums, überliefert in der traditionellen Formulierung der einzigen Kirche, in der allein das Heil ist, stößt heute bei Katholiken und Protestanten auf Unverständnis und Ablehnung. Die klassische Formulierung „extra Ecclesiam nulla salus“ ersetzt man heute oft mit „extra Ecclesiam multa salus“.

Die Konsequenzen dieses religiösen Relativismus bleiben nicht nur auf der theoretischen Ebene, sondern sie haben zerstörerische Wirkungen pastoraler Art. Immer mehr verbreitet ist die Idee, daß die christliche Mission nicht mehr die Konversion der Heiden zum Christentum verfolgen dürfe, sondern die Mission sich darauf zu beschränken sollte, entweder Zeugnis des eigenen Glaubens zu geben und sich in der Solidarität oder in der brüderlichen Liebe einzusetzen für die Verwirklichung des Friedens unter den Völkern und der sozialen Gerechtigkeit.

In diesem Kontext kann man einen fundamentalen Mangel bemerken, nämlich den Verlust der Frage nach der Wahrheit. Indem die Frage nach der Wahrheit fehlt, d.h. nach der wahren Religion, unterscheidet sich das Wesen der Religion nicht mehr von seiner Verfälschung, d.h. der Glaube lässt sich nicht mehr vom Aberglauben unterscheiden, die authentische religiöse Erfahrung nicht mehr von der Illusion, die Mystik nicht mehr vom falschen Mystizismus. Ohne den Wahrheitsanspruch wird schließlich auch die Wertschätzung dessen, was richtig und gültig in den verschiedenen Religionen ist, widersprüchlich, weil das Kriterium der Wahrheit fehlt, um festzustellen, was es an Wahrem und Guten in den Religionen gibt.

Deswegen ist es heute dringend notwendig , die Grundlagen der katholischen Lehre über das Verhältnis zwischen Kirche und Religionen unter Berücksichtigung der Frage nach der Wahrheit und nach dem Heil in Erinnerung zu rufen. Dabei gilt es die tiefe Identität der christlichen Mission zur Evangelisierung zu schützen. Ich möchte hier die grundlegenden Aussagen des Lehramts zu diesem Themenkreis darlegen, um damit herauszustellen, wie auch in diesem Aspekt eine wesentliche Kontinuität des katholischen Denkens existiert, und dabei auch die verschiedenen Akzentuierungen und und Perspektiven hervorheben, die sich aus dem II. Vatikanischen Konzil und dem jüngeren päpstlichen Lehramt ergeben.

1. Der Missionsbefehl. Christus hat seine Apostel gesandt, damit sie „in seinem Namen“ „allen Völkern die Umkehr und die Vergebung der Sünden verkündigten“ (Lk 24, 47). „Lehret alle Völker, taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28, 19). Die Sendung zu taufen und damit die sakramentale Sendung ist inbegriffen in der Sendung zu evangelisieren, denn das Sakrament wird vorbereitet durch das Wort Gottes und durch den Glauben, der diesem Wort zustimmt (cf. KKK, 1122).

2. Ursprung und Ziel der christlichen Mission. Der Missionsbefehl des Herrn hat seinen letzten Ursprung in der ewigen Liebe der Allerheiligsten Dreifaltigkeit und das letzte Ziel der Mission ist nichts anderes als die Menschen teilhaben zu lassen an der Gemeinschaft, die zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist existiert. (cf. KKK, 850).

3. Heil und Wahrheit. „Gott will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1Tim 2, 4). Das bedeutet, daß „Gott will, dass alle durch die Erkenntnis der Wahrheit das Heil erlangen. Das Heil liegt in der Wahrheit.“ (Erklärung Dominus Iesus, 22). „Die Pflicht und die Dringlichkeit, das Heil und die Bekehrung zum Herrn Jesus Christus zu verkünden, wird durch die Gewissheit des universalen Heilswillens Gottes nicht gelockert, sondern verstärkt.“ (ebendort).

4. Die wahre Religion. Das II. Vatikanische Konzil „bekennt(…), Gott selbst hat dem Menschengeschlecht Kenntnis gegeben von dem Weg, auf dem die Menschen, ihm dienend, in Christus erlöst und selig werden können. Diese einzige wahre Religion, so glauben wir, ist verwirklicht in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten.“ (Erklärung Dignitatis humanae, 1).

5. Mission ad gentes und interreligiöser Dialog. Der inter-religiöse Dialog ist Teil der Sendung der Kirche zur Verkündigung des Evangeliums. „Wenn er als Methode und Mittel zur wechselseitigen Kenntnis und Bereicherung verstanden wird, steht er nicht in Gegensatz zur Missio ad gentes sondern hat vielmehr eine besondere Bindung zu ihr und ist sogar Ausdruck davon“ (Enzyklika Redemptoris missio, 55). „Der Dialog dispensiert nicht von der Evangelisierung“ (ebendort), noch kann er sie ersetzen, sondern er begleitet die Missio ad gentes. (cf. Kongregation für die Glaubenslehre, Erklärung Dominus Iesus, 2 und Lehrmäßige Note zu einigen Aspekten der Evangelisierung). Die Gläubigen können selbst von diesem Dialog profitieren, indem sie besser kennenlernen, „was immer an Wahrheit und Gnade schon bei den Heiden sich durch eine Art von verborgener Gegenwart Gottes findet“ (Erklärung Ad gentes, 9). Wenn die Gläubigen jenen die frohe Botschaft verkünden, die sie noch nicht kennen, tun sie es, um das Wahre und Gute, das Gott unter den Menschen und Völkern verbreitet hat, zu kräftigen, zu ergänzen und zu erhöhen und um diese Menschen von Irrtum und Bosheit zu reinigen „zur Herrlichkeit Gottes, zur Beschämung des Satans und zur Seligkeit des Menschen“ (ebendort). (KKK, 856).

6. Was die Beziehung zwischen Christentum, Judentum und Islam betrifft, bekräftigt das Konzil keinesfalls die Theorie, die sich im Bewußtsein der Gläubigen verbreitet, nach der alle drei monotheistischen Religionen (Judentum, Islam und Christentum) drei Zweige der gleichen göttlichen Offenbarung seien. Die Achtung vor den monotheistischen Religionen verkleinert und beschränkt in keiner Weise den Missionsauftrag der Kirche: „Unablässig verkündet die Kirche und muß sie verkündigen Christus, der ist ‚der Weg, die Wahrheit und das Leben‘ (Joh 14,6), in dem die Menschen die Fülle des religiösen Lebens finden“ (Nostra aetate, 2).

7. Die Verbindung der Kirche zu den anderen nichtchristlichen Religionen

„Die Kirche anerkennt bei den anderen Religionen, wenn auch erst ‚in Schatten und Bildern‘, (Dogmatische Konsitution Lumen gentium, 16) ihre Suche nach ‚einem unbekannten Gott‘, der aber nahe ist, ‚da er allen Leben, Atem und alles gibt.‘ Somit betrachtet die Kirche alles, was sich in den Religionen an Wahrem und Gutem findet, ‚als Vorbereitung für die Frohbotschaft und als von dem gegeben (…)‚ der jeden Menschen erleuchtet, damit er schließlich das Leben habe‘ (ebendort)“ (KKK, 843).

„Das religiöse Verhalten der Menschen weist aber auch Grenzen und Irrtümer auf, die das Gottesbild entstellen“ (KKK, 844): „Vom Bösen getäuscht, wurden freilich die Menschen oft eitel in ihren Gedanken, vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge und dienten der Schöpfung mehr als dem Schöpfer oder sind, ohne Gott in dieser Welt lebend und sterbend, der äußersten Verzweiflung ausgesetzt“ (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 16).

8. Die Kirche – das universale Heilssakrament. „Das Heil kommt von Christus durch die Kirche, die sein Leib ist“ (cf. KKK, 846). „Es ist vor allem fest zu glauben, daß die ‚pilgernde Kirche zum Heile notwendig ist. In der Tat ist Christus der alleinige Mittler und Heilsweg; er macht sich uns gegenwärtig in seinem Leib, der die Kirche ist‘ (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 14)“ (Dominus Iesus, 20). „Die Kirche ist das universale Heilssakrament“ (Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 48), weil sie ihrem Haupt, dem Heiland Jesus Christus, immer auf geheimnisvolle Weise geeint und ihm unterstellt ist, hat sie im Plan Gottes einen unabdingbaren Bezug zum Heil jedes Menschen.

9. Die Bedeutung und Funktion der Religionen in der Heilsordnung. „Was immer der Geist im Herzen der Menschen und in der Geschichte der Völker, in den Kulturen und Religionen bewirkt, hat die Vorbereitung der Verkündigung zum Ziel (Praeparatio evangelica)“ (Enzyklika Redemptoris missio, 29). „Es ist demnach legitim aufrecht zu erhalten, daß der Heilige Geist das Heil bei den Nichtchristen auch durch jene Elemente der Wahrheit und des Guten wirkt, die in den anderen Religionen vorhanden sind; aber es ist vollkommen irrig und der katholischen Lehre zuwider ‚diese Religionen, in sich betrachtet, als Heilswege zu sehen, auch weil es in ihnen Lücken, Mängel und Irrtümer gibt, die fundamentale Wahrheiten über Gott, den Menschen und die Welt betreffen“ (Kongregation für die Glaubenslehre, Notifikation bezüglich des Buches von P. Jacques Dupuis, S.J., ‚ „Verso una teologia del pluralismo religioso“, 8).

Zusammenfassend tritt klar hervor, daß die authentische Verkündigung der Kirche in Bezug auf ihren Absolutheitsanspruch sich nicht wesentlich mit der Lehre des II. Vaticanums geändert hat. Das Konzil verdeutlicht einige Motive die jene Lehre vervollständigen, indem ein polemischer und streitsüchtiger Kontext vermieden und die doktrinellen Elemente, in ihrer Integrität und Ganzheit betrachtet, ins Gleichgewicht gerückt werden.

Konklusion

Was steht am Ursprung der Interpretation der Diskontinuität oder des Bruches mit der Tradition?

Hier steht das, was wir als nachkonziliare oder genauer gesagt para-konziliare Ideologie bezeichnen können, die sich seit Beginn des Konzils bemächtigt hatte, indem sie sich ihm überstülpte. Dieser Ausdruck bezieht sich nicht etwa auf die Texte des Konzilsund noch weniger auf die Intention der handelnden Subjekte, sondern auf den Interpretationsrahmen, in den das Konzil gestellt wurde und der wie eine Art innere Konditionierung bei der weiteren Lektüre der Fakten und Dokumente des Konzils gewirkt hat. Das Konzil ist keinesfalls die para-konziliare Ideologie, aber in der Geschichte der kirchlichen Ereignisse und der Massenkommunikationsmittel hat eben zu einem großen Teil die Verfälschung des Konzils gewirkt, das heißt die para-konziliare Ideologie. Um alle Konsequenzen der para-konziliaren Ideologie als historisches Ereignis deutlich hervortreten zu lassen, müßte man die 68er Revolution untersuchen, die als Prinzip die Haltung des Bruchs mit der Vergangenheit und die radikale Änderung der Geschichte angenommen hat. In der para-konziliaren Ideologie bedeutet 1968 eine neue Gestalt der Kirche im Bruch mit der Vergangenheit, auch wenn sich die Wurzeln dieses Bruches bereits in älteren kirchlichen Gruppierungen finden lassen.

Dieses Interpretationsrahmen, der sich von außen dem Konzil überstülpt, kann hauptsächlich durch folgende drei Faktoren charakterisiert werden:

1) Der erste Faktor ist der Verzicht auf das Anathem, das heißt auf die klare Gegenüberstellung von Orthodoxie und Häresie.

Im Namen der sogenannten pastoralen Ausrichtung des Konzils kommt die Idee auf, daß die Kirche auf die Verurteilung des Irrtums, auf die Definition der Orthodoxie in Gegenüberstellung zur Häresie verzichten würde. Man stellt die Verurteilung der Irrtümer und das Anathem, das in der Vergangenheit von der Kirche über alles verkündet worden war, was mit der christlichen Wahrheit unvereinbar ist, , dem pastoralen Charakter der Lehre des Konzils gegenüber, das jetzt nicht darauf aus wäre, zu verurteilen oder Irrtümer deutlich zu machen, sondern nur zu ermahnen, zu veranschaulichen oder zu bezeugen.

In Wirklichkeit gibt es keinen Widerspruch zwischen der entschlossenen Verurteilung oder Widerlegung der Irrtümer auf dem Gebiet der Lehre oder Moral und den Haltungen der Liebe gegenüber dem, der dem Irrtum verfällt, und des Respekts vor seiner Würde als Person. Im Gegenteil, gerade weil der Christ großen Respekt für die menschliche Person hat, setzt er sich über alle Grenzen hinweg dafür ein, sie vom Irrtum und von falschen Interpretationen der religiösen oder moralischen Wirklichkeit zu befreien.

Die Anhänglichkeit an die Person Jesu Christi, den Sohn Gottes, an sein Wort und sein Heilsgeheimnis, erfordert eine einfache und klare Antwort des Glaubens, wie sie sich in den Glaubensbekenntnissen und in der regula fidei findet. Die Verkündigung der Glaubenswahrheit schließt immer auch die Widerlegung des Irrtums und seine Kenntlichmachung, also die (früher) so genannten „theologischen Zensuren“ jener doppeldeutigen und gefährlichen Positionen ein, die Unsicherheit und Verwirrung unter den Gläubigen verbreiten.

Es wäre demnach falsch und unbegründet, zu meinen, daß nach dem II. Vatikanischen Konzil das dogmatische Reden und Verurteilungen von Seiten des Lehramtes aufgegeben oder ausgeschlossen werden müssen. Genauso wäre es andererseits falsch, zu meinen, daß der erklärende und pastorale Charakter der Dokumente des II. Vatikanischen Konzils keine Lehre einschlösse, die eine Zustimmung von Seiten der Gläubigen erforderte, gemäß dem unterschiedlichen Grad der Autorität der vorgetragenen Lehren.

2) Der zweite Faktor ist die Übersetzung des katholischen Denkens in die Kategorien der Moderne. Die Öffnung der Kirche für die Ansprüche und Erfordernisse der Moderne (siehe Gaudium et Spes) wird von der para-konziliaren Ideologie als Notwendigkeit einer Versöhnung zwischen dem Christentum und dem philosophischen und ideologischen Denken in der modernen Kultur interpretiert. Es handelt sich hierbei um ein theologisches und intellektuelles Unterfangen, das im Wesentlichen die Idee des Modernismus wieder hervorholt, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom heiligen Pius X. verurteilt worden war.

Die neo-modernistische und säkularisierende Theologie hat sich um eine Begegnung mit der modernen Welt gemüht, genau am Vorabend des Zerfalls der „Moderne“. Mit dem Niedergang des sogenannten „realen Sozialismus“ 1989 sind diese Mythen der Moderne und der Irreversibilität der Emanzipation von der Geschichte gefallen, die die Postulate des Soziologismus und Säkularismus dargestellt haben. Auf das Paradigma der Moderne folgt in der Tat heute das post-moderne Paradigma des „Chaos“ oder der „pluralistischen Vielschichtigkeit“, dessen Fundament der radikale Relativismus ist. In der Homilie zur Feier der Liturgie „Pro eligendo Pontifice“ (18/04/2005) des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger am Tag, bevor er zum Papst gewählt wurde, wird der Kern der Frage klar umrissen: „Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennengelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen… Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. (…) Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich ‚vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen‘, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten läßt“.

In Anbetracht dieses Prozesses muß man vor allem den metaphysischen Sinn der Wirklichkeit wiedergewinnen (vgl. die Enzyklika Fides et ratio von Papst Johannes Paul II.) und eine Vision des Menschen und der Gesellschaft, die sich auf absolute, überzeitliche und dauerhafte Werte gründet. Diese metaphysische Sicht darf nicht absehen von einer Reflexion der Rolle der Gnade in der Geschichte, das heißt des Übernatürlichen, dessen Verwalter die Kirche, der Mystische Leib Christi, ist. Die Wiedergewinnung des metaphysischen Sinns mit demlumen rationis (Licht des Verstandes) muß parallel einhergehen mit jener des übernatürlichen Sinns mit dem lumen fidei (Licht des Glaubens).

Im Gegensatz dazu meint die para-konziliare Ideologie, daß die christliche Botschaft nach den Kategorien der modernen außerkirchlichen und gegen die Kirche gerichteten Kultur säkularisiert und neuinterpretiert werden müsse, indem man die Integrität des Glaubens aufs Spiel setzt, und sei unter dem Vorwand einer „angemessenen Anpassung“ an die Zeit. Das Resultat sind Säkularisierung der Religion und Verweltlichung des Glaubens.

Eines der Instrumente zur Verweltlichung der Religion gründet sich auf der Forderung, sie zu modernisieren, indem man sie dem modernen Geist anpaßt. Diese Forderung hat die katholische Welt dazu gebracht, sich für ein „aggiornamento“ (eine Aktualisierung) einzusetzen, das in Wirklichkeit dazu führte, die kirchliche Denkweise immer mehr und teils unbewusst dem herrschenden Subjektivismus und Relativismus anzugleichen. Dieses Nachgeben hat zu einer Verunsicherung unter den Gläubigen geführt, indem es sie der Sicherheit des Glaubens und der Hoffnung auf das ewige Leben als vorrangiges Ziel der menschlichen Existenz beraubte.

3) Der dritte Faktor ist die Interpretation des vom II. Vatikanischen Konzil gewollten „Aggiornamento“ (der vom II. Vatikanischen Konzil gewollten Aktualisierung).

Mit dem Begriff „aggiornamento“ („Aktualisierung“) wollte Papst Johannes XXIII. die vorrangige Aufgabe des II. Vatikanischen Konzils bezeichnen. Dieser Begriff jedoch drückte im Denken des Papstes und des Konzils nicht das aus, was dagegen in seinem Namen bei der ideologischen Rezeption der Nachkonzilszeit geschehen ist. „Aggiornamento“ wollte in der päpstlichen und konziliaren Bedeutung die pastorale Absicht der Kirche zum Ausdruck bringen, die am besten angemessenen und angebrachten Mittel zu finden, um das gesellschaftliche Bewußtsein der heutigen Welt dahin zu führen, die ewige Wahrheit der heilbringenden Botschaft Christi und der Lehre der Kirche zu erkennen. Liebe zur Wahrheit und missionarischer Eifer für das Heil der Menschen sind die zugrundeliegenden Prinzipien der Durchführung des „aggiornamento“, wie es vom II. Vatikanischen Konzil und dem nachfolgenden päpstlichen Lehramt gewollt und gedacht war.

Von der para-konziliaren Ideologie hingegen, die vor allem durch die neomodernistischen katholischen intellektuellen Gruppierungen und die Zentren der säkularen Massenmedien verbreitet wurde, wird der Begriff „aggiornamento“ verstanden und vorgestellt als Umkehrung der Kirche angesichts der modernen Welt: vom Antagonismus zur Aufgeschlossenheit. Die ideologische Modernität – die sicher nicht mit der legitimen und positiven Autonomie der Wissenschaft, der Politik, der Künste, des technischen Fortschritts verwechselt werden darf – hat sich auf das Prinzip der Ablehnung Gottes, der christlichen Offenbarung und der Gnade gegründet. Sie ist also gegenüber dem Glauben nicht neutral. Das, was an eine Versöhnung der Kirche mit der modernen Welt denken ließ, führt so paradoxerweise dazu, zu vergessen, daß der antichristliche Geist der Welt fortwirkt in der Geschichte und in der Kultur. Die nachkonziliare Situation wurde schon von Paul VI. wie folgt beschrieben:

„Durch eine Ritze ist der Rauch Satans in den Tempel Gottes eingedrungen: Es gibt den Zweifel, die Unsicherheit, die Problemstellung, die Unruhe. Der Zweifel ist in unser Bewußtsein eingedrungen und er ist eingedrungen durch Fenster, die hingegen hätten geöffnet sein sollen für das Licht. Auch in der Kirche regiert dieser Status der Unsicherheit. Man glaubte, nach dem Konzil sei ein Sonnentag für die Geschichte der Kirche gekommen. Gekommen ist hingegen ein Tag, der vernebelt ist, ein Tag mit Unwetter, Finsternis, Suche und Unsicherheit. Wie ist dies geschehen? Wir vertrauen Euch einen Unserer Gedanken an: Es gab den Eingriff einer widrigen Macht: Sein Name ist der Teufel, dieses mysteriöse Sein, auf das man auch im Brief des hl. Petrus anspielt.“ (italienisches Original in Paolo VI., Insegnamenti, Ed. Vaticana, vol. X., 1972, p. 707).

Leider sind die Wirkungen, die von Paul VI. festgestellt wurden, nicht verschwunden. Ein fremdes Denken ist in die katholische Welt eingedrungen, das Verwirrung hervorbringt, viele Seelen verführt und die Gläubigen desorientiert. Hier ist ein „Geist der Selbstzerstörung“, der den Modernismus erfüllt, der sich – unter anderem – zu einem großen Teil der katholischen Publizistik bemächtigt hat. Dieses der katholischen Lehre fremde Denken kann man zum Beispiel unter zwei Aspekten feststellen:

Ein erster Aspekt ist die soziologische Sicht des Glaubens, das heißt, eine Interpretation, die das Soziale als Schlüssel zur Bewertung der Religion nimmt und die zu einer Verfälschung des Verständnisses der Kirche nach einem demokratischen Modell geführt hat. Wenn man die heutigen Diskussionen über die Disziplin, das Recht, über die Art, die Liturgie zu feiern, beobachtet, kann man nicht vermeiden, festzustellen, daß dieses falsche Kirchenverständnis unter den Theologen und Laien verbreitet ist, gemäß dem Slogan: Wir sind das Volk, wir sind die Kirche. Das Konzil bietet tatsächlich keinerlei Fundament zu dieser Interpretation, weil das Bild vom Volk Gottes, das auf die Kirche angewandt wird, immer gebunden ist an das Verständnis der Kirche als Geheimnis, als sakramentale Gemeinschaft des Leibes Christi, der sich zusammensetzt aus einem Volk, das ein Haupt hat und aus einem sakramentalen Organismus, der sich aus hierarchisch geordneten Gliedern zusammensetzt. Die Kirche kann daher keine Demokratie werden, in der die Macht und die Souveränität vom Volk ausgehen, weil die Kirche eine Wirklichkeit ist, die von Gott kommt und gegründet wurde von Jesus Christus. Sie ist Mittlerin des göttlichen Lebens, des Heils und der Wahrheit und sie hängt ab von der Souveränität Gottes, die eine Souveränität der Gnade und der Liebe ist. Die Kirche ist zugleich Gabe der Gnade und institutionelle Struktur, weil es so ihr Gründer gewollt hat: Indem er die Apostel berief, „setzte Jesus die Zwölf ein“ (Mk 3, 14).

Eine zweiter Aspekt, auf den ich Ihre Aufmerksamkeit lenken möchte, ist die Ideologie des Dialogs. Dem Konzil und der Enzyklika Pauls VI.Ecclesiam suam gemäß, ist der Dialog ein wichtiges und unverzichtbares Mittel für das Gespräch der Kirche mit den Menschen der eigenen Zeit. Aber die para-konziliare Ideologie wandelt den Dialog um, von einem Mittel zu einem Zweck und dem hauptsächlichen Ziel der pastoralen Tätigkeit der Kirche. Sie ist sinnentleerend und verdunkelt die Dringlichkeit und den Aufruf zur Bekehrung zu Christus und zur Zugehörigkeit zu Seiner Kirche.

Gegen solche Verirrungen, ist es notwendig, das spirituelle und kulturelle Fundament der christlichen Zivilisation wiederzufinden und wiederzugewinnen, das heißt den Glauben an Gott, den Transzendenten und den Schöpfer, an seine Vorsehung und sein Gericht, an seinen eingeborener Sohn, der Mensch geworden, gestorben und auferstanden ist für die Erlösung der Welt und der die Gnade des Heiligen Geistes ausgegossen hat zur Vergebung der Sünden und um die Menschen der göttlichen Natur teilhaft zu machen. Die Kirche, Leib Christi, göttlich-menschliche Institution, ist das universale Heilssakrament, und die Einheit der Menschen, deren Zeichen und Werkzeug die Kirche ist, geschieht in dem Sinn, die Menschen mit Christus zuvereinen mittels seines Leibes, der die Kirche ist.

Die Einheit des ganzen Menschengeschlechtes, von dem LG 1 spricht, darf also nicht in dem Sinne verstanden werden, die Einheit oder Wiedervereinigung der verschiedenen Ideen oder Religionen oder Werte in einem „gemeinsamen und übereinstimmenden Reich“ zu erlangen, sondern sie wird erreicht, indem alle zur einzigen Wahrheit zurückgeführt werden, deren Verwalterin die katholische Kirche ist, weil Gott selbst sie ihr anvertraut hat. Keine Harmonisierung von „verschiedenen und fremden Lehren“, sondern unverkürzte Verkündigung des Schatzes der christlichen Wahrheit. Dies im Respekt der Gewissensfreiheit und unter Würdigung der Strahlen der Wahrheit, die ausgestreut sind im Universum der kulturellen Traditionen und der Religionen der Welt, indem man sich aber zugleich den Sichtweisen widersetzt, die nicht mit der Wahrheit übereinstimmen, die Gott in Christus geoffenbart hat, und nicht mit ihr kompatibel sind.

Ich schließe, indem ich zu den Interpretationskategorien zurückkehre, die von Papst Benedikt in der Ansprache an die Römische Kurie vorgeschlagen wurden und die ich am Beginn zitiert habe. Sie beziehen sich nicht auf das gewöhnliche und obsolete Dreierschema: Konservative, Progressive, Gemäßigte, sondern sie gründen sich auf ein ausgezeichnetes theologisches Gleis: zwei Hermeneutiken, jene des Bruchs und jene der Reform in der Kontinuität. Es ist notwendig, jene letztgenannte Richtung zu nehmen, um die kontroversen Punkte anzugehen, indem man gleichsam das Konzil vom Para-Konzil befreit, das sich mit ihm vermischt hat und indem man das Prinzip der Integrität der katholischen Lehre und der vollkommenen Treue zum depositum des Glaubens bewahrt, der durch die Tradition überliefert und vom Lehramt der Kirche treu ausgelegt wird.

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Quelle

Wir müssen die Dimension des Heiligen in der Liturgie zurückerobern

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Eine Rede von Joseph Kardinal Ratzinger

vom 13. Juli 1988 vor den Bischöfen Chiles

Als erstes möchte ich Ihnen von ganzem Herzen für Ihre liebenswürdige Einladung danken, Ihr Land zu besuchen, und auch für diese Gelegenheit zu brüderlicher Begegnung und Dialog. Ich mache mir keine Illusionen, ein Land während eines Aufenthalts von einigen wenigen Tagen kennenlernen zu können, aber dennoch ist es mir sehr wichtig, die Gelegenheit zu haben, die Orte zu sehen, wo Sie arbeiten, und in gewissem Maße selbst die Atmosphäre des kirchlichen Lebens hier zu erfahren.

Ich möchte Ihnen mit diesen Worten den Dialog sehr ans Herz legen, den wir miteinander führen wollen. Ich nutze im allgemeinen die Gelegenheit einer solchen Begegnung, um kurz einige der wichtigsten Fragen der Arbeit der Kongregation zu erläutern. Doch das durch die Bischofsweihen vom 30. Juni offensichtliche Schisma bewegt mich dazu, dieses Mal mit dieser Gewohnheit zu brechen. Heute möchte ich einfach einige Dinge kommentieren, die den Fall Mgr. Lefebvres betreffen. Statt mich bei den Ereignissen aufzuhalten, scheint es mir von größerer Tragweite und Wichtigkeit, die Lehren, die die Kirche aus den gesamten Geschehnissen für heute und für morgen ziehen kann, zu beurteilen. Zu diesem Zweck möchte ich zuerst einige Bemerkungen zu der Haltung des Heiligen Stuhls während der Gespräche mit Mgr. Lefebvre voranschicken, und danach möchte ich dann auf die allgemeinen Ursachen näher eingehen, die zu dieser Situation geführt haben und die, über den besonderen Fall hinaus, uns alle betreffen.

I. Die Haltung des Heiligen Stuhls in den Gesprächen mit Lefebvre

In dem aufrichtigen Bemühen darum, einen angemessenen Lebensraum für seine Bewegung innerhalb der Kirche zu schaffen, haben wir in den letzten Monaten viel Arbeit in das Problem von Lefebvre investiert. Der Heilige Stuhl ist aus diesem Grunde von vielen Seiten kritisiert worden. Man sagte, der Heilige Stuhl habe dem Druck des Schismas nachgegeben; der Heilige Stuhl habe das Zweite Vatikanische Konzil nicht mit der angemessenen Kraft verteidigt; während der Heilige Stuhl mit großer Härte gegen die progressistischen Bewegungen vorgehe, zeige er zu viel Verständnis für die konservative Rebellion. Die spätere Entwicklung der Ereignisse hat diese Behauptungen deutlich genug widerlegt. Der Mythos der Härte des Vatikans angesichts der progressistischen Vergehen ist letzten Endes ein leeres Hirngespinst. Bisher hat man vor allem Ermahnungen ausgesprochen und in keinem Falle kanonische Strafen im eigentlichen Sinne verhängt. Die Tatsache, daß Lefebvre zum Schluß den unterschriebenen Vertrag gekündigt hat, zeigt, daß der Heilige Stuhl trotz der wirklich weitgehenden Konzessionen ihm nicht die umfassende Freiheit gewahrt hat, die er wollte. Im grundlegenden Teil der Übereinkünfte hatte Lefebvre anerkannt, daß er das Zweite Vatikanum und die Aussagen des postkonziliaren Lehramtes akzeptieren muß, und zwar mit der Autorität, die dem jeweiligen Dokument zukommt. Es ist widersinnig, daß gerade diejenigen, die keine Gelegenheit ausgelassen haben, um vor aller Welt ihren Ungehorsam – gegenüber dem Papst und den Aussagen des Lehramtes in den letzten 20 Jahren – zu verkünden, gerade diejenigen sind, die diese Haltung als zu lau verurteilen und fordern, einen totalen Gehorsam gegenüber dem Zweiten Vatikanum zu verlangen. Man hat auch behauptet, daß der Vatikan Lefebvre ein Recht auf Uneinigkeit zugestanden habe, was man den Komponenten progressistischer Tendenz dauernd verweigere. In Wahrheit war das Einzige, was man in der Übereinkunft – entsprechend Lumen Gentium Nr. 25 – bestätigte, die einfache Tatsache, daß nicht alle Dokumente des Konzils den gleichen Rang haben. Im Vertrag wurde außerdem explizit vorgesehen, daß die öffentliche Polemik vermieden werden muß, und es wurde eine positive Haltung der Achtung gegenüber den Maßnahmen und öffentlichen Erklärungen gefordert. Man hat jedoch der Priesterbruderschaft ebenso das Recht eingeräumt, dem Heiligen Stuhl – wobei dessen Entscheidungsbefugnis unangetastet bleibt – Schwierigkeiten in Fragen der Interpretation und der Reformen im juristischen und liturgischen Bereich darzulegen. Dies alles zeigt sicher ausreichend, daß Rom in diesem schwierigen Dialog die Großzügigkeit in allem, worüber sich sprechen läßt, mit der Festigkeit im Wesentlichen vereint hat. Die Erklärung, die Mgr. Lefebvre selbst für die Zurücknahme seiner Zustimmung gab, ist sehr aufschlußreich. Er erklärte, er habe nun begriffen, daß der unterzeichnete Vertrag nur darauf abziele, sein Werk in die ‚Kirche des Konzils‘ zu integrieren. Die Katholische Kirche in der Einheit mit dem Papst ist für ihn die ‚Kirche des Konzils‘, die sich ihrer eigenen Vergangenheit entäußert hat. Es scheint, als könne er nicht mehr sehen, daß es sich einfach um die Katholische Kirche mit der Gesamtheit der Tradition, zu der auch das Zweite Vatikanische Konzil gehört, handelt.

II. Überlegungen über die tieferen Ursachen des Falls Lefebvre

Das Problem, das uns Lefebvre vorgelegt hat, endet aber nicht mit dem Bruch vom 30. Juni. Es wäre zu bequem, in eine Art Triumphalismus zu verfallen und zu denken, das Problem existiere nicht mehr von dem Augenblick an, da die Bewegung Lefebvres sich klar von der Kirche getrennt hat. Ein Christ kann und darf sich über eine (Kirchen-)Spaltung niemals freuen. Auch wenn die Schuld mit Sicherheit nicht dem Heiligen Stuhl zuzuweisen ist, haben wir dennoch die Pflicht, uns zu fragen, welche Fehler wir gemacht haben, welche Fehler wir (noch immer) machen. Die Normen, mit denen man seit der Erscheinung des Dekrets über den Ökumenismus im Zweiten Vatikanum die Vergangenheit bewertet, müssen logischerweise auch in der Gegenwart Gültigkeit haben. Eine der fundamentalen Entdeckungen der ökumenischen Theologie ist, daß Schismen nur dann entstehen können, wenn in der Kirche einige Wahrheiten und einige Werte des christlichen Glaubens nicht mehr gelebt und geliebt werden. Die an den Rand gedrängte Wahrheit verselbständigt sich, und von der Ganzheit der kirchlichen Struktur entwurzelt, bildet sich in ihrem Umfeld dann die neue Bewegung. Die Tatsache, daß nicht wenige Menschen außerhalb des engen Kreises der Mitglieder der Priesterbruderschaft Lefebvres in diesem Mann eine Art Leitbild oder zumindest nützlichen Lehrer sehen, muß uns zu denken geben. Es reicht nicht, sich auf politische Motive oder auf Nostalgie und andere sekundäre Gründe kultureller Art zu berufen. Diese Gründe würden nicht ausreichen, um auch und besonders junge Menschen anzuziehen, die aus sehr verschiedenen Ländern mit den unterschiedlichsten politischen oder kulturellen Voraussetzungen stammen. Sicher bemerkt man überall die engstirnige, einseitige Betrachtungsweise. Trotzdem wäre das Phänomen insgesamt nicht denkbar, wenn es nicht auch eine Reihe positiver Elemente gäbe, die in der heutigen Kirche im allgemeinen nicht den erforderlichen Lebensraum finden. Aus allen diesen Gründen sollten wir diese Situation vor allem als einen Anlaß zur Gewissensprüfung betrachten. Wir müssen uns ernsthaft zu den Mängeln in unserer Seelsorge befragen lassen, auf die alle diese Ereignisse hinweisen. So werden wir denen einen Platz bieten können, die innerhalb der Kirche fragen und suchen, und so wird es uns gelingen, das Schisma aus dem Innern der Kirche selbst heraus überflüssig zu machen. Ich möchte gerne drei Aspekte nennen, die meiner Meinung nach in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen.

a) Das Heilige und das Profane

Es gibt viele Gründe, die dazu geführt haben können, daß viele Menschen Zuflucht in der alten Liturgie suchen. Ein erster und wichtiger Grund liegt in der Bewahrung der Würde und des Heiligen. Nach dem Konzil haben viele absichtlich die „Entsakralisierung“ zum Programm erhoben, indem sie erklärten, daß das Neue Testament den Tempelkult abgeschafft habe: Der Vorhang des Tempels, der im Augenblick des Kreuztodes Christi zerriß, bedeute – ihrer Meinung nach – das Ende des Heiligen. Der Tod Jesu außerhalb der Mauern, d.h. vor aller Augen, ist nun der wahre Kult. Der Kult, wenn er überhaupt existiert, besteht in der Nicht-Sakralität des täglichen Lebens, in der gelebten Liebe. Von diesen Überlegungen getrieben, hat man die priesterlichen Gewänder beiseite gelegt; man befreite die Kirchen weitestgehend vom Glanz, der an das Heilige erinnert; und wo dies möglich war, reduzierte man die Liturgie durch Grüße, gemeinsame Zeichen der Freundschaft und ähnliche Dinge auf die Sprache und Gesten des normalen Lebens.

Dennoch verkannte man mit diesen Theorien und dieser Praxis völlig den wahren Zusammenhang zwischen dem Alten und dem Neuen Testament; man hatte vergessen, daß diese Welt noch nicht das Königreich Gottes ist und daß „der Heilige Gottes“ (Joh. 6,69) weiterhin noch im Gegensatz zur Welt steht; daß wir der Läuterung bedürfen, um uns Ihm zu nähern; daß das Profane auch nach dem Tod und der Auferstehung Jesu nicht zum Heiligen geworden ist. Der Auferstandene ist nur denjenigen erschienen, deren Herz sich Ihm, dem Heiligen, öffnete: er hat sich nicht jedem gezeigt. Aus dieser Welt hat man den neuen Raum des Kultes geöffnet, auf den wir uns alle beziehen; auf diesen Kult, der darin besteht, sich der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen zu nähern, zu dessen Füßen sich die Frauen niederwarfen und den sie anbeteten (Mt.28,9). Ich will jetzt nicht weiter auf diesen Punkt eingehen, sondern direkt die Schlußfolgerung ziehen: Wir müssen die Dimension des Heiligen in der Liturgie zurückerobern. Die Liturgie ist kein Festspiel, kein gemütliches Zusammensein. Es ist vollkommen unwichtig, ob es dem Priester gelingt, seine eindrucksvollen Ideen oder phantasievollen Nachtgedanken zu verwirklichen. Die Liturgie bedeutet, den dreimal heiligen Gott unter uns zu vergegenwärtigen, sie ist der brennende Dornbusch und die Verbindung Gottes mit dem Menschen in Jesus Christus, dem Toten und dem Auferstandenen. Die Größe der Liturgie besteht nicht darin, eine interessante Unterhaltung zu bieten, sondern darin, daß uns der Völlig-Andere berührt, den wir nicht herbeiholen könnten. Er kommt, weil Er will. Mit anderen Worten, das Wesentliche der Liturgie ist das Geheimnis, das im gemeinsamen Ritus der Kirche begangen wird; alles andere ist Nebensache. Die Menschen spüren dies im Innern und fühlen sich betrogen, wenn das Mysterium in Unterhaltung verwandelt wird, wenn der Hauptdarsteller in der Liturgie nicht mehr der lebendige Gott ist, sondern der Priester oder liturgische Animateur.

b) Der nicht der Willkür unterliegende Glaube und seine Fortdauer.

Das Zweite Vatikanische Konzil gegen Mgr. Lefebvre als Wertvolles und Verbindendes der Kirche zu verteidigen ist und bleibt eine Notwendigkeit. Aber es gibt eine einengende Haltung, die das Zweite Vatikanum isoliert und die Opposition hervorgerufen hat. Viele Ausführungen vermitteln den Eindruck, daß nach dem Vatikanum II jetzt alles anders ist und das Frühere alles keine Gültigkeit mehr haben kann, oder, in den meisten Fällen, diese nur noch im Lichte des Vatikanum II hat. Das Zweite Vatikanische Konzil behandelt man nicht als Teil der lebendigen Tradition der Kirche, sondern direkt als Ende der Tradition und so, als fange man ganz bei Null an. Die Wahrheit ist, daß das Konzil selbst kein Dogma definiert hat und sich bewußt in einem niedrigeren Rang als reines Pastoralkonzil ausdrücken wollte; trotzdem interpretieren es viele, als wäre es fast das Superdogma, das allen anderen die Bedeutung nimmt.

Dieser Eindruck wird besonders durch Ereignisse des täglichen Lebens verstärkt. Was früher als das Heiligste galt – die überlieferte Form der Liturgie – scheint plötzlich als das Verbotenste und das Einzige, was man mit Sicherheit ablehnen muß. Man duldet keine Kritik an den Maßnahmen der nachkonziliaren Zeit; wo aber die alten Normen oder die großen Glaubenswahrheiten – zum Beispiel die leibliche Jungfräulichkeit Marias, die körperliche Auferstehung Jesu, die Unsterblichkeit der Seele etc. – im Spiel sind, da reagiert man entweder überhaupt nicht, oder nur in extrem abgeschwächter Form. Ich selbst habe als Professor sehen können, wie selbst der Bischof, der vor dem Konzil einen einwandfreien Professor wegen seiner etwas ungehobelten Reden ablehnte, sich nach dem Konzil nicht in der Lage sah, einen anderen Professor abzulehnen, der offen einige fundamentale Glaubenswahrheiten leugnete. Das führt bei vielen Menschen dazu, daß sie sich fragen, ob die Kirche von heute wirklich noch die gleiche ist wie gestern, oder ob man sie nicht ohne Warnung gegen eine andere ausgetauscht hat. Der einzige Weg, das Vatikanum II glaubwürdig zu machen, besteht darin, es klar als das darzustellen, was es ist: ein Teil der ganzen und einzigen Tradition der Kirche und ihres Glaubens.

c) Die Einzigkeit der Wahrheit

Abgesehen von den liturgischen Fragen, die wir jetzt beiseite lassen, sind die zentralen Konfliktpunkte gegenwärtig der Angriff gegen das Dekret über die Religionsfreiheit und den sogenannten Geist von Assisi. Hier zieht Lefebvre die Grenzen zwischen seiner Position und derjenigen der Katholischen Kirche von heute. Es ist nicht nötig, ausdrücklich hinzuzufügen, daß seine Aussagen in diesem Bereich nicht akzeptiert werden können. Aber wir werden uns hier nicht mit seinen Irrtümern beschäftigen, sondern wir wollen uns fragen, wo es in uns selbst an Klarheit mangelt. Für Lefebvre handelt es sich um einen Kampf gegen den ideologischen Liberalismus, gegen die Relativierung der Wahrheit. Natürlich teilen wir nicht seine Meinung, daß der Text des Konzils über die Religionsfreiheit oder das Gebet von Assisi nach der gewollten Intention des Papstes Relativierungen sind. Aber die Wahrheit ist, daß in der spirituellen Bewegung der nachkonziliaren Zeit oft die Frage der Wahrheit vergessen, ja sogar unterdrückt wurde; vielleicht liegt hier das Kernproblem der heutigen Theologie und Seelsorge. Die „Wahrheit“ erschien plötzlich ein zu hoher Anspruch, ein „Triumphalismus“, den man sich jetzt nicht mehr erlauben konnte. Dieser Prozeß zeigt sich klar in der Krise, in die das Ideal und die Praxis der Mission geraten sind. Wenn wir nicht die Wahrheit aufzeigen, wenn wir unseren Glauben verkünden und wenn diese Wahrheit nicht mehr unbedingt zur Rettung des Menschen erforderlich ist, dann verlieren die Missionen ihren Sinn. Als Folge davon zog und zieht man die Schlußfolgerung, daß man sich in Zukunft nur noch darum bemühen muß, daß die Christen gute Christen sind, die Moslems gute Moslems, die Hindus gute Hindus etc. Aber wie kann man wissen, wann jemand ein „guter“ Christ oder „guter“ Moslem ist? Der Gedanke, daß alle religiösen Ausdrucksweisen eigentlich nur Symbole des letzten Endes Unverstehbaren sind, gewinnt auch in der Theologie rasch an Boden und dringt bereits tief in die liturgische Praxis ein. Dort, wo dieses Phänomen auftritt, wird der Glaube an sich verlassen, denn er besteht ja gerade darin, mich der Wahrheit, soweit ich sie erkannt habe, anzuvertrauen. So haben wir sicher alle Veranlassung, auch in diesem Bereich auf den richtigen Weg zurückzukehren. Wenn es uns gelingt, wieder die Gesamtheit des Katholischen in diesen Punkten zu zeigen und zu leben, dann können wir damit rechnen, daß das Schisma von Lefebvre nicht von langer Dauer sein wird.

Diese Rede hielt Kardinal Ratinger dreizehn Tage nach den unerlaubten Bischofsweihen von Erzbischof Marcel Lefebvre. Sie erschien in der chilenischen Zeitschrift der Bewegung „Comunione e Liberazione“.

Private Übertragung aus dem Spanischen von Elke Zdarsky.

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Quelle

Kardinal Müller: Piusbruderschaft muss Konzil ganz anerkennen

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Bischof Bernard Fellay, der Obere der Priesterbruderschaft St. Pius X.

Die Piusbruderschaft muss die Glaubensfreiheit als Menschenrecht vorbehaltlos anerkennen, ebenso die Verpflichtung zur Ökumene. Das fordert der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, in der aktuellen Ausgabe der Herder-Korrespondenz. Papst Franziskus hatte in einem Interview mit der Zeitung La Croix von einem „guten Weg“ gesprochen, auf dem die Gespräche mit der schismatisch orientierten Gemeinschaft seien. Daran hatten sich Spekulationen in den Medien angeschlossen, der Papst wolle die Piusbruderschaft ohne Bedingungen wieder in die Kirche aufnehmen. Dieser Hypothese erteilt Kardinal Müller eine Absage.

„Wenn man voll und ganz katholisch sein will, muss man den Papst und auch das Zweite Vatikanische Konzil anerkennen“, so Kardinal Müller im Interview mit der Zeitschrift. Man könne nicht das eine annehmen und das andere ablehnen. Die Bilanz der zurückliegenden 50 Jahre sei für die katholische Kirche nicht durchweg positiv, so Müller weiter. Falsch sei es aber, die Vergangenheit zu verklären. „Wann immer man Zeitpunkte aus der Vergangenheit hernimmt und zur Norm erklärt, stellt man sich selbst ein Bein“, betonte der Präfekt der Glaubenskongregation.

(rv/pm 31.05.2016 ord)

PAPST PAUL VI.: BRIEF AN ERZBISCHOF MARCEL LEFEBVRE VOM 11.10.1976

Mgr. Marcel Lefebvre

Lettre de Paul VI à Mgr Lefebvre

À notre Frère dans l’Episcopat Marcel Lefebvre ancien archevêque-évêque de Tulle,

En vous recevant le 11 septembre [1976] dernier à Castel Gandolfo, Nous vous avons laissé exprimer librement votre pensée et vos désirs, même si les divers aspects de votre cas étaient déjà bien connus de Nous personnellement. Le souvenir que Nous gardons de votre zèle pour la foi et l’apostolat, et du bien accompli dans le passé au service de l’Église, Nous faisait et Nous fait toujours espérer que vous redeviendrez un sujet d’édification, dans la pleine communion ecclésiale. Nous vous avons demandé encore une fois de réfléchir, devant Dieu, à votre devoir, après les actes particulièrement graves que vous aviez posés.

 

Nous avons attendu durant un mois. L’attitude dont témoignent encore, en public, vos paroles et vos actes ne semblent pas modifiée. Il est vrai que Nous avons sous les yeux votre lettre du 16 septembre où vous Nous affirmez : « Un point commun nous unit : le désir ardent de voir cesser tous les abus qui défigurent l’Église. Combien je souhaite collaborer à cette œuvre salutaire avec Votre Sainteté et sous son autorité, afin que l’Église retrouve son vrai visage. » Comment faut-il interpréter ces quelques mots – en soi positifs – auxquels se limite toute votre réponse ? Vous parlez comme si vous oubliiez les propos et les gestes scandaleux contre la communion ecclésiale, que vous n’avez jamais désavoués ! Vous ne manifestez pas de repentir même pour ce qui a été la cause de votre suspens a divinis. Vous n’exprimez pas explicitement votre adhésion à l’autorité du concile Vatican II et du Saint-Siège – ce qui constitue le fond du problème et vous poursuivez vos propres œuvres que l’autorité légitime vous a demandé expressément de suspendre. L’ambiguïté demeure, du fait de ce double langage. Pour Nous, comme Nous vous avions promis de le faire, Nous vous adressons ici la conclusion de nos réflexions.

– I –

Vous vous présentez pratiquement comme le défenseur, le porte-parole des fidèles et des prêtres qui sont « déchirés par ce qui se passe dans l’Église », avec la pénible impression que la foi catholique et les valeurs essentielles de la Tradition ne sont pas suffisamment respectées et vécues dans une portion du peuple de Dieu, du moins en certains pays. Mais dans votre interprétation des faits, dans le rôle particulier que vous vous donnez, dans la façon dont vous le remplissez, il y a quelque chose qui égare le peuple de Dieu et trompe les âmes de bonne volonté, justement désireuses de fidélité et d’approfondissement spirituel et apostolique.

Le fait des déviations dans la foi ou la pratique sacramentelle est assurément très grave, partout où il se vérifie. Il retient depuis longtemps toute notre attention doctrinale et pastorale. Certes il ne doit pas faire oublier les signes positifs de reprise spirituelle ou de responsabilité accrue chez un bon nombre de catholiques, ni la complexité de la cause de la crise : l’immense mutation du monde d’aujourd’hui affecte les croyants au plus profond d’eux-mêmes, et rend plus nécessaire encore le souci apostolique de ceux « qui sont loin ». Mais il reste vrai que des prêtres et des fidèles couvrent du nom de “conciliaires” des interprétations personnelles et des pratiques erronées, dommageables, voire scandaleuses et parfois même sacrilèges. Car ces abus ne sauraient être attribués au Concile lui-même, ni aux réformes qui en sont légitimement issues, mais bien plutôt à un manque de fidélité authentique à leur endroit. Or, vous voulez convaincre les fidèles que la cause prochaine de la crise est plus qu’une mauvaise interprétation du Concile, et qu’elle découle du Concile lui-même.

Par ailleurs, vous agissez comme si vous aviez un rôle particulier en ce domaine. Or la mission de discerner et de redresser les abus est d’abord la Nôtre, elle est celle de tous les évêques qui œuvrent avec Nous. Et précisément Nous ne cessons d’élever la voix contre ces excès : notre discours au consistoire du 24 mai dernier le répétait en termes clairs. Plus que quiconque Nous entendons la souffrance des chrétiens désemparés, Nous répondons au cri des fidèles avides de foi et de vie spirituelle. Ce n’est pas le lieu de vous rappeler, Frère, tous les actes de notre pontificat qui témoignent de notre souci constant d’assurer à l’Église la fidélité à la Tradition véritable et de la mettre aussi en mesure d’affronter le présent et l’avenir, avec la grâce du Seigneur.

Enfin, votre comportement est contradictoire. Vous voulez, dites-vous, remédier aux abus qui défigurent l’Église ; vous regrettez que l’autorité dans l’Église ne soit pas assez respectée ; vous voulez sauvegarder la foi authentique, l’estime du sacerdoce ministériel et la ferveur pour l’Eucharistie conçue dans sa plénitude sacrificielle et sacramentelle : un tel zèle pourrait, en soi, mériter notre encouragement, car ce sont là des exigences qui, avec l’évangélisation et l’unité des chrétiens, demeurent au cœur de nos préoccupations et de notre mission.

Mais comment pouvez-vous en même temps, pour remplir ce rôle, vous prétendre obligé d’agir à contre-courant du récent Concile, en opposition avec vos frères dans l’épiscopat, de vous méfier du Saint-Siège lui-même que vous qualifiez de « Rome de tendance néo-moderniste et néo-protestante », de vous installer dans une désobéissance ouverte envers Nous ? Si vous voulez vraiment, comme vous l’affirmez dans votre dernière lettre privée, travailler « sous notre autorité », il faudrait d’abord mettre fin à ces ambiguïtés et contradictions.

– II –

Venons-en maintenant aux requêtes plus précises que vous avez formulées durant l’audience du 11 septembre. Vous voudriez que soit reconnu le droit de célébrer la messe selon le rite tridentin en divers lieux de culte. Vous tenez aussi à continuer de former les aspirants au sacerdoce selon vos critères, « comme avant le Concile », dans des séminaires à part, tel Écône. Mais derrière ces questions et d’autres semblables, que Nous examinerons plus loin en détail, il importe de bien voir le nœud du problème qui est théologique. Car elles sont devenues des façons concrètes d’exprimer une ecclésiologie qui est faussée sur des points essentiels.

Ce qui est en cause en effet, c’est la question, qu’on doit bien dire fondamentale, de votre refus clairement proclamé, de reconnaître, dans son ensemble, l’autorité du concile Vatican II et celle du Pape, refus qui s’accompagne d’une action ordonnée à propager et organiser ce qu’il faut bien appeler, hélas, une rébellion. C’est là le point essentiel, proprement insoutenable.

Faut-il donc vous le rappeler à vous, notre frère dans l’épiscopat et qui, plus est, avez été nommé assistant au trône pontifical, ce qui vous oblige à demeurer plus uni encore au siège de Pierre ? Le Christ a remis l’autorité suprême dans son Église à Pierre et au collège apostolique, c’est-à-dire au Pape et au collège des évêques una cum Capite. Pour le Pape tout catholique admet que les paroles de Jésus à Pierre déterminent aussi la charge de ses successeurs légitimes : « Tout ce que tu auras lié sur la terre sera lié dans le Ciel » ; « Pais mes brebis » ; « Affermis tes frères ». Et le premier concile du Vatican précisait en ces termes l’assentiment dû au souverain pontife : « Les pasteurs de tout rang et de tout rite et les fidèles, chacun séparément ou tous ensemble, sont tenus au devoir de subordination hiérarchique et de vraie obéissance, non seulement dans les questions qui concernent la foi et les mœurs, mais aussi dans celles qui touchent à la discipline et au gouvernement de l’Église répandue dans le monde entier. Ainsi, en gardant l’unité de communion et de profession de foi avec le pontife romain, l’Église est un seul troupeau sous un seul pasteur. Telle est la doctrine de la vérité catholique dont personne ne peut s’écarter sans danger pour sa foi et son salut ». Quant aux évêques unis au souverain pontife, leur pouvoir à l’égard de l’Église universelle s’exerce solennellement dans les conciles œcuméniques, selon les paroles de Jésus à l’ensemble des Apôtres : « tout ce que vous aurez lié sur la terre sera lié dans le Ciel ». Or voilà que, dans votre conduite, vous refusez de reconnaître, comme il se doit, ces deux façons dont s’exerce l’autorité suprême.

Chaque évêque est bien docteur authentique pour prêcher au peuple à lui confié, la foi qui doit régler sa pensée et sa conduite et écarter les erreurs qui menacent le troupeau. Mais « les charges d’enseigner et de gouverner… de par leur nature, ne peuvent s’exercer que dans la communion hiérarchique avec le chef du collège et ses membres ». À plus forte raison, un évêque seul et sans mission canonique n’a pas, in actu expedito ad agendum, la faculté d’établir en général quelle est la règle de la foi et de déterminer ce qu’est la Tradition. Or pratiquement vous prétendez être juge à vous seul de ce que recouvre la Tradition.

Vous vous dites soumis à l’Église, fidèle à la Tradition, par le seul fait que vous obéissez à certaines normes du passé, dictées par les prédécesseurs de celui auquel Dieu a conféré aujourd’hui les pouvoirs donnés à Pierre. C’est dire que, sur ce point aussi, le concept de “Tradition” que vous invoquez est faussé. La Tradition n’est pas une donnée figée ou morte, un fait en quelque sorte statique qui bloquerait, à un moment déterminé de l’histoire, la vie de cet organisme actif qu’est l’Église, c’est-à-dire le corps mystique du Christ. Il revient au Pape et aux conciles de porter un jugement pour discerner dans les traditions de l’Église, ce à quoi il n’est pas possible de renoncer sans infidélité au Seigneur et à l’Esprit Saint – le dépôt de la foi – et ce qui au contraire peut et doit être mis à jour, pour faciliter la prière et la mission de l’Église à travers la variété des temps et des lieux, pour mieux traduire le message divin dans le langage d’aujourd’hui et mieux le communiquer, sans compromission indue. La Tradition n’est donc pas séparable du Magistère vivant de l’Église, comme elle n’est pas séparable de l’Écriture sainte : « La sainte Tradition, la sainte Écriture et le magistère de l’Église… sont tellement reliés et solidaires entre eux qu’aucune de ces réalités ne subsiste sans les autres, et que toutes ensemble, chacune à sa façon, sous l’action du seul Esprit Saint, contribuent efficacement au salut des âmes ».

C’est ainsi qu’ont agi communément les Papes et les conciles œcuméniques, avec l’assistance spéciale de l’Esprit Saint. Et c’est précisément ce qu’a fait le concile Vatican II. Rien de ce qui a été décrété dans ce Concile, comme dans les réformes que Nous avons décidées pour le mettre en œuvre, n’est opposé à ce que la Tradition bimillénaire de l’Église comporte de fondamental et d’immuable. De cela, Nous sommes garant, en vertu, non pas de nos qualités personnelles, mais de la charge que le Seigneur Nous a conférée comme successeur légitime de Pierre et de l’assistance spéciale qu’il Nous a promise comme à Pierre : « J’ai prié pour toi afin que ta foi ne défaille pas ». Avec Nous en est garant l’épiscopat universel.

Vous ne pouvez pas non plus invoquer la distinction entre dogmatique et pastoral pour accepter certains textes de ce Concile et en refuser d’autres. Certes, tout ce qui est dit dans un concile ne demande pas un assentiment de même nature : seul ce qui est affirmé comme objet de foi ou vérité annexe à la foi, par des actes définitifs, requiert un assentiment de foi. Mais le reste fait aussi partie du magistère solennel de l’Église auquel tout fidèle doit un accueil confiant et une mise en application sincère.

Il reste qu’en conscience, dites-vous, vous ne voyez toujours pas comment accorder certains textes du Concile ou certaines dispositions que Nous avons prises pour les mettre en œuvre, avec la saine tradition de l’Église et en particulier avec le concile de Trente ou les affirmations de nos prédécesseurs, par exemple sur la responsabilité du collège des évêques unis au Souverain Pontife, le nouvel Ordo Missœ, l’œcuménisme, la liberté religieuse, l’attitude de dialogue, l’évangélisation dans le monde de ce temps… Ce n’est pas le lieu, dans cette lettre, de reprendre chacun de ces problèmes. La teneur précise des documents, avec l’ensemble des nuances qu’ils comportent et le contexte qui les encadre, les explications autorisées, les commentaires approfondis et objectifs qui en ont été donnés sont de nature à vous faire surmonter ces perplexités personnelles. Des conseillers absolument sûrs, théologiens et spirituels, pourraient vous y aider encore, dans la lumière de Dieu, et Nous sommes prêt à vous faciliter cette assistance fraternelle. Mais comment une difficulté personnelle intérieure – drame spirituel que Nous respectons – vous permettrait-elle de vous ériger publiquement en juge de ce qui a été adopté légitimement et pratiquement à l’unanimité, et d’entraîner sciemment une partie des fidèles dans votre refus ? Si les justifications sont utiles pour faciliter intellectuellement l’adhésion – et Nous souhaitons que les fidèles troublés ou réticents aient la sagesse, l’honnêteté et l’humilité d’accueillir celles qui sont mises largement à leur disposition –, elles ne sont point par elles-mêmes nécessaires à l’assentiment d’obéissance qui est dû au Concile œcuménique et aux décisions du Pape. C’est le sens ecclésial qui est en cause.

Au fond vous entendez, vous-même et ceux qui vous suivent, vous arrêter à un moment déterminé de la vie de l’Église ; vous refusez, par là même, d’adhérer à l’Église vivante qui est celle de toujours ; vous rompez avec ses pasteurs légitimes, vous méprisez l’exercice légitime de leurs charges. C’est ainsi que vous ne prétendez n’être même plus touché par les ordres du Pape, ni par la suspens a divinis, tout en déplorant la “subversion” dans l’Église. N’est-ce pas dans cet état d’esprit que vous avez ordonné des prêtres, sans lettres dimissoriales et contre notre mandat explicite, créant un groupe de prêtres en situation irrégulière dans l’Église et affectés de graves peines ecclésiastiques ? Plus encore, vous soutenez que la suspens encourue par vous s’applique seulement à la célébration des sacrements selon le rite rénové, comme s’ils étaient importés abusivement dans l’Église que vous allez jusqu’à qualifier de schismatique, et vous pensez échapper à cette sanction en administrant les sacrements dans les formules du passé et contre les règles établies (cf. 1Co 13, 10).

C’est à la même conception erronée que se rattache chez vous la célébration abusive de la messe dite de saint Pie V. Vous savez fort bien que ce rite avait été lui-même le résultat de changements successifs, et que le canon romain demeure la première des prières eucharistiques autorisées aujourd’hui. La réforme actuelle a puisé ses raisons d’être et ses lignes directrices dans le Concile et dans les sources historiques de la liturgie. Elle permet aux fidèles de se nourrir plus largement de la Parole de Dieu. Leur participation plus active laisse intact le rôle unique du prêtre, agissant in persona Christi. Nous avons sanctionné cette réforme de notre autorité, en demandant son adoption par tous les catholiques. Si, en général, Nous n’avons pas jugé bon de maintenir plus longtemps des retards ou des exceptions à cette adoption, c’est en vue du bien spirituel et de l’unité de l’entière communauté ecclésiale, car, pour les catholiques de rite romain, l’Ordo Missœ est un signe privilégié de leur unité. C’est aussi parce que, dans votre cas, l’ancien rite est en fait l’expression d’une ecclésiologie faussée, un terrain de lutte contre le Concile et ses réformes, sous le prétexte que là seulement on conserverait, sans que leurs significations soient obscurcies, le véritable sacrifice de la messe et le sacerdoce ministériel. Nous ne pouvons accepter ce jugement erroné, cette accusation injustifiée, ni tolérer que l’Eucharistie du Seigneur, sacrement d’unité, soit l’objet de pareilles divisions (cf. Co 11, 18), et qu’elle soit même utilisée comme instrument et signe de rébellion.

Certes, il y a place dans l’Église pour un certain pluralisme, mais dans les choses licites et dans l’obéissance. Ils ne le comprennent pas, ceux qui refusent l’ensemble de la réforme liturgique ; pas davantage d’ailleurs, ceux qui mettent en péril la sainteté de la présence réelle du Seigneur et de son sacrifice. De même, il ne peut être question d’une formation sacerdotale qui ignore le Concile.

Nous ne pouvons donc pas prendre vos requêtes en considération, parce qu’il s’agit d’actes qui sont déjà posés dans la rébellion contre l’unique et véritable Église de Dieu. Cette sévérité n’est pas dictée, croyez-le bien, par un refus de faire une concession sur tel ou tel point disciplinaire ou liturgique, mais, étant donné la signification et la portée de vos actes dans le contexte actuel, agir ainsi serait de notre part accepter d’introduire une conception de l’Église et de la Tradition gravement erronée.

C’est pourquoi, avec la pleine conscience de nos devoirs, Nous vous disons, frère, que vous êtes dans l’erreur. Et avec toute l’ardeur de notre amour fraternel, comme avec tout le poids de notre autorité de successeur de Pierre, Nous vous invitons à vous rétracter, à vous reprendre et à cesser d’infliger des blessures à l’Église du Christ.

– III –

Concrètement qu’est-ce que Nous vous demandons ?

A. – D’abord et surtout, une déclaration qui remet les choses au point, pour Nous-mêmes et aussi pour le peuple de Dieu qui a droit à la clarté et ne peut plus supporter sans dommage de telles équivoques.

Cette déclaration devra donc affirmer que vous adhérez franchement au concile œcuménique Vatican II et à tous ses textes – sensu obvia –, qui ont été adoptés par les pères du Concile, approuvés et promulgués par notre autorité. Car une telle adhésion a toujours été la règle, dans l’Église, depuis les origines, en ce qui concerne les conciles œcuméniques.

Il doit être clair que vous accueillez également les décisions que Nous avons prises, depuis le Concile, pour le mettre en œuvre, avec l’aide des organismes du Saint-Siège ; entre autres, vous devez reconnaître explicitement la légitimité de la liturgie rénovée, notamment de l’Ordo Missœ, et notre droit de requérir son adoption par l’ensemble du peuple chrétien.

Vous devez admettre aussi le caractère obligatoire des dispositions du droit canonique en vigueur qui, pour la plus grande part, correspondent encore au contenu du code de droit canonique de Benoît XV, sans en excepter la partie qui a trait aux peines canoniques.

En ce qui concerne notre personne, vous aurez à cœur de cesser et de rétracter les graves accusations ou insinuations que vous avez portées publiquement contre Nous, contre l’orthodoxie de notre foi et notre fidélité à la charge de successeur de Pierre, et contre notre entourage immédiat.

En ce qui concerne les évêques, vous devez reconnaître leur autorité dans leurs diocèses respectifs, en vous abstenant d’y prêcher et d’y administrer les sacrements : eucharistie, confirmation, ordres sacrés, etc., lorsque ces évêques s’y opposent expressément.

Enfin vous devez vous engager à vous abstenir de toutes les initiatives (conférences, publications…) contraires à cette déclaration, et à réprouver formellement toutes celles qui se réclameraient de vous à l’encontre de la même déclaration.

Il s’agit là du minimum que doit souscrire tout évêque catholique : cette adhésion ne peut souffrir de compromis. Dès que vous Nous aurez manifesté que vous en acceptez le principe, Nous vous proposerons les modalités pratiques de présenter cette déclaration. C’est la première condition pour que la suspens a divinis soit levée.

B. – Ensuite restera à résoudre le problème de votre activité, de vos œuvres et notamment de vos séminaires. Vous comprendrez, frère, que, vu les irrégularités et ambiguïtés passées et présentes affectant ces œuvres, Nous ne pouvons pas revenir sur la suppression juridique de la Fraternité Sacerdotale Saint-Pie-X. Elle a inculqué un esprit d’opposition au Concile et à sa mise en œuvre telle que le vicaire de Jésus-Christ s’appliquait à la promouvoir. Votre déclaration du 21 novembre 1974 est un témoignage de cet esprit ; et sur un tel fondement, comme l’a jugé à juste titre notre commission cardinalice, le 6 mai 1975, on ne peut bâtir d’institution ou de formation sacerdotale conforme aux exigences de l’Église du Christ. Cela n’infirme point ce qui existe de bon dans vos séminaires, mais il faut aussi considérer les lacunes ecclésiologiques dont Nous avons parlé et la capacité d’exercer un ministère pastoral dans l’Église aujourd’hui. Devant ces réalités malheureusement mêlées, Nous aurons le souci de ne pas détruire, mais de corriger et de sauver autant que possible.

C’est pourquoi, en tant que garant suprême de la foi et de la formation du clergé, Nous vous demandons d’abord de remettre entre nos mains la responsabilité de votre œuvre, et notamment de vos séminaires. C’est assurément pour vous un lourd sacrifice, mais c’est un test aussi de votre confiance, de votre obéissance, et c’est une condition nécessaire pour que ces séminaires, qui n’ont pas d’existence canonique dans l’Église, puisse éventuellement y prendre place.

Ce n’est qu’après que vous en aurez accepté le principe que Nous serons en mesure de pourvoir le mieux possible au bien de toutes les personnes intéressées, avec le souci de promouvoir les vocations sacerdotales authentiques et dans le respect des exigences doctrinales, disciplinaires et pastorales de l’Église. À ce stade, Nous pourrons entendre avec bienveillance vos demandes et vos souhaits, et prendre en conscience, avec nos dicastères, les mesures justes et opportunes.

En ce qui concerne les séminaristes ordonnés illicitement, les sanctions qu’ils ont encourues conformément aux canons 985, 7° et 2374 pourront être levées, s’ils donnent une preuve de résipiscence en acceptant notamment de souscrire à la déclaration que Nous vous avons demandée. Nous comptons sur votre sens de l’Église pour leur faciliter cette démarche.

Quant aux fondations, maisons de formation, “prieurés” et autres institutions diverses créées sur votre initiative ou avec votre encouragement, Nous vous demandons également de vous en remettre au Saint-Siège, qui étudiera leur cas, dans ses divers aspects, avec l’épiscopat local. Leur survie, leur organisation et leur apostolat seront subordonnés, comme il est normal dans toute l’Église catholique, à un accord qui devra être passé, dans chaque cas, avec l’évêque du lieu – nihil sine episcopo – et dans un esprit qui respecte la déclaration mentionnée plus haut.

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*     *

Tous les points qui figurent dans cette lettre et que Nous avons mûrement pesés, avec la collaboration des chefs des dicastères intéressés, n’ont été adoptés par Nous qu’en vue du meilleur bien de l’Église. Vous Nous avez dit à un moment de l’entretien du 11 septembre : « Je suis prêt à tout, pour le bien de l’Église. » La réponse est maintenant entre vos mains.

Si vous refusiez – quod Deus avertat – de faire la déclaration qui vous est demandée, vous resteriez suspens a divinis. Par contre, notre pardon et la levée de la suspens vous seront assurés dans la mesure où vous accepterez sincèrement et sans ambiguïté de réaliser les conditions de cette lettre et de réparer le scandale causé. L’obéissance et la confiance dont vous ferez preuve Nous permettront aussi d’étudier, sereinement, avec vous, vos problèmes personnels.

Puisse l’Esprit Saint vous éclairer et vous acheminer vers la seule solution qui vous permettrait de retrouver d’une part la paix de votre conscience un moment égarée, mais d’assurer aussi le bien des âmes, de contribuer à l’unité de l’Église dont le Seigneur Nous a confié la charge, d’éviter le péril d’un schisme. Dans l’état psychologique où vous vous trouvez. Nous avons conscience qu’il vous est difficile d’y voir clair et très dur de changer humblement de ligne de conduite : n’est-il pas urgent alors, comme dans tous les cas semblables, de vous ménager un temps et un lieu de recueillement qui vous permettent le recul nécessaire ? Fraternellement, Nous vous mettons en garde contre les pressions dont vous pourriez être l’objet de la part de ceux qui veulent vous entretenir dans une position insoutenable, alors que Nous-même, tous vos frères dans l’épiscopat et l’immense majorité des fidèles attendent enfin de vous l’attitude ecclésiale qui vous honorerait.

Pour extirper les abus que nous déplorons tous et garantir un renouveau spirituel authentique, en même temps que l’évangélisation courageuse à laquelle Nous convie l’Esprit Saint, il faut plus que jamais l’aide et l’engagement de toute la communauté ecclésiale, autour du Pape et de l’épiscopat. Or la révolte des uns rejoint finalement et risque d’accentuer l’insubordination et ce que vous appelez la « subversion » des autres ; alors que, sans votre propre insubordination, vous auriez pu, frère, aider à opérer, dans la fidélité et sous notre autorité, l’avancée de l’Église.

Veuillez donc, cher frère, ne plus tarder davantage à considérer devant Dieu, avec une très vive et religieuse attention, cette adjuration solennelle de l’humble mais légitime successeur de Pierre. Veuillez mesurer la gravité de l’heure et prendre la seule décision qui convient à un fils de l’Église. Tel est notre espoir, telle est notre prière.

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Quelle: „La crise intégriste“

Siehe dazu:

HH Prof. Dr. Martin Rhonheimer (Opus Dei): Religionsfreiheit – Bruch mit der Tradition?

Ronheimeren

Rev. Prof. Dr. Martin Ronheimer

Die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit bedeute einen Bruch mit dem traditionellen Kirchenverständnis: So behaupten, mit entgegengesetzten Wertungen, sowohl „Progressisten“ wie auch „Traditionalisten“. Um den innerkirchlichen Sprengstoff „Religionsfreiheit“ zu entschärfen, versuchen andere wiederum die Lehre des Zweiten Vatikanums und diejenige der Vergangenheit mit der Behauptung zu versöhnen, wenn man es richtig betrachte, bestünde hier in Wirklichkeit bruchlose Kontinuität und lehrmäßige Harmonie. Doch auch solche Spurenverwischung vermag nicht zu befriedigen. Abgesehen davon, daß sie den wahren Gehalt der Lehre des Konzils verdunkelt, erscheint sie als Vertuschungsmanöver und ist letztlich kontraproduktiv. Sie wird weder Progressisten noch Traditionalisten zu überzeugen vermögen, sind doch die Gegensätze zwischen vorkonziliarer Lehre über die Religionsfreiheit und derjenigen des Konzilsdekrets Dignitatis humanae allzu offensichtlich.

Eine Lösung dieses Dilemmas bietet hingegen die immer noch viel zu wenig beachtete Weihnachtsansprache Benedikts XVI. an die römische Kurie vom 22. Dezember 2005: Das Zweite Vatikanum, so der Papst, ist weder Bruch mit der Vergangenheit noch reine Kontinuität, sein Charakteristikum ist vielmehr „Reform“. Dies auszuleuchten ist Gegenstand der nachfolgenden Ausführungen.*

Benedikts XVI. „Hermeneutik der Reform“

In seiner Ansprache am Ende des ersten Jahres seines Pontifikats wandte sich Benedikt XVI. gegen die unter Theologen weitverbreitete Interpretation des Zweiten Vatikanums, der gemäß die Kirche nach dem Konzil angeblich eine andere als die „vorkonziliäre“ Kirche sei. Benedikt nannte diese verfehlte Art, das Konzil zu interpretieren, „Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches“ („Hermeneutik“ = Interpretation). Ihr stellte er nun allerdings nicht, wie zuweilen behauptet, eine „Hermeneutik der Kontinuität“ im Sinne einer vollständigen Harmonie zwischen der konziliaren und der vorkonziliaren Lehre, ohne jegliche Diskontinuität entgegen. Vielmehr erklärte er: „Der Hermeneutik der Diskontinuität steht die Hermeneutik der Reform gegenüber …“. Reform ist nicht nur Kontinuität. Worin liegt die „Natur der wahren Reform“? Sie liegt, erklärt der Heilige Vater, „im Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität“, aber, und das ist entscheidend, „auf verschiedenen Ebenen“. Diese Ebenen richtig zu identifizieren und auseinanderzuhalten, ist der springende Punkt.

Wie der Papst feststellt, mußte das Konzil „das Verhältnis von Kirche und Moderne neu bestimmen“. Dies galt sowohl für die modernen Naturwissenschaften wie auch für „das Verhältnis von Kirche und modernem Staat“. Dieser nämlich, so Papst Benedikt, präsentierte sich als ein „Staat, der Bürgern verschiedener Religionen und Ideologien Platz bot, sich gegenüber diesen Religionen unparteiisch verhielt und einfach nur die Verantwortung übernahm für ein geordnetes und tolerantes Zusammenleben der Bürger und für ihre Freiheit, die eigene Religion auszuüben“. Es sei offensichtlich, daß hinsichtlich der Lehre des Konzils „in all diesen Bereichen, die in ihrer Gesamtheit ein und dasselbe Problem darstellen, eine Art Diskontinuität entstehen konnte und daß in gewissem Sinne tatsächlich eine Diskontinuität aufgetreten war“. Dennoch könne man feststellen, daß „in den Grundsätzen die Kontinuität nicht aufgegeben worden war“. Und deshalb: „Genau in diesem Zusammenspiel von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen liegt die Natur der wahren Reform.“

Benedikt XVI exemplifiziert, was er unter „Hermeneutik der Reform“ versteht, an der konziliaren Lehre über die Religionsfreiheit. Er macht hier nun genau jene Unterscheidung der „verschiedenen Ebenen“, zu welcher das vorkonziliare Lehramt aus genau angebbaren theologischen und historischen Gründen noch nicht fähig gewesen war. Denn Gregor XVI. und Pius IX., um nur diese beiden Päpste zu nennen, identifizierten das moderne bürgerliche Grundrecht der Religions-, Gewissens und Kultusfreiheit mit der Leugnung der Existenz einer wahren Religion. Dies, weil sie sich nicht vorstellen konnten, daß, falls es eine religiöse Wahrheit und eine wahre Kirche gibt, dieser nicht auch durch die staatlichpolitische Ordnung und in der bürgerlichen Rechtsordnung Geltung verschafft werden muß. In der Tat plädierten ja auch viele ihrer liberalen Gegenspieler für Religionsfreiheit mit dem spiegelbildlichen Argument: eine solche Freiheit müsse sein, da es keine religiöse Wahrheit gebe.

Die Ansicht, der Staat sei nicht dafür kompetent und es sei auch nicht seine Pflicht, für die gesellschaftliche Geltung der wahren Religion einzustehen und entsprechend anderen Religionen kein Existenzrecht zuzusprechen, sie höchstens in gewissen Grenzen zu tolerieren, wie auch die Ansicht, es sei nicht Sache des Staates, Presse- und Meinungsäußerungsfreiheit durch staatliche Zensur im Dienste der wahren Religion einzuschränken – diese „liberale“ Ansicht betrachtete die Kirche des 19. Jahrhunderts als gleichbedeutend mit der Leugnung der alleinigen Wahrheit der christlichen Religion, als „Indifferentismus“ und „Agnostizismus“.

Katholische Staatslehre und Religionsfreiheit

Im vorkonziliaren Lehramt war die Lehre über die alleinige Wahrheit der christlichen Religion an eine Lehre über die Funktion des Staates und seine Pflicht gekoppelt, der wahren Religion Geltung zu verschaffen und die Gesellschaft vor der Verbreitung des religiösen Irrtums zu bewahren. Dies implizierte das Ideal eines „katholischen Staates“, in dem, idealerweise, die katholische Religion alleinige Staatsreligion ist und die Rechtsordnung immer auch im Dienste des Schutzes der wahren Religion steht. Der Staat besitze vom Naturrecht her die Aufgabe, auch für das ewige Heil der Seelen zu sorgen und deshalb widerspreche Religionsfreiheit dem Naturrecht. Die Ausübung anderer Religionen als der katholischen kann, im Sinne der Toleranz, höchstens aus Klugheitsgründen – um schlimmere Übel zu vermeiden – gewährt werden.1

Genau hier – nicht auf der Ebene des Dogmas, sondern der Auffassung über den Staat – liegt die Diskontinuität mit der Lehre der Päpste des 19. Jahrhunderts. Sie bringt gleichzeitig eine tiefere und wesentlichere Kontinuität ans Tageslicht. So erklärte Benedikt: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen und gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen.“ Dieser wesentliche Grundsatz des modernen Staates und dieses gleichzeitig tief verankerte Erbe der Kirche, das wieder aufgegriffen wurde, ist, laut Benedikt, die Ablehnung der Staatsreligion. „Die Märtyrer der frühen Kirche sind für ihren Glauben an den Gott gestorben, der sich in Jesus Christus offenbart hatte, und damit sind sie auch für die Gewissensfreiheit und für die Freiheit, den eigenen Glauben zu bekennen, gestorben.“

„Gewissensfreiheit“ war ja im modernen Verständnis immer und vor allem Kultusfreiheit, also das Recht des Individuums und der verschiedenen Religionsgemeinschaften, im Rahmen der öffentlichen Ordnung und der öffentlichen Moral unbehindert dem eigenen Bekenntnis – eben auch öffentlich und gemeinschaftlich – nachzuleben, ohne daß der Staat das Recht hätte, hier hindernd einzugreifen. Genau dies forderten die ersten Christen in den Zeiten der Verfolgung. Sie forderten keine staatliche Förderung der religiösen Wahrheit, sondern die Freiheit, ohne jegliche staatliche Behelligung ihren Glauben zu bekennen. Dies wird nun vom Zweiten Vatikanum als bürgerliches Grundrecht der Person, das heißt als Recht aller Menschen unbeschadet ihres religiösen Bekenntnisses gelehrt.

Dem hat deshalb die frühere Forderung nach der politisch-rechtlichen Sicherung der so genannten „Rechte der Wahrheit“ und der Zurückdrängung des religiösen Irrtums durch den Staat zu weichen. Wie man es auch wendet und dreht, man kommt nicht darum herum: Präzis diese Lehre des Zweiten Vatikanums ist es, die von Pius IX. in der Enzyklika Quanta cura verurteilt worden ist. Bedeutet dies, daß das kirchliche Lehramt, auch das universale ordentliche Lehramt, sei nicht unfehlbar? Gewiß nicht. Doch darüber später.

Benedikt schließt seine Exemplifizierung der „Hermeneutik der Reform“ anhand der Lehre über die Religionsfreiheit mit der prägnanten Feststellung: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat durch die Neubestimmung des Verhältnisses zwischen dem Glauben der Kirche und bestimmten Grundelementen des modernen Denkens einige in der Vergangenheit gefällte Entscheidungen neu überdacht oder auch korrigiert …“ Solche Korrektur bedeutet nicht Diskontinuität auf der Ebene der katholischen Glaubens- und Sittenlehre, für die das authentische Lehramt ja zuständig ist und für die es – auch als ordentliches Lehramt – Unfehlbarkeit beansprucht. In dieser Hinsicht spricht Benedikt deshalb von einer bloß „scheinbaren Diskontinuität“, denn trotz des Abwerfens des alten Ballastes einer überholten Staatslehre „hat sie [die Kirche] ihre wahre Natur und ihre Identität bewahrt und vertieft. Die Kirche war und ist vor und nach dem Konzil dieselbe eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die sich auf dem Weg durch die Zeiten befindet.“

Kurz: Die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit impliziert keine dogmatische Neuorientierung, wohl aber eine solche im Bereich der kirchlichen Soziallehre, genauer: eine Korrektur ihrer Lehre über Funktion und Aufgaben des Staates. Die gleichen unveränderlichen Prinzipien werden in neuer historischer Konstellation auf andere Weise angewandt. Es gibt keine überzeitliche, dogmatische katholische Glaubenslehre über den Staat und kann auch keine geben – abgesehen von jenen Beständen, die bereits in der apostolischen Tradition und der Heiligen Schrift verankert sind. Und diesen ist die Idee des „katholischen Staates“ als weltlicher Arm der Kirche unbekannt; sie weisen viel eher in die Richtung einer Trennung von religiöser und staatlich-politischer Sphäre.

Die partiellen Aufhebungen des genuin christlichen Dualismus von weltlicher und geistlicher Gewalt und ihre Vermischung entstanden später, als Folge kontingenter geschichtlicher Konstellationen, zunächst in der Folge der Erhebung des Christentums zur Staatsreligion des römischen Reiches und der Bekämpfung des Arianismus (der ja wieder für eine Staatsvergottung plädierte), dann im Laufe der frühmittelalterlichen Einbindung der Kirche in die imperialen Regierungsstrukturen und schließlich in der Reaktion darauf, der hochmittelterlichen politisch-kanonistischen Lehre der plenitudo potestatis des Papstes, aus deren Relikte dann die neuzeitliche Idee des konfessionellen, katholischen Fürstenstaates entstand, dem Pius IX. noch ganz verhaftet war und für den es natürlich auch das protestantische Pendant gab.

Hier findet sich nun in der Lehre des Zeiten Vatikanums eine eindeutige Zäsur. Historischer Ballast wurde endgültig abgeworfen. Die Lehre des Konzils über die Religionsfreiheit ist wesentlich eine Lehre über Aufgaben und Grenzen des Staates sowie über ein bürgerliches Grundrecht – ein Recht der Person, nicht der Wahrheit –, durch welches die Souveränität und Kompetenz des Staates in Religionssachen eingeschränkt wird. Sie ist, zweitens, eine Lehre über die Freiheit der Kirche auf Grund des korporativen Grundrechts auf Religionsfreiheit gleich wie alle anderen Religionen auch im säkularen Staat ihre Heilsmission unbehindert wahrzunehmen sowie, drittens, über die Aufgabe des Staates, auf unparteiische, neutrale Weise und, immer im Rahmen der Wahrung der öffentlichen Ordnung und Moral, die Voraussetzungen dafür schaffen zu helfen, damit alle Bürger ihren religiösen Pflichten nachkommen können.

Untaugliche Harmonisierungsversuche

Genau diese neue politisch-rechtliche Lehre, welche impliziert, daß der Staat nicht mehr der weltliche Arm der Kirche als Vertreterin der religiösen Wahrheit zu sein hat, ist es, die von heutigen Traditionalisten abgelehnt wird. Sie verteidigen damit nicht so sehr das Selbstverständnis der Kirche und die Tradition, sondern eine traditionelle Auffassung des Staates und seiner Beziehung zur Kirche. Man darf die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit nicht einfach auf die völlig unumstrittene „Freiheit von Zwangsbekehrung“ reduzieren und damit fälschlicherweise bruchlose Kontinuität suggerieren.2  Der entscheidende Punkt ist, wie etwa der Dialogbeauftragte der deutschen Piusbruderschaft Matthias Gaudron betont hat „ob und wie weit man die öffentliche Ausübung eines falschen Glaubens und die Werbung dafür einschränken darf“3. Seine Ansicht ist klar: „Es geht in dieser ganzen Frage vor allem um die öffentliche Ausübung der Religion … Der katholische Staat betrachtet die falschen Religionen als ein Übel, vor dem er seine Bürger schützen will.“4

Noch deutlicher liest es sich in dem Memorandum „Die Zeitbomben des Zweiten Vatikanums“, welches der deutsche Distriktsobere der Piusbruderschaft, P. Franz Schmidberger, an alle deutschen Bischöfe versandte: Die Lehre des Konzil bedeute „die Laisierung der Staaten und der Gesellschaft“ sowie „staatlicher Agnostizismus“; sie leugne das Recht und die Pflicht des Staates, „im öffentlichen Bereich die Anhänger falscher Religionen daran zu hindern, ihre religiösen Überzeugungen durch öffentliche Kundgebungen, Missionierungsarbeit und Errichtung von Gebäuden für ihren falschen Kult in die Tat umzusetzen.“ Kurz: Das Konzil habe mit seiner Lehre über die religiöse Neutralität – sprich Säkularität – des Staates die traditionelle Lehre über den katholischen Staat und das soziale Königtum Jesu Christi aufgegeben. In Wahrheit jedoch, so Schmidberger – der darin lediglich Erzbischof Lefebvre folgt –, ist nur „Jesus Christus der einzige Gott und sein Kreuz die einzige Heilsquelle“; deshalb „muß dieser Alleinvertretungsanspruch in der Gesellschaft soweit wie nur möglich im Rahmen des klugen Abmessens der Staatsoberhäupter geltend gemacht werden“.

Hier nun gibt es keine Gemeinsamkeit oder Kontinuität mit der Lehre des Zweiten Vatikanums. Plädoyers für Harmonisierungsversuche wie diejenigen von P. Basil Valuet5 oder Bertrand de Margerie6 halte ich – trotz ihres anerkennungswürdigen Bestrebens, traditionalistisch denkende Gläubige mit dem letzten Konzil zu versöhnen – für sachlich verfehlt. Sie stiften letztlich Verwirrung, weil solche Plädoyers das eigentliche Problem und damit auch die Originalität der Lehre des Zweiten Vatikanums verdecken. Diese Harmonisierungsversuche verfehlen es, den politisch-rechtlichen Kontext und die von Benedikt XVI. geforderte Differenzierung der Ebenen zu berücksichtigen.

B. de Margerie behauptet etwa – und es handelt sich um eine verbreitete „Harmonisierungsstrategie“ –, sowohl für Gregor XVI. als auch für das Zweite Vatikanum sei die Pressefreiheit nicht „unbegrenzt“ und deshalb gebe es Kontinuität zwischen Gregors Verurteilung der Pressefreiheit und der Lehre des Zweiten Vatikanums. Doch die Wahrheit ist eine andere: Gregor XVI. plädierte für kirchlich beaufsichtigte staatliche Pressezensur im Dienste der wahren Religion, während das Zweite Vatikanum – wie bereits die Liberalen des 19. Jh. – die Grenzen der Meinungs- und Pressefreiheit in den gesetzlich definierten und gerichtlich einklagbaren Rechten der Mitbürger und den Erfordernissen der öffentlichen Ordnung und Moral erblickt – Grenzen, die nun eben der säkularen und gegenüber religiösen Wahrheitsansprüchen neutralen Logik des liberalen, demokratischen Verfassungsstaates entsprechen und nichts, aber auch gar nichts mit dem „Schutz der wahren Religion“ und dem Schutz der Bürger vor der „Pest des religiösen Irrtums“ und deshalb auch nichts mit staatlicher Zensur im Dienste und nach Maßgabe der Kirche zu tun haben.

Ebenso wenig führt, wie Basil Valuet argumentiert, von der noch von Pius XII. in seiner Ansprache Ci riesce vom 06.12.1953 gelehrten Toleranz, die „unter Umständen“ und nach dem Ermessensurteil des „katholischen Staatsmannes“ in religiösen Dingen geübt werden kann, ein Weg zum Recht auf Religionsfreiheit, da dieses bürgerliche Grundrecht der Person die Kompetenz der Staatsgewalt in religiösen Dingen gerade einschränkt. Ermessensurteile „katholischer Staatsmänner“ im Sinne der Toleranzgewährung sind auf dieser Grundlage nicht mehr möglich, sie wären rechtswidrig. Ein angebliches „Recht auf Toleranz“, das gemäß Basil Valuet bei Pius XII. gefunden werden kann und der Lehre des Zweiten Vatikanums entsprechen soll, kann es gar nicht geben.

Deshalb handelt es sich hier keineswegs um einen letztlich unerheblichen Prinzipienstreit, sondern um Grundfragen des Verhältnisses der Kirche zur Moderne, insbesondere zum freiheitlichen demokratischen Verfassungsstaat; aber mehr noch handelt es sich um die Frage des Selbstverständnisses der Kirche selbst und ihres Verhältnisses zur Frage des Zwangs in religiösen Dingen.

Denn wenn auch die Kirche seit jeher die Idee der Zwangsbekehrung abgelehnt hat, so lehnte sie Zwang in religiösen Dingen keinesfalls generell ab. Im Gegenteil. Die Enzyklika Quanta cura Pius‘ IX. war nicht gegen liberale Gottesleugner gerichtet, sondern gegen die einflußreiche Gruppe von katholischen Liberalen um den französischen Politiker Charles de Montalembert – rechtgläubige Katholiken, die sogar die Existenz des Kirchenstaates verteidigten (von Montalembert stammt die später von Cavour in anderem Sinne übernommene Losung „Freie Kirche in einem freien Staat“) –, die im August 1863 auf dem Kongress von Malines die kirchliche Anerkennung der Versammlungs-, Presse- und Kultusfreiheit gefordert hatten.

Doch diese Forderung kollidierte mit der „traditionellen“, aus dem Hochmittelalter stammenden Position, daß die Kirche das Recht zur Ausübung von Zwang – mit Hilfe staatlich-strafrechtlicher Maßnahmen – besitzt, um Katholiken vor Apostasie zu bewahren. „Die Annahme des Glaubens ist Sache der Freiheit“, so lehrte Thomas von Aquin; „den einmal angenommenen Glauben zu bewahren, ist man jedoch verpflichtet“ (Summa Theologiae II-II, 10, 8, ad 3). Die Theologen, welche Quanta cura ausarbeiteten, beriefen sich auf dieses Prinzip (das rein moraltheologisch betrachtet durchaus gültig ist). Es wurde so verstanden, daß es Aufgabe des Staates als weltlicher Arm der Kirche sei, mit Hilfe der Zensur und des Strafrechts die Gläubigen vor glaubensschädlichen Einflüssen und Apostasie zu bewahren.

Aus diesem Grunde hatte bereits Pius VI. in seinem Breve Quod aliquantum (1791) die „Allgemeine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ der Französischen Revolution verurteilt. Sie sei die öffentliche Apostasie einer ganzen Nation. Religionsfreiheit – für die Katholiken – könne man in einem Staat von Ungläubigen oder Juden fordern. Doch Frankreich sei eine christliche Nation und die Franzosen seien getaufte Christen und da könne es keine allgemeine bürgerliche Freiheit geben, irgendeiner anderen Religion als der wahren, der katholischen eben, anzuhangen. Pius VI. bringt es auf den Punkt: Ungetaufte Menschen „sind nicht zum Gehorsam gegenüber dem katholischen Glauben zu zwingen; die anderen hingegen muß man dazu zwingen“ (sunt cogendi).

Benedikt XVI. verteidigt nun in seiner Ansprache von 2005 gerade die erste, die „liberale“ Phase der Französischen Revolution – er unterscheidet sie also von der zweiten, der jakobinischen, plebiszitär- und radikaldemokratischen Phase, die den Terror der Guillotine brachte, – und rehabilitiert damit auch die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, die ja aus dem Geist des repräsentativen Parlamentarismus und des amerikanischen Verfassungsdenkens geboren wurde.

Die Königsherrschaft Christi gemäß dem II.  Vatikanum

Die für die vorkonziliare Lehre typische Identifizierung von Religionsfreiheit mit „Indifferentismus“ und „Agnostizismus“ überwunden zu haben, ist das Verdienst des Zweiten Vatikanums. Es handelt sich, was das kirchliche Lehramt anbelangt, um einen epochalen Schritt, der nur mit der von Benedikt XVI. geforderten „Hermeneutik der Reform“ verstanden werden kann. Es lohnt sich, auf diese Forderung einzutreten und sie nicht durch falsche Kontinuitätsbestrebungen zu verwässern, die letztlich die wahre Kontinuität und damit auch das Wesen selbst der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche verfälschen würden.

Zuweilen wird auf die von der der Konzilserklärung über die Religionsfreiheit (Nr. 1) erhobene Einschränkung, die „überlieferte katholische Lehre von der moralischen Pflicht der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi“ solle „unangetastet“ bleiben, um eine „bruchlose Kontinuität“ in der kirchlichen Lehrtradition auch zum Thema Religionsfreiheit zu suggerieren. Das Konzil scheint hier ambivalent geblieben zu sein.

Doch so ambivalent ist diese Aussage keineswegs, da diese Pflichten – so heißt es im unmittelbar davor stehenden Satz – „Freiheit von Zwang in der staatlichen Gesellschaft“ zur Voraussetzung haben. Die alte Lehre über die Pflichten des Staates als weltlicher Arm der Kirche scheint also bereits abgehakt zu sein, wenn nun von entsprechenden Pflichten „der Menschen und der Gesellschaften gegenüber der wahren Religion und der einzigen Kirche Christi“ die Rede ist.

Welches diese Pflichten sind, findet sich mittlerweile in einer gleichsam authentischen Interpretation des strittigen Satzes. Im „Katechismus der Katholischen Kirche“ Nr. 2105 – ein Dokument des kirchlichen Lehramtes – wird er zitiert und erklärt, es handle sich um die Pflicht der Einzelnen und der Gesellschaft, „Gott aufrichtig zu verehren“. Dies verwirkliche sich darin, daß „die Kirche unablässig das Evangelium verkündet“, was den Menschen ermöglicht „Mentalität und Sitte, Gesetz und Strukturen der Gemeinschaft in der jemand lebt, im Geist Christi zu gestalten“. Von den Christen als einzelnen ist hingegen verlangt, „die einzige wahre Religion, die in der katholischen und apostolischen Kirche verwirklicht ist, zu verbreiten“.

Dies, so beschließt der Abschnitt, sei die Art und Weise, in der die Kirche „die Königsherrschaft Christi über die ganze Schöpfung, insbesondere über die menschlichen Gesellschaften“ bezeugt. Also: Verkündigung des Evangeliums durch die Kirche und Apostolat der christlichen Gläubigen, um die Strukturen der Gesellschaft mit dem Geist Christi zu durchdringen: Das ist die Perspektive des Zweiten Vatikanums. Kein Wort vom Staat als weltlichem Arm der Kirche, der mit staatlichem Zwang die „Rechte der Wahrheit“ zu schützen und auf diese Weise in der menschlichen Gesellschaft die Königsherrschaft Christi zu errichten hat. Die Diskontinuität ist offensichtlich. Und noch offensichtlicher ist die Kontinuität – wo sie wirklich wesentlich und deshalb nötig ist.

Und die Unfehlbarkeit des Lehramtes?

An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob diese unzweifelhaft bestehende Diskontinuität der lehramtlichen Position hinsichtlich der Religionsfreiheit mit der Unfehlbarkeit des kirchlichen Lehramtes vereinbar ist. Liegt hier nicht ein Bruch in der Kontinuität des universalen ordentlichen Lehramtes vor, das ja gemäß der Lehre des Zweiten Vatikanums (Lumen gentium Nr. 25) ebenso wie das feierliche, außerordentliche Lehramt Unfehlbarkeit beansprucht?

Unfehlbar ist das Lehramt, so faßt das Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche zusammen, „wenn der Papst kraft seiner Autorität als oberster Hirte der Kirche oder das Bischofskollegium in Gemeinschaft mit dem Papst, vor allem auf einem Ökumenischen Konzil, eine Lehre über den Glauben oder die Sitten in einem endgültigen Akt verkünden.“ Ebenso ist das universale Lehramt des gesamten Bischofskollegiums unfehlbar „wenn der Papst und die Bischöfe in ihrem ordentlichen Lehramt übereinstimmend eine Lehre als endgültig vorlegen“ (Nr. 185). Diese Unfehlbarkeit betrifft nicht nur das Dogma im engeren Sinn, sondern die gesamte Glaubenslehre und Moral, auch die Interpretation des sittlichen Naturgesetzes, sowie all jene Aussagen, die mit dem Glauben in einem notwendigen historischen oder logischen Zusammenhang stehen, so daß das Dogma ohne diese Aussagen nicht richtig verstanden oder bewahrt werden könnte.

Der erste Fall – Definition ex cathedra oder Ökumenisches Konzil – ist im Falle der Religionsfreiheit offensichtlich ausgeschlossen: Das erste und bisher einzige Konzil, das sich zur Frage geäußert hat, ist das Zweite Vatikanum. Doch gerade dieses Konzil anerkennt ja die Religionsfreiheit. Aber auch das universale ordentliche Lehramt scheint hier nicht betroffen zu sein. Denn nie wurde die Verurteilung der Religionsfreiheit von Papst und allen Bischöfen übereinstimmend als endgültige Lehre verkündet.

Es scheint also zumindest prima facie sehr unwahrscheinlich, daß die oben festgestellte Diskontinuität der kirchlichen Lehre über die Religionsfreiheit in irgendeiner Weise die Unfehlbarkeit des Lehramtes, auch nicht des universalen ordentlichen Lehramtes, in Frage stellen könnte. Es ist allerdings nicht zu leugnen, daß die Verurteilung der Religionsfreiheit durch Pius IX. tatsächlich einen das katholische Dogma betreffenden Kern besaß, nämlich die Verurteilung des Indifferentismus, also des religiösen Relativismus, die Verurteilung der Ansicht, es gebe keine ausschließliche religiöse Wahrheit, alle Religionen seien prinzipiell gleichwertig und der Kirche Jesu Christi komme nicht die Eigenschaft zu, einziger Weg zum Heil zu sein. Das ist in der Tat der eigentliche Punkt, der damals auf dem Spiel zu stehen schien. Ich sage „schien“, weil – wie nun ja das Zweite Vatikanum gezeigt hat – die Lehre von der alleinigen Wahrheit der christlichen Religion und der Einzigkeit der Kirche Jesu Christi als Weg zum ewigen Heil in Wirklichkeit von der Akzeptierung der Religions- und Kultusfreiheit überhaupt nicht betroffen ist.

Wie das Zweite Vatikanum lehrt, impliziert ja das Recht auf Religions- oder Kultusfreiheit keineswegs die Gleichwertigkeit aller Religionen. Dieses Recht ist nämlich ein Recht von Personen und betrifft nicht die Frage, inwiefern das, was diese Personen glauben, der Wahrheit entspricht.7 Auch wenn die Gläubigen aller Religionen ein bürgerliches Recht auf Kultusfreiheit besitzen, heißt dies nicht, daß nun, weil es das Recht aller ist, auch alle Religionen „gleich wahr“ und insofern – nicht im bürgerlich-rechtlichen, sondern im epistemischen Sinne – gleichwertig sein sollten.

Daß jedoch Religionsfreiheit bzw. Kultusfreiheit genau das voraussetzte, war, wie oben gezeigt wurde, die Überzeugung der Päpste des 19. Jahrhunderts und der damals vorherrschenden Theologie (und natürlich generell ebenso der antikirchlich eingestellten Liberalen und Freidenker). Deshalb meinte man ja auch: Falls man das Prinzip aufgäbe, wonach es in einem katholischen Land Aufgabe und Pflicht des Staates sei, die katholische Wahrheit zu schützen und zu fördern und abweichenden religiösen Bekenntnissen deshalb auch kein Existenzrecht einzuräumen, sie höchstens in gewissen Grenzen und nach Maßgabe der Klugheit zu tolerieren, dann würde man damit implizit auch behaupten, es gebe nicht nur eine wahre Religion und Kirche, sondern alle Religionen hätten denselben Wert.

Selbstverständlich konnte dies die Kirche weder damals noch kann sie es heute akzeptieren. Doch hat sie heute ihre Auffassung über die Funktion des Staates und seiner Pflichten gegenüber der wahren Religion und der Kirche geändert – einen Punkt also, der eigentlich gar nicht genuin theologischer Natur ist oder mit dem Wesen der Kirche und ihrem Glauben zu tun hat, sondern die Natur des Staates und dessen Beziehung zur Kirche betrifft. Betroffen ist also höchstens ein Aspekt der kirchlichen Soziallehre.

Wenn nun Benedikt formuliert, das Zweite Vatikanische Konzil habe „mit dem Dekret über die Religionsfreiheit einen wesentlichen Grundsatz des modernen Staates anerkannt und übernommen“ so markiert dies in deutlicher Weise eine von der Staatsauffassung Pius‘ IX., aber auch vom traditionellen Verständnis der Unterordnung der weltlichen unter die geistliche Gewalt verschiedene, ja mit ihr eindeutig in Widerspruch stehende Auffassung über Natur und Pflichten des Staates. Eine solche Diskontinuität bedeutet keinen Bruch mit der lehrmäßigen Tradition der Kirche, keine Abwendung vom depositum fidei und von dem quod ubique, quod semper, quod ab omnibus creditum est, „was überall, immer und von allen geglaubt worden ist“ (Vinzens von Lerins).

Genau deshalb kann hier auch kein Widerspruch zur Unfehlbarkeit des universalen ordentlichen Lehramtes der Kirche vorliegen – ein solcher Widerspruch ist von der Sache her schon der Möglichkeit nach ausgeschlossen. Die von Benedikt XVI. diagnostizierte Reform vollzog sich nicht auf der Ebene des Dogmas – hier kann es nur homogene Entwicklung und damit Kontinuität geben. Die Reform und damit die Diskontinuität liegt auf der anderen Ebene, die nicht dogmatischer Natur ist: der Ebene der Auffassung über die Natur und Aufgabe des Staates.

Freilich enthält auch die auf die apostolische Tradition, insbesondere auf die Heilige Schrift – und dort die Paulusbriefe – zurückgehende Lehre über die weltliche Gewalt Elemente, die naturrechtlich-prinzipieller Art und deshalb auch prinzipiell Gegenstand des unfehlbaren kirchlichen Lehramtes sein können: Etwa die Lehre, daß alle Gewalt von Gott stammt; daß staatliche Obrigkeit und Autorität Teil der Schöpfungsordnung sind; daß man der staatlichen Autorität im Gewissen, also aus moralischen Gründen Gehorsam schuldet und sie auch das Recht besitzt, Strafen zu verhängen.

Es wäre aber kühn zu behaupten, diese Prinzipien enthielten auch Anhaltspunkte über das Verhältnis zwischen Kirche und Staat bzw. über die Pflichten des Staates gegenüber der wahren Religion bzw. des Rechts der Kirche, über den weltlichen Arm des Staates ihren Ansprüchen auch mit zeitlichen Strafen und deren zivilen Auswirkungen Geltung zu verschaffen. Entsprechende Positionen und Lehren sind erst im Laufe der Zeit und unter dem Einfluß verschiedener historischer Konstellationen und Bedürfnisse entstanden, wesentlich auch im Zusammenhang des kirchlichen Kampfes um die libertas ecclesiae, die Freiheit der Kirche  von  staatlich-politischer Bevormundung  und  Kontrolle.  Dies war ein äußerst komplexer Prozeß, auf dessen ganz unterschiedliche Etappen ich an anderer Stelle eingegangen bin.8

Zudem ist hervorzuheben, daß die von Benedikt hervorgehobene Diskontinuität auf der Ebene der Anwendung von Prinzipien kein Aufgeben der Kontinuität des Kirchenverständnisses impliziert. Benedikt XVI. konstatiert im Gegenteil: „Die Kirche war und ist vor und nach dem Konzil dieselbe eine, heilige, katholische und apostolische Kirche, die sich auf dem Weg durch die Zeiten befindet.“ Das ist auch, wie ich es sehe, das eigentliche Anliegen Benedikts gegenüber einer „Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches“. Denn diese erblickt in der Kirche des Zweiten Vatikanums eine andere, neue Kirche. Die Anwälte einer „Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches“ hätten, so heißt es in der päpstlichen Ansprache, das Konzil „als eine Art verfassunggebende Versammlung betrachtet, die eine alte Verfassung außer Kraft setzt und eine neue schafft“.

Doch die Konzilsväter hätten keinen solchen Auftrag gehabt, erklärt Benedikt. Indem sie hingegen von Kontinuität und Diskontinuität auf verschiedenen Ebenen spricht – einerseits der Ebene des Dogmas, des Kirchenverständnisses, des von der Kirche zu wahrenden und immer tiefer zu verstehenden depositum fidei und andererseits der Ebene der konkreten, immer auch zeitbedingten Arten der Anwendungen auf der anderen Seite – konstatiert die von Benedikt XVI. vertretene „Hermeneutik der Reform“ keinen Bruch im Verständnis der Kirche. Vielmehr versteht sie die Kirche als „ein Subjekt, das mit der Zeit wächst und sich weiterentwickelt, dabei aber immer sie selbst bleibt, das Gottesvolk als das eine Subjekt auf seinem Weg.“

Naturrecht oder bürgerliches Recht?

Das Zweite Vatikanum lehrt in der Konzilserklärung Dignitatis humanae (Nr. 2), „das Recht auf religiöse Freiheit sei in Wahrheit auf die Würde der menschlichen Person selbst gegründet, so wie sie durch das geoffenbarte Wort Gottes und durch die Vernunft selbst erkannt wird“. Und das bedeutet: Religionsfreiheit ist gemäß dem Zweiten Vatikanischen Konzil selbst ein Naturrecht. Nun erstreckt sich aber das unfehlbare Lehramt der Kirche auch auf die Interpretation des sittlichen Naturgesetzes und des Naturrechts. Folglich, so ließe sich einwenden, kann es hier weder Diskontinuität noch Widersprüche geben und genau deshalb sei es auch falsch zu sagen, das Zweite Vatikanum habe explizit etwas gelehrt, das Pius IX. verurteilt hat, nämlich das Recht auf Religions- und Kultusfreiheit.

Tatsächlich heißt es im „Katechismus der Katholischen Kirche“ (2106) ausdrücklich: „Dieses Recht [auf Religionsfreiheit] gründet auf der Natur des Menschen.“ Es ist also sicher richtig, daß das Zweite Vatikanum Religionsfreiheit als Bestandteil des Naturrechts betrachtet. Nun ist jedoch ebenfalls eine Tatsache, daß Dignitatis humanae (Nr. 2) fordert: „Dieses Recht der menschlichen Person auf religiöse Freiheit muß in der rechtlichen Ordnung der Gesellschaft so anerkannt werden, daß es zum bürgerlichen Recht wird“ (Hervorhebung nicht im Original). Die Perspektive des Zweiten Vatikanums ist also nicht einfach und ausschließlich diejenige des Naturrechts, sondern immer auch diejenige der Religionsfreiheit als bürgerliches Recht (das heißt: letztlich als Recht auf Kultusfreiheit). Dies war nun aber in der Tat gerade die Perspektive Pius‘ IX. Denn die Religionsfreiheit, die er verurteilte, war nichts anderes als das auch von katholisch-liberaler Seite geforderte bürgerliche Recht auf Kultusfreiheit. Demnach stimmt es also doch: Genau das, was das Zweite Vatikanum als Erfordernis des natürlichen Rechts auf Religionsfreiheit fordert, nämlich das bürgerliche Recht auf Kultusfreiheit, wurde in der Enzyklika Quanta cura Pius‘ IX. wie auch im dazugehörigen Syllabus errorum verurteilt.

Das heißt jedoch: Das Naturrecht als solches ist also durch die hier angesprochene Diskontinuität gar nicht tangiert. Der Widerspruch liegt auf der Ebene der Forderungen an das bürgerliche Recht und ist damit letztlich politischer Natur. Er ergibt sich aus der Verabschiedung von einer älteren, letztlich dem frühmittelalterlichen sogenannten „politischen Augustinismus“ entspringenden Auffassung, wonach die zeitliche Gewalt – der Staat – in Zusammenarbeit mit der Kirche und auf sie hingeordnet, ebenfalls die Aufgabe hat, für das ewige Heil der Seelen zu wirken.9

Deshalb widersprechen sich Zweites Vatikanum und Quanta cura bzw. der Syllabus errorum nicht auf der Ebene des Naturrechts, sondern auf der Ebene von dessen rechtlich-politischen Anwendung auf konkrete Situationen und Probleme. Das Zweite Vatikanum bringt nicht nur einfach eine Neuheit, indem es Religionsfreiheit als Naturrecht lehrt, sondern es zieht aus dem an sich immer schon bekannten Naturrecht auf Religionsfreiheit eine neue Folgerung bezüglich der staatlichen positiven Rechtsordnung, nämlich jene, Religionsfreiheit müsse auch als bürgerliches Recht (der Kultusfreiheit) anerkannt werden. Diese  Folgerung zog Pius IX. nicht; er hielt sie vielmehr für verderblich und falsch, weil sie seiner Ansicht nach sowohl hinsichtlich der Lehre wie auch in den praktischen Auswirkungen notwendig religiösen Indifferentismus und Relativismus implizierte, dem sich der Staat entgegenstellen müsse. Das Zweite Vatikanische Konzil konnte sie ziehen, weil es von einer anderen Auffassung des Staates und seiner Beziehung zur Kirche ausging und somit nicht mehr die „Rechte der Wahrheit“, sondern die Rechte der Person, der einzelnen Bürger und ihres religiösen Gewissens in den Mittepunkt stellte.

Apostolische Tradition und kirchliche Traditionen

Tatsächlich ging es Pius IX. um die Rettung des Wesens der Kirche, ihres Anspruchs auf alleinige Wahrheit und Heilswirksamkeit. Anerkennung der Religionsfreiheit bedeutete für ihn die Leugnung dieser Wahrheiten; sie bedeutet also Indifferentismus und religiösen Relativismus. Gerade darin liegt ja auch die Größe dieses Papstes, der auf der Grundlage der theologischen Voraussetzungen seiner Zeit, deren Zeitbedingtheit allerdings nicht durchschauend, sicherlich aus heroischer Glaubenstreue handelte und wie ein Fels in der Brandung eines auch damals bereits grassierenden Relativismus stand. Für eine andere, differenziertere Positionierung der Kirche in diesem Abwehrkampf war offenbar die Zeit noch nicht reif.

In der Ablehnung von Indifferentismus und religiösem Relativismus liegt auch der heute noch gültige Kern dieser Verurteilungen des 19. Jahrhunderts. Daß der Kampf gegen religiösen Indifferentismus und Relativismus zum Kampf gegen das bürgerliche Recht auf Religions- und Kultusfreiheit wurde, beruhte nun eben auf einem Verständnis des Staates als Garant der religiösen Wahrheit bzw. einer Sicht der Kirche, die das Recht besitzt, sich des Staates als weltlichen Arm zu bedienen, um ihre pastorale Verantwortung wahrzunehmen. Doch beruhte das entsprechende Staatsverständnis eben gar nicht auf den Prinzipien der katholischen Glaubenslehre und Moral, sondern auf aus dem Hochmittelalter stammenden kirchenrechtlichen Traditionen und Praktiken und deren theologischen Rechtfertigung bzw. den Vorstellungen des konfessionellen Staates, wie er sich in der Neuzeit im Gefolge der Glaubenskämpfe und ihrer Überwindung herausgebildet hat.

Das Lehramt der Kirche im Bereich der Soziallehre enthält neben zeitlosen und in der Glaubenslehre verankerten Prinzipien eine Fülle zeitbedingter, im Rückblick oft auch fraglicher Konkretionen. Sie ist nicht „Lehre“ im gleichen Sinne wie die katholische Lehre im Bereich von Glauben und Sitten, wo die Kirche auch auf verbindliche Weise das Naturgesetz interpretiert: Man denke etwa an Fragen wie diejenige der Empfängnisverhütung, der Abtreibung, der Euthanasie und anderer moralischer Normen im Bereich der Bioethik. Hierbei handelt es sich nicht um bloße Anwendungen des Naturgesetzes auf konkrete Situationen, sondern um die Feststellung dessen, was überhaupt zum Naturgesetz gehört und entsprechend moralische Norm ist. Und in diesem Bereich ist auch das universale ordentliche Lehramt unfehlbar.

Die im 19. Jahrhundert vorherrschenden, auf mittelalterlichen und christlich-spätantiken Vorlagen gründenden, letztlich aber erst im neuzeitlichen konfessionellen Staat sich definitiv ausformenden Auffassungen über die Rolle und Pflichten der weltlichen Gewalt gegenüber der wahren Religion können wohl kaum für sich beanspruchen, auf der apostolischen Tradition zu beruhen oder Bestandteil des depositum fidei zu sein. Ebenfalls gehören diese Auffassungen kaum zu jenen Wahrheiten, die eine notwendige geschichtliche oder logische Verbindung mit den Wahrheiten des Glaubens oder gar dem Dogma besitzen und deren Aufrechterhaltung deshalb notwendig wäre, um das depositum fidei zu bewahren und richtig auszulegen.

Im Gegenteil: Es scheint, daß das das Christentum ursprünglich sogar eher eine gegenteilige Position vertrat. Es entstand und wuchs in einem heidnischen Umfeld, gründete im Blick auf das Evangelium und das Beispiel Jesu Christi sein Selbstverständnis ganz wesentlich auf der Scheidung von Religion und Politik und verlangte vom römischen Staat lediglich die Freiheit, sich ungehindert entfalten zu können. Benedikt XVI. betont in seiner Ansprache, mit der Anerkennung und Übernahme „eines wesentlichen Grundsatzes des modernen Staates“ durch die Lehre über die Religionsfreiheit habe das Zweite Vatikanische Konzil „gleichzeitig ein tief verankertes Erbe der Kirche wieder aufgegriffen. Diese darf wissen, daß sie sich damit in völligem Einvernehmen mit der Lehre Jesu befindet (vgl. Mt 22,21), ebenso wie mit der Kirche der Märtyrer, mit den Märtyrern aller Zeiten.“

Der Rückgriff auf das Evangelium und die ersten Christen ist allerdings ein Thema, das nicht nur von Papst Benedikt angesprochen wird. Er gehört vielmehr zum Kern der Argumentation von Dignitatis humanae, die einer solchen Besinnung auf die Ursprünge gleich zwei ganze Abschnitte widmet (Nr. 11 und 12). Lapidar erklärt dabei das Konzil: „Somit verfolgt die Kirche in Treue zur Wahrheit des Evangeliums den Weg Christi und der Apostel, wenn sie anerkennt und dafür eintritt, daß der Grundsatz der religiösen Freiheit der Würde des Menschen und der Offenbarung Gottes entspricht“ (Nr. 12). Es ist dieser Rückgriff auf das Evangelium, die apostolische Tradition und das Zeugnis der ersten Christen die, wie Benedikt betont, „die Staatsreligion eindeutig abgelehnt“ haben, welche die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit charakterisiert. Damit ist die Auffassung über Aufgaben und Pflichten des Staates gegenüber der wahren Religion, die für Pius IX. maßgebend war, stillschweigend ad acta gelegt worden – und zwar durch einen Akt des feierlichen Lehramtes eines Ökumenischen Konzils.

Glaubenstreue, Tradition und politische Moderne

Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche von einem jahrhundertelangen historischen Ballast befreit, der seinen Ursprung nicht in der Überlieferung der Apostel und im depositum fidei besitzt, sondern in konkreten historischen Entscheidungen der nachkonstantinischen Epoche der Christenheit. Sie kristallisierten sich schließlich in kirchenrechtlichen Traditionen und entsprechenden theologischen Interpretationen, mit deren Hilfe die Kirche gegenüber den immer wieder auftretenden Übergriffen weltlicher Mächte ihre Freiheit, die libertas ecclesiae zu verteidigen suchte (man denke etwa an die mittelalterliche Zweischwerterlehre, welche das damalige Verständnis der päpstlichen plenitudo potestatis theologisch und biblisch zu rechtfertigen suchte).

Doch solche Rechtstraditionen und die ihnen zugehörigen theologischen Formeln veränderten im Laufe der Geschichte ihre Funktion und ihren Gehalt. Im Gefolge und in der Tradition des neuzeitlichen konfessionellen Fürstenstaates waren sie im 19. Jahrhundert zur Rechtfertigung eines katholischen Idealstaates mutiert, in dem „Thron und Altar“ in enger Symbiose existierten und der „katholische Staatsmann“ eifrig für die „Rechte der Kirche“, nicht aber für das Recht der Bürger auf Religionsfreiheit eintrat. Mit dieser zum Klerikalismus und einer klerikalen Gesellschaft führenden Symbiose und Einseitigkeit wurde nicht selten das eigentliche Antlitz der Kirche verdunkelt.

Das Zweite Vatikanische Konzil hat hier einen epochalen Schritt gewagt. Durch die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit tritt gerade die Identität der Kirche Jesu Christi klarer hervor und wird auch verdeutlicht, wie trotz aller geschichtlicher Diskontinuitäten das kirchliche Lehramt in Sachen des Glaubens und der katholischen Moral eine Kontinuität besitzt, die auch die Grundlage und das stärkstes Argument für seine mögliche Unfehlbarkeit bildet.

Gegenüber jenen, die – wie die Traditionalisten um die Piusbruderschaft von Erzbischof Lefebvre – in der Kirche des Zweiten Vatikanums nicht mehr „dieselbe eine, heilige, katholische und apostolische Kirche“ der Tradition zu erblicken vermögen, ja von einem verderblichen Bruch mit der Vergangenheit sprechen, ist zu sagen: Hier liegt in der Tat ein unversöhnlicher Gegensatz im Kirchenverständnis, aber auch im Verständnis des Staates und seiner Aufgaben vor. Deshalb werden jene Traditionalisten, denen „Tradition als solche“ und „kirchliche Traditionen“ wichtiger sind als die letztlich allein maßgebende apostolische Tradition10, Vermittlungsversuche wie die früher genannten kaum  akzeptieren, da diese ja am eigentlichen Kern des Problems, der nun einmal tatsächlich existierenden  Diskontinuität vorbeigehen.

In einer im Internet publizierten Reaktion zu Robert Spaemanns11 und meinen Äußerungen zum Thema Religionsfreiheit zitiert P. Matthias Gaudron von der Piusbruderschaft meine Aussage „Es gibt keine überzeitliche, dogmatische katholische Glaubenslehre über den Staat und kann auch keine geben“ und bemerkt dazu: „Damit wäre aber auch die neue Lehre des Vatikanum II nicht dogmatisch, sondern wiederum veränderlich. Also kann auch niemand der Piusbruderschaft vorwerfen, daß sie an dieser Lehre Kritik übt“.12 In der Tat, die Lehre des Zweiten Vatikanums über die Religionsfreiheit als bürgerliches Recht ist als solches sicher nicht dogmatischer Natur. Dennoch ist sie feierliche Lehre eines Ökumenischen Konzils, und als solche muß sie (nicht weniger, sondern eher mehr als seinerzeit die Verurteilungen Pius‘ IX.) von den Gläubigen auch mit religiösem Gehorsam angenommen werden. Sie kann nicht Rechtfertigungsgrund für eine Abspaltung von der Kirche sein. Zweitens: Die traditionalistische Position besteht nicht nur darin, daß man diese Lehre kritisieren dürfe, sondern daß sie häretisch sei, Apostasie von der wahren Kirche bedeute und deshalb die Kirche des Zweiten Vatikanums eben nicht mehr die wahre Kirche Jesu Christi sei. Deshalb geht auch P. Gaudrons Argumentation am Problem vorbei, wenn er weiter schreibt: „Es muß also gestattet sein, auch innerkirchlich eine Lehre zu kritisieren, die im Widerspruch zu den gesamten vorherigen Lehraussagen der Kirche steht und gegen die man auch von einem staatsrechtlichen und politischen Standpunkt gewichtige Einwände vorbringen kann. Es besteht hier ein Recht auf eine abweichende Meinung …“.

Ich halte diese Aussage für unehrlich, denn das Problem ist nicht, daß die Anhänger der Piusbruderschaft die Lehre des Konzils „kritisieren“, sondern daß sie behaupten, die traditionelle Auffassung des Staates und der Beziehungen zwischen Staat und Kirche – insbesondere der Staat habe die Pflicht, die katholische Religion zu fördern und die Verbreitung anderer Religionen nach Möglichkeit mit Zwangsmitteln zu unterbinden sowie die daraus sich ergebende Verurteilung eines bürgerlichen Rechts auf Religions- und Kultusfreiheit – sei Bestandteil der katholischen Glaubenslehre, durch die Aufgabe dieser Auffassung sei  Christus „entthront“ worden und habe man seine Kirche verraten; und deshalb bedeute das liberale Prinzip der Religionsfreiheit Apostasie, sei die Kirche des Zweiten Vatikanums auch nicht mehr die wahre katholische Kirche und seien die letztlich schismatischen Bischofsweihen von 1988 gerechtfertigt.13

Das Zweite Vatikanische Konzil stellt uns in der Tat vor eine Wahl: die Wahl einer Kirche, die sich, ihre Wahrheit und ihre pastorale Aufgabe mit den Mitteln weltlicher Gewalt zu behaupten und durchzusetzen versucht; oder eine Kirche, die – wofür Dignitatis humanae plädiert – anerkennt, daß „die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst“ erhebt, „die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt“ (Nr. 1). Das sind nicht im dogmatischen und verfassungsmäßigen Sinne zwei verschiedene Kirchen, wohl aber zwei Kirchen, die ihr Verhältnis zur Welt und den irdischen Ordnungen in unterschiedlicher Weise verstehen. Das Zweite Vatikanum enthält kein Plädoyer für einen strikt laizistischen Staat – im Sinne der französischen laïcité – oder die Verbannung der Religion in die Privatsphäre, wohl aber für eine Kirche, die nicht mehr beansprucht, die Königsherrschaft Christi durch den staatlichen Machtapparat durchsetzen zu wollen und deshalb auch den modernen, säkularen – nicht militant laizistischen – Staat und seine politische Laizität anerkennt.

Dies genau ist die Perspektive des Zweiten Vatikanums. Sie wurde in der Lehrmäßigen Note zu einigen Fragen über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben der Kongregation für die Glaubenslehre vom 21.11.2002 bestätigt, wo es (in Nr. 6) heißt, „die Laizität verstanden als Autonomie der zivilen und politischen Sphäre gegenüber der religiösen und kirchlichen“ sei für die katholische Morallehre „ein von der Kirche akzeptierter und anerkannter Wert, der zu den Errungenschaften der Zivilisation gehört.“ Der Staat sei zwar nicht moralisch autonom – er muß sehr wohl grundlegenden und objektiven moralischen Kriterien genügen –, wohl aber ist er keiner religiösen Wahrheit oder wahren Kirche in besonderer Weise, also prinzipiell mehr als anderen religiösen Bekenntnissen und Gemeinschaften, verpflichtet. Er erklärt sich als Staat und öffentliche Zwangsordnung bezüglich des Urteils über religiöse Wahrheitsfragen oder entsprechende Privilegierungen für nicht zuständig. Seine Aufgabe und seine Ziele sind anderer Art, auch wenn das nicht heißt, daß ihn das religiöse Leben der Bürger nichts angeht oder er nicht eine bestimmte Religion, die in der Tradition einer Nation verankert ist, als entsprechende Wirklichkeit der Kultur und des öffentlichen Lebens anerkennt. Doch was immer hier getan wird, richtet sich letztlich nach politischen Grundsätzen der Gerechtigkeit und Gleichheit aller Bekenntnisse und gleichen Rechte aller Personen. „Demnach muß die staatliche Gewalt, deren Wesenszweck in der Sorge für das zeitliche Gemeinwohl besteht, das religiöse Leben der Bürger nur anerkennen und begünstigen, sie würde aber, wie hier betont werden muß, ihre Grenzen überschreiten, wenn sie so weit ginge, religiöse Akte zu bestimmen oder zu verhindern“ (Dignitatis humanae Nr. 3).

Aufgabe der Verkündigung des Evangeliums durch die Kirche und des darauf gegründeten Apostolates der christlichen Gläubigen ist es, die Strukturen der Gesellschaft mit dem Geist Christi zu durchdringen und auf diese Weise der Königsherrschaft Christi zum Durchbruch zu verhelfen. Das soziale Königtum Christi beginnt nicht im staatlichen Bekenntnis zur wahren Religion, sondern durch die Verkündigung der Kirche in den Herzen der Menschen, soll aber gerade durch das apostolische Wirken der gewöhnlichen Gläubigen in Freiheit und auf friedliche Weise die ganze menschliche Gesellschaft und all ihre Strukturen und  Lebenswirklichkeiten durchdringen.

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Anmerkungen 

* Zum Thema vgl. auch das Buch des Verfassers: Verwandlung der Welt, Adamas Verlag, Köln 2006 (vor allem Kapitel 4).

1) So argumentieren auch heute noch Vertreter der Piusbruderschaft; vgl. etwa P. Matthias Gaudron, Die Religionsfreiheit. Das wahre Verhältnis von Kirche und Staat, in: Civitas. Zeitschrift für das christliche Gemeinwesen, 10/2010, S. 1-19; bes. S. 2

2) So etwa H. Klueting in „Die Tagespost“ vom 30.5.2009, S. 18

3) Vgl. sein Leserbrief in „Die Tagespost“ vom 6.6.2009. Ausführlicher in seinem Artikel: Die Religionsfreiheit, a.a.O., S. 4 f.

4) Ebd. 4.

5) La Liberté religieuse et la tradition catholique, Le Barroux 1998, 3 Bände.

6) Liberté religieuse et règne du Christ, Édition du Cerf, Paris 1988.

7) Vgl. dazu besonders klar: Ernst-Wolfgang Böckenförde, Religionsfreiheit. Die Kirche in der modernen Welt (Schriften zu Staat – Gesellschaft – Kirche, Band 3), Freiburg i. Br. 1990, S. 15-70.

8) Martin Rhonheimer, Cristianesimo e laicità: storia ed attualità di un rapporto complesso, in Pierpaolo Donati (Hg.), Laicità: la ricerca dell’universale nella differenza, Il Mulino, Bologna, 2008, S. 27-138. Eine völlig neu bearbeitete und stark erweiterte deutsche Version erscheint voraussichtlich unter dem Titel „Christentum und säkularer Staat. Geschichte – Gegenwart – Zukunft“ bei Herder, Freiburg i. Br. 2012.

9) Vgl. dazu das klassische Werk von H. X. Arquillière, L’augustinisme politique. Essai sur la formation des théories politiques du Moyen-Age, 2. Aufl., Paris 1955.

10) Zum Unterschied vgl. Katechismus der Katholischen Kirche Nr. 83 und weiter: Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution Dei Verbum über die göttliche Offenbarung.

11) Legitimer Wandel der Lehre, in F.A.Z. 1.10.2009, Nr. 228, S. 7

12) „Sie haben ihn entthront! Eine Antwort von Pater Matthias Gaudron zur Diskussion um die Religionsfreiheit“ (Donnerstag, 26. November 2009), publiziert auf piusbruderschaft.de.

13) Vgl. auch Mgr. Marcel Lefebvre, Ils l’ont découronné. Du libéralisme à l’apostasie.  La tragédie conciliaire, Editions Fideliter, Escurolles 1987. – In einem ähnlichen Artikel, der unter dem Titel: „L’‘herméneutique de la réforme‘ et la liberté de religion“ in der Zeitschrift „Nova et Vetera“, 85, 4 (2010), S. 341-363, erschienen ist, schrieb ich ebenfalls (auf S. 361), Traditionalisten betrachteten die Lehre von „Dignitatis humanae“ als häretisch. Dagegen verwahrte sich P. Matthias Gaudron: Dies sei nicht die Position der Piusbruderschaft, sondern jene der sog. „Sedisvakantisten“; nur sie würden bei der Lehre von der Religionsfreiheit von Häresie sprechen (vgl. seinen Artikel vom 18. Mai 2011:„Religionsfreiheit und Unfehlbarkeit der Kirche“, auf www.piusbruderschaft.de). Für P. Gaudron ist die Lehre des Konzils nicht ein Verstoß gegen die Glaubenslehre, sondern nur gegen eine theologische sententia certa. Diese Präzisierung ist an sich signifikant und ich würde sie gerne gelten lassen, wenn nicht erhebliche Zweifel blieben, ob hier mit offenen Karten gespielt wird. Wie Mgr. Lefebvre, so beruft sich auch P. Gaudron (vgl. Gaudron, Die Religionsfreiheit, a.a.O. S. 7) auf Pius’ VII. Post tam diurnitas, wo gesagt wird, das Recht auf Kultusfreiheit bedeute Gleichwertigkeit aller Religionen (also Indifferentismus) und das sei „implizit die unheilvolle und auf immer beklagenswerte Häresie, die der hl. Augustinus mit folgenden Worten erwähnt: ‚Sie behaupten, daß alle Häretiker auf dem guten Wege sind und die Wahrheit sagen (…)‘.“ Wenn also Pius IX. in Quanta cura die Ansicht der katholischen Liberalen um Montalembert verurteilt: „Der beste Zustand der Gesellschaft sei, der Staatsgewalt nicht die Verpflichtung zuzuerkennen, durch gesetzlich festgelegte Strafen die Übeltäter und Entehrer der katholischen Religion in Schranken zu halten, außer wenn die öffentliche Ruhe dies erfordern sollte“ und hinzufügt, diese Auffassung stehe „im Gegensatz zur Lehre der Heiligen Schrift, der Kirche und der heiligen Väter“, so ist damit eben, wie schon bei Pius VII., gemeint, eine solche Auffassung impliziere, wie Pius VII. sich ausgedrückt hatte, „die Kirche, außerhalb derer es kein  Heil  geben kann auf eine Stufe mit den häretischen Sekten und sogar mit der jüdischen Treulosigkeit“ zu stellen. Das ist der entscheidende Punkt, dem P. Gaudron hier aus dem Weg zu gehen scheint: die traditionelle Koppelung von Religionsfreiheit und Indifferentismus, womit eben die Behauptung eines Rechts auf Religionsfreiheit notwendig die Gleichwertigkeit aller Religionen implizierte und damit implizit „im Gegensatz zur Lehre der Heiligen Schrift, der Kirche und der heiligen Väter“ zu stehen kam, also als häretisch betrachtet werden mußte. Genau diese Koppelung wurde vom Zweiten Vatikanum aufgelöst;  damit bleibt Häresie, was die Päpste des 19. Jahrhunderts also solche gebrandmarkt hatten: der religiöse Indifferentismus. Die Religionsfreiheit selbst als bürgerliches Recht ist nun jedoch von diesem Verdikt nicht mehr betroffen. Da jedoch die Anhänger von Mgr. Lefebvre aufgrund ihres Kirchen- und Staatsverständnisses gerade diese Entkoppelung ablehnen, muß ihnen, wollen sie ihre eigene Position nicht verharmlosen, die Lehre des Zweiten Vatikanums zumindest in ihren Implikationen als häretisch erscheinen. Zu bedenken ist auch, daß in den Vorarbeiten zur Enzyklika Quanta cura deren Hauptverfasser, der Konsultor des Heiligen Offiziums P. Luigi Bilio, den von Montalembert vertretenen Satz „L’Église n’a pas le droit de réprimer les violateurs de ses lois par des peines temporelles“ als häretisch klassifizierte. Gerade diese Auffassung Montalemberts ist es jedoch, die Pius IX. in Quanta cura anvisiert (s. obiges Zitat); vgl. zu diesem Thema die ausgezeichnet dokumentierte Studie von Bernard Lucien, Grégoire XVI, Pie IX et Vatican II. Études sur la Liberté religieuse dans la doctrine catholique, Éditions Forts dans la foi, Tours, 1990, 185 (der Autor ist selbst Traditionalist und Gegner der Lehre des Zweiten Vatikanums). Zum Kern der traditionellen Lehre gehört eben gerade die Behauptung, der Kirche stehe von ihrem Wesen her das Recht zu, in religiösen Dingen und zum Heil der Seelen auch weltliche, und das heißt heute: staatliche Zwangsmittel einzusetzen. Mgr. Lefebvre betonte diesen Punkt explizit (vgl. M. Lefebvre, Ils l’ont découronné, a.a.O. S. 76). Es bleibt deshalb zu fragen, wie P. Gaudron der Konsequenz entgehen kann,  die  Lehre des Zweiten Vatikanums als zumindest impliziten Verstoß gegen die katholische Glaubenslehre zu betrachten. Weiter muß er sich fragen lassen, wie er den schismatischen Akt der Bischofsweihen von 1988 mit dem Verstoß des Zweiten Vatikanums gegen eine bloße theologische sententia certa rechtfertigen will. Gemeinsam mit Mgr. Lefebvre, dem Gründer der Piusbruderschaft, müßte er doch viel eher der Ansicht sein, daß diese Lehre  die „Häresie des Liberalismus“ und eine generelle Apostasie der Kirche und der Gesellschaft von Jesus Christus impliziere und damit letztlich das Ganze des katholischen Glaubens aufs Spiel setze (vgl. Lefebvre, Ils l’ont découronné, a.a.O.). Falls es P. Gaudron jedoch nur darum ginge, die integristische Auffassung, der  Staat habe die Aufgabe und  das Recht, zum Heil der Seelen Zwang in religiösen Dingen auszuüben,  gegenüber  der Idee des säkularen, konfessionsneutralen Staates zu verteidigen, so handelte es sich dabei letztlich um eine, wenn auch theologisch begründete, politische Position, die ich nicht als häretisch, wohl aber als anachronistisch und bedauernswert bezeichnen würde.

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Prof. Dr. Martin Rhonheimer lehrt Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom. Er ist Priester der Prälatur Opus Dei.

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Quelle