„Worte verwehen, Bilder bleiben“: Omnis Terra – ein neues Fest für das heilige Schweißtuch

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Monsignore Americo Ciani in Manoppello. Foto: CNA/Paul Badde

Nach über 300 Jahren ist am 15. Januar in Manoppello erstmals ein neues Fest eingeführt worden und eine neue Prozession – und ein  Segen mit dem Heiligen Schweißtuch. Pikant: Für die Zelebration war ein prominenter Kanoniker aus Sankt Peter in Rom nach Manoppello gekommen.

Der Himmel hatte ein Fenster geöffnet für dieses  neue Fest,  zumindest die Wolken – und Petrus und der Erzengel Michael – anders lässt es sich kaum sagen. Tage lang hatte es geschneit in den Abruzzen. Beim Heiligtum des Heiligen Gesichts lag der Schnee am letzten Mittwoch noch einen halben Meter hoch. Dann kam Wind auf und trocknete  den Schnee weg. Am Freitag erschien ein Regenbogen über der Basilika.  Am Samstag leuchtete der Ort im klarsten Winterlicht. Am Sonntag schließlich kamen die Wolken zurück, doch das Klima war perfekt, als Pater Paolo das Reliquar nach dem feierlichen Hochamt aus seinem Schrein über dem Tabernakel herab trug und auf dem Altar absetzte für eine völlig neue Liturgie der Verehrung, wie sie der heilige Schleier hier noch nie erlebt hatte.

Aus Palermo war der alte Jesuitenpater Pfeiffer durch den Winter herbei geeilt, der den hauchfeinen Bildschleier in diesem abgelegenen Kirchlein vor Jahrzehnten mit dem legendären Schleier der Veronika aus der alten Petersbasilika identifiziert hat. Natürlich war Schwester Blandina Schlömer zugegen, die ihn darauf gebracht hatte. Aus Rom war Don Americo Ciani nach Manoppello gekommen, um der Feier vorzustehen. Der Kanoniker des Petersdoms  ist mit dem Reliquar aus dem Vatikan  bestens vertraut, das dort seit der Regierungszeit Papst Urban VIII (1623 – 1644) dieses Original ersetzt – freilich ohne dass dies jemals vom Erzpriester des Petersdoms oder einem seiner Kanoniker offiziell eingeräumt worden wäre.

Eigentlich ein Konflikt der Ansprüche, könnte man meinen. An diesem Tag löste er sich in Wohlgefallen an dem Antlitz Gottes auf. Würdiger hätte der Schleier auch im Petersdom nicht verehrt werden können. Weihrauch, Kerzen, ein wundervoller Chor unter dem Maestro Nicola Costantini, für eine neue Liturgie des großen Segens; es fehlte an nichts.

Das neue Fest ist eine Schöpfung des Kapuzinerpaters Carmine Cucinelli, des Rektors der Basilika, der Monsignor Ciani nun am 15. Januar einen Zugang zu dem Sanctum Sudarium bereitete, von dem selbst Papst Benedikt XVI bei seinem Besuch hier am 1. Septembers 2006 nur hätte träumen können.

Pater Carmine hatte entschieden, am Sonntag „Omnis Terra“, dem zweiten Sonntag nach dm Fest der Epiphanie,  in Manoppello an die erste Prozession Papst Innozenz III. im Jahr 1208 wieder anzuknüpfen – und an die erste feierliche Erinnerung dieser Prozession  im letzten „Jahr der Barmherzigkeit“, als er mit Manoppelleser Bürgern und den Erzbischöfen Gänswein und Farhat in den Basiliken von Sankt Peter und Santo Spirito in Sassia am 16. und 17. Januar 2016 denselben  Sonntag erstmals wieder zum Lob des menschlichen Gesichtes Gottes feierte, das sich seit 2000 Jahren auf geheimnisvolle Weise in diesem Sanctum Sudarium findet, das im 1. Jahrtausend in Byzanz als „Mandylion“ verehrt wurde.

Ein Anlass kam noch dazu. Zur bislang letzten Änderung des Festkalenders von Manoppello kam es, als Bürger  des Städtchens Anfang des 18. Jahrhunderts die Kapuziner nach einer Serie von Erdbeben baten, zu dem ersten Fest des Antlitzes am Tag der Verklärung Christi am 6. August (mit einer kleinen Prozession)  noch ein zweites Fest mit einer längeren Prozession einzuführen.

So geschah es erstmals im Jahr 1712 – vor über dreihundert Jahren – als der dritte Sonntag im Mai als zweiter Festtag eingeführt wurde, der für lange Zeit an zwei Tagen im Mai die meiste Aufmerksamkeit auf die verborgene Reliquie lenkte, die den Rest des Jahres weggeschlossen war. Nun hat die letzte Serie von Erdbeben in Italien – und die Sorge vor noch größeren Naturkatastrophen – den Rektor bewogen, dieses dritte Fest einzuführen.

Monsignor Americo Ciano (* 1935) aus Bellegra im Latium war 14  Jahre lang Sekretär der Apostolischen Bibliothek des Vatikans, 14 Jahre lang Professor für katechetische Unterweisung an der Lateran-Universität und der Urbaniana – und elf Jahre lang Richter des „Apostolischen Tribunals“ der „Rota Romana“. Weltweit am  bekanntesten wurde er allerdings, als er vor zwei Jahren Willy Herteleer, einen auf der Straße gestorbenen flämischen Vagabunden,  mit allen Ehren auf dem ehrwürdigen Campo Santo Teutonico zwischen Fürsten und Dichtern beerdigte.

Pater Carmine stellte ihn nun als den „Sakristan der Veronika des Vatikans“ vor,  der dort mit dem kostbaren Reliquiar Papst Urban VIII. schon sehr oft die Gläubigen von Sankt Peter am Passionssonntag gesegnet hat, der nun erstmals die unverhüllt wahre Ikone, quasi als „nacktes Gesicht“, zu den Gläubigen trug und auf den Vorplatz der Basilika, wo er die Stadt und das Land  und alle Städte  von Jerusalem bis Rom mit dem Gesicht Christi segnete.

Ein Gebet Pater Carmines für alle Opfer der Erdbeben hatte die Prozession eingeleitet und eine neue Litanei des Heiligen Gesichts der deutschen Schwester Petra-Maria Steiner. Zuvor hatte  Mons. Ciani In seiner Predigt wie selbstverständlich von dem Sanctum Sudarium und dem Mandylion gesprochen und räumte nachher in einem Interview freimütig ein, dass der heilige Schleier im Sacco di Roma 1527 aus dem Petersdom verschwunden sei – ein höchst eifersüchtig gehütetes Geheimnis. „Worte verwehen, Bilder bleiben“ hieß es lakonisch in seiner Predigt.

Am Abend des selben Tages war Manoppello wieder unter Schnee begraben, in der Nacht wurde die Autobahn nach Rom gesperrt. Am Montag fiel der Strom und die Heizung in dem Konvent der Basilika aus. Pater Pfeiffer konnte bislang nicht nach Palermo zurück kehren. Geblieben ist das bisher intimste Fest des heiligen Schweißtuchs, das von nun an Jahr für Jahr neue  Fotos und Filmaufnahmen des wertvollsten Bildes der Welt generieren wird, mit dem die Erde bis an ihre Enden (omnis terra) am Sonntag wieder erstmals seit Jahrhunderten gesegnet wurde.

Hört der Streit um das nicht von Menschenhand geschaffene „Bild“ vom Antlitz Christi damit nun auf? Das wohl eher nicht. Es hat erwiesener Maßen keinerlei Farbspuren. Dennoch ist erst vor Monaten in Deutschland ein fußnotenstarker professoraler Wälzer erschienen, in denen wieder einmal nachgewiesen werden soll, dass es sich bei dem „volto santo“ um eine „mittelalterliche Tüchlein-Malerei“ handeln soll – obwohl eine Reihe der maßgeblichen Autoren des Werkes die wahre Ikone von Manoppello niemals mit eigenen Augen gesehen haben.

Wen soll es wundern? Während diese Zeilen erstmals im Netz erscheinen, zittert die Erde wieder mit der Stärke 5.3 in Mittelitalien, dass sogar in Rom die Häuser  wackeln. „Vor dem Herrn erbebe, du Erde, / vor dem Antlitz des Gottes Jakobs,“ heißt es im Psalm 114, der jedes Jahr in der ganzen jüdischen Welt am Seder gebetet und gesungen wird, das heißt am Vorabend des Pessach-Festes vom „Vorübergang des Herrn“.

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Quelle

Papst bekam Reliquie des Schweizer Nationalheiligen

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Bischof Vitus Hounder war am vergangenen Samstag beim Papst

Der Churer Bischof Vitus Huonder hat am Samstag Papst Franziskus eine Reliquie des Heiligen Niklaus von Flüe – „Bruder Klaus“ – überreicht. „Der Papst hat sich sehr über das Geschenk gefreut und die Reliquie sogleich geküsst“, teilte Bischofssprecher Giuseppe Gracia auf Anfrage mit. Bei der Reliquie handle es sich um einen Knochen vom Gebein des Heiligen. Dieses habe zum Bestand des Ordinariats gehört, über das der Bischof verfügen könne, so Gracia weiter. Über den Inhalt des Gesprächs dürfe er keine Auskunft geben.

Franziskus empfing Huonder an seinem 80. Geburtstag. Ob es bei einem Gespräch unter vier Augen auch um die Nachfolgeregelung des Bischofs, der im April 75 wird, ging, wollte der Medienbeauftragte der Diözese nicht kommentieren. Die Katholiken der Schweiz begehen im kommenden Jahr ein Bruder-Klaus-Jubiläumsjahr. Niklaus von Flüe wurde 1417 in Flüeli-Ranft geboren. Im Alter von 30 Jahren heiratete er Dorothea Wyss, die halb so alt war wie er. Das Ehepaar hatte zehn Kinder, fünf Jungen und fünf Mädchen. Niklaus von Flüe war Bauer, Ratsherr in Obwalden und Richter seiner Gemeinde.

Nach einer inneren Krise legte er 1467 alle Ämter nieder und verließ seine Familie, um auf Pilgerschaft zu gehen. Der Überlieferung nach geschah dies mit dem Einverständnis seiner Familie. Die Legende erzählt, dass er in Liestal eine Vision hatte, die ihn an seinen Wohnort zurückschickte. Er ließ sich daraufhin in der Ranftschlucht, nur wenige hundert Meter vom Wohnhaus seiner Familie entfernt, nieder. Die Bevölkerung baute ihm hier eine Klause direkt an eine Kapelle.

Der Eremit nannte sich fortan Bruder Klaus und führte ein Leben des Gebets. Er soll sich nur von der Heiligen Kommunion ernährt haben. Menschen von nah und fern suchten seinen Rat. 1481 führte eine durch einen Pfarrer überbrachte Botschaft von Bruder Klaus an eine Ratsversammlung in Stans zum Frieden unter den Eidgenossen.

1487 starb Niklaus von Flüe. Sein Grab befindet sich in der Pfarrkirche in Sachseln. Im Jahr 1947 wurde er heiliggesprochen.

(kap 19.12.2016 pdy)

Die eigenartige Geschichte von Pater Suitbert Mollinger und 5.000 Reliquien

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Besucher sprechen oft von einer „Präsenz“, die zu spüren sei: Die Antoniuskapelle in Pittsburgh ist bis unter die Decke gefüllt mit Reliquien der Heiligen und sakraler Gegenstände. Foto: CNA/Adelaide Mena

Wie die weltgrößte Sammlung von Reliquien außerhalb des Vatikans
in einem Vorort von Pittsburgh landete

Eingebettet in einem verschlafenen Viertel inmitten der Hügel über Pittsburgh liegt ein kleines Kirchlein. Im Inneren der St. Antonius Kapelle befinden sich ein Stück der Dornenkrone, ein Zahn des Heiligen Antonius von Padua und mehr als 5.000 weitere geprüfte Reliquien von Heiligen aus der ganzen Welt.

In der Tat haben diese Reliquien, die Fragmente der Körper und die Fetzen der Habseligkeiten von unzähligen Heiligen, auch noch lange nach dem Tod der Heiligen irdische Abenteuer durchlebt.

Viele der Reliquien sind um die ganze Welt gereist, um Krieg, Beschlagnahmung und Schändung zu entkommen und um schließlich in die sicheren Händen eines in Belgien geborenen Arztes und Priesters, Pater Suitbert Mollinger, zu gelangen, der diese Kapelle gegründet hat. Heute ist sie mit der größten Reliquiensammlung außerhalb Roms bestückt.

„Nun ja, Pater Suitbert Mollinger hatte ein ungewöhnliches Hobby, indem er es mochte, Reliquien der Heiligen zu sammeln“, so Carole Brückner, Vorsitzende des Ausschusses der St. Antonius-Kapelle, gegenüber der CNA.

Inmitten der politischen und sozialen Unruhen, die Europa gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebte, war dieses neugierige Hobby entscheidend um Reliquien vom ganzen Kontinent zu retten.

Seit dem zweiten Jahrhundert verehren Katholiken Reliquien von Heiligen; entweder Stücke ihrer Körperteile oder geschätzten Habseligkeiten der heiligen Männer und Frauen. Während Theologen und kirchliche Dokumente klarstellen, dass Reliquien nicht angebetet werden dürfen und auch keine magischen Kräfte  in sich tragen, betont die Lehre, dass Reliquien mit Respekt behandelt werden müssten, da sie zu Menschen gehören, die nun im Himmel seien.

Während Reliquien an und für sich keine Macht haben, könne Gott weiterhin in der Gegenwart des Körpers eines Heiligen auch nach dem Tod noch Wunder geschehen lassen – so lehrt es die Kirche. Reliquien befinden sich in oder unterhalb von vielen katholischen Altären.

Aufgrund ihrer hohen Stellung bei katholischer Liturgie und Anbetung wurden Reliquien zum Ziel der antikatholischen Verfolgung in Europa – auch und gerade in Deutschland, wo bis heute Vorurteile zur Kultur gehören.

„In einem gewissen Sinn war es damals eine sehr chaotische Zeit für die Katholiken, weil die Menschen um Gebiete und Länder kämpften“, sagte Brückner. Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts verschoben sich die politischen Grenzen – und auch religiöse Identitäten – in ganz Europa, als sich die modernen Nationalstaaten Deutschland, Italien, Frankreich und Belgien bildeten, als die Macht des Adels und der Kirche verebbte und weltliche Regierungen entstanden.

Viele Edelleute und Religiöse „waren besorgt, dass ihre Regierungen oder die Monarchien, in denen sie lebten, ihre Reliquien beschlagnahmen würden“, erklärte sie. In einigen Regionen, führte Brückner fort, hätten die Behörden „die Reliquien sogar entweiht und gelegentlich jemanden ins Gefängnis gesteckt, um eine Reliquie in ihren Besitz bringen.“

„Angesichts der Geschehnisse in Europa, war dies ein günstiger Zeitpunkt für den Pater, seine persönliche Sammlung von Überresten der Heiligen zu bereichern“, erklärte sie. Während es für Katholiken verboten ist, Reliquien zu verkaufen oder zu kaufen, bekam Pater Mollinger Reliquien von Freunden, die er aus seinem Heimatland Belgien oder von Reisen in die Niederlande, nach Italien oder anderswohin kannte.

„Oft hatten seine Freunde, die auch religiös waren, ihm wohl geschrieben mit der Bitte, ihre Reliquien an sich zu nehmen und sie sicher zu verwahren, bis die Situation in ihren Ländern oder Monarchien wieder stabil werden würde. Der Pater habe darauf stets mit „Ja“ geantwortet, erläuterte sie. „Er verfügte außerdem wohl über Agenten in ganz Europa, die für ihn auf der Suche nach Reliquien waren, denn im Grunde wollte sie retten, damit sie nicht von den Regierungen und Monarchen, die in Europa zu dieser Zeit existierten, zerstört werden würden.“

Zunächst behielt Pater Mollinger die wachsende Reliquiensammlung in seinem Pfarrhaus. Kranke und gläubige Katholiken hatten den Priester, der auch Arzt war,  wohl oft für körperliche und spirituelle Behandlungen besucht. Dann hatten „sie auch die Gelegenheit gehabt, die Reliquien zu verehren.“

Viele Pilger, sagte Brückner, „wurden von ihrer Anomalie oder Behinderung geheilt“ nachdem sie körperliche oder geistige Unterstützung in Anwesenheit der Reliquien erfahren hatten. Demgemäß „galt der Pater als Priester-Arzt-Heiler“, erklärte sie. Aufzeichnungen von Pittsburgher Lokalzeitungen aus der Zeit berichten von Pater Mollingers Behandlungen sowie von den Tausenden von Menschen, die zu ihm reisten, um die Reliquien zu verehren.

Pater Mollinger „dachte hingegen, dass die Reliquien in eine schöne Kirche gehören, sodass sie besuchen und verehren kann.“ Also errichtete er aus eigenen Mitteln eine Kapelle, um sie dort unterzubringen.

Der erste Teil des Baus wurde am Fest des Heiligen Antonius im Jahre 1883 fertig und beherbergt die Tausenden von Reliquien, die Pater Mollinger zu der Zeit gesammelt hatte. Der zweite Abschnitt wurde neun Jahre später (1892) –  ebenfalls am Fest des Heiligen Antonius – fertiggestellt. Dort befinden sich der Kreuzweg sowie weitere Reliquien, die nach der Errichtung der Kapelle gesammelt wurden. Pater Mollinger starb zwei Tage nachdem der letzte Teil des Kirchenbaus fertiggestellt war.

Unter den Reliquien befänden sich auch Splitter des Heiligen Kreuzes und der Martersäule; Steine aus dem Garten Gethsemane; ein Nagel, der Christus am Kreuz gehalten hat; Stoffteile der Kleidung von Jesus, Maria und Joseph; ein „Stück Knochen von allen Aposteln“; sowie Reliquien der Heiligen Therese von Liseux, der Heiligen Rose von Lima, der Heiligen Faustina und der Heiligen Kateri Tekawitha.

„Wenn ich die Namen aller Heiligen dort nennen würde, dann würden wir für immer hier stehen“, meinte Brückner. Die Echtheit fast aller Reliquien sei außerdem überprüft worden.

„Wenn eine Reliquie zu dieser Sammlung kommt, wird sie versiegelt und kann nie wieder geöffnet werden“, sagte Brückner und erklärte, dass die strengen Regeln der Kirche vor Manipulation und Fälschung der Reliquien schützen. „Um eine Reliquie zu verehren, benötigt man ein Dokument, das aus der Hierarchie der Kirche stammt. Dieses Dokument gibt an, wer der Heilige ist, was die Reliquie ist, und es bestätigt, dass die katholische Kirche Untersuchungen dazu angestellt, und dann können wir sagen, was die Reliquie ist.“

„So ein Echtheitszertifikat besitzen wir für fast alle unserer Reliquien hier in der Kapelle.“

Der Glaube an die Echtheit der Reliquien stützt sich auf das Vertrauen, dass „die katholische Kirche ihre Untersuchungen durchgeführt hat. Ich werde dem glauben, was die katholische Kirche sagt“, so Brückner. Auch die Besucher erleben noch dieselbe Präsenz, die schon von den ersten Pilgern zu der Reliquiensammlung dokumentiert wurde. „Oft wenn Menschen in diese Kapelle treten, sagen sie, dass sie tatsächlich eine gewisse Anwesenheit fühlen.“

„Ich sage immer, dass es so ist, wie einen kleinen Teil des Himmels zu betreten, denn man ist umgeben von so vielen Menschen, von denen unsere Kirche sagt, dass sie im Himmel sind“, bemerkte sie.

(Ursprünglich veröffentlicht am 28. Dezember 2015)

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Quelle

DIE DORNENKRONE IN DER KATHEDRALE NOTRE-DAME IN PARIS

Des chevaliers du Saint Sépulcre veillent sur la Sainte couronne d'Epines en la cathédrale Notre Dame de Paris. Paris (75), France.

Die Ritter vom Heiligen Grab wachen über die Heilige Dornenkrone in der Kathedrale Notre Dame von Paris. Paris (75), Frankreich.

Die Reliquien werden den Gläubigen an jedem ersten Freitag des Monats um 15 Uhr, der Sterbestunde Jesu Christi, gezeigt.

Siehe dazu diesen Artikel von ALETEIA in Französisch!

 

„Kein vom Menschen gemachtes Kunstwerk“

SINDONE

LA SANTA SINDONE, TORINO

Eigentlich hätte das weltberühmte Grabtuch von Turin 1898 endgültig auf der „Müllhalde der Fälschungen“ verschwinden sollen. Doch auf dem Negativ der Fotoplatte, die zur Dokumentation angefertigt worden war, zeigte sich Unglaubliches. Ein viel deutlicheres Gesicht war zu erkennen, ja, Abdrücke eines Gesichts, das den Betrachter mit seinem Blick zu durchdringen scheint. Für viele wurde es zum Antlitz Christi und prägte von da an zahlreiche ikonographische Darstellungen.

Heute ist das Turiner Grabtuch das meistuntersuchteste Objekt der Geschichte. Es ist „kein vom Menschen gemachtes Kunstwerk“, bekräftigt der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer. Alle Versuche, es als Fälschung zu entlarven, sind gescheitert und die Gründe, die für seine Authentizität sprechen, sind schlagkräftig: Kopfverletzungen durch eine Dornenkrone, hunderte Geiselhiebe auf dem Rücken, keine Verwesungsspuren des Leichnams und dennoch besteht wegen der nachweisbaren Totenstarre kein Zweifel am wahren Tod des Mannes – um nur einige der Kriterien zu nennen. „Zumindest gibt das Tuch zu denken“, sagt Bischof Voderholzer: „Wenn es echt ist, bezeugt es eine unglaubliche Hoffnung, die Hoffnung, die die Fastenzeit prägt und im Osterfest verkündigt wird.“

Eine Nachbildung des Tuches wird in den kommenden Wochen durch die gesamte Diözese reisen. Seine erste Station fand es in der Regensburger Kirche St. Andreas. Beim Gottesdienst zum Aschermittwoch der Künstlerinnen und Künstler stellte Bischof Voderholzer die Nachbildung zum ersten Mal vor. Den Mitfeiernden wurde das Aschekreuz als Zeichen der Vergänglichkeit auf die Stirn gelegt.

Ein Faksimile des Turiner Grabtuches reist durch das Bistum

Mit den Worten „Christus ist das Antlitz der Barmherzigkeit“ hat Papst Franziskus im Dezember das Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen. Dieses Antlitz Christi, das sich womöglich auf dem Grabtuch abbildet, wird bis zum Christkönigssonntag durch das Bistum Regensburg reisen und zwar in Form eines Faksimiles, das Bischof Rudolf Voderholzer erworben hat. Es kann zur Meditation und Bildungsarbeit verwendet werden und eignet sich wegen seiner Verbindung von Tod und Auferstehung besonders für die Vorbereitungszeit bis Ostern. Alle Pfarreien und Einrichtungen, wie beispielsweise Schulen, Orden oder Verbände, haben während dieser Zeit die Möglichkeit, das über vier Meter lange und einen Meter breite Faksimile zu buchen.

Musik und bildende Kunst von Menschenhand

Doch auch Kunst, die durch Menschen geschaffen wurde, gab es beim Aschermittwoch der Künstler natürlich reichlich. Den Gottesdienst gestalteten der Hochschulchor und die Instrumentalisten der Hochschule für Katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik. Pater Dr. Friedhelm Mennekes SJ, der im Anschluss zum Thema „Oh, mein Gott! Die Frage nach Gott in der zeitgenössischen Kunst“ sprach, zeigte sich von der musikalischen Gestaltung des Gottesdienstes ergriffen: „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich so etwas erleben darf.“ In seinem Vortrag beleuchtete er außergewöhnliche Kreuzesdarstellungen. Er betonte, dass Kunst schon immer voller Religion war und Künstler erstaunlich oft über eine hohe religiöse Kompetenz verfügen. Denn Religion habe wesentlich mit Ungestaltbarem zu tun, von dem die Kunst versucht, es darstellbar zu machen.

(Quelle: Webseite des Bistums Regensburg, 10.02.2016)

Die Reliquie des Seligen Papstes Paul VI.

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Papst Paul VI. am 27. November 1970 in Manila unmittelbar nach dem Mordversuch.

Nach der Seligsprechung Papst Pauls VI. wurde ein Reliquiar mit einem blutbefleckten Gewand des Seligen zum Altar gebracht. kath.net-Interview mit Ulrich Nersinger
Vatikan (kath.net) Am 19.10.2014 wurde der 1978 verstorbene Papst Paul VI. seliggesprochen. Während der Seligsprechung durch Papst Franzikus wurde ein Reliquiar (Foto) zum Altar gebracht. Der Historiker und Vatikankenner Ulrich Nersinger, der eine wichtige Biografie über den neuen Seligen geschrieben hat, erläutert gegenüber kath.net, woher diese Reliquie stammt.

kath.net: Herr Nersinger, woher stammt die Reliquie, die während der Seligsprechung auf dem Petersplatz ausgestellt wurde?

Ulrich Nersinger: Im November und Dezember 1970 hatte der neue Selige eine neuntägige Pastoralreise nach Asien und Australien unternommen. Unmittelbar nach der Landung auf dem Airport von Manila (Philippinen) stürmte der 35jährige bolivianische Kunstmaler Benjamin y Amor Flores auf den Papst zu und versuchte ihn zu erdolchen. Das Messer des Attentäters, der ein Priestergewand trug, traf Paul VI. zweimal, in der Brust und am Hals, zwar nur oberflächlich, aber doch so, dass die Wunden bluteten. Der Begleitung des Papstes gelang es, Mendoza niederzuringen.

Der Papst deutete sofort an, von dem Vorfall kein Aufhebens zu machen. Bei der anschließend zelebrierten Heiligen Messe verdeckten die liturgischen Gewänder die kleinen Verletzungen des Papstes.

Nach der Eucharistiefeier versorgte der mitgereiste päpstliche Leibarzt die beiden Wunden und gab seinem Patienten eine Tetanusspritze. Ein weiteres Mal gab der Heilige Vater den Umstehenden ein Zeichen, das Geschehene nicht publik zu machen.

kath.net: Doch die Nachricht drang dann doch an die Öffentlichkeit?

Nersinger: Ja, und zwar sehr schnell. Das italienische Parlament unterbrach sogar für kurze Zeit seine Sitzung. In Italien berichteten die Medien, der Privatsekretär Pauls VI., Don Pasquale Macchi, habe den Attentäter wie „ein Halbgewichtsboxer“ blockiert. Auf den Philippinen bemühte man sich, den dortigen Staatspräsidenten und den Erzbischof von Manila als Verhinderer des Anschlags darzustellen. In den USA sah man Monsignore Paul Casimir Marcinkus vom Päpstlichen Staatssekretariat als den Retter des Papstes; „ein Filipino war mit dem Messer auf Papst Paul VI. losgestürmt, Marcinkus, 1,94 Meter groß, ein Zentner schwer, hatte ihn einfach zu Boden gedrückt“ (The Washington Post). Als päpstlicher ‚Bodyguard’ war der „zupackende Amerikaner“, so eine italienische Zeitung, „fortan für die Auslandsreisen seines Chefs verantwortlich“.

kath.net: Wie stand der Papst selber zu dem Attentat?

Nersinger: Er war bemüht, es bis in die Bedeutungslosigkeit hinunterzuspielen. Gegenüber dem späteren Kurienkardinal Sergio Pignedoli zeigte sich der Papst vor allem über den Wettstreit seiner „Leibwächter“ amüsiert.

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Artikel auf http://www.kath.net/news/47986
20. Oktober 2014

kath.net-Buchtipp
Paul VI.
Ein Papst im Zeichen des Widerspruchs
Von Ulrich Nersinger
Taschenbuch, 140 Seiten
2014 Patrimonium
ISBN 978-3-86417-027-0
Preis 15.30 EUR

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Buchhandlung Christlicher Medienversand Christoph Hurnaus:
Für Bestellungen aus Österreich und Deutschland: buch@kath.net
Für Bestellungen aus der Schweiz: buch-schweiz@kath.net

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Siehe auch:

DAS GRABTUCH VON TURIN – DATEN, DIE FRAGEN AUFWERFEN

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Mehr als ein Jahrhundert wissenschaftlicher Forschung war nicht genug, um festzustellen, wie es zu dem Abdruck eines menschlichen Antlitzes auf dem Grabtuch kommen konnte.

Interview mit Emanuela Marinelli

von Pina Baglioni

„Mein wissenschaftliches Interesse am Grabtuch ist 1977 erwacht, als der Botanik-Experte Dr. Max Frei bekannt gab, darauf Pollenpartikel gefunden zu haben, die in Nahost, nicht aber in Europa vorkommen. Seit damals habe ich ca. 800 Bücher und Hunderte von Artikeln über das Grabtuch gesammelt (allein ca. 300 wissenschaftliche Artikel) und auch selbst viel darüber geschrieben.“ Die Naturwissenschaftlerin Emanuela Marinelli ist eine der namhaftesten Grabtuch-Expertinnen Italiens. Der resoluten Wissenschaftlerin haben wir viel Information über ein Thema zu verdanken, das es angesichts der vielen darüber existierenden, meist nur allzu voreingenommenen Amateurabhandlungen sicher nicht einfach macht, sich objektiv damit zu befassen.

Zu dem Turiner Leinen- oder Grabtuch wurden im letzten Jahrhundert zahlreiche Studien angestellt. Für das darauf erkennbare Bild (der Vorder- und Rückenansicht eines Mannes mit deutlich erkennbaren Wunden einer Kreuzigung) haben sich die verschiedensten Wissenschaftszweige interessiert, auch Geschichtsforschung und Archäologie. Vor allem eine Frage drängt sich immer wieder auf: wie ist dieser Abdruck entstanden? Bisher gibt es leider noch keine Antwort. Welche Daten kann man Ihrer Meinung nach als sicher betrachten?

EMANUELA MARINELLI: Das wissenschaftliche Interesse am Grabtuch ist Ende des 19. Jahrhunderts erwacht, genau genommen 1898, als die ersten, von Secondo Pia gemachten Fotografien deutlich zeigten, dass ein Teil der auf dem Leinentuch erkennbaren Abdrücke wie ein fotografisches Negativ aussahen. Ich sage „ein Teil der Abdrücke“, weil das auf den doppelten Abdruck (Vorder- und Rückenansicht) des Mannes zutrifft, dessen Wunden genauso sind wie die in den Evangelien beschriebenen des gekreuzigten Jesus, nicht aber auf die Flecken menschlichen Blutes, die das „Negativ“ an der Stelle der Wunden teilweise zu verdecken scheinen, und die ihren Abdruck in Wahrheit schon hinterlassen haben, noch bevor das Negativbild auf dem Grabtuch entstand.
Der erste, anhand verschiedener Studien als sicher erwiesene Umstand ist, dass die Rotfärbung der Leinenfasern an den Stellen, wo sich die Wunden befinden, von menschlichem Blut der Gruppe AB stammt. Dieses Resultat bestätigen nicht nur mikrospektroskopische Untersuchungen, sondern auch die Chromatographie und die Reaktionen auf Benzedrin. Außerdem wird die Rotfärbung der Fäden durch Proteasen vollkommen lysiert (also aufgelöst). Auch proteolytische Enzymtests haben gezeigt, dass es sich hier nicht um Farbstoffe handelt. In Höhe der Füße hat man ein rotes Blutkörperchen und einige menschliche Epidermiszellen entdecken können. Das Blut enthält die DNA eines Mannes. Die im Blut festgestellte große Menge Bilirubin zeugt von einem Menschen, der vor dem Tod ein starkes Trauma erlitten hat. Außerdem sind in vielen Gerinnseln deutliche Blutkomponenten der verschiedenen Gerinnungsphasen vorhanden: die Kruste (mit der Bildung von Fibrinbrücken durch Faktor XIII) und Serumexsudation. Abdrücke, die nur durch den direkten Kontakt des Leinstoffes mit einem Leichnam entstanden sein können. Die Serumränder sind zwar für das menschliche Auge nicht erkennbar, wohl aber unter ultraviolettem Licht. Das auf der verwundeten Haut geronnene Blut wurde durch Fibrinolyse auf den Stoff übertragen, ein Phänomen, das in den ersten 36 Stunden Kontakt eine teilweise Lyse (also Wiederauflösung) der Blutgerinnsel bewirkt.
Das „Negativ“ auf dem Grabtuch ist die Vorder- und Rückenansicht eines Mannes…

MARINELLI: Die dort erkennbare Abbildung eines Körpers ist auch heute noch wissenschaftlich schwer erklärbar. Allen wissenschaftlichen Versuchen zum Trotz (man muss auch sagen, dass einige davon trotz ihres offensichtlichen Fehlschlagens mit einer schier unglaublichen Hartnäckigkeit immer wieder veröffentlicht und verteidigt worden sind), ist es selbst den besten derzeit zur Verfügung stehenden Techniken nicht gelungen, das Bild auf dem Grabtuch detailgetreu nachzubilden. Es weist dreidimensionale Eigenschaften auf, ist ohne klare Demarkationslinien und hat sich mit großer Sicherheit nach der Ablagerung des Blutes auf dem Leinen gebildet, ist nämlich unter den Blutflecken nicht vorhanden. Die Gelbfärbung des Leinens – der wir das Bild als solches zu verdanken haben – betrifft nur die äußersten Fasern des Leintuchs. Der Abdruck auf der Rückseite wurde nicht von der Last des Körpergewichts beeinflusst. Mit Gewissheit lässt sich sagen, dass die Abbildung nicht gemalt ist: das Tuch weist keinerlei organisches oder anorganisches Pigment auf und seine durchscheinende gelbe Farbe ist nicht auf eine dort aufgetragene Substanz zurückzuführen, sondern auf die Dehydrierung und Oxydation der obersten Fibrillen. 25 verschiedene Arten von Lösungsmitteln, darunter Wasser, konnten dem Bild nichts anhaben, es nicht auslöschen. Wir können auch davon ausgehen, dass das Bild nicht durch Versengen zustande kam: es ist unmöglich, ein Bild mit den physischen und chemischen Merkmalen des Grabtuches herzustellen, auch nicht mit Hilfe eines heißen Flachreliefs.

Der Grabtuch-Stoff (A) im Vergleich mit ähnlichen ägyptischen Stoffen (B und C) aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.

Der Grabtuch-Stoff (A) im Vergleich mit ähnlichen ägyptischen Stoffen (B und C) aus dem 2. Jahrhundert n. Chr.

Man hat auch die Machart des Grabtuchs und die Substanzen untersucht, die sich im Laufe der Zeit darauf abgelagert haben. Zu welchen Schlüssen ist man dabei gekommen?

MARINELLI: Zur Machart des Grabtuchs lässt sich sagen, dass die Webart des Tuches ein drei-zu-eins-Fischgrätmuster ist, das an einem rudimentären Pedal-Webstuhl entstand und einige Webfehler und Überspringungen aufweist. Fischgrätmusterstoffe waren im 1. Jahrhundert n. Chr. im mesopotamischen oder syrischen Raum üblich. Viele im israelischen Masada gefundenen Stoffe wiesen eine besondere Seitennaht auf, die aussieht wie die auf dem Grabtuch – jene nämlich, die in der Zeit zwischen 40 v. Chr. und dem Fall von Masada (74 n. Chr.) typisch war. Auf dem Grabtuch findet sich eine ähnliche Saumnaht wie auf besagten Funden von Masada. Die Webtechnik und die Art des Stoffes legen also eine Datierung auf die Zeit Christi nahe. Die Maße des Leintuches (wenn man auch sagen muss, dass sich seine Dimensionen infolge der wiederholten Ausstellungen, des ständigen Zusammenrollens, Faltens, Auseinanderziehens und Zusammendrückens auch sehr verändert haben können) scheinen perfekt dem syrischen Ellenmaß zu entsprechen, einer im alten Israel gebräuchlichen Längenmaßeinheit. Andere Maßeinheiten passen weniger gut, und das gilt sowohl für das Gesamtmaß, als auch Längen- und Breitenmaße. Interessant ist auch der Verweis darauf, dass in den untersuchten Stoffteilen keine Faserspuren tierischer Herkunft gefunden wurden, was dem mosaischen Gesetz entspricht, das die Trennung von Wolle und Flachs verlangte, also keine Mischgewebe wollte (Dt 22, 11). Die einzigen (minimalen) anderen Faserspuren in dem Tuch sind Baumwollfasern des Typus Gossypium herbaceum, der zur Zeit Christi in Nahost üblich war.
Was nun die Substanzen angeht, die sich im Laufe der Zeit auf dem Tuch angesammelt haben, ist zu sagen, dass Erdpartikel entdeckt wurden, und zwar an den Stellen, wo sich auf dem Grabtuch die Fußabdrücke befinden. Diese Partikel enthalten Sprudelstein mit Strontium- und Eisenspuren – Partikel, die man auch in Proben aus der Grotte von Jerusalem gefunden hat. Auch Natron wurde gefunden (basisches Natriumhydrogenkarbonat), das wegen seiner wasserabsorbierenden Eigenschaft in Ägypten zur Einbalsamierung und in Palästina zur Entwässerung von Leichen herangezogen wurde. Auch Myrrhe- und Aloe-Spuren konnten auf dem Grabtuch entdeckt werden. Substanzen, die zur Zeit Christi in Palästina bei der Leichenbestattung üblich waren. Experimente haben gezeigt, dass sich die zackenförmig umrandeten Flecken, die Wasser auf dem Grabtuch hinterlässt, nur auf einem Stoff bilden, der zuvor mit Aloe und Myrrhe getränkt wurde. Die Analyse der auf dem Tuch entdeckten Pollen hat bestätigt, dass es in Palästina, Edessa und Konstantinopel ausgestellt war. Der Botaniker Max Frei konnte auf dem Grabtuch 58 verschiedene Arten von Pollen ausmachen; etwa dreißig stammen von Pflanzen, die nur in Palästina wachsen, nicht aber in Europa. Viele davon kommen in Jerusalem und Umgebung vor (darunterAcacia albida, die im Jordantal und rund ums Tote Meer vorkommt; Gundelia tournefortii, eine Pflanze, die auf steinigem oder salzhaltigem Boden wächst; Hyoscyamus aureus und Onosma orientalis, die man an der Mauer der Jerusalemer Altstadt findet; Prosopis farcta und Zygophyllum dumosum, typisch für das Gebiet rund ums Tote Meer; und die Wüstenpflanzen Haplophyllum tuberculatum undReaumuria hirtella). Die Feststellung weiterer 19 Pollen-Typen (insgesamt also 77) zeigt, dass das Grabtuch auch den Libanon bereist hat. Zwei der entdeckten Pollenarten gibt es weder in Europa noch in Palästina, eine dieser Spezies (Atraphaxis spinosa) kommt aber in Urfa (Edessa) vor, die andere (Epimedium pubigerum) in Istanbul (Konstantinopel).
Das alles scheint für die Theorie zu sprechen, dass das Grabtuch aus der Zeit Jesu stammt und die Überlieferung zu bestätigen, die das Grabtuch mit dem Mandylion identifiziert, dem Christus-Bild, das im Osten schon in den ersten Jahrhunderten des Christentums bekannt war. Und doch kam man 1988 in den Labors Tucson, Oxford und Zürich zu dem Schluss, dass das Tuch aus den Jahren 1260 – 1390 n. Chr. stammt. Was doch mit dem, was Sie soeben ausgeführt haben, überhaupt nicht zusammen passt!

MARINELLI: Da sprechen Sie einen sehr wichtigen Punkt an. Obwohl ich mich hauptsächlich mit Naturwissenschaften befasse habe ich nämlich, wie viele andere Gelehrte auch, den Eindruck, dass die historischen Fakten in Sachen Grabtuch nur allzu oft den wissenschaftlichen geopfert wurden. Letztere galten als absolut, die literarische Überlieferung (angefangen bei den Evangelien) dagegen als ebenso anfechtbar wie die archäologische, ikonographische, numismatische und archivarische. So hört man z. B. immer wieder, dass es vor dem Auftauchen des Grabtuchs in Frankreich dank dem Kreuzfahrer Geoffroy de Charny (Mitte des 14. Jahrhunderts) keinerlei Dokumente darüber gab. Einige meinen daraus ganz einfach schließen zu können, dass es auch zu jener Zeit entstanden ist und untermauern diesen Schluss mit einem Brief, den der Bischof von Troyes, Pierre d’Arcis, 1389 an Gegenpapst Clemens VII. geschrieben hat. Darin behauptet er, dass es sich bei dem Grabtuch um eine Fälschung handelt, ja dass sogar das Geständnis des Mannes vorliege, der es gemalt hat. Alle Grabtuch-Analysen schließen aber aus, dass es sich bei dem Bildnis um eine Zeichnung handelt: welchen Wert kann also ein Zeugnis haben, das so leicht widerlegt werden kann? Ich möchte hier nicht auf alle historischen und ikonographischen Indizien in Sachen Grabtuch eingehen, die sich auf die Zeit vor dem 14. Jahrhundert beziehen; sicher ist aber, dass spätestens seit dem 6. Jahrhundert ein Christus-Porträt bekannt war, das sehr an das auf dem Grabtuch erinnert. Die Untersuchung der Grabtuch-Falten erlaubt den Schluss, dass es eine Zeit lang gefaltet ausgestellt gewesen sein muss (so dass nur der Gesichtsabdruck erkennbar war); in der Folge dann vertikal aufgehängt war, also auch einen Teil des Körpers zeigend, im Stile der imago pietatis (der Darstellung des toten Christus, der aufrecht bis zur Taille sichtbar aus dem Grab hervorragt, eine Darstellung, die vielleicht auf diese bestimmte Art, das Grabtuch auszustellen, zurückgeht). Ganz zu schweigen von der Miniatur der Bestattung Christi, die wir in der Budapester Pray-Handschrift (1192-1195) finden und die eindeutig vom Grabtuch herrührt. Das Grabtuch wird dann noch 1204 von einem französischen Ritter erwähnt, Robert de Clari, der es während des 4. Kreuzzuges in Konstantinopel gesehen hat.
Wie kann die Radiokarbonmethode das Grabtuch also auf einen Zeitraum zwischen 1260 und 1390 datieren? Müssen wir annehmen, dass das echte Grabtuch verloren gegangen ist und es sich bei dem uns erhaltenen um eine Kopie davon handelt? Aber das stünde nicht nur im Widerspruch zu den größtenteils unumstößlichen Daten, die sich aus eben erwähnten Untersuchungen ergeben, sondern auch zu dem Umstand, dass nicht einmal die modernsten heutigen Technologien in der Lage wären, das Grabtuch-Bild detailgetreu nachzubilden.

Der Wissenschaftler Samuel F. Pellicori untersucht das Grabtuch mit einem Stereomikroskop.

Der Wissenschaftler Samuel F. Pellicori untersucht das Grabtuch mit einem Stereomikroskop.

Nicht nur die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern auch die anatomische Präzision des Mannes auf dem Grabtuch schließt also aus, dass es sich dabei um eine mittelalterliche Fälschung handelt. Man wusste damals ganz einfach noch nicht genug über den menschlichen Körper.

MARINELLI: Genau. Aber nicht nur das: die Grabtuch-Abbildung weist erstaunliche Spuren auf – Spuren, die deutlich darauf hinweisen, dass dieses Tuch tatsächlich den Leichnam eines Mann umhüllte, der auf dieselbe Weise gefoltert und getötet wurde wie es die Evangelien im Falle Jesu beschreiben.
Welche Spuren?

MARINELLI: Zunächst einmal wurde der Mann auf dem Grabtuch gegeißelt. Der ganze Leib, außer dem Brustbereich, wurde mit einem römischen flagrum taxillatum traktiert. Die Wunden wurden aus 2 verschiedenen Richtungen zugefügt, weshalb man davon ausgehen kann, dass er von 2 Männern gegeißelt wurde. Die Geißelung sollte nicht tödlich sein, sondern war nur als Züchtigung gedacht; sie war aber intensiver als das normale Vorspiel der Kreuzigung: auf dem Grabtuch kann man ca. 120 Schläge zählen statt der üblichen 21. Es handelte sich nicht um eine jüdische Geißelung, weil laut jüdischem Gesetz 39 Schläge nicht überschritten werden durften. Jeder Schlag führte aufgrund der Knochenteilchen an den drei Enden des flagrum zu sechs Blutergüssen. Eigentlich hätte die Freilassung folgen müssen, der Verurteilte aber wurde gekreuzigt (Ps 129, 3; Jes 50, 6; Mt 27, 26; Mk 15, 15; Lk 23, 25; Joh 19, 1). Dass die Geißelung nicht während des Tragens des patibulum erfolgt war, kann man daran sehen, dass dasflagrum auch in Schulterhöhe Spuren hinterlassen hat. Diese Wunden unterscheiden sich von denen auf dem restlichen Leib, weil auf ihnen deutliche Druckspuren erkennbar sind, die von einem schweren Gegenstand herrühren.
Der Mann auf dem Grabtuch wurde mit Dornen gekrönt: auf dem ganzen Kopf sind mehr als 50 Wunden zu sehen, die von spitzen Gegenständen zugefügt wurden. Man hatte eine Dornenhaube geflochten, die an die östlichen Königskronen erinnert – keinen Dornenkranz also, wie uns die abendländische Überlieferung glauben machen will (Mt 27, 29; Mk 15, 17; Joh 19, 2). Das 3-förmige Rinnsal auf der Stirn (ein Detail, das bei östlichen Darstellungen des Antlitzes Christi schon lange vor dem Jahr 1000 vorkommt) rührt vom langsamen und kontinuierlichen Austreten venösen Blutes, hervorgerufen von einem in die Stirnvene gebohrten Dorn. Dass es die Form einer umgedrehten 3 hat, ist darauf zurückzuführen, dass sich der Stirnmuskel als Reaktion auf den Schmerz zusammen zieht. Der rechte Fleck am Haaransatz ist kreisförmig und stammt von in Stößen herausgepresstem arteriellen Blut.
Das Gesicht des Mannes auf dem Grabtuch weist verschiedene Prellungen und eine gebrochene Nase auf, da er wahrscheinlich mit einem Stock auf den Kopf geschlagen wurde (Mt 27, 30; Mk 15, 19; Joh 19, 3).
Der Mann auf dem Grabtuch hat einen Bluterguss in Höhe des linken Schulterblattes und eine Verletzung an der rechten Schulter, die mit dem Tragen des Querbalkens des Kreuzes (patibulum) zu tun haben könnte (Mt 27, 31-32; Mk 15, 20-21; Lk 23, 26; Joh 19, 17). Im Bereich der Blutergüsse weisen die vom flagrum zugefügten Wunden keine Abschürfungen durch den Holzbalken auf: man hatte Jesus nämlich wieder seine eigenen Kleider angezogen (Mt 27, 31; Mk 15, 20), was die Wunden zwar vor weiteren Abschürfungen schützte, aber große Schmerzen verursachte, als sie ihm vor der Kreuzigung wieder heruntergerissen wurden (Mt 27, 35; Mk 15, 24; Lk 23, 34; Joh 19, 23-24). Das uns von der Tradition überlieferte mehrfache Niederfallen wird von mit Blut vermischten Erdpartikeln auf der Nase und dem linken Knie bestätigt. Das Festbinden des patibulum machte es dem Verurteilten unmöglich, sich beim Niederfallen mit den Händen abzustützen. Eine große Menge Erdmaterial wurde auch in Höhe der Fersen gefunden.
Der Mann auf dem Grabtuch war kein römischer Bürger, denn als solcher hätte er nicht gekreuzigt werden dürfen. Die Wunden an Handgelenken und Füßen sind die eines Mannes, den man ans Kreuz genagelt hat. Auf dem Grabtuch-Bild sind keine Daumen zu sehen: tatsächlich verursacht die Verletzung des Mittelhandnervs als Reaktion auf das Durchbohren des Handgelenks ein Zurückbiegen der Daumen.
Die gerichtsmedizinische Untersuchung zeigt, dass der Mann auf dem Grabtuch zum Zeitpunkt seines Todes vollkommen ausgetrocknet war (Mt 27, 48; Mk 15, 36; Lk 23, 36; Joh 19, 28-29; Ps 69, 4; Ps69, 22; Ps 22, 16). Um den Tod zu beschleunigen, wurden den Gekreuzigten oft die Beine zerschlagen: der Verurteilte starb dann den Erstickungstod, weil das ganze Gewicht nur noch von den Armen getragen wurde. Die Betrachtung des Grabtuches zeigt, dass die Beine nicht zerschlagen worden waren (Joh 19, 33). Dem Mann auf dem Grabtuch wurde ein Stich in die rechte Seite des Brustkorbes versetzt. Die Ränder der Wunden sind klar umrissen und linear, typisch für einen Stoß, der erst nach dem Tod versetzt wurde. Als wahrscheinlichste Todesursache nimmt man einen Infarkt mit anschließendem Hämoperikard (Bluterguß in den Herzbeutel) an. Das Hämoperikard ist der Endpunkt eines Myokardinfarkts und wird durch Spasmen in den Herzkranzgefäßen verursacht, die wiederum von erheblichem psychischen und körperlichen Stress herrühren. Dass der Tod infolge eines Hämoperikards eingetreten ist, lässt sich aus den Blutflecken an den Wunden ableiten, in denen sich dicke, von einem dichten Serum-Ring umschlossene Klümpchen angesammelt haben. Und das geschieht genau dann, wenn ein Mensch infolge der Ansammlung einer beachtlichen Menge Blutes im Brustkorbbereich gestorben ist. Diese Ansammlung lässt sich mit dem Zerbersten des Herzens und der nachfolgenden Blutansammlung zwischen Herz und äußerem Herzbeutelblatt erklären, was wiederum einen stechenden Brustschmerz verursacht. Im Evangelium heißt es ja auch, dass Jesus, bevor er starb, laut aufschrie (Mt 27, 50; Mk 15, 37; Lk 23, 46;Ps 69, 21; Ps 22, 15). Die Wunde, die dem Leichnam später zugefügt wurde, hat also das Austreten von Blut und Wasser ermöglicht (Joh 19, 34; Jes 53, 5; 1Joh 5, 6; Ez 47, 1).
Das Grabtuch ist aus einem edlem Stoff: die Evangelien berichten, dass das Grabtuch Jesu von Josef aus Arimathäa erworben wurde, einem reichen Mann (Mt 27, 57-60; Mk 15, 42-46; Lk 23, 50-53; Joh 19, 38-40). Auf dem Grabtuch wurden Spuren von Aloe und Myrrhe gefunden, die wohlrichenden Salben, die Nikodemus brachte (Joh 19, 39-40). Der Mann des Grabtuchs wurde nicht gewaschen, da er einen gewaltsamen Tod erlitten hatte. Die Blutflecken lassen darauf schließen, dass sein Leib ca. zweieinhalb Stunden nach seinem Tod in das Tuch gewickelt wurde und weniger als 40 Stunden darin blieb. In der Tat sind keine Verwesungsspuren festzustellen (Ps 16, 10).
Dann ist noch zu sagen, dass der Kontakt zwischen Leib und Tuch unterbrochen wurde, ohne dass das die Blutflecke in irgendeiner Weise verändert hätte. Wenn man den Leib aus dem Tuch herausgenommen hätte, wären Schmierspuren erkennbar. Das ist aber nicht der Fall: die Abdrücke zeigen, dass kein mechanisches Herausnehmen erfolgt ist.

Papst Benedikt XVI. wird von der Diözese Turin eine lebensgroße Kopie des Grabtuches geschenkt (437 cm lang,  111  cm hoch), Aula Paolo VI, 2. Juni 2008.

Papst Benedikt XVI. wird von der Diözese Turin eine lebensgroße Kopie des Grabtuches geschenkt (437 cm lang, 111 cm hoch), Aula Paolo VI, 2. Juni 2008.

Wie erklärt sich dann aber die Datierung auf 1260-1390 der Radiokarbonuntersuchung von 1988?

MARINELLI: Viele Gelehrte sind inzwischen zu der Überzeugung gekommen, dass man sich auf diese Untersuchung nicht verlassen kann. Und das war schon sofort nach der Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse so. Es wurde gesagt, die untersuchte Probe hätte nicht für das ganze Tuch gegolten. Auf dem Stoff wurden nicht nur bioplastische Pilz- und Bakterienablagerungen gefunden, sondern auch Baumwollfasern und Farbstoffkrusten: Anzeichen dafür, dass man versucht hat, den Stoff zu flicken, was wiederum die Zuverlässigkeit dieses Beweises beeinträchtigt haben kann. Die drei Labors haben es damals leider versäumt, die einzelnen Teilergebnisse der Untersuchungen bekannt zu geben, weshalb man das Resultat einfach so hinnehmen muss, ohne auch nur die geringste Möglichkeit einer Gegenprobe zu haben. Besagte Untersuchungen wurden viel diskutiert, vielleicht sogar zu viel, und die allgemeine Tendenz geht auch dahin, die Radiokarbonmethode als definitiv zu nehmen – obwohl es sich doch um eine komplexe Untersuchung handelt, die keinesfalls gegen Irrtum gefeit ist.
In einem kürzlich auch in Italien ausgestrahlten Dokumentarfilm der BBC ließ Prof. Christopher Ramsey, Direktor des Labors Oxford, der die damaligen Untersuchungsergebnisse unterzeichnete, durchblicken, die Ergebnisse von 1988 überdenken zu wollen. Wie man von mehreren Seiten hört, soll es durchaus möglich sein, dass sie nun in Zweifel gezogen werden…

MARINELLI: Ich habe mit ihm diesbezüglich korrespondiert und mein Eindruck ist, dass man seine Meinung dazu ein wenig forciert hat, vielleicht auch im Zuge der Werbung für den Dokumentarfilm. In Wahrheit bestätigt Prof. Ramsey, auf der Grundlage neuer Elemente bereit zu sein, die Sache wieder zur Diskussion zu stellen, sieht aber beim derzeitigen Stand der Dinge keinen Grund dafür, den Fall wieder aufzurollen. Wir hoffen also, anlässlich der nächsten Ausstellung (voraussichtlich im Jahr 2010) neue und umfassendere Untersuchungen durchführen zu können. Das Problem der Datierungsmethoden, so wichtig es auch sein mag, ist doch zweitrangig verglichen mit der Frage, wie es zur Entstehung des Bildes auf dem Grabtuch kommen konnte. Und die Klärung des Wie würde uns sicher helfen, auch das Wann und Warum zu verstehen.

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Quelle

Siehe ferner: