Botschaft von Papst Franziskus zum 500. Jahrestag der Geburt der hl. Teresa von Avila

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Aus dem Vatikan, am 15. Oktober 2014

An den Bischof von Ávila,
Jesús García Burillo

Lieber Mitbruder!

Am 28. März 1515 wurde in Ávila ein Mädchen geboren, das später unter dem Namen »heilige Teresa von Jesus« bekannt werden sollte. Während ihr 500. Geburtstag näher rückt, richte ich meinen Blick auf diese Stadt, um Gott Dank zu sagen für das Geschenk dieser großen Frau und um die Gläubigen der Diözese Ávila und alle Spanier zu ermutigen, die Geschichte dieser bedeutenden Gründerin kennenzulernen wie auch ihre Bücher zu lesen, die uns gemeinsam mit ihren Töchtern in den zahlreichen Karmelitenklöstern der ganzen Welt immer noch sagen, wer und wie Mutter Teresa war und was sie uns Männer und Frauen der heutigen Zeit lehren kann.

In der Schule dieser Heiligen, die immer auf dem Weg war, lernen wir, Pilger zu sein. Mit dem Bild des Weges lässt sich die Lehre ihres Lebens und ihrer Werke sehr gut zusammenfassen. Teresa verstand das Leben als Weg der Vollkommenheit, auf dem Gott den Menschen von Wohnung zu Wohnung führt, bis zu ihm hin, und ihn zugleich zu den Menschen schickt. Auf welchen Wegen will uns der Herr führen, auf den Spuren der heiligen Teresa und von ihr an die Hand genommen? Ich möchte an vier Wege erinnern, die mir sehr guttun: Freude, Gebet, Brüderlichkeit und die eigene Zeit.

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Teresa von Jesus lädt ihre Mitschwestern ein, »freudig voranzugehen« im Dienen (Weg der Vollkommenheit 18,5). Die wahre Heiligkeit ist Freude, denn: »Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger.« Bevor die Heiligen heroische Helden werden, sind sie die Frucht der Gnade, die Gott den Menschen schenkt. Jeder Heilige zeigt uns einen besonderen Zug des vielgestaltigen Antlitzes Gottes. In der heiligen Teresa betrachten wir Gott, »höchste Majestät, ewige Weisheit« (Gedichte 2), der sich als naher Weggefährte offenbart und dessen Freude es ist, sich mit den Menschen auszutauschen: Gott freut sich mit uns. Und seine Liebe zu spüren weckte in der Heiligen eine ansteckende Freude, die sie nicht verbergen konnte und die sie um sich verbreitete.

Diese Freude ist ein Weg, den man das ganze Leben gehen muss. Sie ist nicht momentan, oberflächlich, stürmisch. Man muss sie »am Anfang« (Leben 13,1) suchen. Sie ist Ausdruck der inneren Freude der Seele, sie ist demütig und »bescheiden « (vgl.Klostergründungen 12,1). Man erreicht sie nicht auf dem leichteren Weg unter Vermeidung von Entsagung, Leid oder Kreuz, sondern man findet sie, indem man Sorgen und Schmerzen erduldet (vgl. Leben 6,2; 30,8) und dabei auf den Gekreuzigten blickt und den Auferstandenen sucht (vgl. Weg der Vollkommenheit 26,4).

Deshalb ist die Freude der heiligen Teresa weder egoistisch noch selbstbezogen. Wie die Freude des Himmels besteht sie darin, sich »an der Freude aller zu freuen« (Weg der Vollkommenheit 30,5) und mit uneigennütziger Liebe den anderen zu dienen. Wie zu einem ihrer Klöster, das sich in Schwierigkeiten befand, sagt die Heilige heute auch zu uns, und vor allem zu den jungen Menschen: »Hört nicht auf, freudig voranzugehen! « (Brief 284,4). Das Evangelium ist kein Sack voller Blei, den man mühsam mitschleppt, sondern eine Quelle der Freude, die das Herz mit Gott erfüllt und es drängt, den Brüdern und Schwestern zu dienen! Die Heilige ist auch den Weg des Gebets gegangen, das sie sehr schön bezeichnet hat als »freundschaftlichen Umgang, bei dem wir oftmals ganz allein mit dem reden, von dem wir wissen, dass er uns liebt« (Leben 8,5). In schwierigen Zeiten »bedarf es starker Freunde Gottes, um die Schwachen zu stützen« (Leben 15,5). Beten bedeutet nicht, zu fliehen, sich in einer Luftblase aufzuhalten, sich zu isolieren, sondern in einer Freundschaft Fortschritte zu machen.

Und je mehr sie wächst, desto mehr tritt man in Kontakt zum Herrn, dem »guten Freund« und treuen »Weggefährten«, mit dem gemeinsam »man alles ertragen kann«, weil er uns immer »hilft und Kraft gibt« und »uns nie im Stich lässt« (Leben 22,6). Beim Beten »kommt es nicht darauf an, viel zu denken, sondern viel zu lieben« (Innere Burg, 4. Wohnung 1,7) und den Blick auf den zu richten, der nie aufhört, uns liebevoll anzublicken und uns geduldig zu ertragen (vgl. Weg der Vollkommenheit 26,3-4). Gott kann die Seelen auf vielen Wegen zu sich führen, aber das Gebet ist der »sichere Weg« (Weg der Vollkommenheit 21,5). Ihn zu verlassen bedeutet, sich zu verirren (vgl. Leben 19,6). Diese Ratschläge der Heiligen sind von bleibender Aktualität. Geht also auf dem Weg des Gebetes entschieden voran, ohne anzuhalten bis zum Ende! Das gilt insbesondere für alle Gottgeweihten. Lebt in einer Kultur des Provisorischen die Treue des »für immer, für immer« (Leben 1,4)! Zeigt in einer Welt ohne Hoffnung die Fruchtbarkeit eines »verliebten Herzens« (Gedichte 5)! Und bezeugt in einer Welt mit so vielen Götzen, dass »Gott allein genügt« (Gedichte 9)!

Diesen Weg können wir nicht allein gehen, sondern nur gemeinsam. Für die heilige Reformerin führt der Weg des Gebets über den Weg der Brüderlichkeit im Schoß der Mutter Kirche. Das war ihre providenzielle, aus göttlicher Inspiration und weiblicher Intuition geborene Antwort auf die Probleme der Kirche und der Gesellschaft ihrer Zeit: kleine Frauengemeinschaften zu gründen, die das Kollegium der Apostel nachahmen und Christus folgen sollten, indem sie das Evangelium auf einfache Weise leben und die ganze Kirche mit einem Leben des Gebets stützen.

Dazu, »Schwestern«, hat er uns »hier vereint « (Weg der Vollkommenheit 8,1), und die Verheißung war, »dass Christus unter uns weilen würde« (Leben 32,11). Was für eine schöne Definition der Brüderlichkeit in der Kirche: gemeinsam mit Christus den Weg als Brüder und Schwestern gehen! Zu diesem Zweck empfiehlt uns Teresa nicht viel, sondern nur drei Dinge: einander sehr lieben, sich von allem loslösen und echte Demut, die »auch wenn sie von mir als letzte genannt wird, die Haupttugend ist und alle umfasst« (Weg der Vollkommenheit 4,4). Wie sehr wünsche ich mir in unserer Zeit brüderlichere Gemeinschaften von Christen, wo man diesen Weg geht: in der Wahrheit der Demut vorangehen, die uns von uns selbst befreit, um die anderen mehr und besser zu lieben, vor allem die Ärmsten! Es gibt nichts Schöneres als dies: leben und sterben als Kinder dieser Mutter Kirche!

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Gerade weil die Kirche eine Mutter ist, deren Türen immer offen stehen, ist sie stets auf dem Weg zu den Menschen, um ihnen »lebendiges Wasser« (Joh 4,10) zu bringen, das den Garten ihres durstigen Herzens tränkt. Die heilige Autorin und Lehrmeisterin des Gebets war zugleich Gründerin und Missionarin auf den Straßen Spaniens. Ihre mystische Erfahrung trennte sie weder von der Welt noch von den Sorgen der Menschen. Im Gegenteil, es gab ihr neue Impulse und neuen Mut für das Handeln und die Pflichten eines jeden Tages, denn »der Herr weilt [auch] zwischen den Kochtöpfen« (Klostergründungen 5,8). Sie durchlebte die Schwierigkeiten ihrer – so komplizierten – Zeit, ohne der Versuchung zu bitteren Klagen nachzugeben. Sie nahm vielmehr diese Schwierigkeiten im Glauben an als Gelegenheit, um auf dem Weg einen Schritt weiter zu gehen. »Denn dafür, dass Gott dem, der ihm wirklich dient, große Gnaden erweist, ist immer Zeit« (Klostergründungen 4,5). Heute sagt uns Teresa: Bete mehr, um gut zu verstehen, was um dich herum geschieht, und so besser zu handeln.

Das Gebet besiegt den Pessimismus und bringt gute Werke hervor (vgl. (Innere Burg, 7. Wohnung 4,6). Das ist der Teresianische Realismus, der Werke statt Gefühle, Liebe statt Träume fordert. Das ist der Realismus der demütigen Liebe gegenüber einer mühseligen Askese! Zuweilen kürzt die Heilige ihre anmutigen Briefe ab mit den Worten: »Wir sind unterwegs« (Brief 469,7.9) als Ausdruck der Dringlichkeit, die begonnene Aufgabe zu Ende zu führen. Wenn die Welt brennt, darf man keine Zeit mit unbedeutenden Angelegenheiten verlieren. Wenn nur alle sich von dieser heiligen Eile anstecken ließen, hinauszugehen auf die Wege unserer Zeit mit dem Evangelium in der Hand und dem Heiligen Geist im Herzen! »Es ist Zeit aufzubrechen!« (Ana de San Bartolomé, Últimas acciones de la vida de santa Teresa). Diese kurz vor ihrem Tod gesprochenen Worte der heiligen Teresa von Ávila sind die Zusammenfassung ihres Lebens und werden für uns, besonders für die karmelitische Familie, für ihre Mitbürger und für alle Spanier, ein wertvolles Erbe, das wir bewahren und bereichern müssen. Lieber Bruder, verbunden mit meinem herzlichen Gruß sage ich allen: Es ist Zeit, sich aufzumachen, und auf den Wegen der Freude, des Gebets, der Brüderlichkeit und der als Gnade erlebten eigenen Zeit voranzugehen! Gehen wir die Wege des Lebens an der Hand der heiligen Teresa. Ihre Fußstapfen werden uns immer zu Jesus führen.

Ich bitte Sie, für mich zu beten, weil ich dies nötig habe. Jesus segne euch, und die Jungfrau Maria behüte euch!

Aus dem Vatikan, am 15. Oktober 2014

In mitbrüderlicher Verbundenheit.

Franziskus

Laurentius von Brindisi (1559-1619) – Kapuziner, Heiliger und Kirchenlehrer

Laurentius von Brindisi

Benedikt XVI. erklärte, Laurentius von Brindisi zeichne sich dadurch aus, „dass seine ganze Tätigkeit von einer großen Liebe zur Heiligen Schrift beseelt war, die er großenteils auswendig kannte, sowie von der Überzeugung, dass das Hören und das Annehmen des Wortes Gottes uns von innen her verwandelt und diese Verwandlung uns zur Heiligkeit führt. … Laurentius von Brindisi lehrt uns, die Heilige Schrift zu lieben, in der Vertrautheit mit ihr zu wachsen, täglich die freundschaftliche Beziehung zum Herrn im Gebet zu pflegen, damit unser ganzes Handeln, alle unsere Tätigkeiten in ihm ihren Anfang und ihr Ende haben. Aus dieser Quelle müssen wir schöpfen, damit unser christliches Zeugnis leuchten kann und fähig ist, die Menschen unserer Zeit zu Gott zu führen.“

Giulio Cesare Russo wurde am 22. Juli 1559 in Brindisi geboren. Als er das schulfähige Alter erreichte, wurde er in die Obhut der Franziskaner in seiner Heimatstadt gegeben. Seine Schullaufbahn setzte er in Venedig fort, nachdem zunächst sein Vater und dann auch seine Mutter verstorben waren. In der Lagunenstadt kam er mit dem Kapuzinerorden in Berührung und schloss sich diesem 1575 in Verona an. Fortan trug er den Ordensnamen Lorenzo, Laurentius. Seine Gelübde legte er 1576 ab. In Padua und Venedig studierte er Philosophie und Theologie. Der Heilige verfügte nicht nur über umfassende Kenntnissen der Heiligen Schrift, sondern auch über hervorragende Sprachkenntnisse. Neben den alten Sprachen Latein, Altgriechisch und Hebräisch begeisterte er sich u.a. für die deutsche, französische und spanische Sprache.

1582 empfing Laurentius die Priesterweihe. Auch das Talent zu überzeugenden und eindringlichen Predigten war ihm geschenkt. Er verfügte über die große Gabe, sich an ganz unterschiedliche Zuhörerkreise richten zu können, da er seine Ausdrucksweise perfekt an seine Zuhörer anzupassen wusste. Großes Vertrauen setzten seine Zeitgenossen in seine diplomatischen Fährigkeiten. Im Laufe seines langjährigen Wirkens beauftragten ihn Päpste und Angehörige des katholischen Adels immer wieder mit der Aufgabe, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln und Frieden zu stiften. Benedikt XVI. kommentierte mahnend: „Wie zur Zeit des hl. Laurentius hat die Welt auch heute einen großen Bedarf an Frieden, braucht sie Männer und Frauen, die den Frieden lieben und die Frieden vermitteln. Alle, die an Gott glauben, müssen immer ein Quell des Friedens und Friedensstifter sein.“

1586 wurde der Heilige zum Novizenmeister, 1590 zum Provinzial des Ordens in der Toskana, 1594 zum Provinzial in Venedig, 1596 zum Generaldefinitor ernannt. 1599 oblag ihm die Leitung der Kapuziner in der Schweiz, 1599 der Prager Niederlassung. Im selben Jahr bereiste er im Auftrag Papst Clemens‘ VIII. Deutschland und gründete 1600 in Österreich Niederlassungen. 1602 wurde Laurentius zum Ordensgeneral der Kapuziner gewählt und bereiste in den folgenden Jahren die Ordensniederlassungen in ganz Europa. Als er 1604 nach Brindisi zurückkehrte, gründete er auf dem väterlichen Gut das Kloster „Santa Maria degli Angeli“. 1606 reiste er im päpstlichen Auftrag nach Prag, wo er bis 1609 tätig war. Von 1610 bis 1613 vertrat er den Heiligen Stuhl in München. 1613 kehrte er nach Italien zurück und wurde zum Generaldefinitor gewählt und Provinzial der Kapuziner im Piemont und in Ligurien.

Laurentius von Brindisi starb am 22. Juli 1619 in Lissabon. Er wurde 1881 heiliggesprochen. 1959 wurde ihm von Papst Johannes XXIII. der Titel des Kirchenlehrers verliehen. „Diese Anerkennung wurde Laurentius von Brindisi auch deshalb zuteil, weil er Autor zahlreicher exegetischer und theologischer Werke sowie von Schriften war, die für die Predigt bestimmt waren. In ihnen bietet er eine in sich geschlossene Darlegung der Heilsgeschichte, bei der das Geheimnis der Menschwerdung im Mittelpunkt steht, die größte Offenbarung der göttlichen Liebe für die Menschen. Als hochkarätiger Mariologe und Autor einer Sammlung von Predigten über die Gottesmutter mit dem Titel ‚Mariale‘ hebt er die einzigartige Rolle der Jungfrau Maria hervor, deren Unbefleckte Empfängnis und deren Mitwirken am durch Christus gewirkten Heil er klar bestätigt. Mit feinem theologischem Gespür hat Laurentius von Brindisi auch das Wirken des Heiligen Geistes im Leben des Gläubigen hervorgehoben.“

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Quelle

Siehe ferner:

DIE HEILIGE KIRCHENLEHRERIN HILDEGARD VON BINGEN

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Vortrag von Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz,

anlässlich der Feierstunde am 6. Oktober 2012 in der Residenz des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland
beim Heiligen Stuhl zur Erhebung
der heiligen Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin

 

Ein unbequemes, tiefes und heiliges Charisma

 

I. Kirchenlehrerin heute

 Fast 2000 Jahre waren die Kirchenlehrer ausnahmslos Männer. Bis 1970 zählen wir  30  Theologen,  denen  diese  Auszeichnung  zu  Gute  kam.1  Allein  im 20. Jahrhundert sind es sieben neu ernannte Kirchenlehrer. Die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bringt eine unübersehbare Wende, denn  von 1970 bis zum 7. Oktober 2012 sind es vier Frauen, die zu Kirchenlehrerinnen erhoben worden sind: die hl. Teresa von Avila am 27. September 1970 und die hl. Katharina von Siena am 4. Oktober 1970, beide durch Paul VI., sowie die Ernennung der Thérèse von Lisieux am 19. Oktober 1997 durch Johannes Paul II.

Dabei muss man auf den Rang und die Bedeutung dieser heiligen Frauen schauen. Teresa von Avila und Katharina von Siena zählen in Spanien und in Italien zu den großen literarischen Gestalten. Katharina von Siena steht z.B. neben Dante und Petrarca. Katharina ist die Hauptpatronin Italiens, Teresa ist die Patronin Spaniens. Die „kleine hl. Theresia“ ist durch ihren Glaubensweg durch härteste Prüfungen hindurch im großen Dunkel des reinen Glaubens an die Liebe Gottes Vorbild eines authentischen „kleinen Weges“ zur Vollkommenheit. Sie ist die zweite Patronin Frankreichs und die Hauptpatronin aller kirchlicher Missionen. Besonders die große Teresa und Katharina von Siena sind durch ihre weit gespannte Tätigkeit für eine tiefe Erneuerung der Kirche das, was man „starke Frauen“ nennen kann. Sie zeigen vor allem auch in Bezug auf ihr Verhältnis zu den weltlichen und kirchlichen Herrschern ihrer Zeit ein sehr mutiges Verhalten. Sie beschworen in Briefen und persönlichen Besuchen weltliche und geistliche Würdenträger hin zu einer Gesinnungsänderung und scheuten sich nicht vor kräftigen Worten.

Am 7. Oktober kommt die hl. Hildegard von Bingen hinzu (1098 bis 1179). Auch bei ihr existiert eine ausgedehnte Korrespondenz mit Päpsten, Königen, Fürsten, Bischöfen, Ordensleuten und Laien. Sie unternahm Predigtreisen vor allem an den Rhein und nach Süddeutschland, wo sie Volk und Klerus Umkehr predigte. Auch sie offenbart eine ungewöhnliche dichterische Begabung. Wenn die anderen drei genannten heiligen Frauen aus Italien, Spanien und Frankreich stammen, so ist die hl. Hildegard von Bingen die erste Frau aus dem mitteleuropäischen und besonders deutschsprachigen Bereich, die zu dieser Ehre gelangt.

Ich glaube, dass man die Ernennung dieser vier heiligen Frauen durch drei Päpste innerhalb von gut 40 Jahren in ihrer Bedeutung bisher nicht genügend erkannt hat – und dies trotz aller feministischen und emanzipatorischen Rufe nach einer angemesseneren Wertung und Stellung der Frau in der Kirche. Auch wenn vor allem die hohe Spiritualität dieser heiligen Frauen im Vordergrund steht, so darf man nicht vergessen, dass sie zugleich hoch gebildet waren und auch ein großes Organisationstalent hatten. Die besondere frauliche Sensibilität hat aber auch dazu geführt, dass wir im Blick auf die von ihnen stammenden geistlichen Zeugnisse den besonders ab dem Hochmittelalter bis heute auf eine sehr rationale Weise zugespitzten Begriff der Theologie aufbrechen und in gewisser Weise weiten müssen. Es wird noch zu zeigen sein, wie die Theologie einen besonderen Beitrag von diesen Frauen geschenkt bekommen hat  und dass sie besonders „in der Lage (sind), mit der ihnen eigenen Intelligenz und Sensibilität über Gott und die Glaubensgeheimnisse zu sprechen“.2

 

II. Leben und Werke

Ich will in wenigen Zügen die wichtigsten Stationen des Lebens der hl. Hildegard skizzieren. Sie wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen geboren und stammte aus einer vielköpfigen adeligen Familie. Sie wurde von Geburt an von ihren Eltern zum Dienst an Gott geweiht. Sie lebte in einer Klause und schließlich (wohl ab 1106) in einem kleinen Klausurkloster für Frauen auf dem Disibodenberg bei Bingen. Mit 16 Jahren entschied sich Hildegard durch die monastischen Gelübde für das klösterliche Leben (ca. 1115). Nach dem Tod ihrer Lehrmeisterin Jutta von Sponheim wird sie im Jahr 1136 zur Nachfolgerin, zur Meisterin („magistra“) gewählt. Mehr als 30 Jahre lebte und wirkte Hildegard in der Abgeschiedenheit des kleinen Klosters. Sie hat von hier aus trotz einiger Schwierigkeiten zwei weitere Klöster gegründet, nämlich auf dem Rupertsberg (um 1150), weitgehend  durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg zerstört (16323), und Eibingen (um 1165), das heute noch – wenn auch ein wenig entfernt – das Nachfolgekloster der hl. Hildegard ist. Die hl. Hildegard hat trotz ihrer Leiden und Schmerzen, die besonders den letzten Abschnitt ihres Lebens kennzeichnen, vier große Reisen (1158-1170) in zahlreiche Städte des Rheinlandes und des Südwestens unternommen und gerade auch in den Konventen der Klöster wie auch auf den Marktplätzen der Städte gegen das verweichlichte Leben vor allem des Klerus gepredigt. Sie übt darüber hinaus heftige Kritik an ihrer eigenen Zeit, die sie ein „weibisches Zeitalter“ („tempus muliebre“) nennt. Vom Kampf gegen die Sekte der Katharer wird noch die Rede sein.

Hildegard hatte schon früh die Gabe einer höchst originellen visionären Schau. „Ich sehe  diese Dinge – so schreibt sie – nicht mit den äußeren Augen und höre sie nicht mit den äußeren Ohren; ich sehe sie vielmehr einzig und allein in meinem Inneren, aber mit offenen leiblichen  Augen,  sodass  ich  niemals  die  Bewusstlosigkeit  einer  Ekstase  erleide, sondern wachend schaue ich dies bei Tag wie bei Nacht.“4  Vieles erinnert an die Propheten des  Alten Testaments: „Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist weitaus  lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. Weder Höhe noch Länge noch Breite vermag ich an diesem Licht zu erblicken. Es wird mir bezeichnet als ‚der Schatten des lebendigen Lichtes‘. In diesem Licht sehe ich zuweilen, wenn auch nicht oft, ein anderes Licht, das mir ‚das lebendige Licht‘ genannt wird. Wann und wie ich es schaue, kann ich  nicht sagen. Aber solange ich es schaue, ist alle Traurigkeit und alle Angst von mir genommen, sodass ich mich wie ein einfaches junges Mädchen fühle und nicht wie eine   alte Frau.“5  Nach ihrem 40. Lebensjahr (1141) kommt es zu einem gewaltigen Durchbruch der Visionen. Aus der stillen Seherin wird eine religiöse Prophetin. Immer deutlicher vernimmt sie in ihrem Inneren geradezu einen Befehl: „Schreibe auf, was du siehst, und sage, was du hörst.“6  Der hl. Bernhard von Clairvaux, eine der höchsten Autoritäten der Kirche ihrer   Zeit, ihr „ungekrönter Herr“, bestätigt ihre prophetische Gabe. Ja noch mehr: Auf der Synode von Trier (1147/48) las Papst Eugen III. selbst aus Hildegards Schriften vor. Er hatte sie durch eine Kommission überprüfen lassen. Er forderte Hildegard nun auf, ihre Visionen aller Welt mitzuteilen. Daraus entstand dann ihre erste große Schrift „Wisse die Wege“ (Scivias, 1141- 1151).

Hildegard ist in ihrem Wissen und in ihrer Sprachkraft ein Rätsel. Wir wissen wenig über ihren wissenschaftlichen Bildungsgang. Schon früh kannte sie die Texte der Regel des hl. Benedikt. Im Stundengebet lernte sie die Psalmen und die Hl. Schrift kennen. Sie besaß offenbar   eine   große   Kenntnis   der   Kirchenväter.   Die 390 Briefe zeigen eine reiche Korrespondenz mit großen Gelehrten ihrer Zeit. Sie hat sich aber immer wieder als eine „Indocta“ verstanden, also als „einfältige Frau“. Sie sei keine Gelehrte. Ganz gewiss hat die Forschung der letzten Jahrzehnte aufgezeigt, dass gerade die Frauen in den Klöstern, besonders wenn sie wie in den Gemeinschaften der hl. Hildegard aus dem Adel stammten, sehr viel mehr Zugang zu den klassischen und gegenwärtigen Bildungsgütern hatten, als man dies vorher weitgehend dachte.7   Die Rede von einer „Indocta“ ist jedoch eine Selbstcharakteristik, die uns angesichts ihrer Gelehrsamkeit immer wieder schmunzeln lässt.8 Denn sie beherrscht ihre Theologie ebenso wie die zeitgenössische Philosophie, kennt sehr genau das Alte Testament und ist auch in den Naturwissenschaften wie in der Medizin zu Hause. Sie weiß über die Schönheiten der Edelsteine zu reden. Sie ist Ärztin und Äbtissin, dichtet Hymnen und schafft andere musikalische Kompositionen. Sie verfasst eine ethische Grundstudie und ein großes Werk über die Welt, eine spirituell orientierte Kosmologie und darin eine Lehre vom Menschen und seinem Heil.

Dies darf aber nicht heißen, dass die „prophetissa teutonica“, wie man sie zu Lebzeiten schon nannte, nicht auch die Geschicke von Welt und Kirche kannte und unwidersprochen hinnahm. Sie schreibt den Päpsten Eugen III., Anastasius IV., Hadrian IV. und Alexander III., an die Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln und Salzburg. In einem Schreiben an Kaiser Barbarossa wendet sich Hildegard mit aller Energie gegen die Papstpolitik des Kaisers. Kaiser und Könige, Bischöfe und Äbte, Priester und Laien gehören zu ihren Briefpartnern.9

So ist sie eine „Posaune Gottes“, eine „flammende Leuchte im Hause Gottes“, eine „Mitwisserin Gottes“. „Keine Stimme wird laut über das Unerhörte solchen Tuns. Alle sind ergriffen, begeistert – oder getroffen in der Wurzel ihrer Sündhaftigkeit, aufgerüttelt zu neuer, heiliger Lebensenergie, Sünder bekehren sich, Ungläubige werden gläubig, Entzweite umarmen sich.“10  Immer mehr wird sie in hohem Maß anerkannt. So sagt Abt Rupert von Königstal nach der Lektüre ihrer Schriften: „So etwas bringen die scharfsinnigsten Professoren des Frankenreiches einfach nicht zustande. Die machen mit trockenem Herzen und aufgeblasenen Backen nur ein großes dialektisches Geschrei und verlieren sich in rhetorischen   Spitzfindigkeiten. Diese gottselige Frau aber,   sie betont nur dasEine, Notwendige. Sie schöpft aus ihrer inneren Fülle und gießt sie aus.“11

Zusammenfassend schreibt Maura Böckeler: „So verlief die Sendung Hildegards in die Kirche ihrer Zeit. Letztlich ist sie nichts anderes als ein lebendiges, aus glühendem Herzen und geistberührter Seele hervorbrechendes Echo auf die Reform Gregors VII., des ehemaligen Mönches von Cluny. Immer erweckt der Geist Gottes in Zeiten, da die Liebe erkaltet, Männer und Frauen, die wie ein Pfingststurm das Feuer, das vom Himmel her in sie hineingefallen ist, über den Erdkreis jagen.“12

Manches an ihrer Gelehrsamkeit und ihrer Spiritualität können wir schwer erklären. Auch wenn sie durch das Stundengebet mit Grund- und Schlüsselworten der lateinischen Sprache vertraut ist, so kommt ihr Latein doch rasch an Grenzen. In ihrer „Lieblingsnonne“ und Sekretärin Richadis von Stade und in ihren Sekretären Volmar, später Gottfried und Wibert von Gembloux hat sie tüchtige Mitarbeiter, die vor allem ihre Visionen zur Darstellung bringen.

Über einige Jahrzehnte vor allem des vergangenen Jahrhunderts war das neue Interesse an Hildegard sehr stark auf Randerscheinungen in ihrem Leben und Wirken gelenkt worden. Es ging um die Hildegard-Medizin, um eine direkte Anwendung ihrer Heilkunde, um Esoterik, um ihre Verwandtschaft mit dem heutigen Feminismus, ja streckenweise auch um Magie.  Dies sind gewiss Ausstrahlungen der Kernideen und Grunderfahrungen der Prophetin vom Rhein. Aber ohne kritische Rückbindung an die zentralen Zeugnisse und Schriften sind dies letztlich doch Abwege, die den Zugang zur authentischen Hildegard eher verstellen. Um dieses Zentrum zu verstehen, muss man vor allem auf die drei Schriften zurückgehen, die Hildegards Visionen enthalten: das schon genannte Werk Scivias, Wisse die Wege (1141- 1151), den Liber Vitae Meritorum (1158-1163), das Buch der Lebensverdienste, und den Liber Divinorum Operum (1165-1174), das Buch der göttlichen Werke. Dieses letzte Buch mit den Kosmos-Visionen gilt als ihre höchste und zentrale schöpferische Leistung. Zwischen 1150 und 1160 entstehen die naturkundlichen und medizinischen Schriften, die nach heutiger Erkenntnis Kompilationen aus volkskundlichen Erfahrungen, klassischer Überlieferung und christlicher Tradition darstellen. Bereits im 13. Jahrhundert wurde das nicht erhaltene Originalwerk aufgeteilt „Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum“ in „Physica“ und „Causae et curae“. Hinzukommen die 390 Briefe, von denen schon die Rede war.

Daneben gibt es kleinere Schriften wie die Erklärungen der Benediktsregel, der Evangelien, des Credo und Lösungen vorgelegter theologischer Fragen, Heiligenviten, vor allem aber ein umfassendes lyrisches und musikalisches Opus (Ordo virtutum, Hymnen, Sequenzen). Diese Gedichte,  Lieder  und  Gesänge  sind  vielfach  übersetzt  und  teilweise  oft  unter  dem  Titel „Symphonia“ veröffentlicht worden. Das Kölner Ensemble für Musik des Mittelalters, Sequentia, hat das Gesamtwerk Hildegards bei der Deutschen Harmonia Mundi eingespielt (5 CDs).13

Die hl. Hildegard gilt als eine in der europäischen Geistesgeschichte einzigartige Erscheinung. Man hat sie auch die klügste Frau des Mittelalters genannt.14  Von keiner Frau des Mittelalters haben wir so viele literarische Zeugnisse erhalten bekommen.

Es gibt in dieser Hinsicht einen starken Wandel in der Einschätzung der Bedeutung der hl. Hildegard, z.B. auch im Verhältnis zur Philosophie und zur Philosophiegeschichte. Die  älteren verdienstvollen Werke von E. Gilson, B. Geyer, M. de Wulf nennen die hl. Hildegard in diesem Kontext überhaupt nicht. Eine aufschlussreiche Stellung nimmt K. Flasch ein, der in der ersten Auflage seines bekannten Buches „Das philosophische Denken im Mittelalter“15 sie nicht einmal beim Namen nennt, in der zweiten Auflage16 aber ausführlich behandelt, wenn auch etwas klischeehafte Urteile bleiben.17 Aber in angesehenen Lehrbüchern und Synthesen  erhält  sie  heute  einen  beachtlichen  Platz,  der  philosophisch  begründet wird.18

Dabei wird jedoch nach dieser Auffassung das Denken Hildegards, das auf einen „Symbolismus“ des 12. Jahrhunderts eingegrenzt wird, von einer neuen rationalen Reflexion abgelöst, der die Zukunft gehöre.19

In einer Zeit, die auch in der Philosophie in reichem Maß den eigenen Rang des Bildes, der Metapher, des Symbols und der Narrativität entdeckt hat und dabei auch den Sinn des  Wortes „Vernunft“ entgrenzt, ist dies eine keineswegs akzeptable Verkürzung.20  Sie entspricht   auch nicht der heutigen hermeneutischen Situation.

Es gab bei aller Anerkennung der „prophetissa teutonica“ im Lauf der Jahrhunderte – wie schon gesagt – immer auch ein Auf und Ab in der Rezeption und in ihrer Wertschätzung. Wenn wir heute die hl. Hildegard mit sehr viel mehr Differenzierungen verstehen, ist dies auch ein Erfolg der immens fleißigen wissenschaftlichen Erforschung im 20. Jahrhundert. Außer dem Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges, dem wir viele Veröffentlichungen verdanken, ist es nicht zuletzt ein Hauptverdienst der Abtei Eibingen, viele aufklärende Studien und vor allem kritische Editionen und Übersetzungen aufbereitet und zur Verfügung gestellt zu haben. Ich nenne nur die Schwestern Maura Böckeler, Angela Carlevaris, Adelgundis Führkötter, Marianne  Schrader,  Walburga  Storch,  Cäcilia  Bonn und heute fortgesetzt von Schwester Maura Zátonyi21, unterstützt von den Äbtissinnen Schwester Edeltraud Forster und Schwester Clementia Killewald. Dazu zählen noch viele Forscherinnen und Forscher im In- und Ausland, nicht zuletzt auch Übersetzerinnen und Übersetzer. Ich will hier ganz besonders Prof. P. Dr. Rainer Berndt SJ nennen, Hugo von St. Viktor-Institut, Frankfurt am Main/St. Georgen, dem wir nicht nur den Kongress im Jahr 1997 und auch den geplanten Kongress im Februar/März 2013, sondern vieles andere verdanken

 

III. Bedeutung für die Gegenwart 

Es besteht kein Zweifel, dass die hl. Hildegard gerade auch infolge dieser neueren Forschungen mit vielen guten Gründen zur Ehre einer Kirchenlehrerin erhoben wird. Gerade durch diese Auszeichnung entsteht aber auch eine andere Aufgabe. Wir dürfen nämlich nicht nur nach rückwärts schauen und ihre geschichtliche Gestalt bewundern und preisen. Wenn sie nun durch ihr Leben in Heiligkeit, durch ihre tiefe Erkenntnis göttlicher Dinge und durch ihre vielfältige Spiritualität für die ganze Kirche als vorbildlich erklärt wird, dann müssen wir ihre Bedeutung auch in unsere Gegenwart übersetzen. Dies ist, so bin ich der Meinung, der schwierigere Teil des Auftrags, den uns das Fest anvertraut.

Schon die letzten Jahrzehnte, die die Popularität der hl. Hildegard außerordentlich verbreitet haben, sind uns dabei eine Warnung. Wir dürfen die hl. Hildegard nicht kurzsichtig bestimmten Bedürfnissen von heute ausliefern. Wir haben zur Genüge erlebt, wie einzelne Phänomene, wie die Hildegard-Medizin und viele esoterische Einzelheiten, nicht Randerscheinungen bleiben, die von der radikalen Mitte ihres Denkens in ihrer begrenzten Bedeutung sichtbar gemacht werden können, sondern selber in das Zentrum des Interesses rücken. Es ist eine große Hilfe, dass wir in den letzten Jahrzehnten die drei großen zentralen Schriften mit den Visionen in ihrem ganzen Gewicht, einschließlich der Illustrationen, tiefer verstehen lernten. So zeigt es sich, dass es bei der hl. Hildegard besonders schwierig ist, einzelne Details, und seien sie noch so aufschlussreich, aus dem Ganzen zu isolieren.

Aber gerade der universale Zusammenhang aller Dinge aus der radikalen theologischen und spirituellen Mitte her macht auch eine Umsetzung ihrer Bedeutung für heute nicht leicht. Wir sind in der Theologie daran gewohnt, dass wir heute in relativ abstrakten und rationalen Kategorien denken und sprechen. Natürlich gibt es bei Hildegard diese Rationalität auch, die freilich immer auch durchdrungen ist von einer inneren Nähe, von der Verwandtschaft zur Sache („connaturalitas“). Hier kommt die platonisch-augustinische Linie im Verständnis menschlicher Erkenntnis zur Geltung: Man muss besonders in der personalen Begegnung und in Beziehungen des Glaubens zu einer bestimmten Sache und erst recht zu einer Person eine gewisse Zuneigung und Sympathie haben, um sie wirklich verstehen zu können. Heute nennen wir dies Empathie. Bei Hildegard ist dies die Liebe.22

In der Mitte der theologischen und spirituellen Gedanken der hl. Hildegard steht die Schöpfung. Schöpfung ist aber nicht einfach Natur im heutigen Sinne. Sie weist nämlich immer schon auf ihren Urheber, Gott den Schöpfer, zurück. Er hat ganz bewusst den Menschen in die Mitte der Schöpfung gestellt. Es ist Gottes auserwählende Liebe zum geschöpflichen Dasein. Dies zeigt sich besonders in der Vernunftanlage („rationalitas“) des Menschen, die ihn befähigt, Gott und in ihm alle Dinge zu erkennen, ihn zu loben und die Absicht Gottes in der Welt zu verwirklichen. Dadurch wird der Mensch von Gott geehrt. Gott bezieht also den Menschen in seine eigene Liebe zur Schöpfung ein. Aber dabei kann der Mensch versagen und die Schöpfung missbrauchen. Es gibt bei der hl. Hildegard eine richtige „Klage der Elemente“.23  Aber deswegen nimmt Gott dem Menschen nicht die Größe seiner Schöpfung. Der Mensch soll diese seine Welt in aller Nüchternheit durchforschen, ja er soll sie ganz und gar durchdringen (perpenetrare). Er soll sich selbst in seiner schöpferischen Begabung vor Gottes Angesicht in der Mitte der Schöpfung verwirklichen. Aber er soll sich nicht selbst ins Zentrum der Welt stellen. Die ganze Schöpfung dreht sich hin zu Gott. Sie dreht sich nicht einfach nur um den Menschen. Diese Sicht des Menschen ergibt eine eigentümliche, für uns ungewohnte Stellung. Aber wir dürfen diese nicht im neuzeitlichen Sinne anthroprozentrisch verstehen, sodass der Mensch sich und seinen Bedürfnissen sowie Zielen alles unterordnet. Die anthropologische Stellung bringt zugleich eine sehr umfassende und ausgewogene Verhältnisbestimmung von Gott, Mensch und Welt.

Dies hat auch erhebliche Konsequenzen für das Verständnis der geschaffenen Wirklichkeit. Hildegard sieht Mensch und Welt, Leib und Seele, Natur und Gnade nie als isolierte Einzelerscheinungen. Gerade die Anthropologie reicht weit in die Kosmologie und damit  auch in die Ökologie hinein. Die ganze Schöpfung erscheint immer wieder in der  Verknüpfung eines lebendigen Zusammenhangs aller Erscheinungen. Hildegard benutzt für diesen innersten Zusammenhang der ganzen Schöpfung, vor allem auch für ihre „Stimmigkeit“,   worin sich die Kreaturen zuordnen und ergänzen, gerne das Wort „Symphonia“, und dies besonders in den Gedichten und Gesängen.24 „Und so hat jedes Element seinen eigenen Klang, einen Urklang aus der Ordnung Gottes. All dieses Tönen aber vereinigt sich wie der Zusammenklang aus Harfen und Zithern.“25 In dieser Symphonie wird die ganze Welt umfasst. „Von den kleinsten Dingen des Alltags bis hinein in die Unermesslichkeit der Sternenwelten, und mitten darin nun den Menschen, der da ist das Herz der Welt. Dass der ganze Leib Licht werde und lauter Musik, dass der ganze Kosmos zum Klingen  komme  und  zu  einer  Harmonie,  darin  ist  wohl  die  unvergleichliche Spiritualität dieses Weltbildes zu sehen, das immer nur von der Heilsgeschichte her zu deuten ist.“26  Gerade in diesem Zusammenhang spielen die Farben auch eine große Rolle. Es ist besonders die „viriditas“, was man mit Grünkraft übersetzen könnte. Dies ist ein Herzwort der  Prophetin. Physische Dimension und seelische Realität werden hier eins. Damit ist das Leben der Schöpfung gemeint, aber auch die Erneuerung durch den hl. Geist. Durch die Gewalttätigkeit des Menschen ist diese Grünkraft der Schöpfung geschwächt. Sie wird vom Verdorren bedroht und bedarf ständiger Pflege. Doch bleibt sie eine Kraft aus der Güte  Gottes, die in der Lage ist, alles zu erneuern. „Von der Sterblichkeit geht kein Leben aus, sondern Leben besteht eben nur im Leben. Kein Baum grünt ohne Kraft zum Grünen, kein Stein entbehrt der grünen Feuchtigkeit, kein Geschöpf ist ohne diese besondere Eigenkraft, die lebendige Ewigkeit selber ist nicht ohne die Kraft zum Grünen.“27 Der Mensch muss sich immer wieder aus der Enge seines in sich zentrierten Ichs in die Weite führen lassen. Aus der Dürre hin zur grünenden Kraft, die besonders auch dem Gottesgeist zu eigen ist.

Es müsste jetzt eigens noch gezeigt werden, wie die Schöpfung ganz eng mit Jesus Christus verknüpft ist. Im Grunde zielt die Schöpfung auf die Menschwerdung Gottes in Jesus  Christus. Erst von ihm her wird alles wahr, was wir über die Schöpfung sagten. Dazu gehört aber auch die Einsicht, dass die Schöpfung vergänglich ist, aber durch die Auferstehung Jesu Christi und der Menschen gerettet wird. Hildegard blickt immer auch auf diese Vollendung.

„Denn wer den Acker seines Leibes mit Umsicht („discrete“) kultiviert, dem wird  das Hereinbrechen des Endes nicht schaden, weil die Musik des hl. Geistes (symphonia Spiritus Sancti) und ein Leben in Freude (vita laeta) ihn aufnehmen.“28  Auch hier gibt es und zwar  erst recht eine „Symphonia“ der untereinander eng verbundenen Glaubensgeheimnisse. Hier gebraucht Hildegard immer wieder das Bild des Kreises.

Unterhalb und in der Folge dieser tiefen Grundlagen werden Konsequenzen sichtbar, die auch einen hohen praktischen und ethischen Rang haben. Die hl. Hildegard betrachtet mit großer Entschiedenheit unsere Welt als von Gott gut geschaffen. Sie schließt nicht die Augen vor der Sünde und dem Bösen, die viel Zerstörung und Disharmonie in die Schöpfung brachten. Deshalb kommt alles auf die Umkehr des Menschen an. Mit dieser zuversichtlich gestimmten Schöpfungstheologie kämpft Hildegard aber gegen einen in der zeitgenössischen Theologie durchaus spürbaren Einfluss des Neuplatonismus und ganz besonders gegen alle manichäisch- dualistischen Tendenzen, die den Rang der Materie herabsetzen und abwerten. Dies wird bei Hildegard vielleicht am stärksten sichtbar in der sehr positiven Sicht der Leiblichkeit und in einer immer wieder überraschend unbefangen betrachteten Geschlechtlichkeit des  Menschen.

Dies hat bei Hildegard auch Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Mann und Frau.29 Sie denkt zwar in der Beziehung zwischen beiden durchaus konservativ im Sinne einer Unterordnung der Frau unter den Mann. Aber innerhalb dieses Gefüges gibt es doch ganz kräftige korrigierende Akzente. So gibt es eine sonst keineswegs selbstverständliche Gleichrangigkeit der Gottebenbildlichkeit des Mannes und der Frau. Dabei wird auch der menschliche Leib in diese Gesamtwertung einbezogen. Jungfräulichkeit und Mutterschaft werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in einer wechselseitigen Bedingtheit dargestellt. Bei allen Einflüssen Augustins wird die Ehe positiv umschrieben. Die Frau ist bei Hildegard nicht schlechthin schwach, sondern „mollioris roboris“, was man mit „von sanfterer Kraft“ übersetzen könnte, so wie die männliche Stärke durch „mansuetudo“ modifiziert werden muss, also durch Milde.

Dies ist auch der Hintergrund, warum die hl. Hildegard vor allem in ihren älteren Jahren heftig gegen die sogenannten Katharer ankämpft, eine sektenähnliche Bewegung, die zwar aszetisch motivierte Wurzeln hat, aber dennoch zu einer grundsätzlich negativen Bewertung vor allem des geschaffenen Leibes kam. Die schon erwähnten Predigtreisen Hildegards an den Rhein und in den Südwesten sind von der Abwehr dieser dualistisch eingefärbten Bewegung motiviert. Es gibt bei den Katharern eine besonders dramatische Kritik der Ehe, aber auch an dem Status der Frau. Zum Teil stehen wohl bei den Katharerinnen auch sexuelle und  häusliche Gewalterfahrungen im Hintergrund: „Die Ehe hat keinen Wert“; „Frauen sind Dämonen“. Hier wird die hl. Hildegard von ihrer Spiritualität und Theologie her eine heftige Bekämpferin dieser häretischen Bewegung; Hildegard hat bei der Verteidigung des menschlichen Leibes und der geschaffenen Wirklichkeit überhaupt durch ihre Stellung als Ordensfrau eine eigene Glaubwürdigkeit.30

Ich bin gewiss, dass diese Bedeutung der hl. Hildegard für uns heute in vielen Hinsichten noch ergänzt und vor allem vertieft werden kann. Diese Umsetzung kann selten unmittelbar sein. Hildegard bleibt uns bei aller Nähe in manchen Gedanken fremd und bedarf einer sorgfältigen Interpretation. Dann werden wir auch in einer authentischen Weise bereichert. Die nächste Zeit muss nach vielen gründlichen historischen und editorischen Arbeiten dieser Aufgabe gehören. Dabei ist die systematische Theologie in besonderer Weise gefordert. Aber dabei werden wir viel Geduld brauchen (vgl. den geplanten Hildegard-Kongress im Februar/März 2013 in Mainz).

Vielleicht darf am Ende das stehen, was der Chronist über die letzten Lebensjahre der hl. Hildegard berichtet: „Denn es brannte in ihrer Brust eine so gütige Liebe, daß sie keinen aus ihrem Wirkungskreis ausschloss. … Da aber ‚der Brennofen die Gefäße des Töpfers  prüft‘ (Sir 27,6 Vg.) und ‚die Tugendkraft in der Schwäche vollendet wird‘ (2 Kor 12,9), blieb sie etwa seit ihrer Kindheit nicht verschont von häufigen und fast ununterbrochenen schmerzhaften Krankheiten, so dass sie äußerst selten ihre Füße zum Gehen nutzte, und da die gesamte Konstitution ihres Fleisches unbeständig war, war ihr Leben wie das Abbild eines kostbaren Todes. Was aber den Kräften des äußeren Menschen fehlte, das wuchs dem inneren Menschen durch den Geist des Wissens und der Stärke zu, und während ihr Körper verfiel, brauste auf wunderbare Weise die Glut ihres Geistes auf.“31

Der Schluss dieser „Vita“ hebt hervor, dass Hildegard nachdem sie „dem Herrn in zahlreichen schweren  Kämpfen  treu  gedient  hatte  [Lebensüberdruss  ergriff]  und  sie  begehrte täglich, ‚abgelöst zu werden und bei Christus zu sein‘ (Phil 1,23). Gott erhörte ihren Wunsch, und wie sie es selbst zuvor begehrt hatte, offenbarte er ihr im prophetischen Geist ihr Ende, das sie auch ihren Schwestern ankündigte. Nachdem sie sich eine Zeitlang mit ihrer Krankheit abgemüht hatte, wanderte sie also im 82. Jahr ihres Lebens am 17. September in  glücklichem Heimgang zu ihrem himmlischen Bräutigam.“32

 

IV. Dank an den Heiligen Vater 

Vielen gebührt Dank. Der größte Dank gehört Papst Benedikt XVI. für seinen Mut, die hl. Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin zu erheben. Vielleicht wird seine Einstellung zu ihr aus einem kleinen Grußwort gut erkennbar, das er 1994 an Tagungsteilnehmer eines Internationalen Hildegard Symposions gerichtet hat, zu dem er eingeladen war: „Gerne hätte ich die Einladung angenommen, zu Ihrer Tagung über Hildegard von Bingen zu kommen, zumal mich die Gestalt dieser Frau von Jugend an fasziniert hat. Mein Interesse war zu Beginn der vierziger Jahre durch den damals populären Roman von Hünermann ‚Das lebendige Licht‘ geweckt worden; dieser erste Zugang ermutigte mich später, der Quelle dieses Lichtes ein wenig mehr nachzugehen, auch wenn ich leider nie zu eigentlichen Hildegard-Studien die Zeit gefunden habe. Heute steht Hildegard in ihrer ganzen kühnen Universalität vor uns. Wir fühlen uns angesprochen durch ihre liebevolle Zuwendung zu den heilenden Kräften der Schöpfung wie durch ihre vielseitige künstlerische Begabung; vor  allem aber durch ihre eindringliche Glaubensverkündigung; sie ist uns daher nahe als eine Frau, die Christus in seiner Kirche liebte, aber nichts von Weltfremdheit oder Ängstlichkeit zeigt, sondern gerade von ihrer Berührung mit dem Geheimnis Gottes her ihrer Zeit das rechte Wort furchtlos und frei zu sagen vermochte. In der Krise des Menschenbildes, die wir durchschreiten,  hat  Hildegard  Wesentliches  zu  sagen.  So  wünsche  ich  Ihnen  fruchtbare Gespräche, damit die Botschaft Hildegards in ihrer unverblassten Aktualität neu gehört und verstanden wird.“33

 

Nachtrag: Nach Abschluss des Textes sei noch verwiesen auf: Hildegard von Bingen. Heilige und Kirchenlehrerin, hrsg. von R. Berndt SJ = Arbeitshilfen 258, Bonn 2012; A. Card.  Amato, Santa Ildegarda di Bingen, Vaticano 2012; hingewiesen sei auch auf die Beilage „donne – chiesa – mondo“ des L´Osservatore Romano, Nr. 4, August/September 2012, darin besonders die Beiträge von Cr. Dobner, L. Scaraffi, M. Veladiano u.a., 1-4.

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  1. K. Lehmann, Heiligkeit des Lebens und Tiefe der Lehre, in: W. Wilhelmy (Hg.), Heilige Hildegard von Bingen, Ausstellungskatalog, Mainz 2012, 8-15, 104f.; vgl. die Beiträge von H. Hinkel zum „Nachleben“ und von A. Lempges / Cl. Sticher zum Verständnis der Visionen, ebd., 40-54; 16-39.
  2. Benedikt XVI., Heilige und Selige. Große Frauengestalten des Mittelalters, Vatikan/Illertissen 2011, 19, vgl. auch 24
  3. Dabei sei nicht vergessen, dass man die Reste des Rupertsberg-Klosters 1857 beim Bau der Eisenbahn in Bingen
  4. Hildegard von Bingen, Briefwechsel, von A. Führkötter, 2. Auflage, Salzburg 1990, 227.
  5. Ebd.
  6. Wisse die Wege (Neuübersetzung M. Heieck), 2. Auflage, Beuron 2012, 17.
  7. Vgl. J. Fried, Das Mittelalter, 2. Auflage, München 2009, 352 f.
  8. Vgl. den immer noch sehr lesenswerten Beitrag von M. Böckeler, „Der einfältige Mensch“. – Hildegard von Bermersheim, in: Hildegard von Bingen, Wisse die Wege. Scivias. Nach dem Originaltext ins Deutsche übertragen und bearbeitet von M. Böckeler, Salzburg 1954, 361-387.
  9. Vgl. nun die vollständige Ausgabe: Im Feuer der Taube, hrsg. von W. Storch, Augsburg 1997.
  10. M. Böckeler, Wisse die Wege, 387.
  11. So nach Hildegard von Bingen, Symphonia. Gedichte und Gesänge. Lateinisch und deutsch von W. Berschin und H. Schipperges, Heidelberg 1995, Darmstadt 2004 (Edition Lambert Schneider), 222; H. Schipperges, Hildegard von Bingen, 3. Auflage, München 1997, 33.
  12. Wisse die Wege, 387.
  13. Zur Bibliografie insgesamt: Hildegard von Bingen. Internationale wissenschaftliche Bibliografie, hrsg. von M.-A. Aris u.a., Mainz 1998.
  14. Borst, Das Buch der Naturgeschichte, Heidelberg 1994,
  15. Stuttgart 1986
  16. Stuttgart 2000, 277-281.
  17. Vgl. z.B. ebd., 278.
  18. Vgl. W. Schmidt-Biggemann, Philosophia perennis, Frankfurt 1998, 241 ff.; L. Sturlese, Die deutsche Philosophie im Mittelalter, München 1993, 204 ff.; Th. Kobusch, Die Philosophie des Hoch- und Spätmittelalters, München 2011, 359 ff.G.
  19. Vgl. Wieland, Symbolische und rationale Vernunft, in: A. Haverkamp (Hg.), Friedrich Barbarossa = Vorträge und Forschungen XI, Sigmaringen 1992, 533-549, 543 ff.; differenzierter K. Bahlmann/M. Dreyer, Wissensarchitekturen oder der Aufstieg zur Weisheit, in: K. Bahlmann u.a. (Hg.), Gewusst wo? Wissen schafft Räume, Berlin 2008, 3-16.
  20. Vgl. R. Zimmermann (Hg.), Bildersprache verstehen, München 2000.
  21. Vgl. Vidi et intellexi. Die Schrifthermeneutik in der Visionstrilogie Hildegards von Bingen, Münster 2012, Literatur: 325-356.
  22. In aller Kürze vgl. Symphonia, 225.
  23. Vgl. Buch der Lebensverdienste, III, 1-2: Der Mensch in der Verantwortung (Liber Vitae meritorum), Salzburg 1972, 133.
  24. H. Schipperges in dem schon zitierten Buch Symphonia, 3 ff., 222 ff., vgl. 205.
  25. Ebd., 12.
  26. Ebd., 13.
  27. D. Sölle, O Grün des Fingers Gottes. Die Meditationen der Hildegard von Bingen, Wuppertal 1989, 57 f.
  28. Symphonia 12; Chr. Meier, Die Bedeutung der Farben im Werk Hildegards von Bingen, in: Frühmittelalterliche Studien 6 (1972), 245-355; A. Bäumer, Wisse die Wege, Frankfurt 1998, 332 ff. u.ö.; G. Lautenschläger, „Viriditas“, in: E. Forster (Hg.), Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten, Freiburg i. Br. 1997, 224-337
  29. Vgl. E. Gössmann, Hildegard von Bingen. Versuche einer Annäherung, München 1995; A. Bäumer, Wisse die Wege, 237; H. Schipperges, Hildegard von Bingen, 50ff.; B. Newman, Hildegard von Bingen, Freiburg i. Br. 1995, 153 ff., 171 ff., 292 ff.
  30. Vgl. dazu  A.  Borst,  Die  Katharer,  Freiburg  1991;  ders.,  Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters, München 1988; ders., Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt 1979 (Ullstein-Sachbuch); U. Bejick, Die Katharerinnen, Freiburg i.Br. 1993; vgl. auch H. Grundmann, Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche in ihrer Geschichte. Ein Handbuch, Band II, Göttingen 1963; ders. Religiöse Bewegungen im Mittelalter, 3. Aufl., Darmstadt 1970
  31. Vita Sanctae Hildegardis. Leben der Heiligen Hildegard von Bingen. Canonizatio Sanctae Hildegardis. Kanonisation der Heiligen Hildegard, übersetzt und eingeleitet von M. Klaes = Fontes Christiani 29, Freiburg i.Br. 1998, 90 f.
  32. Ebd., 231
  33. Schmidt (Hg.), Tiefe des Gotteswissens – Schönheit der Sprachgewalt bei Hildegard von Bingen, Stuttgart 1995, VII.

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Quelle

DER HEILIGE KIRCHENLEHRER HIERONYMUS

4 T

Giuseppe Antonio Petrini, S. Girolamo, 1725-35, Narodni galerija, Liubliana

BENEDIKT XVI., GENERALAUDIENZMittwoch, 7. November 2007

Der heilige Hieronymus (1)

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf den hl. Hieronymus richten, einen Kirchenvater, der die Bibel in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hat: Er hat sie in die lateinische Sprache übersetzt, er hat sie in seinen Werken kommentiert, und er hat sich vor allem bemüht, sie während seines langen Erdendaseins konkret zu leben – trotz seines bekannten schwierigen und temperamentvollen Charakters, den er von der Natur erhalten hatte.

Hieronymus wurde um das Jahr 347 in Stridon in einer christlichen Familie geboren, die ihm eine sorgfältige Ausbildung ermöglichte und ihn zur Vervollkommnung seiner Studien auch nach Rom schickte. Als junger Mann spürte er die Anziehungskraft des weltlichen Lebens (vgl. Ep 22,7), es überwog jedoch in ihm die Sehnsucht nach der christlichen Religion und das Interesse für sie. Um das Jahr 366 empfing er die Taufe und wandte sich dem asketischen Leben zu; er begab sich nach Aquileia und schloß sich einer Gruppe eifriger Christen an, die von ihm gleichsam als »Chor von Seligen« (Chron. ad ann. 374) bezeichnet wurde, der sich um Bischof Valerian scharte. Dann brach er in den Osten auf und lebte als Einsiedler in der Wüste von Chalkis südlich von Aleppo (vgl. Ep 14,10), wobei er sich ernsthaft den Studien widmete. Er vervollkommnete seine Griechischkenntnisse, begann mit dem Studium des Hebräischen (vgl. Ep 125,12), transkribierte Codices und Werke der Kirchenväter (vgl. Ep 5,2). Die Meditation, die Einsamkeit, der Kontakt mit dem Wort Gottes ließen seine christliche Empfindsamkeit reifen. Er fühlte stärker die quälende Last seiner Jugendsünden (vgl. Ep 22,7) und spürte eindringlich den Gegensatz zwischen heidnischer Mentalität und christlichem Leben: ein Gegensatz, der durch die dramatische und lebhafte »Vision« berühmt wurde, die er uns in einer Erzählung hinterlassen hat. In ihr schien es ihm, er würde vor dem Angesicht Gottes gegeißelt, weil er »ein Ciceronianer und kein Christ« wäre (vgl. Ep 22,30).

Im Jahr 382 übersiedelte er nach Rom: Hier nahm ihn Papst Damasus, der seinen Ruf als Asket und seine Kompetenz als Gelehrter kannte, als Sekretär und Berater in seinen Dienst. Er ermutigte ihn, aus pastoralen und kulturellen Gründen eine neue lateinische Übersetzung der biblischen Texte in Angriff zu nehmen. Einige Angehörige der römischen Aristokratie, vor allem adlige Frauen, wie Paula, Marcella, Asella, Lea und andere, die begierig waren, sich um den Weg der christlichen Vollkommenheit zu bemühen und ihre Kenntnis des Wortes Gottes zu vertiefen, wählten ihn zu ihrem geistlichen Begleiter und Lehrer bei der methodischen Annäherung an die heiligen Texte. Diese Edelfrauen lernten auch Griechisch und Hebräisch.

Nach dem Tod von Papst Damasus verließ Hieronymus im Jahr 385 Rom und unternahm eine Pilgerreise, zunächst ins Heilige Land, dem stillen Zeugen des Erdenlebens Christi, dann nach Ägypten, dem Land, das viele Mönche als Aufenthalt wählten (vgl. Contra Rufinum 3,22; Ep 108,6–14). Im Jahr 386 kam er nach Betlehem, wo dank der Großzügigkeit der Edelfrau Paula ein Männerkloster, ein Frauenkloster sowie ein Hospiz für die Pilger, die sich ins Heilige Land begaben, errichtet wurden »im Gedenken daran, daß Maria und Josef keine Unterkunft gefunden hatten« (Ep 108,14). In Betlehem blieb er bis zu seinem Tod, wobei er weiter eine intensive Tätigkeit entfaltete: Er kommentierte das Wort Gottes; er verteidigte den Glauben, indem er sich kraftvoll verschiedenen Häresien widersetzte; er ermahnte die Mönche zur Vollkommenheit, unterwies junge Schüler in der klassischen und christlichen Kultur; er nahm in pastoraler Gesinnung die Pilger auf, die das Heilige Land besuchten. Er starb am 30. September 419/420 in seiner Zelle nahe der Geburtsgrotte.

Seine literarische Ausbildung und seine umfassende Gelehrsamkeit erlaubten Hieronymus die Revision und Übersetzung vieler biblischer Texte: eine wertvolle Arbeit für die lateinische Kirche und für die abendländische Kultur. Auf der Grundlage der griechischen und hebräischen Urtexte und dank des Vergleichs mit früheren Versionen verwirklichte er die Revision der vier Evangelien in lateinischer Sprache, sodann die des Psalters und eines Großteils des Alten Testaments. Indem er dem hebräischen und griechischen Originaltext, der Septuaginta, der in vorchristlicher Zeit entstandenen klassischen griechischen Version des Alten Testaments, und den vorhergehenden lateinischen Versionen Rechnung trug, konnte Hieronymus, dem später weitere Mitarbeiter zur Seite standen, eine bessere Übersetzung bieten: Sie stellt die sogenannte »Vulgata« dar, den »offiziellen« Text der lateinischen Kirche, der als solcher vom Konzil von Trient anerkannt wurde und nach der jüngsten Revision der »offizielle« Text der lateinischen Kirche bleibt. Es ist interessant, die Kriterien festzustellen, an die sich der große Bibelwissenschaftler in seinem Übersetzungswerk gehalten hat. Er enthüllt sie selbst, wenn er sagt, er respektiere sogar die Reihenfolge der Worte der Heiligen Schrift, weil in ihr, sagt er, »auch die Reihenfolge der Worte ein Geheimnis ist« (Ep 57,5), das heißt eine Offenbarung. Er bekräftigt darüber hinaus die Notwendigkeit, auf die Originaltexte zurückzugreifen: »Wenn es wegen der nicht übereinstimmenden Lesarten der Handschriften unter den Lateinern zu einer Diskussion über das Neue Testament käme, greifen wir auf das Original zurück, das heißt auf den griechischen Text, in dem der Neue Bund geschrieben worden ist. Dasselbe gilt für das Alte Testament: Wenn es Abweichungen zwischen den griechischen und lateinischen Texten gibt, berufen wir uns auf den Originaltext, den hebräischen; so können wir all das, was aus der Quelle entspringt, in den Bächen wiederfinden« (Ep 106,2). Darüber hinaus kommentierte Hieronymus auch viele biblische Texte. Nach ihm sollen die Kommentare vielfältige Meinungen bieten, »so daß der besonnene Leser, nachdem er die verschiedenen Erklärungen gelesen und vielfältige Ansichten kennengelernt hat – die anzunehmen oder abzulehnen sind –, urteile, welche die zuverlässigste ist, und wie ein erfahrener Geldwechsler die falsche Münze ablehne« (Contra Rufinum 1,16).

Energisch und lebhaft widerlegte er die Häretiker, die die Überlieferung und den Glauben der Kirche bestritten. Er zeigte auch die Bedeutung und Wirksamkeit der christlichen Literatur auf, die zu einer wahren Kultur geworden war und nun würdig war, mit der klassischen verglichen zu werden: Er tat dies mit der Abfassung von De viris illustribus, einem Werk, in dem Hieronymus die Biographien von über hundert christlichen Schriftstellern vorlegt. Er hat auch Biographien von Mönchen geschrieben und erläuterte damit, neben anderen geistlichen Wegen, auch das monastische Ideal. Außerdem übersetzte er verschiedene Werke griechischer Autoren. Schließlich tritt Hieronymus in dem wichtigen Epistularium, einem Hauptwerk der lateinischen Literatur, mit seinen Wesensmerkmalen eines gebildeten Mannes, Asketen und Seelenführers hervor.

Was können wir vom hl. Hieronymus lernen? Mir scheint, vor allem dies: das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu lieben. Der hl. Hieronymus sagt: »Die Heilige Schrift nicht zu kennen heißt, Christus nicht zu kennen.« Es ist deshalb wichtig, daß jeder Christ in Berührung und in persönlichem Dialog mit dem Wort Gottes lebt, das uns in der Heiligen Schrift geschenkt ist. Dieser unser Dialog mit dem Wort Gottes muß immer zwei Dimensionen haben: Einerseits muß er ein wirklich persönlicher Dialog sein, weil Gott mit einem jeden von uns durch die Heilige Schrift spricht und eine Botschaft für jeden hat. Wir dürfen die Heilige Schrift nicht als Wort der Vergangenheit lesen, sondern als Wort Gottes, das sich auch an uns wendet, und müssen versuchen zu verstehen, was der Herr uns sagen will. Um aber nicht in den Individualismus zu verfallen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß das Wort Gottes uns gerade deshalb gegeben ist, um Gemeinschaft aufzubauen, um uns auf unserem Weg zu Gott hin in der Wahrheit zu vereinen. Obwohl es also immer ein persönliches Wort ist, ist es auch ein Wort, das Gemeinschaft errichtet, das die Kirche auferbaut. Deshalb müssen wir es in Gemeinschaft mit der lebendigen Kirche lesen. Der bevorzugte Ort des Lesens und Hörens des Wortes Gottes ist die Liturgie, in der wir durch das Feiern des Wortes und durch die Vergegenwärtigung des Leibes Christi im Sakrament das Wort in unserem Leben verwirklichen und es unter uns gegenwärtig machen. Wir dürfen nie vergessen, daß das Wort Gottes über die Zeiten hinausreicht. Die menschlichen Meinungen kommen und gehen. Was heute sehr modern ist, wird morgen uralt sein. Das Wort Gottes hingegen ist Wort des ewigen Lebens, es trägt in sich die Ewigkeit, das, was für immer gilt. Indem wir in uns das Wort Gottes tragen, tragen wir also in uns das Ewige, das ewige Leben.

Und so schließe ich mit einem Wort des hl. Hieronymus an den hl. Paulinus von Nola. Darin bringt der große Exeget gerade diese Wirklichkeit zum Ausdruck, nämlich daß wir im Wort Gottes die Ewigkeit empfangen, das ewige Leben. Der hl. Hieronymus sagt: »Versuchen wir, auf der Erde jene Wahrheiten zu lernen, deren Beschaffenheit auch im Himmel bestehen bleiben wird« (Ep 53,10).


In der heutigen Katechese möchte ich den Kirchenvater Hieronymus in den Blick nehmen. Er wurde 347 in Stridon, dem heutigen Laibach in Slovenien, in einer christlichen Familie geboren. Nach seiner Taufe im Jahr 366 wählte er bald einen asketisch-monastischen Lebensstil. Nach Aufenthalten in Antiochien und Konstantinopel, wo er sich sehr gute Kenntnisse der griechischen und hebräischen Sprache aneignete, stand er von 382 bis 385 in Rom als Sekretär und Berater im Dienst von Papst Damasus. Nach dessen Tod bewegten ihn verschiedene Spannungen und Konflikte, die auch charakterlich bedingt waren, zur Übersiedlung nach Bethlehem, wo er im Kreis von monastischen Gefährtinnen und Gefährten die letzten drei Jahrzehnte vor seinem Tod im Jahr 419 oder 420 verbrachte. Im Mittelpunkt von Leben und Werk des hl. Hieronymus stand die Bibel: Er übersetzte mit viel Sorgfalt und in Treue zu den Originaltexten einen großen Teil der Heiligen Schrift in die lateinische Sprache, schrieb Kommentare zu vielen biblischen Büchern und bemühte sich vor allem, auch sein Denken und Handeln ganz nach dem Wort Gottes auszurichten.

* * *

Mit Freude begrüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher hier auf dem Petersplatz. Einen besonderen Gruß richte ich dabei an die Kreisräte und Bürgermeister des Landkreises Freising. Auch heute spricht Gott zu uns in der Heiligen Schrift. Öffnen wir uns für diesen großen geistlichen Schatz und folgen wir in der eifrigen und gläubigen Schriftlesung dem Beispiel des hl. Hieronymus. Der allmächtige Gott segne euch und eure Familien.

 

BENEDIKT XVI., GENERALAUDIENZMittwoch, 14. November 2007

Der heilige Hieronymus (2)

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir fahren heute damit fort, die Gestalt des hl. Hieronymus vorzustellen. Wie wir am vergangenen Mittwoch gesagt haben, widmete er sein ganzes Leben so sehr dem Studium der Bibel, daß er von einem meiner Vorgänger, Papst Benedikt XV., als »herausragender Lehrer der Auslegung der Heiligen Schrift« gewürdigt wurde. Hieronymus hob die Freude und die Wichtigkeit hervor, sich mit den biblischen Texten vertraut zu machen: »Will dir nicht scheinen, schon hier auf Erden im Himmelreich zu wohnen, wenn du unter diesen Texten lebst, wenn du sie betrachtest, wenn du nichts anderes kennst und suchst?« (Ep. 53,10). In Wirklichkeit ist der Dialog mit Gott, mit seinem Wort in gewissem Sinn Gegenwart des Himmels, das heißt Gegenwart Gottes. Sich den biblischen Texten, vor allem dem Neuen Testament zu nähern ist für den Gläubigen ganz wesentlich, denn »die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen«. Das ist ein berühmter Satz von ihm, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil in der Konstitution Dei Verbum (Nr. 25) zitiert wird.

Er war in das Wort Gottes richtiggehend »verliebt« und fragte sich: »Wie könnte man ohne die Kenntnis der Schrift leben, durch die man lernt, Christus selbst zu kennen, der das Leben der Gläubigen ist?« (Ep. 30,7). Die Bibel, das Instrument, »durch das Gott jeden Tag zu den Gläubigen spricht« (Ep. 133,13), wird so Ansporn und Quelle des christlichen Lebens für alle Situationen und für jeden Menschen. Die Schrift lesen heißt mit Gott sprechen: »Wenn du betest« – schreibt er an eine junge adelige Frau aus Rom –, »sprichst du mit dem Bräutigam; wenn du (die Bibel) liest, spricht er zu dir« (Ep. 22,25). Das Studium und die Betrachtung der Heiligen Schrift machen den Menschen weise und gelassen (vgl. In Eph., prol.). Um immer tiefer in das Wort Gottes einzudringen, bedarf es gewiß einer ständigen und zunehmenden Hingabe. So empfahl Hieronymus dem Priester Nepotianus: »Lies sehr häufig die göttlichen Schriften; ja, lege das Heilige Buch nie aus der Hand. Lerne hier das, was du lehren sollst« (Ep. 52,7). Der römischen Matrone Leta gab er für die christliche Erziehung ihrer Tochter diese Ratschläge: »Vergewissere dich, daß sie täglich einige Abschnitte aus der Schrift studiert… An das Gebet schließe sie die Lesung an und an die Lesung das Gebet… Statt der Juwelen und Seidengewänder soll sie die Heiligen Bücher lieben« (Ep. 107,9.12). Mit der Betrachtung der Schrift und ihrer Kenntnis »wird das Gleichgewicht der Seele aufrechterhalten« (vgl. In Eph, prol.). Nur ein tiefer Gebetsgeist und die Hilfe des Heiligen Geistes können uns in das Verständnis der Bibel einführen: »Bei der Auslegung der Heiligen Schrift benötigen wir immer die Hilfe des Heiligen Geistes« (In Mich. 1,1,10,15).

Eine leidenschaftliche Liebe für die Heilige Schrift durchdrang also das ganze Leben des Hieronymus, eine Liebe, die er stets auch in den Gläubigen zu wecken suchte. Einer seiner geistlichen Töchter empfahl er: »Liebe die Heilige Schrift, und die Weisheit wird dich lieben; liebe sie zärtlich, und sie wird dich beschützen; halte sie in Ehren und du wirst ihre Liebkosungen empfangen. Sie sei für dich wie deine Halsketten und deine Ohrringe« (Ep. 130,20). Und weiter: »Liebe die Wissenschaft der Schrift, und du wirst die Laster des Fleisches nicht lieben« (Ep. 125,11).

Ein grundlegendes methodologisches Kriterium bei der Auslegung der Schrift war für Hieronymus die Übereinstimmung mit dem Lehramt der Kirche. Wir können niemals alleine die Schrift lesen. Wir finden zu viele Türen verschlossen und gleiten leicht in den Irrtum ab. Die Bibel wurde vom Volk Gottes und für das Volk Gottes unter der Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben. Nur in dieser Gemeinschaft mit dem Volk Gottes können wir wirklich mit dem »Wir« in den Kern der Wahrheit eintreten, die Gott selbst uns sagen will. Für Hieronymus mußte eine authentische Auslegung der Bibel immer in harmonischer Übereinstimmung mit dem Glauben der katholischen Kirche stehen. Es handelt sich nicht um eine Forderung, die diesem Buch von außen auferlegt würde; die Bibel ist die Stimme des pilgernden Gottesvolkes, und nur im Glauben dieses Volkes befinden wir uns sozusagen in der richtigen Tonart, um die Heilige Schrift zu verstehen. Deshalb mahnte Hieronymus: »Bleibe fest mit der traditionellen Lehre verbunden, die man dich gelehrt hat, damit du gemäß der gesunden Lehre diejenigen ermahnen und widerlegen kannst, die dir widersprechen« (Ep. 52,7). Besonders angesichts der Tatsache, daß Jesus Christus seine Kirche auf Petrus gegründet hat, muß jeder Christ – so seine Schlußfolgerung – »in Gemeinschaft mit der Kathedra des hl. Petrus« stehen. »Ich weiß, daß auf diesen Fels die Kirche gebaut ist« (Ep. 15,2). Und folgerichtig nannte er die Dinge beim Namen: »Ich stehe auf der Seite eines jeden, der mit der Kathedra des hl. Petrus verbunden ist« (Ep. 16).

Natürlich vernachlässigt Hieronymus nicht den ethischen Aspekt. Ja, er mahnt oft zur Pflicht, das Leben mit dem göttlichen Wort in Einklang zu bringen, denn nur wenn wir es leben, finden wir auch die Fähigkeit, es zu verstehen. Dieser Zusammenhang ist unverzichtbar für jeden Christen, besonders für den Prediger, damit seine Handlungen, falls sie nicht mit seinem Reden übereinstimmen sollten, ihn nicht in Verlegenheit bringen. So ermahnt er den Priester Nepotianus: »Deine Handlungen sollen deine Worte nicht Lügen strafen, damit es nicht geschehe, daß, wenn du in der Kirche predigst, jemand in seinem Inneren überlegt: ›Warum also handelst gerade du nicht so?‹ Gut macht sich wirklich jener Meister, der mit vollem Bauch scharfsinnig über das Fasten diskutiert; auch ein Dieb kann die Habgier tadeln; aber im Priester Christi müssen der Geist und das Wort in Einklang stehen« (Ep 52,7). In einem anderen Brief bekräftigt Hieronymus: »Auch wenn er eine glänzende Lehre besitzt, bleibt jener Mensch beschämt, der sich von seinem eigenen Gewissen verurteilt fühlt« (Ep 127,4). Weiter bemerkt er zum Thema Kohärenz: Das Evangelium muß in Haltungen wahrer Nächstenliebe umgesetzt werden, da in jedem Menschen die Person Christi selbst gegenwärtig ist. Als er sich zum Beispiel an den Priester Paulinus wendet (der dann Bischof von Nola und ein Heiliger wurde), gibt ihm Hieronymus folgenden Rat: »Der wahre Tempel Christi ist die Seele des Gläubigen: Schmücke es, dieses Heiligtum, verschönere es, lege in ihm deine Opfergaben nieder und empfange Christus. Wozu soll man die Wände mit Edelsteinen auskleiden, wenn Christus in der Person eines Armen an Hunger stirbt?« (Ep. 58,7). Hierony-mus sagt es ganz konkret: Man muß »Christus in den Armen kleiden, in den Leidenden aufsuchen, in den Hungernden speisen, in den Obdachlosen beherbergen« (Ep. 130,14). Die durch das Studium und die Betrachtung genährte Liebe zu Christus läßt uns jede Schwierigkeit überwinden: »Lieben auch wir Jesus Christus, suchen wir immer die Vereinigung mit ihm: Dann wird uns auch das leicht erscheinen, was schwer ist« (Ep. 22,40).

Hieronymus, der von Prosperus von Aquitanien als »Vorbild der Lebensführung und Lehrmeister des Menschengeschlechts« (Carmen de ingratis, 57) bezeichnet wurde, hat uns auch eine reiche und vielfältige Lehre über das christliche Asketentum hinterlassen. Er erinnert daran, daß ein mutiger Einsatz für die Vollkommenheit eine ständige Wachsamkeit, häufige Abtötungen, wenn auch mit Maß und Vorsicht, eine unermüdliche intellektuelle oder manuelle Arbeit, um den Müßiggang zu vermeiden (vgl. Epp. 125,11 und 130,15), und vor allem Gehorsam gegenüber Gott erfordert: »Nichts … gefällt Gott so sehr wie der Gehorsam…, der die höchste und einzige Tugend ist« (Hom. de obeodientia: CCL 78,552). Zum asketischen Weg kann auch die Praxis der Wallfahrten gehören. Hieronymus gab insbesondere den Wallfahrten ins Heilige Land Auftrieb, wo die Pilger in den Gebäuden aufgenommen und beherbergt wurden, die dank der Großzügigkeit der Adligen Paula, einer geistlichen Tochter des Hieronymus, neben dem Kloster von Betlehem entstanden waren (vgl. Ep. 108,14).

Nicht verschwiegen werden kann schließlich der Beitrag, den Hieronymus auf dem Gebiet der christlichen Pädagogik geleistet hat (vgl. Epp. 107 und 128). Er nimmt sich vor, »eine Seele zu bilden, die zum Tempel des Herrn werden soll« (Ep. 107,4), zu einem »wertvollen Juwel« in den Augen Gottes (Ep.107,13). Mit tiefer Einfühlung rät er, sie vor dem Bösen und vor den sündhaften Gelegenheiten zu bewahren, fragwürdige oder zerstreuende Freundschaften auszuschließen (vgl. Ep. 107,4 und 8–9; vgl. auch Ep. 128,3–4). Vor allem ermahnt er die Eltern, daß sie um die Kinder ein Umfeld der Ruhe und Freude schaffen, sie durch Lob und Wetteifern auch zum Studium und zur Arbeit anregen (vgl. Epp. 107,4 und 128,1), sie ermuntern, die Schwierigkeiten zu überwinden, in ihnen die guten Gewohnheiten fördern und sie davor bewahren sollen, schlechte anzunehmen, weil – und hier zitiert er einen Satz des Publilius Syrus, den er in der Schule gehört hatte – »es dir kaum gelingen wird, an dir jene Dinge zu berichtigen, an die du dich ruhig gewöhnst« (Ep. 107,8). Die Eltern sind die wichtigsten Erzieher der Kinder, die ersten Lehrer des Lebens. Indem sich Hieronymus mit großer Klarheit an die Mutter eines Mädchens wendet und dann auf den Vater anspielt, mahnt er – und bringt damit gleichsam ein Grundbedürfnis jedes Menschen zum Ausdruck, der ins Dasein tritt: »Sie möge in dir ihre Lehrerin finden, und auf dich blicke mit Staunen ihre unerfahrene Kindheit. Weder in dir noch in ihrem Vater soll sie je Haltungen sehen, die sie zur Sünde führen, wenn sie nachgeahmt würden. Denkt daran, daß … ihr sie mehr durch das Vorbild als durch das Wort erziehen könnt« (Ep. 107,9). Unter den hauptsächlichen Einsichten des Hieronymus als Pädagoge sind hervorzuheben: die Bedeutung, die einer gesunden und ganzheitlichen Erziehung von der ersten Kindheit an zugeschrieben wird; die besondere Verantwortung, die den Eltern zuerkannt wird; die Dringlichkeit einer ernsthaften moralischen und religiösen Bildung; das Erfordernis des Lernens für eine vollständigere menschliche Bildung. Ein für die Antike ziemlich unerwarteter, aber von unserem Autor als lebenswichtig betrachteter Aspekt ist darüber hinaus die Förderung der Frau, der er das Recht auf eine vollständige Bildung zuerkennt: menschlich, schulisch, religiös und beruflich. Und wir sehen gerade heute, daß die Erziehung der Persönlichkeit in ihrer Ganzheit, die Erziehung zur Verantwortlichkeit vor Gott und vor dem Menschen die wahre Voraussetzung für jeden Fortschritt, für jeden Frieden, für jede Versöhnung und jeden Ausschluß von Gewalt ist. Erziehung vor Gott und vor dem Menschen: Es ist die Heilige Schrift, die uns die Führung der Erziehung und so des wahren Humanismus bietet.

Wir können diese raschen Anmerkungen über den großen Kirchenvater nicht abschließen, ohne auf den wirkungsvollen Beitrag hinzuweisen, der von ihm zur Bewahrung der positiven und gültigen Elemente der antiken jüdischen, griechischen und römischen Kultur in der entstehenden christlichen Zivilisation geleistet worden ist. Hieronymus hat die in den Klassikern vorhandenen künstlerischen Werte, den Reichtum der Gefühle und die Harmonie der Bilder, die das Herz und die Phantasie zu edlen Gefühlen erziehen, anerkannt und aufgenommen. Vor allem hat er das Wort Gottes, das den Menschen auf die Wege des Lebens hinweist und ihm die Geheimnisse der Heiligkeit enthüllt, zum Mittelpunkt seines Lebens und Handelns gemacht. Für all das können wir ihm nur zutiefst dankbar sein, gerade in unserer heutigen Zeit.


Im Anschluß an die Katechese vom vergangenen Mittwoch über das Leben des heiligen Hieronymus möchte ich heute einen kurzen Überblick über sein Denken geben. Um zum geistigen Gut dieses Kirchenvaters einen Zugang zu erhalten, müssen wir ihn als gläubigen Christen begreifen. Im Zentrum seines Denkens steht Christus, das Wort des Vaters und das wahre Leben, das Hieronymus im Studium der Heiligen Schrift immer tiefer zu erkennen sucht. Sein berühmter Satz „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen“, der sich auch in einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederfindet (Dei Verbum Nr. 25), bringt dies treffend zum Ausdruck.

Der Heilige lädt die Gläubigen ein, mit der Bibel einen vertrauten Umgang zu pflegen. Die Heilige Schrift ist das Instrument, durch das Gott jeden Tag zu uns sprechen will. Allerdings bedarf es des Gebets und der Bitte um den Heiligen Geist, um im Verständnis des Wortes Gottes voranzuschreiten. Auf diesem Weg lernt der Christ auch, seinen Herrn in Werken der Nächstenliebe zu erkennen: Christus in den Armen zu kleiden, in den Leidenden zu begegnen, in den Hungernden zu speisen und in den Heimatlosen zu beherbergen. Die Gläubigen sind zur Vervollkommnung ihres geistlichen Lebens aufgerufen, die durch beständige Wachsamkeit, durch Verzicht, Arbeitseifer und Gehorsam erlangbar ist. Der Kirchenvater Hieronymus weiß und sagt uns: Das Wort Gottes erschließt uns Menschen Wege des Lebens und der Heiligkeit.

* * *

Von Herzen grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Der hl. Hieronymus mag uns allen in seinem Ringen, das oft nicht leicht war – er hatte ein schwieriges und wildes Temperament – ein Vorbild sein und uns ermutigen im beständigen Gebet, im Hören auf Gottes Wort, im Ringen mit Gottes Wort und im Ringen mit uns selbst, den rechten Weg zu finden. Der Herr unseres Lebens schenke euch seinen Frieden und geleite euch auf allen euren Wegen.

 

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Franziskus feiert Messe mit Armeniern zum Gedenken an Völkermord 1915

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Messe mit armenischen Gläubigen im Petersdom – RV

Papst Franziskus hat an diesem Sonntag im Petersdom eine feierliche Messe mit Tausenden armenischen Gläubigen und den höchsten Würdenträgern der armenischen Kirche gefeiert. Anlass war der Beginn des Völkermordes an den armenischen Christen vor 100 Jahren durch das Osmanische Reich. Das Wort „Genozid“, Völkermord, benutzte der Papst ausdrücklich. In einer Ansprache zum Beginn der Messe bezeichnete er das Hinmetzeln der Armenier während des Ersten Weltkriegs öffentlich als „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“. Bei den Massakern des seinerzeit mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches wurden 1915 und 1916 in Ostanatolien bis zu 1,5 Millionen Armenier ermordet. Franziskus stellte den Genozid in eine Reihe mit der Judenvernichtung im Nationalsozialismus und mit der Hungersnot 1932/33 in der Ukraine, die der sowjetische Diktator Josef Stalin herbeigeführt hatte.

„Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts“

„Die Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt: die erste, die allgemein als ‚der erste Genozid des 20. Jahrhunderts‘ angesehen wird; diese hat euer armenisches Volk getroffen“, sagte der Papst im Petersdom. Er berief sich mit dieser Formulierung auf seinen Vorgänger Johannes Paul II., der in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier Karekin II. vom 27. September 2001 dieselben Worte gewählt hatte. Die Formulierung – in Anführungszeichen – steht in der schriftlichen Fassung der Grußworte in Anführungszeichen. Sie taucht ebenso in einer offiziellen Botschaft von Papst Franziskus an die armenischen Gläubigen von diesem Sonntag auf. Dieses Dokument wurde am Ende der Messe im lateinischen Ritus den beiden armenischen Oberhäuptern, dem katholischen armenischen Patriarchen und dem ebenfalls anwesenden armenischen Staatspräsidenten Sersch Asati Sargsjan übergeben.„Ein Jahrhundert ist vergangen seit jenem schrecklichen Massaker, das ein echtes Martyrium für euer Volk war, und in dem viele Unschuldige als Bekenner und Märtyrer im Namen Christi starben“, lauten die ersten Worte der päpstlichen Botschaft. „Es gibt noch heute keine armenische Familie, die in jenem Ereignis nicht jemanden seiner Lieben verloren hätte: es war wirklich das „Metz Yeghern“, das „Große Übel“, wie ihr diese Tragödie genannt habt.“ Franziskus würdigte den alten, starken und großen Glauben des armenischen Volkes. „Dieser Glaube hat euer Volk begleitet und gestützt auch im tragischen Ereignis vor hundert Jahren, das ´im Allgemeinen als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts definiert wird´“.

Einladung an die Türkei, den Genozid aufzuarbeiten

Der Völkermord an den christlichen Armeniern ist in der Türkei, der Erbin des Osmanischen Reiches, hundert Jahre später immer noch ein tabubesetztes Thema. Franziskus rief in seiner Botschaft indirekt auch die Türkei dazu auf, die Erinnerung an den Genozid zuzulassen. „Das Gedenken an das Vorgefallene zu begehen, ist nicht nur dem armenischen Volk und der Weltkirche aufgegeben, sondern der gesamten Menschheitsfamilie“, schreibt der Papst. Nur so könne die Mahnung, die aus dieser Tragödie kommt, „uns von der Gefahr befreien, in ähnliche Gräuel zurückzufallen, die Gott und die Menschenwürde beleidigen.“ Heute noch würden Konflikte mitunter in nicht zu rechtfertigende Gewalt ausarten, Gewalt, die durch die Instrumentalisierung ethnischer und religiöser Unterschiede noch geschürt werde. Franziskus erinnerte an Massenvernichtungen in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien. In seiner Botschaft schloss er einen Aufruf an die Staats- und Regierungschefs und die internationalen Organisationen an: Sie seien „dazu aufgerufen, sich solchen Verbrechen mit fester Verantwortung entgegenzustellen, ohne Zweideutigkeiten und Kompromissen nachzugeben.“ Der Papst verwies darauf, dass sein Vorgänger Benedikt XV. am 10. September 1915 versucht habe, den Völkermord an den Armeniern zu stoppen. „Er schrieb in dieser Angelegenheit an Sultan Mohammed V. und flehte ihn an, das Leben so vieler Unschuldiger zu verschonen“.

Die Wunden Jesu – Schlüssel einer möglichen Versöhnung

In seiner Predigt bei der Messe mit den Armeniern verwies der Papst freilich auch auf den Weg, den Jesus aus einer Verschlossenheit in den Wunden der Vergangenen weist: die Barmherzigkeit. Das Evangelium an diesem ersten Sonntag nach Ostern, dem Sonntag der Barmherzigkeit, stellt uns den ungläubigen Thomas vor, der nicht an die Auferstehung glauben will, solange er die Wunden Jesu nicht mit eigenen Händen berührt. „Die Wunden Jesu sind Wunden der Barmherzigkeit“, erläuterte Franziskus. Durch diese Wunden können Christen „wie durch einen leuchtenden Zugang hindurch das ganze Geheimnis Christi und Gottes sehen … wir können die ganze Heilsgeschichte zurückgehen … bis zu Abel und seinem Blut, das zum Himmel schreit.“

Angesichts der „tragischen Ereignisse in der Menschheitsgeschichte“ fragten sich Menschen stets nach dem Warum, so der Papst vor den armenischen Gläubigen. „Die menschliche Bosheit kann in der Welt gleichsam Abgründe, ein großes Vakuum auftun: ein Vakuum an Liebe, ein Vakuum an Gutem, ein Vakuum an Leben. Und dann fragen wir uns: Wie können wir diese Abgründe auffüllen? Für uns ist es unmöglich; Gott allein kann diese Leere, welche das Böse in unseren Herzen und in unserer Geschichte auftut, füllen. Und Jesus, der Mensch geworden und am Kreuz gestorben ist, füllt den Abgrund der Sünde mit dem Abgrund seiner Barmherzigkeit.”

Ein neuer Kirchenlehrer: Gregor von Narek

Einen Ehrenplatz in der Liturgie und im Gedenken nahm an diesem Sonntag der armenische Heilige Gregor von Narek ein. Franziskus erhob den Mönch aus dem 10. Jahrhundert zum Kirchenlehrer. Gregor „verstand es mehr als jeder andere, die Sensibilität eures Volkes auszudrücken“, schreibt der Papst in seiner Botschaft an die armenischen Christen. Der Heilige habe dem „Schreien“ einer in Sünde befangenen Menschheit eine Stimme gegeben, die dennoch vom Glanz der Liebe Gottes erleuchtet sei. Franziskus würdigte überdies die sehr weit zurückreichende Tradition der Kirche Armeniens. 301 habe der Heilige Gregor der Erleuchter Armenien zur Taufe geführt – „die erste Nation im Lauf der Jahrhunderte, die das Evangelium Christi annahm“. Das Christentum habe das armenische Volk „unauslöschlich“ geprägt, wobei in seiner Geschichte das Martyrium schon seit dem 5. Jahrhundert „einen herausragenden Platz“ einnimmt.

Armenischer Würdenträger nutzt Auftritt zu politischen Forderungen

Die stärksten Worte zum Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren fand – sichtlich aus eigener Betroffenheit – der armenische Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, Aram I. Der gebürtige Libanese ergriff am Ende der Messe im Petersdom das Wort. In erheblichen Abweichungen vom ursprünglichen Redetext und unter dem Applaus der armenischen Gläubigen sprach Aram vom Genozid als „unvergesslichem und unleugbarem Fakt der Geschichte, der in den Annalen moderner Geschichte und im gemeinsamen Bewusstsein tief verwurzelt“ sei. Er erinnerte an die eineinhalb Millionen Getöteten und Tausende armenischer Klöster und Einrichtungen, die von den Osmanen zerstört oder beschlagnahmt wurden und „immer noch konfisziert“ seien. Aram berief sich auf internationales Recht und forderte im Petersdom „Verurteilung, Anerkennung und Reparation“ für den Völkermord vor 100 Jahren. Er würdigte das Einschreiten des Heiligen Stuhles für die Armenier, namentlich den Brief von Benedikt XV. zur Beendigung der Massaker, und das Engagement in den darauf folgenden Jahrzehnten. „Wir schätzen diese Unterstützung des Vatikans und besonders eurer Heiligkeit sehr“, sagte Aram.

Papst Franziskus hatte bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt die Verfolgung der Armenier als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Daraufhin legte die Türkei offiziell Protest ein. Die Äußerung sei „absolut  inakzeptabel“, hieß es 2013 aus Ankara. Franziskus hatte sich in einem privaten Gespräch geäußert, das später publik wurde. Bereits als Erzbischof von Buenos Aires hatte der heutige Papst keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord betrachtet.

(rv 12.04.2015 gs)

DIE HEILIGE CATERINA VON SIENA – Kirchenlehrerin und Patronin Europas

Am 1. Oktober 1999 ernannte Papst Johannes Paul II. drei heilige Frauen zu Schutzpatroninnen Europas: Birgitta von Schweden, Caterina von Siena und Edith Stein. Seine Wahl fiel auf diese drei, weil sie sich durch die„tatkräftige Liebe zur Kirche“ und durch das „Zeugnis für sein Kreuz“ ausgezeichnet haben und weil die „Heiligkeit mit weiblichem Antlitz“ gerade für unsere Zeit „besonders bedeutsam“ ist.

Das Ende der päpstlichen Universalherrschaft

Katharina von Siena

Katharina von Siena

Zu Beginn des Jahres 1377 schrieb die hl. Caterina an Papst Gregor XI.: „Der eigentliche Schatz der Kirche ist das Blut Christi zur Erlösung der Seelen. Und dieses Blut wurde nicht vergossen um des weltlichen Besitzes willen, sondern zur Erlösung der Menschheit … Es ist also viel besser, das Gold des weltlichen Besitzes fahren zu lassen als das Gold des geistlichen Besitzes. Tun Sie also Ihr Möglichstes … und Sie werden Ihre geistliche wie weltliche Macht wieder erlangen.“

Das Mittelalter war gekennzeichnet von der Idee der Einheit von geistlicher und weltlicher Herrschaft. Wie Seele und Leib, so sind auch Kreuz und Krone aufeinander bezogen. Ein- und derselbe Mensch ist Bürger dieser Welt und zugleich Kind Gottes.

Christus allein ist der Herr der Christenheit, und seinem Repräsentanten auf Erden, dem Papst, kommt deshalb eine besondere Stellung zu. Aus der Erhabenheit des Geistlichen über das Leibliche wird im Mittelalter die Überordnung der Kirche über den Staat abgeleitet. Der daraus entstehende Konflikt mit dem Imperium dauerte zwei Jahrhunderte und endete zunächst mit einem Sieg des Papsttums.

In Wahrheit war dies aber der Anfang vom Ende der abendländischen Einheit. Denn in dem Maße wie die kaiserliche Autorität im Reich geschwächt wurde, fühlten sich die lokalen Regenten in ihrer Macht gestärkt. Den aufstrebenden Nationalstaaten gegenüber konnte der Papst zur Durchsetzung seiner Herrschaft nichts entgegensetzen.

Als der französische König den Papst in dem italienischen Städtchen Anagni handstreichartig gefangennehmen ließ, war es mit der päpstlichen Weltherrschaft vorbei. Aus der bisherigen Freiheit der Kirche wurde eine politische Abhängigkeit von Frankreich, und zwar so sehr, daß der Papst seine Residenz von Rom nach Avignon verlegte. 70 Jahre dauerte diese „babylonische Gefangenschaft“, die für die Kirche ungemein schädlich war.

In München war  inzwischen Ludwig der Bayer an die Macht gekommen. Als Johannes XXII. von Avignon aus gegen seine Wahl protestiert, ist Ludwig nicht mehr bereit, seine Regentschaft vom Papst genehmigen zu lassen. Er zieht nach Rom, macht sich selbst zum Kaiser und setzt vorübergehend einen Gegenpapst ein.

Um sein Vorgehen auch intellektuell und theoretisch abzusichern, schart er um sich die Papst- und Kirchenkritiker seiner Zeit. Bekannt sind der englische  Franziskanerpater Wilhelm von Ockham und der Magister der Pariser Universität Marsilius von Padua. In seinem berühmten Werk „Defensor pacis“ unterzieht er die Kirche und das Papsttum einer scharfen Kritik. Diese Ideen haben Einfluß genommen auf die späteren Jahrhunderte und wirken sich aus bis zum heutigen Tag: Die Macht geht vom Volk aus. Das Wort von der „Volkssouveränität“ wird geboren. Die Kirche sei nicht göttlichen Ursprungs, das Papsttum nicht göttlichen Rechts, die Hierarchie eine menschliche Erfindung, und oberste Autorität in der Kirche sei nicht der Papst, sondern das Konzil.

Die deutschen Kurfürsten legen fest, daß ein von ihnen gewählter Kandidat von nun an keine päpstliche Bestätigung mehr braucht. Sie sind jetzt die eigentlichen Königsmacher. 10 Jahre später wird in der goldenen Bulle die Wahlordnung der dt. Könige festgelegt, worin der Papst mit keinem einzigen Wort mehr vorkommt. Die Macht der ma. Papsthoheit war damit definitiv zu Ende.

Ludwig der Bayer, der zuvor noch das Kloster Ettal gegründet hatte, stirbt auf einer Bärenjagd in Fürstenfeldbruck bei München. Er hat sich mit dem Papst zwar nicht mehr versöhnt, aber er starb in den Armen eines einfachen Bauern mit dem Gebet auf den Lippen: „Süße Königin, unsere Herrin, steh mir bei in meinem Sterben.“ Es war das Jahr 1347.

In diesem Jahr 1347 wird in Siena das 24. Kind der Färbersfamilie Benincasa geboren.  Und damit sind wir – nach dieser notwendigen Einleitung – beim eigentlichen Thema unseres Abends.

In der Zeit also, wo durch Marsilius von Padua die Idee beginnt, der Mensch könne sich von Gott emanzipieren und die Kirche sei nur eine menschliche Institution, wird Caterina von Gott damit beauftragt, den Menschen ihre Geschöpflichkeit und Gottebenbildlichkeit wieder bewußt zu machen, die Heilsnotwendigkeit der Kirche vor Augen zu stellen und die Hirten zu ermahnen, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu besinnen.

Die hl. Caterina von Siena

In der hl. Caterina von Siena begegnen wir einer der wunderbarsten Gestalten der Weltgeschichte. Papst Paul VI. hat sie im Jahre 1970 zur Kirchenlehrerin erhoben.  10 Jahre später nennt sie Papst Johannes Paul II. einen „Schutzengel der Kirche“, und im Herbst letzten Jahres erfolgte – neben der hl. Birgitta von Schweden und der hl. Sr. Theresia Benedicta a Cruce, Edith Stein, ihre Ernennung zur Mitpatronin Europas.

Vom hl. Franziskus heißt es, daß er in seiner Gestalt das Leben des Herrn noch einmal auf Erden sichtbar gemacht hat. Wenn es eine Frau gibt, von der man Ähnliches sagen könnte, dann ist es die hl. Caterina von Siena. Sie wird durch Gottes Gnade in eine solche Vertrautheit und Liebe zu Christus geführt, daß es für uns schwer ist, sich dies irgendwie annähernd vorzustellen. Ihr Leben dauert – wie das Leben des Herrn – nur 33 Jahre. Sie stirbt im Gehorsam gegenüber Christus aus Liebe zur Kirche.

Caterina ist zuallererst Mystikerin. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes, weil sie dem Mysterium, dem Geheimnis aller Geheimnisse, dem unendlichen Gott, selbst begegnet ist. Sie hat als 27-jährige in Pisa vor dem Bildnis des Gekreuzigten an ihrem Leib die Wundmale des Herrn empfangen, und 5 Jahre zuvor erlebt sie in einer Vision, wie ihr Christus das Herz aus der Brust nimmt, um ihr sein eigenes einzusetzen.

Was der hl. Paulus den Galatern geschrieben hat: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20), ist bei Caterina erlebbare Wirklichkeit geworden. Für Caterina ist dies der Beginn einer ungewöhnlichen Sendung. Nun soll sie mit dem Herzen Jesu hinausgehen zu den Menschen. Christus führt sie zu den Sündern, zu den Armen, zu den verfeindeten Familien und Parteien, zu den Großen des öffentlichen Lebens, der Politik und der Kirche. Dabei begleitet sie eine Jüngerschar, bestehend aus Anhängern und Verehrern, für die sie sich als geistliche Mutter verantwortlich weiß und die ihr wie blind gehorchen.

Als sie bei einem Aufstand in Florenz von den Häschern gesucht und schließlich betend in einem Garten gefunden wird, bietet sie bereitwillig ihr Leben an und bittet nur um Schonung für ihre Jünger. Unwillkürlich erinnert diese Szene an die Gefangennahme Christi im Ölgarten. Wie bei Christus wichen auch bei Caterina die Soldaten zurück und ließen ihre Waffen sinken. Für den Herrn begann mit Getsemane die Erfüllung seines Auftrages vom Vater. Für Caterina war diese Stunde noch nicht gekommen.

Fünf Orte werden für Caterina bestimmend: die Heimatstadt Siena, die Kulturmetropole Florenz, die Hafenstadt Pisa, das päpstliche Avignon in Frankreich und Rom. Diese fünf Städte bilden sozusagen die Eckpunkte bzw. den Rahmen, zwischen denen ihr Leben ausgespannt war.

Das 14. Jahrhundert

Die Zeit, in die wir uns zurückversetzen müssen, ist das 14. Jahrhundert. In Italien ist es bereits die Frührenaissance, künstlerisch und kulturell hochbedeutend. Als Caterina 1347 in der Mitte des Jahrhunderts geboren wird, schreiben Petrarca und Bocaccio ihre großen Werke, Pisa, Florenz und Siena erweitern und vollenden ihre Dome, und die Maler Botticelli, Donatello, Masaggio, Mantegna und Filippo Lippi verewigen sich durch ihre berühmten Werke. Im Herzogtum Österreich regiert Rudolf der Stifter, und im deutschen Sprachraum entstehen die großen Universitäten Prag, Wien, Heidelberg und Köln.

Die Mitte des 14. Jhdts. ist aber auch eine Zeit großer Unruhen und Ängste. Ein Jahr nach Caterinas Geburt bricht über Europa die Pest aus, der fast die Hälfte der Einwohner zum Opfer fallen; zwischen Frankreich und England tobt der Hundertjährige Krieg, in Italien bekämpfen sich die Adelsparteien, und das Land wird von plündernden Söldnerbanden verwüstet.

Die Versuche der Päpste, nach ihrem Weggang aus Rom den Kirchenstaat von Frankreich aus irgendwie zu regieren, brachten keinen Erfolg. Ebenso erfolglos war der kurze Versuch einer Rückkehr von Papst Urban V. Die französischen Legaten und Vikare waren in Italien nicht beliebt. Außerdem störten sie die aufstrebende Selbständigkeit und das eigenmächtige Regieren der Stadtrepubliken.

Als sich Florenz und Mailand verbünden und zum Aufstand gegen den Papst drängen, folgen im Kirchenstaat 80 Städte diesem Aufruf. Die Antwort des Papstes – nach ergebnislosen Verhandlungen mit den Florentinern – war das Interdikt über Florenz und die mit ihm verbündeten aufrührerischen Städte. Das Interdikt ist eine Kirchenstrafe, die besagt, daß für eine Stadt oder ein ganzes Gebiet jegliche gottesdienstliche Handlungen untersagt sind. Ausgesetzt waren damals auch alle Verträge und Handelsbeziehungen.

Caterinas politische Tätigkeit

In dieser dramatischen Stunde tritt Caterina auf die Bühne der politischen Geschichte. Caterina ist bereits 28. In ihrem ersten uns erhaltenen Brief an Papst Gregor XI. erinnert sie ihn an die Wunden der Kirche und an seine notwendige Rückkehr nach Rom: „Wenn Sie bisher nicht recht entschlossen gewesen sind, so bitte und beschwöre ich Sie, von nun an als mutiger Mann zu handeln und Christus nachzufolgen, dessen Stellvertreter Sie ja sind. Fürchten Sie nichts, liebster Vater, weder die Stürme, die Sie bedrohen, noch den grollenden Aufruhr. Wachen Sie über die Angelegenheiten der Kirche, setzen Sie gute Hirten und in den Städten gute Obrigkeiten ein, denn die schlechten Hirten und die schlechten Obrigkeiten sind die Ursache der Auflehnung. Kehren Sie nach Rom zurück .. .zögern Sie nicht mehr. Ihre Säumigkeit hat schon viel Verwirrung entstehen lassen, und Satan versucht alles, um ihre Rückkehr zu verhindern. Mut, Heiliger Vater, keine Nachlässigkeit mehr!“

Mit den rebellischen Florentinern spricht sie in einem anderen Ton. Eine Auflehnung gegen den Papst ist für Caterina wie eine Auflehnung gegen Christus. An ein Regierungsmitglied der Stadt schreibt sie: „Ihr wißt, daß ein Glied, das von seinem Haupte getrennt ist, kein Leben in sich haben kann. Weil es nicht vereint ist mit dem, was ihm Leben mitteilt. So sage ich, geht es der Seele, die geschieden ist von der Liebe und Gnade Gottes, den Seelen derer, die ihrem Schöpfer nicht folgen, sondern vielmehr mit vielen Beleidigungen und schweren Sünden ihn verfolgen … Wenn ihr mir sagt, wir handeln nicht gegen Gott!, so sage ich: Ihr handelt gegen den, der seine Stelle vertritt.“

Und die Tatsachen? Die Heilige mahnt zum Frieden. Die Politiker dagegen benützen sie zunächst für ihr diplomatisches Spiel. Caterina kommt als Gesandte von Florenz am 23. Juni 1376 nach Avignon. Bereits zwei Tage später wird sie vom Papst empfangen. Doch der Vermittlungsversuch scheitert. Die Regierung in Florenz hat Caterina nur ausgenützt, um Zeit zu gewinnen und die Gegenkräfte zu sammeln. Daraufhin verhängt Papst Gregor über Florenz das Interdikt.

4 Monate bleibt Caterina in Avignon. Gregor XI., ein Franzose, ist verhältnismäßig jung, er ist 47, hoch gebildet, intelligent und fromm, aber zaghaft und wenig fest. Seine Umgebung will eine Abreise nach Rom mit allen Mitteln verhindern. Zu schön ist das Leben hier in Frankreich, in diesem päpstlichen Palast. Caterina ermutigt ihn mit vielen kleinen Briefen und erreicht schließlich,  daß er am 13. September Avignon verläßt. Die Galeere des Papste gerät in einen heftigen Sturm, der als böses Omen gedeutet wird. Auf der Zwischenstation ihn Genua, wo ihn Caterina bereits erwartet, versuchen die Gefolgsleute des Papstes ihn erneut zur Umkehr zu bewegen. Sie riegeln ihn hermetisch ab, um eine Begegnung mit der Heiligen zu verhindern. Verkleidet als einfacher Mönch erscheint Gregor XI. nachts vor dem Quartier Caterinas. Von ihr bestärkt setzt er die Reise nach Rom fort. Dort wird er begeistert empfangen und im Triumphzug nach St. Peter geleitet.

Das Interdikt in Florenz hatte inzwischen Wirkung gezeigt. Im Frühjahr 1378 wird Caterina im Auftrag des Papstes nach Florenz geschickt, Gregor bietet die Versöhnung an. Bald darauf stirbt er.

Die Rückkehr des Papstes nach Rom und jetzt der Friede mit Florenz: Diese beiden Erfolge sichern Caterina eine Autorität, die niemand mehr bestreiten konnte. Zum neuen Papst wurde der Erzbischof von Bari gewählt, nach 70 Jahren erstmals wieder ein Italiener. Er nennt sich Urban VI.

Das abendländische Schisma

Urban war ein sittenstrenger Priester, der die Reform der Kirche mit Nachdruck durchführen wollte, dabei aber maßlos und unklug vorging. Gegen alle Widerstände und Schmähungen nimmt ihn Caterina in Schutz. Zugleich aber bittet sie ihn um Mäßigung: „O heiliger Vater, seid geduldig … ihr seid der Vater und der Herr der ganzen Christenheit; wir sind alle unter den Fittichen eurer Heiligkeit. Eure Autorität erstreckt sich auf alles. Und trotzdem ist euer Blick wie der des Menschen begrenzt …“ Später wird sie deutlicher: „Um der Liebe des gekreuzigten Jesus willen, mäßigt ein wenig die allzu schnellen Regungen, die die Natur in Euch aufkommen läßt. Da Gott Euch ein von Natur aus großes Herz gegeben hat, so bemüht Euch, es übernatürlich groß zu haben, das heißt ein mutiges und in einer wahren Demut gefestigtes Herz.“ Durch seine schroffe und verletzende Art zogen sich die Kardinäle immer mehr zurück und verweigerten dem Papst schließlich die Gefolgschaft. 5 Monate später wählen sie aus ihren Reihen einen neuen Papst, der sich Clemens VII. nennt und seine Residenz wieder zurückverlegte nach Avignon.

Damit hatte die Kirche zwei Päpste und eine Spaltung, die das ganze Abendland über 30 Jahre lang in größtes Unglück stürzte. Denn dieser Riß der Kirche teilte nicht nur Europa, sondern auch Diözesen, Ordensgemeinschaften und Familien. Die einen hielten zu Clemens, die anderen zu Urban.

In dieser Zeit schreibt Caterina ihre „Kampfbriefe“ an die Könige von Frankreich und Ungarn, an die Königin von Neapel, an die Stadt-Regierungen in Italien und an die kirchlichen Würdenträger. Damit hat sie Urban unschätzbare Dienste erwiesen. Für sie besteht kein Zweifel: Urban ist der einzig rechtmäßige Papst. Dies können die Lügner der Welt nicht bestreiten. Bekannt ist der energische Brief an drei italienische Kardinäle, die zuerst noch zu Urban hielten, dann aber zum Gegenpapst überwechselten: Sie beginnt den Brief: „Teuerste Brüder und Väter in Christus Jesus! Ich, Caterina, Dienerin und Magd der Diener Jesu Christi, schreibe Euch in seinem Kostbaren Blut.“ Dann folgt eine lange Abhandlung über die Verblendung, und schließlich schreibt sie: „Ihr wißt und Ihr kennt die Wahrheit, daß Papst Urban VI. der rechtmäßige Papst ist, erwählt in gesetzlicher Wahl und nicht aus Furcht, in Wahrheit mehr durch göttliche Eingebung als durch Eure menschliche Bemühung … Ihr selbst habt uns diese Wahrheit verkündet. Jetzt habt Ihr als niedrige und erbärmliche Ritter die Schultern gewendet … Ihr habt Euch abgekehrt von der Wahrheit, die Euch Kraft verlieh und Euch der Lüge zugewandt. Und was ist Schuld daran? Das Gift der Eigenliebe, das die Welt vergiftet hat. Durch sie seid Ihr, die Ihr Säulen der Kirche seid, schwächer geworden als Strohhalme. Nicht duftende Blumen seid Ihr, sondern Gestank, denn die ganze Welt habt Ihr verpestet … irdische Engel solltet Ihr sein, um die verirrten Schafe zur Kirche zurück zu führen. Und nun seid Ihr selber Teufel geworden. … Ihr sagt, Ihr hättet Urban aus Angst zum Papst gewählt. Das ist nicht wahr! Wer das sagt, der lügt, wider sein besseres Wissen.“

Caterina in Rom

Urban sieht sich von vielen Seiten bedrängt. Auch militärisch kommt er unter Druck. Die Engelsburg wird von den Anhängern des Gegenpapstes eingenommen und erst nach schweren Kämpfen wieder befreit – ein Sieg, der dem Gebet Caterinas zugeschrieben wird. Aus diesem Grund steht heute seit 1962 neben der Engelsburg das römische Denkmal für die hl. Caterina.

In seiner Not hatte der Papst Caterina gebeten, nach Rom zu kommen. Ihre Nähe bereitete ihm Trost und Ermutigung. Gleich nach ihrer Ankunft läßt er sie vor dem neu ernannten Kardinalskollegium sprechen. Von ihren Worten und ihrem Auftreten sind alle zutiefst beeindruckt und wieder bestärkt.

Caterina weiß, in dieser schlimmen Lage können nur Gebet und Opfer helfen. Sie schreibt an Ordensgemeinschaften und bittet um Gebetsunterstützung, möglichst in Rom selbst. Mit denen, die kommen und mit ihrer Familia lebt sie zusammen in der Via S. Chiara. Sie selbst fühlt sich wie zermalmt und schreibt das Unglück der Kirche ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu. Täglich schleppt sie sich die 2 km zum Petersdom, um dort bei der hl. Messe zu sein und dann den Tag über bis zur Vesper im Gebet zu verbringen. Sie bietet ihr Leben an für die Kirche.

Im letzten Brief ihres Lebens – er ist an Papst Urban gerichtet –  schreibt sie: „O ewiger Gott, nimm das Opfer meines Lebens in diesem mystischen Leib der heiligen Kirche. Ich kann nichts anderes geben, als was du mir schenktest. Nimm mein Herz und drücke es in die heilige Kirche.“ Und Gott nahm ihr Opfer an. Sie schreibt weiter, indem sie offenbar dem Papst von einer Vision berichtet:„Da wandte der ewige Gott das Auge seiner Güte mir zu und riß mir das Herz aus und drückte es in die heilige Kirche.“

Die hl. Caterina starb am 29. April 1380 in Rom im Alter von 33 Jahren aus Liebe zu Gott und seiner heiligen Kirche. Ihre letzten Worte im Sterben waren: „Herr, du rufst mich … hab Erbarmen mit mir um des Blutes willen!“ Und zuletzt: „Sangue! Sangue! – Blut! Blut!“

Über die hl. Caterina wurden im Laufe der letzten 600 Jahre schon ganze Bibliotheken geschrieben, und es gibt kaum eine Seite an ihr, die nicht bereits untersucht und kritisch beleuchtet wurde. Dennoch: Vieles im Leben dieser großen hl. Jungfrau ist für uns ein Geheimnis und wird es wohl bleiben.

Das Blut Christi

Eines davon ist gewiß ihre große mystische Schau und Verehrung des Kostbaren Blutes Christi. Es gibt niemand in der Kirchengeschichte, der jemals in dieser Dichte und Fülle darüber gesprochen und geschrieben hat.

Blut ist für Caterina ein anderes Wort für Liebe. Das Erbarmen Gottes wird im Verströmen des Blutes Christi am Kreuz mit äußerster Deutlichkeit sichtbar. Damit wird für Caterina die Betrachtung des Kostbaren Blutes Jesu zur eigentlichen Betrachtung der Liebe Gottes.

Im Blut Christi wird aber auch sichtbar die Einheit von Gottheit und Menschheit, was Caterina zum Ausdruck bringt mit dem immerwiederkehrenden Wortpaar von Feuer und Blut. „Das Feuer der Gottheit wurde eingerührt ins Blut“, wird sie immer wieder schreiben, und darum ist es auch anbetungswürdig und kostbar.

Dieses Blut Christi ist der Kirche anvertraut als ihr größter Schatz, den sie zu verwalten hat.

Die Kirche

Die leidenschaftliche Liebe zur Kirche ist wohl eine zweite geheimnisvolle Seite in ihrem Leben, durch die sie hinausgehoben ist über alle anderen Heiligen und die ihr eine Sonderstellung zukommen läßt. Der hl. Augustinus hat gesagt: „In dem Maße, wie einer die Kirche liebt, hat er den Heiligen Geist.“ Und die hl. Caterina bekannte einmal in einem Brief von sich: „Meine Natur ist Feuer.“ Sie war wirklich ein Feuer. Sie brannte für Christus. Und ihre Liebe zur Kirche ist nur von daher zu verstehen.

Begonnen hat das bereits in ihrer Kindheit. Im Alter von 6 Jahren hatte sie auf dem Heimweg ins Elternhaus eine Vision. Sie sieht über dem Dach der Dominikanerkirche Christus in herrlicher Gestalt, angetan mit priesterlichen Gewändern und der Tiara auf dem Haupt, links und rechts neben ihm die beiden Apostel Petrus und Paulus und der Evangelist Johannes. Und Christus lächelt ihr zu und segnet sie. Diese Vision wird ihre Gewißheit fürs ganze Leben: „Die Kirche ist Christus selber“, und der Papst ist „sein Stellvertreter, der süße Christus auf Erden.“

Alle Briefe sind von dieser Grundeinsicht durchdrungen. An die Herren von Florenz schreibt sie: „Ihr wißt ja, daß Christus einen Stellvertreter zurückließ zum Heil unserer Seele. Wir können unser Heil nicht anders erlangen als im mystischen Leib der hl. Kirche, dessen Haupt Christus ist und dessen Glieder wir sind. Wer den Christus auf Erden – der den Christus im Himmel vertritt – nicht gehorcht, der nimmt am Blut des Gottessohnes nicht teil. Denn Gott hat es so eingerichtet, daß durch dessen Hände Christi Blut und alle Sakramente der Kirche uns zukommen. Es gibt keinen anderen Weg und keine andere Pforte für uns.“   Die Kirche als der notwendige Weg zu Gott – für Caterina ist diese Wahrheit grundlegend. Denn die Kirche wurde auf Golgotha geboren als die schönste Frucht seines Leidens und Sterbens. Wie Eva aus der Seite Adams geboren wurde, so entstand aus der geöffneten Herzwunde Jesu seine Braut, die Kirche: „Das Licht des Geistes hatte ich in der ewigen Dreieinigkeit geschaut. Und ich sah in diesem Abgrund die Würde des Menschen und zugleich das Elend, in das der Mensch durch die Todsünde fällt. Und ich sah die Notwendigkeit der hl. Kirche, die Gott in meinem Herzen offenbarte. Ich sah, daß diese Braut, die Kirche, Leben spendet, und daß sie solche Fülle des Lebens in sich hat, daß niemand sie töten kann; und daß sie Kraft und Licht spendet und daß keiner sie schwächen, noch in ihrer Wesenheit verdunkeln kann. Und ich sah, daß ihr Reichtum niemals versiegt, sondern stets wächst.“  (Durch die Heiligen und Märtyrer).

Der Papst

Weil das Blut des Erlösers in der Kirche strömt – wie in einem geheimnisvollen Leib – deshalb ist die Erlösung des Menschen und sein ewiges Heil an die Kirche gebunden. Dieses Blut, das in den Sakramenten strömt, ist der „Reichtum der Kirche“, und diesen Schatz der Kirche hat der Papst zu hüten. Er ist der „Kellermeister des Blutes“. Indem er von Christus die Gewalt bekam, zu binden und zu lösen, hat er damit die Schlüsselgewalt über das Blut. Und darin liegt seine eigentliche Macht: „Sie allein besitzen die Schlüssel zum Blut. Denn Gott hat es in Ihre Hände gelegt, das Erbe zu verschenken und die Frucht des Blutes auszuteilen. Diese Wahrheit können die Lügner der Welt nicht verwischen.“

Zu Beginn des 14. Jhdts. entstand als Reaktion gegen den äußeren Reichtum der Kirche die verbreitete Vorstellung und der Wunsch nach einer rein geistigen Kirche.

Caterina hat dagegen immer klar Stellung genommen, weil in diesen Ideen das wesentlich Katholische in Frage gestellt wird. Sie sieht das Prinzip der Inkarnation gefährdet und letztlich den Glauben an die wahre Menschwerdung des Gottessohnes. Jede Ablehnung der sichtbaren Gestalt der Kirche ist ein Irrweg: „Nur durch das äußerliche Gewand gelangt man zur Braut.“

Caterinas Kirchenkritik, von der heute gerne gesprochen wird, war etwas ganz anderes als unsere gegenwärtigen Erneuerungs-Plattformen. Niemals ging es ihr um eine Änderung der gottgesetzten Strukturen, sonder stets nur um eine Änderung der sittlichen Haltung ihrer einzelnen Glieder. Es ging ihr um eine Vertiefung unserer Liebe zu Christus. Immer wird der Papst mit „dolce babbo mio“ angeredet, „mein süßes Väterchen“. Und davon läßt sie nicht los: „Selbst wenn die Hirten und der irdische Christus fleischgewordene Teufel wären, statt eines gütigen Vaters, müßten wir dennoch gehorchen. Nicht seinetwegen, sondern Gottes wegen“, schreibt sie an die Herren von Florenz, denn „unsere Ehrfurcht gilt ja nicht ihm, sondern dem Blut und der Autorität, die Gott ihm verliehen hat. Wer gegen den Papst aufsteht, erhebt sich gegen den, dessen Stelle er vertritt.“

Die Priester

Die Priester nennt Caterina „Diener des Blutes“. Sie stehen dem Papst zur Seite. Das Blut gibt dem Priester seine Würde. Alle Ehrfurcht gilt nicht ihnen, sondern dem Blut. Als Kind lief sie auf die Straße, wenn sie unten Dominikanerpatres vorbeigehen sah, um ihre Spuren zu küssen. Und während die Patres nachts schliefen, wachte sie in ihrer Kammer, um für ihre Brüder zu beten. Sie selbst nennt sich in ihren Briefen immer „Dienerin und Magd der Diener Jesu Christi“.

Drei Laster allerdings sind es, die sich am Priester besonders schwer auswirken: Die Eigenliebe, der Geiz und die Unkeuschheit. Wir könnten mit heutigen Worten auch sagen: der Stolz bzw. Wissensdünkel, das Geld, und die Mißachtung des Zölibats. Zu allen Zeiten sind das die Grundversuchungen des Priesters.  Das Heilmittel dagegen – sagt Caterina –  ist nur die Betrachtung des Leidens Christi: „Wenn ihr das Blut des Lammes betrachtet, werdet ihr gewiß euer Herz wieder frei machen von all diesen Erbärmlichkeiten.“

Das Blut, das die Priester in den Sakramenten austeilen, ist das Blut der Kirche, und den Schlüssel dazu hat nur der Papst. Deshalb ist der Priester abhängig vom Papst. Ein Priester, der sich gegen den Papst auflehnt, ist daher ein Widerspruch in sich.

Die Sakramente

Heute wird gewiß vieles, oft allzu vieles nur in Gemeinschaft gedacht und gehandelt. Die Dynamik der Gruppe hat sich wie ein sanftes Netz ausgebreitet. Darin fühlen sich die einzelnen scheinbar ihrer Verantwortung entzogen. Aber für Caterina steht fest: Nicht die Gruppe tritt einst vor den Richterstuhl Gottes, sondern der je einzelne Mensch. Gott sagt: Ich habe dich zwar ohne Dich erschaffen, aber ich werde dich nicht ohne dich erlösen. Gott achtet den freien Willen des Menschen. Die Erlösung ist nicht ausschließlich göttliches Tun, sondern auch das Tun eines Menschen, des Gott-Menschen Jesus Christus. Und darin begründet liegt auch das Mitwirken des Menschen an seinem Heil.

Die Sakramente sind die Kanäle, in denen uns die Gnade der Erlösung im Blut Christi zufließt. Die Sakramente verachten hieße das Blut verachten, denn sie haben ihre Wirkung nur durch das Blut. An ein gefallenes Mädchen in Perugia schreibt sie mitfühlend und liebevoll ermutigend: „Eile zu deinem Schöpfer. ER wird dir seine Arme öffnen, wenn du die Todsünden aufgibst und in den Stand der Gnade zurückkehren willst. Er hat dir ja ein Bad aus seinem Blut bereitet. Dein süßer Gott wird dich nicht verstoßen.“ Und weiter: „Selbst wenn wir jeden Tag Krieg gegen Gott begännen, wir könnten doch auch jeden Tag mit Ihm wieder Frieden haben … weil das Blut stets nach Erbarmen schreit.“

Caterina will, daß wir oft die Sakramente empfangen, um so mit Christus verbunden zu werden. Die hl. Beichte taucht uns unter in das Blut des Erlösers, sie ist wie eine neuerliche Taufe. Und die Eucharistie entreißt unser Leben der Vergänglichkeit, weil sie in uns den Anfang des ewigen Lebens setzt.

Sie selbst ernährte sich die letzten 10 Jahre ihres Lebens fast nur von der Hlst. Eucharistie. Nach der Kommunion war sie oft stundenlang in Ekstase an ihrem Platz in der Kirche, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Braut Christi

Im Leben der hl. Caterina gibt es keine großen Sprünge, kein großes Auf und Ab. Alles verläuft  geradlinig auf ein Ziel hin.  Nach der ersten großen Christusvision mit 6 Jahren erwachte in Caterina eine ausgeprägte religiösen Neigung. Im Alter von 16 Jahren wird sie als Drittordensschwester bei den Dominikanerinnen in Siena aufgenommen. Von nun an trägt sie das weiße Kleid, den Schleier und den schwarzen Mantel. Man nannte diese Terziarinnen deshalb Mantellaten. 3 Jahre lebt sie nun in völliger Zurückgezogenheit von der Welt. Sie schließt sich ein ihr ihre kleine Kammer, ißt fast nichts, schläft wenig, geht nur zur täglichen hl. Messe und verbringt die Zeit völlig schweigend im Gebet und in der Betrachtung.

In diesen stillen Jahren werden ihr die großen mystischen Gnaden geschenkt. Sie spricht mit Christus, der in der Zelle immer wieder erscheint und mit ihr beisammen ist, wie mit einem Freund. Und der Herr besiegelt diese innige Freundschaft: Er erscheint ihr mit den himmlischen Geistern, der Gottesmutter und anderen Heiligen, um sich mit ihr zu vermählen. Christus steckt ihr einen Ring an den Finger, der zeitlebens für sie sichtbar bleibt.

Apostolat

Von nun an soll sie zu den Menschen gehen. Zunächst zu den eigenen Verwandten, dann hinaus zu den anderen, die ihrer Hilfe bedürfen. Sie kann Frieden stiften zwischen den verfeindeten Familien des Adels, sie pflegt Kranke und Aussätzige, sie besucht die Gefängnisse und schreibt den Gefangenen wunderbare Trostbriefe.

Berühmt geworden ist aus diesen Gefängnisbesuchen die durch Caterina erwirkte Bekehrung des jungen Adeligen aus Perugia: Nicolas Tuldo, der wegen einer Bagatelle von der herrschenden Stadtpartei zum Tode verurteilt und dann auf dem berühmten Rathausplatz, dem Campo in Siena enthauptet wurde. Die schwedische Dichterin Selma Lagerlöf hat darüber eine Novelle geschrieben. Aber die wirkliche Kronzeugin ist eine andere.

Caterina erzählt diesen ganzen Hergang ausführlich in einem Brief an ihren Beichtvater Raimund von Capua. Demnach war der Verurteilte zunächst rasend vor Wut. Dann aber fand er durch ihre Besuche im Gefängnis Zuneigung zu ihr. Er durfte seinen Kopf an ihre Brust lehnen, und am Tag der Hinrichtung  konnte sie ihn sogar zur Kommunion führen. Dabei erzählt Caterina, daß die Güte Gottes ihn durch diese menschliche Zuneigung zu ihr „überlistet“ habe. Als sie dann noch versprach, ihn am Richtplatz zu erwarten, war er voll Freude und Zuversicht. Caterina war tatsächlich bei ihm, und als er kam, entblößte sie sein Haupt, und er sagte die beiden Worte „Jesus“ und „Caterina“,  und dann empfing sie sein Haupt in ihren Händen. Und da sie Gott um ein Zeichen für seine Rettung gebeten hatte, erlebte sie im selben Augenblick seines Todes eine Vision: „Darauf erschien der Gottmensch wie die hellichte Sonne. Er öffnete seine Seite und nahm dies Blut (des Verurteilten) zu seinem Blut … und wie er es aufnahm, nahm er auch seine Seele auf und schloß sie voll Barmherzigkeit in die offene Kammer seiner Seite. … Und ich sah, wie die Seele – erkauft mit dem Blut des göttlichen Sohnes – in die Seite des Sohnes einging. Er aber machte eine liebliche Bewegung und wandte sich um und grüßte die, die ihn begleitet hatte und gab ihr ein Zeichen des Dankes.“ Und dann schreibt sie noch: „Und wie er dahingeschieden war, ruhte meine Seele in so großem Frieden und in solchem Duft des Blutes, daß ich es nicht zuwege brachte, das Blut wegzuwaschen, das von ihm auf mich gekommen war.“

Caterina und die Menschen

Die Menschen merken natürlich längst ihre große geistige Ausstrahlung, die sie so anziehend macht. Viele kommen zu ihr, sie zu sehen, sie zu berühren und mit ihr zu sprechen. Spötter verstummen, Zweifler und Kritiker bekehren sich und werden zu Bewunderern der Jungfrau.

Ihre Zeitgenossen beschreiben sie sanft, mit einem leuchtenden und reinen Blick. Sie ist von einer unbedingten Geradlinigkeit, die auch für den kleinsten Winkelzug unfähig scheint. Sie gerät in Feuer, sobald sie von Gott spricht, ohne jemals ihre Sanftmut zu verlieren.

Was die Menschen zu ihr hinzieht, ist gewiß auch das menschlich Feinfühlige, die fraulich-mütterliche Sorge, die von ihr ausgeht, der jugendliche Liebreiz. Aber dies wäre bei tausend anderen auch zu finden. Der einzige Grund ihrer Anziehungskraft ist die Heiligkeit, ihre Verbundenheit mit Christus, sodaß in ihrer Nähe etwas vom Duft des Göttlichen spürbar wird. Das Übernatürliche ist in ihr so stark und mächtig, daß davon alle angezogen werden. Sie war so vertraut mit Gott, der Herr stand so sehr im Mittelpunkt ihres ganzen Lebens, daß man auf sie mit derselben Achtung hörte, wie wenn Christus selbst gesprochen hätte. Von daher kommt ihre Sicherheit bei ihrem Auftreten vor der Welt. Wo es sich um ihre Sendung handelt, duldet sie nicht, daß man sich ihr widersetzt. Vor sich selber aber, vor Gott und vor den Oberen, die Gott ihr gibt, ist sie jene, die nicht ist und die nur Strafe verdient.

Ihre „Familie“

Bald bildet sich ein Kreis von Verehrern um sie, der sie später auf ihren Reisen begleiten wird. Zu diesem Kreis gehörten ihre Freundinnen, die Dominikanerpatres, die sie von Jugend auf kannte, und vor allem Weltleute aus allen Schichten: Politiker, Advokaten, Dichter, Theologen, Maler und junge Lebemenschen. Viele dieser Mitglieder waren aus vornehmen Familien, noch jung, und Caterina war kurz über 20. Dennoch haben sich alle der Jungfrau unterworfen und sie als ihre geistige Mutter betrachtet. Sie ist die fraglos anerkannte Autorität. Weil sie selbst unmittelbar von Gott geführt wird, gibt es für ihre Verehrer nur eine Art von Beziehung: die Jüngerschaft. Diesen Freundeskreis nennt sie ihre Familie, ihre „Truppe“.

Für unser 20. Jahrhundert ist es unvorstellbar, daß eine junge Frau mit einem religiösen Gewand bekleidet durch die Straßen zieht mit einem Trupp junger Leute, Priester und Frauen, die sich alle ihre Kinder nennen.

Man kann das Mittelalter nur verstehen, wenn man bedenkt, daß es eine Zeit des Glaubens war, und die Gesellschaft in ihrer Freiheit biegsam ist wie eine junge Pflanze.

Das bevorzugte Kind, das Gott ihr anvertraut hatte, war der 18-jährige Stefano Maconi, ein Modebürschchen aus vornehmen Haus, der zuerst Skeptiker war und dann zu ihrem größten Verehrer wurde. Er war zeitlebens einer ihrer Sekretäre und wurde entsprechend dem Willen Caterinas nach ihrem Tod Kartäuser. Als Prior und Erneuerer seines Ordens ist er heiligmäßig gestorben.

Die Person, die ihr aber von allen am nächsten stand, war der um 17 Jahre ältere Dominikaner Raimund von Capua, ihr Beichtvater und Seelenführer und ihr späterer Biograph.

Caterinas Schriften

Von Caterina selbst sind uns an die 380 Briefe erhalten. Da sie selbst erst sehr spät ein wenig lesen und schreiben gelernt hatte, wurden ihre Brief alle von ihr diktiert. Sie entstanden in einer Art ekstatischer Entrückung. Dabei waren aus ihrem Freundeskreis stets mehrere Sekretäre beschäftigt, das fließend gesprochene Diktat mitzuschreiben. Mitunter diktierte sie mehrere Briefe gleichzeitig.

Caterina kennt keine Konversation, keine langen Einleitungen. Sie hat nur einen Gedanken, eine Aufgabe und eine Liebe und die heißt: Jesus Christus. Ihre politischen Briefe beginnen alle mit einer Predigt. Der Grundtenor ist immer, die Todsünde zu meiden. Alles läuft auf die Beichte hinaus und auf den oftmaligen Besuch der hl. Messe. Sie spricht vom Glauben, vom Licht, von der Wahrheit und von Christus, der sich für uns zur Brücke gemacht hat, um Himmel und Erde zu verbinden.

4 Jahre vor ihrem Tod diktierte sie eine Art Zusammenfassung ihrer mystischen Schauungen und Einsichten: Ein Gespräch zwischen Gott und der Seele, zwischen Gott und Caterina. Dieses Buch, das ihr so sehr am Herzen lag, nannte sie deshalb den „Dialog“ oder das „Gespräch von Gottes Vorsehung“.

Die Sünde

Noch einen Bereich gibt es, der typisch ist für unsere Heilige: der Umgang mit den Sündern. Beim Umgang mit den Sündern ist die hl. Caterina sozusagen voll in ihrem Element. Kein Heiliger hat mehr wie sie der Sünde der Welt seine Aufmerksamkeit geschenkt. Sie hat sie gesehen, sie hat sie gefühlt, sie hat unter ihr gelitten und ist an ihr gestorben, so wie ihr Meister. Sie beschreibt und zergliedert die Sünde, und sie hat stets größtes Mitleid mit den Sündern. Schwieriger ist es mit den Lauen.

Die Sünde aller Sünden ist für Caterina die Eigenliebe, die maßlose Anhänglichkeit an sich selbst, die dabei vergißt, daß alles Geschenk ist und daß wir Geschöpfe sind. Eigenliebe ist, wenn der Mensch sich so sehr den Dingen zuwendet und sich an ihnen zu sättigen glaubt und dabei den Geber dieser Dinge vergißt. Die Eigenliebe – im Gegensatz zur Gottesliebe – ist die Liebe des Menschen zu sich selbst, zu etwas, das aus sich nichts ist. Und deshalb führt die Eigenliebe ins Nichts zurück, weil Gott allein der ist, der ist.

Die menschliche Eigenliebe widersetzt sich der göttlichen Barmherzigkeit. Sie steht am Ursprung jeder Sünde. Caterina ist überzeugt: „Die Eigenliebe ist es, die die Welt vergiftet hat.“  Denn „die Eigenliebe zerstört die Gottesliebe und macht den Menschen stolz, da sie ihn glauben läßt, daß das Gute, das er an sich hat, von ihm selbst und nicht von Gott her rührt“.

Selbsterkenntnis

Das notwendige Heilmittel gegen die Eigenliebe ist die Selbsterkenntnis. An dieser Selbsterkenntnis des Menschen, daß er nämlich ein Geschöpf ist und aus sich nichts ist, entscheidet sich für Caterina der Weg des Menschen, ob er nämlich Gott als seinen Schöpfer erkennt oder ob er sich der Illusion hingibt, unabhängig von Gott etwas zu sein, was letztlich eine Lüge ist. Und diese Illusion stammt vom Satan, der der Vater der Lüge ist.

Schon der hl. Paulus schreibt an die Korinther: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7).

Für Caterina war dies die erste und entscheidende Grunderkenntnis: Christus selbst hatte ihr diese Einsicht geschenkt: „Meine Tochter, weißt du wer du bist und wer ich bin? Wenn du diese zwei Dinge weißt, wirst du glücklich werden. Du bist die, die nicht ist. Ich dagegen bin der, der ist. Wenn du deine Seele von dieser Erkenntnis erfüllt sein läßt, wird dir der Böse Feind nichts anhaben können …“

Der „gekreuzigte Christus“

Die hl. Caterina kennt nur ein einziges Buch, das ihr Antwort gibt auf alle Fragen: den gekreuzigten Christus. Das Kreuz ist für Caterina ein Lehrstuhl, von dem herab Christus seine Wahrheit verkündet.

Die Grundeinsicht aller ihrer Betrachtungen war die Erkenntnis:

Der Mensch ist aus sich selbst nichts. Sein Dasein hat er allein von Gott. Von ihm bekommt er alles, was er braucht. Nur wenn der Mensch sich mit seinem Schöpfer vereinigt, erhält er Anteil an den göttlichen Eigenschaften: nämlich Liebe, Wahrheit und Weisheit. Nur wenn der Mensch Gott liebt, wird er auch fähig, den Nächsten zu lieben und wird er so zum Segen für die Mitmenschen. Liebe zum eigenen Ich, zu etwas, das in Wirklichkeit nicht ist, führt zum Abgrund des Nichts und schließlich in die äußerste Gottferne.

Caterina hat uns nur das gelehrt, was sie auch selbst gelebt hat. Ihre „Theologie“ ist auf das Wesentliche bezogen, lebendig und frei von abstrakter Spekulation. Ihre Sprache ist bilderreich. Sie hat eine äußerste Abneigung gegen Gedankenspielerei. Gott ist nicht ein unpersönliches, geistiges Sein, sonder der lebendige, dreipersönliche Gott, der ganz Liebe ist. Es ist der „süßeste, vielgeliebte, ewig junge und gütigste Vater“, der seine „Wahrheit“, den eingeborenen Sohn gesandt hat, um ihn durch die „feurige Fessel der Liebe“, durch den Heiligen Geist, ans Kreuz zu binden.

Der Mensch

Wer und was ist der Mensch? Auch das ist eine der Grundfragen. Und die Antwort Caterinas: Das wird nur in Christus erkennbar. Der Mensch ist aus Liebe und für die Liebe geschaffen. Er ist geschaffen nach dem Bildnis und Gleichnis Gottes. Caterina sagt: „Gott schuf den Menschen in Freiheit, einzig gezwungen von seiner Liebe, indem er in sich hineinblickte und erglühte über seine Herrlichkeit und über das Werk seiner Hände. … Er verliebte sich in die Schönheit seiner Geschöpfe und zog das Sein des Menschen aus sich heraus“ ins Dasein.

Und warum schuf er den Menschen? „Um uns teilnehmen zu lassen an Ihm, an seiner Schönheit, an seinem ewigen Gut, an seinem ewigen Leben. Denn Gott will nur unser Glück. Das ist die Wahrheit.“

„Denn hätte Gott uns nicht geliebt und nicht unser Glück gewollt, dann hätte er uns keinen solchen Erlöser geschenkt.“ Das ist der immer wiederkehrende Beweis bei Caterina.

Der Kreuzzug

Ein letzter geheimnisvoller und eher befremdender Zug im Leben Caterinas sei noch kurz erwähnt: Ihr entschiedener Einsatz für einen neuen Kreuzzug. Sie will den Kreuzzug aus mehreren Gründen: Erstens: damit der hl. Ort unseres süßen Erlösers den Händen Satans entrissen wird und damit die Ungläubigen teilnehmen könnten am Blut des Gottessohnes wie wir, „da sie doch wie wir im Blut erlöst wurden“.  Zweitens: damit die Kämpfe in Italien aufhören. Denn es ist unerträglich, daß hier Christen gegen Christen kämpfen. Was dadurch am hl. Leib der Kirche geschieht, ist eine Beleidigung Gottes. Und drittens ist sie überzeugt: Wenn auch die äußere Schlacht im Heiligen Land ergebnislos sein sollte, die innere Schlacht geht trotzdem siegreich aus, da durch den Einsatz für Christus im Vergießen des eigenen Blutes Leben gewonnen ist. Und darauf allein kommt es Caterina an. Sie denkt in allem nur aus der Sicht der Ewigkeit.

Diese Sichtweise, die uns Menschen so schwer verständlich ist, hat ihr Gott selbst einmal in einer Vision kundgetan (sie schrieb das ihrem Beichtvater in einem Brief). Gott zeigte ihr dabei das Schicksal eines Sünders, indem er zu Caterina sprach: „Du sollst wissen, um ihn vor der Verdammnis zu retten, in die er, wie du gesehen hast, gefallen war, habe ich für ihn diesen Unglücksfall zugelassen, damit er mit seinem Blut in meinem Blut das Leben habe. Denn er hatte die Ehrerbietung meiner süßen Mutter gegenüber nicht vergessen. So habe ich also bei ihm das, was die Unwissenden für Grausamkeit halten, nur aus Barmherzigkeit zugelassen.“

Das ist die Vorsehung Gottes, die für uns Menschen nicht zu durchschauen ist, aber auf die wir voll Zuversicht bauen dürfen.

Die hl. Birgitta von Schweden dachte über den Kreuzzug übrigens ganz anders. In einem Brief an Papst Gregor XI. schrieb sie, daß „Christus nicht will, daß der Papst Banden gottloser Krieger zu seinem Grab schickt.“

Die Kreuzzüge waren im 12. und 13. Jahrhundert. Jetzt im 14. Jhdt. war die Zeit dafür endgültig vorbei.

Schlußbemerkung

Zum Schluß kann man die Frage stellen: Hat Caterina ihre Sendung erfüllt?

Der Papst kam nach Rom zurück. Mit Florenz wurde Frieden geschlossen. Der Kreuzzug kam nicht zustande. Und statt der Erneuerung in der Kirche entstand das abendländische Schisma. Caterina ist daran letztlich zerbrochen. Aber dieses „Zerbrechen“ war wie das Brechen einer Hostie am Altar. Zeit ihres Lebens hat sie durch ihr Beispiel Hunderten den Weg gewiesen in die engere Nachfolge Christi. Und für Generationen wurde sie zur geistlichen Mutter und Führerin. Heute ist sie Lehrerin der Kirche und das christliche Gewissen des Abendlandes.

Der Gedanke der Einheit und der Ordnung, wie er das mittelalterliche Denken geprägt hat, ist mit der beginnenden Neuzeit verlorengegangen. Der Individualismus wirft den Menschen auf sich selbst zurück und macht ihn zum Kritiker seines eigen göttlichen Ursprungs. Damals zerfiel die Einheit Europas in eine Nationalstaatlichkeit. Heute ist man bestrebt, wieder zu einer Einheit Europas zurückzukommen. Diese Einheit aber, so erinnert uns der Heilige Vater immer wieder – ist nur möglich auf den Grundlagen der christlichen Werte. Eine Einheit Europas ohne Christus ist nicht möglich. Die heilenden Kräfte heute wie damals sind die von Caterina verkündeten großen Themen der Erneuerung: Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Er ist erschaffen aus Liebe und für die Liebe. Die Sünde ist das einzige Unglück, die Kirche aber das alleinige Mittel zum Heil.

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Vortrag, gehalten am 5. April 2000 in Gmünd von Pater Werner Schmid,
Moderator der „Gemeinschaft vom heiligen Josef

im Rahmen des Initiativkreises St. Pölten

DIE HEILIGE HILDEGARD VON BINGEN ZUR KIRCHENLEHRERIN ERNANNT

Die heilige Hildegard von Bingen

APOSTOLISCHES SCHREIBEN

Die heilige Hildegard von Bingen,
Nonne des Ordens des heiligen Benedikt,
wird zur Kirchenlehrerin ernannt

BENEDIKT PP. XVI
Zum ewigen Gedächtnis

 

1. »Licht ihres Volkes und ihrer Zeit«: Mit diesen Worten bezeichnete Unser ehrwürdiger Vorgänger, der sel. Johannes Paul II., die hl. Hildegard von Bingen im Jahr 1979 anläßlich des 800. Todestages der deutschen Mystikerin. Und tatsächlich hebt sich vor dem Horizont der Geschichte diese große Frauengestalt durch die Heiligkeit ihres Lebens und die Originalität ihrer Lehre ab. Ja, wie bei jeder echten menschlichen und theologalen Erfahrung reicht ihr Ansehen weit über die Grenzen einer Epoche und einer Gesellschaft hinaus, und ungeachtet der zeitlichen und kulturellen Distanz erweist sich ihr Denken von bleibender Aktualität.

In der hl. Hildegard von Bingen offenbart sich eine außergewöhnliche Harmonie zwischen Lehre und täglichem Leben. In ihr kommt die Suche nach dem Willen Gottes in der Nachfolge Christi als eine ständige Übung der Tugenden zum Ausdruck, die sie mit höchster Großherzigkeit übt und die sie aus den biblischen, liturgischen und patristischen Wurzeln im Licht der Regel des hl. Benedikt nährt: In ihr erstrahlt auf besondere Weise ihre beharrliche Übung des Gehorsams, der Einfachheit, der Nächstenliebe und der Gastfreundschaft. Die Benediktiner-Äbtissin versteht es, in diesen Willen zur vollkommenen Zugehörigkeit zum Herrn ihre ungewöhnlichen menschlichen Gaben, ihren scharfen Verstand und ihre Fähigkeit zur Durchdringung der himmlischen Wirklichkeit einzubringen.

2. Hildegard wurde 1089 in Bermersheim bei Alzey geboren; ihre Eltern waren vermögende adelige Großgrundbesitzer. Im Alter von acht Jahren wurde sie als Oblatin in der Benediktinerinnenabtei Disibodenberg aufgenommen, wo sie 1115 die Ordensprofeß ablegte. Nach dem Tod von Jutta von Sponheim um 1136 wurde Hildegard zu ihrer Nachfolgerin als magistra, Meisterin, ernannt. Von schwacher physischer Gesundheit, aber mit einem starken Geist ausgestattet, bemühte sie sich mit besonderer Sorgfalt um eine angemessene Erneuerung des Ordenslebens. Grundlage ihrer Spiritualität war die benediktinische Ordensregel, welche die spirituelle Ausgewogenheit und die asketische Mäßigung als Wege zur Heiligkeit aufzeigt. Infolge des zahlenmäßigen Zuwachses von Nonnen, der vor allem dem hohen Ansehen ihrer Person zuzuschreiben war, gründete sie um das Jahr 1150 auf einem Hügel – dem Rupertsberg bei Bingen – ein Kloster, wohin sie mit 20 Mitschwestern übersiedelte.

1165 errichtete sie in Eibingen, auf der anderen Seite des Rheins, ein weiteres Kloster. Sie war Äbtissin beider Klöster. Innerhalb der Klostermauern kümmerte sie sich um das geistliche und materielle Wohl der Mitschwestern, indem sie im besonderen das Gemeinschaftsleben, die Kultur und die Liturgie förderte. Außerhalb des Klosters bemühte sie sich aktiv um die Stärkung des christlichen Glaubens und die Festigung der religiösen Praxis, indem sie den häretischen Tendenzen der Katharer entgegentrat, mit ihren Schriften und der Predigt die Reform der Kirche förderte und zur Besserung der Disziplin und der Lebensführung des Klerus beitrug. Auf Einladung zuerst von Hadrian IV. und dann von Alexander III. übte Hildegard ein fruchtbares Apostolat aus – zur damaligen Zeit keineswegs üblich für eine Frau –, unternahm mehrere Reisen, die nicht ohne Gefahren und Schwierigkeiten waren, um sogar auf öffentlichen Plätzen und in verschiedenen Kathedralen zu predigen, wie unter anderem in Köln, Trier, Lüttich, Mainz, Metz, Bamberg und Würzburg. Die in ihren Schriften gegenwärtige tiefe Spiritualität übt einen beträchtlichen Einfluß sowohl auf die Gläubigen wie auf große Persönlichkeiten ihrer Zeit aus, indem sie sie in eine wirksame Erneuerung der Theologie, der Liturgie, der Naturwissenschaften und der Musik einbezieht. Nachdem Hildegard im Sommer 1179 von einer schweren Krankheit befallen worden war, starb sie im Kreise ihrer Mitschwestern, im Ruf der Heiligkeit am 17. September 1179 im Kloster von Rupertsberg bei Bingen.

3. In ihren zahlreichen Schriften widmete sich Hildegard ausschließlich der Darlegung der göttlichen Offenbarung und der Verkündigung Gottes in der Klarheit seiner Liebe. Hildegards Lehre gilt sowohl wegen der Tiefe und Korrektheit ihrer Auslegungen als auch wegen der Originalität ihrer Sichtweisen als herausragend. Die von ihr verfaßten Texte scheinen von einer echten »intellektuellen Liebe« beseelt zu sein und verdeutlichen die Dichte und Frische in der kontemplativen Betrachtung des Geheimnisses der Allerheiligsten Dreifaltigkeit, der Menschwerdung, der Kirche, der Menschheit, der Natur, die als Geschöpf Gottes geschätzt und respektiert werden soll.

Diese Werke entstehen aus einer tiefen mystischen Erfahrung und bieten eine einprägsame Reflexion über das Geheimnis Gottes. Der Herr hatte sie bereits als Kind an einer Reihe von Visionen teilhaben lassen, von deren Inhalt sie dem Mönch Volmar, ihrem Sekretär und geistlichen Berater, und einer Mitschwester, der Nonne Richardis von Stade, erzählte. Aber besonders erhellend ist das Urteil des hl. Bernhard von Clairvaux, der ihr Mut machte, und vor allem jenes von Papst Eugen III., der sie 1147 dazu ermächtigte, zu schreiben und in der Öffentlichkeit zu reden. Das theologische Nachdenken erlaubt es Hildegard, den Inhalt ihrer Visionen zu thematisieren und wenigstens teilweise zu begreifen. Außer Bücher über Theologie und Mystik verfaßte sie auch Werke zu Medizin und Naturwissenschaften. Sehr zahlreich sind auch die von ihr hinterlassenen Briefe – ungefähr 400 –, die sie an einfache Menschen, an Ordensgemeinschaften, an Päpste, Bischöfe und weltliche Autoritäten ihrer Zeit gerichtet hat. Sie war auch Komponistin geistlicher Musik. Die Sammlung ihrer Schriften läßt sich hinsichtlich des Umfangs, der Qualität und der Vielfalt von Interessen mit keiner anderen Autorin des Mittelalters vergleichen.

Die Hauptwerke sind: Scivias (Wisse die Wege), Liber vitae meritorum (Buch der Verdienste des Lebens) und Liber divinorum operum (Buch der göttlichen Werke). Alle erzählen von ihren Visionen und von dem vom Herrn erhaltenen Auftrag, sie niederzuschreiben. Keine geringere Bedeutung haben im Bewußtsein der Verfasserin die Briefe, die von Hildegards Aufmerksamkeit für das Geschehen ihrer Zeit Zeugnis geben, das sie im Licht des göttlichen Geheimnisses deutet. Dazu kommen 58 Predigten, die ausschließlich an ihre Mitschwestern gerichtet sind. Es handelt sich um Expositiones evangeliorum, also Auslegungen der Evangelien, die einen wörtlichen und moralischen Kommentar zu den für die Hauptfeste des Kirchenjahres vorgesehenen Abschnitten der Evangelien enthalten.

Die Arbeiten künstlerischen und wissenschaftlichen Charakters konzentrieren sich in besonderer Weise auf die Musik, mit der Symphonia armoniae caelestium revelationum; auf die Medizin mit dem Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum und mit der Schrift Causae et curae; über die Naturwissenschaften mit der Physica. Schließlich sind auch Schriften sprachwissenschaftlichen Charakters zu nennen, wie die Lingua ignota und die Litterae ignotae, in denen Worte in einer unbekannten, von ihr erfundenen Sprache aufscheinen, die aber vorwiegend aus in der deutschen Sprache vorhanden Phonemen zusammengesetzt sind. Die von einem originellen und ausdrucksstarken Stil gekennzeichnete Sprache Hildegards greift gern zu poetischen Ausdrücken von starker Symbolkraft, mit treffenden Eingebungen, einprägsamen Analogien und beeindruckenden Metaphern.

4. Mit scharfsinniger, weiser und prophetischer Sensibilität richtet Hildegard den Blick auf das Ereignis der Offenbarung. Ihre Untersuchung entwickelt sich von dem biblischen Ereignis her, mit dem sie in den nachfolgenden Phasen fest verankert bleibt. Der Blick der Mystikerin aus Bingen beschränkt sich nicht darauf, einzelne Fragen anzugehen, sondern sie will eine Synthese des ganzen christlichen Glaubens bieten. In ihren Visionen und in der anschließenden Reflexion faßt sie deshalb die Heilsgeschichte vom Beginn des Universums bis zum Jüngsten Tag zusammen. Die Entscheidung Gottes, das Schöpfungswerk zu vollbringen, ist der erste Abschnitt dieses immensen Weges, der im Licht der Heiligen Schrift von der Errichtung der himmlischen Hierarchie bis zum Fall der Engel und zum Sündenfall der Stammeltern verläuft. Auf dieses Bild vom Anfang folgt die erlösende Menschwerdung des Gottessohnes, das Wirken der Kirche, das in der Zeit das Geheimnis der Menschwerdung fortsetzt, und der Kampf gegen Satan. Die endgültige Ankunft des Reiches Gottes und das Jüngste Gericht  werden die Krönung dieses Werkes sein.

Hildegard stellt sich selbst und uns die grundsätzliche Frage, ob es möglich ist, Gott zu erkennen: das ist die grundlegende Aufgabe der Theologie. Ihre Antwort ist ganz positiv: Der Mensch ist imstande, sich dieser Erkenntnis durch den Glauben wie durch eine Tür zu nähern. Dennoch bewahrt Gott immer seinen Nimbus des Geheimnisses und der Unergründlichkeit. Er wird erkennbar in der Schöpfung, aber diese wird ihrerseits nicht voll erkannt, wenn sie von Gott getrennt wird. Denn die Natur, an sich betrachtet, liefert nur Teilinformationen, die nicht selten Anlaß zu Irrtümern und Mißbrauch sind. Deshalb braucht es auch in der Dynamik der natürlichen Erkenntnis den Glauben, andernfalls ist die Erkenntnis eingeschränkt, unbefriedigend und irreführend. Die Schöpfung ist ein Akt der Liebe, durch den die Welt aus dem Nichts hervorgehen kann: Deshalb wird die ganze Schar der Geschöpfe wie der Lauf eines Flusses von der göttlichen Liebe durchströmt. Unter allen Geschöpfen liebt Gott besonders den Menschen und verleiht ihm eine außerordentliche Würde, indem er ihm jene Glorie schenkt, welche die gefallenen Engel verloren haben. So kann die Menschheit als der zehnte Chor der Engelshierarchie angesehen werden. Der Mensch vermag allerdings, Gott in sich selbst, das heißt sein Wesen als Individuum in der Dreifaltigkeit der göttlichen Personen, zu erkennen.

Hildegard nähert sich dem Geheimnis der Heiligsten Dreifaltigkeit auf der bereits vom hl. Augustinus vorgeschlagenen Linie: Durch Ähnlichkeit mit seiner Struktur als Vernunftwesen ist der Mensch imstande, wenigstens ein Bild von der innersten Wirklichkeit Gottes zu erhalten. Aber erst im Plan der Menschwerdung und der menschlichen Geschichte des Gottessohnes wird dieses Geheimnis dem Glauben und dem Bewußtsein des Menschen zugänglich. Die heilige und unaussprechliche Dreifaltigkeit in der höchsten Einheit blieb den Knechten des alten Gesetzes verborgen. Aber in der neuen Gnade wurde es den von der Knechtschaft Befreiten enthüllt.

Die Dreifaltigkeit ist in besonderer Weise am Kreuz des Sohnes offenbar geworden. Ein zweiter »Ort«, an dem sich Gott zu erkennen gibt, ist sein in den Büchern des Alten und des Neuen Testaments enthaltenes Wort. Eben deshalb, weil Gott »spricht«, ist der Mensch zum Hören aufgerufen. Diese Auffassung gibt Hildegard die Gelegenheit, ihre Lehre über den Gesang, besonders den liturgischen Gesang, darzulegen. Der Klang des Gotteswortes schafft Leben und offenbart sich in den Geschöpfen. Auch die nicht mit Vernunft ausgestatteten Wesen werden dank des Schöpfungswortes in die schöpferische Dynamik einbezogen. Aber natürlich ist der Mensch das Geschöpf, das mit seiner Stimme auf die Stimme des Schöpfers antworten kann. Und er kann das hauptsächlich auf zwei Weisen tun: in voce oris – mit der Stimme des Mundes, das heißt in der Feier der Liturgie – und in voce cordis, mit der Stimme des Herzens, das heißt durch ein tugendhaftes und heiligmäßiges Leben. Das ganze menschliche Leben kann daher als eine Harmonie und eine Symphonie interpretiert werden.

5. Hildegards Anthropologie geht vom biblischen Bericht über die Erschaffung des Menschen nach dem Abbild und Gleichnis Gottes (Gen 1,26) aus. Nach der auf die Bibel gegründeten Kosmologie Hildegards enthält der Mensch alle Elemente der Welt, weil in ihm, der aus derselben Materie wie die Schöpfung geformt ist, das gesamte Universum zusammengefaßt ist. Deshalb kann er bewußt zu Gott in Beziehung treten. Das geschieht nicht durch eine direkte Schau, sondern nach dem berühmten Pauluswort »wie in einem Spiegel« (1 Kor 13,12). Das göttliche Bild im Menschen besteht in seiner Vernunftbegabtheit, die in Verstand und Willen gegliedert ist. Dank des Verstandes ist der Mensch dazu fähig, gut und böse zu unterscheiden, dank des Willens wird er zum Handeln angespornt. Der Mensch wird als Einheit von Leib und Seele gesehen. Bei der deutschen Mystikerin stellt man eine positive Wertschätzung der Leiblichkeit fest, und auch in den Zeichen der Gebrechlichkeit, die der Leib aufweist, vermag sie einen von der Vorsehung bestimmten Wert zu erfassen: Der Leib ist nicht eine Last, von der man sich befreien muß, und selbst wenn er schwach und gebrechlich ist, »erzieht« er den Menschen zum Sinn für die Kreatürlichkeit und Demut, indem er ihn vor dem Hochmut und der Arroganz schützt. In einer Vision erschaut Hildegard die Seelen der Seligen des Paradieses, die darauf warten, sich wieder mit ihren Leibern zu vereinigen.

Denn wie beim Leib Christi werden auch unsere Körper durch eine tiefgreifende Umgestaltung für das ewige Leben auf die glorreiche Auferstehung ausgerichtet. Die Gottesschau, in der das ewige Leben besteht, kann ohne den Leib nicht endgültig erreicht werden. Der Mensch existiert in der Gestalt des Mannes und der Frau. Hildegard erkennt, daß in dieser Seinsstruktur des menschlichen Zustands eine Beziehung der Gegenseitigkeit und eine wesentliche Gleichheit zwischen Mann und Frau ihre Wurzel hat. Im Menschsein wohnt jedoch auch das Geheimnis der Sünde, und diese tritt zum ersten Mal in der Geschichte gerade in dieser Beziehung zwischen Adam und Eva zutage. Im Unterschied zu anderen mittelalterlichen Autoren, die die Ursache für den Sündenfall in der Schwäche Evas sahen, begreift Hildegard sie vor allem aus Adams maßloser Leidenschaft für Eva.

Auch in seinem Zustand als Sünder bleibt der Mensch weiterhin zum Empfänger der Liebe Gottes bestimmt, weil diese Liebe bedingungslos ist und nach dem Sündenfall das Antlitz der Barmherzigkeit annimmt. Selbst die Bestrafung, die Gott dem Mann und der Frau auferlegt, läßt die barmherzige Liebe des Schöpfers zum Vorschein kommen. In diesem Sinn ist die zutreffendste Beschreibung des Geschöpfes die eines Wesens, das unterwegs ist, eines homo viator. Auf dieser Pilgerschaft zur ewigen Heimat ist der Mensch zu einem Kampf aufgerufen, um ständig das Gute wählen und das Böse vermeiden zu können.

Die ständige Wahl des Guten bringt ein tugendhaftes Dasein hervor. Der Mensch gewordene Gottessohn ist der Träger aller Tugenden, weshalb die Nachahmung Christi in einem tugendhaften Leben in der Gemeinschaft mit Christus besteht. Die Kraft der Tugenden stammt von dem in die Herzen der Gläubigen ausgegossenen Heiligen Geist, der ein ständig tugendhaftes Verhalten möglich macht: Das ist das Ziel des menschlichen Daseins. Auf diese Weise erfährt der Mensch seine nach Christus gestaltete Vollkommenheit.

6. Um dieses Ziel erreichen zu können, hat der Herr seiner Kirche die Sakramente geschenkt. Das Heil und die Vollkommenheit des Menschen erfüllen sich nämlich nicht allein durch eine Willensanstrengung des Menschen, sondern durch die Gnadengabe, die Gott in der Kirche gewährt. Die Kirche selbst ist das erste Sakrament, das Gott in die Welt stellt, damit er den Menschen das Heil mitteilt. Sie ist das »aus den lebenden Seelen errichtete Gebäude« und kann mit Recht als Jungfrau, Braut und Mutter angesehen werden und wird daher in engen Vergleich mit der historischen und mystischen Gestalt der Muttergottes gestellt. Die Kirche vermittelt das Heil vor allem durch Verkündigung der zwei großen Geheimnisse der Dreifaltigkeit und der Menschwerdung – gleichsam der zwei »wichtigsten Sakramente« – und dann durch die Verwaltung der anderen Sakramente. Der Höhepunkt des sakramentalen Charakters der Kirche ist die Eucharistie.

Die Sakramente sorgen für die Heiligung der Gläubigen, für die Rettung und Läuterung von den Sünden, für die Erlösung, für die Liebe und für alle anderen Tugenden. Aber noch immer lebt die Kirche, weil in ihr Gott seine innertrinitarische Liebe zum Ausdruck bringt, die in Christus offenbar geworden ist. Der Herr Jesus ist der Mittler schlechthin. Aus dem dreifaltigen Schoß kommt er dem Menschen und aus dem Schoß Mariens kommt er Gott entgegen: Als Sohn Gottes ist er die fleischgewordene Liebe, als Sohn Mariens ist er der Vertreter der Menschheit vor dem Thron Gottes.

Der Mensch kann schließlich sogar Gott erfahren. Die Beziehung zu ihm erschöpft sich nämlich nicht im bloßen Bereich des rationalen Denkens, sondern bezieht die ganze Person mit ein. Alle äußeren und inneren Sinne des Menschen sind an der Gotteserfahrung beteiligt: »Homo autem ad imaginem et similitudinem Dei factus est, ut quinque sensibus corporis sui operetur; per quos etiam divisus non est, sed per eos est sapiens et sciens et intellegens opera sua adimplere. […] Sed et per hoc, quod homo sapiens, sciens et intellegens est, creaturas conosci; itaque per creaturas et per magna opera sua, quae etiam quinque sensibus suis vix comprehendit, Deum cognoscit, quem nisi in fide videre non valet« [»Der Mensch ist nämlich nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen worden, damit er durch die fünf Sinne seines Leibes handle; dank ihrer ist er nicht abgetrennt und ist imstande zu erkennen, zu verstehen und zu begreifen, was er tun soll (…), und eben dadurch, das heißt aufgrund der Tatsache, daß der Mensch intelligent ist, erkennt er die Geschöpfe und durch die Geschöpfe und die großen Werke, die mit seinen fünf Sinnen zu verstehen ihm mühsam gelingt, kennt er Gott, jenen Gott, der nur mit den Augen des Glaubens gesehen werden kann«] (Explanatio Symboli Sancti Athanasii: PL 197,1066). Dieser Erfahrungsweg findet seine Erfüllung wiederum in der Teilnahme an den Sakramenten. Hildegard sieht auch die im Leben der einzelnen Gläubigen vorhandenen Widersprüche und prangert die am meisten beklagenswerten Situationen an. In besonderer Weise hebt sie hervor, daß der Individualismus in Lehre und Praxis sowohl der Laien wie der geweihten Personen ein Ausdruck von Hochmut ist und das Haupthindernis für den Evangelisierungsauftrag unter den Nichtchristen darstellt.

Einer der Höhepunkte von Hildegards Lehre ist die klare Aufforderung zur Tugendhaftigkeit gerade an jene, die in einem geweihten Stand leben. Ihr Verständnis des geweihten Lebens ist eine wahre »theologische Metaphysik«, weil es fest in der theologischen Tugend des Glaubens wurzelt, die Quelle und ständige Motivation dafür ist, sich gründlich in Gehorsam, Armut und Keuschheit zu engagieren. In der Verwirklichung der evangelischen Räte teilt die geweihte Person die Erfahrung des armen, keuschen und gehorsamen Christus und folgt im täglichen Leben seinen Spuren. Das ist das Wesensmerkmal des geweihten Lebens.

7. Die herausragende Lehre Hildegards spiegelt die Lehre der Apostel, die Literatur der Kirchenväter und die Werke von Autoren ihrer Zeit wider, während sie in der Regel des hl. Benedikt von Nursia einen ständigen Bezugspunkt findet. Die klösterliche Liturgie und die Verinnerlichung der Heiligen Schrift stellen die Leitlinien ihres Denkens dar, das sich auf das Geheimnis der Menschwerdung konzentriert und zugleich in einer tiefen stilistischen und inhaltlichen Einheit zum Ausdruck kommt, die alle ihre Schriften durchzieht.

Die Lehre der heiligen Benediktinerin stellt sich als ein Wegweiser für den homo viator dar. Ihre Botschaft erscheint außerordentlich aktuell in der heutigen Welt, die für das Gesamtbild der von ihr vorgeschlagenen und gelebten Werte besonders empfänglich ist. Wir denken zum Beispiel an Hildegards charismatische und spekulative Fähigkeit, die wie ein lebendiger Ansporn zur theologischen Forschung erscheint; an ihr Nachdenken über das in seiner Schönheit betrachtete Geheimnis Christi; an den Dialog der Kirche und der Theologie mit der Kultur, der Wissenschaft und der zeitgenössischen Kunst; an das Ideal des geweihten Lebens als Möglichkeit menschlicher Verwirklichung; an die Aufwertung der Liturgie als Feier des Lebens; an die Idee einer Reform der Kirche, nicht als sterile Veränderung der Strukturen, sondern als Umkehr des Herzens; an ihre Feinfühligkeit für die  Natur, deren Gesetze zu schützen sind und nicht verletzt werden dürfen.

Daher hat die Zuerkennung des Titels Kirchenlehrerin der Gesamtkirche an Hildegard von Bingen große Bedeutung für die heutige Welt und außerordentliche Bedeutung für die Frauen. In Hildegard kommen die edelsten Werte der Fraulichkeit zum Ausdruck: Deshalb werden von ihrer Gestalt her auch die Anwesenheit der Frau in der Kirche und in der Gesellschaft aus der Sicht sowohl der wissenschaftlichen Forschung wie des pastoralen Wirkens beleuchtet. Ihre Fähigkeit, zu denen zu sprechen, die dem Glauben und der Kirche fernstehen, machen Hildegard zu einer glaubwürdigen Zeugin der Neuevangelisierung. Kraft des Rufes der Heiligkeit und ihrer herausragenden Lehre hat am 8. März 1979 Kardinal Joseph Höffner, Erzbischof von Köln und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zusammen mit den Kardinälen, Erzbischöfen und Bischöfen dieser Konferenz, der damals auch Wir als Kardinalerzbischof von München und Freising angehörten, dem sel. Johannes Paul II. die Bitte unterbreitet, daß Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin erklärt werden möge. In der Bittschrift hob der hochwürdigste Purpurträger die im 12. Jahrhundert von Papst Eugen III. anerkannte Rechtgläubigkeit von Hildegards Lehre, ihre ständig ausgewiesene und vom Volk gefeierte Heiligkeit sowie das Ansehen ihrer Traktate hervor. Zu diesem Ersuchen der Deutschen Bischofskonferenz sind im Laufe der Jahre weitere hinzugekommen, als erstes jenes der Nonnen des nach ihr benannten Klosters von Eibingen. Zu dem gemeinsamen Wunsch des Gottesvolkes, Hildegard sollte offiziell als heilig ausgerufen werden, ist dann die Bitte hinzugekommen, sie möge auch zur »Kirchenlehrerin der Gesamtkirche« ausgerufen werden.

Mit Unserer Zustimmung bereitete deshalb die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse sorgfältig eine Positio super canonizatione et concessione tituli Doctoris Ecclesiae universalis für die Mystikerin aus Bingen vor. Da es sich um eine angesehene Lehrmeisterin der Theologie handelt, der viele und angesehene Studien gewidmet wurden, haben wir die von Artikel 73 der Apostolischen Konstitution Pastor bonus vorgesehene Dispens gewährt. Der Fall wurde also von den bei der Plenarsitzung am 20. März 2012 versammelten Kardinälen und Bischöfen unter Vorsitz des Referenten des Falles, des hochwürdigsten Herrn Kardinals Angelo Amato, Präfekt der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, mit einstimmig positivem Ausgang geprüft. In der Audienz vom 10. Mai 2012 hat uns Kardinal Amato selbst detailliert über den status quaestionis und über die einhellige Zustimmung der Bischöfe bei der erwähnten Plenarsitzung der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse informiert.

Am 27. Mai 2012, dem Pfingstsonntag, hatten wir die Freude, auf dem Petersplatz der Menge der aus der ganzen Welt zusammengeströmten Pilger die Nachricht mitzuteilen, daß zu Beginn der Versammlung der Bischofssynode und am Vorabend des »Jahres des Glaubens« der heiligen Hildegard von Bingen und dem heiligen Johannes von Avila der Titel Kirchenlehrer zuerkannt wird. Das ist also heute mit Gottes Hilfe und unter dem Beifall der ganzen Kirche geschehen. Auf dem Petersplatz haben wir in Anwesenheit vieler Kardinäle und Bischöfe der Römischen Kurie und der katholischen Kirche, indem wir das Vollbrachte bestätigten, und mit großer Freude über die Befriedigung der Wünsche der Bittsteller, während des eucharistischen Opfers folgende Worte gesprochen: »Indem wir den Wunsch vieler Brüder im Bischofsamt und vieler Gläubigen der ganzen Welt annehmen, nachdem wir das Gutachten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse erhalten und lange darüber nachgedacht haben und zu einer vollen und sicheren Überzeugung gelangt sind, erklären wir mit der vollen apostolischen Autorität den hl. Johannes von Avila, Weltpriester, und die hl. Hildegard von Bingen, Nonne des Ordens des hl. Benedikt, zu Kirchenlehrern. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.« Das beschließen und ordnen Wir an, indem Wir festlegen, daß dieses Schreiben immer sicher, gültig und wirksam sei und bleibe und daß es seine vollen und unverkürzten Wirkungen erziele und erreiche, und daß man es dementsprechend beurteile und definiere. Außerdem wird entschieden und festgelegt, daß es vergeblich und zwecklos ist, hieran bewußt oder unbewußt etwas zu ändern, gleich von welcher Seite es ausgehen mag und mit welcher Autorität auch immer.

Gegeben zu Rom, bei Sankt Peter, mit dem Siegel des Fischers, am 7. Oktober 2012, dem achten Jahr Unseres Pontifikats.

BENEDIKT PP. XVI

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