DIE HL. THERESIA VOM KINDE JESU IST KIRCHENLEHRERIN

Apostolisches Schreiben
von Johannes Paul II.

DIVINI AMORIS SCIENTIA 

zur Proklamation der
hl. Theresia vom Kinde Jesus
und vom Heiligen Antlitz
zur Kirchenlehrerin

 

1. Die Wissenschaft der göttlichen Liebe, die der Vater des Erbarmens durch Jesus Christus im Heiligen Geist ausgießt, ist ein Geschenk, das den Kleinen und Demütigen gewährt wird, damit sie die Geheimnisse des Gottesreiches, die den Gelehrten und Weisen verborgen sind, erkennen und verkünden. Darum frohlockte Jesus im Heiligen Geist und pries den Vater, der es so verfügt hat (vgl. Lk 10,21–22; Mt 11,25–26).

Auch die Mutter Kirche freut sich, da sie feststellt, wie der Herr sich im Lauf der Geschichte auch weiterhin den Kleinen und Demütigen offenbart und seine Auserwählten durch den Heiligen Geist, der »alles ergründet, auch die Tiefen Gottes« (1 Kor 2,10), fähig macht, von dem zu sprechen, »was uns von Gott geschenkt worden ist, . . . nicht mit Worten, wie menschliche Weisheit sie lehrt, sondern wie der Geist sie lehrt, indem wir den Geisterfüllten das Wirken des Geistes deuten« (1 Kor 2,12.13). Auf diese Weise führt der Heilige Geist die Kirche hin zur ganzen Wahrheit; er unterweist sie mit mannigfaltigen Gaben, zeichnet sie mit seinen Früchten aus, macht sie jugendlich mit der Kraft des Evangeliums und setzt sie instand, die Zeichen der Zeit zu erforschen, um immer besser dem Willen Gottes zu entsprechen (vgl. Lumen Gentium, 4.12; Gaudium et spes, 4).

Unter den Kleinen, denen in bevorzugter Weise die Geheimnisse des Gottesreiches erschlossen wurden, leuchtet Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz hervor, Nonne vom Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen, deren Eintritt in die himmlische Heimat sich in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt.

Während ihres Lebens gingen Theresia »neue Lichter« auf, »verborgene und geheimnisvolle Bedeutungen« (Ms A 83 v), und sie empfing vom göttlichen Meister jene »Wissenschaft der Liebe«, die sie dann in einer sie kennzeichnenden Weise in ihren Schriften klar darlegte (vgl. Ms B 1r). Diese Wissenschaft bringt lichtvoll ihre Kenntnis vom Geheimnis des Gottesreiches und ihre persönliche Erfahrung der Gnade zum Ausdruck. Sie kann als ein besonderes Charisma der Weisheit des Evangeliums betrachtet werden, das Theresia, wie andere Heilige und Lehrer des Glaubens, im Gebet in sich aufnahm (vgl. Ms C 36 r).

2. Das Beispiel ihres Lebens und ihrer dem Evangelium entstammenden Lehre wurde in unserer Zeit schnell, überall und stetig aufgenommen. Ihre Heiligkeit wurde, gewissermaßen in Nachahmung ihrer frühzeitigen geistlichen Reife, von der Kirche im Zeitraum von wenigen Jahren anerkannt. In der Tat unterzeichnete Pius X. am 10. Juni 1914 das Dekret zur Einleitung des Seligsprechungsprozesses, am 14. August 1921 erklärte Benedikt XV. den heroischen Tugendgrad der Dienerin Gottes und hielt bei diesem Anlaß eine Ansprache über den Weg der geistlichen Kindschaft.

Pius XI. sprach sie am 29. April 1923 selig. Wenig später, am 17. Mai 1925, nahm der gleiche Papst vor einer ungeheuren Menschenmenge in der Petersbasilika die Heiligsprechung vor. Dabei betonte er vor allem den Glanz ihrer Tugenden und die besonderen ihr eigenen Wesenszüge ihrer Lehre. Zwei Jahre darauf, am 14. Dezember 1927, folgte er den Bitten vieler Missionsbischöfe und erklärte sie, zusammen mit dem hl. Franziskus Xaverius, zur Patronin der Missionen.

Nach diesen Anerkennungen durch die Kirche nahm die geistliche Ausstrahlung Theresias vom Kinde Jesus zu und breitete sich bis in die heutige Zeit über die ganze Erde aus. Viele Institute geweihten Lebens und kirchliche Bewegungen, vor allem in den jungen Kirchen, haben sie als Patronin und Lehrmeisterin erwählt und sich von ihrer geistlichen Lehre anregen lassen. Ihre Botschaft, oft als der sogenannte »kleine Weg« zusammengefaßt, der nichts anderes ist als der dem Evangelium gemäße Weg der Heiligkeit für alle, wurde von Theologen und Kundigen der Spiritualität erforscht. Kathedralen, Basiliken, Gotteshäuser und Heiligtümer in der ganzen Welt wurden unter dem Patrozinium der Heiligen von Lisieux errichtet und dem Herrn geweiht. Sie wird in der katholischen Kirche in den verschiedenen Riten des Ostens und des Westens verehrt. Viele Gläubige haben die Macht ihrer Fürsprache erfahren können. Viele, die zum priesterlichen Dienst oder zum geweihten Leben berufen wurden, besonders in den Missionen und in Klausurklöstern, schreiben die göttliche Gnade ihrer Berufung ihrer Fürbitte und ihrem Beispiel zu.

3. Die Hirten der Kirche, angefangen bei meinen Vorgängern, den Päpsten dieses Jahrhunderts, die Theresias Heiligkeit als Beispiel für alle vorgestellt haben, betonten auch, daß sie Lehrmeisterin im geistlichen Leben ist aufgrund einer Lehre, die einfach und zugleich tief ist: Unter Führung des göttlichen Meisters hat sie aus den Quellen des Evangeliums geschöpft und dann den Brüdern und Schwestern in der Kirche auf höchst wirksame Weise davon mitgeteilt (vgl. Ms B 2v–3r).

Diese geistliche Lehre wurde uns vor allem durch ihre Selbstbiographie übermittelt. Aus drei von ihr in den letzten Lebensjahren verfaßten Manuskripten entnommen und ein Jahr nach ihrem Tod unter dem Titel Histoire d’une Âme (Geschichte einer Seele), Lisieux 1898, veröffentlicht, hat sie bis in unsere Tage ein außerordentliches Interesse geweckt. Diese Autobiographie, zusammen mit ihren anderen Schriften in etwa fünfzig Sprachen übersetzt, hat Theresia in allen Gegenden der Welt bekannt gemacht, auch außerhalb der katholischen Kirche. Ein Jahrhundert nach ihrem Tod wird Theresia vom Kinde Jesus weiterhin als eine der großen Lehrmeisterinnen geistlichen Lebens unserer Zeit anerkannt.

4. Es ist daher nicht zu verwundern, daß dem Apostolischen Stuhl viele Bitten vorgelegt wurden, sie möge mit dem Titel einer Kirchenlehrerin ausgezeichnet werden.

Seit einigen Jahren, und besonders seitdem das hundertste Gedenkjahr ihres Todes näherrückte, trafen solche Bitten immer zahlreicher, auch von Bischofskonferenzen, ein. Ferner fanden Studienkongresse statt, und es wurden immer mehr Schriften veröffentlicht, die hervorheben, daß Theresia vom Kinde Jesus eine außergewöhnliche Weisheit besaß und daß sie mit ihrer Lehre vielen Männern und Frauen in allen Lebensverhältnissen Jesus Christus und sein Evangelium kennen und lieben hilft.

Durch solche Äußerungen angeregt, veranlaßte ich eine eingehende Untersuchung darüber, ob die Heilige von Lisieux die notwendigen Voraussetzungen habe, um mit dem Titel Kirchenlehrerin ausgezeichnet zu werden.

5. Es ist mir ein Anliegen, in diesem Zusammenhang kurz einiges aus dem Leben Theresias vom Kinde Jesus in Erinnerung zu rufen. Sie ist am 2. Januar 1873 in Alençon, Frankreich, geboren. Zwei Tage später wird sie in der Notre-Dame- Kirche getauft und erhält die Namen Maria Franziska Theresia. Ihre Eltern sind Louis Martin und Zélie Guérin, deren beider heroischen Tugendgrad ich vor kurzem anerkannt habe. Nach dem Tod der Mutter, die am 28. August 1877 starb, siedelt Theresia mit der ganzen Familie in die Stadt Lisieux über, wo sie, umgeben von der Liebe ihres Vaters und ihrer Schwestern, streng, zugleich aber auch voll Zärtlichkeit erzogen wird.

Gegen Ende 1879 empfängt sie zum ersten Mal das Bußsakrament. Am Pfingsttag 1883 wird ihr durch die Fürsprache »Unserer Lieben Frau von den Siegen« die einzigartige Gnade der Heilung von einer schweren Krankheit zuteil. Sie geht bei den Benediktinerinnen von Lisieux in die Schule. Am 8. Mai 1884 empfängt sie nach einer eifrigen Vorbereitung die erste hl. Kommunion. Einen einzigartigen Höhepunkt bildet die Gnade, daß sie die tiefinnere Verbundenheit mit Christus empfindet. Wenige Wochen später, am 14. Juni des gleichen Jahres, empfängt sie das Sakrament der Firmung und ist sich dabei total bewußt, daß ihr damit die persönliche Anteilnahme an der Gnade des Pfingstfestes zuteil wird. Weihnachten 1886 macht sie eine sehr tiefe geistliche Erfahrung, die sie als »vollständige Bekehrung« bezeichnet. Dadurch überwindet sie die emotionelle Schwäche, die auf den Tod der Mutter gefolgt war, und beginnt »den Lauf eines Riesen« auf dem Weg ?zur Vollkommenheit (vgl. Ms A 44v –45v).

Theresia hatte Verlangen nach dem kontemplativen Leben, wie ihre Schwestern Pauline und Maria es im Karmel von Lisieux führten, aber ihr jugendliches Alter hinderte sie noch daran. Anläßlich einer Pilgerfahrt nach Italien, wobei sie auch das Heilige Haus in Loreto und die heiligen Stätten der Ewigen Stadt besucht, wird den Gläubigen der Diözese Lisieux von Papst Leo XIII. am 20. November 1887 eine Audienz gewährt. Dabei erbittet und erhält Theresia von Leo XIII. die Erlaubnis, schon mit 15 Jahren in den Karmel einzutreten.

Am 9. April 1888 tritt sie in den Karmel von Lisieux ein, wo sie am 10. Januar des folgenden Jahres das Gewand des Ordens der heiligsten Jungfrau empfängt und am 8. September 1890, dem Fest Mariä Geburt, ihre Ordensprofeß ablegt. Im Karmel geht sie voll Eifer und Treue den von der Mutter Gründerin, Theresia von Jesus, vorgezeichneten Weg der Vollkommenheit in der Erfüllung der verschiedenen ihr in der Gemeinschaft übertragenen Aufgaben. Vom Wort Gottes erleuchtet, geprüft durch den Schmerz, den die Krankheit ihres so sehr geliebten Vaters ihr bereitet, der am 29. Juli 1894 stirbt, geht Theresia voran auf dem Weg zur Heiligkeit. Dabei gibt sie stets der Liebe den Vorzug. Sie entdeckt den kleinen Weg der geistlichen Kindschaft und unterweist die ihrer Sorge anvertrauten Novizinnen darin. Auf diesem Weg fortschreitend, dringt sie immer tiefer in das Geheimnis der Kirche ein, und von der Liebe Christi angezogen, fühlt sie, wie die apostolische und missionarische Berufung in ihr stärker wird und sie dazu drängt, alle mit sich zu ziehen, hin zum göttlichen Bräutigam.

Am 9. Juni 1895, dem Fest der Heiligsten Dreifaltigkeit, weiht sie sich als Ganzopfer der barmherzigen Liebe Gottes. Am 3. April des folgenden Jahres werden in der Nacht vom Gründonnerstag zum Karfreitag zum ersten Mal die Anzeichen der Krankheit erkennbar, die sie zum Tod führen wird. Theresia nimmt sie an als geheimnisvollen Besuch des göttlichen Bräutigams. Gleichzeitig beginnt für sie eine innere Anfechtung des Glaubens, eine Prüfung, die bis zu ihrem Tod andauern wird. Da ihre Krankheit sich verschlimmert, wird sie am 8. Juli 1897 ins Krankenzimmer verlegt. Ihre Mitschwestern und andere Ordensfrauen zeichnen ihre Äußerungen auf. Ihre Schmerzen und Prüfungen, die sie geduldig erträgt, nehmen zu, bis sie am Nachmittag des 30. September stirbt. »Ich sterbe nicht, ich gehe ins Leben ein«, hatte sie an einen ihrer geistlichen Brüder, Don Bellière, geschrieben (LT 244). Ihre letzten Worte »Mein Gott, ich liebe dich« sind das Siegel ihres Lebens.

6. Theresia vom Kinde Jesus hat uns Schriften hinterlassen, durch die sie mit Recht den Titel einer Lehrerin des geistlichen Lebens verdient. Ihr Hauptwerk bleibt der Bericht über ihr Leben in den drei autobiographischen Manuskripten (Manuscrits autobiographiques A, B, C,), erstmals veröffentlicht unter dem bald berühmt gewordenen Titel Histoire d’une Âme (Geschichte einer Seele).

Im Manuskript A – auf die Bitte der Schwester Agnes von Jesus, damals Priorin des Klosters, geschrieben und ihr am 21. Januar 1896 übergeben – beschreibt Theresia die Wegstrecken ihrer religiösen Erfahrung: die ersten Jahre der Kindheit, vor allem das Ereignis ihrer ersten Kommunion und das der Firmung und die Jugendzeit bis zum Eintritt in den Karmel und zu ihrer ersten Profeß.

Das Manuskript B, auf die Bitte ihrer Schwester Maria vom göttlichen Herzen verfaßt während der geistlichen Einkehrtage des gleichen Jahres, enthält einige der schönsten, der bekanntesten und der am meist zitierten Seiten der Heiligen von Lisieux. In ihnen offenbart sich die volle Reife der Heiligen, die von ihrer Berufung in der Kirche als Braut Christi und Mutter der Seelen spricht.

Das Manuskript C – wenige Monate vor ihrem Tod im Monat Juni und in den ersten Julitagen 1897 niedergeschrieben, und der Priorin Maria de Gonzaga gewidmet, die sie darum gebeten hatte – vervollständigt die im Manuskript A wiedergegebenen Erinnerungen über das Leben im Karmel. Diese Seiten offenbaren die übernatürliche Weisheit der Verfasserin. Aus diesem letzten Abschnitt ihres Lebens berichtet Theresia einige sehr tiefe Erfahrungen. Bewegende Seiten widmet sie der Prüfung des Glaubens: Es ist die Rede von der Gnade der Läuterung, die sie in eine lange und schmerzvolle dunkle Nacht taucht, die aber erhellt ist durch ihr Vertrauen in die erbarmungsvolle und väterliche Liebe Gottes. Von neuem und ohne sich zu wiederholen läßt Theresia das strahlende Licht des Evangeliums aufleuchten. Wir finden hier die schönsten Seiten, die sie dem vertrauensvollen Sich-den-Händen- Gottes-Überlassen, dem Verbundensein von Gottes- und-Nächstenliebe und ihrer missionarischen Berufung in der Kirche gewidmet hat.

In diesen drei verschiedenen Manuskripten, die in der Thematik und in einer fortschreitenden Beschreibung ihres Lebens und ihres geistlichen Weges übereinstimmen, hat Theresia uns eine echte Autobiographie dargeboten, die die Geschichte ihrer Seele darstellt. Aus ihr geht deutlich hervor, daß Gott durch ihr Leben der Welt eine bestimmte Botschaft gegeben hat. Er hat einen Weg nach dem Evangelium gewiesen, nämlich den »kleinen Weg«, den alle gehen können, da ja alle zur Heiligkeit berufen sind.

In den uns erhaltenen 266 Briefen, die an ihre Angehörigen, an Ordensfrauen und an ihre »Brüder«, die Missionare, gerichtet sind, offenbart Theresia ihre Weisheit und entfaltet eine Unterweisung, die in der Tat eine tiefschürfende Praxis geistlicher Seelenführung darstellt.

Zu ihren Schriften gehören auch 54 Gedichte, darunter einige von großer theologischer und geistlicher Dichte, von der Heiligen Schrift inspiriert. Besonders verdienen erwähnt zu werden: Vivre d’Amour (P 17) und Pourquoi je t’aime, o Marie! (P 54), eine schöne Zusammenfassung des Weges der Jungfrau Maria nach dem Evangelium. Zu diesen Schriften kommen noch 8 »Récréations pieuses«: poetische Texte und Bühnenstücke, von der Heiligen für ihre Klostergemeinschaft erdacht und vorgeführt zu gewissen, in der Tradition des Karmels gebräuchlichen Festen. Unter anderen Schriften ist noch an eine Reihe von 21 Gebeten zu erinnern. Und es darf die Sammlung ihrer Worte, die sie in den letzten Monaten ihres Lebens gesprochen hat, nicht vergessen werden. Sie sind in verschiedenen Versionen erhalten, bekannt als Novissima verba (Letzte Worte) und unter dem Titel Derniers Entretiens (Letzte Gespräche).

7. Aus der genauen Untersuchung der Schriften der hl. Theresia vom Kinde Jesus und aus dem Echo, das sie in der Kirche fanden, lassen sich die besonders herausragenden Aspekte der »hervorragenden Lehre« entnehmen, d.h. des grundlegenden Elementes, auf das sich die Verleihung des Titels »Kirchenlehrerin« stützt.

Es ist vor allem ein besonderes Charisma der Weisheit festzustellen. Diese junge Karmelitin ohne besondere theologische Vorbildung, aber vom Licht des Evangeliums erleuchtet, sieht sich vom göttlichen Meister belehrt, der, wie sie sagt, »der Lehrmeister der Lehrmeister« (Doctor doctorum) ist (vgl. Ms A 83 v), von dem sie die »göttlichen Unterweisungen« (Ms B 1r) empfängt. Sie erkennt, daß sich in ihr die Worte der Schrift verwirklicht haben: »Wenn jemand klein ist, so komme er zu mir…; den Geringen wird Barmherzigkeit erwiesen« (Ms B 1v; vgl. Spr 9,4; Weish 6, 6), und sie weiß, daß sie zur Weisheit der Liebe angeleitet wurde, die den Weisen und Klugen verborgen ist, die aber der göttliche Meister geruhte, ihr, wie allen Kleinen, zu erschließen (Ms A49r; vgl. Lk 10,21–22).

Papst Pius XI., der Theresia von Lisieux als »Stern seines Pontifikats« betrachtete, zögerte nicht, in der Predigt am Tag ihrer Heiligsprechung, dem 17. Mai 1925, zu behaupten: »…der Geist der Wahrheit enthüllte ihr und lehrte sie, was er gewöhnlich den Weisen und Klugen verbirgt und den Unmündigen offenbart (Mt 11,25). Tatsächlich erwarb sie – nach dem Zeugnis Unseres unmittelbaren Vorgängers – eine solche Einsicht in die übernatürlichen Dinge, daß sie den andern einen sicheren Weg des Heiles vorzeichnen konnte» (AAS 17 [1925] S. 213; zitiert in O.R. dt. 43, 24.10.97, S. 12).

Ihre Lehre stimmt nicht nur mit der Heiligen Schrift und mit dem katholischen Glauben überein, sondern sie ragt hervor (eminet) durch ihre Tiefe und die in ihr zustande gekommene Synthese der Weisheit. Ihre Lehre ist zur gleichen Zeit ein Bekenntnis des Glaubens der Kirche, ein Erleben des christlichen Mysteriums und ein Weg zur Heiligkeit. Theresia bietet eine reife Synthese der christlichen Spiritualität; sie verbindet die Theologie und das geistliche Leben, ihr Ausdruck ist kraftvoll und sicher, voll großer Überzeugungs- und Kommunikationsfähigkeit, wie die Aufnahme und Verbreitung ihrer Botschaft im Gottesvolk zeigt.

Die Lehre Theresias drückt die Dogmen des christlichen Glaubens konsequent aus und vereint sie harmonisch als Lehre der Wahrheit und Lebenserfahrung. Diesbezüglich darf nicht vergessen werden, daß, wie das II. Vatikanische Konzil lehrt, das Verständnis für den von den Aposteln überkommenen Glaubensschatz in der Kirche unter dem Beistand des Heiligen Geistes voranschreitet: »…es wächst das Verständnis der überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19 u. 51), durch innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere Charisma der Wahrheit empfangen haben« (Dei Verbum, 8).

In den Schriften Theresias von Lisieux finden wir vielleicht nicht, wie bei anderen Kirchenlehrern, eine wissenschaftlich ausgearbeitete Darstellung der göttlichen Dinge, aber wir können ihnen ein erleuchtetes Zeugnis des Glaubens entnehmen, das, während es mit vertrauender Liebe die achtungsvolle Barmherzigkeit Gottes und das Heil in Christus aufnimmt, das Geheimnis und die Heiligkeit der Kirche offenbart.

Mit Recht also kann man in der Heiligen von Lisieux das Charisma des Kirchenlehrers erkennen, sowohl wegen der Gabe des Heiligen Geistes, die sie empfangen hat, um ihre Glaubenserfahrung zu leben und zum Ausdruck zu bringen, als auch wegen des besonderen Verstehens des Geheimnisses Christi. In ihr konzentrieren sich die Gaben des neuen Gesetzes, das heißt die Gnade des Heiligen Geistes, der sich offenbart im lebendigen Glauben, der durch die Liebe wirksam ist (vgl. hl. Thomas v. Aquin, Summa Theol. I–II, q. 106, art. 1; q. 108, art. 1).

Wir können auf Theresia von Lisieux anwenden, was mein Vorgänger Paul VI. von einer anderen jungen Heiligen, der Kirchenlehrerin Katharina von Siena, sagte: »Was uns bei dieser Heiligen am meisten erschüttert, ist die eingegossene Weisheit, d.h. die klare, tiefe und begeisterte Aufnahme der göttlichen Wahrheiten und der Geheimnisse des Glaubens […]: ein Aufnehmen, das sicherlich von einzigartigen natürlichen Gaben begünstigt, aber offensichtlich wunderbar einem Charisma der Weisheit des Heiligen Geistes zu verdanken war« (AAS 62 [1970] S. 675).

8. Mit ihrer einzigartigen Lehre und ihrem unverkennbaren Stil erscheint Theresia als echte Lehrmeisterin des Glaubens und des christlichen Lebens. Durch ihre Schriften strömt belebend, wie durch die Aussagen der Heiligen Väter, die katholische Tradition, deren Reichtümer sich, wie wiederum das II. Vatikanische Konzil bestätigt, »in Tun und Leben der glaubenden und betenden Kirche ergießen« (Dei Verbum, 8).

Wenn die Lehre Theresias von Lisieux in ihrer literarischen Gattung und ihrer Erziehung und Kultur sowie den besonderen Verhältnissen ihrer Zeit entsprechend aufgenommen wird, erscheint sie in einer providentiellen Einheit mit der ureigensten Tradition der Kirche, sowohl hinsichtlich des Bekenntnisses des katholischen Glaubens als auch der Förderung des durchaus echten geistlichen Lebens, das allen Gläubigen in einer lebendigen und zugänglichen Sprache vorgelegt wird.

Sie hat in unserer Zeit die Schönheit des Evangeliums aufleuchten lassen; sie hatte die Sendung, die Kirche, den mystischen Leib Christi, kennen und lieben zu lehren, und hat dazu beigetragen, die Seelen von den Härten und Ängsten der jansenistischen Lehre zu heilen, die mehr dazu neigte, die Gerechtigkeit Gottes als sein göttliches Erbarmen zu betonen. In der Barmherzigkeit Gottes hat Theresia alle göttlichen Vollkommenheiten betrachtet und angebetet, denn »selbst die Gerechtigkeit Gottes scheint mir (mehr vielleicht als jede andere Vollkommenheit) in Liebe gekleidet zu sein« (Ms A 83 v). So ist sie zu einem lebendigen Abbild jenes Gottes geworden, der, wie die Kirche es im Tagesgebet am 26. Sonntag im Jahreskreis formuliert, »omnipotentiam suam parcendo maxime et miserendo manifestat« (seine Macht vor allem im Erbarmen und im Verschonen offenbart) (vgl. Missale Romanum).

Wenn Theresia auch keine ganze und eigentliche Sammlung von Lehren vorzulegen hat, so leuchten doch aus ihren Schriften außergewöhnliche Lichtblitze der Lehre auf, die, gleichsam durch die Gnade des Heiligen Geistes, die Offenbarung in ihrem innersten Mark in einzigartiger und neuer Sicht erfassen und die Unterweisung auf hervorragende Art darbieten.

Der Kern ihrer Botschaft ist das Geheimnis Gottes selbst, der die Liebe ist, des dreieinigen, in sich unendlich vollkommenen Gottes. Wenn die echte, christliche, geistliche Erfahrung im Einklang sein muß mit den offenbarten Wahrheiten, in denen Gott sich selbst und das Geheimnis seines Willens mitteilt (vgl. Dei Verbum, 2), dann muß man bestätigen, daß Theresia die göttliche Offenbarung fortschreitend erfahren hat bis hin zur Kontemplation der erhabensten Wahrheiten unseres Glaubens und deren Fülle im Geheimnis des dreifaltigen Lebens. Den Gipfelpunkt bildet als Quelle und Ziel die erbarmende Liebe der drei göttlichen Personen, wie die Heilige es hauptsächlich in ihrem »Akt der Weihe an die barmherzige Liebe« zum Ausdruck bringt. An der Basis steht, auf seiten des Menschen, die Erfahrung, in Jesus Adoptivkind des Vaters zu sein. Darin liegt die eigentliche Bedeutung der geistlichen Kindschaft: in der vom Heiligen Geist bewirkten Erfahrung, Kind Gottes zu sein. Ferner befindet sich an der Basis, uns gegenüber, der Nächste, alle anderen, an deren Heil wir mitarbeiten müssen mit und in Jesus, mit dieser seiner barmherzigen Liebe.

Durch diese geistliche Kindschaft macht man die Erfahrung, daß alles von Gott kommt, zu Ihm zurückkehrt und in Ihm bleibt, zum Heil aller Menschen, im Geheimnis der barmherzigen Liebe. Das ist die Botschaft der Lehre, die die Heilige hinterließ und die sie selbst gelebt hat.

Wie zu allen Zeiten bei den Heiligen der Kirche, so war auch in Theresias geistlicher Erfahrung Christus die Mitte und die Fülle der Offenbarung. Theresia hat Jesus gekannt, sie hat ihn mit der Leidenschaft einer Braut geliebt und sich dafür eingesetzt, daß auch andere ihn liebten. Sie ist in die Geheimnisse seiner Kindheit eingedrungen und in die Worte seines Evangeliums, in die Passion des leidenden Gottesknechtes, die sie in die Züge seines heiligen Antlitzes eingeprägt fand, in den Glanz seines Lebens in der Herrlichkeit und in seine eucharistische Gegenwart. Sie hat die Liebe Christi besungen, wie sie das Evangelium in vielfacher Weise darstellt (vgl. Gedichte, 24, »Jésus, mon Bien-Âimé, rappelle-toi!«).

Theresia hat in besonderer Weise Licht empfangen über die Wirklichkeit des mystischen Leibes Christi, über die Vielfalt seiner Charismen, über die Gaben des Heiligen Geistes und die überragende Kraft der Liebe, die gleichsam das Herz der Kirche ist, wo sie ihre Berufung als Kontemplative und Missionarin entdeckte (vgl. Ms B 2r–3v).

Schließlich muß unter den besonders ihr ureigenen Kapiteln ihrer geistlichen Wissenschaft noch die weise Untersuchung erwähnt werden, die Theresia über das Geheimnis und den Weg der Jungfrau Maria unternahm, wobei sie zu Ergebnissen kam, die der Lehre des II. Vatikanischen Konzils im 8. Kapitel der Konstitution Lumen Gentium und dem, was ich selbst in meiner Enzyklika Redemptoris Mater vom 25. März 1987 schrieb, sehr nahe stehen.

9. Die Hauptquelle ihrer geistlichen Erfahrung und ihrer Lehre ist das Wort Gottes im Alten und Neuen Testament. Das bekennt sie selbst und hebt dabei besonders ihre leidenschaftliche Liebe zum Evangelium hervor (vgl. Ms A 83v). In ihren Schriften zählt man mehr als tausend Bibelzitate, über vierhundert aus dem Alten und über sechshundert aus dem Neuen Testament.

Obgleich sie nur unzulänglich vorbereitet war und keine geeigneten Hilfsmittel für das Studium und die Auslegung der heiligen Bücher zur Hand hatte, widmete Theresia sich voll Glauben und einzigartigem Eifer der Betrachtung des Wortes Gottes. Unter dem Einfluß des Heiligen Geistes gewann sie zu ihrem eigenen und anderer Nutzen eine tiefschürfende Kenntnis der Offenbarung. Durch die Liebe, mit der sie sich in die Heilige Schrift versenkte – gern hätte sie sich Kenntnisse in Hebräisch und Griechisch angeeignet, um Geist und Buchstaben der heiligen Bücher besser zu erfassen –, hat sie erkennen lassen, wie wichtig die biblischen Quellen für das geistliche Leben sind. Sie hat die Ursprünglichkeit und Frische des Evangeliums bekanntgemacht und eine kluge geistliche Auslegung des Gotteswortes im Alten und Neuen Testament gepflegt. So entdeckte sie verborgene Schätze und machte sich Worte und Episoden zu eigen, manchmal nicht ohne übernatürliche Kühnheit, so, wenn sie z.B. beim Lesen der Schriften des hl. Paulus (vgl. 1 Kor 12–13) ihre Berufung zur Liebe daraus entnahm (vgl. Ms B 3r–3v). Erleuchtet durch das Wort der Offenbarung hat Theresia geniale Seiten über die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe geschrieben (vgl. Ms C 11v–19r) und sich hineinversetzt in das Gebet Jesu beim Letzten Abendmahl als Ausdruck seiner Bitte um das Heil aller (vgl. Ms C 34r–35r).

Ihre Lehre stimmt, wie ich bereits sagte, mit der Lehre der Kirche überein. Von Kindheit an wurde sie von ihrer Familie zum Gebet und zur Teilnahme an der kirchlichen Liturgie erzogen. Bei der Vorbereitung auf ihre erste Beichte, auf die Erstkommunion und auf das Sakrament der Firmung zeigte sie eine außerordentliche Liebe zu den Glaubenswahrheiten und lernte den Katechismus fast Wort für Wort auswendig (vgl. Ms A 37r–37v). Am Ende ihres Lebens schrieb sie mit ihrem eigenen Blut das Apostolische Glaubensbekenntnis als Ausdruck ihrer vorbehaltlosen Treue zum Glauben nieder.

Außer den Worten der Schrift und der Lehre der Kirche waren Theresias geistliche Nahrung von Jugend an auch die Unterweisungen der Nachfolge Christi, die sie, wie sie selbst sagt, fast auswendig kannte (vgl. Ms A 47r). Entscheidend für die Verwirklichung ihrer Berufung als Karmelitin waren die geistlichen Schriften der Gründerin, Mutter Theresia von Jesus, besonders jene, die die kontemplative und kirchliche Bedeutung des Charismas des theresianischen Karmels darlegten (vgl. Ms C 33v). Doch in ganz besonderer Weise zog Theresia ihre geistliche Nahrung aus der mystischen Lehre des hl. Johannes vom Kreuz, der ihr wahrer geistlicher Lehrer war (vgl. Ms A 83r). Es ist also nicht zu verwundern, daß auch sie, eine ausgezeichnete Schülerin in der Schule dieser beiden Heiligen, die später zu Kirchenlehrern erklärt wurden, schließlich eine Lehrerin des geistlichen Lebens wurde.

10. Die geistliche Lehre Theresias von Lisieux hat zur Ausbreitung des Reiches Gottes beigetragen. Mit ihrem Beispiel der Heiligkeit, der vollkommenen Treue zur Mutter Kirche, der vollen Gemeinschaft mit dem Stuhl Petri wie auch mit den besonderen Gnaden, die sie für viele Missionare und Missionarinnen erlangte, hat sie einen außerordentlichen Dienst für die erneuerte Verkündigung und Praxis des Evangeliums Christi und für die Ausbreitung des katholischen Glaubens unter allen Völkern der Erde geleistet.

Es ist nicht notwendig, daß wir uns weiter verbreiten über die Universalität der theresianischen Lehre und über die umfassende Aufnahme ihrer Botschaft während des Jahrhunderts, das seit ihrem Tod vergangen ist: Diese Dinge wurden gut dokumentiert in den Studien, die der Verleihung des Titels »Kirchenlehrerin« an die Heilige vorausgingen.

In dieser Hinsicht ist die Tatsache von besonderer Bedeutung, daß das Lehramt der Kirche nicht nur die Heiligkeit Theresias anerkannt, sondern auch ihre Weisheit und ihre Lehre klar herausgehoben hat. Schon Pius X. sagte von ihr, daß sie »die größte Heilige der modernen Zeit« war. Als er mit Freude die erste italienische Ausgabe der »Geschichte einer Seele« in Empfang nahm, lobte er die Früchte, die sich aus der theresianischen Spiritualität entnehmen ließen. Benedikt XV. erläuterte bei der Verkündigung des heroischen Tugendgrades der Dienerin Gottes den Weg der geistlichen Kindschaft und pries die Wissenschaft von den göttlichen Wahrheiten, die Gott Theresia verliehen hatte, um andere die Wege des Heils zu lehren (vgl. AAS 13 [1921] 449–452). Pius XI. legte sowohl bei der Selig- wie bei der Heiligsprechung die Lehre der Heiligen dar und empfahl sie, wobei er die besondere göttliche Erleuchtung unterstrich (Discorsi di Pio XI, Bd.I, Turin 1959, S. 91). Er nannte Theresia Lehrmeisterin des Lebens (vgl. AAS 17 [1925] SS. 211–214). Pius XII. sagte bei der Weihe der Basilika von Lisieux 1954 unter anderem, Theresia sei mit ihrer Lehre bis in das Herz des Evangeliums eingedrungen (vgl. AAS 46 [1954] SS. 404–408). Kardinal Angelo Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., besuchte einige Male Lisieux, vor allem als er Nuntius in Paris war. Während seines Pontifikats ließ er bei verschiedenen Gelegenheiten seine Verehrung für die Heilige erkennen und erläuterte die Beziehungen zwischen der Lehre der Heiligen von Avila und derjenigen ihrer Tochter, Theresia von Lisieux (Discorsi, Messaggi, Colloqui, Bd. 2 [1959–1960] SS. 771–772). Während des II. Vatikanischen Konzils kamen die Väter mehrmals auf ihr Beispiel und ihre Lehre zu sprechen. Bei der Jahrhundertfeier ihrer Geburt richtete Paul VI. am 2. Januar 1973 einen Brief an den Bischof von Bayeux und Lisieux, worin er das Beispiel Theresias in ihrer Gottsuche pries und sie als Meisterin des Gebetes und der theologischen Tugend der Hoffnung und als Vorbild der Verbundenheit mit der Kirche vorstellte; den Lehrern, Erziehern, Priestern und auch den Theologen empfahl er das Studium ihrer Lehre (vgl. AAS 65 [1973] SS. 12–15). Ich selbst hatte bei verschiedenen Gelegenheiten die Freude, Bezug zu nehmen auf die Gestalt und die Lehre der Heiligen anläßlich meines unvergeßlichen Besuchs in Lisieux am 2. Juni 1980, als ich allen in Erinnerung rief: »Von Theresia von Lisieux kann man mit Überzeugung sagen, daß der Geist Gottes ihrem Herzen möglich gemacht hat, den Menschen unserer Zeit das grundlegende Geheimnis, die Wirklichkeit des Evangeliums direkt zu offenbaren: … Der kleine Weg ist der Weg der heiligen Kindheit. Auf diesem Weg gibt es etwas Einzigartiges, den Genius der hl. Theresia von Lisieux. Gleichzeitig sehen wir eine sehr grundlegende und allgemein gültige Wahrheit bekräftigt und neu herausgestellt. Welche Wahrheit aus der Botschaft des Evangeliums ist denn wohl grundlegender und allgemeiner gültig als jene: Gott ist unser Vater, und wir sind seine Kinder?« (Insegnamenti di Giovanni Paolo II, Bd. III/1 [1980] S. 1659; s. O.R.dt., 25, 20.6.1980, S. 12).

Diese einfachen Hinweise auf eine ununterbrochene Reihe von Zeugnissen der Päpste dieses Jahrhunderts über die Heiligkeit und die Lehre der hl. Theresia vom Kinde Jesus und auf die universale Ausbreitung ihrer Botschaft bringen klar zum Ausdruck, wie sehr die Kirche in ihren Hirten und ihren Gläubigen die geistliche Lehre dieser jungen Heiligen aufgenommen hat.

Zeichen für die Aufnahme der Unterweisung der Heiligen seitens der Kirche ist auch der Rückgriff auf ihre Lehre in vielen Dokumenten des ordentlichen Lehramts der Kirche, vor allem wenn von der kontemplativen und missionarischen Berufung, von Vertrauen auf den gerechten und barmherzigen Gott, von der christlichen Freude und von der Berufung zur Heiligkeit die Rede ist. Auch im Katechismus der Katholischen Kirche ist ihre Lehre zu finden (Nrn. 127, 826, 956, 1011, 2011, 2558). Sie, die aus dem Katechismus so gern die Wahrheiten des Glaubens lernte, hat es verdient, unter die maßgeblichen Zeugen der katholischen Lehre gezählt zu werden.

Theresia besitzt eine einzigartige Universalität. Ihre Person, ihre evangelische Botschaft vom »kleinen Weg« des Vertrauens und der geistlichen Kindschaft haben eine überraschende, alle Grenzen überschreitende Aufnahme gefunden und finden sie auch weiterhin.

Der Einfluß ihrer Botschaft umfaßt vor allem Männer und Frauen, deren Heiligkeit oder heroischen Tugendgrad die Kirche selbst anerkannt hat, Hirten der Kirche, solche, die sich der Theologie widmen und die Spiritualität pflegen, Priester und Seminaristen, Ordensmänner und Ordensfrauen, kirchliche Bewegungen und neue Gemeinschaften, Männer und Frauen jeder Herkunft und von allen Kontinenten. Allen gibt Theresia ihre persönliche Bestätigung, daß das christliche Mysterium, für das sie Zeugin und Apostolin geworden ist – da sie sich, wie sie kühn sagt, im Gebet zur »Apostolin der Apostel« (Ms A 56r) gemacht hat –, wörtlich genommen werden muß mit möglich großem Realismus, da es zeitlich wie räumlich von universaler Bedeutung ist. Die Kraft ihrer Botschaft liegt darin, daß sie konkret zeigt, wie alle Verheißungen Jesu sich erfüllen in dem Gläubigen, der die rettende Gegenwart des Erlösers mit Vertrauen in sein Leben aufzunehmen weiß.

11. Alle diese Erwägungen bezeugen sehr klar die Aktualität der Lehre der Heiligen von Lisieux und die starke Auswirkung ihrer Lehre auf die Männer und Frauen unseres Jahrhunderts. Dazu kommen verschiedene Umstände, aus denen ihre Bestimmung zur Lehrerin der Kirche unserer Zeit noch deutlicher hervorgeht.

Vor allem ist Theresia eine Frau, die, wenn sie sich mit dem Evangelium befaßte, ihm seine verborgenen Reichtümer zu entnehmen verstand, so konkret und mit so tiefer Resonanz im Leben und Denken, wie es dem weiblichen Genius im allgemeinen eigen ist. Aus der Schar der heiligen Frauen, in denen die Weisheit des Evangeliums hell aufleuchtet, ragt Theresia wegen ihrer Universalität hervor.

Ferner ist sie eine kontemplative Frau. In der Verborgenheit ihres Karmels lebte sie so das große Abenteuer christlicher Erfahrung, daß sie die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe der Liebe Christi kennenlernte (vgl. Eph 3,18–19). Gott hat nicht gewollt, daß ihre Geheimnisse verborgen blieben, darum würdigte er Theresia, das Geheimnis des Königs zu offenbaren (vgl. Ms C 2v). Durch ihr Leben bietet Theresia ein Zeugnis und eine theologische Erläuterung der Schönheit des kontemplativen Lebens als Ganzhingabe an Christus, den Bräutigam der Kirche, und als lebendige Bestätigung des Primates Gottes in allem. Ihr verborgenes Leben hat eine geheimnisvolle Fruchtbarkeit für die Ausbreitung des Glaubens und erfüllt die Kirche und die Welt mit dem Wohlgeruch Christi (vgl. Briefe 169, 2v).

Theresia von Lisieux ist eine Jugendliche. Sie ist in ihrer blühenden Jugend zur Reife der Heiligkeit gelangt (vgl. Ms C 4r). Sie stellt sich daher als eine Lehrerin des Lebens nach dem Evangelium dar, die überaus geeignet ist, die Wege der Jugendlichen zu erleuchten, deren Aufgabe es sein wird, unter den kommenden Generationen das Evangelium zu leben und zu bezeugen.

Theresia vom Kinde Jesus ist nicht nur ihrem Alter nach die jüngste Kirchenlehrerin, sondern sie steht uns auch zeitlich am nächsten und unterstreicht damit sozusagen die Kontinuität, mit der der Geist des Herrn der Kirche seine Boten, Männer und Frauen, als Lehrer und Zeugen des Glaubens sendet. Denn bei all ihrer Verschiedenartigkeit, die sich im Lauf der Geschichte feststellen läßt, und bei deren mannigfaltigen Auswirkungen im Leben und Denken der Menschen in den einzelnen Epochen dürfen wir nicht das fortlaufende Band unbeachtet lassen, das die Kirchenlehrer miteinander verbindet: In jedem geschichtlichen Kontext bleiben sie Zeugen jenes Evangeliums, das niemals verändert wird, und mit dem Licht und der Kraft, die ihnen der Heilige Geist gewährt, werden sie seine Boten und verkünden den Menschen ihrer Zeit dieses Evangelium in seiner ganzen Reinheit. Theresia ist Lehrmeisterin für unsere Zeit, die nach lebendigen und wesentlichen Worten, nach heroischen und glaubhaften Zeugnissen dürstet. Darum ist sie auch von Brüdern und Schwestern anderer christlicher Gemeinschaften geliebt und angenommen.

12. In diesem Jahr, in dem die Hundertjahrfeier des glorreichen Todes Theresias vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz begangen wird, während wir uns weiter auf das Große Jubiläum des Jahres 2000 vorbereiten und nachdem ich zahlreiche und maßgebliche Bitten, vor allem von vielen Bischofskonferenzen der ganzen Welt, erhalten hatte sowie das offizielle Gesuch, den Supplex Libellus, datiert vom 8. März 1997, vom Bischof von Bayeux und Lisieux, dann auch die Gesuche des Generalobern des Ordens der Unbeschuhten Karmeliten der Heiligen Jungfrau Maria vom Berge Karmel und des Generalpostulators dieses Ordens, beschloß ich, der für diesen Bereich zuständigen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse »praehabito voto Congregationis pro Doctrina Fidei ad eminentem doctrinam quod attinet« (Pastor bonus, 73) die gebührende Untersuchung zu übergeben für den Prozeß zur Verleihung des Titels einer Kirchenlehrerin an diese Heilige.

Nachdem die notwendige Dokumentation erbracht war, haben die oben erwähnten beiden Kongregationen die Frage in ihren jeweiligen Beratungen behandelt: in der »Consulta« der Kongregation für die Glaubenslehre am 5. Mai 1997 das, was die »hervorragende Lehre« (eminens doctrina) betrifft, und in der »Consulta« der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse am 29. Mai des gleichen Jahres zur Prüfung der entsprechenden »Positio«. Am darauffolgenden 17. Juni kamen die diesen Kongregationen als Mitglieder angehörenden Kardinäle und Bischöfe, einem von mir für diese Gelegenheit approbierten Verfahren entsprechend, zu einer interdikasterialen Vollversammlung zusammen und diskutierten die Angelegenheit. Einmütig brachten sie ihre Zustimmung zur Verleihung des Titels »Ecclesiae universalis doctor« an die hl. Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz zum Ausdruck. Dieses Gutachten wurde mir von Kardinal Joseph Ratzinger, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, und vom Pro-Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Msgr. Alberto Bovone, Titular-Erzbischof von Cäsarea in Numidien, persönlich mitgeteilt.

In Anbetracht dessen habe ich am vergangenen 24. August beim Angelusgebet in Gegenwart Hunderter von Bischöfen und vor einer endlosen Menge von Jugendlichen aus aller Welt, die zum 12. Weltjugendtag in Paris versammelt waren, persönlich die Absicht kundtun wollen, Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz in Rom anläßlich des Weltmissionstages zur Kirchenlehrerin zu proklamieren.

Heute, am 19. Oktober 1997, habe ich vor einer den Petersplatz dicht füllenden Menge von Gläubigen aus aller Welt in Gegenwart zahlreicher Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe in der festlichen Eucharistiefeier Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz mit folgenden Worten zur Kirchenlehrerin proklamiert:

»Den Wünschen einer großen Zahl meiner Brüder im Bischofsamt und zahlreicher Gläubigen aus aller Welt entgegenkommend, nach Anhören des Gutachtens der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse und nach Erhalt des Votums der Kongregation für die Glaubenslehre hinsichtlich der »hervorragenden Lehre« erklären wir aus sicherer Kenntnis und nach reiflicher Überlegung kraft der vollen apostolischen Autorität die hl. Jungfrau Theresia vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz zur Kirchenlehrerin. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.«

Nachdem dies in gebührender Weise vollzogen ist, bestimmen wir, daß dieses Apostolische Schreiben ehrfürchtig aufbewahrt werde und jetzt und in Zukunft voll wirksam sei. Außerdem wird entschieden und festgelegt, daß es vergeblich und zwecklos ist, hieran bewußt oder unbewußt etwas zu ändern, gleich von welcher Seite es ausgehen mag und mit welcher Autorität auch immer.

Gegeben in Rom bei Sankt Peter unter dem Fischerring am 19. Tag des Monats Oktober im Jahre 1997, dem zwanzigsten des Pontifikats.

IOANNES PAULUS PP. II

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Quelle

Botschaft von Papst Franziskus zum 500. Jahrestag der Geburt der hl. Teresa von Avila

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Aus dem Vatikan, am 15. Oktober 2014

An den Bischof von Ávila,
Jesús García Burillo

Lieber Mitbruder!

Am 28. März 1515 wurde in Ávila ein Mädchen geboren, das später unter dem Namen »heilige Teresa von Jesus« bekannt werden sollte. Während ihr 500. Geburtstag näher rückt, richte ich meinen Blick auf diese Stadt, um Gott Dank zu sagen für das Geschenk dieser großen Frau und um die Gläubigen der Diözese Ávila und alle Spanier zu ermutigen, die Geschichte dieser bedeutenden Gründerin kennenzulernen wie auch ihre Bücher zu lesen, die uns gemeinsam mit ihren Töchtern in den zahlreichen Karmelitenklöstern der ganzen Welt immer noch sagen, wer und wie Mutter Teresa war und was sie uns Männer und Frauen der heutigen Zeit lehren kann.

In der Schule dieser Heiligen, die immer auf dem Weg war, lernen wir, Pilger zu sein. Mit dem Bild des Weges lässt sich die Lehre ihres Lebens und ihrer Werke sehr gut zusammenfassen. Teresa verstand das Leben als Weg der Vollkommenheit, auf dem Gott den Menschen von Wohnung zu Wohnung führt, bis zu ihm hin, und ihn zugleich zu den Menschen schickt. Auf welchen Wegen will uns der Herr führen, auf den Spuren der heiligen Teresa und von ihr an die Hand genommen? Ich möchte an vier Wege erinnern, die mir sehr guttun: Freude, Gebet, Brüderlichkeit und die eigene Zeit.

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Teresa von Jesus lädt ihre Mitschwestern ein, »freudig voranzugehen« im Dienen (Weg der Vollkommenheit 18,5). Die wahre Heiligkeit ist Freude, denn: »Ein Heiliger, der traurig ist, ist ein trauriger Heiliger.« Bevor die Heiligen heroische Helden werden, sind sie die Frucht der Gnade, die Gott den Menschen schenkt. Jeder Heilige zeigt uns einen besonderen Zug des vielgestaltigen Antlitzes Gottes. In der heiligen Teresa betrachten wir Gott, »höchste Majestät, ewige Weisheit« (Gedichte 2), der sich als naher Weggefährte offenbart und dessen Freude es ist, sich mit den Menschen auszutauschen: Gott freut sich mit uns. Und seine Liebe zu spüren weckte in der Heiligen eine ansteckende Freude, die sie nicht verbergen konnte und die sie um sich verbreitete.

Diese Freude ist ein Weg, den man das ganze Leben gehen muss. Sie ist nicht momentan, oberflächlich, stürmisch. Man muss sie »am Anfang« (Leben 13,1) suchen. Sie ist Ausdruck der inneren Freude der Seele, sie ist demütig und »bescheiden « (vgl.Klostergründungen 12,1). Man erreicht sie nicht auf dem leichteren Weg unter Vermeidung von Entsagung, Leid oder Kreuz, sondern man findet sie, indem man Sorgen und Schmerzen erduldet (vgl. Leben 6,2; 30,8) und dabei auf den Gekreuzigten blickt und den Auferstandenen sucht (vgl. Weg der Vollkommenheit 26,4).

Deshalb ist die Freude der heiligen Teresa weder egoistisch noch selbstbezogen. Wie die Freude des Himmels besteht sie darin, sich »an der Freude aller zu freuen« (Weg der Vollkommenheit 30,5) und mit uneigennütziger Liebe den anderen zu dienen. Wie zu einem ihrer Klöster, das sich in Schwierigkeiten befand, sagt die Heilige heute auch zu uns, und vor allem zu den jungen Menschen: »Hört nicht auf, freudig voranzugehen! « (Brief 284,4). Das Evangelium ist kein Sack voller Blei, den man mühsam mitschleppt, sondern eine Quelle der Freude, die das Herz mit Gott erfüllt und es drängt, den Brüdern und Schwestern zu dienen! Die Heilige ist auch den Weg des Gebets gegangen, das sie sehr schön bezeichnet hat als »freundschaftlichen Umgang, bei dem wir oftmals ganz allein mit dem reden, von dem wir wissen, dass er uns liebt« (Leben 8,5). In schwierigen Zeiten »bedarf es starker Freunde Gottes, um die Schwachen zu stützen« (Leben 15,5). Beten bedeutet nicht, zu fliehen, sich in einer Luftblase aufzuhalten, sich zu isolieren, sondern in einer Freundschaft Fortschritte zu machen.

Und je mehr sie wächst, desto mehr tritt man in Kontakt zum Herrn, dem »guten Freund« und treuen »Weggefährten«, mit dem gemeinsam »man alles ertragen kann«, weil er uns immer »hilft und Kraft gibt« und »uns nie im Stich lässt« (Leben 22,6). Beim Beten »kommt es nicht darauf an, viel zu denken, sondern viel zu lieben« (Innere Burg, 4. Wohnung 1,7) und den Blick auf den zu richten, der nie aufhört, uns liebevoll anzublicken und uns geduldig zu ertragen (vgl. Weg der Vollkommenheit 26,3-4). Gott kann die Seelen auf vielen Wegen zu sich führen, aber das Gebet ist der »sichere Weg« (Weg der Vollkommenheit 21,5). Ihn zu verlassen bedeutet, sich zu verirren (vgl. Leben 19,6). Diese Ratschläge der Heiligen sind von bleibender Aktualität. Geht also auf dem Weg des Gebetes entschieden voran, ohne anzuhalten bis zum Ende! Das gilt insbesondere für alle Gottgeweihten. Lebt in einer Kultur des Provisorischen die Treue des »für immer, für immer« (Leben 1,4)! Zeigt in einer Welt ohne Hoffnung die Fruchtbarkeit eines »verliebten Herzens« (Gedichte 5)! Und bezeugt in einer Welt mit so vielen Götzen, dass »Gott allein genügt« (Gedichte 9)!

Diesen Weg können wir nicht allein gehen, sondern nur gemeinsam. Für die heilige Reformerin führt der Weg des Gebets über den Weg der Brüderlichkeit im Schoß der Mutter Kirche. Das war ihre providenzielle, aus göttlicher Inspiration und weiblicher Intuition geborene Antwort auf die Probleme der Kirche und der Gesellschaft ihrer Zeit: kleine Frauengemeinschaften zu gründen, die das Kollegium der Apostel nachahmen und Christus folgen sollten, indem sie das Evangelium auf einfache Weise leben und die ganze Kirche mit einem Leben des Gebets stützen.

Dazu, »Schwestern«, hat er uns »hier vereint « (Weg der Vollkommenheit 8,1), und die Verheißung war, »dass Christus unter uns weilen würde« (Leben 32,11). Was für eine schöne Definition der Brüderlichkeit in der Kirche: gemeinsam mit Christus den Weg als Brüder und Schwestern gehen! Zu diesem Zweck empfiehlt uns Teresa nicht viel, sondern nur drei Dinge: einander sehr lieben, sich von allem loslösen und echte Demut, die »auch wenn sie von mir als letzte genannt wird, die Haupttugend ist und alle umfasst« (Weg der Vollkommenheit 4,4). Wie sehr wünsche ich mir in unserer Zeit brüderlichere Gemeinschaften von Christen, wo man diesen Weg geht: in der Wahrheit der Demut vorangehen, die uns von uns selbst befreit, um die anderen mehr und besser zu lieben, vor allem die Ärmsten! Es gibt nichts Schöneres als dies: leben und sterben als Kinder dieser Mutter Kirche!

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Gerade weil die Kirche eine Mutter ist, deren Türen immer offen stehen, ist sie stets auf dem Weg zu den Menschen, um ihnen »lebendiges Wasser« (Joh 4,10) zu bringen, das den Garten ihres durstigen Herzens tränkt. Die heilige Autorin und Lehrmeisterin des Gebets war zugleich Gründerin und Missionarin auf den Straßen Spaniens. Ihre mystische Erfahrung trennte sie weder von der Welt noch von den Sorgen der Menschen. Im Gegenteil, es gab ihr neue Impulse und neuen Mut für das Handeln und die Pflichten eines jeden Tages, denn »der Herr weilt [auch] zwischen den Kochtöpfen« (Klostergründungen 5,8). Sie durchlebte die Schwierigkeiten ihrer – so komplizierten – Zeit, ohne der Versuchung zu bitteren Klagen nachzugeben. Sie nahm vielmehr diese Schwierigkeiten im Glauben an als Gelegenheit, um auf dem Weg einen Schritt weiter zu gehen. »Denn dafür, dass Gott dem, der ihm wirklich dient, große Gnaden erweist, ist immer Zeit« (Klostergründungen 4,5). Heute sagt uns Teresa: Bete mehr, um gut zu verstehen, was um dich herum geschieht, und so besser zu handeln.

Das Gebet besiegt den Pessimismus und bringt gute Werke hervor (vgl. (Innere Burg, 7. Wohnung 4,6). Das ist der Teresianische Realismus, der Werke statt Gefühle, Liebe statt Träume fordert. Das ist der Realismus der demütigen Liebe gegenüber einer mühseligen Askese! Zuweilen kürzt die Heilige ihre anmutigen Briefe ab mit den Worten: »Wir sind unterwegs« (Brief 469,7.9) als Ausdruck der Dringlichkeit, die begonnene Aufgabe zu Ende zu führen. Wenn die Welt brennt, darf man keine Zeit mit unbedeutenden Angelegenheiten verlieren. Wenn nur alle sich von dieser heiligen Eile anstecken ließen, hinauszugehen auf die Wege unserer Zeit mit dem Evangelium in der Hand und dem Heiligen Geist im Herzen! »Es ist Zeit aufzubrechen!« (Ana de San Bartolomé, Últimas acciones de la vida de santa Teresa). Diese kurz vor ihrem Tod gesprochenen Worte der heiligen Teresa von Ávila sind die Zusammenfassung ihres Lebens und werden für uns, besonders für die karmelitische Familie, für ihre Mitbürger und für alle Spanier, ein wertvolles Erbe, das wir bewahren und bereichern müssen. Lieber Bruder, verbunden mit meinem herzlichen Gruß sage ich allen: Es ist Zeit, sich aufzumachen, und auf den Wegen der Freude, des Gebets, der Brüderlichkeit und der als Gnade erlebten eigenen Zeit voranzugehen! Gehen wir die Wege des Lebens an der Hand der heiligen Teresa. Ihre Fußstapfen werden uns immer zu Jesus führen.

Ich bitte Sie, für mich zu beten, weil ich dies nötig habe. Jesus segne euch, und die Jungfrau Maria behüte euch!

Aus dem Vatikan, am 15. Oktober 2014

In mitbrüderlicher Verbundenheit.

Franziskus

Laurentius von Brindisi (1559-1619) – Kapuziner, Heiliger und Kirchenlehrer

Laurentius von Brindisi

Benedikt XVI. erklärte, Laurentius von Brindisi zeichne sich dadurch aus, „dass seine ganze Tätigkeit von einer großen Liebe zur Heiligen Schrift beseelt war, die er großenteils auswendig kannte, sowie von der Überzeugung, dass das Hören und das Annehmen des Wortes Gottes uns von innen her verwandelt und diese Verwandlung uns zur Heiligkeit führt. … Laurentius von Brindisi lehrt uns, die Heilige Schrift zu lieben, in der Vertrautheit mit ihr zu wachsen, täglich die freundschaftliche Beziehung zum Herrn im Gebet zu pflegen, damit unser ganzes Handeln, alle unsere Tätigkeiten in ihm ihren Anfang und ihr Ende haben. Aus dieser Quelle müssen wir schöpfen, damit unser christliches Zeugnis leuchten kann und fähig ist, die Menschen unserer Zeit zu Gott zu führen.“

Giulio Cesare Russo wurde am 22. Juli 1559 in Brindisi geboren. Als er das schulfähige Alter erreichte, wurde er in die Obhut der Franziskaner in seiner Heimatstadt gegeben. Seine Schullaufbahn setzte er in Venedig fort, nachdem zunächst sein Vater und dann auch seine Mutter verstorben waren. In der Lagunenstadt kam er mit dem Kapuzinerorden in Berührung und schloss sich diesem 1575 in Verona an. Fortan trug er den Ordensnamen Lorenzo, Laurentius. Seine Gelübde legte er 1576 ab. In Padua und Venedig studierte er Philosophie und Theologie. Der Heilige verfügte nicht nur über umfassende Kenntnissen der Heiligen Schrift, sondern auch über hervorragende Sprachkenntnisse. Neben den alten Sprachen Latein, Altgriechisch und Hebräisch begeisterte er sich u.a. für die deutsche, französische und spanische Sprache.

1582 empfing Laurentius die Priesterweihe. Auch das Talent zu überzeugenden und eindringlichen Predigten war ihm geschenkt. Er verfügte über die große Gabe, sich an ganz unterschiedliche Zuhörerkreise richten zu können, da er seine Ausdrucksweise perfekt an seine Zuhörer anzupassen wusste. Großes Vertrauen setzten seine Zeitgenossen in seine diplomatischen Fährigkeiten. Im Laufe seines langjährigen Wirkens beauftragten ihn Päpste und Angehörige des katholischen Adels immer wieder mit der Aufgabe, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln und Frieden zu stiften. Benedikt XVI. kommentierte mahnend: „Wie zur Zeit des hl. Laurentius hat die Welt auch heute einen großen Bedarf an Frieden, braucht sie Männer und Frauen, die den Frieden lieben und die Frieden vermitteln. Alle, die an Gott glauben, müssen immer ein Quell des Friedens und Friedensstifter sein.“

1586 wurde der Heilige zum Novizenmeister, 1590 zum Provinzial des Ordens in der Toskana, 1594 zum Provinzial in Venedig, 1596 zum Generaldefinitor ernannt. 1599 oblag ihm die Leitung der Kapuziner in der Schweiz, 1599 der Prager Niederlassung. Im selben Jahr bereiste er im Auftrag Papst Clemens‘ VIII. Deutschland und gründete 1600 in Österreich Niederlassungen. 1602 wurde Laurentius zum Ordensgeneral der Kapuziner gewählt und bereiste in den folgenden Jahren die Ordensniederlassungen in ganz Europa. Als er 1604 nach Brindisi zurückkehrte, gründete er auf dem väterlichen Gut das Kloster „Santa Maria degli Angeli“. 1606 reiste er im päpstlichen Auftrag nach Prag, wo er bis 1609 tätig war. Von 1610 bis 1613 vertrat er den Heiligen Stuhl in München. 1613 kehrte er nach Italien zurück und wurde zum Generaldefinitor gewählt und Provinzial der Kapuziner im Piemont und in Ligurien.

Laurentius von Brindisi starb am 22. Juli 1619 in Lissabon. Er wurde 1881 heiliggesprochen. 1959 wurde ihm von Papst Johannes XXIII. der Titel des Kirchenlehrers verliehen. „Diese Anerkennung wurde Laurentius von Brindisi auch deshalb zuteil, weil er Autor zahlreicher exegetischer und theologischer Werke sowie von Schriften war, die für die Predigt bestimmt waren. In ihnen bietet er eine in sich geschlossene Darlegung der Heilsgeschichte, bei der das Geheimnis der Menschwerdung im Mittelpunkt steht, die größte Offenbarung der göttlichen Liebe für die Menschen. Als hochkarätiger Mariologe und Autor einer Sammlung von Predigten über die Gottesmutter mit dem Titel ‚Mariale‘ hebt er die einzigartige Rolle der Jungfrau Maria hervor, deren Unbefleckte Empfängnis und deren Mitwirken am durch Christus gewirkten Heil er klar bestätigt. Mit feinem theologischem Gespür hat Laurentius von Brindisi auch das Wirken des Heiligen Geistes im Leben des Gläubigen hervorgehoben.“

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Quelle

Siehe ferner:

DIE HEILIGE KIRCHENLEHRERIN HILDEGARD VON BINGEN

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Vortrag von Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz,

anlässlich der Feierstunde am 6. Oktober 2012 in der Residenz des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland
beim Heiligen Stuhl zur Erhebung
der heiligen Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin

 

Ein unbequemes, tiefes und heiliges Charisma

 

I. Kirchenlehrerin heute

 Fast 2000 Jahre waren die Kirchenlehrer ausnahmslos Männer. Bis 1970 zählen wir  30  Theologen,  denen  diese  Auszeichnung  zu  Gute  kam.1  Allein  im 20. Jahrhundert sind es sieben neu ernannte Kirchenlehrer. Die Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil bringt eine unübersehbare Wende, denn  von 1970 bis zum 7. Oktober 2012 sind es vier Frauen, die zu Kirchenlehrerinnen erhoben worden sind: die hl. Teresa von Avila am 27. September 1970 und die hl. Katharina von Siena am 4. Oktober 1970, beide durch Paul VI., sowie die Ernennung der Thérèse von Lisieux am 19. Oktober 1997 durch Johannes Paul II.

Dabei muss man auf den Rang und die Bedeutung dieser heiligen Frauen schauen. Teresa von Avila und Katharina von Siena zählen in Spanien und in Italien zu den großen literarischen Gestalten. Katharina von Siena steht z.B. neben Dante und Petrarca. Katharina ist die Hauptpatronin Italiens, Teresa ist die Patronin Spaniens. Die „kleine hl. Theresia“ ist durch ihren Glaubensweg durch härteste Prüfungen hindurch im großen Dunkel des reinen Glaubens an die Liebe Gottes Vorbild eines authentischen „kleinen Weges“ zur Vollkommenheit. Sie ist die zweite Patronin Frankreichs und die Hauptpatronin aller kirchlicher Missionen. Besonders die große Teresa und Katharina von Siena sind durch ihre weit gespannte Tätigkeit für eine tiefe Erneuerung der Kirche das, was man „starke Frauen“ nennen kann. Sie zeigen vor allem auch in Bezug auf ihr Verhältnis zu den weltlichen und kirchlichen Herrschern ihrer Zeit ein sehr mutiges Verhalten. Sie beschworen in Briefen und persönlichen Besuchen weltliche und geistliche Würdenträger hin zu einer Gesinnungsänderung und scheuten sich nicht vor kräftigen Worten.

Am 7. Oktober kommt die hl. Hildegard von Bingen hinzu (1098 bis 1179). Auch bei ihr existiert eine ausgedehnte Korrespondenz mit Päpsten, Königen, Fürsten, Bischöfen, Ordensleuten und Laien. Sie unternahm Predigtreisen vor allem an den Rhein und nach Süddeutschland, wo sie Volk und Klerus Umkehr predigte. Auch sie offenbart eine ungewöhnliche dichterische Begabung. Wenn die anderen drei genannten heiligen Frauen aus Italien, Spanien und Frankreich stammen, so ist die hl. Hildegard von Bingen die erste Frau aus dem mitteleuropäischen und besonders deutschsprachigen Bereich, die zu dieser Ehre gelangt.

Ich glaube, dass man die Ernennung dieser vier heiligen Frauen durch drei Päpste innerhalb von gut 40 Jahren in ihrer Bedeutung bisher nicht genügend erkannt hat – und dies trotz aller feministischen und emanzipatorischen Rufe nach einer angemesseneren Wertung und Stellung der Frau in der Kirche. Auch wenn vor allem die hohe Spiritualität dieser heiligen Frauen im Vordergrund steht, so darf man nicht vergessen, dass sie zugleich hoch gebildet waren und auch ein großes Organisationstalent hatten. Die besondere frauliche Sensibilität hat aber auch dazu geführt, dass wir im Blick auf die von ihnen stammenden geistlichen Zeugnisse den besonders ab dem Hochmittelalter bis heute auf eine sehr rationale Weise zugespitzten Begriff der Theologie aufbrechen und in gewisser Weise weiten müssen. Es wird noch zu zeigen sein, wie die Theologie einen besonderen Beitrag von diesen Frauen geschenkt bekommen hat  und dass sie besonders „in der Lage (sind), mit der ihnen eigenen Intelligenz und Sensibilität über Gott und die Glaubensgeheimnisse zu sprechen“.2

 

II. Leben und Werke

Ich will in wenigen Zügen die wichtigsten Stationen des Lebens der hl. Hildegard skizzieren. Sie wurde 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen geboren und stammte aus einer vielköpfigen adeligen Familie. Sie wurde von Geburt an von ihren Eltern zum Dienst an Gott geweiht. Sie lebte in einer Klause und schließlich (wohl ab 1106) in einem kleinen Klausurkloster für Frauen auf dem Disibodenberg bei Bingen. Mit 16 Jahren entschied sich Hildegard durch die monastischen Gelübde für das klösterliche Leben (ca. 1115). Nach dem Tod ihrer Lehrmeisterin Jutta von Sponheim wird sie im Jahr 1136 zur Nachfolgerin, zur Meisterin („magistra“) gewählt. Mehr als 30 Jahre lebte und wirkte Hildegard in der Abgeschiedenheit des kleinen Klosters. Sie hat von hier aus trotz einiger Schwierigkeiten zwei weitere Klöster gegründet, nämlich auf dem Rupertsberg (um 1150), weitgehend  durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg zerstört (16323), und Eibingen (um 1165), das heute noch – wenn auch ein wenig entfernt – das Nachfolgekloster der hl. Hildegard ist. Die hl. Hildegard hat trotz ihrer Leiden und Schmerzen, die besonders den letzten Abschnitt ihres Lebens kennzeichnen, vier große Reisen (1158-1170) in zahlreiche Städte des Rheinlandes und des Südwestens unternommen und gerade auch in den Konventen der Klöster wie auch auf den Marktplätzen der Städte gegen das verweichlichte Leben vor allem des Klerus gepredigt. Sie übt darüber hinaus heftige Kritik an ihrer eigenen Zeit, die sie ein „weibisches Zeitalter“ („tempus muliebre“) nennt. Vom Kampf gegen die Sekte der Katharer wird noch die Rede sein.

Hildegard hatte schon früh die Gabe einer höchst originellen visionären Schau. „Ich sehe  diese Dinge – so schreibt sie – nicht mit den äußeren Augen und höre sie nicht mit den äußeren Ohren; ich sehe sie vielmehr einzig und allein in meinem Inneren, aber mit offenen leiblichen  Augen,  sodass  ich  niemals  die  Bewusstlosigkeit  einer  Ekstase  erleide, sondern wachend schaue ich dies bei Tag wie bei Nacht.“4  Vieles erinnert an die Propheten des  Alten Testaments: „Das Licht, das ich schaue, ist nicht an den Raum gebunden. Es ist weitaus  lichter als eine Wolke, die die Sonne in sich trägt. Weder Höhe noch Länge noch Breite vermag ich an diesem Licht zu erblicken. Es wird mir bezeichnet als ‚der Schatten des lebendigen Lichtes‘. In diesem Licht sehe ich zuweilen, wenn auch nicht oft, ein anderes Licht, das mir ‚das lebendige Licht‘ genannt wird. Wann und wie ich es schaue, kann ich  nicht sagen. Aber solange ich es schaue, ist alle Traurigkeit und alle Angst von mir genommen, sodass ich mich wie ein einfaches junges Mädchen fühle und nicht wie eine   alte Frau.“5  Nach ihrem 40. Lebensjahr (1141) kommt es zu einem gewaltigen Durchbruch der Visionen. Aus der stillen Seherin wird eine religiöse Prophetin. Immer deutlicher vernimmt sie in ihrem Inneren geradezu einen Befehl: „Schreibe auf, was du siehst, und sage, was du hörst.“6  Der hl. Bernhard von Clairvaux, eine der höchsten Autoritäten der Kirche ihrer   Zeit, ihr „ungekrönter Herr“, bestätigt ihre prophetische Gabe. Ja noch mehr: Auf der Synode von Trier (1147/48) las Papst Eugen III. selbst aus Hildegards Schriften vor. Er hatte sie durch eine Kommission überprüfen lassen. Er forderte Hildegard nun auf, ihre Visionen aller Welt mitzuteilen. Daraus entstand dann ihre erste große Schrift „Wisse die Wege“ (Scivias, 1141- 1151).

Hildegard ist in ihrem Wissen und in ihrer Sprachkraft ein Rätsel. Wir wissen wenig über ihren wissenschaftlichen Bildungsgang. Schon früh kannte sie die Texte der Regel des hl. Benedikt. Im Stundengebet lernte sie die Psalmen und die Hl. Schrift kennen. Sie besaß offenbar   eine   große   Kenntnis   der   Kirchenväter.   Die 390 Briefe zeigen eine reiche Korrespondenz mit großen Gelehrten ihrer Zeit. Sie hat sich aber immer wieder als eine „Indocta“ verstanden, also als „einfältige Frau“. Sie sei keine Gelehrte. Ganz gewiss hat die Forschung der letzten Jahrzehnte aufgezeigt, dass gerade die Frauen in den Klöstern, besonders wenn sie wie in den Gemeinschaften der hl. Hildegard aus dem Adel stammten, sehr viel mehr Zugang zu den klassischen und gegenwärtigen Bildungsgütern hatten, als man dies vorher weitgehend dachte.7   Die Rede von einer „Indocta“ ist jedoch eine Selbstcharakteristik, die uns angesichts ihrer Gelehrsamkeit immer wieder schmunzeln lässt.8 Denn sie beherrscht ihre Theologie ebenso wie die zeitgenössische Philosophie, kennt sehr genau das Alte Testament und ist auch in den Naturwissenschaften wie in der Medizin zu Hause. Sie weiß über die Schönheiten der Edelsteine zu reden. Sie ist Ärztin und Äbtissin, dichtet Hymnen und schafft andere musikalische Kompositionen. Sie verfasst eine ethische Grundstudie und ein großes Werk über die Welt, eine spirituell orientierte Kosmologie und darin eine Lehre vom Menschen und seinem Heil.

Dies darf aber nicht heißen, dass die „prophetissa teutonica“, wie man sie zu Lebzeiten schon nannte, nicht auch die Geschicke von Welt und Kirche kannte und unwidersprochen hinnahm. Sie schreibt den Päpsten Eugen III., Anastasius IV., Hadrian IV. und Alexander III., an die Erzbischöfe von Mainz, Trier, Köln und Salzburg. In einem Schreiben an Kaiser Barbarossa wendet sich Hildegard mit aller Energie gegen die Papstpolitik des Kaisers. Kaiser und Könige, Bischöfe und Äbte, Priester und Laien gehören zu ihren Briefpartnern.9

So ist sie eine „Posaune Gottes“, eine „flammende Leuchte im Hause Gottes“, eine „Mitwisserin Gottes“. „Keine Stimme wird laut über das Unerhörte solchen Tuns. Alle sind ergriffen, begeistert – oder getroffen in der Wurzel ihrer Sündhaftigkeit, aufgerüttelt zu neuer, heiliger Lebensenergie, Sünder bekehren sich, Ungläubige werden gläubig, Entzweite umarmen sich.“10  Immer mehr wird sie in hohem Maß anerkannt. So sagt Abt Rupert von Königstal nach der Lektüre ihrer Schriften: „So etwas bringen die scharfsinnigsten Professoren des Frankenreiches einfach nicht zustande. Die machen mit trockenem Herzen und aufgeblasenen Backen nur ein großes dialektisches Geschrei und verlieren sich in rhetorischen   Spitzfindigkeiten. Diese gottselige Frau aber,   sie betont nur dasEine, Notwendige. Sie schöpft aus ihrer inneren Fülle und gießt sie aus.“11

Zusammenfassend schreibt Maura Böckeler: „So verlief die Sendung Hildegards in die Kirche ihrer Zeit. Letztlich ist sie nichts anderes als ein lebendiges, aus glühendem Herzen und geistberührter Seele hervorbrechendes Echo auf die Reform Gregors VII., des ehemaligen Mönches von Cluny. Immer erweckt der Geist Gottes in Zeiten, da die Liebe erkaltet, Männer und Frauen, die wie ein Pfingststurm das Feuer, das vom Himmel her in sie hineingefallen ist, über den Erdkreis jagen.“12

Manches an ihrer Gelehrsamkeit und ihrer Spiritualität können wir schwer erklären. Auch wenn sie durch das Stundengebet mit Grund- und Schlüsselworten der lateinischen Sprache vertraut ist, so kommt ihr Latein doch rasch an Grenzen. In ihrer „Lieblingsnonne“ und Sekretärin Richadis von Stade und in ihren Sekretären Volmar, später Gottfried und Wibert von Gembloux hat sie tüchtige Mitarbeiter, die vor allem ihre Visionen zur Darstellung bringen.

Über einige Jahrzehnte vor allem des vergangenen Jahrhunderts war das neue Interesse an Hildegard sehr stark auf Randerscheinungen in ihrem Leben und Wirken gelenkt worden. Es ging um die Hildegard-Medizin, um eine direkte Anwendung ihrer Heilkunde, um Esoterik, um ihre Verwandtschaft mit dem heutigen Feminismus, ja streckenweise auch um Magie.  Dies sind gewiss Ausstrahlungen der Kernideen und Grunderfahrungen der Prophetin vom Rhein. Aber ohne kritische Rückbindung an die zentralen Zeugnisse und Schriften sind dies letztlich doch Abwege, die den Zugang zur authentischen Hildegard eher verstellen. Um dieses Zentrum zu verstehen, muss man vor allem auf die drei Schriften zurückgehen, die Hildegards Visionen enthalten: das schon genannte Werk Scivias, Wisse die Wege (1141- 1151), den Liber Vitae Meritorum (1158-1163), das Buch der Lebensverdienste, und den Liber Divinorum Operum (1165-1174), das Buch der göttlichen Werke. Dieses letzte Buch mit den Kosmos-Visionen gilt als ihre höchste und zentrale schöpferische Leistung. Zwischen 1150 und 1160 entstehen die naturkundlichen und medizinischen Schriften, die nach heutiger Erkenntnis Kompilationen aus volkskundlichen Erfahrungen, klassischer Überlieferung und christlicher Tradition darstellen. Bereits im 13. Jahrhundert wurde das nicht erhaltene Originalwerk aufgeteilt „Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum“ in „Physica“ und „Causae et curae“. Hinzukommen die 390 Briefe, von denen schon die Rede war.

Daneben gibt es kleinere Schriften wie die Erklärungen der Benediktsregel, der Evangelien, des Credo und Lösungen vorgelegter theologischer Fragen, Heiligenviten, vor allem aber ein umfassendes lyrisches und musikalisches Opus (Ordo virtutum, Hymnen, Sequenzen). Diese Gedichte,  Lieder  und  Gesänge  sind  vielfach  übersetzt  und  teilweise  oft  unter  dem  Titel „Symphonia“ veröffentlicht worden. Das Kölner Ensemble für Musik des Mittelalters, Sequentia, hat das Gesamtwerk Hildegards bei der Deutschen Harmonia Mundi eingespielt (5 CDs).13

Die hl. Hildegard gilt als eine in der europäischen Geistesgeschichte einzigartige Erscheinung. Man hat sie auch die klügste Frau des Mittelalters genannt.14  Von keiner Frau des Mittelalters haben wir so viele literarische Zeugnisse erhalten bekommen.

Es gibt in dieser Hinsicht einen starken Wandel in der Einschätzung der Bedeutung der hl. Hildegard, z.B. auch im Verhältnis zur Philosophie und zur Philosophiegeschichte. Die  älteren verdienstvollen Werke von E. Gilson, B. Geyer, M. de Wulf nennen die hl. Hildegard in diesem Kontext überhaupt nicht. Eine aufschlussreiche Stellung nimmt K. Flasch ein, der in der ersten Auflage seines bekannten Buches „Das philosophische Denken im Mittelalter“15 sie nicht einmal beim Namen nennt, in der zweiten Auflage16 aber ausführlich behandelt, wenn auch etwas klischeehafte Urteile bleiben.17 Aber in angesehenen Lehrbüchern und Synthesen  erhält  sie  heute  einen  beachtlichen  Platz,  der  philosophisch  begründet wird.18

Dabei wird jedoch nach dieser Auffassung das Denken Hildegards, das auf einen „Symbolismus“ des 12. Jahrhunderts eingegrenzt wird, von einer neuen rationalen Reflexion abgelöst, der die Zukunft gehöre.19

In einer Zeit, die auch in der Philosophie in reichem Maß den eigenen Rang des Bildes, der Metapher, des Symbols und der Narrativität entdeckt hat und dabei auch den Sinn des  Wortes „Vernunft“ entgrenzt, ist dies eine keineswegs akzeptable Verkürzung.20  Sie entspricht   auch nicht der heutigen hermeneutischen Situation.

Es gab bei aller Anerkennung der „prophetissa teutonica“ im Lauf der Jahrhunderte – wie schon gesagt – immer auch ein Auf und Ab in der Rezeption und in ihrer Wertschätzung. Wenn wir heute die hl. Hildegard mit sehr viel mehr Differenzierungen verstehen, ist dies auch ein Erfolg der immens fleißigen wissenschaftlichen Erforschung im 20. Jahrhundert. Außer dem Heidelberger Medizinhistoriker Heinrich Schipperges, dem wir viele Veröffentlichungen verdanken, ist es nicht zuletzt ein Hauptverdienst der Abtei Eibingen, viele aufklärende Studien und vor allem kritische Editionen und Übersetzungen aufbereitet und zur Verfügung gestellt zu haben. Ich nenne nur die Schwestern Maura Böckeler, Angela Carlevaris, Adelgundis Führkötter, Marianne  Schrader,  Walburga  Storch,  Cäcilia  Bonn und heute fortgesetzt von Schwester Maura Zátonyi21, unterstützt von den Äbtissinnen Schwester Edeltraud Forster und Schwester Clementia Killewald. Dazu zählen noch viele Forscherinnen und Forscher im In- und Ausland, nicht zuletzt auch Übersetzerinnen und Übersetzer. Ich will hier ganz besonders Prof. P. Dr. Rainer Berndt SJ nennen, Hugo von St. Viktor-Institut, Frankfurt am Main/St. Georgen, dem wir nicht nur den Kongress im Jahr 1997 und auch den geplanten Kongress im Februar/März 2013, sondern vieles andere verdanken

 

III. Bedeutung für die Gegenwart 

Es besteht kein Zweifel, dass die hl. Hildegard gerade auch infolge dieser neueren Forschungen mit vielen guten Gründen zur Ehre einer Kirchenlehrerin erhoben wird. Gerade durch diese Auszeichnung entsteht aber auch eine andere Aufgabe. Wir dürfen nämlich nicht nur nach rückwärts schauen und ihre geschichtliche Gestalt bewundern und preisen. Wenn sie nun durch ihr Leben in Heiligkeit, durch ihre tiefe Erkenntnis göttlicher Dinge und durch ihre vielfältige Spiritualität für die ganze Kirche als vorbildlich erklärt wird, dann müssen wir ihre Bedeutung auch in unsere Gegenwart übersetzen. Dies ist, so bin ich der Meinung, der schwierigere Teil des Auftrags, den uns das Fest anvertraut.

Schon die letzten Jahrzehnte, die die Popularität der hl. Hildegard außerordentlich verbreitet haben, sind uns dabei eine Warnung. Wir dürfen die hl. Hildegard nicht kurzsichtig bestimmten Bedürfnissen von heute ausliefern. Wir haben zur Genüge erlebt, wie einzelne Phänomene, wie die Hildegard-Medizin und viele esoterische Einzelheiten, nicht Randerscheinungen bleiben, die von der radikalen Mitte ihres Denkens in ihrer begrenzten Bedeutung sichtbar gemacht werden können, sondern selber in das Zentrum des Interesses rücken. Es ist eine große Hilfe, dass wir in den letzten Jahrzehnten die drei großen zentralen Schriften mit den Visionen in ihrem ganzen Gewicht, einschließlich der Illustrationen, tiefer verstehen lernten. So zeigt es sich, dass es bei der hl. Hildegard besonders schwierig ist, einzelne Details, und seien sie noch so aufschlussreich, aus dem Ganzen zu isolieren.

Aber gerade der universale Zusammenhang aller Dinge aus der radikalen theologischen und spirituellen Mitte her macht auch eine Umsetzung ihrer Bedeutung für heute nicht leicht. Wir sind in der Theologie daran gewohnt, dass wir heute in relativ abstrakten und rationalen Kategorien denken und sprechen. Natürlich gibt es bei Hildegard diese Rationalität auch, die freilich immer auch durchdrungen ist von einer inneren Nähe, von der Verwandtschaft zur Sache („connaturalitas“). Hier kommt die platonisch-augustinische Linie im Verständnis menschlicher Erkenntnis zur Geltung: Man muss besonders in der personalen Begegnung und in Beziehungen des Glaubens zu einer bestimmten Sache und erst recht zu einer Person eine gewisse Zuneigung und Sympathie haben, um sie wirklich verstehen zu können. Heute nennen wir dies Empathie. Bei Hildegard ist dies die Liebe.22

In der Mitte der theologischen und spirituellen Gedanken der hl. Hildegard steht die Schöpfung. Schöpfung ist aber nicht einfach Natur im heutigen Sinne. Sie weist nämlich immer schon auf ihren Urheber, Gott den Schöpfer, zurück. Er hat ganz bewusst den Menschen in die Mitte der Schöpfung gestellt. Es ist Gottes auserwählende Liebe zum geschöpflichen Dasein. Dies zeigt sich besonders in der Vernunftanlage („rationalitas“) des Menschen, die ihn befähigt, Gott und in ihm alle Dinge zu erkennen, ihn zu loben und die Absicht Gottes in der Welt zu verwirklichen. Dadurch wird der Mensch von Gott geehrt. Gott bezieht also den Menschen in seine eigene Liebe zur Schöpfung ein. Aber dabei kann der Mensch versagen und die Schöpfung missbrauchen. Es gibt bei der hl. Hildegard eine richtige „Klage der Elemente“.23  Aber deswegen nimmt Gott dem Menschen nicht die Größe seiner Schöpfung. Der Mensch soll diese seine Welt in aller Nüchternheit durchforschen, ja er soll sie ganz und gar durchdringen (perpenetrare). Er soll sich selbst in seiner schöpferischen Begabung vor Gottes Angesicht in der Mitte der Schöpfung verwirklichen. Aber er soll sich nicht selbst ins Zentrum der Welt stellen. Die ganze Schöpfung dreht sich hin zu Gott. Sie dreht sich nicht einfach nur um den Menschen. Diese Sicht des Menschen ergibt eine eigentümliche, für uns ungewohnte Stellung. Aber wir dürfen diese nicht im neuzeitlichen Sinne anthroprozentrisch verstehen, sodass der Mensch sich und seinen Bedürfnissen sowie Zielen alles unterordnet. Die anthropologische Stellung bringt zugleich eine sehr umfassende und ausgewogene Verhältnisbestimmung von Gott, Mensch und Welt.

Dies hat auch erhebliche Konsequenzen für das Verständnis der geschaffenen Wirklichkeit. Hildegard sieht Mensch und Welt, Leib und Seele, Natur und Gnade nie als isolierte Einzelerscheinungen. Gerade die Anthropologie reicht weit in die Kosmologie und damit  auch in die Ökologie hinein. Die ganze Schöpfung erscheint immer wieder in der  Verknüpfung eines lebendigen Zusammenhangs aller Erscheinungen. Hildegard benutzt für diesen innersten Zusammenhang der ganzen Schöpfung, vor allem auch für ihre „Stimmigkeit“,   worin sich die Kreaturen zuordnen und ergänzen, gerne das Wort „Symphonia“, und dies besonders in den Gedichten und Gesängen.24 „Und so hat jedes Element seinen eigenen Klang, einen Urklang aus der Ordnung Gottes. All dieses Tönen aber vereinigt sich wie der Zusammenklang aus Harfen und Zithern.“25 In dieser Symphonie wird die ganze Welt umfasst. „Von den kleinsten Dingen des Alltags bis hinein in die Unermesslichkeit der Sternenwelten, und mitten darin nun den Menschen, der da ist das Herz der Welt. Dass der ganze Leib Licht werde und lauter Musik, dass der ganze Kosmos zum Klingen  komme  und  zu  einer  Harmonie,  darin  ist  wohl  die  unvergleichliche Spiritualität dieses Weltbildes zu sehen, das immer nur von der Heilsgeschichte her zu deuten ist.“26  Gerade in diesem Zusammenhang spielen die Farben auch eine große Rolle. Es ist besonders die „viriditas“, was man mit Grünkraft übersetzen könnte. Dies ist ein Herzwort der  Prophetin. Physische Dimension und seelische Realität werden hier eins. Damit ist das Leben der Schöpfung gemeint, aber auch die Erneuerung durch den hl. Geist. Durch die Gewalttätigkeit des Menschen ist diese Grünkraft der Schöpfung geschwächt. Sie wird vom Verdorren bedroht und bedarf ständiger Pflege. Doch bleibt sie eine Kraft aus der Güte  Gottes, die in der Lage ist, alles zu erneuern. „Von der Sterblichkeit geht kein Leben aus, sondern Leben besteht eben nur im Leben. Kein Baum grünt ohne Kraft zum Grünen, kein Stein entbehrt der grünen Feuchtigkeit, kein Geschöpf ist ohne diese besondere Eigenkraft, die lebendige Ewigkeit selber ist nicht ohne die Kraft zum Grünen.“27 Der Mensch muss sich immer wieder aus der Enge seines in sich zentrierten Ichs in die Weite führen lassen. Aus der Dürre hin zur grünenden Kraft, die besonders auch dem Gottesgeist zu eigen ist.

Es müsste jetzt eigens noch gezeigt werden, wie die Schöpfung ganz eng mit Jesus Christus verknüpft ist. Im Grunde zielt die Schöpfung auf die Menschwerdung Gottes in Jesus  Christus. Erst von ihm her wird alles wahr, was wir über die Schöpfung sagten. Dazu gehört aber auch die Einsicht, dass die Schöpfung vergänglich ist, aber durch die Auferstehung Jesu Christi und der Menschen gerettet wird. Hildegard blickt immer auch auf diese Vollendung.

„Denn wer den Acker seines Leibes mit Umsicht („discrete“) kultiviert, dem wird  das Hereinbrechen des Endes nicht schaden, weil die Musik des hl. Geistes (symphonia Spiritus Sancti) und ein Leben in Freude (vita laeta) ihn aufnehmen.“28  Auch hier gibt es und zwar  erst recht eine „Symphonia“ der untereinander eng verbundenen Glaubensgeheimnisse. Hier gebraucht Hildegard immer wieder das Bild des Kreises.

Unterhalb und in der Folge dieser tiefen Grundlagen werden Konsequenzen sichtbar, die auch einen hohen praktischen und ethischen Rang haben. Die hl. Hildegard betrachtet mit großer Entschiedenheit unsere Welt als von Gott gut geschaffen. Sie schließt nicht die Augen vor der Sünde und dem Bösen, die viel Zerstörung und Disharmonie in die Schöpfung brachten. Deshalb kommt alles auf die Umkehr des Menschen an. Mit dieser zuversichtlich gestimmten Schöpfungstheologie kämpft Hildegard aber gegen einen in der zeitgenössischen Theologie durchaus spürbaren Einfluss des Neuplatonismus und ganz besonders gegen alle manichäisch- dualistischen Tendenzen, die den Rang der Materie herabsetzen und abwerten. Dies wird bei Hildegard vielleicht am stärksten sichtbar in der sehr positiven Sicht der Leiblichkeit und in einer immer wieder überraschend unbefangen betrachteten Geschlechtlichkeit des  Menschen.

Dies hat bei Hildegard auch Konsequenzen für das Verhältnis zwischen Mann und Frau.29 Sie denkt zwar in der Beziehung zwischen beiden durchaus konservativ im Sinne einer Unterordnung der Frau unter den Mann. Aber innerhalb dieses Gefüges gibt es doch ganz kräftige korrigierende Akzente. So gibt es eine sonst keineswegs selbstverständliche Gleichrangigkeit der Gottebenbildlichkeit des Mannes und der Frau. Dabei wird auch der menschliche Leib in diese Gesamtwertung einbezogen. Jungfräulichkeit und Mutterschaft werden nicht gegeneinander ausgespielt, sondern in einer wechselseitigen Bedingtheit dargestellt. Bei allen Einflüssen Augustins wird die Ehe positiv umschrieben. Die Frau ist bei Hildegard nicht schlechthin schwach, sondern „mollioris roboris“, was man mit „von sanfterer Kraft“ übersetzen könnte, so wie die männliche Stärke durch „mansuetudo“ modifiziert werden muss, also durch Milde.

Dies ist auch der Hintergrund, warum die hl. Hildegard vor allem in ihren älteren Jahren heftig gegen die sogenannten Katharer ankämpft, eine sektenähnliche Bewegung, die zwar aszetisch motivierte Wurzeln hat, aber dennoch zu einer grundsätzlich negativen Bewertung vor allem des geschaffenen Leibes kam. Die schon erwähnten Predigtreisen Hildegards an den Rhein und in den Südwesten sind von der Abwehr dieser dualistisch eingefärbten Bewegung motiviert. Es gibt bei den Katharern eine besonders dramatische Kritik der Ehe, aber auch an dem Status der Frau. Zum Teil stehen wohl bei den Katharerinnen auch sexuelle und  häusliche Gewalterfahrungen im Hintergrund: „Die Ehe hat keinen Wert“; „Frauen sind Dämonen“. Hier wird die hl. Hildegard von ihrer Spiritualität und Theologie her eine heftige Bekämpferin dieser häretischen Bewegung; Hildegard hat bei der Verteidigung des menschlichen Leibes und der geschaffenen Wirklichkeit überhaupt durch ihre Stellung als Ordensfrau eine eigene Glaubwürdigkeit.30

Ich bin gewiss, dass diese Bedeutung der hl. Hildegard für uns heute in vielen Hinsichten noch ergänzt und vor allem vertieft werden kann. Diese Umsetzung kann selten unmittelbar sein. Hildegard bleibt uns bei aller Nähe in manchen Gedanken fremd und bedarf einer sorgfältigen Interpretation. Dann werden wir auch in einer authentischen Weise bereichert. Die nächste Zeit muss nach vielen gründlichen historischen und editorischen Arbeiten dieser Aufgabe gehören. Dabei ist die systematische Theologie in besonderer Weise gefordert. Aber dabei werden wir viel Geduld brauchen (vgl. den geplanten Hildegard-Kongress im Februar/März 2013 in Mainz).

Vielleicht darf am Ende das stehen, was der Chronist über die letzten Lebensjahre der hl. Hildegard berichtet: „Denn es brannte in ihrer Brust eine so gütige Liebe, daß sie keinen aus ihrem Wirkungskreis ausschloss. … Da aber ‚der Brennofen die Gefäße des Töpfers  prüft‘ (Sir 27,6 Vg.) und ‚die Tugendkraft in der Schwäche vollendet wird‘ (2 Kor 12,9), blieb sie etwa seit ihrer Kindheit nicht verschont von häufigen und fast ununterbrochenen schmerzhaften Krankheiten, so dass sie äußerst selten ihre Füße zum Gehen nutzte, und da die gesamte Konstitution ihres Fleisches unbeständig war, war ihr Leben wie das Abbild eines kostbaren Todes. Was aber den Kräften des äußeren Menschen fehlte, das wuchs dem inneren Menschen durch den Geist des Wissens und der Stärke zu, und während ihr Körper verfiel, brauste auf wunderbare Weise die Glut ihres Geistes auf.“31

Der Schluss dieser „Vita“ hebt hervor, dass Hildegard nachdem sie „dem Herrn in zahlreichen schweren  Kämpfen  treu  gedient  hatte  [Lebensüberdruss  ergriff]  und  sie  begehrte täglich, ‚abgelöst zu werden und bei Christus zu sein‘ (Phil 1,23). Gott erhörte ihren Wunsch, und wie sie es selbst zuvor begehrt hatte, offenbarte er ihr im prophetischen Geist ihr Ende, das sie auch ihren Schwestern ankündigte. Nachdem sie sich eine Zeitlang mit ihrer Krankheit abgemüht hatte, wanderte sie also im 82. Jahr ihres Lebens am 17. September in  glücklichem Heimgang zu ihrem himmlischen Bräutigam.“32

 

IV. Dank an den Heiligen Vater 

Vielen gebührt Dank. Der größte Dank gehört Papst Benedikt XVI. für seinen Mut, die hl. Hildegard von Bingen zur Kirchenlehrerin zu erheben. Vielleicht wird seine Einstellung zu ihr aus einem kleinen Grußwort gut erkennbar, das er 1994 an Tagungsteilnehmer eines Internationalen Hildegard Symposions gerichtet hat, zu dem er eingeladen war: „Gerne hätte ich die Einladung angenommen, zu Ihrer Tagung über Hildegard von Bingen zu kommen, zumal mich die Gestalt dieser Frau von Jugend an fasziniert hat. Mein Interesse war zu Beginn der vierziger Jahre durch den damals populären Roman von Hünermann ‚Das lebendige Licht‘ geweckt worden; dieser erste Zugang ermutigte mich später, der Quelle dieses Lichtes ein wenig mehr nachzugehen, auch wenn ich leider nie zu eigentlichen Hildegard-Studien die Zeit gefunden habe. Heute steht Hildegard in ihrer ganzen kühnen Universalität vor uns. Wir fühlen uns angesprochen durch ihre liebevolle Zuwendung zu den heilenden Kräften der Schöpfung wie durch ihre vielseitige künstlerische Begabung; vor  allem aber durch ihre eindringliche Glaubensverkündigung; sie ist uns daher nahe als eine Frau, die Christus in seiner Kirche liebte, aber nichts von Weltfremdheit oder Ängstlichkeit zeigt, sondern gerade von ihrer Berührung mit dem Geheimnis Gottes her ihrer Zeit das rechte Wort furchtlos und frei zu sagen vermochte. In der Krise des Menschenbildes, die wir durchschreiten,  hat  Hildegard  Wesentliches  zu  sagen.  So  wünsche  ich  Ihnen  fruchtbare Gespräche, damit die Botschaft Hildegards in ihrer unverblassten Aktualität neu gehört und verstanden wird.“33

 

Nachtrag: Nach Abschluss des Textes sei noch verwiesen auf: Hildegard von Bingen. Heilige und Kirchenlehrerin, hrsg. von R. Berndt SJ = Arbeitshilfen 258, Bonn 2012; A. Card.  Amato, Santa Ildegarda di Bingen, Vaticano 2012; hingewiesen sei auch auf die Beilage „donne – chiesa – mondo“ des L´Osservatore Romano, Nr. 4, August/September 2012, darin besonders die Beiträge von Cr. Dobner, L. Scaraffi, M. Veladiano u.a., 1-4.

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  1. K. Lehmann, Heiligkeit des Lebens und Tiefe der Lehre, in: W. Wilhelmy (Hg.), Heilige Hildegard von Bingen, Ausstellungskatalog, Mainz 2012, 8-15, 104f.; vgl. die Beiträge von H. Hinkel zum „Nachleben“ und von A. Lempges / Cl. Sticher zum Verständnis der Visionen, ebd., 40-54; 16-39.
  2. Benedikt XVI., Heilige und Selige. Große Frauengestalten des Mittelalters, Vatikan/Illertissen 2011, 19, vgl. auch 24
  3. Dabei sei nicht vergessen, dass man die Reste des Rupertsberg-Klosters 1857 beim Bau der Eisenbahn in Bingen
  4. Hildegard von Bingen, Briefwechsel, von A. Führkötter, 2. Auflage, Salzburg 1990, 227.
  5. Ebd.
  6. Wisse die Wege (Neuübersetzung M. Heieck), 2. Auflage, Beuron 2012, 17.
  7. Vgl. J. Fried, Das Mittelalter, 2. Auflage, München 2009, 352 f.
  8. Vgl. den immer noch sehr lesenswerten Beitrag von M. Böckeler, „Der einfältige Mensch“. – Hildegard von Bermersheim, in: Hildegard von Bingen, Wisse die Wege. Scivias. Nach dem Originaltext ins Deutsche übertragen und bearbeitet von M. Böckeler, Salzburg 1954, 361-387.
  9. Vgl. nun die vollständige Ausgabe: Im Feuer der Taube, hrsg. von W. Storch, Augsburg 1997.
  10. M. Böckeler, Wisse die Wege, 387.
  11. So nach Hildegard von Bingen, Symphonia. Gedichte und Gesänge. Lateinisch und deutsch von W. Berschin und H. Schipperges, Heidelberg 1995, Darmstadt 2004 (Edition Lambert Schneider), 222; H. Schipperges, Hildegard von Bingen, 3. Auflage, München 1997, 33.
  12. Wisse die Wege, 387.
  13. Zur Bibliografie insgesamt: Hildegard von Bingen. Internationale wissenschaftliche Bibliografie, hrsg. von M.-A. Aris u.a., Mainz 1998.
  14. Borst, Das Buch der Naturgeschichte, Heidelberg 1994,
  15. Stuttgart 1986
  16. Stuttgart 2000, 277-281.
  17. Vgl. z.B. ebd., 278.
  18. Vgl. W. Schmidt-Biggemann, Philosophia perennis, Frankfurt 1998, 241 ff.; L. Sturlese, Die deutsche Philosophie im Mittelalter, München 1993, 204 ff.; Th. Kobusch, Die Philosophie des Hoch- und Spätmittelalters, München 2011, 359 ff.G.
  19. Vgl. Wieland, Symbolische und rationale Vernunft, in: A. Haverkamp (Hg.), Friedrich Barbarossa = Vorträge und Forschungen XI, Sigmaringen 1992, 533-549, 543 ff.; differenzierter K. Bahlmann/M. Dreyer, Wissensarchitekturen oder der Aufstieg zur Weisheit, in: K. Bahlmann u.a. (Hg.), Gewusst wo? Wissen schafft Räume, Berlin 2008, 3-16.
  20. Vgl. R. Zimmermann (Hg.), Bildersprache verstehen, München 2000.
  21. Vgl. Vidi et intellexi. Die Schrifthermeneutik in der Visionstrilogie Hildegards von Bingen, Münster 2012, Literatur: 325-356.
  22. In aller Kürze vgl. Symphonia, 225.
  23. Vgl. Buch der Lebensverdienste, III, 1-2: Der Mensch in der Verantwortung (Liber Vitae meritorum), Salzburg 1972, 133.
  24. H. Schipperges in dem schon zitierten Buch Symphonia, 3 ff., 222 ff., vgl. 205.
  25. Ebd., 12.
  26. Ebd., 13.
  27. D. Sölle, O Grün des Fingers Gottes. Die Meditationen der Hildegard von Bingen, Wuppertal 1989, 57 f.
  28. Symphonia 12; Chr. Meier, Die Bedeutung der Farben im Werk Hildegards von Bingen, in: Frühmittelalterliche Studien 6 (1972), 245-355; A. Bäumer, Wisse die Wege, Frankfurt 1998, 332 ff. u.ö.; G. Lautenschläger, „Viriditas“, in: E. Forster (Hg.), Hildegard von Bingen. Prophetin durch die Zeiten, Freiburg i. Br. 1997, 224-337
  29. Vgl. E. Gössmann, Hildegard von Bingen. Versuche einer Annäherung, München 1995; A. Bäumer, Wisse die Wege, 237; H. Schipperges, Hildegard von Bingen, 50ff.; B. Newman, Hildegard von Bingen, Freiburg i. Br. 1995, 153 ff., 171 ff., 292 ff.
  30. Vgl. dazu  A.  Borst,  Die  Katharer,  Freiburg  1991;  ders.,  Barbaren, Ketzer und Artisten. Welten des Mittelalters, München 1988; ders., Lebensformen im Mittelalter, Frankfurt 1979 (Ullstein-Sachbuch); U. Bejick, Die Katharerinnen, Freiburg i.Br. 1993; vgl. auch H. Grundmann, Ketzergeschichte des Mittelalters, in: Die Kirche in ihrer Geschichte. Ein Handbuch, Band II, Göttingen 1963; ders. Religiöse Bewegungen im Mittelalter, 3. Aufl., Darmstadt 1970
  31. Vita Sanctae Hildegardis. Leben der Heiligen Hildegard von Bingen. Canonizatio Sanctae Hildegardis. Kanonisation der Heiligen Hildegard, übersetzt und eingeleitet von M. Klaes = Fontes Christiani 29, Freiburg i.Br. 1998, 90 f.
  32. Ebd., 231
  33. Schmidt (Hg.), Tiefe des Gotteswissens – Schönheit der Sprachgewalt bei Hildegard von Bingen, Stuttgart 1995, VII.

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Quelle

DER HEILIGE KIRCHENLEHRER HIERONYMUS

4 T

Giuseppe Antonio Petrini, S. Girolamo, 1725-35, Narodni galerija, Liubliana

BENEDIKT XVI., GENERALAUDIENZMittwoch, 7. November 2007

Der heilige Hieronymus (1)

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf den hl. Hieronymus richten, einen Kirchenvater, der die Bibel in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt hat: Er hat sie in die lateinische Sprache übersetzt, er hat sie in seinen Werken kommentiert, und er hat sich vor allem bemüht, sie während seines langen Erdendaseins konkret zu leben – trotz seines bekannten schwierigen und temperamentvollen Charakters, den er von der Natur erhalten hatte.

Hieronymus wurde um das Jahr 347 in Stridon in einer christlichen Familie geboren, die ihm eine sorgfältige Ausbildung ermöglichte und ihn zur Vervollkommnung seiner Studien auch nach Rom schickte. Als junger Mann spürte er die Anziehungskraft des weltlichen Lebens (vgl. Ep 22,7), es überwog jedoch in ihm die Sehnsucht nach der christlichen Religion und das Interesse für sie. Um das Jahr 366 empfing er die Taufe und wandte sich dem asketischen Leben zu; er begab sich nach Aquileia und schloß sich einer Gruppe eifriger Christen an, die von ihm gleichsam als »Chor von Seligen« (Chron. ad ann. 374) bezeichnet wurde, der sich um Bischof Valerian scharte. Dann brach er in den Osten auf und lebte als Einsiedler in der Wüste von Chalkis südlich von Aleppo (vgl. Ep 14,10), wobei er sich ernsthaft den Studien widmete. Er vervollkommnete seine Griechischkenntnisse, begann mit dem Studium des Hebräischen (vgl. Ep 125,12), transkribierte Codices und Werke der Kirchenväter (vgl. Ep 5,2). Die Meditation, die Einsamkeit, der Kontakt mit dem Wort Gottes ließen seine christliche Empfindsamkeit reifen. Er fühlte stärker die quälende Last seiner Jugendsünden (vgl. Ep 22,7) und spürte eindringlich den Gegensatz zwischen heidnischer Mentalität und christlichem Leben: ein Gegensatz, der durch die dramatische und lebhafte »Vision« berühmt wurde, die er uns in einer Erzählung hinterlassen hat. In ihr schien es ihm, er würde vor dem Angesicht Gottes gegeißelt, weil er »ein Ciceronianer und kein Christ« wäre (vgl. Ep 22,30).

Im Jahr 382 übersiedelte er nach Rom: Hier nahm ihn Papst Damasus, der seinen Ruf als Asket und seine Kompetenz als Gelehrter kannte, als Sekretär und Berater in seinen Dienst. Er ermutigte ihn, aus pastoralen und kulturellen Gründen eine neue lateinische Übersetzung der biblischen Texte in Angriff zu nehmen. Einige Angehörige der römischen Aristokratie, vor allem adlige Frauen, wie Paula, Marcella, Asella, Lea und andere, die begierig waren, sich um den Weg der christlichen Vollkommenheit zu bemühen und ihre Kenntnis des Wortes Gottes zu vertiefen, wählten ihn zu ihrem geistlichen Begleiter und Lehrer bei der methodischen Annäherung an die heiligen Texte. Diese Edelfrauen lernten auch Griechisch und Hebräisch.

Nach dem Tod von Papst Damasus verließ Hieronymus im Jahr 385 Rom und unternahm eine Pilgerreise, zunächst ins Heilige Land, dem stillen Zeugen des Erdenlebens Christi, dann nach Ägypten, dem Land, das viele Mönche als Aufenthalt wählten (vgl. Contra Rufinum 3,22; Ep 108,6–14). Im Jahr 386 kam er nach Betlehem, wo dank der Großzügigkeit der Edelfrau Paula ein Männerkloster, ein Frauenkloster sowie ein Hospiz für die Pilger, die sich ins Heilige Land begaben, errichtet wurden »im Gedenken daran, daß Maria und Josef keine Unterkunft gefunden hatten« (Ep 108,14). In Betlehem blieb er bis zu seinem Tod, wobei er weiter eine intensive Tätigkeit entfaltete: Er kommentierte das Wort Gottes; er verteidigte den Glauben, indem er sich kraftvoll verschiedenen Häresien widersetzte; er ermahnte die Mönche zur Vollkommenheit, unterwies junge Schüler in der klassischen und christlichen Kultur; er nahm in pastoraler Gesinnung die Pilger auf, die das Heilige Land besuchten. Er starb am 30. September 419/420 in seiner Zelle nahe der Geburtsgrotte.

Seine literarische Ausbildung und seine umfassende Gelehrsamkeit erlaubten Hieronymus die Revision und Übersetzung vieler biblischer Texte: eine wertvolle Arbeit für die lateinische Kirche und für die abendländische Kultur. Auf der Grundlage der griechischen und hebräischen Urtexte und dank des Vergleichs mit früheren Versionen verwirklichte er die Revision der vier Evangelien in lateinischer Sprache, sodann die des Psalters und eines Großteils des Alten Testaments. Indem er dem hebräischen und griechischen Originaltext, der Septuaginta, der in vorchristlicher Zeit entstandenen klassischen griechischen Version des Alten Testaments, und den vorhergehenden lateinischen Versionen Rechnung trug, konnte Hieronymus, dem später weitere Mitarbeiter zur Seite standen, eine bessere Übersetzung bieten: Sie stellt die sogenannte »Vulgata« dar, den »offiziellen« Text der lateinischen Kirche, der als solcher vom Konzil von Trient anerkannt wurde und nach der jüngsten Revision der »offizielle« Text der lateinischen Kirche bleibt. Es ist interessant, die Kriterien festzustellen, an die sich der große Bibelwissenschaftler in seinem Übersetzungswerk gehalten hat. Er enthüllt sie selbst, wenn er sagt, er respektiere sogar die Reihenfolge der Worte der Heiligen Schrift, weil in ihr, sagt er, »auch die Reihenfolge der Worte ein Geheimnis ist« (Ep 57,5), das heißt eine Offenbarung. Er bekräftigt darüber hinaus die Notwendigkeit, auf die Originaltexte zurückzugreifen: »Wenn es wegen der nicht übereinstimmenden Lesarten der Handschriften unter den Lateinern zu einer Diskussion über das Neue Testament käme, greifen wir auf das Original zurück, das heißt auf den griechischen Text, in dem der Neue Bund geschrieben worden ist. Dasselbe gilt für das Alte Testament: Wenn es Abweichungen zwischen den griechischen und lateinischen Texten gibt, berufen wir uns auf den Originaltext, den hebräischen; so können wir all das, was aus der Quelle entspringt, in den Bächen wiederfinden« (Ep 106,2). Darüber hinaus kommentierte Hieronymus auch viele biblische Texte. Nach ihm sollen die Kommentare vielfältige Meinungen bieten, »so daß der besonnene Leser, nachdem er die verschiedenen Erklärungen gelesen und vielfältige Ansichten kennengelernt hat – die anzunehmen oder abzulehnen sind –, urteile, welche die zuverlässigste ist, und wie ein erfahrener Geldwechsler die falsche Münze ablehne« (Contra Rufinum 1,16).

Energisch und lebhaft widerlegte er die Häretiker, die die Überlieferung und den Glauben der Kirche bestritten. Er zeigte auch die Bedeutung und Wirksamkeit der christlichen Literatur auf, die zu einer wahren Kultur geworden war und nun würdig war, mit der klassischen verglichen zu werden: Er tat dies mit der Abfassung von De viris illustribus, einem Werk, in dem Hieronymus die Biographien von über hundert christlichen Schriftstellern vorlegt. Er hat auch Biographien von Mönchen geschrieben und erläuterte damit, neben anderen geistlichen Wegen, auch das monastische Ideal. Außerdem übersetzte er verschiedene Werke griechischer Autoren. Schließlich tritt Hieronymus in dem wichtigen Epistularium, einem Hauptwerk der lateinischen Literatur, mit seinen Wesensmerkmalen eines gebildeten Mannes, Asketen und Seelenführers hervor.

Was können wir vom hl. Hieronymus lernen? Mir scheint, vor allem dies: das Wort Gottes in der Heiligen Schrift zu lieben. Der hl. Hieronymus sagt: »Die Heilige Schrift nicht zu kennen heißt, Christus nicht zu kennen.« Es ist deshalb wichtig, daß jeder Christ in Berührung und in persönlichem Dialog mit dem Wort Gottes lebt, das uns in der Heiligen Schrift geschenkt ist. Dieser unser Dialog mit dem Wort Gottes muß immer zwei Dimensionen haben: Einerseits muß er ein wirklich persönlicher Dialog sein, weil Gott mit einem jeden von uns durch die Heilige Schrift spricht und eine Botschaft für jeden hat. Wir dürfen die Heilige Schrift nicht als Wort der Vergangenheit lesen, sondern als Wort Gottes, das sich auch an uns wendet, und müssen versuchen zu verstehen, was der Herr uns sagen will. Um aber nicht in den Individualismus zu verfallen, müssen wir uns vergegenwärtigen, daß das Wort Gottes uns gerade deshalb gegeben ist, um Gemeinschaft aufzubauen, um uns auf unserem Weg zu Gott hin in der Wahrheit zu vereinen. Obwohl es also immer ein persönliches Wort ist, ist es auch ein Wort, das Gemeinschaft errichtet, das die Kirche auferbaut. Deshalb müssen wir es in Gemeinschaft mit der lebendigen Kirche lesen. Der bevorzugte Ort des Lesens und Hörens des Wortes Gottes ist die Liturgie, in der wir durch das Feiern des Wortes und durch die Vergegenwärtigung des Leibes Christi im Sakrament das Wort in unserem Leben verwirklichen und es unter uns gegenwärtig machen. Wir dürfen nie vergessen, daß das Wort Gottes über die Zeiten hinausreicht. Die menschlichen Meinungen kommen und gehen. Was heute sehr modern ist, wird morgen uralt sein. Das Wort Gottes hingegen ist Wort des ewigen Lebens, es trägt in sich die Ewigkeit, das, was für immer gilt. Indem wir in uns das Wort Gottes tragen, tragen wir also in uns das Ewige, das ewige Leben.

Und so schließe ich mit einem Wort des hl. Hieronymus an den hl. Paulinus von Nola. Darin bringt der große Exeget gerade diese Wirklichkeit zum Ausdruck, nämlich daß wir im Wort Gottes die Ewigkeit empfangen, das ewige Leben. Der hl. Hieronymus sagt: »Versuchen wir, auf der Erde jene Wahrheiten zu lernen, deren Beschaffenheit auch im Himmel bestehen bleiben wird« (Ep 53,10).


In der heutigen Katechese möchte ich den Kirchenvater Hieronymus in den Blick nehmen. Er wurde 347 in Stridon, dem heutigen Laibach in Slovenien, in einer christlichen Familie geboren. Nach seiner Taufe im Jahr 366 wählte er bald einen asketisch-monastischen Lebensstil. Nach Aufenthalten in Antiochien und Konstantinopel, wo er sich sehr gute Kenntnisse der griechischen und hebräischen Sprache aneignete, stand er von 382 bis 385 in Rom als Sekretär und Berater im Dienst von Papst Damasus. Nach dessen Tod bewegten ihn verschiedene Spannungen und Konflikte, die auch charakterlich bedingt waren, zur Übersiedlung nach Bethlehem, wo er im Kreis von monastischen Gefährtinnen und Gefährten die letzten drei Jahrzehnte vor seinem Tod im Jahr 419 oder 420 verbrachte. Im Mittelpunkt von Leben und Werk des hl. Hieronymus stand die Bibel: Er übersetzte mit viel Sorgfalt und in Treue zu den Originaltexten einen großen Teil der Heiligen Schrift in die lateinische Sprache, schrieb Kommentare zu vielen biblischen Büchern und bemühte sich vor allem, auch sein Denken und Handeln ganz nach dem Wort Gottes auszurichten.

* * *

Mit Freude begrüße ich die deutschsprachigen Pilger und Besucher hier auf dem Petersplatz. Einen besonderen Gruß richte ich dabei an die Kreisräte und Bürgermeister des Landkreises Freising. Auch heute spricht Gott zu uns in der Heiligen Schrift. Öffnen wir uns für diesen großen geistlichen Schatz und folgen wir in der eifrigen und gläubigen Schriftlesung dem Beispiel des hl. Hieronymus. Der allmächtige Gott segne euch und eure Familien.

 

BENEDIKT XVI., GENERALAUDIENZMittwoch, 14. November 2007

Der heilige Hieronymus (2)

Liebe Brüder und Schwestern!

Wir fahren heute damit fort, die Gestalt des hl. Hieronymus vorzustellen. Wie wir am vergangenen Mittwoch gesagt haben, widmete er sein ganzes Leben so sehr dem Studium der Bibel, daß er von einem meiner Vorgänger, Papst Benedikt XV., als »herausragender Lehrer der Auslegung der Heiligen Schrift« gewürdigt wurde. Hieronymus hob die Freude und die Wichtigkeit hervor, sich mit den biblischen Texten vertraut zu machen: »Will dir nicht scheinen, schon hier auf Erden im Himmelreich zu wohnen, wenn du unter diesen Texten lebst, wenn du sie betrachtest, wenn du nichts anderes kennst und suchst?« (Ep. 53,10). In Wirklichkeit ist der Dialog mit Gott, mit seinem Wort in gewissem Sinn Gegenwart des Himmels, das heißt Gegenwart Gottes. Sich den biblischen Texten, vor allem dem Neuen Testament zu nähern ist für den Gläubigen ganz wesentlich, denn »die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen«. Das ist ein berühmter Satz von ihm, der vom Zweiten Vatikanischen Konzil in der Konstitution Dei Verbum (Nr. 25) zitiert wird.

Er war in das Wort Gottes richtiggehend »verliebt« und fragte sich: »Wie könnte man ohne die Kenntnis der Schrift leben, durch die man lernt, Christus selbst zu kennen, der das Leben der Gläubigen ist?« (Ep. 30,7). Die Bibel, das Instrument, »durch das Gott jeden Tag zu den Gläubigen spricht« (Ep. 133,13), wird so Ansporn und Quelle des christlichen Lebens für alle Situationen und für jeden Menschen. Die Schrift lesen heißt mit Gott sprechen: »Wenn du betest« – schreibt er an eine junge adelige Frau aus Rom –, »sprichst du mit dem Bräutigam; wenn du (die Bibel) liest, spricht er zu dir« (Ep. 22,25). Das Studium und die Betrachtung der Heiligen Schrift machen den Menschen weise und gelassen (vgl. In Eph., prol.). Um immer tiefer in das Wort Gottes einzudringen, bedarf es gewiß einer ständigen und zunehmenden Hingabe. So empfahl Hieronymus dem Priester Nepotianus: »Lies sehr häufig die göttlichen Schriften; ja, lege das Heilige Buch nie aus der Hand. Lerne hier das, was du lehren sollst« (Ep. 52,7). Der römischen Matrone Leta gab er für die christliche Erziehung ihrer Tochter diese Ratschläge: »Vergewissere dich, daß sie täglich einige Abschnitte aus der Schrift studiert… An das Gebet schließe sie die Lesung an und an die Lesung das Gebet… Statt der Juwelen und Seidengewänder soll sie die Heiligen Bücher lieben« (Ep. 107,9.12). Mit der Betrachtung der Schrift und ihrer Kenntnis »wird das Gleichgewicht der Seele aufrechterhalten« (vgl. In Eph, prol.). Nur ein tiefer Gebetsgeist und die Hilfe des Heiligen Geistes können uns in das Verständnis der Bibel einführen: »Bei der Auslegung der Heiligen Schrift benötigen wir immer die Hilfe des Heiligen Geistes« (In Mich. 1,1,10,15).

Eine leidenschaftliche Liebe für die Heilige Schrift durchdrang also das ganze Leben des Hieronymus, eine Liebe, die er stets auch in den Gläubigen zu wecken suchte. Einer seiner geistlichen Töchter empfahl er: »Liebe die Heilige Schrift, und die Weisheit wird dich lieben; liebe sie zärtlich, und sie wird dich beschützen; halte sie in Ehren und du wirst ihre Liebkosungen empfangen. Sie sei für dich wie deine Halsketten und deine Ohrringe« (Ep. 130,20). Und weiter: »Liebe die Wissenschaft der Schrift, und du wirst die Laster des Fleisches nicht lieben« (Ep. 125,11).

Ein grundlegendes methodologisches Kriterium bei der Auslegung der Schrift war für Hieronymus die Übereinstimmung mit dem Lehramt der Kirche. Wir können niemals alleine die Schrift lesen. Wir finden zu viele Türen verschlossen und gleiten leicht in den Irrtum ab. Die Bibel wurde vom Volk Gottes und für das Volk Gottes unter der Inspiration des Heiligen Geistes geschrieben. Nur in dieser Gemeinschaft mit dem Volk Gottes können wir wirklich mit dem »Wir« in den Kern der Wahrheit eintreten, die Gott selbst uns sagen will. Für Hieronymus mußte eine authentische Auslegung der Bibel immer in harmonischer Übereinstimmung mit dem Glauben der katholischen Kirche stehen. Es handelt sich nicht um eine Forderung, die diesem Buch von außen auferlegt würde; die Bibel ist die Stimme des pilgernden Gottesvolkes, und nur im Glauben dieses Volkes befinden wir uns sozusagen in der richtigen Tonart, um die Heilige Schrift zu verstehen. Deshalb mahnte Hieronymus: »Bleibe fest mit der traditionellen Lehre verbunden, die man dich gelehrt hat, damit du gemäß der gesunden Lehre diejenigen ermahnen und widerlegen kannst, die dir widersprechen« (Ep. 52,7). Besonders angesichts der Tatsache, daß Jesus Christus seine Kirche auf Petrus gegründet hat, muß jeder Christ – so seine Schlußfolgerung – »in Gemeinschaft mit der Kathedra des hl. Petrus« stehen. »Ich weiß, daß auf diesen Fels die Kirche gebaut ist« (Ep. 15,2). Und folgerichtig nannte er die Dinge beim Namen: »Ich stehe auf der Seite eines jeden, der mit der Kathedra des hl. Petrus verbunden ist« (Ep. 16).

Natürlich vernachlässigt Hieronymus nicht den ethischen Aspekt. Ja, er mahnt oft zur Pflicht, das Leben mit dem göttlichen Wort in Einklang zu bringen, denn nur wenn wir es leben, finden wir auch die Fähigkeit, es zu verstehen. Dieser Zusammenhang ist unverzichtbar für jeden Christen, besonders für den Prediger, damit seine Handlungen, falls sie nicht mit seinem Reden übereinstimmen sollten, ihn nicht in Verlegenheit bringen. So ermahnt er den Priester Nepotianus: »Deine Handlungen sollen deine Worte nicht Lügen strafen, damit es nicht geschehe, daß, wenn du in der Kirche predigst, jemand in seinem Inneren überlegt: ›Warum also handelst gerade du nicht so?‹ Gut macht sich wirklich jener Meister, der mit vollem Bauch scharfsinnig über das Fasten diskutiert; auch ein Dieb kann die Habgier tadeln; aber im Priester Christi müssen der Geist und das Wort in Einklang stehen« (Ep 52,7). In einem anderen Brief bekräftigt Hieronymus: »Auch wenn er eine glänzende Lehre besitzt, bleibt jener Mensch beschämt, der sich von seinem eigenen Gewissen verurteilt fühlt« (Ep 127,4). Weiter bemerkt er zum Thema Kohärenz: Das Evangelium muß in Haltungen wahrer Nächstenliebe umgesetzt werden, da in jedem Menschen die Person Christi selbst gegenwärtig ist. Als er sich zum Beispiel an den Priester Paulinus wendet (der dann Bischof von Nola und ein Heiliger wurde), gibt ihm Hieronymus folgenden Rat: »Der wahre Tempel Christi ist die Seele des Gläubigen: Schmücke es, dieses Heiligtum, verschönere es, lege in ihm deine Opfergaben nieder und empfange Christus. Wozu soll man die Wände mit Edelsteinen auskleiden, wenn Christus in der Person eines Armen an Hunger stirbt?« (Ep. 58,7). Hierony-mus sagt es ganz konkret: Man muß »Christus in den Armen kleiden, in den Leidenden aufsuchen, in den Hungernden speisen, in den Obdachlosen beherbergen« (Ep. 130,14). Die durch das Studium und die Betrachtung genährte Liebe zu Christus läßt uns jede Schwierigkeit überwinden: »Lieben auch wir Jesus Christus, suchen wir immer die Vereinigung mit ihm: Dann wird uns auch das leicht erscheinen, was schwer ist« (Ep. 22,40).

Hieronymus, der von Prosperus von Aquitanien als »Vorbild der Lebensführung und Lehrmeister des Menschengeschlechts« (Carmen de ingratis, 57) bezeichnet wurde, hat uns auch eine reiche und vielfältige Lehre über das christliche Asketentum hinterlassen. Er erinnert daran, daß ein mutiger Einsatz für die Vollkommenheit eine ständige Wachsamkeit, häufige Abtötungen, wenn auch mit Maß und Vorsicht, eine unermüdliche intellektuelle oder manuelle Arbeit, um den Müßiggang zu vermeiden (vgl. Epp. 125,11 und 130,15), und vor allem Gehorsam gegenüber Gott erfordert: »Nichts … gefällt Gott so sehr wie der Gehorsam…, der die höchste und einzige Tugend ist« (Hom. de obeodientia: CCL 78,552). Zum asketischen Weg kann auch die Praxis der Wallfahrten gehören. Hieronymus gab insbesondere den Wallfahrten ins Heilige Land Auftrieb, wo die Pilger in den Gebäuden aufgenommen und beherbergt wurden, die dank der Großzügigkeit der Adligen Paula, einer geistlichen Tochter des Hieronymus, neben dem Kloster von Betlehem entstanden waren (vgl. Ep. 108,14).

Nicht verschwiegen werden kann schließlich der Beitrag, den Hieronymus auf dem Gebiet der christlichen Pädagogik geleistet hat (vgl. Epp. 107 und 128). Er nimmt sich vor, »eine Seele zu bilden, die zum Tempel des Herrn werden soll« (Ep. 107,4), zu einem »wertvollen Juwel« in den Augen Gottes (Ep.107,13). Mit tiefer Einfühlung rät er, sie vor dem Bösen und vor den sündhaften Gelegenheiten zu bewahren, fragwürdige oder zerstreuende Freundschaften auszuschließen (vgl. Ep. 107,4 und 8–9; vgl. auch Ep. 128,3–4). Vor allem ermahnt er die Eltern, daß sie um die Kinder ein Umfeld der Ruhe und Freude schaffen, sie durch Lob und Wetteifern auch zum Studium und zur Arbeit anregen (vgl. Epp. 107,4 und 128,1), sie ermuntern, die Schwierigkeiten zu überwinden, in ihnen die guten Gewohnheiten fördern und sie davor bewahren sollen, schlechte anzunehmen, weil – und hier zitiert er einen Satz des Publilius Syrus, den er in der Schule gehört hatte – »es dir kaum gelingen wird, an dir jene Dinge zu berichtigen, an die du dich ruhig gewöhnst« (Ep. 107,8). Die Eltern sind die wichtigsten Erzieher der Kinder, die ersten Lehrer des Lebens. Indem sich Hieronymus mit großer Klarheit an die Mutter eines Mädchens wendet und dann auf den Vater anspielt, mahnt er – und bringt damit gleichsam ein Grundbedürfnis jedes Menschen zum Ausdruck, der ins Dasein tritt: »Sie möge in dir ihre Lehrerin finden, und auf dich blicke mit Staunen ihre unerfahrene Kindheit. Weder in dir noch in ihrem Vater soll sie je Haltungen sehen, die sie zur Sünde führen, wenn sie nachgeahmt würden. Denkt daran, daß … ihr sie mehr durch das Vorbild als durch das Wort erziehen könnt« (Ep. 107,9). Unter den hauptsächlichen Einsichten des Hieronymus als Pädagoge sind hervorzuheben: die Bedeutung, die einer gesunden und ganzheitlichen Erziehung von der ersten Kindheit an zugeschrieben wird; die besondere Verantwortung, die den Eltern zuerkannt wird; die Dringlichkeit einer ernsthaften moralischen und religiösen Bildung; das Erfordernis des Lernens für eine vollständigere menschliche Bildung. Ein für die Antike ziemlich unerwarteter, aber von unserem Autor als lebenswichtig betrachteter Aspekt ist darüber hinaus die Förderung der Frau, der er das Recht auf eine vollständige Bildung zuerkennt: menschlich, schulisch, religiös und beruflich. Und wir sehen gerade heute, daß die Erziehung der Persönlichkeit in ihrer Ganzheit, die Erziehung zur Verantwortlichkeit vor Gott und vor dem Menschen die wahre Voraussetzung für jeden Fortschritt, für jeden Frieden, für jede Versöhnung und jeden Ausschluß von Gewalt ist. Erziehung vor Gott und vor dem Menschen: Es ist die Heilige Schrift, die uns die Führung der Erziehung und so des wahren Humanismus bietet.

Wir können diese raschen Anmerkungen über den großen Kirchenvater nicht abschließen, ohne auf den wirkungsvollen Beitrag hinzuweisen, der von ihm zur Bewahrung der positiven und gültigen Elemente der antiken jüdischen, griechischen und römischen Kultur in der entstehenden christlichen Zivilisation geleistet worden ist. Hieronymus hat die in den Klassikern vorhandenen künstlerischen Werte, den Reichtum der Gefühle und die Harmonie der Bilder, die das Herz und die Phantasie zu edlen Gefühlen erziehen, anerkannt und aufgenommen. Vor allem hat er das Wort Gottes, das den Menschen auf die Wege des Lebens hinweist und ihm die Geheimnisse der Heiligkeit enthüllt, zum Mittelpunkt seines Lebens und Handelns gemacht. Für all das können wir ihm nur zutiefst dankbar sein, gerade in unserer heutigen Zeit.


Im Anschluß an die Katechese vom vergangenen Mittwoch über das Leben des heiligen Hieronymus möchte ich heute einen kurzen Überblick über sein Denken geben. Um zum geistigen Gut dieses Kirchenvaters einen Zugang zu erhalten, müssen wir ihn als gläubigen Christen begreifen. Im Zentrum seines Denkens steht Christus, das Wort des Vaters und das wahre Leben, das Hieronymus im Studium der Heiligen Schrift immer tiefer zu erkennen sucht. Sein berühmter Satz „Die Schrift nicht kennen heißt Christus nicht kennen“, der sich auch in einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils wiederfindet (Dei Verbum Nr. 25), bringt dies treffend zum Ausdruck.

Der Heilige lädt die Gläubigen ein, mit der Bibel einen vertrauten Umgang zu pflegen. Die Heilige Schrift ist das Instrument, durch das Gott jeden Tag zu uns sprechen will. Allerdings bedarf es des Gebets und der Bitte um den Heiligen Geist, um im Verständnis des Wortes Gottes voranzuschreiten. Auf diesem Weg lernt der Christ auch, seinen Herrn in Werken der Nächstenliebe zu erkennen: Christus in den Armen zu kleiden, in den Leidenden zu begegnen, in den Hungernden zu speisen und in den Heimatlosen zu beherbergen. Die Gläubigen sind zur Vervollkommnung ihres geistlichen Lebens aufgerufen, die durch beständige Wachsamkeit, durch Verzicht, Arbeitseifer und Gehorsam erlangbar ist. Der Kirchenvater Hieronymus weiß und sagt uns: Das Wort Gottes erschließt uns Menschen Wege des Lebens und der Heiligkeit.

* * *

Von Herzen grüße ich die Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Der hl. Hieronymus mag uns allen in seinem Ringen, das oft nicht leicht war – er hatte ein schwieriges und wildes Temperament – ein Vorbild sein und uns ermutigen im beständigen Gebet, im Hören auf Gottes Wort, im Ringen mit Gottes Wort und im Ringen mit uns selbst, den rechten Weg zu finden. Der Herr unseres Lebens schenke euch seinen Frieden und geleite euch auf allen euren Wegen.

 

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Franziskus feiert Messe mit Armeniern zum Gedenken an Völkermord 1915

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Messe mit armenischen Gläubigen im Petersdom – RV

Papst Franziskus hat an diesem Sonntag im Petersdom eine feierliche Messe mit Tausenden armenischen Gläubigen und den höchsten Würdenträgern der armenischen Kirche gefeiert. Anlass war der Beginn des Völkermordes an den armenischen Christen vor 100 Jahren durch das Osmanische Reich. Das Wort „Genozid“, Völkermord, benutzte der Papst ausdrücklich. In einer Ansprache zum Beginn der Messe bezeichnete er das Hinmetzeln der Armenier während des Ersten Weltkriegs öffentlich als „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“. Bei den Massakern des seinerzeit mit Deutschland verbündeten Osmanischen Reiches wurden 1915 und 1916 in Ostanatolien bis zu 1,5 Millionen Armenier ermordet. Franziskus stellte den Genozid in eine Reihe mit der Judenvernichtung im Nationalsozialismus und mit der Hungersnot 1932/33 in der Ukraine, die der sowjetische Diktator Josef Stalin herbeigeführt hatte.

„Erster Völkermord des 20. Jahrhunderts“

„Die Menschheit hat im vergangenen Jahrhundert drei große, unerhörte Tragödien erlebt: die erste, die allgemein als ‚der erste Genozid des 20. Jahrhunderts‘ angesehen wird; diese hat euer armenisches Volk getroffen“, sagte der Papst im Petersdom. Er berief sich mit dieser Formulierung auf seinen Vorgänger Johannes Paul II., der in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier Karekin II. vom 27. September 2001 dieselben Worte gewählt hatte. Die Formulierung – in Anführungszeichen – steht in der schriftlichen Fassung der Grußworte in Anführungszeichen. Sie taucht ebenso in einer offiziellen Botschaft von Papst Franziskus an die armenischen Gläubigen von diesem Sonntag auf. Dieses Dokument wurde am Ende der Messe im lateinischen Ritus den beiden armenischen Oberhäuptern, dem katholischen armenischen Patriarchen und dem ebenfalls anwesenden armenischen Staatspräsidenten Sersch Asati Sargsjan übergeben.„Ein Jahrhundert ist vergangen seit jenem schrecklichen Massaker, das ein echtes Martyrium für euer Volk war, und in dem viele Unschuldige als Bekenner und Märtyrer im Namen Christi starben“, lauten die ersten Worte der päpstlichen Botschaft. „Es gibt noch heute keine armenische Familie, die in jenem Ereignis nicht jemanden seiner Lieben verloren hätte: es war wirklich das „Metz Yeghern“, das „Große Übel“, wie ihr diese Tragödie genannt habt.“ Franziskus würdigte den alten, starken und großen Glauben des armenischen Volkes. „Dieser Glaube hat euer Volk begleitet und gestützt auch im tragischen Ereignis vor hundert Jahren, das ´im Allgemeinen als der erste Genozid des 20. Jahrhunderts definiert wird´“.

Einladung an die Türkei, den Genozid aufzuarbeiten

Der Völkermord an den christlichen Armeniern ist in der Türkei, der Erbin des Osmanischen Reiches, hundert Jahre später immer noch ein tabubesetztes Thema. Franziskus rief in seiner Botschaft indirekt auch die Türkei dazu auf, die Erinnerung an den Genozid zuzulassen. „Das Gedenken an das Vorgefallene zu begehen, ist nicht nur dem armenischen Volk und der Weltkirche aufgegeben, sondern der gesamten Menschheitsfamilie“, schreibt der Papst. Nur so könne die Mahnung, die aus dieser Tragödie kommt, „uns von der Gefahr befreien, in ähnliche Gräuel zurückzufallen, die Gott und die Menschenwürde beleidigen.“ Heute noch würden Konflikte mitunter in nicht zu rechtfertigende Gewalt ausarten, Gewalt, die durch die Instrumentalisierung ethnischer und religiöser Unterschiede noch geschürt werde. Franziskus erinnerte an Massenvernichtungen in Kambodscha, Ruanda, Burundi und Bosnien. In seiner Botschaft schloss er einen Aufruf an die Staats- und Regierungschefs und die internationalen Organisationen an: Sie seien „dazu aufgerufen, sich solchen Verbrechen mit fester Verantwortung entgegenzustellen, ohne Zweideutigkeiten und Kompromissen nachzugeben.“ Der Papst verwies darauf, dass sein Vorgänger Benedikt XV. am 10. September 1915 versucht habe, den Völkermord an den Armeniern zu stoppen. „Er schrieb in dieser Angelegenheit an Sultan Mohammed V. und flehte ihn an, das Leben so vieler Unschuldiger zu verschonen“.

Die Wunden Jesu – Schlüssel einer möglichen Versöhnung

In seiner Predigt bei der Messe mit den Armeniern verwies der Papst freilich auch auf den Weg, den Jesus aus einer Verschlossenheit in den Wunden der Vergangenen weist: die Barmherzigkeit. Das Evangelium an diesem ersten Sonntag nach Ostern, dem Sonntag der Barmherzigkeit, stellt uns den ungläubigen Thomas vor, der nicht an die Auferstehung glauben will, solange er die Wunden Jesu nicht mit eigenen Händen berührt. „Die Wunden Jesu sind Wunden der Barmherzigkeit“, erläuterte Franziskus. Durch diese Wunden können Christen „wie durch einen leuchtenden Zugang hindurch das ganze Geheimnis Christi und Gottes sehen … wir können die ganze Heilsgeschichte zurückgehen … bis zu Abel und seinem Blut, das zum Himmel schreit.“

Angesichts der „tragischen Ereignisse in der Menschheitsgeschichte“ fragten sich Menschen stets nach dem Warum, so der Papst vor den armenischen Gläubigen. „Die menschliche Bosheit kann in der Welt gleichsam Abgründe, ein großes Vakuum auftun: ein Vakuum an Liebe, ein Vakuum an Gutem, ein Vakuum an Leben. Und dann fragen wir uns: Wie können wir diese Abgründe auffüllen? Für uns ist es unmöglich; Gott allein kann diese Leere, welche das Böse in unseren Herzen und in unserer Geschichte auftut, füllen. Und Jesus, der Mensch geworden und am Kreuz gestorben ist, füllt den Abgrund der Sünde mit dem Abgrund seiner Barmherzigkeit.”

Ein neuer Kirchenlehrer: Gregor von Narek

Einen Ehrenplatz in der Liturgie und im Gedenken nahm an diesem Sonntag der armenische Heilige Gregor von Narek ein. Franziskus erhob den Mönch aus dem 10. Jahrhundert zum Kirchenlehrer. Gregor „verstand es mehr als jeder andere, die Sensibilität eures Volkes auszudrücken“, schreibt der Papst in seiner Botschaft an die armenischen Christen. Der Heilige habe dem „Schreien“ einer in Sünde befangenen Menschheit eine Stimme gegeben, die dennoch vom Glanz der Liebe Gottes erleuchtet sei. Franziskus würdigte überdies die sehr weit zurückreichende Tradition der Kirche Armeniens. 301 habe der Heilige Gregor der Erleuchter Armenien zur Taufe geführt – „die erste Nation im Lauf der Jahrhunderte, die das Evangelium Christi annahm“. Das Christentum habe das armenische Volk „unauslöschlich“ geprägt, wobei in seiner Geschichte das Martyrium schon seit dem 5. Jahrhundert „einen herausragenden Platz“ einnimmt.

Armenischer Würdenträger nutzt Auftritt zu politischen Forderungen

Die stärksten Worte zum Völkermord an den Armeniern vor 100 Jahren fand – sichtlich aus eigener Betroffenheit – der armenische Katholikos des Großen Hauses von Kilikien, Aram I. Der gebürtige Libanese ergriff am Ende der Messe im Petersdom das Wort. In erheblichen Abweichungen vom ursprünglichen Redetext und unter dem Applaus der armenischen Gläubigen sprach Aram vom Genozid als „unvergesslichem und unleugbarem Fakt der Geschichte, der in den Annalen moderner Geschichte und im gemeinsamen Bewusstsein tief verwurzelt“ sei. Er erinnerte an die eineinhalb Millionen Getöteten und Tausende armenischer Klöster und Einrichtungen, die von den Osmanen zerstört oder beschlagnahmt wurden und „immer noch konfisziert“ seien. Aram berief sich auf internationales Recht und forderte im Petersdom „Verurteilung, Anerkennung und Reparation“ für den Völkermord vor 100 Jahren. Er würdigte das Einschreiten des Heiligen Stuhles für die Armenier, namentlich den Brief von Benedikt XV. zur Beendigung der Massaker, und das Engagement in den darauf folgenden Jahrzehnten. „Wir schätzen diese Unterstützung des Vatikans und besonders eurer Heiligkeit sehr“, sagte Aram.

Papst Franziskus hatte bereits wenige Monate nach seinem Amtsantritt die Verfolgung der Armenier als „ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Daraufhin legte die Türkei offiziell Protest ein. Die Äußerung sei „absolut  inakzeptabel“, hieß es 2013 aus Ankara. Franziskus hatte sich in einem privaten Gespräch geäußert, das später publik wurde. Bereits als Erzbischof von Buenos Aires hatte der heutige Papst keinen Hehl daraus gemacht, dass er die Verfolgung der Armenier im Osmanischen Reich als Völkermord betrachtet.

(rv 12.04.2015 gs)

DIE HEILIGE CATERINA VON SIENA – Kirchenlehrerin und Patronin Europas

Am 1. Oktober 1999 ernannte Papst Johannes Paul II. drei heilige Frauen zu Schutzpatroninnen Europas: Birgitta von Schweden, Caterina von Siena und Edith Stein. Seine Wahl fiel auf diese drei, weil sie sich durch die„tatkräftige Liebe zur Kirche“ und durch das „Zeugnis für sein Kreuz“ ausgezeichnet haben und weil die „Heiligkeit mit weiblichem Antlitz“ gerade für unsere Zeit „besonders bedeutsam“ ist.

Das Ende der päpstlichen Universalherrschaft

Katharina von Siena

Katharina von Siena

Zu Beginn des Jahres 1377 schrieb die hl. Caterina an Papst Gregor XI.: „Der eigentliche Schatz der Kirche ist das Blut Christi zur Erlösung der Seelen. Und dieses Blut wurde nicht vergossen um des weltlichen Besitzes willen, sondern zur Erlösung der Menschheit … Es ist also viel besser, das Gold des weltlichen Besitzes fahren zu lassen als das Gold des geistlichen Besitzes. Tun Sie also Ihr Möglichstes … und Sie werden Ihre geistliche wie weltliche Macht wieder erlangen.“

Das Mittelalter war gekennzeichnet von der Idee der Einheit von geistlicher und weltlicher Herrschaft. Wie Seele und Leib, so sind auch Kreuz und Krone aufeinander bezogen. Ein- und derselbe Mensch ist Bürger dieser Welt und zugleich Kind Gottes.

Christus allein ist der Herr der Christenheit, und seinem Repräsentanten auf Erden, dem Papst, kommt deshalb eine besondere Stellung zu. Aus der Erhabenheit des Geistlichen über das Leibliche wird im Mittelalter die Überordnung der Kirche über den Staat abgeleitet. Der daraus entstehende Konflikt mit dem Imperium dauerte zwei Jahrhunderte und endete zunächst mit einem Sieg des Papsttums.

In Wahrheit war dies aber der Anfang vom Ende der abendländischen Einheit. Denn in dem Maße wie die kaiserliche Autorität im Reich geschwächt wurde, fühlten sich die lokalen Regenten in ihrer Macht gestärkt. Den aufstrebenden Nationalstaaten gegenüber konnte der Papst zur Durchsetzung seiner Herrschaft nichts entgegensetzen.

Als der französische König den Papst in dem italienischen Städtchen Anagni handstreichartig gefangennehmen ließ, war es mit der päpstlichen Weltherrschaft vorbei. Aus der bisherigen Freiheit der Kirche wurde eine politische Abhängigkeit von Frankreich, und zwar so sehr, daß der Papst seine Residenz von Rom nach Avignon verlegte. 70 Jahre dauerte diese „babylonische Gefangenschaft“, die für die Kirche ungemein schädlich war.

In München war  inzwischen Ludwig der Bayer an die Macht gekommen. Als Johannes XXII. von Avignon aus gegen seine Wahl protestiert, ist Ludwig nicht mehr bereit, seine Regentschaft vom Papst genehmigen zu lassen. Er zieht nach Rom, macht sich selbst zum Kaiser und setzt vorübergehend einen Gegenpapst ein.

Um sein Vorgehen auch intellektuell und theoretisch abzusichern, schart er um sich die Papst- und Kirchenkritiker seiner Zeit. Bekannt sind der englische  Franziskanerpater Wilhelm von Ockham und der Magister der Pariser Universität Marsilius von Padua. In seinem berühmten Werk „Defensor pacis“ unterzieht er die Kirche und das Papsttum einer scharfen Kritik. Diese Ideen haben Einfluß genommen auf die späteren Jahrhunderte und wirken sich aus bis zum heutigen Tag: Die Macht geht vom Volk aus. Das Wort von der „Volkssouveränität“ wird geboren. Die Kirche sei nicht göttlichen Ursprungs, das Papsttum nicht göttlichen Rechts, die Hierarchie eine menschliche Erfindung, und oberste Autorität in der Kirche sei nicht der Papst, sondern das Konzil.

Die deutschen Kurfürsten legen fest, daß ein von ihnen gewählter Kandidat von nun an keine päpstliche Bestätigung mehr braucht. Sie sind jetzt die eigentlichen Königsmacher. 10 Jahre später wird in der goldenen Bulle die Wahlordnung der dt. Könige festgelegt, worin der Papst mit keinem einzigen Wort mehr vorkommt. Die Macht der ma. Papsthoheit war damit definitiv zu Ende.

Ludwig der Bayer, der zuvor noch das Kloster Ettal gegründet hatte, stirbt auf einer Bärenjagd in Fürstenfeldbruck bei München. Er hat sich mit dem Papst zwar nicht mehr versöhnt, aber er starb in den Armen eines einfachen Bauern mit dem Gebet auf den Lippen: „Süße Königin, unsere Herrin, steh mir bei in meinem Sterben.“ Es war das Jahr 1347.

In diesem Jahr 1347 wird in Siena das 24. Kind der Färbersfamilie Benincasa geboren.  Und damit sind wir – nach dieser notwendigen Einleitung – beim eigentlichen Thema unseres Abends.

In der Zeit also, wo durch Marsilius von Padua die Idee beginnt, der Mensch könne sich von Gott emanzipieren und die Kirche sei nur eine menschliche Institution, wird Caterina von Gott damit beauftragt, den Menschen ihre Geschöpflichkeit und Gottebenbildlichkeit wieder bewußt zu machen, die Heilsnotwendigkeit der Kirche vor Augen zu stellen und die Hirten zu ermahnen, sich auf ihre eigentlichen Aufgaben zu besinnen.

Die hl. Caterina von Siena

In der hl. Caterina von Siena begegnen wir einer der wunderbarsten Gestalten der Weltgeschichte. Papst Paul VI. hat sie im Jahre 1970 zur Kirchenlehrerin erhoben.  10 Jahre später nennt sie Papst Johannes Paul II. einen „Schutzengel der Kirche“, und im Herbst letzten Jahres erfolgte – neben der hl. Birgitta von Schweden und der hl. Sr. Theresia Benedicta a Cruce, Edith Stein, ihre Ernennung zur Mitpatronin Europas.

Vom hl. Franziskus heißt es, daß er in seiner Gestalt das Leben des Herrn noch einmal auf Erden sichtbar gemacht hat. Wenn es eine Frau gibt, von der man Ähnliches sagen könnte, dann ist es die hl. Caterina von Siena. Sie wird durch Gottes Gnade in eine solche Vertrautheit und Liebe zu Christus geführt, daß es für uns schwer ist, sich dies irgendwie annähernd vorzustellen. Ihr Leben dauert – wie das Leben des Herrn – nur 33 Jahre. Sie stirbt im Gehorsam gegenüber Christus aus Liebe zur Kirche.

Caterina ist zuallererst Mystikerin. Und zwar im wahrsten Sinn des Wortes, weil sie dem Mysterium, dem Geheimnis aller Geheimnisse, dem unendlichen Gott, selbst begegnet ist. Sie hat als 27-jährige in Pisa vor dem Bildnis des Gekreuzigten an ihrem Leib die Wundmale des Herrn empfangen, und 5 Jahre zuvor erlebt sie in einer Vision, wie ihr Christus das Herz aus der Brust nimmt, um ihr sein eigenes einzusetzen.

Was der hl. Paulus den Galatern geschrieben hat: „Nicht mehr ich lebe, Christus lebt in mir“ (Gal 2,20), ist bei Caterina erlebbare Wirklichkeit geworden. Für Caterina ist dies der Beginn einer ungewöhnlichen Sendung. Nun soll sie mit dem Herzen Jesu hinausgehen zu den Menschen. Christus führt sie zu den Sündern, zu den Armen, zu den verfeindeten Familien und Parteien, zu den Großen des öffentlichen Lebens, der Politik und der Kirche. Dabei begleitet sie eine Jüngerschar, bestehend aus Anhängern und Verehrern, für die sie sich als geistliche Mutter verantwortlich weiß und die ihr wie blind gehorchen.

Als sie bei einem Aufstand in Florenz von den Häschern gesucht und schließlich betend in einem Garten gefunden wird, bietet sie bereitwillig ihr Leben an und bittet nur um Schonung für ihre Jünger. Unwillkürlich erinnert diese Szene an die Gefangennahme Christi im Ölgarten. Wie bei Christus wichen auch bei Caterina die Soldaten zurück und ließen ihre Waffen sinken. Für den Herrn begann mit Getsemane die Erfüllung seines Auftrages vom Vater. Für Caterina war diese Stunde noch nicht gekommen.

Fünf Orte werden für Caterina bestimmend: die Heimatstadt Siena, die Kulturmetropole Florenz, die Hafenstadt Pisa, das päpstliche Avignon in Frankreich und Rom. Diese fünf Städte bilden sozusagen die Eckpunkte bzw. den Rahmen, zwischen denen ihr Leben ausgespannt war.

Das 14. Jahrhundert

Die Zeit, in die wir uns zurückversetzen müssen, ist das 14. Jahrhundert. In Italien ist es bereits die Frührenaissance, künstlerisch und kulturell hochbedeutend. Als Caterina 1347 in der Mitte des Jahrhunderts geboren wird, schreiben Petrarca und Bocaccio ihre großen Werke, Pisa, Florenz und Siena erweitern und vollenden ihre Dome, und die Maler Botticelli, Donatello, Masaggio, Mantegna und Filippo Lippi verewigen sich durch ihre berühmten Werke. Im Herzogtum Österreich regiert Rudolf der Stifter, und im deutschen Sprachraum entstehen die großen Universitäten Prag, Wien, Heidelberg und Köln.

Die Mitte des 14. Jhdts. ist aber auch eine Zeit großer Unruhen und Ängste. Ein Jahr nach Caterinas Geburt bricht über Europa die Pest aus, der fast die Hälfte der Einwohner zum Opfer fallen; zwischen Frankreich und England tobt der Hundertjährige Krieg, in Italien bekämpfen sich die Adelsparteien, und das Land wird von plündernden Söldnerbanden verwüstet.

Die Versuche der Päpste, nach ihrem Weggang aus Rom den Kirchenstaat von Frankreich aus irgendwie zu regieren, brachten keinen Erfolg. Ebenso erfolglos war der kurze Versuch einer Rückkehr von Papst Urban V. Die französischen Legaten und Vikare waren in Italien nicht beliebt. Außerdem störten sie die aufstrebende Selbständigkeit und das eigenmächtige Regieren der Stadtrepubliken.

Als sich Florenz und Mailand verbünden und zum Aufstand gegen den Papst drängen, folgen im Kirchenstaat 80 Städte diesem Aufruf. Die Antwort des Papstes – nach ergebnislosen Verhandlungen mit den Florentinern – war das Interdikt über Florenz und die mit ihm verbündeten aufrührerischen Städte. Das Interdikt ist eine Kirchenstrafe, die besagt, daß für eine Stadt oder ein ganzes Gebiet jegliche gottesdienstliche Handlungen untersagt sind. Ausgesetzt waren damals auch alle Verträge und Handelsbeziehungen.

Caterinas politische Tätigkeit

In dieser dramatischen Stunde tritt Caterina auf die Bühne der politischen Geschichte. Caterina ist bereits 28. In ihrem ersten uns erhaltenen Brief an Papst Gregor XI. erinnert sie ihn an die Wunden der Kirche und an seine notwendige Rückkehr nach Rom: „Wenn Sie bisher nicht recht entschlossen gewesen sind, so bitte und beschwöre ich Sie, von nun an als mutiger Mann zu handeln und Christus nachzufolgen, dessen Stellvertreter Sie ja sind. Fürchten Sie nichts, liebster Vater, weder die Stürme, die Sie bedrohen, noch den grollenden Aufruhr. Wachen Sie über die Angelegenheiten der Kirche, setzen Sie gute Hirten und in den Städten gute Obrigkeiten ein, denn die schlechten Hirten und die schlechten Obrigkeiten sind die Ursache der Auflehnung. Kehren Sie nach Rom zurück .. .zögern Sie nicht mehr. Ihre Säumigkeit hat schon viel Verwirrung entstehen lassen, und Satan versucht alles, um ihre Rückkehr zu verhindern. Mut, Heiliger Vater, keine Nachlässigkeit mehr!“

Mit den rebellischen Florentinern spricht sie in einem anderen Ton. Eine Auflehnung gegen den Papst ist für Caterina wie eine Auflehnung gegen Christus. An ein Regierungsmitglied der Stadt schreibt sie: „Ihr wißt, daß ein Glied, das von seinem Haupte getrennt ist, kein Leben in sich haben kann. Weil es nicht vereint ist mit dem, was ihm Leben mitteilt. So sage ich, geht es der Seele, die geschieden ist von der Liebe und Gnade Gottes, den Seelen derer, die ihrem Schöpfer nicht folgen, sondern vielmehr mit vielen Beleidigungen und schweren Sünden ihn verfolgen … Wenn ihr mir sagt, wir handeln nicht gegen Gott!, so sage ich: Ihr handelt gegen den, der seine Stelle vertritt.“

Und die Tatsachen? Die Heilige mahnt zum Frieden. Die Politiker dagegen benützen sie zunächst für ihr diplomatisches Spiel. Caterina kommt als Gesandte von Florenz am 23. Juni 1376 nach Avignon. Bereits zwei Tage später wird sie vom Papst empfangen. Doch der Vermittlungsversuch scheitert. Die Regierung in Florenz hat Caterina nur ausgenützt, um Zeit zu gewinnen und die Gegenkräfte zu sammeln. Daraufhin verhängt Papst Gregor über Florenz das Interdikt.

4 Monate bleibt Caterina in Avignon. Gregor XI., ein Franzose, ist verhältnismäßig jung, er ist 47, hoch gebildet, intelligent und fromm, aber zaghaft und wenig fest. Seine Umgebung will eine Abreise nach Rom mit allen Mitteln verhindern. Zu schön ist das Leben hier in Frankreich, in diesem päpstlichen Palast. Caterina ermutigt ihn mit vielen kleinen Briefen und erreicht schließlich,  daß er am 13. September Avignon verläßt. Die Galeere des Papste gerät in einen heftigen Sturm, der als böses Omen gedeutet wird. Auf der Zwischenstation ihn Genua, wo ihn Caterina bereits erwartet, versuchen die Gefolgsleute des Papstes ihn erneut zur Umkehr zu bewegen. Sie riegeln ihn hermetisch ab, um eine Begegnung mit der Heiligen zu verhindern. Verkleidet als einfacher Mönch erscheint Gregor XI. nachts vor dem Quartier Caterinas. Von ihr bestärkt setzt er die Reise nach Rom fort. Dort wird er begeistert empfangen und im Triumphzug nach St. Peter geleitet.

Das Interdikt in Florenz hatte inzwischen Wirkung gezeigt. Im Frühjahr 1378 wird Caterina im Auftrag des Papstes nach Florenz geschickt, Gregor bietet die Versöhnung an. Bald darauf stirbt er.

Die Rückkehr des Papstes nach Rom und jetzt der Friede mit Florenz: Diese beiden Erfolge sichern Caterina eine Autorität, die niemand mehr bestreiten konnte. Zum neuen Papst wurde der Erzbischof von Bari gewählt, nach 70 Jahren erstmals wieder ein Italiener. Er nennt sich Urban VI.

Das abendländische Schisma

Urban war ein sittenstrenger Priester, der die Reform der Kirche mit Nachdruck durchführen wollte, dabei aber maßlos und unklug vorging. Gegen alle Widerstände und Schmähungen nimmt ihn Caterina in Schutz. Zugleich aber bittet sie ihn um Mäßigung: „O heiliger Vater, seid geduldig … ihr seid der Vater und der Herr der ganzen Christenheit; wir sind alle unter den Fittichen eurer Heiligkeit. Eure Autorität erstreckt sich auf alles. Und trotzdem ist euer Blick wie der des Menschen begrenzt …“ Später wird sie deutlicher: „Um der Liebe des gekreuzigten Jesus willen, mäßigt ein wenig die allzu schnellen Regungen, die die Natur in Euch aufkommen läßt. Da Gott Euch ein von Natur aus großes Herz gegeben hat, so bemüht Euch, es übernatürlich groß zu haben, das heißt ein mutiges und in einer wahren Demut gefestigtes Herz.“ Durch seine schroffe und verletzende Art zogen sich die Kardinäle immer mehr zurück und verweigerten dem Papst schließlich die Gefolgschaft. 5 Monate später wählen sie aus ihren Reihen einen neuen Papst, der sich Clemens VII. nennt und seine Residenz wieder zurückverlegte nach Avignon.

Damit hatte die Kirche zwei Päpste und eine Spaltung, die das ganze Abendland über 30 Jahre lang in größtes Unglück stürzte. Denn dieser Riß der Kirche teilte nicht nur Europa, sondern auch Diözesen, Ordensgemeinschaften und Familien. Die einen hielten zu Clemens, die anderen zu Urban.

In dieser Zeit schreibt Caterina ihre „Kampfbriefe“ an die Könige von Frankreich und Ungarn, an die Königin von Neapel, an die Stadt-Regierungen in Italien und an die kirchlichen Würdenträger. Damit hat sie Urban unschätzbare Dienste erwiesen. Für sie besteht kein Zweifel: Urban ist der einzig rechtmäßige Papst. Dies können die Lügner der Welt nicht bestreiten. Bekannt ist der energische Brief an drei italienische Kardinäle, die zuerst noch zu Urban hielten, dann aber zum Gegenpapst überwechselten: Sie beginnt den Brief: „Teuerste Brüder und Väter in Christus Jesus! Ich, Caterina, Dienerin und Magd der Diener Jesu Christi, schreibe Euch in seinem Kostbaren Blut.“ Dann folgt eine lange Abhandlung über die Verblendung, und schließlich schreibt sie: „Ihr wißt und Ihr kennt die Wahrheit, daß Papst Urban VI. der rechtmäßige Papst ist, erwählt in gesetzlicher Wahl und nicht aus Furcht, in Wahrheit mehr durch göttliche Eingebung als durch Eure menschliche Bemühung … Ihr selbst habt uns diese Wahrheit verkündet. Jetzt habt Ihr als niedrige und erbärmliche Ritter die Schultern gewendet … Ihr habt Euch abgekehrt von der Wahrheit, die Euch Kraft verlieh und Euch der Lüge zugewandt. Und was ist Schuld daran? Das Gift der Eigenliebe, das die Welt vergiftet hat. Durch sie seid Ihr, die Ihr Säulen der Kirche seid, schwächer geworden als Strohhalme. Nicht duftende Blumen seid Ihr, sondern Gestank, denn die ganze Welt habt Ihr verpestet … irdische Engel solltet Ihr sein, um die verirrten Schafe zur Kirche zurück zu führen. Und nun seid Ihr selber Teufel geworden. … Ihr sagt, Ihr hättet Urban aus Angst zum Papst gewählt. Das ist nicht wahr! Wer das sagt, der lügt, wider sein besseres Wissen.“

Caterina in Rom

Urban sieht sich von vielen Seiten bedrängt. Auch militärisch kommt er unter Druck. Die Engelsburg wird von den Anhängern des Gegenpapstes eingenommen und erst nach schweren Kämpfen wieder befreit – ein Sieg, der dem Gebet Caterinas zugeschrieben wird. Aus diesem Grund steht heute seit 1962 neben der Engelsburg das römische Denkmal für die hl. Caterina.

In seiner Not hatte der Papst Caterina gebeten, nach Rom zu kommen. Ihre Nähe bereitete ihm Trost und Ermutigung. Gleich nach ihrer Ankunft läßt er sie vor dem neu ernannten Kardinalskollegium sprechen. Von ihren Worten und ihrem Auftreten sind alle zutiefst beeindruckt und wieder bestärkt.

Caterina weiß, in dieser schlimmen Lage können nur Gebet und Opfer helfen. Sie schreibt an Ordensgemeinschaften und bittet um Gebetsunterstützung, möglichst in Rom selbst. Mit denen, die kommen und mit ihrer Familia lebt sie zusammen in der Via S. Chiara. Sie selbst fühlt sich wie zermalmt und schreibt das Unglück der Kirche ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu. Täglich schleppt sie sich die 2 km zum Petersdom, um dort bei der hl. Messe zu sein und dann den Tag über bis zur Vesper im Gebet zu verbringen. Sie bietet ihr Leben an für die Kirche.

Im letzten Brief ihres Lebens – er ist an Papst Urban gerichtet –  schreibt sie: „O ewiger Gott, nimm das Opfer meines Lebens in diesem mystischen Leib der heiligen Kirche. Ich kann nichts anderes geben, als was du mir schenktest. Nimm mein Herz und drücke es in die heilige Kirche.“ Und Gott nahm ihr Opfer an. Sie schreibt weiter, indem sie offenbar dem Papst von einer Vision berichtet:„Da wandte der ewige Gott das Auge seiner Güte mir zu und riß mir das Herz aus und drückte es in die heilige Kirche.“

Die hl. Caterina starb am 29. April 1380 in Rom im Alter von 33 Jahren aus Liebe zu Gott und seiner heiligen Kirche. Ihre letzten Worte im Sterben waren: „Herr, du rufst mich … hab Erbarmen mit mir um des Blutes willen!“ Und zuletzt: „Sangue! Sangue! – Blut! Blut!“

Über die hl. Caterina wurden im Laufe der letzten 600 Jahre schon ganze Bibliotheken geschrieben, und es gibt kaum eine Seite an ihr, die nicht bereits untersucht und kritisch beleuchtet wurde. Dennoch: Vieles im Leben dieser großen hl. Jungfrau ist für uns ein Geheimnis und wird es wohl bleiben.

Das Blut Christi

Eines davon ist gewiß ihre große mystische Schau und Verehrung des Kostbaren Blutes Christi. Es gibt niemand in der Kirchengeschichte, der jemals in dieser Dichte und Fülle darüber gesprochen und geschrieben hat.

Blut ist für Caterina ein anderes Wort für Liebe. Das Erbarmen Gottes wird im Verströmen des Blutes Christi am Kreuz mit äußerster Deutlichkeit sichtbar. Damit wird für Caterina die Betrachtung des Kostbaren Blutes Jesu zur eigentlichen Betrachtung der Liebe Gottes.

Im Blut Christi wird aber auch sichtbar die Einheit von Gottheit und Menschheit, was Caterina zum Ausdruck bringt mit dem immerwiederkehrenden Wortpaar von Feuer und Blut. „Das Feuer der Gottheit wurde eingerührt ins Blut“, wird sie immer wieder schreiben, und darum ist es auch anbetungswürdig und kostbar.

Dieses Blut Christi ist der Kirche anvertraut als ihr größter Schatz, den sie zu verwalten hat.

Die Kirche

Die leidenschaftliche Liebe zur Kirche ist wohl eine zweite geheimnisvolle Seite in ihrem Leben, durch die sie hinausgehoben ist über alle anderen Heiligen und die ihr eine Sonderstellung zukommen läßt. Der hl. Augustinus hat gesagt: „In dem Maße, wie einer die Kirche liebt, hat er den Heiligen Geist.“ Und die hl. Caterina bekannte einmal in einem Brief von sich: „Meine Natur ist Feuer.“ Sie war wirklich ein Feuer. Sie brannte für Christus. Und ihre Liebe zur Kirche ist nur von daher zu verstehen.

Begonnen hat das bereits in ihrer Kindheit. Im Alter von 6 Jahren hatte sie auf dem Heimweg ins Elternhaus eine Vision. Sie sieht über dem Dach der Dominikanerkirche Christus in herrlicher Gestalt, angetan mit priesterlichen Gewändern und der Tiara auf dem Haupt, links und rechts neben ihm die beiden Apostel Petrus und Paulus und der Evangelist Johannes. Und Christus lächelt ihr zu und segnet sie. Diese Vision wird ihre Gewißheit fürs ganze Leben: „Die Kirche ist Christus selber“, und der Papst ist „sein Stellvertreter, der süße Christus auf Erden.“

Alle Briefe sind von dieser Grundeinsicht durchdrungen. An die Herren von Florenz schreibt sie: „Ihr wißt ja, daß Christus einen Stellvertreter zurückließ zum Heil unserer Seele. Wir können unser Heil nicht anders erlangen als im mystischen Leib der hl. Kirche, dessen Haupt Christus ist und dessen Glieder wir sind. Wer den Christus auf Erden – der den Christus im Himmel vertritt – nicht gehorcht, der nimmt am Blut des Gottessohnes nicht teil. Denn Gott hat es so eingerichtet, daß durch dessen Hände Christi Blut und alle Sakramente der Kirche uns zukommen. Es gibt keinen anderen Weg und keine andere Pforte für uns.“   Die Kirche als der notwendige Weg zu Gott – für Caterina ist diese Wahrheit grundlegend. Denn die Kirche wurde auf Golgotha geboren als die schönste Frucht seines Leidens und Sterbens. Wie Eva aus der Seite Adams geboren wurde, so entstand aus der geöffneten Herzwunde Jesu seine Braut, die Kirche: „Das Licht des Geistes hatte ich in der ewigen Dreieinigkeit geschaut. Und ich sah in diesem Abgrund die Würde des Menschen und zugleich das Elend, in das der Mensch durch die Todsünde fällt. Und ich sah die Notwendigkeit der hl. Kirche, die Gott in meinem Herzen offenbarte. Ich sah, daß diese Braut, die Kirche, Leben spendet, und daß sie solche Fülle des Lebens in sich hat, daß niemand sie töten kann; und daß sie Kraft und Licht spendet und daß keiner sie schwächen, noch in ihrer Wesenheit verdunkeln kann. Und ich sah, daß ihr Reichtum niemals versiegt, sondern stets wächst.“  (Durch die Heiligen und Märtyrer).

Der Papst

Weil das Blut des Erlösers in der Kirche strömt – wie in einem geheimnisvollen Leib – deshalb ist die Erlösung des Menschen und sein ewiges Heil an die Kirche gebunden. Dieses Blut, das in den Sakramenten strömt, ist der „Reichtum der Kirche“, und diesen Schatz der Kirche hat der Papst zu hüten. Er ist der „Kellermeister des Blutes“. Indem er von Christus die Gewalt bekam, zu binden und zu lösen, hat er damit die Schlüsselgewalt über das Blut. Und darin liegt seine eigentliche Macht: „Sie allein besitzen die Schlüssel zum Blut. Denn Gott hat es in Ihre Hände gelegt, das Erbe zu verschenken und die Frucht des Blutes auszuteilen. Diese Wahrheit können die Lügner der Welt nicht verwischen.“

Zu Beginn des 14. Jhdts. entstand als Reaktion gegen den äußeren Reichtum der Kirche die verbreitete Vorstellung und der Wunsch nach einer rein geistigen Kirche.

Caterina hat dagegen immer klar Stellung genommen, weil in diesen Ideen das wesentlich Katholische in Frage gestellt wird. Sie sieht das Prinzip der Inkarnation gefährdet und letztlich den Glauben an die wahre Menschwerdung des Gottessohnes. Jede Ablehnung der sichtbaren Gestalt der Kirche ist ein Irrweg: „Nur durch das äußerliche Gewand gelangt man zur Braut.“

Caterinas Kirchenkritik, von der heute gerne gesprochen wird, war etwas ganz anderes als unsere gegenwärtigen Erneuerungs-Plattformen. Niemals ging es ihr um eine Änderung der gottgesetzten Strukturen, sonder stets nur um eine Änderung der sittlichen Haltung ihrer einzelnen Glieder. Es ging ihr um eine Vertiefung unserer Liebe zu Christus. Immer wird der Papst mit „dolce babbo mio“ angeredet, „mein süßes Väterchen“. Und davon läßt sie nicht los: „Selbst wenn die Hirten und der irdische Christus fleischgewordene Teufel wären, statt eines gütigen Vaters, müßten wir dennoch gehorchen. Nicht seinetwegen, sondern Gottes wegen“, schreibt sie an die Herren von Florenz, denn „unsere Ehrfurcht gilt ja nicht ihm, sondern dem Blut und der Autorität, die Gott ihm verliehen hat. Wer gegen den Papst aufsteht, erhebt sich gegen den, dessen Stelle er vertritt.“

Die Priester

Die Priester nennt Caterina „Diener des Blutes“. Sie stehen dem Papst zur Seite. Das Blut gibt dem Priester seine Würde. Alle Ehrfurcht gilt nicht ihnen, sondern dem Blut. Als Kind lief sie auf die Straße, wenn sie unten Dominikanerpatres vorbeigehen sah, um ihre Spuren zu küssen. Und während die Patres nachts schliefen, wachte sie in ihrer Kammer, um für ihre Brüder zu beten. Sie selbst nennt sich in ihren Briefen immer „Dienerin und Magd der Diener Jesu Christi“.

Drei Laster allerdings sind es, die sich am Priester besonders schwer auswirken: Die Eigenliebe, der Geiz und die Unkeuschheit. Wir könnten mit heutigen Worten auch sagen: der Stolz bzw. Wissensdünkel, das Geld, und die Mißachtung des Zölibats. Zu allen Zeiten sind das die Grundversuchungen des Priesters.  Das Heilmittel dagegen – sagt Caterina –  ist nur die Betrachtung des Leidens Christi: „Wenn ihr das Blut des Lammes betrachtet, werdet ihr gewiß euer Herz wieder frei machen von all diesen Erbärmlichkeiten.“

Das Blut, das die Priester in den Sakramenten austeilen, ist das Blut der Kirche, und den Schlüssel dazu hat nur der Papst. Deshalb ist der Priester abhängig vom Papst. Ein Priester, der sich gegen den Papst auflehnt, ist daher ein Widerspruch in sich.

Die Sakramente

Heute wird gewiß vieles, oft allzu vieles nur in Gemeinschaft gedacht und gehandelt. Die Dynamik der Gruppe hat sich wie ein sanftes Netz ausgebreitet. Darin fühlen sich die einzelnen scheinbar ihrer Verantwortung entzogen. Aber für Caterina steht fest: Nicht die Gruppe tritt einst vor den Richterstuhl Gottes, sondern der je einzelne Mensch. Gott sagt: Ich habe dich zwar ohne Dich erschaffen, aber ich werde dich nicht ohne dich erlösen. Gott achtet den freien Willen des Menschen. Die Erlösung ist nicht ausschließlich göttliches Tun, sondern auch das Tun eines Menschen, des Gott-Menschen Jesus Christus. Und darin begründet liegt auch das Mitwirken des Menschen an seinem Heil.

Die Sakramente sind die Kanäle, in denen uns die Gnade der Erlösung im Blut Christi zufließt. Die Sakramente verachten hieße das Blut verachten, denn sie haben ihre Wirkung nur durch das Blut. An ein gefallenes Mädchen in Perugia schreibt sie mitfühlend und liebevoll ermutigend: „Eile zu deinem Schöpfer. ER wird dir seine Arme öffnen, wenn du die Todsünden aufgibst und in den Stand der Gnade zurückkehren willst. Er hat dir ja ein Bad aus seinem Blut bereitet. Dein süßer Gott wird dich nicht verstoßen.“ Und weiter: „Selbst wenn wir jeden Tag Krieg gegen Gott begännen, wir könnten doch auch jeden Tag mit Ihm wieder Frieden haben … weil das Blut stets nach Erbarmen schreit.“

Caterina will, daß wir oft die Sakramente empfangen, um so mit Christus verbunden zu werden. Die hl. Beichte taucht uns unter in das Blut des Erlösers, sie ist wie eine neuerliche Taufe. Und die Eucharistie entreißt unser Leben der Vergänglichkeit, weil sie in uns den Anfang des ewigen Lebens setzt.

Sie selbst ernährte sich die letzten 10 Jahre ihres Lebens fast nur von der Hlst. Eucharistie. Nach der Kommunion war sie oft stundenlang in Ekstase an ihrem Platz in der Kirche, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Braut Christi

Im Leben der hl. Caterina gibt es keine großen Sprünge, kein großes Auf und Ab. Alles verläuft  geradlinig auf ein Ziel hin.  Nach der ersten großen Christusvision mit 6 Jahren erwachte in Caterina eine ausgeprägte religiösen Neigung. Im Alter von 16 Jahren wird sie als Drittordensschwester bei den Dominikanerinnen in Siena aufgenommen. Von nun an trägt sie das weiße Kleid, den Schleier und den schwarzen Mantel. Man nannte diese Terziarinnen deshalb Mantellaten. 3 Jahre lebt sie nun in völliger Zurückgezogenheit von der Welt. Sie schließt sich ein ihr ihre kleine Kammer, ißt fast nichts, schläft wenig, geht nur zur täglichen hl. Messe und verbringt die Zeit völlig schweigend im Gebet und in der Betrachtung.

In diesen stillen Jahren werden ihr die großen mystischen Gnaden geschenkt. Sie spricht mit Christus, der in der Zelle immer wieder erscheint und mit ihr beisammen ist, wie mit einem Freund. Und der Herr besiegelt diese innige Freundschaft: Er erscheint ihr mit den himmlischen Geistern, der Gottesmutter und anderen Heiligen, um sich mit ihr zu vermählen. Christus steckt ihr einen Ring an den Finger, der zeitlebens für sie sichtbar bleibt.

Apostolat

Von nun an soll sie zu den Menschen gehen. Zunächst zu den eigenen Verwandten, dann hinaus zu den anderen, die ihrer Hilfe bedürfen. Sie kann Frieden stiften zwischen den verfeindeten Familien des Adels, sie pflegt Kranke und Aussätzige, sie besucht die Gefängnisse und schreibt den Gefangenen wunderbare Trostbriefe.

Berühmt geworden ist aus diesen Gefängnisbesuchen die durch Caterina erwirkte Bekehrung des jungen Adeligen aus Perugia: Nicolas Tuldo, der wegen einer Bagatelle von der herrschenden Stadtpartei zum Tode verurteilt und dann auf dem berühmten Rathausplatz, dem Campo in Siena enthauptet wurde. Die schwedische Dichterin Selma Lagerlöf hat darüber eine Novelle geschrieben. Aber die wirkliche Kronzeugin ist eine andere.

Caterina erzählt diesen ganzen Hergang ausführlich in einem Brief an ihren Beichtvater Raimund von Capua. Demnach war der Verurteilte zunächst rasend vor Wut. Dann aber fand er durch ihre Besuche im Gefängnis Zuneigung zu ihr. Er durfte seinen Kopf an ihre Brust lehnen, und am Tag der Hinrichtung  konnte sie ihn sogar zur Kommunion führen. Dabei erzählt Caterina, daß die Güte Gottes ihn durch diese menschliche Zuneigung zu ihr „überlistet“ habe. Als sie dann noch versprach, ihn am Richtplatz zu erwarten, war er voll Freude und Zuversicht. Caterina war tatsächlich bei ihm, und als er kam, entblößte sie sein Haupt, und er sagte die beiden Worte „Jesus“ und „Caterina“,  und dann empfing sie sein Haupt in ihren Händen. Und da sie Gott um ein Zeichen für seine Rettung gebeten hatte, erlebte sie im selben Augenblick seines Todes eine Vision: „Darauf erschien der Gottmensch wie die hellichte Sonne. Er öffnete seine Seite und nahm dies Blut (des Verurteilten) zu seinem Blut … und wie er es aufnahm, nahm er auch seine Seele auf und schloß sie voll Barmherzigkeit in die offene Kammer seiner Seite. … Und ich sah, wie die Seele – erkauft mit dem Blut des göttlichen Sohnes – in die Seite des Sohnes einging. Er aber machte eine liebliche Bewegung und wandte sich um und grüßte die, die ihn begleitet hatte und gab ihr ein Zeichen des Dankes.“ Und dann schreibt sie noch: „Und wie er dahingeschieden war, ruhte meine Seele in so großem Frieden und in solchem Duft des Blutes, daß ich es nicht zuwege brachte, das Blut wegzuwaschen, das von ihm auf mich gekommen war.“

Caterina und die Menschen

Die Menschen merken natürlich längst ihre große geistige Ausstrahlung, die sie so anziehend macht. Viele kommen zu ihr, sie zu sehen, sie zu berühren und mit ihr zu sprechen. Spötter verstummen, Zweifler und Kritiker bekehren sich und werden zu Bewunderern der Jungfrau.

Ihre Zeitgenossen beschreiben sie sanft, mit einem leuchtenden und reinen Blick. Sie ist von einer unbedingten Geradlinigkeit, die auch für den kleinsten Winkelzug unfähig scheint. Sie gerät in Feuer, sobald sie von Gott spricht, ohne jemals ihre Sanftmut zu verlieren.

Was die Menschen zu ihr hinzieht, ist gewiß auch das menschlich Feinfühlige, die fraulich-mütterliche Sorge, die von ihr ausgeht, der jugendliche Liebreiz. Aber dies wäre bei tausend anderen auch zu finden. Der einzige Grund ihrer Anziehungskraft ist die Heiligkeit, ihre Verbundenheit mit Christus, sodaß in ihrer Nähe etwas vom Duft des Göttlichen spürbar wird. Das Übernatürliche ist in ihr so stark und mächtig, daß davon alle angezogen werden. Sie war so vertraut mit Gott, der Herr stand so sehr im Mittelpunkt ihres ganzen Lebens, daß man auf sie mit derselben Achtung hörte, wie wenn Christus selbst gesprochen hätte. Von daher kommt ihre Sicherheit bei ihrem Auftreten vor der Welt. Wo es sich um ihre Sendung handelt, duldet sie nicht, daß man sich ihr widersetzt. Vor sich selber aber, vor Gott und vor den Oberen, die Gott ihr gibt, ist sie jene, die nicht ist und die nur Strafe verdient.

Ihre „Familie“

Bald bildet sich ein Kreis von Verehrern um sie, der sie später auf ihren Reisen begleiten wird. Zu diesem Kreis gehörten ihre Freundinnen, die Dominikanerpatres, die sie von Jugend auf kannte, und vor allem Weltleute aus allen Schichten: Politiker, Advokaten, Dichter, Theologen, Maler und junge Lebemenschen. Viele dieser Mitglieder waren aus vornehmen Familien, noch jung, und Caterina war kurz über 20. Dennoch haben sich alle der Jungfrau unterworfen und sie als ihre geistige Mutter betrachtet. Sie ist die fraglos anerkannte Autorität. Weil sie selbst unmittelbar von Gott geführt wird, gibt es für ihre Verehrer nur eine Art von Beziehung: die Jüngerschaft. Diesen Freundeskreis nennt sie ihre Familie, ihre „Truppe“.

Für unser 20. Jahrhundert ist es unvorstellbar, daß eine junge Frau mit einem religiösen Gewand bekleidet durch die Straßen zieht mit einem Trupp junger Leute, Priester und Frauen, die sich alle ihre Kinder nennen.

Man kann das Mittelalter nur verstehen, wenn man bedenkt, daß es eine Zeit des Glaubens war, und die Gesellschaft in ihrer Freiheit biegsam ist wie eine junge Pflanze.

Das bevorzugte Kind, das Gott ihr anvertraut hatte, war der 18-jährige Stefano Maconi, ein Modebürschchen aus vornehmen Haus, der zuerst Skeptiker war und dann zu ihrem größten Verehrer wurde. Er war zeitlebens einer ihrer Sekretäre und wurde entsprechend dem Willen Caterinas nach ihrem Tod Kartäuser. Als Prior und Erneuerer seines Ordens ist er heiligmäßig gestorben.

Die Person, die ihr aber von allen am nächsten stand, war der um 17 Jahre ältere Dominikaner Raimund von Capua, ihr Beichtvater und Seelenführer und ihr späterer Biograph.

Caterinas Schriften

Von Caterina selbst sind uns an die 380 Briefe erhalten. Da sie selbst erst sehr spät ein wenig lesen und schreiben gelernt hatte, wurden ihre Brief alle von ihr diktiert. Sie entstanden in einer Art ekstatischer Entrückung. Dabei waren aus ihrem Freundeskreis stets mehrere Sekretäre beschäftigt, das fließend gesprochene Diktat mitzuschreiben. Mitunter diktierte sie mehrere Briefe gleichzeitig.

Caterina kennt keine Konversation, keine langen Einleitungen. Sie hat nur einen Gedanken, eine Aufgabe und eine Liebe und die heißt: Jesus Christus. Ihre politischen Briefe beginnen alle mit einer Predigt. Der Grundtenor ist immer, die Todsünde zu meiden. Alles läuft auf die Beichte hinaus und auf den oftmaligen Besuch der hl. Messe. Sie spricht vom Glauben, vom Licht, von der Wahrheit und von Christus, der sich für uns zur Brücke gemacht hat, um Himmel und Erde zu verbinden.

4 Jahre vor ihrem Tod diktierte sie eine Art Zusammenfassung ihrer mystischen Schauungen und Einsichten: Ein Gespräch zwischen Gott und der Seele, zwischen Gott und Caterina. Dieses Buch, das ihr so sehr am Herzen lag, nannte sie deshalb den „Dialog“ oder das „Gespräch von Gottes Vorsehung“.

Die Sünde

Noch einen Bereich gibt es, der typisch ist für unsere Heilige: der Umgang mit den Sündern. Beim Umgang mit den Sündern ist die hl. Caterina sozusagen voll in ihrem Element. Kein Heiliger hat mehr wie sie der Sünde der Welt seine Aufmerksamkeit geschenkt. Sie hat sie gesehen, sie hat sie gefühlt, sie hat unter ihr gelitten und ist an ihr gestorben, so wie ihr Meister. Sie beschreibt und zergliedert die Sünde, und sie hat stets größtes Mitleid mit den Sündern. Schwieriger ist es mit den Lauen.

Die Sünde aller Sünden ist für Caterina die Eigenliebe, die maßlose Anhänglichkeit an sich selbst, die dabei vergißt, daß alles Geschenk ist und daß wir Geschöpfe sind. Eigenliebe ist, wenn der Mensch sich so sehr den Dingen zuwendet und sich an ihnen zu sättigen glaubt und dabei den Geber dieser Dinge vergißt. Die Eigenliebe – im Gegensatz zur Gottesliebe – ist die Liebe des Menschen zu sich selbst, zu etwas, das aus sich nichts ist. Und deshalb führt die Eigenliebe ins Nichts zurück, weil Gott allein der ist, der ist.

Die menschliche Eigenliebe widersetzt sich der göttlichen Barmherzigkeit. Sie steht am Ursprung jeder Sünde. Caterina ist überzeugt: „Die Eigenliebe ist es, die die Welt vergiftet hat.“  Denn „die Eigenliebe zerstört die Gottesliebe und macht den Menschen stolz, da sie ihn glauben läßt, daß das Gute, das er an sich hat, von ihm selbst und nicht von Gott her rührt“.

Selbsterkenntnis

Das notwendige Heilmittel gegen die Eigenliebe ist die Selbsterkenntnis. An dieser Selbsterkenntnis des Menschen, daß er nämlich ein Geschöpf ist und aus sich nichts ist, entscheidet sich für Caterina der Weg des Menschen, ob er nämlich Gott als seinen Schöpfer erkennt oder ob er sich der Illusion hingibt, unabhängig von Gott etwas zu sein, was letztlich eine Lüge ist. Und diese Illusion stammt vom Satan, der der Vater der Lüge ist.

Schon der hl. Paulus schreibt an die Korinther: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Hast du es aber empfangen, was rühmst du dich, als hättest du es nicht empfangen?“ (1 Kor 4,7).

Für Caterina war dies die erste und entscheidende Grunderkenntnis: Christus selbst hatte ihr diese Einsicht geschenkt: „Meine Tochter, weißt du wer du bist und wer ich bin? Wenn du diese zwei Dinge weißt, wirst du glücklich werden. Du bist die, die nicht ist. Ich dagegen bin der, der ist. Wenn du deine Seele von dieser Erkenntnis erfüllt sein läßt, wird dir der Böse Feind nichts anhaben können …“

Der „gekreuzigte Christus“

Die hl. Caterina kennt nur ein einziges Buch, das ihr Antwort gibt auf alle Fragen: den gekreuzigten Christus. Das Kreuz ist für Caterina ein Lehrstuhl, von dem herab Christus seine Wahrheit verkündet.

Die Grundeinsicht aller ihrer Betrachtungen war die Erkenntnis:

Der Mensch ist aus sich selbst nichts. Sein Dasein hat er allein von Gott. Von ihm bekommt er alles, was er braucht. Nur wenn der Mensch sich mit seinem Schöpfer vereinigt, erhält er Anteil an den göttlichen Eigenschaften: nämlich Liebe, Wahrheit und Weisheit. Nur wenn der Mensch Gott liebt, wird er auch fähig, den Nächsten zu lieben und wird er so zum Segen für die Mitmenschen. Liebe zum eigenen Ich, zu etwas, das in Wirklichkeit nicht ist, führt zum Abgrund des Nichts und schließlich in die äußerste Gottferne.

Caterina hat uns nur das gelehrt, was sie auch selbst gelebt hat. Ihre „Theologie“ ist auf das Wesentliche bezogen, lebendig und frei von abstrakter Spekulation. Ihre Sprache ist bilderreich. Sie hat eine äußerste Abneigung gegen Gedankenspielerei. Gott ist nicht ein unpersönliches, geistiges Sein, sonder der lebendige, dreipersönliche Gott, der ganz Liebe ist. Es ist der „süßeste, vielgeliebte, ewig junge und gütigste Vater“, der seine „Wahrheit“, den eingeborenen Sohn gesandt hat, um ihn durch die „feurige Fessel der Liebe“, durch den Heiligen Geist, ans Kreuz zu binden.

Der Mensch

Wer und was ist der Mensch? Auch das ist eine der Grundfragen. Und die Antwort Caterinas: Das wird nur in Christus erkennbar. Der Mensch ist aus Liebe und für die Liebe geschaffen. Er ist geschaffen nach dem Bildnis und Gleichnis Gottes. Caterina sagt: „Gott schuf den Menschen in Freiheit, einzig gezwungen von seiner Liebe, indem er in sich hineinblickte und erglühte über seine Herrlichkeit und über das Werk seiner Hände. … Er verliebte sich in die Schönheit seiner Geschöpfe und zog das Sein des Menschen aus sich heraus“ ins Dasein.

Und warum schuf er den Menschen? „Um uns teilnehmen zu lassen an Ihm, an seiner Schönheit, an seinem ewigen Gut, an seinem ewigen Leben. Denn Gott will nur unser Glück. Das ist die Wahrheit.“

„Denn hätte Gott uns nicht geliebt und nicht unser Glück gewollt, dann hätte er uns keinen solchen Erlöser geschenkt.“ Das ist der immer wiederkehrende Beweis bei Caterina.

Der Kreuzzug

Ein letzter geheimnisvoller und eher befremdender Zug im Leben Caterinas sei noch kurz erwähnt: Ihr entschiedener Einsatz für einen neuen Kreuzzug. Sie will den Kreuzzug aus mehreren Gründen: Erstens: damit der hl. Ort unseres süßen Erlösers den Händen Satans entrissen wird und damit die Ungläubigen teilnehmen könnten am Blut des Gottessohnes wie wir, „da sie doch wie wir im Blut erlöst wurden“.  Zweitens: damit die Kämpfe in Italien aufhören. Denn es ist unerträglich, daß hier Christen gegen Christen kämpfen. Was dadurch am hl. Leib der Kirche geschieht, ist eine Beleidigung Gottes. Und drittens ist sie überzeugt: Wenn auch die äußere Schlacht im Heiligen Land ergebnislos sein sollte, die innere Schlacht geht trotzdem siegreich aus, da durch den Einsatz für Christus im Vergießen des eigenen Blutes Leben gewonnen ist. Und darauf allein kommt es Caterina an. Sie denkt in allem nur aus der Sicht der Ewigkeit.

Diese Sichtweise, die uns Menschen so schwer verständlich ist, hat ihr Gott selbst einmal in einer Vision kundgetan (sie schrieb das ihrem Beichtvater in einem Brief). Gott zeigte ihr dabei das Schicksal eines Sünders, indem er zu Caterina sprach: „Du sollst wissen, um ihn vor der Verdammnis zu retten, in die er, wie du gesehen hast, gefallen war, habe ich für ihn diesen Unglücksfall zugelassen, damit er mit seinem Blut in meinem Blut das Leben habe. Denn er hatte die Ehrerbietung meiner süßen Mutter gegenüber nicht vergessen. So habe ich also bei ihm das, was die Unwissenden für Grausamkeit halten, nur aus Barmherzigkeit zugelassen.“

Das ist die Vorsehung Gottes, die für uns Menschen nicht zu durchschauen ist, aber auf die wir voll Zuversicht bauen dürfen.

Die hl. Birgitta von Schweden dachte über den Kreuzzug übrigens ganz anders. In einem Brief an Papst Gregor XI. schrieb sie, daß „Christus nicht will, daß der Papst Banden gottloser Krieger zu seinem Grab schickt.“

Die Kreuzzüge waren im 12. und 13. Jahrhundert. Jetzt im 14. Jhdt. war die Zeit dafür endgültig vorbei.

Schlußbemerkung

Zum Schluß kann man die Frage stellen: Hat Caterina ihre Sendung erfüllt?

Der Papst kam nach Rom zurück. Mit Florenz wurde Frieden geschlossen. Der Kreuzzug kam nicht zustande. Und statt der Erneuerung in der Kirche entstand das abendländische Schisma. Caterina ist daran letztlich zerbrochen. Aber dieses „Zerbrechen“ war wie das Brechen einer Hostie am Altar. Zeit ihres Lebens hat sie durch ihr Beispiel Hunderten den Weg gewiesen in die engere Nachfolge Christi. Und für Generationen wurde sie zur geistlichen Mutter und Führerin. Heute ist sie Lehrerin der Kirche und das christliche Gewissen des Abendlandes.

Der Gedanke der Einheit und der Ordnung, wie er das mittelalterliche Denken geprägt hat, ist mit der beginnenden Neuzeit verlorengegangen. Der Individualismus wirft den Menschen auf sich selbst zurück und macht ihn zum Kritiker seines eigen göttlichen Ursprungs. Damals zerfiel die Einheit Europas in eine Nationalstaatlichkeit. Heute ist man bestrebt, wieder zu einer Einheit Europas zurückzukommen. Diese Einheit aber, so erinnert uns der Heilige Vater immer wieder – ist nur möglich auf den Grundlagen der christlichen Werte. Eine Einheit Europas ohne Christus ist nicht möglich. Die heilenden Kräfte heute wie damals sind die von Caterina verkündeten großen Themen der Erneuerung: Der Mensch ist ein Geschöpf Gottes. Er ist erschaffen aus Liebe und für die Liebe. Die Sünde ist das einzige Unglück, die Kirche aber das alleinige Mittel zum Heil.

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Vortrag, gehalten am 5. April 2000 in Gmünd von Pater Werner Schmid,
Moderator der „Gemeinschaft vom heiligen Josef

im Rahmen des Initiativkreises St. Pölten