OHNE GOTT BRECHEN DIE MENSCHENRECHTE ZUSAMMEN

Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist.

Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Die Multiplikation der Rechte führt letzten Endes zur Zerstörung des Rechtsbegriffs und endet in einem nihilistischen „Recht“ des Menschen, sich selbst zu verneinen – Abtreibung, Suizid, Produktion des Menschen als Sache werden zu Rechten des Menschen, die ihn zugleich verneinen.“

Am heutigen Montag, 14. Mai 2018, erscheint weltweit der neue Band „Die Freiheit befreien – Glaube und Politik im dritten Jahrtausend“ mit politischen Texten und Reden des Theologen Joseph Ratzinger und späteren Papstes Benedikt XVI.. In Italien ist er seit dem vorhergehenden Donnerstag im Handel. Die deutschsprachige Fassung wird vom Verlag Herder herausgegeben. Das Vorwort verfasste Papst Franziskus.

Der Band enthält auch einen bisher unveröffentlichten Text, der das Datum vom 10. Oktober 2014 trägt. Darin betont Benedikt XVI. die Bedeutung des Glaubens an Gott für die Weise, wie der Mensch und seine Rechte gefasst werden.

Den Aufsatz „Die Multiplikation der Rechte und die Zerstörung des Rechtsbegriffs“ (definitiver Titel) hatte Benedikt XVI. in Reaktion auf ein Buch des italienischen Philosophen und Politikers Marcello Pera verfasst. In dessen Buch „Kirche, Menschenrechte und die Abkehr von Gott“ habe Pera seine Sicht auf die Geschichte des Liberalismus geändert:

„Mir kommt vor, dass Sie in Ihrem Buch ‚Perché dobbiamo dirci cristiani’ den Gottesgedanken der großen Liberalen anders werten als in Ihrem neuen Werk. In Ihrem neuen Opus erscheint er schon wesentlich als ein Schritt auf den Verlust des Glaubens an Gott hin.

In Ihrem ersten Buch hingegen hatten Sie für mich überzeugend dargestellt, dass der europäische Liberalismus ohne den Gottesgedanken un-verständlich und unlogisch ist. Für die Väter des Liberalismus war Gott noch Grundlage ihrer Sicht von Welt und Mensch, so dass nach diesem Buch die Logik des Liberalismus gerade das Bekenntnis zu dem Gott des christlichen Glaubens notwendig macht.

Ich verstehe, dass beide Wertungen begründet sind. Einerseits löst sich im Liberalismus der Gottesbegriff von seinen biblischen Grundlagen und verliert so langsam seine konkrete Kraft. Andererseits bleibt Gott für die großen Liberalen doch noch unverzichtbar. Man kann die eine oder andere Seite des Vorgangs stärker betonen. Ich denke, man muss sie beide nennen. Aber die Vision Ihres ersten Buches bleibt für mich unverzichtbar, dass nämlich der Liberalismus seine eigene Grundlage verliert, wenn er Gott auslässt“.

Die Multiplikation der Rechte und die Zerstörung des Rechtsbegriffs. Elemente zur Diskussion des Buches von Marcello Pera „La Chiesa, i diritti umani e il distacco da Dio“ („Kirche, Menschenrechte und die Abkehr von Gott“ 

Vatikanstadt
10. 10. 2014

Zweifellos ist Ihr Buch eine große Herausforderung an das gegenwärtige Denken, besonders auch an Kirche und Theologie. Der Hiatus zwischen den Aussagen der Päpste des 19. Jahrhunderts und der mit „Pacem in terris“ beginnenden neuen Sicht ist offenkundig und viel beredet. Er gehört ja auch zum Kernbestand des Widerspruchs von Lefèbvre und seinen Anhängern dem Konzil gegenüber. Ich fühle mich nicht imstande, eine klare Antwort auf die Problematik Ihres Buches zu geben, sondern kann nur einige Gesichtspunkte notieren, die nach meinem Dafürhalten für die weitere Debatte wichtig sein könnten.

1. Erst durch Ihr Buch ist mir klar geworden, wie sehr mit „Pacem in terris“ eine neue Richtung beginnt. Ich war mir bewusst, wie stark die Wirkung auf die italienische Politik gewesen ist, in der diese Enzyklika den entscheidenden Anstoß für die Öffnung der Democrazia Cristiana nach links gegeben hat. Ich war mir aber nicht bewusst, wie sehr sie auch in den Grundlagen ihres Denkens einen neuen Ansatz bedeutet. Dennoch hat nach meiner Erinnerung die Frage der Menschen-rechte erst durch Papst Johannes Paul II. praktisch ihren hohen Stellenwert im Lehramt und in der nachkonziliaren Theologie erhalten. Mein Eindruck ist, dass dies bei dem heiligen Papst weniger Ergebnis einer Reflexion war (die freilich bei ihm nicht fehlte), sondern Konsequenz einer praktischen Erfahrung. Gegenüber dem Totalitätsanspruch des marxistischen Staates und seiner ihn gründenden Ideologie sah er als die konkrete Waffe den Gedanken der Menschenrechte an, der die Totalität des Staates begrenzt und damit den nötigen Freiraum nicht nur für persönliches Denken, sondern vor allem auch für den Glauben der Christen und die Rechte der Kirche bietet.

Die säkulare Figur der Menschenrechte, wie sie 1948 formuliert worden waren, erschien ihm offensichtlich als die rationale Gegenkraft gegenüber dem alles umfassenden ideologischen und praktischen Anspruch des marxistisch begründeten Staates. So hat er als Papst das Anliegen der Menschenrechte als eine von der allgemeinen Vernunft anerkannte Macht weltweit gegen Diktaturen aller Art eingesetzt. Dieser Einsatz galt nun nicht mehr nur atheistischen Diktaturen, sondern auch religiös begründeten Staaten, wie sie uns vor allem in der islamischen Welt begegnen.

Der Verschmelzung von Politik und Religion im Islam, die notwendig die Freiheit anderer Religionen, so auch der Christen, einschränkt, wird die Freiheit des Glaubens entgegengestellt, die nun in gewissem Maß auch den laikalen Staat als richtige Staatsform ansieht, in der die Freiheit des Glaubens Platz findet, auf die die Christen von Anfang an Anspruch erhoben haben. Johannes Paul II. wusste sich dabei gerade auch in innerer Kontinuität mit der werdenden Kirche. Sie stand einem Staat gegenüber, der zwar religiöse Toleranz durchaus kannte, aber eine letzte Identifikation von staatlicher und göttlicher Autorität festhielt, der die Christen nicht zustimmen konnten. Der christliche Glaube, der eine universale Religion für alle Menschen verkündet, schloss damit notwendig eine grundsätzliche Begrenzung der Staatsautorität durch Recht und Pflicht des einzelnen Gewissens ein. Dabei wurde zwar nicht der Gedanke von Menschenrechten formuliert.

Es ging vielmehr darum, den Gehorsam des Menschen Gott gegenüber als Grenze dem Staatsgehorsam entgegenzustellen. Aber mir scheint, daß es nicht unberechtigt ist, die Gehorsamspflicht des Menschen Gott gegenüber als Recht dem Staat gegenüber zu formulieren, und insofern war es wohl durchaus logisch, wenn Johannes Paul II. in der christlichen Relativierung des Staates für die Freiheit des Gehorsams Gott gegenüber ein Menschenrecht ausgedrückt fand, das jeder staatlichen Autorität voraus liegt. In diesem Sinn konnte der Papst nach meinem Dafürhalten durchaus eine innere Kontinuität des Grundgedankens der Menschenrechte mit der christlichen Überlieferung behaupten, auch wenn die sprachlichen und gedanklichen Instrumente weit auseinander liegen.

2. Nach meinem Dafürhalten ist in der Lehre von der Gottebenbildlichkeit des Menschen in der Sache enthalten, was Kant ausgedrückt hat, wenn er den Menschen als Zweck und nicht als Mittel bezeichnet. Man könnte auch sagen, es sei enthalten, dass der Mensch Rechtssubjekt und nicht nur Rechtsobjekt ist. In Gen 9,5f kommt dieser elementare Grundbestand der Menschenrechtsidee, wie mir scheint, deutlich zum Ausdruck: „… Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder. Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut wird durch Menschen vergossen. Denn: Als Abbild Gottes hat er den Menschen gemacht.“ Die Gottebenbildlichkeit des Menschen schließt ein, dass sein Leben unter dem besonderen Schutz Gottes steht – dass er vor menschlichen Rechtssetzungen Träger eines von Gott selbst gesetzten Rechtes ist.

Diese Ansicht hat zu Beginn der Neuzeit bei der Entdeckung Amerikas grundlegende Bedeutung gewonnen. Da all die neu entdeckten Völker nicht getauft waren, erhob sich die Frage, ob sie überhaupt irgendwelche Rechte hätten. Zu eigentlichen Rechtssubjekten wurden sie nach der herrschenden Meinung erst durch die Taufe. Die Erkenntnis, dass sie von der Schöpfung her Ebenbild Gottes waren und auch nach der Erbsünde blieben, bedeutete zugleich die Einsicht, dass sie auch vor der Taufe schon Rechtssubjekte waren und Anspruch auf die Achtung ihres Menschseins erheben durften. Mir scheint, das hier „Menschenrechte“ erkannt wurden, die der Annahme des christlichen Glaubens und jeder wie auch immer gearteten staatlichen Macht voraus liegen.

Wenn ich recht sehe, hat Johannes Paul II. sein Engagement für die Menschenrechte in Kontinuität mit der Haltung der alten Kirche dem römischen Staat gegenüber verstanden. Tatsächlich hatte der Auftrag des Herrn, alle Völker zu seinen Schülern zu machen, eine neue Situation im Verhältnis zwischen Religion und Staat geschaffen. Eine Religion mit Universalitätsanspruch gab es bis dahin nicht. Die Religion war ein wesentlicher Teil der Identität der jeweiligen Gesellschaft.

Der Auftrag Jesu bedeutet unmittelbar nicht das Verlangen nach einer Änderung in der Struktur der einzelnen Gesellschaften. Aber er verlangt, dass in allen Gesellschaften die Möglichkeit offen bleibt, seine Botschaft anzuerkennen und nach ihr zu leben. Damit ist zunächst vor allem das Wesen der Religion neu definiert: Sie ist nicht Ritus und Observanz, die letztlich die Identität des Staates garantiert. Sie ist vielmehr Erkenntnis (Glaube), und zwar Erkenntnis von Wahrheit. Da der menschliche Geist auf die Wahrheit hin geschaffen ist, ist es klar, dass Wahrheit verpflichtet, aber nicht im Sinn einer positivistischen Pflichtethik, sondern von ihrem Wesen her und dass sie gerade so den Menschen frei macht.

Diese Verbindung von Religion und Wahrheit schließt ein Freiheitsrecht ein, das man in einer inneren Kontinuität mit dem wahren Kern der Menschenrechtslehre sehen darf, wie Johannes Paul II. es offensichtlich getan hat.

3. Sie haben mit Recht die augustinische Idee von Staat und Geschichte grundlegend dargestellt und zur Basis Ihrer Sicht der christlichen Staatslehre gemacht. Vielleicht hätte aber auch die aristotelische Vision noch mehr Beachtung verdient. Soweit ich sehen kann, ist sie im Mittelalter allerdings in der kirchlichen Tradition kaum zum Tragen gekommen, vor allem nachdem ihre Aufnahme durch Marsillius von Padua in Widerspruch mit dem kirchlichen Lehramt geraten war. Um so mehr ist sie dann seit dem 19. Jahrhundert in der sich entfaltenden katholischen Soziallehre aufgegriffen worden. Man geht nun von einem doppelten Ordo aus – dem Ordo naturalis und dem Ordo supernaturalis -, wobei der Ordo naturalis als in sich komplett betrachtet wird. Man betont ausdrücklich, dass der Ordo supernaturalis frei hinzugefügt sei und reine Gnade bedeute, die vom Ordo naturalis her nicht gefordert werden kann.

Mit der Konstruktion des rein rational zu erfassenden Ordo naturalis versuchte man, eine Argumentationsbasis zu gewinnen, auf der die Kirche ihre ethischen Positionen rein rational in den politischen Disput einbringen konnte. Richtig an dieser Sicht ist, dass auch nach der Erbsünde die Schöpfungsordnung zwar verwundet, aber nicht völlig zerstört ist. Das wahre Humanum zur Geltung zu bringen, wo der Anspruch des Glaubens nicht erhoben werden kann und soll, ist an sich eine angemessene Position. Sie entspricht der Selbständigkeit des Schöpfungsbereichs und der wesentlichen Freiheit des Glaubens. Insofern ist eine schöpfungstheologisch vertiefte Vision des Ordo naturalis im Anschluß an die aristotelische Staatslehre gerechtfertigt, ja, wohl notwendig. Freilich gibt es auch Gefahren:

a) Man vergisst sehr leicht die Realität der Erbsünde und kommt zu Optimismen, die naiv und nicht wirklichkeitsgerecht sind.

b) Wenn der Ordo naturalis als eine in sich komplette und des Evangeliums nicht bedürftige Ganzheit angesehen wird, besteht die Gefahr, dass das eigentlich Christliche als ein letztlich überflüssiger Überbau über das natürliche Menschsein erscheint. Tatsächlich kann ich mich erinnern, dass mir einmal der Entwurf für ein Dokument vorgelegt wurde, in dem zwar am Ende fromme Phrasen auftauchten, aber während des ganzen Argumentationsgangs nicht nur Jesus Christus und sein Evangelium, sondern auch Gott nicht vorkamen und so als überflüssig erschienen.

Man glaubte anscheinend, eine rein rationale Naturordnung konstruieren zu können, die dann aber rational doch nicht zwingend ist und andererseits das eigentlich Christliche ins bloß Sentimentale abzudrängen droht. Insofern wird hier die Grenze des Versuchs deutlich sichtbar, einen in sich geschlossenen, genügenden Ordo naturalis auszuarbeiten. P. de Lubac hat in seinem Werk „Surnaturel“ zu beweisen versucht, dass Thomas von Aquin selbst, auf den man sich dabei berief, es gerade nicht so gemeint hatte.

c) Ein wesentliches Problem eines solchen Versuchs besteht darin, dass mit dem Vergessen der Erbsündenlehre ein naives Vernunftvertrauen entsteht, das die tatsächliche Komplexität rationaler Erkenntnis im ethischen Bereich nicht wahrnimmt. Das Drama des Streits um das Naturrecht zeigt deutlich, dass die metaphysische Rationalität, die hier vorausgesetzt wird, nicht ohne weiteres einleuchtet. Mir scheint, dass der späte Kelsen recht hatte, wenn er sagte, die Ableitung eines Sollens aus dem Sein sei nur dann vernünftig, wenn ein Jemand im Sein ein Sollen hinterlegt hat.

Diese These freilich ist für ihn nicht diskussionswürdig. Insofern scheint mir doch alles letztlich am Gottesbegriff zu liegen. Wenn Gott ist, wenn ein Schöpfer ist, dann kann auch das Sein von ihm sprechen und dem Menschen ein Sollen aufzeigen. Wenn nicht, dann wird Ethos letztlich aufs Pragmatische reduziert. Deshalb habe ich in meiner Verkündigung und in meinen Schriften immer auf der Zentralität der Gottesfrage bestanden. Mir scheint, dass dies der Punkt ist, in dem die Vision Ihres Buches und mein Denken grundsätzlich übereinstimmen. Der Gedanke der Menschenrechte bleibt tragfähig letzten Endes nur, wenn er im Glauben an den Schöpfergott festgemacht ist. Von dort empfängt er seine Grenze und zugleich seine Begründung.

4. Mir kommt vor, dass Sie in Ihrem Buch „Perché dobbiamo dirci cristiani“ den Gottesgedanken der großen Liberalen anders werten als in Ihrem neuen Werk. In Ihrem neuen Opus erscheint er schon wesentlich als ein Schritt auf den Verlust des Glaubens an Gott hin. In Ihrem ersten Buch hingegen hatten Sie für mich überzeugend dargestellt, dass der europäische Liberalismus ohne den Gottesgedanken unverständlich und unlogisch ist. Für die Väter des Liberalismus war Gott noch Grundlage ihrer Sicht von Welt und Mensch, so dass nach diesem Buch die Logik des Liberalismus gerade das Bekenntnis zu dem Gott des christlichen Glaubens notwendig macht.

Ich verstehe, dass beide Wertungen begründet sind. Einerseits löst sich im Liberalismus der Gottesbegriff von seinen biblischen Grundlagen und verliert so langsam seine konkrete Kraft. Andererseits bleibt Gott für die großen Liberalen doch noch unverzichtbar. Man kann die eine oder andere Seite des Vorgangs stärker betonen. Ich denke, man muss sie beide nennen. Aber die Vision Ihres ersten Buches bleibt für mich unverzichtbar, dass nämlich der Liberalismus seine eigene Grundlage verliert, wenn er Gott auslässt.

5. Der Gottesbegriff schließt einen Grundbegriff des Menschen als Rechtssubjekt ein, begründet und begrenzt damit zugleich die Idee der Menschenrechte. Was geschieht, wenn der Begriff der Menschenrechte vom Gottesbegriff abgelöst wird, haben Sie eindringlich und überzeugend in Ihrem Buch dargestellt. Die Multiplikation der Rechte führt letzten Endes zur Zerstörung des Rechtsbegriffs und endet in einem nihilistischen „Recht“ des Menschen, sich selbst zu verneinen – Abtreibung, Suizid, Produktion des Menschen als Sache werden zu Rechten des Menschen, die ihn zugleich verneinen. So wird in Ihrem Buch überzeugend klar, dass der vom Gottesbegriff getrennte Begriff der Menschenrechte letzten Endes nicht nur zur Marginalisierung des Christentums, sondern letztlich zu seiner Negation führt. Dieses nach meinem Dafürhalten eigentliche Anliegen Ihres Buches ist angesichts der gegenwärtigen geistigen Entwicklung des Westens, der immer mehr seine christliche Grundlage negiert und sich gegen sie kehrt, von hoher Bedeutung.

Benedikt XVI.

kath.net dankt Seiner Heiligkeit für die freundliche Erlaubnis zur Veröffentlichung. 

_______

Quelle

D/Belgien: Kritik an van Rompuy

Herman van Rompuy

„Ja zur palliativen Begleitung – Nein zur aktiven Suizidhilfe“. Diese Haltung hat der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Thomas Sternberg, in der Auseinandersetzung über aktive Sterbehilfe in psychiatrischen Kliniken des belgischen Ordens ‚Broeders van Liefde’ bekräftigt. Er kritisiert den ehemaligen Ministerpräsidenten und ehemaligen EU-Ratspräsidenten Herman Van Rompuy, der in einem Tweet indirekt den Papst und seine Entscheidung, dem Orden Euthanasie zu verbieten, kritisiert hatte: ‚Die Tage von Roma locuta et causa finita sind vorbei’, hatte der Politiker getwittert.

„Die aktive Sterbehilfe, wie sie in Belgien, den Niederlanden und Luxemburg praktiziert wird, ist und bleibt mit der katholischen Lehre nicht vereinbar“, betonte Sternberg. „Als Christen achten wir das Recht auf Selbstbestimmung hoch. Durch ein Verbot der organisierten Suizidbeihilfe wird es gegen die Fremdbestimmung durch gesellschaftlichen Erwartungsdruck geschützt.“ Er bezeichnete als „unbegreiflich“, dass der Orden sich selbst auf das von Papst Franziskus gestellte Ultimatum hin die Sterbehilfe nicht verbieten lassen wolle.

(rv 17.08.2017 jm)

Ethikexperte: Selbsttötungs-Urteil ist „Paradigmenwechsel“

other1000821_articolo

Weihbischof Anton Losinger, Augsburg

Als „Paradigmenwechsel, der eine problematische Bewegung in Gang setzen könnte“, wertet der Augsburger Weihbischof Anton Losinger das jüngste Leipziger Urteil zur Selbsttötung. In besonderen Ausnahmefällen darf schwer und unheilbar kranken Patienten die Ausgabe von Medikamenten zur Selbsttötung künftig nicht mehr verwehrt werden, entschied das Bundesverwaltungsgericht vergangene Woche in Leipzig. Dazu sagte Losinger, der lange Zeit Mitglied im Deutschen Ethikrat war, im Gespräch mit Radio Vatikan:

„Sollte dieses Urteil in der Reichweite, wie es öffentlich beschrieben wird, in Geltung treten, wird eine schiefe Ebene in Gang gesetzt, die mehrere Ziele betrifft: Es betrifft zunächst einmal die staatliche Rechtsordnung. Soll es möglich sein, dass für extreme Ausnahmefälle durch staatliche Verordnung Medikamente in Gang gesetzt werden, deren Ziel die aktive Tötung eines Menschen in schwieriger Lage ist? Zweitens ist die Ärzteschar betroffen – und hier kommt der Warnruf des Präsidenten der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery sehr gelegen, der sehr deutlich macht, das ärztlich assistierter Suizid nicht in das Paket der ärztlichen Anwendungen gehört. Aus der Perspektive der ärztlichen Berufsordnung haben Ärzte immer gesagt: Sterbehilfe in einem aktiven Sinn ist nicht Aufgabe des ärztlichen Ethos.“

In dem Urteil ist von „extremen Ausnahmefällen“ die Rede: Voraussetzung sei, dass die Betroffenen „wegen ihrer unerträglichen Leidenssituation frei und ernsthaft entschieden haben, ihr Leben beenden zu wollen“ und ihnen keine zumutbare Alternative – etwa durch einen palliativmedizinisch begleiteten Behandlungsabbruch – zur Verfügung stehe, hieß es. Dazu gibt Losinger zu bedenken:

„Wer entscheidet das?“

„Wenn man sich die Frage stellt: Was bedeutet eigentlich extreme Ausnahmefälle, in denen eine solch unerträgliche Leidenssituation vorliegt? Geht das etwa so weit, dass Demenzfälle, Erkrankungen ein solcher Grund sein können, dass psychische Erkrankungen dazu führen, oder dass etwa schwierige Pflegesituationen das bedeuten können? Es ist völlig klar: Wenn die Frage nach extremen Ausnahmesituationen unerträglicher Lebenssituationen entsteht – wer entscheidet das? Und wo endet diese Kriterium?“

Für die Rechtsordnung in Deutschland sei ein Ausschluss aktiver Sterbehilfe „immer klar“ gewesen, so Losinger. Auch eine kommerzielle, geschäftliche Sterbehilfe wie in der Schweiz sei ausgeschlossen worden. Das Recht eines Menschen auf menschenwürdiges Sterben werde gewahrt, zeigt sich der Ethikexperte überzeugt, der auf den Aspekt des „Sterben-Lassens“ eingeht: „Dass ein Mensch das Recht und die Möglichkeit eines Therapie-Verzichtes hat – das steht jedem Menschen offen. Niemand darf etwa durch eine Intensiv-Medizin dazu gezwungen werden, ein Leben an Schläuchen über alle unabsehbaren Zeiträume hinweg führen zu müssen.“

Vor wenigen Tagen hatte in Italien noch der Fall eines schwer kranken DJ, der in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch genommen hatte, für Aufsehen gesorgt. In dem Kontext waren erneut Forderungen nach einer gesetzlichen Verankerungen eines „Rechtes“ auf assistierte Selbsttötung laut geworden, der Vatikan hatte sich klar gegen eine Selbsttötung und für mehr gesellschaftlichen Halt für Sterbewillige ausgesprochen. Losinger zeigt im Gespräch mit Radio Vatikan Verständnis für die große Belastung, der schwer kranke Menschen und ihre Familienangehörige ausgesetzt sind:

Antwort auf schwerste Lebensbedingungen: Nicht Exit, sondern Hilfe

„Es ist völlig klar, dass etwa enge Angehörige, Verwandte, Menschen, die in der Pflege beschäftigt sind, oft zutiefst beeindruckt und auch verstört sind, wenn sie schwierigste Lebenslagen von ihnen anvertrauten Menschen sehen. Gerade auch wenn man wahrnimmt, dass ein solche Mensch etwa sterben will, aber nicht sterben kann. Das wirft große Fragen für das Umfeld eines solchen kranken Menschen auf. Aber: Die Antwort kann doch niemals sein, dass aktive Sterbehilfe einsetzen muss.“

Die Antwort auf „solche schwersten Lebensbedingungen“ in der christlichen Ethik sei „nicht der Exit in den Tod, unter Umständen aktiv in Gang gesetzt, sondern Hilfe“, unterstricht der Augsburger Weihbischof, der auf die Möglichkeiten der Palliativmedizin und Schmerzversorgung sowie das Hospiz verweist. Das Potential dieser ganz auf den Patienten ausgerichteten Behandlungs- und Betreuungsformen werde unterschätzt, die Bedeutung des Sterbens als Teil des Lebens verkannt, so Losinger:

„Gerade auch Frank Ulrich Montgomery, der Präsident der Bundesärztekammer, sagt glaubhaft, dass mehr als 99 Prozent der Menschen – diese Zahl habe ich von ihm gelesen – dann von ihrer Suizidabsicht zurücktreten, wenn ihnen klar und glaubhaft eine aktive und wirksame Palliativversorgung gesichert werden kann. Und das zweite: Das Hospiz – ich denke, dass gerade mit Blick auf das Lebensende wir modernen Menschen wieder neu lernen müssen, dass vielleicht das Sterben die wichtigste Phase des Lebens ist und dass wir deswegen Menschen in dieser wichtigen Phase ihres Lebensendes eine behütete, begleitete, liebevolle Situation gewährleisten müssen, in der sie auch dann, wenn sie in einer austherapierten Situation sind, in guter Weise leben können.“

(rv 06.03.2017 pr/sk)

Der verborgene Schatz auf dem Acker des Lebens

christlichessterben

Christliches Sterben

Wort der Bischöfe zum Krankensonntag 2017
(5. März 2017)

Ob wir krank oder gesund sind, wir alle sind herausgefordert, über den Sinn der Krankheit nachzudenken und die möglichen Situationen, in die wir an unserem Lebensende geraten können, im Geiste vorwegzunehmen. Jener Tag, den viele als den letzten fürchten, war für Seneca (†65) „der Geburtstag der Ewigkeit.“ „Lebt wie Menschen, die täglich sterben”, sagt der Wüstenvater Antonius (†356) seinen Brüdern vor seinem Tod. Der französische Skeptiker Montaigne (†1592) versteht Philosophieren als ein Einüben des Sterbens. “Warum Angst vor dem Tod haben?”, sagt der blinde Mönch der Grossen Kartause im Film »Die grosse Stille«, „je mehr man sich Gott nähert, umso glücklicher ist man. Das ist die Vollendung unseres Lebens”.

Wie man sieht, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Lebensführung und dem Erleben des Todes eines Menschen. Franziskus (†1226) stirbt nackt auf dem Boden der Portiuncula, umgeben von seinen Brüdern; Benedikt (†547) stirbt stehend im Gebet der Psalmen, auf zwei Brüder gestützt; Seraphin von Sarov (†1833) übergibt seine Seele Gott kniend vor der Ikone der Gottesmutter der Freude.

Das Alter bzw. Älterwerden ist geeignet, nach dem Sinn des Lebens zu fragen, eine Frage, die durch die Dringlichkeit und Sinnhaftigkeit der Alltagsgeschäfte oft in den Hintergrund gedrängt wird. Bei Thomas von Kempen (†1471) heisst es: „Was antwortest Du auf die Frage: Warum bist du auf die Welt gekommen? Es ist von Zeit zu Zeit gut, dir diese Frage zu stellen.“ Das gilt vor allem für den letzten Lebensabschnitt. Im Psalm 138, Verse 13-16 lesen wir: „Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoss meiner Mutter. … Deine Augen sahen, wie ich entstand, in Deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war.“ Gott hat also all meine Tage angeschaut und gesegnet: auch die letzten. Ihr Sinn liegt wie ein verborgener Schatz auf dem Acker des Lebens und muss geborgen werden.

Der drohende Verlust der geistigen Kontrolle über sein Leben hat Gunter Sachs (†2011) als einen würdelosen Zustand betrachtet, dem er durch Selbsttötung entschieden entgegentreten bzw. zuvorkommen wollte. Keinen Augenblick lang habe ich jedoch persönlich den Verlust der geistigen Kraft bei meinen betagten Eltern als einen Verlust ihrer Würde erlebt. Würde hat jeder Mensch, gerade der Schwache. Allenfalls sind wir es, die sie ihm absprechen oder ihn nicht seiner Würde gemäss behandeln.

Was hat Abhängigkeit mit Würdelosigkeit zu tun? Ist ein Kind würdelos, weil es noch nicht vollkommen über sein Leben zu verfügen vermag, auf Hilfe angewiesen ist? Darf unser Dasein keine Schwäche dulden? Muss nun jeder, der schwach ist, sich als eine Zumutung für die Gesellschaft sehen, als ein Kostenfaktor, als emotionale und kräftemässige Überforderung für sein Umfeld?

Die Suizidraten bei alten Menschen nehmen zu, auch weil Teile der Gesellschaft daran sind, neue Standards zu setzen durch die Rechtfertigung und Legitimierung der Selbsttötung als Versuch der Suizidenten, bis zum Schluss die Autonomie und damit die menschliche Würde zu bewahren. Der christliche Glaube hingegen spricht seit jeher vom Übergang und Heimgang der Verstorbenen und sieht das Leben als eine grosse Bewährungs- und Vorbereitungszeit auf die Vollendung in Gott. Das lässt Christen zuversichtlich auf die Todesstunde blicken.
Mit meinen besten Segenswünschen

 

Im Auftrag der Schweizer Bischofskonferenz

✠  Marian Eleganti

_______

Quelle

Zur Debatte um die aktive Sterbehilfe und den begleiteten Suizid

Rheinland-Pfalz/ Theologieprofessor Rudolf Voderholzer am Donnerstag (06.12.12) in der Kirche St. Nikolaus in Kasel bei Trier waehrend eines Gottesdienstes. Neuer Bischof von Regensburg wird Rudolf Voderholzer. Der 53-jaehrige Theologieprofessor wurde am Donnerstag von Papst Benedikt XVI. zum Nachfolger von Gerhard Ludwig Mueller ernannt, der vor wenigen Monaten zum obersten Glaubenshueter in den Vatikan berufen worden war. Voderholzer ist gebuertiger Muenchner und lehrt Dogmatik an der Universitaet Trier. Er leitet ausserdem das "Institut Papst Benedikt XVI." in Regensburg, das die Herausgabe des theologischen Gesamtwerks von Joseph Ratzinger betreut. (zu dapd-Text) Foto: Harald Tittel/dapd

Predigt von Bischof Dr. Rudolf Voderholzer

zum Wolfgangsfest 2014

  

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

Der heilige Wolfgang hat den Glauben in unserer Stadt und in unserem Bistum bezeugt und nachhaltig gestärkt, nicht nur durch sein Leben und Wirken, sondern auch durch seine Weise zu Sterben. Wenn wir uns nach dem Schluss-Segen dieser Messfeier unten in der Wolfgangskrypta versammeln, werden wir wieder seine letzten Worte vorgetragen bekommen. „Öffnet die Türen und lasst alle herein, die mich sterben sehen wollen“. Er wollte auch an seinem Sterben Anteil geben. Und: „Sterben ist keine Schande“, Schande bringt nur ein schlechtes Leben. Ich gestehe, dass mich diese Worte, als ich sie erstmals hörte, tief bewegt haben. Dem heiligen Wolfgang, und hier ist er dem heiligen Papst Johannes Paul II. nicht unähnlich, war gegeben, auch das Sterben noch zur Glaubensverkündigung zu machen. Zwei Meister der Kunst des Sterbens, Meister in der Kunst eines Aktes, bei dem wir alle einmal Anfänger sein werden, auf den wir uns aber vorbereiten und in die wir uns einüben können.

Ich erwähne dies deshalb, liebe Schwestern und Brüder, Sie können es sich vielleicht denken, weil die Kunst des Sterbens gerade in den letzten Wochen wieder ganz neu in den Blickpunkt des öffentlichen Interesses geraten ist und wohl in den kommenden Jahren noch viel intensiver diskutiert werden wird. Das Thema wird uns künftig aufgrund der demographischen Entwicklung und der vergleichsweise großen Zahl alter Menschen als Herausforderung noch in viel größerer Wucht begegnen.

Was heißt, gerade auch im Licht des christlichen Glaubens, menschenwürdig zu sterben und menschenwürdig sterben zu lassen?

Es ist eine unbestreitbare Tatsache: „Viele Menschen fürchten sich davor, dass sie am Lebensende unnütz und einsam sind und nicht mehr über sich selbst bestimmen können. Sie fürchten sich vor Schmerzen und einem schwer ertragbaren Schwebezustand zwischen Leben und Tod. Sie möchten in Würde sterben können“ (DBK, Flyer „Sterben in Würde – Worum geht es eigentlich?“, Bonn 2014, 1).

Vor diesem Hintergrund hatte die ehemalige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger im Sommer 2013 vorgeschlagen [, durch einen neuen § 217 StGB] allein die gewerbsmäßige Suizidbeihilfe zu verbieten, mit der fatalen Folge, diese Beihilfe durch Ärzte, Angehörige und gemeinnützige Vereine für rechtens zu erklären, um nicht zu sagen zu privilegieren. Mit  dem Ende der Legislaturperiode im Sommer 2013 hatte sich der Vorschlag zur Erleichterung vieler von selbst erledigt (Vgl. Manfred Spieker, Beihilfe zum Suizid? Probleme und Folgen ihrer Legalisierung, in: Rotary Magazin 3/2015, online auf: http://rotary.de/gesellschaft/beihilfe-zum-suizid-a-7171.html [02.07.2015]).

Mittlerweile ist die Diskussion aber wieder in vollem Gange. Bundesgesundheitsminister Gröhe will bekanntlich jegliche Suizidbeihilfe verbieten. Die Debatte ist im Bundestag entbrannt, und bis zum Herbst 2015 soll eine entsprechende Regelung beschlossen werden. Schon jetzt wurden die Abgeordneten vom Fraktionszwang befreit, so dass sie allein ihrem Gewissen folgen dürfen. Auf dem Tisch liegt ein Gesetzesvorschlag, der den assistierten Suizid unter dem Mantel eines generellen Verbots [in § 217 Abs. 1 in § 217 Abs. 2 und Abs. 3] eben doch legalisiert und den Ärzten und ihrem Gutachten die Last der Entscheidung über Leben und Tod aufbürdet – was diese ja auch prompt abgelehnt haben.

Was bei uns noch diskutiert wird, ist in anderen Ländern bereits gültiges Gesetz. Trauriger Vorreiter ist unser Nachbarland Belgien. Dort wurde im Februar dieses Jahres ein Gesetz beschlossen, das die aktive Sterbehilfe sogar bei Jugendlichen ermöglicht:

„Künftig wird es Kindern und Jugendlichen, die unheilbar krank sind und unerträgliche Schmerzen haben [erlaubt sein], über den Zeitpunkt ihres Todes zu entscheiden. Sie benötigen die Zustimmung der Eltern, zudem müssen der behandelnde Arzt, unabhängige Kollegen und ein Psychologe einwilligen – aber die grundsätzliche Entscheidung liegt  beim Kind“ (Gesetzesänderung: Belgien ebnet Weg für aktive Sterbehilfe für Minderjährige, in Spiegel Panorama, online auf: http://www.spiegel.de/panorama/gesetzesaenderung-belgien-ebnet-weg-fuer-aktive-sterbehilfe-fuer-minderjaehrige-a-953181.html [02.07.2015]).

Wer verhindert, so ist mit Weihbischof Dr. Anton Losinger (vgl. seine Predigt an Karfreitag [18. April 2014] im Hohen Dom zu Augsburg, online auf: http://www.bistum-augsburg.de [02.07.2015]) zu fragen, dass die Bewegung weiter geht? Wann wird sich die belgische Euthanasiedebatte auch auf andere nicht einwilligungsfähige Personenkreise ausdehnen? Wann wird sie zu einer realen Bedrohung für Menschen mit Behinderung und psychisch kranke Menschen? Weihbischof Losinger von Augsburg, unser Spezialist in der Bischofskonferenz für die damit zusammenhängenden sozialethischen Fragen und Mitglied im Deutschen Ethikrat, ist der begründeten Überzeugung, dass in der Sterbehilfedebatte unserer Tage ein Dammbruch nicht mehr nur bevorsteht, sondern  dass der Damm schon längst gebrochen ist. Wir bewegen uns auf einer schiefen Ebene, in der sich eine lebensfeindliche Initiative stetig beschleunigt!

Dieser damit gegebenen „Kultur der Todes“, liebe Schwestern und Brüder, muss aus christlicher Verantwortung und im Blick auf die Unverfügbarkeit des Lebens als eines Geschenkes Gottes mit aller Entschiedenheit begegnet werden.

Warum ist die Duldung oder gar Legalisierung der aktiven Sterbehilfe so gefährlich?

Abgesehen einmal von der grundsätzlichen Problematik, dass das Leben unverfügbar ist, muss hier die „Dialektik der Autonomie“ gesehen werden, also die Gefahr, dass das Pochen auf dem Selbstbestimmungsrecht des Menschen im Tod umschlägt in den Verlust der Selbstbestimmung bzw. in eine totalitäre Fremdbestimmung.

Das Recht auf begleiteten Suizid kann nicht mit dem Hinweis auf das Selbstbestimmungsrecht begründet werden, weil der Suizid das definitive Ende jeder Möglichkeit der Selbstbestimmung ist und sie somit aufhebt. Das hatte schon Immanuel Kant richtig festgestellt.

Aber die Gefahr besteht auch im Hinblick auf die anderen: Eine gesetzliche Regelung nämlich, die derartige Angebote zur organisierten Hilfe  zur Selbsttötung duldet, würde dazu führen, dass der Druck auf alle Alten, Schwerkranken und Pflegebedürftigen zunimmt, von derartigen Möglichkeiten doch auch Gebrauch zu machen und den Angehörigen nicht mehr lästig zu fallen. Sie fühlten sich nicht mehr von einer selbstverständlichen Solidarität und Hilfe ihrer Mitmenschen getragen, sondern müssten sich doch noch mehr als Last und als unnütz empfinden, wo sie doch freiwillig und legal ihren Platz räumen und der Gesellschaft auch künftige Kosten ersparen könnten. Die eingeklagte Selbstbestimmung würde umschlagen in eine Fremdbestimmung durch eine lebensfeindliche, von gesellschaftlichen und ökonomischen Sachzwängen diktierte Umgebung, die sich auf die rechtlichen Möglichkeiten berufen könnte.

Liebe Schwestern und Brüder! „Wer die Humanität schützen und die Freiheit des Sterbenden wahren will, muss dafür eintreten, dass die aktive Sterbehilfe ein Tabu bleibt. Dass sie unter keinen Umständen auch  nur in Frage kommt. Doch dabei dürfen wir nicht stehen bleiben:

„[Denn] Hier gewinnt die christliche Verantwortung für eine Kultur  des Lebens eine neue Dimension. Unser Einsatz muss doch darin bestehen, nicht Hilfe zum Suizid, sondern Hilfe zum Leben bereit zu stellen“ (Losinger). Denn viele Bitten um aktive Sterbehilfe sind in den allermeisten Fällen angstdiktiert! Angst vor Schmerzen. Angst vor dem Pflegefall. Angst vor dem Alleinsein.

Da ist wirkliche Menschlichkeit gefragt! Wir müssen hier all die guten Möglichkeiten der Palliativmedizin in der Schmerzlinderung ausschöpfen. Die Mediziner sagen uns, dass niemand unter Schmerzen sterben muss. Und auch die Hospizbewegung muss deutlicher bekannt gemacht und gefördert werden. Menschen sollten in ihrer letzten Lebensphase,  die vielleicht die wichtigste Phase ihres Lebens sein kann, eine Phase, in der sie mit sich und mit Gott ins Reine kommen sollten, in einer humanen Gesellschaft, in freiheitlicher und liebevoll begleiteter Umgebung verbringen können. Ich bin dankbar für alle Initiativen, denen ich hier schon in vielfältiger Weise begegnen durfte. Aber vermutlich kommt  hier auf uns Christen noch eine Aufgabe von geradezu historischer Dimension zu. Kardinal Marx erinnerte vor kurzem in diesem Zusammenhang an Mutter Teresa, die in Kalkutta einer Kultur des Todes widerstand, indem sie rief: Gebt uns die Kinder, bevor ihr sie wegschmeißt! – Müssten wir heute nicht sagen: Gebt uns die Todkranken, gebt uns die Sterbenden, bevor ihr sie beseitigt? Wir begleiten sie! Wir nehmen sie bei der Hand, damit sie an unserer Hand, nicht durch die Hand anderer sterben. Aber sind wir auf diese Aufgabe auch schon genug vorbereitet?

Von der aktiven Sterbehilfe und der Beihilfe zur Selbsttötung ist die passive Sterbehilfe zu unterscheiden. Darunter versteht man das Sterbenlassen durch Verzicht, Abbruch oder Reduzierung eingeleiteter lebensverlängernder Maßnahmen. Die Katholische Kirche plädiert keineswegs  für eine künstliche Lebensverlängerung um jeden Preis. Begründbar ist diese passive Sterbehilfe durch die Änderung des Therapiezieles, dass also – bei erwiesener Aussichtslosigkeit – nicht mehr die heilende Therapie, sondern die Schmerzlinderung im Mittelpunkt steht. Dass es dabei zu schwierigen Entscheidungssituationen kommen kann, ist bekannt, stellt aber die grundsätzliche Unterscheidung nicht in Frage.

Öl ins Feuer der Diskussion hat vor kurzem ausgerechnet der Theologe Hans Küng gegossen. Im Blick auf seinen erst kürzlich nach langer Phase geistiger Umnachtung gestorbenen Freund, den Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens, schreibt er, ihm, Küng, könne man nicht zumuten, im Alter völlig dement dahinzuvegetieren und ganz und gar auf Andere angewiesen zu sein. Dabei hätte ihm die Aussage von Frau Jens, der einfühlsamen Ehefrau seines Freundes, zu denken geben sollen. In einem Interview mit dem Zeit-Magazin sagte sie über ihren schwer demenzkranken Mann: „Als Gesunder hat er für Sterbehilfe plädiert, und als Kranker hat er leben wollen. Mit dieser Erkenntnis bin ich noch lange nicht fertig. Doch wer hätte das Recht gehabt, ihn umzubringen?“ So Frau Jens. Offenbar ist es auch gar nicht so einfach, die eigene Entscheidung in einem solchen Falle vorwegzunehmen. A propos abhängig sein: Gehört es nicht zum Menschsein, auch anzuerkennen, dass wir – biologisch gesehen als sekundäre Nesthocker – in den ersten Lebensjahren vollkommen abhängig sind von anderen, und es eben in den letzten Lebensjahren wieder werden können, wie kleine Kinder. Angewiesen auf Wohlwollen, Zuwendung, angewiesen auf Gnade. Es ist menschlich und beeinträchtigt nicht die Würde des Menschen, auf andere angewiesen zu sein.

Noch ein anderes Beispiel hat mich bewegt, das Losinger aus dem Ethikrat erzählt hat: Prof. Armin Schmidtke, der Leiter des Nationalen Suizidpräventionsprogrammes der Deutschen Bundesregierung, berichtete in einer Anhörung des Deutschen Ethikrates über schwerverletzte Jugendliche, die er im Krankenhaus begleitete. Viele von ihnen waren nach einem schweren Motorradunfall gerade noch einmal dem Tod von der Schippe gesprungen, zum Teil arm- oder beinamputiert und psychisch extrem  angegriffen. Über  seine  Erfahrung  im  Umgang  mit  diesen Jugendlichen berichtet er: Wenn diese jungen Menschen nach ihrer  schweren Verletzung aus dem Koma erwachen und ihren Zustand erfassen, die Amputation des Armes oder Beines registrieren, dann will innerhalb der ersten acht Tage die absolute Mehrheit von ihnen sterben. Wenn allerdings nach einem halben Jahr die Therapie umgesetzt ist, eine Prothese angepasst wurde, viele gute Gespräche möglich waren, dann will die absolute Mehrheit dieser jungen Menschen leben!

Keiner von uns weiß, welche Richtung der eigene Lebensweg nehmen wird und welchem Tod wir selber entgegen gehen. Zwei Geschenke, die in ihrer Größe unbezahlbar sind, möchte man sich in dieser Stunde für jeden Menschen wünschen: Das eine ist eine liebevolle Begleitung von Menschen, die einem die Hand reichen. Das lateinische Wort pallium, von dem sich die moderne Palliativmedizin ableitet bedeutet ja auf Deutsch: der Mantel. Solche Menschen und solche Begleiter benötigen wir, die die Sterbenden in einen bergenden Mantel einhüllen, wenn sie die wichtigste und entscheidende Phase am Ende des Lebens in Freiheit und Würde tragen sollen. Doch das zweite, noch viel wesentlichere Geschenk, ist der ewige Trost, der uns im Glauben gegeben ist, im Glauben an den lebendigen Gott und seine uns bis zum Kreuz nachgehende barmherzige Liebe.

Heiliger Wolfgang, Patron unseres Bistums und Meister in der Kunst des Sterbens, bitte für uns, Amen.

_______

Quelle