Papst Franziskus: Um Gottes Barmherzigkeit betteln

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Papst Franziskus bei der Generalaudienz an diesem Mittwoch

Nicht das arrogante, sondern das demütige Gebet zieht die göttliche Barmherzigkeit auf sich. Das sagte Papst Franziskus an diesem Mittwoch bei seiner Generalaudienz auf dem Petersplatz. Er ging vom Gleichnis Jesu im 18. Kapitel des Lukasevangeliums aus, das das Gebet eines hochmütigen Pharisäers mit dem eines zerknirschten Zöllners vergleicht. Alles eine Frage der Haltung – diese Schlussfolgerung zog der Papst aus der vom Herrn geschilderten Szene.

„Beide kommen in den Tempel, um zu beten, aber sie tun es auf sehr unterschiedliche Weise und bekommen gegensätzliche Ergebnisse. Der Pharisäer betet stehend und braucht viele Worte; er streicht vor allem seine eigenen Verdienste heraus und fühlt sich anderen Menschen überlegen… zum Beispiel dem Zöllner. Aber hier liegt genau das Problem: Dieser Pharisäer betet zwar zu Gott, aber in Wirklichkeit denkt er nur an sich selbst. Er betet zu sich selbst! Statt den Herrn vor Augen zu haben, hat er da einen Spiegel.“

Das sei eigentlich gar kein richtiges Gebet, das dieser Pharisäer da spreche, beobachtete Franziskus – eher eine Aufzählung all der von ihm penibel eingehaltenen Gesetze. „Dieser Pharisäer, der sich für gerecht hält, vernachlässigt das wichtigste Gebot: die Liebe zu Gott und zum Nächsten! Es reicht also nicht, uns zu fragen, ob wir genug beten – wir sollten uns auch fragen, wie wir beten, oder besser, wie unser Herz beschaffen ist. Wir sollten unsere Gedanken und Gefühle untersuchen, um alle Arroganz und Scheinheiligkeit fahrenzulassen. Ich frage euch: Kann man mit Arroganz beten? Nein. Kann man mit Scheinheiligkeit beten? Nein. Wenn wir beten, dann stellen wir uns so vor Gott, wie wir sind.“

Das Gebet des Zöllners sei, im Unterschied zu dem des Pharisäers, ganz kurz und nicht besonders kunstvoll gewesen, fuhr Franziskus fort. „Oh Gott, sei mir armem Sünder gnädig – sonst nichts. Ein schönes Gebet! … Sein Gebet ist wesentlich. Er handelt demütig, seine einzige Sicherheit besteht darin, dass er ein Sünder ist, der Erbarmen braucht. Während der Pharisäer um nichts gebeten hat – er hatte ja auch schon alles –, bettelt der Zöllner um die Barmherzigkeit Gottes. Und das ist schön: um die Barmherzigkeit Gottes betteln! Sich mit leeren Händen vor ihn stellen, mit nacktem Herzen, und sich als Sünder anerkennen – so zeigt uns allen der Zöllner, was wir brauchen, um die Vergebung des Herrn zu erlangen. Ausgerechnet er, der so sehr Verachtete, wird dadurch zu einer Ikone des wahren Gläubigen!“

Gott habe eine Schwäche, betonte der Papst: „die Schwäche für die Demütigen“. Einem demütigen Herzen gegenüber öffne Gott sein Herz, ohne irgendetwas zurückzuhalten.

(rv 01.06.2016 sk)