Papst: die Jugend vor der „Sklaverei“ der Drogensucht schützen

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Papst Franziskus & Königin Silvia, 24. November 2016 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Franziskus empfängt die Teilnehmer einer Anti-Drogen-Konferenz in Audienz,
darunter auch die schwedische Königin Silvia

Papst Franziskus hat am Donnerstag die Teilnehmer einer von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften organisierten internationalen Tagung zum Thema Drogen in Audienz empfangen.

In seiner auf Spanisch gehaltenen Ansprache betonte das Kirchenoberhaupt, es sei notwendig Wege zu finden, um die Netzwerke der Korruption und die Formen der Geldwäsche zu kontrollieren, und dies mit dem Ziel, die Jugendlichen vor der „Sklaverei“ der Drogensucht zu schützen. Die Jugend sei die Zukunft, betonte er.

Der Papst ermutigte die Teilnehmer auch dazu, sich für ‪„die vollständige und sichere  Rehabilitation der Opfer von Drogen“ einzusetzen. ‪„Jeder Drogenabhängige trägt eine andere persönliche Geschichte mit sich, die angehört, verstanden, geliebt und wo möglich geheilt und geläutert werden muss“, sagte der Papst, der im Kampf gegen die Drogen die Prävention als eine „Priorität“ bezeichnete.

Hinter den Verteilernetzwerken der Drogen verstecke sich ein aus fünf Buchstaben bestehendes Wort: Mafia, sagte Papst Franziskus, der die Drogenproblematik aus seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires gut kennt. Diese Netzwerke seien „immens, mächtig“ und fähig, die Menschen zu töten, sowohl psychisch, physisch als sozial.

Die Tagung mit dem Titel „Drogenabhängigkeit: Probleme und Lösungen einer globalen Geißel“ hatte am Mittwoch in der „Villa Pia“ im Vatikan begonnen. Bei der Eröffnung des zweitägigen Workshops plädierte Schwedens Königin Silvia für die Prävention bei Kindern.

In ihrer Ansprache betonte die Gründerin der „World Childhood Foundation“ und Ehrenmitglied der „Mentor Foundation“, es sei notwendig, die globale Zusammenarbeit im Kampf gegen die Drogensucht fortzusetzen.

Wie Radio Vatikan meldete, unterstrich die Königin Schwedens die „Fragilität der Kinder“, welche der tödlichen Beziehung zwischen „Drogenhandel und Ausbeutung von Menschen“, insbesondere im Kriegskontext, zum Opfer fallen.

Der Direktor des UN-Büros für Drogen- und Kriminalitätsbekämpfung (UNODC) mit Sitz in Wien, Juri Fedotow, lieferte in seinem Vortrag einige aktuelle Daten. Im Laufe des Jahres 2013 hat jede 20. Person in der Altersgruppe von 15 bis 64 Jahren mindestens einmal eine illegale Substanz eingenommen, also insgesamt 246 Millionen Menschen. Dies sei eine Steigerung von 3 Millionen zum Vorjahr.

Wie Fedotow erklärte, ist die Heimat des Opiums Afghanistan, wo der Handel mit Mohnprodukten den Terrorismus der Taliban finanziert und Drogensucht, Gewalt sowie Unsicherheit schafft. Der Balkan ist dagegen der Haupttransitkorridor für Heroin. Und die wichtigsten Produzenten des Kokain sind die südamerikanischen Länder Kolumbien, Peru und Bolivien, wo Gewalt und Armut um sich greifen.

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Quelle

Mexiko: Entführter Priester tot aufgefunden

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Mexiko gedenkt der ermordeten und entführten Priester

Der entführte katholische Priester José Alfredo López Guillén ist tot. Seine Leiche wurde am Sonntag in der Stadt Junamuato im Bundesstaat Michoacan gefunden. Das teilte die Staatsanwaltschaft mit. López Guillén war am Montag letzter Woche aus seinem Pfarrhaus entführt worden.

Ungefähr gleichzeitig hatte die Polizei außerdem im Bundesstaat Veracruz die Leichen von zwei weiteren Priestern entdeckt. Sie waren ebenfalls aus einem Pfarrhaus verschleppt worden. Laut Medienberichten wiesen die Leichen Folterspuren und Schussverletzungen auf. Veracruz und Michoacan gelten als besonders gefährliche Bundesstaaten, in denen rivalisierende Drogenkartelle um die Macht kämpfen.

Die Leiche von Pfarrer López Guillén wurde nicht weit von seiner Pfarrkirche gefunden, wie die mexikanischen Medien berichten. Dem Augenschein nach sei der Priester erschossen worden. Der Fall des entführten Priesters hatte in den letzten Tagen große Medienaufmerksamkeit erfahren; Gerüchte gingen um, López Guillén sei noch am letzten Donnerstag lebend gesehen worden, in einem 5-Sterne-Hotel, in Begleitung eines Minderjährigen.

Der Erzbischof von Morelia, Kardinal Alberto Suárez Inda, hatte letzte Woche in einer Youtube-Botschaft zunächst über die Entführung des engagierten Geistlichen informiert; jetzt bestätigte er den Mord an López Guillén und fügte hinzu: „Ich muss darauf hinweisen, dass in dieser Hinsicht Nachrichten ohne jede Substanz, in einigen Fällen absolut falsche Nachrichten verbreitet worden sind. Ich danke den Medien für ihr Interesse, aber bitte sie doch darum, dass sie sich an die Wahrheit halten.“

Die Ermittler konzentrieren sich nach Medienangaben auf die Drogenbanden. Alle drei getöteten Priester hatten das Treiben der Kartelle offenbar mit deutlichen Worten verurteilt. Am Sonntag hatte sich auch Papst Franziskus von Rom aus besorgt über die Gewalt in Mexiko geäußert.

Allein während der Präsidentschaft von Enrique Peña Nieto, also seit Dezember 2012, sind in Mexiko insgesamt fünfzehn Priester sowie zwei Katecheten umgebracht worden. Das Katholische Multimedia-Zentrum, abgekürzt CCM, spricht außerdem von zwei weiteren katholischen Priestern, die schon seit geraumer Zeit in der Hand von Entführern seien und über deren Schicksal man weiter nichts wisse.

Pfarrer José Alfredo López Guillén war 53 Jahre alt und Leiter der Dreifaltigkeitspfarrei von Junamuato. 2001 war er in Morelia zum Priester geweiht worden.

(rv 26.09.2016 sk)

Papstrede bei der Begegnung mit der Arbeitswelt

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Unter den Augen Unserer Lieben Frau von Guadalupe: Papst begegnet der Welt der Arbeit in Mexiko

Im Wortlaut: Ansprache des Heiligen Vaters bei der Begegnung mit der Welt der Arbeit in Ciudad Juárez, Colegio de Bachilleres, 17. Februar 2016.

Liebe Brüder und Schwestern,

ich wollte mich mit Ihnen hier in Juárez treffen wegen der besonderen Beziehung, die diese Stadt zur Welt der Arbeit hat. Ich danke Ihnen nicht nur für die freundliche Begrüßung und Ihre Zeugnisse, welche die Sehnsüchte, die Freuden und die Hoffnungen, die Sie in Ihrem Leben erfahren, deutlich machen. Ich möchte Ihnen aber auch für diese Gelegenheit zu Austausch und Reflexion danken. Alles, was wir für den Dialog, für die Begegnung und für die Suche nach besseren Alternativen und Chancen tun können, ist schon ein Erfolg, der zu würdigen und hervorzuheben ist. Natürlich reicht das nicht, aber heutzutage können wir uns nicht den Luxus leisten, jede Möglichkeit der Begegnung, der Debatte, des Austauschs und der Suche abzuschneiden. Es ist die einzige Weise, die wir haben, um ein Morgen aufzubauen und nachhaltige Beziehungen zu knüpfen. Diese Beziehungen sollten dann in der Lage sein, das notwendige Gerüst zu bilden, das nach und nach die sozialen Bande wiederherstellt, die durch die fehlende Kommunikation und den mangelnden Respekt gegenüber dem Minimum, das für ein gesundes Zusammenleben erforderlich ist, so geschädigt sind. Danke. Möge diese Einrichtung dazu dienen, eine Zukunft aufzubauen, und eine gute Gelegenheit sein, das Mexiko zu schmieden, das sein Volk und seine Söhne und Töchter wirklich verdienen.

Ich möchte auf diesen letzten Aspekt genauer eingehen. Heute sind hier verschiedene Arbeiterorganisationen und Vertreter der Unternehmerkammern und –vereinigungen zugegen. Auf den ersten Blick könnte man sie als Gegner betrachten. Doch es verbindet sie eine gemeinsame Verantwortung: Sie suchen, Gelegenheiten für ein würdiges Arbeiten zu schaffen, das der Gesellschaft und besonders den Jugendlichen auf dieser Erde wirklich nützt. Eine der größten Geißeln, der Ihre jungen Menschen ausgeliefert sind, ist der Mangel an Möglichkeiten zur Ausbildung und zu nachhaltiger sowie einträglicher Arbeit, die es ihnen gestattet, Pläne zu machen; das erzeugt in vielen Fällen Situationen der Armut. Und diese bilden dann den günstigen Nährboden, um in die Spirale des Rauschgifthandels und der Gewalt zu geraten. Es ist ein Luxus, den sich keiner leisten kann; die Gegenwart und die Zukunft Mexikos dürfen nicht sich allein überlassen und aufgegeben werden.

Leider hat die Zeit, in der wir leben, sich das Paradigma des wirtschaftlichen Nutzens als Prinzip der personalen Beziehungen auferlegt. Die vorherrschende Mentalität will die größtmögliche Quantität an Gewinnen, zu welchem Preis auch immer und am besten sofort. Dies führt nicht nur zum Verlust der ethischen Dimension der Unternehmen, sondern vergisst auch, dass die beste Investition, die man machen kann, die ist, in die Menschen, in die Personen und in ihre Familien zu investieren. Die beste Investition ist die, Chancen zu eröffnen. Die vorherrschende Mentalität stellt den Transfer von Personen in den Dienst des Flusses des Kapitals und provoziert damit die Ausbeutung der Angestellten als Objekte, die zu gebrauchen und wegzuwerfen sind (vgl. Enz. Laudato si’, 123). Gott wird von den Sklavenhaltern unserer Tage Rechenschaft fordern, und wir müssen alles Mögliche tun, damit diese Situationen nicht weiter vorkommen. Der Fluss des Kapitals darf nicht den Fluss und das Leben der Menschen bestimmen.

Nicht wenige Male wird angesichts der Vorschläge der Soziallehre der Kirche diese selbst in Frage gestellt und gesagt: “Die fordern, dass wir Wohltätigkeitsorganisationen sind oder unsere Unternehmen zu philanthropischen Einrichtungen machen”. Die einzige Forderung, die die Soziallehre der Kirche stellt, ist die, die Integrität der Personen und der Sozialstrukturen zu beachten. Jedes Mal, wenn diese aus verschiedenen Gründen bedroht oder auf ein Konsumgut reduziert wird, wird die Soziallehre der Kirche eine prophetische Stimme sein, die uns allen hilft, sich nicht im verführerischen Meer des Ehrgeizes zu verlieren. Jedes Mal, wenn die Integrität eines Menschen verletzt wird, beginnt die ganze Gesellschaft in gewisser Weise Schaden zu nehmen. So ist das gegen niemand gerichtet, sondern dient allen zum Vorteil. Jeder Bereich hat die Verpflichtung, sich um das Wohl aller zu sorgen; wir sitzen alle im gleichen Boot. Wir alle müssen dafür kämpfen, um zu erreichen, dass die Arbeit ein Ort der Humanisierung und der Zukunft ist, ein Raum, in dem man Gesellschaft und Bürgerlichkeit aufbauen kann. Diese Einstellung führt nicht nur zu einer unmittelbaren Verbesserung, sondern wandelt sich auf lange Sicht auch zu einer Kultur, die in der Lage ist, Lebensräume, die für alle würdig sind, zu erschließen. Diese Kultur, die oft aus Spannungen erwächst, wird einen neuen Stil der Beziehungen, einen neuen Stil der Nation hervorbringen.

Welche Welt wollen wir unseren Kindern überlassen? Ich glaube, darüber können wir uns in großer Mehrheit verständigen. Das ist gerade unser Horizont und unser Ziel, für die wir uns heute zusammentun und arbeiten müssen. Es ist immer gut, darüber nachzudenken, was ich wohl gerne meinen Kindern hinterlassen würde. Und das ist auch eine gute Weise, an die Kinder der anderen zu denken. Was will Mexiko seinen Kindern hinterlassen? Will es ihnen eine Erinnerung an die Ausbeutung, an nicht ausreichende Löhne, an Mobbing am Arbeitsplatz hinterlassen? Oder will es ihnen eine Kultur der Pflege einer würdigen Arbeit, eines anständigen Heims und eines Stück Landes zum Bearbeiten hinterlassen? In welcher Kultur wollen wir die Geburt der nach uns kommenden Menschen sehen? Welche Atmosphäre werden sie atmen? Eine von der Korruption, von der Gewalt, der Unsicherheit und des Misstrauens vergiftete Luft, oder vielmehr eine Luft, die in der Lage ist, Alternativen hervorzubringen, Erneuerung und Veränderung zu schaffen?

Ich weiß, dass dieses Projekt nicht einfach ist. Aber ich weiß auch, dass es schlimmer ist, die Zukunft den Händen der Korruption, der Brutalität und der Ungerechtigkeit zu überlassen. Ich weiß, dass es oft nicht leicht ist, bei einer Verhandlung eine Übereinkunft aller Parteien zu erzielen. Aber ich weiß auch, dass es schlimmer ist – und uns am Ende mehr Schaden bringt –, wenn es gar keine Verhandlungen gibt und eine Bewertung fehlt. Ich weiß, dass es nicht einfach ist, sich mit einer Welt des immer größeren Konkurrenzkampfes zu arrangieren. Aber ich weiß auch, dass es schlimmer ist zuzulassen, dass die Welt des immer größeren Konkurrenzkampfes schließlich das Schicksal von Völkern bestimmt. Der Profit und das Kapital sind nicht Güter, die über dem Menschen stehen; sie dienen vielmehr dem Gemeinwohl. Und wenn das Gemeinwohl um des Profits willen gebeugt wird und das Kapital der einzige mögliche Verdienst wird, dann heißt das Ausschließung.

Zu Beginn habe ich Ihnen für die Gelegenheit dieses Zusammenseins gedankt. Ich möchte Sie einladen, von Mexiko zu träumen, das Mexiko aufzubauen, das Ihre Kinder verdienen. Nicht ein Mexiko, wo es Menschen erster, zweiter oder vierter Klasse gibt, sondern ein Mexiko, das im anderen die Würde des Kindes Gottes zu erkennen weiß. Möge die Jungfrau von Guadalupe, die sich Juan Diego gezeigt und damit offenbart hat, dass die scheinbar Beiseitegeschobenen ihre bevorzugten Zeugen waren, Ihnen helfen und Sie bei diesem Aufbau begleiten!

(rv 17.02.2016 cz)

Papst an Mexikos Jugend: „Ihr seid der Reichtum des Landes!“

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Papst mit Jugendlichen in Morelia

Du bist nicht dann etwas wert, wenn du eine große Karre fährst, Markenkleider trägst und schnelles Geld mit Drogen machst. Das hat Papst Franziskus bei seiner Reise in Mexiko frank und frei etlichen zehntausend Jugendlichen erklärt. „Ihr seid der Reichtum des Landes!“, ermutigte der Papst die rund 50.000 jungen Menschen, die sich in einem Stadion in Morelia zu diesem Stelldichein mit Franziskus versammelt hatten. Der zentrale Bundessstaat Michoacan mit seiner Hauptstadt Morelia ist in den vergangenen Jahren zu einem mittelamerikanischen Epizentrum der Gewalt und der organisierten Kriminalität geworden; viele der Täter – und der Opfer – sind im jugendlichen Alter, aus diesem Grund hatte der Papst darauf bestanden, Michoacan zu besuchen und ein Jugendtreffen, ritueller Termin bei allen Papstreisen, gerade hier anzusetzen.

Reichtum, Hoffnung und Würde: auf diese drei Worte konzentrierte Papst Franziskus seine teils improvisierte Ansprache an die Jugendlichen. Zunächst machte er ihnen klar, dass niemand in Hoffnung leben kann, der keine Wertschätzung für sich selbst hat, der es „nicht schafft zu spüren, dass sein Leben, seine Hände, seine Geschichte Wert haben“. Franziskus nannte eine Reihe geradezu tödlicher Bedrohungen für die junge Seele: „wenn du meinst, dass es ganz gleich ist, ob du da bist oder nicht“; sich einzureden, erst dann etwas zu gelten, „wenn du dich hinter der Maske der Kleidung, der Marken, des letzten Schreis der Mode versteckst“ oder zu meinen, mit Geld könne man alles kaufen, einschließlich Zuneigung, oder zu glauben, „weil du eine große Karre hast, bist du glücklich“.

Franziskus gab den Jugendlichen zu verstehen, dass er ihre Lage in Mexiko kennt. Er sprach von ihren Freunden und Angehörigen, die „in den Händen des Rauschgifthandels, der Drogen, der kriminellen Organisationen sind, die Terror verbreiten“, er sprach von Arbeitslosigkeit, verschlossenen Wegen zu Bildung und ein Ausmaß von Entrechtung, das „einen schließlich in Grenzsituationen treibt“.

Der Ausweg in solchen Situationen habe einen Namen: Jesus. Er selbst, so merkte Franziskus persönlich an, sei „in Jesus dem begegnet, der imstande ist, das Beste in mir selbst zu entfachen“. An der Hand von Jesus „können wir den Weg gehen, an seiner Hand können wir jedes Mal wieder neu beginnen“. Und „ich bitte euch –  von der Hand Jesu aus – lasst euch nicht ausschließen, lasst euch nicht herabwürdigen, lasst euch nicht wie Ware behandeln… Und wenn ihr hinfallt, lasst euch von ihm aufhelfen.“

Triumph, das sei nicht etwa, nie hinzufallen, nein: Triumph heiße, immer aufzustehen, zitierte Franziskus ein populäres Lied. Er bat die Jugendlichen, nach dem Vorbild Jesu auch anderen zu helfen: „Geht hin und bietet ihm die Hand zum Aufstehen, aber mir Würde. Nähert euch, hört zu, sagt nicht: hier, ich bring dir das Rezept. Nein, mit Geduld, aufrichten mit Wörtern, mit Zuhören. Lass dir erzählen. Und dann hilf ihm auf, im Namen von Jesus Christus. Keine Strafpredigt! Lasst nie die Hand von Jesus Christus los.“

Franziskus weitete dann den Blick vom Individuellen zum Gemeinschaftlichen. Er rief die Jugendlichen dazu auf, ein „Heiligtum“ zu bauen, keinen physischen Ort, sondern eine Gemeinschaft, Pfarrei oder Nation. „Die Gemeinschaft, die Familie, das Gefühl, Bürger zu sein – dies ist eines der wichtigsten Gegenmittel gegen all das, was uns bedroht“. Jesus sei dabei derjenige, der Leben garantiere. „Jesus würde uns nie dazu auffordern, Auftragsmörder zu sein, sondern er nennt uns Jünger.“

Die Jugendlichen hatten Franziskus mit schierem Enthusiasmus empfangen. Der 79-jährige Papst, der zuvor etwas müde gewirkt hatte, ließ sich von dieser Welle der Begeisterung mittragen. Zwei Mädchen mit Down-Syndrom stürmten zu Beginn der Feier auf ihn zu und warfen sich dem Papst förmlich ans Herz. Später, als die Jugendlichen ihre vorbereiteten Fragen am Mikrofon stellten, saß Franziskus wach und aufgeräumt auf seinem schlichten weißen Sessel im Stadion, wie ein Student mit Schreibblock und Stift, und machte sich Notizen, die er dann in seine vorbereitete Rede einarbeitete. Vielen Jugendlichen stiegen die Tränen in die Augen, als sie den Papst so persönlich und unmittelbar über ihre täglichen Herausforderungen sprechen hörten. Auch Franziskus selbst schien nach einen Taschentuch zu suchen, als aus vollen Kehlen ein Lied zu „Christus König“ angestimmt wurde, das der Papst mitsang. Am Ende der Feier stiegen weiße Luftballons in den Himmel, und Dutzende große Holzkreuze wurden durch das Stadion getragen. Sie symbolisierten den Auftakt einer besonderen Aktion zur Jugendmission.

(rv 16.02.2016 gs)


 

Papstrede an Jugendliche in Morelia

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Papst Franziskus bei seiner 12. Apostolischen Reise nach Mexiko

Im Wortlaut: Ansprache des Heiligen Vaters bei der Begegnung mit den Jugendlichen im Stadion „José María Morellos y Pavón“ in Morelia am Dienstag, 16. Februar 2016.

Liebe junge Freunde, guten Abend.

Als ich in diesem Land ankam, wurde ich mit einem herzlichen Empfang begrüßt. Dabei ist mir aufgefallen, was ich schon seit langem gefühlsmäßig wusste: die Lebendigkeit, die Freude, die frohe Begeisterung des mexikanischen Volkes. Nun … nachdem ich euch gehört, besonders aber, nachdem ich euch gesehen habe, stelle ich erneut mit weiterer Gewissheit fest, was ich dem Staatspräsidenten bei meinem ersten Gruß gesagt habe. Einer der größten Reichtümer des mexikanischen Landes hat ein junges Gesicht, sind seine jungen Menschen. Ja, ihr seid der Reichtum dieses Landes. Und ich sage nicht die Hoffnung dieses Landes, ich sage: sein Reichtum.

Man kann nicht die Hoffnung leben, die Zukunft fühlen, wenn es einer zuerst nicht schafft, sich zu schätzen, wenn er es nicht schafft zu spüren, dass sein Leben, seine Hände, seine Geschichte Wert haben. Die Hoffnung entsteht, wenn man erfahren kann, dass nicht alles verloren ist, und deswegen ist die Übung notwendig, „zu Hause“ anzufangen, bei sich selbst anzufangen. Nicht alles ist verloren. Ich bin nicht verloren, ich bin etwas wert und bin viel wert. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung sind Reden, die dich herabwürdigen, die dir das Gefühl geben, minderwertig zu sein. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung ist, wenn du meinst, dass du niemanden wichtig bist oder dass du beiseitegeschoben wirst. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung ist, wenn du meinst, dass es ganz gleich ist, ob du da bist oder nicht. Das tötet, das richtet uns zugrunde und ist das Einfallstor für sehr viel Schmerz. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung ist, dir einzureden, dass du erst dann etwas giltst, wenn du dich hinter der Maske der Kleidung, der Marken, des letzten Schreis der Mode versteckst oder wenn du angesehen, wichtig bist, weil du Geld hast, im Grunde aber dein Herz nicht glaubt, dass du der Zuneigung und Liebe würdig bist. Die Hauptbedrohung für die Hoffnung ist, wenn einer meint, dass er Geld haben muss, um alles, einschließlich die Zuneigung der anderen, zu kaufen. Die Hauptbedrohung ist, zu glauben, weil du eine große „Karre“ hast, bist du glücklich.

Ihr seid der Reichtum Mexikos, ihr seid der Reichtum der Kirche. Und ich verstehe, dass es oft schwierig ist, sich als Reichtum zu fühlen, wenn wir uns ständig dem Verlust von Freunden oder Angehörigen ausgesetzt sehen, die in den Händen des Rauschgifthandels, der Drogen, der kriminellen Organisationen sind, die Terror verbreiten. Es ist schwer, sich als Reichtum einer Nation zu fühlen, wenn man keine Gelegenheit zu einer würdigen Arbeit hat, keine Möglichkeit zu Studium und Ausbildung, wenn man merkt, dass die Rechte nicht anerkannt werden, und dies einen schließlich in Grenzsituationen treibt. Es ist schwer, sich als Reichtum eines Ortes zu fühlen, wenn man, weil man jung ist, für gemeine Zwecke ausgenutzt wird, indem man mit Versprechungen gelockt wird, die am Ende keine sind.

Aber trotz alledem werde ich nicht müde, es zu sagen: Ihr seid der Reichtum Mexikos. Glaubt nicht, ich sage euch das, weil ich gut bin oder weil ich mich auskenne. Nein, liebe Freunde, es ist nicht so. Ich sage euch das und bin davon überzeugt. Wisst ihr warum? Weil ich wie ihr an Jesus Christus glaube. Er erneuert ständig in mir die Hoffnung; er erneuert ständig meinen Blick. Er lädt mich ständig ein, mich im Herzen zu bekehren. Ja, meine Freunde, ich sage euch das, weil ich in Jesus dem begegnet bin, der imstande ist, das Beste in mir selbst zu entfachen. An seiner Hand können wir den Weg gehen, an seiner Hand können wir jedes Mal wieder neu beginnen; an seiner Hand können wir den Mut haben zu sagen: Es ist nicht wahr, dass die einzige Art und Weise zu leben für Jugendliche darin besteht, sein Leben dem Rauschgifthandel zu überlassen oder all denen, die einzig und allein Zerstörung und Tod verbreiten. An seiner Hand können wir sagen, dass es nicht wahr ist, dass die einzige Art und Weise zu leben für Jugendliche in der Armut und Ausgrenzung liegt; Ausgrenzung von den Chancen, Ausgrenzung von den Bewegungsmöglichkeiten, Ausgrenzung von Bildung und Erziehung, Ausgrenzung von der Hoffnung. Jesus Christus straft alle Versuche Lügen, die euch unnütz oder zu reinen Knechten der Ambitionen anderer machen wollen.

Ihr habt mich um ein Wort der Hoffnung gebeten. Das Wort, das ich euch geben kann, heißt Jesus Christus. Wenn alles schwer scheint, wenn es scheint, die Welt breche auf uns herein, dann umfasst sein Kreuz, umarmt ihn und, bitte, reißt euch nie von seiner Hand los, bitte, geht nie weg von ihm. Denn an seiner Hand können wir wirklich leben, an seiner Hand können wir glauben, dass es sich lohnt, sein Bestes zu geben, Sauerteig, Salz und Licht unter den Freunden, im Viertel, in der Gemeinschaft zu sein. Daher, liebe Freunde, bitte ich euch – von der Hand Jesu aus –, euch nicht ausschließen zu lassen, euch nicht herabwürdigen zu lassen, euch nicht wie eine Ware behandeln zu lassen. Sicher, wahrscheinlich habt ihr nicht das neueste Automodell in der Einfahrt, habt ihr nicht die Brieftasche voller Geld, aber ihr habt etwas, das euch niemand nehmen kann, nämlich die Erfahrung, sich geliebt, umarmt und begleitet zu wissen. Es ist die Erfahrung, sich als Familie, als Gemeinschaft zu fühlen.

Heute ruft der Herr euch weiter, er ruft euch weiter zusammen, wie er es mit dem Indio Juan Diego gemacht hat. Er lädt euch ein, ein Heiligtum zu bauen. Ein Heiligtum, das kein physischer Ort ist, sondern eine Gemeinschaft, ein Heiligtum, das Pfarrei heißt, ein Heiligtum, das Nation heißt. Die Gemeinschaft, die Familie, das Gefühl, Bürger zu sein – dies ist eines der wichtigsten Gegenmittel gegen all das, was uns bedroht, denn es lässt uns spüren, dass wir Teil dieser großen Familie Gottes sind. Nicht um uns zurückzuziehen, nicht um uns zu verschließen, sondern vielmehr um hinauszugehen und andere einzuladen, um hinauszugehen und allen mitzuteilen, dass jung sein in Mexiko der größte Reichtum ist und daher nicht geopfert werden kann.

Jesus würde uns nie dazu auffordern, Auftragsmörder zu sein, sondern er nennt uns Jünger. Er würde uns nie ins Verderben schicken, sondern alles an ihm ist eine Einladung zum Leben. Ein Leben in Familie, ein Leben in der Gemeinschaft; eine Familie und eine Gemeinschaft zugunsten der Gesellschaft.

Ihr seid der Reichtum dieses Landes. Wenn ihr daran zweifelt, dann schaut auf Jesus Christus. Er straft alle Versuche Lügen, die euch unnütz oder zu reinen Knechten der Ambitionen anderer machen wollen.

(rv 16.02.2016 cz)

Mexiko: Kirchenvertreter in der Schusslinie

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Selbstverteidigung oder Teil der Gewalt? Milizionär in Michoacán

Es sind immer wieder Priester und Ordensleute, die im Drogenkrieg Mexikos zu Opfern werden. Den Widerstand der Kirche gegen die Kartelle und deren Gewalt will Papst Franziskus an diesem Dienstag ganz besonders würdigen. Dazu geht er in eine der Hochburgen des Drogenkrieges, in die Provinz Michoacán.

Damit zeichnet der Papst allein schon durch seinen Reiseplan ein Bild der Herausforderungen Mexikos: Am Montag war es die Indigenen-Region Chiapas, in der der Papst um Entschuldigung für jahrhundertelange Entrechtung bat. Sonntag war Papst Franziskus in Ecatepec, das von Kriminalität und Armut gezeichnet ist. Am Mittwoch wird es Ciudad Júarez sein, Ort der Flucht und der Opfer der Migration.

An diesem Dienstag nun ist es Morelia in der Provinz Michoacán, die Region gilt als eine der gewalttätigsten im grausamen Drogenkrieg. Krieg ist hier wörtlich zu verstehen, zahlreiche internationale Organisationen führen die gewalttätigen Konflikte zwischen Armee und Drogen-Armeen nicht mehr als Kriminalität, sondern tatsächlich als Krieg. Das Gewaltmonopol des Staates existiert praktisch nicht mehr.

Der Preis ist hoch; nach einer Gewaltwelle 2013 gab die Bundesregierung Mexikos an, etwa 15 Prozent des Bruttoinlandsproduktes durch die Gewalt zu verlieren.

2013 kam es zu einem bemerkenswerten Ereignis: Etwa 400 Mitglieder einer Bürgerwehr nahmen einem Drogenkartell die Stadt Tancitaro ab, auch diese liegt im Staat Michoacán. Diese grupos de autodefensas wenden sich verstärkt gegen die Kartelle, die bewaffneten Milizen sorgen selbst für die öffentliche Sicherheit und geben an, sich gegen Erpressung, Entführung und Gewaltdelikte durch die Drogenbarone zur Wehr zu setzen. Ob dem wirklich so ist oder ob die Gruppen doch mit anderen Kartellen zusammenarbeiten, ist kaum von außen einzuschätzen. Fast in der Hälfte der 32 Bundesstaaten Mexikos soll es mittlerweile Selbstverteidigungsgruppen geben.

Nach den Milizen kam dann 2013 auch das Militär verstärkt in die Region. Dass nun Papst Franziskus den Staat und seine Gläubigen besuchen kann, gilt auch als Zeichen einer zunehmenden Beruhigung.

Solidarität mit den Priestern und Ordensleuten

In Mexiko sind seit 2013 elf Geistliche ermordet worden, den letzten hat man im November 2015 gefoltert und zum Teil verbrannt an einer Straße gefunden. Wenn man 25 Jahre zurück schaut waren es laut einem Bericht des mexikanischen „Centro Católico Multimedial“ (CCM, Katholisches Multimediazentrum) insgesamt 44 Kirchenvertreter: Ein Kardinal, 38 Priester, ein Diakon und vier Mönche, außerdem noch ein katholischer Journalist. Das Zentrum warnt, dass die Zahlen in den vergangenen Jahrzehnten stark angestiegen seien, seit fünfundzwanzig Jahren stünden Priester und Ordensleute verstärkt in der Schusslinie.

Insgesamt sterben jedes Jahr tausende Menschen in Mexiko bei blutigen Fehden zwischen rivalisierenden Kartellen und Kämpfen mit den Sicherheitskräften.

Papst Franziskus hatte bereits in einer seiner ersten Ansprachen die Bischöfe des Landes mit deutlichen Worten dazu aufgerufen, gegen den Drogenkrieg und den Handel Stellung zu beziehen. Die Kirche solle ein „Netz“ aufbauen und auf keinen Fall die Gefahr unterschätzen, so der Papst:

„Die Proportion des Phänomens, die Vielschichtigkeit seiner Ursachen, die Unermesslichkeit seiner Ausbreitung wie verzehrende Metastasen, die Schwere der zersetzenden Gewalt und seine wirren Verbindungen gestatten uns Hirten der Kirche nicht, uns in allgemeine Verurteilungen zu flüchten, sondern verlangen einen prophetischen Mut und ein ernstes und qualifiziertes pastorales Projekt, um dazu beizutragen, schrittweise jenes feine menschliche Netz zu knüpfen, ohne das wir alle von vornherein besiegt wären von dieser heimtückischen Bedrohung. Nur indem man mit den Familien beginnt; indem man sich der menschlichen und existenziellen Randzone der trostlosen Gebiete unserer Städte nähert und sie umfasst; indem man die Pfarrgemeinden, die Schulen, die gemeinschaftlichen Einrichtungen, die politischen Gemeinden und die Sicherheitsstrukturen einbezieht – nur so wird man viele Leben ganz aus dem Fahrwasser befreien können, in dem sie erbärmlich ertrinken: sei es das Leben derer, die als Opfer sterben, sei es das Leben derer, die vor Gott immer blutbefleckte Hände haben werden, auch wenn ihre Tasche mit schmutzigem Geld gefüllt und ihr Gewissen betäubt ist.”

(rv 16.02.2016 ord)

Im Wortlaut: Franziskus an Mexikos Bischöfe

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Papst auf dem Weg zur Kathedrale von Mexico City

APOSTOLISCHE REISE SEINER HEILIGKEIT
PAPST FRANZISKUS NACH MEXIKO.

Ansprache bei der Begegnung mit den Bischöfen Mexikos,
Mexiko-Stadt, Kathedrale, 13. Februar 2016

Ich freue mich, euch am Tag nach meiner Ankunft in diesem geliebten Land begegnen zu können; auf den Spuren meiner Vorgänger bin auch ich gekommen, um es zu besuchen.

Es war einfach unmöglich, nicht zu kommen! Könnte der Nachfolger des Petrus, der aus dem entfernten Süden Lateinamerikas gerufen wurde, darauf verzichten, die Jungfrau Morenita mit eigenen Augen anschauen zu dürfen?

Ich danke euch, dass ihr mich in dieser Kathedrale, in dieser  „casita”, dem „Häuschen”, um das die Jungfrau von Guadelupe gebeten hatte, empfangt; es ist zwar vergrößert, doch immer geweiht („sagrada”). Und ich bedanke mich auch für die liebenswürdigen Begrüßungsworte, die ihr an mich gerichtet habt.

Da ich weiß, dass sich hier das geheime Herz jedes Mexikaners befindet, trete ich mit sachten Schritten ein, wie es sich gehört, wenn man in das Haus und in die Seele dieses Volkes eintritt. Und ich bin zutiefst dankbar, dass ihr mir die Tür geöffnet habt. Ich weiß, dass ich, wenn ich in die Augen der Jungfrau schaue, den Blick ihres Volkes erreiche, das gelernt hat, sich in ihr auszudrücken. Ich weiß, dass keine andere Stimme mir so tiefgründig vom mexikanischen Herz erzählen kann, wie es die Jungfrau vermag; sie bewahrt seine größten Wünsche und seine geheimsten Hoffnungen; sie nimmt seine Freuden und seine Tränen auf; sie versteht die zahlreichen Mundarten dieser Menschen und antwortet mit der Zärtlichkeit einer Mutter, weil sie ihre Kinder sind.

Ich freue mich, bei euch zu sein, hier in der Nähe des Hügels von Tepeyac, gleichsam beim Tagesanbruch der Evangelisierung dieses Kontinents, und ich bitte euch, mir zu gestatten, dass ich alles, was ich euch sage, von der Guadalupana, der Jungfrau von Guadalupe ausgehend entwickle. Wie wünsche ich mir, dass sie selbst all das, was eindringlich dem Herzen des Papstes  entströmt, bis auf den Grund Eurer Hirtenseele tragen möge und durch euch in jede eurer Teilkirchen in diesem weiten Land Mexiko!

Wie der heilige Juan Diego und die folgenden Generationen  der Kinder der Guadalupana, so hat auch der Papst seit langem den Wunsch gehegt, sie anzuschauen. Mehr noch, ich selbst wollte von ihrem mütterlichen Blick erreicht werden. Ich habe viel über das Geheimnis dieses Blickes nachgedacht, und ich bitte euch anzunehmen, was in diesem Moment aus meinem Hirtenherzen hervorsprudelt.

Ein Blick der Zärtlichkeit

Vor allem lehrt uns die „Virgen Morenita”, dass die einzige Kraft, die fähig ist, das Herz der Menschen zu gewinnen, die Zärtlichkeit Gottes ist. Das, was begeistert und anzieht, was nachgiebig macht und überwältigt, was öffnet und Fesseln löst, ist nicht die Kraft der Mittel oder die Härte des Gesetzes, sondern die allmächtige Schwachheit der göttlichen Liebe, das heißt die unwiderstehliche Kraft seiner Sanftmut und die unwiderrufliche Verheißung seiner Barmherzigkeit.

Ein ruheloser und berühmter Literat eures Landes (Octavio Paz) hat gesagt, dass in Guadalupe nicht mehr um eine reiche Ernte oder um die Fruchtbarkeit des Bodens gebetet wird, sondern dass man Sehnsucht hat nach einem Schoß, in dem die immer noch verwaisten und verstoßenen Menschen eine Sicherheit, ein Zuhause suchen.

Hat sich Jahrhunderte nach dem Gründungsereignis dieses Landes und nach der Evangelisierung des Kontinents das Bedürfnis nach einem Schoß, den das Herz des euch anvertrauten Volkes ersehnt, etwa aufgelöst oder ist es vergessen worden?

Ich kenne die lange und schmerzliche Geschichte, die ihr durchgemacht habt, nicht ohne viel Blutvergießen, nicht ohne ungestüme und erschütternde Umwälzungen, nicht ohne Gewalt und Unverständnis. Mit Recht hat mein verehrter und heiliger Vorgänger, der sich in Mexiko wie zu Hause fühlte, gesagt: »Wie Flüsse, die mitunter im Verborgenen fließen, aber stets reichlich Wasser führen […] so stellt sich die Geschichte dieses Landes als eine Geschichte von drei Realitäten dar, die sich einmal begegnen und andererseits ihre sich gegenseitig ergänzenden Unterschiede offenlegen, ohne sie jedoch ganz zu vermischen: die antike und reiche Sensibilität der Indianervölker, die Juan de Zumárraga und Vasco de Quiroga verehrten, welche von vielen heute noch Väter genannt werden; das Christentum, das tief in der mexikanischen Seele verwurzelt ist; und schließlich die moderne Rationalität europäischer Prägung, welche die Unabhängigkeit und Freiheit hochhalten möchte« (Johannes Paul II., Ansprache bei der Willkommenszeremonie in Mexiko, 22. Januar 1999).

Und in dieser Geschichte hat der mütterliche Schoß, der Mexiko unaufhörlich Leben schenkte, auch wenn er bisweilen anmutete wie ein Netz mit hundertdreiundfünfzig Fischen (vgl. Joh 21,11), sich nie als unfruchtbar erwiesen, und die bedrohlichen Brüche wurden immer wieder zusammengefügt.

Darum lade ich euch ein, erneut von diesem Bedürfnis nach einem Schoß auszugehen, das aus der Seele eures Volkes aufsteigt. Der Schoß des christlichen Glaubens ist fähig, die oft von Einsamkeit, Isolierung und Ausgrenzung geprägte Vergangenheit mit der Zukunft zu versöhnen, die ständig in ein entgleitendes Morgen verbannt wird. Nur in jenem Schoß kann man, ohne auf die eigene Identität zu verzichten, »die tiefe Wahrheit der neuen Menschheit [entdecken], in der alle dazu berufen sind, Kinder Gottes zu sein« (Johannes Paul II., Predigt zur Heiligsprechung des hl. Juan Diego, 31. Juli 2002).

Neigt euch also mit Feingefühl und Achtung der tiefen Seele eures Volkes zu, steigt behutsam hinab und enträtselt ihr geheimnisvolles Gesicht. Die oft in Zerstreuung und Fest aufgelöste Gegenwart – ist sie nicht eine Vorbereitung auf Gott, der allein vollkommen gegenwärtig ist? Ist die Vertrautheit mit Schmerz und Tod nicht eine Form von Mut und ein Weg zur Hoffnung? Ist die Wahrnehmung von einer immer und ausschließlich erlösungsbedürftigen Welt nicht ein Gegenmittel gegen die anmaßende Selbstgenügsamkeit derer, die meinen, ohne Gott auskommen zu können?

Natürlich ist für all das ein Blick notwendig, der fähig ist, die Zärtlichkeit Gottes widerzuspiegeln. Seid also Bischöfe mit einem lauteren Blick, einer transparenten Seele, einem leuchtenden Gesicht! Habt keine Angst vor Transparenz! Die Kirche hat es nicht nötig, im Dunkeln zu arbeiten. Passt auf, dass euer Blick sich nicht bewölkt mit dem Halbschatten  des Nebels der Weltlichkeit; lasst euch nicht bestechen durch den trivialen Materialismus, noch durch die verführerischen Illusionen der „unter der Hand” getroffenen Vereinbarungen; setzt euer Vertrauen nicht auf die „Pferde und Streitwagen” der heutigen Pharaonen, denn unsere Kraft ist die „Feuersäule”, die die Wogen des Meeres bricht und das Wasser spaltet, ohne viel Lärm zu machen (vgl. Ex 14,21-24).

Die Welt, in der unsere Aufgabe zu entfalten der Herr uns berufen hat, ist sehr komplex geworden. Und selbst die anmaßende Idee des „cogito”, die nicht bestritt, dass es wenigstens einen Fels über dem Sand des Seins geben könnte, ist heute beherrscht von einer Lebensanschauung, die von vielen als schwankender, orientierungsloser und chaotischer denn je angesehen wird, weil ihr eine tragfähige Grundlage fehlt. Die so nachdrücklich geltend gemachten und verteidigten Grenzen sind durchlässig geworden für die Neuheit einer Welt, in der die Kraft einiger nicht mehr überleben kann ohne die Verwundbarkeit anderer. Die irreversible Hybridisierung der Technologie rückt das, was in der Ferne liegt, in die Nähe, entfernt aber leider das, was nah sein sollte.

Und gerade in dieser Welt bittet Gott euch, einen Blick zu haben, der fähig ist, die Frage aufzufangen, die im Herzen eures Volkes aufschreit, des einzigen Volkes, das in seinen Kalender ein „Fest des Schreis” aufnahm. Auf diesen Schrei muss man antworten, dass Gott existiert und dass er durch Jesus nahe ist. Dass allein Gott die Wirklichkeit ist, auf die man bauen kann, denn »Gott ist die grundlegende Wirklichkeit, nicht ein nur gedachter oder hypothetischer Gott, sondern der Gott mit dem menschlichen Antlitz« (Benedikt XVI., Ansprache zur Eröffnung der V. Generalversammlung der CELAM, 13. Mai 2007).

Das mexikanische Volk hat das Recht, in eurem Blick den Spuren derer zu begegnen, die »den Herrn gesehen« (Joh 20,25) haben, die bei Gott verweilt haben. Das ist wesentlich. Verliert also keine Zeit mit nebensächlichen Dingen, mit Redereien und Intrigen, mit eitlen Karriereabsichten, mit leeren Hegemonie-Plänen, in unfruchtbaren Interessengemeinschaften und Komplizenschaften. Lasst euch nicht durch Klatsch und üble Nachrede aufhalten. Führt eure Priester in dieses Verständnis des geweihten Dienstes ein. Uns Dienern Gottes genügt die Gnade, „den Kelch des Herrn zu trinken”, das Geschenk, den Teil seines Erbes zu hüten, der uns anvertraut ist, auch wenn wir unerfahrene Verwalter sind. Überlassen wir es dem himmlischen Vater, uns den Platz zuzuweisen, den er für uns vorbereitet hat (vgl. Mt 20,20-28). Können wir denn wirklich mit anderen Dingen beschäftigt sein, als denen des Vaters? Außerhalb dessen, was dem Vater gehört (vgl. Lk 2,48-49), verlieren wir unsere Identität und vereiteln schuldhaft seine Gnade.

Wenn unser Blick nicht bezeugt, dass wir Jesus gesehen haben, dann wirken die Worte, mit denen wir von ihm sprechen, wie leere rhetorische Phrasen. Vielleicht drücken sie die Nostalgie derer aus, die den Herrn nicht vergessen können, doch in jedem Fall sind sie nur das Stammeln der Waisen am Grab. Worte, die letztlich unfähig sind zu verhindern, dass die Welt der eigenen hoffnungslosen Macht überlassen und auf sie beschränkt bleibt.

Ich denke an die Notwendigkeit, den jungen Menschen einen mütterlichen Schoß anzubieten. Möge euer Blick fähig sein, sich mit dem ihren zu kreuzen, sie zu lieben und das zu erfassen, was sie mit jener Kraft suchen, dank derer viele von ihnen Boote und Netze am anderen Ufer des Sees zurückgelassen (vgl. Mk 1,17-18) oder ihre Finanzgeschäfte aufgegeben haben, nur um dem Herrn des wahren Reichtums zu folgen (vgl. Mt 9,9).

Besonders besorgt bin ich um viele, die, von der hohlen Macht der Welt verführt, Trugbilder verherrlichen und deren makabre Symbole tragen, um den Tod zu vermarkten gegen Geld, das am Ende von Motten zerfressen, vom Rost zerstört und von Einbrechern und Dieben geraubt wird (vgl. Mt 6,20). Ich bitte euch, die ethische und bürgerfeindliche Herausforderung nicht zu unterschätzen, die der Drogenhandel für die gesamte mexikanische Gesellschaft einschließlich der Kirche darstellt.

Die Proportion des Phänomens, die Vielschichtigkeit seiner Ursachen, die Unermesslichkeit seiner Ausbreitung wie verzehrende Metastasen, die Schwere der zersetzenden Gewalt und seine wirren Verbindungen gestatten uns Hirten der Kirche nicht, uns in allgemeine Verurteilungen zu flüchten, sondern verlangen einen prophetischen Mut und ein ernstes und qualifiziertes pastorales Projekt, um dazu beizutragen, schrittweise jenes feine menschliche Netz zu knüpfen, ohne das wir alle von vornherein besiegt wären von dieser heimtückischen Bedrohung. Nur indem man mit den Familien beginnt; indem man sich der menschlichen und existenziellen Randzone der trostlosen Gebiete unserer Städte nähert und sie umfasst; indem man die Pfarrgemeinden, die Schulen, die gemeinschaftlichen Einrichtungen, die politischen Gemeinden und die Sicherheitsstrukturen einbezieht – nur so wird man viele Leben ganz aus dem Fahrwasser befreien können, in dem sie erbärmlich ertrinken: sei es das Leben derer, die als Opfer sterben, sei es das Leben derer, die vor Gott immer blutbefleckte Hände haben werden, auch wenn ihre Tasche mit schmutzigem Geld gefüllt und ihr Gewissen betäubt ist.

Ein Blick, der fähig ist, zu weben

In den Mantel der mexikanischen Seele hat Gott mit dem Faden der mestizischen Spuren seines Volkes das Antlitz seiner Erscheinung in der „Morenita” eingewebt. Gott braucht keine gedeckten Farben, um sein Antlitz zu zeichnen. Die Zeichnungen Gottes sind nicht abhängig von den Farben und den Fäden, sondern sie sind bestimmt von der Unwiderruflichkeit seiner Liebe, die sich beharrlich in uns einprägen möchte.

Seid also Bischöfe, die fähig sind, diese Freiheit Gottes nachzuahmen, indem ihr das Ärmlich-Bescheidene wählt, um die Majestät seines Antlitzes sichtbar zu machen; fähig, diese göttliche Geduld nachzuahmen, indem ihr mit dem feinen Faden der Menschheit, der ihr begegnet, jenen neuen Menschen webt, den sein Land erwartet. Lasst euch nicht von dem nutzlosen Streben leiten, das Volk „auszutauschen”, als hätte die Liebe Gottes nicht  genügend Kraft, um es zu verwandeln.

Entdeckt außerdem die weise und demütige Ausdauer wieder, mit der die Väter des Glaubens und dieses Heimatlandes es verstanden haben, die früheren Generationen in die „Semantik” des göttlichen Mysteriums einzuführen: Zuerst haben sie selbst die „Grammatik” gelernt, die notwendig ist, um mit Gott zu sprechen, und dann haben sie sie gelehrt –, um mit jenem Gott zu sprechen, der in den Jahrhunderten der Suche verborgen war und in der Person seines Sohnes Jesus uns nahe gekommen ist. In seinem Bild, blutüberströmt und gedemütigt, erkennen ihn heute viele als Figur des eigenen Schicksals. Ahmt sein Entgegenkommen und seine Fähigkeit, sich herabzuneigen, nach. Nie werden wir die Tatsache genügend begreifen, dass Gott mit den mestizischen Fäden unseres Volkes das Antlitz webte, mit dem er sich zu erkennen gibt! Nie werden wir ihm genug dafür danken.

Einen Blick besonderen Feingefühls erbitte ich von euch für die indigenen Völker und ihre faszinierenden und nicht selten dezimierten Kulturen. Mexiko braucht seine indianischen Wurzeln, um nicht in einem unlösbaren Rätsel zu verharren. Die Eingeborenen Mexikos warten noch darauf, dass der Reichtum ihres Beitrags und die Fruchtbarkeit ihrer Gegenwart wirklich anerkannt werden, damit Mexiko jene Identität erbt, die es zu einer einzigartigen Nation macht und nicht zu einer unter anderen.

Es ist oft von dem vermeintlich unerfüllten Geschick dieser Nation gesprochen worden, vom „Labyrinth der Einsamkeit”, in dem sie gefangen sei, von der Geographie als Schicksal, das sie betrügt. Manche meinen, all das sei ein Hindernis für den Entwurf eines einheitlichen Gesichtes, einer erwachsenen Identität, einer einmaligen Position im Zusammenspiel der Nationen und einer mit anderen geteilten Aufgabe.

Andere meinen, auch die Kirche sei dazu verurteilt zu wählen, ob sie die Unterlegenheit erleiden will, in die sie in einigen Perioden ihrer Geschichte verbannt wurde – wie zu der Zeit, als ihre Stimme zum Schweigen gebracht wurde und man versuchte, ihre Gegenwart zu amputieren –, oder ob sie sich auf die Fundamentalismen einlassen will, um wieder provisorische Gewissheiten zu haben und dabei zu vergessen, dass in ihrem Herzen tief verwurzelt der Durst nach dem Absoluten wohnt und dass sie in Christus dazu berufen ist, alle zu vereinen und nicht nur einen Teil (vgl. Lumen gentium, 1).

Werdet hingegen nicht müde, euer Volk daran zu erinnern, wie mächtig die alten Wurzeln sind, die die lebendige christliche Synthese menschlicher, kultureller und spiritueller Gemeinschaft ermöglicht haben, die hier geschaffen wurde. Erinnert daran, dass die Flügel eures Volkes sich schon mehrere Male hoch über nicht wenigen Schicksalsschlägen ausgebreitet haben. Hütet die Erinnerung an den langen Weg, der bis jetzt zurückgelegt wurde, und versteht es, die Hoffnung auf neue Ziele zu wecken, denn das Morgen wird ein Land reich an Früchten sein, auch wenn es uns vor nicht unbedeutende Herausforderungen stellt (vgl. Num 13,27-28).

Mögen eure Blicke – immer und einzig auf Christus gerichtet – fähig sein, zur Einheit eures Volkes beizutragen; die Versöhnung seiner Unterschiede und die Integration seiner Vielfalt zu begünstigen; die Lösung seiner endogenen Probleme zu fördern; an das hohe Niveau zu erinnern, das Mexiko erreichen kann, wenn es lernt, an erster Stelle sich selbst zu gehören und nicht anderen; zu helfen, konsensfähige und nachhaltige Lösungen für seine Formen von Elend und Armut zu finden; die gesamte Nation anzuspornen, sich nicht mit weniger zufrieden zu geben, als von der mexikanischen Art, in der Welt zu leben, erwartet wird.

Ein aufmerksamer Blick,
der Nähe beweist und nicht schläfrig ist

Ich bitte euch, nicht in die Erlahmung zu fallen, alte Antworten auf neue Fragen zu geben. Eure Vergangenheit ist ein Fundgrube reicher Schätze, die ausgegraben werden müssen und die die Gegenwart inspirieren und die Zukunft erleuchten können. Weh euch, wenn ihr euch auf euren Lorbeeren ausruht! Man darf das empfangene Erbe nicht vertun, sondern muss es durch ständige Arbeit hüten. Ihr ruht auf den Schultern von Giganten: von Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und Laien, die treu waren „bis zum Ende” und ihr Leben hingegeben haben, damit die Kirche ihre Mission erfüllen konnte. Ihr seid berufen, von der Höhe dieses Podestes aus einen weiten Blick auf den Acker des Herrn zu werfen, um die Aussaat zu planen und die Ernte zu erwarten.

Ich fordere euch auf, euch furchtlos abzumühen in der Aufgabe, das Evangelium zu verkünden und  den Glauben zu vertiefen durch eine mystagogische Katechese, die sich die volkstümliche Religiosität eurer Leute zunutze macht. Unsere Zeit verlangt pastorale Aufmerksamkeit gegenüber Menschen und Gruppen, die hoffen, aufbrechen zu können zur Begegnung mit dem lebendigen Christus. Nur eine mutige pastorale Umkehr unserer Gemeinschaften kann die heutigen Jünger Jesu suchen, hervorbringen und ernähren (vgl. Schlussdokument von Aparecida, 226. 368. 370).

Darum tut es unseren Hirten not, die Versuchung der Distanz und des Klerikalismus, der Kälte und der Gleichgültigkeit, des triumphalistischen Verhaltens und der Selbstbezogenheit zu überwinden. Guadalupe lehrt uns, dass Gott zwanglos-vertraut ist in seinem Gesicht, dass die Nähe und das Entgegenkommen mehr vermögen, als die Stärke.

Wie die schöne Überlieferung von Guadalupe lehrt, bewahrt die „Morenita” die Blicke derer, die sie betrachten, spiegelt das Gesicht derer wider, die ihr begegnen. Es ist notwendig zu lernen, dass es in jedem von denen, die uns auf der Suche nach Gott anschauen, etwas Unwiederholbares gibt. Unsere Aufgabe ist es, für diese Blicke nicht undurchdringlich zu werden. Jeden von ihnen in uns zu hüten, in unserem Herzen zu bewahren und zu schützen.

Nur eine Kirche, die fähig ist, das Gesicht der Menschen, die an ihre Tür klopfen, zu hüten und zu schützen, ist fähig, ihnen von Gott zu sprechen. Wenn wir nicht ihre Leiden enträtseln, wenn wir ihre Bedürfnisse nicht bemerken, können wir ihnen nichts bieten. Der Reichtum, den wir besitzen, fließt nur, wenn wir der Zaghaftigkeit derer, die betteln, entgegengehen und ebendiese Begegnung sich in unserem Hirtenherzen vollzieht.

Das erste Gesicht, das ich euch dringend bitte in eurem Herzen zu hüten, ist das eurer Priester. Lasst nicht zu, dass sie der Einsamkeit und der Verlassenheit ausgesetzt sind, eine Beute der Weltlichkeit, die das Herz verschlingt. Seid aufmerksam und lernt, ihre Blicke zu deuten, um euch mit ihnen zu freuen, wenn sie die Befriedigung empfinden zu erzählen, »was sie getan und gelehrt« haben (Mk 6,30), und auch um euch nicht zurückzuziehen, wenn sie sich ein wenig gedemütigt fühlen und nicht anders können, als weinen, weil sie den Herrn verleugnet haben (vgl. Lk 22,61-62), und auch um in Gemeinschaft mit Christus Unterstützung zu bieten, wenn jemand niedergeschlagen in die Nacht hinausgeht (vgl. Joh 13,30). Möge es in diesen Situationen, liebe Bischöfe, niemals an eurer Väterlichkeit gegenüber euren Priestern fehlen! Ermutigt sie zur Gemeinschaft untereinander, lasst sie ihre Gaben vervollkommnen, bezieht sie in die großen Angelegenheiten ein, denn das Herz des Apostels wurde nicht für kleine Dinge geschaffen.

Die Notwendigkeit familiärer Vertrautheit wohnt im Herzen Gottes. Unsere Liebe Frau von Guadalupe erbat nur eine “casita sagrada”, ein geweihtes Häuschen. Unsere lateinamerikanischen Völker verstehen die diminutive Sprache gut und verwenden sie gerne. Vielleicht haben sie die Verkleinerungsform nötig, weil sie sich andernfalls verloren vorkämen. Sie haben sich angepasst, sich herabgesetzt zu fühlen, und sich daran gewöhnt, in Bescheidenheit zu leben.

Wenn die Kirche sich in einer majestätischen Kathedrale versammelt, sollte sie nicht unterlassen, sich als ein „Häuschen” zu verstehen, in dem ihre Kinder sich wohl fühlen können. In der Gegenwart Gottes verbleibt man nur, wenn man klein ist, wenn man Waise ist, wenn man Bettler ist.

Ein familiäres „Häuschen” und zugleich „geweiht”, denn die Nähe wird von der allmächtigen Größe erfüllt. Wir sind Hüter dieses Geheimnisses! Vielleicht haben wir diesen Sinn für das bescheidene göttliche Maß verloren und sind überdrüssig geworden, den Unsrigen das „Häuschen” anzubieten, in dem sie sich mit Gott vertraut fühlen. Es kann auch sein, dass man, weil man den Sinn für Gottes Größe ein wenig vernachlässigt hat, teilweise die Ehrfurcht gegenüber einer solchen Liebe verloren hat. Wo Gott wohnt, kann der Mensch nicht Zugang haben, ohne zugelassen zu sein, und er tritt nur ein, wenn er sich „die Sandalen auszieht” (vgl. Ex 3,5), um die eigene Unzulänglichkeit zu bekennen.

Dass wir vergessen haben, uns „die Sandalen auszuziehen”, um einzutreten – liegt da nicht möglicherweise die Wurzel dafür, dass der Sinn für die Heiligkeit des menschlichen Lebens verloren gegangen ist, der Sinn für die Heiligkeit der Person, der wesentlichen Werte, der im Laufe der Jahrhunderte angesammelten Weisheit, der Achtung gegenüber der Natur? Wenn diese tiefen Wurzeln im Bewusstsein der Menschen und der Gesellschaft nicht wiedergewonnen werden, wird sogar der großherzigen Arbeit für die legitimen Menschenrechte der Lebenssaft fehlen, der nur aus einer Quelle kommen kann, die die Menschheit sich niemals selbst zu geben vermag.

Ein Blick, der die Gesamtheit erfasst
und zur Einheit zusammenführt

Nur im Blick auf die „Morenita” versteht man Mexiko ganz. Daher bitte ich euch zu begreifen, dass die Aufgabe, die die Kirche euch anvertraut, diesen Blick verlangt, der die Gesamtheit umfasst. Und das kann nicht isoliert verwirklicht werden, sondern nur in Gemeinschaft.

Die Guadalupana ist mit einem Band umgürtet, das ihre Fruchtbarkeit kundtut. Sie ist die Jungfrau, die in ihrem Schoß bereits den Sohn trägt, den die Menschen erwarten. Sie ist die Mutter, die schon die Menschheit der aufkeimenden neuen Welt austrägt. Sie ist die Braut, die vorausweist auf die fruchtbare Mutterschaft der Kirche Christi. Ihr habt die Aufgabe, die gesamte mexikanische Nation mit der Fruchtbarkeit Gottes zu umgürten. Kein Stück dieses Gürtels darf geringschätzig behandelt werden.

Der mexikanische Episkopat hat in diesen Jahren der Versöhnung bemerkenswerte Schritte vollbracht; die Zahl seiner Mitglieder ist gestiegen; eine fortdauernde ständige und qualifizierte Weiterbildung wurde gefördert; es fehlte nicht an einer brüderlichen Atmosphäre; der Geist der Kollegialität ist gewachsen; die pastoralen Aktivitäten haben einen Einfluss auf eure Ortskirchen und auf das nationale Bewusstsein ausgeübt; die gemeinsam durchgeführten pastoralen Arbeiten waren in den wesentlichen Bereichen der kirchlichen Mission wie dem der Familie, dem der Berufungen und dem der Präsenz im gesellschaftlichen Leben fruchtbringend.

Während wir uns über den Weg dieser Jahre freuen, möchte ich euch bitten, euch nicht entmutigen zu lassen durch die Schwierigkeiten und nicht zu sparen mit jeder möglichen Anstrengung, um unter euch und in euren Diözesen den missionarischen Eifer zu fördern, vor allem gegenüber den am meisten bedürftigen Teilen des einen Leibes der mexikanischen Kirche. Wiederzuentdecken, dass die Kirche Mission bedeutet, ist grundlegend für ihre Zukunft, denn nur die Begeisterung und das überzeugte Staunen der Verkünder des Evangeliums besitzt die mitreißende Kraft. Daher bitte ich euch, besonders auf die Ausbildung und Vorbereitung der Laien zu achten, jede Form von Klerikalismus zu überwinden und sie aktiv in die Mission der Kirche einzubeziehen, vor allem indem sie mit dem Zeugnis ihres Lebens das Evangelium Christi in der Welt gegenwärtig werden lassen.

Diesem mexikanischen Volk würde ein vereinigendes Zeugnis der christlichen Synthese und eine allseits geteilte Sicht der Identität und der Bestimmung seiner Nation sehr hilfreich sein. In diesem Sinn wäre es sehr wichtig, dass die Päpstliche Universität Mexikos immer mehr im Mittelpunkt der kirchlichen Bemühungen stünde, um jene Gesamtschau sicherzustellen, ohne die der Verstand sich mit Teilelementen zufrieden gibt und auf sein höchstes Streben, nämlich die Suche nach der Wahrheit, verzichtet.

Die Mission ist weitläufig, und sie voranzubringen verlangt vielfältige Wege. Mit größtem Nachdruck ermahne ich euch, die Gemeinschaft und die Einheit unter euch zu bewahren. Die Gemeinschaft ist die Lebensform der Kirche, und die Einheit ihrer Hirten beweist ihre Wahrhaftigkeit. Mexiko und seine weit gespannte und vielgestaltige Kirche brauchen Bischöfe, die Diener und Hüter der Einheit sind – einer Einheit, die auf dem Wort des Herrn aufgebaut, von seinem Leib genährt und durch seinen Geist geführt wird, der der Lebensatem der Kirche ist.

Es sind keine „Fürsten” nötig, sondern es bedarf einer Gemeinschaft von Zeugen des Herrn. Christus ist das einzige Licht; er ist die Quelle lebendigen Wassers; aus seinem Atem weht der Heilige Geist, der die Segel des Kirchenbootes aufbläht. In Christus, den die Menschen dieses Volkes gerne als König verehren, entzündet gemeinsam das Licht, erfüllt euch mit seiner Gegenwart, die nicht vergeht; atmet in vollen Zügen die gute Luft des Heiligen Geistes ein. Euch kommt es zu, Christus im ganzen Land auszusäen, sein einfaches Licht, das erhellt, ohne zu blenden, am Brennen zu halten und sicherzustellen, dass an seinem Wasser der Durst seines Volkes gestillt wird; spannt die Segel aus, damit das Wehen des Geistes sie ausbreite und das Boot der Kirche in Mexiko nicht auf Grund läuft.

Erinnert euch daran, dass die Braut genau weiß, dass der geliebte Hirt (vgl. Hld 1,7) nur da zu finden ist, wo die Weiden grasbewachsen und die Bäche kristallklar sind. Die Braut misstraut den Gefährten des Bräutigams, die manchmal aus Fahrlässigkeit oder aus Unfähigkeit die Herde zu dürren, felsigen Orten führen. Weh uns Hirten, Gefährten des obersten Hirten, wenn wir die Braut  umherirren lassen, weil in dem Zelt, das wir errichtet haben, der Bräutigam nicht zu finden ist!

Gestattet mir ein letztes Wort, um die Würdigung des Papstes für all das auszudrücken, was ihr tut, um der Herausforderung unserer Zeit zu begegnen, die die Migrationen darstellen. Millionen von Söhnen und Töchtern der Kirche leben heute in der Diaspora oder in Übergangssituationen ihrer Wanderung gen Norden auf der Suche nach neuen Chancen. Viele von ihnen lassen die eigenen Wurzeln hinter sich, um – auch im Untergrund, der alle Arten von Gefahren in sich birgt – die Suche nach dem „grünen Licht” zu wagen, das sie als ihre Hoffnung ansehen. Viele Familien teilen sich, und nicht immer ist die Eingliederung in das vermeintliche „Land der Verheißung” ist so leicht, wie man denkt.

Liebe Brüder, eure Herzen sind fähig, ihnen zu folgen und sie jenseits der Grenzen zu erreichen. Stärkt die Gemeinschaft mit euren Brüdern vom Episkopat der Vereinigten Staaten, damit die mütterliche Gegenwart der Kirche die Wurzeln des Glaubens, die Gründe der Hoffnung und die Kraft der Liebe dieser Menschen am Leben hält. Es soll nicht geschehen, dass sie ihre Harfen aufhängen, dass ihre Fröhlichkeit verstummt und sie Jerusalem vergessen (vgl. Ps 137) und sich in „aus sich selbst vertriebene Exilanten” verwandeln. Bezeugt gemeinsam, dass die Kirche Hüterin einer Gesamtschau des Menschen ist und nicht mittragen kann, dass er zu einer bloßen menschlichen „Ressource” herabgewürdigt wird.

Die Eilfertigkeit eurer Diözesen, das Wenige an Balsam, das sie besitzen, auf die wunden Füße derer zu gießen, die ihr Territorium durchqueren, und das unter Schwierigkeiten gesammelte Geld für sie auszugeben, wird nicht vergeblich sein; der göttliche Samariter wird am Ende denjenigen reich belohnen, der nicht gleichgültig an ihm vorüberging, als er hingestürzt auf dem Weg lag (vgl. Lk 10,25-37).

Liebe Brüder,

der Papst ist sicher, dass Mexiko und seine Kirche rechtzeitig zum Treffen mit sich selbst, mit ihrer Geschichte und mit Gott gelangen werden. Vielleicht mag mancher Felsbrocken auf dem Weg den Lauf verzögern, und die Mühe der Strecke wird manche Ruhepause verlangen, doch das wird nie ausreichen, um das Ziel verpassen zu lassen. Darum, liebe Brüder:

Kann zu spät kommen, wer eine Mutter hat, die ihn erwartet? Wer ständig in seinem Herzen den Klang der Worte hören kann: „Bin ich etwa nicht hier, ich, die ich deine Mutter bin?”

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Kardinal Parolin: „Man bekämpft die Drogen durch ein ‚Nein’“

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Kardinal Parolin, hier bei einem Besuch in einem Krankenhaus in Rom

Die Kirche kann angesichts des Drogenproblems auf der Welt nicht ruhig bleiben. Das betonte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin am Dienstagabend gegenüber Radio Vatikan. Parolin hatte in einem römischen Drogenzentrum eine Messe zur Vorweihnachtszeit gefeiert und betont, Drogen seien böse und mit dem Bösen gehe man keine Kompromisse ein. „Man bekämpft die Drogen, indem man ‚Nein’ zu ihnen sagt“, so der Kardinal, Worte von Papst Franziskus aufgreifend. „Und man bekämpft sie, indem man ‚ja’ sagt zu den Werten, die uns zu leben erlauben und die dem Leben einen Sinn geben und die dabei helfen, dass man nicht in dieses Loch fällt.“

Papst Franziskus selber hatte immer wieder das kompromisslose ‚Nein’ zu Drogen betont, es ist ein fester Bestandteil seiner Ansprachen und Begegnungen mit Jugendlichen weltweit. Der Besuch von Drogen-Zentren und die Begegnung mit Abhängigen gehört zu seinem ständigen Besuchsprogramm. Auch Politiker fordert er immer wieder auf, hart gegen Drogenhandel vorzugehen und keineswegs zu legalisieren.

Das Statement Parolins erfolgt, während europaweit über die Zulassung von so genannten ‚leichten Drogen’ debattiert wird. „Drogen bekämpft man nicht mit Drogen“, zitierte der Kardinal den Papst in seiner Predigt im Drogenzentrum. Drogen bekämpfe man mit Bildung, mit Arbeitsplätze und mit Perspektive, also durch Prävention. Die Kirche sei auf der Seite all derer, die aus dieser Sklaverei entkommen wollten, so Kardinal Parolin.

Zwei Abteilungen unterhält das nicht kirchlich getragene Zentrum CEIS, das von Kardinal Parolin besucht wurde. Eine davon befindet sich in Castelgandolfo, das andere am Stadtrand Roms. Damit wolle man den Drogenabhängigen eine Anlaufstelle und eine Perspektive auf die Zukunft bieten, so die Verantwortlichen des Zentrums gegenüber Radio Vatikan. Dass mit Kardinal Parolin ein hochrangiger Vertreter des Vatikan zur Weihnachtsfeier ins Zentrum gekommen sei, nehme man als deutliche Unterstützung wahr.

(rv 23.12.2015 ord)

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Siehe ferner: