Papst Franziskus: Deutschlands Geburtenrate ist ein Grund für Priestermangel

„Es gibt dieses Gebet, das Thomas Morus zugeschrieben wird, das bete ich jeden Tag: ‚Herr, schenke mir Sinn für Humor!‘ Der Herr bewahrt mir meinen Frieden und schenkt mir viel Sinn für Humor. “ – Papst Franziskus im Interview mit der „Zeit“. Foto: CNA/Daniel Ibanez

Von Anian Christoph Wimmer

Lösungen für den Mangel an Berufungen, der Malteserorden und das Verhältnis mit Kardinal Raymond Burke, der Umgang mit dem Teufel und persönliche Glaubenszweifel: Eine Vielzahl von Themen haben Papst Franziskus und der Chefredakteur der „Zeit“ im ersten Interview des Heiligen Vaters mit einer deutschen Zeitung angesprochen.

Schlagzeilen bei deutschen Medien machte bereits vor der Veröffentlichung des Interviews die Aussage, der Papst wolle über Viri Probati nachdenken. Einzelne Journalisten schoben dabei Franziskus erneut Aussagen unter, die er so gar nicht machte.

Lösung durch Gebet

Tatsächlich sagt Franziskus folgendes auf die Frage von „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo, was denn mit den Viri Probati sei, „die zwar verheiratet sind, aber aufgrund ihres nach katholischen Maßstäben vorbildlich geführten Lebens zu Diakonen geweiht werden können“:

„Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri Probati eine Möglichkeit sind. Dann müssen wir auch bestimmen, welche Aufgaben sie übernehmen können, zum Beispiel in weit entlegenen Gemeinden.“

Weiter betont Franziskus: Die Einführung eines „freiwilligen Zölibats“ sei nicht die Lösung für den Mangel an Berufungen. Das sei erst einmal durch Gebet zu lösen, und dann die richtige Arbeit mit jungen Menschen.

„Deutschlands Geburtenrate ist ein Problem“

Als weiteren Grund speziell für den Priestermangel in Deutschland nennt der Papst die niedrige Geburtenrate im Land. Denn, so stellt Franziskus trocken fest: „wo es keine jungen Männer gibt, gibt es auch keine Priester“.

Dies sei ein ernstes Problem, das in der nächsten Synode über junge Menschen angepackt werden müsse.

Mit Blick auf Kritik an seinem Pontifikat betont Franziskus, dass er „seinen Frieden nicht verloren“ habe. Im Gegenteil: Über die Plakat-Aktion in Rom etwa, die ihn als grimmigen Pontifex zeigt und nach seiner Barmherzigkeit fragt, habe er lachen können. Tatsächlich bete er jeden Tag „für einen Sinn für Humor“.

Natürlich habe er aber auch schon viele Male „Basta!“ gesagt.

„Ich empfinde Kardinal Burke nicht als Widersacher“

Auf die Frage, ob er auch schon mal Kardinal Burke „Basta“ gesagt habe, antwortet Papst Franziskus: „Ich empfinde Kardinal Burke nicht als Widersacher“.

Auch mit Blick auf die Machtkämpfe mit dem Malteserorden, betont der Papst: „Das Problem beim Malteserorden war eher, dass Kardinal  Burke mit der Sache nicht umgehen konnte, weil er nicht mehr allein agierte. Ich habe ihm den Titel des Patronus nicht aberkannt“.

Burke sei weiter Patronus – doch gehe es darum, beim Orden „ein wenig aufzuräumen“. Deshalb habe er einen Delegaten dorthin geschickt.

Auf Fragen nach seinem persönlichen Glaubensleben erklärt der Papst – wie viele Würdenträger und auch große Heilige, dass er auch Zweifel und Zeiten der „Leere“ kenne, aber das Geschenk des Glaubens dankbar empfange und jeden Tag neu lebe.

Der Teufel ist nicht nur eine Metapher

Was das wirklich Böse betrifft, betont der Papst, dass der Teufel nicht einfach eine Metapher ist, wie manche Theologen spekulieren. „Dem Glauben nach ist der Teufel ein Engel. Ein gefallener Engel. Und daran glaube ich“. Auf die Frage: „Das glauben Sie wirklich?“, bestätigt Franziskus: „Ja, das ist mein Glaube“.

Viele Versuchungen, mit denen er zu kämpfen habe, so Franziskus, seien nicht dem Teufel, sondern persönlichen Schwächen geschuldet. Aber bei vielen anderen habe Satan „sehr wohl die Finger im Spiel“.

Deutschlandbesuch unwahrscheinlich

Abschliessend erklärt der Papst, dass ein Besuch Deutschlands in diesem Jahr unwahrscheinlich sei – trotz Einladungen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und anderen: „Der Terminkalender ist dieses Jahr sehr voll“.

Priesterausbildung: Das persönliche Zeugnis des Einzelnen

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Priesterweihe im Petersdom 2015

Die Priesterausbildung ist in der Krise: es gibt so wenige Kandidaten wie nie zuvor in Deutschland, weswegen sich die Bischöfe bei ihrer Vollversammlung in der kommenden Woche dieses Themas an einem Studientag annehmen wollen. Die Tagung findet statt, nachdem der Vatikan im Dezember eine neue Rahmenordnung für die Ausbildung vorgelegt hatte, sie müsse „belebt, erneuert und neu zentriert“ werden, sagte damals Kardinal Beniamino Stella, der Leiter der Kleruskongregation, die für die Ausbildung zuständig ist.

In der Öffentlichkeit angekommen ist aber vor allem die erneuerte Aussage, dass Männer, die „tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben“ oder eine sogenannte ‚homosexuelle Kultur’ unterstützen, nicht Priester werden können.

Was diese Rahmenordnung genau für den deutschsprachigen Raum bedeutet, darüber hat Radio Vatikan mit dem Bischof von Münster, Felix Genn, gesprochen. Er ist für das Thema Priesterausbildung in der deutschen Bischofskonferenz verantwortlich.

 

RV: Der Vatikan hat eine neue Rahmenordnung für die Priesterausbildung vorgelegt. Was ist aus Ihrer Sicht das positive Neue an diesen Vorgaben?

Genn: Das eine ist: Dieses Dokument hatte einen Vorlauf, die Bischofskonferenzen wurden nach ihrer Meinung zu dem Entwurf gefragt und wir wurden gehört und konnten unsere Bedenken einbringen, so dass das Dokument, so wie es nun vorliegt, wirklich auch en Zeichen dafür ist, dass die Kongregation und die Kurie das Gespräch mit den Bischöfen vor Ort gesucht hat. Dafür sind wir außerordentlich dankbar.

Zweitens: Das Dokument ist gut und greift noch mal alle Verlautbarungen  des Lehramtes und des apostolischen Stuhles auf, die seit der Rahmenordnung von 1970, die bisher galt und jetzt aufgehoben ist, für die Priesterausbildung formuliert wurden. Das heißt: Wir haben hier einen Text und ein Dokument, in dem das, was sich in den letzten vierzig Jahren nach dem Konzil ereignet hat, aufgenommen ist und zudem bringt diese Dokument auch Aussagen, die eindeutig dem Geist von Papst Franziskus und seiner Vorstellung vom priesterlichen Hirtendienst entsprechen.

RV: Erziehung zur Innerlichkeit und zur Gemeinschaft: Der Priester braucht eine solide Bildung und innere Reife. Nicht eine bloße Verkleidung tugendhaften Verhaltens. Er muss mit großer innerer Freiheit handeln können. Ist das ein neuer Ton in einem Dokument zur Priesterausbildung?

Genn: Ob das ein neuer Ton ist, weiß ich nicht zu sagen. Ich kann sagen, dass immer schon – ich habe schließlich 21 Jahre in der Priesterausbildung gearbeitet – auch auf diese Formulierungen und diesen Akzent wert gelegt wurde. Aber freilich ist es von Bedeutung, dass die ratio fundamentalis, so wie sie jetzt vorliegt, also die Rahmenordnung, die Dimensionen von menschlicher Reifung und geistlicher Bildung, theologischer, intellektueller Bildung und pastoraler Befähigung aufgreift. Diese beiden Pole menschliche und geistliche Reifung waren bisher in den Dokumenten, auch in unserer deutschen Rahmenordnung, zusammengefügt. Jetzt sind sie auseinander genommen. Das bedeutet, die Rahmenordnung, so wie sie uns jetzt vorliegt, legt größten Wert darauf, dass die menschliche Bildung gefördert wird, so dass wirklich reife Persönlichkeiten als Priester genommen werden. Und das ist sicherlich eine Akzentuierung, die nicht klein zu schreiben ist.

RV: Bei der Priesterausbildung muss der Frage nach dem Schutz Minderjähriger „größte Aufmerksamkeit“ geschenkt werden. Es muss Sensibilisierung für Fragen von Gewalt und Ausbeutung von Minderjährigen stattfinden. Gibt das Dokument da neue Vorgaben, die in Deutschland nicht schon berücksichtigt würden?

Genn: Nein, das gibt es nicht. Wir berücksichtigen das in Deutschland, aber es ist gut zu wissen, wenn wir in unserer Priesterausbildung dieses römische Dokument im Rücken haben, so dass wir in der Linie, die wir jetzt angegangen sind, fortfahren können.

RV: Viele Priesteramtskandidaten in europäischen Ländern sind heute sogenannte Spätberufene, ihnen widmet das Dokument eine Passage. Die Ortskirche solle prüfen, ob eine Altersgrenze sinnvoll ist. Ist sie das?

Genn: Da muss man drüber diskutieren. Ich war ja Regens eines Spätberufenenseminars und kann sagen, man muss da von Fall zu Fall entscheiden. Es ist gut, dass das Dokument überhaupt diese Gruppe in den Blick nimmt. Aber wir werden bei der Umsetzung dieses Grundsatzpapiers in unsere deutsche Rahmenordnung genau zuschauen müssen, wie wir mit solchen Spätberufenen in eine gute Formation zum Priestertum hinein begeben. Es wird nämlich Kandidaten geben, die haben ihr Theologiestudium abgeschlossen oder stecken mitten drin. Und die können gar nicht den Weg so gehen, wie das Dokument ihn idealtypisch vorsieht. Deswegen wird man im konkreten Fall genau schauen müssen, wie wir die geistlichen und menschlichen Elemente gut verbinden. Da liegen noch Aufgaben, wo das Grundsatzdokument noch mal mit den deutschen Verhältnissen abgeglichen werden muss.

RV: Homosexuelle Männer, die „tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben oder eine sogenannte ‚homosexuelle Kultur’ unterstützen“ können nicht ins Seminar oder zu den Weihen zugelassen werden. Das ist nicht neu. Wie sind die Verantwortlichen in der Priesterausbildung bisher mit dieser Weisung umgegangen?

Genn: In Deutschland haben wir großen Wert darauf gelegt, genau diese beiden Aspekte in den Kontext der evangelischen Räte des Gehorsams und der Armut zu stellen. Das war vor dem Konzil noch gar nicht in dieser Weise der Fall. Da hat man nur den Zölibat gesehen. Aber jetzt spricht das Dokument ganz ausdrücklich aus, dass die Berufung zum Priestertum, die als Geschenk angesehen wird, eingefügt ist in die subjektive Form, mit der diese objektive Gestalt gefüllt werden soll, nämlich die Gestalt und Form der evangelischen Räte. Und das ist hervorragend.

RV: Das Nein zu homosexuellen Priesteramtskandidaten ist nicht neu, schürt aber jedes Mal, wenn es wieder vorgelegt wird, aufs Neue Unbehagen, denn damit ist ausgesagt, homosexuelle Männer sind ungeeignet als Priester. Warum ist das so aus katholischer Sicht?

Genn: Hier sehen Sie die Herausforderungen durch die gesellschaftlichen Umstände und die moderne  Kultur und Zivilisation, die ja in vielen Fällen auch durchaus als sexualisiert bezeichnet werden muss. Und dass darauf wertgelegt wird, zeigt das Dokument will Priesterausbildung in den Kontext des Heute stellen. Und das halte ich für sehr, sehr gut, auch wenn das manche Herausforderung beinhaltet.

Freilich, das muss man hinzufügen, wird diese Erziehung auf die Lebensform hin nicht gehen ohne die Leitworte, die sonst in dem Dokument die Linie bestimmt, nämlich: Jüngerberufung und Gleichgestaltung mit Christus. Und das ist eine Lebensaufgabe, die in der Ausbildung begonnen wird, bei der man auch schon mal bestimmte Etappen überprüfen kann. Denn ohne die Beziehung zu Christus ist Zölibat nicht zu leben.

RV: Nicht wenige katholische Gläubige, weit über die Gruppe der Homosexuellen hinaus, empfinden das als ungerechtfertigte Diskriminierung. Was sagen Sie ihnen?

Genn: Es ist ja bezeichnend, dass nach der Publikation der ratio fundamentalis die Presseorgane sich wesentlich auf diese neuralgischen Punkte und hier natürlich besonders auf den Punkt Homosexualität gestürzt haben. Da sind auch viele Aussagen gemacht worden, die man sehr kritisch bedenken muss und die dem Text und dem Anliegen, um das es geht, nicht gerecht werden.

Deswegen ist es wichtig, dass hier gut geprüft wird, weiter auf der Linie zu bleiben, die die Verantwortlichen in der Priesterausbildung, soweit ich das überschauen kann, bisher wahrgenommen haben. Es ist auch eine Frage der Reifung des Einzelnen und hier muss man von Person zu Person – das sind ja keine Massen  – schauen, wie damit umgegangen wird. Mehr möchte ich dazu jetzt eigentlich gar nicht sagen, weil es immer um das persönliche Zeugnis des einzelnen geht.

RV: Die katholische Weltkirche entwickelt sich ja fortwährend weiter, in den verschiedenen Teilen der Welt auf unterschiedliche Weise, da gibt es Vielfalt in Einheit, es gibt auch theologische Entwicklungen. Wenn es jemals zu einer eine Neubewertung von Homosexualität in der Kirche und in der Folge auch im priesterlichen Dienst kommt, Auf welcher Seite müsste diese Neubewertung ansetzen?

Genn: Für die Priesterausbildung ist es wichtig, was das kirchliche Lehramt in dieser Frage sagt und das ist zunächst einmal maßgebend. Denn es handelt sich hier ja um einen Beruf, der priesterliche Dienst gehört zur Ämterstruktur der Kirche. Deswegen kann hier nicht irgendwie subjektiv von einzelnen theologischen Meinungen her geurteilt werden, sondern es muss geschaut werden, dass man dem, was die Kirche fordert – und das ist in diesem Dokument grundgelegt – auch Folge leistet.

Wie eine Neubewertung dieses Phänomens zu sehen ist, ist zunächst einmal auch eine Frage der theologischen Auseinandersetzungen und die besteht ja, aber da gibt es noch keinen Konsens.

RV: Bei der Ausbildung von Priestern sollen in Zukunft mehr Frauen lehrend tätig werden. In diesem Punkt greift das Dokument einen vielfach geäußerten Wunsch auf. Wie steht es eigentlich damit heute in den Seminaren im deutschen Sprachraum?

Genn: Das kann ich jetzt nicht so überschauen. Ich kann sagen, dass es bei uns und auch in Essen und soweit ich weiß auch in anderen Seminaren der Fall ist, das muss auch verstärkt werden. Das ist eine ganz große Hilfe.

RV: Warum ist es vernünftig, mehr Frauen in die Priesterausbildung zu bringen?

Genn: Es gibt eben zwei Geschlechter: Männer und Frauen. Und die sind nachher in der Gemeinde auch diejenigen, mit denen man arbeiten muss. Es wäre doch falsch, wenn man jetzt nur von Männern ausgebildet wäre, vor allem wo Frauen auch in den pastoralen Berufen viel Engagement in die Kirche einbringen.

RV: Besonders bei der Frage nach der Eignung sollen ausdrücklich auch Frauen gefragt werden. Warum?

Genn: Ich halte das für sinnvoll, gerade auch weil Frauen noch eine eigene Sensibilität und einen eigenen Blick haben. Also wir machen das. Ich habe jetzt diese Woche noch einen Kandidaten geprüft und da wurde mir das Dokument aus einer Pfarrgemeinde von einer Pfarreiratsvorsitzenden vorgelegt. Das war ausgezeichnet.

RV: Der Papst hat ja oft gesagt, was er unter einem guten Priester versteht, das soll kein Manager sein, sondern ein Hirte, und vieles mehr. Das Dokument stammt aus der Kleruskongregation, die erst seit 2013 für die Ausbildung von Priestern zuständig ist, zuvor war das an der Bildungskongregation angesiedelt. Inwiefern trägt das Dokument die Handschrift von Papst Franziskus?

Genn: Zunächst einmal sehen wir das konkret, wenn Sie Anmerkungen sehen und die Zitate. Da kann man das ganz konkret deutlich werden lassen.

Zweitens: Er möchte, dass wir Priester haben, die durchaus einen ganz tiefen pastoralen Geist in sich tragen. Das heißt, die nicht für sich Priester werden, sondern für die Gemeinde. Die auch geprägt sind davon nicht einfach ihre Macht – sei es jetzt in Sachen des Geldes, sei es in Sachen ihrer Macht, also ihres Befehlens – zum Ausdruck bringen, sondern Dienende sind. Und das muss man lernen. Man muss das lernen, vor allem, so lange der priesterliche Beruf auch eine gesellschaftliche Stellung, die ihn etwas heraushebt, bedeutet hat. Das ist auch ein geistlicher Prozess, auf den sehr geachtet werden muss.

RV: Fehlt Ihnen etwas an dem Dokument?

Genn: Ich würde kritisch erstens sagen: Wir hätten uns eine bessere Kommunikation zur Publikation gewünscht. Wir haben das relativ spät erfahren. Das habe ich aber auch gegenüber dem Präfekten schon geäußert. Da kann man noch nachbessern.

Zweitens werden wir im Einzelnen natürlich schauen müssen, wie wir vor allem diese gesamten Anliegen der menschlichen, geistlichen und pastoralen Ausbildung und Bildung zusammenbinden mit der intellektuellen und theologischen Bildung.

Hier werden wir angesichts unserer bestimmten deutschen Verhältnisse des Zusammenspiels von Seminaren und theologischen Fakultäten, die zu einem größten Teil an staatlichen Universitäten sind nachbessern müssen. Und das Ganze ist ja auch noch mal verbunden mit dem Bologna-Prozess. Da kommen die Dinge noch nicht so gut ineinander, da besteht noch harte Arbeit, aber ich muss auch hier hinzufügen, dass Kardinal Stella als der verantwortliche Präfekt in einem Gespräch mit uns deutschen Bischöfen klar gesagt hat: ‚Da müssen Sie dann schauen, wie Sie das auf Ihre deutschen Verhältnisse übertragen’ Und dazu gibt es Freiraum.

(rv 05.03.2017 gs)

Priestermangel nicht dem Konzil anzulasten – Ursachen älter, virtuelles Konzil brachte ihn nur zum Ausbruch


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(Rom) „Der Rückgang der Priesterberufungen, der auf das Zweite Vatikanische Konzil folgte, ist in keiner Weise dem Konzil zuzuschreiben noch seiner, teilweise zweifelhaften Rezeption. Es ist notwendig, zu erkennen, daß die Krise bereits vorher war, daß sie tiefere und ältere Wurzeln hatte“, und daß die Konzilsreformen, wahrscheinlich, die zerstörerischen Folgen eingedämmt haben. Dies schreibt Mauro Kardinal Piacenza, der Präfekt der Kleruskongregation in dem neuen Buch Presbyterorum ordinis. 50 Jahre danach. Es bildet den ersten Band einer neuen Buchreihe zu den Konzilsdokumenten, die im traditionsreichen katholischen Verlag Cantagalli (Italien) anläßlich der 50 Jahre seit Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils erscheint.

Der wieder genesene Kardinal greift damit jenen Widerspruch zwischen „realem“ und „virtuellem“ Konzil auf, den Papst Benedikt XVI. noch kurz vor seinem Amtsverzicht betonte. Das reale Konzil als Ausdruck der Kirche ist in den Konzilsdokumenten greifbar und nur dort, das virtuelle Konzil hingegen in einer Art Scheinwelt aus Erwartungen, Interpretationen und Projektionen eigenen Denkens der Menschen von damals und der Nachkonzilszeit. Laut Kardinal Piacenza habe diese Parallelwahrnehmung des Konzils während und nach dem Konzil die Krise des Priestertums, durch Zehntausende von Priestern, die ihr Priestertum aufgaben und durch den anhaltenden Mangel an Berufungen sichtbar gemacht, deren Ursachen jedoch schon auf die Zeit vor das Konzil zurückreichen.

In neuer Buchreihe stellen Kardinäle Konzilsdokumente vor – Auftakt Priesterdekret durch Kardinal Piacenza

Jeder Band der neuen Buchreihe widmet sich einem Dokument des Konzils und wird von einem Kardinal herausgegeben. Jener von Kardinal Piacenza (216 Seiten) enthält das Konzilsdokument zum Weihepriestertum in lateinischer und italienischer Sprache, das vom Herausgeber kommentiert und dargelegt wird. Die Buchreihe wendet sich nicht an ein Fachpublikum, sondern an eine breite Leserschaft. Der Verlag schreibt, daß man damit „auf die Lehren der Konzilsdokumente selbst schauen will, indem auf ideologische oder Sonderinterpretationen verzichtet wird“. Man hofft, so der Verlag, „den Jüngeren zu helfen“, das „große Ereignis zu entdecken, das die Geschichte der Kirche des 20. Jahrhunderts geprägt hat“ und „das Erbe ohne einseitige Vermittlung anzunehmen“. Mit Blick auf die „weniger Jungen“ hofft der Verlag, daß diese „die Freude, den Enthusiasmus und den missionarischen Eifer der Konzilsjahre neu erleben“.

Soweit der Verlag. In seinem Kommentar zum Konzilsdokument, das sich mit dem Priestertum befaßt, schreibt Kardinal Piacenza: „Wenn Soziologen und Religionshistoriker betonen, daß der Verlust an Priestern und der Rückgang an Priesterberufungen, die auf das Ökumenische Zweite Vatikanische Konzil folgten, in der Kirchengeschichte nichts Vergleichbares kenne, nicht einmal wenn man es mit der lutherischen „Reformation“ vergleicht, dann ist dies in keiner Weise dem Konzil zuzuschreiben, noch seiner teilweise zweideutigen Rezeption.“ Die Wurzeln der Berufungskrise und damit der Krise des Priestertums seien älter. „Die Reformen des Konzils und auch Presbyterorum ordinis haben die zerstörerischen Auswirkungen eingedämmt“, so der Kardinal.

Konzilsdekret „in völliger Übereinstimmung mit der gesamten kirchlichen Tradition“

Der Präfekt der Kleruskongregation merkt dann an, daß bei einer Analyse des Konzilsdekrets klar wird, „daß die dort präsentierte Lehre sowohl vom sakramentalen als auch vom pastoralen Gesichtspunkt in völliger Übereinstimmung mit der gesamten kirchlichen Tradition und mit den dogmatisch bedeutendsten Konzilen, darunter jenem von Trient, stehen und ein Profil der priesterlichen Identität bietet, das vollkommen im Weihesakrament verwurzelt ist und vollständig von diesem abhängt, auch was den Auftrag betrifft.“

Piacenza schreibt in seiner Analyse, daß „vor allem in den ersten Jahrzehnten unmittelbar nach der Veröffentlichung von Presbyterorum ordinis, neue Formen der Ausübung des priesterlichen Amtes gesucht wurden, die mehr den Bedürfnissen der zeitgenössischen Kultur entsprechen würden und vom missionarischen Gesichtspunkt aus effizienter seien. Diese Suche hatte jedoch nicht wenig Einseitigkeiten zur Folge, die Köpfe und Herzen jener vereinnahmten, die es zuließen, daß weltliche Maßstäbe in den Glaubenshorizont eindringen, und sich dadurch statt mit einer neuevangelisierten Welt mit einem völlig verweltlichten Glauben wiederfanden, oft sogar ganzer Gemeinschaften.“

Bei jeder Reform „muß als Maßstab ein Kriterium über allen anderen stehen: das Heil der Seelen“

Der Kardinal bekräftigt, daß „jede authentische Erneuerung in der Kirche nicht ohne den fundamentalen Beitrag der Priester möglich ist. So wahr es ist, daß der Heilige Geist frei ist, in jeder Epoche das Antlitz der Braut Christi neu zu gestalten, vor allem indem er Heilige, Frauen und Männer erweckt, die völlig von Christus erfüllt und daher imstande sind durch ihr eigenes Leben zu evangelisieren und die Kirche und die Welt zu erneuern, so gilt nicht minder, daß die Priester in ihrer täglichen und konkreten Ausübung ihres Hirtenamtes für das heilige Volk Gottes deklinieren, was die Weltkirche und in ihr die höchste Autorität als Weg der notwendigen Erneuerung aufzeigt.“ In dieser nicht leichten Aufgabe, so Kardinal Piacenza, „muß als Maßstab ein Kriterium immer über allen anderen stehen: das Heil der Seelen. Bei jedweder Reform und ihrer Umsetzung muß immer und eindeutig eine entscheidende Frage bestimmend sein: Hilft es dem Glauben? Fördert es eine größere Anhänglichkeit an Christus?“

Und Kardinal Piacenza weiter: „Wenn dieses einfache und unmittelbare Kriterium immer angewandt worden wäre, gäbe es weder gefährliche unbegründete Verdrehungen der Glaubenslehre noch nostalgische Verhärtungen von zweifelhaftem missionarischen Nutzen.“

Text: Giuseppe Nardi

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