Papst: Das Evangelium in der Sprache von heute verkünden

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Papst traf Ordensleute

Das Evangelium muss den Menschen von heute „in einer Sprache und auf eine Weise verkündet werden, die sie verstehen können“. Das sagte Papst Franziskus an diesem Samstag zu Ordensleuten. Die Menschen seien heute umgeben von „Prozessen rascher sozialer und kultureller Veränderung“. Das sei eine Herausforderung zur Kreativität für alle, die das Evangelium wirklich in unserer Zeit einheimisch machen wollten.

„Den Menschen nahe sein, die wie wir sind, den einfachen Menschen… Mir gefällt dieser Abschnitt aus dem Brief des Paulus an Timotheus, in dem er ihn an den Glauben erinnert, den er von seiner Mamma und seiner Oma empfangen hat. Die Einfachheit der Mamma, der Oma… Das ist das Fundament, nicht wahr? Wir sind keine Prinzen, Söhne von Prinzen oder Grafen oder Baronen, wir sind einfache Leute, Volk. Und darum gehen wir mit dieser Einfachheit zu den Einfachen und den Leidenden, den Kranken, den Kindern, den alleingelassenen Alten, den Armen, zu allen. Und diese Armut ist im Zentrum des Evangeliums, weil sie die Armut Jesu ist. Keine soziologische Armut – die Armut Jesu.“

Auch die Mittel der Evangelisierer seien „ganz kleine, einfache“, fuhr der Papst fort. Wir seien doch alle nur „klein“ und „unwürdig“: „Aber wir haben einen großen Horizont, das ist unser Glaube an die Macht des Herrn.“ Mit unserem Kleinsein verhalte es sich wie mit dem Samen aus dem biblischen Gleichnis, der immer größer werde und den der Herr wachsen lasse.

„Die Horizonte der Evangelisierung und die dringende Notwendigkeit, die Botschaft des Evangeliums allen ohne Ausnahme zu bringen, sind ein weites Feld für das Apostolat. So viele Menschen warten heute noch darauf, Jesus kennenzulernen, den einzigen Erlöser des Menschen, und viele ungerechte oder prekäre Situationen können glaubende Menschen nicht ruhig lassen!“

Die Evangelisierung sei heute eine „sehr dringende Mission“, und Voraussetzung für sie sei „die eigene Umkehr und die Umkehr der Gemeinschaft“. „Nur Herzen, die völlig offen sind für die Gnade, können die Zeichen unserer Zeit deuten und den Schrei der Menschheit nach Hoffnung und Frieden aufnehmen!“ Mut und Risikobereitschaft brauche es heute, „um auf die neuen Herausforderungen zu antworten und die Mission neu anzupacken“.

(rv 18.02.2017 sk)

Kardinal Müller: Dem Papst ist nicht mit Personenkult gedient

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Papst Franziskus und Kardinal Müller

Befreiungstheologie, Wahrheit Gottes und Freiheit des Menschen, Ökumene, Kapitalismuskritik, ewiges Leben: Würden Sie vermuten, dass ein Buch, das diese Inhalte vereint, den Titel „Der Papst“ trägt? An diesem Montag ist ein solches Buch erschienen, der Autor ist kein Geringerer als der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Wir baten ihn zum Interview.

Gleich zu Beginn betont der deutsche Kurienkardinal, er wolle nicht über „das Papsttum“ schreiben, also eine anonyme Institution. Papst, das sei eine Abfolge von Menschen, die personale Beziehung hat Vorrang, so Kardinal Müller im Interview gegenüber Radio Vatikan. „Es gibt viele Bücher über ‚das Papsttum’, oder über die Päpste, aber es ist wichtig, dass man diese Sendung als eine Sendung von Personen auffasst und nicht von einer Institution redet. Jesus hat selber zu Simon gesagt ‚du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen’. Es ist eine personale Relation, welche dieses besondere Amt ausmacht.“ Das Buch ist insgesamt ein theologisch-spiritueller Gang durch das Papstamt, „von mir als alteingesessenem Theologieprofessor, da erwartet man halt so ein Buch“, sagt Müller lachend.

„Eine Gefahr heute, in den Medien: dass nur noch die Stimme des Papstes erklingt“

Kardinal Müller beginnt aber zunächst biographisch, mit seiner persönlichen Geschichte der Päpste, von der Jugend an. Er wolle nicht nur eine theologische Abhandlung vorlegen, sondern bewusst auch als reflektierter Gläubiger schreiben, so Müller, „dass wir also nicht etwas errichten, was seine lebendigen Wurzeln verloren hat und dann wie ein toter Baum vielleicht schön anzusehen ist, aber ohne Leben in der Landschaft herum steht.“

Die katholische Kirche sei keine „Papstkirche“, das Zentrum ist Christus selber, betont Kardinal Müller. „Es muss auch nicht alles auf Rom hin konzentriert sein“, verweist er auf das Zweite Vatikanische Konzil. Dementsprechend ausführlich zitiert der Autor in seinem Buch immer wieder vor allem das Dokument Gaudium et Spes. „Man muss einerseits betonen, wie wichtig der Papst für die Einheit der gesamten Kirche im Glauben ist, aber andererseits darf man das nicht zentralistisch auffassen. Man kann nicht dem Papst dienen, wenn man einen Personenkult um ihn herum betreibt. Das ist sicherlich eine Gefahr heute, in den Medien, dass nur noch die Stimme des Papstes erklingt, während die Sichtweise von der natürlichen Verfassung der Kirche her eigentlich andersherum ist.“ Die konkrete Versammlung – ob nun die biblischen „zwei oder drei“ oder auch fünfzig – sei das Ursprüngliche, zunächst in der Familie, dann in der Gemeinde und von da aus weite sich das. Das Konkrete vor Ort dürfe nicht als nachgeordnet erscheinen.

Christus hat einfache Menschen gewählt

Papstverherrlichung schade dem Amt mehr, als sie ihm nutze. „Wir kennen das ja schon von Paulus her, dass er Petrus als den Ersten anerkannt hat, aber doch in einer wichtigen Frage der praktischen Umsetzung kritisch etwas zu ihm gesagt hat. Das äußere Verhalten muss mit der inneren Haltung überein stimmen, das begleitet die Geschichte der Päpste. Es war die Wahl Christi selber, dass er nicht die Schönsten und Mächstigsten zu seinen Aposteln gemacht hat, sondern einfache Menschen, die sich auch bewusst sind, dass sie keine Übermenschen sind, sondern die immer der Gnade Gottes bedürfen.“

Kardinal Müller warnt deswegen auch vor überzogenen Erwartungen, weil diese bei – voraussehbarer – Nichterfüllung ins Gegenteil umschlagen. Die Schwächen gehörten aber zum Menschen, „ein erwachsener Christ muss umgehen können mit den Schwächen und Grenzen der offiziellen Repräsentanten der Kirche.“ Verehrung und Anerkennung sei für einen Katholiken dem Papst gegenüber selbstverständlich, auch dem konkreten Papst, nicht nur dem Amt – aber bitte nicht übertreiben.

Reform: wieder Fahrt gewinnen

Kardinal Müller zitiert an dieser Stelle in seinem Buch einen Theologen des 16. Jahrhunderts, Melchior Cano, also aus einer Zeit der nötigen Kirchenreform. Um Reform geht es auch ihm, Müller, wenn sie auch anders gelagert ist als vor 500 Jahren. Damals sei es um tiefgreifende Schwächen, auch strukturelle, der Kirche gegangen, „während ich heute unter Kurienreform eher verstehen würde, dass wir alle neu motiviert werden und nicht in die bürgerliche Bequemlichkeit zurück fallen. Was wir heute unter Reform verstehen ist die Frage, wie wir wieder Fahrt gewinnen, wenn es um die großen Herausforderungen der Säkularisierungen geht. Es geht darum, dass wir positiv die Fülle des Glaubens und der Hoffnung, die uns geschenkt worden ist, werbend, einladend, ermöglichend in den großen gesellschaftlichen Diskurs einbringen.“

Aber auch die äußeren Zeichen des Papsttums verändern sich, sagt Kardinal Müller, das Papsttum nehme natürlich immer auch die Züge seiner Zeit an, weil es auf konkrete Umstände Antwort geben müsse. „Das hat aber nichts mit einer von einigen befürchteten De-Sakralisierung des Bischofsamtes oder des Papstamtes zu tun. Es wäre ja auch nicht möglich, einen reinen Funktionalismus aufzubauen. Die Kirche ist Leib Christi und Volk Gottes und nicht eine von uns gemachte soziale Organisation mit ihren einzelnen Abteilungen, die innerweltliche Verbesserungsvorschläge einbringt.“

Ausrichtung auf Seelsorge und die Würde des Menschen

Konkret wird gerade der aktuelle Papst gegenüber den sozialen und ökologischen Herausforderungen heute, was Kardinal Müller in seinem Buch mit einer ausführlichen Betrachtung der Enzyklika Laudato Si’ beantwortet. „Die Ausrichtung auf die Seelsorge, eine konstruktive und aufbauende Gesellschaftskritik, die Soziallehre, die Befreiungstheologie nicht nur als fünftes Rad am Wagen eines politischen Programms sondern als echte Theologie, die von Gott her Entscheidendes beiträgt zur Unterstreichung oder Wiederherstellung der Menschenwürde in vielen Teilen der Welt: Das alles gehört innerlich zusammen und ist nicht nur eine äußerliche Kombination. Es gehört so untrennbar zusammen wie Gottes- und Nächstenliebe.“

 

Gerhard Ludwig Müller: Der Papst. Sendung und Auftrag. Das Buch ist im Verlag Herder erschienen und kostet etwa 30 Euro.

 

(rv 20.02.2017 ord)

NACHFOLGER PETRI UND STELLVERTRETER CHRISTI

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Der Präfekt der Glaubenskongregation Gerhard Kardinal Müller befasst sich in seinem aktuellen Werk mit dem Papstamt.

Von Helmut Hoping

 

Passend zum Lutherjahr 2017 legt der Präfekt der Glaubenskongregation ein gut sechshundert Seiten starkes Buch über Sendung und Auftrag des Papstes vor. Zu Beginn steht ein sehr persönlich gehaltenes Kapitel zu den Päpsten seiner Lebensgeschichte – von Pius XII. bis Franziskus. En passant werden dabei auch die Theologen gestreift, die ihn besonders beeinflusst haben, darunter Johann Adam Möhler (1796–1838), Henri de Lubac (1896–1991), Hans Urs von Balthasar (1905–1988), der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez, Kardinal Lehmann und Joseph Ratzinger/Benedikt XVI.

In seinen Ausführungen zum aktuellen Pontifikat von Franziskus zitiert der oberste Glaubenshüter des Vatikans sein Statement in der außerordentlichen Bischofssynode zur Familie von 2015. Mit seiner klaren Darlegung der katholischen Ehelehre sowie der Warnung, in die Substanz des Ehesakraments einzugreifen, liest es sich wie ein Kommentar zu den widersprüchlichen Interpretationen des achten Kapitels von Amoris laetitia. Es ist nicht der einzige aktuelle Bezug des Papstbuches.

Die weiteren Kapitel behandeln die klassischen Themen einer Theologie des Papstamtes: Geschichte des Lehr- und Leitungsprimats des römischen Bischofs, Verhältnis von Papst und Bischofskollegium, ordentliches und außerordentliches Lehramt, Papsttum und die christliche Ökumene. Die Schlusskapitel beschäftigen sich mit dem Papst als Anwalt der Würde des Menschen und analysieren die Enzykliken von Benedikt XVI. und Franziskus über die göttlichen Tugenden.

Der Papst als oberster Lehrer und Hirte der Kirche

Der Bischof von Rom ist der Nachfolger Petri und Stellvertreter Christi. Als der universale Hirte, der seine Mitbrüder im Glauben zu stärken hat, ist er zugleich das konkrete Prinzip der Einheit des Episkopats und der Ortskirchen. Wie die universale Kirche, der er vorsteht, ist er an die Regel des Glaubens, die Schrift und die authentische Glaubensüberlieferung gebunden.

Die episkopale Verfassung der Kirche als Gemeinschaft von Ortskirchen, die durch einen Bischof geleitet werden, ist göttlichen Rechts und kann daher vom Papst nicht aufgehoben werden. Mehrfach betont Kardinal Müller, dass der einzelne Bischof Amt und Vollmacht durch seine Weihe erhält. Das Bischofskollegium existiert aber nicht ohne sein Haupt, bei dem der Primat der Lehre und der Leitung der gesamten Kirche liegt, der mit den Prinzipien einer recht verstandenen Synodalität zusammenzudenken ist.

Da das lehramtliche Handeln des Nachfolgers Petri als oberstem Lehrer des Glaubens nicht den Interessen der vatikanischen Diplomatie untergeordnet werden dürfe, findet es der Glaubenspräfekt fragwürdig, dass das Staatssekretariat im Zuge der nachkonziliaren Kurienreform den Kongregationen der Kurie vorangestellt wurde.

Zum ordentlichen Lehramt des Papstes heißt es, dass auch der Stellvertreter Christi irren und sündigen könne, wenn er etwa an der Aufgabe schuldig werde, den Glauben treu zu verkünden und auszulegen. Eine Aussage ist nicht schon deshalb wahr, weil sie vom Papst stammt, sondern weil sie der Glaubenslehre der Kirche entspricht. Der Nachfolger Petri könne etwa „nicht die inhärenten Zulassungsbedingungen zu den Sakramenten“ ändern und „einem Katholiken im Stand der Todsünde ohne dessen Reue und Vorsatz, die Sünde von da an zu meiden, die sakramentale Absolution erteilen und ihm den Empfang der heiligen Kommunion erlauben, ohne sich an der Wahrheit des Evangeliums und dem Heil der so in die Irre geführten Gläubigen zu versündigen“.

Die Fülle der Vollmacht verlangt vom Papst „strengste Gewissensprüfung vor dem Herrn der Kirche“ und die Bereitschaft, „auf den brüderlichen Rat der Mitbischöfe“ zu hören. Zudem hat er „von den Kardinälen und engsten Mitarbeitern der Kurie konstruktive Kritik entgegenzunehmen“. Die römische Kurie ist aber „keine Zwischeninstanz zwischen dem Papst und den Bischöfen“.

Unfehlbare Irrtumsfreiheit kommt dem Papst nur dann zu, wenn er den Glauben der Kirche in seinem außerordentlichen Lehramt letztverbindlich vorträgt und auslegt. Diese vom Zweiten Vatikanischen Konzil bestätigte Form des Lehramtes der Kirche beruht auf ihrer Unfehlbarkeit im Glauben. Dieser könne nicht durch Umfragen festgelegt werden; was an Auffassungen im Volk Gottes im Dissens zur geoffenbarten und von der Kirche vorgelegten Glaubenslehre stehe, sei kein Ausdruck des sensus fidelium. Scharfe Kritik übt Kardinal Müller an der These von der „Lebenswirklichkeit“ als Offenbarungsquelle, an der die Lehre der Kirche angeblich zu messen sei.

Zurückgewiesen wird auch die These vom Kontinuitätsbruch zwischen dem Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil, die für den Glaubenspräfekten einen häretischen Widerspruch gegen die Einheit der Offenbarung und die Einzigkeit der Kirche darstellt. Gegen eine falsche Hermeneutik des letzten Konzils seien seine Dokumente von den beiden dogmatischen Konstitutionen über die Offenbarung und die Kirche her zu interpretieren. Ausführlicher hätte man dabei auf die umstrittene These von den zwei kontradiktorischen Ekklesiologien des Konzils eingehen können.

Die vom Konzil vorgenommene Integration des Papstamtes in das Ganze der Kirche und des Episkopats bedeute keine Relativierung. Ebenso wenig sei an die Stelle der bischöflich verfassten Kirche, mit dem Papst als ihrem sichtbaren Prinzip der Einheit, eine demokratisierte Kirche getreten. „Die Kirche ist kein Volk, das sich eine Verfassung gibt und seine Regierung wählt.“

Als Luther seine polemische Schrift „Wider das Papsttum, vom Teufel gestiftet“ veröffentlichte, waren seit den Ablassthesen von 1517 nahezu drei Dezennien vergangen. Luther wollte anfänglich die Kirche erneuern, doch sah er die hierarchisch und sakramental verfasste Kirche schon bald in einem grundlegenden Widerspruch zur Rechtfertigung allein durch Glaube und Gnade. Luthers Rechtfertigungslehre hätte nach dem Urteil Kardinal Müllers nicht zwangsläufig zum Bruch mit der katholischen Kirche führen müssen. Die Ablehnung der kirchlichen Hierarchie und damit einhergehend der „protestantische Grundentscheid gegen den römischen Papst“ hatten aber die Kirchenspaltung zur Folge.

Der Glaubenspräfekt neigt nicht dazu, die Differenzen zwischen der katholischen Kirche und den reformatorischen Kirchen zu nivellieren, er vertritt aber auch keine Ekklesiologie der Profile, die vor allem das Trennende betont. Er weiß, worin die Konfessionskirchen übereinkommen, weiß aber auch um die nur schwer zu überbrückende Kluft zwischen dem evangelischen und dem katholischen Kirchenverständnis. Johann Adam Möhler, der öfter zitiert wird, sprach mit Blick auf das sakramentale Kirchenverständnis von einer „ungeheuren Differenz“, Kardinal Müller von „nur schwer kompatiblen Ansätzen“.

Ziel der Ökumene ist die Versöhnung der Gegensätze

Gelegentlich gewinnt man heute den Eindruck, das Ziel der Ökumene sei nicht mehr die Einheit im Glauben, in den Sakramenten und in der kirchlichen Leitung, sondern das, was man „versöhnte Verschiedenheit“ nennt – ein anderes Wort dafür, dass man sich gegenseitig anerkennt wie man ist. Der Glaubenspräfekt erinnert an die bleibende Gültigkeit der katholischen Prinzipien des Ökumenismus, die das Konzilsdekret Unitatis redintegratio formuliert. Ziel der Ökumene sei „nicht versöhnte Verschiedenheit – mit dem Ton auf bleibende Verschiedenheit –, sondern die Versöhnung der Gegensätze in einer tieferen Communio in Christus: Unus et totus Christus, caput et membra.“

Damit meinte Kardinal Müller keine Rückkehrökumene, wie sie bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil vertreten wurde, wohl aber eine sichtbare Einheit als Gemeinschaft von Kirchen, die immer mehr eine Kirche werden.

Es fällt auf, dass Papst Franziskus für das Verhältnis der christlichen Kirchen nicht mehr wie das Zweite Vatikanische Konzil das Bild der konzentrischen Kreise verwendet, mit der katholischen Kirche als Zentrum des inneren Kreises, sondern das Bild des Polyeder, der kein sichtbares Zentrum besitzt.

Eigens würdigt Kardinal Müller das historische Treffen von Franziskus und Kyrill, dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche: Eine Union der katholischen Kirche und der Kirchen der Orthodoxie liegt nach Meinung von Kardinal Müller im Bereich des Möglichen, auch wenn sie durch unterschiedliche kulturelle Mentalitäten und noch bestehende Lehrdifferenzen bezüglich der Stellung des Papstes erschwert wird.

Was den Primat des Papstes betrifft bleibe ökumenisch gültig, was Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ut unum sint (1995) schreibt: Die volle Gemeinschaft der Kirchen verlange die Communio mit dem Nachfolger Petri, doch sei es nötig, „eine Form der Primatsausübung zu finden, die zwar keineswegs auf das Wesentliche ihrer Sendung verzichtet, sich aber einer neuen Situation öffnet.“ Wie Joseph Ratzinger mehrfach betonte, dürfe man von den mit Rom nicht verbundenen Kirchen des Ostens in Bezug auf die Lehre vom päpstlichen Primat nicht mehr verlangen, als in der Theologie bis zur ersten Millenniumswende gegeben war.

Als universaler Hirte führt der Papst die Herde Christi durch die Zeit und tritt als Anwalt der Würde des Menschen und Lehrer seiner Vollendung für die Verteidigung des natürlichen Sittengesetzes sowie der Menschenrechte ein. Dazu gehört das in der Kirche längere Zeit umstrittene Recht auf Religions- und Gewissensfreiheit, was eine ausführlichere Behandlung verdient hätte.

Zur Aufgabe des Nachfolgers Petri gehört es ebenso, die Wahrheit Gottes und des Menschen zu verteidigen, wie sie sich im Licht der Offenbarung zeigt. In der Relativierung der Wahrheit sieht Kardinal Müller die größte Gefahr für die Freiheit des Menschen. Mit Benedikt XVI. fordert er eine neue Synthese von Glaube und Vernunft.

Am Ende des Papstbuches stehen Ausführungen zu den Enzykliken von Benedikt XVI. und Franziskus über die Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe. Dabei geht Kardinal Müller von einer Aussage des „Katechismus der Katholischen Kirche“ aus: „Das universale ordentliche Lehramt des Papstes und der in Gemeinschaft mit ihm stehenden Bischöfe lehrt die Gläubigen die zu glaubende Wahrheit, die zu lebende Liebe und die zu erhoffende Seligkeit“ (KKK 2034).

Der cantus firmus der Enzyklika Lumen fidei (2013) über den Glauben ist das „Licht des Glaubens“, das sich an Christus, dem „Licht der Völker“ entzündet – eine Anspielung auf die Konzilskonstitution Lumen gentium. Den Glauben, der in der Lage ist, die eindimensionale Vernunft zu weiten, hat der Nachfolger Petri fortiter et suaviter (kraftvoll und mild) zu verkünden, so wie die Wahrheit Gottes den Menschen zu überzeugen vermag. Die christliche Hoffnung, die sich auf die Vollendung des Reiches Gottes im ewigen Leben bei Gott richtet, wird mit der Enzyklika Spe salvi (2007) von politischen Erlösungstheorien abgegrenzt.

Die Enzyklika Deus caritas est (2005) über die Liebe hat von den Lehrschreiben über die göttlichen Tugenden nicht ohne Grund die größte Aufmerksamkeit gefunden. Denn die christliche Religion ist die Religion der Liebe: „Wir haben die Liebe Gottes erkannt und ihr geglaubt“ (1 Johannes 4, 16). Die Botschaft der Barmherzigkeit Gottes, die Franziskus zum Hauptthema seines Pontifikats gemacht hat, sieht der Glaubenspräfekt in der Kontinuität zur Enzyklika Deus caritas est. Gleichzeitig beobachtet er in der ortskirchlichen Lehrverkündigung die Gefahr einer fragwürdigen Auffassung der göttlichen Barmherzigkeit, die den inneren Zusammenhang von Liebe und Wahrheit, Gerechtigkeit und vergebender Liebe auseinanderzureißen droht.

Mit seiner Mischung aus theologischem Traktat De papa, Analysen päpstlicher Lehrschreiben und Kommentaren zur Lage des Glaubens ist die Lektüre des Buches von Kardinal Müller sehr zu empfehlen. Unter den Lesern, so ist zu wünschen, wird auch Papst Franziskus sein. Das Vorwort des Buches ist auf das Fest cathedra Petri 2017 datiert, zu dem es in den Buchhandel kommt.

Gerhard Kardinal Müller: Der Papst – Sendung und Auftrag. Herder, Freiburg, 2017, 608 Seiten, gebunden,

ISBN 978-3-451-37758-7, EUR 29,99

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Quelle

Kolumbusritter: Carl Anderson überreicht dem Papst die Spendenaktion 2016

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Papst Franziskus & Carl Anderson, 16. Februar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

US-amerikanische Laienorganisation
sammelte 1,6 Millionen Dollar zugunsten des Heiligen Stuhls

Der ‪„Oberste Ritter“ oder Haupt der US-amerikanischen katholischen Laienorganisation „Knights of Columbus“ hat Papst Franziskus am Donnerstag, dem 16. Februar, im Laufe einer Privataudienz im Vatikan den Ertrag der jährlichen Spendenaktion zugunsten des Heiligen Stuhls überreicht.

Wie die Internetseite der Kolumbusritter meldet, hat die Kollekte 2016 für das „Vicarius Christi Fund“ 1,6 Millionen Dollar (rund 1,5 Millionen Euro) eingebracht. Seit seiner Errichtung im Jahr 1981 sind für das Fonds für die persönlichen karitativen Initiativen des Heiligen Vaters insgesamt bereits 57 Millionen Dollar eingesammelt worden.

Im Laufe der Audienz besprach Carl Anderson mit dem Papst auch verschiedene Hilfsprojekte der Laienorganisation, insbesondere jene zugunsten der verfolgten Christen im Nahen Osten.

Aus Anlaß des von Papst Benedikt XVI. ausgerufenen und von Papst Franziskus am 24. November 2013 abgeschlossenen Jahres des Glaubens spendeten die Kolumbusritter auch die Restaurierung des Gnadenbildes der ‪„‪Madonna del Soccorso“ in der vatikanischen Basilika.

Es war, wie die Internetseite betont, die erste Restaurierung dieser Art im aktuellen Pontifikat. Während der Audienz am Donnerstag blätterte Franziskus mit Carl Anderson ein ihm gewidmetes Kunstbuch über die Restaurationsarbeiten durch.

Die Kolumbusritter ist die größte männliche Laienorganisation in den Vereinigten Staaten und in der Welt. Die 1882 von einem Priester irischer Abstammung, Michael J. McGivney, gegründete Organisation zählt heute über 1,7 Millionen Mitglieder. Die diözesane Phase seines Seligsprechungsverfahrens wurde 1997 geöffnet.

[Übersetzt von Paul De Maeyer]

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Quelle

„Das ist eine Tragödie, die Kindersoldaten!

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Flüchtlinge, Nord-Kivu (Photo: 2012) / Wikimedia Commons – © MONUSCO/Sylvain Liechti, CC BY-SA 2.0

Worte von Papst Franziskus nach dem Angelus von Sonntag, dem 19. Februar 2017

Nach dem Angelusgebet am Sonntag, dem 19. Februar 2017, lenkte Papst Franziskus die Aufmerksamkeit der Pilger auf die dramatische Lage in der Demokratischen Republik Kongo (ex Zaire), insbesondere auf die ‪„gewalttätigen und brutalen Auseinandersetzungen“ in der der Region Zentral-Kasai.

‪„Ich spüre einen starken Schmerz für die Opfer, besonders für die vielen betroffenen Kinder, die ihren Familien und den Schulen entrissen wurden, um als Kindersoldaten verwendet zu werden“, sagte Franziskus, der das Phänomen der Kindersoldaten als eine ‪„Tragödie“ bezeichnete.

„Ich versichere ihnen meine Nähe und mein Gebet, auch dem religiösen und humanitären Personal, das in dieser schwierigen Region tätig ist, und richte erneut einen eindringlichen Appell an das Gewissen und an die Verantwortlichkeit der nationalen Autoritäten und der internationalen Gemeinschaft, damit sie unverzüglich angemessene Entscheidungen treffen, um diesen unseren Brüdern und Schwestern beizustehen“, so fuhr der Papst fort.

„Beten wir für sie und für alle Völker, die auch in anderen Teilen des afrikanischen Kontinents und der Welt unter Gewalt und Krieg leiden“, sagte der Papst, der an dieser Stelle die jüngste Anschlagswelle in Pakistan und Irak erwähnte.

„Beten wir für die Opfer, für die Verletzten und die Angehörigen. Beten wir sehnlich, dass jedes von Hass verhärtete Herz sich in Frieden umwandele nach dem Willen Gottes“, bat der Papst, der gemeinsam mit den Gläubigen ein Ave-Maria rezitierte.

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„Der Weg der ‪wahren Gerechtigkeit“

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Angelus, 22. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Angelus am Sonntag, dem 19. Februar 2017

Um 12 Uhr genau zeigte sich Papst Franziskus am Sonntag, dem 19. Februar, am Fenster seines Arbeitszimmers, um den sonntäglichen Angelus mit den Pilgern auf dem Petersplatz zu beten.

Am Beginn seiner Betrachtung unterstrich der Papst, dass die heutige Perikope, Matthäus 5,38-48, eine der Seiten des Evangeliums sei, die „am besten die christliche ‚Revolution’“ ausdrücke.

Im Tagesevangelium zeige Jesus den Weg der ‪„wahren Gerechtigkeit“ durch das Gesetz der Liebe, die das Talionsprinzip „Auge um Auge und Zahn um Zahn“ überwinde.

„Jesus fragt seine Jünger nicht, das Böse zu erleiden, sondern zu reagieren, aber nicht mit einem anderen Übel, sondern mit dem Guten“, so erklärte Franziskus. Nur so zerbreche man die Kette des Bösen, betonte er.

‪„‪Das Böse ist tatsächlich eine ‚Leere’‪‪, eine Leere des Guten, und eine Leere füllt man nicht mit einer anderen Leere, sondern nur mit einer ‚Fülle’‪‪, das heißt mit dem Guten“, so erläuterte der Papst. ‪„Die Vergeltung führt nie zur ‪Lösung von Konflikten“, so warnte er ausdrücklich.

Für Jesus könne die Ablehnung von Gewalt auch den Verzicht auf ein legitimes Recht beinhalten, so fuhr Franziskus fort. ‪„Dieser Verzicht bedeutet aber nicht, dass die Ansprüche der Gerechtigkeit übersehen oder widersprochen werden, nein, im Gegenteil, die christliche Liebe, die sich in besonderer Weise in der Barmherzigkeit zeigt, stellt eine höhere Verwirklichung der Gerechtigkeit dar“, betonte Papst Franziskus.

‪„Das was Jesus uns lehren will“, erklärte er, ‪„ist der klare Unterschied, den wir zwischen Gerechtigkeit und Vergeltung machen müssen.“ Die Vergeltung sei nie gerecht, so sagte er. Sie sei nur Ausdruck des Hasses und der Gewalt.

‪„Jesus möchte kein neue Zivilordnung vorschlagen — so Franziskus –, sondern eher das Gebot der Liebe zum Nächsten, die auch die Feindesliebe umfasst: ‚Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen’ (V. 44).“

Dies — so erklärte der Papst weiter — solle nicht verstanden werden, als ob Jesus das vom Feind begangenen Übel billige, sondern als eine Einladung zu einer höheren Perspektive, zu einer großmütigen Perspektive, die der des himmlischen Vaters ähnlich sei.

‪Auch der Feind sei eine menschliche Person, als solche nach dem Bild Gottes geschaffen, obwohl dieses Bild durch ein unwürdiges Verhalten getrübt sei, erläuterte Franziskus.

Bei ‪„Feinden‪“  solle man nicht an völlig andere oder weit entfernte Personen denken, sondern auch an uns selbst, weil auch wir mit unserem Nächsten in Konflikt geraten können, sogar mit unseren nächsten Verwandten.

‪„Feinde sind auch diejenigen, die über uns schlecht reden, die uns verleumden und die uns Unrecht antun“, fuhr der Papst fort. Wir seien dazu aufgerufen, all jenen zu antworten mit dem Guten, „das auch seine eigene von der Liebe inspirierten Strategien hat“, so sagte Franziskus, während er die Jungfrau bat, sie möge uns helfen, Jesus auf diesem anspruchsvollen Weg zu folgen.

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Quelle

Die Berufung ist wie der Glaube selbst ein Schatz

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Audienz für die Teilnehmer an der Vollversammlung
der Kongregation für die Institute geweihten Lebens
und für die Gesellschaften apostolischen Lebens

Ansprache von Papst Franziskus am 28. Januar

Liebe Brüder und Schwestern!

Es ist für mich ein freudiger Anlass, euch heute zu empfangen, während ihr zur Vollversammlung zusammengekommen seid, um über das Thema der Treue und der Austritte nachzudenken. Ich begrüße den Kardinalpräfekten und danke ihm für seine Worte der Präsentation. Und ich begrüße euch alle, verbunden mit dem Ausdruck meiner dankbaren Anerkennung für eure Arbeit im Dienst des geweihten Lebens in der Kirche.

Das Thema, das ihr gewählt habt, ist wichtig. Wir können wohl mit Recht sagen, dass in diesem Augenblick die Treue auf die Probe gestellt wird. Die von euch ausgewerteten Statistiken zeigen das. Wir stehen vor einer »Ausblutung«, die das geweihte Leben und damit das Leben der Kirche schwächt. Die Austritte aus dem geweihten Leben machen uns Sorgen. Es ist wahr, dass es bei manchen konsequent ist, wenn sie gehen, weil sie nach einer ernsthaften Unterscheidung erkennen, dass sie nie die Berufung hatten. Andere aber brechen im Lauf der Zeit die Treue, und das oft nur wenige Jahre nach den ewigen Gelübden. Was ist geschehen?

Wie ihr gut aufgezeigt habt, gibt es viele Faktoren, die die Treue in der gegenwärtigen Zeit einschränken, die ein Epochenwandel ist, und nicht nur eine Epoche des Wandels, in der es schwierig zu sein scheint, ernsthafte und endgültige Verpflichtungen einzugehen. Vor einiger Zeit hat mir ein Bischof erzählt, dass ein guter Junge mit Universitätsabschluss, der in der Pfarrei arbeitete, zu ihm kam und gesagt hat: »Ich möchte Priester werden, aber nur für zehn Jahre.« Die Kultur des Provisorischen.

Der erste Faktor, der das Treubleiben nicht gerade leichter macht, ist der soziale und kulturelle Kontext, in dem wir uns bewegen. Wir leben eingetaucht in die sogenannte Kultur des Fragmentarischen, des Provisorischen, die dazu führen kann, »à la carte« zu leben und Sklaven der jeweiligen Moden zu sein. Diese Kultur weckt das Bedürfnis, stets über »Hintertüren« zu verfügen, die für andere Möglichkeiten offenstehen. Sie nährt den Konsumismus, vergisst die Schönheit des einfachen, kargen Lebens und das ruft sehr häufig eine große existentielle Leere hervor. Es hat sich auch ein starker praktischer Relativismus verbreitet, dem zufolge alles beurteilt wird unter dem Aspekt einer Selbstverwirklichung, der die Werte des Evangeliums fremd sind. Wir leben in Gesellschaften, in denen wirtschaftliche Regeln die moralischen Regeln ersetzen, Gesetze diktieren und die eigenen Bezugssysteme aufzwingen, zu Lasten der Werte des Lebens. Es ist eine Gesellschaft, in der die Diktatur des Geldes und des Profits eine Sichtweise des Lebens vertritt, nach der derjenige, der nichts leistet, aussortiert wird. In dieser Situation wird klar, dass man sich erst selbst evangelisieren lassen muss, um sich dann in der Evangelisierung einzusetzen.

Zu diesem soziokulturellen Kontext müssen wir weitere Faktoren hinzufügen. Einer von ihnen ist die Welt der Jugendlichen, eine komplexe Welt, reichhaltig und herausfordernd zugleich. Sie ist nicht negativ, aber komplex, ja, reichhaltig und herausfordernd. Es fehlt nicht an sehr großherzigen, solidarischen Jugendlichen, die religiös und sozial engagiert sind; an Jugendlichen, die ein echtes geistliches Leben suchen; an Jugendlichen, die nach etwas hungern, das anders ist als das, was die Welt zu bieten hat. Es gibt wunderbare Jugendliche und es sind nicht wenige. Aber auch unter den Jugendlichen gibt es viele, die der Logik der Weltlichkeit zum Opfer gefallen sind. Diese Logik könnte man folgendermaßen zusammenfassen: Streben nach Erfolg um jeden Preis, nach schnellem Geld und oberflächlichem Vergnügen. Diese Logik verführt auch viele Jugendliche. Unser Einsatz kann nur darin bestehen, an ihrer Seite zu sein, um sie mit der Freude des Evangeliums und der Freude der Zugehörigkeit zu Christus anzustecken. Diese Kultur muss evangelisiert werden, wenn wir wollen, dass die Jugendlichen ihr nicht erliegen.

Ein weiterer beeinträchtigender Faktor stammt aus dem Inneren des geweihten Lebens, wo es neben sehr viel Heiligkeit – es gibt sehr viel Heiligkeit im geweihten Leben! – nicht an Situationen eines Anti-Zeugnisses fehlt, die das Treubleiben erschweren. Zu diesen Situationen zählen unter anderem: Routine, Ermüdung, die Last der Verwaltung der Strukturen, innere Spaltungen, Machtstreben – die Karrieremacher! –, eine weltliche Art und Weise, die Institute zu leiten, sowie ein Dienst der Autorität, der zuweilen Autoritarismus wird und in anderen Fällen ein »Laisser-faire«. Wenn das geweihte Leben seine prophetische Mission und seine Faszination aufrechterhalten will, indem es eine Schule der Treue für die Fernen und die Nahen (vgl. Eph 2,17) bleibt, muss es die Frische und Neuheit der Zentralität Jesu, das Anziehende der Spiritualität und die Stärke der Mission beibehalten, und es muss die Schönheit der Nachfolge Christi vor Augen führen und Hoffnung und Freude ausstrahlen. Hoffnung und Freude. Das lässt uns erkennen, wie es um eine Gemeinschaft bestellt ist, was in ihr ist. Ist dort Hoffnung, ist dort Freude? Dann geht es ihr gut. Aber wenn die Hoffnung fehlt und es keine Freude gibt, dann steht es schlimm um sie.

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Ein Aspekt, der besonderes gepflegt werden muss, ist das brüderliche Leben in der Gemeinschaft. Dieses muss genährt werden vom gemeinsamen Gebet, von der betenden Lektüre des Wortes Gottes, von der aktiven Teilnahme an den Sakramenten der Eucharistie und der Versöhnung, vom brüderlichen Dialog und der aufrichtigen Kommunikation unter ihren Mitgliedern, der brüderlichen Zurechtweisung, der Barmherzigkeit gegenüber dem Bruder oder der Schwester, die sündigen, von geteilter Verantwortung. All dies soll begleitet sein von einem beredten, freudigen Zeugnis einfachen Lebens an der Seite der Armen und von einer Mission, die die existentiellen Randgebiete bevorzugt. Der Erfolg der Berufungspastoral, sagen zu können: »Kommt und seht!« (vgl. Joh 1,39) sowie die Ausdauer der jungen und weniger jungen Brüder und Schwestern hängen ganz besonders von der Erneuerung des brüderlichen Lebens in der Gemeinschaft ab. Denn wenn ein Bruder oder eine Schwester innerhalb der Gemeinschaft keine Unterstützung für das eigene geweihte Leben findet, dann werden sie diese außerhalb suchen, mit allem, was das mit sich bringt (vgl. Das brüderliche Leben in Gemeinschaft, 2. Februar 1994, 32).

Die Berufung ist wie der Glaube selbst ein Schatz, den wir in zerbrechlichen Gefäßen tragen (vgl. 2 Kor 4,7). Daher müssen wir ihn hüten, wie man die kostbarsten Dinge hütet, damit uns niemand diesen Schatz raubt und er auch nicht im Lauf der Zeit seine Schönheit verliert. Diese Sorge ist vor allem Aufgabe eines jeden von uns, die wir berufen sind, Christus in größerer Nähe mit Glauben, Hoffnung und Liebe nachzufolgen, die jeden Tag im Gebet gepflegt und von einer guten theologischen und geistlichen Ausbildung gestärkt werden. Letztere ist ein Schutz gegen die Moden, gegen die Kultur des Ephemeren und ermöglicht, im Glauben fest zu sein und voranzugehen. Auf dieser Grundlage ist es möglich, die evangelischen Räte zu praktizieren und untereinander so gesinnt zu sein, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht (vgl. Phil 2,5). Die Berufung ist ein Geschenk, das wir vom Herrn empfangen haben, der uns angeblickt und uns geliebt hat (vgl. Mk 10,21), indem er uns berufen hat, ihm im geweihten Leben nachzufolgen, und es ist zugleich eine Verantwortung dessen, der dieses Geschenk empfangen hat. Mit der Gnade des Herrn ist jeder von uns berufen, persönlich und verantwortungsvoll die Verpflichtung für das eigene menschliche, geistliche und intellektuelle Wachstum zu übernehmen und zugleich die Flamme der Berufung lebendig zu erhalten. Das schließt ein, dass wir unsererseits den Blick fest auf den Herrn richten und stets darauf achten, der Logik des Evangeliums entsprechend voranzugehen und nicht den Kriterien der Weltlichkeit nachzugeben. Sehr häufig geht große Untreue auf kleine Abweichungen und Zerstreutheiten zurück. Auch in diesem Fall ist es wichtig, dass wir uns die Mahnung des heiligen Paulus zu eigen machen: »Die Stunde ist gekommen, aufzustehen vom Schlaf« (Röm 13,11).

Wenn wir von Treue und Austritten sprechen, müssen wir der Begleitung sehr große Bedeutung zumessen. Und das möchte ich unterstreichen. Es ist notwendig, dass das geweihte Leben in die Ausbildung von geistlichen Begleitern investiert, die für dieses Amt qualifiziert sind. Und ich sage das geistliche Leben, weil das Charisma der geistlichen Begleitung, sagen wir der geistlichen Leitung, ein »Laiencharisma« ist. Auch die Priester haben es, aber es ist ein »Laiencharisma«. Wie oft bin ich Schwestern begegnet, die mir gesagt haben: »Vater, kennen Sie nicht einen Priester, der mich leiten könnte?« – »Aber, sage mir, gibt es in deiner Gemeinschaft nicht eine weise Schwester, eine Frau Gottes?« – »Ja, da ist diese betagte Schwester, die… aber …« – »Gehen Sie zu ihr!« Tragt ihr Sorge für die Mitglieder eurer Kongregation. Bereits in der vergangenen Vollversammlung habt ihr diese Notwendigkeit erkannt, wie dies auch aus eurem kürzlich veröffentlichten Dokument Per vino nuovo otri nuovi [Neue Schläuche für neuen Wein] (vgl. Nr. 14-16) hervorgeht. Wir werden diese Notwendigkeit nie genug betonen können. Es ist schwierig, treu zu bleiben, wenn wir den Weg alleine gehen oder mit der Führung durch Brüder und Schwestern, die nicht zu einem aufmerksamen und geduldigen Zuhören fähig sind oder die keine entsprechende Erfahrung des geweihten Lebens mitbringen. Wir brauchen Brüder und Schwestern, die in den Wegen Gottes erfahren sind, um das tun zu können, was Jesus mit den Emmausjüngern getan hat: sie auf dem Weg des Lebens sowie in Augenblicken der Verunsicherung begleiten und in ihnen den Glauben und die Hoffnung durch das Wort und die Eucharistie neu wecken (vgl. Lk 24,13-35). Das ist die schwierige und anspruchsvolle Aufgabe eines geistlichen Begleiters. Nicht wenige Berufungen gehen aus Mangel an guten geistlichen Begleitern verloren. Wir alle, die jungen und auch die weniger jungen Gottgeweihten, brauchen in der menschlichen und geistlichen Situation, die wir gerade erleben, angemessene Hilfe, auch in Bezug auf den Aspekt der Berufung. Auf der anderen Seite müssen wir jede Art von Begleitung vermeiden, die Abhängigkeiten schafft. Das ist wichtig: Die geistliche Begleitung darf keine Abhängigkeiten schaffen. Wir müssen jede Art von Begleitung vermeiden, die Abhängigkeiten schafft, die überbehütet, kontrolliert oder infantil macht. Wir dürfen uns nicht damit abfinden, den Weg allein zu gehen; eine nahe, häufige und mündige Begleitung ist notwendig. Das alles wird dazu dienen, eine kontinuierliche Unterscheidung sicherzustellen, die dazu führt, den Willen Gottes zu erkennen, in allem stets das zu suchen, was dem Herrn mehr gefällt, wie der heilige Ignatius es ausdrücken würde, oder – mit den Worten des heiligen Franz von Assisi – »immer das zu wollen, was Ihm gefällt« (vgl. FF 233). Die Unterscheidung erfordert von Seiten des Begleiters und der begleiteten Person ein feines geistliches Gespür, vor sich selbst und gegenüber dem anderen eine Haltung »sine proprio«, in vollkommener Loslösung von Vorurteilen und persönlichen oder Gruppeninteressen. Darüber hinaus ist daran zu erinnern, dass es bei der Unterscheidung nicht nur um die Wahl zwischen Gut und Böse geht, sondern um die Wahl zwischen dem Guten und dem Besseren, zwischen dem, was gut ist, und dem, was zur Identifizierung mit Christus führt. Ich könnte noch mehr sagen, aber belassen wir es dabei.

Liebe Brüder und Schwestern, während ich euch nochmals danke, rufe ich auf euch und euren Dienst als Mitglieder und Mitarbeiter der Kongregation für die Institute geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens den immerwährenden Beistand des Heiligen Geistes herab und segne euch von Herzen. Danke.

(Orig. ital. in O.R. 29.1.2017)