Papst Franziskus warnt vor falschen Lichtern

Angelus, 29. Januar 2017

Angelus vom Sonntag, dem 26. März 2017

Beim Angelus am Sonntag hat Papst Franziskus dazu aufgefordert, für die Fastenzeit das „Licht“ der Taufe wieder zu entdecken und einen radikalen Wandel der Mentalität anzunehmen. Vor 25.000 Menschen im Vatikan warnte vor der Versuchung, den „kleinen Lichtern“ zu vertrauen, vor allem dem „falschen Licht“, dem Vorurteil, dass „die Realität verzerrt“ und dem Eigennutz.

Von einem Fenster des Apostolischen Palastes auf den Petersplatz blickend, stellte der Papst die Betrachtung des heutigen Evangeliums (Joh 9: 1-411) über die Heilung des Blindgeborenen, in den Mittelpunkt. Der Blinde „steht für jeden von uns“, erklärte er, durch die Sünde geblendet.

Jedoch sollten sich die Getauften „wie Kinder des Lichts verhalten.“ Dies erfordere „eine radikale Veränderung der Mentalität, die Fähigkeit, Menschen und Dinge nach einer neuen Werteskala zu beurteilen, die von Gott kommt.“ Er ermutigte dazu, falsche Lichter aufzugeben, angefangen von Vorurteilen gegenüber anderen, weil sie die Realität verzerren und uns gegen diejenigen aufladen, die wir ohne Mitleid beurteilen und unwiderruflich verurteilen. Wer andere verleumde, wandle nicht im Licht, sondern im Schatten.

Franziskus sprach von „einem anderen falschen Licht“: Die Menschen und die Dinge auf der Grundlage des Kriteriums der Brauchbarkeit, unserer Freude, unseres Prestiges zu beurteilen.

Der Papst sprach auch über eine Gewissensprüfung: „Glaubt Ihr, dass Jesus der Sohn Gottes ist? Denkt Ihr, dass er das Herz ändern kann? Glaubt Ihr, er kann Euch die Wirklichkeit sehen lassen, wie er sie sieht, nicht wie wir sie sehen? Glaubt Ihr, Er ist das Licht, das uns das wahre Licht gibt?“ (mk)

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Monza: Angesichts des Leidens nicht Zuschauer bleiben

Papst Franziskus, Hl. Messe Monza, 25. März 2017

Pastoralbesuch Mailand — Messe am Hochfest Mariä Verkündigung

„Angesichts so vieler schmerzhafter Situationen dürfen wir nicht als bloße Zuschauer den Himmel beobachten und warten bis es aufhört zu regnen.“ Diese mahnenden Worte richtete Papst Franziskus an die etwa eine Million Gläubigen, die sich am Hochfest Mariä Verkündigung, dem 25. März 2017, im Park von Monza für die Messe versammelt hatten. Während er die in der heutigen Welt verbreitete „Spekulation“ anprangerte, rief er die Anwesenden dazu auf, an „die Möglichkeit des Unmöglichen“ zu glauben.

„Wir haben gerade die wichtigste Ankündigung unserer Geschichte gehört: Die Verkündigung an Maria“, betonte der Papst zu Beginn seiner Predigt. Im Unterschied zur Verkündigung des Täufers, geschah die Verkündigung an Maria nicht im Tempel von Jerusalem, sondern „in einem verlorenen Ort, in einer Stadt der Peripherie, die keinen sonderlich guten Ruf hatte, in der Anonymität des Hauses eines jungen Mädchens namens Maria“, erklärte er.

Dies zeige,  dass „die neue Begegnung Gottes mit seinem Volk an Orten stattfinden werde, die wir normalerweise nicht erwarten, am Rande, an der Peripherie“, sagte Franziskus, der betonte, die Freude des Heils beginne im Alltagslebens des Hauses einer jungen Frau aus Nazareth.

Aber wie könne man die Freude des Evangeliums heute innerhalb unserer Städte leben, fragte Franziskus. Um uns zu helfen, unsere Sendung voranzubringen, habe der Engel Gabriel drei „Schlüssel“ gegeben, erklärte er: die Erinnerung, die Zugehörigkeit zum Volk Gottes und das Unmögliche möglich zu machen.

Die Erinnerung helfe uns, nicht Gefangene von Reden zu bleiben, die als einziges Mittel zur Konfliktlösung nur Brüche und Spaltungen säen. Sie sei das beste Gegenmittel gegen die magischen Lösungen der Spaltung und der Entfremdung, betonte Franziskus.

Die Zugehörigkeit zum Gottesvolk dagegen helfe uns, keine Angst vor Beschränkungen und Grenzen zu haben. Das Volk Gottes sei ein Volk „tausend Gesichter, Geschichten und Hintergründe, ein multikulturelles und multiethnisches Volk“.

Das Unmögliche möglich zu machen sei der dritte und letzte „Schlüssel“ des Engels. „Wenn wir glauben, dass alles nur von uns abhängt, bleiben wir Gefangene unserer Fähigkeiten, unserer Kräfte, unserer kurzsichtigen Horizonte“, erläuterte der Papst. „Wenn wir uns jedoch im Gegenteil darauf einstellen, uns helfen zu lassen, uns beraten zu lassen, wenn wir uns der Gnade öffnen, dann scheint es, dass das Unmögliche beginnt Wirklichkeit zu werden“, sagte Franziskus.

Am Schluss seiner Predigt erinnerte er die Gläubigen an die Worte des Heiligen Ambrosius, dass Gott ständig Herzen wie dieses von Maria suche, bereit zu glauben, sogar unter sehr außergewöhnlichen Bedingungen. (pdm)

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Im Wortlaut: Franziskus an 27 EU- Staats- und Regierungschefs

Papst Franziskus bei seiner Ansprache an die EU-Spitzen im Vatikan, 24.03.2017

Radio Vatikan dokumentiert hier die Rede von Papst Franziskus an die Staats- und Regierungschefs von 27 EU-Ländern, gehalten am 24. März 2017 im Vatikan. Anlass der Begegnung ist der 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Römischen Verträge.

Verehrte Gäste,

ich danke Ihnen für Ihre Anwesenheit heute Abend, am Vorabend des 60. Jahrestags der Unterzeichnung der Gründungsverträge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft. Jedem möchte ich die Verbundenheit des Heiligen Stuhls mit Ihren jeweiligen Ländern und mit ganz Europa zum Ausdruck bringen, an dessen Geschick er durch Fügung der Vorsehung untrennbar gebunden ist. Mein besonderer Dank gilt dem Ministerpräsidenten der Republik Italien Paolo Gentiloni für die ehrerbietigen Worte, die er im Namen aller gesprochen hat, wie auch für die Bemühungen Italiens in der Vorbereitung dieses Treffens. Zudem danke ich dem Präsidenten des Europäischen Parlaments Antonio Tajani, der den Erwartungen der Völker der Europäischen Union bei diesem Anlass Ausdruck verliehen hat.

Sechzig Jahre später nach Rom zurückzukehren darf nicht bloß eine Reise in die Erinnerungen sein, sondern ist vielmehr das Verlangen, das lebendige Gedächtnis jenes Ereignisses wiederzuentdecken, um dessen Bedeutung in der Gegenwart zu verstehen. Man muss sich in die damaligen Herausforderungen hineinversetzen, um sich denen von heute und von morgen stellen zu können. Die Bibel bietet uns mit ihren an Bezügen reichen Erzählungen eine wesentliche pädagogische Methode: Man kann die Zeit, in der wir leben, nicht ohne die Vergangenheit begreifen, die nicht als die Gesamtheit ferner Tatsachen zu verstehen ist, sondern als der Lebenssaft, der die Gegenwart durchströmt. Ohne dieses Bewusstsein verliert die Realität ihre Einheit, die Geschichte ihren logischen Faden, und die Menschheit geht des Sinnes ihrer eigenen Taten sowie der Richtung der eigenen Zukunft verlustig.

Der 25. März 1957 war ein Tag voller Erwartungen, voller Hoffnung, Begeisterung und Bangen, und nur ein aufgrund seiner Tragweite und historischer Konsequenzen außergewöhnliches Ereignis konnte ihn zu einem einzigartigen Tag in der Geschichte machen. Das Gedenken jenes Tages verbindet sich mit den Hoffnungen von heute und den Erwartungen der Völker Europas, die ein Nachdenken über die Gegenwart fordern, um mit neuem Schwung zuversichtlich den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.

Die Gründerväter und die Verantwortungsträger, die durch die Unterzeichnung der zwei Verträge jene politische, wirtschaftliche, kulturelle, aber vor allem menschliche Wirklichkeit ins Leben gerufen haben, die wir heute Europäische Union nennen, waren sich dessen wohl bewusst. Andererseits ging es, wie der belgische Außenminister Spaak sagte, »gewiss um den materiellen Wohlstand unserer Völker, um die Ausweitung unserer Wirtschaft, um den sozialen Fortschritt, um völlig neue Industrie- und Handelsmöglichkeiten, aber vor allem […] um eine Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht«[1].

Nach den dunklen und blutigen Jahren des Zweiten Weltkrieges haben die Verantwortungsträger damals an die Möglichkeit einer besseren Zukunft geglaubt, »ihnen hat es nicht an Wagemut gefehlt und sie haben nicht zu spät gehandelt. Die Erinnerung an das vergangene Unheil und […] an ihre Schuld scheint sie angeregt und ihnen den notwendigen Mut verliehen zu haben, um die alten Auseinandersetzungen zu vergessen […] und in einer wahrhaft neuen Weise zu denken und zu handeln, um die größte […] Veränderung […] Europas zu verwirklichen«[2].

Die Gründerväter erinnern uns daran, dass Europa nicht eine Summe von einzuhaltenden Regeln, nicht ein Handbuch von zu befolgenden Protokollen und Verfahrensweisen ist. Es ist ein Leben; eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen und nicht nur als eine Gesamtheit von zu verteidigenden Rechten oder einzufordernden Ansprüchen. Am Ursprung der Idee Europa steht »die Gestalt und die Verantwortlichkeit der menschlichen Person samt dem Ferment einer im Evangelium gegründeten Brüderlichkeit, […] mit ihrem Willen zur Wahrheit und zur Gerechtigkeit, der von einer tausendjährigen Erfahrung geschärft wurde«[3]. Rom ist mit seiner Berufung zur Universalität[4] Symbol dieser Erfahrung und wurde deswegen als Ort für die Unterzeichnung der Verträge ausgewählt. Denn hier – wie der niederländische Außenminister Luns ins Gedächtnis rief – »wurden die politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Fundamente unserer Kultur gelegt«[5].

Von Anfang an war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte. Zugleich bestand offenkundig das Risiko, dass die Verträge toter Buchstabe bleiben könnten. Diese mussten mit lebendigem Geist erfüllt werden. Und das erste Element europäischer Lebenskraft ist die Solidarität. »Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft«, bekräftigte der luxemburgische Premierminister Bech, »wird nur dann leben und erfolgreich sein, wenn sie in ihrem Bestehen dem Geist europäischer Solidarität, der sie geschaffen hat, treu bleibt und wenn der gemeinsame Wille des entstehenden Europas mächtiger ist als die nationalen Willensbestrebungen«[6]. Dieser Geist ist angesichts der zentrifugalen Kräfte wie auch der Versuchung, die Gründungsideale der Union auf produktive, wirtschaftliche und finanzielle Erfordernisse zu reduzieren, heute höchst notwendig.

Aus der Solidarität entspringt die Fähigkeit, sich für die anderen zu öffnen. »Unsere Pläne sind nicht eigensüchtiger Natur«[7], sagte der deutsche Kanzler Adenauer. »Ohne Zweifel beabsichtigen die Länder, die im Begriff sind, sich zu vereinen, […] nicht, sich von der restlichen Welt zu isolieren und um sich herum unüberwindliche Schranken aufzurichten«[8], pflichtete der französische Außenminister Pineau bei. In einer Welt, der das Drama der Mauern und Teilungen wohl vertraut war, war man sich der Bedeutung überaus bewusst, für ein geeintes und offenes Europa zu arbeiten, und man hatte den gemeinsamen Willen, sich für die Beseitigung jener unnatürlichen Schranke einzusetzen, die von der Ostsee bis zur Adria den Kontinent teilte. So viele Mühen hat man aufgewendet, um jene Mauer zu Fall zu bringen! Und doch ist heute die Erinnerung an die Mühen verloren gegangen. Ebenso ist das Bewusstsein des Dramas getrennter Familien, von Armut und Elend, die jene Teilung hervorrief, abhandengekommen. Dort, wo Generationen sich sehnlichst wünschten, die Symbole einer aufgezwungenen Feindschaft fallen zu sehen, diskutiert man heute, wie man die jetzigen „Gefahren“ fernhalten kann: angefangen von dem langen Treck von Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg und Armut sind und nur um die Möglichkeit einer Zukunft für sich und die ihnen nahestehenden Personen bitten.

In dem Erinnerungsvakuum, das unsere heutige Zeit kennzeichnet, vergisst man oft auch eine weitere große Errungenschaft, die Frucht der am 25. März 1957 sanktionierten Solidarität ist: die längste Friedensära der letzten Jahrhunderte. »Völker, die im Lauf der Zeit sich oftmals in gegensätzlichen Lagern befunden und sich gegenseitig bekämpft haben, […] finden sich jetzt hingegen durch den Reichtum ihrer nationalen Besonderheiten geeint wieder«[9]. Der Friede wird immer durch die freie und bewusste Mitwirkung eines jeden begründet. Dennoch »[erscheint] heute für viele der Friede in gewisser Weise als ein selbstverständliches Gut«[10], und so ist es einfach, ihn schließlich gar als überflüssig zu erachten. Der Friede ist hingegen ein kostbares und wesentliches Gut, da man ohne ihn nicht in der Lage ist, für jemanden eine Zukunft aufzubauen, und am Ende „in den Tag hineinlebt“.

Das geeinte Europa entsteht in der Tat aus einem klaren, wohl definierten und sachgemäß durchdachten Projekt, auch wenn zunächst nur in einem Anfangsstadium. Jedes gute Projekt schaut auf die Zukunft, und die Zukunft sind die Jugendlichen, die dazu berufen sind, die Verheißungen der kommenden Zeit zu verwirklichen[11]. Den Gründervätern war demnach klar bewusst, Teil eines gemeinsamen Werkes zu sein, das nicht nur Staats-, sondern auch Zeitgrenzen überschritt, um die Generationen untereinander zu verbinden, die alle am Aufbau des gemeinsamen Hauses ebenbürtig beteiligt sind.

Verehrte Gäste,

den Vätern Europas habe ich diesen ersten Teil meiner Ansprache gewidmet, damit wir uns von ihren Worten herausfordern lassen, von der Aktualität ihres Denkens, vom leidenschaftlichen Einsatz für das Gemeinwohl, der sie auszeichnete, von der Gewissheit, Teil eines Werkes zu sein, das größer ist als sie selbst, und von der Weite des Ideals, das sie beseelte. Ihr gemeinsamer Nenner war der Geist des Dienens. Damit verbunden war die politische Leidenschaft und das Bewusstsein, dass »am Ursprung der europäischen Kultur das Christentum steht«[12], ohne das die westlichen Werte der Würde, Freiheit und Gerechtigkeit zumeist nicht verständlich erscheinen. »Auch in unserer Zeit«, erklärte der heilige Johannes Paul II., »bleibt die Seele Europas geeint, weil es über seinen gemeinsamen Ursprung hinaus von den gleichen christlichen und humanen Werten lebt, wie beispielsweise der Würde der menschlichen Person, dem echten Gefühl für Gerechtigkeit und Freiheit, der Arbeitsamkeit, dem Unternehmungsgeist, der Liebe zur Familie, der Achtung vor dem Leben, der Toleranz, dem Wunsch zur Zusammenarbeit und zum Frieden, die seine charakteristischen Merkmale sind und es kennzeichnen«[13]. In unserer multikulturellen Welt werden diese Werte weiterhin volles Heimatrecht finden, wenn sie ihre lebensnotwendige Verbindung mit der Wurzel, aus der sie hervorgegangenen sind, aufrecht zu erhalten wissen. In dieser fruchtbaren Verbindung liegt die Möglichkeit, authentisch laikale Gesellschaften aufzubauen, die frei von ideologischen Gegensätzen sind und in denen Fremde und Einheimische, Gläubige und Nichtgläubige gleichermaßen Platz finden.

In den letzten sechzig Jahren hat sich die Welt sehr verändert. Wenn die Gründerväter, die einen verheerenden Konflikt überlebt hatten, von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft beseelt und von dem Willen bestimmt waren, diese zu verfolgen, indem sie das Aufkommen neuer Konflikte zu verhindern suchten, so wird unsere Zeit mehr von der Vorstellung der Krise beherrscht. Es gibt die Wirtschaftskrise, die das letzte Jahrzehnt gekennzeichnet hat, es gibt die Krise der Familie und von gefestigten gesellschaftlichen Formen, es gibt eine verbreitete „Krise der Institutionen“ und die Flüchtlingskrise: viele Krisen, welche die Angst und die tiefe Verwirrung des heutigen Menschen verbergen, der nach einer neuen Hermeneutik für die Zukunft verlangt. Dennoch hat der Begriff „Krise“ an und für sich keine negative Bedeutung. Er zeigt nicht bloß einen schlimmen Augenblick an, der zu überwinden ist. Das Wort Krise hat seinen Ursprung im griechischen Verb crino (κρίνω), das untersuchen, prüfen, entscheiden bedeutet. Unsere Zeit ist also eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen: es ist somit eine Zeit von Herausforderungen und Möglichkeiten.

Welche ist also die Hermeneutik, der Interpretationsschlüssel, mit dem wir die Schwierigkeiten der Gegenwart lesen und Antworten für die Zukunft finden können? Die Erinnerung an das Denken der Väter wäre nämlich unfruchtbar, wenn sie nicht dazu diente, einen Weg aufzuzeigen, wenn sie nicht zu einem Ansporn für die Zukunft und einer Quelle der Hoffnung würde. Jedes Wesen, das den Sinn seines Weges verliert und dem dieser nach vorwärts gerichtete Blick abhandenkommt, erleidet zunächst eine Rückbildung und läuft auf lange Sicht Gefahr zu sterben. Was ist also die Hinterlassenschaft der Gründerväter? Welche Perspektiven zeigen sie uns auf, um uns den Herausforderungen zu stellen, die auf uns warten? Welche Hoffnung geben sie uns für das Europa von heute und morgen?

Die Antworten finden wir eben genau in den Pfeilern, auf denen sie die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichten wollten und an die ich schon erinnert habe: die Zentralität des Menschen, eine tatkräftige Solidarität, die Offenheit für die Welt, das Verfolgen des Friedens und der Entwicklung, die Offenheit für die Zukunft. Es ist Aufgabe der Regierenden, die Straßen der Hoffnung zu erkennen, die konkreten Pfade ausfindig zu machen, damit die bisher vollbrachten bedeutenden Schritte sich nicht zerstreuen, sondern Unterpfand eines langen und fruchtbaren Weges werden.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn der Mensch die Mitte und das Herz seiner Institutionen ist. Ich meine, dies muss das aufmerksame und vertrauensvolle Anhören der Anliegen miteinschließen, die sowohl von den Einzelnen vorgebracht werden als auch von der Gesellschaft und den Völkern, welche die Union bilden. Leider hat man oft den Eindruck, dass eine „affektive Kluft“ zwischen den Bürgern und Institutionen Europas besteht, die häufig als fern wahrgenommen werden und unaufmerksam gegenüber den verschiedenen Sensibilitäten, welche die Gemeinschaft bestimmen. Der Zentralität des Menschen Geltung zu verschaffen bedeutet auch, den Familiengeist wiederzufinden, in dem jeder frei entsprechend den eigenen Fähigkeiten und Gaben seinen Beitrag zum gemeinsamen Haus leistet. Es ist angebracht, sich vor Augen zu halten, dass Europa eine Familie von Völkern[14] ist und dass es – wie in jeder guten Familie – unterschiedliche Sensibilitäten gibt, aber alle in dem Maße wachsen können, wie sie geeint sind. Die Europäische Union entsteht als eine Einheit der Verschiedenheiten und Einheit in den Verschiedenheiten. Die Eigenheiten dürfen deshalb nicht erschrecken und man darf auch nicht denken, dass Einheit durch Uniformität bewahrt würde. Diese ist vielmehr die Harmonie einer Gemeinschaft. Die Gründerväter wählten gerade diesen Begriff als Angelpunkt für die Einrichtungen, die aus den Verträgen entstehen sollten, indem sie betonten, dass die Ressourcen und Talente jedes Einzelnen gemeinsam genutzt werden sollten. Heute muss die Europäische Union wieder den Sinn dafür entdecken, „Gemeinschaft“ von Menschen und Völkern zu sein, die sich bewusst ist, dass »das Ganze […] mehr [ist] als der Teil, und es […] auch mehr [ist] als ihre einfache Summe«[15] und dass man also »immer den Blick weiten [muss], um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt«[16]. Die Gründerväter suchten jene Harmonie, in der das Ganze in jedem der Teile ist, und die Teile – jedes mit seiner eigenen Originalität – im Ganzen sind.

Europa findet wieder Hoffnung in der Solidarität, die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus ist. Die Solidarität bringt das Bewusstsein mit sich, Teil eines einzigen Körpers zu sein, und schließt gleichzeitig die Fähigkeit eines jeden Gliedes mit ein, mit dem anderen und dem Ganzen zu „sympathisieren“. Wenn einer leidet, leiden alle (vgl. 1 Kor 12,26). So betrauern auch wir heute zusammen mit dem Vereinigten Königreich die Opfer des Attentats in London vor zwei Tagen. Die Solidarität ist nicht ein guter Vorsatz: Sie ist gekennzeichnet durch konkrete Taten und Handlungen, die einem den Mitmenschen näher bringen unabhängig von seiner momentanen Lage. Die Formen von Populismus hingegen sind eben Blüten des Egoismus, der in einen engen und erdrückenden Kreis einschließt und nicht zulässt, die Enge der eigenen Gedanken zu überwinden und darüber hinaus zu sehen. Man muss wieder beginnen, europäisch zu denken, um die gegensätzliche Gefahr einer grauen Uniformität oder des Triumphs der Partikularismen abzuwehren. Eine solche Führungsrolle der Ideen ist Sache der Politik; diese soll vermeiden, Emotionen auszunutzen, um Zustimmung zu gewinnen, sondern vielmehr im Geist der Solidarität und Subsidiarität politische Handlungsweisen erarbeiten, welche die gesamte Union in einer harmonischen Entwicklung wachsen lassen. So mag, wer schneller zu laufen fähig ist, dem langsameren die Hand reichen, und wer mehr Mühe hat, sei bestrebt, den an der Spitze zu erreichen.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich nicht in die Angst falscher Sicherheiten einschließt. Im Gegenteil, seine Geschichte ist sehr von der Begegnung mit anderen Völkern und Kulturen bestimmt und seine Identität »ist und war immer eine dynamische und multikulturelle Identität«[17]. Es besteht in der Welt Interesse für das europäische Projekt. Es bestand vom ersten Tag an, wie die dicht gedrängte Menge auf dem Kapitolsplatz und die Glückwunschschreiben aus anderen Staaten zeigten. Noch mehr besteht es heute angefangen von den Ländern, die um Aufnahme in die Union bitten, wie auch von den Staaten, welche die Hilfeleistungen erhalten, die ihnen sehr großzügig angeboten werden, um die Folgen der Armut, der Krankheiten und der Kriege bekämpfen zu können. Die Öffnung für die Welt schließt die Fähigkeit des »Dialog[s] als Form der Begegnung«[18] auf allen Ebenen mit ein, von der Begegnung zwischen den Mitgliedsstaaten und zwischen den Institutionen und den Bürgern bis hin zur Begegnung mit den zahlreichen Immigranten, die an den Küsten der Union landen. Man kann sich nicht darauf beschränken, die schwerwiegende Flüchtlingskrise dieser Jahre so zu bewältigen, als sei sie nur ein zahlenmäßiges, wirtschaftliches oder ein die Sicherheit betreffendes Problem. Die Migrationsproblematik stellt eine tiefere Frage, die vor allem kultureller Natur ist. Welche Kultur bietet Europa heute an? Die Angst, die man häufig wahrnimmt, findet nämlich ihren tieferen Grund im Verlust der Ideale. Ohne eine echte Perspektive der Ideen wird man am Ende von der Angst beherrscht, dass der andere uns aus den festen Gewohnheiten herausreißt, uns die erworbenen Annehmlichkeiten nimmt, auf gewisse Weise einen Lebensstil in Frage stellt, der allzu oft nur aus materiellem Wohlstand besteht. Der Reichtum Europas ist hingegen immer seine geistige Offenheit gewesen und die Fähigkeit, sich grundlegende Fragen über den Sinn des Daseins zu stellen. Der Offenheit für den Sinn des Ewigen entspricht zudem eine positive – wenn auch nicht spannungsfreie und fehlerlose – Öffnung gegenüber der Welt. Der erworbene Wohlstand scheint ihm hingegen die Flügel gestutzt und ihn dazu gebracht zu haben, den Blick zu senken. Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art. Diese Ideale haben Europa, jene „Halbinsel Asiens“, die vom Ural bis zum Atlantik reicht, hervorgebracht.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert. Die Entwicklung ist nicht durch eine Gesamtheit von Produktionstechniken gegeben. Sie betrifft den ganzen Menschen: die Würde durch seine Arbeit, angemessene Lebensbedingungen, die Möglichkeit des Zugangs zu Bildung und der notwendigen medizinischen Versorgung. »Die Entwicklung [ist] gleichbedeutend […] mit Frieden«[19], sagte Paul VI., da es keinen wahren Frieden gibt, wenn Menschen ausgegrenzt oder zu einem Leben im Elend gezwungen werden. Es gibt keinen Frieden, wo Arbeit oder die Aussicht auf einen menschenwürdigen Lohn fehlen. Es gibt keinen Frieden in den Peripherien unserer Städte, in denen Drogen und Gewalt grassieren.

Europa findet wieder Hoffnung, wenn es sich der Zukunft öffnet; wenn es sich den jungen Menschen öffnet und ihnen ernsthafte Perspektiven zur Bildung sowie reale Möglichkeiten zur Eingliederung in die Arbeitswelt bietet; wenn es in die Familie, die erste und grundlegende Zelle der Gesellschaft, investiert; wenn es das Gewissen und die Ideale seiner Bürger respektiert; wenn es die Möglichkeit garantiert, Kinder zu bekommen, ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können; wenn es das Leben in seiner ganzen Unantastbarkeit schützt.

Verehrte Gäste,

aufgrund der allgemein längeren Lebenserwartung sieht man sechzig Jahre heute als die Zeit der vollen Reife an. Ein entscheidendes Alter, in dem man nochmals gerufen ist, sich zu prüfen. Auch die Europäische Union ist heute gerufen, sich zu prüfen sowie die unvermeidlichen Beschwerden, die mit den Jahren einhergehen, zu behandeln und neue Pfade zu finden, um den eigenen Weg fortzusetzen. Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen aber hat die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. Ihr Erfolg wird vom Willen abhängen, weiter zusammenzuarbeiten, und von der Lust, auf die Zukunft zu setzen. Es ist Ihre Aufgabe als Verantwortungsträger, den Weg zu einem »neuen europäischen Humanismus«[20] auszumachen, der aus Idealen und konkreter Umsetzung besteht. Dies bedeutet, keine Angst davor zu haben, wirksame Entscheidungen zu übernehmen, die auf die realen Probleme der Menschen Antwort geben und der Erprobung durch die Zeit standhalten können.

Meinerseits kann ich nur versichern, dass der Heilige Stuhl und die Kirche ganz Europa nahe ist. An seinem Aufbau hat die Kirche stets mitgewirkt und wird immer mitwirken. Dazu bittet sie für Europa um den Segen des Herrn, damit er es beschütze und ihm Frieden und Fortschritt schenke. Ich mache mir deshalb die Worte zu eigen, die Joseph Bech auf dem Kapitol gesprochen hat: Ceterum censeo Europam esse aedificandam. Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Europa es wert ist, aufgebaut zu werden.

Vielen Dank.

 

 

[1] P. H. Spaak, Außenminister Belgiens, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[2] P. H. Spaak, Ansprache, ebd.

[3] A. De Gasperi, La nostra patria Europa. Discorso alla Conferenza Parlamentare Europea, 21 aprile 1954, in: Alcide De Gasperi e la politica internazionale, Cinque Lune, Rom 1990, Vol. III, 437-440.

[4] Vgl. P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[5] J. Luns, Außenminister der Niederlande, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[6] J. Bech, Premierminister Luxemburgs, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[7] K. Adenauer, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[8] C. Pineau, Außenminister Frankreichs, Ansprache anlässlich der Unterzeichnung der Römischen Verträge, 25. März 1957.

[9] P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[10] Franziskus, Ansprache an die Mitglieder des beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomatischen Korps, 9. Januar 2017.

[11] P.H. Spaak, Ansprache, ebd.

[12] A. De Gasperi, La nostra patria Europa, ebd.

[13] Johannes Paul II., Europa-Feier, Santiago de Compostela, 9. November 1982: AAS 75/I (1983), 329.

[14] Vgl. Franziskus, Ansprache an das Europaparlament, Straßburg, 25. November 2014: AAS  106 (2014), 1000.

[15] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 235.

[16] Ebd.

[17] Franziskus, Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46, Nr. 19 (13. Mai 2016), S. 7.

[18] Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 239.

[19] Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 26. März 1967, 87: AAS 59 (1967), 299.

[20] Franziskus, Ansprache anlässlich der Verleihung des Karlspreises, 6. Mai 2016: L’Osservatore Romano (dt.), Jg. 46, Nr. 19 (13. Mai 2016), S. 8.

 

(rv 24.03.2017 gs)

Franziskus: Europa ist eine Lebenshaltung – brüderlich und gerecht

Waren in Audienz beim Papst: Die Spitzen der EU sowie der 27 Mitgliedstaaten ohne Großbritannien

Die europäische Staatengemeinschaft ist kein Handbuch von zu befolgenden Protokollen, sondern sie verkörpert eine „Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht“: Daran hat Papst Franziskus die 27 europäischen Staats- und Regierungschefs erinnert, die er an diesem Freitagabend in einer feierlichen Zeremonie im Apostolischen Palast im Vatikan empfing. Anlass der Europa-Grundsatzrede des Papstes war der Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge vor 60 Jahren, am 25. März 1957 – der Tag gilt als Geburtsdatum der Europäischen Union.

Europa scharte sich einmal mehr um den lateinamerikanischen Papst. Aus allen EU-Hauptstädten mit Ausnahme Londons, das sich auf seinen EU-Austritt vorbereitet, waren die Staats- und Regierungschef der Union angereist und hörten Franziskus zu. In der prachtvollen Sala Regia im Apostolischen Palast hielt der Papst seine vierte große Europa-Rede. Von Anfang an war es das Anliegen der Gründerväter, in Europa nicht bloß Wohlstand und Fortschritt zu schaffen, sondern es ging „um eine Lebenshaltung nach menschlichem Maß, brüderlich und gerecht“, zitierte der Papst den damaligen belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak aus dessen Rede zur Unterzeichnung der Römischen Verträge.Das neue Europa, das sich nach den blutigen Jahren des Kriegs zu einer besseren Zukunft aufmachte, war von seinen Gründervätern nicht gedacht als „eine Summe von einzuhalten Regeln“, betonte der Papst. Vielmehr liegt Europa ein besonderes Menschenbild zugrunde, sagte Franziskus durchaus anerkennend: Europa, das sei „ein Leben; eine Art, den Menschen ausgehend von seiner transzendenten und unveräußerlichen Würde zu begreifen und nicht nur als eine Gesamtheit von zu verteidigenden Rechten oder einzufordernden Ansprüchen“. Von Anfang an, sagte der Papst, „war klar, dass das pulsierende Herz des politischen Projekts Europa nur der Mensch sein konnte.“

Unter ausgiebigem Zitieren der Gründerväter, darunter Konrad Adenauer, legte Franziskus die europäischen Kerngedanken frei, auf denen der Zusammenschluss der Nationen damals aufbaute – und die heute noch Gültigkeit haben müssen, wie der Papst hinzufügte. Beispiel: Solidarität und „die Fähigkeit, sich für die anderen zu öffnen“. Die Gründungsväter wollten ein „geeintes und offenes Europa“, das heutige Bild präsentiere sich anders, so Franziskus unter Verweis auf die zwiespältigen Debatten über Flucht und Migration, die Europa auf eine schwere Probe stellen.

„Dort, wo Generationen sich sehnlichst wünschten, die Symbole einer aufgezwungenen Feindschaft fallen zu sehen, diskutiert man heute, wie man die jetzigen ,Gefahren´ fernhalten kann: angefangen von dem langen Treck von Frauen, Männern und Kindern, die auf der Flucht vor Krieg und Armut sind und nur um die Möglichkeit einer Zukunft für sich und die ihnen nahestehenden Personen bitten.“

Dabei ist Europa ein außerordentlich erfolgreiches Friedensprojekt, erinnerte der Papst. Freilich habe sich die Welt in diesen 60 Jahren sehr verändert. In Europa herrsche heute, anders als damals, nicht Hoffnung, sondern die Wahrnehmung von Krise: Wirtschaftskrise, Krise der Familie, Krise der Institutionen, Flüchtlingskrise. Das biete aber auch Chancen, betonte Franziskus: „Unsere Zeit ist eine Zeit der Entscheidung, die dazu einlädt, das Wesentliche zu prüfen und darauf aufzubauen“.

Genau die Pfeiler, auf denen die Gründungsväter damals die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft errichten wollten, seien dazu in der Lage, Europa heute wieder aus der Krise führen, sagte der Papst und nannte: „die Zentralität des Menschen, eine tatkräftige Solidarität, die Offenheit für die Welt, das Verfolgen des Friedens und der Entwicklung, die Offenheit für die Zukunft“.

Wie findet Europa wieder Hoffnung? Ein Fahrplan in fünf Punkten

Wie Europa wieder Hoffnung finden kann, dazu legte der Papst in seiner Rede an die EU-Staaten fünf Punkte vor.

Zunächst: Der Mensch müsse „die Mitte und der Herz“ der europäischen Institutionen sein. Da sei verlorener „Familiengeist“ wiederzufinden, regte der Papst an. Europa sei „eine Familie von Völkern“, und da gebe es wie in jeder Familie „unterschiedliche Sensibilitäten“. Franziskus hielt ein Plädoyer für Einheit in der Verschiedenheit. Nicht alle müssten gleich sein, der zentrale Punkt sei „Harmonie“. „Heute muss die Europäische Union wieder den Sinn dafür entdecken, ,Gemeinschaft´ von Menschen und Völkern zu sein, die sich bewusst ist, dass ,das Ganze mehr [ist] als der Teil, und es […] auch mehr [ist] als ihre einfache Summe´“, und dass sich der Blick weiten müsse, „um ein größeres Gut zu erkennen, das uns allen Nutzen bringt“, zitierte der Papst aus seiner Ansprache an das Europaparlament in Straßburg sowie aus seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium.

Zweitens finde Europa wieder Hoffnung in der tätlichen Solidarität, „die auch das wirksamste Heilmittel gegen die modernen Formen des Populismus” sei. Der Politik schrieb der Papst eine „Führungsrolle der Ideen“ zu: Sie muss „vermeiden, Emotionen auszunutzen, um Zustimmung zu gewinnen, sondern vielmehr im Geist der Solidarität politische Handlungsweisen erarbeiten, welche die Union in einer harmonischen Entwicklung wachsen lassen“. Hier müssten dann die „Schnelleren“ den „Langsameren“ die Hand reichen, „und wer Mühe hat, sei bestrebt, den an der Spitze zu erreichen“.

Drittens solle Europa sich nicht „in die Angst falscher Sicherheiten“ einschließen, riet der Papst. Stichwort Flüchtlingskrise: Die dürfe man nicht allein als wirtschaftliches oder Sicherheitsproblem angehen, sondern als kulturelle Herausforderung begreifen. Der Wohlstand habe offenbar Europa heute „die Flügel gestutzt“, dabei sei der Reichtum des Kontinents „immer seine geistige Offenheit gewesen“, betonte Franziskus. „Europa hat ein ideelles und geistiges Erbe, das einzigartig ist auf der Welt. Dieses ist es wert, mit Leidenschaft und neuer Frische wieder aufgegriffen zu werden. Es stellt das beste Heilmittel gegen das Vakuum an Werten unserer Zeit dar, jenen fruchtbaren Boden für Extremismen aller Art.“

Viertens finde Europa wieder Hoffnung, „wenn es in die Entwicklung und den Frieden investiert“. Franziskus nannte als Hindernisse zum sozialen Frieden ein Leben im Elend, ohne Arbeit oder Aussicht auf menschenwürdigen Lohn. Es gebe auch „keinen Frieden in den Peripherien unserer Städte, in denen Drogen und Gewalt grassieren“.

Fünftens gebe es Europa wieder Hoffnung, wenn es auf die Jugend setzt. Europa müsse seinen jungen Menschen Bildung garantieren und ihnen ermöglichen, Familien zu gründen und Kinder zu bekommen, „ohne Angst haben zu müssen, nicht für ihren Unterhalt sorgen zu können“.

60 Jahre, das sei heutzutage mit der langen Lebenserwartung „die Zeit der vollen Reife“, sagte der Papst in Anspielung auf seine Rede vor dem EU-Parlament in Straßburg, bei der er den Kontinent als „Großmutter“, bezeichnet hatte, die „nicht mehr fruchtbar und lebendig“ sei. Diesmal bemühte sich der Papst darum, das Bild ins Positive zu wenden: „Im Unterschied zu einem sechzigjährigen Menschen hat die Europäische Union nicht ein unausweichliches Altwerden vor sich, sondern die Möglichkeit einer neuen Jugend. Ihr Erfolg wird vom Willen abhängen, weiter zusammenzuarbeiten, und von der Lust, auf die Zukunft zu setzen.“ Und der Papst widerholte seine Bitte an die Verantwortungsträger Europas, wie er sie bei seiner Karlspreisrede geäußert hatte: Es gelte, einen „neuen europäischen Humanismus“ zu finden, der aus Idealen und konkreter Umsetzung besteht.

Wer alles da war

Neben den Staats- und Regierungschefs von 27 europäischen Staaten, darunter die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, waren auch die Granden der Europäischen Union als solcher gekommen: Antonio Tajani, der neue Präsident des Europaparlaments, Donald Tusk, soeben im Amt bestätigter Präsident des Europäischen Rates, und Jean-Claude Juncker, Präsident der europäischen Kommission.

Die Staaten, die vor 60 Jahren im Senatorenpalast auf dem römischen Kapitol die Römischen Verträge unterzeichneten, waren die Bundesrepublik Deutschland, Frankreich und Italien sowie die Benelux-Staaten, also Belgien, die Niederlande und Luxemburg. Der Kreis hat sich inzwischen auf 28 minus eins erweitert: Großbritannien tritt aus.

(rv 24.03.2017 gs)

Fátima: Papst kann Francisco und Jacinta Marto heiligsprechen

Fatima / Wikimedia Commons – Andreas Trepte, CC BY-SA 2.5 (Cropped)

Die dazu erforderlichen Wunder wurden am Donnerstag genehmigt

Jetzt ist es soweit: Papst Franziskus kann im Laufe seiner Pilgerreise am 12. und 13. Mai nach Fátima zum Anlaß des 100-jährigen Jubiläums der Marienerscheinungen in der Cova da Iria zwei der drei Seherkinder, die Geschwister Jacinta und Francisco Marto, heiligsprechen.

Franziskus empfing am Donnerstag den Präfekten der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, Kardinal Angelo Amato, in Privataudienz und genehmigte die für die Heiligsprechung erforderlichen Wunder, wie der vatikanische Pressesaal mitteilte.

Die beiden Hirtenkinder wurden während des Heiligen Jahres 2000 vom heiligen Johannes Paul II. seliggesprochen. Es wird das erste Mal sein, dass Kinder, die keine Märtyrer sind, kanonisiert werden. Schon ihre Seligsprechung stellte aus diesem Grund eine Besonderheit dar.

Was jetzt noch fehlt, ist die notwendige Zustimmung durch ein Kardinalskonsistorium, aber dies soll italienischen Medien zufolge am Donnerstag nach Ostern, am 20. April, einberufen werden.

Francisco Marto (1908-1919) starb am 4. April 1919 mit nicht einmal elf Jahren an der spanischen Grippe. Auch Jacinta (1910-1920) erlag am 20. Februar 1920 mit nur neun Jahren der Grippe. Im Jahr 1917 war die Jungfrau Maria beiden Kindern und ihrer Cousine Lucia dos Santos (1907-2005) erschienen.

Der Seligsprechungsprozess der Cousine wird bearbeitet. Die diözesane Phase des Verfahrens wurde am 13. Februar im Karmel von Coimbra (Portugal) feierlich abgeschlossen.

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Quelle

 

Botschaft von Papst Franziskus zum XXXII. Weltjugendtag 2017

BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS
ZUM XXXII. WELTJUGENDTAG
2017

»Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49)

 

Liebe junge Freunde,

nun sind wir nach unserem wunderbaren Treffen in Krakau, wo wir gemeinsam den 31. Weltjugendtag und das Jubiläum der Jugendlichen im Rahmen des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit gefeiert haben, wieder unterwegs. Wir ließen uns vom heiligen Johannes Paul II. und von der heiligen Faustyna Kowalska, den Aposteln der Göttlichen Barmherzigkeit, leiten, um auf die Herausforderungen unserer Zeit eine konkrete Antwort zu geben. Wir machten eine große Erfahrung der Solidarität und der Freude, und wir gaben der Welt ein Zeichen der Hoffnung. Die verschiedenen Fahnen und Sprachen waren nicht Grund zu Streit und Spaltung, sondern boten Gelegenheit, die Pforten der Herzen zu öffnen und Brücken zu bauen.

Am Ende des Weltjugendtags in Krakau gab ich das nächste Ziel unseres Pilgerwegs vor, der uns mit Gottes Hilfe 2019 nach Panama führen wird. Auf diesem Weg wird uns die Jungfrau Maria begleiten, die von allen Geschlechtern seliggepriesen wird (vgl. Lk 1,48). Der neue Abschnitt unserer Reise schließt an den vorhergehenden an, in dessen Mittelpunkt die Seligpreisungen standen, treibt uns aber an weiterzugehen. Es liegt mir nämlich am Herzen, dass ihr unterwegs nicht nur die Vergangenheit im Gedächtnis behaltet, sondern auch Mut in der Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft habt. Diese Haltungen sind stets in der jungen Frau von Nazaret lebendig und kommen in den Themen der drei nächsten Weltjugendtage klar zum Ausdruck. Dieses Jahr (2017) werden wir über den Glauben Marias nachdenken, die im Magnificat sagte: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49). Das Thema des nächsten Jahres (2018) – »Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden« (Lk 1,30) – wird uns über die mutige Liebe, mit der die Jungfrau die Botschaft des Engels aufnahm, meditieren lassen. Der Weltjugendtag 2019 wird sich hingegen auf die hoffnungsvolle Antwort Marias an den Engel beziehen: »Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast« (Lk 1,38).

Im Oktober 2018 wird die Kirche die Bischofssynode über das Thema Die Jugendlichen, der Glaube und die Berufungsfindung abhalten. Wir werden uns darüber austauschen, wie ihr jungen Menschen die Erfahrung des Glaubens inmitten der Herausforderungen unserer Zeit lebt. Wir werden auch der Frage nachgehen, wie ihr einen Plan für euer Leben reifen lassen und dabei eure Berufungen in weitem Sinn, das heißt die Berufung zur Ehe, die Berufung im weltlichen und beruflichen Bereich oder zum geweihten Leben und zum Priestertum, erkennen könnt. Mein Wunsch ist, dass der Weg zum Weltjugendtag in Panama und der Weg der Synode gut miteinander abgestimmt sind.

Unsere Welt braucht keine „Sofa-Jugendlichen“

Nach dem Lukasevangelium macht Maria sich nach dem Empfang der Botschaft des Engels und ihres Ja, die Mutter des Erlösers zu werden, auf den Weg und eilt ihre Cousine Elisabet zu besuchen, die im sechsten Monat schwanger ist (vgl. 1,36.39). Maria ist sehr jung. Was ihr verkündigt wurde, ist ein riesengroßes Geschenk, doch es bringt auch sehr große Herausforderungen mit sich. Der Herr hat ihr seine Nähe und seine Hilfe zugesagt, aber in ihrem Verstand und ihrem Herzen sind viele Dinge noch unklar. Dennoch schließt sich Maria nicht zu Hause ein, sie lässt sich nicht von der Angst oder vom Stolz lähmen. Maria ist nicht der Typ dafür, der – um es sich gut gehen zu lassen – ein Sofa braucht, auf dem man es sich bequem und gemütlich macht. Sie ist keine Sofa-Jugendliche! (vgl. Ansprache bei der Gebetsvigil, Krakau, 30. Juli 2016). Wenn ihre alte Cousine Unterstützung braucht, dann verliert sie keine Zeit und macht sich sofort auf den Weg.

Die Strecke bis zum Haus der Elisabet ist lang, zirka 150 Kilometer. Aber vom Heiligen Geist angetrieben kennt das Mädchen von Nazaret keine Hindernisse. Die Tage der Reise haben ihr sicher geholfen, über das wunderbare Geschehen, von dem sie betroffen war, nachzudenken. So geschieht es auch mit uns, wenn wir uns auf Pilgerfahrt begeben. Auf dem Weg kommen uns die Ereignisse unseres Lebens in den Sinn, wir können deren Bedeutung reifen lassen und unsere Berufung vertiefen, die sich dann in der Begegnung mit Gott und im Dienst an den anderen zeigt.

Der Mächtige hat Großes an mir getan

Die Begegnung zwischen den beiden Frauen – dem jungen Mädchen und der alten Frau – ist von der Gegenwart des Heiligen Geistes erfüllt und voller Freude und Staunen (vgl. Lk 1,40-45). Wie die Kinder in ihren Leibern tanzen die beiden Mütter gleichsam vor Glück. Vom Glauben Marias berührt ruft Elisabet aus: »Selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ« (V. 45). Ja, eine der großen Gaben, welche die Jungfrau Maria erhalten hat, ist der Glaube. An Gott zu glauben ist ein unschätzbares Geschenk, es muss aber auch angenommen werden; und Elisabet preist Maria dafür. Sie antwortet ihrerseits mit dem Lobgesang des Magnificat (vgl. Lk 1,46-55), in dem wir das Wort finden: »Der Mächtige hat Großes an mir getan« (V. 49).

Dieses Gebet Marias ist ein revolutionäres Gebet, das Lied eines Mädchens voll Glauben, das sich seiner Grenzen bewusst ist, aber der Barmherzigkeit Gottes vertraut. Diese mutige junge Frau dankt Gott, weil er auf ihre Niedrigkeit geschaut hat, sie dankt für sein Heilswerk, das er an seinem Volk, an den Armen und Niedrigen vollbracht hat. Der Glaube ist die Herzmitte der ganzen Geschichte Marias. Ihr Lied hilft uns, das Erbarmen des Herrn als Antriebskraft der Geschichte zu begreifen, sowohl der persönlichen Geschichte eines jeden von uns als auch der ganzen Menschheit.

Wenn Gott das Herz eines jungen Mannes, eines jungen Mädchens berührt, werden diese zu wirklich großen Taten fähig. Das „Große“, das der Mächtige im Leben Marias getan hat, spricht zu uns auch von unserer Reise durch das Leben, die kein sinnloses Umherziehen ist, sondern eine Pilgerschaft, die trotz aller Ungewissheiten und Leiden in Gott ihre Erfüllung finden kann (vgl. Angelus, 15. August 2015). Ihr werdet mir sagen: „Pater, ich bin doch so eingeschränkt, ich bin ein Sünder, was kann ich tun?“ Wenn der Herr uns ruft, bleibt er nicht bei dem stehen, was wir sind oder getan haben. In dem Augenblick, in dem er uns ruft, schaut er vielmehr auf das, was wir tun könnten, auf all die Liebe, die freizusetzen wir imstande sind. Wie die junge Maria könnt auch ihr es zulassen, dass euer Leben ein Werkzeug wird, um die Welt besser zu machen. Jesus ruft euch, eure Spur im Leben zu hinterlassen, eine Spur, die die Geschichte kennzeichnet – eure Geschichte und die vieler anderer (vgl. Ansprache bei der Gebetsvigil, Krakau, 30. Juli 2016).

Jugendlicher sein bedeutet nicht, keine Verbindung zur Vergangenheit zu haben

Maria ist kaum über das Jugendalter hinaus wie viele von euch. Dennoch stimmt sie im Magnificat das Lob ihres Volkes und seiner Geschichte an. Dies zeigt uns: Jugendlicher sein bedeutet nicht, keine Verbindung zur Vergangenheit zu haben. Unsere persönliche Geschichte fügt sich in eine lange Reihe ein, in einen gemeinschaftlichen Weg, der uns in den Jahrhunderten vorangegangen ist. Wie Maria gehören auch wir einem Volk an. Und die Geschichte der Kirche lehrt uns, dass auch dann, wenn sie stürmische Meere durchquert, die Hand Gottes sie führt und schwierige Momente überwinden lässt. Die echte Erfahrung von Kirche ist nicht wie ein Flashmob, zu dem man sich verabredet, um eine Performance durchzuführen und um dann wieder seines Weges zu ziehen. Die Kirche trägt eine lange Tradition in sich, die von Generation zu Generation weitergegeben wird und dabei durch die Erfahrung jedes einzelnen bereichert wird. Auch eure Geschichte findet ihren Platz innerhalb der Geschichte der Kirche.

Die Vergangenheit im Gedächtnis behalten dient auch dazu, das neuartige Eingreifen Gottes, das er in uns und durch uns verwirklichen will, anzunehmen. Und dies hilft uns, uns zu öffnen, um als seine Werkzeuge, als Mitarbeiter seiner Heilspläne ausgewählt zu werden. Auch ihr jungen Menschen könnt Großes vollbringen, wichtige Verantwortung übernehmen, wenn ihr das barmherzige und allmächtige Handeln Gottes in eurem Leben erkennt.

Ich möchte euch einige Fragen stellen: Auf welche Weise „speichert“ ihr eure Erinnerung der Ereignisse, die Erfahrungen eures Lebens „ab“? Was macht ihr mit den Tatsachen und Bildern, die sich in euer Gedächtnis eingeprägt haben? Manche – besonders jene, denen von den Umständen des Lebens Wunden geschlagen wurden – hätten Lust, ein „Reset“ der eigenen Vergangenheit durchzuführen und vom Recht auf das Vergessen Gebrauch zu machen. Ich möchte euch aber daran erinnern, dass es keinen Heiligen ohne Vergangenheit und keinen Sünder ohne Zukunft gibt. Die Perle entsteht aus einer Verletzung der Auster! Mit seiner Liebe kann Jesus unsere Herzen heilen und unsere Wunden in echte Perlen verwandeln. Wie der heilige Paulus sagt, kann der Herr seine Kraft in unserer Schwachheit erweisen (vgl. 2 Kor 12,9).

Unsere Erinnerungen dürfen jedoch nicht alle angehäuft sein wie im Speicher auf der Festplatte. Und es ist auch nicht möglich, alles in einer virtuellen „Cloud“ abzulegen. Man muss lernen, dafür zu sorgen, dass die Geschehnisse der Vergangenheit zu einer dynamischen Wirklichkeit werden, über die man nachdenken und aus der man Lehren und Bedeutung für unsere Gegenwart und Zukunft ziehen kann. Es ist eine beschwerliche, aber notwendige Aufgabe, den roten Faden der Liebe Gottes zu entdecken, der unser ganzes Leben durchzieht.

Viele sagen, dass ihr jungen Menschen gedankenlos und oberflächlich seid. Dem stimme ich überhaupt nicht zu! Man muss aber zugeben, dass es in unserer Zeit nötig ist, die Fähigkeit wiederzuerlangen, über das eigene Leben nachzudenken und es auf Zukunft hin zu gestalten. Eine Vergangenheit zu haben ist nicht gleichbedeutend damit, eine Geschichte zu haben. Wir können in unserem Leben viele Erinnerungen haben, doch wie viele davon bilden wirklich unser Gedächtnis? Wie viele haben eine Bedeutung für unsere Herzen und helfen uns, unserem Leben einen Sinn zu verleihen? Die Gesichter der Jugendlichen in den social media tauchen auf vielen Fotos auf, die mehr oder weniger reale Ereignisse erzählen. Wir wissen hingegen nicht, wieviel davon „Geschichte“, sprich Erfahrung ist, die erzählenswert ist als auch Ziel und Sinn in sich birgt. Die TV-Programme sind voll von sogenannten Reality-Shows, aber es sind keine echten Geschichten, sondern nur Augenblicke, die vor einer Fernsehkamera ablaufen, bei denen die Personen planlos in den Tag hinein leben. Lasst euch nicht durch dieses falsche Bild der Wirklichkeit irreleiten! Seid die Hauptdarsteller eurer Geschichte und bestimmt eure Zukunft!

In Verbindung bleiben mit Blick auf das Beispiel Marias

Man sagt von Maria, dass sie alle Worte bewahrte und in ihrem Herzen erwog (vgl. Lk 2,19.51). Dieses einfache Mädchen aus Nazaret lehrt uns beispielhaft, die Erinnerung an die verschiedenen Begebenheiten des Lebens zu bewahren, diese aber auch zusammenzufügen und aus den Teilstücken ein einheitliches Ganzes zu bilden wie bei einem Mosaik. Wie können wir uns in diesem Sinne konkret einüben? Ich mache euch dazu einige Vorschläge.

Am Ende eines jeden Tages können wir für einige Minuten innehalten, um uns an die schönen Augenblicke, an die Herausforderungen und an alles, was gut und was schlecht gelaufen ist, zu erinnern. So können wir vor Gott und uns selbst die Gefühle der Dankbarkeit, der Reue und des Vertrauens zum Ausdruck bringen. Wenn ihr wollt, könnt ihr das auch in einem Heft aufschreiben, in einer Art geistlichem Tagebuch. Das bedeutet, im Leben, mit dem Leben und über das Leben zu beten, und sicher wird es euch helfen, die großen Dinge besser zu verstehen, die der Herr für jeden von euch tut. Wie der heilige Augustinus sagte, können wir Gott in den weiten Gefilden unseres Gedächtnisses finden (vgl. Bekenntnisse, Buch X,8,12).

Wenn wir das Magnificat lesen, wird uns bewusst, wie sehr Maria das Wort Gottes kannte. Jeder Vers dieses Liedes hat eine Parallelstelle im Alten Testament. Die junge Mutter Jesu kannte die Gebete ihres Volkes gut. Sicherlich haben ihre Eltern und Großeltern sie ihr beigebracht. Wie wichtig ist doch die Glaubensweitergabe von einer Generation an die andere! Es liegt ein verborgener Schatz in den Gebeten, die uns unsere Ahnen lehren, in der gelebten Spiritualität innerhalb der Kultur der einfachen Leute, die wir Volksfrömmigkeit nennen. Maria sammelt das Glaubenserbe ihres Volkes und setzt es zu ihrem ganz eigenen Lied zusammen, das aber zugleich Lied der gesamten Kirche ist. Und die ganze Kirche singt es mit ihr. Damit auch ihr jungen Menschen ein Magnificat singen könnt, das ganz von euch kommt, und euer Leben zu einem Geschenk für die gesamte Menschheit machen könnt, ist es wesentlich, dass ihr an die geschichtliche Tradition und das Beten derer anknüpft, die vor euch gelebt haben. Deshalb ist es auch wichtig, die Bibel – das Wort Gottes – gut zu kennen, sie jeden Tag zu lesen und mit eurem Leben in Beziehung zu setzen, das heißt die Tagesereignisse im Lichte all dessen zu lesen, was der Herr euch in der Heiligen Schrift sagt. Während des Gebets und bei der betenden Lektüre der Bibel (der so genannten Lectio divina) erwärmt Jesus eure Herzen und schenkt euren Schritten Licht, auch in den dunkelsten Augenblicken eures Lebens (vgl. Lk 24,13-35).

Maria bringt uns auch bei, in einer eucharistischen Haltung zu leben, das heißt Dank zu sagen, das Lob Gottes zu pflegen und sich nicht nur auf Probleme und Schwierigkeiten zu versteifen. Die Bitten von heute werden in der Dynamik des Lebens morgen zum Grund des Dankes. So sind auch eure Teilnahme an der heiligen Messe und die Momente der Feier des Sakraments der Versöhnung zugleich Gipfel und Ausgangspunkt: Euer Leben wird jeden Tag in der Vergebung erneuert und zu einem immerwährenden Lob des Allmächtigen: »Vertraut dem Gedenken Gottes: […] sein Gedächtnis ist ein Herz, das weich ist vor Mitgefühl, das Freude daran hat, jede Spur des Bösen in uns auszulöschen« (Predigt bei der heiligen Messe zum Weltjugendtag, Krakau, 31. Juli 2016).

Wir haben gesehen, dass das Magnificat aus dem Herzen Marias in dem Augenblick hervorkommt, als sie ihrer alten Cousine Elisabet begegnet. Mit ihrem Glauben, ihrem scharfen Blick und ihren Worten hilft sie der Jungfrau Maria, die Größe des göttlichen Handelns in ihr und der ihr anvertrauten Sendung besser zu begreifen. Und ihr, seid ihr euch der außergewöhnlichen Quelle des Reichtums bewusst, welche die Begegnung zwischen jungen und alten Menschen darstellt? Wieviel Bedeutung messt ihr den Alten, euren Großeltern bei? Richtigerweise strebt ihr danach, flügge zu werden, und tragt große Träume im Herzen. Doch ihr bedürft auch der Weisheit und der Weitsicht der älteren Menschen. Während ihr die Flügel im Wind ausbreitet, ist es wichtig, dass ihr eure Wurzeln entdeckt und das Staffelholz von den Menschen übernehmt, die vor euch da waren. Um eine sinnvolle Zukunft aufzubauen, muss man die Ereignisse der Vergangenheit kennen und ihnen gegenüber Stellung beziehen (vgl. Nachsynodales Apostolisches Schreiben Amoris laetitia, 191.193). Ihr jungen Menschen habt die Kraft, die alten Menschen haben das Gedächtnis und die Weisheit. So wie Maria gegenüber Elisabet, so richtet auch ihr euren Blick auf die älteren Menschen, auf eure Großeltern. Sie werden euch Dinge erzählen, die euren Verstand begeistern und eure Herzen rühren.

Schöpferische Treue, um neue Zeiten aufzubauen

Es ist wahr, dass ihr noch nicht viele Jahre „auf dem Buckel“ habt und es euch daher schwer fallen mag, der Tradition den gebührenden Wert beizumessen. Haltet euch wohl vor Augen, dass dies nicht heißt, Traditionalist zu sein. Nein! Wenn Maria im Evangelium sagt, »der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49), meint sie damit, dass jenes „Große“ noch nicht zu Ende ist, dass es sich vielmehr weiterhin in der Gegenwart verwirklicht. Es handelt sich nicht um eine ferne Vergangenheit. Die Vergangenheit im Gedächtnis behalten zu können heißt nicht, nostalgisch zu sein oder an einer bestimmten Zeit der Geschichte zu hängen, sondern seine eigenen Ursprünge erkennen zu können, um immer zum Wesentlichen zurückzukehren und sich mit schöpferischer Treue in den Aufbau neuer Zeiten hineinzustürzen. Es wäre ärgerlich und würde niemandem helfen, wenn wir eine lähmende Erinnerung beibehielten, die immer dieselben Dinge auf die gleiche Weise tun lässt. Ein Geschenk des Himmels ist es dagegen zu sehen, dass viele von euch mit ihrem Nachforschen, ihren Träumen und Fragen gegen die Vorstellung angehen, dass die Dinge nicht auch anders sein können.

Eine Gesellschaft, die nur die Gegenwart gelten lässt, neigt auch dazu, all das gering zu schätzen, was man aus der Vergangenheit ererbt, wie zum Beispiel die Einrichtung der Ehe, des geweihten Lebens und des Priesterberufs. Diese werden dann schließlich als bedeutungslos angesehen, als Auslaufmodelle. Man meint besser in sogenannten „offenen“ Situationen zu leben und sich im Leben wie in einer Reality-Show zu verhalten, ohne Ziel und Zweck. Lasst euch nicht täuschen! Gott ist gekommen, um die Horizonte unseres Lebens in jeder Hinsicht zu erweitern. Er hilft uns, der Vergangenheit den gebührenden Wert zu geben, um eine glückliche Zukunft besser gestalten zu können: Das ist aber nur möglich, wenn man die Liebe authentisch lebt – in Erfahrungen, die sich darin verwirklichen, dass wir den Ruf des Herrn wahrnehmen und ihm folgen. Und das ist das Einzige, was uns wirklich glücklich macht.

Liebe junge Freunde, ich empfehle euren Weg nach Panama wie auch den Vorbereitungsprozess der nächsten Bischofssynode der mütterlichen Fürsprache der seligen Jungfrau Maria an. Ich lade euch ein, zweier wichtiger Ereignisse im Jahr 2017 zu gedenken: dreihundert Jahre der Wiederauffindung des Gnadenbildes Unserer Lieben Frau von Aparecida in Brasilien und die Hundertjahrfeier der Erscheinungen von Fatima in Portugal, wo ich mich, so Gott will, im nächsten Mai als Pilger hinbegebe. Der heilige Martin von Porres, einer der Schutzpatrone Lateinamerikas und des Weltjugendtags 2019, hatte in seinem bescheidenen täglichen Dienst die Angewohnheit, Maria als Zeichen seiner Sohnesliebe die schönsten Blumen zu schenken. Pflegt auch ihr wie er eine vertraute, freundschaftliche Beziehung mit der Muttergottes. Vertraut ihr eure Freude, eure Fragen und Sorgen an. Ich versichere euch, ihr werdet es nicht bereuen!

Die junge Frau von Nazaret, die auf der ganzen Welt tausend Gesichter und Namen angenommen hat, um ihren Söhnen und Töchtern nahe zu sein, möge für jeden von uns Fürbitte halten und uns helfen, die großen Werke zu besingen, die der Herr in uns und durch uns vollbringt.

Aus dem Vatikan, am 27. Februar 2017,
Gedenktag des hl. Gabriel von der schmerzhaften Jungfrau

FRANZISKUS

 

Papstbesuch: verschiedene Staatshäupter werden nach Fátima reisen

Capela Das Aparições, Fátima / Wikimedia Commons – Petr Adam Dohnálek, CC BY-SA 3.0 CZ

Neben dem portugiesischen Staatspräsidenten sind bereits fünf weitere Staatshäupter angekündigt worden

Neben dem portugiesischen Staatspräsidenten Marcelo Rebelo de Sousa werden mindestens fünf weitere Staatshäupter aus Anlaß der Feierlichkeiten des 100. Jahrestages der ersten Marienerscheinung in der Cova da Iria nach Fátima anreisen.

Es handelt sich um den Staatspräsidenten Kolumbiens und Friedensnobelpreisträger 2016 Juan Manuel Santos sowie um den Präsidenten von Paraguay, Horacio Cartes.

Portugals Staatspräsident Marcelo Rebelo de Sousa kündigte es am Samstag auf dem katholischen Radiosender „Radio Renascença“ an.

Anwesend werden auch die Staatshäupter der ehemaligen überseeischen Besitzungen Portugals, São Tomé, Kap Verde und Guinea-Bissau, sein. Wie der Vatikan betont, handele es sich nicht um Staatsbesuche, sondern um Pilgerfahrten.

Papst Franziskus soll am 12. Mai um 16 Uhr auf dem Militärflugplatz „Monte Real“, nördlich der Hauptstadt Lissabon, landen. Zwei Stunden später soll er mit dem Hubschrauber in Fátima landen und vom örtlichen Fussballstadion im Papstmobil zum Marienheiligtum fahren.

Dort wird er gleich die Kapelle der Erscheinungen („Capela das Aparições“) besuchen und dann an der Lichterprozession teilnehmen.

Wie seine Vorgänger Johannes Paul II. und Benedikt XVI. wird er in der „Casa Nuestra Señora do Carmo“ bleiben. (pdm)

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Quelle