Belgien: Vatikan setzt Orden Ultimatum wegen Sterbehilfe

Euthanasie, eine Sache auf Leben und Tod

Der Vatikan hat die belgische Ordensgemeinschaft „Broeders van Liefde“ aufgefordert, in seinen psychiatrischen Kliniken unverzüglich die aktive Sterbehilfe zu unterlassen. Wie die katholische Nachrichten-Agentur KNA berichtet, muss die Gemeinschaft bis Ende August eine entsprechende Erklärung an den Vatikan schicken. Andernfalls drohten kirchenrechtliche Sanktionen oder die Aberkennung des Ordensstatus für die gesamte Gemeinschaft. Rene Stockman, der Generalobere des international aktiven Ordens, ermahnte seine Ordensbrüder in Belgien, „unter keinen Umständen aktive Sterbehilfe länger als Lösung für menschliches Leid“ zu praktizieren.

Ende April hatte die Kongregation „Broeders van Liefde“ bekannt gegeben, aktive Sterbehilfe nicht grundsätzlich auszuschließen. In einer Erklärung hieß es: „Wir nehmen das unerträgliche und aussichtslose Leiden und die Bitte um aktive Sterbehilfe von Patienten ernst.“

(kna 09.08.2017 jm)

Papstpredigt zu Peter und Paul: Bekennen, Verfolgung, Gebet

Der Papst bei der Messe am Donnerstag, 29. Juni 2017

Hier lesen Sie die Predigt des Papstes in einer offiziellen deutschen Übersetzung:

Die heutige Liturgie legt uns drei Worte vor, die wesentlich für das Leben des Apostels sind: Bekenntnis, Verfolgung, Gebet.

Das Bekenntnis ist das des Petrus im Evangelium, als die Frage des Herrn vom Allgemeinen ins Besondere geht. In der Tat fragt Jesus zunächst: »Für wen halten die Menschen den Menschensohn?« (Mt 16,13). Bei dieser „Umfrage“ ergibt sich von vielen Seiten, dass das Volk Jesus als Prophet ansieht. Und so stellt der Meister an die Jünger die wirklich entscheidende Frage: »Ihr aber, für wen haltet ihr mich?« (V. 15). Da antwortet nur Petrus: »Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!« (V. 16). Das ist das Bekenntnis: in Jesus den erwarteten Messias sehen, den lebendigen Gott und den Herrn des eigenen Lebens.

Diese grundlegende Frage richtet Jesus heute an uns, an uns alle, aber besonders an uns Hirten. Es ist die entscheidende Frage, vor der keine Höflichkeitsantworten bestehen können, weil das Leben auf dem Spiel steht: Eine lebenswichtige Frage erfordert eine Antwort fürs Leben. Denn es nützt wenig, die Glaubensartikel zu kennen, wenn man nicht Jesus, den Herrn, im eigenen Leben bekennt. Er schaut uns heute in die Augen und fragt: „Wer bin ich für dich?“ Als würde er sagen: “Bin ich noch der Herr deines Lebens, die Ausrichtung deines Herzens, der Grund deiner Hoffnung, dein unerschütterliches Vertrauen?“ Mit dem heiligen Petrus erneuern auch wir heute unsere Lebensentscheidung als Jünger und Apostel. Gehen wir erneut von der ersten zur zweiten Frage über, um „die Seinen“ nicht nur mit Worten zu sein, sondern mit Taten und im Leben.

Fragen wir uns, ob wir Wohnzimmerchristen sind, die darüber schwatzen, wie die Dinge in der Kirche und in der Welt laufen, oder Apostel auf dem Weg, die Jesus mit dem Leben bekennen, weil sie ihn im Herzen haben. Wer Jesus bekennt, weiß, dass er nicht bloß gehalten ist, Meinungen abzugeben, sondern das Leben hinzugeben. Er weiß, dass er nicht auf laue Weise glauben kann, sondern gerufen ist, aus Liebe zu „brennen“. Er weiß, dass er im Leben nicht auf dem Wohlbefinden „dahintreiben“ und es sich gut gehen lassen kann. Er muss vielmehr das Risiko eingehen, auf die hohe See hinauszufahren, indem er sich jeden Tag neu selbst hingibt. Wer Jesus bekennt, macht es wie Petrus und Paulus: Er folgt ihm bis zum Ende; nicht nur bis zu einem bestimmten Punkt, sondern bis zum Äußersten; er folgt ihm auf der Straße des Herrn, nicht auf unseren Straßen. Seine Straße ist der Weg des neuen Lebens, der Freude und der Auferstehung, der aber auch über das Kreuz und die Verfolgungen geht.

Damit sind wir beim zweiten Wort: den Verfolgungen. Nicht nur Petrus und Paulus haben ihr Blut für Christus vergossen, sondern die gesamte Urgemeinde wurde verfolgt, wie uns die Apostelgeschichte (vgl. 12,1) berichtet hat. Auch heute werden in verschiedenen Teilen der Welt, zuweilen in einem Klima des Schweigens – nicht selten eines mitschuldigen Schweigens –, viele Christen ausgegrenzt, verleumdet, diskriminiert, zum Ziel von mitunter tödlichen Gewaltakten. Nicht selten fehlen die nötigen Bemühungen derer, die dafür sorgen könnten, dass ihre legitimen Rechte geachtet werden.

Ich möchte jedoch vor allem hervorheben, was der Apostel Paulus zum Ausdruck gebracht hat, bevor er, wie er schreibt, »geopfert« wurde (2 Tim 4,6). Für ihn war Christus das Leben (vgl. Phil 1,21), und zwar als der Gekreuzigte (vgl. 1 Kor 2,2), der sich für ihn hingegeben hat (vgl. Gal 2,20). So ist Paulus als treuer Schüler dem Meister gefolgt, indem auch er sein Leben hingegeben hat. Christus gibt es nicht ohne das Kreuz, und ohne das Kreuz gibt es auch keinen Christen. Denn es ist der christlichen Tugend eigen, »nicht nur Gutes zu tun, sondern auch Böses zu ertragen« (Augustinus, Sermo 46,13), wie bei Jesus. Das Böse ertragen heißt nicht nur, Geduld zu haben und mit Ergebung weiterzumachen; ertragen bedeutet Jesus nachzuahmen, bedeutet die Last zu tragen, sie für ihn und für die anderen auf den Schultern zu tragen. Es heißt das Kreuz anzunehmen und vertrauensvoll weiterzugehen, weil wir nicht allein sind, der gekreuzigte und auferstandene Herr ist mit uns. So können wir mit Paulus sagen: »Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen« (2 Kor 4,8-9).

Ertragen heißt mit Jesus siegen zu können, nämlich in der Weise Jesu, nicht in der Weise der Welt. Deshalb sieht sich Paulus als Sieger – wir haben es gehört –, der einen Kranz erhält (vgl. 2 Tim 4,8). Er schreibt: »Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue bewahrt« (V. 7). Sein guter Kampf war allein auf ein Leben für ausgerichtet – nicht für sich selbst, sondern für Jesus und für die anderen leben. Er hat „im Lauf“ gelebt: er schonte sich nicht, ja vielmehr verzehrte er sich. Eines habe er bewahrt, so sagt er, nicht die Gesundheit, sondern den Glauben, also das Bekenntnis zu Christus. Aus Liebe zu ihm hat die Prüfungen durchlebt, die Demütigungen und die Leiden, die nie zu suchen, sondern anzunehmen sind. Und so, im Geheimnis der aus Liebe dargebrachten Schmerzen, in diesem Geheimnis, das so viele verfolgte, arme und kranke Brüder und Schwestern auch heute verkörpern, erstrahlt die heilbringende Kraft des Kreuzes Jesu.

Das dritte Wort ist das Gebet. Das Leben des Apostels, das aus dem Bekenntnis entspringt und in die Hingabe mündet, strömt jeden Tag weiter im Gebet. Das Gebet ist das unerlässliche Wasser, welches die Hoffnung nährt und das Vertrauen wachsen lässt. Das Gebet schenkt uns die Erfahrung, dass wir geliebt sind, und erlaubt uns zu lieben. Es lässt uns in den dunklen Augenblicken weitergehen, weil es ein Licht Gottes anzündet. In der Kirche ist es das Gebet, das uns alle trägt und die Prüfungen meistern lässt. Das sehen wir schon in der ersten Lesung: »Petrus wurde also im Gefängnis bewacht. Die Gemeinde aber betete inständig für ihn zu Gott« (Apg 12,5). Eine Kirche, die betet, wird vom Herrn behütet und schreitet in seiner Begleitung voran. Beten bedeutet ihm den Weg anzuvertrauen, auf dass er sich um ihn kümmert. Das Gebet ist die Kraft, die uns vereint und aufrichtet; das Heilmittel gegen die Isolierung und die Selbstgenügsamkeit, die zum geistlichen Tod führen. Denn wenn man nicht betet, weht der Geist des Lebens nicht, und ohne das Gebet öffnen sich nicht die inneren Verließe, in denen wir gefangen sind.

Die heiligen Apostel mögen uns helfen, ein Herz wie das ihre zu erhalten, das von der Mühe und dem Frieden des Gebets geprägt ist: von seiner Mühe, weil es bittet, anklopft, sich fürbittend einsetzt und die Last der Anliegen vieler Menschen und Situationen trägt; aber zugleich von seinem Frieden, weil der Heilige Geist Trost und Kraft gibt, wenn man betet. Wie braucht die Kirche so dringend Meister des Gebets, aber zuallererst betende Männer und Frauen, die wirklich im Gebet leben!

Der Herr greift ein, wenn wir beten; er erweist sich treu gegenüber der Liebe, die wir ihm bekannt haben, und er ist uns nahe in den Prüfungen. Er hat den Weg der Apostel begleitet und er wird auch euch, liebe Kardinäle, begleiten, die ihr hier in der Liebe der Apostel versammelt seid, die ihren Glauben mit dem Blut bekannt haben. Er wird auch euch nahe sein, liebe Erzbischöfe, die ihr durch die Auflegung des Palliums bestärkt werdet, für die Herde zu leben und dabei den Guten Hirten nachzuahmen, der euch erhält, da er euch auf den Schultern trägt. Dieser Herr, der sehnlich danach verlangt, seine Herde ganz vereint zu sehen, segne und beschütze auch die Delegation des Ökumenischen Patriarchats und den geliebten Bruder Bartholomaios, der sie hierher geschickt hat zum Zeichen der apostolischen Gemeinschaft.

(rv 29.06.2017 mg)

Europa und die Päpste: Unsere Sonderserie

Papst Franziskus vor Europafahne

Schuldenkrise, Brexit, Populisten: Europa ist in Turbulenzen. Für einen Neustart kann es nicht schaden, sich auf das zu besinnen, was Europa ausmacht und geprägt hat – ja, wir reden hier von den christlichen Wurzeln Europas. Und da kommen die Päpste ins Spiel.

Am Anfang steht Johannes Paul II. Der Papst aus Polen hat einiges zum Fall der Berliner Mauer beigetragen, und zum Zusammenwachsen Europas. Als erster Papst der Geschichte besuchte Johannes Paul 1988 das Europa-Parlament in Straßburg. Und immer wieder in seinem langen Pontifikat machte er Europa Mut zur Einheit und zum Zusammenhalt.

Nach Johannes Paul: der Papst aus Deutschland. Benedikt XVI. sah das Christentum geradezu in die DNA Europas eingeschrieben. Er machte darauf aufmerksam, dass das europäische Denken vom Zusammenklang von Glaube und Vernunft geprägt ist – etwas Einmaliges weltweit.

2013 wurde zum ersten Mal seit über einem Jahrtausend ein Nicht-Europäer Papst: Franziskus. Doch auch dieser besuchte das Europaparlament, wie einst Johannes Paul. Dort sagte er: „Liebe Europaabgeordnete, die Stunde ist gekommen, gemeinsam das Europa aufzubauen, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person…“

Und auch Franziskus wurde, im vergangenen Jahr, der Karlspreis für Verdienste um die europäische Einigung zuerkannt – mitten in der bislang größten Krise der Europäischen Union. „Was ist mit dir los, humanistisches Europa, du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?“, fragte er in seiner Rede bei der Entgegennahme des Preises. „Was ist mit dir los, Europa, du Heimat von Dichtern, Philosophen, Künstlern, Musikern, Literaten?“

Europa und die Päpste – unsere Radio-Akademie im Monat August.

(rv 01.08.2017 sk)

Kolumbien: „Nuestra Señora de Chiquinquirá“ für Papstbesuch in Bogotà

Chiquinquirá, Basilika / Wikimedia Commons – Docfon, CC BY-SA 3.0

Reise von Papst Franziskus vom 6. bis 11. September 2017

Papst Franziskus wird vom 6. bis 11. September 2017 Kolumbien bereisen und die Städte Bogotá, Villavicencio, Medellín und Cartagena besuchen.

Boyacá wird der Papst nicht aufsuchen. Dort befindet sich aber das Heiligtum mit dem Bild „Nuestra Señora de Chiquinquirá“. Die 1,25 Meter auf 1,39 Meter große und eine Tonne schwere Ikone wird daher nach Bogotá gebracht.

Der Dominikanerorden, der die 430 Jahre alte Ikone betreut, wird sie am 1. September mit einer Prozession zum Helikopter begleiten, der sie mit einem 40-minütigen Flug zum Flughafen „El Dorado“ bringen wird. Von dort wird die Ikone zur Gemeinde „Santa Viviana“ transportiert. Mit einer Prozession gelangt sie am folgenden Tag zur Kathedrale der Hauptstadt. Papst Franziskus wird Bogotà am 7. September besuchen.

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REISEPROGRAMM

Mittwoch, 6. September

– 11.00 Uhr: Abreise vom Flughafen Rom/Fiumicino

– 16.30 Uhr (Ortszeit): Ankunft in Bogotá; Begrüßungszeremonie.

Donnerstag, 7. September

– 09.00 Uhr: Begegnung mit den Behörden auf dem „Plaza de Armas“ vom „Casa de Nariño“ in Bogotá | Erste Ansprache

– 09.30 Uhr: Höflichkeitsbesuch beim Staatspräsidenten im „Casa de Nariño“

– 10.20 Uhr: Besuch der Kathedrale

– 10.50 Uhr: Segnung der Gläubigen vom Balkon des Kardinalspalastes

– 11.00 Uhr: Treffen mit den Bischöfen im Kardinalspalast | Zweite Sprache

– 15:00 Uhr: Begegnung mit dem Vorstand des Lateinamerikanischen Bischofsrates (CELAM) in der Apostolischen Nuntiatur | Dritte Ansprache

– 16.30 Uhr: Messe im „Parque Simon Bolivar“ | Erste Predigt

Freitag 8. September

– 07.50 Uhr: Abflug nach Villavicencio

– 08.30 Uhr: Landung in Villavicencio

– 09.30 Uhr: Messe in Villavicencio | Zweite Predigt

– 15.40 Uhr: Gebetstreffen für die nationale Aussöhnung im „Parque Las Malocas“ | Vierte Ansprache

– 17.20 Uhr: Besuch am Kreuz der Versöhnung im „Parque de los Fundadores“

– 18:00 Uhr: Rückflug nach Bogotá

– 18.45 Uhr: Ankunft in Bogotá

Samstag, 9. September

– 08.20 Uhr: Abflug nach Rionegro; Helikoptertransfer nach Medellín

– 10.15 Uhr: Messe auf dem Flughafengelände von Medellín | Dritte Predigt

– 15:00 Uhr: Treffen im „Hogar San José“

– 16:00 Uhr: Treffen mit Priestern, Ordensleuten, Gottgeweihten und Seminaristen in der Sportarena „La Macarena“ | Fünfte und letzte Ansprache

Helikoptertransfer nach Rionegro

– 17.30 Uhr: Rückflug nach Bogotá

– 18.25 Uhr: Ankunft in Bogotá

Sonntag 10. September

– 08.30 Uhr: Abflug nach Cartagena de Indias

– 10.00 Uhr: Ankunft in Cartagena

– 10.30 Uhr: Segnung der Grundsteine von Häusern für die Obdachlose

– 12.00 Uhr: Angelus vor der Kirche des heiligen Pedro Claver, mit Besuch des Heiligtums

– 15.45 Uhr: Helikoptertransfer zum Hafengelände von Contecar

– 16.30 Uhr: Messe auf dem Hafengelände von Contecar | Vierte Predigt

– 18:30 Uhr: Helikoptertransfer zum Flughafen von Cartagena

– 18.45 Uhr: Abschiedszeremonie

– 19:00 Uhr: Rückflug nach Rom-Ciampino

Montag, 11. September

– 12.40 Uhr: Ankunft in Rom-Ciampino.

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Quelle

„Der Präfekt hat dem Papst zu dienen“

ARCHIV - Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der vatikanischen Kongregation für die Glaubenslehre, spricht am 30.01.2015 auf dem 10. Semperopernball in der Semperoper in Dresden (Sachsen). (zu dpa "Kampf gegen Missbrauch: Deutscher Kardinal in der Kritik" vom 14.03.2017) Foto: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Ein Gespräch mit Kardinal Gerhard Müller über den Papst, die Kurie, seine Ausscheiden aus der Glaubenskongregation und seine Zukunftspläne. Von Regina Einig

Eminenz, haben Sie den Eindruck, dass die Nichtverlängerung Ihrer Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation von außen instrumentalisiert worden ist, um gegen Papst Franziskus Stimmung zu machen? Von verschiedenen Seiten sicher. Und ein gewisser Teil der Medien, hinter denen bestimmte ideologische Gruppierungen stehen, jubelt, weil er die Rolle des Präfekten völlig falsch einschätzt. Aber der Präfekt hat dem Papst zu dienen in seinem Dienst an der Einheit der Kirche in der Wahrheit des Evangeliums. Deshalb ist es von vorneherein falsch, die Kirche sozusagen in zwei ideologische Flügel aufzuteilen und die eigene Energie darin zu investieren, dass der eine den anderen überwindet.

Was sagen Sie den Ideologen? Wir sind katholisch, und es gibt nicht konservative und progressive Wahrheiten. Die Wahrheit ist die Wahrheit Gottes – und der müssen wir uns stellen, denn die Wahrheit führt uns in die Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes (Röm 8,21).

Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit Ihrem Nachfolger erlebt? Wir haben die Arbeit in der Glaubens- und Disziplinarabteilung in vollkommener Harmonie ausgeführt. Er ist in seinem theologischen Grundverständnis vom Zweiten Vaticanum, von den Kirchenvätern sowie den großen Theologen des Mittelalters und der Neuzeit geprägt. Wir haben auch die Entwürfe zu Amoris laetitia gemeinsam kommentiert.

Also gibt es zwischen Ihnen keinen Dissens in der Auslegung von Amoris laetitia? Nein. Es ist eigentlich kaum verständlich, dass jemand einen Zweifel daran haben kann, dass die Aussagen eines Papstes immer im Licht und in Konformität mit der Heiligen Schrift, der apostolischen Tradition und den bisherigen Lehrbestimmungen der Päpste und der Konzilien gelesen werden müssen. Sonst steht einer nicht mehr auf dem Boden des katholischen Glaubens. Man lese dazu nur die Dogmatische Konstitution über die göttliche Offenbarung des II. Vatikanums (Dei Verbum 10).

In der Kurie ist ein Umbau im Gange. Wie beurteilen Sie Stimmen, die sagen, dass die Linien Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. verwischt werden sollen? Man sieht allenfalls einige Baustellen, aber welcher Plan dahintersteht, erschließt sich mir bisher nicht. Wichtig ist zu sehen, dass die römische Kurie eine kirchliche Wirklichkeit ist und nicht einfach ein Verwaltungsapparat für eine weltliche Institution (Vgl. das Dekret über die Hirtenaufgabe der Bischöfe des II. Vatikanums (Christus Dominus 9f). Was Reform heißt, kann einerseits eine strukturelle oder organisatorische Anpassung an die moderne Kommunikation sein. Aber kirchlich betrachtet verstehen wir unter Reform eine innere geistige und geistliche Erneuerung in Christus mit dem Willen, seiner Kirche treu zu dienen.

Täuschen sich diejenigen, die Ihnen Spannungen mit Papst Franziskus nachsagen? Wir Kardinäle dienen der Weltkirche mit dem Papst zusammen unter seiner Leitung. Ich halte es für sehr wichtig, dass sich die Kirche nicht mit politischen Organisationen vergleicht oder wie ein Sozialkonzern oder eine internationale Hilfsorganisation agiert. Sie ist Zeichen und Werkzeug, Sakrament des Heils der Welt in Christus. Die Kirche dient der Wahrheit und steht nicht unter dem Gesetz politischer und ideologischer Machtkämpfe.

Welche Pläne haben Sie für sich nach der Sommerpause? Wie möchten Sie die nächsten Jahre gestalten? Auch wenn ich die alltägliche Arbeit und Verantwortung in der Kongregation nicht mehr habe, bleibe ich Kardinal und Bischof. Bischof, das heißt, dass wir als Diener des Wortes das Evangelium Christi verkünden in der Nachfolge der Apostel und durch unser Gebet die Kirche erbauen. Als Kardinal hat man die besondere Verantwortung auch für die Weltkirche im Senat des Papstes. Insofern wird es inhaltlich nicht anders sein als es auch die Beschreibung der Kongregation ist: den katholischen Glauben zu fördern und zu bewahren in der ganzen Welt. Wie hatte doch damals Kardinal Ratzinger in „Salz der Erde“ geschrieben: „Mir klingen immer die Worte der Bibel wie der Kirchenväter im Ohr, die die Hirten mit großer Schärfe verurteilen, die wie stumme Hunde sind und, um Konflikte zu vermeiden, das Gift sich ausbreiten lassen. Ruhe ist nicht die erste Bürgerpflicht, und ein Bischof, dem es nur darauf ankäme, keinen Ärger zu haben und möglichst alle Konflikte zu übertünchen, ist für mich eine abschreckende Vision.“

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„Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft im Herzen eines jeden Menschen“

Angelus, 29. Januar 2017 / © PHOTO.VA – OSSERVATORE ROMANO

Angelus am Sonntag, dem 23. Juli 2017

„Das Gute und das Böse können nicht mit bestimmten Gebieten oder Gruppen von Menschen identifiziert werden.“ Dies betonte Papst Franziskus im Laufe seiner Katechese vor dem Angelus am heutigen Sonntag, dem 23. Juli 2017, in der er das Gleichnis vom guten Weizen und vom Unkraut ins Zentrum seiner Betrachtung stellte.

Es gebe nicht die Guten auf der einen Seite und die Bösen auf der anderen, erinnerte Franziskus, sondern man müsse verstehen, dass „die Grenzlinie zwischen dem Guten und dem Bösen im Herzen eines jeden Menschen verläuft“.

„In dieser Welt — so warnte Franziskus —  sind das Gute und das Böse so sehr miteinander verwoben, dass es unmöglich ist, sie zu trennen und das Böse ganz auszureißen.“ Das einzige, was man tun könne, sei „die schwierige Aufgabe der Unterscheidung zwischen dem Bösen und dem Guten“ zu erfüllen.

Jorge Bergoglio forderte die Getauften dazu auf,  „sich vom Bösen und seinen Verführungen zu distanzieren“, und dies im Bewusstsein zu tun, dass „wir alle Sünder“ seien und „immer der Vergebung unserer Sünden brauchen”.

„Immer und nur auf das Böse schauen, das außerhalb von uns liegt, bedeutet, die Sünde nicht anerkennen zu wollen, die auch in uns ist“, so versicherte der Papst.

“Vielmehr als eine Kirche der ,Reinen´, die vor der Zeit beurteilen will, wer im Reich Gottes ist und wer nicht“, bevorzugt Franziskus eine Kirche, “die Sauerteig im Teig” ist und keine Angst hat, „sich die Hände schmutzig zu machen, indem sie die Kleider ihrer Kinder wäscht“.

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Kardinal Müller wirbt für Dialog mit konservativen Kardinälen

Kardinal Gerhard Ludwig Müller

Kardinal Gerhard Ludwig Müller hat neuerlich für einen Dialog mit konservativen Kirchenvertretern in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen geworben. Im Gespräch mit der italienischen Zeitung „il Foglio“ regte Müller ein Treffen mit den Kardinälen Raymond Leo Burke, Walter Brandmüller und Carlo Caffarra an, bei dem offen über die strittigen Themen gesprochen werden solle. Er habe „bis heute nur Schmähungen und Beleidigungen gegen diese Kardinäle gehört“, sagte Müller. Dies sei „weder die Art noch der Ton, um weiterzukommen“. Die drei Genannten sowie der inzwischen verstorbene Kölner Kardinal Joachim Meisner hatten von Papst Franziskus Klarstellungen zu einem möglichen Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene verlangt und Kritik am Papstschreiben „Amoris laetitita“ (2016) geübt.

Müller, bis Anfang Juli Präfekt der Glaubenskongregation, wies eine Kategorisierung in Freund oder Feind des Papstes zurück. „Für einen Kardinal ist es absolut unmöglich, gegen den Papst zu sein“, sagte er. Nichtsdestoweniger hätten Bischöfe „das – ich würde sagen – göttliche Recht, frei zu diskutieren“.

Mit Blick auf die Nichtverlängerung seiner fünfjährigen Amtszeit an der Spitze der Glaubenskongregation sagte Müller, er sei „immer gelassen“ gewesen. Seine Aufgaben habe er über das nötige Maß hinaus erfüllt. Vor allem habe er sich stets loyal gegenüber dem Papst verhalten, „wie es unser Glaube verlangt“. Neben Papsttreue habe er auch theologische Kompetenz eingebracht; darum sei seine Loyalität „nie bloße Lobhudelei“ gewesen.

Papst Franziskus hatte dem 69 Jahre alten deutschen Kardinal kurzfristig bekannt gegeben, dass er seinen Dienstvertrag nicht verlängern werde. Müller will eigenen Angaben zufolge in Rom bleiben und sich der Theologie und der Seelsorge widmen.

(kna 21.07.2017 gs)