BOTSCHAFT VON PAPST FRANZISKUS ZUM 33. WELTJUGENDTAG 2018

»Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden« (Lk 1,30)

Liebe Jugendliche,

der Weltjugendtag 2018 ist ein weiterer Schritt auf dem Weg der Vorbereitung auf den Internationalen Weltjugendtag, der im Januar 2019 in Panama stattfinden wird. Diese neue Etappe auf unserem Pilgerweg fällt in das Jahr, für das die Ordentliche Versammlung der Bischofssynode zum Thema Die Jugend, der Glaube und die Berufungsunterscheidung einberufen wurde. Das ist eine gute Fügung. Die Aufmerksamkeit, das Gebet und das Nachdenken der Kirche werden auf euch Jugendliche gerichtet sein, verbunden mit dem Verlangen, das wertvolle Geschenk, das ihr für Gott, für die Kirche und für die Welt seid, anzunehmen und vor allem aufzunehmen.

Wie ihr schon wisst, wollen wir uns auf diesem Weg vom Beispiel und der Fürsprache Marias begleiten lassen, der jungen Frau aus Nazareth, die Gott zur Mutter seines Sohnes erwählt hat. Sie ist mit uns auf dem Weg zu dieser Synode und zum Weltjugendtag in Panama. Im vergangenen Jahr haben wir uns leiten lassen von den Worten ihres Lobgesangs »Denn der Mächtige hat Großes an mir getan« (Lk 1,49) und wir haben dabei gelernt, uns des Vergangenen zu erinnern. In diesem Jahr nun wollen wir gemeinsam mit ihr auf die Stimme Gottes hören, die uns ermutigt und die notwendige Gnade schenkt, um seinem Ruf antworten zu können: »Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden« (Lk 1,30). Das sind die Worte, die der Bote Gottes, der Erzengel Gabriel, an Maria, eine einfache junge Frau in einem kleinen Dorf in Galiläa richtete.

1. Fürchte dich nicht!

Man kann gut nachvollziehen, dass Maria angesichts der plötzlichen Erscheinung des Engels und seines geheimnisvollen Grußes »Sei gegrüßt du Begnadete, der Herr ist mit dir« (Lk 1,28) ziemlich verwirrt war und überrascht von dieser ersten Offenbarung ihrer Identität und ihrer Berufung, die ihr ja noch nicht bewusst waren. Maria erschrickt wie auch andere Personen in der Heiligen Schrift vor dem Geheimnis und dem Anruf Gottes, der sie mit der Größe der eigenen Bestimmung konfrontiert und sie zugleich ihre ganze kreatürliche Niedrigkeit fühlen lässt. Der Engel, der tief in ihr Herz blickt und das erkennt, sagt zur ihr: »Fürchte dich nicht!« Gott erkennt auch unser Herz. Er sieht die Herausforderungen, vor denen wir im Leben stehen, besonders, wenn wir vor grundlegenden Entscheidungen stehen, von denen abhängt, wer wir sein und was wir in dieser Welt tun werden. Es geht hier um den „Schauer“, den wir angesichts solcher Entscheidungen über unsere Zukunft, unseren Lebensstand und unsere Berufung empfinden. In diesen Momenten sind wir erst einmal durcheinander und in vielen Befürchtungen gefangen.

Und was sind eure Ängste, liebe Jugendliche? Was macht euch im Innersten Sorgen? Eine unterschwellige Angst in vielen von euch ist die Angst davor, nicht geliebt zu sein, nicht geschätzt, nicht akzeptiert zu werden für das, was ihr seid. Es gibt heute viele junge Menschen, die beim Versuch, sich den oft künstlichen und hochtrabenden Standards anzupassen, das Gefühl haben, anders sein zu müssen, als sie es in Wirklichkeit sind. Ständig bearbeiten sie digital ihre Selbstportraits und verstecken sich hinter Masken und falschen Identitäten, was manchmal fast dazu führt, dass sie selbst ein „Fake“ werden. Viele sind darauf versessen, eine möglichst große Zahl an „Likes“ zu erhalten. Und aus diesem Gefühl des Ungenügens entspringen viele Ängste und Unsicherheiten. Andere fürchten keine affektive Sicherheit zu finden und allein zu bleiben. Für viele kommt angesichts der unsicheren Verhältnisse am Arbeitsmarkt die Angst hinzu, keine befriedigende berufliche Bestätigung zu finden, die eigenen Träume nicht verwirklichen zu können. Solche Ängste sind heute in vielen gläubigen wie auch nichtgläubigen Jugendlichen sehr präsent. Und auch diejenigen, die das Geschenk des Glaubens angenommen haben und ernsthaft ihre eigene Berufung suchen, sind sicher nicht ohne Befürchtungen. Manche denken: Vielleicht verlangt Gott zu viel von mir, vielleicht wird er zu viel verlangen; vielleicht werde ich auf dem Weg, den er mir zeigt, nicht wirklich glücklich, oder ich werde nicht auf der Höhe dessen sein, was er von mir verlangt. Andere fragen sich: Wenn ich den Weg gehe, den Gott mir zeigt, wer kann mir garantieren, dass ich in der Lage sein werde, diesen Weg bis zum Ende zu gehen. Verliere ich den Mut? Verliere ich die Begeisterung? Werde ich ein Leben lang durchhalten?

In den Momenten, wo Zweifel und Ängste auf unser Herz einstürmen, ist es nötig, unterscheiden zu können. Sie erlaubt uns, Ordnung in unsere Gedanken und Gefühle zu bringen, um richtig und weise zu handeln. Der erste Schritt zur Überwindung dieser Ängste besteht bei diesem Prozess darin, sie klar zu erkennen, damit man nicht Zeit und Energie an Phantasievorstellungen ohne Gesicht und ohne Bestand verliert. So lade ich euch alle ein, in euer Inneres zu schauen und euren Ängsten „einen Namen zu geben“. Fragt euch also: In dieser konkreten Situation heute, in der ich mich befinde, was fürchte ich, was macht mir am meisten Angst? Was blockiert mich und was hindert mich daran weiterzukommen? Warum habe ich nicht den Mut, die wichtigen Entscheidungen zu treffen, die ich tun muss? Habt keine Angst davor, ehrlich auf eure Ängste zu schauen, sie als das zu erkennen, was sie sind, und mit ihnen ins Reine zu kommen. Die Bibel verschweigt nicht das menschliche Gefühl der Angst und auch nicht die vielen Gründe, die sie hervorrufen können. Abraham hatte Angst (vgl. Gen 12,10f.), Jakob hatte Angst (vgl. Gen 31,31; 32,8), und Mose ebenso (vgl. Ex 2,14; 17,4), auch Petrus (vgl. Mt 26,69ff) und die Apostel (vgl. Mk 4,38-40; Mt 26,56). Selbst Jesus erlebte Angst und Beklommenheit, wenn auch auf einer ganz anderen Ebene (vgl. Mt 26,37; Lk 22,44).

»Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr noch keinen Glauben?« (Mk 4,40). Diese Ermahnung Jesu an seine Jünger lässt uns verstehen, dass es oft gar nicht der Unglaube ist, der unseren Glauben behindert, sondern die Angst. Nach dem Identifizieren unserer Ängste muss uns die Arbeit der Unterscheidung dann helfen, sie zu überwinden, indem wir uns dem Leben öffnen und indem wir in Ruhe die Herausforderungen angehen, die es uns beschert. Gerade für uns Christen sollte die Angst nie das letzte Wort haben, sondern Anlass sein, einen Glaubensakt gegenüber Gott zu vollziehen … und auch gegenüber dem Leben! Das bedeutet, an die grundsätzliche Güte der Existenz zu glauben, die Gott uns geschenkt hat. Das bedeutet, darauf zu vertrauen, dass er alles zu einem guten Ende führen wird – auch durch Begleitumstände und Missgeschicke hindurch, die uns oft rätselhaft bleiben. Wenn wir hingegen unsere Ängste nähren, neigen wir dazu, uns in uns selbst zu verschließen, uns zu verbarrikadieren, um uns gegen alles und jeden zu verteidigen, was uns aber nicht weiterkommen lässt. Wir müssen reagieren! Niemals sich verschließen! In der Heiligen Schrift finden wir 365 Mal den Ausdruck „Fürchte dich nicht“ – mit all seinen Varianten –, so als ob sie uns damit sagen wollte, dass der Herr uns für jeden Tag des Jahres die Freiheit von unseren Ängsten wünscht.

Die Unterscheidung wird unentbehrlich, wenn es um die Suche nach der eigenen Berufung geht. In der Tat ist diese meist nicht sofort und auch nicht ganz klar zu erkennen, aber mit der Zeit wird man immer besser verstehen. Die Unterscheidung, die in diesem Fall zu treffen ist, sollte nicht als eine individuelle Anstrengung der Selbstbeobachtung verstanden werden, die dazu dient, unsere inneren Mechanismen zur Stärkung und Erlangung eines gewissen Gleichgewichts besser zu verstehen. In diesem Fall kann der Mensch zwar gestärkt daraus hervorgehen, aber er bleibt doch im begrenzten Horizont seiner Möglichkeiten und Sichtweisen verschlossen. Die Berufung hingegen ist ein Ruf von oben, und die Unterscheidung besteht in diesem Fall vor allem darin, sich dem Anderen, der ruft, zu öffnen. Dazu ist die Stille des Gebets notwendig, um auf die Stimme Gottes zu hören, die im Gewissen erklingt. Er klopft an die Tür unseres Herzens, wie er es bei Maria getan hat, und er ist voll Sehnsucht danach, sich durch das Gebet mit uns anzufreunden, durch die Heilige Schrift zu uns zu sprechen, uns seine Barmherzigkeit im Sakrament der Versöhnung zu schenken und mit uns eins zu werden in der Eucharistie.

Aber auch die Auseinandersetzung und der Dialog mit den anderen ist wichtig, mit unseren Brüdern und Schwestern im Glauben, die mehr Erfahrung haben und uns helfen, besser zu sehen und zwischen den verschiedenen Optionen zu wählen. Der junge Samuel erkennt die Stimme des Herrn nicht sofort, als er sie hört, und so läuft er dreimal zu Eli, dem betagten Priester, der ihm schließlich die richtige Antwort auf den Ruf des Herrn vorsagt: »Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, Herr; denn dein Diener hört“ (1 Sam 3,9). Ihr sollt wissen, dass ihr euch in euren Zweifeln auf die Kirche verlassen könnt. Bestimmt gibt es gute Priester und Ordensleute wie auch gläubige Laien, von denen viele selbst jung sind, die euch als ältere Brüder und Schwestern im Glauben begleiten können; vom Heiligen Geist beseelt, werden sie euch helfen können, eure Zweifel aufzulösen und Gottes Plan für eure persönliche Berufung zu lesen. Der „Andere“ ist dabei nicht notwendig der Geistliche Begleiter, sondern jeder, der uns dabei hilft, uns für die unendlichen Reichtümer des Lebens zu öffnen, die Gott uns gegeben hat. Es ist notwendig, in unseren Städten und Gemeinden Räume zu schaffen, wo es möglich ist zu wachsen, zu träumen und neue Horizonte zu erschließen! Verliert nie den Geschmack an der Freude der Begegnung und der Freundschaft, den Geschmack daran, gemeinsam zu träumen und mit den anderen unterwegs zu sein. Authentische Christen scheuen nicht davor zurück, sich anderen gegenüber zu öffnen, ihre Lebensräume zu teilen und sie so in Orte der Brüderlichkeit zu verwandeln. Lasst nicht zu, liebe Jugendliche, dass der Lichtglanz der Jugend in der Dunkelheit eines geschlossenen Raumes erlischt, in dem das einzige Fenster zur Welt der Computer und das Smartphone ist. Öffnet die Türen eures Lebens weit! Lasst zu, dass eure Räume und Zeiten von konkreten Menschen bewohnt werden, von tiefen Beziehungen, mit denen ihr authentische und reale Erfahrungen in eurem täglichen Leben teilen könnt.

2. Maria!

»Ich habe dich beim Namen gerufen« (Jes 43,1). Der erste Grund, keine Angst zu haben, ist genau die Tatsache, dass Gott uns beim Namen ruft. Der Engel, der Bote Gottes, hat Maria bei ihrem Namen gerufen. Es gehört zum Wesen Gottes, Namen zu geben. Bei der Schöpfung ruft er jedes Geschöpf mit seinem Namen ins Dasein. Hinter dem Namen verbirgt sich eine Identität, die in allem, in jedem Menschen, einzigartig ist, jenes innerste Wesen einer Person, das im letzten nur Gott ganz kennt. Dieses göttliche Vorrecht wurde dann auch dem Menschen zuteil, als Gott ihm erlaubte, den Tieren, Vögeln und auch seinen Kindern einen Namen zu geben. (Gen 2,19-21;4,1). Viele Kulturen teilen diese tiefe biblische Sichtweise, indem sie im Namen die Offenbarung des tiefsten Geheimnisses eines Lebens, die Bedeutung einer Existenz, erkennen.

Wenn er einen Menschen beim Namen nennt, offenbart ihm Gott gleichzeitig seine Berufung, seinen Plan der Heiligkeit und Güte, durch den dieser Mensch zum Geschenk für andere wird und der ihn einzigartig macht. Und auch wenn der Herr die Horizonte eines Lebens erweitern will, gibt er der berufenen Person einen neuen Namen, wie er es bei Simon tut, als er ihn „Petrus“ nennt. Von da her stammt der Brauch, beim Ordenseintritt einen neuen Namen anzunehmen, um damit eine neue Identität und eine neue Beauftragung anzudeuten. Der göttliche Ruf, der persönlich und einzigartig an jeden von uns ergeht, verlangt von uns, dass wir den Mut haben, uns vom gleichmacherischen Druck der Gemeinplätze zu befreien, damit unser Leben wirklich ein ursprüngliches und unwiederholbares Geschenk für Gott, für die Kirche und für andere ist.

Liebe Jugendliche, das Beim-Namen-gerufen-sein ist also ein Zeichen unserer großen Würde in den Augen Gottes, seiner Vorliebe für uns. Und Gott nennt jeden von euch beim Namen. Ihr seid das „Du“ Gottes, kostbar in seinen Augen, würdig seiner Zuneigung und von ihm geliebt (vgl. Jes 43,4). Nehmt freudig diesen Dialog auf, den Gott Euch anbietet, diesen Appell, den er an euch richtet, indem er Euch beim Namen ruft.

3. Du hast Gnade bei Gott gefunden

Der Hauptgrund, warum Maria keine Angst haben muss, besteht darin, dass sie bei Gott Gnade gefunden hat. Das Wort „Gnade“ bedeutet unentgeltliche, nicht geschuldete Liebe. Wie sehr ermutigt uns dieses Wissen darum, dass wir uns Gottes Nähe und Hilfe nicht erst verdienen müssen, indem wir im Voraus ein „Spitzenzeugnis“ voller Verdienste und Erfolge vorlegen! Der Engel sagt Maria, dass sie bei Gott bereits Gnade gefunden hat, und nicht, dass sie ihr erst in Zukunft zuteil wird. Und schon die Formulierung der Worte des Engels lässt uns verstehen, dass die göttliche Gnade bleibend ist, nicht etwas Vorübergehendes oder Momentanes, und deshalb wird sie niemals weniger. Auch in Zukunft wird uns die Gnade Gottes immer unterstützen, besonders in Zeiten der Prüfung und der Finsternis.

Die fortwährende Gegenwart der göttlichen Gnade ermutigt uns, unsere Berufung mit Zuversicht anzunehmen, was von uns ein treues Bemühen verlangt, das jeden Tag erneuert werden muss. Der Weg der Berufung ist nicht ohne Kreuze: Da gibt es nicht nur die anfänglichen Zweifel, sondern auch die häufigen Versuchungen, denen man auf dem Weg begegnet. Das Gefühl der Unzulänglichkeit begleitet den Jünger Christi bis zum Ende, aber er weiß, dass die Gnade Gottes mit ihm ist.

Die Worte des Engels gehen auf die menschlichen Ängste ein und lösen sie kraft der in ihnen enthaltenen guten Nachricht auf: Unser Leben ist kein reiner Zufall und kein bloßer Überlebenskampf, sondern jeder von uns ist eine von Gott geliebte Geschichte. „Gnade in seinen Augen gefunden zu haben“ bedeutet, dass der Schöpfer eine einzigartige Schönheit in unserem Sein wahrnimmt und einen prächtigen Entwurf für unser Leben hat. Dieses Bewusstsein löst sicherlich nicht alle Probleme und beseitigt auch nicht die Unsicherheiten des Lebens, aber es hat die Kraft, es in der Tiefe zu verwandeln. Das Unbekannte, das der nächste Tag für uns bereithält, ist dann keine obskure Bedrohung mehr, die es zu überleben gilt, sondern eine Gnadenzeit, die uns gegeben ist, um die Einzigartigkeit unserer persönlichen Berufung zu leben und sie mit unseren Brüdern und Schwestern in der Kirche und in der Welt zu teilen.

4. Mut in der Gegenwart

Von der Gewissheit, dass Gottes Gnade mit uns ist, kommt die Kraft zum Mut in der Gegenwart: Mut, um das voranzubringen, was Gott hier und jetzt, in jedem Bereich des Lebens von uns verlangt; Mut, um die Berufung zu ergreifen, die Gott uns zeigt; Mut, um unseren Glauben zu leben, ohne ihn zu verstecken oder zu schmälern.

Ja, wenn wir uns der Gnade Gottes öffnen, dann wird das Unmögliche zur Wirklichkeit. »Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?« (Röm 8,31). Gottes Gnade berührt das Heute eures Lebens, sie „packt“ euch, so wie ihr seid, mit all euren Ängsten und Grenzen, doch offenbart sie auch die wunderbaren Pläne Gottes! Ihr Jugendlichen sollt hören, dass jemand wirklich Vertrauen in euch hat: Ihr sollt wissen, dass der Papst sich auf euch verlässt, dass die Kirche sich auf euch verlässt! Und ihr, verlasst euch auf die Kirche!

Der jungen Maria wurde eine wichtige Aufgabe anvertraut, eben weil sie jung war. Ihr Jugendlichen habt Kraft, ihr steht in einer Phase des Lebens, in der die Energien gewiss nicht fehlen. Nutzt diese Kraft und diese Energien, um die Welt zu verbessern, und beginnt damit in eurem direkten Umfeld. Ich möchte, dass euch in der Kirche wichtige Verantwortungen anvertraut werden und man den Mut hat, euch Raum zu geben; und ihr, bereitet euch vor, diese Verantwortungen zu übernehmen.

Ich lade euch ein, noch einmal die Liebe Marias zu betrachten: eine aufmerksame, dynamische, konkrete Liebe. Eine kühne Liebe, die ganz auf Selbsthingabe abzielt. Eine Kirche, die von diesen marianischen Eigenschaften durchdrungen ist, wird immer eine Kirche im Aufbruch sein, die über ihre eigenen Grenzen hinausgeht, um die empfangene Gnade überfließen zu lassen. Wenn wir uns vom Beispiel Marias anstecken lassen, werden wir jene Nächstenliebe konkret leben, die uns antreibt, Gott über alles und mehr als uns selbst zu lieben sowie die Menschen zu lieben, mit denen wir den Alltag teilen. Und wir werden auch den lieben, der uns an sich wenig liebenswert scheinen könnte. Es ist eine Liebe, die zum Dienst und zur Hingabe wird – insbesondere gegenüber den Schwächsten und Ärmsten –, die unsere Gesichter verwandelt und uns mit Freude erfüllt.

Ich möchte mit den schönen Worten aus einer berühmten Predigt des heiligen Bernhard über das Geheimnis der Verkündigung schließen. Diese Worte bringen zum Ausdruck, wie die ganze Menschheit auf Marias Antwort wartet: »Du hast gehört, o Jungfrau, du sollst einen Sohn empfangen und gebären: nicht von einem Menschen, so hast du gehört, sondern vom Heiligen Geist. Der Engel wartet auf Antwort. […] Herrin, auch wir warten auf das Wort des Erbarmens. […] Durch ein kurzes Wort von dir sollen wir neu geschaffen und ins Leben zurückgerufen werden. […] So liegt der ganze Erdkreis dir zu Füßen und wartet. […] Gib unverzüglich deine Antwort, heilige Jungfrau« (Homilia in Laudibus Virginis Matris 4,8: Sancti Bernardi Opera, Hg. Leclercq/Rochais, Bd. 4, Rom 1966, 53).

Liebe Jugendliche, der Herr, die Kirche und die Welt warten auch auf eure Antwort auf den einzigartigen Ruf, den jeder und jede in diesem Leben hat! Während der Weltjugendtag von Panama näher rückt, lade ich euch ein, euch auf dieses unser Treffen mit der Freude und der Begeisterung dessen vorzubereiten, der an einem großen Abenteuer teilnehmen will. Der Weltjugendtag ist etwas für Mutige! Nicht für Jugendliche, die es bloß bequem haben wollen und sich vor den Schwierigkeiten drücken. Nehmt ihr die Herausforderung an?

Aus dem Vatikan, am 11. Februar 2018,

dem 6. Sonntag im Jahreskreis,
Gedenktag Unserer Lieben Frau in Lourdes

FRANZISKUS

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Papst Franziskus: „Niemand weiß, wer in den Himmel kommt und wer nicht“

Niemand kann sagen, ob ein Mensch, der stirbt, in den Himmel kommt oder verworfen wird. Das sagte Papst Franziskus im Gespräch mit jungen Menschen aus Rumänien in schwierigen Lebenslagen.

Franziskus empfing die Jugendlichen bereits am 4. Januar, der Vatikan veröffentlichte erst an diesem Montag einen Teil des Gesprächs als Mitschrift.

Einer der Jugendlichen hatte Franziskus erzählt, im Waisenheim sei ein Freund von ihm am Gründonnerstag verstorben, und der (orthodoxe) Priester habe gesagt, er sei als Sünder gestorben und werde deshalb nicht ins Paradies kommen. Der Papst antwortete, vielleicht sei der Priester falsch verstanden worden oder habe einen schlechten Tag gehabt, „jedenfalls sage ich dir, dass Gott uns alle ins Paradies bringen will, ohne Ausnahme“. Auch von Judas könne kein Mensch sagen, ob er nicht vielleicht doch ins Paradies gekommen sei. Franziskus erinnerte an das Bild vom Herrn als gutem Hirten, der das verletzte Schaf auf seinen Schultern heimtrage, und sagte, „wie ich Jesus kenne, bin ich sicher, dass er das in der Karwoche mit eurem Freund getan hat“.

„Manche Warum-Fragen haben keine Antwort“

„Warum haben wir dieses Schicksal? Was für einen Sinn hat das?“, wollten die Jugendlichen vom Papst wissen. Franziskus sagte, auf manche Warum-Fragen gebe es keine Antwort, wohl aber gebe es Antworten auf Wozu-Fragen. „Das Ziel ist die Heilung“, erklärte der Papst und verwies auf den blind geborenen Mann im Evangelium, über den die Jünger Jesus fragten, ob er selbst oder seine Eltern an seiner Krankheit schuld seien. „Das Wozu ist eine Begegnung, die vom Schmerz heilt, von der Krankheut, vom Leiden. Aber es ist ein Wozu für später, am Anfang kann man es nicht wissen.“

Zum Weinen brachte den Papst nach eigenem Bekunden die Frage eines jungen Mannes, der erzählte, seine Mutter habe ihn mit zwei Monaten im Waisenheim abgegeben, er habe sie mit 21 Jahren gefunden, aber sie habe nichts von ihrem Sohn wissen wollen: „Warum akzeptiert sie mich nicht?“, wollte der junge Mann vom Papst wissen. Franziskus sprach von der „großen Fragilität“ vieler Erwachsener, „die in eurem Fall von dem großen Elend, den vielen sozialen Ungerechtigkeiten herrührt“ sowie von der geistlichen Armut. Veränderungen bräuchten viel Zeit, antwortete Franziskus dem jungen Mann. „Deine Mutter liebt dich, aber sie weiß nicht wie, sie kann es nicht ausdrücken. Sie kann es nicht, weil das Leben hart ist und ungerecht. Ich verspreche dir zu beten, damit sie dir eines Tages ihre Liebe zeigen kann.“

Die rumänischen Kinder und Jugendlichen waren dank einer italienischen katholischen Hilfsorganisation von Freiwilligen in den Vatikan gekommen.

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Ansprache von Papst Franziskus während der Audienz anlässlich der Konferenz „(Re)thinking Europe“ am 28. Oktober 2017 im Vatikan

„Rethinking Europe“: COMECE traf sich mit Papst Franziskus

 

Eminenzen, Exzellenzen,

sehr geehrte Vertreter des öffentlichen Lebens, meine Damen und Herren, es freut mich, bei dieser abschließenden Zusammenkunft des von der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (COMECE) veranstalteten Diskussionsforums (Re)Thinking Europe. Ein christlicher Beitrag zur Zukunft des europäischen Projekts teilzunehmen. Ich grüße insbesondere den Präsidenten, Seine Eminenz Kardinal Reinhard Marx, wie auch den Präsidenten des Europäischen Parlaments Antonio Tajani und ich danke ihnen für die ehrerbietigen Worte, die sie vorhin an mich gerichtet haben. Jedem von Ihnen möchte ich meine große Wertschätzung dafür zum Ausdruck bringen, dass Sie sich so zahlreich in diese wichtige Diskussionsrunde eingebracht haben.

Der Dialog dieser Tage hat die Gelegenheit dazu gegeben, dank der Anwesenheit von verschiedenen Personen unter Ihnen aus dem kirchlichen, politischen, akademischen Bereich oder einfach aus der zivilen Gesellschaft auf umfassende Weise über die Zukunft Europas aus einer Vielzahl von Blickwinkeln nachzudenken. Die Jungen haben ihre Erwartungen und Hoffnungen vorbringen und sie mit den Älteren diskutieren können, die ihrerseits die Möglichkeit hatten, ihnen ihren Erfahrungsschatz und ihre Überlegungen mitzuteilen. Es ist bezeichnend, dass diese Begegnung vor allem ein Dialog im Geist einer freien und offenen Auseinandersetzung sein wollte, durch den eine gegenseitige Bereicherung stattfinden und der Zukunftsweg Europas beleuchtet werden sollte, oder vielmehr der Weg, den wir alle zusammen aufgerufen sind zu beschreiten, um die Krisen zu überwinden, die wir durchmachen, und uns den Herausforderungen zu stellen, die auf uns warten.

Von einem christlichen Beitrag zur Zukunft des Kontinents zu sprechen, bedeutet vor allem, sich die Frage unserer Aufgabe als Christen heute in diesen im Lauf der Jahrhunderte so reich durch den Glauben geprägten Ländern zu stellen. Welche Verantwortung haben wir in einer Zeit, in der das Angesicht Europas immer mehr von einer Pluralität von Kulturen und Religionen gekennzeichnet ist, während das Christentum für viele als ein fernes und fremdes Element aus der Vergangenheit wahrgenommen wird?

Person und Gemeinschaft

Als die antike Zivilisation unterging und die Herrlichkeiten Roms zu jenen Ruinen wurden, die wir heute noch in der Stadt bewundern können, als die neuen Völker über die Grenzen des alten Reichs drängten, ließ ein junger Mann die Stimme des Psalmisten widerhallen: „Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?“1. Mit der Formulierung dieser Fragestellung im Prolog der Regula lenkte der heilige Benedikt die Aufmerksamkeit seiner Zeitgenossen und die unsere auf eine Auffassung vom Menschen, die sich von derjenigen der griechisch-römischen Klassik und noch mehr von jener gewalttätigen, die für die einfallenden Barbaren charakteristisch war, radikal unterschied. Der Mensch ist nicht mehr einfach ein civis, ein mit Vorrechten ausgestatteter Bürger, an denen er sich in der Muße erfreuen kann; er ist nicht mehr ein miles, ein kämpferischer Diener des jeweiligen Machthabers; vor allem ist er nicht mehr ein servus, eine Tauschware, die der Freiheit beraubt ist und einzig für die Arbeit und die Anstrengung bestimmt ist.

Der heilige Benedikt achtet nicht auf den sozialen Stand oder auf den Reichtum oder die Macht, die jemand innehat. Er wendet sich an die gemeinsame Natur jedes Menschen, der – gleich welchen Standes – sich nach dem Leben sehnt und sich glückliche Tage wünscht. Für Benedikt gibt es keine Rollen, sondern Personen. Gerade dies ist einer der Grundwerte, den das Christentum gebracht hat: der Sinn für die Person, die nach dem Ebenbild Gottes gebildet ist. Ausgehend von diesem Grundsatz wird man Klöster bauen, die über die Zeit zur Wiege der menschlichen, kulturellen und religiösen und auch wirtschaftlichen Renaissance des Kontinents werden.

Der erste und vielleicht größte Beitrag, den die Christen dem heutigen Europa bringen können, ist es, daran zu erinnern, dass es nicht eine Ansammlung von Zahlen oder Institutionen ist, sondern aus Menschen besteht. Leider ist festzustellen, wie sich jegliche Debatte oft leicht auf eine Diskussion über Zahlen reduziert. Es gibt nicht die Bürger, es gibt die Stimmen bei Wahlen. Es gibt nicht die Migranten, es gibt die Quoten. Es gibt nicht die Arbeiter, es gibt die Wirtschaftsindikatoren. Es gibt nicht die Armen, es gibt die Armutsgrenzen. Die konkrete menschliche Person wird so auf ein abstraktes, bequemeres und beruhigenderes Prinzip reduziert. Der Grund hierfür ist verständlich: Die Personen haben Gesichter, sie verpflichten uns zu einer realen, tatkräftigen „persönlichen“ Verantwortung; die Zahlen beschäftigen uns mit Gedankengängen, die auch nützlich und wichtig sind, aber sie werden immer seelenlos bleiben. Sie bieten uns den Vorwand, um uns nicht zu engagieren, weil sie niemals unser Fleisch anrühren.

Zu erkennen, dass der andere vor allem eine Person ist, bedeutet, das wertzuschätzen, was mich mit ihm verbindet. Das Personensein bindet uns an die anderen, lässt uns Gemeinschaft werden. Der zweite Beitrag, den die Christen zur Zukunft Europas beisteuern können, ist also die Wiederentdeckung des Sinns für die Zugehörigkeit zu seiner Gemeinschaft. Nicht von ungefähr haben die Gründerväter des europäischen Projekts gerade dieses Wort gewählt, um dem neuen politischen Subjekt, das sich gerade bildete, seine Identität zu geben. Die Gemeinschaft ist das stärkste Gegengift gegen die Individualismen, die unsere Zeit kennzeichnen, gegen die heute im Westen verbreitete Tendenz, sich als Einzelwesen zu begreifen und demgemäß zu leben. Man missversteht den Begriff der Freiheit, indem man ihn so auslegt, als wäre er die Pflicht zum Alleinsein, losgelöst von jeder Bindung. Infolgedessen hat sich eine entwurzelte Gesellschaft entwickelt, der der Sinn für die Zugehörigkeit und für das Erbe fehlt.

Die Christen erkennen, dass ihre Identität vor allem relational ist. Sie sind als Glieder eines Leibes, der Kirche (vgl. 1 Kor 12,12), zusammengefügt, in dem jeder mit seiner Identität und Eigenart frei am gemeinsamen Aufbau teilnimmt. Analog gestaltet sich dieses Verhältnis auch im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen und der zivilen Gesellschaft. Gegenüber dem anderen entdeckt jeder seine Vorzüge und seine Mängel; seine starken Seiten und seine Schwächen; mit anderen Worten, er entdeckt sein Angesicht, er begreift seine Identität.

Die Familie bleibt als erste Gemeinschaft der grundlegendste Ort dieser Entdeckung. In ihr wird die Verschiedenheit hochgehalten und zugleich in der Einheit wieder zusammengefasst. Die Familie ist die harmonische Einheit der Unterschiede zwischen Mann und Frau, die umso wahrer und tiefer ist, je mehr sie fruchtbar und fähig ist, sich für das Leben und für die anderen zu öffnen. Ebenso ist eine zivile Gemeinschaft lebendig, wenn sie offen sein kann, wenn sie die Unterschiedlichkeit und die Gaben eines jeden aufnehmen kann und zugleich neues Leben hervorzubringen vermag wie auch Entwicklung, Arbeit, Erneuerung und Kultur.

Person und Gemeinschaft sind also die Fundamente des Europas, zu dessen Aufbau wir als Christen beitragen wollen und können. Die Mauersteine dieses Baus heißen: Dialog, Inklusion, Solidarität, Entwicklung und Frieden.

Ein Ort des Dialogs

Heute muss ganz Europa, vom Atlantik zum Ural, vom Nordpol bis zum Mittelmeer, die Gelegenheit ergreifen, vor allem ein Ort des Dialogs zu sein, ehrlich und konstruktiv zugleich, in dem allen Beteiligten die gleiche Würde zukommt. Wir sind aufgerufen, ein Europa zu erbauen,  in dem man sich auf allen Ebenen begegnen und auseinandersetzen kann – gewissermaßen wie die Agora der Antike. Diese war ja der Stadtplatz der polis. Sie fungierte nicht nur als Raum für den Handel, sondern auch als Herzmitte der Politik, als Ort, an dem man die Gesetze zum Wohl aller ausarbeitete; als Ort, an dem der Tempel emporragte, so dass der horizontalen Dimension des Alltags niemals der transzendente Atem fehlte, der über das Flüchtige, das Vergängliche und Vorläufige hinausblicken lässt.

Dies treibt uns dazu an, die positive und konstruktive Rolle zu betrachten, die der Religion im Allgemeinen beim Aufbau der Gesellschaft zukommt. Ich denke beispielsweise an den Beitrag zum interreligiösen Dialog, um das gegenseitige Kennenlernen zwischen Christen und Muslimen in Europa zu fördern. Leider ist ein gewisses laizistisches Vorurteil immer noch verbreitet. Es ist nicht fähig, den positiven Wert der öffentlichen und objektiven Rolle der Religion für die Gesellschaft wahrzunehmen, und zieht es vor, sie in eine rein private und gefühlsmäßige Sphäre zu verbannen. So setzt sich auch die Vorherrschaft eines gewissen Einheitsdenkens2 durch, das in den internationalen Vereinigungen überaus verbreitet ist und in der Bejahung einer religiösen Identität für sich und die eigene Vorherrschaft eine Gefahr erblickt, so dass schließlich das Recht auf Religionsfreiheit und andere Grundrechte künstlich gegeneinander ausgespielt werden.

Den Dialog fördern – jeglichen Dialog – ist eine Grundverantwortung der Politik. Leider ist allzu oft zu beobachten, wie sie sich eher in einen Ort des Zusammenstoßes von gegensätzlichen Kräften verwandelt. Die Stimme des Dialogs wird durch die Racheschreie ersetzt. Von mehreren Seiten gewinnt man den Eindruck, dass das Gemeinwohl nicht mehr das primäre Ziel ist und dieses Desinteresse wird von vielen Bürgern wahrgenommen. So finden in vielen Ländern die extremistischen oder populistischen Bewegungen fruchtbaren Boden, die aus dem Protest das Herzstück ihrer politischen Botschaft machen, ohne jedoch die Alternative eines konstruktiven politischen Projekts anzubieten. Der Dialog wird entweder durch eine fruchtlose Konfrontation, die auch das zivile Zusammenleben gefährden kann, oder durch eine Vorherrschaft der politischen Macht ersetzt, die ein wahres demokratisches Leben eingesperrt und verhindert. Im ersten Fall werden die Brücken zerstört und im zweiten Fall errichtet man Mauern.

Die Christen sind aufgerufen, den politischen Dialog zu fördern, besonders dort, wo er bedroht ist und die Konfrontation sich durchzusetzen scheint. Die Christen sind aufgerufen, der Politik wieder Würde zu verleihen, die als höchster Dienst am Gemeinwohl und nicht als Aneignung der Macht zu verstehen ist. Dies verlangt auch eine angemessene Bildung, da die Politik nicht „die Kunst der Improvisation ist“, sondern vielmehr ein hoher Ausdruck der Selbstverleugnung und der persönlichen Hingabe zum Vorteil der Gemeinschaft. Verantwortungsträger zu sein erfordert Studium, Vorbereitung und Erfahrung.

Ein inklusiver Raum

Es ist die gemeinsame Verpflichtung der Verantwortungsträger, ein Europa zu fördern, das eine inklusive Gemeinschaft ist. Man hüte sich hier vor einem grundsätzlichen Missverständnis: Inklusion ist nicht Synonym für eine undifferenzierte Verflachung. Im Gegenteil, man ist wahrhaft inklusiv, wenn man die Unterschiede in ihrem Wert erkennt und sie als gemeinsames und bereicherndes Kapital annimmt. In dieser Sichtweise sind die Migranten eher eine Ressource als eine Last. Die Christen sind aufgerufen, ernsthaft die Aussage Jesu zu betrachten: „Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Vor allem angesichts des Flüchtlingsdramas darf man die Tatsache nicht vergessen, dass es sich um Personen handelt, die nicht nach eigenem Belieben, entsprechend politischer, wirtschaftlicher oder sogar religiöser Gesichtspunkte ausgewählt oder abgewiesen werden können.

Dennoch steht dies nicht im Widerspruch zur Pflicht jeder Regierungsgewalt, die Flüchtlingsfrage mit der Tugend zu behandeln, die dem Regieren eigen ist, d. h. mit Klugheit3, die sowohl der Notwendigkeit, ein offenes Herz zu haben, als auch der Möglichkeiten, diejenigen auf gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Ebene voll zu integrieren, die in das Land kommen, Rechnung tragen muss. Man kann das Flüchtlingsphänomen nicht als einen unterschiedslosen und ungeregelten Vorgang verstehen, aber man kann auch nicht Mauern der Gleichgültigkeit und der Angst errichten. Ihrerseits dürfen die Migranten selbst die schwerwiegende Verpflichtung nicht versäumen, die Kultur und die Traditionen der aufnehmenden Nation kennenzulernen, zu achten und sich auch anzueignen.

Ein Raum der Solidarität

Sich für eine inklusive Gemeinschaft einzusetzen, bedeutet, einen Raum der Solidarität aufzubauen. Gemeinschaft sein schließt nämlich ein, dass man sich gegenseitig unterstützt und es somit nicht nur einige sein können, die Lasten tragen und außerordentliche Opfer vollbringen, während andere sich zur Verteidigung ihrer bevorzugten Positionen verschanzen. Eine Europäische Union, die in der Bewältigung ihrer Krisen nicht den Sinn dafür wiederentdecken würde, eine einzige Gemeinschaft zu sein, die sich stützt und hilft – und nicht eine Gesamtheit von kleinen Interessengruppen – würde nicht nur vor einer der wichtigsten Herausforderungen ihrer Geschichte versagen, sondern auch eine der größten Chancen für ihre Zukunft verpassen.

Die Solidarität, die in der christlichen Perspektive ihren Daseinsgrund im Liebesgebot findet (vgl. Mt 22,37 –40), kann nichts anderes als der Lebenssaft einer lebendigen und reifen Gemeinschaft sein. Diese bezieht sich zusammen mit dem anderen Grundprinzip der Subsidiarität nicht nur auf die Beziehungen zwischen den Staaten und den Regionen Europas. Eine solidarische Gemeinschaft zu sein, bedeutet, sich um die Schwächsten der Gesellschaft, die Armen, die von den wirtschaftlichen und sozialen Systemen Ausgegrenzten, angefangen von den alten Menschen und den Arbeitslosen, zu sorgen. Aber die Solidarität verlangt auch, dass man die Zusammenarbeit und die gegenseitige Unterstützung unter den Generationen wiederfindet.

Seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist ein beispielloser Generationenkonflikt im Gang. Man kann übertreibend sagen, dass man bei der Weitergabe der Ideale, die das große Europa gebildet haben, dem Vermächtnis den Verrat vorgezogen hat. Auf die Ablehnung dessen, was von den Vätern kam, folgte so die Zeit einer dramatischen Unfruchtbarkeit und dies nicht nur weil in Europa wenig Kinder gezeugt werden und es allzu viele sind, die ihres Rechtes, geboren zu werden, beraubt worden sind, sondern auch weil man sich als unfähig erwiesen hat, den jungen Menschen die materiellen und kulturellen Werkzeuge zu übergeben, um sich der Zukunft zu stellen. Europa erlebt eine Art Gedächtnisverlust. Dazu zurückzukehren, eine solidarische Gemeinschaft zu sein, bedeutet, den Wert der eigenen Vergangenheit wiederzuentdecken, um die eigene Gegenwart zu bereichern und den nachfolgenden Generationen eine Zukunft der Hoffnung zu übergeben.

Viele junge Menschen fühlen sich hingegen angesichts des Fehlens von Wurzeln und Perspektiven verloren, „ein Spiel der Wellen, geschaukelt und getrieben von jedem Widerstreit der Lehrmeinungen“ (Eph 4,14); zuweilen auch „Gefangene“ von dominierenden Erwachsenen, die Mühe haben, die ihnen zukommende Aufgabe zu bewältigen. Die Pflicht zur Bildung ist schwerwiegend: Dabei soll nicht nur eine Gesamtheit von technischen und wissenschaftlichen Kenntnissen vermittelt werden, sondern man muss sich vor allem für die „Vervollkommnung der menschlichen Persönlichkeit, zum Wohl der irdischen Gesellschaft und zum Aufbau einer Welt, die menschlicher gestaltet werden muss“4 einsetzen. Dies erfordert, dass man die ganze Gesellschaft mit einbezieht. Die Bildung ist eine gemeinsame Aufgabe, die die aktive Beteiligung der Eltern, der Schulen und der Universitäten, der religiösen Einrichtungen und der zivilen Gesellschaft zugleich verlangt. Ohne Bildung bringt man keine Kultur hervor, und das lebensnotwendige Gewebe der Gemeinschaften vertrocknet.

Eine Quelle der Entwicklung

Das Europa, das sich als Gemeinschaft wiederentdeckt, wird gewiss eine Quelle der Entwicklung für sich und für die ganze Welt sein. Entwicklung ist in der Bedeutung zu verstehen, die der selige Paul VI. diesem Wort gab: »Wahre Entwicklung muss umfassend sein, sie muss jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben, wie ein Fachmann auf diesem Gebiet geschrieben hat:

„Wir lehnen es ab, die Wirtschaft vom Menschlichen zu trennen, von der Entwicklung der Kultur, zu der sie gehört. Was für uns zählt, ist der Mensch, jeder Mensch, jede Gruppe von Menschen bis hin zur gesamten Menschheit“.5

Gewiss trägt die Arbeit zur Entwicklung des Menschen bei, die ein wesentlicher Faktor für die Würde und die Reifung der menschlichen Person ist. Es braucht Arbeit und es braucht angemessene Arbeitsbedingungen. Im vergangenen Jahrhundert hat es nicht an ansprechenden Beispielen von christlichen Unternehmern gefehlt, die verstanden haben, wie der Erfolg ihrer Initiativen vor allem von der Möglichkeit abhing, Arbeitsplätze und würdige Anstellungsbedingungen anzubieten. Es ist notwendig, wieder vom Geist dieser Initiativen auszugehen, die auch das beste Gegengift gegen die von einer seelenlosen Globalisierung hervorgerufenen Unausgeglichenheiten sind, die mehr auf den Gewinn als auf die Personen achtet und so weit verbreitete Enklaven der Armut, der Arbeitslosigkeit, der Ausbeutung und sozialen Elends geschaffen hat.

Es wäre angemessen, auch den Bedarf an konkreter Arbeit wiederzuentdecken, vor allem für die jungen Menschen. Heute neigen viele dazu, Arbeiten in einst entscheidenden Bereichen zu meiden, weil sie als zu anstrengend und zu wenig bezahlt angesehen werden, wobei vergessen wird, wie unverzichtbar diese für die menschliche Entwicklung sind. Wie würde es um  uns stehen, ohne den Einsatz der Personen, die mit der Arbeit zu unserer täglichen Ernährung beitragen? Wie würde es ohne die geduldige und einfallsreiche Arbeit dessen um uns stehen, der die Kleidung näht, die wir tragen, oder die Häuser baut, in denen wir wohnen? Viele heute als zweitrangig betrachtete Berufe sind grundlegend. Sie sind es vom sozialen Gesichtspunkt aus, aber vor allem aufgrund der Genugtuung, die die Arbeiter aus der Erfahrung empfangen, durch ihren täglichen Einsatz nützlich für sich und die anderen zu sein.

Ebenso kommt es den Regierungen zu, die wirtschaftlichen Bedingungen zu schaffen, die eine gesunde Unternehmerschaft und angemessene Beschäftigungsniveaus fördern. Der Politik kommt es insbesondere zu, einen positiven Kreislauf erneut in Gang zu bringen, der ausgehend von Investitionen zugunsten der Familie und der Bildung die harmonische und friedliche Entwicklung der gesamten zivilen Gesellschaft ermöglicht.

Eine Friedensverheißung

Schließlich muss der Einsatz der Christen in Europa eine Friedensverheißung darstellen. Dies war der Hauptgedanke, der die Unterzeichner der Römischen Verträge beseelt hat. Nach zwei Weltkriegen und grauenhafter Gewalt von Volk gegen Volk war die Zeit zur Geltendmachung des Rechtes auf Frieden gekommen.6 Noch heute sehen wir aber, wie der Frieden ein zerbrechliches Gut ist und die Sonderinteressen der Nationen die mutigen Träume der Gründer Europas zu vereiteln drohen.7

Dennoch bedeutet Friedensstifter zu sein (vgl. Mt 5,9) nicht nur, sich um die Vermeidung von internen Spannungen zu bemühen, für die Beendigung von zahlreichen Konflikten zu arbeiten, die die Welt mit Blut beflecken, oder den Leidenden Erleichterung zu verschaffen. Friedensstifter zu sein bedeutet, Förderer einer Kultur des Friedens zu sein. Dies erfordert Liebe zur Wahrheit, ohne die es keine echten menschlichen Beziehungen geben kann, und Suche nach Gerechtigkeit, ohne die jedwede Gesellschaft die Unterdrückung als die vorherrschende Norm akzeptiert.

Der Friede erfordert auch Kreativität. Die Europäische Union wird ihrer Friedensverpflichtung in dem Maße treu sein, wie sie die Hoffnung nicht verliert und sich erneuern kann, um den Bedürfnissen und Erwartungen seiner Bürger nachzukommen. Vor hundert Jahren begann genau in diesen Tagen die Schlacht von Caporetto, die zu den dramatischsten des Ersten Weltkrieges gehört. Es war der Höhepunkt eines Zermürbungskriegs, dieses ersten weltweiten Konflikts, dem der traurige Vorrang zukam, unzählige Opfer angesichts von lächerlich geringen Geländeeroberungen zu fordern. Von diesem Ereignis lernen wir, dass wenn man sich hinter den eigenen Positionen verschanzt, man am Ende unterliegt. Dies ist also nicht die Zeit, um Schützengraben auszuheben, sondern um den Mut zu haben, für die volle Verwirklichung des Traums der Väter von einem geeinten und einträchtigen Europa als einer Gemeinschaft von Völkern zu arbeiten, die sich nach einem gemeinsamen Ziel der Entwicklung und des Friedens sehnen.

Seele Europas sein

Eminenzen, Exzellenzen, verehrte Gäste, der Verfasser des Briefs an Diognet erklärt: „Was die Seele im Leibe ist, das sind die Christen in der Welt“.8 Heute sind sie aufgerufen, Europa wieder eine Seele zu geben, sein Gewissen wieder wachzurufen, nicht um Räume zu besetzen, sondern um Prozesse in Gang zu bringen9, die neue Dynamiken in der Gesellschaft erzeugen. Genau dies tat der heilige Benedikt, der von Paul VI. nicht von ungefähr zum Patron Europas ausgerufen wurde: Er kümmerte sich nicht darum, die Räume einer verlorenen und verworrenen Welt zu besetzen. Vom Glauben aufrechterhalten schaute er weiter und von einer kleinen Höhle in Subiaco aus rief er eine ansteckende und unaufhaltbare Bewegung ins Leben, die das Angesicht Europas neu gestaltete. Er, der „Bote des Friedens, Friedensstifter, Lehrmeister der Kultur“10 war, möge auch uns Christen von heute zeigen, wie aus dem Glauben immer eine frohe Hoffnung entspringt, die fähig ist, die Welt zu verändern.

Danke.

 

 

1 Benedikt, Regula, Prolog, 14. Vgl. Ps 34,13.

2 Die Diktatur des Einheitsdenkens. Morgendliche Meditation in der Kapelle der Domus Sanctae Marthae,

  1. April 2014

3 Vgl. Pressekonferenz auf dem Rückflug von Kolumbien, 10. September 2017.

4 Zweites Vatikanisches Konzil Erklärung Gravissimum educationis, 28. Oktober 1965, 3.

5 Paul VI., Enzyklika Populorum progressio, 26. März 1967, 14.

6 Vgl. Ansprache an die Studenten und die akademische Welt, Bologna, 1. Oktober 2017, Nr. 3.

7 Vgl. ebd.

8 Brief an Diognet¸VI.

9 Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 223.

10 Paul VI., Apostolisches Schreiben Pacis Nuntius, 24. Oktober 1964.

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Quelle

Papst Franziskus trifft mehrmals im Monat ehemalige Missbrauchsopfer

Der Papst beim Treffen mit Jesuiten in Chile (Vatican Media)

Papst Franziskus trifft sich laut eigener Aussage regelmäßig mit Missbrauchsopfern. Es sei wichtig zu hören, was sie empfinden, sagte er bei einem Gespräch mit Ordensleuten bei seiner jüngsten Lateinamerika-Reise im Januar. Vatikansprecher Greg Burke bestätigte an diesem Donnerstag, Franziskus empfange sowohl Einzelpersonen als auch Gruppen, höre ihnen zu und versuche dabei zu helfen, „die schweren Wunden zu heilen“.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Die Begegnungen erfolgen laut Burke „im Respekt vor den Opfern und ihrem Leid“ stets unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Bestätigung Burkes bezieht sich auf Auszüge aus einem Gespräch des Papstes mit Jesuiten während seiner Reise nach Lima (Peru), die nun von der italienischen Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ veröffentlicht wurden. Die Auszüge wurden am Donnerstag in der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“ veröffentlicht.

Franziskus habe seinen Mitbrüdern gesagt, dass sexuellen Missbrauch in der Kirche absolut nicht hinnehmbar sei. Der Verweis auf Statistiken, laut denen die Missbrauchsrate in anderen Bereichen, etwa in der Familie oder im Sport, weitaus höher seien, schmälere die Schuld der Kirche keinesfalls, wird er zitiert.

Die Missbrauchsfälle bezeichnete der Papst in seinem Gedankenaustausch mit den Jesuiten als „größte Verwüstung“ und „Krebsgeschwüre“ der Kirche, angesichts derer man sich „zutiefst schämen“ müsse. Es sei aber „seltsam“, so der Papst, dass das Phänomen des Missbrauchs auch einige neue und wohlhabende Ordensgemeinschaften betreffe. „Dort ist Missbrauch stets die Frucht einer machtversessenen Mentalität, die in ihren üblen bösen Wurzeln geheilt werden muss“, sagte Franziskus. Bei der Papstreise nach Chile und Peru Mitte Januar waren auch Missbrauchsfälle ein wichtiges Thema.

Papst: „Ich lese keine kritischen Blogs“

Es sei ihm bewusst, dass Veränderungen in der Kirche nicht für alle einfach seien, so der Papst in einem weiteren Gesprächsauszug. Gespräche mit Mitgliedern seines Jesuitenordens hat Franziskus sowohl in Lima als auch wenige Tage zuvor in Santiago, der Hauptstadt von Chile, geführt. Die Erneuerung sei wichtig, bekräftigte  der Papst in den nun veröffentlichten Zitaten.

„Das berühmte ‚Das haben wir schon immer so gemacht‘ regiert überall, es ist eine große Versuchung, die wir alle schon erlebt haben“, so der Papst. Er wisse auch über die Kritik an seiner Person Bescheid, lese aber die entsprechenden Blogs nicht persönlich. „Um meiner geistigen Gesundheit willen lese ich die Internetseiten dieser sogenannten ,Widerständler´ nicht“, sagte er. Er wisse, wer dahinter stehe, und wenn es etwas „sehr Ernstes“ gebe, werde er darüber informiert, so der Papst. Er suche zunächst immer den Dialog; wenn dies nicht möglich sei, bete er für die Betroffenen.

Es sei ihm ein Anliegen, immer auch zu unterscheiden: „Es ist leicht zu sagen, dass es Widerstand gibt, und nicht zu merken, dass in dieser Auseinandersetzung auch ein Funken Wahrheit stecken könnte.“ Deshalb versuche er die Dinge zu relativieren, denn oftmals stelle sich im Nachhinein heraus, dass es im Grunde um Missverständnisse gehe. Manchmal komme der Widerspruch jedoch auch „von Leuten, die glauben, die wahre Kirchenlehre zu kennen, und sie beschuldigen dich der Häresie“, so Franziskus.

Wenn in dem, was gesagt und geschrieben werde, nichts „spirituell Gutes“ sei, bete er für diese Menschen. Besonders enttäuscht sei er, wenn er sehe, dass es ganze „Widerstands-Kampagnen“ gebe. Der Papst verwies darauf, dass Veränderungen stets auch von Kritik begleitet würden. So gebe es etwa auch heute noch Versuche, das Zweite Vatikanische Konzil „zu relativieren, zu verwässern“.

(vatican news/kna/corriere della sera)

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Papst Franziskus – Frühmesse: „Beten wir für die verfolgten Christen in Nahost“

Messe mit Melkiten (Vatican Media)

Statt seiner üblichen Predigt hat der Papst an diesem Dienstag bei der Messe in der Casa Santa Marta über das gemeinsame Gottesdienstfeiern von Christen gesprochen. An der Messe nahmen melkitisch-katholische Bischöfe unter der Leitung des Patriarchen von Antiochien, Youssef Absi, teil.

Mario Galgano – Vatikanstadt

Jeden Tag dürfen Priester und Bischöfe an der Frühmesse in der Casa Santa Marta teilnehmen – meistens gehören sie allerdings zum römischen Ritus. An diesem Dienstag sah es in der Kapelle hingegen sehr „ostkirchlich“ aus: Die Bischöfe der melkitischen Kirche sind diese Woche anlässlich ihres Ad Limina Besuchs in Rom und hatten bereits am Montag mit dem Papst gesprochen. Nun feierten sie gemeinsam mit ihm den Gottesdienst, und darauf ging Franziskus in seiner kurzen Meditation ein:

„Diese Messe mit unserem Mitbruder, dem Patriarchen Youssef, beinhaltet eine apostolische Verbindung. Er ist nämlich Vater einer Kirche, die sehr alt ist, und kommt hierher, um Petrus zu umarmen, um also zu sagen: Ich stehe in Einheit mit Petrus. Das ist der Sinn der heutigen Feier in dieser Kapelle. Es ist die Umarmung des Vaters einer Kirche mit Petrus.“

Amtssitz des melkitisch griechisch-katholischen Patriarchen ist Damaskus, die Hauptstadt des von Bürgerkrieg und Wirren geprägten Syrien.

„Die melkitische Kirche ist eine reiche Kirche, mit einer eigenen Theologie, die zur katholischen Theologie gehört, mit einer eigenen wunderschönen Liturgie und einem Volk, das in diesem Augenblick gekreuzigt wird, so wie Jesus. Wir wollen diesen Gottesdienst dem leidenden Volk widmen: den Christen, die im Nahen Osten verfolgt werden, wo sie ihr Leben, ihre Güter und Habseligkeiten zurücklassen müssen und weggeschickt werden. Widmen wir diese Messe auch dem Dienst unseres Mitbruders Youssefs.“

Die katholischen Melkiten feiern ihre byzantinische Liturgie nach dem gregorianischen Kalender, und zwar in arabischer Sprache. Gemäß Kirchenstatistik leben rund 1,3 Millionen Melkiten in 26 Diözesen, und zwar in Syrien, Libanon, Israel, Ägypten, Jordanien, den USA, Europa und Australien.

Nach der Ansprache des Papstes bedankte sich Patriarch Youssef für die Gastfreundschaft. Er sei Franziskus besonders dankbar für die Solidarität gegenüber den verfolgten Gläubigen.

Quelle


 

Griechisch-melkitischer Patriarch Youssef Absi

Papst Franziskus wünscht sich, dass die griechisch-melkitischen Priester und Bischöfe ihre Gläubigen zum Verbleib in ihrer Heimat in Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens ermutigen können.

Das sagte der Papst melkitischen Würdenträgern, die er am Montag in Audienz empfing. Franziskus mahnte sie zugleich zur Einheit untereinander und zur Absage an einen luxuriösen Lebensstil.

Die Kirche sei in Syrien und dem Nahen Osten tief verwurzelt und leiste „einen wertvollen Dienst für das Wohl des Volkes Gottes“, sagte der Papst. Indessen hätten sich viele griechisch-melkitische Gläubige auf der Suche nach einem besseren Leben aus ihrer Heimat entfernt; auch ihrer, sagte der Papst, gedenke er im Gebet und mit Zuneigung.

Vor dem Hintergrund der schwierigen Lage ihrer Kirche mahnte Franziskus die griechisch-melkitischen Priester und Bischöfe, die vor kurzem im Libanon ihre Synode abgehalten hatten, zur Einheit und zur Nähe mit den gläubigen. Die Kirche brauche „Hirten, die die Herzen der Gläubigen beleben, sie trösten, sich zu ihnen und ihren Anliegen herabbeugen; hirten, die sie zugleich nach oben begleiten; arme Hirten, die sich nicht an Geld und Luxus hängen inmitten eines leidenden Volkes.“

Der mit Rom verbundenen melkitischen Kirche gehören laut der Stiftung „Pro Oriente“ rund 1,6 Millionen Christen an; etwa die Hälfte lebt in Auslandsgemeinden in Brasilien, Argentinien und Australien. Zum Patriarchen auf Lebenszeit wählte die Synode im Juni 2017 den Syrer Joseph Absi.

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Quelle

Siehe auch:

Papst Franziskus: Botschaft zum 52. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel

»Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32).

Fake News und Journalismus für den Frieden

Liebe Brüder und Schwestern,

im Plan Gottes ist die Kommunikation eine wesentliche Art und Weise, Gemeinschaft zu leben. Der Mensch, Abbild und Ebenbild des Schöpfers, hat die Fähigkeit, das Wahre, das Gute und das Schöne zum Ausdruck zu bringen und es mit den anderen zu teilen. Er hat die Fähigkeit, von seiner Erfahrung und von der Welt zu erzählen, und so die Grundlagen für das Gedächtnis und das Verständnis der Ereignisse zu schaffen. Wenn sich der Mensch aber von Hochmut und Egoismus leiten lässt, kann es passieren, dass er seine Kommunikationsgabe auf eine entstellte Weise nutzt, wie schon die biblischen Erzählungen von Kain und Abel oder vom Turm zu Babel zeigen (vgl. Gen 4,1-16; 11,1-9). Diese Entstellung kommt in einer Verdrehung der Wahrheit auf individueller wie auch kollektiver Ebene zum Ausdruck. Dabei wird die Kommunikation doch erst in der Treue zur Logik Gottes zum Raum, in dem die eigene Verantwortung für die Wahrheitssuche und den Aufbau des Guten zum Ausdruck kommt! In einem zusehends von Schnelllebigkeit geprägten und in ein digitales System eingebetteten Kommunikationskontext, können wir heute das Phänomen der „Falschmeldungen“ beobachten, der sogenannten Fake News: ein Phänomen, das nachdenklich stimmt und mich dazu veranlasst hat, diese Botschaft dem Thema der Wahrheit zu widmen, wie es meine Vorgänger seit Paul VI. schon mehrere Male getan haben (vgl. Botschaft 1972: Die sozialen Kommunikationsmittel im Dienst der Wahrheit). So möchte ich einen Beitrag zu unserer gemeinsamen Verpflichtung bringen, der Verbreitung von Falschmeldungen zuvorzukommen, den Wert des Journalistenberufes neu zu entdecken und uns wieder auf die persönliche Verantwortung zu besinnen, die ein jeder von uns bei der Mitteilung der Wahrheit trägt.

1. Was ist an „Falschmeldungen“ falsch?

Fake News ist ein umstrittener, vieldiskutierter Begriff. Normalerweise ist damit die im Internet oder in den traditionellen Medien verbreitete Desinformation gemeint: gegenstandslose Nachrichten also, die sich auf inexistente oder verzerrte Daten stützen und darauf abzielen, den Adressaten zu täuschen, wenn nicht gar zu manipulieren. Die Verbreitung solcher Nachrichten kann gezielt erfolgen, um politische Entscheidungen zu beeinflussen oder Vorteile für wirtschaftliche Einnahmen zu erlangen.

Die Wirksamkeit der Fake News liegt vor allem in ihrer mimetischen Natur, in ihrer Fähigkeit der Nachahmung also, um glaubhaft zu erscheinen. Darüber hinaus sind solche Meldungen, die zwar falsch, aber plausibel sind, verfänglich: indem sie sich Stereotype und Vorurteile zunutze machen, die in einem bestimmten sozialen Gefüge vorherrschen, ist es ihnen nämlich ein Leichtes, die Aufmerksamkeit ihrer Zielgruppen auf sich zu lenken und Gefühle anzusprechen, die schnell und unmittelbar ausgelöst werden können: Angst, Verachtung, Wut und Frustration. Die Verbreitung solcher Meldungen erfolgt durch manipulative Nutzung der sozialen Netzwerke und dank deren spezifischer Funktionsweise: so erhalten auch Inhalte, die eigentlich jeder Grundlage entbehren, eine so große Sichtbarkeit, dass der Schaden selbst dann nur schwer eingedämmt werden kann, wenn von maßgeblicher Seite eine Richtigstellung erfolgt.

Die Schwierigkeit, Fake News aufzudecken und auszumerzen, hat auch mit dem Umstand zu tun, dass die Interaktion der Personen oft innerhalb homogener digitaler Räume erfolgt, zu denen divergierende Meinungen oder Blickwinkel nicht durchdringen können. Diese Logik der Desinformation führt also nicht nur dazu, dass es zu keiner gesunden Auseinandersetzung mit anderen Informationsquellen kommt, welche Vorurteile in Frage stellen und einen konstruktiven Dialog entstehen lassen könnte, sondern dass man sogar riskiert, sich zum unfreiwilligen Verbreiter parteiischer Meinungen zu machen, die jeder Grundlage entbehren. Das Drama der Desinformation ist die Diskreditierung des anderen, seine Stilisierung zum Feindbild bis hin zu einer Dämonisierung, die Konflikte schüren kann. Falschmeldungen gehen also mit intoleranten und zugleich reizbaren Haltungen einher und führen nur zur Gefahr, dass Arroganz und Hass eine immer weitere Verbreitung finden. Denn das ist es, wozu die Falschheit letztlich führt.

2. Wie erkennt man Fake News?

Niemand von uns kann sich der Verantwortung entziehen, solchen Unwahrheiten entgegenzutreten. Das ist kein leichtes Unterfangen, da sich die Desinformation oft auf sehr gemischte Inhalte stützt, die gewollt evasiv und unterschwellig irreführend sind, und sich mitunter raffinierter Mechanismen bedienen. Lobenswert sind daher Bildungsinitiativen, die lehren, wie man den Kommunikationskontext einordnen und beurteilen kann, ohne sich dabei zum ungewollten Verbreiter von Desinformation zu machen, sondern diese stattdessen aufdeckt. Lobenswert sind ebenso institutionelle und rechtliche Initiativen, die die Eindämmung dieses Phänomens durch entsprechende normative Maßnahmen vorantreiben, wie auch das Bestreben seitens der Technologie- und Medienunternehmen, mit Hilfe neuer Kriterien nachzuweisen, wer sich hinter den Millionen von digitalen Profilen versteckt.

Der Schutz vor den Mechanismen der Desinformation und das Erkennen derselben macht jedoch auch eine sorgfältige Unterscheidung erforderlich. Es geht hier nämlich darum, das aufzudecken, was man als die „Logik der Schlange“ bezeichnen könnte, die sich überall verstecken und jederzeit zubeißen kann. Es handelt sich um die Strategie der »schlauen Schlange«, von der das Buch Genesis spricht und die sich an den Anfängen der Menschheit zum Urheber der ersten „Fake News“ (vgl. Gen 3,1-15) gemacht hat. Die tragische Konsequenz war der Sündenfall, der dann den ersten Brudermord zur Folge hatte (vgl. Gen 4) und zahllose andere Formen des Bösen gegen Gott, den Nächsten, die Gesellschaft und die Schöpfung. Die Strategie dieses gerissenen »Vaters der Lüge« (Joh 8,44) ist nichts anderes als eben die Mimesis: eine gefährliche Verführung, die sich mit vielversprechenden, aber unwahren Argumenten ins Herz des Menschen schleicht. So wird im Bericht vom Sündenfall ja auch erzählt, wie sich der Verführer der Frau nähert und vorgibt, ein Freund zu sein und ihr Wohl am Herzen zu haben. Das Gespräch mit ihr beginnt er mit einer Aussage, die zwar wahr ist, aber doch nur zum Teil: »Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?« (Gen 3,1). In Wahrheit hatte Gott dem Adam aber nicht gesagt, dass er von keinem Baum essen dürfe, sondern nur von einem nicht: »Vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen« (Gen 2,17). Das stellt die Frau der Schlange gegenüber zwar richtig, auf ihre Provokation geht sie aber dennoch ein: »Nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben!« (Gen 3,3). Diese Antwort hat einen legalistischen, pessimistischen Beigeschmack: Nachdem die Frau dem Fälscher Glauben geschenkt hat, lässt sie sich von seiner Darlegung der Fakten anziehen und wird in die Irre geführt. So schenkt sie ihm zunächst Aufmerksamkeit, als er ihr versichert: »Nein, ihr werdet nicht sterben!« (Gen 3,4). Danach erhält die Dekonstruktion des Verführers einen glaubhaften Anstrich: »Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse« (Gen 3,5). Und so wird die väterliche Ermahnung Gottes, die das Gute zum Ziel hatte, am Ende diskreditiert, um der verlockenden Versuchung des Feindes nachgeben zu können: »Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war …« (Gen 3,6). Diese biblische Erzählung lässt uns also eine Tatsache erkennen, die für unser Thema wesentlich ist: keine Desinformation ist harmlos. Im Gegenteil: dem zu vertrauen, was falsch ist, hat unheilvolle Folgen. Schon eine scheinbar leichte Verdrehung der Wahrheit kann gefährliche Auswirkungen haben.

Was hier ins Spiel kommt, ist nämlich unsere Gier. Fake News verbreiten sich oft rasend schnell, wie ein Virus, der nur schwer eingedämmt werden kann. Und der Grund dafür liegt nicht so sehr in der für die sozialen Netzwerke typischen Logik der Weitergabe, sondern eher in der unersättlichen Gier, von der sich der Mensch nur allzu leicht beherrschen lässt. Die wahre Wurzel der wirtschaftlichen und opportunistischen Hintergründe der Desinformation ist unser Hunger nach Macht und Besitz, unsere Vergnügungssucht – eine Gier, die uns letztlich auf einen Schwindel hereinfallen lässt, der noch viel tragischer ist als jede seiner Ausdrucksformen: den Schwindel des Bösen, der sich von Falschheit zu Falschheit seinen Weg bahnt in unser Herz und es seiner Freiheit beraubt. Und das ist auch der Grund, warum Erziehung zur Wahrheit Erziehung zur Unterscheidung bedeutet: Erziehung dazu, das Verlangen und die Neigungen, die uns bewegen, einordnen und abwägen zu lernen, damit es uns nie an Gutem fehlen möge, sodass wir dann auf die erstbeste Versuchung hereinfallen.

3. »Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32)

Durch die ständige Verunreinigung mit einer irreführenden Sprache wird die Innerlichkeit des Menschen letztendlich verdunkelt. Dostojewski hat hierzu etwas Bemerkenswertes geschrieben: »Wer sich selbst belügt und an seine eigene Lüge glaubt, der kann zuletzt keine Wahrheit mehr unterscheiden, weder in sich noch um sich herum; er achtet schließlich weder sich selbst noch andere. Wer aber niemand achtet, hört auch auf zu lieben und ergibt sich den Leidenschaften und rohen Genüssen, um sich auch ohne Liebe zu beschäftigen und zu zerstreuen. Er sinkt unweigerlich auf die Stufe des Viehs hinab, und all das, weil er sich und die Menschen unaufhörlich belogen hat« (Die Brüder Karamasow, II, 2).

Was also tun? Das radikalste Mittel gegen den Virus der Falschheit ist es, sich von der Wahrheit reinigen zu lassen. Aus christlicher Sicht ist die Wahrheit nicht nur eine begriffliche Realität, die das Urteil über die Dinge betrifft und sie als wahr oder falsch definiert. Bei der Wahrheit geht es nicht nur darum, verborgene Dinge ans Licht zu bringen, „die Realität zu enthüllen“, wie der altgriechische Begriff für die Wahrheit nahelegt: aletheia (von a-lethès, das „Unverborgene“). Wahrheit hat mit dem ganzen Leben zu tun. In der Bibel hat sie auch die Bedeutung von Stütze, Beständigkeit, Zuversicht, worauf schon die Wurzel ‘aman schließen lässtvon der sich auch das liturgische Amen herleitet. Die Wahrheit ist das, worauf man sich stützen kann, um nicht zu fallen. In diesem relationalen Sinn ist das einzig Zuverlässige und Vertrauenswürdige; das einzige, worauf wir zählen können; das einzig „Wahre“ der lebendige Gott. So kann Jesus ja auch sagen: »Ich bin die Wahrheit« (Joh 14,6). Der Mensch entdeckt nun die Wahrheit immer wieder neu, wenn er sie in sich selbst als Treue und Zuverlässigkeit dessen, der ihn liebt, erfährt. Das allein befreit den Menschen: »Die Wahrheit wird euch befreien« (Joh 8,32).

Befreiung von der Falschheit und Suche nach Beziehung: das sind die zwei Elemente, die nicht fehlen dürfen, wenn unsere Worte, unsere Gesten wahr, authentisch und glaubwürdig sein sollen. Wenn wir die Wahrheit erkennen wollen, müssen wir zwischen dem unterscheiden, was der Gemeinschaft und dem Guten zuträglich ist, und dem, was dagegen dazu neigt zu isolieren, zu spalten, Gegensätze zu schüren. Die Wahrheit erlangt man also nicht, wenn man sie als etwas auferlegt, das fremd und unpersönlich ist; sie entspringt vielmehr den freien Beziehungen zwischen den Personen, im gegenseitigen Zuhören. Zudem muss die Wahrheit immer wieder neu aufgespürt werden, weil sich überall etwas Falsches einschleichen kann, auch wenn man Dinge sagt, die wahr sind. So mag eine schlüssige Argumentation zwar auf unleugbare Fakten gestützt sein – wird sie aber dazu genutzt, den anderen zu verletzten, ihn in den Augen Dritter abzuwerten, dann wohnt ihr nicht die Wahrheit inne, wie richtig diese Argumentation auch erscheinen mag. Die Wahrheit der Aussagen erkennt man an ihren Früchten: daran also, ob sie Polemik, Spaltung und Resignation auslösen – oder eine gewissenhafte und reife Diskussion, einen konstruktiven Dialog und ein fruchtbares Schaffen.

4. Der Friede liegt in der wahren Nachricht

Das beste Mittel gegen die Falschheit sind nicht die Strategien, sondern die Personen: Personen, die frei von Begierde sind und daher die Bereitschaft haben, zuzuhören und die Wahrheit durch die Mühe eines ehrlichen Dialogs zutage treten lassen. Personen, die – vom Guten angezogen – bereit sind, die Sprache verantwortungsvoll zu gebrauchen. Wenn der Ausweg aus der Verbreitung von Desinformation also die Verantwortung ist, dann sind hier vor allem jene auf den Plan gerufen, denen die Verantwortung beim Informieren schon von Berufs wegen auferlegt ist: die Journalisten, die die Hüter der Nachrichten sind. In der Welt von heute übt der Journalist nicht nur einen Beruf aus: er hat eine Mission. Trotz der Kurzlebigkeit der Nachrichten und im Strudel der Sensationspresse darf er nie vergessen, dass im Zentrum der Nachricht der Mensch steht – und nicht, wie schnell eine Nachricht verbreitet wird und welche Wirkung sie auf das Publikum hat. Informieren hat mit „formen“ zu tun, betrifft das Leben der Menschen. Das ist auch der Grund, warum die Sorgfalt bei den Quellen und der Schutz der Kommunikation eigenständige Prozesse sind, die wirklich zur Entwicklung des Guten beitragen, Vertrauen schaffen und Wege der Gemeinschaft und des Friedens erschließen.

Ich möchte daher alle dazu einladen, einen Journalismus für den Frieden voranzutreiben, womit ich nicht einen Journalismus meine, dem es nur um „Schönfärberei“ geht, der das Vorhandensein schwerwiegender Probleme leugnet und einen süßlichen Tonfall annimmt. Nein, ich meine einen Journalismus, der sich nicht verstellt; der der Unwahrheit, der Effekthascherei und dem prahlerischen Reden den Kampf ansagt; ein Journalismus, der von Menschen und für Menschen gemacht ist; der sich als ein Dienst versteht, der allen Menschen zugutekommt, vor allem jenen – und das ist in unserer heutigen Welt der Großteil –, die keine Stimme haben; ein Journalismus, dem es nicht nur darum geht, Nachrichten so schnell und lukrativ wie möglich „an den Mann zu bringen“, sondern der die tatsächlichen Ursachen der Konflikte zu erforschen sucht, um ihre Wurzeln verstehen und durch die Anregung guter Handlungsweisen überwinden zu können; ein Journalismus, der sich nicht vom Strudel der Sensationsgier und der verbalen Gewalt mitreißen lässt, sondern lieber nach alternativen Lösungen sucht.

Lassen wir uns also von einem Gebet im Geiste des heiligen Franziskus inspirieren und wenden wir uns an Den, der die Wahrheit selbst ist:

Herr, mache uns zum Werkzeug deines Friedens.
Lass uns das Böse erkennen, das sich in eine Kommunikation einschleicht, die nicht Gemeinschaft schafft.
Gib, dass wir das Gift aus unseren Urteilen zu entfernen wissen.
Hilf uns, von den anderen als Brüder und Schwestern zu sprechen.
Du bist treu und unseres Vertrauens würdig; gib, dass unsere Worte Samen des Guten für die Welt sein mögen:
wo Lärm ist, lass uns zuhören;
wo Verwirrung herrscht, lass uns Harmonie verbreiten;
wo Zweideutigkeit ist, lass uns Klarheit bringen;
wo es Ausschließung gibt, lass uns Miteinander schaffen;
wo Sensationssucht herrscht, lass uns Mäßigung wählen;
wo Oberflächlichkeit ist, lass uns wahre Fragen stellen;
wo es Vorurteile gibt, lass uns Vertrauen verbreiten;
wo Aggressivität herrscht, lass uns Respekt bringen;
wo es Falschheit gibt, lass uns Wahrheit schenken.
Amen.

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Papst kündigt Gebetstag für Frieden in Afrika an

Angelusgebet des Papstes (Vatican Media)

Franziskus hat einen besonderen Tag des Gebets und des Fastens für den Frieden auf der Welt ausgerufen.

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Bei seinem Angelusgebet am Sonntag sagte er, der Gebets- und Fasttag solle am 23. Februar stattfinden, dem ersten Freitag in der Fastenzeit. Schon im September 2013 hatte Franziskus einen besonderen Tag des Gebets und Fastens für einen Frieden in Syrien durchgeführt. Ende November letzten Jahres leitete er außerdem ein Friedensgebet für Afrika im Petersdom.

„Angesichts der fortdauernden, tragischen Konfliktsituationen in verschiedenen Teilen der Welt lade ich alle Gläubigen zu einem besonderen Tag des Betens und Fastens für den Frieden ein“, so der Papst nach seinem Angelusgebet am Petersplatz wörtlich. „Wir widmen ihn besonders der Bevölkerung in der Demokratischen Republik Kongo und im Südsudan. Wie bei ähnlichen Gelegenheiten lade ich auch wieder die nicht-katholischen und nichtchristlichen Brüder und Schwestern ein, sich dieser Initiative auf die Weise, die sie für am besten geeignet halten, anzuschließen.“

“ Beten – aber nicht nur ”

Im Südsudan, einem der jüngsten und ärmsten Staaten der Erde, tobt seit einigen Jahren ein verheerender Bürgerkrieg; die Absicht des Papstes, eine Friedensmission in den Südsudan durchzuführen, ließ sich bisher aus Sicherheitsgründen nicht verwirklichen. Im Kongo kommt es in den letzten Monaten immer wieder zu politischer Gewalt und zu Massakern.

„Unser himmlischer Vater hört seine Kinder immer, wenn sie in Schmerz und Angst zu ihm schreien“, fuhr der Papst beim Angelus fort. „Er heilt, die gebrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden“ (Ps. 147,3). Ich rufe dringend dazu auf, dass auch wir diesen Schrei hören mögen! Jeder möge sich vor seinem eigenen Gewissen und vor Gott fragen: Was kann ich für den Frieden tun? Mit Sicherheit können wir beten – aber nicht nur. Jeder von uns kann konkret Nein zur Gewalt sagen, soweit das von ihm oder ihr abhängt! Denn die Siege, die man durch Gewalt erringt, sind falsche Siege, während das Arbeiten für den Frieden allen guttut!“

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Papstgebet für den Frieden im Südsudan und im Kongo

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