Im Wortlaut: Papstbotschaft zum nächsten Weltkrankentag

Dem Papst liegen die Kranken am Herzen, hier ein Besuch im Mutter-Teresa-Haus in Dhaka, Bangladesch – ANSA

Mater Ecclesiae: »“Siehe dein Sohn… Siehe deine Mutter“. Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich« (Joh 19,26-27).

 

Liebe Brüder und Schwestern,

der Dienst der Kirche an den Kranken und denjenigen, die für sie Sorge tragen, muss mit immer neuer Kraft weitergeführt werden, in Treue zum Auftrag des Herrn (vgl. Lk 9,2-6; Mt 10,1-8; Mk 6,7-13) und dem überaus wortgewandten Beispiel ihres Gründers und Meisters folgend.

Dieses Jahr kommt das Thema des Welttags der Kranken von den Worten, die Jesus, am Kreuz erhöht, an seine Mutter Maria und an Johannes richtet: »“Siehe dein Sohn… Siehe deine Mutter“. Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich« (Joh 19,26-27).

1. Diese Worte des Herrn beleuchten das Geheimnis des Kreuzes in der Tiefe. Dieses stellt nicht eine hoffnungslose Tragödie dar, sondern den Ort, an dem Jesus seine Herrlichkeit zeigt, und seinen letzten Willen der Liebe zurücklässt, der zu den Gründungsregeln der christlichen Gemeinschaft und des Lebens jedes Jüngers wird.

Die Worte Jesu begründen vor allem die mütterliche Berufung Marias im Hinblick auf die ganze Menschheit. Sie wird insbesondere die Mutter der Jünger ihres Sohnes werden und für sie und ihren Weg Sorge tragen. Und wir wissen, dass die mütterliche Sorge um einen Sohn oder eine Tochter sowohl die materiellen wie auch die geistigen Aspekte ihrer Erziehung umfasst.

Der unaussprechliche Schmerz des Kreuzes durchbohrt die Seele Marias (vgl. Lk 2,35), lähmt sie aber nicht. Im Gegenteil, als Mutter des Herrn beginnt für sie ein neuer Weg der Hingabe. Am Kreuz sorgt sich Jesus um die Kirche und die gesamte Menschheit und Maria ist gerufen, genau diese Sorge zu teilen. Die Apostelgeschichte zeigt uns in der Schilderung der großen Ausgießung des Heiligen Geistes an Pfingsten, dass Maria begonnen hat, ihre Aufgabe in der ersten Gemeinde der Kirche zu erfüllen. Eine Aufgabe, die niemals endet.

2. Der Lieblingsjünger Johannes verkörpert die Kirche, das messianische Volk. Er muss Maria als eigene Mutter anerkennen. Und in dieser Anerkennung ist er gerufen, sie zu sich zu nehmen, in ihr das Vorbild der Jüngerschaft und auch die mütterliche Berufung zu betrachten, die Jesus ihr anvertraut hat, mit den Sorgen und Plänen, die dies mit sich bringt: die Mutter, die liebt und Kinder hervorbringt, die fähig sind, gemäß dem Gebot des Herrn zu lieben. Deshalb geht die mütterliche Berufung Marias, die Berufung, für ihre Kinder zu sorgen, auf Johannes und die ganze Kirche über. Die ganze Gemeinschaft der Jünger ist in die mütterliche Berufung Marias hineingenommen.

3. Johannes weiß als Jünger, der mit Jesus alles geteilt hat, dass der Meister alle Menschen zur Begegnung mit dem Vater führen will. Er kann bezeugen, dass Jesus vielen geistig kranken Menschen begegnet ist, weil sie voll von Hochmut waren (vgl. Joh 8,31-39), ebenso aber auch körperlich Kranken (vgl. Joh 5,6). Allen hat er Barmherzigkeit und Vergebung geschenkt und den Kranken auch körperliche Heilung als Zeichen für das Leben in Fülle im Reich Gottes, wo jede Träne getrocknet wird. Wie Maria sind die Jünger gerufen, füreinander zu sorgen, aber nicht nur das. Sie wissen, dass das Herz Jesu für alle offen ist, ohne jemanden auszuschließen. Allen muss das Evangelium vom Reich Gottes verkündet werden, und die Nächstenliebe der Christen muss sich allen Bedürftigen zuwenden, einfach, weil sie Personen, Kinder Gottes sind.

4. Diese mütterliche Berufung der Kirche gegenüber den bedürftigen Menschen und den Kranken hat sich in ihrer zweitausendjährigen Geschichte in einer überreichen Reihe von Initiativen zugunsten der Kranken konkretisiert. Diese Geschichte der Hingabe ist nicht außer Acht zu lassen. Sie wird heute noch auf der ganzen Welt fortgesetzt. In den Ländern, wo es ausreichende Systeme für das Gesundheitswesen gibt, versucht die Arbeit der katholischen Kongregationen, der Diözesen und ihrer Krankenhäuser, über die Versorgung mit qualitativen medizinischen Behandlungen hinaus, die menschliche Person in den Mittelpunkt des therapeutischen Prozesses zu stellen und betreibt wissenschaftliche Forschung in der Achtung für das Leben und für die christlichen moralischen Werte. In den Ländern, wo die Gesundheitssysteme ungenügend oder inexistent sind, arbeitet die Kirche daran, den Menschen das Möglichste für die Gesundheitspflege anzubieten, um die Kindersterblichkeit zu beseitigen und einige weitverbreitete Krankheiten zu bekämpfen. Überall versucht sie zu behandeln, auch wenn sie nicht im Stande ist zu heilen. Das Bild der Kirche als „Feldlazarett“, das all diejenigen aufnimmt, die vom Leben verwundet wurden, ist eine ganz konkrete Wirklichkeit, weil es in einigen Teilen der Welt nur die Krankenhäuser der Missionare und der Diözesen sind, die die Bevölkerung mit den notwendigen Behandlungen versorgen.

5. Das Gedächtnis der langen Geschichte des Dienstes an den Kranken ist für die christliche Gemeinschaft Grund zur Freude und insbesondere für diejenigen, die gegenwärtig diesen Dienst versehen. Aber man muss auf die Vergangenheit schauen, vor allem um sich davon bereichern zu lassen. Von ihr müssen wir lernen: die Großzügigkeit bis zur völligen Selbstaufopferung vieler Gründer von Instituten im Dienst der Kranken; die aus der Liebe erweckte Kreativität vieler im Lauf der Jahrhunderte unternommener Initiativen; den Einsatz in der wissenschaftlichen Forschung, um den Kranken innovative und zuverlässige Behandlungen anzubieten. Dieses Erbe der Vergangenheit hilft dabei, die Zukunft gut zu planen: zum Beispiel, um die katholischen Krankenhäuser vor der Gefahr der Betriebsmentalität zu bewahren, die auf der ganzen Welt versucht, die Gesundheitspflege in den Bereich des Marktes eintreten zu lassen und so darin endet, die Armen auszuschließen. Die empathische Intelligenz und die Liebe verlangen vielmehr, dass die Person des Kranken in ihrer Würde geachtet wird und immer im Mittelpunkt des Behandlungsprozesses gehalten wird. Diese Einstellungen müssen auch denjenigen Christen zu eigen sein, die in den öffentlichen Strukturen tätig sind und mit ihrem Dienst gerufen sind, das Evangelium gut zu bezeugen.

6. Jesus hat der Kirche seine heilende Macht als Gabe hinterlassen: »Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: […] Und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden« (Mk 16,17-18). In der Apostelgeschichte lesen wir die Schilderung der von Petrus (vgl. Apg 3,4-8) und Paulus (vgl. Apg 14,8-11) gewirkten Heilungen. Der Gabe Jesu entspricht die Aufgabe der Kirche, die weiß, dass sie für die Kranken den gleichen von Zärtlichkeit und Erbarmen erfüllten Blick wie ihr Herr haben muss. Die Gesundheitspastoral bleibt und wird immer eine notwendige und wesentliche Aufgabe bleiben, die mit erneutem Schwung gelebt werden muss, angefangen von den Pfarrgemeinden bis hin zu den herausragenden Behandlungszentren. Wir können hier nicht die Zärtlichkeit und die Beharrlichkeit außer Acht lassen, mit der sich viele Familien um ihre eigenen Kinder, Eltern oder Verwandten, die chronisch krank oder schwerbehindert sind, kümmern. Die in der Familie erwiesene Pflege ist ein außerordentliches Zeugnis der Liebe für die menschliche Person und muss durch entsprechende Anerkennung und durch eine angemessene Politik unterstützt werden. Deshalb nehmen Ärzte und Krankenpfleger, Priester, Gottgeweihte und Ehrenamtliche, Familienangehörige und all diejenigen, die sich in der Krankenpflege engagieren, an dieser kirchlichen Sendung teil. Es ist eine geteilte Verantwortlichkeit, die den Wert des täglichen Dienstes eines jeden bereichert.

7. Maria, der Mutter der Zärtlichkeit, wollen wir alle an Körper und Geist Kranken anvertrauen, damit sie sie in der Hoffnung stütze. Sie bitten wir auch, uns zu helfen, gegenüber den kranken Brüdern Aufnahmebereitschaft zu zeigen. Die Kirche weiß darum, dass sie einer besonderen Gnade bedarf, um ihrem evangeliumsgemäßen Dienst der Krankenpflege gerecht zu werden. Daher möge uns das Gebet zur Mutter des Herrn alle in einem inständigen Flehen vereinen, damit jedes Glied der Kirche in Liebe die Berufung zum Dienst am Leben und der Gesundheit lebe. Die Jungfrau Maria möge für diesen 26. Welttag der Kranken Fürsprache einlegen; sie möge den kranken Menschen helfen, ihr Leiden in Gemeinschaft mit dem Herrn Jesus zu leben und möge denjenigen beistehen, die für sie Sorge tragen. Allen, den Kranken, dem im Gesundheitswesen tätigen Personal und den Ehrenamtlichen erteile ich von Herzen den Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 26. November 2017, dem Hochfest unseres Herrn Jesu Christi, des Königs des Weltalls

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Quelle

Gastkommentar: Zum Verständnis von Amoris laetitia

Kardinal Walter Kasper – RV

Beim Kommunionempfang für wiederverheiratete Geschiedene gilt der Mittelweg, dass in Einzelfällen die Zulassung zu den Sakramenten der Versöhnung und der Eucharistie möglich ist. Ein entsprechender Brief des Papstes vom September 2016 und eine Orientierungshilfe wurden nun im Amtsblatt des Heiligen Stuhls veröffentlicht. Ein Zusatz von Kardinalsstaatsekretär Pietro Parolin weist die Texte ausdrücklich als „authentisches Lehramt“ aus.

Dazu ein Gastkommentar von Kardinal Walter Kasper:

Durch die amtliche Veröffentlichung des Briefs von Papst Franziskus an die Bischöfe der Region Buenos Aires ist die leidige Auseinandersetzung um das Apostolische Schreiben Amoris laetitia hoffentlich beendet. Die große Mehrheit des Volkes Gottes hat dieses Schreiben schon bisher mit Freude dankbar aufgenommen und darf sich jetzt bestätigt fühlen.

Der Kardinalfehler der teilweise heftigen Kritik war, dass sie sich an einer einzigen Anmerkung festgebissen und diese aus dem Gesamtzusammenhang herausgerissen hat. Die Zulassung von wiederverheiratet Geschiedenen zu den Sakramenten in Einzelfällen ist in der Lehre der Tradition, besonders des Thomas von Aquin und des Trienter Konzils, begründet. Sie stellt keine Neuerung, sondern eine Erneuerung einer alten Tradition gegenüber neuscholastischen Verengungen dar. Wie ausgewiesene Fachleute der Lehre von Papst Johannes Paul II. aufgezeigt haben, besteht auch kein Widerspruch zur Lehre der beiden Vorgänger von Papst Franziskus.

Es ist feste Tradition der Kirche, dass die objektive Schwere eines Gebots, das selbstverständlich ausnahmslos gilt, nicht immer der Schwere der subjektiven Schuldhaftigkeit entspricht. Die schwere Sünde ist ein komplexer Begriff. Dazu gehört nicht nur der Verstoß gegen ein objektives Gebot sondern auch das subjektive Bewusstsein von der schweren Sündhaftigkeit und die bewusste Absicht gegen ein Gebot Gottes zu verstoßen. Ob dies im konkreten Fall gegeben ist, muss im Forum internum, also im Gewissen „vor Gott“ und im persönlichen Gespräch mit dem Seelsorger, normalerweise im Beichtgespräch geprüft werden.

Es ist die ausdrückliche Lehre des Konzils von Trient, das sich dabei auf Thomas von Aquin bezieht, dass der Empfang der Eucharistie, welche die Lebenshingabe Jesu zur Vergebung der Sünden vergegenwärtigt, die lässlichen Sünden, deren jeder Christ schuldig ist, wenn er sie bereut, tilgt und (den Christ) vor schweren Sünden bewahrt (Dekret über die hl. Eucharistie, Kap. 2, und Kanon 5; Thomas v. A., Summe der Theologie III, quaestio 79, Artikel 3, 4 und 6).  Es ist also schwer einzusehen, dass es der Lehre der Kirche widersprechen soll, wenn die Anmerkung 351 von Amoris laetitia sagt, dass in gewissen Fällen, d.h. in Fällen, in denen keine schwere subjektive Schuldhaftigkeit vorliegt, die Sakramente eine Hilfe sein können.

Der Fehler der Kritik an Amoris laetitia ist ein einseitiger moralischer Objektivismus, der die Bedeutung des persönlichen Gewissens beim sittlichen Akt unterbewertet. Damit ist nicht geleugnet, dass das Gewissen auf die objektiven Gebote Gottes achten muss. Aber allgemeingültige objektive Gebote – wieder nach Thomas von Aquin – können nicht mechanisch oder rein logisch deduktiv auf konkrete, oft komplexe und perplexe, Situationen angewandt werden. Es ist vielmehr Sache der Kardinaltugend der von der Liebe geleiteten Klugheit zu fragen, welches in der konkreten Situation die rechte und billige Anwendung des Gebots ist. Das hat nichts mit einer Situationsethik zu tun, welche keine allgemeingültigen Gebote kennt, es geht auch nicht um Ausnahmen vom Gebot, sondern um die Frage der als Situationsgewissen verstandenen Kardinaltugend der Klugheit (Josef Pieper), wie das Gebot in der konkreten Situation „recht und billig“ anzuwenden ist.

Solche verantwortliche Anwendung eines Gesetzes geschieht auch im weltlichen Rechtsbereich. Dort wird bei jeder Tötung eines Menschen zwischen Mord und Todschlag unterschieden, und auch beim Mord werden Umstände und Motive (etwa Heimtücke) beim Strafmaß sorgfältig abgewogen. Das muss umso mehr in der Kirche gelten. Denn sie schaut bei ihrer nicht nur rechtlichen, sondern auch sittlichen Beurteilung des Maßes an subjektiver Schuld nicht nur auf die äußere Tat, sondern auch das innere Gewissen eines Menschen.

Papst Franziskus steht mit seiner Betonung der Bedeutung des Gewissens klar auf dem Boden des II. Vatikanischen Konzils, das gelehrt hat, dass das Gewissen die verborgenste Mitte und das Heiligtum im Menschen ist, wo er allein ist mit Gott, dessen Stimme in diesem seinem Innersten zu hören ist (Pastoralkonstitution Gaudium et spes, 16). Zweifellos muss die Kirche das Gewissen der Menschen bilden, aber sie kann sich nicht an die Stelle des Gewissens setzen (Amoris laetitia, 37).

 

Kardinal Walter Kasper bereitet derzeit eine Schrift vor, die im Januar unter dem Titel „Die Botschaft von Amoris laetita. Eine freundlicher Disput“ erscheinen wird.

(rv 07.12.2017 ord)

D: Kirchenrechtler fordert Papstkritiker zu Gehorsam auf

Papstbrief zur Veröffentlichung von Amoris Laetitia – RV

Der Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller fordert Kritiker von Papst Franziskus zum Gehorsam auf. Nachdem der Papst mit lehramtlicher Autorität festgelegt hat, wie Seelsorger mit wiederverheirateten Geschiedenen umgehen sollen, sei mittlerweile „völlig klar, was der Papst meint“. Das sagte Schüller dem Online-Portal „Kirche und Leben“.

„Die Kardinäle und Bischöfe müssen nun endgültig diese Sicht der Dinge annehmen und sie gegenüber ihren Gläubigen so vermitteln. Jetzt ist endgültig geklärt, was 99 Prozent der Katholiken ja ohnehin schon verstanden haben.“

Schüller bezog sich darauf, dass das Amtsblatt des Vatikans für 2016 Dokumente veröffentlicht hat, die sich auf den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen beziehen. Der Streit um eine entsprechende Fußnote im Papstschreiben Amoris Laetitia hatte zu einem Dubia-Brief von Kardinälen geführt (dubia, lat.: Zweifel).

Dann hat man gegenüber Dritten zu schweigen

„Die »Acta Apostolicae Sedis« sind das offizielle Publikationsorgan des Heiligen Stuhls, in dem kirchenamtlich veröffentlicht wird, was verbindlich für die Kirche lehramtlich und kirchenrechtlich festgelegt ist“, so Schüller. Franziskus habe sich damit „mit lehramtlicher Verbindlichkeit“ geäußert. „Damit ist klar: Dies hat jeder katholische Gläubige mit religiösem Verstandes- und Willensgehorsam (c. 752 CIC) anzunehmen.“

Das gilt, wie der Kirchenrechtler betont, auch für Kardinäle. Zwar sei es in der Kirchengeschichte immer wieder mal vorgekommen, dass Kardinäle mit der Entscheidung eines Papstes „nicht zurecht“ kämen. Doch „dann hat man gegenüber Dritten im Gehorsam gegenüber dem Papst zu schweigen und keine Gegenpolitik zu leisten – und Bischöfe und Kardinäle schon mal gar nicht“.

Kardinäle hätten sich „zu besonderer Treue gegenüber dem Papst verpflichtet“, mahnt Schüller. „Sie haben dann schlichtweg zu schweigen und dem Papst bedingungslos zu gehorchen und jedwede öffentliche Äußerungen zu unterlassen, die den Eindruck erwecken könnten, dass sie eine andere Sicht der Dinge haben.“

(rv 06.12.2017 sk)

Kardinal Burke: Die Verwirrung in der Kirche deutet darauf hin, dass wir vielleicht in der Endzeit angekommen sind.

 

30. November 2017 (LifeSiteNews) – Verwirrung und Irrtum in der katholischen Kirche bezüglich ihrer grundlegenden Lehre über Ehe und Familie sind so ernst, dass die Endzeit über uns gekommen sein könnte, sagte Kardinal Raymond Burke in einem neuen Interview.

Wenn die Grundlage des Sittengesetzes in der Kirche in Frage gestellt wird, sagte der Kardinal: „dann sind die ganze Ordnung des menschlichen Lebens und die Ordnung der Kirche selbst gefährdet.“

„Es gibt also ein Gefühl in der heutigen Welt, die auf dem Säkularismus mit einem vollständig anthropozentrischen Ansatz basiert“, fuhr Kardinal Burke fort, „durch das wir denken, dass wir unseren eigenen Sinn des Lebens und der Bedeutung der Familie und so weiter schaffen können; die Kirche selbst scheint verwirrt zu sein.“

„In diesem Sinne kann man das Gefühl haben, dass die Kirche den Anschein erweckt, nicht willens zu sein, den Geboten unseres Herrn zu gehorchen“, erklärte er. „Dann sind wir vielleicht in der Endzeit angekommen.“

Kardinal Burke bestätigte in einem Interview mit dem Herausgeber des Catholic Herald, Paolo Gambi, heute, dass „sehr ernste Fragen“ hinsichtlich der Dubia bestehen, die Papst Franziskus letztes Jahr zu seiner Exhortation Amoris Laetitia vorgelegt wuden.

Aber er bestand darauf, dass die Einzelheiten darüber, wie man eine formale Korrektur des Papstes vornimmt, noch nicht bestimmt sind.

Kardinal Burke ist seit langem für seine Verteidigung der kirchlichen Orthodoxie bekannt, und viele betrachten seine Entschlossenheit zu diesem Ziel angesichts scheinbar politischer Herunterspielungen und Spott als ein Beispiel für Mut und Treue zum Glauben.

Burke bestätigte im Interview mit Catholic Herald, dass er, obwohl er Kardinalpatron des Malteserordens bleibt, gegenwärtig keine Funktion innerhalb des Ordens hat und daher weder von der Organisation selbst noch von Papst Franziskus Mitteilungen bekommt.

Er bestätigte auch im Interview, dass es den Priestern freistehe, die außerordentliche Form der Messe seit Papst Benedikts XVI. Motu proprio Summorum Pontificum zu zelebrieren, indem sie darauf verweisen, dass sowohl die ordentliche Form als auch die außerordentliche Form der Liturgie in der Kirche als normal angesehen werde.

Gambi forderte den Kardinal auf, die jüngsten Kommentare zu präzisieren, die er über die gegenwärtige „realistisch scheinende Apokalyptik“ machte, weil „Verwirrung, Spaltung und Irrtum“ innerhalb der Kirche von „Hirten“ selbst auf höchster Ebene stammen.

Kardinal Burke erklärte, dass der Zugang zu Sakramenten für Menschen, die in sündigen Gemeinschaften leben, „eine Verletzung der Wahrheit“ sowohl betreffend die Unauflöslichkeit der Ehe als auch für die Heiligkeit der Eucharistie ist.

„Im gegenwärtigen Moment gibt es Verwirrung und Irrtum über die grundlegendsten Lehren der Kirche“, sagte Kardinal Burke, „zum Beispiel im Hinblick auf die Ehe und die Familie. Zum Beispiel ist die Vorstellung, dass Menschen, die in einer irregulären Vereinigung leben, die Sakramente empfangen könnten, eine Verletzung der Wahrheit sowohl in Bezug auf die Unauflöslichkeit der Ehe als auch auf die Heiligkeit der Eucharistie.“

Er zitierte den hl. Paulus und sagte: „Wir essen unsere Verurteilung“ (unser Gericht), wenn wir die Eucharistie auf unwürdige Weise empfangen.

„Jetzt geht die Verwirrung in der Kirche sogar noch weiter“, fügte Burke hinzu, „weil es heute Verwirrung darüber gibt, ob es überhaupt Akte gebe, die an sich böse sind, und das ist natürlich die Grundlage des Sittengesetzes“, die Ordnung der Kirche und des menschlichen Lebens.

Auf die Frage nach der jüngsten Behauptung der italienischen Bischofskonferenz, des Generalsekretärs Bischof Nunzio Galantino, dass die protestantische Reformation ein „Ereignis des Heiligen Geistes“ gewesen sei, antwortete Kardinal Burke: „Nun, ich sehe nicht, wie sie sagen können, dass die Spaltung der Kirche ein Akt des Heiligen Geistes sei. Es macht einfach keinen Sinn. “

Er verwarf auch die Rede von einer gemeinsamen Eucharistiefeier mit Lutheranern als „nicht möglich“ wegen der Unterschiede in der Lehre der Transsubstantiation (Wesensverwandlung).

„Wenn sich Katholiken an einer ökumenischen Eucharistie beteiligen, würden sie den katholischen Glauben aufgeben“, sagte Kardinal Burke. „Dies ist eine zutiefst falsche Ökumene, die dem Glauben und den Seelen schweren Schaden zufügen würde.“

Seine Antwort auf Gambi mit der Frage, was seine erste Handlung wäre, wenn er zum Papst gewählt würde, wäre: „Das Erste, was ein Papst tun sollte, ist einfach, das Glaubens-Bekenntnis zusammen mit der ganzen Kirche als Stellvertreter Christi auf Erden abzulegen.“

„Die meisten Päpste haben das getan“, fügte Kardinal Burke hinzu und schlug Papst Pius X. Enzyklika E Supremi als Beispiel vor.

„Auch Redemptor Hominis von Papst Johannes Paul II. Ist eine Art Glaubensbekenntnis“, betonte der Kardinal, „und erinnert daran, dass die Kirche der Leib Christi ist, dass die Kirche zu Christus gehört und dass wir alle in seinem Dienst gehorsam sind.“

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Quelle

Aus dem Englischen übersetzt von mir [POS]

Papst Franziskus an die Bischöfe in Rangun – der volle Wortlaut

Franziskus am Mittwoch in Rangun

Hier lesen Sie die Ansprache von Papst Franziskus an Bischöfe in Rangun (Myanmar) von diesem Mittwoch in vollem Wortlaut und in offizieller deutscher Übersetzung.

 

Eminenz, liebe Brüder im Bischofsamt,

für uns alle war es ein ausgefüllter Tag, der aber von großer Freude geprägt war! Heute Morgen haben wir gemeinsam mit den aus allen Teilen des Landes kommenden Gläubigen die Eucharistie gefeiert und am Nachmittag sind wir den Verantwortungsträgern der buddhistischen Mehrheit begegnet. Ich wünsche mir, dass unsere Begegnung heute Abend ein Moment froher Dankbarkeit für diese Segnungen sowie eine Gelegenheit ruhiger Reflexion über die Freuden und Herausforderungen eures Dienstes als Hirten der Herde Christi in diesem Land sein wird. Ich danke Bischof Felix [Lian Khen Thang] für die Begrüßungsworte, die er in eurem Namen an mich gerichtet hat; ich umarme euch alle mit großer Herzlichkeit im Herrn.

Ich möchte meine Überlegungen um drei Worte gruppieren: Heilung, Begleitung und Prophetie.

Das erste Wort lautet Heilung. Das Evangelium, das wir predigen, ist vor allem eine Botschaft der Heilung, der Versöhnung und des Friedens. Durch das Blut Christi am Kreuz hat Gott die Welt mit sich versöhnt und uns gesandt, Boten dieser heilenden Gnade zu sein. Hier in Myanmar hat diese Botschaft einen besonderen Widerhall gefunden in Anbetracht der Tatsache, dass das Land daran arbeitet, die tiefverwurzelten Spaltungen zu überwinden und die nationale Einheit aufzubauen. Eure Herden tragen die Spuren dieses Konflikts an sich und haben mutige Zeugen des Glaubens und der antiken Überlieferungen hervorgebracht. Für euch darf demnach die Verkündigung des Evangeliums nicht nur eine Quelle des Trostes und der Kraft sein, sondern auch ein Ruf, die Einheit, die Liebe und die Heilung im Leben des Volkes zu fördern. Die Einheit, die wir gemeinsam haben und hochhalten, entsteht aus der Verschiedenheit. Diese bringt die Unterschiedlichkeiten unter den Personen als Quelle gegenseitigen Wachstums und Bereicherung zur Geltung; sie lädt sie dazu ein, sich in einer Kultur der Begegnung und der Solidarität zusammenzufinden.

Mögt ihr in eurem bischöflichen Dienst beständig die Führung und Hilfe des Herrn erfahren, wenn ihr euch dafür einsetzt, die Heilung und das Miteinander auf jeder Ebene des Lebens der Kirche zu fördern. Auf diese Weise kann das heilige Volk Gottes durch sein Beispiel des Verzeihens und der versöhnenden Liebe Salz und Licht für die Herzen derer sein, die nach jenem Frieden trachten, den die Welt nicht geben kann. Die katholische Gemeinschaft in Myanmar kann auf ihr prophetisches Zeugnis der Liebe zu Gott und zum Nächsten stolz sein, das im Einsatz für die Armen zum Ausdruck kommt, für diejenigen, die ihrer Rechte beraubt sind, und in der heutigen Zeit vor allem für die vielen Flüchtlinge, die sozusagen verwundet an den Rändern der Straße liegen. Ich bitte euch, meinen Dank an all diejenigen weiterzugeben, die wie der gute Samariter sich großzügig dafür engagieren, um ihnen und dem Nächsten in Not ungeachtet seiner Religion oder seiner ethnischen Herkunft den Balsam der Heilung zu bringen.

Euer Dienst der Heilung findet im Einsatz für den ökumenischen Dialog und die interreligiöse Zusammenarbeit einen besonderen Ausdruck. Ich bete, dass eure beständigen Bemühungen zum Aufbau von Brücken des Dialogs und zur Verbindung mit Anhängern anderer Religionen, um Beziehungen des Friedens zu knüpfen, reiche Früchte der Versöhnung im Leben des Landes hervorbringen. Die Konferenz des interreligiösen Friedens, die im vergangenen Frühjahr in Yangon stattgefunden hat, war ein wichtiges Zeugnis vor der Welt für die Entschlossenheit der Religionen, in Frieden zu leben und jeden im Namen der Religion verübten Akt der Gewalt oder des Hasses zu verwerfen.

Mein zweites Wort für euch heute Abend ist Begleitung. Ein guter Hirte ist beständig für seine Herde da, indem er sie begleitet und führt. Wie ich gerne sage, müsste der Hirte den Geruch seiner Schafe annehmen. Heutzutage sind wir gerufen eine „Kirche im Aufbruch“ zu sein, um das Licht Christi in alle Randgebiete zu bringen (vgl. Evangelii gaudium, 20). Als Bischöfe seid ihr mit eurem Leben und in eurem Dienst dazu berufen, diesem Geist missionarischer Einbeziehung zu entsprechen, vor allem durch die pastoralen Besuche in den Pfarreien und den Gemeinschaften, die eure Ortskirchen bilden. Dies ist ein bevorzugtes Mittel, um als liebevolle Väter eure Priester in ihrem täglichen Einsatz für das Wachstum der Herde in Gesundheit, Treue und im Geist des Dienens zu begleiten.

Durch Gottes Gnade hat die Kirche in Myanmar einen gefestigten Glauben und ein glühendes missionarisches Verlangen vom Werk derjenigen, die das Evangelium in dieses Land gebracht haben, geerbt. Auf diesen stabilen Fundamenten und in Gemeinschaft mit den Priestern und Ordensleuten mögt ihr weiter die Laien mit dem Geist einer echten missionarischen Jüngerschaft durchdringen und nach einer weisen Inkulturation der Botschaft des Evangeliums im Alltag und den Traditionen eurer örtlichen Gemeinschaften suchen. Diesbezüglich ist der Beitrag der Katecheten wesentlich; die Vertiefung ihrer Ausbildung muss für euch eine Priorität bleiben.

Vor allem möchte ich euch um einen besonderen Einsatz in der Begleitung der jungen Menschen bitten. Kümmert euch um ihre Bildung in den gesunden Grundsätzen der Moral, die sie führen werden, wenn sie sich den Herausforderungen einer in schnellem Wandel inbegriffenen Welt stellen müssen. Die nächste Bischofssynode wird nicht nur diese Aspekte betreffen, aber sie wird direkt die jungen Menschen hinzuziehen, indem sie ihre Geschichten anhören und sie in die gemeinsamen Überlegungen einbeziehen wird, wie man am besten das Evangelium in den kommenden Jahren verkünden soll. Eine der großen Segnungen der Kirche in Myanmar ist seine Jugend und insbesondere die Zahl der Seminaristen und der jungen Ordensleute. Bitte bezieht sie im Geist der Synode mit ein und unterstützt sie auf dem Weg des Glaubens, weil sie gerufen sind, durch ihren Idealismus und ihre Begeisterung freudige Verkünder des Evangeliums zu sein, die ihre Altersgenossen überzeugen können.

Mein drittes Wort für euch ist Prophetie. Die Kirche in Myanmar bezeugt durch ihre erzieherischen und karitativen Werke, ihre Verteidigung der Menschenrechte und ihre Unterstützung der demokratischen Prinzipien täglich das Evangelium. Mögt ihr die katholische Gemeinschaft befähigen, weiterhin eine konstruktive Rolle im Leben der Gesellschaft einzunehmen, indem ihr eurer Stimme in den Fragen von nationalem Interesse Gehör verschafft und insbesondere auf die Achtung der Würde und der Rechte aller besteht, vor allem der Ärmsten und am meisten Verwundbaren. Ich bin zuversichtlich, dass der fünfjährige Pastoralplan, den die Kirche im größeren Kontext des Aufbaus des Staates entwickelt hat, reiche Frucht nicht nur für die Zukunft der örtlichen Gemeinden, sondern auch für das ganze Land bringen wird. Ich beziehe mich speziell auf die Notwendigkeit des Umweltschutzes und der Sicherung eines richtigen Gebrauchs der reichen natürlichen Ressourcen des Landes zugunsten der künftigen Generationen. Die Bewahrung der Schöpfung als Gabe Gottes kann von einer gesunden menschlichen und sozialen Ökologie nicht getrennt werden. In der Tat ist »die echte Sorge für unser eigenes Leben und unsere Beziehungen zur Natur nicht zu trennen […] von der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und der Treue gegenüber den anderen« (Laudato si’, 70).

Liebe Brüder im Bischofsamt, ich danke Gott für diesen Moment der Gemeinschaft und bete, dass dieses unser Beisammensein uns im Einsatz bestärken wird, treue Hirten und Diener der Herde zu sein, die Christus uns anvertraut hat. Ich weiß, dass euer Dienst fordernd ist und dass ihr euch zusammen mit euren Priestern oftmals unter der Last des Tages und der Hitze (vgl. Mt 20,12) abmüht. Ich fordere euch auf, die Ausgeglichenheit in der physischen wie in der spirituellen Gesundheit zu bewahren und auf väterliche Weise an die Gesundheit eurer Priester zu denken. Vor allem ermutige ich euch, täglich im Gebet und der Erfahrung der versöhnenden Liebe Gottes zu wachsen, weil dies die Grundlage eurer priesterlichen Identität ist, die Gewähr für die Überzeugungskraft eurer Predigt und die Quelle der pastoralen Liebe ist, mit der ihr das Volk Gottes auf den Pfaden der Heiligkeit und der Wahrheit leitet. Von ganzem Herzen rufe ich die Gnade Gottes über euch herab, über die Priester, die Ordensleute und alle Laien euer Ortskirchen. Ich bitte euch nicht zu vergessen, für mich zu beten.

(rv 29.11.2017 sk)

Papst Franziskus an Buddhisten – Rede in vollem Wortlaut

Franziskus mit Buddhisten aus Myanmar

Hier finden Sie die Ansprache, die Papst Franziskus an diesem Mittwoch (Ortszeit) im Kaba Aye Center von Rangun/Myanmar bei einer Begegnung mit Buddhisten gehalten hat, im vollen Wortlaut und in offizieller deutscher Übersetzung.

Es ist mir eine große Freude, hier bei Ihnen zu sein. Ich danke dem Präsidenten des Staatlichen Komitees Sangha Maha Nayaka, dem Ehrwürdigen Bhaddanta Kumarabhivamsa, für seinen Willkommensgruß und seine Bemühungen bei der Organisation meines heutigen Besuches. Ich grüße Sie alle. Besonderen Dank sage ich für die Anwesenheit des Ministers für religiöse Belange und Kultur, Seiner Exzellenz Thura Aung Ko.

Unser Treffen ist eine wichtige Gelegenheit, um die Bande der Freundschaft und Achtung zwischen Buddhisten und Katholiken zu erneuern und zu festigen. Gleichzeitig können wir auch unseren Einsatz für Frieden, für die Achtung der Menschenwürde und für Gerechtigkeit für jeden Mann und jede Frau bekräftigen. Nicht nur in Myanmar, sondern auf der ganzen Welt brauchen die Menschen dieses gemeinsame Zeugnis der religiösen Führer. Denn wenn wir mit einer Stimme von den immerwährenden Werten der Gerechtigkeit, des Friedens und der grundlegenden Würde jeder menschlichen Person sprechen, schenken wir ein Wort der Hoffnung. Helfen wir den Buddhisten, den Katholiken und allen Menschen, sich für eine größere Harmonie innerhalb ihrer Gemeinschaften einzusetzen!

Zu allen Zeiten hat die Menschheit Unrecht, Konfliktsituationen und ungleiche Behandlung unter den Menschen gekannt. In unseren Tagen scheinen diese Schwierigkeiten besonders ernst. Unsere Gesellschaft hat einen enormen technischen Fortschritt vollzogen und die Menschen auf der Welt sind sich immer mehr ihrer menschlichen Zusammengehörigkeit und ihres gemeinsamen Schicksals bewusst. Dennoch bestehen die Wunden der Konflikte, der Armut und Unterdrückung weiter fort und führen zu neuen Spaltungen. Vor diesen Herausforderungen dürfen wir nie resignieren. Auf der Grundlage unserer jeweiligen geistlichen Traditionen wissen wir, dass es einen Weg gibt, um weiterzugehen, einen Weg der Heilung, des gegenseitigen Verständnisses und Respekts. Einen Weg, der auf Mitgefühl und Liebe beruht.

Ich möchte allen, die in Myanmar nach der religiösen Traditionen des Buddhismus leben, meine Wertschätzung ausdrücken. Durch die Lehren des Buddha und das eifrige Zeugnis vieler Mönche und Nonnen wurden die Menschen dieses Landes zu den Werten der Geduld, der Toleranz und der Achtung vor dem Leben herangebildet sowie zu einer Spiritualität, die auf unsere Umwelt achtet und mit ihr zutiefst respektvoll umgeht. Wie wir wissen, sind solcherlei Werte für eine ganzheitliche Entwicklung der Gesellschaft wesentlich, die bei der Familie als der kleinsten, aber wichtigsten Zelle ansetzt, um sich dann auszuweiten in das Netz von Bindungen, die uns enger zusammen wachsen lassen. Diese Bindungen gründen auf Kultur sowie auf ethnischer und nationaler Zugehörigkeit, letztlich aber auf unserer gemeinsamen menschlichen Natur. In einer echten Kultur der Begegnung können solche Werte unsere Gemeinschaften stärken und mithelfen, der gesamten Gesellschaft das so sehr nötige Licht zu bringen.

Die große Herausforderung unserer Zeit besteht darin, den Menschen zu helfen, sich der Transzendenz zu öffnen; fähig zu werden, tief in das eigene Innere zu schauen und sich selbst so zu erkennen, um dann die gegenseitige Verbundenheit unter allen Menschen zu entdecken; sich bewusst zu werden, dass wir uns nicht von den anderen isolieren dürfen. Wenn wir zusammenhalten sollen, so wie wir es uns vorgenommen haben, müssen wir jede Form von Unverständnis, Intoleranz, Vorurteil und Hass überwinden. Wie können wir das vollbringen? Die Worte des Buddha sind für jeden von uns ein Wegweiser: „Besiege die Wut mit der Nicht-Wut, besiege den Bösen mit der Güte, besiege den Geizigen mit der Großzügigkeit, besiege den Lügner mit der Wahrheit“ (Dhammapada, XVII, 223). Eine ähnliche Gesinnung drückt ein dem heiligen Franziskus zugeschriebenes Gebet aus: „Herr, mache mich zu einem Werkzeug deines Friedens. Dass ich liebe, wo man hasst; dass ich verzeihe, wo man beleidigt … dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert; dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt“.

Möge diese Weisheit weiterhin jedes Bemühen beseelen, Geduld und Verständnis zu fördern und die Wunden der Konflikte zu heilen, die im Laufe der Jahre Menschen verschiedener Kulturen, Ethnien und religiöser Überzeugungen getrennt haben. Diese Bemühungen beschränken sich nie nur auf die religiösen Führer, noch sind sie ausschließlich Aufgabe des Staates. Vielmehr muss die gesamte Gesellschaft, jedes einzelne Mitglied der jeweiligen Gemeinschaft gemeinsam daran arbeiten, dass Konfliktsituationen und Unrecht überwunden werden. Dennoch liegt eine besondere Verantwortung bei den zivilen und religiösen Führern, jeder Stimme Gehör zu verschaffen, damit die Herausforderungen und Anliegen des Momentes klar erkannt und mit Unparteilichkeit und gegenseitiger Solidarität geprüft werden. Hierbei beglückwünsche ich die Panglon Peace Conference für ihre Arbeit und bete, dass die Leiter dieser Initiative weiterhin eine breitflächigere Beteiligung aller in Myanmar wohnenden Menschen fördern. Dies unterstützt sicher den Einsatz für wachsenden Frieden, Sicherheit und einen Wohlstand, der alle miteinschließt.

Gewiss, wenn diese Bemühungen dauerhafte Ergebnisse bringen sollen, ist eine größere Zusammenarbeit zwischen den religiösen Führern vonnöten. Diesbezüglich möchte ich, dass Sie wissen, dass die katholische Kirche als Partner zur Verfügung steht. Die Gelegenheiten für Treffen und Dialog zwischen den religiösen Führern haben sich als wichtiger Faktor bei der Förderung von Gerechtigkeit und Frieden in Myanmar erwiesen. Ich weiß, dass im vergangenen April die Bischofskonferenz ein zweitägiges Treffen über den Frieden veranstaltet hat, an dem führende Personen der verschiedenen Religionsgemeinschaften zusammen mit Botschaftern und Vertretern nichtstaatlicher Organisationen teilgenommen haben. Solche Treffen sind unersetzlich, wenn wir einander besser kennen wollen und unsere Verbindung und gemeinsame Bestimmung bekräftigen wollen. Echte Gerechtigkeit und dauerhafter Friede können nur erreicht werden, wenn sie allen gewährleistet werden.

Liebe Freunde, mögen Buddhisten und Katholiken gemeinsam auf diesem Weg der Heilung voranschreiten und Seite an Seite für das Wohlergehen eines jeden Einwohners dieses Landes arbeiten. In den christlichen Schriften ruft der Apostel Paulus seine Adressaten auf, sich gemeinsam mit den Fröhlichen zu freuen und mit den Weinenden zu weinen (vgl. Röm 12,15) und in Demut des anderen Last zu tragen (vgl. Gal 6,2). Im Namen meiner katholischen Brüder und Schwestern bekunde ich Ihnen unsere Bereitschaft, gemeinsam mit Ihnen weiterzuschreiten und Samen des Friedens und der Heilung, des Mitgefühls und der Hoffnung in diesem Land auszusäen.

Ich danke Ihnen nochmals für Ihre Einladung, heute bei Ihnen zu sein. Ihnen allen erbitte ich den göttlichen Segen mit den Gaben der Freude und des Friedens.

(rv 29.11.2017 sk)

Papstpredigt bei Messe in Rangun/Myanmar – voller Wortlaut

Der Papst vor der Marienkathedrale von Rangun

Hier finden Sie die Predigt, die der Papst am Donnerstag bei seiner Messe mit Jugendlichen in der Kathedrale von Rangun/Myanmar gehalten hat, in vollem Wortlaut und offizieller deutscher Übersetzung.

Während sich mein Besuch eures schönen Landes nun dem Ende nähert, möchte ich gemeinsam mit euch Gott für die vielen Gnaden danken, die wir in diesen Tagen empfangen durften. Wenn ich jetzt auf euch Jugendliche von Myanmar blicke, und auf alle, die uns außerhalb dieser Kathedrale mitverfolgen, möchte ich mit euch einen Satz der heutigen Lesung betrachten, der in mir nachklingt. Er stammt vom Propheten Jesaja und wird vom heiligen Paulus in seinem Brief an die junge Christengemeinde in Rom wiederaufgenommen. Hören wir noch einmal diese Worte: »Willkommen ist der Klang der Schritte der Freudenboten, die Gutes verkünden!« (vgl. Röm 10,15; Jes 52,7)

Liebe Jugendliche von Myanmar, nachdem ich eure Stimmen vernommen und euch heute beim Singen zugehört habe, möchte ich diese Worte auf euch beziehen. Ja, eure Schritte sind schön, und es ist schön und ermutigend euch zu sehen, weil ihr uns »eine gute Botschaft« verkündet: die gute Botschaft eurer Jugend, eures Glaubens und eures Enthusiasmus. Sicher, ihr seid eine gute Botschaft, weil ihr konkrete Zeichen des Glaubens der Kirche an Jesus Christus seid, der uns eine Freude und eine Hoffnung bringt, die nie enden werden.

Manche fragen sich, wie man von guten Botschaften sprechen kann, wenn so viele um uns herum leiden. Wo sind die guten Botschaften, wenn so viel Ungerechtigkeit, Armut und Elend Schatten auf uns und unsere Welt werfen? Ich möchte aber, dass von diesem Ort eine ganz klare Botschaft ausgeht. Ich möchte, dass die Menschen wissen, dass ihr junge Männer und Frauen von Myanmar keine Angst davor habt, der guten Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes zu glauben, weil sie einen Namen und ein Gesicht hat: Jesus Christus. Als Boten dieser guten Botschaft seid ihr bereit, ein Wort der Hoffnung an die Kirche zu richten, an euer Land, an die Welt. Ihr seid bereit, die gute Botschaft den leidenden Brüdern und Schwestern zu überbringen, die eure Gebete und eure Solidarität brauchen, aber auch euren leidenschaftlichen Einsatz für Menschenrechte, für Gerechtigkeit und für das Wachstum dessen, was Jesus schenkt: Liebe und Frieden.

Aber ich möchte euch auch vor eine Herausforderung stellen. Habt ihr die Erste Lesung aufmerksam verfolgt? Dort wiederholt der heilige Paulus dreimal das Wort nicht. Es ist ein kleines Wort, das uns aber herausfordert, über unseren Platz im Plan Gottes nachzudenken. Tatsächlich stellt Paulus drei Fragen, die ich jedem von euch persönlich stellen möchte. Die erste: »Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?« Die zweite: »Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet?« Die dritte: »Wie soll aber jemand verkünden, wenn er nicht gesandt ist?« (Röm 10, 14-15).

Ich würde mich freuen, wenn ihr alle diesen drei Fragen auf den Grund gehen würdet. Aber habt keine Angst! Als wohlwollender Vater (oder vielleicht besser: als Großvater!) möchte ich euch mit solchen Fragen nicht allein lassen. Erlaubt mir, euch einige Gedanken vorzulegen, die euch auf dem Weg des Glaubens geleiten und euch helfen wollen zu erkennen, was der Herr von euch möchte.

Die erste Frage des heiligen Paulus ist: »Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?«. Unsere Welt ist voll von vielerlei Geräuschen und Ablenkungen, die die Stimme Gottes ersticken können. Damit andere gerufen werden, von Gott zu hören und an ihn zu glauben, müssen sie ihn erst einmal in authentischen Personen finden, in Personen, die wissen, wie man zuhört. Und sicher wollt ihr solche Menschen sein. Aber nur der Herr kann euch helfen, echt zu sein. Sprecht deshalb zu ihm im Gebet. Lernt auf seine Stimme zu hören, indem ihr ruhig aus der Tiefe eures Herzens mit ihm sprecht.

Sprecht aber auch zu den Heiligen, unseren Freunden im Himmel, die uns inspirieren können. So wie der heilige Andreas, den wir heute feiern. Er war ein einfacher Fischer und wurde ein großer Märtyrer, ein Zeuge der Liebe Jesu. Aber bevor er ein Märtyrer wurde, machte er seine Fehler und musste geduldig Schritt für Schritt lernen, wie man ein wahrer Jünger Christi wird. Habt auch Ihr keine Angst davor, aus euren Fehlern zu lernen! Mögen die Heiligen euch zu Jesus führen und euch lehren, euer Leben in seine Hände zu legen. Ihr wisst, dass Jesus voller Barmherzigkeit ist. Deshalb teilt mit ihm alles, was ihr im Herzen tragt: die Ängste und Sorgen, die Träume und Hoffnungen. Pflegt das innere Leben wie einen Garten oder ein Feld. Das braucht Zeit und Geduld. Aber wie ein Bauer das Heranwachsen der Ernte erwarten kann, so wird der Herr auch euch, wenn ihr Geduld besitzt, reiche Frucht bringen lassen, eine Frucht, die ihr dann mit den anderen teilen könnt.

Die zweite Frage des Paulus ist: »Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet?« Das nun ist eine große Aufgabe, die in besonderer Weise den Jugendlichen anvertraut ist: „missionarische Jünger“ zu sein, Boten der guten Nachricht Jesu, vor allem für eure Gleichaltrigen und Freunde. Habt keine Angst davor, Durcheinander zu verursachen und Fragen zu stellen, die die Leute zum Nachdenken bringen! Und habt keine Angst, wenn ihr manchmal das Gefühl habt, dass ihr nur wenige seid und weit verstreut. Das Evangelium wächst immer aus kleinen Wurzeln. Macht euch deswegen bemerkbar! Ich möchte euch bitten zu schreien –  aber nein, nicht mit der Stimme – ich möchte, dass ihr mit dem Leben schreit, mit dem Herzen, so dass ihr Zeichen der Hoffnung seid für die Mutlosen, eine ausgestreckte Hand für den, der krank ist, ein einladendes Lächeln für den, der fremd ist, eine zuvorkommende Stütze für den, der alleine ist.

Die letzte Frage des Paulus ist: »Wie soll aber jemand verkünden, wenn er nicht gesandt ist?« Am Ende der Messe werden wir alle ausgesandt, die Gaben zu nehmen, die ein jeder von uns empfangen hat und sie mit anderen zu teilen. Das könnte ein wenig entmutigen, weil wir nicht immer wissen, wohin Jesus uns senden wird. Aber Jesus schickt uns nie auf einen Weg ohne gleichzeitig an unserer Seite zu gehen, und immer ein Stückchen vor uns, um uns neue und großartige Gebiete seines Reiches zu erschließen.

Auf welche Weise sendet der Herr den heiligen Andreas und seinen Bruder Simon Petrus im heutigen Evangelium? »Kommt her, mir nach!« sagt er zu ihnen (Mt 14,9). Hier sehen wir, was es bedeutet, gesandt zu sein: Christus zu folgen und nicht, sich mit eigenen Kräften nach vorn zu stürzen! Der Herr wird einige von Euch einladen, ihm als Priester nachzufolgen und auf diese Weise „Menschenfischer“ zu werden. Andere wird er dazu berufen, ein gottgeweihtes Leben zu führen. Und wieder andere wird er zum Eheleben berufen und dazu, liebevolle Väter und Mütter zu sein. Welche Berufung auch immer die eure ist, ich fordere euch auf: seid mutig, seid großzügig und vor allem seid fröhlich!

Hier in dieser schönen Kathedrale, die der Unbefleckten Empfängnis geweiht ist, ermutige ich euch, auf Maria zu schauen. Als sie ihr Ja zur Botschaft des Engels sprach, war sie so jung wie ihr. Aber sie hatte den Mut, der guten Botschaft, die sie vernommen hatte, zu vertrauen und sie in ein Leben in treuer Ergebenheit an ihre Berufung, in vollkommener Selbsthingabe und im gänzlichen Vertrauen auf die Fürsorge Gottes zu übersetzen. Möget ihr alle wie Maria sanft aber mutig darin sein, Jesus und seine Liebe zu den anderen zu tragen!

Liebe Jugendliche, mit großer Zuneigung vertraue ich euch alle und eure Familien ihrer mütterlichen Fürsprache an. Und ich bitte euch: denkt daran, für mich zu beten. Gott segne Myanmar! [Myanmar pyi ko Payarthakin Kaung gi pei pa sei]

(rv 30.11.2017 sk)