„Einen Fürsprecher auf Erden verloren, aber einen im Himmel gewonnen”

Kardinal Meisner, Kongress „Treffpunkt Weltkirche“ 2015 / © ACN

Nachruf von Karin Maria Fenbert,
Geschäftsführerin von „Kirche in Not“ Deutschland,
zum Tod von Joachim Kardinal Meisner

Die Päpstliche Stiftung „Kirche in Not“ hat der Tod Joachim Kardinal Meisners tief getroffen. Wir trauern um einen hochgeschätzten Freund unseres Werkes.

Kardinal Meisner verband eine lebenslange und intensive Freundschaft mit dem Gründer von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten OPraem. Beiden war die Sorge um die verfolgte und notleidende Kirche hinter dem Eisernen Vorhang und weltweit ein Herzensanliegen. Beide verband die Treue und Liebe zum Papst, insbesondere zum heiligen Johannes Paul II. Mit ihm arbeiteten sie intensiv zusammen – verschieden in der Position, geeint in der Mission. Beide verband die Liebe zur Wahrheit des Evangeliums und zum klaren, eindeutigen Wort. Daran nahmen die einen Anstoß, den anderen gab es Orientierung im Meer der Meinungen und Parolen. Auch deshalb wird uns Kardinal Meisner sehr fehlen, gerade jetzt.

Als gebürtiger Schlesier teilte Kardinal Meisner das Los von Millionen heimatvertriebenen Deutschen. Ein Los, das unseren Gründer Pater Werenfried vor genau 70 Jahren bewog, mit einer gigantischen Hilfsaktion den leiblichen wie geistlichen Hunger der Entwurzelten zu stillen. Einer von ihnen war Joachim Meisner, wie er selbst wiederholt erzählte: Als 14-Jähriger hörte er in der thüringischen Diaspora zum ersten Mal vom „Speckpater“ Werenfried van Straaten. Die Unterstützung eines Niederländers für die ehemaligen deutschen Feinde nach dem noch nicht vernarbten Krieg rührte ihn derart, dass er das Foto des Gründers von „Kirche in Not“ ausschnitt und an die Wand seines kärglichen Mansardenzimmers hing, neben das der Bischöfe Alojzije Stepinac und József Mindszenty – beide Märtyrer der kommunistischen Kirchenverfolgung hinter dem Eisernen Vorhang. In der Rückschau bekannte Meisner einmal: „Das großartige Werk ,Kirche in Not‘ ist nicht zuerst unter die großen Hilfswerke der katholischen Kirche in Europa zu zählen, sondern es gehört zu den geistlichen Bewegungen, die in der Kirche nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges aufgebrochen sind.“

Als aus dem jungen Heimatvertrieben Meisner ein Priester und Bischof in der Diktatur der DDR geworden war, sind er und der „Speckpater“ sich häufig begegnet. Gemeinsam versuchten sie der verfolgten Kirche im Kommunismus und in vielen anderen Regionen der Welt zu helfen – so diskret wie möglich, aber so konkret wie nötig.

Als Mauer und Stacheldraht fielen, war Kardinal Meisner bereits Erzbischof von Köln. Über die Freude an der wiedergewonnenen Freiheit mischte sich die Sorge um Gottesvergessenheit, moralische Beliebigkeit und einen menschenvergessenen Materialismus. Diese Einsicht, zusammen mit der Sorge um die Neuevangelisierung Europas, war ein weiteres einigendes Band zwischen Kardinal Meisner, Papst Johannes Paul II. und dem Gründer unseres Werkes. Dieses Band übersteht den Tod. Als Pater Werenfried im Jahr 2003 starb, war es Kardinal Meisner, der unserem Werk wertvolle Impulse gab, um das Charisma des Ursprungs weiterzutragen.

So zelebrierte der Erzbischof in seiner Kölner Kathedrale Jahr für Jahr bis zu seiner Emeritierung 2014 einen Gedenkgottesdienst für den Gründer von „Kirche in Not“ und erinnerte die anwesenden Wohltäter in mitreißenden Predigten an das Erbe Pater Werenfrieds. In einer dieser Predigten sagte er: „Gottes Werkzeuge sind oft arm und verachtet. Kaum jemand kennt ihren Namen. Aber sie wirken große Dinge, wenn sie glauben. Wir sind mit der Gnade Gottes einem solchen Giganten des Reiches Gottes in Pater Werenfried auf die Spur gekommen.“ Nun dürfen wir auch von Kardinal Meisner sagen: Ein ganz Großer der Kirche in Deutschland und weit darüber hinaus ist heimgekehrt in das Vaterhaus.

Ein gern gesehener, regelmäßiger Teilnehmer war Kardinal Meisner auch bei den Kongressen „Treffpunkt Weltkirche“, die „Kirche in Not“ seit 2004 veranstaltet. Seine klare Analyse der Zeichen der Zeit, seine unverkürzte, lehramtstreue Verkündigung und seine zugewandte, offene Art haben ihn dort wie auch bei anderen Gelegenheiten die Herzen vieler Menschen gewinnen lassen.

2016 war Kardinal Meisner zum letzten Mal bei „Kirche in Not“ zu Gast. Auf einem Begegnungstag in Köln sprach er über die Bedeutung der Marienerscheinungen von Fatima für den Fall der Mauer – auch dies ein Thema, dass ihn als ehemaligen Bischof des geteilten Berlin mit dem Papst aus Polen und dem „Speckpater“ aus den Niederlanden verband. Dass er jetzt im Fatima-Jahr verstorben ist, sei ihm persönliche Erfüllung der Verheißung, der er ein Leben lang geglaubt hat.

Joachim Kardinal Meisner hatte sich nach dem Tode unseres Gründers einen Kugelschreiber als „Erbstück“ erbeten. Mit ihm hatte er „Kirche in Not“ ins Stammbuch geschrieben: „Werden Sie keine Behörde, die das Geld der Geber für die Nehmer nur verwaltet, sondern bleiben Sie eine Bewegung, die Menschen in die Nähe Gottes ruft und damit auch in die Nähe zu den anderen. Für jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter darf nicht die Spaltung ihres Lebens in privat und öffentlich anstehen, wie das sogar auch Politiker in christlichen Parteien für sich in Anspruch nehmen. … Das christliche Menschenbild kennt keine derartige Differenzierung.“

Diesem Erbe wissen wir uns verpflichtet. Mit Joachim Kardinal Meisner haben wir einen großen irdischen Fürsprecher verloren, aber einen Fürsprecher im Himmel gewonnen. Wir werden seiner im Gebet und bei der Feier der heiligen Messe gedenken. Der „treue Knecht“ (vgl. Mt 25,23) möge teilhaben an der nie endenden Freude Seines Herrn!

(Quelle: KiN)

Weltweite Spendenkampagne nach Aufruf von Papst Franziskus

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„Mit ,Kirche in Not‘ Werke der Barmherzigkeit tun“

Das weltweite päpstliche Hilfswerk „Kirche in Not“ hat eine Kampagne gestartet, um Menschen auf der ganzen Welt zu Taten der Barmherzigkeit anzuspornen. Unter dem Leitwort „Be God‘s Mercy“ („Sei Gottes Barmherzigkeit“) ruft das Hilfswerk zu Solidarität mit notleidenden Christen auf. Die Kampagne läuft bis 4. Oktober, dem Fest des heiligen Franziskus. Am Namenstag des Papstes sollen ihm erste Ergebnisse präsentiert werden.

Auslöser für die Kampagne war eine Videobotschaft von Franziskus. Dieser hatte beim Besuch einer Delegation von „Kirche in Not“ die Arbeit des Hilfswerks gewürdigt. Ausdrücklich erteilte er den Auftrag, das Werk des Gründers von „Kirche in Not“, Pater Werenfried van Straaten, fortzusetzen, „der zu seiner Zeit die Vision hatte, auf der ganzen Welt diese Zeichen der Nähe, der Annäherung, der Güte, der Liebe und der Barmherzigkeit zu setzen“. Alle Gläubigen lud der Papst ein, „mit ,Kirche in Not‘ auf der ganzen Welt Werke der Barmherzigkeit zu tun, und zwar bleibende Werke der Barmherzigkeit.“ Auch zum Auftakt der Kampagne gewährte der Papst Verantwortlichen des Hilfswerks eine Audienz. „Ich danke Ihnen für das, was Sie tun! Diese Kampagne muss auch in Zukunft weitergehen, damit die Barmherzigkeit die Welt verändert“, sagte Franziskus.

Bei einer Pressekonferenz am Sitz von Radio Vatikan erläuterte der Präsident der päpstlichen Stiftung „Kirche in Not“, Mauro Kardinal Piacenza, die Worte des Papstes seien eine „Enthusiasmus-Spritze“ für die Arbeit des Hilfswerks. Es ist mittlerweile in über 140 Ländern weltweit tätig. „,Kirche in Not‘ muss immer bereit sein, dort einzugreifen, wo die Kirche leidet“, sagte Piacenza. Auch gelte es, „das pastorale Profil“ des Hilfswerks nicht zu vergessen. Denn diese geistliche Ausrichtung verbinde, „die Menschen, die Hilfe bekommen, mit denen, die Hilfe geben“.

Der Generalsekretär von „Kirche in Not“, Philipp Ozores, berichtete, der Papst habe ihm bei der Audienz erzählt, dass er selbst die Unterstützung des Hilfswerks erfahren habe: während seines Promotionsstudiums und in seiner Arbeit als Erzbischof von Buenos Aires. „Die Ermutigung von Papst Franziskus gibt uns Rückenwind, Menschen auf der ganzen Welt zu motivieren, Werke der Barmherzigkeit zu tun.“

Die Kampagne ziele in vier Richtungen: den „Ruf zur Barmherzigkeit“ so vieler Menschen weltweit zu hören und ihre Nöte zu stillen, „Orte der Barmherzigkeit“ zu schaffen, zum Beispiel Krankenhäuser, Rehabilitationszentren, Wohnungen und vor allem Kirchen und Kapellen; „Apostel der Barmherzigkeit“, also Priester, Ordensleute, Laienmitarbeiter, in ihrem Dienst zu unterstützen und schließlich „Früchte der Barmherzigkeit“ aufzuzeigen, zum Beispiel die Versöhnungsarbeit der Kirche in Krisengebieten.

Papst Franziskus selbst ist der erste Spender der Kampagne. Kürzlich vertraute er einer Delegation von „Kirche in Not“ eine Spende für die irakischen Christen an. Sie kommt dem Unterhalt der St.-Josef-Klinik im Flüchtlingslager Erbil zugute. Dort werden 3000 Flüchtlinge kostenlos versorgt. Es ist eines der über 6000 Projekte, die „Kirche in Not“ pro Jahr unterstützt und dem die Spenden aus der Barmherzigkeitskampagne zufließen werden.

Ein weiteres Projekt, das auf der Pressekonferenz vorgestellt wurde, hilft der christlichen Minderheit in Pakistan. Im März 2015 wurden zwei Kirchen in der Hauptstadt Lahore durch islamistische Anschläge zerstört. „Kirche in Not“ hilft beim Wiederaufbau. Außerdem fördert es den Neubau des Priesterseminars der Diözese. Der Erzbischof von Lahore, Sebastian Francis Shaw, betonte: „,Kirche in Not‘ ist ein herausragendes Beispiel der Barmherzigkeit.“ Besonders schätze er die unmittelbare und effiziente Hilfe. „Wir tragen die Wohltäter von ,Kirche in Not‘ immer in unseren Herzen, auch wenn wir tausende Kilometer getrennt sind.“

Das Video mit der Botschaft des Papstes finden Sie unter www.kirche-in-not.de/werke-der-barmherzigkeit.

Um weiterhin Hunger und Durst der Menschen nach Zuwendung und Barmherzigkeit stillen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden –   online unter www.spendenhut.de oder an folgendes Spendenkonto:

Empfänger: KIRCHE IN NOT
LIGA Bank München
IBAN: DE63 7509 0300 0002 1520 02
BIC: GENODEF1M05

Verwendungszweck: Barmherzigkeit

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Quelle

KIRCHE IN NOT: BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN ROM UND MOSKAU (4)

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Ein kurzer Rückfall in die Eiszeit

Man darf nicht vergessen, dass sich ein Jahrtausend der Trennung nicht einfach spurlos auslöschen lässt. Dennoch sind sich alle Seiten einig: Es gibt zu diesem Dialog der Liebe und der Wahrheit keine Alternative. Die Erfahrung zeigt: Aufrichtige Liebe bleibt in den meisten Fällen nicht ohne Echo. Ein orthodoxer Priester schrieb Pater Werenfried zu Beginn dieser Hilfsaktion: „Dies ist ein historisches Ereignis und ein entscheidender Schritt, um Misstrauen und Rivalitäten zu überwinden, auch wenn sich die Geister nicht plötzlich ändern. Derartige Prozesse erfordern viel Zeit, um ins Bewusstsein der Men­schen einzudringen. Ich bin sehr dankbar und gerührt wegen des Verständnisses, das unserer Kirche entgegengebracht wird, und wegen der Demut dieses Entgegenkom­mens. Es ist eine große Hilfe, aber auch eine große Belehrung.“

Dass es im Prozess der Annäherung der beiden Schwesterkirchen nicht nur Sternstun­den, sondern auch Tiefpunkte geben musste, versteht sich von selbst. Anfang Novem­ber 2008 unterstrich Metropolit Kyrill, der „Außenminister“ des Moskauer Patriarchats, der nur drei Monate später selbst Patriarch werden sollte, gegenüber einer hochrangi­gen Delegation von KIRCHE IN NOT, dass das Hilfswerk „auch in schwierigen Zeiten das einzige Band gewesen ist, das unsere Kirchen verbunden hat“, und dankte dafür, dass KIRCHE IN NOT auch dann die Hilfe fortgesetzt hatte, als es nicht leicht war. Er lobte die guten Beziehungen, die KIRCHE IN NOT zu Eparchien, Klöstern, Seminaren und Akademien unterhält.

„Nicht leicht“ war die Situation insbesondere, als der Vatikan entschied, am 11. Februar 2002 die vier Apostolischen Vikariate, die die katholische Kirche in Moskau, Nowosi­birsk, Irkutsk und Saratow eingerichtet hatte, zu Bistümern zu erheben. Das Moskauer Patriarchat war erheblich verstimmt, und zwar vor allem deshalb, weil es ein Abkom­men zwischen dem Patriarchat und dem Vatikan darüber gab, dass der Vatikan in Russ­land keine strukturellen Änderungen durchführen würde, ohne im Vorfeld Kontakt mit dem Patriarchat aufzunehmen. In diesem Fall fühlte sich das Patriarchat nicht recht­zeitig informiert, was zu einer vorübergehenden Eiszeit führte. Die Wellen schlugen hoch, und die Weltpresse stellte sich größtenteils auf die Seite des Vatikans. Damals wurde auch in den Leitungsgremien von KIRCHE IN NOT darüber beratschlagt, ob die Hilfe für die Russische Orthodoxe Kirche fortgesetzt werden solle. Antonia Willemsen erinnert sich an die Situation, in der alles auf der Kippe stand, was in den Jahren zuvor erreicht worden war: „Ich war entsetzt und fürchtete, dass eine übereilte Entscheidung unserer mühevollen Arbeit großen Schaden zufügen konnte. Ich schlug vor, drei Ku­rienkardinäle, darunter Kardinal Ratzinger, um ihre Stellungnahme in dieser heiklen Angelegenheit zu bitten. Ich wurde von Kardinal Ratzinger empfangen. Er nahm sich Zeit, sich das Problem anzuhören, und sagte mir, dass wir selbstverständlich unsere Hilfe jetzt nicht kappen sollten. Ein vorübergehendes Problem dürfe die mühsam auf­gebaute vertrauensvolle Zusammenarbeit nicht zerstören. Er schrieb anschließend noch einen Brief mit Empfehlungen über unsere Zusammenarbeit mit dem Moskauer Patriarchat. Da auch die beiden anderen Kardinäle sich ähnlich positiv zugunsten einer weiteren Zusammenarbeit mit der Russischen Orthodoxen Kirche geäußert hatten, konnten wir die Projektarbeit und die Kontakte mit dem Patriarchat ohne Unterbre­chung weiterführen.“

Antonia Willemsen, die sich viele Jahre lang besonders für den Dialog mit der Russi­schen Orthodoxen Kirche eingesetzt und Russland viele Male bereist hat, wurde von Patriarch Aleksij II. für ihr Engagement mit dem „Orden der heiligen apostelgleichen Fürstin Olga“ ausgezeichnet. Der Patriarch gratulierte ihr mit einem persönlichen Schreiben zu ihrem 65. Geburtstag und schrieb: „Mit Dankbarkeit sehe ich Ihr jahre­langes persönliches Bemühen um die Festigung und Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen KIRCHE IN NOT und der Russischen Orthodoxen Kirche.“ Auch Metropolit Ky­rill gratulierte ihr und verwies auf die langen Jahre der engen Zusammenarbeit: „Wir kennen uns schon lange Zeit, und ich möchte besonders hervorheben, dass Ihre Tätig­keit in der Stellung der Generalsekretärin von KIRCHE IN NOT die Entwicklung der guten Beziehungen zwischen dem von Ihnen geführten Werk und der Russischen Orthodoxen Kirche gefördert hat.“

Bisweilen kann eine Krise auch ein Mittel der Göttlichen Vorsehung sein. Denn die Ver­stimmung, zu der es 2002 durch die Errichtung der Diözesen in Russland kam, führte letztlich dazu, dass Kardinal Ratzinger, dem später als Papst die Ökumene mit der Rus­sischen Orthodoxen Kirche weiterhin ein Herzensanliegen blieb und der sich nur sieben Jahre nach dieser Krise als erster Papst mit einer Ansprache an das russische Volk wen­den sollte, die Direktive gab, dass der Dialog mit der Russischen Orthodoxen Kirche auch auf höchster Ebene geführt werden sollte. Das heißt, zu den vielen Initiativen einer „Ökumene der Liebe“ kam auch die Entwicklung einer Beziehung auf diplomati­scher und bürokratischer Ebene. Im November 2002, nur einige Monate nach dem Be­ginn der Krise, wurde Erzbischof Antonio Mennini zum Apostolischen Nuntius in der Russischen Föderation ernannt. Dies war kein Zufall, denn er hatte sich als Botschafter des Heiligen Stuhls in Bulgarien bereits in einem mehrheitlich orthodoxen Land be­währt und verfügte somit über reiche Erfahrungen, die ihn für seinen Einsatz in Russ­land qualifizierten. Er hatte unter anderem die Reise Papst Johannes Pauls II. nach Bulgarien vorbereitet, die im Mai 2002 stattfand. Während dieser Reise stattete der Papst auch dem bulgarisch-orthodoxen Patriarchen Maxim einen Besuch ab.

Antonia Willemsen sagt: „Erzbischof Mennini hat wirklich eine außerordentliche Arbeit geleistet. Er hat keine Mühe gescheut und ist durch ganz Russland gereist, um sowohl Katholiken als auch Orthodoxe zu besuchen. Wenn er sich mit orthodoxen Bischöfen traf, lud er oft die katholischen Bischöfe zu dem Treffen ein, damit sie ihre orthodoxen Amtsbrüder besser kennenlernen konnten. Er hat alles getan, um ein gutes Verhältnis zu den orthodoxen Bischöfen aufzubauen, und es ist ihm gelungen.“ Sie reiste mit dem Nuntius und Peter Humeniuk im Juni 2004 auf die Klosterinsel Solowetzki, die zu Sow­jetzeiten ein Straflager war. Es war das erste Mal, dass ein katholischer Würdenträger das ehemalige Lager besuchte. Antonia Willemsen erinnert sich: „Es war eine sehr ein­drucksvolle Reise. Dieses ehemalige Lager ist ein grauenvoller Ort. Wir haben die Bot­schaften gesehen, die die Gefangenen in das Holz einer Kapelle eingeritzt hatten. Es war damals Sommer. Wir wurden von den entsetzlichen Mückenschwärmen geplagt, die auch die Gefangenen gepeinigt haben. Noch nach Wochen sieht man die Stiche auf der Haut.“ Schön war die Begegnung mit dem orthodoxen Bischof von Archangelsk, in dessen Eparchie Solowetzki liegt. Antonia Willemsen erinnert sich: „Archangelsk be­deutet so etwas wie ,Stadt des Erzengels‘. Es ist beindruckend, dass die Statue des Erzengels Michael dort auch zu Sowjetzeiten stehenblieb und die Stadt nie umbenannt wurde. Als der Nuntius den orthodoxen Bischof besuchte, erfuhr er, dass es in der Stadt einen katholischen Priester gab, einen Polen. Er gehörte zur Diözese Moskau, aber Moskau ist fast 1000 Kilometer entfernt. So war der Priester bei seiner Ankunft zu dem orthodoxen Bischof gegangen und hatte ihn um seinen Segen gebeten. Bisweilen bat er ihn auch um Rat. Der Nuntius war sehr erfreut, als er hörte, dass dank der Offenheit dieses Priesters der Kontakt zu den Orthodoxen so freundschaftlich und gut war.“

Menninis erfolgreiches diplomatisches Wirken führte dazu, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Moskauer Patriarchat und den entsprechenden vatikanischen Behörden immer enger wurde. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass 2010 die diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls in Moskau in den Rang einer vollen Apos­tolischen Nuntiatur erhoben wurde. Bis dahin bestanden zwischen dem Vatikan und der Russischen Föderation nur Arbeitsbeziehungen auf unterer diplomatischer Ebene. Jesuitenpater Igor Kovalevskij, Generalsekretär und Sprecher der Katholischen Bi­schofskonferenz in Russland, bezeichnete die Einrichtung der vollen diplomatischen Beziehungen zwischen dem Vatikan und der Russischen Föderation als „herausragen­des Ereignis“ des Jahres 2010. Dieser Schritt hat in der Tat eine große Bedeutung für die Katholiken in Russland, denn ihr Status in der russischen Gesellschaft wurde da­durch aufgewertet. Es zeigt sich daran auch, dass der russische Staat gegenüber dem Vatikan eine klare Position bezogen hat, was aus der jüngsten historischen Perspektive gesehen keine Selbstverständlichkeit ist. Dies hat auch eine ökumenische Dimension, denn trotz der Trennung zwischen Staat und Kirche in Russland wäre dieser Schritt nicht ohne die Zustimmung des Moskauer Patriarchats erfolgt. Der Dialog findet so heutzutage auf allen Ebenen statt – von der höchsten diplomatischen Ebene zwischen den Kirchenleitungen bis hin zu den Pfarreien und Seminaren.

 

Rosenkranz auf dem Roten Platz

Es war für Pater Werenfried eine große Gnade, dass er das Ende des Kommunismus in Osteuropa noch erleben durfte. Nie hatte er vergessen, was Papst Pius XII. 1955 wäh­rend einer Privataudienz in Castel Gandolfo zu ihm gesagt hatte: „Jeder rüstet sich für den Krieg, aber fast niemand denkt daran, sich für den Frieden vorzubereiten, wenn dieser plötzlich hereinbricht.“ Dieser Satz hatte sich ihm für immer ins Herz gebrannt und veranlasste ihn dazu, in einer Welt, in der Hass, Unterdrückung und Krieg an der Tagesordnung sind, unverzüglich Vorbereitungen für eine bessere Zukunft zu treffen. Sein Leben lang hatte er sich auf diesen großen Tag vorbereitet. Nun reiste er im Okto­ber 1992 zum ersten Mal nach Russland, um zu sehen, wie er den Christen – den ka­tholischen und den orthodoxen – dabei helfen konnte, das Leben ihrer Kirche aus den Ruinen wiederaufzubauen.

Auf seiner Reise erregte Pater Werenfried aufgrund seines weißen Ordensgewandes Aufsehen. Plötzlich liefen Menschen zusammen, Rufe wurden laut: „Papa rimskij, papa rimskij! Der Papst von Rom!“ Auch wenn es nicht der Papst war, der durch Moskau spa­zierte, war es eine historische Reise. Endlich war wahr geworden, was Pater Werenfried schon Jahrzehnte zuvor vorausgesagt hatte, als es noch kaum jemand für möglich ge­halten hatte: „Die Superporträts der modernen Goliaths, die von allen Kremls so he­rausfordernd auf die Massen herabschauten, sind zerfetzt, und ihre Gebeine werden zu Staub zerfallen. Die Porträts werden den Ikonen Platz machen, und in Ewigkeit wird wahr bleiben, was die Kirche zu Ostern Christus und uns in den Mund legt: Ich bin auf­erstanden und bin noch bei dir. Halleluja. Du hast deine Hand auf mich gelegt. Halleluja. Wunderbar ist deine Weisheit. Halleluja, halleluja, halleluja!“

Einer der Höhepunkte der Reise war, als Pater Werenfried am 13. Oktober 1992 mit ei­nigen Mitarbeitern und Ordensfrauen auf dem Roten Platz in Moskau bei der Wachab­lösung vor dem Lenin-Mausoleum den Rosenkranz betete. Es herrschte schneidende Kälte, aber Pater Werenfried sagte, er habe sich an diesem Tag nicht „achtzig Jahre alt, sondern viermal zwanzig Jahre jung“ gefühlt. Mit lauter Stimme hatte er jahrzehntelang die Wahrheit über den Kommunismus verkündet, und dabei hatte er oft einem Rufer in der Wüste geglichen, denn viele Menschen im Westen wollten es nicht wahrhaben, dass die angebliche „Religionsfreiheit“ die „Befreiung von jeder Religion“, wie es der österreichische Kardinal Franz König 1964 so treffend ausgedrückt hatte, bedeuten sollte. Seine Gegner nannten Pater Werenfried den „letzten General des Kalten Krie­ges“, aber es ging ihm nicht darum, Fronten zu verhärten, sondern er hatte verstanden, dass der Kommunismus seinem Wesen nach „ein Totalaufstand gegen Gott“ ist, und diese Wahrheit predigte er unbeirrt.

Die Kommunisten im damaligen Ostblock hatten ihn ernstgenommen. So entdeckte beispielsweise ein Mitarbeiter Pater Werenfrieds 1962 auf dem „Platz der Oktoberre­volution“ in Prag eine Reihe antikirchlicher Plakate mit Großaufnahmen des 1958 verstorbenen Papstes Pius XII. sowie einiger Kardinäle. Daneben hing auch das Bild Pater Werenfrieds. Darunter stand geschrieben: „Pastor van Straaten ist Kommandant einer kirchlichen Fremdenlegion. Er zieht den Gläubigen Geld und Schmuck aus der Tasche für die Ausbildung von 1500 Priesterspionen. Sie üben sich im Gebrauch von Waffen für den Tag X. Aus diesem Grund hat die Bundesrepublik Deutschland ein Geheimab­kommen mit der katholischen Kirche geschlossen.“ Tito, der kommunistische Diktator Jugoslawiens, hatte sich sogar persönlich beim Vatikan darüber beschwert, dass das von Pater Werenfried gegründete Hilfswerk, das auf Italienisch „Hilfe für die verfolgte Kirche“ („Aiuto alla Chiesa Perseguitata“) hieß, in seinem Land tätig war, obgleich er, wie er behauptete, „die Kirche gar nicht verfolgte“.

Nach vielen Jahren des unermüdlichen Einsatzes für die verfolgte „Kirche des Schwei­gens“ hinter dem Eisernen Vorhang war nun der große Tag da: Pater Werenfried betrat am 10. Oktober 1992 russischen Boden. Sein erster Weg in Moskau führte ihn zum Apos­tolischen Nuntius, Erzbischof Francesco Colasuonno. Antonia Willemsen, die damals dabei war, erinnert sich: „Die Vertretung des Heiligen Stuhls, die erst seit 1990 bestand, war damals noch in einem kleinen Appartement in einem Moskauer Wohnblock unter­gebracht. Die Anfänge waren wirklich sehr einfach.“ Pater Werenfried berichtete dem Vatikanbotschafter von der geplanten ökumenischen Rosenkranzgebetsaktion, die drei Anliegen haben würde: 1) die Bekehrung des materialistischen Westens, die für Pater Werenfried die Voraussetzung für die Neuevangelisierung Russlands war, 2) den Sieg Christi in Russland und 3) die Versöhnung von orthodoxer und katholischer Kirche. Zu diesem Zweck hatte KIRCHE IN NOT auf Russisch und in sechs westeuropäischen Spra­chen ein Rosenkranzbüchlein unter dem Titel „Unter deinem Schutz und Schirm“ he­rausgegeben, auf dessen Titelbild die Ikone der Muttergottes von Kasan abgebildet war und das mit Texten aus der byzantinischen Liturgie angereichert war. Das Büchlein er­schien in einer Gesamtauflage von 500.000 Exemplaren. Papst Johannes Paul II., der die ökumenische Rosenkranzaktion sehr begrüßte, segnete dafür 50.000 Rosenkränze. Pater Werenfried schenkte dem Nuntius ein Exemplar der Broschüre, das dieser mit gro­ßer Freude entgegennahm. Erzbischof Colasuonno legte Pater Werenfried ans Herz, „den Orthodoxen zu helfen, ohne den Kontakt mit den Katholiken zu verlieren, und den Ka­tholiken, ohne die Orthodoxen aus den Augen zu verlieren“. Ersteres war selbstver­ständlich, denn KIRCHE IN NOT unterstützt von jeher die katholische Kirche in ihren Nöten und Bedürfnissen, und es war nie die Rede davon gewesen, die katholischen Bi­schöfe, Priester und Gläubigen in Russland zugunsten der Hilfe für die orthodoxe Kirche zu benachteiligen. Die Aufforderung, den Katholiken zu helfen, ohne die Orthodoxen zu vergessen, bekräftigte hingegen die neue Dimension der Hilfe in Russland. Nach einem gemeinsamen Gebet sagte Erzbischof Colasuonno schließlich: „Wir haben zur Mutter­gottes in dem Anliegen der Wiedervereinigung der Kirchen gebetet. Im Namen des Hei­ligen Vaters segne ich diese Aktion, die Seiner Heiligkeit so sehr am Herzen liegt.“

Pater Werenfried stellte die Initiative sowohl in den katholischen als auch in den or­thodoxen Gotteshäusern vor, die er während seiner Reise besuchte. Zudem wurde der Gebetsaufruf vom staatlichen Radioprogramm „Ostankino“ gesendet, so dass sich ihm katholische und orthodoxe Christen im ganzen Land anschließen konnten. In der St.-Ludwig-Kirche, der einzigen katholischen Kirche, in der zu dieser Zeit in Moskau Gottesdienste abgehalten wurden, feierte er die heilige Messe. Das Gotteshaus befin­det sich in unmittelbarer Nähe der berüchtigten KGB-Zentrale Lubjanka, wo unzählige politische Gefangene verhört, gefoltert und zur Zeit Stalins auch hingerichtet wurden.

Am Nachmittag des 13. Oktobers wurde Pater Werenfried von Patriarch Aleksij II., dem damaligen Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche, empfangen. Die Audienz dauerte eineinhalb Stunden. Pater Werenfried erklärte dem Patriarchen, was KIRCHE IN NOT tut, und äußerte den Wunsch, der orthodoxen Kirche zu helfen und mit ihr ge­meinsam zu beten. Der Patriarch war zwar zunächst zurückhaltend und brachte die beiden Hauptprobleme zwischen der Römischen Katholischen Kirche und der Russi­schen Orthodoxen Kirche zum Ausdruck: die Sorge vor einem Abwerben der orthodo­xen Gläubigen durch die katholische Kirche sowie die Probleme zwischen der orthodoxen und der Griechisch-Katholischen Kirche in der Ukraine. Insgesamt begrüßte er aber die angebotene Hilfe und sagte: „Nach dem Zusammenbruch des totalitären Regimes haben die Menschen begriffen, dass sich ohne ein geistliches und moralisches Fundament kein Leben für morgen aufbauen lässt. Ich danke Ihnen für Ihren Wunsch, der Russischen Orthodoxen Kirche zu helfen, die jetzt nach Jahrzehnten der Verfolgung und des Leids eine schwere Zeit des Wiederaufbaus durchläuft.“ Er gab der Initiative seinen Segen und ermutigte Pater Werenfried ausdrücklich dazu, mit den Orthodoxen in Kontakt zu kommen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Audienz endete mit Heiterkeit. Als der Patriarch, der einer deutsch-baltischen Familie entstammte, Pater Werenfried auf Deutsch fragte, ob er Deutsch könne, bejahte es Pater Werenfried, und als er zurückfragte: „Und Sie?“, ihm aber im selben Augenblick klar wurde, dass der Patriarch ihn ja auf Deutsch angesprochen hatte, fingen beide Männer zu lachen an. Sie verabschiedeten sich mit einer herzlichen Umarmung.

Während seiner Reise besuchte Pater Werenfried die orthodoxe theologische Akademie im Dreifaltigkeitskloster von Sergijew Possad, das zu Sowjetzeiten in Sagorsk umbe­nannt worden war. Das Kloster, das eines der wichtigsten geistlichen Zentren der Rus­sischen Orthodoxen Kirche ist, wurde um das Jahr 1340 vom heiligen Sergij von Radonesch gegründet, einem der größten russischen Heiligen. Sein weltlicher Name war Warfolomej (Bartholomäus). Geboren wurde er im Jahr 131o. Seine Eltern waren fromme Bojaren (Adelige) aus Rostow. Aus seinem Leben wird berichtet, dass er sich als Kind schwer damit tat, lesen und schreiben zu lernen, und daher in der Schule viel zu leiden hatte. Eines Tages begegnete er auf seinem Schulweg einem ehrwürdigen Priestermönch, der ihn segnete und ihm versprach, von nun an werde Gott ihm helfen. Der Junge lud ihn in sein Elternhaus ein. Dort empfingen ihn die Eltern des Jungen mit großer Ehrerbietung. Nach dem gemeinsamen Mahl reichte der alte Mönch dem Kna­ben das Stundenbuch und forderte ihn auf, daraus vorzulesen. Der Junge sagte, er könne nicht lesen, aber nachdem er den Segen des Mönches empfangen hatte, staun­ten alle, denn er las die Psalmen klar und fehlerlos. Als der alte Mönch das Haus verließ, sprach er: „Dieses Kind wird zur Wohnstatt der Heiligen Dreifaltigkeit werden und eine große Zahl von Menschen zur Erkenntnis des göttlichen Willens führen.“ Als Warfolomej 23 Jahre alt war und seine Eltern gestorben waren, richtete er im Wald eine Einsiedelei mit einer kleinen Kirche ein, die der Heiligsten Dreifaltigkeit geweiht wurde. Er nahm als Mönch den Namen Sergij an und lebte in strengster Askese und unablässigem Gebet. Es wird berichtet, dass ihm eines Nachts, als er vor der Ikone der Muttergottes den Akathistos-Hymnus sang, die Heilige Jungfrau erschien, die von den Aposteln Pe­trus und Johannes begleitet wurde. Der heilige Sergij warf sich nieder, doch die Got­tesmutter berührte ihn mit ihrer Hand und sagte: „Fürchte dich nicht, mein Auserwählter! Ich bin gekommen, weil ich dein Gebet für deine Jünger und diesen Ort gehört habe. Von nun an werde ich dein Kloster nicht mehr verlassen und es beschüt­zen, solange du lebst, und auch danach.“ Mit der Zeit verbreitete sich die Nachricht, dass auf sein Gebet hin Wunder und Heilungen geschehen würden. So pilgerten Hilfe­suchende aus ganz Russland zu ihm. Zu den Ratsuchenden gehörte auch der Moskauer Fürst Dimitrij Donskoj, der 1380 den Heiligen aufsuchte, um für die entscheidende Schlacht gegen die Tataren um seinen Segen zu bitten. In der Tat besiegte Fürst Dimitrij am 8. September 1380 auf dem Kulikowo Pole (Schnepfenfeld) die Tataren, unter deren Joch das Land seit dem 13. Jahrhundert gestanden hatte. Seitdem stand das Dreifal­tigkeitskloster unter der besonderen Obhut der Moskauer Fürsten.

Im Laufe der Zeit schlossen sich dem heiligen Sergij immer mehr Mönche an. Seine Schüler und Nachfolger, unter denen siebzig waren, die heiliggesprochen wurden, grün­deten fünfzig neue Klöster in ganz Russland. Am 25. September 1392 entschlief der Heilige im Alter von 78 Jahren. Abgebildet wird der heilige Sergij von Radonesch oft mit einem zutraulichen Bären, denn die wilden Tiere taten ihm nichts zuleide. Die Le­gende erzählt, dass der Heilige mit einem hungrigen Bären seine karge Brotration teilte. Bis heute ist das Grab des Heiligen eine der bedeutendsten Pilgerstätten Russlands.

Das Dreifaltigkeitskloster war eines der wenigen Klöster, die auch zu Sowjetzeiten nicht geschlossen wurden. Es diente den Kommunisten als „Vorzeigeobjekt“, um gegenüber dem Westen zu beweisen, dass das kirchliche Leben nicht eingeschränkt wurde. Ob­wohl das Kloster daher in einem besseren Zustand war als viele andere, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der Kirche als Ruinen zurückerstattet wurden, brauchte vor allem die Geistliche Akademie dringend Hilfe bei der Ausbildung der an­gehenden Priester. Der Prorektor begrüßte Pater Werenfried herzlich und lud ihn ein, bald wiederzukommen und zu den Hunderten Seminaristen zu sprechen. Zum Abschied umarmten sich die beiden Männer herzlich.

Pater Werenfried ließ es sich trotz des Schneeregens nicht nehmen, am Grab des er­mordeten orthodoxen Priesters Aleksandr Men in Nowaja Derewnja zu beten, das ganz in der Nähe von Sergijew Possad gelegen ist. Am 9. September1990, einem Sonntag, hatten die zum Gottesdienst versammelten Gläubigen vergeblich auf ihren Priester ge­wartet. Er war nur wenige Schritte von seinem Haus entfernt von einem Unbekannten mit einem Beil niedergeschlagen worden. Der Mörder wurde nie gefunden. „Das Eigene lieben, heißt nicht, das Fremde hassen“, war einer der Leitsätze seines Lebens. Er hatte von jeher den Dialog gesucht, hatte Wege der geistlichen Erneuerung gesucht und hatte auch in der katholischen Kirche viele Freunde.

Aleksandr Men war 1960 zum Priester geweiht worden. In der sogenannten „Tauwet­terperiode“ wurde zwar den Intellektuellen etwas mehr Freiheit gewährt, aber die Ver­folgung der Kirche nahm unter Chruschtschow wieder brutalere Ausmaße an: Von den 10.000 Kirchen, in denen nach dem Tod Stalins 1953 wieder Gottesdienste gefeiert wur­den, war 1959 die Hälfte wieder geschlossen. Auch Klöster und Priesterseminare wur­den wieder aufgehoben. Zwar gab es im Gegensatz zur Vergangenheit nur noch wenige Todesurteile, aber es wurden jedes Jahr Hunderte Gläubige verhaftet. Die Medien führ­ten eine Hetzkampagne gegen den christlichen Glauben. Die zahlreichen von Aleksandr Men verfassten theologischen und geistlichen Bücher wurden daher zu Sowjetzeiten teils als hand- oder maschinengeschriebene Abschriften von Hand zu Hand weiterge­reicht, teils mit Unterstützung der „Ostpriesterhilfe“ (heute KIRCHE IN NOT) unter Pseu­donymen in Belgien gedruckt und von ausländischen Reisenden in die Sowjetunion geschmuggelt.

Nun stand Pater Werenfried am Grab dieses großen Priesters, der am Abend vor seiner Ermordung bei der Eröffnung der von ihm gegründeten „Offenen orthodoxen Universi­tät“ noch gesagt hatte: „Im Christentum ist die Welt geheiligt, während das Böse, die Sünde und der Tod besiegt sind. Aber der Sieg gehört Gott. Er begann am Morgen der Auferstehung und dauert fort, solange die Welt besteht.“

Neue Freunde

Papst Johannes Paul II. ließ sich am 25. Januar 1993 von Pater Werenfried persönlich über die Ergebnisse seiner ersten Russlandreise berichten und war hocherfreut über den Erfolg der Begegnungen. Bei dieser Gelegenheit unterstrich der Papst noch einmal, dass „der Weg zur Einheit der Christen in Russland nicht über die Abwerbung von or­thodoxen Gläubigen, sondern über die Zusammenarbeit und den brüderlichen Dialog führen“ müsse.

Einen wirklichen Freund hatte Pater Werenfried in dem damals erst 46-jährigen ortho­doxen Erzbischof von Nowgorod gefunden, der drei Jahre lang am „Päpstlichen Kolle­gium Russicum“ in Rom studiert hatte und daher von Jugend an gute Kontakte zur katholischen Kirche hatte. Die Eparchie von Nowgorod besteht bereits seit dem Jahr 989, das heißt, sie wurde nur ein Jahr nach der Taufe der Rus‘ eingerichtet. Erzbischof Lew, der 2012 zum Metropoliten ernannt wurde, lud Pater Werenfried im Oktober des­selben Jahres während der feierlichen Liturgie zum Fest des heiligen Fürsten Wladimir, des „Wundertäters von Nowgorod“, der das Volk der Rus‘ christianisiert hatte, ein, den Altarraum hinter der Ikonostase zu betreten. Dies war eine sehr hohe Ehre, da normalerweise nur orthodoxe Priester den Altarraum betreten dürfen. Er gestattete ihm auch, durch die „Königstür“ zu treten und vor Hunderten Gläubigen zu predigen. Die Königstür ist die mittlere und größte der drei Türen der Ikonostase. Sie heißt so, weil durch sie „der Herr der Herrlichkeit selbst, Jesus Christus, in Gestalt der Heiligen Gaben schreitet“. Pater Werenfried sprach mit großer innerer Bewegung zu den Gläubigen, und man konnte ihm ansehen, was für ein großer Augenblick es für ihn war.

Im Gespräch mit Pater Werenfried sagte Erzbischof Lew: „Ihr Name KIRCHE IN NOT entspricht genau unserer Situation. Ich hoffe und glaube, dass wir aus dieser Lage herausfinden werden.“ Pater Werenfried sagte ihm seine Hilfe zu und erwiderte: „Wenn es eine Kirche gibt, die der Russischen Orthodoxen Kirche helfen muss, so ist es die Römische Katholische Kirche. Tausend Jahre waren wir eins. Wir haben denselben Glau­ben, dieselben Sakramente, wir sind dazu bestimmt, wieder eins zu werden. Wir müs­sen einander lieben, gemeinsam das Evangelium verkünden und zusammen aus den Ruinen dieses Jahrhunderts wieder aufstehen.“ Erzbischof Lew nahm diese Beteuerung mit sichtlicher Freude auf. Gemeinsam überquerten die beiden neuen Freunde die ma­rode Brücke, die zum lwerski-Kloster führt, das auf einer Insel im Waldai-See liegt. Im Jahr der Oktoberrevolution verbrannten mehr als 400 Bücher der Klosterbibliothek. Mutige Einwohner von Waldai retteten viele Bücher und Kunstschätze. Das Kloster wurde 1927 geschlossen und als Werkstätten, Krankenhaus, Schule und Sanatorium genutzt. 1991 wurden der Kirche die Gebäude zurückerstattet und das Kloster wieder­eröffnet. Pater Werenfried war erschüttert von dem „Ort der Verwüstung“, als den er das zurückerstattete Kloster vorfand. Zu der Zeit lebten dort nur zwei Mönche und zwei Novizen, die, wie Pater Werenfried schrieb, „mit einem Glauben, der Berge versetzt, ihre Zeit mit Gebet und Trümmeraufräumen verbringen.“ „Wir reparieren das Kloster und unsere Seelen“, sagte ihm der Abt.

Zwei Jahre später reiste Pater Werenfried im Alter von einundachtzig Jahren noch einmal nach Russland. Diesmal führte ihn seine Reise, die vom 28. August bis 12. September 1994 dauerte, bis nach Sibirien. Johannes Paul II. hatte zwei Monate zuvor, am 13. Juni 994, die Kardinäle, die zum außerordentlichen Konsistorium nach Rom berufen worden waren, noch einmal dazu aufgerufen, „Vertrauen zu haben, dass sie [die Muttergottes] uns nach der Logik ihres mütterlichen Herzens helfen wird, Wege des gegenseitigen Einvernehmens zwischen dem katholischen Westen und dem orthodoxen Osten zu finden“. Darin bestehe in Hinblick auf das Jahr 2000 „vielleicht unsere größte Aufgabe“. Pater Werenfried ließ sich die Gelegenheit, diese Wege selbst im fernen Sibirien zu suchen, nicht entgehen. „Dutzende Male habe ich vor orthodoxen Gläubigen, Mönchen, Schwestern, Priestern, Professoren und Journalisten gesprochen oder in Dörfern und Weilern die kleine Herde Jesu getröstet, die nur selten ein katholischer oder orthodoxer Priester besucht“, berichtete er. Als einen Höhepunkt seiner Reise be­rachtete er die Begegnung mit rund einhundert Studentinnen und Studenten an der orthodoxen theologischen Fakultät der Universität zu Omsk. Diese „frischen und un­ierbrauchten jungen Menschen“ hätten ihn „mit Fragen bestürmt“, freute sich Pater Nerenfried.

Traurig machte ihn eine andere – wenn auch nicht weniger herzliche – Begegnung: „Wir besuchten die Gemeinschaft eines einzigen orthodoxen Priestermönches mit seinen sechs Novizen. In bitterer Armut bewohnten sie ein zerfallenes Holzhaus und bauen seit zwei Jahren die Klosterkirche wieder auf. Mit einem Stiefel, der als Blasebalg dient, fachten sie ein Feuer an und boten uns glühend heißen Tee aus einem Samowar an, der schon bessere Zeiten gesehen hatte. Im Freien, an einem wackeligen Tisch, bewir­teten sie uns – wir waren zu zwölft – mit Brot, Honig, Kuchen, Hühnerschenkeln, Äpfeln und Tomaten. Der Superior bat uns um unser Gebet, auf dass Erzbischof Feodosi ihm bald einen zweiten Priester schicken möge. Wir konnten ihm nur, wie so oft auf unserer Reise, Eure Beihilfe zum Lebensunterhalt und eine Extraspende für Baumaterial für die Kirche aushändigen.“

Besonders eindrucksvoll war für Pater Werenfried der Besuch des ehemaligen Lagers von Atschaïr, wo zwischen 1937 und 1953 mindestens 200.000 Häftlinge umgebracht wurden oder durch die grausamen Haftbedingungen zu Tode kamen. Eine alte Nonne erzählte Pater Werenfried, dass jede Nacht um vier Uhr die Toten und oft auch noch Sterbende aus den Baracken geholt wurden. Sie wurden mit Pferdekarren zu Massengräbern gebracht. „Oft wurde keine Erde darauf geworfen, damit die Schweine dei Wächter das menschliche Futter fressen konnten. So wurden die Gebeine der Opfer über das ganze Gelände verteilt“, berichtete ihm die Ordensfrau. Diejenigen Häftlinge, die zum Tode verurteilt wurden und wussten, wann sie sterben würden, verabredeter sich jedoch dazu, vor ihrer Hinrichtung Samen eines Badjarka-Strauches in die Hände zu nehmen. Sie nahmen diese Samen mit in das vorher von ihnen selbst ausgehobene Grab. Heute bedecken dornige Badjarka-Sträucher das ganze Gelände. „Und unter jedem Strauch ruhen die Gebeine eines Hingerichteten“, erzählte Pater Werenfried. Das Lager wurde 1953 nach Stalins Tod geschlossen und der Sowchose angegliedert. Diese wurde später von Witali Meschtschernikow geleitet, dessen Vater Dimitrij wie durch ein Wunder die Befreiung um acht Monate überlebt hatte. So wusste Witali genau, was dort geschehen war. Er verbot, das Gelände zu teilen und zu bearbeiten. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erklärte Erzbischof Feodosi von Omsk diese Erde für heilig, und Dimitrijs Sohn sorgte dafür, dass das ganze Gelände der or­thodoxen Kirche geschenkt wurde. Es sollte eine Gedenkstätte werden, wo für die Toten und ihre Henker gebetet und die Erinnerung an die Gräuel der Stalinzeit für die Nach­welt erhalten bleiben sollte. In der Kapelle, die damals schon dort errichtet worden war, feierte Erzbischof Feodosi mit seinen Begleitern die Göttliche Liturgie. Pater We­renfried schrieb darüber: „Es war eine ergreifende Verbrüderung, als die Brandung der orthodoxen Gesänge durch unsere westlichen Herzen hindurch an die Küste von Gottes Ewigkeit schlug und glorreiche Weihrauchwolken entlang der noch kahlen Wände der Kapelle zum Himmel emporstiegen. Hier wurde Feodosi für immer mein Freund. Er schenkte mir seinen Bischofsstab, und ich schwor in meinem Herzen, dass diese Ge­denkstätte auch durch lateinische Liebe zustande kommen wird. Denn nicht nur Rus­sen, sondern auch Söhne aller europäischen Völker haben hier im gemeinsamen Kreuztragen die Glorie der Auferstehung, die Gnade der Versöhnung und die Einheit zweier Schwesterkirchen vorbereitet.“

Diese Reise vermittelte Pater Werenfried auch ein Bild davon, wie wichtig es war, die Priesterausbildung und die Katechese zu unterstützen. An dem Tag, an dem Pater We­renfried Nowosibirsk besuchte, wurden in der orthodoxen Kathedrale der Stadt zwanzig Menschen getauft, darunter ein Kosakenoffizier mit zehn Soldaten seines Regiments. Pater Werenfried schrieb: „Die Felder stehen in voller Ernte. Mit Recht hat der Papst jede Form des Proselytismus verboten. Müssen wir dann nicht helfen bei der Ausbil­dung orthodoxer Priester, die imstande sind, ihre Täuflinge zu unterrichten? Oft werden sie ohne Vorbereitung getauft — wie die allerersten Christen oder wie die Heiden, die während der Christianisierung Europas zusammen mit ihren Fürsten die Taufe empfin­gen. Wir können nur darauf vertrauen, dass der Heilige Geist alles das tun wird, wofür jetzt keine Priester verfügbar sind.“ Eine persönliche Begegnung während dieser Reise bestärkte ihn in diesem Eindruck. Antonia Willemsen berichtet, dass Pater Werenfried und seine Mitreisenden von einer jungen Dolmetscherin namens Lena begleitet wur­den. Ihre Familie war aus dem Baltikum deportiert worden. „Lena nahm jeden Tag mit uns an der heiligen Messe teil. Am Ende sagte sie zu Pater Werenfried, dass sie sich taufen lassen wolle. Pater Werenfried fragte sie, in welcher Kirche sie getauft werden wollte, und sie antwortete: ,In der orthodoxen‘. Eines Tages erfuhren wir, dass sie kurz darauf getauft worden war. Wir wunderten uns darüber, dass es so schnell gegangen war, aber der Bischof sagte uns: ,Was sollen wir machen? Wenn wir abwarten, bis wir in der Lage sind, eine richtige Katechese durchzuführen, kommen die Sekten, und dann sind die Leute weg. So taufen wir sie und hoffen, dass wir eines Tages die Katechese nachholen können.'“

Am 8. September 1994, dem katholischen Fest Mariä Geburt, wurde Pater Werenfried von Patriarch Aleksij II. zum zweiten Mal in einer eineinhalbstündigen Audienz emp­fangen, die in einer herzlichen und freundschaftlichen Atmosphäre verlief. Seit der ers­ten Begegnung im Oktober 1992 hatten zahlreiche orthodoxe Bischöfe dem Patriarchen bestätigt, dass die Sorge, es könnten durch diese Hilfsaktion orthodoxe Gläubige abgeworben werden, unbegründet sei. So gab er der Initiative nun – zwei Jahre später – noch einmal seinen Segen. Er brachte seine Dankbarkeit zum Ausdruck und versi­cherte: „Ihre Aktion fördert die Annäherung zwischen der orthodoxen und der katho­lischen Kirche. Ich glaube, dass es keine einseitige Hilfe bleiben wird.“ Er bat Pater Werenfried darum, weiterzumachen. Seitdem erneuert das Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche Jahr für Jahr seinen Segen für diese Hilfsaktion, die vor allem dazu dient, „die Liebe wiederherzustellen“.

Zwei Monate nach seiner zweiten Reise nach Russland erlitt Pater Werenfried einen Herzinfarkt. Später sagte er, er sei davon überzeugt, dass sein Überleben einen Sinn hatte: „Ich denke, dass Gott mich an der Schwelle des Todes zurückgeholt hat, weil der Einsatz unseres Werkes für die Versöhnung zwischen der katholischen und der or­thodoxen Kirche noch nicht beendet ist.“ Und in der Tat durfte er die Entwicklung dieser Aktion, die er als seine „letzte und größte Freude“ bezeichnet hatte, noch acht Jahre lang miterleben. In dieser Zeit vertieften sich die Freundschaften, die er während seiner Reisen nach Russland geschlossen hatte.

Als Pater Werenfried van Straaten am 31. Januar 2003 im Alter von 90 Jahren starb, schrieb Patriarch Aleksij II. in seinem Kondolenzbrief: „Unser Herz empfindet einen schmerzlichen Verlust. Viele Jahrzehnte lang war die Tätigkeit von Pater Werenfried ein Symbol für den wohltätigen Dienst am Nächsten und die Selbstaufopferung bei der Verteidigung der wahren Werte der christlichen Zivilisation in einer Welt, die ihre geist­lichen Grundlagen verliert. Wir beten darum, dass der Schöpfer des Himmels und der Erde die Seele des jüngst verstorbenen Knechtes aufnehmen möge, dort wo ,es keine Krankheit, keine Trauer und keinen Seufzer gibt‘. Ihm sei ewiges Gedenken!“

Noch heute ist Pater Werenfried in Russland wohlbekannt, und es wird viel von ihm ge­sprochen. So besuchte beispielsweise Metropolit Filaret von Minsk in Weißrussland, einer der höchsten Würdenträger der Russischen Orthodoxen Kirche, bereits mehrfach sein Grab. Anlässlich Pater Werenfrieds 10. Todestages und 100. Geburtstages im Januar 2013 nannte Metropolit Filaret ihn einen „wunderbaren Menschen“, der dessen würdig sei, „ein Mitarbeiter Christi an Seinem Ruhm genannt zu werden“. Pater Werenfrieds Name sei nicht nur den Gläubigen der christlichen Konfessionen in der ganzen Welt be­kannt, sondern er habe sich durch seine „selbstlosen Taten der Barmherzigkeit und der Hilfe auch die Anerkennung der Weltgemeinschaft“ erworben.

Immer wieder kommen orthodoxe Gäste nach Königstein und beten an Pater Weren­frieds Grab, so auch Bischof Kliment von Krasnoslobodsk, der es sich bereits vor eini­gen Jahren als noch junger Abt nicht nehmen ließ, nach Königstein zu kommen, um sich für die Hilfe zu bedanken, die er empfangen hatte. Tief bewegt küsste er den Ge­denkstein auf Pater Werenfrieds Grab und sagte: „Es ist mir eine große Ehre gewesen. Ich danke diesem großen Menschen von Herzen. Bei Gott gibt es keine Toten. Ich bin mir sicher, dass Pater Werenfried weiterhin für KIRCHE IN NOT betet.“

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Quelle: Buch „Brückenschlag zwischen Rom und Moskau – Zwei Jahrzehnte Versöhnung und Aufbauhilfe für die Russische Orthodoxe Kirche“ von Eva-Maria Kolmann, KIRCHE IN NOT /Ostpriesterhilfe Deutschland e.V., München, 1. Auflage 2014.

KIRCHE IN NOT: BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN ROM UND MOSKAU (3)

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Ökumene der Märtyrer

1994 hatte Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel die Meditationen für den Kreuz­weg geschrieben, der, wie jedes Jahr, am Karfreitag im römischen Kolosseum vom Papst und Tausenden Gläubigen gebetet wurde. In seiner Ansprache dankte Papst Johannes Paul II. dem Patriarchen und sagte: „Mir kamen all die anderen Kolosseen in den Sinn, die so zahlreich sind, die anderen ‚Hügel der Kreuze‘, die auf der anderen Seite sind, im europäischen Teil Russlands, überall in Sibirien, die vielen Hügel der Kreuze und Kolosseen der modernen Zeit. Heute möchte ich meinem Bruder aus Konstantinopel und allen unseren östlichen Brüdern und Schwestern sagen: Ihr Inniggeliebten, wir sind vereint in diesen Märtyrern aus Rom, in denen vom ‚Hügel der Kreuze`; den Solo­wetzki-Inseln und vielen anderen Vernichtungslagern. Wir sind vereint vor dem Hinter­grund dieser Märtyrer, wir können nicht anders, als eins zu sein.“ In seinem Apostolischen Schreiben zum Jubiläumsjahr 2000, das unter dem Titel „Tertio millennio adveniente“ erschien, vertiefte Papst Johannes Paul II. diesen Gedanken: „Der Öku­menismus der Heiligen, der Märtyrer, ist vielleicht am überzeugendsten. Die communio sanctorum, Gemeinschaft der Heiligen, spricht mit lauterer Stimme als die Urheber von Spaltungen.“ Das Thema war bereits in seiner Ökumene-Enzyklika, die 1995 unter dem Titel „Ut unum sint“ erschienen war, präsent.

Den Gedanken der „Ökumene der Märtyrer“ griff Papst Benedikt XVI. in seiner Rede an das russische Volk auf. Er sagte den Russen, der Horizont ihres Landes, der im ver­gangenen Jahrhundert „vom Schatten des Leidens und der Gewalt verdunkelt“ wurde, sei „durchkreuzt und besiegt [worden] vom glänzenden Licht so vieler orthodoxer, ka­tholischer und andersgläubiger Märtyrer, die in der Unterdrückung durch schreckliche Verfolgungen gestorben sind. Die Liebe zu Christus bis zum Martyrium, die ihnen ge­meinsam ist, erinnert uns an die drängende Notwendigkeit, die Einheit der Christen wiederherzustellen, eine Pflicht, der sich die Katholische Kirche unwiderruflich ver­pflichtet fühlt.“

Nach der Oktoberrevolution von 1917 brennen Ikonen, Kelche werden entweiht, Kreuze von den Kirchtürmen gerissen, Glocken zerschellen auf dem Boden. Der kommunisti­sche Pöbel steht höhnend dabei, während entsetzte Gläubige auf dem nackten Erdbo­den knien, sich bekreuzigen und Gott um Erbarmen anflehen. Dies ist der Anfang einer beispiellosen Christenverfolgung, die über das „heilige Russland“ hereinbrach. Unzäh­lige Kirchen werden gesprengt oder in Kinos, Klubs, Schwimmbäder oder Lagerräume umgewandelt. Es ist kein Geheimnis, dass die Kommunisten mit besonderer Vorliebe die Toiletten dort einbauten, wo zuvor die Ikonostase den Altarraum, der nur den Pries­tern zugänglich ist, verbarg. Auch die Sprungbretter von Schwimmbädern fanden sich dort, wo zuvor die heiligen Gaben von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi gewandelt wurden. Berühmt sind die Bilder der Christus-Erlöser-Kathedrale, die 1931 gesprengt wurde. Noch heute stockt einem der Atem, wenn man die historischen Film­aufnahmen aus dieser Zeit anschaut. Zunächst sollte an dem Ort, wo sie gestanden hatte, ein „Palast der Sowjets“ entstehen, dieser Plan wurde jedoch nicht in die Tat umgesetzt, und es entstand ein großes Schwimmbad. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konnte die Kathedrale wiedererrichtet und 2001 neu eingeweiht werden.

Von den ca. 60 000 Gotteshäusern, in denen vor der Oktoberrevolution in Russland die Göttliche Liturgie gefeiert wurde, waren zwanzig Jahre später nur noch 100 übrig. Allein in den ersten beiden Jahren nach der Oktoberrevolution wurden 15 000 Priester getötet. Mehr als 300 Bischöfe wurden hingerichtet oder starben in Gefangenschaft. Die Klos­terinseln von Solowetzki, wo seit dem 15. Jahrhundert Mönche lebten, wurden zum Konzentrationslager. Die Inseln — eine Hauptinsel, fünf weitere größere Inseln sowie zahlreiche kleine Inseln — liegen nur 150 Kilometer entfernt vom Polarkreis im Weißen Meer. Der Winter dauert hier acht Monate, die Polarnächte scheinen endlos zu sein. Dennoch blühte hier jahrhundertelang das klösterliche Leben, und das Kloster wurde zu einem der wichtigsten geistlichen Zentren Russlands. Die lkonenmalerei und ande­res Handwerk wurde mit großer Kunstfertigkeit gepflegt. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden sieben Kirchen errichtet, und im 17. Jahrhundert lebten hier 300 Mönche. Zu dieser Zeit entstanden auf den Inseln auch zahlreiche Einsiedeleien. 1920 begann mit der Ankunft der Bolschewiki die Zwangsauflösung. Fast alle Kirchen wurden geschlossen, die Ikonen und die umfangreiche Bibliothek beschlagnahmt. 1923 brannte das alte Kloster ab. Ein Lager zur „Umerziehung zu neuen Menschen“ wurde errichtet. Alexander Solschenizyn schreibt in seinem weltbekannten Buch „Archipel Gulag„: „Verstummt waren die Glocken, verloschen die Öllämpchen vor den Heiligen­bildern, die Kerzenständer ohne Kerzen, und keine große Liturgie wurde mehr gesun­gen, kein Abendgottesdienst mehr abgehalten, niemand murmelte mehr den Psalter durch die Tage und Nächte, die Ikonostasen verfielen (in der Verklärungskirche blieb eine übrig), dafür aber kamen im Juni 1923 wackere Tschekisten herbeigeeilt (…). Der Auftrag lautete, ein mustergültig strenges Lager, den Stolz des Arbeiter- und Bauern­paradieses, zu errichten.“ Nahezu die gesamte geistige Elite des vorrevolutionären Russlands saß hier ein. Unter den Häftlingen, die in diesem Lager litten, war auch der Großvater des heutigen russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, der ebenfalls orthodo­xer Priester war. Er überlebte die Haft, war aber insgesamt in 46 verschiedenen Lagern und Gefängnissen inhaftiert und wurde siebenmal deportiert.

Felix Ackermann schreibt in seinem Beitrag „Von der Klosterinsel zu einer Insel im Gulag“: „Solowki war damals eine heimliche geistige und geistliche Hauptstadt Russ­lands. Selten zuvor waren auf so engem Raum so viele Denker, Künstler und Geistliche versammelt, wie auf den Solowki der 20er Jahre. Und dennoch stand über dem Lager­eingang: ,Mit eiserner Hand die Menschheit ihrem Glück entgegentreiben‘. Die Häft­linge lebten zusammengepfercht in den kargen Mönchszellen, die Urkas, Häftlinge aus dem Verbrechermilieu, trieben bereits ihr Unwesen. Es gab verschiedene Straflager, Karzer, Isolationszellen, Sterbetrakte. So wurde die Kapelle auf dem Axtberg zu einer Todesstätte, in der man die Lagerhäftlinge drangsalierte. Sie schliefen auf dem Stein­boden in mehreren Lagen, am Morgen wachten viele, erfroren oder zertreten, nicht mehr auf. Die Aufseher zwangen die Häftlinge, nackt im Freien zu verweilen, wo sie von den Mückenschwärmen förmlich zerfressen wurden oder im Schnee der eisigen Kälte ausgesetzt waren. Frauen wurden oft zu Freiwild für die Urkas, wurden sie schwanger, kamen sie zuerst auf die Kleine Haseninsel und zum Entbinden in die Einsiedelei am Berg Golgata, wohin auch die Typhuskranken transportiert wurden. Hunderte starben Ende der zwanziger Jahre an der Seuche, ihre Leichen liegen noch heute am Fuße des Berges verscharrt.“ Einer der Tausenden, die hier litten und starben, war der heilige Peter Zverev, der Erzbischof von Voronezh. Er wurde 1926 verhaftet und verbüßte auf der Insel Anser drei Jahre Lagerhaft, bevor er an Typhus starb. Als sein Leichnam be­graben wurde, erschien der Heilige den Umstehenden in einer Lichtsäule und segnete sie. In der Nähe des Ortes, wo er gestorben war — der Einsiedelei am Berg Golgata ­wuchs eine Birke in Form eines Kreuzes.

Der im Dezember 2008 verstorbene Patriarch Aleksij II., der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor der schweren Aufgabe stand, die Russische Orthodoxe Kirche wie­der auferstehen zu lassen, schrieb noch kurz vor seinem Tod, die Zahl der Märtyrer sei nur mit der im alten Rom vergleichbar. Wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der Russischen Orthodoxen Kirche 2500 Heilige verehrt, davon 450, die aus Russland stammten, sollte die Zahl ihrer Bekenner und Märtyrer im zwanzigsten Jahrhundert in die Hunderttausende gehen. Die meisten davon werden für immer unbekannt bleiben. Im Januar 2004 wurden jedoch 1420 Märtyrer des 20. Jahrhunderts offiziell heiliggesprochen, darunter auch Patriarch Tichon, der 1925 unter ungeklärten Umständen im Gefängnis starb. Von anderen Märtyrern ist bekannt, wie sie starben. Der Bischof von Perm und Solikams Theophan (Ilmenskyi) wurde 1918 an den Haaren aufgehängt und nackt bei minus 30 Grad immer wieder in den Fluss getaucht, bis er starb und sein Leichnam mit Eis bedeckt war. Auch der heilige Hermogen Dolganev, der Bischof von Tobosk, wurde ertränkt. Er wurde nach Mitternacht auf dem Fluss Tura mit einem Stein um den Hals aus einem Boot gestoßen. Der heilige Konstantin Podgorskyi, der Priester in Kirzhemany war, wurde 1918 gezwungen, einen Pferdekarren durchs Dorf zu ziehen. Er wurde zudem stundenlang geschlagen, sein Schädel wurde gebrochen, seine Finger abgehackt, und schließlich wurde er an der Tür seiner Kirche gekreuzigt. In den 1980er Jahren wurde sein Leichnam unversehrt aufgefunden. Auch sein Evangeliar, seine Klei­dung und seine Schuhe waren wie neu. Der heilige Konstantin Bogoyavlenskyj, der Pfarrer der St.-Michael-Kirche in Merkushino, wurde 1918 von Kommunisten dazu ge­zwungen, sein eigenes Grab zu schaufeln. Als er fertig war, schossen sie ihm in den Kopf. Auch sein Leichnam wurde unversehrt aufgefunden. Bis zum Ende der Sowjet­union sollte eine halbe bis eine Million Menschen — darunter bis zu 320 000 Priester ­für ihre Treue zu Christus mit schwerstem Leid, Gefangenschaft oder sogar mit dem Leben bezahlen.

Trotz des unvorstellbaren Leids sagen manche Priester und Gläubige, dass die Zeiten der Verfolgung „schöner“ waren als das Leben in Freiheit. Denn unter diesen widrigen Umständen war die Einheit bereits Wirklichkeit. Katholische und orthodoxe Christen beteten nicht nur gemeinsam, sondern es war ihnen sogar erlaubt, in dieser Notlage die Sakramente von einem Priester der jeweils anderen Kirche zu empfangen.

Wenn man von der „Ökumene der Märtyrer“ spricht, darf man aber auch nicht verges­sen, dass die Christenheit bis zum Jahr 1054 ungeteilt war. Das heißt, der katholischen und der orthodoxen Kirche ist eine sehr große Zahl an Heiligen gemeinsam, die noch aus der Zeit der ungeteilten Kirche stammen. Selbst der heilige Benedikt von Nursia, den viele als Gründer des Benediktinerordens für „typisch katholisch“ halten, wird in der orthodoxen Kirche verehrt, genauso wie Papst Gregor der Große. Besonders sind es aber die Blutzeugen, die in den römischen Christenverfolgungen ihr Leben hingaben und auf deren Gräbern die ersten Christen die heilige Eucharistie feierten, die die Kir­chen bis heute verbinden. „Deine Märtyrer, Herr, haben durch ihren Kampf die unver­gängliche Siegeskrone von Dir, unserem Gott, empfangen. In Deiner Kraft haben sie die Tyrannen besiegt und die ohnmächtige Gewalt der Dämonen gebrochen. Durch ihre Fürbitten, Christus, Gott, rette unsere Seelen“, heißt es in einem orthodoxen Troparion. Der Tod hat nicht das letzte Wort, das Martyrium ist Zeugnis der Auferstehung. Der Osterruf, der zu allen Zeiten auch über den Hinrichtungsstätten, den Lagern und Mas­sengräbern erschallt, vereint die Christen in Ost und West: „Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!“

 

Pioniere der Einheit oder:
Eine neue Aufgabe

Papst Johannes Paul II. hegte den innigen Wunsch, an die „Ökumene der Märtyrer“ an­zuknüpfen und verstärkt den Dialog mit der Russischen Orthodoxen Kirche zu suchen. Dieser Vorschlag, den er 1991 an Pater Werenfried van Straaten, den Gründer von KIRCHE IN NOT (ehemals „Ostpriesterhilfe“) richtete, fiel bei diesem auf fruchtbaren Boden. Lautete doch einer der Kernsätze Pater Werenfrieds, die das Wesen von KIRCHE IN NOT beschreiben: „Unser Hilfswerk schreibt das Martyrologium dieser Zeit. Nicht in einer Studierstube, sondern als Augenzeuge und deshalb mit größtem Mitleid und tiefster Ergriffenheit.“ Er sah in den Verfolgten „die Elite der Kirche“ und bezeichnete es als „Ehrensache“, mit ihnen solidarisch zu sein. Denn in den Verfolgten und Märty­rern aller Konfessionen sah er das Leiden Christi fortgesetzt, so dass er schrieb: „Der Karfreitag bleibt, und damit die Todesangst, die Verspottung, der Hass, die Undank­barkeit, das menschliche Versagen, das unsagbare Leid, der bittere Kreuzweg, die Kreu­zigung und der schmähliche Tod unseres Herrn Jesu Christi. Jetzt nicht mehr in seinem eigenen gesegneten Leib, sondern in denen, die durch die Gnade an seinem Leben teil­haben und seine Glieder sind.“

Pater Werenfried erinnerte in diesem Zusammenhang unermüdlich daran, dass die Rus­sische Orthodoxe Kirche die Kirche war, die am stärksten unter dem Kommunismus ge­litten hatte. So war es nur konsequent, dem Wunsch Papst Johannes Pauls II. Folge zu leisten und der Russischen Orthodoxen Kirche nach dem Zusammenbruch des kom­munistischen Regimes nicht nur mit schönen Worten, sondern auch mit Taten zur Seite zu stehen.

Nach dem Ende der Sowjetunion war es das Gebot der Stunde, die katholischen Chris­ten daran zu erinnern, dass der „Dialog der Liebe“ zwischen den beiden Kirchen, die das Zweite Vatikanische Konzil als „Schwesterkirchen“ bezeichnet hatte, nicht vor allem auf theologisch-akademischer Ebene stattfindet, sondern dass es auch eine „Ökumene der Solidarität“ gibt, wie es Pater Werenfried nannte. Er betonte: „Nach 1000 Jahren voller Missverständnisse und gegenseitiger Feindschaft müssen wir uns jetzt unserer Einheit bewusst werden und bereit sein, sie wiederherzustellen. Die Einheit des Glau­bens und der Sakramente, die nie verloren ging. Und die Einheit des Gebetes und der Liebe, die wir jetzt realisieren müssen.“ Seine Haltung war klar: „Einer muss anfangen: Wir!“

Ganz neu war dieser Gedanke jedoch nicht. Bereits in den 1920er Jahren hatte Papst Pius XI. der Russischen Orthodoxen Kirche mit erheblichen Geldbeträgen geholfen, um zu verhindern, dass die Kommunisten unter dem Vorwand der herrschenden Hungers­not noch mehr heilige Gefäße und Ikonen konfiszieren würden. Auch KIRCHE IN NOT hatte bereits zur Zeit des Kommunismus einen Teil der Hilfe für die leidenden Christen hinter dem Eisernen Vorhang den orthodoxen Brüdern und Schwestern zugute kommen lassen. So unterstützte das Werk bereits zu Sowjetzeiten die orthodoxe Kirche in Russ­land mit religiösen Büchern. Zwar leistet KIRCHE IN NOT in erster Linie Hilfe für die ka­tholische Seelsorge und unterstützt auch in Russland vor allem die katholische Kirche, damit sie ihre eigenen Gläubigen geistlich betreuen kann. Pater Werenfried verstand jedoch, dass „die unerlässliche Neuevangelisierung Russlands die ureigene Aufgabe unserer orthodoxen Schwesterkirche ist“ und dass die Russische Orthodoxe Kirche nach der beispiellosen Verfolgung zu Sowjetzeiten nun ebenfalls bei null anfangen musste und Hilfe brauchte. Noch kurz vor seinem Tod am 31. Januar 2003 unterstrich er: „Wir streben eine Ökumene der Solidarität an. Es darf keine Konkurrenz, kein Miss­trauen und keinen Fremdenhass geben zwischen zwei Kirchen, die zusammengehö­ren.“ Nie ist es dabei das Ziel gewesen, die Orthodoxe Kirche zu latinisieren oder Mitglieder von ihr abzuwerben, sondern von Anfang an konnte es nur darum gehen, den orthodoxen Mitchristen in selbstloser Liebe zu helfen. Dies entspricht vollständig der Position der katholischen Kirche. So stellte Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika „Deus Caritas Est“ unmissverständlich klar, dass die „praktizierte Nächstenliebe nicht Mittel für das sein [darf], was man heute als Proselytismus bezeichnet. Die Liebe ist umsonst; sie wird nicht getan, um damit andere Ziele zu erreichen.“

Einfach war es jedoch nicht, diese Initiative zu beginnen. Antonia Willemsen, die Nichte von Pater Werenfried, die mehr als 3o Jahre lang die Generalsekretärin des Gesamt­werkes war, erinnert sich: „Es war eine spannende Zeit, aber es war auch schwer. Über­all sonst in der Welt kannten wir uns aus: in Afrika, in Asien, in Lateinamerika … Aber dort in Russland war es ein großes Etwas, das da war, aber das wir nicht kannten. Wir wussten auch noch nicht, mit welchen Leuten wir dort zusammenarbeiten sollten. Über­haupt hatten wir immer nur für die katholische Kirche gearbeitet und hatten im Kontakt mit anderen Konfessionen keine Erfahrung. Es war ein Tasten und Suchen. Übrigens hatte auch der Vatikan selbst zu diesem Zeitpunkt noch kaum Erfahrung mit Russland, denn die Sowjetunion war 70 Jahre lang verschlossen gewesen, und es hatte ja die ganze Zeit über keine katholischen Bischöfe und keinen Nuntius dort gegeben.“

Dass der Einsatz für die Versöhnung bei Wohltätern und Mitarbeitern nicht nur auf Ge­genliebe stoßen würde, liegt in der Natur der Sache. Dies war für Pater Werenfried nichts Neues, war er doch auf diesen Widerstand bereits kurz nach dem Ende des Zwei­ten Weltkriegs gestoßen, als sein Werk „geboren“ wurde. Auf eine Initiative von Papst Pius XII. hin hatte er 1947 damit begonnen, die Menschen in Flandern und in seiner niederländischen Heimat zur Hilfe für die notleidende deutsche Bevölkerung anzuspor­nen. In manchen Kreisen rief dieser Appell Empörung hervor, denn immerhin waren die Deutschen die „Feinde von gestern“ gewesen. Pater Werenfried erinnerte sich später an diese Zeit: „Viele hielten eine Versöhnung für unmöglich, solange die von Hitler ge­schlagenen Wunden noch bluteten. Andere zweifelten an meinem gesunden Menschen­verstand oder verdächtigten mich, faschistisch angehaucht zu sein. Mein Argument, man könne ein ganzes Volk mitten in Europa nicht krepieren lassen, ohne das Fortbe­stehen unseres Kontinentes zu gefährden, schlug eine erste Bresche in die Mauer des Hasses, die Deutschland umgab. Die Wahrheit, dass die christliche Liebe auch die Liebe zum Feind einschließt, überzeugte rasch das noch gläubige Volk. Meine Berichterstat­tung über die deutsche Not tat ein Übriges. Wellen der Liebe spülten den Hass aus un­zähligen Herzen hinweg. Die Menschen waren besser, als viele gedacht hatten!“

Im Alter von fast achtzig Jahren sah er sich erneut von einigen Seiten mit Kritik kon­frontiert, als er „die Hilfe für die orthodoxe Kirche als neue Dimension unseres Werkes sowie als Zeichen selbstloser Liebe und Weg der Versöhnung in unser Programm“ auf­nahm. Davon ließ er sich jedoch nicht beirren und entgegnete. „Mehr denn je glaube ich an meine Berufung, abermals Versöhnung zu predigen, die Kirche im Westen zur tätigen Liebe anzuspornen für unsere orthodoxen Brüder, die am längsten unter dem Kommunismus gelitten haben und der meistgefährdete Teil der Christenheit sind. Liebe und Versöhnung zu fördern, um ihnen die Last zu erleichtern, unter der sie nach 7o Jah­ren Verfolgung zusammenbrechen. Mehr als die Hälfte ihrer Kirchen sind zerstört, ihre heiligen Bücher sind verbrannt, Tausende ihrer Priester und Bischöfe als Märtyrer ge­storben. Andere kollaborierten mit dem KGB, der sie vielleicht noch immer in seiner Macht hält. Vielleicht dachten manche, ihre Kirche hätte nicht die Kraft, so lange in Ka­takomben zu überleben. Vielleicht suchten sie einen Ausgleich mit den Machthabern, um ihre Kirche zu retten. Andere schlossen Kompromisse aus Feigheit oder Selbstsucht. Dies kam auch in der katholischen Kirche vor. Sogar unter den zwölf Aposteln gab es einen Schwächling, der Jesus verleugnete … und einen Verräter. Lasst uns nicht urtei­len, sondern helfen.“

Viele Menschen fühlten sich hingegen gerade von dieser Aktion angesprochen. Es gin­gen zahlreiche Briefe wie dieser ein, den eine Wohltäterin aus Großbritannien geschrie­ben hatte: „Ich hatte Tränen in den Augen, als ich Ihren Junibrief las. Seit langem bekümmert mich die Spaltung zwischen uns und unseren orthodoxen Brüdern und Schwestern, und ich bete immer, dass sie geheilt werden möge. Endlich gibt es jeman­den, der in Liebe, ohne Furcht oder Argwohn im Namen Christi bereit ist, dort zu helfen, wo es am nötigsten ist.“

Nach der Predigt in einem flämischen Dorf sammelte Pater Werenfried 3,5 Millionen belgische Franken. Während eines Mittagessens in Kalifornien, bei dem er den Gästen diese Initiative vorstellte, wurden 37.00o Dollar in seinen Millionenhut gelegt. In Ma­drid erlebte er sogar die erste Pressekonferenz seines Lebens, die mit einer Kollekte endete. Die 47 anwesenden Journalisten waren von seinem Hilfsprojekt für die Ortho­doxe Kirche so begeistert, dass sie mehr geben wollten als nur ihren Applaus.

Sein Engagement für den Dialog zwischen der Römischen Katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche wurde insbesondere anlässlich des 60-jährigen Beste­hens von KIRCHE IN NOT im Jahr 2007 auch von Walter Kardinal Kasper, dem damaligen Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, gewürdigt. Er sagte, Pater Werenfried habe „früh begriffen, dass der Begegnung mit der Russi­schen Orthodoxen Kirche eine Schlüsselstellung zukommt und dass dabei noch viel praktische Versöhnungsarbeit notwendig ist“. Der Kardinal betonte in diesem Zusam­menhang auch, man dürfe dabei „nicht immer gleich auf Wechselseitigkeit bestehen“, sondern müsse „den ersten Schritt oder die ersten Schritte einfach in der Überzeugung tun, dass Werke der Liebe nie wertlos und fruchtlos bleiben“. So habe der Gründer von KIRCHE IN NOT gezeigt, „dass der ökumenische Dialog nicht nur eine akademisch-theo­logische Sache ist, sondern vor allem praktisch vonstatten geht. Das Wichtigste ist, ei­nander zu zeigen, dass wir wirklich Christen sind, die sich das Gebot der Nächstenliebe zu Eigen gemacht haben.“

Auch Christoph Kardinal Schönborn, der Erzbischof von Wien, war von diesem Enga­gement beeindruckt und sagte anlässlich dieses Jubiläums, Pater Werenfried sei „ein ganz großes Vorbild“ und meinte, er könne „eigentlich nur mit dem heiligen Paulus und mit Don Bosco verglichen werden“. Er selbst war ihm in Wien zweimal begegnet, und besonders stark im Gedächtnis war ihm das geblieben, was Pater Werenfried ihm über die Hilfsaktion für die Russische Orthodoxe Kirche berichtet hatte: „Ich muss sagen, es hat mich tief beeindruckt. Das war der Geist, aus dem heraus er nach dem Krieg in Deutschland geholfen hat, aus einem Land [Niederlande] kommend, das so viel unter der deutschen Herrschaft gelitten hat. Und jetzt seit einigen Jahren dieses Bemühen, der Russischen Orthodoxen Kirche in einer Situation zu helfen, die auch sehr schwierig war. Ich halte diesen Grundgedanken für sehr, sehr kostbar, einen zutiefst christlichen Gedanken, auch einen zutiefst ökumenischen Gedanken.“

Auch in Russland stieß die Initiative auf ein großes Echo und brachte viele Menschen zum Nachdenken. Ein gläubiger Russe schrieb Pater Werenfried: „Diesen Aufruf las ich mit großem Staunen und tiefer Dankbarkeit. Ich dachte immer, der Westen sei mate­rialistisch. Auch die Haltung unserer Kirche gegenüber den Katholiken ist nicht immer freundlich gewesen. Jetzt sehe ich die ganze Situation in einem anderen Licht: Es stellt sich heraus, dass Menschen im Westen wirklich um uns besorgt sind — besorgt genug, um zu geben!“

Die Liebe, die Mühe und das Herzblut, mit denen Pater Werenfried gegen alle Wider­stände dem Auftrag Papst Johannes Pauls II. nachkam, sind nicht vergeblich gewesen. Anlässlich seines 10. Todestages und 100. Geburtstages im Januar 2013 schrieb Metro­polit Hilarion an KIRCHE IN NOT: „Das Hilfswerk KIRCHE IN NOT war nahezu die erste katholische Organisation, die es verstand, konstruktive, freundschaftliche Beziehungen mit der russischen Kirche aufzubauen. Mit Dankbarkeit erinnern wir uns daran, dass in den schwierigen 1990er Jahren, der Zeit der stürmischen politischen Reformen und der wirtschaftlichen Erschütterungen, als sich das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche nicht allzu einfach gestaltete, der Gründer und die Leitung des Werkes klug und entschlossen die Richtung zur Entwicklung freundschaftlicher Beziehungen und der Zusammenarbeit mit der russischen Kirche einschlugen. Mit besonderer Dankbarkeit erinnern wir uns in diesen Tagen an die Mühe Pater Werenfried van Straatens, und ich bringe die Hoffnung zum Ausdruck auf eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit des von ihm gegründeten Hilfswerkes mit dem Moskauer Patriarchat, zum Heile unserer Kirchen und zur Stärkung des christlichen Zeugnisses vor den neuen Herausforderun­gen der Gegenwart.“

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Quelle: Buch „Brückenschlag zwischen Rom und Moskau – Zwei Jahrzehnte Versöhnung und Aufbauhilfe für die Russische Orthodoxe Kirche“ von Eva-Maria Kolmann, KIRCHE IN NOT /Ostpriesterhilfe Deutschland e.V., München, 1. Auflage 2014.

KIRCHE IN NOT: BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN ROM UND MOSKAU (2)

Nicht Kür, sondern Pflicht

Kurt Kardinal Koch, der seit 2010 Präsident des Päpstlichen Einheitsrates ist, betont, das ökumenische Engagement sei für die katholische Kirche „nicht Kür, sondern Pflicht“. Die Ökumene sei „kein bloßer Zusatz oder ein Anhängsel im Leben der Kirche, sondern gehört elementar zum Wesen der Kirche“. Es handele sich dabei um eine „Pflicht, der sich jeder Gläubige, aber auch die Kirchenspitze verpflichtet fühlen muss“.

Ikonen, die die Umarmung der beiden Brüder Petrus und Andreas darstellen, sind ein Symbol der innigen Verbindung zwischen östlicher und westlicher Christenheit. Petrus ist der Apostel der westlichen Kirche, während Andreas der Apostel der östlichen Kir­chen ist. Im Laufe der vergangenen fünfzig Jahre ist die Sehnsucht gewachsen, die Umarmung der beiden Brüder Petrus und Andreas auch in der unmittelbaren Wirklich­keit des Miteinanders der Kirchen wiederzubeleben. Dass es dazu kommen konnte, dass der Papst eine Ansprache an das russische Volk und damit auch an das Ober­haupt, die Hirten und die Gläubigen der Russischen Orthodoxen Kirche halten konnte,

andreas-petrus-ikonenkarteDie Umarmung der Apostel Petrus und Andreas ist ein Sinnbild für die brüderliche Liebe zwischen östlicher und westlicher Kirche.

Mit dieser Broschüre in russischer Sprache erklärt KIRCHE IN NOT den orthodoxen Partnern in Russland, was das Hilfswerk tut und warum Katholiken Orthodoxen helfen möchten.

 

 

ist einer der Höhepunkte des „Dialogs der Liebe“ zwischen der Römischen Katholi­schen Kirche und der Orthodoxie, der sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ent­wickelt hat.

Papst Johannes Paul II. prägte das schöne Wort: „Wir brauchen zwei Lungen, die west­liche und die östliche, mit denen die Christenheit atmet.“ In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist diese Beziehung nach tausendjähriger Trennung inniger geworden, und inzwischen sind Bilder orthodoxer Würdenträger, die im Vatikan ein- und ausgehen, und katholischer Würdenträger, die ihre orthodoxen Mitbrüder im Bi­schofsamt besuchen, nahezu normal geworden.

Diese positive Entwicklung hatte damit begonnen, dass die Römische Katholische Kir­che die orthodoxen Kirchen während des Zweiten Vatikanischen Konzils als „Schwes­terkirchen“ definierte. Bereits zuvor gab es einige positive Schritte. So kondolierte Patriarch Athenagoras von Konstantinopel, als Ökumenischer Patriarch zugleich Ober­haupt der gesamten orthodoxen Christenheit, 1958 der Römischen Katholischen Kirche zum Tod von Papst Pius XII. und gratulierte zur Wahl Johannes XXIII. Am Zweiten Vati­kanischen Konzil nahmen Vertreter der orthodoxen Kirchen teil, darunter auch eine De­legation der Russischen Orthodoxen Kirche.

Seit dem Konzil sind viele positive Schritte geschehen. Einer der Höhepunkte war die Begegnung von Papst Paul VI. mit Patriarch Athenagoras im Januar 1964 in Jerusalem. Eine Frucht der Begegnung zwischen dem Papst und dem ranghöchsten Vertreter der Orthodoxie war die feierliche Aufhebung des gegenseitigen Anathemas, des Kirchen­banns zwischen der östlichen und der westlichen Kirche. Dieser 1054 ausgesprochene Bann wurde am vorletzten Tag des Konzils, dem 7. Dezember 1965, sowohl im Vatikan als auch im Phanar, dem Amtssitz des Patriarchen von Konstantinopel, zeitgleich auf­gehoben und sollte, wie es in der Erklärung hieß, „dem Vergessen anheimgestellt wer­den“. Am 25. Juli 1967 stattete Papst Paul VI. Patriarch Athenagoras im Phanar in Istanbul einen Besuch ab und empfing den Patriarchen im Oktober desselben Jahres feierlich in Rom.

Das zehnjährige Gedenken der Aufhebung des Anathemas wurde 1975 zeitgleich von Papst Paul VI. in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan und von Patriarch Dimitrios, dem Nachfolger des 1972 verstorbenen Patriarchen Athenagoras, in der St. Georgskirche im Phanar mit einem feierlichen Gottesdienst begangen. An der Feier in Rom nahm als Vertreter aus Konstantinopel Metropolit Meliton teil. Ein symbolischer und überra­schender Höhepunkt war der spontane Kniefall des Papstes vor dem Metropoliten, dem er die Füße küsste, als dieser die Einsetzung einer gesamtorthodoxen Kommission verkündete, die den theologischen Dialog zwischen der Orthodoxie und der Römischen Katholischen Kirche vorbereiten sollte. Auch die katholische Kirche kündigte an, eine Kommission für diesen Dialog einzurichten. Papst Paul VI. sagte in seiner Ansprache, die katholische und die orthodoxe Kirche seien „durch so eine tiefe Gemeinschaft vereint, dass nur wenig fehlt, um die Fülle zu erreichen, die eine gemeinsame Feier der Eucharistie des Herrn erlaubt“.

1973 empfing Papst Paul VI. den koptischen Papst Shenuda III. kurz nach dessen Amts­antritt und unterzeichnete gemeinsam mit ihm eine christologische Erklärung, die den gemeinsamen Glauben beider Kirchen betonte. Papst Johannes Paul II. stattete einer­seits Papst Shenuda am 24. Februar 2000 während seiner Apostolischen Reise auf den in Ägypten gelegenen Berg Sinai einen Besuch ab. Am 10. Mai 2013 besuchte der Nach­folger Shenudas, Papst Tawadros II., Papst Franziskus in Rom.

Am 3o. November 1979, dem Fest des Apostels Andreas, besuchte Papst Johannes Paul II. Patriarch Dimitrios, den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, in seinem Amtssitz in Istanbul. Auf den Tag genau 27 Jahre später stattete auch Benedikt XVI. während seiner dreitägigen Reise in die Türkei Patriarch Bartholomäus einen Besuch ab. Der Papst war auch während der Göttlichen Liturgie anwesend, die anlässlich des Festes des heiligen Apostels Andreas an diesem Tag in der Patriarchalkirche St. Georg im Phanar gefeiert wurde. In der gemeinsamen Erklärung dankten die beiden Kirchen­oberhäupter Gott für diese „brüderliche Begegnung“ und erklärten: „Der Heilige Geist wird uns helfen, den großen Tag der Wiederherstellung der vollen Einheit vorzubereiten, wann und wie Gott will. Dann werden wir uns wahrhaft freuen und frohlocken können.“ Fotos, auf denen Papst Benedikt XVI. und der Ökumenische Patriarch gemeinsam auf der Loggia standen und sich an den Händen hielten, gingen um die ganze Welt.

Patriarch Bartholomäus nahm auch an der Inthronisierungsfeier von Papst Franziskus am 19. März 2013 teil. Es war das erste Mal seit der Kirchenspaltung von 1054, dass ein orthodoxer Patriarch an der Inthronisierungsfeier eines römischen Papstes teil­nahm. Auch zahlreiche andere Vertreter der verschiedenen orthodoxen Kirchen waren anwesend. Nach dem Vaterunser tauschte Papst Franziskus mit Patriarch Bartholomäus sowie mit dem Armenischen Katholikos Karekin II. den Friedenskuss aus.

Am Tag darauf traf sich der Papst mit Vertretern anderer Religionsgemeinschaften. Bei dieser Begegnung sprach er als Nachfolger des Apostels Petrus den Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel, der als „Erster unter Gleichen“ den Ehrenvorsitz unter den Oberhäuptern der orthodoxen Kirchen innehat, bewusst als „meinen Bruder An­dreas“ an. Metropolit Hilarion, der die russisch-orthodoxe Delegation leitete, über­reichte dem Papst als Geschenk des Moskauer Patriarchen eine Ikone der Muttergottes.

Mit mehr als 100 Millionen Mitgliedern ist die Russische Orthodoxe Kirche die größte und einflussreichste unter den orthodoxen Kirchen. Das Moskauer Patriarchat hatte bereits zu den Trauerfeierlichkeiten für Papst Johannes Paul II. am 8. April 2005 seinen „Außenminister“, Metropolit Kyrill, geschickt, der nur vier Jahre später Patriarch von Moskau und ganz Russland werden sollte. Er nahm am 24. April des gleichen Jahres ebenfalls an der Inthronisierungsfeier Papst Benedikts XVI. teil. Unter diesem Pontifikat wurde der Kontakt zwischen dem Vatikan und dem Moskauer Patriarchat immer inten­siver. Zahlreiche russische orthodoxe Bischöfe besuchten Papst Benedikt, und hoch­rangige Kardinäle reisten nach Russland. Im Sommer 2006 erschien in Russland zudem eine von KIRCHE IN NOT unterstützte Übersetzung der „Einführung in das Christentum“ von Joseph Ratzinger, um dem russischen Publikum einen unmittelbaren Zugang zur Theologie Ratzingers zu ermöglichen. Die russische Übersetzung wurde mit großem Interesse aufgenommen.

Die Zusammenarbeit zwischen beiden Kirchen wurde immer enger. 2007 erschien das von Kardinal Bertone, der als Kardinalstaatssekretär der zweite Mann im Vatikan nach dem Papst war, verfasste Buch „Die Ethik des Gemeinwohls in der kirchlichen Sozial­lehre“. Das Vorwort dazu hatte Metropolit Kyrill verfasst. Im folgenden Jahr gab der Va­tikanverlag ein Buch über soziale Themen von Metropolit Kyrill mit einem Vorwort von Kardinal Bertone heraus. Im Oktober 2007 reiste Patriarch Aleksij II. auf eine Einladung der Französischen Bischofskonferenz nach Paris und betete dort in der katholischen Kathedrale Notre Dame vor der Dornenkrone Christi.

2008 fand ein handschriftlicher Brief von Papst Benedikt XVI. an Patriarch Aleksij II. große — auch mediale — Aufmerksamkeit. Das Schreiben überbrachte Crescenzio Kar­dinal Sepe, der Erzbischof von Neapel, als er auf eine Einladung des Patriarchen vom 3o. September bis 3. Oktober 2008 Moskau besuchte. Der Patriarch zeigte sich von dem Schreiben des Papstes „sehr bewegt“. In seinem Antwortschreiben fand er warme Worte und drückte dem Papst seine „tiefste Achtung und aufrichtiges Wohlwollen“ aus. Er schrieb überdies, er sei „über die wachsenden Perspektiven der Entwicklung guter Beziehungen und einer positiven Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Kir­chen erfreut. Die feste Grundlage dazu besteht in unseren gemeinsamen Wurzeln und in den Positionen, die wir hinsichtlich vieler Probleme, die heute die Welt betreffen, teilen.“

Vom 20. bis zum 23. Dezember 2008 sollte Aleksij II. auf Einladung von Christoph Kar­dinal Schönborn Wien besuchen. Der Patriarch verstarb jedoch am 5. Dezember. An den Trauerfeierlichkeiten nahmen aus Rom die Kurienkardinäle Walter Kasper und Roger Etchegaray teil, darüber hinaus der Apostolische Nuntius in Moskau, Erzbischof Antonio Mennini, der polnische Primas Józef Kardinal Glemp sowie weitere Vertreter der katholischen Kirche.

Am 27. Januar 2009 wurde Metropolit Kyrill zum Patriarchen von Moskau und ganz Russland gewählt. An seiner Inthronisierungsfeier am 1. Februar 2009, die in der Chris­tus-Erlöser-Kathedrale in Moskau stattfand, nahmen Walter Kardinal Kasper aus Rom, der Apostolische Nuntius in Russland, Erzbischof Antonio Mennini, der katholische Erz­bischof von Moskau, Paolo Pezzi, sowie der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der heute der Präfekt der Glaubenskongregation ist, teil. Die Vertreter der katholischen Kirche überbrachten das Gratulationsschreiben Papst Benedikts XVI., in dem der Papst seine „glühende Hoffnung“ auf eine weitere Zusammenarbeit aus­drückte, „um Wege und Formen der Förderung und Festigung der Gemeinschaft im Leib Christi zu finden“. Auch unterstrich er seinen Wunsch, dass die „guten Beziehungen“ zwischen der Römischen Katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche weiter gestärkt werden mögen. Er schenkte dem Patriarchen einen Kelch als „Unter­pfand des Wunsches, bald zur vollen Einheit zu gelangen“.

In den darauffolgenden Jahren bildete sich immer mehr der Begriff einer „strategischen Allianz“ in der Zusammenarbeit beider Kirchen. An anderer Stelle wird sich dieses Buch ausführlicher damit befassen. Das Konzept beruht darauf, dass beide Kirchen sich in der modernen Welt mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert sehen, denen sie gemeinsam begegnen müssen. Dazu zählen die Bedrängnis und Verfolgung von Christen in Ländern, in denen sie eine Minderheit bilden, die Auseinandersetzung mit dem Islam, eine immer stärker werdende Feindseligkeit gegenüber dem Christen­tum auch in Europa, der sich ausbreitende Säkularismus, Relativismus und Materia­lismus sowie die auch in der Politik schwindende Achtung vor dem menschlichen Leben und der christlichen Familie. Diese und zahlreiche weitere ethische Fragen erfordern es, dass Christen der verschiedenen Konfessionen gemeinsam die Stimme erheben. Bei einer Vielzahl von Begegnungen zwischen hohen Vertretern der Russischen Ortho­doxen Kirche und der Römischen Katholischen Kirche, die in den vergangenen Jahren stattfanden, wurde und wird von beiden Seiten stets eine vollständige Übereinstim­mung auf dem Gebiet der Ethik und der christlichen Werte betont. Metropolit Kyrill stellte bereits im Juni 2008, wenige Monate vor seiner Wahl zum Patriarchen, beim Lan­deskonzil der Russischen Orthodoxen Kirche fest, seine Kirche sehe in der katholischen Kirche einen „engen Verbündeten im Schutz der traditionellen christlichen moralischen Werte“. Er erklärte: „Die Positionen beider Kirchen stimmen in diesem Bereich faktisch völlig überein.“

Weitere Schritte der Versöhnung

Auch innerorthodox sowie zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Römi­schen Katholischen Kirche in einzelnen Ländern kam es in den vergangenen Jahren zu wichtigen Ereignissen. So fand im Jahr 2007 nach langen Verhandlungen die Vereini­gung zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland und dem Moskauer Pa­triarchat statt. Die Auslandskirche war entstanden, als nach der Oktoberrevolution von 1917 zahlreiche Russen ins Ausland emigrierten. Seit 1927 verwaltete sie sich selbst. Ihr Vorwurf an das Moskauer Patriarchat bestand darin, es sei dem Sowjetsystem ge­genüber zu unterwürfig gewesen. Die wahren Erben der russischen Kirche befänden sich im Exil oder in den Katakomben. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus im Jahr 1989 gründete die Auslandskirche auch in der Sowjetunion bzw. später Russ­land Dutzende ihr unterstehende Gemeinden. Am 17. Mai 2007 wurde mit der Unter­zeichnung eines „Aktes der kanonischen Gemeinschaft“ durch Patriarch Aleksij II. von Moskau und das Oberhaupt der Auslandskirche, Metropolit Lavr, die Einheit hergestellt.

Zu einem großen Durchbruch kam es auf Initiative des Moskauer Patriarchates und der polnischen katholischen Bischofskonferenz auch im Verhältnis zwischen Polen und Russland. Anfang 2010 hatten die katholische Kirche in Polen und die Russische Or­thodoxe Kirche eine gemeinsame Dialogkommission gegründet, um die Versöhnung voranzutreiben. Vom 16. bis 19. August 2012 besuchte Patriarch Kyrill als erstes Ober­haupt der Russischen Orthodoxen Kirche das Land Polen. Während dieses Besuches fand eine historische Begegnung statt, die einen bislang nie dagewesenen Höhepunkt im Versöhnungsprozess der beiden Länder darstellte: Am 17. August unterschrieben Patriarch Kyrill und der Vorsitzende der Polnischen Katholischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jözef Michalik, eine gemeinsame Erklärung, die sich „an die Nationen Polens und Russlands“ richtete. Das Dokument war einstimmig von der Polnischen Bischofs­konferenz und der Synode der Russischen Orthodoxen Kirche verabschiedet worden. Darin heißt es: „Die Sünde, die die Hauptquelle aller Spaltungen ist, die menschliche Schwäche, der individuelle und kollektive Egoismus, aber auch der politische Druck haben uns untereinander entfremdet, bis hin zu offener Feindschaft und auch Kampf unter unseren Nationen. (…) Spaltungen und Brüche, die dem Willen Christi entgegen­stehen, sind zu einem großen Skandal geworden, und darum kehren wir nun um, um unsere Kirchen und Nationen einander wieder anzunähern und um glaubwürdigere Zeugen des Evangeliums für die heutige Welt zu werden.“ Als verbindendes Element wurde die tiefe Verehrung betont, die sowohl Polen als auch Russen für die Gottesmut­ter Maria hegen. Daher heißt es am Schluss des Dokuments: „Wir vertrauen auf die Fürsprache der Gottesmutter und vertrauen ihrem Schutz das große Werk der Versöh­nung und Wiederannäherung unserer Kirchen und unserer Nationen an.“ Leider wurden der historische Besuch des Moskauer Patriarchen in Polen und die gemeinsame Ver­söhnungserklärung überschattet von dem exzessiven monatelangen Medieninteresse an der russischen Punkband „Pussy Riot“, deren Mitglieder am 12. Februar desselben Jahres in der Christus-Erlöser-Kathedrale in Moskau eine politische Demonstration in Form eines sogenannten „Punkgebets“ abgehalten hatten und daraufhin vor Gericht gestellt wurden.

Ende November 2013 fand in Warschau eine dreitägige internationale Konferenz zum Thema der Rolle der polnischen und der russischen Kirche im christlichen Europa statt. Diese schloss mit einem feierlichen Gebet der Vesper in der Kathedrale von Warschau, an der auch die Vertreter des Moskauer Patriarchats teilnahmen. Metropolit Hilarion schloss nicht aus, dass ein ähnliches Treffen auch in Russland stattfinden werde. Als eine Geste der gewachsenen Brüderlichkeit zwischen beiden Kirchen darf in diesem Zusammenhang auch die Tatsache gedeutet werden, dass der Erzbischof von Krakau, Stanislaw Kardinal Dziwisz, den russisch-orthodoxen Patriarchen zum Weltjugendtag eingeladen hat, der 2016 in Krakau stattfinden wird. Diese Einladung ist ein wichtiges Zeichen des Entgegenkommens. Auch wenn der Patriarch wahrscheinlich nicht am Weltjugendtag teilnehmen wird, handelt es sich um ein Zeichen seitens der Kirche in Polen, dass sich das Verhältnis wesentlich gebessert hat, und um eine Geste mit Sig­nalwirkung.

Ein Hinderungsgrund, der bislang einem Treffen zwischen dem Papst und dem Ober­haupt der Russischen Orthodoxen Kirche noch entgegensteht, sind unter anderem Streitigkeiten zwischen der mit Rom unierten Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche und der Russischen Orthodoxen Kirche in der Ukraine um Gotteshäuser, auf die beide Kirchen Anspruch erheben. Über die Ukraine wurde daher auch gesprochen, als Kardinal Koch am 18. Dezember 2013 in Moskau von Patriarch Kyrill empfangen wurde. Der Kardinal sagte nach diesem Gespräch, es „brauche Zeit, um anzuerkennen, dass beide Seiten verletzt worden seien und man sich darum bemühen müsse, dass die Wunden nicht noch tiefer werden. Dies betrifft beide Seiten.“

Dennoch wurde im Laufe der vergangenen Jahre schon einiges erreicht. So würdigte das Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, Großerzbischof Swja­toslaw Schewtschuk, das Verhältnis zu den Orthodoxen als „exzellent“, als er im Fe­bruar 2012 die internationale Zentrale von KIRCHE IN NOT in Königstein besuchte. Er erklärte, die Beziehungen seien „noch nie so gut gewesen wie heute“. Es liege ihm be­sonders am Herzen, diese „freundlichen und brüderlichen Beziehungen zu pflegen“.

Als Kardinal Koch im Juni 2013 in die Ukraine reiste, lud Großerzbischof Schewtschuk während eines Treffens mit dem Kardinal den ebenfalls anwesenden Metropoliten Wla­dimir, das Oberhaupt der dem Moskauer Patriarchat unterstehenden Ukrainischen Or­thodoxen Kirche, zur Einweihung der neuen griechisch-katholischen Kathedrale in Kiew ein. „Dies ist ein sehr freudiges Ereignis im Leben unserer Kirche, aber unsere Freude wird nicht vollkommen sein, wenn unsere orthodoxen Brüder sich uns nicht anschlie­ßen“, sagte er zu dem Metropoliten. Im Vorfeld hatte es zu Irritationen geführt, als der Amtssitz des Oberhauptes der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche 2005 von Lemberg in der Westukraine nach Kiew in der Ostukraine verlegt und mit dem Bau der neuen Kathedrale begonnen wurde. Während die Westukraine traditionell stark von der Präsenz der griechisch-katholischen Kirche geprägt ist und sich nach Westen hin orientiert, ist die Ostukraine überwiegend orthodox und nach Russland hin ausgerich­tet. Nun reagierte Metropolit Wladimir überraschend positiv: Er dankte für die Einla­dung und wünschte für die Fertigstellung der Kathedrale Gottes Segen.

Die Tendenz scheint dahin zu gehen, Lösungen auf lokaler Ebene zu suchen, das heißt im direkten Kontakt der Kirchenvertreter in der Ukraine. Zudem wächst das Bewusst­sein, dass es notwendig ist, in einer Welt, in der das Christentum immer mehr an Be­deutung verliert, Zeugnis abzulegen. Bischof Borys Gudziak, der frühere Rektor der Ukrainischen Katholischen Universität in Lemberg, betonte am 2. Juni 2013 bei einem von KIRCHE IN NOT in Eichstätt veranstalteten Podiumsgespräch zum Thema „Die Ukraine — eine Hochburg der Ökumene“, es sei „lächerlich“, wenn sich die oftmals nur noch wenige Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachenden Christen in Europa un­tereinander stritten, anstatt das Evangelium zu verkünden. „Das Problem sind heute nicht mehr die Konfessionen. Die Frage ist vielmehr: Werden die Menschen noch auf das Evangelium hören?“

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Quelle: Buch „Brückenschlag zwischen Rom und Moskau – Zwei Jahrzehnte Versöhnung und Aufbauhilfe für die Russische Orthodoxe Kirche“ von Eva-Maria Kolmann, KIRCHE IN NOT /Ostpriesterhilfe Deutschland e.V., München, 1. Auflage 2014.

KIRCHE IN NOT: BRÜCKENSCHLAG ZWISCHEN ROM UND MOSKAU (1)

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ZWEI JAHRZEHNTE VERSÖHNUNG
UND AUFBAUHILFE FÜR DIE
RUSSISCHE ORTHODOXE KIRCHE

 

Die Russische Orthodoxe Kirche war im 20. Jahrhundert, dem Jahrhundert der totalitären Ideologien, mehr und schlimmer als jede andere Kirche von Unterdrückung, Verfolgung und Vernichtung betroffen. Unter der kommu­nistischen Herrschaft wäre fast ein ganzer Zweig der Kirche Jesu Christi vollständig ausgelöscht worden.

Umso dringender war und ist die Aufgabe, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion der orthodoxen Kirche in Russland zu neuem Leben zu ver­helfen. Kein Geringerer als der heilige Papst Johannes Paul II. sah hier eine große Verantwortung und heilige Pflicht auch der katholischen Kirche. Und so wandte sich der Papst an Pater Werenfried van Straaten und sein Hilfs­werk KIRCHE IN NOT mit der Bitte, auch orthodoxe Projekte in das För­derprogramm aufzunehmen. Das Werk des „Speckpaters“ sollte damit eine wichtige Rolle im sogenannten „Dialog der Liebe“ spielen, mit dem in der ökumenischen Bewegung der theologisch ausgerichtete „Dialog der Wahrheit“ flankiert wird.

Pater Werenfried war gleich Feuer und Flamme für diese Aufgabe, denn für ihn war klar, dass die Neuevangelisierung des russischen Volkes nur durch die Russische Orthodoxe Kirche erfolgen könne: „Mehr denn je glaube ich an meine Berufung, abermals Versöhnung zu predigen, die Kirche im Westen zur tätigen Liebe anzuspornen für unsere orthodoxen Brüder, die am längsten unter dem Kommunismus gelitten haben und der meistgefährdete Teil der Christenheit sind. Liebe und Versöhnung zu för­dern, um ihnen die Last zu erleichtern, unter der sie nach siebzig Jahren Verfolgung zusammenbrechen. Mehr als die Hälfte ihrer Kirchen sind zerstört, ihre heiligen Bücher sind verbrannt, Tausende ihrer Priester und Bischöfe als Märtyrer gestorben.“

Eva-Maria Kolmann, Mitarbeiterin von KIRCHE IN NOT, schildert in diesem Buch die Anfänge und die Erfolge von zwei Jahrzehnten Zusammenarbeit mit der Russischen Orthodoxen Kirche, aber auch die Mühen und die Schwierigkeiten in der Wiederannäherung von West- und Ostkirche.

 

Brückenschlag Antonia Willemsen

Antonia Willemsen

VORWORT VON ANTONIA WILLEMSEN

Anfang der 1960er Jahre nahm Pater Werenfried van Straaten mich mit nach Brüssel zu einem Gespräch mit Irene Poznof, der Geschäftsführerin eines Verlags für ostkirchliche Literatur namens „Foyer Oriental“. Der Inhalt des Gespräches war durchaus spannend: ein religiöses Radioprogramm in russischer Sprache, ausgestrahlt von Radio Monte Carlo, und die Herausgabe religiöser Bücher für die Sowjetunion. Aus sowjetischer Sicht war das Erste unerwünscht und das Zweite verboten. Mitten im Kalten Krieg suchte Pater Werenfried Verbündete, um Zugang zu verfolgten Christen in der kommu­nistischen Sowjetunion zu finden. Die Botschaft von Fatima war sein wichtigster An­trieb. Drei Jahrzehnte später besuchte ich in Moskau das Gebäude, wo ein Störsender gegen ausländische Radioprogramme untergebracht worden war. Zum Zeitpunkt meines Besuches strahlte von dieser Stelle der christliche Sender „Radio Sophia“ sein Programm aus. Mehr dazu in diesem Buch.

Der Schmuggel religiöser Bücher war höchstgefährlich, sowohl für den Überbringer als auch den Empfänger. Aus religiöser Überzeugung waren Botschaftspersonal, Seeleute und Geschäftsleute manchmal dazu bereit, das große Schmuggelrisiko auf sich zu neh­men. Die Bücher sickerten ein in das Sowjetreich, und in intellektuellen russischen Kreisen in Russland ist bis heute der Name des „Foyer Oriental“ ein Begriff.

Der Fall des Kommunismus und der Untergang der Sowjetunion vollzogen sich uner­wartet und ohne Blutvergießen. Bereits 1955 hatte Papst Pius XII. in Castelgandolfo zu Pater Werenfried gesagt: „Jeder rüstet sich jetzt für den Krieg, und fast niemand denkt daran, sich vorzubereiten für den Frieden, wenn dieser plötzlich hereinbricht.“

Die Ostpriesterhilfe hatte sich seit dem Ungarischen Volksaufstand von 1956 vorwie­gend auf die Hilfe für die verfolgten Christen hinter dem Eisernen Vorhang spezialisiert. Die Hilfsmöglichkeiten für die Länder hinter dem Eisernen Vorhang waren unterschied­lich schwer: am leichtesten in Polen, sehr schwer in der Tschechoslowakei, unmöglich in Albanien. Und abgesehen von dem oben erwähnten Bücherschmuggel gehörte die Sowjetunion zur letzten Kategorie.

Das Buch, das Sie in der Hand haben, erzählt die Geschichte, wie Pater Werenfried van Straaten und seine Mitarbeiter den besonderen Auftrag von Papst Johannes Paul II., „die Russische Orthodoxe Kirche in das Programm von KIRCHE IN NOT aufzunehmen“, umgesetzt haben. Es war uns von Anfang an klar, dass die Hilfe für die römisch-katho­lischen Gläubigen in Russland zum „normalen Programm“ gehörte, obwohl in den Anfangsjahren in Russland fast nichts „normal“ war.

Die zwei Besuche von Pater Werenfried bei Patriarch Aleksij II. in den Jahren 1992 und 1994 bedeuteten den genehmigten Start in ein unbekanntes Abenteuer. Das wichtigste Ziel, das der Heilige Vater uns mit auf den Weg gegeben hatte, war die Versöhnung zwi­schen der katholischen und der orthodoxen Kirche. Ein schwieriges Unterfangen nach 1000-jähriger Trennung. Aber in diesem Bereich hatte Pater Werenfried Erfahrung! Hatte er nicht sofort nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgreich zur Versöhnung mit „dem Feind von gestern, den Deutschen“ aufgerufen? Die Voraussetzungen jedoch waren grund­verschieden. Während es sich in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre um bekanntes Terrain und westeuropäische Völker handelte, so wurden wir Anfang der 1990er Jahre konfrontiert mit einem Volk, das siebzig Jahre unter dem Kommunismus gelitten hatte, dessen Sprache wir nicht kannten und dessen Kultur uns fremd war. Wo fängt man an und mit wem?

Die ersten Schritte waren nicht nur für uns unsicher. Das galt auch für unsere Ge­sprächspartner im Moskauer Patriarchat, für den Vatikan und für immer mehr Organi­sationen, die nach siebzig Jahren Kommunismus endlich in der Lage waren, sich offiziell mit den Christen in Russland in Verbindung zu setzen.

Mit ausdrücklicher Genehmigung des Heiligen Vaters stellten wir einen westeuropäi­schen orthodoxen Priester ein, der während der kommunistischen Zeit in Leningrad studiert hatte. Er kannte den größten Teil der orthodoxen Bischöfe und stellte viele Verbindungen her, die für die Anfangszeit unentbehrlich waren. Aber auch Pater Florian Kapusciak, der damalige Projektdirektor in der Zentrale von KIRCHE IN NOT in König­stein, einige Direktoren der Nationalbüros von KIRCHE IN NOT und Mitarbeiter der Zen­trale begannen, die Sache in Angriff zu nehmen. Proteste blieben nicht aus: „Wie könnt ihr mit diesen Bischöfen, die doch alle irgendwie mit dem Geheimdienst KGB verbandelt waren, zusammenarbeiten?“ Unsere Antwort darauf war, dass wir uns dieser Tatsache sehr wohl bewusst waren, dass es aber keine anderen Bischöfe gab! Und außerdem: Wer wollte über diese Menschen urteilen?

Die unterschiedlichen Kontakte führten schon sehr bald zu der Überzeugung, dass vor allem im Bereich der Medien eine enge Zusammenarbeit zwischen Orthodoxen und Katholiken vonnöten war. Und so entstand der Nachrichtendienst „Blagovest Info“, die Filmproduktionsgesellschaft „Blagovest Media“ und der Verlag „Geistliche Bibliothek“. Diese drei Institutionen haben in den vergangenen zwanzig Jahren hervorragende Arbeit im Dienst der Ökumene geleistet, und sie sind nach wie vor ungemein wichtig.

Versöhnung ist kein abstraktes Geschehen. Es gehören Menschen dazu, die sich be­gegnen. Dieser Aspekt ist einer der wichtigsten Dienste, den KIRCHE IN NOT in Russland geleistet hat. Vorurteile über die jeweils andere Kirche gab es im Überfluss. Es hat nicht gereicht, dass Mitarbeiter von KIRCHE IN NOT sich mit orthodoxen oder katholischen Geistlichen trafen: Die katholischen und orthodoxen Bischöfe und Priester sollten sich gegenseitig kennenlernen. Diese Arbeit wurde wesentlich intensiviert mit der Ernen­nung von Erzbischof Antonio Mennini zum Apostolischen Nuntius in der Russischen Fö­deration im Jahre 2002. Erzbischof Mennini scheute sich nicht, beschwerliche und lange Reisen auf sich zu nehmen, um zusammen mit unserem Mitarbeiter Peter Humeniuk auch entlegenste Orte zu besuchen und—wo es möglich war—Vertreter beider Kirchen zusammenzubringen. Diese Arbeit muss auch heute in dem riesigen Land fortgesetzt werden, denn das gegenseitige Kennenlernen ist noch lange nicht abgeschlossen.

Es ist Eva-Maria Kolmann sehr gut gelungen, ein wichtiges Kapitel der Geschichte von KIRCHE IN NOT einfühlsam und überzeugend zu beschreiben: die Hilfe für die Russische Orthodoxe Kirche nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Diese neue Dimension des Werkes, die vor allem auf die Versöhnung zwischen orthodoxer und katholischer Kirche ausgerichtet war, hat auch heute ihre Bedeutung nicht verloren. Neben der materiellen Hilfe sind vor allem die persönlichen Begegnungen zwischen katholischen und orthodoxen Würdenträgern von größter Bedeutung. Diese Vermitt­lungsrolle muss KIRCHE IN NOT auch künftig im Dienst der Versöhnung spielen.

Die fast hilflosen Bemühungen Pater Werenfrieds Anfang der 1960er Jahre, den russi­schen Christen nahe zu sein, haben sich seit 1992 vervielfacht und weit entfaltet. Das Senfkorn ist aufgegangen. Es braucht aber auch heute noch unsere ganze Aufmerk­samkeit und Pflege.

Antonia Willemsen
Vorstandsvorsitzende KIRCHE IN NOT Deutschland
31. Januar 2014

Brückenschlag Eva-Maria Kolmann

WARUM DIESES BUCH?

Ich war noch Studentin, als mir eines Tages zufällig das „Echo der Liebe“ in die Hände fiel. In dieser kleinen Zeitschrift sprach Pater Werenfried van Straaten mit leidenschaft­lichen Worten davon, dass wir Katholiken der orthodoxen Kirche in Russland nach mehr als 70 Jahren atheistischer Herrschaft dabei helfen müssen, aus den Ruinen aufzuer­stehen. Er sprach von einer Ökumene der Solidarität, von selbstloser Liebe, die ohne Wenn und Aber die Herzen und die Hände öffnet, von einer Liebe, die alles glaubt, alles hofft und alle Trennungen überwindet und die sich nicht in schönen Worten erschöpft, sondern sich in Taten zeigt. Ich wusste damals kaum etwas über das Werk KIRCHE IN NOT und seinen Gründer, aber ich verstand schnell, dass Pater Werenfried etwas Pro­phetisches tat, als er zum Gebet und zur tatkräftigen Hilfe für die Russische Orthodoxe Kirche aufrief. Dies war der Beginn einer „großen Liebe“.

Seit vielen Jahren verfolge ich nun die Entwicklungen. Die jüngere Vergangenheit zeigt nahezu ein Feuerwerk der ökumenischen Begegnungen, von dem noch vor zwanzig Jah­ren fast niemand zu träumen gewagt hätte. Zu den wenigen Menschen, die es dennoch gewagt haben, gehören Papst Johannes Paul II. und Pater Werenfried van Straaten.

Wenn jemand etwas Außergewöhnliches tut, gibt es immer Gegenstimmen. Ob etwas richtig oder falsch ist, erkennt man jedoch vor allem an den Früchten (vgl. Mt 12,33). Von den guten Früchten des Dialogs, der in den vergangenen zwanzig Jahren die Rö­mische Katholische Kirche und die Russische Orthodoxe Kirche einander nähergebracht hat, handelt dieses Buch. Dabei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Mit den inzwischen entstehenden wissenschaftlichen Arbeiten über die Entwicklung der

Beziehungen zwischen der Römischen Katholischen Kirche und der Russischen Ortho­doxen Kirche seit dem Ende der Sowjetunion möchte diese Schrift nicht konkurrieren. Auch über diverse theologische und kirchengeschichtliche Fragen der östlichen und der westlichen Kirche gibt es andere Publikationen.

Von welcher Seite auch immer man den ökumenischen Dialog beleuchtet, stets kommt man zurück auf die Liebe. Ab einem bestimmten Moment sind alle Argumente nur un­zureichendes Stückwerk. „Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, hätte aber die Liebe nicht, wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke“ Kor 13,1), schreibt der Apostel Paulus. Vielleicht sind in diesem Kontext auch die Worte aus Goethes Faust zutreffend: „Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet’s nicht erjagen.“ Wer gegen den Dialog ist, wird sich möglicherweise auch von den Fakten nicht überzeugen lassen. Dennoch sprechen die unzähligen Begegnungen und gemeinsamen Unterneh­mungen der vergangenen zwanzig Jahre für sich. Es ist keine Übertreibung, viele von ihnen als historisch zu bezeichnen.

Versöhnung ist nicht abstrakt, sie ist keine Theorie. Sie ist konkret: Sie besteht aus Worten, die bewusst gesprochen werden, aus Taten, die Fakten schaffen, aus Schritten, die Menschen aufeinander zugehen. Von Momenten und Begegnungen, in denen dies geschehen ist und die somit auch die Zukunft prägen werden, erzählt dieses Buch.

Eva-Maria Kolmann

 

Eine Weltpremiere

Wenige Minuten können eine Ewigkeit sein. An diesem 16. April 2008 will und will die Nachrichtensendung auf dem russischen staatlichen Fernsehkanal „Vesti“ einfach nicht enden. Eine Minute wird überzogen, zwei Minuten, drei Minuten, fünf Minuten. Warum flimmern die Nachrichtenbilder noch immer über den Bildschirm? Herzklopfen, ange­haltener Atem. Dann endlich! Papst Benedikt XVI. erscheint auf dem Bildschirm, auf den fünf Personen wie gebannt starren. Bis zur letzten Sekunde konnte niemand glau­ben, dass dieser Traum wahr werden würde. Es ist eine Weltpremiere: Am 81. Geburts­tag des Papstes überträgt das russische Staatsfernsehen eine Ansprache des Heiligen Vaters und einen Dokumentarfilm über sein Leben! So etwas hat es noch nie gegeben. In Königstein im Taunus in der internationalen Zentrale von KIRCHE IN NOT knallen die Sektkorken.

Nikolaj Gorjatschkin, einer der Produzenten des Filmes, ist an diesem Tag dort zu Gast. Er erinnert sich: „Ich habe meinen Augen nicht getraut, als Benedikt XVI. wirklich auf dem Bildschirm erschien. Der Papst wurde vorher im russischen Fernsehen nur selten gezeigt. Die meisten Russen wussten nur wenig über ihn, und der Papst war für sie weit weg. Unser Ziel war es daher, das Eis zu brechen. Wir waren selbst überrascht, denn wir hatten uns vorgestellt, Papst Benedikt XVI. sei als großer Gelehrter gewisser­maßen in einer Bibliothek geboren worden, wie man bei uns sagt, er sei also vor allem ein Mensch der Bücher. Aber wir haben viele Stationen des Lebens des Papstes besucht und haben festgestellt, dass dieser Eindruck falsch war.“ Gorjatschkin, selbst orthodox, ist zutiefst davon überzeugt: „Unsere Kirchen waren eins und werden wieder eins sein. Wir wissen nicht, wann es geschehen wird, aber es wird geschehen. Wir müssen fürei­nander beten und einander besser kennenlernen. Wir wissen gar nicht, wie viele Men­schen im Westen für Russland beten, aber es sind viele.“

Die Ausstrahlung des Films in Russland, die mehrfach wiederholt wurde, ist ein voller Erfolg: „Der Film hat erreicht, dass der Heilige Vater vielen Russen nähergekommen ist“, sagt Peter Humeniuk, der Russlandverantwortliche von KIRCHE IN NOT, der einer der Ideengeber des Filmes war und das Projekt von Anfang an begleitet hat. „Die Zu­schauer haben den Papst als eine ehrwürdige und zugleich liebenswerte, warmherzige Persönlichkeit erlebt. Viele Leute waren überrascht, dass der Papst menschlich so sym­pathisch ist. Besonders schön ist es für viele gewesen, dass der Heilige Vater einen Teil seiner Ansprache auf Russisch gehalten hat.“ Die Idee war entstanden, weil Hu­meniuk auf seinen zahlreichen Reisen durch ganz Russland bei vielen Menschen den Wunsch nach objektiven Informationen über den Papst und die Katholische Kirche er­lebt hatte. Der Film über Benedikt XVI. sollte diesem Bedürfnis entgegenkommen.

Aber nicht nur in der Bevölkerung, sondern auch im Vatikan und im Moskauer Patriar­chat sei der Film begrüßt worden, weiß Humeniuk: „Sowohl in Rom als auch in Moskau ist man sich im Klaren darüber, dass Film und Ansprache ein schönes Symbol sind für

Brückenschlag Bild Benedikt XVI

11. April 2007: Privataudienz bei Papst Benedikt XVI. anlässlich der Filmaufnahmen. Von links: Nikolaj Gorjatschkin, Leiter von „Blagovest Media“, Pater Joaquin Alliende, früherer Internationaler Geistlicher Assistent von KIRCHE IN NOT, Papst Benedikt XVI., Mark von Riedemann, Leiter des „Catholic Radio and Television Network“ und Peter Humeniuk, Russlandreferent von KIRCHE IN NOT.

den Prozess der Annäherung beider Kirchen. Dass der Heilige Vater sich über das Fern­sehen direkt an das russische Volk gewandt hat, ist ein historisches Ereignis.“

Die Bedeutung des Filmes zeigte sich auch darin, dass sich Tarcisio Kardinal Bertone, der Kardinalstaatssekretär des Vatikans, und Walter Kardinal Kasper, der Präsident des Rates für die Förderung der Einheit der Christen, einen Monat nach der Ausstrahlung persönlich über die positiven Reaktionen berichten ließen, die der Film in den russi­schen Medien und in der Gesellschaft hervorgerufen hatte. Das Presseecho, das der Film in Russland sowie in vielen anderen Ländern der Welt hervorgerufen hatte, füllte einen dicken Aktenordner. Die Kardinäle betonten, wie wichtig es dem Heiligen Stuhl sei, auf dem Weg zur Einheit von Katholischer und Orthodoxer Kirche weiter fortzu­schreiten. Kardinal Bertone nannte KIRCHE IN NOT bei diesem Anlass eine „Verbin­dungsstelle zur Orthodoxen Kirche“.

Dass die Idee, einen solchen Film für ein russisches Publikum herzustellen, verwirklicht werden konnte, ist in der Tat eine Frucht der freundschaftlichen und vertrauensvollen Zusammenarbeit von Katholiken und Orthodoxen. Alle haben mitgemacht: Das Mos­kauer Patriarchat hat ebenso wie der Vatikan das Projekt wohlwollend begleitet.

Erzpriester Vsevolod Tschaplin, der stellvertretende Leiter des Außenamtes der Russi­schen Orthodoxen Kirche, war an der Vorbereitung ebenso beteiligt wie der Apostoli­sche Nuntius in Moskau, Erzbischof Antonio Mennini. Das Vatikanische Fernsehen hat Archivaufnahmen geliefert. Der Bruder Papst Benedikts, der ehemalige Domkapell­meister Georg Ratzinger, der normalerweise nur wenige Interviews gibt, hat in diesem Fall für das russische Fernsehen eine Ausnahme gemacht und wichtige Stationen aus dem Leben seines Bruders erzählt. Die Einleitung zu der Dokumentation wurde von Erzpriester Igor Wischanow gesprochen, dem Sekretär für den innerchristlichen Dialog des Außenamtes des Moskauer Patriarchates. Produziert wurde der Film von der in­terkonfessionellen christlichen Medienagentur „Blagovest Media“ in Sankt Petersburg unter der Leitung von Nikolaj Gorjatschkin in Zusammenarbeit mit dem „Catholic Radio and Television Network“ (CRTN — Katholisches Radio- und Fernsehnetzwerk) unter der Leitung von Mark von Riedemann. Nikolaj Gorjatschkin freut sich: „Wir haben massen­weise Briefe von Fernsehzuschauern erhalten. Sie waren alle positiv!“

Für Papst Benedikt XVI. selbst war es ein Herzensanliegen, sich in einer Ansprache di­rekt an das russische Volk wenden zu können. Am Tag der Filmaufnahme empfing er die Produzenten des Films sowie eine Delegation von KIRCHE IN NOT in einer Privat­audienz, lobte das ökumenische Engagement des Hilfswerks und forderte es auf, die­sen Weg weiterzugehen. Der damalige Internationale Geistliche Assistent und spätere Präsident des Hilfswerks, Pater Joaquin Alliende, war mit dabei und erinnert sich: „Ich habe erlebt, wie tief Benedikt XVI. davon bewegt gewesen ist, dass er auf diese Weise die Botschaft seiner Wertschätzung und Zuneigung an alle Menschen in Russland rich­ten konnte.“

Als Papst Benedikt XVI. im September 2012 in den Libanon reiste, wurde der für Russ­land produzierte Dokumentarfilm außerdem in der ganzen arabischen Welt bekannt. Der im Libanon ansässige christlich-ökumenische Fernsehsender „Tele Lumire“, des­sen Programm im gesamten Nahen Osten ausgestrahlt wird, stand damals vor einem Problem: Es fehlte ein Film dieser Art in arabischer Sprache. „Tele Lumière“ bat daher die russischen Kollegen um die Erlaubnis, den Film ins Arabische übersetzen und aus­strahlen zu dürfen. Er wurde auch von anderen arabischsprachigen Fernsehsendern übertragen und wurde auf diese Weise überall in der Welt, wo Menschen arabisches Fernsehen empfangen können, zu einer „Visitenkarte“ des Papstes in arabischer Spra­che — sowohl für Christen verschiedener Konfessionen als auch für Muslime. Auf diese Weise hat der Film weit über die Grenzen Russlands hinaus dazu beigetragen, dass die Menschen verschiedener Religionsgemeinschaften die Persönlichkeit Papst Benedikts XVI. und seine Spiritualität besser kennenlernen konnten.

 

Text der Fernsehansprache, die Papst
Benedikt XVI. am 16. April 2008 an
das russische Volk gerichtet hat

Liebe Bürger der Russischen Föderation,

Ich bin dankbar für die Einladung, mich an Sie zu wenden und Ihnen meinen herzlichen Gruß auszusprechen, und ich nehme gerne die Gelegenheit wahr, die Wertschätzung, die Zuneigung und die Achtung auszudrücken, die der Nachfolger Petri und die Katholische Kirche seit jeher Ihren Völkern und der Russisch-Orthodoxen Kirche gegenüber hegen. Russland ist ein wahrhaft großes Land: in seiner territorialen Ausdehnung, seiner langen Geschichte, seiner erhabenen Spiritualität, seinem vielfältigen Kunstschaffen. Im vergangenen Jahrhundert wurde der Horizont Eures edlen Landes, wie der anderer Gebiete auf dem europäischen Kontinent, vom Schatten des Leidens und der Gewalt verdunkelt. Doch diese wurden durchkreuzt und besiegt vom glän­zenden Licht so vieler orthodoxer, katholischer und andersgläubiger Märtyrer, die in der Unter­drückung durch schreckliche Verfolgungen gestorben sind. Die Liebe zu Christus bis zum Martyrium, die ihnen gemeinsam ist, erinnert uns an die drängende Notwendigkeit, die Einheit der Christen wiederherzustellen, eine Pflicht, der sich die Katholische Kirche unwiderruflich ver­pflichtet fühlt. In diese Richtung bewegen sich die Katholische und die Russisch-Orthodoxe Kir­che. Ich erinnere mich gut, dass beim II. Vatikanischen Konzil eine Delegation des Moskauer Patriarchats anwesend war, und ich habe die Kontakte mit der Russisch-Orthodoxen Kirche, die sich daran anschlossen, mitverfolgt. In den letzten Jahren haben sich diese Kontakte vor allem zwischen den Gläubigen, den Priestern und Bischöfen intensiviert. Und dann der interreligiöse, interkulturelle Dialog, der eine weitere prioritäre Aufgabe der Katholischen und ich wage zu sagen, auch der Russisch-Orthodoxen Kirche ist. Im Bewusstsein der geistlichen Gabe, deren Verwalter sie sind, und unter fester Bewahrung ihrer eigenen Identität, sind die Christen einge­laden, die Begegnung mit den Nachfolgern anderer Religionen zu suchen und mit ihnen einen fruchtbaren Dialog in der Liebe und in der Wahrheit zu etablieren. Deshalb bitte und wünsche ich mir, dass die tausendjährige russische Kirchenerfahrung weiterhin das christliche Panorama bereichert, im Geist ehrlichen Dienstes am Evangelium und am Menschen heute. Und jetzt ein Gruß in russischer Sprache:

(Im Original auf Russisch) Ich freue mich sehr darüber, mich in russischer Sprache an das Volk und die Regierung dieses großen und mir so teuren russischen Landes zu wenden. Herzlich grüße ich unsere lieben orthodoxen Brüder, insbesondere Seine Heiligkeit, den Patriarchen von Moskau und ganz Russland, und die katholischen Bischöfe sowie ihre Gemeinden. Allen wünsche ich Frieden und Wohlergehen und gegenseitige Liebe, und ich rufe auf Sie alle den Segen Gottes herab.

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Quelle: Buch „Brückenschlag zwischen Rom und Moskau – Zwei Jahrzehnte Versöhnung und Aufbauhilfe für die Russische Orthodoxe Kirche“ von Eva-Maria Kolmann, KIRCHE IN NOT /Ostpriesterhilfe Deutschland e.V., München, 1. Auflage 2014.

Josyf Kardinal Slipyj, das Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche

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Josyf Kardinal Slipyj im Gespräch mit Pater Werenfried van Straaten

Am 7. September 1984, starb in der Verbannung in Rom das Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche, Josyf Kardinal Slipyj. Pater Werenfried van Straaten, den Gründer von KIRCHE IN NOT, verband eine tiefe Freundschaft mit diesem Märtyrer-Bischof, der vielleicht der letzte “Kirchenfürst” des 20. Jahrhunderts und eine ihrer größten kirchlichen Persönlichkeiten gewesen ist. Kurz nach seinem Tod gab Pater Werenfried der Hoffnung Ausdruck, dass der Tag nicht mehr fern sein, “dass Recht geschehen wird. Dann wird dieser starke, mutige, väterliche Oberhirte als Patriarch seiner Kirche aus dem Himmel die ukrainische Nation segnen, wie einst der Apostel Andreas die Hügel Kiews gesegnet hat.” Dieser Tag sollte dann tatsächlich schneller kommen, als die meisten vermutet hatten, vielleicht auch er selbst …

Gelehrter und Priester

Josyf Slipyj wurde am 17. Februar 1892 als Sohn begüterter und gläubiger Eltern im galizischen Sadrist geboren, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte. Neben einer tiefen Frömmigkeit zeichnete sich der junge Josyf schon früh durch seine Liebe zur Wissenschaft aus. Er studierte Philosophie an der Universität Lemberg und wurde in das dortige Priesterseminar aufgenommen. Metropolit Andrej Szeptyckyjerkannte die Begabung des jungen Studenten und sandte ihn zu höheren Studien nach Innsbruck in Tirol.

In dieser Zeit brach der Erste Weltkrieg aus. Im September 1914 besetzten zaristische Truppen die West-Ukraine und verhafteten den Metropoliten der Ukrainisch Katholischen Kirche, weil dieser von seinen Gläubigen Treue zum Papst forderte. Er blieb Gefangener Russlands bis zum März 1917, als die kommunistischen Revolutionäre den Zaren und seine Familie absetzten und das zaristische Russlands in der russischen Revolution zugrunde ging.

In dieser unsicheren Zeit wurde Josyf Slipyj in Lemberg zum Priester geweiht und kehrte nach Innsbruck zurück, wo er 1918 promovierte und 1920 habilitierte. Für weitere zwei Studienjahre ging er nach Rom, bis er 1922 nach Lemberg zurückkehrte, um dort Dogmatik zu lehren und die theologische Zeitschrift Bohoslovia herauszugeben. Bereits als 33-jähriger wurde er 1925 Regens des Lemberger Priesterseminars und vier Jahre später Rektor der theologischen Akademie.

“Per aspera ad atsra” – Die Ukrainische Kirche in Krieg und Verfolgung

Außerhalb der Mauern der Hochschule waren es bewegte und unruhige Zeiten. Nach der Russischen Revolution 1917 hatte die Ukraine von 1918-1922 kurzzeitig ihre Unabhängigkeit wiedererlangt, was auch die Wiedergeburt der Ukrainischen Autokephalen Kirche, die sich von der Russischen Kirche, abspaltete, zur Folge hatte. Das Blatt sollte sich jedoch schon bald wenden, denn bereits Anfang der Zwanziger Jahre übernahmen die Bolschewiken zunehmend das Ruder in Russland und vermochten den größten Teil der Ost- und Mittelukraine unter ihre Kontrolle zu bringen, während der westliche Teil, einschließlich Galizien, Polen zufiel. Da

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Andrej Szeptyckyj war von 1901 bis 1944 das Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche. Er erlitt bereits in der Zarenzeit Gefangenschaft um des Glaubens willen und war einer der ersten Ökumeniker des 20. Jahrhunderts. Sein Seligsprechungsprozess ist seit 1958 im Gange.

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der Westen sich passiv verhielt, blieb die Ukraine bis zur Wende Anfang der Neunziger Jahre eine Teilrepublik des Sowjetimperiums.

Die atheistischen Bolschewiken begannen schon bald ihren Kampf gegen die Religion und vernichteten die Orthodoxe Kirche in ihrem Machtbereich fast völlig, während die katholische Minderheit in Galizien unter der Führung des alternden Metropoliten Szeptyckyj überleben konnte.

Im November 1939 – zwei Monate, nachdem Hitler Polen den Krieg erklärt hatte – bat der Metropolit Papst Pius XII., Josyf Slipyj zu seinem Koadjutor und Nachfolger zu ernennen. Der Papst willigte gerne ein in diese Auszeichnung des “bevorzugten Schülers, von dem Du so oft anerkennend gesprochen hast.” Und so wurde Josyf Slipyj am 22. Dezember 1939 von dem alten Metropoliten zum Erzbischof konsekriert. Als Bischofsspruch erwählte er die Worte “per aspera ad astra” – “durch Prüfungen himmelwärts”; Worte, die sich nur allzu bald bewahrheiten sollten, denn kurz zuvor war der polnische Staat zusammengebrochen. Die bisher zu Polen gehörige West-Ukraine wurde nun aufgrund der Bestimmungen des Hitler-Stalin-Paktes in die Sowjetunion eingegliedert.

Die Kommunisten begannen nun auch in diesem Gebiet gegen die katholische Kirche zu wüten, was erst von der deutschen Invasion im Juli 1941 unterbrochen wurde. Zu diesem Zeitpunkt allerdings hatten die Kommunisten bereits 250.000 Einwohner der Erzeparchie Lemberg und doppelt so viele aus der ganzen West-Ukraine deportiert. Dutzende Priester waren verschleppt, in Kerker geworfen oder ermordet worden.

Auf der Schwelle des Martyriums

Als sich die deutsche Wehrmacht auf dem Rückzug befand, kehrten die Sowjets im Juli 1944 in die Ukraine zurück. Am 1. November starb das Oberhaupt der Ukrainischen Katholischen Kirche, Szeptyckyj, und sein Nachfolger, der nunmehrige Metropolit Slipyj sandte im Dezember 1944 eine Delegation nach Moskau, um die staatliche Anerkennung der Ukrainischen Katholischen Kirche zu erwirken. Die Sowjets waren auch bereit dazu, allerdings nur unter der Bedingung, dass Slipyj seinen Einfluss geltend mache, um die ukrainischen Aufständischen dazu zu bewegen, ihren Kampf für die nationale Unabhängigkeit aufzugeben. Slipyj lehnte dies entschieden ab, was die totale Verfolgung zur Folge hatte.

Bereits 1941, als die Sowjets vor nach Osten drängenden deutschen Wehrmacht zurückweichen mussten, war Erzbischof Slipyj von einem Erschießungskommando an die Wand gestellt worden und wie durch ein Wunder verschont worden. Jetzt aber, da sich das Kriegsgeschehen zugunsten der Kommunisten entwickelte, wurde die Verfolgung der Ukrainischen Kirche wieder aufgenommen, in deren Verlauf zehn Bischöfe, mehr als 1400 Priester und 800 Ordensschwestern ihre Treue zum Papst und zur Universalkirche mit dem Opfer ihres Lebens besiegelt haben. Am 11. April 1945 wurde Erzbischof Slipyj zusammen mit allen anderen Bischöfen verhaftet und die Kathedrale von Lemberg durchsucht. Innerhalb eines Jahres folgten ihnen mehr als 800 Priester in die Gefangenschaft. Die Inhaftierten wurden vor die Wahl gestellt, sich der Orthodoxie anzuschließen oder als “faschistische Agenten” abgeurteilt zu werden, was für mindestens zehn Jahre das harte Schicksal der Deportation mit allen daraus resultierenden Strafmaßnahmen bedeutete.

Als die ganze ukrainische Kirchenhierarchie im Gefängnis saß, richtete Patriarch Alexej I. (1945 – 1970) von Moskau einen “Hirtenbrief” an die katholischen Gläubigen mit der Mitteilung, ihre Hirten hätten sie im Stich gelassen. Daraufhin protestierten dreihundert mutige Priester bei Sowjetminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow und forderten die Freilassung ihrer Bischöfe. Dieser mutige Einsatz war jedoch vergeblich, die Kommunisten brachten Slipyj nach Kiew, isolierten ihn und nahmen ihn ins nächtliche Dauerverhör. Als Lockmittel für den Abfall vom Papst boten sie ihm in der Russischen Kirche den Metropolitansitz von Kiew an. Mit allen seinen bischöflichen Mitbrüdern blieb er unbeugsam angesichts dieser Versuchung.

Die Sowjets verurteilten ihn zu acht Jahren Haft und Zwangsarbeit. Die Stationen seines Kreuzwegs hießen: Maklakowo, Wiatka, Nowosibirsk, Boimy, Petschora, Krasnojarsk, Kamtschatka Inta, Jenisseisk, Potma, Workuta und Mordowia. Sein Leiden wurde noch erschwert durch das traurige Schicksal seiner Kirche. Die Russisch Orthodoxen beschlagnahmten alle Pfarreien. Katholisch zu sein, war ein Verbrechen. Alle Eparchien, Klöster und Schulen wurden beseitigt. Die Hälfte des Klerus wurde verhaftet, ein Fünftel verschleppt.

Vom Papst geliebt, vom Westen vergessen

Papst Pius XII. war eifrigst bemüht, den Ukrainern und ihrem Metropoliten zu helfen. Zu ihrer Verteidigung verfasste er zwei Enzykliken, 1945 “Orientales omnes ecclesias”2 und 1952 “Orientales ecclesia”3. Darin beschuldigte er den Patriarchen Alexej namentlich der Beihilfe zur Glaubensverfolgung. Weihnachten 1957 sandte er Josyf Slipyj einen rührenden Brief anlässlich seines 40-jährigen Priesterjubiläums. Seine Besorgnis fand jedoch nur wenig Anklang in der katholischen Welt.

Eine detaillierte Aufzählung der Daten und Orte des Kreuzwegs von Josyf Slipyj gibt ein weniger anschauliches Bild seiner Leiden als einige Vorkommnisse dieser schrecklichen Zeit, die wir aus seinen eigenen Schriften und jener seiner Schicksalsgenossen kennen.

In seinem Testament berichtet er in ergreifender Weise: “Ich habe nächtliche Verhaftungen, geheime Gerichtssäle, endlose Verhöre und Bespitzelung, moralische und physische Quälereien, Demütigung, Folterung und Aushungerung erdulden müssen. Ich habe vor skrupellosen Richtern gestanden wie einer, der als hilfloser Gefangener und stummer Zeuge, physisch und Psychisch erschöpft, seinen Glauben an die zum Schweigen gebrachte und zum Tode verurteilte Kirche seiner Heimat bekennen musste.”

“Als Gefangener um Christi Willen fand ich während meines ganzen Kreuzweges Kraft in dem Bewusstsein, dass meine geistliche Herde, mein ukrainisches Volk, alle Bischöfe, Priester und Gläubigen, Väter, Mütter und kleine Kinder, engagierte Jugendliche und hilflose alte Leute den gleichen Weg gehen musste. Ich war nicht allein!”

Zweimal haben ihn Mitgefangene ihn vor dem Tod errettet. Einmal, als seine Tagesration bereits wochenlang aus einem einigen gefrorenen Fischlein bestand, sank er nach einem Verhör zusammen. Seine Leidensgenossen skandierten drei Stunden lang: “Warmes Wasser für den Alten.” Am Ende ließen sich die Gefängniswärter erweichen. – Ein anderes Mal, als der US-amerikanische Vizepräsident Richard Nixon per Zug durch Russland reiste, gehörte der Metropolit zu einem Gefangenentransport, der nicht vom Gast gesehen werden durfte. Bis

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2
http://www.vatican.va/holy_father/pius_xii/encyclicals/documents/hf_p-xii_enc_23121945_orientales-omnesecclesias_en.html
(Stand: August 2009).
3
3http://www.vatican.va/holy_father/pius_xii/encyclicals/documents/hf_p-xii_enc_15121952_orientales_lt.html
(Stand: August 2009).

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Nixon vorbei war, wurden sie in einem einzigen Luftloch zusammengepfercht. Viele starben,aber jedes Mal, wenn der alte Erzbischof ohnmächtig wurde, zog man ihn zu dem Loch, so dass er überlebte.

Als 1953 seine erste Strafzeit vorüber war, erhielt er eine zweite Verurteilung zu fünf Jahren Zwangsarbeit. Ab und zu erreichten in diesen Jahren Hirtenbriefe seine Gläubigen. Manchmal bat er, keine Pakete oder Briefe mehr zu schicken, weil sie seine Lage nur erschwerten. Im Jahr 1958 wurde er zum dritten-, 1962 zum vierten Mal verurteilt und auf Transport nach Mordowia geschickt, woher “niemand lebendig zurückkommt”, aber wo man “einen natürlichen Tod” stirbt.

Ein wahrer “Ecce homo”

Pater Leoni, der die Gräuel des schmutzigen, von Ungeziefer geplagten Durchgangslagers Kiwow beschrieben hat, vermerkt: “Inzwischen waren andere politische Gefangene in unsere Zelle gebracht worden. Im Zwielicht hörte ich eine unbekannte Stimme meinen Namen rufen. Ein bärtiger alter Mann stand vor meinem Stockbett: er reichte mir die Hand und sagte, ‘Josyf Slipyj‘. Es war zugleich eine Freude und ein Schmerz, meinem Metropoliten hier zu begegnen.”

Aber die furchtbarsten Erinnerungen haben jene bewahrt, die den Erzbischof in Int bei Komi, in der Nähe des Polarkreises, gesehen haben. Sie beschreiben, wie er mit Lumpen bekleidet war, die um Knöchel und Knie mit Wickeln zusammengehalten wurden, die Füße mit einer Kalkschicht bedeckt, wehrlos gegen die Kälte, di eis auf 45 Grad gesunken war: Ein wahrer “Ecce homo”. Und dennoch blieb er ruhig, wohlwollend und sogar großmütig gegenüber den Wärtern und Spitzeln, die auch an diesem Ort überwältigenden Leidens nicht fehlten.

Der österreichische Professor Grobauer beschreibt Slipyjs Ankunft in Inta. Während des Marsches zum Lager durch hohen Schnee brach er zusammen. Mit Gewehrkolben zwang ein Soldat ihn zum Aufstehen. Er fiel von neuem und reagierte nicht mehr auf die Grobheiten des Wärters. Grobauer griff ihm unter die Arme und zog ihn mit. Im Lager eingetroffen, saß der Metropolit erschöpft auf seinem Köfferchen. Zwei Kerle nahmen alle seine Besitzungen an sich und ließen ihn, aus Mund und Nase blutend, im Schnee liegen.

Papst Johannes greift ein

Im Jahr 1962 versuchte der sowjetische Geheimdienst KGB noch einmal, sich den Mann Gottes mit dem Prunk von Moskaus Orthodoxie zu erkaufen. Diesmal wurde ihm sogar das Patriarchat über ganz Russland angeboten. Abermals weigerte er sich.

Papst Johannes XXIII. versuchte auf diplomatischem Wege, seine Freilassung zu erlangen, und schließlich willigte der sowjetische Staatschef Nikita Chruschtschow ein. Kardinal Slipyj erzählte später, wie er es erfuhr: Eines Tages, als er sterbenskrank danieder lag, erkundigte sich ein Inspektor: “Alter Mann, wie geht es Dir?” Man gab ihm Suppe und ein Bett und brachte ihn nach Moskau. Am 9. Februar 1963 kam er in Rom an. Als er mit erfrorenem Fuß in die Abtei von Grottaferrata hereinhumpelte, gaben die Mönche ihm heiße Milch.

Verbannter und Prophet

Niemals während seiner lagen Leidenszeit war bei dem ukrainischen Oberhirten der Gedanke aufgekommen, seine Kirche oder sein Volk im Stich zu lassen. Als er freigelassen wurde, war seine erste Frage: “Bedeutet meine Befreiung auch Freiheit für die griechisch-katholische Kirche?” Man sagte ihm nur, dass er nach Moskau gehen und dort diese Frage besprechen solle. Das stellte ihn jedoch vor eine Gewissensfrage. Er wollte zurück nach Lemberg: “Ich kann mein Volk nicht verlassen, aber aus Gehorsam gegenüber dem Papst und falls es für mein Volk nützlich ist, werden wir sehen, was aus meinem Leben wird, wenn man mich nicht in die Ukraine zurückkehren lässt.”

Im Testament schrieb er darüber: “Die Stimme von Papst Johannes rief mich zum vatikanischen Konzil. Ich verstand es als einen Befehl, worin ich die unergründliche Absicht Gottes vermutete. Bedeutete das nicht den Auftrag, Zeugnis über unsere Kirche abzulegen und zu vollenden, was ich als Gefangener nicht zu einem guten Ende bringen konnte?”

Er hatte gehofft, nach dem Konzil bald in die Ukraine zurückkehren zu dürfen, aber seine Freilassung war ohne sein Wissen mit Bedingungen verbunden, die diesem Wunsch zuwider waren. Die Unterhändler hatten außerdem den Sowjets garantiert, seine Freilassung nicht gegen den Kommunismus auszunutzen. Umso mehr war er gerührt durch die Klarheit, mit der der damalige italienische Verteidigungsminister Giulio Andreotti seine fast verstohlene Ankunft in Rom bedauerte: “Als Sie in diese Stadt kamen, wurden Sie von uns, katholischen Römern, mir einem ungewöhnlichen Schweigen begrüßt. Wir leben in einer sonderbaren Welt, in der man vermeidet, die Verfolgten zu ehren aus Furcht, die Verfolger könnten dies zum Anlass nehmen, noch größeres Unheil zu stiften. Wir hatten Sie mit der gleichen unbändigen Freude begrüßen wollen, mit der die Christen Roms den Heiligen Petrus empfangen haben.”

“Ausbildung von Granit”

Erzbischof Slipyj begann jetzt im Exil sein wiedererlangtes Hirtenamt mit großer Energie auszuüben. Am 17. März 1963 erschien er bei der Seligsprechung von Elisabeth Seton zum ersten Mal auf dem Bildschirm. Eine Woche später wandte er sich im päpstlichen griechischen Kolleg an die Studenten: “Ihr könntet heute leicht in einer völlig atheistischen Umgebung leben, worin die übergroße Mehrheit die Existenz Gottes verneint, jeden Gottesdienst ablehnt und euch als Betrogene oder Betrüger, Faulenzer oder Volksfeinde beschimpft. Wer keine theologische Ausbildung von Granit genossen hat, kann sich leicht durch die atheistische Strömung mitreißen lassen.”

Im Mai desselben Jahres sandte er ein rührendes Abschiedswort an den sterbenden Papst Johannes und wurde selbst schwer krank. Der neue Papst, Paul VI., besuchte ihn am Krankenbett. Er genas, präsidierte das Kapitel der Basilianerinnen, besuchte Sizilien und ergriff am 11. Oktober 1963 auf dem Konzil das Wort.

Noch im Jahre seiner Befreiung begann er mit dem Werk, das ihm am meisten am Herzen lag, und gründete am 8. Dezember 1963 in Rom die Ukrainische Katholische Universität. Von Anfang an wurde festgelegt, diese in die Ukraine zu verlegen, sobald dort die Religionsfreiheit wieder herrschen würde. Im darauffolgenden Jahr 1964 erwarb er beim Albano-See ein Kloster für seine Studiten-Mönche und hatte die Freude, diese Gemeinschaft am 8. Januar 1965 Papst Paul VI. vorstellen zu dürfen.

“Schon längst Kardinal”

Einige Wochen später, am 25. Januar 1965, kreierte Papst Paul 27 neue Kardinäle, darunter auch Metropolit Slipyj. Zunächst wurden die Namen der orientalischen Patriarchen, sofort danach Kardinal Slipyj genannt. Kardinal Gustavo Testa (1886 – 1969) sagte ihm: “Sie sind schon längst Kardinal in pectore von Papst Johannes!” und bestätigte damit die Vermutung, dass er einer der drei Kardinäle gewesen sei, deren Namen von Papst Johannes XXIII. im Konsistorium vom 28. März 1960 nicht erwähnt wurden. Der neue Kardinal fragte Msgr. Loris Capovilla (geb. 1915), den Privatsekretär des Papstes, warum er ihn nicht darüber unterrichtet habe. “Weil ich dafür keine Erlaubnis hatte”, lautete die Antwort. Aber Kardinal Testa hatte das Geheimnis liebenswürdigerweise ausgeplaudert.

Zu Kardinal Slipyjs großen Werken im Exil gehört auch der Bau der Kathedrale der Heiligen Weisheit in der Via Boccea in Rom. Dieser Sobor – eine Kirche, wohin an bestimmten Festen das Volk von fern und nah zur Wallfahrt kommt – wurde nach den Anweisungen des Kardinals in den Jahren 1967 bis 1969 erbaut. Sie ist eine Replik der Weisheitskirche in Kiew und wurde am 27. September 1969 konsekriert. Tags darauf beschenkte Paul VI. sie mit den Reliquien des Hl. Papstes Klemens. Der Sobor war fortan der geistliche Mittelpunkt für alle ukrainischen Katholiken in der ganzen Welt. In seinem Testament hat Kardinal Slipyj die Kathedrale mit besonderen Empfehlungen seinem Volk anvertraut.

Vater seiner Kirche

In der Geschichte des römischen Exils Slipyjs gibt es drei andere Grundzüge: Seine Besorgtheit für alle Kirchen des ukrainischen Ritus; sein Verdruss über die Weigerung, den patriarchalen Charakter seiner Kirche anzuerkennen; und seine unermüdliche Verteidigung der Opfer kommunistischer Verfolgung.

Es war ihm nicht vergönnt, in seine geliebte Ukraine zurückzukehren, aber er konnte – obwohl nicht ohne Hindernisse – durch wiederholte Pastoralreisen sein ukrainisches Volk in der Verbannung besuchen. 1968 reiste er zu seinen Landsleuten in Nord- und Südamerika, Australien und Neuseeland. In den folgenden Jahren besuchte er Deutschland, Spanien, England, Frankreich und Österreich. In Lourdes wiederholte er gerührt die letzten Worte der Sterbenden in den Sowjetlagern: “Mutter, hörst Du mich?” Seine letzte Pastoralreise brachte ihn 1976 nach Kanada, die Vereinigten Staaten, Holland und erneut nach Deutschland.

Die Streitfrage über das Patriarchat war die größte Prüfung seines Exils. Er unterschrieb zwar sein Testament als “demütiger Josyf, Patriarch und Kardinal”, aber aus Gründen, die er für weltlich und unwürdig hielt, wurde das nicht anerkannt. Bald nach seiner wiedergewonnenen Freiheit schrieb er im August 1963 an Papst Paul VI. und bat ihn um die Anerkennung des Patriarchats. Am 11. Oktober des gleichen Jahres reichte er ein ähnliches Gesuch beim Vatikanischen Konzil ein. Mit Nachdruck verteidigte er seine Überzeugung, dies sei das einzige Mittel, die Einheit und den Fortbestand seiner Kirche zu sichern.

Papst Paul VI. kam ihm entgegen, indem er ihn als Großerzbischof anerkannte. Dieser alte Titel des Metropoliten von Kiew verleiht Rechte, die jenen der Patriarchen orientalischer Kirchen entsprechen. Im Jahre 1980 erweiterte Papst Johannes Paul II. diese Rechte, und 1982 schrieb Kardinal Slipyj als letztes Plädoyer für den patriarchalen Status sein eindrucksvolles “pro Memoria”. Aber er starb, ohne sein Ziel erreicht zu haben, in tiefem Gram über die Zwietracht, die deswegen unter seiner Herde gesät worden war.

Was das Vaterherz des Patriarchen am meisten bewegte, war das Leiden seiner verfolgten Gläubigen und aller, die unter dem kommunistischen Joch seufzten. Er schrieb sowohl an die Vereinten Nationen, wie auch an US-Präsident Jimmy Carter und plädierte auf Synoden und Bischofskonferenzen unermüdlich für die Rechte seines Volkes. In ergreifender Weise sagte er, 85-jährig, vor dem Sacharow-Tribunal in Rom aus: “Ich stehe aus zwei Gründen vor euch: heute wird hier über die Glaubensverfolgung in der Sowjetunion und in meiner ukrainischen Heimat gesprochen. Die Kirche, deren Haupt und Vater ich bin, ist ein Opfer dieser Verfolgung. Wo über meine Kirche gesprochen wird, muss ich zugegen sein, um sie zu verteidigen. Der zweite Grund ist, dass ich der ’Verurteilte’ bin. Ich bin der lebendige Beweis dieses berüchtigten Archipels, wie ein anderer ’Verurteilter’, Solshenitsyn ihn genannt hat. Und ich trage die Narben des Terrors an meinem Körper.”

Die Stimme solcher Zeugen wurde in dem weit von den Sowjetlagern entfernten Westen leider von wohlhabenden Menschen übertönt, die trotz siebzig Jahren andauernder Gegenbeweise vor dem Leiden und Tod unzähliger Scharen von Gläubigen blind blieben und dachten, dass das Volk Gottes mit marxistischen Atheisten zu einer Verständigung kommen könnte.

“Zeuge heroischer Treue”

Der Kardinal starb an einer Lungenentzündung am 7. September 1984 im Alter von 92 Jahren. Am 17. Oktober 1984 zelebrierte Papst Johannes Paul II. in St. Peter das Heilige Opfer für die Seelenruhe von Kardinal Slipyj. In seinem Abschiedswort nannte er den Verstorbenen, einen Mann, der “immer in Christus die Kraft gefunden (hat), ein Mann unbeugsamen Glaubens, ein Hirte festen Mutes, ein Zeuge heroischer Treue, eine kirchliche Persönlichkeit ersten Ranges zu sein. Nie werden wir die Lehre vergessen können, die er uns mit seinem ganzen Leben gegeben hat. (…) Das Beispiel seines Lebens ist eine Botschaft, die uns und der ganzen Kirche dienen kann (…) eine Botschaft, womit er uns zu einem kraftvollen Glauben an Jesus auffordert: zu einem Glauben, der imstande ist zu leiden, der aber nicht wankt, denn er ist seines Lohnes im Himmel gewiss.”4

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http://www.vatican.va/holy_father/john_paul_ii/homilies/1984/documents/hf_jp-ii_hom_19841017_suffragiocardinale-slipyi_it.html (Stand: August 2009).

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Quelle